Luna hat genug von den Männern. Erst betrügt ihr Freund Leon sie nach Strich und Faden, und dann läuft ihr auch noch dieser umwerfende Kerl über den Weg, der sich als Rockstar entpuppt. Doch Lunas Freundin Kiki, ein gebranntes Kind, warnt sie vor Mika: Küsse niemals einen Rockstar, denn die können nicht treu sein. Während Leon verzweifelt darum kämpft, sie zurückzugewinnen, und Mika seinen ganzen Charme spielen lässt, steht Luna vor der schweren Entscheidung: Soll sie an ihrer langjährigen Beziehung zu Leon festhalten, oder dem attraktiven, aber höchstwahrscheinlich flatterhaften Musiker eine Chance geben?

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ISBN: 978-9925-33-150-5

Seiten: 271

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Natascha Kribbeler

Natascha Kribbeler
Natascha Kribbeler wurde in Hamburg geboren. Ihr Herz gehörte schon früh der Sehnsucht nach der weiten Welt. Interessiert an Fotografie, Geschichte und fremden Kulturen, arbeitete sie in ihrem erlernten Beruf als Rechtsanwaltsgehilfin, bis die Familiengründung sie nach Bayern verschlug, wo sie heute noch mit Mann und Sohn lebt. Getrieben von Heim- und Fernweh begann sie mit dem Schreiben. Bisher wurden vier Teile ihrer Fantasy-Reihe über Jandor, den ersten Vampir, bei Forever by Ullstein veröffentlicht, ebenso eine zweiteilige Rockstar-Romance-Reihe. Mit „Rockerbraut“ startete ihre Rocker-Reihe bei bookshouse, die sich mit „Rockerschutz“ und nun mit „Rockerliebe“ fortsetzte. 

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Leseprobe

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Kapitel 1

Lunas tastende Hand griff ins Leere. Im Halbschlaf runzelte sie die Stirn, drehte sich auf die Seite und ließ ihre Finger weiter über das Laken wandern. Noch weigerte sie sich, ihre Augen zu öffnen. Es wäre doch so schön, sich noch ein wenig an Leons Brust zu schmiegen und weiterdösen zu können, bevor sie endgültig wach wurde.
   Aber das Bett neben ihr war leer.
   Erschrocken riss Luna nun doch die Augen auf und schloss sie sofort wieder, als das helle Sonnenlicht, das durch das Fenster ins Zimmer flutete, sie blendete.
   Leons Bett war unberührt.
   Wo steckte er?
   »Leon?«, rief sie wider besseres Wissen und lauschte. Vielleicht war er nur auf der Toilette?
   Nein. Er war gar nicht hier gewesen. Sein Bett war frisch gemacht.
   Ihr Magen ballte sich zu einem Knoten zusammen, als sie ihre Decke zur Seite warf und sich auf die Bettkante setzte. Furchtsam schienen sich die ins Zimmer fallenden Sonnenstrahlen zurückzuziehen, und ein Frösteln überlief sie. Verwirrt strich sie ihr Haar aus dem Gesicht. Warum war er nicht nach Hause gekommen?
   »Es kann ein bisschen später werden«, hatte er am Abend zuvor erklärt und sie nicht angesehen, während er seine Angelsachen zusammenpackte. »Ralf, Lukas und ich wollen für das Pokalangeln üben, und ich will diesen neuen Aal-Köder ausprobieren. Und Micha hat Geburtstag und will einen ausgeben. Du brauchst nicht auf mich zu warten, Liebes.«
   Rasch hatte er ihr einen Kuss auf die Lippen gehaucht und war aus der Tür, ehe sie etwas erwidern konnte.
   Nachdenklich nestelte Luna nach ihrem Top und streifte es sich über den Kopf. Der Knoten in ihrem Magen bewegte sich, als wollte er sie dazu ermuntern, weiterzugrübeln. Sie ahnte, nein, sie wusste, dass irgendetwas nicht stimmte.
   Dabei gab es, abgesehen vom Fehlen ihres Freundes, keinen Anlass zu einer derartigen Befürchtung. Es war Samstag, Wochenende! Lockend schickte die Frühsommersonne nun wieder ihre Strahlen durch das Fenster, und Luna konnte nicht widerstehen, stand auf und blickte hinaus. Der Himmel leuchtete wie blank geputzt. In den Beeten der Nachbarn blühten bunte Blumen. Die Passanten trugen ein Lächeln auf den Gesichtern. Zwei Nachbarinnen standen am Gartentor und unterhielten sich lebhaft.
   Es war perfekt. Und gerade das machte sie nachdenklich. Sie musste gähnen und streckte sich wie eine Katze, um die letzte Müdigkeit zu verscheuchen. Aber davon erwachte das dumpfe Grummeln in ihrem Magen erneut und begann sich auszubreiten. Sie kannte das. Irgendetwas würde heute geschehen, etwas Unerfreuliches, Negatives, das konnte sie spüren.
   Wo zur Hölle steckte Leon? Hoffentlich hatte er keinen Unfall gehabt. Vielleicht war er zu sich nach Hause gefahren? Ja, das musste es sein. Plötzlich lächelte sie und entspannte sich ein wenig. Warum war sie nicht gleich darauf gekommen? Noch wohnten sie ja nicht zusammen, noch wollte er sich seine eigene Bude nicht nehmen lassen. Zwar lebte er inzwischen meistens bei ihr, aber von Zeit zu Zeit trieb es ihn doch in seine eigenen vier Wände. Das versetzte ihr jedes Mal einen Stich.
   »Denk dir nichts dabei, Liebes«, beruhigte er sie stets, wenn sie auf das Thema zu sprechen kam. »Ich will mein ganzes Angelzeugs doch nicht in deiner schönen Wohnung deponieren.«
   Deine Wohnung. Meine Wohnung. Sie wollte endlich eine gemeinsame Wohnung mit ihm. Wünschte sich ein Namensschild mit ihren beiden Namen an der Tür. Und was seine Angelsachen betraf … Zum einen parkte er trotz seiner Aussage eine Menge Zeugs bei ihr. Zum anderen würde er sein Hobby vielleicht ja generell endlich reduzieren, wenn sie zusammenlebten. Wenn sie gemeinsam ihre Zukunft planten …
   Doch im gleichen Augenblick wusste sie, dass er das nicht tun würde. Nicht freiwillig. Nicht für sie. Für niemanden. Er war leidenschaftlicher Angler. Man könnte auch sagen, Dauerangler. Seine Mutter erzählte oft, dass er schon als kleiner Junge beinahe rund um die Uhr an irgendwelchen Gewässern gehockt hatte.
   Sie wollte ihm sein Hobby ja auch nicht nehmen. Aber ein klein wenig Rücksicht durfte sie doch erwarten, oder? Zumal sie wusste, dass keineswegs nur gefischt wurde. Auch das Bier machte die Runde, und der Whiskey und Wodka und …
   Und dann war da noch etwas. Aber darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Das war vorbei, er hatte es ihr versprochen.
   Und so hatte sie ihm auch in der vergangenen Nacht zähneknirschend erlaubt, auf Fischjagd zu gehen.
   »Die Aale beißen gerade wie verrückt! Aber nur nachts. Also wie gesagt, warte nicht auf mich, leg dich schlafen, wenn du müde bist.«
   Tja, was sollte sie darauf erwidern? Wenn er seinen Hundeblick aufsetzte, war sie machtlos.
   »Aber vergiss nicht, dass wir kommenden Samstag unseren Jahrestag haben!«, hatte sie ihn ermahnt.
   »An dem Tag gehöre ich ganz dir, mein Liebes!«
   Ob er sich eine Überraschung für sie ausgedacht hatte? Vielleicht kam daher ihre innere Unruhe. Sie würde ihn gleich mal anrufen. Im Grunde könnten sie ihren Plan, zusammenziehen, endlich einmal genauer besprechen. Der fünfte Jahrestag wäre doch ein idealer Anlass dafür.
   Voller Vorfreude ging sie ins Bad, fest entschlossen, heute keine Sorgen und düsteren Gedanken zuzulassen – und blieb wie angewurzelt stehen. In der Badewanne – in ihrer Badewanne! – tummelten sich zwei armdicke Aale. Fast reglos schwammen sie im handtiefen Wasser und ähnelten dicken Schlangen. Nur ihre Kiemen bewegten sich langsam und ihre dunklen Augen schienen Luna hämisch anzuglotzen.
   Oh, Leon! Schon hundertmal hatte sie ihm gesagt, dass ihre Badewanne keine Fischtheke sei. Kleine Köderfische hatten schon darin gelebt, zwei Dutzend, ein ganzer Schwarm! Sie war die Heimat von Aalen, Forellen und Karpfen gewesen. Und sie musste dann bei ihrer Freundin baden! Aber nun reichte es wirklich. Sie hatte sich auf eine schöne Dusche gefreut. Der Knoten im Magen wich ihrem Ärger und löste sich in Luft auf.
   Luna lief zum Telefon, wählte Leons Nummer und zählte mit. Beim elften Klingeln ging er ran.
   »Was hast du dir dabei gedacht?«, platzte sie heraus, bevor er seinen Namen ausgesprochen hatte.
   »Wieso? Ich war doch ganz leise, du bist nicht aufgewacht.«
   Luna schnappte nach Luft. »Darum geht’s doch gar nicht. Meine Badewanne ist doch kein Frischfisch-Aufbewahrungslager. Wo soll ich denn jetzt duschen? Leon, wir hatten dieses Thema doch schon zur Genüge …«
   »Gib mir eine Viertelstunde. Dann hole ich sie und du hast deine Badewanne wieder, okay?«
   Zähneknirschend legte sie auf.
   Gleich darauf klingelte das Telefon. »Wolltest du fragen, was du zum Frühstück mit…?«, fragte sie und lächelte. Ihr Ärger war schon wieder vergessen. Die Aale waren bald verschwunden, dann konnte sie in Ruhe duschen. Sie kannte das Procedere doch schon, es war kein Grund, sich das Wochenende verderben zu lassen.
   »Luna?« Ein lautes Schniefen. Dann ein noch lauteres Schnäuzen.
   »Kiki? Bist du das?«
   »Ja …« Lang gezogen und von einem Schluchzer unterbrochen.
   Sämtliche Alarmglocken schrillten los. Das war es! Daher ihr Magengrummeln – Kiki, ihre beste Freundin, hatte Kummer. »Was ist passiert?«
   »Tommy! Diese fiese, hinterhältige Ratte, dieser …« Lautes Weinen.
   Sicherheitshalber hatte Luna den Telefonhörer während Kikis Schimpftirade etwas vom Ohr entfernt. Nun wagte sie, sich ihm wieder zu nähern. Sie konnte sich schon denken, was geschehen war. »Was hat er gemacht?«
   »Was er gemacht hat?« Gerade noch rechtzeitig ging das Telefon wieder auf Abstand. »Er hat mir abgesagt«, schrie Kiki. »Gerade eben, am frühen Morgen! Ich soll heute nicht kommen. Kannst du dir das vorstellen? Und das, wo ich mir heute extra nichts anderes vorgenommen habe, um für ihn nach Bremen fahren zu können, zum Konzert seiner Band! Aber nein, heute passe es nicht gut, er wäre sehr beschäftigt. Ich kann mir schon vorstellen, womit! Oh, am liebsten würde ich ihn …«
   »Kiki! Beruhige dich doch erstmal! Wollen wir uns treffen? Oder bist du schon auf dem Weg nach Bremen?«
   »Nein, ich bin noch zu Hause. Nach dem Frühstück wollte ich losfahren.« Sie atmete laut hörbar durch. »Seit Wochen freue ich mich auf diesen Tag, weißt du? Und nun …« Ihre Stimme brach, als ihr wieder die Tränen kamen.
   Kiki tat Luna unendlich leid. Seit einem halben Jahr hatte sie eine Affäre mit einem Musiker. Tommy, der Bassist von Black Earth, einer Rockband. Einer angesagten Rockband. Seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, war Kiki hin und weg von ihm gewesen. Sie nannte das, was sie mit ihm hatte, eine Beziehung. Luna hatte es ihr nie gesagt, aber in ihren Augen war es nur eine Affäre. Und wie es schien, sah Tommy das genauso. Sie hatte ihn noch nicht persönlich kennengelernt, schade eigentlich. Bisher kannte sie ihn nur von Fotos und Kikis Schwärmereien. Verdammt gut sah er aus mit seinem dunklen, schulterlangen Haar und seinen vielen Tattoos. Das Schlimme aber war, dass er das ganz genau wusste. Und dass er diesen Umstand ausnutzte.
   Luna stellte den Lautsprecher an und nahm das Telefon mit ins Bad. Sie kannte ihre Freundin. Sie, Luna, würde nicht eher wieder zu Wort kommen, ehe sich Kiki all ihren Ärger und Frust von der Seele geschimpft hätte, und das konnte dauern. Während sie sich die Zähne putzte, fasste sie einen Plan. Heute würde sie den Spieß umdrehen. Heute wäre sie beschäftigt, und Leon konnte sehen, wo er blieb. Umso besser, falls er schon Pläne für heute gemacht hatte. Dann konnte sie sie durchkreuzen. Sonst war es immer Leon, der das tat.
   Für sie war heute der ideale Tag zum Shoppen mit Kiki. Das würde ihnen guttun. Shoppen half immer. Man kam auf andere Gedanken und stimulierte das Belohnungszentrum im Gehirn. Dabei wurden Glückshormone ausgeschüttet und …
   »Kiki, ich rufe dich gleich zurück, ja? Dann bin ich ganz für dich da.«
   Vor sich hin summend nahm sie einen Waschlappen aus dem Schrank und unterzog sich einer behelfsmäßigen Katzenwäsche. Dabei beobachtete sie die beiden Aale, die sich träge bewegten. Fast hatte sie Mitleid mit ihnen. Wenn sie wüssten, was ihnen blühte. Sicher hatte Leon vor, sie zu räuchern. Ganz kurz bedauerte sie, ihn angerufen zu haben. Viel besser wäre es doch gewesen, die beiden Tiere klammheimlich in einen Eimer zu verfrachten und in der Elbe freizulassen. Sie hätte zu gern Leons Gesicht gesehen, wenn er die leere Badewanne vorfand! Aber nun schaffte sie das nicht mehr. Grinsend ging sie in die Küche, schaltete den Wasserkocher an, kramte ihre Lieblingstasse aus dem Schrank – die mit den grünen Eulen – und warf eine Brotscheibe in den Toaster.
   Der Schlüssel bewegte sich im Schloss. »Morgen, Liebes«, rief Leon. Seine Stimme klang, als wäre er noch im Halbschlaf. Mit einem Eimer in der Hand kam er in die Küche.
   Wie er aussah! Dunkle Ringe unter den Augen, das Haar zerzaust.
   »Du hast wohl durchgemacht, was?«, fragte Luna spitz. Erstaunt bemerkte sie, dass sich erneut das Grummeln in ihrem Magen meldete. War er wirklich nur Angeln gewesen? Ein heftiger Stich durchfuhr sie.
   Denn Leon hatte noch eine Schwäche neben seiner fast schon fanatischen Leidenschaft zum Fischen. Er flirtete für sein Leben gern. Am liebsten mit sexy Blondinen. Luna schnaufte.
   Das Wasser brodelte, und betont langsam goss sie es über den Teebeutel in die Tasse.
   »Krieg ich einen Kaffee?«, brachte Leon heraus und ließ sich auf einen Stuhl plumpsen.
   »Nö.«
   »Was? Ach, komm schon, ich bin am Einschlafen.«
   »Seltsam, wie kommt das bloß?«, fragte sie ironisch. »Ich hab keinen mehr«, setzte sie hinzu. Das stimmte nicht. Aber etwas Strafe musste sein. »Einen Tee kannst du haben.«
   Er sah pikiert aus, als sie eine Tasse vor ihm hinstellte. Luna wusste, dass er Tee verabscheute. Still lächelte sie in sich hinein und zählte mit. Drei volle Löffel Zucker tat er hinein, um das Getränk für sich erträglich zu machen.
   »War das eine Nacht«, begann er.
   Den Eindruck hatte sie allerdings auch. »Wann warst du denn zu Hause?«, unterbrach sie ihn, ehe er begann, endlos über die vielen Fehlbisse, verhedderten Schnüre und verlorenen Köder zu schwadronieren.
   Aus dem Konzept gebracht verschluckte er sich am heißen Tee und hustete. »Äh … So gegen drei Uhr. Es war nicht sehr erfolgreich. Bis auf die beiden …«
   »Ja«, wandte sie lakonisch ein. »Mit denen hab ich ja schon Bekanntschaft machen dürfen.«
   Um drei Uhr? Und wieso sah er dann aus, als hätte er noch keine einzige Minute geschlafen? Was hatte er in den Stunden seitdem gemacht?
   »Zu dumm, dass meine Wanne belegt ist«, sagte sie süffisant. »Du könntest ein Bad gebrauchen.« Sie schaffte es gerade noch, nicht die Nase zu rümpfen, als sie ihn vielsagend musterte.
   »Ja, schon gut, ich hab’s ja kapiert. Das war das letzte Mal, dass ich meine Fänge bei dir ablade. Also dann«, er stand auf. »Ich nehme sie jetzt mit. Sehen wir uns nachher?«
   Also hatte er keine Pläne für ein gemeinsames Wochenende geschmiedet. »Nein.«
   Erstaunt fuhr sein Kopf hoch. »Nicht? Aber warum?«
   »Ich hab schon was vor.« Seltsam. So gut fühlte es sich gar nicht mehr an. Sie empfand keinen Triumph bei diesen Worten.
   Leons Blick wurde etwas wacher, als er sie musterte. »So? Und wann wolltest du mir davon erzählen? Ich bin davon ausgegangen, dass du zu Hause bist und wir nachher …«
   »Ja, so wie immer, oder? Du bist bis in die Puppen unterwegs, und ich warte schön brav zu Hause, bis du dich endlich bequemst, Zeit für mich zu haben.«
   »Was ist denn auf einmal los mit dir? Bisher hattest du doch kein Problem damit.«
   »Woher willst du das denn wissen? Ich hab bisher nur nichts gesagt. Aber heute ist es eben mal so. Du warst die ganze Nacht weg. Und jetzt bin ich verplant.« Doch, nun tat es doch gut, diese Worte auszusprechen.
   »Was hast du denn vor?« Das klang nur mäßig interessiert. Wahrscheinlich ging es ihm eher gegen die Ehre, dass sie sich ohne ihn amüsieren wollte, als dass es ihn wirklich interessierte.
   »Kiki und ich wollen shoppen gehen.« Warum zum Teufel verriet sie ihm das? Er sollte ruhig ein wenig in der Ungewissheit schmoren. So wie sonst sie, wenn er unterwegs war. »Sie hat Ärger mit ihrem Typen. Wir wollen uns mal ein bisschen über die miesen Kerle auslassen.« Sie konnte es einfach nicht lassen.
   »Warum sucht sie sich auch nicht endlich mal einen anständigen Mann? Der einer geregelten Arbeit nachgeht und ihr ein verlässliches Leben bietet.«
   »So einen wie dich?« Vielsagend zuckte Lunas Augenbraue nach oben.
   Leon wurde rot. »Schade«, wechselte er das Thema. »Ich dachte, wir könnten zusammen essen gehen.«
   War das etwa der Anflug eines schlechten Gewissens, der sie durchfuhr? Also hatte er sich doch etwas überlegt. »Vielleicht heute Abend?«, schlug sie diplomatisch vor. »Wir könnten mal wieder zum Chinesen gehen.«
   »Okay.« Er stand auf. »Wo wollt ihr denn heute hin?« Die Frage klang ganz beiläufig.
   »Nach Harburg. Da waren wir lange nicht.« Wieso hatte sie das gesagt? Sie hatte nicht vor, nach Harburg zu fahren. Heute wollte sie den Sonnenschein an der Alster genießen und über den Jungfernstieg schlendern, ganz mondän.
   »Ach so. Na, dann viel Spaß. Ich ruf dich später an.« Er wandte sich ab, um ins Bad zu gehen. Doch in der Tür wandte er sich noch einmal um. »Ach ja, bevor ich es vergesse.«
   »Was denn?« Plötzlich schrillten bei Luna sämtliche Alarmglocken noch stärker als zuvor und das mulmige Gefühl im Magen, mit dem sie aufgewacht war, meldete sich mit voller Macht zurück.
   »Also, äh … Ich wollte dich etwas fragen. Aber sei nicht gleich sauer! Ich …, na ja, also …«, druckste er herum.
   »Was denn?« Sie konnte es sich schon denken. Immer wenn er diesen Tonfall anschlug, wollte er zum Angeln. Mal zum Nachtangeln mit Tobias. Mal zum Pokalangeln mit Stefan und den anderen. Oder zum Hochseeangeln. Oder zum Forellenfischen am neuen See.
   »Also … Ralf hat mich gefragt, ob ich Lust hätte …«
   »Ja?« Sie war auf alles gefasst.
   »Am Wochenende fährt er nach Dänemark zum Hochseeangeln. Es geht auf Makrele.«
   Sie hatte es ja gewusst. »Wann denn genau? Samstag oder Sonntag?« Dänemark war ja von Hamburg aus nicht gerade eine Weltreise. Wenn es der Sonntag war, wäre sie nicht begeistert, aber wenigstens könnten sie am Samstag ihren Jahrestag feiern.
   Leon sah sie nicht an, sondern fixierte einen Punkt irgendwo hinter ihr. »Genau gesagt von Donnerstagabend bis Sonntagabend.« Zog er gerade die Schultern ein? Erwartete er ein Donnerwetter? Da hatte er sich nicht getäuscht!
   »Seid ihr verrückt? So lange? Und dann ausgerechnet am kommenden Wochenende? Das ist jetzt aber nicht dein Ernst!«
   Luna war so empört, dass sie nach Luft schnappen musste.
   Verlegen wich Leon ihrem bohrenden Blick aus und fuhr sich durch sein dichtes blondes Haar. »Es tut mir wirklich leid, Liebes. Ich habe es auch erst gestern Abend erfahren. Aber ich kann das nicht absagen, ich muss da unbedingt mit. Ich mache es wieder gut, das verspreche ich dir!«
   »Ach ja?«, fauchte Luna, und Leon wich erschrocken ein Stück zurück. »Wie soll das gehen? Wir haben nur an diesem Tag unser Fünfjähriges. Und du bist nicht da. Das sagt doch schon alles!« Sie war sauer, wirklich sauer!
   »Wir können es doch nachholen. Ich lade dich zum Essen ein. Vielleicht in das neue Steakhouse in Othmarschen, was meinst du? Bei einem guten Wein und Kerzenschein? Such dir einfach aus, wo du hinwillst.«
   Glaubte er wirklich, dass er so billig davonkam? Ausgerechnet an ihrem fünften Jahrestag wollte er sie allein lassen, um zu diesem dämlichen Hochseeangeln anzutreten! Als ob er da nicht schon oft genug gewesen wäre.
   Prüfend betrachtete sie ihn, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Die Spuren der Übermüdung in seinem Gesicht ließen ihn nicht weniger gut aussehen. Er sah sogar sehr gut aus. Selbst seine zerknirschte Miene stand ihm hervorragend. Er war groß und muskulös, seine Haut von den vielen Aufenthalten im Freien sonnengebräunt. Sein blondes Haar war von seinem verlegenen Darinherumwühlen zerzaust, und sein sonst so typisches Spitzbubenlächeln fehlte. Aber gerade dass er nicht lächelte, sorgte dafür, dass sie im Begriff war, einzuknicken, denn es schien ihm wirklich ernst zu sein. Sie spürte, dass sie kurz davor war, nachzugeben, und das ärgerte sie fast noch mehr als seine Eröffnung.
   Diese blöde Angelei! Wie viel Zeit hatte sie ihnen schon geraubt?
   Die Gedanken rasten durch Lunas Kopf. Ihr Fünfjähriges hatte sie sich wirklich anders vorgestellt. Ehrlich gesagt hatte sie davon geträumt, für ein paar Tage mit Leon wegzufahren. Irgendwo ins Grüne. Vielleicht in die Berge. Hauptsache, es gab dort kein Wasser. Und dann konnte sie in romantischer Umgebung ihre Zukunftspläne mit ihm besprechen. Eine gemeinsame Wohnung. Eventuell eine Hochzeit. Kinder …
   »Komm schon, Liebes. Bitte! Ich verspreche dir, dass wir unseren Tag dann am Sonntagabend ganz besonders schön feiern!«
   Sie schwieg immer noch. Er sollte schon noch ein wenig zappeln.
   »Ich wollte es dir ja noch nicht sagen. Es sollte eine Überraschung werden. Aber … ich hab noch was Schönes für dich. Extra für unser Jubiläum.«
   Als sie in Leons flehende blaue Augen sah, fühlte Luna, dass sie schon wieder schwach wurde. Dass sie ihm aber auch nie etwas abschlagen konnte!
   »Was denn?«, fragte sie neugierig.
   Er hob abwehrend seine Hände. »Das kann ich dir doch jetzt noch nicht sagen, dann ist es ja keine Überraschung mehr. Aber du wirst Augen machen, versprochen.«
   »Also gut. Aber wehe, du bist Sonntag nicht rechtzeitig zurück!«
   »Ich verspreche es! Ich werde doch die tollste Frau der Welt nicht versetzen!«
   Er stellte den Eimer hin und nahm sie in die Arme. Sie versteifte sich ein wenig, denn er roch nach Zigaretten und altem Fisch. Und nach Alkohol. Etwas störte sie. Etwas, das sie nicht einordnen konnte, das aber am Rande ihres Bewusstseins lauerte und sie hämisch angrinste. Das Brummeln in ihrem Magen erwachte erneut. Nie im Leben war er um drei Uhr zu Hause und in seinem Bett gewesen. Er machte eher den Eindruck, als wäre er vom Angeln – oder vom Feiern – direkt zu ihr gekommen, ohne auch nur eine Minute geschlafen zu haben. Aber es war doch schon lange hell. Und er hatte oft genug betont, dass die Fische zu beißen aufhörten, sobald es hell wurde. Weshalb ja auch das Nachtangeln so wichtig sei.
   Ein anderer unangenehmer Geruch riss sie aus ihren Gedanken, und sie machte sich von Leon los. Verdammt, der Toast! Schnell riss sie am Hebel, und ein schwarz verkohltes Etwas sprang in die Höhe. Sie packte es vorsichtig mit zwei Fingern und verbrannte sich dennoch. Schnell schmiss sie es in die Spüle und schüttelte ihre Hand, um sie zu kühlen. Sie brauchte dringend einen neuen Toaster. Bei ihrem war die Automatik kaputt, und sie musste das Brot immer manuell aus dem Gerät hebeln. Ärgerlich warf sie eine neue Scheibe ein. Sie wusste, warum sie plötzlich so wütend war. Schon wieder war sie eingeknickt. Immer wieder gab sie nach. Warum war sie ständig so gutmütig? Nein, wohl eher blöd.
   Im Badezimmer plätscherte Wasser, und sie hörte Leon leise fluchen. Sie wusste, wie glitschig Aale waren. Rutschig wie nasse Seife flutschten sie einem durch die Finger. Hoffentlich hatte er die beiden bald eingefangen. Sie liebte sie geräuchert oder gebraten, aber nicht lebend in ihrer Wanne.
   Rasch wählte sie Kikis Nummer. Während der Redepause schien sich ihre Freundin beruhigt zu haben. Sie brach sofort in Begeisterungsstürme aus bei Lunas Vorschlag, gemeinsam shoppen zu gehen.
   »Dass ich das noch erleben darf!«, schrie sie enthusiastisch, aber Luna hörte immer noch die Tränen in ihrer Stimme. »Ich bin gleich da! Und nicht weglaufen!« Der Anflug eines schlechten Gewissens streifte Luna. Sie sahen sich viel zu selten. Selbst wenn Leon unterwegs war, verbrachte sie ihre Zeit meist damit, auf ihn zu warten. Ab heute waren diese Zeiten vorbei, das schwor sie sich.
   Wie auf Kommando erschien er wieder in der Tür. »Ich habe sie. Also gut, ich gehe dann jetzt.«
   »Wieso hast du sie eigentlich nicht in deine eigene Badewanne gesetzt?«
   Er druckste ein wenig herum. »Die ist voller Köderfische.«
   Oje! Und dabei hatte er dringend ein Bad nötig. »Also gut. Kiki kommt gleich. Du rufst an, ja? Wegen heute Abend und dem Chinesen. Und du kannst vorher bei mir baden, wenn du willst.« Schnell sah sie weg.
   Wenn er sie weiter ansah wie ein verlassener Welpe, knickte sie nachher doch noch ein und sagte Kiki wieder ab. Sanft, aber energisch schob sie ihn durch die Tür.
   »Krieg ich noch einen Kuss?« Sein Hundeblick brachte sie zum Lächeln. Wenn er wollte, konnte er unwiderstehlich sein. Sogar in schmutzigen Angelklamotten. Sie beugte sich vor, um nicht damit in Berührung zu kommen, und spitzte die Lippen. Sein Kuss schmeckte nach ihrem Tee. Und nach etwas anderem, das sie nicht definieren konnte. Erneut spürte sie, wie etwas sie aus einer dunklen Ecke heraus höhnisch angrinste, aber sie bekam es nicht zu fassen. Es entglitt ihr wie ein Aal. Und nun hatte sie ja schon etwas anderes vor. Für einen Augenblick bedauerte sie ihre Verabredung. Andererseits konnte es nicht schaden, wenn Leon auch einmal merkte, dass sie es nicht nötig hatte, ständig auf ihn zu warten.
   Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie sich etwas beeilen musste. Sie schloss die Tür hinter Leon, eilte in die Küche, schmierte Butter auf den inzwischen kalten Toast, legte eine Scheibe Käse drauf und nahm einen großen Happen. Sie könnte nach einigen neuen T-Shirts Ausschau halten. Vielleicht auch nach einer neuen Jeans. Und dann brauchte sie unbedingt die neue CD von Darkest Nights. Bester Heavy Metal. Mit einem Mal war ihr nach guter Musik zumute. Nach lauter Musik!
   Eilig stopfte sie sich den Rest Brot in den Mund und lief ins Schlafzimmer. Gleich kam Kiki, und sie trug immer noch das alte Top und die Schlafanzughose. Nachdem sie sich umgezogen hatte, bürstete sie ihr braunes Haar, wühlte nach ihrem Kajal, tuschte sich die Wimpern und trug Rouge auf. Nur ein wenig. Sie war viel zu hibbelig für ein stets perfektes Make-up. Lippenstift verschmierte nur Tassen und Gläser. Was Lidschatten betraf, hatte sie ein unfehlbares Talent dafür, ihn zu verwischen, weil sie vergaß, wenn sie welchen trug, und sich gedankenlos über die Augen strich. Für einen perfekten Lidstrich war ihre Hand nicht ruhig genug. Selbst die Wimperntusche war ein Wagnis. Aber all das störte sie nicht. Sie war eben mehr der natürliche Typ.
   Es klingelte, und vor der Tür stand eine übernächtigte Kiki. Ihre Augen strahlten schon wieder, wie Luna es von ihr kannte, auch wenn dunkle Schatten unter ihnen lagen. Ihre blonden Locken wirbelten aufgekratzt herum. »Ich freu mich so! Wir waren schon ewig nicht mehr zusammen unterwegs. Du hast ja nie Zeit für mich. Na ja, wenn ich ehrlich bin, habe ich dich in den letzten Monaten auch ganz schön vernachlässigt. Alles wegen diesem Deppen … Nein, keine Angst, ich fange nicht schon wieder davon an, das Thema ist durch. Kennst du schon den neuen Song von Darkest Nights? Der ist sooo klasse!«
   Grinsend packte Luna ihre Tasche, schob ihre Freundin aus der Wohnung und schloss die Tür ab. Sie hatte sich angewöhnt, die ersten fünf Minuten immer nichts zu sagen. Vorher konnte man Kikis Redefluss ohnehin nicht stoppen.
   Draußen sog sie die nach Blumen und frisch gemähtem Gras duftende Luft in ihre Lungen und lief neben Kiki her zur Bushaltestelle. Es war ein ganzes Stück in die Hamburger Innenstadt, aber um nichts in der Welt würde sie ihre kleine Wohnung am Stadtrand aufgeben. Sie wohnte in Finkenwerder, unweit des Alten Landes, ländlich und doch in Stadtnähe zugleich.
   Im Bus plapperte Kiki weiter. »Hast du schon gehört? Darkest Nights kommen auf Tour! Und sie haben einen neuen Gitarristen. Schade, dass Julian raus ist. Der war so süß!«
   Luna sah ihre Freundin nachdenklich an. »Ich dachte, du hast von Musikern die Nase voll?«
   »Hab ich auch! Aber man wird ja wohl mal schwärmen dürfen. Julian hatte so tolle lange Haare, und wie er spielen konnte! So einen guten Gitarristen wie ihn kriegen sie bestimmt nicht wieder.«
   »Weißt du schon, wer der Neue ist?« An Luna gingen solche Neuigkeiten meist vorbei, weil sie in ihrer Freizeit fast immer mit Leon beschäftigt war. Aber Kiki war stets auf dem neuesten Stand.
   »Nein. Sie machen ein Geheimnis draus. Ich bin schon so neugierig!«
   »Wie geht es jetzt eigentlich mit Tommy weiter? Wann seht ihr euch wieder? Oder willst du nicht mehr?«
   Kikis Kopf ruckte hoch, und ihr Lächeln erstarb. »Nein. He, der hat mich einfach abserviert, obwohl ich mich seit Wochen auf heute gefreut habe.«
   »Vielleicht passt es ja heute wirklich nicht gut?«, wandte Luna vorsichtig ein. »Könnte doch sein, dass sie eine wichtige Besprechung mit der Band haben, oder vielleicht mit einem von der Plattenfirma oder so. Oder ein Interview mit der Presse.«
   Luna bedauerte, Tommy niemals persönlich gesehen und kennengelernt zu haben. Sie hätte gern gewusst, ob er wirklich so toll war, wie Kiki stets erzählt hatte. Hätte gern erfahren, was seine Anziehungskraft ausgemacht hatte. War es nur sein gutes Aussehen gewesen? Oder hätte er auch ihr gefährlich werden können? Natürlich nur, wenn er nicht mit Kiki zusammen gewesen wäre. Und sie mit Leon.
   Bisher war sie auf keinem Rock- oder gar Metal-Konzert gewesen. Leon stand nicht auf Konzerte, ja, er machte sich überhaupt nichts aus Musik. Und so war Kiki entweder allein oder mit anderen Freunden hingegangen. Dabei hatte sie Tommy kennengelernt. Er kam aus Berlin, und es hatte gefunkt. Jedenfalls bei Kiki. Immer wenn Luna mit ihr telefonierte, gab es nur ein Thema. Schließlich hatte Kiki mit ihm geschlafen und glaubte nun mit ihm zusammen zu sein. Bis heute Morgen.
   »Und wenn schon! Das wäre doch kein Grund, mich so abzukanzeln. Oh, ich hasse Rockstars! Nie wieder werde ich einen Musiker an mich heranlassen«, fuhr Kiki lautstark fort. »Und ich gebe dir einen guten Rat, Luna: Küsse niemals einen Rockstar! Es ist wie der Himmel auf Erden –, aber wenn du fällst, dann aus großer Höhe. Und dass du fällst, darauf kannst du dich verlassen. Die können einfach nicht treu sein. Wenn du einen Rockstar küsst, kannst du dir sicher sein: Er wird dein Herz brechen! Ach, was sage ich. Er wird es dir herausreißen, bei lebendigem Leib!«
   Unvermittelt weinte sie wieder. Luna legte tröstend den Arm um sie. Es gab kaum etwas Schlimmeres als eine Freundin mit Liebeskummer, während man selbst in einer glücklichen Beziehung steckte. Ohne Drama.
   Während sie das beschauliche Finkenwerder durchquerten und schließlich auf die Autobahn auffuhren, dachte sie an Leon. Was für ein Glück sie mit ihm hatte! Er hatte einen festen Job als Elektriker, und sie führten eine stabile Beziehung ohne besondere Höhen oder Tiefen, aber dafür auch – abgesehen von ihren gelegentlichen Streitereien wegen seiner Angelei – ohne Probleme. Ob er sich endlich schlafen gelegt hatte? Er musste doch völlig übermüdet sein.
   Im gleichen Augenblick wusste sie, dass sie sich etwas vormachte. Ihre Beziehung war keinesfalls problemlos. Aber in dieser Hinsicht fiel es ihr stets schwer, ehrlich zu sich selbst zu sein. Wenn sie es aber war, musste sie zugeben, dass ihr seine ständige Angelei wirklich extrem auf die Nerven ging. Nicht gerade selten war auch Alkohol im Spiel. Und wenn er ganze Nächte weg war, hatte sie sich schon oft Gedanken gemacht, ob er wirklich nur angelte. Und diese Bedenken waren nicht aus der Luft gegriffen. Auch wenn sie sich Mühe gab – sie konnte einfach nicht vergessen, was da vor einem Jahr gewesen war, mit dieser Blonden … Wie hieß sie noch? Claudia? Sie hatte es völlig verdrängt. Nein, sie hatte versucht, es zu verdrängen. Aber vergessen konnte sie es nicht.
   Laut Leons Aussage war sie die Exfreundin eines Anglerfreundes. Bei einem der vielen Pokalangeln war sie als Zuschauerin dabei gewesen und hatte ihn angehimmelt, und er war schwach geworden. Ein einmaliger Ausrutscher. Das hatte er ihr aber nicht von sich selbst aus gestanden. Nein, Luna hatte blonde Haare auf seinem Pullover gefunden. Natürlich war sie sofort misstrauisch geworden und hatte ihn mit Fragen gelöchert. Schließlich hatte er ihr alles gebeichtet. Sie hatte ein paar Tage geschmollt und ihm dann verziehen. Vergessen hatte sie die Sache jedoch nicht. Aber inzwischen vertraute sie ihm wieder. Seit fünf langen Jahren waren sie zusammen und wussten, was sie aneinander hatten. Und sie wusste, dass er sie liebte.
   Auch wenn er es ihr noch nie so direkt gesagt hatte.
   »Leon?«
   »Was?« Verwirrt blinzelte Luna Kiki an.
   »Du grübelst schon seit Minuten herum und hörst mir nicht mehr zu. Was ist los?«
   Plötzlich hätte Luna heulen können. »Nächste Woche ist unser Jahrestag. Fünf Jahre sind wir schon zusammen, kannst du dir das vorstellen?«
   Kiki sah Luna prüfend an. »Das ist doch ein Grund zur Freude. Du wirkst aber gerade alles andere als glücklich.«
   Luna lachte bitter. »Ja, es ist ein freudiges Ereignis, ein Grund, Zeit miteinander zu verbringen, zu feiern, nicht wahr? Aber was meinst du wohl, wo Leon stattdessen sein wird? Beim Hochseeangeln! Er fängt lieber glitschige Fische, statt mit mir zusammen unser Jubiläum zu feiern!«
   Hatte sie gerade noch gedacht, dass sie eine problemlose und glückliche Beziehung führte? Nun, in seinen Augen ganz sicher. Sie nahm alles hin, egal, was er tat. Aber wo blieb sie dabei? Sie wartete. Sie lag allein in ihrem Bett. Sie verbrachte ganze Wochenenden allein. Nun, mit Mitte 20, erwachte langsam der Wunsch nach einem Familienleben in ihr. Einige ihrer Freundinnen waren bereits verheiratet, ein paar davon hatten sogar schon ihr erstes Baby. Und sie? Sie hockte allein zu Hause. Nicht nur manchmal. Oft. Eigentlich fast immer. Es wurde Zeit, dass sie sich das endlich eingestand. Ständig machte sie gute Miene zum bösen Spiel. Nahm Leon in Schutz, damit bloß niemand auf blöde Gedanken kam, bei ihnen könnte etwas nicht stimmen. Für ihre Umwelt gehörten sie zusammen, würden eines Tages heiraten und eine Familie gründen. Erzählungen über Brüche oder Risse in ihrer Beziehung würden nur zu Fragen führen. Fragen, die sie nicht würde beantworten können. Das wusste sie. Und deshalb schwieg sie lieber.
   Nur Kiki kannte alle Hintergründe. Mitfühlend legte sie Luna ihre Hand aufs Knie. »Der Typ ist eben ein Idiot. Das hab ich dir ja schon mehr als einmal gesagt, Süße. Komm schon, lassen wir uns von irgendwelchen Typen nicht den Tag verderben. Wir beide machen es uns jetzt schön. Es ist Samstag und die Sonne scheint. Kopf hoch!«
   Mühsam lächelte Luna. Kiki hatte ja recht. Kein Kerl der Welt würde ihr diesen wunderschönen Tag verderben. Und schließlich war alles ja auch gar nicht so schlimm. In jeder Ehe oder Beziehung gab es Probleme, das war doch völlig normal. Da musste man durch. Wenn jemand einen Grund zum Jammern hatte, dann war es Kiki. Und selbst diese klagte nicht mehr, sondern versuchte, das Beste aus der Situation zu machen. Sie sollte sich ein Beispiel an ihr nehmen. Entschlossen straffte Luna die Schultern und lächelte.
   In Altona stiegen sie aus dem Bus und fuhren noch ein paar Stationen mit der S-Bahn bis zum Jungfernstieg. Heute wollten sie es zur Feier des Tages einmal ganz edel angehen lassen.
   Stundenlang stöberten sie durch Boutiquen, Schuhgeschäfte und natürlich Elektroläden auf der Suche nach CDs. Sie führten einander Shirts und Schuhe vor, zeigten einander Bücher und DVDs. Zu Mittag aßen sie ganz hervorragend in einem sündhaft teuren Restaurant, mit Blick auf die in der Sonne glitzernde Alster. Keinen Fisch! Auch wenn der gebratene Lachs Luna sehr lockte. Nein, sie gönnte sich ein Steak, medium gebraten, mit einer Ofenkartoffel. So gestärkt ging der Bummel anschließend weiter durch einige Kaufhäuser. Luna fühlte sich mit der Welt wieder versöhnt.

Kapitel 2

»Luna, schau doch mal!«
   Kiki stupste so heftig ihren Ellenbogen, dass der Latte macchiato im Pappbecher hochschwappte und zu viel davon auf einmal in Lunas Mund geriet, die gerade ein kleines Schlückchen nehmen wollte. Sie verschluckte sich und begann zu husten. Vorwurfsvoll sah sie ihre Freundin an, als sie wieder Luft bekam.
   »Da hinten!«, wisperte Kiki verschwörerisch und rollte mit den Augen, um mit ihnen die ungefähre Richtung des großen Geheimnisses anzudeuten.
   Instinktiv ging Luna hinter ihrer Freundin in Deckung, nur ein klein wenig, um kein Aufsehen zu erregen, und blinzelte in die angegebene Richtung. Ein gut besuchtes Café mit Blick auf das Rathaus. Sie kannte es. Gemeinsam mit Leon hatte sie schon einige Male dort einen Cappuccino getrunken. Circa ein Dutzend runder Tische stand draußen in der Sonne, an denen etwa die doppelte Anzahl Menschen saßen. Einige trugen Sonnenbrillen und hielten ihre Gesichter in die Strahlen des ersten richtig warmen Tages, von anderen sah sie nur die Rücken. Eine Kellnerin stand an einem der Tische und notierte eifrig die Wünsche der Gäste auf ihrem Block.
   »Was soll da sein?« Mit einem Mal kam sich Luna dämlich vor und gab ihre Deckung auf. Offen warf sie einen weiteren Blick auf das Café, und sofort stellte sich Kiki wieder vor sie hin.
   »Siehst du ihn denn nicht?« Prüfend sah Kiki sie an und krauste dabei ihre Nase. Der laue Frühsommerwind wehte ihr eine blonde Locke ins Gesicht, und ungeduldig pustete sie sie zurück.
   Luna kniff ihre Augen zusammen und versuchte herauszufinden, was zum Henker Kiki meinte. Sie war ein wenig kurzsichtig, würde es aber niemals eingestehen. Nein. Sie konnte beim besten Willen nicht erkennen, was ihre Freundin so aus der Fassung brachte.
   »Ich sehe nichts. Wieso gehen wir nicht einfach weiter?«
   »Leon! Wieso siehst du ihn nicht? Er ist es doch, oder täusche ich mich?«
   »Was?« Mit einem Mal verfluchte Luna ihre Eitelkeit. Mit Brille wäre das nicht passiert. Oder mit Kontaktlinsen. Aber die bekam sie einfach nicht in ihre Augen. »Das kann nicht sein. Er hat die ganze Nacht geangelt. Er wird zu Hause im Bett liegen und schlafen.«
   Rasch sah sie auf die Uhr. Kurz nach fünf. Konnte er schon ausgeschlafen und den Weg in die Innenstadt angetreten haben? Theoretisch schon. Kurz entschlossen schob sie ihre Freundin wie einen Schutzschild an wenig näher an das Café heran und versteckte sich dabei weiter hinter ihr, so gut es ging. So unauffällig wie möglich spähte sie über deren Schulter hinweg. Ein kleiner Junge mit einem Eis in der Hand beobachtete sie neugierig. Sie kam sich albern vor, blieb aber in Deckung.
   »Wo soll er denn sitzen?« Die Gesichter wurden nun etwas klarer, aber sie konnte ihn immer noch nicht entdecken.
   »Ziemlich genau in der Mitte. Du müsstest ihn von der Seite sehen.« Ganz kurz zögerte Kiki. Warum? Hatte sie Angst, dass das, was sie sah, ihr wehtun könnte? »Er sitzt mit einer Blondine am Tisch«, eröffnete sie schließlich. »Knallrote Bluse.«
   Unwillkürlich zuckte Luna zusammen. Den roten Farbfleck entdeckte sie sofort. Und plötzlich fragte sie sich, wieso es ihr nicht gleich aufgefallen war.
   Das dort war eindeutig Leon. Ihr Freund. Den sie schlafend zu Hause im Bett wähnte. Oder vor dem Fernseher sitzend. Das war noch etwas, was er sehr gern tat. Was zur Hölle tat er hier? Vielleicht war er es ja doch nicht. Er konnte es nicht sein. Sie waren doch so glücklich miteinander. Sie wollte mit ihm alt werden. Niemals wieder würde er sie anlügen, er hatte es ihr doch versprochen …
   Angestrengt kniff sie die Augen noch ein wenig mehr zusammen und spürte, wie ihr Erschrecken dem Ärger wich. Er hatte das karierte Hemd an, das sie ihm geschenkt hatte! Und damit imponierte er nun dieser …, dieser … Sie schnaufte laut.
   »Komm, lass uns lieber gehen. Sonst entdeckt er uns noch.« Kiki fasste Luna an der Schulter und versuchte, sie mit sich zu ziehen.
   Doch Luna stand wie angewurzelt. Sie sollte dort hingehen und ihm ihren Latte macchiato über den Kopf kippen! Ob dieses aufgetakelte Etwas in Rot ihn dann immer noch so anhimmeln würde? Mit einem Mal sah sie alles messerscharf. Die Lippen der Blondine trugen das gleiche Rot wie der hauchdünne Fetzen, der ihre üppige Oberweite aufreizend in Szene setzte. Und plötzlich wusste sie, was ihr Unterbewusstsein ihr am Morgen hatte sagen wollen, als sie etwas Undefinierbares an Leon roch. Es war ein fremdes Parfüm. Er musste die Nacht mit ihr verbracht haben!
   Der aufsteigende Zorn verengte Lunas Gesichtsfeld. Sie stellte sich vor, wie ihr Kaffee langsam Leons Haar durchnässte und über sein Gesicht auf sein Hemd tropfte. Hässliche Flecken würden entstehen, und die Blonde würde empört aufspringen und davonstöckeln. Er würde ebenfalls aufstehen und hilflos von ihr zur Blonden sehen und nicht wissen, was er nun tun sollte. All die Leute an den Tischen würden aufstehen, lachen und Beifall klatschen. Sie fühlte, wie sie sich in Bewegung setzte …
   Aber nicht in Richtung des Cafés. Kiki hatte ihren Arm ergriffen und zog sie fort vom Ort des Geschehens.
   »He!«, fauchte Luna und zerrte, um ihren Arm wieder freizubekommen. »Was soll das? Ich gehe da jetzt hin und konfrontiere ihn mit …«
   »Bist du verrückt? Das kannst du nicht machen. Dann weiß er doch, dass du ihn ertappt hast. Nein, wenn er sich wieder bei dir meldet, musst du so tun, als wäre alles in Ordnung. Und wenn er sich in Sicherheit wähnt, lässt du die Bombe platzen.«
   Luna wusste, dass Kiki recht hatte. Genau so sollte sie es machen. Aber sie zweifelte daran, dass sie das konnte. Sie war noch nie gut im Lügen gewesen. Oder sich verstellen. Schon als Kind hatte sie beim Verstecken spielen immer lachen müssen und sich damit verraten.
   »Ich kann das nicht«, sagte sie und fühlte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.
   Wie aufgezogen folgte sie Kiki zur nächstbesten Parkbank. Plötzlich rollten Tränen ihre Wangen hinab und hinterließen eine dunkle Spur Wimperntusche, wie sie fürchtete. Kiki drückte ihr fürsorglich ein Taschentuch in die Hand.
   »Wieso tut er das?«, klagte Luna und schnaubte laut in das Tuch.
   Kiki schob ihr liebevoll eine braune Haarsträhne aus dem Gesicht, bevor sie vom Tränenstrom noch völlig durchnässt wurde.
   »Weil er ein Arschloch ist.«
   »Ja! Das ist er! Ein Riesenarschloch!« Mit der Wut versiegten die Tränen wieder. »Ich hätte ihm doch meinen Kaffee überschütten sollen. Ich hätte zu gern sein Gesicht gesehen.«
   Kiki sagte nichts. Aber an ihren zusammengepressten Lippen erkannte Luna auch so, woran sie dachte. Und sofort standen auch ihr die Bilder wieder glasklar vor Augen, an die Zeit vor ziemlich genau einem Jahr, als sie dieselbe Geschichte schon einmal durchgemacht hatte. Als Leon es gewagt hatte, Luna zu betrügen. Mit Claudia, der blonden Exfreundin eines Anglerkameraden. Leon war ein sehr attraktiver Mann, sportlich und sonnengebräunt, und sein blondes Haar sowie die strahlenden blauen Augen brachten sicherlich so manches Frauenherz zum Schmelzen.
   Sogar Kiki hatte er einst angebaggert. Kiki hatte es Luna sofort erzählt. Luna und Leon waren gerade seit zwei Jahren zusammen gewesen, als er sich an sie heranmachte. Er hatte getrunken, sein Angelverein hatte eine Niederlage gegen einen anderen Verein im Pokalangeln verarbeiten müssen, und das Ganze war in eine ziemlich feuchtfröhliche Party ausgeartet.
   »Weißt du eigentlich, wie sexy du bist?«, hatte er genuschelt, seinen Blick über ihren ganzen Körper wandern lassen wie klebrige Finger und eine ihrer blonden Locken in die Hand genommen.
   Empört war Kiki aufgesprungen. »Dass du dich nicht schämst! Du hast die beste, treueste und hübscheste Freundin der Welt! Geh zu ihr und bleib dort und mach sowas nie wieder!«
   Kiki fühlte sich besudelt durch seine schleimigen Worte, hatte sie Luna anvertraut. Dann hatte sie versucht, sie zu beruhigen. Sicher war es nur der Alkohol, der ihn zu seiner Anmache getrieben hatte.
   Und Luna hatte ihr glauben wollen.
   »Vielleicht ist sie eine Kollegin«, überlegte Kiki nun. »Oder eine Angelkameradin. Vielleicht trinken sie einfach nur einen Kaffee zusammen und da läuft nichts. Er hatte dir doch versprochen, so etwas nie wieder zu tun, oder?«
   »Ja!«, schniefte Luna.
   »Na siehst du. Wir sollten nicht gleich den Teufel an die Wand malen. Es könnte …«
   »Aber wieso hat er mir nichts davon gesagt?«
   »Typisch Mann. Sie brauchen das Gefühl, geheimnisumwittert zu sein. Dass etwas nicht stimmt, ballern sie einem erst im letzten Augenblick an den Latz. Hat er denn etwas erzählt, was er heute so machen will?«
   »Er fragte, ob wir uns nachher noch sehen. Aber ich war sauer, weil er die ganze Nacht weg war. Also habe ich ihm erzählt, dass ich mit dir shoppen gehe.« Nachdenklich schwieg Luna einen Augenblick. Dann fuhr ihr Kopf hoch. »Und er fragte, wo wir hinwollen. So ganz beiläufig. Ich weiß nicht, warum, aber ich antwortete, dass wir nach Harburg fahren.«
   Kiki zischte böse. »Also hatte er das schon geplant. Wahrscheinlich war er heilfroh, als du sagtest, du hast heute schon was vor.«
   Erneut schluchzte Luna, und Kiki legte beschwichtigend ihre Hand auf deren Unterarm. »Aber trotzdem kann doch alles ganz harmlos sein. Vielleicht hat sie ihn angerufen, als wir schon weg waren, und ihn gefragt, ob er Lust auf einen Kaffee hat. Und da du ja keine Zeit hattest, hatte er nichts vor und sagte zu.«
   »Also bin ich auch noch selbst schuld daran?«
   »Oh, Süße, so hab ich das doch nicht gemeint! Ich will doch nur sagen, dass es ganz anders sein kann, als wir denken. Er …«
   In dem Moment zuckte sie vor Schreck zusammen, packte Lunas Arm, riss sie von der Bank und zog sie hinter einen Baum.
   »He, was …?«
   »Psst! Nicht umdrehen! Und sei ganz still, keinen Mucks!«
   Ein eisiger Schauder lief Luna über den Rücken, und sie fröstelte in der warmen Sonne. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, was es da vorn gerade zu sehen gab. Und sie wollte es nicht sehen.
   »Sie sind vorbei«, wisperte Kiki. »Du kannst dich wieder umdrehen. Aber ganz ruhig bleiben, okay?«
   Schnell wie ein Tornado fuhr Luna herum. Das Paar war schon ungefähr zehn Schritte entfernt, und sie sah nur noch die Rücken der roten Bluse und des karierten Hemdes. Das Hemd hatte seinen Arm um die Bluse gelegt. Leons Mund flüsterte etwas in das von blondem Haar umrahmte Ohr, und Luna hörte ein lautes Kichern, das Mordgedanken in ihr auslöste. Sie war drauf und dran, den beiden hinterherzulaufen und – und … Ja, um was zu tun? Sie wusste es nicht. Alles, was sie wusste, war, dass genau in diesem Augenblick ihr Herz brach. Mit einem wahren Tränenstrom flossen ihr Schock und ihre Enttäuschung aus ihr heraus.

Die nächsten zwanzig Minuten war Kiki damit beschäftigt, ihr ein Taschentuch nach dem anderen zu reichen und besänftigend ihren Rücken zu streicheln.
   »So ein Volltrottel! Du bist eine Seele von Mensch. Was denkt sich dieser Idiot dabei? Du weißt ja, dass ich ihn noch nie leiden konnte. Er hat so einen Zug um den Mund, der mir nicht gefällt. Ich traue ihm nicht über den Weg. Du liebst ihn, und ich wollte ihn nicht vor dir schlechtmachen, deshalb hab ich lieber meinen Mund gehalten. Nun wünschte ich, ich hätte es nicht getan.«
   »Ja, das wünschte ich auch. Vor einem Jahr, nach der Sache mit Claudia, war es mir genau drei Tage lang gelungen, hart zu bleiben. Dann habe ich ihn wieder hereingelassen, er hat sich wortreich bei mir entschuldigt, wieder und wieder. Und dann sind wir im Bett gelandet und haben leidenschaftlich Versöhnung gefeiert. Mir wird schlecht, wenn ich daran denke! Und jetzt hat dieser Idiot nichts Besseres zu tun, als gleich wieder so einen Mist zu bauen.«
   Kiki nahm ihre Freundin ganz fest in den Arm. »Was für ein Riesenarsch! Du hast etwas Besseres verdient als diesen treulosen Casanova.«
   Luna schniefte ein letztes Mal. »Dabei hatten wir so schöne Erlebnisse zusammen. Die ersten Blumen von ihm werde ich nie vergessen. Oder unseren ersten Kuss. Unseren Kurzurlaub an der Mosel. Mit einem Glas Weißwein in der Hand saßen wir auf unserer Terrasse und genossen den Blick auf die Weinberge. Leon war so aufmerksam, las mir jeden Wunsch von den Augen ab. Dieser Urlaub hätte meinetwegen niemals enden mögen.«
   Und die Nächte erst! Luna errötete, als sie an den Sex mit Leon dachte. Er war ein ausdauernder Liebhaber, und sie hatte es genossen. Aber wieso stand er eigentlich jedes Mal, nachdem sie sich geliebt hatten, sofort auf, um zu duschen? Warum nahm er überall, wohin er ging, sein Handy mit? Sogar auf die Toilette. Und warum hatte er ihr noch nie, wirklich noch niemals, gesagt, dass er sie liebte? Sie sei die Eine für ihn, hatte er gehaucht. Er möge sie über alles. Sein Herz schlüge nur für sie. Aber noch kein einziges Mal kamen die drei Worte über seine Lippen, nach denen sie sich so sehr sehnte.
   Warum eigentlich nicht? Mit einem Mal wurden all die schönen Erinnerungen abgelöst durch Dinge, über die sie sich ärgerte. Es waren ja nicht nur die anderen Frauen. Das viele Angeln. Das stumme Vor-dem-Fernseher-Hocken, wenn er bei ihr war. Er trank auch des Öfteren einen über den Durst.
   »Wollen wir nach Hause fahren?«, fragte Kiki leise. Nun erst ging Luna auf, dass sie wohl schon eine ganze Weile lang stumm Löcher in die Luft gestarrt hatte.
   »Ja, ich glaube … ja. Mir ist die Lust auf Shoppen vergangen.« Luna stand auf, und sie machten sich auf den Weg zur S-Bahn.
   Während sie am Bahnsteig warteten, klingelte Lunas Handy. Sie riss die Augen auf, als sie Leons Namen auf dem Display erkannte. Kiki schüttelte wie wild den Kopf, doch Luna nahm das Gespräch an. Sie war gerade in der richtigen Stimmung dafür.
   »Luna, Liebes, ich bin’s. Ich hab bis eben geschlafen. Ich war wirklich total müde, das hatte ich vorher nicht so gemerkt. Aber das ist ja auch kein Wunder nach so einer Nacht. Der ganze Rücken tat mir vom Sitzen weh. Ich brauche dringend einen neuen Klappstuhl. Ich bin zwar immer noch ganz fertig, aber nachher gehen wir schön essen, ja? Bist du schon wieder zu Hause?«
   Luna klappte der Unterkiefer herunter. Wie konnte er es wagen, sie so eiskalt anzulügen? Vor lauter Wut fehlten ihr die Worte. In ihrem Kopf rasten wilde Gedanken an Vergeltung und Rache hin und her, aber sie bekam keinen so richtig zu fassen.
   »Sag zu«, wisperte Kiki. »Lass ihn im eigenen Saft schmoren und zur Abwechslung mal auf dich warten.«
   »Klar«, brachte Luna heraus.
   »Schön. Dann sehen wir uns also nachher. Ach ja, du brauchst dich nicht zu beeilen. Falls du noch baden willst oder so. Ich meine, wegen deiner Wanne«, druckste er herum. »Ich muss hier nämlich noch ein paar Dinge erledigen.«
   Oh, Luna konnte sich denken, was für Dinge das waren. »Bist du zu Hause?«, fragte sie in unschuldigem Tonfall, auch wenn es ihr unsagbar schwer fiel.
   »Ich, äh … ja. Klar. Wo sollte ich sonst sein?«
   »Eben. Natürlich bist du zu Hause, nicht wahr?« Luna presste für einen Moment die Kiefer so fest aufeinander, dass ihre Zähne schmerzten. »Ich meinte nur, Stimmen zu hören. Da, und gerade hat ein Auto gehupt.«
   »Ach so, das …, ähm, ich hab den Fernseher laufen.«
   Eine glaubwürdige Lüge, in der Tat. Der Kasten lief bei ihm ja fast immer. Wenn er denn mal zu Hause war. »Was läuft denn?«
   Luna hörte ihm seine Verwunderung an. »Was gerade läuft? Seit wann interessiert dich das? Ich weiß das gar nicht, wie ich schon sagte, ich hab hier noch was zu erledigen und hab den Fernseher nur so nebenbei an und …«
   Es reichte! Das Gestammel war ja nicht mehr auszuhalten. »Ich habe dich gesehen!«, fauchte Luna und ärgerte sich augenblicklich über sich selbst. Wieso konnte sie nicht einfach mal den Mund halten? Kiki neben ihr winkte abwehrend mit den Armen und machte ein erschrockenes Gesicht.
   »Was? Wie …? Wo?«
   War er schon immer so dämlich? »Denk mal scharf nach!«
   »Ich … Ich weiß nicht, was du meinst. Ich habe den ganzen Tag geschlafen. Du weißt ja, ich hatte eine lange Nacht, das war ganz schön hart, und nun …«
   »Hart war sie bestimmt.«
   »Luna, Liebes! Was ist los mit dir? Bist du sauer, weil ich nächstes Wochenende nicht da bin?«
   Sie konnte es nicht fassen. »Feige bist du auch noch!«, schnappte sie. Ihre Stimme kippte, als sich Tränen der Wut und der Enttäuschung daruntermischten. Er gab es nicht einmal zu. Er besaß nicht den Mumm, ihr seinen Betrug offen und ehrlich einzugestehen. Er musste sie für völlig verblödet halten, für dumm, naiv und vollkommen blind.
   »Feige? Was meinst du? Hey, du bist sauer, und ich weiß nicht, warum. Hör mal, Liebes, lass uns nachher weiterreden, ja?«
   »Dass ich sauer bin, ja, damit hast du recht. Und ich sag dir noch was: Ich habe die Nase voll! Du kannst ab jetzt bleiben, wo der Pfeffer wächst. Ruf mich nie wieder an! Hast du verstanden? Nie wieder!«
   Die letzten beiden Worte schrie sie und verfluchte sich selbst, weil sie wie ein lautes Schluchzen klangen. Und sie klangen nicht bloß so, sondern sie waren es auch.
   »Was ist denn los?« Die Frage vernahm sie nur noch ganz leise, weil sie das Telefon bereits vom Ohr genommen hatte.
   »Rote Bluse!« Das waren ihre letzten Worte an ihn. Endgültig. Sie drückte die Beenden-Taste.
   Im gleichen Moment wusste sie, dass sie sich selbst etwas vormachte. Fünf Jahre warf man nicht einfach in einem Telefonat über Bord. Aber sie hätte es einfach nicht ertragen, Leons Stimme auch nur eine Sekunde länger hören zu müssen.
   Kiki sah sie mitfühlend an. »Und? Was sagt er?«
   »Dass er den ganzen Tag geschlafen hat.«
   »Und sonst?«
   »Nichts. Sein Rücken tue ihm weh. Und heute Abend kann ich mir Zeit lassen, er hätte noch einiges zu erledigen.«
   Kiki schnaubte empört. »Kein Wort über diese Trulla?«
   »Nein.«
   »Was für ein Feigling! Und nun? Wie soll es jetzt weitergehen?«
   »Keine Ahnung. Momentan braucht er mir nicht über den Weg zu laufen.«
   »Was? Wie meinst du das?« Klang da Hoffnung aus Kikis Stimme?
   »Ich muss nachdenken. Du hast ja gehört, dass ich ihm sagte, dass er mir gestohlen bleiben kann.«
   »Oh. Bist du dir da ganz sicher? Hast du dir das wirklich gut überlegt?«
   »Ich hab mir gar nichts überlegt! Ich kann gerade nicht mal mehr denken! Ich hab’s einfach gesagt. Er soll bleiben, wo der Pfeffer wächst. Im Reich der roten Blusen.«
   Wider Erwarten kicherte Kiki. Und das klang so ansteckend, dass Luna mitlachte, während sie sich gleichzeitig eine letzte Träne aus dem Augenwinkel tupfte.
   »Mir kommt gerade eine total verrückte Idee.« Kiki starrte Luna mit aufgerissenen Augen an.
   »Was denn? Wir schnallen ihn an eine Rakete und schießen ihn auf den Mond? Mit One-Way-Ticket?«
   »Viel besser!«
   »Was könnte besser sein als …?«
   »Hast du Lust auf einen kleinen Ausflug?«
   »Äh … Na ja, ich hab heute nichts anderes vor. Den Chinesen kann Leon heute natürlich vergessen. Was schwebt dir denn vor? Tanzen gehen? Oder Kino?«
   »Bremen.«
   »Was?«
   »Also, wenn ich dich gerade richtig verstanden habe, hast du deinen Kerl, der eine untreue Tomate ist, in die Wüste geschickt. Und weißt du was? Dasselbe mache ich noch heute ebenfalls mit meiner Tomate.«
   Verwirrt starrte Luna ihre Freundin an. »Wie meinst du das?«
   »Wir fahren jetzt mit dem nächsten Zug nach Bremen. Wenn Tommy glaubt, dass er mir so einfach davonkommt, hat er sich geschnitten. Heute ist Tag der Abrechnung, Süße!«
   Sie sollte zu einem Heavy Metal-Konzert gehen? Plötzlich schlug Lunas Herz vor Aufregung schneller. »Aber ich war noch nie …«
   »Dann wird’s höchste Zeit. Dein Leon hat dich viel zu lange von allem abgehalten, was Spaß bringt. Heute hast du dir etwas Vergnügen verdient. Und während du das Konzert genießt, mache ich Tommy einen Kopf kürzer.«
   Luna starrte Kiki an. »Ich kriege fast Mitleid mit ihm.«
   »Das musst du dir dringend abgewöhnen. Haben die Kerle etwa Mitleid mit uns? Die verscheißern uns nach Strich und Faden, und wir haben Mitleid?«
   »Stimmt. Also gut. Los geht’s! Auf zum ersten Metal-Konzert meines Lebens.« Der Zug fuhr ein, doch plötzlich zögerte Luna.
   »Was ist?«
   »Meinst du nicht, ich sollte Leon zumindest kurz Bescheid geben, wo wir hinfahren? Wenn ich den ganzen Abend nicht nach Hause komme …«
   »Dann weiß er gleich mal, wie sich das anfühlt. Wie es ist, auf jemanden zu warten, von dem man nicht weiß, wo er gerade steckt. Oder was er gerade macht. Nein, lass ihn bloß im Ungewissen.«
   Luna grinste. Plötzlich hatte sie wahnsinnig gute Laune. Allein schon die Vorstellung, wie Leon unruhig in der Wohnung herumtigerte und immer wieder auf die Uhr sah …
   Schwungvoll bestieg sie den Zug. Und sobald sie saß, schaltete sie ihr Handy aus.
   

Kapitel 3

Es dämmerte, als sie Bremen erreichten. Während sie durch den Bahnhof zum Taxistand liefen, fragte sich Luna, was Leon wohl gerade machte. Wäre er besorgt, wenn sie nicht auftauchte? Würde er zur Polizei gehen und eine Vermisstenanzeige stellen? Würde er ihre Eltern anrufen? Nein, die Blöße würde er sich nicht geben. Für ihre Eltern war er der perfekte Schwiegersohn in spe. Ob er schon versucht hatte, sie anzurufen? Sie widerstand der Versuchung, ihr Handy wieder einzuschalten und nachzusehen. Und was wäre, wenn er noch gar nicht festgestellt hatte, dass sie nicht zu Hause war? Wenn er immer noch bei dieser Tussi herumhing?
   Gerade sprach Kiki einen Taxifahrer an, und Luna war froh über die Ablenkung. Gleich darauf fuhren sie durch Bremen, und je näher sie der Konzerthalle kamen, desto nervöser wurde Luna.
   Plötzlich fiel ihr auf, wie still ihre Freundin geworden war. Das war total ungewöhnlich für sie.
   »Bist du dir sicher, dass du das durchziehen willst?«, fragte sie leise.
   Kiki nickte unsicher. »Ich muss. Vorher kriege ich keine Ruhe. Ich muss einfach wissen, was da los ist. Obwohl ich es mir denken kann. Aber ich brauche Gewissheit.«
   »Kann ich verstehen.« Sie selbst hatte vor wenigen Stunden Gewissheit bekommen. Und das fühlte sich weniger gut an, als Kiki vielleicht noch glaubte. Aber sie wusste, wie ihre Freundin das meinte. Gewissheit war wichtig, um mit dem Thema abschließen zu können.
   Kurz darauf hielten sie vor einem großen grauen Betonklotz, der sich als Konzerthalle entpuppte.
   »Mist«, schimpfte Kiki. »Wir sind spät dran, es ist schon Einlass. Aber wir kriegen schon noch einen guten Platz. Ich will ganz vorn stehen, damit Tommy mich auch gut sehen kann.«
   »Was machen wir, wenn es keine Karten mehr gibt?«, fragte Luna, während sie Kiki im Laufschritt zur Kasse folgte.
   »Das wäre kein großes Problem. Dann rufe ich einen der Jungs an, dass er uns auf die Gästeliste setzt. Ich nehme an, dass ich schon draufstand, aber wahrscheinlich hat Tommy mich streichen lassen. Und ich würde ungern jemanden anrufen, denn dann wissen die, dass wir hier sind. Und das sollen sie nicht. Tommy soll den Schock seines Lebens bekommen, wenn er mich vor der Bühne sieht.«
   Sie hatten Glück, sie bekamen noch Tickets. Eilig zog Kiki Luna weiter, durch die Einlasskontrolle und hinein in die Halle.
   Die Vorband spielte bereits. Im ersten Augenblick war Luna erschrocken über die Lautstärke der Musik. Die Bühne war ganz vorn, am anderen Ende der Halle. Zielstrebig eilte Kiki darauf zu, und Luna blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen, wenn sie sie nicht verlieren wollte. Je näher sie der Bühne kamen, desto gedrängter standen die Fans zusammen. Als sie noch ungefähr zehn Reihen vor sich hatten, blieben sie stehen. Endlich hatte Luna Muße, die Musiker zu betrachten. Es waren drei junge Männer, und ein vierter saß hinter dem Schlagzeug. Der Sänger hielt sein Mikro umklammert und sang mit geschlossenen Augen hinein, er hatte eine hohe Stimme und erinnerte sie an den Sänger von Hammerfall. Die Fans in der ersten Reihe hoben rhythmisch ihre Fäuste und grölten mit, aber weiter hinten, wo sie standen, standen die Besucher eher unbeteiligt herum, sahen zwar zur Bühne, aber wilde Metal-Fans hatte sich Luna anders vorgestellt.
   Zu ihrem Erstaunen sah sie auch viele Frauen im Publikum, und beileibe nicht jeder Fan hatte langes Haar oder trug Tattoos. Und soweit sie es erkennen konnte, war auch kaum jemand betrunken, nicht einmal angetrunken.
   Sie hatte Vorurteile gehabt. Das war Leons Einfluss. Er hielt nicht viel von Rockmusik, und als Kiki einmal bei ihnen zu Besuch gewesen war und von den letzten Konzerten schwärmte, die sie besucht hatte, hatte er nur genervt die Augen verdreht. Seitdem hatte er mehrmals auf sie eingeredet, es lieber nicht zu tun, wenn Kiki sie zu überreden versuchte, mit ihr zu einem Konzert zu gehen. Luna schnaubte ärgerlich, obwohl sie eher sauer auf sich selbst war. Wieso hatte sie all die Jahre auf ihn gehört? Er hatte doch auch gemacht, was er wollte.
   Der mitreißende Rhythmus der Musik ging ihr in die Beine, und Luna spürte, wie sie unwillkürlich leicht zu tanzen begann.
   Sie sah zu Kiki und bemerkte, wie ihre Freundin angespannt ihre Blicke über die vielen Menschen schweifen ließ. Hoffte sie, Tommy irgendwo zu entdecken? Oder wollte sie gerade das lieber vermeiden? Vorhin hatte sie gesagt, sie wollte Tommy den Schock seines Lebens verpassen, wenn er sie so unerwartet hier stehen sah. Aber Luna ahnte, wie hin- und hergerissen sich Kiki fühlen musste. Sie liebte Tommy. Sicher verging sie fast vor Sehnsucht nach ihm, während sie zugleich Ängste ausstand, ihn wiederzusehen, weil sie nicht wusste, wie er auf sie reagieren würde. Oder ob er sich in Gesellschaft befinden würde …
   In diesem Augenblick war die Vorband fertig. Luna sah, dass einige der Fans der ersten Reihen von dort nach hinten verschwanden. »Komm«, rief Kiki und fasste nach ihrem Arm. »Das ist unsere Chance.« Sie zerrte Luna an den anderen Fans vorbei weiter nach vorn. Schließlich hatten sie nur noch eine Reihe vor sich. Doch dann verließen zwei weitere Gäste ihren Platz, und sofort nahm Kiki ihn ein und zog Luna neben sich.
   Luna sah zur Bühne, die sich nun, abgesehen von einem ungefähr drei Meter breiten Graben, direkt vor ihr befand. Ein nervöses Prickeln breitete sich in ihrem Bauch aus, als sie die Roadies beobachtete, die emsig über die Bühne liefen, Teile wegtrugen, andere Dinge herbrachten, den Mikrofonständer etwas in der Höhe verstellten und sich an Kabelverbindungen zu schaffen machten. Einer klebte Zettel am Boden fest.
   »Ah, die Setlist«, rief Kiki und verrenkte sich fast den Hals, um einen Blick darauf werfen zu können.
   Wie mochten sich die Musiker fühlen, die jetzt gerade in diesem Augenblick irgendwo dort hinter der Bühne auf ihren Auftritt warteten? Sie selbst würde wohl vor Lampenfieber eingehen.
   Langsam wurde es voller hier vorn, als mehr Fans herandrängten und versuchten, sich einen möglichst guten Platz zu sichern. Luna bemerkte, dass sich Kiki wie ein Äffchen an die Absperrung klammerte, fest entschlossen, sich um keinen Millimeter vom Platz zu rühren.
   Dann hörte sie, wie Kiki erschrocken die Luft einsog. Automatisch folgte sie ihrem Blick. Sie wusste sofort, dass der Mann, der gerade die Bühne betrat, Tommy sein musste. Er sah genauso aus, wie Kiki ihn beschrieben hatte. Nein, besser. Luna verstand, was Kiki an ihm fand. Seine dunklen Augen funkelten, seine Armmuskeln spielten unter seinem kurzärmligen Shirt, und sein Haar wirkte verlockend wuschelig.
   Mit federnden Schritten lief er herum, steckte einen Stecker in eine Dose und überprüfte den Kabelverlauf. Er warf einen raschen Blick ins Publikum und wollte schon wieder wegsehen – da erkannte er Kiki. Wie angewurzelt blieb er stehen, und fast in Zeitlupe drehte er sich zu ihr herum.
   Luna hielt die Luft an, als die beiden sich anstarrten. Sie realisierte, dass es ein kluger Schachzug von Kiki gewesen war, sich ihm hier mitten im Publikum zu erkennen zu geben. So konnte er ihr keine Szene machen, wenn er bei seinen Fans keinen schlechten Eindruck hinterlassen wollte, oder sie gleich wieder wegschicken.
   »Hi«, grüßte er und wirkte auf Luna freundlich. Und neutral. Weder wie jemand, der gleich sauer werden würde, noch wie einer, der gerade jemanden entdeckt hat, der ihm etwas bedeutet.
   Arme Kiki!
   »Das ist ja eine Überraschung«, sagte er. Er machte keine Anstalten, Kiki richtig zu begrüßen, sie in den Arm zu nehmen oder gar zu küssen. Er nickte ihr nur zu und schenkte ihr ein winziges Lächeln.
   Bedeutete das, dass jemand in der Nähe war, der eine solche Begrüßung missverstehen könnte? Hatte er wirklich inzwischen eine Andere? Oder war er nur sehr beschäftigt und nervös wegen des bevorstehenden Auftritts?
   »Ja, hier bin ich«, erwiderte Kiki. In ihren Augen erkannte Luna eine Kampfansage.
   Geschmeidig sprang Tommy von der Bühne und trat zu Kiki. Immer noch schien er bemüht, sie nicht zu berühren. »Hast du mich denn nicht verstanden?«, fragte er leise. »Ich hab dir doch gesagt, dass es heute nicht passt. Ich hab keine Zeit für dich.«
   »Doch, ich hab dich schon verstanden.«
   »Aber warum bist du denn trotzdem gekommen?«
   »Wer sagt denn, dass ich deinetwegen hier bin?«
   Luna sah, wie Tommy leicht zusammenzuckte.
   »Und überhaupt brauche ich wohl kaum deine Erlaubnis, mir ein Konzert anzusehen«, fuhr Kiki fort und warf stolz den Kopf in den Nacken.
   »Ich mein ja nur. Also dann …« Tommy wandte sich zum Gehen.
   Kiki wies auf Luna, und Luna spürte, wie sie errötete, als Tommy seinen Blick auf sie richtete. »Das ist Luna, meine beste Freundin.«
   »Hi«, grüßte Tommy.
   »Hallo«, entgegnete Luna. Sein Blick machte sie ganz kribbelig. Hatte jeder Musiker so eine Ausstrahlung? Oh, sie verstand Kiki jetzt nur zu gut. Nicht, dass sie an Tommy interessiert wäre. Nein, Kiki liebte ihn, Luna wäre nicht einmal im Traum auf so eine Idee gekommen. Aber wenn nun auch seine Kollegen so wären wie er? Vielleicht war tatsächlich etwas dran am Mythos des Groupies vernaschenden Rockstars?
   In ihrem Rücken spürte sie die Blicke der vielen anderen anwesenden Fans. »Tommy!«, schrie eine Frau ein Stück hinter ihr. »Black Earth rules!«, rief ein Mann neben ihr.
   Doch Tommy ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Seine Blicke fixierten Kiki. »Ja, dann … Ich wünsche euch viel Spaß.«
   »Danke«, sagte Luna.
   »Es ist Lunas erstes Konzert«, erklärte Kiki und starrte Tommy in die Augen. »Ich bin gespannt, welchen Eindruck sie von euch bekommt. Ob es ein guter ist oder sie anschließend die Nase voll von Musikern hat.«
   »Kiki, was soll das? Ich habe dir doch gesagt, dass ich heute keine Zeit für dich habe.« Er machte Anstalten, sich abzuwenden.
   »Warum nicht?«, hielt ihn Kikis Frage zurück.
   »Das tut nichts zur Sache.« Erneut wollte er sich abwenden.
   »Du hast eine Andere, oder?«
   Tommy erstarrte mitten in der Bewegung. Langsam, wie in Zeitlupe, drehte er sich noch einmal zu Kiki um. »Und wenn es so wäre?«
   Sie riss entsetzt die Augen auf. »Du streitest es also nicht ab?«
   Tommy straffte die Schultern. »Ich sage gar nichts. Ich habe jetzt zu arbeiten.« Ohne ein weiteres Wort kletterte er auf die Bühne.
   Luna sah ihm nach. »Und nun?«, fragte sie leise. »Willst du lieber gehen?«
   Da warf Kiki kampfeslustig den Kopf in den Nacken. »Und ihm so den Sieg zu überlassen? Nein. Ich werde hier stehen bleiben und ihn während des gesamten Konzerts nicht aus den Augen lassen. Ich werde ihn verunsichern und nervös machen. Und falls irgendwo hier seine Neue steckt, dann soll sie meine Blicke bemerken und Tommy hinterher die Hölle heiß machen. Zu schade, dass wir das Spektakel nicht mitbekommen werden.«
   Sie lächelte stolz, aber Luna erkannte den Schmerz in ihren Augen. Sie bewunderte ihre Freundin. Wäre sie selbst in der Lage, so mit der Situation umzugehen, wenn es sich um sie und Leon handelte? Vorhin war sie weggelaufen, hatte sich nicht Leon und der Pute in den Weg gestellt, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen, sondern hatte sich versteckt und geschwiegen.
   Während das Hallenlicht aus- und die Bühnenbeleuchtung anging und das Intro von Black Earth erklang, fasste Luna einen Entschluss: Ab sofort würde sie sich von keinem Mann mehr auf der Nase herumtanzen lassen. Sie würde sich ein Beispiel an der Coolness ihrer Freundin nehmen.
   Die Band sprang auf die Bühne, und Luna war augenblicklich gefangen von den dröhnenden Drums, dem wummernden Bass und den Gitarrenriffs. Und von der Growl-Stimme des Sängers. Sie fragte sich, was in aller Welt sie die ganze Zeit verpasst hatte, nur weil sie auf Leon gehört und zu keinem Konzert gegangen war. Die Musik riss sie mit, und sie begann zu tanzen und zu headbangen. Einige Songs kannte sie und sang die Texte mit, bis sie heiser wurde.
   Doch immer wieder sah sie zu Kiki hinüber. Die Blicke ihrer Freundin hingen wie gebannt an Tommy. Dessen Finger hämmerten auf seinen Bass ein, und auch er sah immer wieder zu Kiki herunter. Aber er wirkte angespannt, und auch wenn es kaum auffiel, war sich Luna sicher, dass er sich das eine oder andere Mal ganz leicht verspielte.
   Schließlich sah sie die Frau. Sie stand im hinteren Bereich der Bühne und beobachtete das Konzert von dort aus. Es waren eher deren Blicke, die ihr auffielen. Sie sah Kiki sehr ähnlich, hatte ebenfalls blonde Locken, und sie starrte mit finsterem Blick zwischen Kiki und Tommy hin und her. Sie war zweifellos der Grund, weshalb Tommy Kiki heute nicht hierhaben wollte.
   Als das Konzert zu Ende war und die anderen Fans dem Ausgang zuströmten, blieb Kiki noch eine Weile an der Absperrung stehen.
   »Willst du noch auf Tommy warten?«, fragte Luna.
   Doch ihre Freundin schüttelte den Kopf. Selbst ihre sonst so wilden Locken wirkten mit einem Mal müde. »Nein. Das hat keinen Sinn mehr. Ich hab’s kapiert, es ist vorbei. Ich hab seine neue Flamme gesehen. Er hat mich tatsächlich betrogen. Im Grunde tut sie mir jetzt schon leid. Mit ihr wird er es bald ebenso machen. Vielleicht sogar heute schon, denn bestimmt macht sie ihm meinetwegen die Hölle heiß. Sie hat genau mitbekommen, wie Tommy und ich uns angestarrt haben. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich längst umgefallen. Auf so einen Stress hat er keinen Bock, so gut kenne ich ihn. Er liebt es problemlos und unverbindlich. Also wird er wahrscheinlich auch sie noch heute abservieren. Das kann er gut, wie ich heute erfahren musste.« Sie sah noch einmal zur Bühne hoch, ließ ihre Augen über das Equipment wandern. »Ich brauche den Anblick der verlassenen Bühne, verstehst du? Sozusagen als Sinnbild, dass ich ihn verloren habe.« Schon erschien der erste Roadie, um mit dem Abbau zu beginnen.
   Kiki gab sich einen Ruck. »Okay, jetzt können wir gehen. Er ist weg, es ist vorbei.« Sie lächelte tapfer. Während sie dem Ausgang zustrebten, legte sie Luna den Arm um die Schulter. »Versprich mir eines, Luna.«
   »Was denn?«
   »Küsse niemals einen Rockstar. Ich sagte es dir ja bereits. Es tut einfach zu sehr weh.«
   Luna blieb stehen und zog Kiki fest in ihre Arme. »Wir sind vielleicht ein Pärchen«, sagte sie schließlich, während sie sich von ihrer Freundin löste. »Die zwei Betrogenen.«
   Doch Kiki schüttelte den Kopf. »So darfst du das niemals sehen. Wir sind die zwei, die sich ab sofort nichts mehr gefallen lassen.«
   Und seltsamerweise fühlte sich Luna super, als sie die Halle verließen. Allein schon der Gedanke an Leon, der sich jetzt vielleicht gerade verzweifelt die Haare raufte, tat unglaublich gut.
   »Es ist schon spät, zu dieser Zeit fährt kein Zug mehr«, stellte Kiki fest. »Bist du müde? Wollen wir versuchen, irgendwo ein Zimmer zu bekommen?«
   »Nee.« Luna war selbst erstaunt, als sie es aussprach. »Ich bin hellwach. Ich hätte Lust, zu tanzen.«
   Kikis Miene hellte sich auf. »Weißt du was? Das ist eine glänzende Idee. Wir tanzen in unser neues Leben. Wir haben es nicht nötig, irgendwelchen Kerlen hinterherzutrauern.«
   »Genau!«
   Da sie sich in Bremen nicht auskannten, googelten sie, bis sie einen Klub fanden, der sich gut anhörte – mit Kikis Handy, denn Luna wollte ihres nicht einschalten -, und gönnten sich noch einmal den Luxus eines Taxis. Eine Viertelstunde später wurden sie von zuckenden Lichtern und hämmernden Beats umfangen und tauchten ein ins freie, unbeschwerte Nachtleben.
   Stunden später brachte sie der erste Zug nach Hamburg zurück, und als Luna endlich ihre Wohnungstür aufschloss, stand die Morgensonne schon hell am Himmel.

Kapitel 4

achdem sie ein paar Stunden lang wie ein Stein geschlafen hatte, stand Luna am frühen Nachmittag auf, und sobald ihr Blick auf das immer noch leere Bett neben ihr fiel, fiel ihr alles wieder ein.
   Leon war immer noch weg. Sie sprang aus dem Bett und warf einen Blick auf ihr Handy. Hatte er versucht, sie anzurufen, ihr eine Nachricht geschickt? Hatte sie verzweifelt überall gesucht, sich Sorgen um sie gemacht?
   Ach ja, sie hatte es ja ausgeschaltet. Nervös machte sie es an und rechnete im Stillen mit dutzenden Benachrichtigungen über vergebliche Anrufe.
   Nein. Nicht ein einziges Mal hatte er versucht, sie zu erreichen. Klar, sie hatte ihm gesagt, dass er sie nie wieder anrufen sollte. Aber das hatte er doch nicht für bare Münze genommen, oder? Doch nicht nach fünf meist schönen Jahren.
   Ihre harschen Worte kamen ihr in den Sinn, und sofort taten sie ihr leid. In ihrem Ärger und Erschrecken hatte sie wahrscheinlich vollkommen überreagiert. Vielleicht hatte er eine gute Erklärung? Vielleicht war die Blonde in Rot seine – Cousine? Und er hatte sich gerade mit ihr zusammen eine Überraschung für sie, Luna, überlegt, zu ihrem fünften Jahrestag? Als sie über diese wenn auch unwahrscheinliche Möglichkeit nachdachte, spürte sie, dass sie sich innerlich etwas entspannte. Es konnte doch auch sein, dass sie und Kiki sich geirrt hatten. Dass es nicht Leon war, den sie zu sehen gemeint hatten, sondern ein Doppelgänger. So etwas gab es. Statistisch gesehen sollte jeder Mensch mindestens vier oder fünf Doppelgänger haben. Und auch für das karierte Hemd gab es gewiss eine Erklärung. Es war ja kein Einzelstück.
   Wo mochte Leon gerade sein? War er unterwegs und angelte schon wieder, oder saß er wie sie allein zu Hause? Grübelte er, hatte er ein schlechtes Gewissen? Vielleicht stand er gleich mit einem großen Blumenstrauß, einem Eimer voller Forellen und einer plausiblen Erklärung in der Tür, und sie würde sich so dämlich fühlen wie schon lange nicht mehr. Gedankenverloren kochte sie sich eine Kanne Tee.
   Doch die Zeit verging und er meldete sich nicht. Er könnte wenigstens anrufen! Immerhin waren sie seit fünf langen Jahren zusammen. Das musste ihm doch auch etwas bedeuten. Und er würde sich doch denken können, dass sie das mit dem nicht mehr anrufen nicht ernst gemeint hatte.
   Sollte sie ihn anrufen? Ihn um Verzeihung bitten für ihre harten Worte, für ihr Misstrauen? Oder einfach gar nicht mehr auf das Thema eingehen? Vielleicht verstand er die Welt nicht mehr, weil alles vollkommen harmlos war und ganz anders, als sie vermutete. Vielleicht war er genauso schockiert wie sie und wartete verzweifelt auf ein Zeichen von ihr. Was hatte sie denn schon gesehen? Er saß mit einer fremden Frau im Café. Nachdem sie ihm eröffnet hatte, keine Zeit für ihn zu haben. Wahrscheinlich hatte er sich zu Hause gelangweilt, und die Frau eines Freundes war sauer, weil ihr Mann beim Angeln saß, und da gingen sie eben gemeinsam …
   Wie hirnrissig war das denn? Wieso nahm sie ihn bloß ständig in Schutz? Was war mit ihren eigenen verletzten Gefühlen?
   Immer noch kein Zeichen von ihm, keine SMS, kein Anruf. Luna ertrug die Stille in ihrer Wohnung nicht mehr und machte Musik an. Die Songs, die sie zusammen mit Leon gehört hatte. Sie rief die Fotos in ihrem Handy auf, es waren hunderte. Bilder aus glücklichen Tagen. Hier hatte sie sogar selbst eine Angel in der Hand. Ihr einziger Versuch. Gefangen hatte sie nichts. Anfangs hatte sie Leon oft zum Angeln begleitet. Während er still am Wasser saß, hatte sie in der Sonne gelegen und gelesen. Oft hatten sie sich geliebt. Wehmütig dachte Luna nach. Über all die wunderbaren gemeinsamen Stunden. Über die Pläne, die sie mit ihm hatte.
   Und über seine Untreue. Claudia. Und wie oft er sie schon versetzt hatte. Ein wichtiges Pokalangeln. Eine Geburtstagsfeier des Angelvereins. Er schreckte nicht einmal davor zurück, seine Familie vorzuschieben. Seine Mutter wäre krank. Seine Schwester hätte Ärger mit ihrem Freund.
   Alles hatte sie hingenommen. Sie war ärgerlich und wütend, enttäuscht und traurig gewesen, aber sobald er wieder bei ihr war und sie mit seinen blauen Augen ansah, schmolz sie doch wieder dahin, und jede Wut war vergessen.
   Ab sofort würde sie ihre eigenen Pläne machen. Der Ausflug mit Kiki war erst der Anfang gewesen. Leon würde nun jederzeit damit rechnen müssen, dass sie keine Zeit für ihn hatte. Vielleicht würde ihn das endlich aufwachen lassen. Ab sofort wäre Leon derjenige, der sich Sorgen machen würde, was sie wohl gerade trieb.
   Und er würde endlich die Karten auf den Tisch legen müssen, wie er sich ihre gemeinsame Zukunft vorstellte. Noch nie hatte er das Thema von sich aus angesprochen, und auch sie selbst hatte es am Ende verdrängt.
   Lunas Sehnsucht und Traurigkeit wichen der Wut.
   Sie goss sich die dritte Tasse Tee ein. Heiß stieg der Dampf empor. Die schöne goldene Farbe des Getränks und sein köstlicher Duft hatten stets eine beruhigende Wirkung auf sie gehabt. Nun jedoch schafften sie es nicht mehr, Luna zu besänftigen. Ungeduldig pustete sie über die Flüssigkeit und trat ans Fenster. Das Wetter war so schön, die Sonne schien, alles grünte und blühte, während sie hier drinnen Trübsal blies. Gedankenverloren trank sie einen Schluck und stöhnte auf.
   »Au!« Hastig sog sie die Luft ein, um ihre verbrühten Lippen zu kühlen. Sie stellte die Tasse so heftig auf den Tisch, dass der Tee überschwappte. Nasse Flecken breiteten sich auf der Zeitschrift daneben aus.
   »Verdammt!« Ärgerlich stampfte sie in die Küche, um eine Rolle Küchenpapier zu holen. Und während sie die Bescherung aufwischte, spürte sie, wie eine erste Träne über ihre Wange rollte. Sie ließ die Rolle auf den Tisch fallen und sich aufs Sofa plumpsen. Dann atmete sie tief durch. So ging das nicht weiter. Es musste sich dringend etwas ändern.
   Rings um sie her heirateten ihre Freundinnen. Bekamen Kinder.
   Anfangs belustigten sie deren neugierige Fragen. »Wann ist es denn bei euch so weit? Ihr seid doch auch schon ganz schön lange zusammen.«
   »Ach ja, weißt du, wir haben es nicht so eilig«, wich Luna aus. »Wir sind doch noch jung. Wenn wir uns jetzt schon binden würden, also, ich hätte das Gefühl, ich wäre jetzt gefesselt. Ich brauche meine Freiheit. Und Leon auch.«
   In erster Linie er. Je öfter sie über eine Hochzeit nachdachte, desto verlockender erschien ihr der Gedanke. Seine Frau sein. Seine Kinder bekommen. Sie stellte fest, dass sie ihre Freundinnen, die bereits Kinder hatten, immer öfter besuchte, und wie sehr sie es genoss, die Kleinen im Arm zu halten. Die weiche Babyhaut zu spüren. Ihren Duft zu atmen. Das Vertrauen in ihren großen Augen zu sehen.
   Ja. Da hatte sie es gewusst. Sie wollte heiraten und Kinder bekommen. Seine Kinder.
   Als er das nächste Mal bei ihr gewesen war (wieso waren sie eigentlich nie bei ihm zu Hause? Er kam immer nur zu ihr und hatte stets Ausreden, wenn sie ihn besuchen wollte), hatte sie tief Luft geholt.
   »Moni ist wieder schwanger«, hatte sie diplomatisch begonnen. Erst einmal vorsichtig an das Thema herantasten. »Ihr kleiner Marlon ist so goldig! Nun bekommt er ein Schwesterchen. Ist das nicht süß?«
   »Jaja.« Leon hatte nach seinem Glas gegriffen und einen tiefen Schluck genommen.
   »Dabei sind Moni und Thomas auch erst seit fünf Jahren zusammen. So lange wie wir.« Luna hatte Leon scharf im Auge behalten.
   »Wenn die meinen«, hatte er gemurmelt. »Warte noch einmal fünf Jahre, dann sind sie geschieden und Moni ist alleinerziehend.«
   Nun, das wäre natürlich möglich. Aber immerhin hätte sie dann zwei wunderbare Kinder. War das nicht viel mehr wert als ein Kerl? Bedächtig hatte Luna ihren Blick über ihren Freund gleiten lassen. Er hielt sein Glas in der Hand und drehte es gedankenverloren zwischen den Fingern.
   »Woran denkst du?«, hatte sie spontan gefragt und hätte sich gleich darauf am liebsten in die Zunge gebissen. Sie wusste, dass er diese Frage hasste.
   Er hatte so rasch aufgesehen, dass es ihr vorgekommen war, als hätte sie ihn bei etwas ertappt. »Ich … äh … Ich überlege, wie ich es dir sage …«
   »Was denn?« Ihr Magen hatte sich zusammengekrampft. Hatte er eine Andere? Wollte er Schluss machen?
   »Na ja … Du hast doch übernächste Woche Geburtstag. Aber da ist dieser Wettkampf …«
   »Welcher Wettkampf?« Ihre Augen hatten sich zu Schlitzen verengt.
   »Ich habe es vorhin erst erfahren. Wir haben ein Wettangeln gegen die Altländer. Das ist eine riesige Chance für uns! Du musst das verstehen. Wir …«
   »Und das ist ausgerechnet an meinem Geburtstag?« Mit jedem Wort war ihre Stimme lauter geworden.
   »Ja. Tut mir leid. Ich hätte es mir auch anders gewünscht.«
   »Können die nicht einmal ohne dich auskommen? Die anderen haben doch auch ihre Talente.«
   »Aber verstehst du denn nicht? Ich muss da hin! Das ist unsere große Chance! Ich kann die anderen nicht im Stich lassen. Und der größte Einzelfang wird ebenfalls bewertet. Ich wäre ja schön blöd, wenn ich mir das entgehen lassen würde!« Nun hatte er bockig ausgesehen. Hatte er schon immer diesen hässlichen Zug um die Lippen gehabt? Plötzlich war es gewesen, als hätte sie ihn zum ersten Mal gesehen.
   »Schön blöd, ja? Es ist also blöd, meinen Geburtstag mit mir zu feiern? Mit deiner Freundin?« Die letzten beiden Worte hatte sie gebrüllt, und er hatte sie entsetzt angesehen.
   »Ich glaube, ich gehe jetzt lieber.« Schon war er aufgestanden und hatte nach seinem Pulli gegriffen.
   Auch Luna war aufgesprungen. »Ja, geh lieber! Das ist besser für uns beide. Und vergiss deinen dämlichen Pullover nicht!«
   Sie hatte geschrien und gefaucht. Mit einem Mal hatte sich all ihre Enttäuschung der letzten Monate Bahn gebrochen. Wieder und wieder hatte sie versucht, mit ihm das Thema einer gemeinsamen Zukunft anzusprechen, und immer wieder war er ausgewichen und regelrecht geflohen.
   Und dann dieser grüne Pulli! Wie sie ihn hasste! Konnte er keine coole Lederjacke anziehen wie andere Männer auch? Wusste er denn nicht, wie blöd er in diesem Pullover aussah? Wie erbärmlich? Fehlten nur noch seine Gummistiefel, und man würde denken …
   Er hatte schon in der Tür gestanden, und entschlossen hatte sie ihn hinausgeschoben. »Geh zu deinen Fischen, geh zu deinen Pokalen, und komm nicht mehr wieder. Und nun raus!«
   Er war ohne Widerworte gegangen. Fast, als wäre er erleichtert über den Verlauf des Geschehens gewesen.
   Zwei Tage lang hatte sie fast pausenlos geweint. Dann hatte sie wieder zur Arbeit gemusst, und es war ihr zumindest stundenweise gelungen, den Gedanken an Leon zu verdrängen. Den Gedanken daran, dass er sich nicht meldete. Er rief nicht an. Er stand nicht um Verzeihung bittend in der Tür, einen großen Blumenstrauß in der Hand. Wäre das nicht seine Pflicht gewesen? Hätte er das nicht tun müssen nach all dem?
   Aber er hatte es nicht getan. Sie hatte sich selbst nicht mehr verstanden, dass sie ihn hatte heiraten wollen. Den! Der sollte am besten gleich an den Angelteich ziehen.
   Ihre Freundinnen – die mit den Kindern – waren entsetzt gewesen.
   »Du hast ihn rausgeschmissen? Wegen so einer Lappalie? Hey, der Typ ist sowas von attraktiv! Und noch dazu ein Angelkünstler! Wie viele Pokale hat er schon gewonnen? Zwei Dutzend? Und er steht doch ständig in irgendwelchen Angelzeitschriften, oder? Da muss man schon mal in Kauf nehmen, dass er nicht da ist. Nächstes Jahr hast du doch wieder Geburtstag. Wer weiß, was er da für dich getan hätte. Bis dahin ist er vielleicht steinreich und hätte dich auf die Malediven eingeladen. Oder nach Monaco. Also ich an deiner Stelle würde ihn zurückholen.«
   Nachdenklich war sie gegangen. Hatten sie recht? Hatte sie einen Fehler begangen?
   Zwei Tage später hatte sie ihn angerufen. Seiner Stimme nach zu urteilen war er überglücklich gewesen. Sie hatte ihn nicht gefragt, wieso er sich nicht mehr gemeldet hatte. Sie hatte ihm alles verziehen und genoss ihr neues Glück mit ihm. Selbst als sie von Claudia erfuhr, wischte sie mit dem Schwamm drüber.
   Nun, ein Jahr später, würde sie es ihm nicht mehr so leichtmachen. Diese Zeiten waren vorbei.
   Nachdem sie sich am Tee verbrüht, geweint und nachgedacht hatte, klingelte es an der Tür.
   »Kiki!«
   Ihre Freundin hielt einen Umschlag in der Hand, und Luna ließ sie erst nach einer unendlich langen Umarmung eintreten.
   Neugierig sah Kiki sich im Wohnzimmer um. »Keine Blumen? Das dachte ich mir schon fast. Umso besser, dass ich etwas mitgebracht habe.« Prüfend sah sie Luna ins Gesicht. »Sag bloß, der Arsch hat sich heute noch nicht gemeldet.« Sie sah genauer hin. »Hast du gerade geweint? Oh, Süße!« Rasch zog sie sie noch mal fest in ihren Arm.
   Fast schniefte Luna schon wieder, riss sich dann aber zusammen.
   »Das war das letzte Mal. Heute ist der perfekte Tag, um aufzuräumen. Fort mit treulosen Saftsäcken!« Sie tat, als werfe sie einen Müllbeutel fort.
   »Treulos ist das Stichwort.« Kiki war ganz ernst geblieben.
   Luna erstarrte. »Was meinst du damit?«
   »Na, wir haben Leon doch gestern mit dieser Blondine gesehen. Also, ich fürchte, das ist keine Eintagsfliege. Du kennst doch Conny? Wir haben vorhin telefoniert. Ihr Bruder ist auch im Angelverein. Und der hat Leon schon zweimal mit ihr gesehen. Was will er bitte schön mit so einer aufgetakelten Tussi mit roten Lippen und Minirock? An der ist doch nichts echt! Die Wimpern, die Fingernägel, die Haarfarbe … Sobald die sieht, wie ein Fisch ausgenommen wird, rennt die doch kreischend weg.« Kiki imitierte seine tiefe Stimme täuschend echt. »Das waren seine Worte. Das wird nicht lange halten, warte nur ab …«
   Luna stand wie erstarrt. Hatte sie es nicht schon immer geahnt? Er war ihr nicht treu, wahrscheinlich noch nie gewesen. Er hatte sich in Wahrheit gar nicht ernsthaft etwas aus ihr gemacht. Ganz zu Beginn ihrer Beziehung waren sie feuchtfröhlich feiern gewesen, und als sie danach im Bett gelegen hatten, hatte sie ihn, nachdem sie sich geliebt hatten, gefragt: »Und – liegt denn jetzt deine Traumfrau neben dir?« Sie hatte gelächelt in Erwartung einer feurigen Liebeserklärung.
   Leon hatte sie aus glasigen Augen angestiert und eine ihrer braunen Haarwellen angehoben. »Wenn die hier blond wären, käme das vielleicht annähernd hin. Lass sie doch färben, das würde bestimmt scharf aussehen.«
   Zutiefst gekränkt hatte sie sich umgedreht und die halbe Nacht wachgelegen und gegrübelt. Als er am nächsten Morgen ihre Enttäuschung bemerkte und nachfragte, hatte sie ihn an das erinnert, was er gesagt hatte. Er hatte sehr erschrocken getan und sich wortreich entschuldigt. Er hätte nur zu viel getrunken. Der Widerhaken jedoch saß fortan fest in ihr, und nun, bei Kikis Worten, begann er erneut zu schmerzen.
   »Luna?«
   Erst jetzt merkte Luna, dass sie völlig regungslos dagestanden hatte. Sie schluckte schwer. »Soll er doch machen, was und mit wem er will. Mich interessiert das alles nicht mehr. Ich werde ab jetzt mein eigenes Ding machen.«
   »Bist du dir sicher?« Prüfend sah Kiki ihrer Freundin ins Gesicht. Langsam zog sie den Umschlag hervor, den sie mitgebracht hatte. »Ich hab hier nämlich noch was für dich. Wenn du es denn haben willst.«
   »Was ist es denn?« Gedanklich schickte Luna Leon endgültig zum Teufel und sah Kiki neugierig an. »Hoffentlich keine Karten für ein Fischerfest.«
   Kiki lachte. »Mit Karten liegst du gar nicht so falsch. Aber warte nur …«
   Sie öffnete den Umschlag und zog den Inhalt heraus.
   »Darkest Nights«, las Luna und riss die Augen auf. »Du hast Konzerttickets?«
   »Oh, ja!« Voller Vorfreude grinsend wedelte Kiki mit den Karten vor Lunas Augen. »Nachdem es dir doch gestern ganz gut gefallen hat, hab ich noch in der Nacht welche bestellt, um an den Erfolg anzuschließen. Damit du noch mehr auf den Geschmack kommst. Und vor allem ohne Ärgernis durch irgendwelche Typen wie Tommy.« Sie grinste, auch wenn es ein wenig schief geriet.
   Da riss Luna auch noch den Mund auf. »Ich soll noch mal auf ein Konzert mit lauter Langhaarigen und Tätowierten? Wo es so laut ist, dass man fast taub davon wird?« Ironisch verdrehte sie die Augen. Leon hätte so gewertet. Und auf Motorrädern saßen nur Verbrecher.
   Sie hörte selbst gern Hardrock oder Metal. Bis gestern jedoch nur auf CD. Zu Hause. Auf einem Rockkonzert war sie tatsächlich vorher noch nie gewesen. Leon machte sich ja nichts aus Musik. Aber sie wusste, dass sie ihre Freundin wunderbar mit solchen Bemerkungen ärgern konnte.
   Darkest Nights war Kikis Lieblingsband. Zumindest neben Black Earth. Sie spielten besten, reinsten Heavy Metal, handgemacht und selbst geschrieben und komponiert. Nicht dieses Zeug, das im Radio lief und wo sich alles gleich anhörte. Das waren nicht ihre Worte. Mindestens zweimal pro Woche betete Kiki ihr das vor.
   »Da ist noch was …« Ihre Freundin platzte fast.
   »Was denn?«, fragte Luna neugierig.
   »Ich kenne doch Finn ganz gut …«
   »Den Bassisten?« Luna kannte sich aus. Kiki erzählte ja auch fast täglich von den Jungs.
   »Genau. Ich habe ihn heute Morgen angerufen, nachdem ich die Tickets ausgedruckt hatte. Nun ja, Finn schimpfte mit mir, dass ich die Tickets extra gekauft habe. Er hätte uns doch auf die Gästeliste setzen können. Aber das wollte ich nicht, immerhin hat die Band auch ihre Kosten, die bezahlt werden müssen. Aber stell dir vor, er hat versprochen, dass wir auch backstage dürfen. Natürlich muss er noch mit den anderen reden, aber er war ganz sicher, dass sie nichts dagegen haben.«
   Mit einem Mal war Luna ganz aufgeregt. Sie durften backstage! Davon würde sie noch ihren Enkeln erzählen können. Falls sie denn jemals welche haben sollte. Mit Leon jedenfalls nicht. Aber was machte das schon.
   Sie drückte Kiki so fest, dass der fast die Luft wegblieb.
   »Ich sehe, du freust dich. Wir werden unser Singledasein feiern, unser freies Leben ohne untreue Männer, seien sie nun Angler oder Rockstars. Wir sind endlich wieder frei!«
   Luna wischte sich über die Augen. Ganz so weit war sie dann doch noch nicht, aber zumindest war es schon mal ein Anfang. Ein guter.

Kurz bevor Luna am Sonntagabend schlafen gehen wollte, kam Leon. Sie erstarrte, als sie seinen Schlüssel im Schloss hörte. Was wollte er noch? Ihr sagen, dass es endgültig vorbei war? Trotz ihres Entschlusses, sich seinetwegen nicht mehr verrückt zu machen und lieber schon auf ihr Singledasein vorzubereiten, spürte sie, wie ihr Herz vor Sorge schneller schlug.
   Das Erste, was sie sah, als er die Tür öffnete, waren gelbe und rosa Blumen, Gerbera und Chrysanthemen. Er hielt den Strauß vor sich ausgestreckt wie ein Kreuzritter sein Schwert.
   Luna starrte ihn an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte sich auf einen handfesten Streit eingestellt. Seine verlegene Miene, mit der er sie nun ansah, brachte sie völlig aus der Fassung.
   »Für dich«, sagte er leise, als sie immer noch nicht reagierte.
   Automatisch nahm sie ihm die Blumen aus der Hand, schaffte es jedoch, sich nicht zu bedanken. So einfach kam er ihr nicht davon!
   Sie legte den Strauß auf die Spüle und kramte im Schrank nach einer Vase. Sie wusste genau, wo sie sie stehen hatte, ließ sich aber absichtlich Zeit, um sich sammeln zu können.
   »Ist wieder alles in Ordnung zwischen uns?«, fragte er.
   Das war genau die falsche Frage! Luna fuhr zu Leon herum wie ein Tornado. »Das kannst du nicht ernst meinen!«, fauchte sie. »Du belügst und betrügst mich nach Strich und Faden, kommst nach einem ganzen Tag Funkstille hier an und glaubst, mit etwas Grünzeug ist alles wieder gut?«
   »Aber ich habe doch gar nichts gemacht!«
   Luna lachte auf. »Ach, nein? Dann war die rote Bluse wohl deine Schwester, die du mir bisher verschwiegen hast, oder?«
   »Reg dich doch nicht so auf. Ich dachte, wir könnten in aller Ruhe reden.«
   Luna atmete tief durch und zählte in Gedanken bis zehn. »Gut. Dann rede. Erkläre mir, wer sie ist und warum du dich klammheimlich mit ihr getroffen hast.«
   »Klammheimlich? Das stimmt doch gar nicht. In dem Fall hätte ich mich bestimmt nicht in aller Öffentlichkeit mit ihr getroffen.«
   »Willst du weiter um den heißen Brei herumreden oder mir endlich erklären, was du dir dabei gedacht hast?«
   »Also gut.« Leons verlegene Miene hatte sich in eine beleidigte verwandelt. Das war nicht einmal ein Wunder. Bisher hatte sie es ihm immer viel zu einfach gemacht. Er war es nicht gewöhnt, sich etwas mehr anstrengen zu müssen.
   »Sie heißt Diana. Sie ist unsere neue Sekretärin. Und sie wohnt erst seit Kurzem hier, sie kommt aus Magdeburg. Na ja, und sie hat mich gebeten, ihr ein wenig die Stadt zu zeigen. Ich hatte ihr natürlich gesagt, dass ich keine Zeit habe, aber dann meintest du, dass du mit Kiki bummeln gehen willst. Also habe ich sie kurz entschlossen angerufen und mich mit ihr verabredet.«
   »Und ihr habt euch so gut verstanden, dass du ihr gleich den Arm um die Schulter legen musstest.« Luna fixierte Leon wie ein Falke eine Maus am Boden.
   »Sie hat mir leidgetan. Sie hat gerade eine Trennung hinter sich, deshalb ist sie auch aus Magdeburg weggezogen.«
   »Seltsam. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich gerade köstlich amüsiert hatte. Ich hab jetzt noch ihr Kichern im Ohr.«
   »Ja«, erwiderte Leon heftig. »Ich sagte doch gerade, dass ich sie aufgemuntert habe.«
   »Das ist ja sehr fürsorglich von dir.«
   »Was soll das, Luna? Ich hab mich doch bei dir entschuldigt.«
   »Hast du? Daran kann ich mich gar nicht erinnern.«
   Leons Blick wanderte zu den Blumen, die Luna inzwischen in der Vase arrangiert hatte. Dann starrte er Luna an. So lange, bis ihr ganz unbehaglich zumute wurde. »Warum warst du überhaupt da? Du hast doch gesagt, ihr wolltet nach Harburg.«
   Luna riss die Augen auf. »Das ist jetzt aber nicht dein Ernst, oder? Wir haben es uns eben anders überlegt. Und wieso hast du dich eigentlich nicht eher gemeldet? Du hast dir ganz schön Zeit gelassen.« Sie sah vielsagend die Blumen an.
   Leon schnaufte empört. »Du hast doch gesagt, dass ich dich nie wieder anrufen soll.«
   »Ach so, und plötzlich hörst du auf das, was ich sage, oder wie?«
   Doch plötzlich knickte er ein. »Ich wollte dich sofort zurückrufen. Aber Diana hielt mich davon ab. Sie meinte, in der Stimmung, in der du gerade warst, hätte es keinen Sinn, weiter mit dir zu diskutieren.«
   Luna ballte impulsiv die Fäuste. »Oh, du machst also alles, was sie sagt, ja?«
   Leon hob müde die Hand. »Dreh mir doch nicht aus allem einen Strick. Eigentlich wollte ich dich damit überraschen. Sozusagen als Wiedergutmachung, weil ich doch an unserem Fünfjahrestag nicht hier bin. Ich hab dir ja schon gesagt, dass ich mir für uns etwas ausgedacht habe.«
   »Da bin ich aber gespannt.« Entgegen ihrer zornigen Worte spürte Luna, wie ihr Ärger wich und Erleichterung Platz machte. Fünf Jahre waren eine lange Zeit. Und sie waren es wert, darum zu kämpfen, oder? Da musste man auch einmal Kompromisse eingehen. Und verzeihen können. Einlenken. Leon hatte ja mit dieser Diana gar nichts gehabt. Noch nicht jedenfalls. Vielleicht hatte sie gerade noch rechtzeitig eingegriffen.
   Neugierig beobachtete Luna, wie Leon sein Smartphone herausholte und etwas eintippte. Anschließend hielt er ihr das Display hin.
   »Sieh mal. Was hältst du davon? Nur du und ich.« Seine Augen strahlten.
   Das Hotel sah wahnsinnig romantisch aus. Blumengeschmückte Balkone. Hohe Berge im Hintergrund. Und das alles mitten in München. »Fünf Sterne!« staunte sie. »Das wird doch irre teuer sein!«
   »Darüber mach dir mal keine Gedanken. Für dich würde ich auch die Sterne vom Himmel holen.«
   Ein Teil von ihr fand diesen Spruch etwas schmierig, aber die Bilder dieses Hotels waren wirklich sehr ansprechend, und der Gedanke, einige Tage lang ganz allein mit Leon zu sein, in einer aufregenden Stadt und paradiesischer Umgebung, mit Whirlpool und Balkon, reizte sie sehr. »Das sieht schon sehr schön aus. Aber wann …?«
   »Wir können am übernächsten Wochenende einchecken.«
   »Was? So bald schon? Okay, das ist wirklich eine Überraschung.«
   »Sag ich doch. Liebes, ich möchte, dass alles wieder gut wird zwischen uns.«
   Luna war gerührt. Auch wenn sich ein Teil von ihr ärgerte. Wenn sie nun an genau diesem Wochenende schon etwas anderes vorgehabt hätte? Andererseits wusste Leon ja, dass sie fast immer zu Hause blieb.

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