Niklas Sperber ist entsetzt, als er seinen Namen in unrühmlicher Form in einem Roman entdeckt. Und nicht nur der Name ist identisch! Sicher, die Autorin des reißerischen Romans zu kennen, überredet er einen Kollegen, ihn zu unterstützen. Die Überprüfung der Autorin Eliza Woods, aka Mara Wagner, ergibt eine Überraschung: Niklas kennt sie definitiv nicht! Noch nicht, denn bei einem zweiten Treffen, erscheint sie ihm nicht mehr ganz so zum Abgewöhnen. Ganz im Gegenteil.

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ISBN: 978-9963-53-628-3

Seiten: 289

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Kathrin Fuhrmann

Kathrin Fuhrmann
Kathrin Fuhrmann ist im März 1980 im Kreis Recklinghausen geboren und lebt in der Nähe von Dortmund. Dort arbeitet sie als Chemielaborantin und schreibt mit großer Leidenschaft an ihren Geschichten. Neben Erotik und Romantic Thrill fühlt sie sich auch in anderen Genren zu Hause, nutzt dafür aber ein anderes Pseudonym. Historische Liebesromane und Chick Lit aus ihrer Feder findet ihr unter Katherine Collins.

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Kapitel 1
Niklas

Niklas blätterte in seiner Zeitung und versuchte, das Kichern der drei Kolleginnen am anderen Ende des Aufenthaltsraums zu ignorieren. Leicht war es nicht, und so warf er den Gänsen einen genervten Blick zu.
   Sarah Jansing zwinkerte ihm zu. »Hey, Nik.«
   »Was ist?«
   »Wir fragen uns nur, ob du uns dein Tattoo zeigen würdest.«
   Was? Zwar hatte er ein Tattoo, aber eigentlich dürfte es hier niemand wissen, schon gar nicht die weiblichen Kollegen. »Nein«, gab er zurück, was eine Kicherlawine auslöste.
   Er vertiefte sich wieder in seine Zeitschrift, aber die neue S-Klasse fesselte ihn nicht. Das Klackern hoher Absätze verriet Sarah, und Niklas sah auf. Sie setzte sich auf die Tischplatte, landete dabei fast mit dem Hintern auf seiner Hand. Mit laszivem Blick befeuchtete sie sich die Lippen und beugte sich vor. »Es wäre nicht zu deinem Schaden.«
   »Wie bitte?«
   Sie kam noch näher heran. »Bisher hat meine Zungenfertigkeit jeden überzeugt«, flüsterte sie ihm ins Ohr.
   Ihr Atem strich über seinen Hals, weckte aber eher Widerwillen. Er schob sie an den Oberarmen zurück und stand schnell auf. »Meine Pause ist um.«
   »Und?«
   »Nein.« Er ließ sie stehen und warf den anderen beiden Kolleginnen einen ärgerlichen Blick zu. Sie kicherten schon wieder.
   »Nik«, rief Sarah ihm nach. »Komm schon. Wir alle zusammen? Hast du dich schon einmal gleichzeitig von drei Frauen verwöhnen lassen?«
   Niklas drehte sich zu Sarah Jansing um. »Spinnst du?«
   »Das lässt du dir doch nicht entgehen, oder?« Sie legte ihm eine Hand auf die Brust und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen.
   Niklas schob sie von sich. »Lass das!«
   »Nik?«, sprach ihn einer seiner männlichen Kollegen an, der gerade eingetreten war.
   »Markus. Du siehst scheiße aus«, grüßte Sarah ihn, indem sie auf die abstehenden Haare und die abgerissenen Jeans anspielte.
   Kommissar Markus Lübbe ignorierte die Kollegin und wandte sich an Niklas. »Hast du Zeit? Vermuteter Raubmord in der Nordstadt.«
   »Ich habe Zeit«, behauptete Sarah und grinste Lübbe an.
   Niklas sah zwischen beiden hin und her.
   Lübbe betrachtete die blonde Kollegin nicht sonderlich zugeneigt. »Ich nehme ihn mit. Nik?«
   Niklas nickte und folgte dem Kollegen. »Ich muss im Büro vorbei.« Er hob die Hand mit seiner Lunchbox.
   »Nehmen Sie sie mit«, verlangte Markus. »Ich muss pünktlich nach Hause.«
   »Verheiratet«, murmelte Niklas.
   Lübbe warf ihm einen abwägenden Blick zu.
   »Frau und Tochter. Und wir brauchen ein Haus. Die Wohnung ist zu klein für uns drei, und Bianca kann ich mit der Aufgabe nicht allein lassen. Sie kauft nachher noch ein Schloss oder eine Villa oder so etwas.« Er zuckte mit den Schultern und hielt die Tür auf.
   »Wie lange?«, fragte Niklas, als sie an Markus’ Wagen ankamen.
   »Verheiratet? Sechs Monate. Die besten meines Lebens.«
   Niklas lachte. »Immer noch verliebt.«
   »Und bei dir?«, überging Lübbe die verbale Bestätigung und wechselte zur persönlichen Anrede. »Was Festes?«
   »Nein.«
   »Ist es wert«, behauptete Markus.
   Niklas schüttelte den Kopf. »Was erwartet uns?«
   »Sind lediglich zur Unterstützung angefordert. Raubmord in einem türkischen Juweliergeschäft auf der Bornstraße.«

»Hallo Nik.« Sylvia Maier zwinkerte ihm zu.
   Niklas runzelte die Stirn. »Guten Morgen.«
   Sie strahlte ihn an. Niklas verhielt im Schritt und drehte sich, als sie an ihm vorbeiging.
   »Hey, da bist du ja.«
   »Entschuldige«, murmelte er. »Sag mal, habe nur ich das Gefühl, oder benehmen sich die Kolleginnen seltsam?«
   Markus sah Sylvia Maier hinterher. »Sie ist fünfundvierzig und geschieden.«
   »Alle.« Und er meinte tatsächlich jede einzelne Kollegin. Sie warfen ihm Blicke zu, zwinkerten, lachten ihn an. »Irgendwas stimmt doch hier nicht.«
   »Alle? Sonst noch Allmachtsfantasien?« Markus rollte mit den Augen. »Was ist mit dem Bericht? Hast du ihn fertig?«
   »Ja«, bestätigte Niklas, gedanklich immer noch mit Sylvia Maier beschäftigt, folgte Markus aber zu seinem Büro.
   »Hi Nik.« Mia Steffens winkte ihm zu, sie war Mitte zwanzig und gerade erst aus der Polizeischule zu ihnen gewechselt. Er hatte noch nie ein persönliches Wort mit ihr gewechselt.
   Sarah Jansing gesellte sich zu ihr und sah mit einem Blick an Niklas hinab, den sich kein männlicher Kollege bei einem weiblichen erlauben dürfte. »Ah, Nik. Hast du es dir anders überlegt?«
   Markus schob ihn zur Tür seines Büros. »Hast du nichts zu tun, Sarah?«
   »Spreche ich mit dir?« Wäre Sarah eine Katze, ihr hätten sich sicherlich die Nackenhaare gesträubt.
   Mia Steffens lächelte Niklas immer noch an, und aus dem Büro kam eine weitere Kollegin.
   Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Türzarge, winkelte das Bein an und legte den Kopf schräg.
   »Herr Sperber, wenn Sie wieder Kapazitäten freihaben …«
   Niklas’ Blick rutschte von ihrem hoffnungsvollen Gesicht in ihr Dekolleté. Es waren unnötig viele Knöpfe offen.
   »Paulsen vergibt die Kapazitäten, Frau Siegel«, sagte Markus.
   Eine Wette. Anders war das gehäufte Interesse an ihm kaum zu erklären.
   »Und finden Sie nicht, Sie sollten es mit dem Ausschnitt nicht übertreiben?«
   Frau Siegel zupfte errötend an ihrer Bluse.
   »Ein Problem mit Sexualität, Markus? Oder nur mit Frauen, die sich ihrer bewusst sind?«, höhnte Sarah und öffnete demonstrativ die eigene Bluse.
   Auch Mia Steffens sah an sich herab, beließ ihr Uniformhemd aber geschlossen. Für Uniformierte galten Bekleidungsvorschriften, und Niklas kam nicht umhin, darüber glücklich zu sein. Mia war süß, aber es war einfach nicht der passende Zeitpunkt, etwas an seinem Beziehungsstatus zu ändern.
   »Lediglich mit sexueller Belästigung«, korrigierte Markus ätzend. »Und das hier …«, er deutete mit einem Wink auf die beiden offenherzigen Kolleginnen, »empfinde ich belästigend.«
   Sarah lachte auf. »Wer interessiert sich schon für dich? Glaubst du, irgendjemand möchte dich damit scharfmachen?«
   Markus warf ihm einen Blick zu. Anscheinend revidierte er seine Meinung zu Niklas’ Allmachtsfantasien.
   »Frau Steffens, Wachstube«, befahl er. »Das Verhalten von Frau Jansing und Frau Siegel eignet sich nicht zur Nachahmung, verstanden?«
   Die kleine Blondine nickte und warf Niklas noch einen bedauernden Blick zu, bevor sie den Gang hinunterging. Markus warnte beide Kommissarinnen noch einmal, ihr Verhalten zu überdenken, und bedeutete Niklas, in sein Büro zu treten.
   Kommissar Zimmermann sah auf. »Ärger?«, murmelte er und nickte Niklas zu.
   »Hormonstau«, moserte Markus und schüttelte den Kopf. »Wenn ich mit ihr arbeiten müsste …«
   »Die hübsche Frau Jansing wieder? Eindeutige Angebote? Schon wieder?« Zimmermann schob die Brille auf die Nasenspitze. »Steh drüber, Markus.«
   »Sie hat ein neues Opfer gefunden.«
   Zimmermanns Blick glitt zu Niklas, und eine buschige Braue hob sich. »Sperber? Na, gratuliere.«
   »Sie hetzt die anderen Frauen auf«, sagte Markus und setzte sich. »Du hättest die Siegel sehen sollen. Die Bluse aufgeknöpft bis zum Bauchnabel.«
   Zimmermann lachte auf. »Was spricht dagegen?« Die andere Braue des älteren Kollegen hob sich. »Nicht stark genug, den Verlockungen zu widerstehen?«
   »Das ist Belästigung«, hob Markus hervor.
   Niklas runzelte die Stirn. »Es sind alle«, wiederholte er seine Einschätzung. »Jede einzelne Kollegin, ob Streife oder Kommissarin.« Er sah zu Markus. »Das ist keine Einbildung.«
   Es klopfte, und Markus warf einen Blick zur Uhr. »Herein!«
   Eine hübsche Brünette stand in der Tür, ihr Blick glitt über Zimmermann und ihn, bevor er sich auf Markus legte. Sie begann zu strahlen, und Niklas entließ den angehaltenen Atem.
   »Entschuldige, ich hätte anrufen sollen, aber ich hatte einen Fall …«, sie deutete in den Flur, »und dachte, ich sag mal Hallo.«
   Markus ging ihr entgegen und zog sie in das Büro, um sie zu küssen. Niklas fiel die Kinnlade hinunter.
   »Frau Lübbe«, murmelte Zimmermann. »Guten Tag, Bianca«, sagte er dann lauter.
   Sie schob Markus von sich. »Herr Zimmermann, verzeihen Sie bitte. Ich bin gleich wieder weg.«
   »Das haben Sie letztes Mal auch behauptet, und dann musste ich Ihnen fast eine Stunde beim Turteln zusehen.«
   Niklas verbiss sich ein Grinsen.
   »Sie sind nur eifersüchtig, Herr Zimmermann. Vielleicht sollten Sie Ihre Frau einfach bitten, Sie hin und wieder zu überraschen?«
   »Und der arme Kollege?« Zimmermann zeigte auf ihn. »Ganz abgesehen davon, Frau Lübbe, dass sich Markus ohnehin kaum auf seine Aufgaben konzentrieren kann.«
   »Halt mal den Ball flach«, mahnte Markus und zog seine Gattin in seine Seite des Büros. »Ich habe meine Pause noch nicht gemacht.«
   Frau Lübbe stellte ihre Tasche auf den Aktenstapel auf Markus’ Schreibtisch. »Können wir essen gehen? Wir müssen reden, und ich möchte nicht bis heute Abend warten.«
   »Deine Aufgabe hier ist erledigt?«, erkundigte sich Markus und zog seine Jacke über. Dabei traf er die Tasche seiner Frau, die umkippte und den Aktenstapel ins Wanken brachte.
   Niklas sprang vor, konnte jedoch nicht verhindern, dass ein Großteil zu Boden ging. Mit dem Papier auch die Tasche, deren Inhalt sich ebenfalls auf dem Boden verteilte.
   »Oh, Mist«, stöhnte Lübbe, während seine Frau aufschrie und auf die Füße kam.
   Niklas kniete bereits und hob die Tasche und ein Mobiltelefon auf. Markus nahm ihm die Sachen ab. Schlüsselbund und Portemonnaie folgten, ein türkisfarbenes Heft. Niklas sah auf, weil ihm die Kladde mit Aufschrift einer weiblichen Handschrift nicht abgenommen wurde. Markus starrte auf das Heft.
   »Markus«, seufzte Frau Lübbe. »Ich war mir nicht sicher und wollte warten, bis …«
   »Du bist schwanger?«
   Frau Lübbe nickte zerknirscht.
   Markus jubelte und riss seine Frau von den Füßen, um sie im Kreis zu schwingen. »Super.«
   »Herzlichen Glückwunsch«, warf Zimmermann ein.
   »Ja, herzlichen Glückwunsch, Frau Lübbe. Markus«, sagte Niklas.
   »Danke, Nik. Ralf, ich bin weg.«
   »Und Sperber? Er ist doch nicht hergekommen, um sich hier vor den Kolleginnen zu verstecken, oder?«, fragte Zimmermann.
   Niklas schob die Akten zusammen. »Wir können den Bericht auch morgen durchgehen«, bot er an, legte den Stapel ab und bückte sich nach einem Buch.
   »Sie heißen Nik Sperber?«, erkundigte sich Frau Lübbe. Sie kicherte. Ihr Blick an ihm hinab war alles andere als angebracht, zumal wenn der Ehemann danebenstand und es verfolgte.
   Niklas fing dessen Blick auf und schüttelte den Kopf.
   »Doch nicht Niklas, oder?«
   »Warum?« Markus wirkte ebenso irritiert wie er selbst.
   Seine Frau grinste breit. »Kriminalkommissar Niklas Sperber von der Sondereinheit Kapitalverbrechen in Dortmund?«
   Es gab keine Sondereinheit Kapitalverbrechen, lediglich die Mordkommission, und Niklas war streng genommen ein Springer, der aushalf, wo Not am Mann war.
   Markus runzelte die Stirn.
   »Der neue Kollege, der jede Frau im Umfeld flachlegt, mit dem unanständigen Tattoo in der Leistengegend und dem frauenverachtenden Gehabe, dass man sich ständig wünscht, er würde endlich von einer Kalaschnikow niedergemäht werden?«
   Niklas fiel die Kinnlade hinab. Wer erzählte so einen Scheiß?
   »Der mit der Aufreißerschüssel, den perversen Sprüchen und …«
   »Wo haben Sie das her?«, unterbrach Niklas sie. Sein Ärger verknotete ihm den Magen.
   Markus warf ihm einen warnenden Blick zu. Frau Lübbe runzelte die Stirn und sah wieder an ihm hinab. Oder besser zu seiner Hand. Er hob sie und mit ihr das Buch.
   »Er ist eine Romanfigur aus Eliza Woods Krimireihe.«
   Niklas starrte auf das Cover. Auf der linken Seite stand ein nackter Typ mit dem Rücken zu ihnen. Die Rechte war in seinem schwarzen Schopf vergraben und brachte seine muskulösen Schultern zur Geltung. Auf der linken, unteren Seite kniete eine hübsche Blondine neben einem blutigen Kreideumriss und einigen Projektilen. Der Titel lautete: Die Schwarze Witwe von Brackel – Ein Kommissarin Ivy DeVine-Roman.
   »Es ist der dritte Band, und Niklas Sperber ist Ivys neuer Partner, weil ihr alter, ihr Mentor Phillipp Eisenbach, Anfang des zweiten Bandes getötet worden ist.«
   »Dummer Zufall«, murmelte Zimmermann.
   Markus runzelte die Stirn. »Hast du nicht gesagt, er wäre ein ziemliches Arschloch?«
   »Ist er«, bestätigte Frau Lübbe inbrünstig. »Überheblich, sexistisch, und es gibt absolut keine Entschuldigung für sein Verhalten. Er hat eine Zeugin eingeschüchtert, stalked seine Ex, damit sie zu ihm zurückkommt, und betrügt sie täglich. Ivy hasst ihn.«
   Niklas schloss die Hand fester um das Papier. »Darf ich mir das ausleihen?«
   Frau Lübbe biss sich auf die Lippe und ließ ihren Blick erneut an ihm hinabwandern. »Sie sollten das besser nicht lesen. Sie kommen nicht gut weg. Ich meine natürlich die Figur.«
   »Wer ist Eliza Woods?«, fragte er und hörte Zimmermann schnauben.
   »Sie ist ziemlich bekannt«, räumte Frau Lübbe mit einem Blick zu ihrem Mann ein. »Sie hat noch eine andere Krimireihe und einige Bücher im Romance-Bereich veröffentlicht.«
   »Meine Frau nennt sie die deutsche Bestsellerautorin schlechthin«, warf Zimmermann ein. »Sie hat jedes ihrer Werke.«
   »Wie wohl auch unsere werten Kolleginnen«, murmelte Markus mit einem bedauernden Ton.
   »Zumindest gilt es wohl für dieses Exemplar.« Niklas fragte sich, was um alles in der Welt seine Kolleginnen plötzlich dazu antrieb, sich auf ihn zu stürzen wie Mücken aufs Licht. »Frau Lübbe, bitte leihen Sie mir dieses Buch bis morgen«, bat Niklas erneut. Er biss die Zähne aufeinander und starrte der Frau fest in die Augen.
   »Bevor Sie mich schlagen«, gab sie nach.
   Niklas keuchte leise. Eine Frau schlagen! Eine Schwangere! Er schüttelte den Kopf. »Mit Sicherheit nicht.«

Ivy hielt seinem durchdringenden Blick fest. Sie würde nicht einknicken. Nicht bei Niklas Sperber, denn so unwiderstehlich, wie er dachte, dass er es wäre, war er bei Weitem nicht. Ganz im Gegenteil. Die Art, wie er sie mit seinen Blicken auszog, war abstoßend. Er kam näher, aber Ivy wich nicht zurück. Er sollte nicht glauben, dass seine Dominanz sie beeindruckte. Stattdessen hob sie die Brauen. »Das reicht!«
   »Angst, Ivy? Angst, dass du es wollen könntest?«, fragte er.
   Seine tiefe Stimme erzeugte eine unangenehme Anspannung in ihr. »Nummer 1.000.307 zu werden?« Sie schnaubte abfällig, und er lachte auf. Sinnlich, aber absolut ohne Effekt auf sie. Weder seine Präsenz noch seine offensichtliche Anmache hatten die Wirkung, die er sich wohl erhoffte.
   »Oder Nummer eins, Ivy.«
   Sie lachte auf und stieß ihn weg. »Das passiert nicht, Nik.« Ivy drehte sich um und haderte im nächsten Moment mit ihrer Dummheit. Sie hätte damit rechnen müssen, dass er nicht aufhörte. Er umklammerte sie, drängte sich fest gegen sie und ließ sie mehr von ihm fühlen, als sie es selbst im günstigsten Moment gewollt hätte. Er rieb seinen Schoß an ihrem Po, was den Effekt hatte, dass sein Schwanz anschwoll. Sein Atem netzte ihren Hals. »Komm schon, Ivy, du willst es doch auch.« Seine rechte Hand knetete ihre Brust, die andere rutschte in ihren Schoß …


Niklas klappte das Buch zu und schleuderte es zur Seite. Jetzt auch noch Vergewaltigung? Er hatte den Abend damit verbracht, sich durch das Buch zu quälen. Er mochte nicht, was er las. Er hasste es. Niklas Sperber war ein Arschloch. Er mochte für die Ermittlungen der Kommissarin nützlich sein, aber immer, wenn es irgendwie ins Private abrutschte, wurde deutlich, dass er schlicht ein Arsch war. Auf zweihundert Seiten hatte er mit drei Kolleginnen geschlafen, und es wurde angedeutet, dass es nur die Spitze des Eisbergs war. Schön, er machte seine Arbeit, aber selbst die Technikerinnen der Beweissicherung belästigte er. Und nun auch noch Ivy DeVine. Selbst er konnte kaum erwarten, dass ihn die von Frau Lübbe benannte Kalaschnikow niedermähte.
   Niklas drehte sich in seinem Bett und starrte an die Decke. Jeder, der dieses Buch las, musste ihn für einen kompletten Wichser halten. Umso verwunderlicher war das Interesse der Kolleginnen. Gott, am liebsten würde er dieser Eliza Woods den Hals umdrehen! Die Beschreibung von Nik Sperbers Äußerem passte auf ihn, das Tattoo, der Monat seiner Geburt, sein Auto … Es gab dutzende Parallelen, die nur einen Schluss zuließen: Da versuchte jemand, ihm eins reinzuwürgen. Eliza Woods. Niklas rollte sich aus dem Bett und setzte sich an seinen Schreibtisch. Die Suchmaschine spuckte unzählige Treffer aus. Ein Autorenprofil auf der Verlagsseite mit einem Bild, das seinen Zweck verfehlte. Eliza Woods großer Hut versteckte ihr Gesicht völlig. Lehrerin. Ansässig im Ruhrgebiet, gebürtige Dortmunderin. Zweiundzwanzig Veröffentlichungen in den vergangenen zehn Jahren. Er scrollte durch die Liste. Erotische Kriminalromane. Niklas hatte nicht einmal gewusst, dass es diese Kategorie gab. Er schüttelte den Kopf. Ihr Social-Media-Profil war nicht offenbarender. Es zeigte sie zwar schreibend, Tee trinkend und in ihrem Garten, aber ihr Gesicht war auf keinem der Bilder erkennbar. Ihr Standort war mit Dortmund angegeben. Er überflog einige Posts zu ihrem letzten Roman. Die Schwarze Witwe von Brackel. Wahre Begeisterungsergüsse. Und nicht wenige Kommentare über ihn. Man war sich im Großen und Ganzen einig, dass er ein Riesenarschloch war. Niklas lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
   Ein neuer Post ging online. Wir lieben doch unsere Bad Boys, behauptete Eliza Woods. Ihr Kommentar war mit einem Bild hinterlegt, einem dunkelhaarigen Typen. Nackt. Vermutlich der gleiche Typ, der auch das Cover ihres letzten Werkes zierte. Hand aufs Herz, ein Abenteuer wäre er wert. Vergesst das Gewinnspiel nicht. Wer errät, was sein Tattoo ist, bekommt »Der Polizistenmörder von Asseln – Ein Kommissarin Ivy DeVine-Roman« noch vor dem Veröffentlichungstermin zu lesen. Ein Link folgte der Erinnerung zu einem älteren Post.
   Niklas scrollte durch die Kommentare. Zumindest brauchte er sich über Sarah Jansings Aufforderung, die Hose fallen zu lassen, nicht mehr zu wundern. Eliza Woods hatte eine Hexenjagd eröffnet. Die Kolleginnen waren nicht scharf auf ihn, sie wollten nur herausfinden, was für ein Tattoo er hatte. Verrücktes Weiberpack!

Niklas klatschte das Buch auf Markus’ Schreibtisch. »Das ist verleumderisch und rufgefährdend.«
   Markus seufzte. »Tut mir leid, Mann.«
   »Sie wohnt in Unna.«
   Markus klappte der Mund auf. »Bitte sag mir, dass du keine Dummheiten vorhast.«
   »Sie verunglimpft mich! Sie hat ein Gewinnspiel laufen. Wer mein Tattoo errät, bekommt ihren neuen Schundroman geschenkt, noch vor der Veröffentlichung.«
   Markus nickte beeindruckt. »Was ist dein Tattoo?«
   »Bitte?«
   »Bianca würde sich wahnsinnig über den Gewinn freuen.« Markus hob die Hände und entschuldigte sich. »Was hast du vor?«
   »Ich will hinfahren.«
   Markus schüttelte den Kopf. »Wozu?«
   »Der Typ heißt wie ich, sieht aus wie ich und hat nicht wenige meiner Interessen. Das ist kein Zufall.«
   »Identitätsdiebstahl?«, schlug Markus vor. »Verleumdung? Beleidigung? Eine Handhabe brauchen wir schon, bevor wir sie überfallen.«
   »Vielleicht ist sie eine Ex, die sich rächen will«, mutmaßte Zimmermann. »Überprüfe sie erst.«
   »Habe ich schon. Es gibt keine Dokumente mit Lichtbild. Ich nehme an, es ist ein Pseudonym, aber es gibt keinen Verweis auf ihre wahre Identität. Lediglich die Adresse.«
   »Ich bin mir ziemlich sicher, dass es vor Kurzem eine Reportage über sie gab.«
   »Was soll’s«, murrte Markus. »Ich wollte mir in Unna ohnehin einige Gegenden angucken. Wenn was ist …«
   Zimmermann hob die Hand. »Ihr geht einem Hinweis nach«, sicherte er seine Unterstützung zu. »Hey, Markus. Kannst du ein Autogramm besorgen?«
   Niklas schoss einen giftigen Blick auf den grinsenden Kollegen ab, der die Schultern zuckte.
   »Eine Überraschung für meine Frau. Sie ist ein großer Fan von Frau Woods.«
   Niklas stapfte neben Markus her. Nicht zu fassen, dass Zimmermann auch noch ein Autogramm von der Verleumderin wollte. Er würde sicherlich nicht darum bitten.
   Markus räusperte sich. »Ich müsste ohnehin fragen«, murrte er. »Bianca würde mir nie verzeihen, wenn ich die Gelegenheit ausließe.«
   Niklas ballte die Hände. »Fein! Sie ruiniert ja nicht euer Leben.«
   »Na, komm schon, so schlimm ist es auch nicht.«
   »Ich habe fast meine Kollegin vergewaltigt.« Und es beruhigte ihn nicht, dass Nik von sich aus von Ivy DeVine abgelassen hatte.
   »Die Romanfigur Niklas Sperber, nicht du«, korrigierte Markus und schlug die Wagentür zu.
   Niklas rutschte in den Sitz und warf ihm einen bitteren Blick zu. »Weißt du, wie oft ich in den letzten Wochen angemacht worden bin?«
   »Sieh es als Chance«, wehrte Markus ab. »Du bist jung und ungebunden, Mann. Ich kenne einige bei uns, die gern mit dir tauschen würden.«
   »Du?«
   »Gott bewahre! Ich liebe meine Frau, und wir sind schwanger.« Er nahm die B1 Richtung Unna. »Was ist dabei? Vielleicht ist das deine Chance, die Richtige zu finden?«
   »Die mich vermutlich abblitzen lässt, sobald sie meinen Namen hört, weil sie glaubt, ich wäre der Arsch aus dem Roman?« Es war ausgeschlossen, dass die Richtige mit einem Arsch zusammen sein wollte, von dem sie annahm, dass er sie fortwährend betrog.
   »Du kannst sie doch vom Gegenteil überzeugen.« Markus nahm es deutlich zu locker.
   »Was ist mit meiner Karriere? Wenn irgendjemand glaubt, ich belästige die Kolleginnen?« Das konnte richtig ins Auge gehen.
   Markus räumte ein, dass es problematisch sein könnte. »Gib mal die Adresse ins Navi ein«, forderte er ihn auf. »Recht ländlich.«
   »Kennst du dich da aus?«
   »In Unna?« Markus schüttelte den Kopf. »Nur grob. Du hast Glück, Mann. Ein paar Kilometer weiter, und es wäre außerhalb unseres Zuständigkeitsgebiets.«
   »Bist du Dortmunder?«
   »Wir sind in Brechten aufgewachsen.«
   »Sie soll auch Dortmunderin sein.«
   Markus lachte auf. »Kennst du die Einwohnerzahl? Die Wahrscheinlichkeit, dass ich sie kenne …«
   »Ich bin hier drei Jahre zur Schule gegangen«, unterbrach Niklas ihn. »Während des Abiturs. Vor zehn Jahren. Laut ihres Posts hat sie die Figuren zu dieser Reihe vor sieben bis zehn Jahren entwickelt.«
   »Du meinst, sie ist mit dir zur Schule gegangen?«
   Er zuckte die Schultern. »Mein Tattoo ist zehn Jahre alt.« Und es gab nicht allzu viele, die davon wussten.
   »Du glaubst wirklich, dass es eine Ex ist? Hast du eine im Blick?«
   »Ich hatte nur die eine Freundin in den drei Jahren. »Miriam. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ausgerechnet Lehrerin geworden ist.« Wie es Eliza Woods angeblich war.
   »Also Miriam.«
   »Ja. Miriam König. Sie ist hundertsechzig Zentimeter groß, brünett mit dunklen braunen Augen. Sie lispelt ein wenig. Sie wäre die absolute Fehlbesetzung als Lehrerin.« Sie hat es gehasst, Vorträge zu halten und, soweit er sich entsann, Tiermedizin studieren wollen.
   »Was hast du angestellt?«
   »Ich war neunzehn.« Das sagte doch schon alles.
   »Lass mich raten: Du hast sie betrogen?«
   Niklas räumte es grimmig ein.
   »Motiv.«
   »Ich weiß, dass es sich scheiße anhört, aber sie hat es drauf angelegt.«
   Markus warf ihm einen tadelnden Blick zu, und Niklas hatte das Gefühl, sich erklären zu müssen. »Ihre Schwester. Wir haben zusammen gefeiert, und haben alle zusammen im Wohnzimmer geschlafen. Wir waren zu sechst. Miriam, Laura, ihr Freund Christian und noch ein befreundetes Paar. Mitten in der Nacht hat sie mich scharfgemacht. Es war dunkel.« Niklas presste die Lippen aufeinander. Er wusste, wie es klang. Gleich zwei seiner späteren Freundinnen hatten ihm gesagt, dass sie ihm kein Wort glaubten, danach hatte er die Geschichte einfach nicht mehr erzählt.
   »Alles ihre Schuld, ja?«
   »Ich wollte nicht mit ihr schlafen. Sie war pickelig und pummelig. Fünfzehn. Miriam dagegen … Glaub mir, niemand hätte Laura eines zweiten Blickes gewürdigt.« Und das war untertrieben.
   »Fünfzehn«, hob Markus hervor.
   »Ich weiß.« Niklas knirschte mit den Zähnen. »Aber Dinge sind nicht immer so, wie sie auf dem ersten Blick scheinen. Die Kleine war eine Stalkerin.«
   Wieder ein skeptischer Blick.
   »Sie hat mich bis nach Münster verfolgt. Behauptet, schwanger zu sein, und verlangt, dass ich sie heirate. Ich habe einen Fehler begangen, ja. Ich passe seitdem bedeutend besser auf, in welche Situationen ich gerate.«
   »Schon mal mit ‘ner Kollegin geschlafen?«
   »Nein!«
   »Deswegen regt es dich so auf, oder?« Markus seufzte. »Miriam und Laura König. Hast du sie gecheckt?«
   Niklas verneinte. »Hielt ich für den falschen Weg.«
   »Okay, wir sind da.«
   Eine hohe Hecke umgab das Anwesen, er sah lediglich das dunkel gedeckte Dach. Niklas stieg aus. Es gab Nachbarn, aber jedes Haus stand in einiger Entfernung und war ebenfalls mit Hecken oder Zäunen abgeschottet. »Bessere Gegend?«
   »Sieht so aus.«
   Niklas folgte Markus in den heckenumzäunten Gang.
   »Lass mich reden«, verlangte sein Kollege. »Misch dich nicht ein.«
   Das konnte Niklas nicht versprechen. Die Hecke öffnete sich und gab den Blick auf ein zweistöckiges Haus frei. Es machte einen verdammt urigen Eindruck mit den Holzpaneelen, der rustikalen Bank und den Blumenkübeln.
   »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte jemand von der Seite.
   Niklas hielt den Atem an. Er drehte sich um und starrte die Frau an, die sie mit gerunzelter Stirn musterte.
   »Sind Sie Frau Eliza Woods?«, erkundigte sich Markus zurückhaltend.
   Niklas sah an ihr hinab. Das war mit Sicherheit weder Miriam noch Laura König. Ihr Haar war dunkelrot und lockig, ihre Augen smaragdgrün. Ein klein wenig glich sie Ivy. Die wurde zwar mit sportlich und hochgewachsen beschrieben, und die Frau vor ihnen war eher durchschnittlich in Größe und Fitness, aber trotzdem hatte Niklas den Eindruck, Ivys Vorlage vor sich zu haben.
   »Wer will das wissen?«, wich sie aus und verengte ihre Augen. Ihre Katzenaugen. Sie standen leicht schief, was die Geste noch hervorhob.
   Markus zückte seinen Ausweis. »Kriminalpolizei.«
   Sie riss die Lider auf. »O mein Gott. Ist etwas passiert?«
   »Dürfen wir kurz reinkommen?«
   Das widerstrebte ihr sichtlich. Sie warf ihm einen Blick zu und runzelte die Stirn. »Worum geht es?«
   »Das möchte ich nicht auf der Straße erörtern, Frau Woods.«
   Sie sah ihm in die Augen, und Niklas war sich verdammt sicher, dass er sie nicht kannte. Ihr Blick driftete zu Markus, den sie nun ebenso scharf musterte. »Könnte ich noch einmal ihren Ausweis sehen?«
   Lübbe zog ihn wieder hervor, und Frau Woods holte ihr Telefon aus der Tasche. Sie streckte die Hand nach dem Ausweis aus. »Ich lasse nur Ihre Identität bestätigen«, erklärte sie.
   Markus zuckte die Schultern und überließ ihr seinen Ausweis.
   »Hi, Liz hier. Ich brauche lediglich ein Ja oder Nein. Kennst du einen Kommissar Markus Lübbe?« Sie sah auf. »Dienststelle?«
   »Dortmund.«
   Sie wiederholte es und wartete. »Danke.« Sie lachte auf. »Nein, sag ich dir nicht.« Sie legte auf und reichte Markus seinen Ausweis. »Also gut. Ins Haus lasse ich Sie nicht, aber wir können uns im Garten unterhalten.« Sie öffnete das Tor. »Kaffee? Tee?« Sie ging voran, um das Haus herum.
   »Das wird nicht nötig sein, Frau Woods«, lehnte Markus ab und sah sich aufmerksam um.
   Eliza Woods zuckte die Schultern. »Also schön. Worum geht es?«
   »Identitätsdiebstahl.«
   Sie blieb stehen. Sie hatte riesige Augen, so grün wie Klee. »Davon wurde ich nicht informiert.«
   »Es gibt lediglich Indizien, Frau Woods. Können wir uns vielleicht irgendwo setzen?«
   Sie deutete zur Laube in der Mitte der Grünfläche und schritt voran. Niklas sah sich unauffällig um. Es war eine farbenfrohe Oase und alles ausgesprochen gut gepflegt.
   »Bitte.« Sie deutete auf zwei schmale Eisenstühle und räumte Papier zur Seite. »Entschuldigen Sie das Chaos. Ich plotte gerade. Setzen Sie sich bitte. Sind Sie sicher, dass Sie nichts trinken möchten? Wasser vielleicht?« Sie warf Niklas einen schnellen Blick zu. Ihre Stirn runzelte sich. »Kennen wir uns nicht?«
   »Ich glaube, daran würde ich mich erinnern.« Und das tat er nicht. Ihr Runzeln vertiefte sich, und sie nahm Platz. Sie wandte sich wieder Markus zu. »Also, wie kann ich Ihnen behilflich sein?«
   »Ich will offen zu Ihnen sein, Frau Woods, es geht nicht um Ihre Identität, sondern um die von Niklas Sperber.«
   Ihr leichtes Lächeln verwischte. »Bitte?«
   »Sie stehen in Verdacht, die Identität …«
   »Es gibt Niklas Sperber nicht«, unterbrach Frau Woods ihn fest. Ihre grünen Augen stürmten. »Mal abgesehen davon, dass ich weder seine Konten leer geräumt noch welche auf seinen Namen eröffnet habe.« Sie schüttelte ungehalten ihre Locken. »Niklas Sperber ist reine Fiktion.«
   Niklas zog seinen Ausweis aus der Tasche. Markus übernahm ihn und klappte ihn vor ihrem Gesicht auf. Sie blinzelte verdutzt.
   »Das ist ein Witz. Versteckte Kamera? Ich bringe Miri um, wenn Sie daran beteiligt ist.« Ihr scharfer Blick glitt über ihn. »Er hat übrigens kein Grübchen und ist jünger, als er sein sollte.« Sie stand auf. »Bitte gehen Sie jetzt. Ich habe zu arbeiten.«
   »Frau Woods, keine Kamera und kein Witz.«
   Niklas zückte seufzend sein Portemonnaie und holte seinen Personalausweis hervor. Sie wollte ihn nicht annehmen, aber ihren Blick fing er ein.
   »Ich kenne Sie nicht«, hob sie deutlich hervor. »Es steht Ihnen frei, mich zu verklagen, bringen tut es Ihnen nichts. Ich kann belegen, dass ich mir alles nur ausgedacht habe.«
   »Erzählen Sie mir von Miri«, lenkte Markus ab.
   Ihr Blick huschte zwischen ihnen hin und her. »Miri?«
   »Miriam?« Markus wartete. »König?«
   Frau Woods presste die Lippen aufeinander. »Einen Moment.« Sie holte ihr Telefon aus der Hosentasche und drehte sich etwas weg. »Lou? Eliza hier. Die Polizei ist hier und befragt mich über angeblichen Identitätsdiebstahl – Sperber. Ja! Nik.« Sie stöhnte. »Darf ich überhaupt mit ihnen reden, oder muss ich auf eine Vorladung warten?« Sie wanderte auf dem gekiesten Weg auf und ab, während sie angespannt lauschte. »Nein. Auf keinen Fall. Ich bin mir sicher, ja!« Sie seufzte und legte auf. »Ich brauche Tee.« Sie ließ sie sitzen.
   Niklas wollte ihr folgen, aber Markus hielt ihn zurück. Er deutete auf die Papiere um sie herum. Es gab Ordner mit der Aufschrift Tatort, Ermittlungsansätze, Forensik, Laborauswertung und einigen Namen. Einige erkannte Niklas wieder: Ivy DeVine. Stefanie Marx, die Rechtsmedizinerin in Die Schwarze Witwe von Brackel. Dennis Ludowski, Spurensicherung aus demselben Roman und Holger Pegel, Ivys Vorgesetzter. Lübbe schob die Papiere auf dem Tisch auseinander. Skizzen. Ivys Wohnung und Niks Wohnung.
   Niklas zog den Grundriss hervor und ließ ihn gleich wieder fallen. Porzellan klirrte und verwies auf Frau Woods Rückkehr.
   Sie stellte das Tablett mittig auf die Unterlagen. Drei Tassen und eine große Kanne, aus der Dampf emporstieg. Sie drehte sich, um in ihren Unterlagen nach einem dicken Ordner zu kramen, reichte ihn Niklas und goss Tee ein. »Das ist mein Portfolio über Niklas Sperber. Tee?«
   »Nein, danke.« Niklas schlug den Ordner auf. Obenauf ein zusammengesetztes Bild. Dunkles Haar, graublaue Augen, schmale Lippen und ein ausdrucksstarkes Kinn. Es hatte ein Grübchen in der Mitte. Niklas hatte keines, aber er konnte sich auch nicht daran erinnern, dass es im Buch Erwähnung gefunden hätte.
   »Das Aussehen ist wichtig«, erklärte sie. »Es ist das Aushängeschild für den Charakter. Ich brauchte einen, dem man das Arschsein bereits ansieht. Ich finde, dass die …« Sie brach ab und hob erschrocken den Blick. »Ich wollte damit nicht sagen, dass Sie ein Arsch sind.«
   Markus verkniff sich ein Grinsen. »Darf ich mir einen anderen Charakter zum Vergleich ansehen?«
   Sie deutete auf den Aktenberg. »Nimm Ivy«, murmelte Niklas.
   Markus öffnete die Kladde, und ein Porträt lächelte ihnen entgegen, ebenso aus einzelnen Bildteilen zusammengesetzt wie Niks. Einen besseren Vergleich gab es wohl nicht.
   »Meine Agentin behauptet, sie sähe mir ähnlich«, bemerkte Frau Woods. »Aber das ist Unsinn. Liegt vermutlich an den Augen. Es sind die meiner Schwester.«
   Markus schlug die Seite um. Charakterbogen prangte in großen Lettern darauf. Niklas drehte sein Bild. Charakterbogen. Name, Geburtsdatum, Ort, Lebenslauf … Hobbys.
   »Sie sehen, alles willkürlich zusammengesetzt. Der erste Freund meiner Schwester, ihrer Meinung nach das größte Arschloch überhaupt, sprach ständig nur von heißen Schlitten. Deswegen fährt Nik ein BMW Cabrio. Sie überblätterte ein paar Seiten in seinem Ordner und zeigte das Modell. »Ich musste es anpassen. Als ich die ersten Szenen mit Nik aufschrieb, fuhr er noch Manta, aber welche Frau würde sich schon noch in einen Manta setzen?« Sie grinste ihn an, aber es erlosch sofort wieder. »Sie fahren doch keinen Manta, oder?«
   Niklas schüttelte den Kopf. »Ein BMW Cabrio.«
   Sie verlor an Farbe. »Wirklich?« Ihr Blick richtete sich auf das Abbild des Wagens. »Ich habe extra ein wenig gängiges Modell ausgesucht.« Sie drehte die Seite. »Es wurden in NRW nur fünf in der Ausstattung verkauft. Na ja, vor drei Jahren.«
   »Das haben Sie überprüft?«, erkundigte sich Markus neutral.
   »Ja. Auch die Häufigkeit des Namens. Niklas ist in der Schreibweise absolut unüblich. Besonders in den Geburtsjahrgängen siebzig bis neunzig.« Sie schlug weitere Seiten um und deutete auf Statistiken. »Es tut mir leid, dass Sie genauso heißen und undankbarerweise auch noch ähnlich aussehen.«
   Niklas schlug das Bild wieder auf. »Ähnlich?« Wenn man ihn fragte, hätte sie auch ein Bild von ihm anheften können.
   »Kommen Sie, alles andere passt doch nicht.« Sie blätterte wieder. »Sie sind bestimmt nicht in Selm geboren.«
   »Es gibt kein Krankenhaus in Selm, aber meine Eltern haben dort gewohnt, als ich zur Welt kam.«
   Ihr purzelten fast die Augen aus dem Kopf. »Doch nicht am …«
   »Doch. Am 18.«
   »Okay. Sie sind Kommissar. Dortmund?« Fast bat sie, er würde es verneinen. Sie schloss die Lider, als er nickte. »Aber sie wohnen nicht in Dortmund.«
   »Doch.«
   »Solo?«
   »Ja.«
   »Geschwister?«
   »Nein.«
   »Sie sind nicht in Dortmund aufgewachsen.«
   »Doch.«
   Sie sprang auf und ging aufgebracht auf und ab. »Ich kann es nicht ändern.«
   »Wie kamen Sie auf den Namen?«, fragte Markus und nahm ihm den Ordner ab. »Hier sind einige durchgestrichen.«
   »Die Reihe sollte eigentlich in den USA spielen. Da hieß er Nicholas Sparrow. Mein Verlag bestand auf ein heimatliches Setting. Niemand wolle eine Geschichte einer Deutschen lesen, die in den USA spielt.«
   »Niklas ist nachvollziehbar. Warum Sperber und nicht Spatz?«
   »Wenn man Sparrow hört, denkt man nicht an den Spatz, sondern an Jack Sparrow. Man hat gleich die Assoziation zu einem Bad Guy. Spatz passt nicht. Wer nimmt denn einen Typen ernst, der Spatz heißt? Ha! Ich hab’s. Ich kann beweisen, dass alles purer Zufall ist. Ich habe den Namen Sperber nämlich erst gewählt, nachdem ich das Manuskript bei meinem Verlag eingereicht hatte. Da ich bei der Namenswahl noch unschlüssig war, habe ich es mit dem Arbeitstitel Niklas Norm eingereicht. Erst meine Lektorin schlug dann Sperber vor. Weil ein Sperber ein Habicht ist, ein Greifvogel. Gefährlich und unberechenbar.«
   »Wie heißt Ihre Lektorin?«
   »Luisa Gruber.«
   Der Name sagte ihm nichts. »Wo sind Sie zur Schule gegangen?«
   Frau Woods stockte. »Warum ist das von Belang?«
   »Um auszuschließen, dass Sie meinen Kollegen kennen«, warf Markus ein.
   Sie klappte den Mund zu und musterte ihn. »Er ist älter als ich. Selbst wenn wir dieselbe Schule besucht hätten …«
   »Wo?«
   Sie biss sich auf die Lippe. »Ich bin in Brechten aufgewachsen und besuchte die städtische Grundschule. Daraufhin die Gesamtschule-Gartenstadt bis zum Abitur. Ich studierte an der Uni Dortmund Lehramt und habe im Anschluss ein Jahr hospitiert. Zufrieden?«
   »Welche Klassenlehrerin hatten Sie in der Grundschule?«
   Sie stockte verwirrt. »Frau Wichtrup. Warum …?«
   »Sie war eine fürchterliche Schreckschraube«, stellte Markus in den Raum.
   »War sie nicht. Sie war steinalt und ihre Methoden bestimmt überholt, aber sie war sehr nett«, verteidigte Frau Woods sie.
   »Wie alt sind Sie?«
   »Wollen Sie nicht lieber wissen, wie mein bürgerlicher Name ist? Meine Angaben können Sie nur abgleichen, wenn ich Ihnen das verrate«, gab sie bissig zurück.
   »Gern. Also?«
   Ihr stockte der Atem. »Ich kann nie wieder unterrichten, wenn rauskommt, wer Eliza Woods ist. Niemand wird seine Kinder von einer Schreiberin erotischer Romane unterrichten lassen wollen.« Ihre Augen blitzten auf. »Ich werde Ihnen meinen Namen nicht nennen.«
   »Wozu Sie im Rahmen einer Ermittlung verpflichtet sind, Frau Woods«, mahnte Markus leicht, ließ es dann aber auf sich beruhen. »Also, wie alt sind Sie?«
   Sie schüttelte den Kopf.
   »Hospitiert. Sie haben noch keine Zulassung«, vermutete Niklas und verstand, warum sie ihre Identität schützen wollte.
   Sie presste die Lippen aufeinander.
   »Keinesfalls jünger als fünfundzwanzig«, schätzte Niklas. »Keine Dreißig.«
   »Ich glaube, Sie gehen jetzt besser.«
   Lübbe blätterte durch die Akte. »Kann ich die mitnehmen?«
   »Nein.«
   »Ich brauche eine Liste Ihrer Bekannten«, fuhr Markus unbeeindruckt fort. »Sie verstehen, dass die Darstellung meines Kollegen in höchstem Maße rufschädigend ist.«
   »Was ich nicht beabsichtigt habe! Herr Sperber, verklagen Sie mich, wenn Sie wollen. Ich kann es nicht ändern. Alles, was ich tun kann, ist einen Vermerk einfügen zu lassen, dass Ähnlichkeiten mit realen Personen nicht gewollt sind. Und das bringt Ihnen nichts, bei den Unmengen bereits in Umlauf gebrachter Exemplare.« Sie schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid. Die Rechte liegen nicht bei mir, ich kann nichts tun.«
   »Wenn Sie könnten …«
   »Würde ich den Namen ändern. Nik ist ein absolutes Arschloch.« Sie stockte und warf ihm einen Blick zu. »Die Romanfigur. Ich wollte Sie nicht beleidigen.« Sie schüttelte den Kopf. »Alles, was ich tun kann, ist ihn umbringen, aber auch das …« Sie seufzte bedauernd. »Es tut mir leid.«
   »Wie alt sind Sie?«, wiederholte Markus, als hätte sie ihm nicht schon mehrfach die Antwort verweigert.
   »Ich werde nächsten Monat sechsundzwanzig.«
   »Wo hast du dein Abitur gemacht?«, fragte Markus Niklas.
   »Gartenstadt.«
   Sie riss die Augen auf und schüttelte den Kopf. »Ich kenne Sie nicht.«
   »Aber vielleicht Laura König?«
   Sie starrte Lübbe an. »Jeder an der Schule kennt Laura König. Sie hat ihr Elternhaus abgefackelt und ihre Schwester umgebracht.«
   Niklas atmete tief durch. »Miriam.«
   »Ich weiß nicht, wie sie hieß. Es war Schulgespräch, aber niemand von meinen Freunden kannte sie persönlich.«
   Lübbe betrachtete sie eingehend. »Sie sind sich sicher, dass sie den Namen Niklas Sperber nie zuvor gehört haben? Dass Sie ihn nie zuvor gesehen oder mit ihm gesprochen haben?«
   Sie ließ sich auf die Bank sinken und rieb mit den Händen über das Gesicht. »Ich bin mir sicher, ihm nie begegnet zu sein. Ich kann nicht ausschließen, den Namen schon mal gehört zu haben. Wenn er auch in Gartenstadt war, zur gleichen Zeit …« Sie zuckte die Schultern. »Bewusst ist es mir nicht.«
   »Gab es einen Schwarm?«
   »Bitte?«
   »Während ihrer Schulzeit. So was bleibt hängen.«
   Sie schüttelte verblüfft den Kopf. »Jan. Er war drei Stufen über mir, und ich war nur dieses eine Jahr in ihn verschossen.« Sie zuckte die Schultern. »Dann ging er mit meiner Freundin und ich mit einem seiner Kumpels.«
   »Jan und weiter?«
   Sie runzelte die Stirn. »Naujoks.«
   »Wenn ich Ihnen verspreche, dass wir Ihr Pseudonym wahren …«
   Sie schüttelte den Kopf. »Verklagen Sie mich. Das ist in Ordnung, aber ich riskiere nicht meine Zukunft.«
   »Aber meine?«, knirschte Niklas.
   Sie presste die Lippen aufeinander. »Ich denke, dass sich mein Verlag auf einen Vergleich einlassen wird. Sie haben Unmengen an Geld an mir verdient und spekulieren auf neue Verkaufshochwerte, wenn der neue Band in zwei Monaten auf den Markt kommt.«
   »Sie glauben, ich will Ihr Geld?« Niklas konnte es nicht fassen. Ihre Meinung über ihn war ohne Zweifel unter aller Sau.
   »Was erwarten Sie von mir, Herr Sperber?« Ihr Blick stellte dieselbe Frage, aber deutlich verzweifelter. »Selbst, wenn ich Sie im neuen Roman zum Helden des Tages mache, wird das nie jemand lesen. Der Verlag will keinen Nice Guy! Sie wollen Ivy neben diesem Arsch strampeln sehen.« Sie klappte den Mund zu und biss sich auf die Lippe. »Ich meine nicht Sie«, versicherte sie zerknirscht.
   »Wenn nicht einmal Sie das auseinanderhalten können, Frau Woods, wie soll es dann irgendeinem Ihrer Leser gelingen?«
   »Ich versuche, Sie sterben zu lassen, aber laut den Umfragen … Sie sind echt beliebt.«
   »Meine Frau will ihn tot sehen«, korrigierte Markus und warf ihm einen spöttischen Blick zu.
   Niklas schnaubte. »Von einer Kalaschnikow durchsiebt. Frau Woods, Sie haben mir eine Menge Ärger eingebrockt.«
   »Lisa Wagner. Revangieren Sie sich.« Sie schüttelte den Kopf.
   »Was für ein Tattoo hat er?«, fragte Markus gespannt.
   »Sexmachine.«
   Lübbe lachte auf. »O Gott.«
   »Die Vorschläge, die reinkamen, waren deutlich schlimmer.«
   Das konnte Niklas bestätigen.
   »Es ist wohl nicht praktikabel, ständig die Hose runterzulassen, um zu beweisen, dass Sie nicht Nik sind.«
   Markus lachte noch lauter. »Die Kolleginnen fänden das nicht ganz so übel.«
   Sie verdrehte die Augen. »In der Regel vergeht jeder Hype in circa zehn Jahren. Und ich stehe nur noch für zwei weitere Folgen unter Vertrag. Ich lasse ihn auslaufen. Es ist ohnehin kein Spaß, Sexszenen mit Nik zu plotten.
   »Im nächsten Teil?«, fragte Lübbe. »Besser, ich verbiete meiner Frau, ihn zu lesen.«
   »Und dem Rest der Welt«, murrte Niklas. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, dass halb Deutschland Spekulationen über seine Qualitäten im Bett anstellte.
   »Tun Sie das, und sie liest ihn bestimmt.« Sie grinste kurz. »Ich kann Ihnen meine Kontaktperson bei meinem Verlag geben. Wenn Sie rechtliche Schritte erwägen, haben Sie gleich den richtigen Ansprechpartner.« Ihr Lächeln verschwand. »Fairerweise sollte ich Sie warnen: Wenn Sie eine Klage einreichen, könnte es sein, dass Sie damit den Hype noch weiter anfachen. Versuchen Sie doch erst, sich außergerichtlich zu einigen.«
   »Nik?«
   Niklas schüttelte den Kopf. »Ich bin sprachlos.«
   »Schön, dann würden wir uns erst einmal verabschieden.« Markus streckte ihr eine Hand entgegen.
   Sie schüttelte sie.
   »Wenn es geht, versuchen Sie bitte, meine Identität nicht überall hinauszuposaunen. Es wäre vielleicht nur fair, aber …« Sie senkte unglücklich die Lider.
   »Natürlich«, versicherte Markus und räusperte sich mit einem entschuldigenden Blick zu Niklas. »Frau Woods, dürfte ich vielleicht noch um ein Autogramm bitten?«
   Sie sah irritiert auf.
   »Meine Frau …«
   »Natürlich«, murmelte sie und biss sich einmal mehr auf die Unterlippe. »Warten Sie einen Moment.«
   »Zimmermann«, knirschte Niklas, was ihm einen Blick aus grünen Augen einbrachte.
   »Die Frau unseres Kollegen liest sie auch.«
   »Wie der Rest der Dienststelle«, murrte Niklas und brach den Blickkontakt.
   »Die Namen?«
   »Bianca Lübbe und Margot Zimmermann.«
   Sie nickte und bat erneut um einen Moment Geduld.
   »Schön, dass du von meinem Ärger profitierst.«
   »Lass dir doch ein paar Autogramme mitgeben, vielleicht bekommst du sie an die Frau?« Markus grinste. »Komm, es scheint alles ganz plausibel.«
   »Den Ärger habe ich trotzdem.«
   Sie kam zurück. Ihre roten Locken schwangen in der sachten Brise. Sie reichte Lübbe zwei Bücher.
   »Danke.«
   »Ich brauche Ihr Versprechen, dass Ihre Frau und Frau Zimmermann die Bücher nicht weitergeben, bevor es erschienen ist.«
   Markus sah verwundert auf die Romane. Niklas folgte seinem Blick. »Der Polizistenmörder von Asseln«.
   »Ich darf einige Exemplare verlosen, aber erst nächsten Monat.«
   »Danke«, wiederholte Lübbe überrascht.
   »O Mann, will ich wissen, wie es weitergeht?«
   Sie drehte sich zu ihm um, und Niklas hatte seine Antwort: definitiv nicht. Sie biss sich wieder auf die Lippe, was seinen Blick bannte. Er riss sich los.
   Er würde es trotzdem lesen. Definitiv.
   »Es tut mir leid«, sagte sie niedergeschlagen. »Aber ich glaube, Sie sollten es nicht lesen.«
   Er schüttelte den Kopf und ließ sie stehen.
   Lübbe bedankte sich erneut für die Bücher und verabschiedete sich. Niklas bekam die Bücher ausgehändigt, als Lübbe einstieg, und schlug eines gleich auf.

Ivy drehte sich. Ein kühler Luftzug ließ sie frösteln. Dann wurde sie an einen warmen Körper gezogen. Sie seufzte leise und kuschelte sich an ihn. Er drehte sie auf den Rücken und presste seinen heißen Mund auf ihren. Sie gab nach, ließ sich küssen. Sie hatten zu wenig Zeit füreinander. Die ständigen Nachtschichten, seine Dienstreisen. Es belastete ihre Beziehung, und so manches Mal zweifelte sie an der Sinnigkeit. Wenn sie nie Zeit miteinander verbrachten, wenn sie mehr getrennt waren als zusammen, was brachte es da, sich ein Paar zu nennen?
   Seine Hände fuhren unter ihr Shirt und legten sich besitzergreifend auf ihre Brust. Sie stöhnte leise, weil er zu fest zufasste. Er schob ihren BH hoch und sich über sie. Drängte sich fordernd an ihren Schoß. Sie konnte es ihm nicht verübeln. Alles, was zwischen ihnen lief, war immer zwischen Tür und Angel. Nebenbei. Vermutlich würde er ihr gleich sagen, dass er wieder los musste und sie nur kurz hatte sehen wollen.
   Er küsste sie hungrig, rieb sich rhythmisch an ihr, ließ sie seufzen. Sie brauchten einfach mehr Zeit, um ihre Beziehung zu kitten. Er stemmte sich auf und öffnete ihre Hose. Ivy blinzelte in die Dunkelheit. Er ragte über ihr auf, groß und dunkel. Zog sie aus. Sie schloss die Augen. Sie wollte es genießen. Seine Berührung. Seine großen, warmen Hände auf ihrer baren Haut. Sie fuhren ihre Schenkel hinauf, spreizten sie, um ihm Platz zu geben, als er sich zwischen sie legte. Sie grinste, als er sie küsste. Er sog an ihr, an der Knospe ihrer Weiblichkeit, bevor er seine Zunge zärtlich über sie hinwegschnellen ließ. Sie stöhnte laut und vergrub die Finger in ihrem Kissen. Es würde nicht ausreichen, bald schon würde sie sich an die Streben über ihrem Kopf klammern müssen.
   Sie lachte auf. »Du machst mich verrückt«, versicherte sie ihm. Er fuhr fort, sie zu küssen, machte sie völlig atemlos mit seinem Mund. Mit seinen Fingern, die sacht in sie glitten und sie beben ließen vor Verlangen. Sie schloss die Hände fest um die Metallstreben über ihrem Kopf und spannte sich stöhnend an.
   »Ich will dich spüren«, raunte sie. »Ich will dich so sehr.«
   Er erfüllte ihren Wunsch sofort. Kam an ihr hoch, legte sich auf sie und drang mit einem harten Stoß in sie ein. Sie verschluckte sich an einem Keuchen. Sein Mund drückte sich auf ihren, und seine Zunge drang ebenso unerbittlich in ihren Mund vor, wie er sich in ihr vergrub. Hart. Ivy entließ die Streben und krallte sich an seine Oberarme. An harte, muskelbepackte Oberarme. Sie keuchte erneut. Erschrocken, denn Mike war sicherlich alles andere als muskelbepackt. Die Erkenntnis kam jedoch zu spät. Ihr Körper reagierte auf die Stimulation, und sie schrie auf, als die Welle der Lust sie mitriss. Ihre Nägel bohrten sich in hartes Fleisch. Und sie riss die Augen auf. Nicht Nik. Nicht …
   »Habe ich dir zu viel versprochen, Ivy?«, keuchte Nik in ihr Ohr, sich immer noch in ihr bewegend. Er küsste sie und versteifte sich …



»Dreh um«, forderte Niklas tonlos und senkte den verfluchten Schundroman. »Ich drehe ihr den Hals um!«
   Markus hörte nicht auf ihn, warf ihm nur einen irritierten Blick zu.
   »Ich vergewaltige sie!«
   »Nik, du bist nicht der Nik Sperber in dem Roman. Wäre gut, wenn zumindest du das nicht vergessen würdest.«
   Niklas schnaubte. »Ich vergewaltige meine Kollegin, Markus.«
   »Ivy gibt es nicht«, korrigierte er. »Echt jetzt, gleich am Anfang?«
   »Scheiße, Mann! Hast du ein Feuerzeug dabei?« Allerdings war ihm klar, dass er schlecht die gesamte Auflage verbrennen konnte.
   Markus hielt am Straßenrand. »Gib her.«
   »Nein, Mann!«
   Markus entwand ihm das Exemplar.
   »Gott, ich bring sie um!«
   Markus sah nach einigen Zeilen auf. »O Mann.«

Kapitel 2
Eliza Woods

Niklas sah sich um. Einige Kollegen hatten ihn eingeladen, den Feierabend mit ihnen einzuläuten, und er hatte das Gefühl, dass er den Absacker brauchte. Die vergangene Woche war die Hölle gewesen. Gleich am Montag war der Schund veröffentlicht worden, der ihm sein Leben verhunzte. Seitdem wurde er entweder gehasst oder penetrant verfolgt. Zumindest versuchte keiner mehr, ein Bild von seinem besten Stück zu machen. Noch immer kochte sein Blut bei der Erinnerung. Ausgerechnet Carmen Siegel, Mutter zweier Kinder, hatte ihm eine stinkende Fischsoße in den Schoß geschüttet – aus Versehen, natürlich. Er war, gegen seine Gewohnheit, auf der Wache duschen gewesen, weil er seinen Wagen nicht versauen wollte, und war tatsächlich nackt geknipst worden. Das Bild war durch die Runde gegangen, und Frau Siegel sah sich nun den Konsequenzen gegenüber. Trotzdem kannte jeder sein Adamskostüm. Und was er im Bett so anstellte – vermeintlich.
   Niklas stockte. Sein Blick glitt zurück und verharrte auf einer drallen Blondine. Etwas an ihr kam ihm verdammt bekannt vor. Sie sah sich um und begegnete seinem Blick. Ihre kleegrünen Augen weiteten sich. Eliza Woods. Er presste die Lippen aufeinander und setzte sich in Bewegung.
   »Frau …«
   »Eliza«, unterbrach sie ihn schnell und streckte ihm eine Hand entgegen.«
   Er musterte sie verstimmt. Sie trug einen blonden Bob, vermutlich eine Perücke, obwohl sie absolut echt wirkte. Ihr Kostüm war knapp und eng, und das Rot fand sich auf ihren angemalten Lippen wieder. Das Grün ihrer Augen unterstrich sie mit gleichfarbigem Lidschatten und hellem Kajal. Sein Blick fiel auf ihr offenherziges Dekolleté. Nicht echt, es sei denn, sie hätte in den vergangenen zwei Monaten zwei Kleidergrößen zugelegt. Sie ließ die Hand fallen.
   »Sie haben es gelesen.«
   »O ja«, murrte er und lehnte sich gegen den Tresen. Noch einmal nahm er die Veränderungen auf. Zu Hause hatte sie Markus und ihn in Jeans und Schlabberpulli begrüßt. Ungeschminkt. Natürlich. Und viel hübscher als in dieser Aufmachung.
   »Es tut mir leid.«
   »Ich habe Ihre Schwester gegoogelt.« Mara Wagner hatte durchaus Ähnlichkeit mit Ivy DeVine, nun, und mit Lisa, schließlich waren sie Zwillinge. Allerdings war Mara sportlicher, drahtiger. »Fühlen Sie sich nicht mies, weil Sie mich praktisch Ihre Schwester vergewaltigen ließen?«
   Ihr klappte der Mund auf. Der Typ hinter ihr drehte sich zu ihnen um und musterte Eliza interessiert. Niklas zog sie vom Stuhl.
   »Was …?«
   »Kommen Sie mit. Wir ziehen hier zu viel Aufmerksamkeit auf uns.«
   »Warten Sie.« Sie riss sich los. »Ich bin verabredet.«
   Niklas betrachtete ihren Aufzug in neuem Licht. »Sie sehen aus wie eine Professionelle.«
   Sie riss sprachlos die Augen auf. Zumindest ließ sie sich widerstandslos mitziehen. Er drückte sie in eine Sitzecke am hintersten Ende des Lokals und versperrte ihr den Fluchtweg, indem er sich zu ihr setzte.
   »Recherche?«
   Sie gab es zu.
   »Das ist gefährlich, Eliza.«
   »Weiß ich. Lassen Sie mich raus.«
   Er schüttelte den Kopf. »Ich werde Prostitution sicherlich nicht begünstigen.«
   Sie keuchte. »Ich bin keine …«
   »Escort. Trotzdem ist es ein Freier, mit dem Sie verabredet sind.«
   Sie verlor deutlich an Farbe.
   »Sind die Verkaufszahlen so schlecht?«
   »Wow, Herr Sperber, ich glaube fast, ich tue Ihnen kein unrecht.«
   »Ich wurde von einer Kollegin nackt fotografiert, und das Bild wurde ans Schwarze Brett gepinnt. Danke dafür.«
   Sie biss sich auf die rote Lippe, und es bannte seinen Blick für einen Moment. »Dann sind wir quitt«, behauptete sie. »Lassen Sie mich durch.«
   »Quitt sind wir, wenn die ganze Welt weiß, wie Eliza ihre Recherchen anstellt«, murmelte er mehr für sich selbst.
   »Bitte, ich darf meinen Kontakt nicht verpassen.«
   »Was wollen Sie wissen?«
   Wieder malträtierte sie ihre Lippe. »Sie wollen mir nicht helfen.«
   Er begegnete ihrem Blick, und die Zeit dehnte sich.
   »Hey, möchtet ihr was bestellen?«
   »Bier«, antwortete Niklas automatisch. »Und die Dame bekommt einen Cocktail.«
   »Nein, ich …«
   »Eliza, du bleibst hier.« Er würde sicherlich nicht die Schuld daran tragen, dass sich das dumme Ding in Gefahr begab, indem sie sich mit einem Freier traf.
   »Welchen?«, fragte die Bedienung.
   »Diesen blauen mit Schirm.« So einer, wie auf dem Tresen stand, ehe er sie fortgezogen hatte.
   Die Bedienung verschwand.
   Eliza bedachte ihn mit spitzem Blick. »Herr Sperber, es geht Sie kaum etwas an …«
   »Ich könnte dich festnehmen. Prostitution ist eine Ordnungswidrigkeit.«
   »Ich bin keine Prostituierte!«
   »Was willst du wissen?«, wiederholte er.
   Sie sagte nichts, hielt lediglich seinem Blick stand, bis die Getränke kamen, die Niklas bezahlte.
   »Nein«, wollte sie Einspruch erheben. »Ich bezahle …«
   Niklas schickte die Bedienung weg. »Also, warum dieses geschmacklose Outfit?« Es war fast unmöglich, nicht in ihren Ausschnitt zu gucken. »Womit haben Sie sich aufgepolstert?«
   Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Wir können die ganze Nacht hier sitzen. Ich werde sicherlich einiges trinken, ich hatte nämlich keine schöne Woche. Gut möglich, dass ich irgendwann anfange, dich zu beleidigen.«
   Sie starrte ihn verdutzt an.
   »Es gibt da einiges, was ich dir sagen will. Nichts davon ist schmeichelhaft. Und dass du in den Klamotten billig aussiehst, ist da noch harmlos.«
   Sie senkte die Lider. »Nur zu.«
   »Du hast mich zur Witzfigur gemacht. Das ganze Präsidium lacht über mich.«
   »Das wollte ich nicht.«
   »Pft. Mein Schwanz hing am Schwarzen Brett!« Er kippte sein Bier hinunter und drehte sich von ihr weg.
   »Das wollte ich nicht.«
   Er schüttelte den Kopf. »Eine meiner Kolleginnen packt mir ständig an den Hintern. Kannst du dir vorstellen, wie die Kollegen reagieren würden, brächte ich das zur Anzeige?«
   Sie senkte das Kinn.
   »Ich habe eine Frau kennengelernt, wir haben uns wirklich gut unterhalten. Sie war hübsch, intelligent … Ich habe mir mehr vorstellen können …«
   »Es tut mir leid.«
   »Glaubst du, das wird sich ändern? Soll ich die nächsten zehn Jahre allein verbringen, weil du einen Arsch brauchtest, um deinen Schund zu verkaufen?« Er stürzte den Rest seines Bieres hinunter. »Trink! Für jedes Glas, das ich trinke, bekommst du auch eines. Ich lasse dich nicht gehen, bevor du nicht ausgetrunken hast.«
   »Das ist Freiheitsberaubung«, stellte sie fest, griff aber nach ihrem Cocktail. »Ich denke, dass eine Stunde Ihrer Beschimpfung ausreichen muss. Ach, und Sie haben mich um eine einmalige Möglichkeit gebracht, für meinen Roman zu recherchieren. Ich hoffe, es stillt Ihren Rachedurst.«
   Niklas glaubte nicht, dass eine Stunde dafür ausreichte.

»Du wirst längere Zeit auf dein Taxi warten müssen«, murrte Niklas. »Es ist schweinekalt hier draußen, komm mit zu mir. Ich wohne nur ein paar Schritte entfernt.« Er ließ ihr keine Wahl, sondern schlang einen Arm um ihre Mitte und schob sie voran.
   Sie schrie erschrocken auf. »Nein, ich bleibe …«
   »Willst du meine Wohnung nicht sehen?«
   Sie sah auf und biss sich auf diese verfluchte Lippe. Das ließ sie besser bleiben, hatte er sich doch schon einige Male dabei ertappt, sich vorzubeugen, um diese gemarterte Lippe zu befreien. Sie zu küssen.
   Sie seufzte gedehnt. »Nik Sperbers Wohnung«, murmelte sie und zuckte die Achseln. Sie kicherte mit einem sonderlichen Gesichtsausdruck. »Okay, das hat schon was.«
   Er führte sie wenige Schritte vom Eingang der Bar entfernt eine Treppe hinauf und blieb hinter ihr, als sie seine Wohnung betrat. Sie hielt den Atem an und drehte sich mit großen Augen zu ihm um. Wieder biss sie sich auf die Lippe, und ihre Finger krallten sich in ihr Täschchen.
   »Möchtest du dich umsehen?« Er sah ihr an, dass sie es wollte. »Würde Nik dich lassen?«
   »Bitte?«, flüsterte sie.
   »Wenn du in Niks Wohnung wärst, was würde passieren?«
   Ihre Lippen teilten sich. Er trat auf sie zu, hob ihr Gesicht an und hinderte sie am Zurückweichen, indem er den anderen Arm um sie schlang.
   »Nik …« Ihre Augen waren riesig, und sie holte zittrig Luft.
   Niklas senkte seinen Mund auf ihren. Er hörte ihr Keuchen, spürte ihre Finger, die sich in seinen Bizeps bohrten, und verstärkte den Druck. Es dauerte eine Weile, bis sie locker wurde und er wieder einen Gang runterschalten konnte. Er löste seinen Halt um ihre Mitte und zog den Reißverschluss in ihrem Rücken hinunter. Seine Berührung ließ sie erschaudern. Er öffnete ihren BH und schob die Träger mit dem Kleid über ihre Arme.
   Sie drückte sich von ihm fort. »Warte«, flüsterte sie verwirrt. Sie befeuchtete sich die Lippen. »Ich …«
   »Wie würde es passieren? Mit Nik?«, wisperte er an ihrem Ohr, bevor er es küsste. »Wie ginge es weiter?«
   »Sex«, murmelte sie. »Ohne Frage.«
   »Wie?«
   Vorsichtig sah sie auf und biss sie auf die Lippe.
   Er küsste sie. »Wie?«
   Sie drehte sich. Niklas schmiegte sich an sie. Er küsste ihre Schulter, ihren Nacken, ihr Ohr.
   »Er ist nicht so zärtlich«, flüsterte sie und sah sich zu ihm um. »Er würde … mich hier …«
   Niklas nickte und schob ihr das Kleid über die Hüften. Es fiel zu Boden. Sie senkte den Kopf. Niklas sah an ihr hinab. Sie trug rote Spitze. Tanga und Strapse. Er ließ eine Hand über ihre Hüfte gleiten, hinunter zu ihrem Bein, an ihrem Po wieder hoch und vorn wieder hinunter. In ihren Schoß. Dabei presste er sich an sie.
   »Soll ich dich …?«
   Er schob die Finger in ihren Slip und zwischen ihre Beine.
   Sie hielt ihn auf, und er zog sich zurück.
   Nik hielt sich selten mit einem Vorspiel auf, zumindest nicht in den zwei Romanen, die er kannte. Niklas öffnete seine Jeans, zögerte. Er streckte eine Hand aus, um ihre Schulter zu berühren, ließ die Finger abgleiten, über ihren Rücken, die Rippen.
   »Hast du«, wisperte sie mit einem schüchternen Blick zurück, »ein Kondom?«
   Niklas zog sein Portemonnaie aus seiner Tasche und holte einen Gummi aus dem Geldfach. Nachdem er es übergezogen hatte, legte er die Hände auf ihre Hüften, um sie festzuhalten. Sie keuchte, als er in sie stieß, und Niklas schloss die Augen. Wow. Er hielt sie fest, bohrte seine Hände in ihre Hüften, und sie stöhnte. Er drückte seinen Mund an ihren Hals, um sein Stöhnen zu unterdrücken. Er schob sich in sie. Fest. Schnell. Wie Nik es tun würde. Sie stützte sich ab, und er konnte sich noch härter in sie treiben. Er spürte die sexuelle Anspannung in jedem Zentimeter seines Körpers. Er schlang die Arme um sie, als er kam, und stieß noch einmal fest in sie. Tief stöhnte er und presste die Lippen auf ihren Hals. Nicht schlecht. Sie zitterte an seiner Brust, und er schloss sie fester in die Arme. Für einen innigen Moment.
   »Jetzt kannst du dir die Wohnung ansehen«, murmelte er ihr ins Ohr und musste grinsen. »Ich muss kurz im Bad.« Er löste sich von ihr und stieg aus der Jeans.
   Niklas ließ sie stehen und warf die Hose im Badezimmer auf die Wäschebox. Das Hemd folgte, dann wusch er sich. Er sollte noch ein, zwei Kondome irgendwo herumliegen haben, damit war die Nacht gerettet. Er musste einen Umweg über die Küche machen, um das benutzte Kondom loszuwerden, und blieb irritiert im Flur stehen. Wo war sie hin? Er öffnete die Tür zu seinem Schlafzimmer und schaltete das Licht an. Es war leer. Ebenso sein Wohnzimmer und das Gästezimmer. Sie war weg.

Niklas klingelte an Lisas Tür. Es war sein freier Samstag, sonst hätte er am Vorabend nicht trinken können. Er hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, mit einem Taxi zu ihr zu fahren, noch in der Nacht. Letztlich wollte er sie aber nicht angetrunken fragen, warum sie einfach verschwand. Die Tür öffnete sich, und er hob den Kopf.
   »Ja, bitte?«
   Niklas sah sich um, aber er hatte sich nicht im Haus geirrt. »Ich möchte mit Lisa sprechen.«
   »Lisa?«, hinterfragte der Typ und schüttelte den Kopf.
   »Eliza Woods.« Wer zum Teufel war der Kerl? Er maß knappe hundertachtzig Zentimeter, untersetzt, blond mit dunklen Augen.
   »Wer sind Sie?« Er musterte Niklas.
   »Kommissar Niklas Sperber.«
   Der Typ lachte auf. »Und ich bin Harry Potter.«
   »Ist sie zu Hause?«
   »Liebling«, rief er ins Haus. »Nik ist hier und will dich sprechen. Vermutlich will er einen Rat, wie er Ivy rumkriegt.«
   Niklas starrte den Typen an, selbst noch, als Lisa in der Tür erschien. Ihre roten Locken waren straff zurückgebunden und ihre Augen umschattet. Sie schluckte.
   »Kommissar Sperber?« Sie drehte sich. »Schon in Ordnung, Michael. Das dauert nur einen Moment, dann können wir frühstücken.«
   Michael warf ihm einen irritierten Blick zu.
   Lisa küsste seinen Mundwinkel. »Recherche.« Sie trat an ihm vorbei und deutete den Weg entlang. »Kommissar Sperber, ich bringe Sie zum Auto.«
   Sie war nicht so ruhig, wie sie auf dem ersten Blick erschien. Sie zog die Schultern hoch und schlang die Arme fest um sich. »Was tust du hier?«, fragte sie mit einem Beben in der tonlosen Stimme.
   »Eigentlich wollte ich fragen, warum du so plötzlich verschwunden bist«, gab er zu. »Aber das kann ich mir jetzt denken. Du bist verheiratet.«
   Sie biss sich auf die Lippe. »Ich hätte das nicht zulassen dürfen.«
   »Wow, bist du abgebrüht.« Er schüttelte verärgert den Kopf. »Du wirst es ihm nicht sagen, oder?«
   »Komm nicht wieder her.« Sie drehte sich weg.
   Niklas griff nach ihrem Ellenbogen und zog sie zurück. »Du kommst zu mir.«
   Sie riss die Augen auf. »Wie bitte?«
   »Heute Nacht.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Nein.«
   »Okay«, sagte er gedehnt, »dann …«
   »Warte«, keuchte sie, und Niklas blieb stehen. »Was willst du?«
   »Du bist mir noch immer etwas schuldig. Acht Uhr?«
   »Nein, nein, das geht nicht«, hauchte sie.
   »Recherche«, sagte er nur. »Komm, und sei pünktlich.« Er wollte sie stehen lassen, überlegte es sich aber anders. Er zog sie in die Arme und küsste sie. »Versetz mich nicht.«

*

Mara schüttelte nur den Kopf, als Michael ihr im Flur entgegenkam, und stieg die Stufen hoch. Sie ging direkt zurück ins Bett. Michael folgte ihr und setzte sich auf die Kante.
   »Alles in Ordnung?«
   »Ich bin müde«, murmelte sie, gezwungen, etwas zu sagen. Sie zog die Decke bis an die Augen und wusste im gleichen Moment, dass sie es nur tat, um sich zu verstecken. Damit er ihr nicht an der Nasenspitze ansah, was sie gestern …
   »Wir wollten doch frühstücken.«
   »Mir ist schlecht. Bitte lass mich allein.«
   »Wer war der Typ?«
   Mara schloss die Augen. Ein wahnsinniges Arschloch. »Kommissar Niklas Sperber.«
   Michael lachte auf. »Komm schon, Mara.«
   »Er will mich wohl verklagen, weil ich …«
   »Da hat er doch keine Chance, oder?«
   »Michael, mir geht es nicht gut.« Und das war untertrieben. Sie hatte ein mächtiges Problem. Sie konnte auf keinen Fall den Fehler der letzten Nacht wiederholen. Dabei war es nicht einmal der Arsch – nicht der aus ihrem Roman –, dem sie nicht traute. Sie würde für sich selbst keinen Cent verwetten, dass sie es schaffte, sich Sperbers Anziehungskraft zu entziehen. Was wäre, wenn Michael davon erfahren würde? Sie setzte dreizehn Jahre Beziehung aufs Spiel. Sie presste die Lider aufeinander. Was sollte sie tun, wenn er sie verließ? Das konnte sie nicht riskieren.
   »Na gut. Ruh dich aus. Du denkst daran, dass meine Mutter morgen kommt? Wir brauchen noch irgendetwas, was wir ihr anbieten können.«
   Mara seufzte. »Ruf bitte Maria an. Ich habe es total vergessen.«
   »Ich nehme dein Handy, okay? Irgendwie vergesse ich ständig, die Nummer abzuspeichern.«
   Sie stimmte zu, alles war ihr recht, solange er sie nur allein ließ.
   »Ich beschäftige mich mit den Klassenarbeiten im Keller, okay?«
   »Ja.«
   Michael drückte ihr einen Kuss ins Haar und schloss die Tür hinter sich. Mara zog die Beine an und umarmte sich fest. Was sollte sie nur tun? Sie konnte unmöglich zu Nik fahren und die Dummheit der letzten Nacht wiederholen, aber sie fürchtete, dass sie ihm erneut nichts entgegenzusetzen hatte und am Ende Michael herausfand, was sie getan hatte. Wie hatte das nur passieren können?
   Michael, es tut mir leid. Er hat mich abgefüllt.
   Alkohol ist keine Entschuldigung, zwitscherte ein zweites Stimmchen in ihrem Kopf.
   Ja, verdammt! Das weiß ich doch auch.
   Es blieb, dass sie ihn in seine Wohnung begleitet hatte, und er hatte sie auch nicht gezwungen, weder zum Trinken noch zum Sex. Ihr verfluchtes Schuldgefühl war der Grund. Hatte sie aus Mitleid mit ihm geschlafen? Verwirrt starrte sie vor sich her.
   Was? Hast du etwa keinen Spaß daran gehabt?
   Sie vergrub ihr erhitztes Gesicht im Laken.
   Es war sicherlich unsinnig, dass die Frau, von der er gesprochen hatte, ihn nur ablehnte, weil er Niklas Sperber hieß. Andererseits würde sie sicher Reißaus nehmen, wenn ein Typ aussah wie Nik und auch noch so hieß. Sie stöhnte verzweifelt.
   Sie hatte einen dummen, dummen Fehler gemacht.
   Sicherlich wahr.
   Ich wollte es nicht!
   Hundertprozentig nicht!
   Ich weiß nicht, wie das passieren konnte.
   Tatsächlich?
   Ich bereute es fürchterlich!
   Ja sicher.
   Dann war es auch noch schrecklich.
   Klar. Gib es wenigstens zu. Du hast es genossen!
   Sie schloss gequält die Augen. Es wäre nicht weniger schlimm, wenn es scheiße gewesen wäre. Andererseits hatte sie es auch nicht erwartet, oder? Mit Nik zu schlafen, konnte nicht schön sein. Gut, Ivy hat es schon gefallen, doch sie hatte auch gedacht, mit Mike zu schlafen. Mit ihrem Freund. Nein, das führte in die völlig falsche Richtung.
   Niklas Sperber war im realen Leben vielleicht ebenso ein Arsch wie in ihrem Roman, aber sie war nun mal nicht Ivy. Sie war Mara. Und hin und wieder Lisa. Und Eliza Woods. Wenn das so weiterging, brauchte sie bald einen Psychiater, um all ihre Identitäten auseinanderzuhalten.
   Michael, letzte Nacht ist etwas Schlimmes passiert. Ich liebe dich, glaub mir das bitte, aber ich habe mit Nik Sperber geschlafen, in seiner Wohnung, nachdem wir uns in der Bar getroffen haben, in der ich eigentlich recherchieren wollte …
   Mara schloss fest die Lider, weil heiße Tränen hervorquollen. Das klang nicht nach absolut ungewollt und aus Versehen. Sie würde es Michael nicht sagen, und keinesfalls durfte er es irgendwie herauskriegen.

*

Niklas wanderte unruhig in seinem Wohnzimmer umher. Aus dem breiten Fenster hatte er einen guten Überblick über die Parkplätze vor dem Haus und den Bürgersteig bis zu beiden Straßenecken. Es war fünf nach acht und Lisa noch nicht da. Vielleicht kam sie nicht. Vermutlich war es besser, wenn sie nicht kam. Sein Verhalten war scheiße. Absolut unter aller Sau. Kommissar-Nik-Sperber-tauglich, ohne Frage.
   Er schob die Gardine zur Seite und sah über die Straße. Ein kleiner Sportwagen zuckelte die Straße hoch. Ein Cabrio, aber das Verdeck war geschlossen. Er hielt vor dem Haus, doch niemand stieg aus. Niklas wartete gespannt. Vielleicht hätte er die Zulassungen checken sollen, andererseits traute er Lisa keinen Sportwagen zu. Aber er hätte ihr auch keinen Ehemann zugetraut und keinen One-Night-Stand.
   Die Tür schwang auf. Lisa.
   Sie warf die Tür zu und sah am Haus hoch. Er wartete, aber Lisa machte keine Anstalten, zu schellen oder auch nur aufs Haus zuzukommen. Stattdessen riss sie die Autotür wieder auf.
   Scheiße, sie würde abhauen. Niklas schnappte sich auf dem Weg hinaus seine Jacke und flitzte die Stufen hinunter. Sie saß hinter dem Lenkrad ihres kleinen Coupés und hatte die Stirn auf dem Lenkrad abgelegt. Niklas riss die Tür auf.
   »Steig aus«, forderte er. »Wir nehmen meinen Wagen.«
   Erschrocken sah sie auf. »Wie bitte?«
   »Wir nehmen meinen Wagen.« Er hielt ihr die Hand hin. »Komm.«
   »Nein«, flüsterte sie. »Ich bin nur hier, um …«
   Er griff nach ihrer Hand und zog sie aus dem Auto. »Schließ besser ab. Ich habe einen Tisch reservieren lassen.«
   »Bitte?« Sie machte keine Anstalten, den Wagen zu verschließen, also übernahm er ihren Schlüssel und tat es selbst. Er verstaute ihn in seiner Jackentasche und zog sie am Ellenbogen über die Straße zu seinem BMW. Er hielt ihr die Tür auf.
   Sie zögerte und sah zu ihm auf. Ihre großen grünen Augen ein Meer an Unsicherheit. Langsam schob sie sich an ihm vorbei, berührte mit dem Arm seinen Brustkorb, während sie einstieg. Ein elektrisierendes Kribbeln lag zwischen ihnen, obwohl er noch einen Augenblick zuvor befürchtet hatte, sie würde es sich anders überlegen und auf dem Absatz kehrtmachen. Aber nun saß sie in seinem Wagen. Freiwillig. Das Kribbeln breitete sich in tiefere Regionen aus.
   »Wenn du glaubst, ich wäre hier, um den gestrigen Abend zu wiederholen, bist du im Irrtum«, stellte sie fest.
   Das hatte er auch nicht vor. Er startete den Motor und warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. »Ich dachte, wir machen uns einen netten Abend.«

*

Sie spürte seinen Seitenblick und betrachtete ihre Knie. Egal, was er sagte, er wollte sie in sein Bett bekommen. Das spürte sie, ohne dass er auch nur eine Anspielung machen musste. Und war es nicht das, was sie genauso wollte? Insgeheim dem Abenteuer von Ivy DeVine nachspüren? Warum sonst war sie hier? Warum war sie in seinen Wagen gestiegen? Das Kribbeln, das sie schon bei seinem Anblick verspürt hatte und das sich mehr als deutlich bis in ihre intimsten Gegenden zog, machte sie zur Verräterin an sich selbst.
   »Soll ich dich lieber nach Hause bringen?«
   »Nein.« Ja! Sie wollte doch ihre Beziehung … und obwohl sie noch einmal zu einer weiteren Antwort ansetzte, schaffte sie es nicht, ihre leise Erregung zu unterdrücken. Recherche, beruhigte sie sich. Reine Recherche. Sie musste schließlich wissen, wie es sich anfühlte, Ivy DeVine zu sein.
   Niklas beließ es dabei, fuhr zum Lokal und parkte. »Hast du Hunger?« Es klang beinahe, als hätte er sie gefragt: Hast du Lust auf Sex?
   »Ja.« Ihre Antwort klang erstickt, und sie räusperte sich.
   Als er sie ins Restaurant führte, versuchte sie, seiner Berührung zu entgehen, und setzte sich, bevor er ihr den Stuhl heranschieben konnte.
   »Du bist also verheiratet?«
   Sie hob ihren Blick. »Ja.« Er musste nicht wissen, dass sie erst kurz vor der Verlobung stand. Schließlich ging ihn das nicht das Geringste an.
   Sie war wütend, aber in gleichem Maße verzweifelt. Vielleicht hatte sie es wirklich nicht gewollt. Trotzdem fühlte es sich andererseits beinahe richtig an, hier zu sitzen. Mit ihm.
   Weil du ihm etwas schuldest?
   Ganz genau. Weil ich etwas wiedergutzumachen habe.
   Richtig!
   Mit Sex?
   Ach, halt die Klappe!
   Sie wusste doch selbst gerade nicht, wie ihr geschah.
   »Seit wann?«
   Sie schüttelte den Kopf und wich seinem Blick aus.
   »Dreizehn Jahre«, hauchte sie. »Wir sind diesen Oktober dreizehn Jahre zusammen.«
   »Liebst du ihn?«
   Sie presste die Lippen zusammen. »Ja.«
   Und was tust du dann hier?
   Wiedergutmachung leisten.
   Mit Sex.
   Nein, verdammt!
   Wie dann?
   Das wüsste sie auch gern.
   Die Bedienung unterbrach die einsetzende Stille.

Mara brachte keinen Bissen hinunter. Nik starrte sie fortwährend an und stellte Fragen. Sie hatte zugeben müssen, dass sie nicht verheiratet war, nicht einmal verlobt, und das nach dreizehn Jahren.
   »Und?«
   »Das geht dich nichts an.«
   »Dein erster One-Night-Stand?«
   Verärgert sah sie auf. »Ist das deine Definition von einem netten Abend?«
   »Nik Sperber hätte dich gleich ins Bett gezerrt.«
   Ihr Atem stockte. »Ich werde nicht mit dir schlafen, Nik.« Ihr Innerstes zog sich zusammen, weil ihre Worte wie eine Lüge klangen. Sie kaute auf ihrer Lippe. Mist! Wer war sie heute? Eliza auf Recherche? Lisa? Mara? Es war zum Verzweifeln.
   »So? Warum bist du dann gekommen?«
   »Ich wollte mit dir reden.« Was so nicht ganz stimmte. Eigentlich wollte sie …
   Nichts!, sagte sie in Gedanken, um der unliebsamen Stimme zuvorzukommen.
   »Dafür bekommst du nicht sehr viel über die Lippen.«
   »Weil ich nicht weiß, was ich sagen soll.« Obwohl sie stundenlang darüber nachgegrübelt hatte.
   »Und ich dachte, du wärst gut mit Worten. Ach nein. Nur verleumderisch.«
   War ja so klar. Er musste in der offenen Wunde stochern. Sie konnte seinen Ruf nicht per Zauberhand wiederherstellen. »Kauf dir ein anderes Auto, lass dich versetzen, zieh um!«
   Er lehnte sich zurück, lachte leise. »So einfach ist das?«
   Sein Lachen jagte ihr einen kribbelnden Schauder über den Rücken. »Ja. Ich kann dir Geld geben, um alles zu finanzieren.« So, jetzt war es raus.
   »Glaubst du wirklich, ich will dein Geld?«
   Mara schluckte. »Du magst mich nicht, findest, dass ich billig aussehe. Hältst mich für eine Verleumderin und Ehebrecherin. Was solltest du sonst wollen?« Sie versuchte, seinem Blick standzuhalten.
   Seine hellen Augen lagen mit beunruhigender Intensität auf ihr. »Du hast schöne Augen.«
   Die Bedienung räusperte sich neben ihr und fragte, ob sie noch etwas benötigten.
   »Die Rechnung«, verlangte sie. »Getrennt.«
   »Zusammen«, widersprach Nik. »Ich lade dich ein.«
   »Nein!«
   »Lisa, das steht nicht zur Diskussion.«
   »Richtig. Ich bezahle mein Abendessen immer selbst.«
   Er verengte die Augen. »Wie, dein Freund lädt dich niemals ein?«
   Sie verriet sich wohl mit ihrer Überraschung, denn er schüttelte den Kopf.
   »Vielleicht solltest du das noch einmal überdenken.«
   »Was?«
   »Es gibt noch andere Fische im Wasser, Lisa.« Er hob seine dunklen Brauen. Sie las leisen Spott in seinen Augen. »Vielleicht einen, der es ernst genug meint, auch finanziell für dich aufzukommen?«
   Mara presste die Lippen aufeinander. »So ist das nicht.«
   »Wie dann?«
   »Ich verdiene gutes Geld. Ich muss mich nicht aushalten lassen.« Absolut nicht, sie hatte stets für ihr Auskommen gearbeitet. Schon während der Schulzeit hatte sie Nachhilfe gegeben, während des Studiums im Fitnesscenter ausgeholfen und in jeder freien Minute geschrieben. Es hatte sich erst vor drei Jahren richtig ausgezahlt, aber damit hatte sie gleich ihre BAföG-Schulden abgezahlt – ihre und Michaels.
   »Aushalten.« Er schüttelte den Kopf. »Füreinander einstehen.«
   Sie schnaubte. »Klar, wie du für deine Freundin. Ach nein, du hast ja keine.«
   Die Bedienung war zurück, und Mara legte ihre Handtasche auf dem Tisch ab, um nach ihrem Portemonnaie zu wühlen.
   »Stimmt so.«
   »Danke.« Die Bedienung verschwand mit den Tellern.
   »Moment.« Mara wurde ignoriert.
   »Komm.« Er hielt ihr eine Hand hin.
   »Ich habe gesagt, ich zahle für mich selbst.« Sie missachtete seine Geste.
   »Du hast auch gesagt, dass du nicht mit mir schläfst.«
   Sie verlor an Farbe.
   »Komm.« Er zog sie auf die Füße.
   Sie schüttelte ihn ab und strebte hinaus. Mara blieb nichts anderes übrig, als wieder in sein Auto zu steigen.
   »Du hast mir keine Antwort gegeben, Lisa. War es dein erster One-Night-Stand?«
   Sie schüttelte den Kopf.
   »Ach?«, murmelte er. »Wie interessant.«
   »Es war das erste Mal«, zischte Mara. Wie sie ihn hasste! Warum musste er so ein Arsch sein?
   Vielleicht, weil du Ivy DeVine spielst und ihm das gestern deutlich gezeigt hast?
   Ach ja? Und dann schlüpft er in die Rolle von Niklas Sperber? Nik Sperber? Niklas … ach, verdammt!
   »Da fühle ich mich fast geschmeichelt.«
   Sie biss die Zähne aufeinander.
   »Natürlich hast du schon lange darüber nachgedacht. Wie es ist, mit mir zu schlafen«, behauptete er dreist.
   Mara fehlte schlicht die Spucke zu einer Erwiderung und schüttelte den Kopf. Arrogantes Arschloch!
   »Wie lange brauchst du für so eine Szene?«
   »Keine Sorge, das hat mich nicht lang beschäftigt, und danach habe ich mich übergeben.« Er sollte bloß nicht glauben, dass sie ihn beinahe so spannend fand wie ihren Buch-Macho.
   »Ich auch«, behauptete er, lachte aber und bewirkte damit das gleiche kribbelnde Gefühl wie vorhin bereits einmal. »Ich habe kurz überlegt, ob ich die Bücher verbrennen sollte.« Er sah zu ihr hinüber. »Warum schreibst du so was?«
   Mara sah aus dem Seitenfenster, bemüht, ihre innere Verwirrung in den Griff zu bekommen.
   »Du implizierst, dass es da Spielraum gibt.«
   Sie wollte es nicht, lenkte ihren Blick aber auf ihn. »Ivy hätte unter keinen anderen Umständen mit Nik geschlafen. Ich weiß, dass es grenzwertig ist.«
   »Sex sells, oder was hast du dir dabei gedacht?«
   »Was liest du so? Pornozeitschriften? Ich glaube, du bist nicht in der Lage, meine schriftstellerischen Fertigkeiten zu beurteilen.«
   »Nein, Lisa, vielleicht hättest du dir die Zeit lassen sollen, dich umzusehen.« Er rollte am Wegesrand aus. »Ich will nicht bestreiten, dass du unterhalten kannst. Deine Mittel sind nur daneben. Du hast mich praktisch zum Vergewaltiger gemacht.«
   »Nein. Nik hat in Die Schwarze Witwe aufgehört, und in Der Polizistenmörder hat er sie ausgetrickst. Es gibt keinerlei Gewaltanwendung«, verteidigte sich Mara widerwillig. Sie wollte nicht ausgerechnet mit Nik über Nik sprechen.
   »Das ändert nichts.«
   »Bitte, kannst du weiterfahren? Ich möchte nach Hause.«
   »Lisa …«
   »Kannst du nicht einfach das Geld nehmen und …?«
   »Nein«, unterbrach er sie so schnell wie sie zuvor ihn. »Ich will dein Geld nicht. Wenn du willst, dass ich den Mund halte …«, er zuckte mit den Schultern, »steig aus.«
   Arsch! Mara sah sich um.
   »Auf der Rückseite, hier ist es zu dunkel.« Er schnallte sich ab und stieg aus.
   Mara folgte gezwungenerweise. Ihr Blick haftete an der spärlichen Straßenbeleuchtung, und insgeheim war sie froh, dass er offensichtlich doch nicht ganz so ein mieser Kerl sein konnte, der sie an einer solchen Stelle aussetzte.
   »Hier entlang.« Sie gingen auf ein Haus zu.
   Ihr Herz schlug bis zum Hals, und der Mund war trocken. Er führte sie durch eine schmale Gasse zur Vorderseite des Hauses und hielt ihr eine Tür auf. Mara sah zur Straße. Ihr kleiner Flitzer stand nur ein paar Meter entfernt.
   Ihr Magen schlingerte. Erleichterung, schließlich war der Abend zu Ende, ohne das Schlimmeres passiert wäre. Sie war so erleichtert, dass sie ganz von selbst breit lächelte. Das Seufzen unterdrückte sie, schließlich war es gut so. Gut, dass sie nun nach Hause fuhr. Sehr gut! Sie hob das Kinn.
   »Da wären wir«, murmelte Niklas und warf einen verräterischen Blick zur Straße.
   Dachte auch er daran, dass sich ihre Wege nun trennen würden? Gut so! Und verstörend. Sollte er sie nicht auffordern, ihn nach oben zu begleiten? Von ihren Gedanken verunsichert, verpasste sie den richtigen Moment für die Bestätigung. »Äh.« Mehr Hauch als verständliches Wort. Sie folgte seinem Blick und rieb die Hände aneinander, befeuchtete sich die Lippen.
   Tschüss, war nett, sag es!
   Stattdessen kam ihr ein weiteres Ähm über die Lippen. Sie riss ihren Blick von ihrem Wagen los und betrachtete stattdessen ihren stummen Begleiter. Auch er sah sie an. Wieder ließ sie ihre Zunge über die Lippen huschen und öffnete den Mund, um sich zu verabschieden.
   Tschüss.
   Ein einfaches, klares Wort, und doch kam es nicht hinaus. Nichts brachte sie hervor, und das lag einzig an der Art, wie er sie ansah. Es erweckte dieses unterschwellige Gefühl, dass über den Abend hinweg einige Male aufgeflackert war. Ein Blick! Verrückt. Ihr Atem stockte, weil sich plötzlich ein Stock Hummeln in ihrem Magen breitmachte und wild durcheinanderflog. Sie spürte jeden einzelnen Flügelschlag.
   Sein Blick rutschte ab, legte sich auf ihren Mund, wodurch sich ihre Lippen wie ferngesteuert nur noch weiter öffneten. Ihr Herz überschlug sich. Küss mich. Sie senkte die Lider. Und riss sie wieder auf. Stopp! Küssen?
   Irritiert klappte sie den Mund zu. Wie kam sie nur auf so blöde Ideen? Sie atmete tief ein, presste ein Lächeln auf ihre Lippen und legte sich die Worte zurecht.
   Tschüss …
   Er hob eine Hand, was sie innehalten ließ. Spannung legte sich auf ihre Schultern, und sie streckte sie, wodurch sie auch das Kinn hob. Das Gesicht, und es war, als höbe sie sich seiner Berührung entgegen. Seine Fingerkuppen strichen federleicht über ihren Wangenknochen, über ihre Wange, hinab zu ihrem Kinn. Er legte seinen Daumen auf ihre Lippen, dass sie prickelten. Sein Atem streifte sie. Fast hätte sie gestöhnt, aber irgendetwas hielt sie zurück. Vielleicht ein letzter Rest Feingefühl? Takt? Wer wusste das schon, und wer wollte sich darüber den Kopf zerbrechen?
   Niklas zeichnete mit seinem Daumen die Konturen ihrer Lippen nach. Es fesselte seine Aufmerksamkeit ebenso wie ihre, aber anders. Während sie an sich halten musste, um keine verräterischen Laute auszustoßen, lag sein Blick einzig auf ihrem Mund. Seine Berührung prickelte, aber es war das Wissen um seine Wünsche, das daraus einen süßen Schauder machte. Sein Atem mischte sich mit ihrem, kurz bevor er seine Lippen über ihre gleiten ließ.
   Mara streckte sich ihm entgegen. Sie hielt die Spannung nicht mehr aus. Zwischen ihnen. In ihr. Erleichterung ließ sie seufzen, als sie einen Kuss auf seinen Mund hauchte. Einen Moment verharrte sie in der bloßen Berührung. Ihr Herzschlag polterte los. Sie musste ihn berühren. Ein kleiner Schritt, mehr war nicht nötig, dann lehnte sie bereits gegen ihn. Sie legte ihre zittrigen Finger auf seiner Brust ab und spürte nicht nur die Hitze seines Körpers, sondern zugleich den kräftigen Schlag seines Herzens. Ruhiger als ihres, aber bestimmt nicht in Ruhemodus. Sie musste grinsen. Ein verdammt anregendes Gefühl von Macht schoss durch ihre Adern. Sie schob ihre Hand in seinen Nacken und öffnete ihre Lippen. Die Berührung seiner Zunge elektrisierte sie. Der Schlag durchzuckte sie vom Scheitel bis zur Sohle und bewirkte eine merkwürdige Weichheit ihrer Knie. Wie zuvor sein Daumen fuhr er mit der Zunge über ihre Lippen, bevor er zwischen ihnen abtauchte. Sein Kuss raubte ihr den Atem, so gewaltig war der Sturm der Empfindungen. Ihr wild schlagendes Herz, die weichen Knie, die Gänsehaut, die sich über ihren Körper zog – und da war noch etwas. Etwas, was sie nicht benennen konnte. Es durchzog sie wie zuvor das Gefühl der Macht, nur, dass es tiefer lag und irgendwie in ihren Adern brannte. Sie krümmte die Finger, spürte sein Haar zwischen ihnen kitzeln und stöhnte an seinem Mund. Sie drängte sich an ihn. So heiß, wie er sich anfühlte, musste er etwas ausbrüten, Fieber haben und das nahe am Maximum. Oder war es tatsächlich sie, die schlicht brannte?
   Sein Kuss übermannte sie, dabei war er nicht halb so aggressiv wie gestern. Sie war es, die sich an ihn klammerte. Sein Arm lag locker um ihre Mitte geschlungen, die andere Hand an ihrem Gesicht. Sein Daumen streichelte ihr Kinn, während seine Finger nahe an ihrem Puls lagen. Ihrem rasenden Puls.
   Ihr schwindelte, als er seine Stirn an ihre legte. Sein Atem strich noch immer über ihre Lippen und ließen sie vor Sehnsucht prickeln. Sie hielt es nicht lange aus. Ihre Nase strich anregend an seiner vorbei, als sie das Gesicht anhob, um ihm einen weiteren Kuss auf den Mund zu pressen.
   Seine Finger glitten über ihren Hals, über die Schulter und am Arm hinab. Niklas ergriff ihre Hand und wisperte an ihren Lippen ein unverständliches Wort, bevor er sich löste.
   Mara bekam augenblicklich eine Gänsehaut und suchte seine Nähe. Sie wollte es warm und behaglich haben wie zuvor in seinen Armen.
   Seine Finger schlossen sich fester um ihre, als er sich abwandte. Sie folgte ihm schnell, schmiegte sich an seinen Rücken und schloss die Augen. Besser!
   Er trat einen Schritt vor, Mara folgte und leiser Ärger regte sich. Warum blieb er nicht stehen und hielt sie warm?
   Sie strauchelten über eine Stufe, die in der Dunkelheit nicht zu sehen gewesen war, selbst wenn sie geguckt hätte. Niklas fing sie ab, schlang einen Arm um ihre Mitte und schaffte sie sicher die Treppe hinauf. Mara kuschelte sich an ihn. Sie fühlte sich gut. Leicht und frei wie noch nie zuvor in ihrem Leben, und sie spürte ein Kichern in sich aufsteigen. Sie wollte völlig albern kichern. Und tanzen und küssen und … Das war nicht sie. Sie ging gerade völlig auf in ihrer Rolle als Ivy DeVine. Und nicht nur die Hitze in ihren Wangen bestätigte, wie wohl sie sich darin fühlte. Mike war weit weg. Michael auch.
   Niklas schob sie an eine Wand. Die Wohnungstür fiel zu, sie spürte die Vibration im Rücken. Auch hier brannte kein Licht, sie konnte gerade so seine Umrisse ausmachen. Er lehnte sich gegen sie, ließ sie jeden Zentimeter seines Körpers spüren. Besonders jene, die sich gegen ihren Unterbauch pressten. Ihr Herz stockte.
   Niklas neckte sie mit kleinen Küssen, die er in ihrem Gesicht verteilte. »Ich weiß, was ich mit dir tue.« Ihre Lippen verschmolzen miteinander, und damit zerrann auch die leise Irritation über seinen Ton. Er schob die Hände unter ihren Pullover. Sie glitten an ihrer Seite hinauf. »Ich weiß genau, was ich mit dir tun werde.« Er zog ihr den Pullover über den Kopf und ließ ihn fallen. Obwohl es nicht kalt war, legte sich eine eisige Schicht auf ihre Haut. Es war unangenehm und riss Mara aus ihrem selbstvergessenen Strudel.
   Niklas streifte ihr die Träger ihres BHs über die Schultern. Er beugte sich vor, hauchte einen Kuss auf ihre Lippen, während er die Cups hinabzog. »Komm.« Er fischte nach ihrer Hand und zog sie mit sich durch den dunklen Flur. Das Licht ging an, und Mara wandte geblendet den Kopf ab. Er zog sie weiter, drehte sie herum und löste den Verschluss ihres Büstenhalters. Seine Lippen drückten sich in ihren Nacken, hinterließen einen kühlen Film, der direkt verdampfte und ihr einen Schauder über den Leib jagte. Niklas umschloss ihre Brüste, knetete sie, aber nicht lang. Er stöhnte nahe an ihrem Ohr. »Lisa.«
   Er löste sich, und Kleidung raschelte. Mara warf einen scheuen Blick zurück. Er zog sich aus. Ihre Knie wurden weich.
   »Leg dich hin.«
   Sie musste sich setzen, grub die Finger in die Bettdecke, gelähmt vor Überraschung. Was tat sie hier?
   Niklas kniete sich vor sie. Das Licht warf einen Schatten in sein Gesicht, machte ihn düster, fast bedrohlich.
   Mara starrte ihn an, während er ihre Hose aufknöpfte und ihre Schuhe abstreifte.
   »Leg dich hin, Lisa. Hilf mir hier.« Er schob die Hose über ihre Hüften, wobei er seinen Blick über sie wandern ließ. Ein Runzeln huschte über seine Stirn. Er sah auf, direkt in ihre Augen, und das war verdammt ernüchternd. Und offenbarend, denn er zog die Brauen zusammen. »Alles in Ordnung?« Er kam hoch und rutschte ins Bett.
   Sie hob die Hände, um ihn davon abzuhalten, sie zu küssen.
   Er verkniff die Lippen, verengte die Augen und musterte sie. »Du willst nicht mehr.«
   Mara keuchte.
   Er fluchte und ließ sich auf den Rücken fallen.
   »Also gut, was machst du sonst so?«
   Irgendwie fürchtete sie, dass er es nicht einfach auf sich bewenden lassen würde. Verflixt, sie hatte deutlich gespürt, wie scharf er war. Eine fast nackte Frau im Bett zu haben, ließ doch kein Typ ungenutzt.
   »Du weißt ja, dass ich mich für Autos interessiere und für Sport. Fußball, Handball und Schwimmen aktiv, Eishockey nur passiv, wenn Zeit dafür ist.« Sie spürte seinen Blick auf sich, auch wenn sie ihren an die Decke gerichtet hielt.
   »Bitte?« Was sollte das nun? Er wollte doch nicht über Freizeitaktivitäten sprechen? Jetzt, nackt?
   »Hobbys, Lisa. Was machst du gern?« Er kam hoch und beugte sich über sie, ließ seinen Blick über ihr Gesicht wandern. Sein Daumen rieb über ihre Lippe und er sank ihr entgegen. Kurz vor der Berührung stoppte er. »Schreiben«, griff er auf und nahm auch die Hand von ihrem Gesicht. »Aber das wirst du als Arbeit sehen und nicht als Hobby.«
   »Was soll das?«, krächzte sie. Warum wollte er sich jetzt wieder unterhalten?
   Er zuckte die Achseln. »Ich möchte dich kennenlernen.«
   »Wozu?«
   »Du willst nicht mehr mit mir schlafen.«
   Sie brachte es nicht sofort über die Lippen, und eine verräterische Pause entstand. »Nein!« Eine Gänsehaut breitete sich über ihren Körper aus, und sie hob die Arme, um ihre Brust zu bedecken.
   Ein Grinsen huschte über seine Lippen. »Dann unterhalte dich mit mir.« Er streckte eine Hand aus und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, zog die Locke lang und zwirbelte sie zwischen Zeigefinger und Daumen. »Ich habe noch nie eine Frau mit derart roten Haaren kennengelernt.«
   »Du willst keinen Sex mehr? Dann hast du sicher nichts dagegen, wenn ich gehe!«
   Sie wollte aus dem Bett rutschen, beging aber den Fehler, dabei an ihm vorbei zu wollen.
   Niklas fing sie ab und schloss die Arme um sie. Er schmiegte sich an ihre Seite, seine Haut brannte an ihrer, und sie spürte seine Kraft. Augenblicklich stieg ihr Puls an, und ihr fehlte der Atem. Seiner strich über ihren Hals, »Ich will mit dir schlafen«, flüsterte er in ihr Ohr.
   Sie versteifte sich. O welches Dilemma! Aber es ging nicht. Sie durfte das nicht tun. Sie wollte es. Sie wollte es nicht. Ivy wollte es. Ach Mist, sie war einfach völlig durchgeknallt. Kleine Nadeln stachen über jeden nackten Zentimeter ihrer Haut. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?
   »Aber du bist viel zu nervös, um dich auf mich einzulassen. So sehr ich dich will, so nicht.«
   Mara drehte langsam den Kopf, um ihn ansehen zu können. Seine Augen hatten etwas Bezwingendes, und sie wandte schnell das Gesicht wieder ab. Sie schluckte. Es wäre zu einfach, einen fürchterlichen Fehler zu begehen. Sie ging besser. Auf der Stelle. Und sah ihn nie wieder. Schuldgefühle hin oder her. Er wollte ihr Geld nicht – und sie wollte ihn nicht. Der Frosch verstopfte ihren Hals und machte es schwierig, irgendetwas hervorzubringen.
   »Lisa«, raunte er. »Wie wäre es mit einem Drink?« Seine Nase rieb sacht an ihrem Ohr und ließ sie schaudern. »Magst du Wein?«
   Sie zog die Schultern hoch. »Ich werde nichts mit dir trinken.« Damit sie leichtsinnig wurde und ihm doch noch in die Arme sank? Davon konnte er gern träumen, passieren täte es nicht.
   »Es macht dich lockerer.«
   Sie schob ihn von sich. »Nik, ich ändere meine Meinung nicht.« Sie rutschte aus dem Bett und bückte sich nach ihrem BH.
   Er seufzte schwer und folgte ihr. »Möchtest du duschen?«
*

Niklas betrachtete sie nachdenklich. Er hatte keine Ahnung, was die Stimmung hatte kippen lassen und hoffte insgeheim, das Ruder noch einmal rumzureißen. Vermutlich wäre ein Kuss besser gewesen als eine Frage. Wenn er ihre Ernüchterung einfach ignoriert hätte, wäre sie vielleicht wieder abzulenken gewesen. Eine verpasste Chance oder nicht?
   Lisa bückte sich nach ihrem Schlüpfer. Sie schwankte in ihrer Eile, ihn überzustreifen, und gab Niklas einen Grund, sie zu berühren. Sie sah auf. Ihre Augen weit geöffnet und ihre Befürchtung nur zu deutlich abgezeichnet. Sie war hin- und hergerissen, und das war nicht unbedingt eine gute Erkenntnis. Er atmete gedehnt ein und lächelte sie an. Er hoffte, beruhigend auf sie einzuwirken, damit sie nicht kopflos floh. Die Strategie war einfach, schließlich wusste er, was er wollte und er wusste, dass sie es auch wollte. Zumindest in gewisser Weise, denn Kopf und Körper gingen bei ihr nicht Hand in Hand, sonst wiese sie ihn nicht mit Worten ab, während ihr Körper ganz andere Signale aussandte. Oder fantasierte er sich das zusammen?
   Ihre Lippen zitterten. Sie waren tiefrot, obwohl sie sicherlich kein Make-up trug.
   »Möchtest du duschen gehen?« Sie drehte sich, und sein Blick rutschte schnell an ihr herab. Sie gefiel ihm verdammt gut, nicht nur ihr außergewöhnliches Haar, auch ihr Körper hatte es ihm deutlich angetan. Obwohl sie sehr schlank war, gab es großzügige Rundungen. Niklas runzelte wieder die Stirn, als ihm erneut die blauen Flecken an den Hüften auffielen. Wenn ihn nicht alles täuschte, waren sie von ihm. Von gestern. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er so fest zugepackt hatte. Wenn er auch sonst zu grob gewesen war?
   Er räusperte sich. »Nach der Dusche wirst du dich besser fühlen.«
   Lisa biss sich auf die Lippe. In ihrer Miene arbeitete es. Sie war absolut unentschlossen und schlang beschützend die Arme um sich. »Ich gehe zu Hause …«
   »Du hast geduscht, bevor du gekommen bist. Hat er das nicht mitbekommen?« Er hatte, bei dem erschrockenen Ausdruck in ihrem Gesicht. »Du willst doch nicht, dass er was merkt, oder?« Sie senkte den Blick. Nach einem Moment schüttelte sie den Kopf. »Geh dich abduschen.« Er schob sie zum Bad. Lisa war ihm durchaus ein Rätsel. Zwar war es nicht schwierig, abzulesen, was sie wollte, aber ihre Ziele blieben ihm trotzdem verborgen. Sie wollte ihn doch. Sie hatten bereits miteinander geschlafen, das Kind lag also bereits im Brunnen. Wollte sie die Konsequenz nicht ziehen? Sie musste. Früher oder später musste sie eine Entscheidung treffen, und die sollte möglichst zu seinen Gunsten ausfallen. Er wollte diese Frau – zumindest in seinem Bett, auch wenn er sich nicht erklären konnte, weshalb er dermaßen auf sie abfuhr. Sie hatte ihm bisher nur Spott und Belästigung eingebracht. Seltsam, wie wichtig ihm das war, aber der Gedanke, seine letzte Chance zu vertun, sie zu halten, ließ sein Fleisch kribbeln. Und wo war eigentlich sein Wunsch geblieben, sich an ihr rächen zu wollen? Wollte er sie in sein Bett bekommen, nur, um sie später eiskalt abzuservieren und es ihr auf diese Art heimzahlen? So kannte er sich nicht – er kannte sich gerade überhaupt nicht wieder und bezwang sich, nicht herumzutänzeln oder die Knöchel zu knacken. Eine dumme Marotte, aber selbst die Lebensjahre halfen nicht, Gelassenheit zu wahren angesichts eines möglichen Verlusts. Sie sollte nicht gehen. Nicht so.
   Lisa stieg in die Kabine. Die Hitze des Wassers ließ die Wände beschlagen und verhüllte ihren Anblick. Sie blieb wesentlich länger als nötig unter der viel zu heißen Dusche. Sie war krebsrot, als sie schließlich wieder hervorkam. Und verschränkte die Arme vor der Brust, als sie ihn bemerkte. Niklas reichte ihr ein Badetuch.
   »Die blauen Flecke sind von mir, oder?«
   Sie runzelte die Stirn, und Niklas streckte eine Hand aus. Sie wich zurück, als er sie berührte. Er folgte und legte die Finger auf die dunklen Male an ihrer Hüfte. »Hier. Von gestern, oder?« Er glaubte nicht, eine Korrektur zu hören zu bekommen, und bekam ein Nicken. »Ich habe dir wehgetan. Warum hast du nicht gesagt, dass ich zu grob bin?«
   Sie befeuchtete sich die Lippen und hob an, etwas zu sagen, ließ es dann aber. Lisa hüllte sich in das Badetuch. »Weil es dir egal ist. Ich bin nicht Ivy. Ich bin Nadine.«
   Im ersten Moment konnte Niklas ihr nicht folgen. Nadine? Dann verband er die Informationsbrocken. Ivy. Er selbst hatte gerade noch die Szene im Kopf gehabt, in der Nik Ivy verführte und hatte genau dies auch mit Lisa anstellen wollen. Sie zunächst verwöhnen, um sich dann in ihr zu verlieren. Offenbar teilten sie da eine Fantasie. Allerdings mit den falschen Figuren im Kopf. Nadine war Niks Freundin, jene, die er so lange verfolgt hatte, bis sie völlig fertig zu ihm zurückkam.
   »Du benutzt mich nur.« Sie klang verdammt sicher.
   Niklas betrachtete sie einen langen Moment stumm und fragte sich für eine Sekunde, ob es nicht genau umgekehrt sein könnte, doch dafür wirkte sie zu unglücklich. Ihre großen grünen Augen leuchteten in ihrem geröteten Gesicht.
   Es lief langsam völlig aus dem Ufer. Sollte er ablenken oder auf sie eingehen? Vermutlich ließe er sie besser aussprechen, was sie umtrieb. Dann brauchte er nicht zu raten und konnte zielgerichteter handeln. Informationen. Wissen war ein unschätzbares Gut. Er lehnte sich gegen das Waschbecken und verschränkte die Finger im Schoß. Er betrachtete sie immer noch eingehend, um ihre Reaktion aufzunehmen. »Warum?«
   »Bequemlichkeit. Sie widersetzt sich nicht. Ist abrufbar.« Sie zuckte die Achseln und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht.
   Es juckte ihm in den Fingern, sie zurückzuholen. Ihr Haar war nass viel dunkler, und die Locken hingen sich aus. Schade eigentlich, er mochte das Wilde an ihnen, das Ungebändigte.
   »Kannst du bitte rausgehen? Ich mag nicht begafft werden.« Sie drehte ihm den Rücken zu und begann, sich abzutupfen.
   »Natürlich.« Niklas ließ sie allein. Er streifte sich im Schlafzimmer Jogginghose und Shirt über und bemerkte ihre Wäsche. Er klaubte Pullover und Hose auf und klopfte an der Tür zum Bad. »Lisa, deine Sachen.«
   Sie riss die Tür auf und die Kleidung aus seiner Hand. Sie stieg zittrig in die Hose und zog den Pullover über. Dann hob sie den Blick. Er sah ihr an, wie ungern sie sich mit ihm befasste. Lisa atmete tief ein.
   »Ich werde ihm sagen, was passiert ist«, flüsterte sie und hob das zittrige Kinn.
   Niklas nickte. Sollte er aussprechen, dass er dies für eine erstklassige Idee hielt? »Glaubst du, er wird dir verzeihen?«
   Ihre Lippen teilten sich, und ihre Augen wurden rund. Die Röte war aus ihrem Gesicht gewichen. Sie schüttelte den Kopf. »Es war das erste Mal! Es ist einfach passiert! Gott, ich wollte das doch nicht!«
   Niklas sortierte seine Gedanken und filterte seine Emotionen heraus. Es war besser, sachlich zu bleiben, oder? Allerdings war es natürlich ein brisantes Thema. »Würdest du ihm verzeihen, wenn er dich betrogen hätte?«
   »Ja!« Ihre Stimme war schrill, und sie machte einen kleinen Schritt auf ihn zu. »Natürlich! Wir sind Menschen und machen Fehler. Es ändert nichts an unseren Gefühlen füreinander.« Sie redete sich in Rage. Auf ihren Wangen erschienen zwei rote Punkte. »Eine Dummheit ist schnell geschehen, aber das bedeutet nichts!«
   Niklas bewunderte durchaus ihr Feuer, aber ihre Argumente waren schwach. Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich nicht.«
   Verwirrung huschte über ihr Gesicht. »Bitte?«
   »Wie sollte ich ihr jemals wieder vertrauen? Es würde mich zerfressen, die Vermutungen, die Ungewissheit. Die Eifersucht. Das lässt sich nicht kitten, Lisa.«
   Sie wurde blass und ihre Züge entgleisten. Da sprach er wohl ihre schlimmsten Befürchtungen aus. Eine Träne rollte über ihre Wange. »Nein, bei uns ist das anders! Wir lieben uns!«
   Arme Lisa. Sie schüttelte den Kopf, dass Tropfen aus ihren Haaren stoben.
   »Wir lieben uns!«, wiederholte sie, als müsste sie sich selbst davon überzeugen und nicht ihn.
   Niklas atmete tief durch. Da war sie, seine Chance, nur was machte er mit ihr? Wieder stellte er sich die Frage, ob er das alles nur verfolgte, um sie dann abblitzen zu lassen. War es Rache, die er wollte? Wollte er, dass sie sich ebenso verarscht vorkam wie er? Verletzt?
   »Was weißt du schon?« Sie ballte die Hände, und in ihren Augen glomm Ärger. »Ich sage ihm …« Sie brach ab, und ein Runzeln verdüsterte ihre Miene. »Ich sage …« Ihre Stimme brach, und sie schluckte. Sie hob das Kinn, trat auf ihn zu und befeuchtete sich blitzschnell die Lippen.
   Niklas wusste augenblicklich, dass ihm nicht gefallen würde, was sie nun sagte. Nicht, sag es nicht.
   »… dass ich es nicht gewollt habe!« Ihre Augen wurden größer, als erwartete sie den Gegenschlag.
   Niklas reagierte, bevor sich sein Gehirn einschaltete. »Das wagst du nicht.«
   Sie zuckte zurück, als hätte er sie geschlagen und torkelte gegen die Wand. Ihre Hände pressten sich mit abgespreizten Fingern an die Tapete.
   Am liebsten hätte er sie angebrüllt. Er tat ihr doch nichts! Es war nur in ihrem Kopf, aber er hielt sich zurück. Er sah sie an, bemüht, seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Er hatte nichts getan, dessen er sich schuldig fühlen müsste. In der letzten Nacht hatte er nicht einmal gewusst, dass sie nicht frei war, was ihn vielleicht davon abgehalten hätte, mit ihr zu schlafen. Vielleicht, denn eigentlich, und das wurde ihm erst in diesem Moment so richtig bewusst, war es ihm scheißegal. Michael war ihm scheißegal. Ob Lisa ihrem Freund treu war, war ihm völlig schnuppe!
   Niklas hob die Hände und trat einen Schritt zurück, um sie in Sicherheit zu wiegen. »Du willst behaupten, ich hätte dich vergewaltigt.« Er versuchte es sachlich, auch wenn eine Gänsehaut über seinen Körper kroch.
   Lisa war zu verängstigt, um gleich zu antworten, und er hielt ihr zugute, dass sie es überhaupt schaffte. Sie war nicht leicht einzuschüchtern, was er klasse fand. Jetzt musste sie nur noch verstehen, dass man gemeinhin sehr gut mit ihm streiten konnte. Er hatte Temperament, und er wurde vielleicht auch mal unnötig laut, aber sicher nicht gewalttätig und eher selten ungerecht.
   »Du hast mich abgefüllt«, klagte sie ihn an, immer noch an der Wand klebend, als wollte Lisa mit ihr verschmelzen. »Ich wollte gar nicht mitkommen.« Sie schluckte. »Ich …« Sie schloss die Augen. »Ich wollte das nicht.«
   Zumindest fiel es ihr schwer. Niklas ließ die Hände sinken. Das war eine Katastrophe, und die Worte, die er noch vor Kurzem an Markus gerichtet hatte, klangen höhnisch in seinen Ohren nach: Ich bringe mich nicht mehr in solche Situationen.
   Ach nein? Und was war dies hier?
   Er atmete tief ein. »Lisa, ist dir bewusst …«
   »Ich habe blaue Flecken. Du warst grob!« Ihre Stimme überschlug sich schrill. »Warum sollte man mir nicht glauben?« Ihre Augen wurden glasig.
   Niklas schüttelte den Kopf. Es brachte nichts, auf sie einzureden, dafür war sie einfach zu aufgewühlt. Aber er konnte sie so auch nicht gehen lassen. Sie würde noch zu der Überzeugung gelangen, dass es der beste, einzige, richtige Weg wäre, ihn anzuzeigen.
   »Du hast mich gezwungen, herzukommen«, wisperte sie und rutschte an der Wand zur Seite.
   Niklas schüttelte den Kopf. Komm zur Vernunft, Frau!
   Lisa umrundete ihn und schlüpfte in die Schuhe. Gewarnt vertrat er ihr den Weg und legte eine Hand auf die Klinke. Ihr Blick huschte über ihn.
   »Und das hier ist Freiheitsberaubung.«
   Niklas verkniff die Lippen. Sie war nicht Nadine. Sie war Ivy. Stark. Herausfordernd und mit verdammt spitzer Zunge. »Lisa, ich möchte, dass du dir sehr gut überlegst, was du als Nächstes tun möchtest.« Er klang viel ruhiger, als er war. »Du weißt, dass meine Aussage anders lauten wird. Ich werde deine Romane anbringen und wie du meinen Ruf zerstört hast. Ich werde sagen, dass es nur ein weiterer Versuch ist, mich fertigzumachen. Es lässt sich belegen, dass du mich kanntest. Wir besuchten dieselbe Schule. Wer weiß, sicherlich sind wir uns über den Weg gelaufen. In der Mensa, dem Schulhof, an der U-Bahn-Station …«
   »Das ist nicht wahr«, unterbrach sie ihn mit bebender Stimme.
   Vielleicht nicht, sicher konnte sie sich ebenso wenig sein wie er. Zwar glaubte Niklas, er würde sich an ein Mädchen wie sie erinnern, aber es war wahrscheinlicher, dass sie ihm nicht aufgefallen war, als dass sie einander tatsächlich nie über den Weg gelaufen wären. Er presste die Lippen aufeinander und starrte sie an. Sollte er es als Argument anbringen? Und diskutieren, wo sie bereits jenseits jeder Vernunft agierte? Herrje, allein die Drohung, ihn einer Vergewaltigung zu bezichtigen, war daneben. Irrsinn. Rufgefährdend, und zwar nicht nur für ihn. Es stände Aussage gegen Aussage und, verflixt noch mal, er hatte einen guten Leumund! »Ich habe dich nicht vergewaltigt, Lisa.«
   Widerstand flackerte in ihren grünen Augen. »Das sagst du.« Ihr Blick zuckte von seinen Augen zu seiner Hand.
   »Ich schlage vor …«
   »Ich will gehen«, unterbrach sie ihn. »Sofort!«
   Zwickmühle. Er konnte und durfte sie nicht zwingen, zu belieben, aber was richtete sie womöglich an, wenn er sie gehen ließ?
   »Können wir die Entscheidung über deinen nächsten Schritt vertagen? Du beruhigst dich und wir reden noch einmal darüber?«
   Ihr Blick wechselte erneut zwischen seinem Gesicht und seiner Hand. Ihre Atemfrequenz stieg an. Sie verfiel doch nicht in Panik? Niklas fluchte innerlich und öffnete die Tür. Sie musste verstehen, dass er sie nicht bedrohte. Er war nicht das frauenverachtende Arschloch, das sie kreiert hatte.
   Lisa trat schnell vor und wäre sicherlich im dunklen Flur verschwunden, wenn er sie nicht an ihren Schlüssel erinnert hätte. Sie hob das Gesicht ruckartig an, um seinem Blick zu begegnen.
   »Ich habe noch deinen Schlüssel«, wiederholte Niklas, wobei er die Zähne kaum auseinanderbekam. Sie sollte sich nicht vor ihm fürchten, das war nicht nur hinderlich, es war idiotisch. Selbst ihr Nik war keine Gefahr, denn wie sie selbst angeführt hatte, hatte er aufgehört, bevor es zu einer Straftat kam. Er handelte fragwürdig, manchmal verabscheuungswürdig, aber er war nicht brutal. Er fügte weder Ivy noch Nadine körperliche Schmerzen zu. Absichtlich.
   Niklas streckte eine Hand nach seiner Jacke aus, um den Schlüssel aus der Tasche zu holen. »Ich will dich sehen«, forderte er. »Ich will, dass du dich beruhigst und mit mir dann durchgehst, was eine falsche Anzeige bewirkt. Ich glaube, da fehlen dir noch Informationen.«
   Sie klappte den Mund zu. Ihre verdutzten Augen waren riesig.
   »Übermorgen?«, schlug er geduldig vor und drückte ihr die Schlüssel in die Hand. »Acht Uhr?«
   Sie blieb ihm eine Bestätigung schrecklich lang schuldig, starrte ihn nur an. Die Puzzleteile passten nicht, und sie wollte einfach nicht eingestehen, dass ihr Bild falsch sein könnte. Da wartete noch Arbeit auf ihn. Sie blinzelte wie in Trance und riss sich von dem Mysterium los.
   »Ich«, krächzte sie und hob die Hand mit dem Schlüssel, um sie an ihre Brust zu pressen, »kann nicht.«
   »Du musst.« Und das war ihm verdammt ernst. »Wir müssen über die Konsequenzen sprechen.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Ich muss gehen.«
   »Warte.«
   Sie stoppte direkt wieder.
   »Bitte.«
   Sie sah auf.
   »Übermorgen, acht Uhr.«
   Ein Nicken, und sie huschte hinaus. Wie erwartet lief sie durch den dunklen Flur.
   Er lauschte ihren Schritten, vernahm, wie die Tür ins Schloss fiel und drückte dann erst die Wohnungstür zu, um sich dagegenzulehnen. Verdammte Hacke, da hatte er sich ein ganz schönes Problem aufgehalst!
   Er musste grinsen, ihren Anblick vor Augen, wie sie ausgestreckt auf seinem Bett gelegen hatte. Zumindest war es ein verdammt schönes Problem.

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