Ein Terroranschlag erschüttert Houston und seine Einwohner. Das Team rund um Special Agent Austin Randle wird zum Tatort geschickt, der ihnen nicht viel zu bieten hat, außer jede Menge Leichen, einige Zeugen und ein verstörtes Mädchen, das als Einzige überlebt hat. Schnell bekennt sich eine Terrororganisation, die seit Jahren ihr Unwesen treibt, zu dem Anschlag. Doch während Austin und Vivi zeitgleich versuchen, die Risse aus Vertrauensbrüchen und Unwahrheiten in ihrer Beziehung zu kitten, werden die Eltern des Mädchens ermordet. Plötzlich verbinden sich die Fäden der Vergangenheit mit den Ereignissen von heute und erschüttern Vivi mehr als die Indizien, die auf Austin deuten. Doch er schweigt ...

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ISBN: 978-9925-33-138-3

Seiten: 238

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Jasmin Kreuz

Jasmin Kreuz
Jasmin Kreuz wurde 1989 in München, Deutschland geboren. Im Alter von zehn Jahren zog sie mit ihren Eltern nach Österreich. Dort absolvierte sie im Jahr 2007 die Matura. Die Liebe zum Schreiben entstand bereits in der Schulzeit. Im Alter von vierzehn Jahren hat sie ihren Eltern ganz aufgeregt ihren ersten „Roman“ vorgelegt, der - natürlich - für absolut unglaublich befunden wurde. Wenn sie gerade nicht arbeitet oder an ihren Romanen schreibt, reist sie gern und verbringt viel Zeit mit ihrer Familie, ihrem Sohn und Freunden.

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Kapitel 1

Dreiundzwanzig, Vierundzwanzig, … Er atmete tief durch, drückte den Rücken durch und lächelte eine durchaus hübsche Frau an, die ihm im Vorbeigehen zuzwinkerte. Wenn sie wüsste, in welcher Mission er unterwegs war, würde ihr hübsches Lächeln in einer Visage des Grauens erstarren.
   Zur Abwechslung wehte ein kalter Wind durch die geschäftigen Straßen von Houston, der Herbst brachte nicht nur Abkühlung, sondern auch einen trüben Himmel, der wolkenverhangen dem Tag eine fast schon mystische Blende verpasste. Die Leute, die aus allen Richtungen über die Gehwege stoben, schienen sich nicht an der ungewohnten Trübe des Tages zu stören. Sie lachten, unterhielten sich angeregt, betrachteten Schaufenster und hielten diese dämlichen Kaffeebecher in den Händen, die ihnen eine Aura der Wichtigkeit, der Geschäftigkeit verleihen sollte. Doch er durchschaute sie. Keiner dieser Wichtigtuer war so immens unabkömmlich, dass er sich in seinem langweiligen, schlecht bezahlten Job, nicht gemütlich mit einem anständigen Kaffeebecher hinsetzen hätte können. Noch dazu, weil das von Mami und Papi finanzierte Studium schlicht der Angeberei und weniger dem beruflichen Fortgang diente. Unnötige Kreaturen, die keine Ahnung von echten, von den wirklichen Problemen der Menschheit hatten.
   Er würde ihnen die Augen öffnen. Was für eine Genugtuung. Dass er dafür sterben würde müssen, kümmerte ihn recht wenig. Wenn er für die ehrbare Gesellschaft einen Teil des Abschaums ausradieren konnte, sodass die Welt gezwungen war, sich mit ihm und seinen Brüdern auseinanderzusetzen, kam ihm jedes Mittel gelegen. Abgesehen von der unglaublichen Ehre, die ihm zuteil geworden war, als der Anführer ihn, ja, genau ihn, dazu auserkoren hatte. Fantastisch. Fast hätte er geweint, sich auf den Boden geworfen und die Erde unter den Füßen des Anführers geküsst. Aber dieser duldete keine Gefühle, zumindest keine so profanen wie Freude.
   Unbewusst verzog er den Mund zu einer abwertenden Grimasse, als er die Straßenseite wechselte, um die Personen, die in einem kleinen Café warteten, noch einmal zu zählen. Dann warf er einen letzten Blick auf seine Armbanduhr, legte seine rechte Hand auf die Waffe, die versteckt durch seinen Mantel an seinem Gürtel fixiert war, und betrat den Laden. Ein fröhliches Gebimmel ertönte, er zählte noch einmal, nur um sicherzugehen, zog seine Waffe und drückte ab.

Kapitel 2

»Verzweifle nicht, an der Einfahrt ist jeder mindestens einmal gescheitert.«
   Auch wenn sich Dana bestimmt nicht an die Wahrheit hielt und nur darum bemüht war, sein knallrotes Gesicht wieder auf normale Farbe zu dimmen, steckte ihm der Schreck noch tief in den Knochen. Schlimmer als der tiefe Kratzer, der sich quer über den Kotflügel der schwarzen Limousine zog, mit der sie eben von einem Tatort in das FBI Hauptgebäude zurückgekehrt waren, würde jedoch der Moment sein, in dem er von seinem Missgeschick berichten musste. Tom schluckte und folgte Dana, die zielstrebig die verschlungenen Wege in ihr Büro entlangschritt.
   »Du auch?«, fragte Tom, der um die Kurve zur Garage wohl zu weit ausgeholt und mit dem Wagen die Mauer geküsst hatte.
   Dana warf einen spöttischen Blick über die Schulter, als sie die Tür aufstieß. »Ich natürlich nicht. Aber von anderen habe ich schon gehört.«
   Tom wurde augenblicklich übel, als er Austin, seinen Chef, erblickte, der scheinbar gelangweilt auf seinem Laptop herumtippte. Er konnte nur hoffen, dass sein Boss Gnade walten und ihn einfach erschießen würde. Ohne Schmerzen und langes Leiden.
   »Und?«, fragte Austin, ohne aufzuschauen.
   Dana ließ sich auf ihren Sessel plumpsen und warf Tom einen aufmunternden Blick zu. »Dürfte relativ eindeutig sein«, sagte sie zu Austin gewandt. »Die Leiche ist gerade in der Gerichtsmedizin. Die Frau hat ein Einschussloch in der Brust, der Mann ist nicht aufzufinden. Tatort ist gesichert, Spuren genommen und die Nachbarn befragt. Alles weitere dann, wenn ich es zusammengefasst habe.«
   »Davon bin ich ausgegangen. Dafür wirst du ja bezahlt. Was ist mit dem Kleinen?«
   Tom durchfuhr ein Schreck, als hätte ihn jemand auf den elektrischen Stuhl verfrachtet. Austin hatte nicht einmal hochgeschaut. Wie zur Hölle, konnte er wissen, dass Tom den Wagen demoliert hatte? Vermutlich konnte sein Boss Angst riechen. Das musste es sein. Kein Zweifel. Dana war ihm auch keine Hilfe, sie zuckte nur mit den Schultern und bedeutete ihm mit einem verbindlichen Blick, sein Vergehen lieber gleich zu beichten, als den Teufel noch weiter zu reizen.
   Tom straffte die Schultern und trat vor Austins Tisch. »Boss, es tut mir leid. Ich …«
   Erst jetzt trafen Austins eisblaue Augen auf Tom, und wäre er in einem Actionfilm, wäre er jetzt mit dem Rücken gegen die Wand geflogen. So aber stand er noch immer geknickt da.
   »Was tut dir leid?«
   Nach seinem ersten Jahr in Austin Randles Team hatte Tom eines gelernt. Je mehr er versuchte, sich herauszuwinden, desto eher wurde ihm der Arsch aufgerissen. Also Augen zu und durch. »Ich bin mit dem Wagen an der Mauer entlanggeschrammt, als wir in die Garage gefahren sind. Ich werde gleich eine Meldung in der Verwaltungsabteilung machen und das nächste Mal besser aufpassen.«
   Der Blitz, der ihn hätte treffen müssen, blieb aus. Auch flogen keine Möbel durch die Gegend und sein Chef verfärbte sich auch nicht grün. Im Gegenteil. Ein winziges Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er sich wieder seinen Berichten widmete, offensichtlich unbeeindruckt von Toms Beichte.
   »Ist Dana auch schon passiert. Zwei Mal.«
   Hinter sich hörte Tom seine Kollegin sichtlich pikiert nach Luft schnappen. Erleichtert entspannte er sich und fühlte sich ganze hundert Kilo leichter. Damit schien für Austin das Thema beendet zu sein. Sein Blick flog über den Bildschirm und nahm keine Notiz mehr von ihm. Tom nutze die Chance und verschanzte sich hinter seinem eigenen Schreibtisch, nicht ohne vorher den Hörer abzunehmen und in der Verwaltung eine Schadenmeldung zu machen. Er wollte dem Boss keine Chance geben, doch noch zu Hulk zu werden. Zu guter Letzt warf er Dana einen triumphierenden Blick zu, den diese quittierte, indem sie ihm die Zunge zeigte. Tom mochte sie. Ihre Art, so unbeschwert und trotzdem ernst, wenn es die Situation bedurfte. Er lachte oft mit ihr und freute sich ehrlich darüber, in diesem Team sein zu dürfen. Auch wenn Austin eine ausgewachsene Grandscherbe war, fühlte er sich wohl und hatte bereits in einem Jahr mehr gelernt als in den langen Tagen seiner Ausbildung. Vivianna, die vierte Kollegin im Bunde, hatte sich heute einen Tag Urlaub genommen, wie er heute Morgen von Dana erfahren hatte, als Austin sie zu einem neuen Tatort geschickt hatte. Obwohl Tom keine romantischen Gefühle für Vivi hegte – vorher würde er sich lebendig verbrennen lassen, als Austin ins Gehege zu kommen, der seit einem Jahr mit Vivi zusammen war –, hatte er selten eine schönere Frau gesehen. Ihre graublauen Augen lagen in einem ebenmäßigen Gesicht, das von einer Stupsnase geprägt war. Die blonden Haare trug sie lang und meist offen. Jede Kurve ihrer Figur war dort, wo sie sein musste. Nicht selten bemerkte Tom die Blicke anderer Männer, wenn sie gemeinsam auf der Straße oder zu einem Tatort unterwegs waren. Er konnte verstehen, warum Austin so vernarrt in sie war. Auch wenn sein Boss im Dienst absolut professionell agierte und niemand externer auch nur ahnen konnte was zwischen den beiden lief, entgingen Tom die Blicke die Austin ihr hier und da zuwarf, nicht. Auch wenn er selbst die dreißig noch nicht überschritten hatte, beneidete er seinen Chef manchmal.
   Dana hingegen ging auf die vierzig zu, besaß dennoch eine Ausstrahlung, die vor Selbstvertrauen strotzte. Ihre schwarzen Haare trug sie in einem Bob und ihre schmale Figur steckte häufig in T-Shirts und Jeans. Soweit Tom gehört hatte, hatte Dana schon einige Ehemänner verbraucht, schien darüber aber nicht sonderlich traurig zu sein. Beide Frauen hatten eines gemeinsam: einen messerscharfen Verstand. Im Gegensatz zu Dana war Vivi allerdings sehr viel einfühlsamer und ruhiger, immer darum bemüht, nur das Gute in Menschen zu sehen.
   Tom wurde je aus seinen Gedanken gerissen, als Austins Handy klingelte.
   »Randle«, brummte er, nachdem er das Gespräch entgegengenommen hatte.
   Danach folgte langes Schweigen. Ab und zu verirrte sich ein langgezogenes »Hm« aus Austins Mund.
   »Ich komme«, sagte er schließlich, sprang auf und riss fast den Sessel mit um. »Herrgott, was ist denn nur los mit euch? Seid ihr nicht mehr fähig, ein Auto auf der Straße zu halten?«
   Verwirrt Schaute Dana auf. »Was ist passiert?«
   Jetzt war der Hulk doch noch ausgebrochen. Zwar nicht grün, aber genauso bedrohlich.
   »Ich muss Vivi abholen.« Austin überblickte den Raum. Er strich sich über die Taschen seiner Jeans, war auf der Suche nach etwas.
   »Von wo?«
   »Von der Polizeistation Houston.«
   »Was?«
   Austin warf Dana einen verärgerten Blick zu. »Sie hat zwei Autos gerammt und ist ohne Führerschein unterwegs gewesen. Ich kenne den Polizeichef, der auf eine Anzeige verzichtet, wenn ich sie sofort abhole.«
   Austin drehte sich dreimal im Kreis, fuhr sich durch die Haare und schnaufte genervt.
   »Oh, Gott! Ist was passiert?« Dana riss erschrocken die Augen auf.
   Plötzlich schoss Austin wie eine Natter auf Tom zu. »Gib mir den Autoschlüssel von der Karre, die du ruiniert hast!«
   Panisch kramte Tom nach dem Schlüssel und hielt ihn Austin hin, der ihn schneller packte als ein Frosch die Fliege.
   »Ja. Blechschaden. Mein armes Baby.«
   »Ihr ist bestimmt nichts Schlimmes passiert, Austin. Das hättest du am Telefon erfahren.« Dana stand auf und wollte ihn beruhigen. Doch der war schon auf dem Weg nach draußen, die Hand auf der Türklinke.
   »Nicht sie. Mein Auto, verdammt!«
   Damit knallte die Tür ins Schloss, und die aufgewirbelte Luft fegte sämtliche Papiere vom Tisch.
   »Uff.« Dana lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Jeder wusste, dass Austin sein Auto, ein deutsches schnelles Fabrikat fast schon verehrte. Gelegentlich borgte er es Vivi, die kein eigenes Gefährt mehr hatte und die es an ihren freien Tagen nutze, wenn Erledigungen anstanden. Austin selbst organisierte sich dann einen Firmenwagen, der seinem Rang zustand.
   »Ich hoffe, Vivi überlebt das.«
   An Danas Schmunzeln konnte Tom erkennen, dass wohl keine ernsthafte Gefahr für Vivis Leben bestand, sie aber durchaus mit einer heftigen Abreibung rechnen konnte.
   »Dana?«, fragte Tom vorsichtig.
   »Ja?«
   »Der Boss hat keine Papiere für den Wagen mit, die sind noch bei mir.«
   Dana lachte herzhaft. »Kleiner, das wird ihn genauso wenig kümmern wie die Geschwindigkeitsbegrenzung im Ortsgebiet.«

Kapitel 3

Austin kochte noch immer, als er über die Interstate raste. Den Kratzer, den Tom verursacht hatte, hatte er zwar gesehen, aber nicht wirklich registriert. Es kümmerte ihn nicht, auch wenn er einige schiefe Blicke von anderen Fahrern erntete. War er doch ernsthaft entsetzt über die Möglichkeit, dass sein heiß geliebter Wagen beschädigt war, galt seine größere Sorge dennoch Vivi. Warum um alles in der Welt war sie in parkende Autos gefahren? Grundsätzlich war sie eine ziemlich sichere Fahrerin, das musste er neidlos anerkennen. Wenn sie freihatte, konnte sie sich jederzeit sein Auto ausleihen. Seitdem sie bei ihm wohnte, ließ er den Schlüssel einfach auf dem Bord hängen. Fuhr er eben mit einem freien Dienstwagen. Natürlich war dem ganzen Arrangement eine längere Diskussion vorausgegangen, in der Vivi deutlich als Siegerin hervorgegangen war. Wie so oft. Wenn er so darüber nachdachte, hatte sich viel in seinem Leben geändert. Er war von Prinzipien abgewichen, hatte Kompromisse vorgeschlagen, von denen er nie geglaubt hätte, dass sie mal seinen Mund verlassen würden. Und alles nur für sie. Doch auch wenn er sich sein Leben anders vorgestellt hatte, frei, unabhängig und seinen Willen durchsetzend, zeichneten sich die schönen Momente, die er mit ihr erlebte, deutlich vor dem Grau seines früheren Lebens ab und strahlten heller als jeder Grundsatz, den er nicht ausdiskutierte. Auch wenn er am Ende oft nachgab – er liebte sie so wie er noch nie zuvor jemanden geliebt hatte. Kaum zu glauben.
   Als er auf den Parkplatz der örtlichen Polizeistation einbog, war er dennoch sauer. Gemischt mit einem Hauch Sorge um Vivi, der aber schnell verflog, als er die Tür aufstieß und von Herb, dem Polizeichef in Empfang genommen wurde.
   »Gut, dass du da bist. Sie benimmt sich wie eine Furie.« Herbst Gesicht war blass, ein feiner Schweißfilm glänzte auf seiner Oberlippe.
   »Kann ich mir kaum vorstellen«, grummelte Austin, folgte Herb in den hinteren Teil der Station in der die Arrestzellen untergebracht waren.
   »Du hast sie doch nicht etwa …?« Austin deutete auf die grauen Gitterstäbe, die immer näher kamen.
   »Nein, nein. Wo denkst du hin. Obwohl ich es vielleicht hätte tun sollen. Eine Streife hat sie beobachtet, wie sie von der Straße abkam und in zwei parkende Autos gerauscht ist. Sie ist stehen geblieben, hat den Beamten aber jegliche Kooperation verweigert. Als dann auch noch der Führerschein fehlte, musste ich sie leider mitnehmen. War aber ziemlich erleichtert, als sie dich als Kontaktperson nannte. Mehr weiß ich nicht. Bockt wie ein Frühjahrskalb.«
   Obwohl vor seinem inneren Auge ein Bild seines heiß geliebten Wagens auftauchte, der in einer Schrottpresse zerquetscht wird, musste er grinsen.
   Herb stieß eine Schwingtür auf und sie traten in einen kleinen Raum, der hinter den Zellen lag. Dort saß sie. Sich das feucht glänzende Gesicht mit einer Zeitung befächernd. Zwei Strähnen hatten sich aus dem Zopf geschummelt und klebten an ihrer Stirn. Draußen war es zwar nicht mehr so brütend heiß, aber die Hitze des Sommers hatte sich in den Räumen angestaut, und es gab nicht einmal ein Fenster, das einen Hauch Luft hätte hereinlassen können.
   »Was ist passiert, Vivi?«
   Augenblicklich sprang sie auf und rauschte auf Austin zu wie eine Dampflok auf Hochtouren.
   »Was bilden die sich eigentlich ein? Schleppen mich hierher für nichts und wieder nichts. Ich will sofort nach Hause!«
   Austin fing ihren Lauf ab, indem er sie an den Schultern packte und zum Stehen bleiben zwang.
   »Hey, beruhig dich. Du demolierst fremde Autos und bist ohne Führerschein unterwegs. Was glaubst du, was Herb hätte tun sollen?«
   »Es ist nichts passiert. Ein Unfallbericht hätte gereicht. Versicherungssache. Ich weiß nicht, warum das alles so aufgebauscht wird. Ich will jetzt gehen!«
   Austin blies die Luft aus und wandte sich an Herb, die wütende Vivi im Klammergriff. »Habt ihr die Gültigkeit des Führerscheins mittlerweile im System nachvollzogen?«
   Herb nickte. »Ja. Wir haben auch die Autobesitzer informiert, damit diese sich mit ihren Versicherungen in Verbindung setzen können.«
   »Dann ist ja alles geklärt.« Vivi versuchte sich an Austin vorbeizuschieben, der sie mühelos am Fliehen hinderte.
   »Hier geblieben.« Er stemmte die Fersen in die Erde. Ein bisschen kam er sich wie ein Footballer vor, der seinen Gegner am Touchdown hinderte. Oder wie ein Vater, der seine Tochter daran erinnerte, wer hier das Sagen hatte.
   »Schon gut. Bitte nimm sie mit.« Ein Lachen versuchte sich aus Austins Brust zu stehlen, und wäre die Situation nicht so ernst, hätte er sich an Herbst leidenden Gesichtsausdruck schlapplachen können. Er schien wirklich heilfroh zu sein, Vivi aus den Augen zu haben.
   »Geht doch.« Sie startete einen erneuten Versuch, Austins Fängen zu entkommen. Diesmal ließ er sie los und bat sie lediglich, auf ihn zu warten. Er hätte genauso gut mit dem Getränkeautomaten an der Ecke reden können, den kaum hatte er seinen Griff gelöst, stürmte sie auch schon nach draußen.
   »Da hast du dir aber ein ganzes Stück Arbeit angelacht«, sagte Herb ernst. Fast schon ehrfürchtig. Wie als wäre Austin ein Drachenbändiger.
   »Meistens ist sie zahm«, sagte er, bevor er wieder ernst wurde. »Aber im Ernst Herb. So hab ich sie noch nie erlebt. Hast du irgendeine Ahnung, was da vor sich ging?«
   »Laut Augenzeugen war sie einfach abgelenkt. Hat nicht aufgepasst. Und als sie gemerkt hat, dass der Wagen ausschwenkt, war es wohl schon zu spät. Eigentlich ja kein Ding, aber ihr Verhalten meinen Beamten gegenüber …«
   »Jaja. Schon klar«, unterbrach Austin Herbst Redeschwall. Er verstand ihn ja. »Herb? Wie schlimm steht es um mein Auto?«
   Herb warf ihm diesen Männerblick zu, der zugleich Verständnis und Mitleid ausdrückt.
   »So schlimm?«
   »Steht auf dem Parkplatz ganz rechts. Lass ihn demnächst mal abholen.«
   Austin nickte, dankte Herb und folgte Vivi nach draußen. Sie stand offensichtlich genervt neben dem Dienstwagen und trommelte mit den Fingern auf das Dach.
   »Mach auf«, forderte sie ihn auf.
   Unwirsch drückte er den Knopf auf der Fernbedienung, drehte aber nach rechts ab und ging zu seinem Auto, das einsam und verlassen parkte. Er gönnte sich nur drei Sekunden, um den Wagen zu scannen und den Schaden auf gute dreitausend Dollar zu schätzen. Mindestens. Er fluchte und stapfte zu Vivi, stieg ein und drehte sich zu ihr.
   »Was ist in dich gefahren?«
   »Nichts.«
   Argh. Diese Nichts-Antworten waren schlimmer als jeder Streit. Sie presste ihre Lippen fest aufeinander und hielt die Arme vor der Brust verschränkt.
   »Bist du verletzt?«, fragte er versöhnlich.
   Stumm schüttelte sie den Kopf.
   »Was ist denn geschehen? Herb sagt, du warst abgelenkt.«
   »Kannst du nicht einfach losfahren und mich heimbringen? Ist das so ein Drama, dass ich aus Versehen meine Papiere zu Hause vergessen habe?«
   Einige Sekunden starrte Austin seine Freundin an. Allmählich stieß sie mit ihrer Bockigkeit an die rote Grenze seiner Geduld. Er hatte allen Grund, sauer zu sein. Nicht sie.
   »Nein. Dein Verhalten ist das Drama und das du ganz nebenbei einen Sachschaden verursachst hast. Was hast du gemacht? Dich geschminkt? Dabei hast du übrigens mein Auto geschrottet.« Seine Stimme bebte bedrohlich.
   Sie lachte gekünstelt und deute mit einer ausholenden Geste auf den von Tom verursachten Schaden. »Darum geht es also. Wenn ich mir den Kotflügel der Kiste hier ansehe, kannst du genauso wenig fahren wie ich.«
   Erst wollte er zu einer Verteidigung ansetzen, überlegte es sich aber in letzter Sekunde anders. Nicht mit ihm. Er ignorierte ihren Einwand einfach.
   »Wo bist du überhaupt gewesen? Du hast nichts erwähnt.«
   Sie warf ihm einen abschätzigen Blick zu, den er mehr spürte als sah. »Das geht dich nichts an. Ich muss dir doch keine Rechenschaft ablegen.«
   Der Zeiger sprang über die rote Linie und stieß an das Ende des Nerv-Tachos. Es reichte.
   Als er den Wagen startete und mit quietschenden Reifen vom Hof fuhr, würdigte sie ihn keines Blickes, starrte stur aus dem Fenster. Während er sich noch tausend Antworten überlegte, gefolgt von dem Gedanken sie einfach auf dem Highway auszusetzen und versuchte, seine Wut in den Griff zu kriegen, ohne ihr hässliche Dinge an den Kopf zu werfen, kam wie aus dem Nichts ihre Hand, die sich auf seine legte.
   »Es tut mir leid. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte.«
   Mit einem Schlag verpuffte der Ärger, dessen einziges Ventil das Gaspedal unter seinem Fuß gewesen war.
   »Schon gut. Hauptsache, dir ist nichts passiert. Blech kann man reparieren.«
   Sie nickte und er schob ihre Hand mit seiner auf den Schaltknauf, um sie dort abzulegen und seine über ihre zu legen.
   Er drückte zärtlich zu. »Warum bist du so ausgerastet? So kenne ich dich überhaupt nicht.«
   Der Wagen kam an einer roten Ampel zum Stehen. Den Highway hatten sie längst hinter sich gelassen. Als er sich ihr zuwandte, fixierten ihn ihre schönen Augen, die ihn von Anfang an in seinen Bann gezogen hatten. »Austin?«
   »Hm?«
   »Kannst du bitte einfach aufhören zu reden?«
   Er lächelte, zog ihre Hand an seinen Mund und küsste sie, während er über ihren Handrücken hinweg ihr Schmunzeln auffing. Eigentlich war er derjenige, der keine zwei Wörter in der Stunde über seine Lippen brachte. Von Vivi gebeten zu werden, die Klappe zu halten war, in den sechs Jahren, die sie sich schon kannten, noch nie passiert. Ein eindeutiges Signal, dass er heute, morgen und vermutlich auch in drei Monaten keine Antwort bekommen würde. Aber das war okay für ihn. Er brauchte sie nicht in- und auswendig zu kennen, jedes Geheimnis zu erkunden, um zu wissen, dass sie ihm treu ergeben war. Jeder hatte kleinere Mysterien, die der Partner nicht unbedingt wissen brauchte. Seines zum Beispiel war, dass sein Auto natürlich Vollkasko versichert war und er einen jährlichen Freischaden hatte. Aber das würde er Vivi nicht sagen.

Kapitel 4

Die Blenden der Jalousie an den Fenstern waren fest geschlossen, um die stechende Mittagshitze auszusperren, die sich vehement durch sämtliche Ritzen des Hauses kämpfte und die Luft aufheizte. Jetzt im Herbst brachten die Nächte zwar erhebliche Abkühlung, einzelne Tage konnten aber dennoch schwül sein. Die Deckenventilatoren, die Vivi heute Morgen eingeschalten hatte, drehten sich träge im Kreis, wie als wäre ihnen selbst viel zu warm, um zuverlässige Dienste zu leisten.
   Vivi schloss die Haustür hinter sich und wartete, bis sie den Kies hörte, auf dem sich Autoreifen in Bewegung setzen. Sobald sie sicher war, dass Austin gefahren war, atmete sie hörbar aus. November in Texas und trotzdem fünfundzwanzig Grad. Ein feiner Schweißfilm hatte sich auf ihren Schulterblättern gebildet. Obwohl sie sich mittlerweile an die texanische Hitze gewöhnt hatte und Houston als ihre Heimat betrachtete, vermisste sie ab und an die kühle Brise, die der Atlantik in den Garten ihres Geburtshauses geweht hatte. Aber Frankreich und die Normandie waren weit weg, und sie lebte schon zu lange in Amerika, um noch wirklich nostalgische Gefühle zu hegen. Sie warf einen abschätzenden Blick auf die Kommode, die im Flur stand und schüttelte den Kopf über sich. Dort lag ihr Führerschein, direkt neben den Zulassungspapieren für Austins Audi. Natürlich hatte sie ein schlechtes Gewissen, aber ihr Auftritt in der Polizeistation sowie ihre beißende Art waren notwendig gewesen. Auf dem Weg ins Bad zog sie sich ihr Kleid über den Kopf und ließ es achtlos auf den Boden gleiten, während sie die Armatur der Dusche betätigte. Sie wusste, warum sie unaufmerksam gewesen und von der Straße abgekommen war. Sie hatte zu spät reagiert, war mit den Gedanken weit weg gewesen und außerdem die federleichte Lenkung des Wagens nicht gewohnt. Während sie in die Wanne stieg, ärgerte sie sich immer noch über sich. Wie dumm von ihr. Ihrer Zerstreutheit war es auch zu verdanken, dass sie die Papiere hatte liegen lassen. Aber der Termin war nun mal nicht geplant gewesen. Das kühle Wasser traf auf ihre Haut, und für einen Moment zuckte sie zusammen, als der eisige Strahl ihren erhitzten Körper abkühlte. Offenbar waren ihre schauspielerischen Talente besser, als sie gedacht hatte. Nicht nur die Streifenpolizisten, auch Herb, der arme Kerl, und sogar Austin hatten ihr ihre Wut abgekauft. Klar, sie war auf sich sauer, aber in Wahrheit war sie einfach nur beschämt über ihren Fauxpas gewesen.
   Als sie sich wieder halbwegs wohlfühlte, trat sie aus der Wanne, fischte sich ein Handtuch vom Haken und wickelte es sich um den Körper. Leider war ihr Auftritt nötig gewesen, um Austin von ihrem eigentlichen Vorhaben abzulenken. Sie konnte ihm nicht sagen, wo sie gewesen war. Er würde es nicht verstehen. Noch nicht. Bis dahin hatte sie ihn in die Irre führen müssen. Sie war zwar nicht restlos davon überzeugt, dass er ihr glaubte, aber zumindest würde er für einige Zeit nicht mehr fragen. Vielleicht genauso lange wie sie brauchte, um sich über manche Dinge im Klaren zu werden.
   Sie ging in die Küche und schenkte sich ein großes Glas Wasser ein, das sie in einem Zug leerte. Austin hatte nicht verdient, belogen zu werden. Als sie vor sechs Jahren in sein Team gekommen war, hatten sie eine Nacht miteinander verbracht. Die Anziehungskraft zwischen ihnen war geblieben, dennoch hatte es weitere fünf Jahre und ihre Ehe mit einem Army gedauert, bis er ihr eines Nachts das Leben gerettet und ihr Herz restlos erobert hatte. Sie wusste, dass er viel für sie opferte, versuchte sich zu ändern und der bestmögliche Mann für sie sein wollte. Trotz seiner grantigen, teils ungehobelten Art war er wie ein Fels in der Brandung, der zwar manchmal explodierte, im Grunde aber nur nicht wusste, wie er mit seinen Gefühlen umgehen sollte. Wie ein Flipperball, der bei jedem Spiel hin- und her- und rauf- und runtersprang, zu guter Letzt aber doch in seinem Loch landete. Sie seufzte. Nein, er hatte es definitiv nicht verdient, dass sie ihm etwas verschwieg. Es musste sein. Sie nutzte sein Vertrauen nicht gern aus, aber es würde sich auszahlen. Vielleicht.

*

»Noch heute …, ja, es muss sein, reparier ihn so schnell wie möglich … Danke …« Austin drückte auf den roten Knopf am Headset, um das Gespräch zu beenden, als ihn ein weiterer Anruf erreichte. Er knurrte als Begrüßung, schwieg eine Minute, um den Anrufer ausreden zu lassen, trat auf die Bremse, verriss den Wagen nach rechts, legte einen filmreifen G-Turn hin und brauste in die Richtung davon, aus der er gekommen war. Wenige Minuten später hielt er vor seinem Haus, stürmte hinein und blieb wie angewurzelt stehen.
   »Ich dachte, du fährst wieder ins Büro?«
   Vivi stand nur mit Unterwäsche bekleidet – rot, Spitze, alles Dinge, denen er nicht widerstehen konnte – im Flur und starrte ihn verständnislos an.
   Er fluchte ausgiebig.
   »Ist was passiert?« Sie schien seine Stimmung aufzufangen wie ein Seismograph. Einerseits bedauerte er, dass sie in eine Jeans schlüpfte, andererseits war der Entzug von ihrer nackten Haut notwendig, um ihn wieder in die Realität zu holen. Ein Jahr Beziehung hatte es nicht geschafft, sein Begehren abzuschwächen. Im Gegenteil, oft hatte er das dumpfe Gefühl, dass sich ihre Leidenschaft nicht abnutze, sondern durch die Zeit stärker wurde. Seine Freunde hatten ihn gewarnt, dass das ständige Zusammensein, tagsüber in der Arbeit, nachts zu Hause, ihn irgendwann langweilen würde. Aber seine Freunde hatten keine Ahnung davon, wie die beruflich erzwungene Distanz die Vorfreude auf das Privatleben steigern konnte. Nicht jetzt, Austin.
   »Komm mit, Terroranschlag in La Grange.«
   Während sie sich ein T-Shirt über den Kopf zog, hielt er ihr bereits die FBI-Jacke hin.
   »O nein, wie viele Tote?«, fragte sie, während sie sich bückte, um in ihre Schuhe zu schlüpfen. »Austin, hör auf, auf meinen Hintern zu starren.«
   Zugegeben, einen Nachteil hatte die Sache, dass er eine FBI Agentin zur Freundin hatte. Der Spürsinn eines Drogensuchhundes. Und dass sie dazu neigten, schlimme Ereignisse durch Humor oder Flirten so lange zu verdrängen, bis sie sich ihnen stellen mussten. Was in spätestens fünfzehn Minuten der Fall sein würde. Schnell flog sein Blick in ihr Gesicht, als sie sich aufrichtete und ihm zuwandte.
   »Du weißt, dass dieser Hintern dein Auto gemordet hat?«, neckte sie ihn, während sie ihn rückwärts aus der Haustür dirigierte.
   »Dieser Hintern ist mir was schuldig«, brummte er, während er sich von ihr zum Wagen schieben ließ und ihren Blick suchte.
   Sie lächelte, drängte ihn gegen die Fahrertür, sodass er zwischen Auto und ihrer weichen, warmen Vorderseite eingeklemmt war und er ihre Brüste an seinem Bauch spürte. Sein Körper reagierte prompt und nur mit Mühe kämpfte er den Drang nieder, sie auf die Kühlerhaube zu heben und allen Anstand zu vergessen.
   Ihre Lippen drückten sich auf seine. Dann glitt ihr Mund langsam an sein Ohr, dabei konnte er ihren Atem heiß an seiner Haut spüren.
   »Später, mein Liebling.«
   Ihr Flüstern bereitete ihm Gänsehaut, noch bevor sie ihn zärtlich ins Ohrläppchen biss.
   »Herrgott, Vivi, wir müssen los«, fluchte er.
   Sie löste sich lächelnd von ihm, umrundete eilig den Wagen und nahm auf der Beifahrerseite Platz. Früher war seine Vorstellung von heißen Frauen ziemlich simpel gewesen. Die üblichen Klischees hatte er als Jugendlicher bedient, als er gemeinsam mit seinen damaligen Kumpels auf der Highschool die ersten Heftchen für sich entdeckte. Würde er heute einem der Verleger begegnen, würde er ihn definitiv darüber aufklären müssen, dass es nichts gab, das so sexy war, wie eine intelligente Frau in FBI-Montur, mit Pferdeschwanz und einem Lächeln auf den Lippen, dass mehr versprach als nur bloße Wiedergutmachung.
   »Verdammte Scheiße«, grummelte er, als er sich auf den Fahrersitz gleiten ließ und sie mit jedem Kilometer, den sie zurücklegten, wieder Kollegen wurden, deren Aufgabe es war, ihr Land zu schützen.

Kapitel 5

Noch bevor Austin mit quietschenden Reifen zum Stehen kam, erstreckte sich ein Meer aus Blaulicht, Sanitätern, Schaulustigen und neugierigen Reportern vor ihnen. Sie stiegen aus und glitten unter dem Absperrband durch. Jeder dritte Schaulustige hielt ein Handy nach oben und die zu Hilfe gerufene Feuerwehr hatte sichtlich Mühe, die Horde daran zu hindern, kleine Filmchen zu drehen, die später im Netz landen würden. Ein Polizist löste sich aus dem Pulk an Uniformierten und steuerte direkt auf sie zu.
   »Moment mal, Marke und Ausweis bitte!«
   Schnaubend zog Austin seine Identifizierung hervor. »Special Agent in Charge, Austin Randle.«
   Der junge Polizist starrte einige Sekunden prüfend auf die Marke, bevor er mit großen Augen zu Austin aufblickte. »Sie sind der berühmte Special Agent? Oh, Mann. Es tut mir leid, dass ich Sie nicht erkannt habe.«
   Austin gab ein Brummen zurück und ging weiter, ohne auf den Mann zu achten, der aussah, als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen, weil er sein Idol vergrämt hatte.
   »Der ist immer so. Nicht wundern«, sagte Vivi, zwinkerte ihm zu und folgte Austin in das kleine Gassenlokal, das von außen unscheinbar aussah. Ein krasser Kontrast zu dem, was sie drinnen erwartete. Die Kuchenvitrine war zerschossen, kleine funkelnde Glasscherben lagen verstreut über zwei Leichen, die Gesichter im Todeskampf erstarrt. Blut vermischte sich mit anderen Flüssigkeiten, vermutlich Getränke, die den Opfern aus der Hand gefallen waren und bildete große Pfützen auf den weißen Fliesen. Die Wände waren bespritzt, eine Leiche saß vorn übergesunken auf einem Stuhl, den Kopf grotesk zur Seite gekippt. Tische waren umgerissen worden, jemand hatte versucht zu fliehen und war kurz vor dem rettenden Ausgang erschossen worden. Vivi stieg über die Leiche und richtete ihren Blick wieder ins Innere.
   Tom und Dana, ihre Kollegen aus dem Team, standen bereits mit Notizheft und Kamera bewaffnet über dem Chaos. Ihre Mienen drückten das Entsetzen aus, das sich augenblicklich in Vivi breitmachte, als sie ein Mädchen sah, dass mit angezogenen Knien an die Wand gelehnt saß und sich vor und zurück wiegte. Sie mochte nicht älter als vierzehn sein. Eine Psychologin, die Vivi flüchtig kannte, kniete vor ihr und redete beruhigend auf sie ein. Doch ihr Gesicht war starr.
   »Update«, wies Austin Dana an, die sich ihnen zugewandt hatte.
   »Acht Tote. Einer davon der Schütze. Der Coroner müsste gleich kommen, auf den ersten Blick ist anzunehmen, dass der Täter hereinspaziert, alle Kunden erschossen und sich dann selbst gerichtet hat. Tom ist dabei, alles zu fotografieren, die Leichen sind nicht bewegt worden. War auch niemand da, der es hätte versuchen können.«
   Dana seufzte tief. »Bis auf die Kleine da drüben. Noch hat sie mit niemanden gesprochen, nicht mal mit Doktor Walker. Wir vermuten, dass sie alles mitangesehen hat. Ob einer der Toten ihr Vater ist, weiß man noch nicht. Ach ja, alle Leichen sind männlich. Ich meine, ich bin ja für Emanzipation, aber das geht dann doch zu weit.«
   Vivi hob das Kinn und sah Dana an, die eine Ecke ihres Mundwinkels zu einem entschuldigenden Lächeln verzog.
   »Das heißt, ein Kind ist unsere wichtigste Zeugin?«, hakte Austin nach, ohne den Blick zu heben.
   »Ja. Aber wir dürfen erst mit ihr sprechen, wenn Doktor Walker ihr Okay gibt. Du weißt, Schutz Minderjähriger und so.«
   »Wer hat den Notruf verständigt?«, fragte Vivi, während sich Austin bereits den ersten Leichen widmete, um sich selbst ein Bild zu machen.
   »Passanten auf der Straße. Die Polizei spricht draußen bereits mit ihnen. Ich habe eine Zusammenfassung für später angefordert.«
   Vivi tat einen Schritt zurück, um Jamie, der zuständigen Gerichtsmedizinerin, und ihrer Mannschaft Platz zu machen, die in diesem Moment das Lokal betreten hatten. Sie nickten sich zu.
   »Hi Jamie.«
   »Hey ihr, Hey Chief«, begrüßte sie Austin, bevor sie sich bei ihm durchquetschte und ihn unsanft zur Seite schob. »Mach Platz, ich muss arbeiten«, wies sie an, bevor sie sich den Mundschutz umlegte, ihrer Mannschaft befahl, anzufangen und sich die erste Leiche ansah.
   Jamie und Austin waren immer kollegial, freundlich miteinander umgegangen. Seit Jamie Austin geholfen hatte, als er sonst keine andere Möglichkeit gesehen hatte und nie wieder ein Wort darüber verloren hatte, war sie hoch in seinem Kurs gestiegen. Und konnte sich mehr herausnehmen als der Rest der Welt. Vivi schluckte hart. Jaimes Hilfe hatte damals ihr gegolten, und auch wenn sie nie ein schlechtes Wort über Jamie verloren hätte, erinnerte ihr Anblick Vivi immer daran, wie knapp die Sache gewesen war. Unbewusst strich sie sich mit der Hand über ihre Taille, an der eine Narbe sie bei jedem Anblick in den Spiegel an ihre eigene dumme Blindheit erinnerte.
   »Gibt es eine Videoüberwachung?« Austin trat an sie heran.
   »Nein, der Laden war zu klein und unbedeutend, als dass der Besitzer darin investiert hätte. Der ist übrigens in Kuba und lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen.«
   Dana hatte in der kurzen Zeit schon ganze Arbeit geleistet.
   »Gibt es Hinweise auf Terror? Noch können wir auch von einem Verrückten ausgehen.« Austin hob den Kopf und überblickte das ganze Szenario noch mal.
   »Noch nicht. Die Opfer waren hier alle zum Frühstücken oder um sich schnell einen Kaffee zu holen. Der Barista ist auch unter den Opfern. Aber nein, noch haben wir keine Verbindung zu einer Organisation entdeckt.«
   »Na endlich«, stieß Dana die Luft aus, als zwei Sanitäter mit einer Trage den Raum betraten und sich sofort dem kleinen Mädchen zuwandten, dass immer noch in Obhut von Doktor Walker war, die ihr nun aufhalf.
   Vivi beobachtete Austin, der seinerseits seinen Blick nicht von der Szene abwandte. Seine Kiefermuskeln spannten sich an und seine Zähne pressten sich fest aufeinander. Sein Blick schien sich in das Mädchen zu bohren, als würde er ihren Anblick für immer festhalten wollen. Als die Sanitäter die Trage an ihnen vorbeitrugen, fuhr Austins Arm aus und verkrallte sich in Oberarm des jungen Helfers.
   »Warum zum Teufel hat das so lang gedauert?«, schnauzte er.
   »Agent, als der Notarzt hier war, hatte man die Kleine noch nicht gefunden, sie hatte sich verschanzt. Das ist der zweite Wagen, der danach geschickt wurde.«
   Doktor Walker legte ihm beschwichtigend die Hand auf seinen Arm, und Austin ließ den verschreckten Sanitäter augenblicklich los.
   Eilig traten sie mit der Bahre nach draußen und eilten zum Krankenwagen. Doktor Walker folgte ihnen. Vivi und Dana warfen sich einen verständnislosen Blick zu, bevor Dana mit den Schultern zuckte und sich wieder dem Tatort widmete.
   Als sie eine halbe Stunde später aus dem Café traten, hatte Jamie die Leichen bereits wegbringen lassen und die Spurensicherung war sichtlich erfreut darüber, dass sie nun in aller Ruhe alle Hinweise einsammeln konnte, ohne dass ihnen ständig jemand vor dem Pinsel herumlief.
   Vivi entdeckte im allgemeinen Gewirr sofort den Krankenwagen, der etwas abseits stand. Das Mädchen saß auf der Bahre, Doktor Walker sprach noch immer oder schon wieder auf sie ein.
   Plötzlich hob die Kleine den Kopf und schien Austin so zu fixieren, wie er es vorher bei ihr getan hatte. Vivi zog Austin am Ärmel, und wies mit dem Kinn in die Richtung der Kleinen. Gerade als er sich umwandte, schrie das Mädchen gegen den Lärm an. Und trotz des aufgeregten Gemurmels der Passanten, der monotonen Fragen der Polizisten und dem Lärm der Fahrzeuge die nach und nach den Tatort verließen, wurden die Worte klar und deutlich zu ihnen herübergetragen.
   »Es wird dem Gerechten kein Leid geschehen, aber die Gottlosen werden voll Unglück sein.«

Kapitel 6

Niedergeschlagen wandte Vivi den Kopf vom Fernseher ab, der in ihrem Büro lief. Auf jedem Sender wurde über den Anschlag berichtet, wie eine flimmernde Ermahnung an ihr Team, dass sie ihren Job gründlich vermasselt hatten, indem sie die Stadt und ihre Bewohner nicht hatten schützen können. Die unterschwellig brodelnde Hysterie der Bewohner war von den Reportern und den Medien zu einem Spektakel aufgebauscht worden.
   McCarrigan, der stellvertretende Leiter des FBI, der hier in Houston stationiert war, trat hinter Vivi und Dana, die mit dem Rücken zur Tür standen, seitlich flankiert von Austin und Tom.
   »Na, Agent Scandrick, der Urlaubstag ist nicht so gelaufen wie erhofft, nicht wahr?«
   Automatisch machte sie einen Schritt zur Seite, um Platz zu machen. »Nein. Nicht wirklich«, antwortete Vivi, die sich wiedermal verfluchte, weil sie es immer noch nicht geschafft hatte, ihren Mädchennamen wieder anzunehmen. Ihren ehelichen Namen schleppte sie nun schon seit einem Jahr wie eine Last mit sich herum. Schnell schüttelte sie sich und wandte den Blick wieder dem Bildschirm zu, auf dem nun Austin zu sehen war, wie er den Reportern kurz und knapp jeglichen Kommentar verweigerte, während eine attraktive Nachrichtensprecherin eine Lobeshymne über ihn losließ.
   »… das FBI hat den Ernst der Lage offenbar erkannt und seinen besten Agenten geschickt, der vor einigen Wochen sogar die FBI Star Medaille für seine besondere Leistung erhalten hat, weil er ein vierzehnjähriges Mädchen vor dem sicheren Tod gerettet hat, um den Fall zu lösen. Dennoch bleibt der Schock, der …«
    Austin, der an seinem Schreibtisch gelehnt hatte, machte einen Satz nach vorn und schaltete den Fernseher aus. »Verdammte Presse«, grummelte er.
   »Hey, Sie sind ein richtiger Rockstaragent geworden, vielleicht scharren sich bald Groupies um sie«, bemerkte McCarrigan trocken, der insgeheim verdammt stolz war, dass Austin die Medaille verabreicht worden war, wie er Vivi einmal erzählt hatte.
   »Sind Sie fertig mit Ihrem Sarkasmus?«, blaffte Austin ihn an.
   McCarrigan verzog keine Miene. »Jetzt ja. Was haben wir?«
   »Leider nicht viel. Bis auf eines konnten alle Opfer identifiziert werden. Er trug keinen Ausweis bei sich, aber die Techniker lassen gerade die Fingerabdrücke durch alle Datenbanken laufen. Die Familien wurden bereits benachrichtigt, Jamie und ihr Team sind dabei, die genauen Todesursachen festzustellen. Fürs Protokoll. Dass sie ermordet wurden, steht ja leider fest.« Vivi holte kurz Luft, bevor sie weitersprach. »Eine Zeugin, ein Mädchen. Etwa dreizehn Jahre alt. Sie ist noch im Krankenhaus, dürfte aber bis auf einen gewaltigen Schock mit dem Schreck davongekommen sein. Wir wissen, dass sie in keiner Relation zu den Opfern stand. Das ist das einzig Positive.«
   McCarrigan wandte sich nun an Austin. »Was hat sie dann in dem Café gemacht? Und hat sie etwas gesehen, womit wir arbeiten können?«
   »Das finde ich noch heraus. Ich fahre nachher ins Krankenhaus.«
   Vivi runzelte die Stirn als der gleiche nachdenkliche, fast schon wehmütige Ausdruck in Austins Augen aufflackerte, den sie heute Morgen bereits dort gesehen hatte.
   »Dana, hat sich in den letzten Minuten eine Terrororganisation dazu bekannt?«
   Ein Kopfschütteln war die Antwort. »Bis dato nicht. Die Spurensicherung ist gerade dabei, die Wohnung des Täters auf den Kopf zu stellen. Er konnte als solcher von Passanten, die gesehen haben, wie er hineinging und die Waffe zückte, identifiziert werden. Vielleicht finden sie ja was, das auf eine Zelle hindeutet. Er heißt Mitch Burke, keine Vorstrafen, nicht verheiratet, keine Kinder. Arbeiter in einer Fabrik.«
   »Okay. Ich hoffe stark, dass wir es nur mit einem Irren zu tun haben und nicht mit irgendwelchen Koranscheißern, die glauben, die Welt verbessern zu müssen. Ich brauche hoffentlich nicht erwähnen, dass wir schnellstmöglich einen Verantwortlichen präsentieren müssen. Die Bevölkerung ist verunsichert.«
   Allgemeines Nicken folgte.
   »Gut, Agent Scandrick? Kommen Sie noch kurz mit in mein Büro?«
   Vivi nickte, und kurz keimte die irrationale Furcht in ihr auf, dass McCarrigan sie wegen heute Morgen ins Gebet nehmen würde. Nicht, weil sie einen Unfall verursacht oder ohne Papiere unterwegs gewesen war. Sondern weil sie ihm vermutlich mehr Details verraten musste, als sie preisgeben wollte. »Natürlich.«

Sobald Sie in seinem Büro waren, schloss McCarrigan die Tür hinter ihnen. »Bitte, setzen Sie sich.«
   Auweia, dachte Vivi, während sie sich brav hinsetzte und die Beine übereinanderschlug.
   »Agent Scandrick, es gibt da etwas, dass ich mit Ihnen besprechen möchte, bevor wir Agent Randle dazu holen. Ich brauche erst Ihre Zustimmung.«
   McCarrigan wusste über Austin und sie Bescheid. Er hieß es nicht gut, vertraute Austin, den er schon ewig kannte, aber so weit, dass er sie in einem Team ließ, solange sie ihre private Beziehung aus den Ermittlungen heraushielten. Trotz seines Unmutes und der Drohung, sie und Austin notfalls mit einem Wasserschlauch zu trennen, vermutete Vivi, dass McCarrigan froh war, dass sein bester, notorisch bindungsunfähiger Special Agent endlich eine Frau gefunden hatte, die ihn an der kurzen Leine halten konnte, ohne dass er es bemerkte. Im Gegenteil, sogar Gefallen daran fand. Dass das eine Heidenarbeit und ganze fünf Jahre gebraucht hatte, wusste McCarrigan ebenfalls.
   »Kennen Sie Paris Kellermann?«, fragte er ohne Umschweife.
   »Sie meinen den Gouverneur von Texas?«
   »Mhm, eben den. Er hat beim FBI um Personenschutz für seinen nächsten Wahlkampf gebeten. Und, ehrlich gesagt, ich weiß nicht warum, aber er hat Sie angefordert.«
   Verwundert klappte Vivi den Mund auf. »Ich war noch nie im Personenschutz. Nur die Grundausbildung. Da wäre doch ein anderer Agent besser geeignet.«
   »Genau das habe ich ihm auch gesagt. Aber er will Sie. Punkt. Denkbar ungünstiger Zeitpunkt, ich weiß. Also, was sagen Sie?«
   »Ich nehme an, ihm einen anderen Agenten zu schicken, wäre nicht gut für die Behörde?«
   McCarrigan schüttelte den Kopf. »Nein, vor allem nicht jetzt, wo sie sich wie ein gefundenes Fressen auf uns stürzen, solange wir ihnen nicht versichern können, den Terror aus dem Staat fern zu halten.«
   »Das werden wir nie können«, sagte Vivi nachdenklich.
   »Auch das weiß ich. Also?«
   Seine Taktik, ihr das Gefühl zu geben, selbst eine Entscheidung treffen zu können, stimmte sie milde. Dass sie eigentlich keine Wahl hatte und er sich dessen bewusst war, machte sie säuerlich. Doch da war dieses verdammte Pflichtgefühl, dass sie dem FBI gegenüber hatte, weswegen sie sich damals überhaupt erst beworben hatte.
   Sie seufzte. »Okay. Ich mache das. Wann gehts los?«
   »Quasi gleich. Sein Wahlkampf hat begonnen.«
   »Großartig«, murmelte Vivi, während McCarrigan über seine Sekretärin Austin dazu holte, der bereits eine Minute später durch die Tür kam.
   Kurz informierte McCarrigan Austin über das soeben Besprochene.
   »Einen dümmeren Zeitpunkt hätte er sich nicht aussuchen können«, kam prompt die Rückmeldung.
   »Randle, mir sind die Hände gebunden. Ich stelle Ihnen andere Agents zur Verfügung. So viele Sie möchten.«
   »Hm«, grummelte Austin, der ebenfalls zu wissen schien, dass die Entscheidung seitens der Behörde gefällt war und es wenig Sinn machen würde, darüber zu diskutieren. Vivi warf Austin einen flüchtigen Blick zu, den er erwiderte. Der Augenblick war kurz, aber effektiv gewesen. Unausgesprochen waren sie übereingekommen, dass Job Job war, ob es ihnen nun gefiel oder nicht.
   »Gut, ich gehe dann mal zurück an die Arbeit«, sagte Vivi, erhob sich und blieb im Türrahmen stehen.
   »Wann muss ich wo sein?«
   »Gehen Sie zu Agent Decker, sie gibt Ihnen alles, was Sie brauchen. Danke, Agent Scandrick.«
   Vivi nickte und schloss die Tür hinter sich.

Kapitel 7

»Sie können jetzt hinein.«
   Eine junge, attraktive Krankenschwester hatte Austin mit einem Kopfnicken gedeutet, dass er nun mit dem Mädchen sprechen konnte. Als sich Tom artig bedankte, etwas, dass Austin entweder verlernt zu haben schien oder einfach nie gekonnt hatte, zwinkerte sie ihm kess zu. Ihm rutschte nur ein schiefes Lächeln heraus, als er knapp hinter Austin den langen Flur entlangtrabte. Es war still in diesem Teil des Krankenhauses, lediglich seine Schuhsohlen quietschten bei jedem Schritt.
   »So umwerfend war sie gar nicht«, sagte Austin über seine Schulter, damit Tom ihn verstehen konnte. Er erschrak über die Feststellung seines Bosses, der scheinbar alles irgendwie mitbekam.
   »Hab ich auch nicht gesagt.«
   Austin blieb vor einer Zimmertür stehen, legte die Hand auf die Klinke und wandte sich mit einem schiefen Lächeln an Tom, bevor er die Tür öffnete.
   »Brauchst du nicht. Dein Blick spricht für dich.«
   Die ernsten Augen von Doktor Walker begegneten ihnen, genauso wie der verängstigte Blick des Mädchens, das am Tatort alles mit angesehen hatte.
   »Agent Randle, Agent Levine, ich bleibe während der Befragung hier. Die Eltern des Mädchens wurden verständigt und sind auf dem Weg.«
   Tom blieb an die Wand gelehnt stehen, während Austin auf das Krankenbett zutrat und sich vorsichtig auf die Matratze sinken ließ, die augenblicklich unter seinem Gewicht nachgab. Doktor Walker runzelte die Stirn, vermutlich hatte sie erwartet, dass er sich einen Stuhl heranziehen würde. Sie sagte aber nichts und gab Austin lediglich mit einem harten Nicken zu verstehen, dass er beginnen konnte. Tom hatte die Aufgabe, die Szene zu beobachten und Details aufzufangen, die Austin eventuell entgingen. Nicht, dass ihm je irgendwas entging, sie handelten lediglich nach FBI-Vorschrift.
   »Ich bin Austin, und wie heißt du?«
   Die Kleine beugte sich ein Stück nach vorn. »Rachel Huntington.«
   »Und wie alt bist du?«
   »Dreizehn. Agent Randle, ich habe Angst.«
   Tom fing Austins Blick auf, der über Rachel hinweg zu Doktor Walker flog. Diese nickte.
   »Bitte nenn mich Austin. Ich weiß, dass du Angst hast. Die hätte ich auch. Kannst du mir erzählen, was passiert ist?«
   »Ich war in diesem Café. Ich wollte mir einen Muffin für die Schule holen.«
   Rachels wirkte gefasster, als Tom es vermutet hätte. Er hatte seine erste Leiche erst einige Jahre später als Rachel gesehen, und der Anblick hatte sich unweigerlich in sein Gedächtnis gebrannt. Als er damals nach Hause kam, hatte er sich umgehend im Bad eingeschlossen und eine Stunde lang nur in den Spiegel gestarrt, unfähig, das Gesehene zu verarbeiten. Nie im Leben hätte er sofort mit jemand darüber sprechen können. Und das, obwohl er fest vorgehabt hatte, sein Leben in den Dienst des Menschenschutzes zu stellen. Nach und nach hatte er sich an den Anblick gewöhnt, was nicht hieß, dass es leichter wurde. Aber Rachel igelte sich entweder komplett ein, sodass der Zusammenbruch noch folgen würde, oder sie war deutlich abgehärteter als er.
   »Okay, Muffins sind auch toll. Was ist dann passiert?«
   Aber noch sonderbarer als Rachels Verhalten kam ihm die Milde und das Verständnis in Austins Fragen vor, der fast schon sanfte Blick, seine beruhigenden Worte. Der Moment, als der Boss verkündet hatte, er würde selbst ins Krankenhaus fahren, hatte bei ihm und den Mädels sofort für Unbehagen gesorgt. Austin war ein herausragender Agent, der nicht umsonst die Leitung innehatte. Sein Draht zu allem, was unter einem Meter Fünfzig war, hundsmiserabel. Er konnte weder mit Kindern noch lagen ihm Verhöre, bei denen es Mitgefühl oder ein wenig Empathie bedurfte, um das Gegenüber zu knacken. Sein Talent hingegen, Mörder, Terroristen oder Drogendealer zum Singen zu bringen war legendär, und so mancher Krimineller schluckte erstmal, wenn er erfuhr, wer ihm auf den Zahn fühlen sollte. Kurzum, den Boss schon fast mitfühlend zu erleben, hatte Seltenheitswert. Wenn es überhaupt schon mal vorgekommen war.
   »Ich stehe an der Kasse. Hinter mir sind andere Kunden. Ich höre sie am Handy telefonieren. Manche von denen. Ich gebe dem Mann hinter der Theke das Geld. Und als er es in die Kasse legt, wird plötzlich alles rot.« Rachel machte eine kurze Pause, blickte auf das Laken vor sich, bevor sie wieder den Kopf hob und Austin fest ansah. Bemerkenswertes Mädchen. »Dann haben die Männer hinter mir geschrien. Ich habe mich umgedreht und einen Mann gesehen mit einer Waffe. Als ich mich umgedreht habe, hatte er bereits zwei weitere Männer erschossen. Es war … alles voller Blut, und alle haben geschrien.«
   »Das muss ganz furchtbar gewesen sein. Es tut mir so leid, dass du das mitansehen musstest. Welcher Mann hat geschossen? Kannst du mir ihn beschreiben?«
   Austin beugte sich ein Stück nach vor, verringerte den Abstand zwischen ihm und Rachel.
   »Ja. Der hatte einen Mantel an. Einen schwarzen. Ich glaube eine Jeans. Schwarze Haare, so wie du, aber ohne das Grau.«
   Doktor Walker schmunzelte. Austin verzog den Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln. Seine Schläfen waren bereits leicht grau. Seiner Behauptung nach, erst seit er Dana kannte. Von verlässlichen Quellen wusste Tom aber, dass Dana damit vermutlich nichts zu tun hatte. Trotz der ersten Anzeichen seines Alters war Austin ein attraktiver Mann, dem die Frauen oftmals sehnsüchtige Blicke hinterherwarfen. Die ganz dreisten unter ihnen hatten ihn auch schon während Verhören um seine Nummer gebeten.
   »Und du bist dir sicher, dass er der Mann war, der die anderen erschossen hat?«
   Rachel nickte. »Ganz sicher. Den Anblick vergisst man nicht.«
   Dass ein so junges Mädchen dem Grauen der Menschheit direkt ins Auge geblickt hatte, machte sogar Tom eine Weile nachdenklich. Austin schien es nicht anders zu gehen. Er korrigierte seine Sitzhaltung, indem er seine Beine ausstreckte und an den Knöcheln miteinander kreuzte.
   Was sie bis jetzt von der Spurensicherung wussten, handelte es sich um ein und denselben Mann, der laut Experten geschossen haben musste und den Rachel eben beschrieben hatte.
   »Rachel, ich habe noch eine Frage. Du hast mir am Tatort einen Satz zugerufen. Woher hattest du denn?«
    »Es wird dem Gerechten kein Leid geschehen, aber die Gottlosen werden voll Unglück sein«, wiederholte sie leise, bevor sie den Kopf sinken ließ. »Der Mann, der geschossen hat. Bevor er sich selbst umgebracht hat, hat er gesagt, ich soll dir das sagen.«
   Doktor Walker sah Austin über Rachels Kopf hinweg an, doch er hielt seinen Blick fest auf Rachel gerichtet.
   »Wem sollst du das sagen?«
   Rachels Haupt war immer noch gesenkt, als sie nach Austins Hand griff, ihre Finger zwischen seinen vergrub und ihn so festhielt, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. »Dir. Der Mann hat gesagt, ich soll Austin Randle seinen Gruß ausrichten.«

Kapitel 8

Dana brauchte eine Sekunde, um das Klingeln ihres Handys als solches wahrzunehmen. Sie stand in der Küche, wirbelte mit Pfannen herum und nippte nebenbei immer mal wieder an ihrem Weinglas. Durch den Lärm der Dunstabzugshaube drang das Bimmeln wie durch einen Schleier an ihr Ohr. Schnell huschte sie ins Wohnzimmer, kramte ihr Telefon aus ihrer Handtasche und nahm ab. Die Stimme ihrer Schwester. Untermalt von lautem Babygeschrei und einem Geräusch, als würde jemand mit einem Hammer gegen die Wand dreschen.
   »Dana, Hilfe!«
   »Hailey, ich verstehe dich kaum. Was ist da los bei dir?«
   Dana konnte mithören, wie Hailey ihr Baby anschrie, endlich still zu sein und scheinbar den Raum wechselte, als ein lauter Knall folgte. Vermutlich hatte sie den Raum geräuschvoll, inklusive Türschlagen gewechselt, denn das Schreien wurde leiser.
   »Ich kann nicht mehr. Hilf mir. Er macht den ganzen Tag Terror!«
   Dana rieb sich die Stirn. Das auch noch. Sie hatte ihren Feierabend zwar nicht mit wirklich wichtigen Erledigungen füllen wollen, aber ein bisschen entspannen, kochen und dann gemütlich vorm Fernseher sitzen hätte heute eigentlich drin sein sollen. Sie sprach in Gedanken ein kurzes Abschiedsgebet an ihren heißgeliebten Flatscreen und ihr großes Kuschelsofa, bevor sie antwortete. »Soll ich vorbeikommen?«
   »Jaaaaaa, sonst tu ich ihm was!«
   Sie wusste, dass Hailey ihrem kleinen Sohn niemals etwas antun würde. Trotzdem konnte sie die Verzweiflung förmlich durch die digitale Leitung spüren. Hailey war letztes Jahr schwanger geworden von einem Typen, den sie kurz danach abserviert hatte. Er kümmerte sich zwar gelegentlich um klein Linus, jedoch nicht in dem Umfang, der Hailey davon abgehalten hätte, Drohungen auszusprechen.
   »Okay. Ich bin in zehn Minuten bei dir.«
   Ein donnerndes Gebrüll war die Antwort. Offenbar war Hailey in Linus’ Revier zurückgekehrt, um zu sehen, ob er nicht doch still sein konnte. Ohne Erfolg.
   »Mach schnell«, sagte Hailey unnötigerweise und legte auf. Als ob Dana ihre Schwester je hätte hängenlassen. Dana hatte zwar selbst nie Kinder haben wollen – ihre Karriere war ihr immer wichtiger gewesen –, dennoch mochte sie diesen kleinen Hosenscheißer, der grundsätzlich ein liebes, fröhliches Kerlchen war. Das Haileys Nervenkostüm nicht das Beste und Linus ein wenig terroristisch veranlagt war, ergab sicher nicht die beste Kombination für ein friedliches Miteinander. Zumindest nicht immer.
   Dana stellte die Herdplatten aus, leerte das Weinglas in einem Zug und machte sich zu Fuß auf den Weg zu Hailey. Mit Hilfe einiger Beziehungen hatte sie Hailey eine größere, aber günstigere Wohnung in ihrer Nähe besorgt. Das bisschen Flirten mit dem zuständigen Wohnungsreferaten hatte sie gern in Kauf genommen, um ein Auge auf das Mutter-Kind-Gespann zu haben. Schon bevor sie das Haus betrat und in den ersten Stock hinaufstieg konnte sie das flehentliche Weinen hören. Zuerst war sie sich nicht sicher, ob es von Linus oder Hailey kam, doch als sie die Wohnungstür aufsperrte, sah sie eine heulende Hailey auf dem Wohnzimmerboden sitzen. Neben sich auf dem Teppich ein friedlich schlummernder Linus, den Mund offen und auf den Boden sabbernd.
   »Wie ist das denn passiert?«, fragte Dana freundlich, hob die wimmernde Hailey auf die Füße und wischte ihr die Tränen mit einem Taschentuch ab.
   »Sei ja leise. Nicht, dass du das Monster aufweckst.«
   Dana grinste. Würde man die Tränen zählen, die Hailey und Linus seit seiner Geburt vergossen hatten, würde Hailey definitiv als Gewinnerin hervorgehen. Hailey schniefte leise, sah zu ihrem Sohn hin und lächelte zaghaft.
   »Ich hab ihm was vorgesungen, dann ist er eingeschlafen.«
   Dana führte Hailey sanft in die Küche nebenan und ließ die Tür einen Spalt offen stehen, für den Fall das Linus plötzlich aufwachte.
   »Wohl vor lauter Ohrenschmerzen.«
   »Haha«, sagte Hailey und verdrehte die Augen.
   Nun gut. Zumindest war ihre Laune wieder etwas besser. »Hast du zur Zeit viel zu tun im Büro?«
   Sie setzten sich auf zwei kleine Stühle, die gegenüber an einem Bistrotisch standen.
   »Nein. Scheint so, als hätte Houston die Lust am Morden verloren.«
   »Du bist so grausig«, kommentierte Hailey halb belustigt, halb angewidert.
   »Sagt die, die Babykotze auf ihrem T-Shirt hat.« Dana deutete auf einen weißen Fleck oberhalb von Haileys Brust.
   »Verdammt. Das ist jeden Tag so. So als wolle er mich absichtlich für die Außenwelt hässlich machen!«
   »Aber Hailey. Er ist ein Baby. Er macht das nicht mit Absicht«, versuchte Dana zu beschwichtigen. Sie holte ein feuchtes Küchentuch und versuchte, den Fleck aus dem T-Shirt ihrer Schwester zu rubbeln, jedoch ohne Erfolg.
   »Lass. Ich muss mich sowieso umziehen. Ich komm nicht mal zum Duschen. Dieses Ungeheuer macht ständig Lärm. Keine ruhige Minute hat man.«
   Dana kniff die Lippen zusammen. Es hatte keinen Sinn, Hailey daran zu erinnern, dass man ja ein Kondom hätte verwenden können und dass Babys nun mal so waren. Aus ihrer Schwester sprach auch nicht die Abneigung zu ihrem Kind, sondern pure Erschöpfung. Tiefe Augenringe zeichneten ihr sonst so jungenhaftes Gesicht. Dana konnte auch nur im Ansatz erahnen, wie anstrengend das Leben als Alleinerziehende mit Kleinkind wirklich war.
   »Dann geh dich duschen. Ich schaue auf Linus.«
   »Wirklich? Weil jedes Mal, wenn ich auch nur daran denke, etwas für mich zu machen, wacht er auf und brüllt. Wirst schon sehen.«
   Damit rutschte sie vom Stuhl und verschwand im Bad. Sichtlich erleichtert, die Verantwortung kurz abgeben zu können. Dana hatte schon öfter hin und her überlegt, wie sie Hailey längerfristig helfen konnte. Eine Art Nanny konnte sie sich nicht leisten, und arbeitsbedingt hatte sie selbst zu viel um die Ohren, um täglich nach dem Rechten zu sehen oder ständig hier zu schlafen und die Nachtschicht zu übernehmen. Bis dato war ihr nichts eingefallen. Oftmals ärgerte sie sich auch über Hailey. Es war ihr Baby, ihre Verantwortung und eigentlich ungerecht, Dana so mit reinzuziehen. Andererseits hatte Dana ihr damals versprochen, das mit ihr durchzustehen. Und Hailey war die einzige Familie, die sie noch hatte. Abgesehen von der kleinen Sabberbacke die sich tatsächlich in dem Moment rührte, als Hailey aus dem Bad zurückkam.
   »Oh, nein. Ich hatte gehofft, er würde länger schlafen. Ach, Mann.« Und schon flossen die Tränen wieder. Bei beiden. Dana seufzte und hob den kleinen Lärmbolzen vom Boden und wiegte ihn hin und her.
   »Ist meine Bettdecke da, wo sie immer ist?«, fragte sie resigniert und Hailey lächelte dankbar. Und wieder würde sie eine Nacht hier verbringen und Linus alle drei Stunden füttern und herumtragen. Wie war das noch? Fremde Kinder konnte man zurückgeben? Wer diesen Spruch erfunden hatte, kannte Linus nicht. Dana hatte sich noch nicht einmal umgedreht, da schlief Linus wieder friedlich auf ihrer Schulter. Als sie mit ihm ins Schlafzimmer ging, um Hailey nach dem Verbleib des Schnullers zu fragen, lag ihre Schwester friedlich schlummernd quer über dem Bett. Vielleicht konnte man Babys an ihre Besitzer retournieren, aber von einem Rückgaberecht für Schwestern hatte sie noch nie gehört.

Kapitel 9

Vivi trat auf die Terrasse und setzte sich in den Gartenstuhl neben Austin. Die Sonne stand bereits tief am Horizont, spendete mit letzter Kraft Licht und Wärme, obwohl die Zeiger der Uhr bereits weit nach zwanzig Uhr anzeigten.
   »Viv, es tut mir leid.«
   Sie drehte den Kopf in seine Richtung, doch er starrte stur auf den Boden, die Hände im Schoß gefaltet wie ein Heiliger. Für einen Moment war sie zu verblüfft, um seine Entschuldigung als solche anzuerkennen. »Was tut dir leid?«
   Sie hatte eine ungefähre Ahnung, was sein schlechtes Gewissen erklären könnte, doch ihn zu beobachten, wie er sich innerlich wand wie eine Schlange, weil er das Entschuldigen und vor allem das Zugeben wirklich nicht erfunden hatte, bereitete ihr fast schon diabolische Freude.
   »Ich wollte dich heute morgen nicht anschreien. Ich hatte einfach Angst.«
   Ihre Blicke trafen sich über den kleinen Beistelltisch hinweg. Er wirkte niedergeschlagen, traurig. Wie die emotionale Ausgabe des sonst so starken und beschützenden Agents.
   »Austin, seit wann hast du Angst? Weißt du, wie man das Wort schreibt?«
   Sie erreichte ihr Ziel, ein kleines Lächeln huschte über die ernsten Lippen ihres Freundes. Als er wieder in sein Schweigen verfiel, dass Vivi mittlerweile nicht mehr sonderlich störte, stand sie auf, ging zu ihm und setzte sich so auf seinen Schoß, dass sie ihm in die Augen sehen konnte.
   »Ist schon in Ordnung. Ich war auch nicht gerade freundlich zu dir.«
   Er legte seine Hände um ihre Hüften und zog sie näher an sich, sodass sie ihren Kopf an seine breite Brust lehnen konnte. Austin war der einzige Mensch, mit dem Vivi stundenlang schweigen konnte, ohne dass die Stille peinlich wurde. Im Gegenteil, allein sein ruhiges Atmen und seine Ausstrahlung, die Schutz und Wärme vermittelte, beruhigte sie und gab ihr das Gefühl von Geborgenheit, das sie lange nicht gekannt hatte. Sie überlegte kurz, bevor sie das Schweigen schließlich brach. Zu sehr nagte die Frage an ihr. »Ich weiß, wir haben vereinbart, zu Hause nichts über aktuelle Fälle zu besprechen.«
   »Dann lass es«, knurrte er leise in ihre Halsbeuge, als sie den Kopf wieder gehoben hatte.
   Unbeirrt fuhr sie fort. »Aber das Mädchen …, irgendwie bist du anders, seit heute Morgen. Du hast sie so mitfühlend angesehen.«
   Er sagte sehr lange nichts. Atmete ruhig gegen ihr Schlüsselbein. Entweder würde er ihr keine Antwort geben, oder sie in ein, zwei Minuten mit einer gemeinen, unpersönlichen Reaktion abstrafen. Sie rechnete mit Option zwei. Sie kannte ihn lang genug um zu wissen, wann er seine Schotten herunterließ und nicht mehr zugänglich war.
   »Sie erinnert mich an jemanden.«
   Fast hätte sie ihn überhört, so leise hatte er geredet. Ohne aufbrausend zu werden, und Sarkasmus hatte sie auch keinen herausgehört. Ein dumpfes Gefühl verengte Vivis Brust. Es fühlte sich an, als würde man einen Hund jahrelang kennen, die Umwelt darüber informieren, dass er nicht beißt, weil er es bis dato nie getan hatte, und plötzlich schnappt er nach einem Kind. So sehr irritierte sie Austins ehrliche, emotionale Seite, die es zwar gab, die er aber das letzte Mal gezeigt hatte, als er dachte, sie läge noch immer im Koma und würde von seinem Gerede nichts mitbekommen. Seitdem hatte er ihr nicht einmal gesagt, dass er sie liebte. Was er auch nicht musste, sie spürte, wie sehr er sie brauchte. Aber dennoch. Irgendwas war anders geworden, und es hatte mit dem Mädchen zu tun.
   »An wen erinnert sie dich?«
   »An eine Frau, die ich mal kannte.«
   Er verspannte sich, sie spürte seine Nackenmuskulatur und die Schultern, die hart wie Stein unter ihren Armen und Fingern wurden.
   »Okay«, sagte sie schlicht. Ein kleiner Funken Eifersucht flammte auf, erlosch aber sofort wieder. Er hatte sich ihr gegenüber geöffnet, ihr erklärt, was ihn sichtlich bedrückte. Und das war mehr, als man sich von Austin erwarten konnte. Die raue Schale war durch Vivis Hartnäckigkeit im letzten Jahr zwar merklich ausgedünnt, doch seine grundlegende, wortkarge, in sich gekehrte Persönlichkeit konnte und wollte sie nicht ändern.
   Seine Finger streichelten über ihren Rücken, und er atmete scheinbar erleichtert aus, als sie keine weiteren Fragen stellte. Sie würde ihre Antworten bekommen, nur zu einem späteren Zeitpunkt. Und Geduld war eine ihrer Stärken.
   »Hast du deinen BH vergessen?«, murmelte er, während er seine Stirn an ihre legte und seine Lippen die ihren suchten. Faszinierend wie schnell er einer für ihn aufwühlenden Situation aus dem Weg gehen konnte. Sie schmunzelte, erkannte seine Taktik auf Anhieb, sehnte sich aber zu sehr nach seinem Körper, als ihn jetzt darauf hinzuweisen.
   »Hm. Könnte sein. Vielleicht hab ich mir bei dem Unfall doch den Kopf gestoßen.«
   Sie löste sich von ihm und zog in einer fließenden Bewegung ihr Shirt über den Kopf. Seine Augen wurden dunkel vor Begierde, als er auf ihre nackten Brüste starrte.
   »Der Gefallen für dein Auto«, sagte sie und schlang ihre Arme um seinen Hals, presste ihre Brust an seine und gab ihm einen langen, leidenschaftlichen Kuss, den er sofort erwiderte. Seine Hände strichen über ihre nackte Haut, erst über den Rücken, dann seitlich über die empfindliche Haut ihrer Brüste.
   Die Hecken, die den Garten umgaben, waren hoch und dicht. Nie gepflegt schirmten sie von neugierigen Blicken ab, da alle Häuser dieser Siedlung Bungalows und somit keinen zweiten Stock besaßen, aus denen man ihnen hätte zusehen können. Oder aus denen Scharfschützen schießen konnten, wie Austin einmal erklärt hatte.
   Ungeduldig nestelte sie an den Knöpfen seines Hemdes, als er seine Kraft dazu nutzte, die Hände unter ihren Po zu schieben und mit ihr aufzustehen. Sofort schlang sie die Beine um seinen Körper, spürte seine Erregung an der Innenseite ihres Oberschenkels.
   »Angst vor Neidern?«, neckte sie ihn, biss ihm ins Ohr, als er sie durch die Küchentür ins Haus trug.
   Die Antwort war ein tiefes Grollen, das aus seiner Kehle drang, während er mit ihr auf den Wohnzimmerteppich sank. Sie lag auf dem Rücken und schaute ihm dabei zu, wie er sein Hemd öffnete und achtlos auf den Boden warf, bevor er ihr die Shorts von den Beinen streifte.
   Er senkte seinen Kopf über ihre Brüste und begann an ihren Warzen zu saugen, bis sie stöhnte und ihre Finger in sein Haar krallte. Schnell öffnete er seine Hose und strampelte sie samt Boxershorts von sich. Dann rutschte er nach unten, nahm Vivis Bein und küsste sich vom Knöchel, über die empfindliche Stelle am Oberschenkel nach oben zum Bund ihres Slips. Seine Finger hakten sich um den Saum, und langsam streifte er das letzte störende Stück Stoff ab.
   »Mach schon«, bettelte sie ihn an, als er sich über sie schob und küsste.
   Sein Knie teilte ihre Schenkel, bevor er langsam in sie eindrang. Vivi sog scharf die Luft ein, als sie ihn groß und ausfüllend in sich spürte. Die Lust jagte ihr einen Schauder über die Haut, als er sich bewegte und nebenbei an ihrem Ohrläppchen knabberte. Sie krallte ihre Hände in seinen breiten, muskulösen Rücken, und genoss die Intimität, die mit Austin zu einer Sucht geworden war, die ihr vorher fremd gewesen war. Er richtete sich auf, nahm ihr rechtes Bein und legte es sich über die Schulter, damit er noch tiefer vordringen konnte. Während er sich langsam an ihre tiefste Stelle schob, schaute er ihr tief in die Augen, und Vivi senkte nicht den Blick, sondern offenbarte ihm ihre Gefühlswelt, die Lust, die sie zu überrollen drohte, die Liebe, die sie für ihn empfand. Bei keinem Mann hatte sie sich je offen getraut, zu ihren Empfindungen, vor allem in sexueller Hinsicht zu stehen. Verschämt hatte sie auf das Löschen des Lichts bestanden und ihr Gesicht abgewandt, sobald sie von einem Mann derart intensiv gemustert wurde, wie Austin es jetzt tat, als er ihre Hände an seine Brust hob. Sofort streichelte sie über die kräftigte Brust, beobachtete fasziniert das Muskelspiel und bog den Rücken durch, als sie der Orgasmus überrollte wie ein Hurricane.
   »Viv …«, stöhnte er, als er sein Gesicht an sie drückte und mit der anderen Hand ihre Hüfte festhielt. Wenige Sekunden später erstarrte er ebenfalls und ließ sich schwer atmend auf sie sinken. Sie umklammerte seine Hüften mit ihren Beinen und küsste ihn auf die Stirn, während auch sie versuchte, wieder normal zu atmen und die schwarzen Sterne aus ihrem Gesichtsfeld zu vertreiben.
   Sanft streichelte sie seinen Rücken.
   »Wo ist der Unterschied zwischen Terrasse und Wohnzimmerboden?«, fragte sie ihn neckend, als ihr der harte Untergrund unter ihrem Po bewusst wurde.
   »Gar keiner«, nuschelte er, bevor er sie küsste und dann den Kopf hob. »Eigentlich wollte ich ins Schlafzimmer.«
   »Aber?«, fragte sie amüsiert.
   »Der Weg war zu weit, und du hattest keinen BH an.«
   »Aha«, sagte sie lächelnd und küsste ihn noch mal innig auf die Lippen, bevor sie ihn sachte von sich schob. Er erhob sich und hielt ihr die Hand hin, die sie nahm und sich daran hochzog.
   Stück für Stück sammelte sie ihre Klamotten auf und war bereits im Türrahmen, als er sie ansprach.
   »Viv?«
   »Hm?«
   »Wenn die Entschuldigung immer so aussieht, kannst du gern mein Auto haben.«
   Sie warf mit dem Nächstbesten, das sie zur Hand hatte, nach ihm. »Blöder Macho.«
   Leise lachend fing er die Hose auf. »Deswegen magst du mich ja.«
   »Das ist wohl das Hauptproblem«, grummelte sie lächelnd.

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