Angie steckt in Schwierigkeiten. Nicht nur, dass ihrem Freund Matze, den sie liebt, seine Freiheit wichtiger zu sein scheint als sie. Noch dazu wurde sie Zeugin einer Gewalttat, und nun sind die Täter hinter ihr her. Um sich von ihren Sorgen und ihrem Ärger auf Matze abzulenken, lässt sie sich auf einen Flirt mit einem Unbekannten ein. Doch auch Matze hat Probleme. Er fühlt sich zwischen seinen Gefühlen zu Angie und seiner Liebe zur Unabhängigkeit hin- und hergerissen, kommt jedoch kaum dazu, darüber nachzudenken, denn die Männer, die Angie verfolgen, drohen seinem Motorradklub mit Krieg. Weder Angie noch Matze ahnen, dass der Unbekannte, der Prospect im feindlichen MC ist, den Auftrag hat, Angie zu seinem Präsidenten Bobby zu bringen, um die Sea Crows mit ihr zu erpressen und zur Aufgabe ihres Klubs zu zwingen. Wird es ihm gelingen, sie zu entführen?

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ISBN: 978-9925-33-182-6

Seiten: 278

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Natascha Kribbeler

Natascha Kribbeler
Natascha Kribbeler wurde in Hamburg geboren. Ihr Herz gehörte schon früh der Sehnsucht nach der weiten Welt. Interessiert an Fotografie, Geschichte und fremden Kulturen, arbeitete sie in ihrem erlernten Beruf als Rechtsanwaltsgehilfin, bis die Familiengründung sie nach Bayern verschlug, wo sie heute noch mit Mann und Sohn lebt. Getrieben von Heim- und Fernweh begann sie mit dem Schreiben. Bisher wurden vier Teile ihrer Fantasy-Reihe über Jandor, den ersten Vampir, bei Forever by Ullstein veröffentlicht, ebenso eine zweiteilige Rockstar-Romance-Reihe. Mit „Rockerbraut“ startete ihre Rocker-Reihe bei bookshouse, die sich mit „Rockerschutz“ und nun mit „Rockerliebe“ fortsetzte. 

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Zögernd betrat Angie das Krankenhaus. Als ihr der typische Geruch nach Desinfektionsmitteln in die Nase stieg, war sie versucht, den Atem anzuhalten. Krankenhaus war für sie die Assoziation von Tod. Wie ihr personifizierter Verdacht kam ihr in der Empfangshalle eine Patientin entgegen, gekleidet in einen dunkelblau-gestreiften Bademantel, schlurfend in Hausschuhen, ein Gestell mit einem Tropf mit sich ziehend. Wie gebannt starrte Angie sie an, unfähig, ihren Blick von ihr zu wenden.
   Genauso hatte ihr Vater auch ausgesehen, damals, als sie gerade zwölf Jahre alt war. Kurz, bevor der Scheißkrebs ihn dahingerafft hatte.
   Rasch riss sie sich vom Anblick der Kranken los und trat vor den Informationsschalter. Eine kurzhaarige Frau sah von ihrer Computertastatur auf und lächelte.
   »Guten Tag«, grüßte Angie. »Ich möchte einen Patienten besuchen. Thomas Höning.«
   »Ich sehe mal nach …« Die Dame tippte etwas ein. »Zimmer 363. Am Ende des Ganges ist ein Fahrstuhl.« Sie wies in die entsprechende Richtung.
   »Danke.«
   Während Angie den Flur entlangging, versuchte sie, nicht auf die ihr entgegenkommenden Ärzte in den weißen Kitteln zu achten. Sie bildete sich ein, in deren Mienen bereits unerbittliche Diagnosen zu erkennen. Nie würde sie den Tag vergessen, an dem ihr Vater von der Untersuchung nach Hause gekommen war. Schweigend hatte er sich auf den Küchenstuhl gesetzt, und seine Augen waren ganz leer gewesen. Als wäre er da bereits gestorben.
   Sie schüttelte den Kopf, um die schrecklichen Erinnerungen abzuschütteln. Gerade erreichte sie den Fahrstuhl, trat ein und drückte den Knopf für die dritte Etage.
   Der arme Tommy. Seit zwei Tagen lag er hier in der Klinik. Und sie fühlte sich schuldig daran. Wäre sie nicht so dumm gewesen, so unachtsam …
   Sie sah wieder den nachtdunklen Parkplatz vor sich, sah ihre Freundin Nele neben ihrem Auto hocken und rasch den Finger an die Lippen legen, als sie hinzutrat. Aber es war bereits zu spät. Die Frage, was sie denn da tat, war schon aus ihr herausgesprudelt. Danach hatten sich die Ereignisse überstürzt. Sie sprang ins Auto und raste mit Nele davon, und jemand verfolgte sie.
   Dabei wusste sie, dass sie keine Schuld an dem Geschehen traf, das Tommy ins Krankenhaus befördert hatte. Er war bereits geschlagen worden und dadurch gestürzt und mit dem Kopf aufgeschlagen, als sie mit ihrer Frage die Männer auf sich aufmerksam gemacht hatte. Aber Nele hatte ihr später gesagt, dass die Typen, die Tommy und seinen Motorradklub bedrohten, gerade dabei gewesen waren, abzuhauen. Auf jeden Fall hatte sie es zu verantworten, dass Nele nach Sylt fliehen musste. Und sobald wie möglich würde sie ihr dahin folgen, denn auch sie war in Gefahr. Diese Männer, mit denen sich Tommys MC angelegt hatte, waren gefährlich. Und sie und Nele waren Zeuginnen geworden, wie sie Tommy angegriffen hatten. Nele war bereits aus der Schusslinie heraus. Sie selbst jedoch musste noch einige Tage lang ausharren, weil einige Kollegen gerade Urlaub hatten und sie die Stellung in der Kneipe halten musste, in der sie arbeitete.
   Und da konnte sie die Zeit auch nutzen und Tommy besuchen, auch wenn sie keine unmittelbare Schuld an seiner Verletzung traf. Tommy war Prospect beim Sea Crows MC, und sie selbst war seit einigen Jahren mit den Jungs befreundet. Bisher allerdings hing sie nur locker und unverbindlich mit ihnen ab, noch keiner hatte sich fest zu ihr bekannt und sie zu seiner Lady erklärt. In Toddel war sie ein paar Monate lang verliebt gewesen, und sie hatte gedacht, das mit ihnen könnte etwas Ernstes werden. Als sich jedoch Matze für sie interessierte, vergaß sie Toddel sofort, denn sie spürte, dass da etwas zwischen ihnen war, das tiefer ging als die bisherigen Geplänkel mit den anderen. Vorher hatte es für sie nichts Wichtigeres gegeben, als Spaß zu haben und ihre Freiheit zu genießen. Sie war gern unabhängig, konnte kommen und gehen, wie es ihr gefiel. Sie hatte erlebt, wie schnell das Leben vorbei sein konnte. Man musste es genießen, so lange es ging, und Spaß haben, so viel man bekommen konnte. Jedenfalls hatte sie das bis vor Kurzem gedacht.
   Je länger sie Matze kannte, desto mehr wünschte sie sich, er würde endlich Mut beweisen und Nägel mit Köpfen machen. Seit Monaten schon waren sie mehr oder weniger zusammen, hatten viel Spaß miteinander und dieselbe Wellenlänge. Und das war das Problem. Denn Matze liebte ebenfalls seine Freiheit. Schon mehrmals hatte er betont, sie sehr zu mögen, an ihr zu hängen, gern mit ihr zusammen zu sein …, aber es schien ihm einfach nicht zu reichen, um sie endlich zu seiner festen Lady zu machen.
   Und langsam, aber sicher spürte sie, dass ihr diese Art der lockeren Beziehung nicht mehr genügte. Je länger sie Matze kannte, desto mehr empfand sie für ihn. Sogar ihre Freiheitsliebe bekam zunehmend Risse.
   Die Fahrstuhltür öffnete sich, Angie stieg aus und ging den Gang entlang, während ihre Blicke über die Zimmernummern wanderten. Hier war es. Langsam drückte sie die Türklinke herunter und trat ein. Vier Betten standen im Zimmer, eins war leer. Tommys Bett stand direkt am Fenster. Er sah ihr neugierig entgegen, und ein Lächeln überzog sein Gesicht, als er sie erkannte.
   »Angie«, rief er. »Nett von dir, dass du mich besuchst.«
   »Ist doch klar. Wie geht es dir?« Prüfend sah Angie zu Tommy hinunter, bevor sie sich vorsichtig zu ihm beugte und ihn umarmte, so gut es ging. Seine rechte Gesichtshälfte war ein einziges rotblaues Hämatom, das Auge blutunterlaufen, die Wange und Nase geschwollen. Auf seinem Kopf klebte ein großes Pflaster. Sein blondes, stets verstrubbeltes Haar trug immer noch Spuren von Blut.
   Tommy schien ihren Blick misszuverstehen. »Oh, sorry, ich konnte mir noch nicht die Haare waschen. Die haben die Kopfwunde genäht, aber es darf noch kein Wasser drankommen.« Er schien sich zu schämen. »Aber danke der Nachfrage, davon abgesehen geht’s mir schon wieder ganz gut. Der Arzt meinte, ich hätte Glück gehabt. Kein Schädelbruch, sondern nur eine tiefe Platzwunde und eine Gehirnerschütterung. Sei froh, dass du gestern nicht gekommen bist, da hab ich den halben Tag nur gereihert. Mann, war mir schlecht! Aber inzwischen geht’s wieder, ich kann auch schon wieder normal essen.«
   »Das freut mich.« Angie war verlegen, was sie gar nicht an sich kannte. Schüchternheit war ihr völlig unbekannt. Ihr verdammtes schlechtes Gewissen! Es plagte sie, obwohl sie genau wusste, dass Tommy schon auf dem Boden lag, als sie die Klappe nicht hatte halten können. Schnell kramte sie in ihrer Tasche und zog eine Schachtel Pralinen heraus. »Hier, für dich. Ich dachte mir, Blumen wären nicht so angebracht.«
   »He, danke, lieb von dir. Woher wusstest du, dass ich Schokolade liebe?«
   »Äh, wusste ich nicht. Es war einfach so ein Gefühl.«
   »Du solltest immer auf deine Gefühle hören. Das ist genau das, was ich hier drin brauchen kann.« Er lachte.
   Angie bemerkte, wie die beiden anderen Patienten im Zimmer stumme Blicke wechselten und sich angrinsten.
   »Wir lassen euch Turteltäubchen mal kurz allein und gehen eine rauchen«, sagte der eine, ein Typ von vielleicht Mitte zwanzig, der einen Arm in einer Schlinge trug.
   »Aber sag’s nicht der Schwester«, rief der andere und zwinkerte. »Du weißt ja, wie sie schimpfen kann.« Er humpelte, vielleicht hatte er eine Fuß- oder Beinverletzung.
   »Ich schweige wie ein Grab.« Tommy kicherte, und die beiden verließen das Krankenzimmer. Er sah ihnen hinterher, und plötzlich war er ganz ernst. »Wie geht’s den anderen?«, fragte er und sah besorgt aus. »Besonders Keule. Ist er in Ordnung?«
   »So weit ich weiß, ja. Aber leider weiß ich nicht viel. Es gibt ja keine Partys mehr, keine gemütlichen Abende im Klubhaus. Ich erfahre nichts mehr.«
   »Dieser Scheiß-Bobby und sein verfluchter Living Darkness MC.« Tommy zog zornig die Stirn in Falten. »Und ich liege hier und kann nicht helfen.«
   Angie legte Tommy die Hand auf den Unterarm. »Du hast doch schon genug getan. Ich meine, sieh dich doch an, wie die dich zugerichtet haben. Werde du erst mal wieder gesund. Die anderen kommen schon klar.«
   Tommy holte Luft, um zu antworten, da ging die Tür auf. Herein kamen Wolf, Matze und Keule.
   »He, Alter, du hast ja schon Besuch«, rief Keule und grinste. »Da können wir ja wieder gehen.«
   »Noch dazu viel attraktiveren als wir«, setzte Wolf hinzu und zwinkerte Angie zu. Er war der Präsident der Sea Crows.
   »In der Tat«, setzte Matze hinzu und sah sie unverwandt an, und ihr Herz begann schneller zu schlagen.
   »Ihr habt recht«, rief Tommy fröhlich. »Wenn ich euch so angucke …«
   Die drei Sea Crows brachen in Gelächter aus, und Angie spürte Zärtlichkeit für diese Männer in sich aufsteigen. Sie waren wie eine Familie für sie. Wie Brüder. Wenn doch bloß Matze und sie endlich ihren Freiheitsdrang überwinden könnten. Sie würde gern fest zum Klub gehören, offiziell.
   Immer noch sah Matze sie an, und es gelang ihr nicht, seinen Blick zu deuten. Sie wünschte sich, zu ihm zu gehen und sich an ihn zu schmiegen, ihre Finger durch sein langes braunes Haar gleiten zu lassen, das er heute offen trug. Aber sie tat es nicht. Und plötzlich war sie wütend auf ihn. Wie lange wollte er noch warten? Sie hatte es satt, nur die unverbindliche Freundin zu sein, mit der man Spaß haben konnte, mehr aber auch nicht.
   Rasch sah sie zu den anderen hinüber, um von Matze abgelenkt zu werden.
   »Mach dir keine Sorgen«, sagte Wolf gerade zu Tommy. »Bobby kriegt uns nicht klein. Die ersten Klubs sind bereits eingetroffen. Wir haben alle befreundeten MCs im Umkreis von zweihundert Kilometern informiert, und wenn es nötig wird, weiten wir den Radius noch aus.«
   »Das hört sich super an«, erwiderte Tommy. »Aber auch Bobby hat viele Männer. Und wo soll das hinführen? Ich meine, wir können uns ja nicht mitten in Stade eine offene Feldschlacht liefern.«
   »Zerbrich dir darüber nicht den angeschlagenen Kopf. Du musst erst mal wieder gesund werden. Wir kriegen das schon hin. Aber Bobby wird uns nicht in die Knie zwingen. Wir werden uns weder auflösen noch ihm beitreten. Er ist in unser Territorium eingedrungen und hat einen Krieg begonnen. Das wird er noch bereuen.«
   »Tut nichts Unüberlegtes, ja? Bobby ist kriminell, das wissen wir alle. Er schreckt ja nicht einmal vor Mord zurück. Aber wir sind nicht so. Bitte vergesst das nicht.«
   Angie starrte Tommy an. Krieg? Mord? Klar wusste sie, dass es Schwierigkeiten gab, dass ein fremder MC den Sea Crows drohte. Bisher hatte sie jedoch nicht gewusst, wie ernst es wirklich war. Sie hatte geglaubt, dass Nele und sie nur in Gefahr waren, weil sie etwas beobachtet hatten, das sie nicht hätten sehen dürfen. Und sie wusste auch, dass dieser Bobby Nele als Druckmittel benutzte, um die Sea Crows mit ihr zu erpressen. Aber nun die Worte Krieg und Mord zu hören, versetzte ihr einen Schock.
   Plötzlich stellte sie fest, dass niemand mehr sprach, sondern alle sie stumm anstarrten. »Was ist denn?«, fragte sie unbehaglich.
   »Du hättest das alles nicht hören sollen«, sagte Matze. »Du bist kein Member der Sea Crows. Das war alles klubintern. Versprich uns, dass du kein Wort davon weiterträgst. Du darfst niemandem etwas von dem verraten, was du gerade gehört hast. Egal, zu wem. Versprich es!« Während der letzten Worte war er zu ihr getreten und hatte ihre Hände ergriffen.
   Angie sah ihm in die Augen. Sorge las sie darin. Entschlossenheit. Und noch etwas anderes. Traurigkeit? Sie nickte. »Natürlich verspreche ich es. Ich würde nie etwas tun, das euch schaden könnte, das wisst ihr doch.«
   Matzes Blick wurde weicher. »Klar wissen wir das. Aber die Lage ist ernst, Baby.«
   »Wir sollten dich so schnell wie möglich nach Sylt zu Nele und Bine bringen«, sagte Wolf. »Ab wann kannst du Urlaub nehmen?«
   »Diese Woche muss ich auf jeden Fall noch arbeiten. In der Kneipe herrscht Notstand, es sind gleich mehrere im Urlaub, und Petra ist krank.«
   »Und es gibt keine Möglichkeit, dass du schon eher gehen kannst? Andere Aushilfen oder so?«
   Angie schüttelte den Kopf. »Leider nicht. Sorry, aber ich kann es mir nicht leisten, den Job zu verlieren. Er ist …«
   »Kein Ding. Aber pass auf dich auf, ja? Wir wissen nicht, was Bobby als Nächstes plant, und …«
   »Ich pass auf«, versprach Angie. Plötzlich fühlte sie sich unwohl. Sie wünschte sich, sie hätte nicht gehört, worüber die Jungs gesprochen hatten. Noch nie hatte sie Klubinterna erfahren. Das Wissen, das sie nun hatte, erschien ihr wie ein schweres Gewicht auf ihren Schultern. Am liebsten würde sie sofort nach Sylt fahren und sich dort im Haus verstecken, bis dieser ganze Mist vorbei war. Scheiß auf den Job! Hey, eine Anstellung als Kellnerin würde sie doch schnell wiederfinden. Auf der anderen Seite musste sie die Miete für ihre kleine Wohnung bezahlen, Strom, Telefon … Es war alles schon teuer genug. Und wenn sie nicht sofort wieder einen neuen Job fand, was dann? Nein, es war zu riskant. Diese paar Tage musste sie noch durchhalten. Es war ja schon Montag. In genau einer Woche war sie mit Glück schon auf Sylt. Und vielleicht hatten diese Typen beim Parkplatz sie ja auch nicht erkannt. Es war dunkel und ging alles so schnell. Sie war doch nur eine vollkommen unbedeutende Frau, gehörte nicht einmal zum Klub.
   Und konnte Matze endlich aufhören, sie so anzusehen? Was war los mit ihm?
   »Ich muss dann auch mal wieder los«, sagte sie, ehe sie über ihre Worte nachdachte.
   »Schön, da du hier warst.« Tommys lächelte dankbar.
   »Ich bring dich noch zur Tür.« Matze trat neben sie und sah sie auffordernd an.
   »Also dann bis bald«, rief Angie und winkte Wolf, Keule und Tommy zu.
   Hinter ihr trat Matze aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Das Herz schlug Angie bis zum Hals. Würde Matze mit ihr schimpfen? Seit vorgestern Nacht, als Tommy zusammengeschlagen worden war und sie mit Nele fliehen musste, hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Wolf und er hatten am Straßenrand gewartet, als Nele und sie vorbeigefahren waren, und hatten sich den Männern, die sie verfolgt hatten, entgegengestellt, um sie aufzuhalten.
   Ehe sie realisierte, was er tat, schloss Matze seine Arme um sie und drückte sie fest an sich. Erleichtert schmiegte Angie das Gesicht an das Leder seiner Jacke und legte ihre Arme um seine Hüften. Sie reichte ihm nur bis zur Schulter.
   »Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist, Maus«, flüsterte er in ihr Haar.
   Einen Augenblick lang genoss Angie seine Nähe, seine Wärme und seinen herben Duft. Dann löste er sich von ihr und sah ihr ins Gesicht.
   »Soll ich dich nach Hause fahren? Ich mach mir Sorgen um dich, weißt du? Bobbys Männer haben dich gesehen. Wer weiß, was die ausbrüten.«
   »Brauchst du nicht. Ich setze meine Kapuze auf, dann erkennt mich niemand.« Sie zögerte. »Sehen wir uns heute noch?«, fragte sie schließlich leise.
   Zu ihrer Enttäuschung schüttelte Matze den Kopf. »Ich glaube eher nicht. Du hast es ja gehört. Am besten vergisst du alles ganz schnell wieder. Je weniger du drinsteckst, desto besser. Es ist viel zu gefährlich. Und deshalb werde ich vermutlich auch in der nächsten Zeit ziemlich beschäftigt sein, Maus. Wir bekommen gerade viel Besuch, um den wir uns kümmern müssen.«
   »Ist schon in Ordnung.« Angie war traurig, lächelte aber tapfer. »Zeigt diesem Bobby, wo der Hammer hängt, ja? Ich will die Partys zurück.«
   Matze lächelte. »Frag mich mal! Mach dir keine Sorgen, ja? Und versprich mir, dass du vorsichtig bist.«
   Angie nickte. »Mach ich. Melde dich, wenn du doch mal Zeit hast.«
   Anstelle einer Antwort beugte sich Matze vor und küsste sie.
   Glücklich erwiderte Angie den Kuss. Immer wenn Matze ihr so nah kam wie jetzt, war es wie eine Premiere für sie. Es war immer wieder aufs Neue aufregend, ihn zu küssen, zu schmecken, zu fühlen. Ja, sie war sehr verliebt in ihn. Nein, im Grunde spürte sie, dass es mehr war. Sie begann, ihn zu lieben. Er war ihr so vertraut, als würde sie ihn schon ewig kennen, und gleichzeitig war es jedes Mal spannend, ihn wiederzusehen. Sah so nicht das perfekte Liebesglück aus?
   Sie seufzte, als er sie zögernd losließ. Schließlich wandte sie sich zum Gehen, winkte ihm noch einmal zu und drehte sich entschlossen um. Wenn sie nicht sofort ging, kam sie nicht mehr von ihm los.
   »Ich ruf dich an«, rief er ihr hinterher.
   Doch sie drehte sich nicht mehr zu ihm um. Stattdessen hob sie ihre Hand, um ihm zu signalisieren, dass sie ihn verstanden hatte, und ging schnell weiter. Sie vermisste ihn jetzt schon.
   Als sie das Krankenhaus verließ, setzte sie ihre Kapuze auf und sah prüfend in alle Richtungen, ehe sie losging. Sie hatte keine Ahnung, worauf sie genau achten musste, denn sie ahnte, dass Bobbys Männer bestimmt nicht überall in Kutte mit Klubabzeichen herumlungern, sondern sich tarnen würden, um nicht aufzufallen. Theoretisch könnte in jedem Auto einer von ihnen sitzen, in jedem Restaurant, hinter jedem Fenster irgendeiner Wohnung.
   Sie zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und ging schnell los. Der kalte Wind, der ihr entgegenwehte, roch nach Schnee. Unbehelligt erreichte sie ihre kleine Wohnung. Sie duschte heiß und legte sich schlafen. Heute Abend musste sie arbeiten, und meistens dauerten ihre Schichten bis in die späte Nacht. Sie träumte, wie sie mit Nele in deren Auto flüchteten. Im Rückspiegel erkannte sie eine ganze Reihe von hellen Scheinwerfern, die ins Auto leuchteten, und plötzlich waren es helle Lampen wie bei der Polizei, wenn jemand verhört wurde. Dunkle Gestalten, die sie nicht erkennen konnte, leuchteten ihr damit ins Gesicht und verlangten, dass sie endlich redete. Jedoch wusste sie nicht, was diese Typen hören wollten.
   Erst spät schlief sie fest ein.

Kapitel 2

»Er sieht ja schon wieder ganz fit aus«, sagte Matze erleichtert, als er mit Wolf und Keule das Krankenzimmer verließ.
   »Er hat Riesenglück gehabt«, pflichtete Keule ihm bei. »Als dieser Kerl ihn umgehauen hat und ich das Blut sah, das aus seiner Kopfwunde strömte, befürchtete ich das Schlimmste. Er regte sich nicht mehr, und ich dachte … Alter, ich dachte, er ist tot. So was will ich nie wieder erleben.«
   »Es ist ja noch mal gut gegangen.« Wolf klopfte Keule tröstend auf die Schulter. Plötzlich sah er sehr ernst aus. »Schlimm genug, dass wir euch nicht helfen konnten. Der Parkplatz war voll von Bobbys Leuten, es gab keine Chance, näher an euch heranzukommen. Tut mir echt leid, Mann.«
   »Mir auch«, sagte Matze. »Aber wir konnten von dort aus, wo wir standen, nicht mal sehen, was die Typen mit euch anstellten.«
   »Schon okay.«
   »Das nächste Mal haben wir Verstärkung dabei. Immer mehr Brüder treffen ein.« Wolf sah kämpferisch drein. »Noch einmal lassen wir uns von Bobby nicht abkanzeln wie kleine Kinder.«
   Sie erreichten den Ausgang. Ein kalter Wind trieb ihnen große, matschige Schneeflocken entgegen, die auf dem nassen Boden sofort tauten. Matze war froh, dass sie heute mit dem SUV des Klubs unterwegs waren und nicht mit den Bikes.
   »Ich hätte gute Lust, zu Bobby zu fahren und ihm sein Klubhaus unter dem Hintern anzuzünden«, knurrte er. »Bisher haben wir nur abgewartet, was er macht, haben gehofft, dass er von selbst aufgibt und sich wieder in das Loch zurückzieht, aus dem er gekrochen ist.«
   »Bisher hatten wir auch noch keinen Krieg«, erwiderte Wolf. »Ich als euer Präsident bin für euch verantwortlich. Ihr habt fast alle Familie, Frauen, Kinder, Eltern, Geschwister. Was wäre ich für ein Anführer, wenn ich euch in die Schlacht schicke, ohne mit der Wimper zu zucken? Erst vorgestern lief Bobbys Frist ab. Bis dahin musste ich abwarten, ob sich vielleicht doch noch alles zum Guten wendet.« Er schloss den Wagen auf.
   »Du hast alles richtig gemacht«, erklärte Keule, während er einstieg. »Wir sind nicht so wie Bobby, sind keine gewissenlosen Verbrecher. Und darüber bin ich extrem froh. Aber Matze hat trotzdem recht.« Er schlug die Autotür zu und rieb sich die kalten Finger. »Wir müssen ihn nun endgültig in seine Schranken weisen. Schon allein um der alten Zeiten willen. Ich glaube, jeder von uns wünscht sich mal wieder eine gute, feuchtfröhliche Party.«
   Wolf ließ den Motor an und fuhr langsam vom Parkplatz. »Und die werden wir auch bald wieder haben. Sobald Bobby erkennt, wie viele Männer wir haben, wird er sich nicht mehr trauen, uns weiter einzuschüchtern und zu versuchen, uns zum Aufgeben zu zwingen. Wenn alles so klappt, wie ich es mir vorstelle, zieht er Leine und versucht woanders sein Glück.«
   »Hoffen wir’s«, sagte Keule und seufzte aus vollem Herzen. »He, Nele und Bine sind doch schon auf Sylt. Wenn das alles hier vorbei ist, machen wir Kluburlaub in unserem Haus, was haltet ihr davon?«
   »Super Idee!«, freute sich Matze. »Tagsüber in der Nordsee schwimmen und am Strand chillen, und dann die Nacht durchmachen.«
   »Du scheinst ja von einer längerfristigen Auseinandersetzung mit Bobby auszugehen«, wandte Wolf trocken ein. Dann lachte er. »Ich stelle es mir eher so vor, dass wir dort den Kamin anwerfen und am flackernden Feuer schön gemütlich feiern.«
   Wie um seine Worte zu bestätigen, schaffte der Scheibenwischer es kaum, der beständig heranstürmenden Schneeflocken Herr zu werden. Langsam begann sich auf der Straße ein matschiger Belag zu bilden.
   »Du bist ja optimistisch. Dann hoffen wir mal, dass wir schnell nach Sylt kommen. Ich möchte bei meinem Haus gern mal wieder nach dem Rechten sehen.« Keule sah aus dem Fenster in den trüben Wintertag hinaus.
   »Ich würde Bine auch gern wiedersehen«, sagte Wolf.
   Matze grinste ihn an. »Du hast sie gerade mal zwei Tage lang nicht gesehen. Kannst du dich noch daran erinnern, wie sie aussieht?« Er lachte meckernd.
   Wolf warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. »Pass mal auf, wenn es dich endlich mal so richtig erwischt. Dann sagst du so was nicht mehr.« Er schaltete den Scheibenwischer eine Stufe höher. »Was ist denn eigentlich mit Angie? Wie lange schraubst du schon an ihr herum? Ein Vierteljahr, ein halbes? Oder länger? Wann machst du denn endlich mal Nägel mit Köpfen?«
   Verdammt, das war genau das Thema, das Matze immer gern umging. Er mochte Angie gern, wirklich. Aber er hing auch sehr an seiner Freiheit. Nichts stellte er sich schlimmer vor, als wenn er von einem langen Arbeitstag nach Hause kam und seine Frau ihn mit den Worten begrüßte: »Du stinkst. Geh erst mal baden, und vergiss nicht den Hals und hinter den Ohren.« Oder wenn sie über die berühmte Zahnpastatube schimpfte, die er nicht zugedreht hatte. »Zieh saubere Socken an.« »Rauch nicht so viel.« »Du hast heute schon genug getrunken.« »Wo kommst du um diese Zeit her? Du bist schon fünf Minuten überfällig.« Und sie würde seine Schränke mit ihrem Zeugs blockieren, mit Schminksachen, rosa Klamotten oder Einhorn-Deo.
   Er zuckte die Schultern. »Das eilt doch nicht.«
   »Angie ist so eine süße Maus«, sagte Keule. »Also wenn ich so ein Mädchen hätte, würde ich nicht lange fackeln.«
   Matze wusste, was Keule meinte. Er war nicht gerade ein Womanizer mit einigen Kilos zu viel auf den Hüften. Dabei war er eine Seele von Mensch. Matze wünschte ihm wirklich, dass er endlich eine Frau fand, die zu ihm passte.
   »Warten wir es mal ab«, sagte er unbestimmt. Denn im Grunde hatte er bereits einen Entschluss gefasst, was Angie betraf. Es ging nicht mehr nur um seine Freiheit. In erster Linie ging es um ihre Sicherheit. Spätestens seit den Ereignissen am letzten Samstag war ihm klar geworden, dass er Angie nicht weiter in Gefahr bringen durfte. Gerade, weil sie ihm etwas bedeutete. Das mit Sylt war im Grunde eine gute Idee. Aber wie lange sollte sie denn dableiben? Wer konnte schon sagen, wie lange sich die Sache mit Bobby hinzog? Wenn Angie zu den Sea Crows gehörte, und sei es auch nur locker und unverbindlich, wie es momentan der Fall war, war sie dennoch ständig in Gefahr.
   Und das konnte er nicht zulassen. Lieber musste er seine Beziehung zu ihr opfern. Vorhin, im Krankenhaus, hatte er es ihr sagen wollen. Aber sie hatte sich so an ihn geschmiegt, da hatte er es einfach nicht fertigbekommen. Und er konnte es auch nicht seinen Freunden sagen. Noch nicht. Erst musste er Angie klarmachen, dass es mit ihnen vorbei war. In ihrem eigenen Interesse.
   »Was liegt heute noch an?«, fragte Matze schließlich, um das Thema zu wechseln. Er brauchte dringend Ablenkung.
   »Im Grunde wie immer dieser Tage«, erwiderte Wolf. »Es wäre gut, wenn möglichst viele von uns im Klubhaus sind. Es wird Bobbys vorrangiges Ziel sein. Es ist wichtig, dass wir dort größtmögliche Präsenz zeigen. Wenn er sieht, wie viele wir geworden sind, gibt er vielleicht doch noch auf. Ehrlich gesagt kann ich mir das nicht vorstellen, aber wer weiß das schon so genau? Und selbst wenn nicht, so wird er es sich doch doppelt und dreifach überlegen, uns anzugreifen oder sonst etwas zu unternehmen.«
   Wenige Minuten später erreichten sie das Klubhaus der Sea Crows. Wolf parkte den SUV hinten auf dem Hof.
   »Ganz schön gut besucht hier«, stellte Matze fest, während er ausstieg. Der Schneeregen war inzwischen in Schnee übergegangen, und der begann, liegen zu bleiben. Eine dünne weiße Schicht überzog den Hof. Dem Wetter entsprechend befanden sich kaum Motorräder hier. Nur zwei japanische Chopper von unbeirrbaren Membern eines befreundeten MCs parkten nahe der Hausmauer. Aber eine Menge Autos standen herum, Matze zählte mindestens zehn.
   Als sie das Klubhaus betraten, empfingen sie Wärme, Musik und Stimmengewirr. Heavy, Ronny und Toddel kamen ihnen entgegen.
   »Wie geht’s Tommy?«, erkundigte sich Ronny besorgt.
   »Schon wieder viel zu gut«, sagte Wolf lächelnd. »Er mampfte Pralinen, die Angie ihm mitgebracht hatte.«
   »Ein Glück. Er hat mir echt einen Schrecken eingejagt«, sagte Heavy. »Kommt mit, wir haben einige neue Besucher.«
   Gleich darauf schüttelten Matze, Keule und Wolf eine Menge Hände, klopften auf viele Schultern und begrüßten Member verschiedener Motorradklubs aus dem ganzen Umkreis. Aus Cuxhaven waren sie gekommen, aus Bremen, Bad Bederkesa und Buxtehude, und einige waren sogar aus Hamburg angefahren.
   Im Stillen freute sich Matze über die vielen guten Beziehungen, die sie im Laufe der Jahre zu den umliegenden Motorradklubs geknüpft hatten. Die meisten hatten sich nicht lange bitten lassen, als sie ihnen erzählten, was Bobby und sein Living Darkness MC hier abzog. Jeder wusste, dass auch seinem Klub so etwas jederzeit passieren konnte. Und Brüder standen füreinander ein.
   »Wisst ihr schon, wo ihr über Nacht unterkommt?«, erkundigte sich Wolf. »Ein paar finden sicher noch hier im Klubhaus Platz, wenn alle zusammenrücken, aber inzwischen haben wir so viele Gäste, dass es nicht ausreichen dürfte. Zwei von euch kann ich in meine Wohnung einladen, ich habe eine Couch und eine Luftmatratze anzubieten.«
   »Ich auch«, meldete sich Ronny, und auch ein paar weitere boten Schlafplätze in ihren Wohnungen an.
   »Ich wohne praktisch in einem Schuhkarton«, erklärte Matze leicht verlegen. »Aber ein Sofa habe ich auch. Zur Not auch noch einen Sessel.«
   Bald waren alle neuangekommenen Gäste verteilt, und das Gespräch drehte sich um ernstere Themen. Matze beteiligte sich daran, war heute aber merkwürdig unkonzentriert. Immer wieder tauchte Angies Gesicht vor ihm auf, ihr frecher, dunkler Stufenschnitt. Sie war vorhin so anschmiegsam gewesen, ihr Körper so weich und warm. Es würde ihm so verdammt schwerfallen, sich von ihr zu trennen. Einen Augenblick lang ärgerte er sich, dass er sie nicht längst zu seiner festen Lady gemacht hatte. Warum hatte er so lange gezögert? Klar wäre sie dann ebenfalls in Gefahr, in noch größerer vielleicht sogar. Aber sie würde zum Klub gehören, und jeder wäre für sie verantwortlich. Er merkte selbst, dass sich seine Gedanken im Kreis drehten. Auch jetzt schon war der ganze Klub für sie verantwortlich. Wenn sie in Schwierigkeiten steckte, würde jeder von ihnen ihr beistehen. Und dennoch wäre es anders, wenn sie … Zum Teufel! Hoffentlich war diese dämliche Angelegenheit mit Bobby bald erledigt. Wenn alles gut ging, würde er Angie anschließend eventuell die Frage der Fragen stellen. Er würde so gern mal wieder eine ganze Nacht mit ihr verbringen, mit ihr gemeinsam einschlafen und aufwachen. Sie sah so süß mit ihren verstrubbelten Haaren aus, wenn sie morgens erwachte und ihn verschlafen anblinzelte. Kein Kaffee schmeckte so scheußlich wie der, den sie kochte. Und dennoch würde er ihn in diesen Momenten nicht eintauschen wollen. Ja, sie bedeutete ihm viel. Und gerade deshalb musste er sich von ihr trennen.
   »Matze?«, hörte er Wolfs Stimme.
   »Hm?«
   »Du bist jetzt dran mit der Außenwache. Eine Stunde, danach wirst du abgelöst. Wenn du willst, kannst du danach nach Hause fahren. Wir sind dann immer noch genug Leute hier, um Bobby abzuschrecken.«
   »Der traut sich doch bei diesem Wetter nicht raus«, höhnte ein Mann aus Bremen.
   »In Ordnung«, sagte Matze und stand auf. Er war froh über die Ablenkung. Seit Bobby mit Krieg drohte, stellten sie rund um das Klubhaus herum stets Wachen auf, um rechtzeitig gewarnt zu sein. Vorgestern war es Bobby trotzdem gelungen, einen Stein und einen Molotowcocktail durch ein Fenster zu werfen. Der Stein war mit einem Zettel umwickelt. Nur ein Wort stand darauf: KRIEG. Der Zettel hing nun von innen an der Eingangstür, sodass auch niemand vergessen konnte, stets aufmerksam und vorsichtig zu sein.
   Matze zog rasch seinen Kapuzenpulli an, band sein langes Haar zu einem Dutt zusammen und zog die Kapuze über. Dann trat er hinaus. Im Licht der Außenlampe schwebten die weißen Flocken auf ihn zu, und einen Augenblick lang genoss Matze den Anblick. Er hatte Schnee schon immer geliebt. Die Schneedecke hier draußen war inzwischen gewachsen und vollkommen unberührt. Matze lächelte. Die weiße Pracht würde ihnen die Wache leichter machen. Wenn jemand versuchte, sich unbemerkt ans Haus heranzuschleichen, würden seine Spuren ihn verraten.
   Heavy teilte sich die Wache mit ihm und stellte sich einige Meter weiter an die Straße, um sie im Auge zu behalten. Auch ein Gast ein Bremervörde hatte sich bereit erklärt, aufzupassen, und sicherte den hinteren Bereich des Hauses.
   Doch die folgende Stunde verlief absolut ereignislos. Kaum ein Auto fuhr die Straße entlang, und alle wirkten vollkommen unverdächtig. Sie hatten viele der Fahrzeuge, die zu Bobby gehörten, inzwischen identifiziert, konnten jedoch keines davon heute sehen.
   Matze gähnte. Es war ein langer Tag gewesen. Er sollte nach Hause fahren und sich aufs Ohr hauen. Sicher war auch sein Übernachtungsgast inzwischen müde, es war schon spät. Unvermittelt musste er wieder an Angie denken. Was war denn heute los mit ihm? Nein, nicht erst seit heute. Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er immer öfter an sie denken musste, je länger er sie kannte. Sie hatte gesagt, dass sie heute arbeiten musste. Ob er noch auf einen Drink bei ihr vorbeifuhr? Er würde es ihr heute sagen. Damit er sie endlich aus dem Kopf bekam und sich auf die Klubbelange konzentrieren konnte.
   »Ablösung«, rief eine Stimme von der Tür her. »Seid ihr schon erfroren?«
   »Ist gar nicht so kalt«, entgegnete Matze, während er sich den angetauten Schnee von der Kapuze und den Schultern wischte. Inzwischen hatte es aufgehört zu schneien. Er ging noch einmal ins Haus, um sich zu verabschieden und Bernd, seinen Übernachtungsgast, abzuholen. Er hatte dunkelblondes Haar und einen federnden Gang.
   »Hast du noch Lust auf nen Schlummertrunk?«, fragte Matze ihn, während er seinen Toyota aufschloss.
   »Klar.«
   »Okay. Danke übrigens noch einmal für eure Hilfe.«
   »Nichts zu danken, das ist selbstverständlich. Ich bin mir sicher, dass ihr für uns dasselbe tun würdet.«
   »Auf jeden Fall. Kommst du von weit her?«
   »Nee. Aus Kehdingen. Bobby hat bei uns auch schon sein Glück versucht, hat versucht, Member abzuwerben. So was können wir uns nicht bieten lassen.«
   »Da hast du allerdings recht.« Matze stellte die Scheibenwischer an und war fast erstaunt, als sie beim dritten oder vierten Anlauf tatsächlich den nassen Schnee von der Scheibe schoben. Er brauchte doppelt so lange wie sonst zur Altstadt, weil der Schneematsch extrem rutschig war. Wie es aussah, benötigte sein Auto mal wieder neue Reifen, das Profil war schon ziemlich ausgelutscht. Kaum zu glauben, dass er in einer Kfz-Werkstatt arbeitete. Er grinste vor sich hin und sprach seine Gedanken laut aus.
   »Ich hab kein Auto«, erzählte Bernd. »Jeder Cent, den ich verdiene, geht in meine Maschine. Ich fahre eigentlich das ganze Jahr hindurch. Aber heute war ich doch froh, dass Jimmy mich mit dem Auto mitgenommen hat.«
   Matze lachte. »Was meinst du, warum ich so eine Klapperkiste fahre? Meine Harley ist mein Ein und Alles. Aber bei Eis und Schnee schone ich sie lieber.«
   »Oder deine Knochen«, sagte Bernd und lachte ebenfalls. »Ich war mal zu Besuch bei einer Braut. Es wurde spät, und ich hatte nicht mitbekommen, dass es inzwischen angefangen hatte zu schneien. Gar nicht mal viel, vielleicht so drei Zentimeter. Aber die reichten schon. Obwohl ich wie eine Schnecke dahinkroch, dauerte es keine zwei Kilometer, bis ich lag. Einfach weggerutscht. Seitdem versuche ich, Schneefahrten zu vermeiden.«
   »Ich hoffe, dir war nichts passiert? Und deiner Schüssel auch nicht?«
   »Nein. Ich war wie gesagt nur dahingeschlichen. Ich hatte nicht mal einen Kratzer. Aber es war schwer, meine Kiste bei der Glätte wieder hinzustellen. Im Grunde dürfte ich das ja niemandem erzählen, aber ich hab mich dreimal dabei auf die Schnauze gelegt. Hoffentlich hat das keiner gesehen.«
   Matze starrte zu Bernd hinüber, und sie begannen gleichzeitig zu lachen.
   Endlich erreichten sie die Seemöwe. Das war die Stammkneipe der Sea Crows und außerdem Angies Arbeitsplatz. Matze steuerte den Ecktisch an, an dem er meistens saß. Er entdeckte Angie sofort. Sie stand gerade am Nebentisch und lachte über den Scherz eines Gastes. Seltsamerweise schmerzte ihn dieses Lachen, und ein Stich durchfuhr ihn.
   Bernd folgte seinen Blicken. »Süßes Ding«, sagte er und pfiff anerkennend durch die Zähne. »Kein Wunder, dass du öfters hier bist.«
   »Das ist Angie«, sagte er, als würde das alles erklären.
   Bernd sah ihn neugierig an. »Aha«, sagte er lang gezogen und grinste. »Du kennst sie näher?«
   Angies Herantreten an ihren Tisch enthob ihn einer Antwort. Ihre Augen weiteten sich erfreut, als sie ihn ansah. »Matze«, rief sie. »Dann sehen wir uns ja heute doch noch. Damit hätte ich ja gar nicht mehr gerechnet.«
   »Ich auch nicht. Bringst du uns zwei Bier?«
   Sie grinste frech. »Für jeden zwei?«
   Matze starrte sie an. Wie ihre Augen funkelten. Eine Hand hatte sie auffordernd in die Hüfte gestemmt. Am liebsten hätte er sie an sich gezogen und sie geküsst.
   Ehe er antworten konnte, war sie schon fort, um seine Bestellung weiterzugeben.
   »Nicht nur süß, sondern auch frech«, sagte Bernd und sah ihr hinterher.
   »Und vergeben«, rutschte es Matze heraus, ehe er die Worte zurückhalten konnte.
   »Wirklich? Ach, schade. Wer ist denn der Glückliche?«
   Matze konnte nicht aufhören, zu Angie hinüberzusehen. Gerade stellte sie ein Tablett zurecht und nahm das erste Bierglas entgegen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Bernd zu grinsen begann.
   »Verstehe«, sagte er. »Glückwunsch zu deiner Wahl. Ich glaube, langweilig wird es mit ihr nicht, oder? Wie lange seid ihr denn schon zusammen?«
   »Gar nicht«, entgegnete Angie an Matzes Stelle. Unbemerkt war sie an den Tisch getreten und stellte nun das Bier darauf.
   Matze starrte sie an und erschrak vor dem Ärger in ihren Augen.
   »Was denn nun?«, fragte Bernd und sah verwirrt zwischen ihnen hin und her.
   »Es ist kompliziert«, versuchte Matze zu erklären.
   »Es ist das Einfachste auf der Welt«, erwiderte Angie, wandte sich ab, dass ihre Haare flogen, und ging zurück zum Tresen.
   »Ich versteh das nicht ganz«, sagte Bernd. »Aber ich weiß nicht, ob ich dich beneiden oder eher bemitleiden sollte. Die hat Feuer unterm Arsch.«
   Ja, das hat sie, dachte Matze. Und er wusste, dass sie recht hatte.

Kapitel 3

Lächelnd wischte Angie die Tische ab und sang leise vor sich hin. Die Gäste waren gegangen, gleich würden sie schließen.
   »Gute Laune?«, erkundigte sich Sven, ihr Chef, und beobachtete sie grinsend von der Theke her.
   »Hab ich doch immer.« Beschwingt ging Angie zu einem anderen Tisch und fuhr schwungvoll mit dem Tuch drüber. Matze war nur eine halbe Stunde lang geblieben, aber er war gekommen, um sie zu sehen, da war sie sicher. Er hätte mit seinem Kumpel auch woanders einen trinken können, aber er war ausgerechnet in die Seemöwe gekommen. Klar, das war seine Stammkneipe, aber trotzdem … Sie wurde das Gefühl nicht los, dass er begann, sich Gedanken über den Fortgang ihrer Beziehung zu machen. Dass er an ihr hing. Natürlich hatte er es ihr immer noch nicht gesagt. Und im Grunde hielt sie es für wahrscheinlicher, dass in der Sahara Strom mit Wasserkraft erzeugt werden konnte, als dass Matze ihr seine Gefühle gestehen würde. Aber er hatte sie so angesehen …, so gefühlvoll. Sein Freund hatte es sofort erkannt. Warum brauchte dann Matze so lange dafür?
   Im Grunde hatte sie schon lange die Nase voll davon, auf ein Liebesgeständnis von Matze zu warten. Sie sehnte sich danach, wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich seine feste Freundin zu werden. Seine Lady. Aber warum sollte sie eigentlich nur tatenlos warten? Warum sagte sie ihm nicht, was sie fühlte? Vielleicht konnte sie ihn so aus der Reserve locken? Es konnte doch sein, dass er einfach schüchtern war und sich nicht traute … Aber natürlich wusste sie, warum er noch nichts diesbezüglich gesagt hatte. Er liebte seine dämliche Freiheit. Das konnte sie sogar verstehen. Ihr selbst ging es nicht anders. Jedenfalls bis vor Kurzem. Bis sie erkannte, dass Matze ihr wichtiger war als ihre Unabhängigkeit. Vielleicht ging es ihm ebenso, und er hatte er nur noch nicht erkannt?
   »Geh nach Hause«, rief Sven lachend. »Sonst ist morgen von den Tischplatten nichts mehr übrig.«
   Schwungvoll warf Angie den Lappen in den Eimer und pustete sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Wann soll ich morgen anfangen?« Sie konnte es kaum noch erwarten, endlich Urlaub zu haben. Sie freute sich schon unbändig auf Sylt. Und sie war froh, hier eine Weile wegzukommen, denn sie machte sich wirklich Sorgen wegen diesem Bobby, vor allem nach Matzes eindringlichen Warnungen von heute Morgen.
   »Kannst du schon um fünfzehn Uhr hier sein?«, fragte Sven. »Ich muss eine Menge einkaufen, und du könntest schon mal Klarschiff machen, damit alles bereit ist, wenn wir öffnen.«
   »Geht klar. Und wegen meines Urlaubs …«
   Sven seufzte vernehmlich. »Mach dir keine Sorgen, okay? Selbst wenn Petra dann noch nicht wieder gesund ist, kannst du fahren. Es sei denn, du willst doch lieber freiwillig bleiben und …«
   »Nee! Am Sonntag muss ich nach Sylt, wirklich.« Angie hatte Sven nichts von der Bedrohung durch Bobbys Leute erzählt. Klar kannte er die Sea Crows, die waren schließlich Stammgäste hier. Vielleicht hatte er sogar das eine oder andere aufgeschnappt, was den Living Darkness MC anging. Aber nähere Einzelheiten wusste er nicht, und das sollte auch so bleiben. Klubangelegenheiten trug man nicht nach draußen, und das betraf auch die Gefahr, in der sie sich womöglich befand.
   Vielleicht ja auch nicht, dachte sie, während sie das Wasser wegschüttete und den Putzlappen auswusch.
   »Und wenn ich dir mehr zahle?«, versuchte Sven sie zu locken.
   Sie schüttelte den Kopf. »Wirklich, es ist wichtig.«
   »Ich sollte das auch mal versuchen«, sagte Sven. »Ich buche einfach zwei Wochen Mallorca. Und es ist unabdingbar, dass ich auch wirklich hinfahre. Ihr müsst dann hier allein die Stellung halten und …«
   »Das kannst du ruhig machen«, erwiderte Angie und lachte. »Wir kommen auch mal ohne dich aus, weißt du? Du …«
   Die Tür öffnete sich, kalter Wind zog herein, und Angie sah unwillig hinüber. Drei, nein, vier Typen betraten die Kneipe. Verdammt, warum hatten sie die Tür noch nicht abgeschlossen?
   »Tut mir leid, aber wir haben bereits geschlossen«, hörte sie Sven sagen.
   »Es war aber noch offen«, erwiderte einer der Männer, »also kannst du uns auch noch was bringen.« Einer nach dem anderen traten aus dem Dämmerlicht des Eingangsbereichs in den helleren Kneipenraum.
   Angie sah, wie Sven bereits den Mund öffnete, um etwas zu entgegen – und ihn gleich wieder schloss, als er die Männer erkannte.
   Und auch in ihr wurde es plötzlich ganz kalt. Die Typen waren unheimlich. Niemand lächelte, ihre Mienen waren völlig ausdruckslos. Sie trugen keine Klubabzeichen, aber Angie ahnte, dass es Mitglieder eines Motorradklubs waren. Sie hatte ein Auge dafür. Die dunkle Kleidung, der Silberschmuck, die Tattoos, die Gürtelschnallen, alles deutete darauf hin. Und da sie die Männer nicht kannte und diese so beängstigend wirkten, vermutete sie, dass es sich um den Living Darkness MC handelte.
   Schnell sah sie zu ihrem Chef hinüber. Der schien zu ahnen, dass es zwecklos war, darauf zu beharren, dass sie bereits Feierabend hatten. Er wirkte angespannt, als er zum Tisch trat, an dem sich die Vier niedergelassen hatten, und seinen Block zückte. »Also gut, ein Drink. Aber dann schließen wir.«
   »Mach dir mal nicht ins Hemd, du kommst schon früh genug ins Bett.« Einer der Kerle sah zu Angie hinüber, und ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen. »Die Kleine soll uns bedienen.«
   »Aber ich stehe schon hier«, beharrte Sven. »Also kann ich auch eure Bestellung auf…«
   »Komm her!« Der Mann winkte auffordernd zu Angie hin, und sie setzte sich in Bewegung. Ihre Knie fühlten sich an wie aus Gummi. Der Kerl sah gruselig aus. Sein Haar am Oberkopf trug er zu einem kleinen Schwänzchen zusammengebunden. Die Seiten seines Schädels jedoch waren rasiert und tätowiert. Klar war sie an solche oder ähnliche Anblicke gewöhnt, sie waren nichts Besonderes für sie. Was ihr jedoch Angst machte, waren seine Augen. Sie wirkten, als blickte Angie direkt in den dunklen Lauf einer Pistole hinein.
   »Sag, was kannst du uns empfehlen, Kleine?« Die kalten Blicke musterten sie von oben bis unten, und Angie fühlte sich plötzlich nackt.
   »Whiskey«, brachte sie heraus. Den tranken zumindest die Sea Crows und die Red Hornets gern, die beiden MCs, die sie gut kannte. Und deren Member um einiges menschlicher wirkten als diese Muskelprotze hier.
   »Die Süße kennt sich aus!«, dröhnte der Tätowierte, der der Anführer zu sein schien. Ob dies Bobby war? Vorgestern, auf dem Parkplatz, war alles so schnell gegangen, dass Angie niemanden so richtig hatte erkennen können, und es war auch viel zu dunkel gewesen. Nach allem, was sie jedoch bisher über den Chef des Living Darkness MC gehört hatte, war es gut möglich, dass er es war, der gerade vor ihr saß.
   Und mit dieser Erkenntnis kam plötzlich die Wut. Sie presste die Zähne zusammen, um sich nicht zu einer unbedachten Äußerung hinreißen zu lassen.
   »Dann bring uns doch mal vier Gläser, Süße! Ohne Eis. Draußen ist es schon kalt genug, was?« Er starrte ihr in die Augen, als wollte er sie damit erdolchen. »Wohl dem, der so eine süße Maus wie dich im Bett liegen hat, um es anzuwärmen.«
   Die vier lachten dröhnend. Angie floh geradezu zum Tresen. Das raue Gelächter klang so roh, dass sie es doch wieder mit der Angst zu tun bekam. Hier waren nur sie und Sven. Und sie wusste, dass er allein es nicht schaffen würde, sie gegen diese vier Kerle zu verteidigen. Was, wenn sie nun …?
   Sie zwang sich, jeden Gedanken abzustellen. Es nutzte nichts, sich verrückt zu machen und darüber zu grübeln, was passieren könnte. Wenn sie Glück hatten, waren diese Typen in wenigen Minuten schon wieder fort.
   »Lass, ich mach das schon«, flüsterte Sven ihr beschwörend zu, während sie mit zitternden Händen vier Gläser vor sich hinstellte und zur Whiskeyflasche griff.
   »Nicht tuscheln!«, rief der Kerl, der vielleicht Bobby war.
   Die anderen drei sagten nichts, sahen aber ebenso düster drein. Einer hatte eine Glatze, der andere kurze Stoppeln, und der dritte trug sein Haar länger. Dunkle Wellen flossen bis zu seinen Schultern. Angie warf ihm einen heimlichen Blick zu. Nein, er wirkte nicht ganz so kalt wie seine Freunde. Rasch sah Angie noch einmal hin, unter gesenkten Wimpern, damit es nicht auffiel. Tatsächlich. Der Mann schien unsicher zu sein, und seine Augen waren nicht gefühllos wie die der anderen, sondern funkelten. Angespannt? Besorgt?
   Sven hatte inzwischen die Gläser gefüllt, aber als er Anstalten machte, das Tablett zu nehmen, schob Angie ihn beiseite. »Das gibt nur Ärger«, hauchte sie. Rasch nahm sie das Tablett, trat an den Tisch und stellte die Gläser darauf.
   Die Blicke der drei Typen klebten an ihr wie Leim. Der Vierte sah sie ebenfalls an, aber auf eine andere Weise. Fast so, als täte es ihm leid, was sie hier taten.
   »Zum Wohl«, sagte sie und wandte sich ab.
   »Nicht so eilig!« Der, den sie für Bobby hielt, hielt sie am Oberarm zurück.
   Seine Finger bohrten sich wie ein Schraubstock in ihre Haut. Es tat weh, aber Angie zwang sich, keinen Mucks von sich zu geben.
   »Du kommst mir bekannt vor, Mädchen.« Sein durchdringender Blick schien Schicht um Schicht ihrer Kleidung beiseitezuschieben, durchdrang ihre Haut und ihr Fleisch und bahnte sich einen Weg bis in ihre Seele, bis zu ihrem Willen.
   »Kann sein«, gab sie vage zurück. »Ich arbeite schon lange hier.« Allerdings konnte sie sich nicht erinnern, ihn oder einen seiner Männer hier schon gesehen zu haben. Wenn die schon mal hier gewesen waren, hatte sie vielleicht bisher immer Glück und frei gehabt.
   Der Kerl schüttelte den Kopf. Immer noch hielt er ihren Arm fest. »Das ist es nicht. Wenn wir hier waren, war eine Andere da. Groß, schlank und blond.«
   Petra. Aber sie würde den Teufel tun und ihm ihren Namen verraten.
   »Kennst du die Sea Crows?«, fragte er unvermittelt.
   Bei der Nennung des Namens zuckte Angie zusammen. Ganz kurz nur, aber es schien dem Kerl bereits zu genügen. Er grinste befriedigt. Das sah beinahe noch unheimlicher aus als sein zuvor unbewegtes Gesicht.
   »Dachte ich mir«, sagte er und schien die Worte genüsslich auf der Zunge zergehen zu lassen.
   »Ist doch kein Wunder«, entgegnete Angie, ehe sie darüber nachdenken konnte. Plötzlich war die Wut zurück. »Die sind ja auch Stammgäste hier.« Sie war sicher, dass sie damit kein gehütetes Geheimnis verriet, sondern dass Bobby das längst wusste.
   Bobby ließ sie so unvermittelt los, dass sie ins Taumeln geriet. Plötzlich lächelte er nicht mehr. »Ich glaube, ich weiß, wo ich dich schon mal gesehen habe.«
   Alles in Angie erstarrte zu Eis. Hatte er sie wirklich erkannt? Was würde er nun mit ihr machen? Immerhin musste er glauben, dass sie Zeugin einer schweren Körperverletzung gewesen war. Er konnte ja nicht ahnen, dass sie nichts gesehen hatte. Sollte sie es ihm sagen? Oder meinte er etwas anderes und sie würde damit erst ein gefährliches Thema anschneiden?
   Bobby setzte sein Glas an und leerte es in einem Zug. Die anderen taten es ihm gleich.
   Angie hielt die Luft an. Schritt für Schritt wich sie vom Tisch zurück. Aus den Augenwinkeln sah sie Sven, der bereits das Telefon in der Hand hielt. Aber würde die Polizei schnell genug hier sein? Würde Sven es überhaupt schaffen, sie anzurufen, ehe ihm einer das Telefon aus der Hand schlug oder sonst etwas antat?
   »Also gut.« Bobby erhob sich, und die anderen folgten seinem Beispiel.
   Angie beobachtete, wie er dem Mann mit dem halblangen Haar einen langen, vielsagenden Blick zuwarf.
   »Dann wollen wir euch mal nicht länger aufhalten.« Bobby sah Angie bedeutsam an. Ohne zu zahlen, gingen die Männer zur Tür, und Angie hielt die Luft an. Würden sie jetzt tatsächlich gehen? Oder wollten sie sie nur in Sicherheit wiegen, um gleich zurückzukommen und …?
   Hinter dem Letzten klappte die Tür zu. Sofort sprang Sven hin und schloss ab. Er atmete tief durch und sah Angie an. »Was war das denn?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung.«
   »Mann, waren die unheimlich! Komm, ich glaube, wir können jetzt auch einen Drink gebrauchen.« Er ging zur Theke und schenkte ihnen zwei Gläser voll Wodka ein. Eins davon hielt er Angie hin. »Trink. Es wird dir guttun.« Damit hob er sein Glas und nahm einen großen Schluck.
   »Ab morgen machen wir früher Schluss«, entschied er schließlich. Inzwischen war es schon weit nach zwei Uhr. Für einen Abend während der Woche viel zu spät. »Vor allem schließen wir sofort ab, sobald die Letzten gegangen sind.«
   Angie bezweifelte, dass das Bobbys Leute von weiteren Besuchen abhalten würde, aber sie sagte nichts. Sie legte ihre Schürze ab und griff nach ihrer Jacke. »Ja.« Sie nickte.
   »Soll ich dich nach Hause bringen?«, bot Sven an. »Nachher lungern die noch da draußen rum. Ich will nicht, dass du denen allein in die Arme läufst.«
   »Das ist nett von dir, aber nein, ist nicht nötig. Ich rufe Matze an.«
   Er schlief wahrscheinlich schon. Aber darauf konnte sie keine Rücksicht nehmen. Sie brauchte ihn jetzt. Sie brauchte jemanden, der ihr das Gefühl der Sicherheit zurückgeben konnte, das sie gerade verloren hatte.
   Matze meldete sich beim dritten Klingeln. »Hallo?« Seine Stimme klang verschlafen.
   »Ich bin’s, Angie.« Plötzlich musste sie sich zusammenreißen, um nicht aufzuschluchzen. »Kannst du kommen?«
   »Baby? Was ist denn los?« Mit einem Mal klang seine Stimme schon sehr viel wacher.
   »Wir hatten gerade – Überraschungsbesuch. Ich glaube, es war dieser Bobby. Ich …«
   »Was? Hat er dir was getan?« Matze klang, als wollte er am liebsten durch die Leitung zu ihr springen.
   Angie schüttelte den Kopf, auch wenn er das nicht sehen konnte. »Nein. Aber er hat mir Angst gemacht. Er war wirklich unheimlich. Er hat mich am Arm gepackt und – nach euch gefragt. Ich glaube, er hat mich erkannt! Ich habe …«
   »Bleib, wo du bist! Ich bin gleich bei dir, hörst du? Geh nicht raus, okay?«
   »Okay.«
   »Kommt er?«, fragte Sven besorgt.
   »Ja.«
   Sven sah sie forschend an. »Was meintest du damit, er hätte dich erkannt?«
   Einige Sekunden lang widerstand Angie seinem Blick, ehe sie aufgab. Sven war ihr Chef. Er musste wissen, was vorgefallen war. Immerhin war dies seine Kneipe, und sie war seine Angestellte.
   »Vorgestern Nacht war ich mit Nele unterwegs. Sie parkte beim Hafen, weil ich noch mal aufs Klo musste. Als ich zurückkam, hockte sie neben ihrem Auto. Ich fragte sie, was sie da macht, ohne zu überlegen. Dann ging alles ganz schnell. Wir sprangen in den Wagen und rasten davon, und wir wurden verfolgt. Irgendwas war da auf dem Parkplatz passiert. Ich hatte nichts gesehen, weil es dunkel war und alles so schnell ging, aber Nele erzählte mir, dass einer zusammengeschlagen worden war und umfiel. Es war Tommy von den Sea Crows. Nele war sich nicht sicher, ob er – tot war.« Angie stockte und schluckte trocken. Schnell nahm sie noch einen Schluck Wodka.
   »Was? Das ist ja entsetzlich! Habt ihr die Polizei gerufen? Was sagen die?«
   »Nein. Es …, ich darf da im Grunde gar nichts drüber sagen. Aber jetzt, wo diese Typen hier waren … Es geht um die Motorradklubs. Tut mir leid, aber mehr kann ich dazu nicht sagen.«
   »Ich verstehe.« Sven nickte bedächtig mit dem Kopf, während er nachdachte. »Und du meinst, die haben dich nun erkannt? Obwohl es so dunkel war und alles so schnell ging?«
   »Ich weiß das doch auch nicht genau. Vielleicht hat er auch nur geblufft, um mir Angst zu machen.«
   »Aber falls er das denkt, bist du in Gefahr.«
   »Ja. Deshalb muss ich ja so schnell wie möglich nach Sylt.«
   »Warum hast du mir das denn nicht gleich erzählt?«
   »Weil du mich doch gerade brauchst. Die anderen sind alle krank oder im Urlaub.«
   Sven fuhr sich nachdenklich mit der Hand durchs Haar. »Du hast natürlich recht. Aber wenn ich gewusst hätte, in welcher Gefahr zu schwebst …, ich kann das nicht verantworten, Angie. Du hast ab sofort Urlaub, okay? Fahr nach Sylt, so schnell es geht.« Er rieb sich übers Kinn. »Wieso eigentlich ausgerechnet nach Sylt?« Dann schüttelte er den Kopf. »Ist ja auch egal. Aber so geht das nicht, Angie. Ich will nicht schuld sein, wenn dir etwas zustößt.«
   »Aber du brauchst mich doch!«
   »Dann muss ich die Kneipe eben eine Weile schließen. Das ist immer noch besser, als …« Er vollendete den Satz nicht. Angie wusste auch so, was er hatte sagen wollen.
   »Ich denk drüber nach, in Ordnung?«, sagte sie. »Weißt du, im Grunde hatte ich das Geld für diese Woche bereits fest eingeplant. Ich brauche es für die Miete, Strom und Telefon. Meine Rechnungen bezahlen sich auch nicht von allein und …«
   »Darüber zerbrich dir mal nicht den Kopf. Ich gebe dir gern einen Vorschuss. Aber ich will nicht, dass du …«
   Ein lautes Klopfen an der Eingangstür ließ beide zusammenzucken. Waren die Kerle zurück?
   »Angie?«, hörte sie Matzes Stimme.
   Die Erleichterung war so gewaltig, dass ihr ganz schwindelig wurde. Sie sprang zur Tür, schloss auf und warf sich Matze in die Arme. Plötzlich begann sie zu zittern, als ihre Anspannung und Angst wich. Sie klammerte sich an ihn, als versuchte sie, Kraft aus ihm zu ziehen.
   »He, he, ist ja schon gut«, sagte Matze leise und strich ihr zart übers Haar. »Haben sie euch was getan?«
   Angie schüttelte den Kopf an Matzes Brust.
   »Nein«, sagte Sven. »Aber die waren wirklich unheimlich.«
   »Kannst du Angie nicht ab sofort frei geben?«, fragte Matze. »Es ist zu gefährlich für sie, du hast es ja selbst gesehen. Ich …, ich würde sie gern wegbringen.«
   »Ich habe es ihr gerade angeboten.«
   Angie löste sich aus Matzes Umarmung und fuhr sich durchs Haar. »Und das ist echt toll von dir. Aber ich kann hier doch jetzt noch nicht weg. Du hast niemanden, und allein schaffst du es nicht.«
   »Dann mache ich eben eine Weile zu, sagte ich doch schon.«
   Angie schüttelte wild den Kopf. »Ich will nicht schuld daran sein, wenn dir hinterher die Gäste wegbleiben. Außerdem haben wir doch schon besprochen, dass wir ab sofort früher schließen und die Tür gleich zusperren, sobald die letzten Gäste gegangen sind. Es sind doch nur noch ein paar Tage, dann sind die Kollegen wieder da und ich kann in Ruhe wegfahren.« Sie hob die Hand, als Sven etwas erwidern wollte. »Wie gesagt, ich brauche das Geld. Und nein, ich möchte keinen Vorschuss von dir. Ich hasse es, Schulden zu haben. Die paar Tage stehen wir schon durch, okay?«
   Angie sah, wie Matze und Sven stumme Blicke wechselten. Zornig wollte sie auffahren, aber Matze griff nach ihrer Hand, und sie schluckte die Worte hinunter.
   »Komm, ich bring dich jetzt nach Hause.«
   »Pass auf sie auf«, rief Sven ihnen hinterher.
   »Bis morgen«, schrie Angie über die Schulter, während Matze bereits begann, sie zur Tür hinauszuschieben.
   Als sie die Straße betraten, bemerkte Angie, wie Matze prüfend in alle Richtungen sah, ehe sie losgingen. Er hielt ihre Hand ganz fest, war aber ungewohnt schweigsam. Ausnahmsweise war ihr das ganz recht, denn hier draußen fühlte sie sich mit einem Mal klein und wehrlos. Konnten nicht hinter jedem Mauervorsprung, hinter jedem geparkten Auto Männer lauern? Als sie sich aber ihrer Wohnung näherten, hielt Angie das Schweigen nicht länger aus.
   »Danke, dass du mich abgeholt hast. Kommst du noch mit rauf?«
   Sie erschrak, als sie in Matzes Augen blickte. Sie hatte damit gerechnet, dass sie funkeln würden in Erwartung eines heißen Quickies, ehe er nach Hause fuhr. Oder dass er anbieten würde, bis zum Morgen bei ihr zu bleiben. Stattdessen las sie in ihnen ein wildes Gefühlschaos. Und, was am Schlimmsten war, eine tiefe Traurigkeit.

Kapitel 4

Als Ralf am Morgen erwachte, fühlte er sich wie gerädert. Er erinnerte sich, immer nur kurz eingeschlafen und gleich darauf von erschreckenden Träumen geplagt wieder hochgeschreckt zu sein.
   Natürlich wusste er, dass Bobby etwas von ihm verlangen würde, bevor er ihn zum Vollmitglied des Living Darkness MC machte. Ein Prospect nach dem anderen hatte seine Bewährungsproben ablegen müssen. Manche hatten bestanden, andere waren durchgefallen.
   Den Test, um vom Hangaround zum Prospect aufzusteigen, hatte Ralf mit Bravour bestanden. Unter Bewachung einiger Member, die sich im Hintergrund hielten, ihn aber nicht aus den Augen ließen, musste er einen Laden überfallen und sich den Inhalt der Kasse aushändigen lassen. Er hatte ein Bekleidungsgeschäft gewählt, in dem kurz vor Feierabend nur noch eine ältere Frau damit beschäftigt war, die Gestelle mit den Kleidern zu ordnen. Als sie zur Tür ging, um abzuschließen, war er aus seiner Deckung gesprungen, hatte die Tür aufgerissen, ihr seine Waffe vors Gesicht gehalten und das Geld verlangt. Es war nur eine Schreckschusspistole, aber das konnte die Frau ja nicht ahnen. Mit zitternden Händen hatte sie ihm ohne jede Gegenwehr alles gegeben, was sich in der Kasse befand, sogar das Kleingeld. Dabei hatte sie ihn die ganze Zeit aus aufgerissenen Augen angestarrt, und er hatte sich sehr unwohl dabei gefühlt, obwohl er wusste, dass sie ihn nicht erkennen konnte. Er trug eine Skimaske, die nur seine Augen freiließ. Zur Sicherheit hatte er sich andersfarbige Kontaktlinsen eingesetzt, und auch die Kleidung, die er trug, eine graue Jogginghose und eine rote Kapuzenjacke, war vollkommen anders als die, die er gewöhnlich anhatte.
   Alles war gut gegangen. Am nächsten Tag stand ein großer Bericht über den brutalen Überfall in der Zeitung, und mögliche Zeugen wurden aufgefordert, sich bei der Polizei zu melden. Aber Ralf wusste, dass es keine Zeugen gab. Seine Begleiter hatten gut aufgepasst. Die Sache verlief im Sande. Er jedoch stieg in der Hierarchie des MCs eine Stufe höher, und Bobby war voll des Lobes.
   Dabei war es für ihn nicht besonders schwer gewesen. Seit er vierzehn war, lebte er im Heim. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, und seine Eltern waren nicht mehr mit ihm klargekommen. Er klaute und stahl alles, was ihm in die Finger kam. Zwei Ausbildungen als Kfz-Mechatroniker und Schlosser verbaute er sich selbst, indem er auch dort in die Kasse griff beziehungsweise Kleinteile stahl. Als er achtzehn war, schien sich das Blatt zum Besseren zu wenden, als er Susi kennenlernte. Er war schwer verliebt in sie und begann eine Lehre als Maler und Lackierer. Doch kaum hatte er sie abgeschlossen, erfuhr er, dass Susi ihn schon länger betrog. Er schmiss seinen Job und beschloss, nie wieder einer Frau zu vertrauen.
   Kurz darauf lernte er in einer Kneipe ein paar von Bobbys Männern kennen, und er wusste, dass so ein Klub genau das war, was er schon immer gesucht hatte. Zumindest einige von ihnen waren wie er, wussten, was in ihm vorging. Nun war er Mitte Zwanzig und fühlte sich endlich angekommen.
   Bis Bobby ihm am vergangenen Klubabend die Bedingungen für seine Aufnahme in den MC als Member genannt hatte. Mit Diebstahl hatte er keine Probleme. Und wenn er genug gereizt war, hatte er auch keine Schwierigkeiten damit, jemandem aufs Maul zu hauen. Er hatte schon ein paar Schlägereien hinter sich, fand jedoch, im Grunde kein aggressiver Mensch zu sein. Aber wenn jemand ihm blöd kam, verteidigte er sich eben.
   Was Bobby nun jedoch von ihm verlangte, ging ihm gegen den Strich.
   Letzte Nacht hatten Bobby und zwei seiner langjährigen Freunde, Hammer und Kurt, ihn mit zu einer Kneipe genommen. Auf dem Weg dorthin hatte Ralf gedacht, dass er dort ebenfalls klauen sollte, und vielleicht ein wenig randalieren, Stühle zerschlagen oder Ähnliches. Vielleicht auch dem Wirt einen auf die Schnauze geben. Er hätte sich einfach eingeredet, dass er der Kerl war, mit dem sich Susi im Bett gewälzt hatte, und dann hätte er das schon hinbekommen.
   Doch kurz, bevor sie ankamen, hatte Bobby ihm tief in die Augen gesehen. »Pass auf«, hatte er gesagt. »Du hast nur noch eine Prüfung vor dir. Dann bist du unser vollwertiger Bruder. Bisher bin ich sehr zufrieden mit dir.« Ein paar Sekunden lang hatte er geschwiegen und ihn einfach nur angesehen. Bereits das war Ralf wie eine Prüfung erschienen. Schließlich hatte Bobby ihm so unvermittelt auf die Schulter geschlagen, dass Ralf zusammenzuckte.
   »Mein letzter Auftrag für dich als Prospect dürfte eine Leichtigkeit für dich sein. Wir gehen jetzt in eine Kneipe. Dort drinnen arbeitet eine süße kleine Bedienung. Dass sie heute da ist, haben mir Ahab und Joe vorhin schon verraten, als sie einen trinken waren. Also, die Kleine hat vermutlich etwas gesehen, das sie nicht hätte sehen dürfen. Zumindest war sie vor Ort, und das reicht mir schon. Ich darf kein Risiko eingehen, verstehst du?«
   Plötzlich schlug Ralf das Herz bis zum Hals. Was sollte er tun? Sollte er sie etwa – umbringen? Also das konnte Bobby vergessen. Er war ein Dieb und vielleicht auch ein Schläger, aber ganz gewiss kein Mörder. Und schon gar nicht der Mörder einer Frau. Auch wenn Susi ihn noch so sehr verärgert hatte. Sie hatte eine Bestrafung verdient gehabt, aber er konnte einer Frau einfach nichts antun. Vielleicht hing das damit zusammen, dass er als Kind oft hatte mitansehen müssen, wie sein Vater seiner Mutter eine verpasste. Den verzweifelten Ausdruck in ihrem Gesicht würde er niemals vergessen. Nein, er konnte und wollte keine Frau verletzen.
   Doch Bobby sprach schon weiter. »Außerdem hat diese Maus einen großen Pluspunkt: Sie gehört zu den Sea Crows. Ich habe Pläne mit ihr. Was das ist, braucht dich noch nicht zu interessieren. Was ich von dir verlange, ist Folgendes …«
   Mit klopfendem Herzen hatte Ralf zugehört und sich zunehmend unwohler dabei gefühlt.
   Schließlich hatten sie die Kneipe betreten und sich nicht darum geschert, dass der Wirt behauptete, bereits Feierabend zu haben. Ralf hatte nur Augen für das Mädchen gehabt. Angie. Natürlich hatte sie Angst. Das war auch kein Wunder, so, wie Bobby mit ihr umgesprungen war. Süß sah sie aus. Klein und zierlich, mit dunklen Augen und dunklem Haar in einem frechen Stufenschnitt. Aber obwohl sie eingeschüchtert war, erkannte Ralf in ihr doch auch Ärger und Zorn. Sie hatte Feuer unterm Arsch, und ohne es zu wollen, war Ralf beeindruckt von ihr.
   Zugleich fühlte er die Macht, die von Bobby und seinen Männern ausging. Und zu denen auch er in Kürze gehören würde. Stolz hatte ihn erfüllt und die leisen Bedenken beiseitegeschoben, die in ihm wisperten.
   Doch während der Nacht kehrten sie zurück und brachten ihm düstere Träume, in denen er von dunklen Gestalten verfolgt wurde oder in einem finsteren Raum eingesperrt war. Immer wieder stürzte er einen Abhang hinab und erwachte dann stets schweißgebadet.
   Völlig entnervt stand er am frühen Morgen auf, stellte sich unter die Dusche und kochte Kaffee.
   »Was ist denn los mit dir, Mann?«, fragte Joe und tappte schlaftrunken in die Küche.
   »Nichts. Ich hab einfach nur schlecht geschlafen.« Ralf hatte keine Lust auf Konversation. Schon gar nicht mit Joe. Der hatte seine Aufgabe ebenfalls noch vor sich, tat aber so, als wäre er der Coolste auf der ganzen Welt und als würde ihn nicht belasten, was Bobby von ihm verlangte.
   »Machst dir schon in die Hosen, was?« Joe lachte, und Ralf musste sich zusammenreißen, ihn nicht seine Faust schmecken zu lassen.
   »Keinen Streit, ihr Welpen.« Hammer trat ein und kratzte sich die haarige Brust. »Kaffee schon fertig?«
   Schweigend schenkte Ralf dem Älteren eine Tasse voll und stellte sie vor ihn hin. Diese Wohngemeinschaft ging ihm zunehmend auf die Nerven. Er sehnte sich nach Freiraum, nach Privatsphäre. Daran war hier jedoch nicht zu denken.
   Bobby hatte einige Wohnungen angemietet und seine Member sowie die Prospects darauf verteilt. Je zwei von Bobbys alten Freunden teilten sich die Wohnung mit zwei oder drei Prospects oder neuen Mitgliedern. Wer bereits eine größere Wohnung bewohnte, war gezwungen, einige von Bobbys langjährigen Männern aufzunehmen. Der reinste Überwachungsstaat, dachte Ralf grimmig. Auf der anderen Seite bewunderte er Bobby für sein gesundes Misstrauen. Davon hätten sich die im Heim damals mal eine Scheibe abschneiden können. Bobby vertraute nur Männern, die er schon jahrelang treu an seiner Seite hatte. Das war wirklich schlau. Ralf wusste ja aus eigener Erfahrung, wie leicht man sich in Menschen täuschen konnte. Susi war das beste Beispiel dafür.
   »Ihr habt’s ja bald überstanden«, brummte Hammer, während er vorsichtig am Kaffee nippte und rasch zurückzuckte, als er sich trotzdem den Mund verbrannte. »Und ich auch. Dieses Gesöff hier ist ja ungenießbar.« Er verzog angewidert das Gesicht, nahm jedoch gleich darauf den nächsten Schluck.
   »Wie geht’s weiter, wenn … das hier erledigt ist?«, erkundigte sich Ralf. Es wurde Zeit, dass alle zur Normalität zurückkehrten.
   »Das wirst du schon früh genug erfahren. Sieh erst mal zu, dass du deine Prüfung bestehst, okay?«
   »Ich bin mir nicht sicher, ob er die Eier dazu hat«, mischte sich Joe ein und lachte dreckig.
   »Warten wir erst mal ab, ob du die Eier dazu hast«, entgegnete Hammer brummig.
   Ralf war ihm dankbar dafür. Er selbst war heute nicht in der Stimmung zu irgendwelchem Hickhack. Eigentlich kam er gut mit Joe klar, aber momentan ging er ihm mit seinem arroganten Getue auf die Nerven. Nun ja, vielleicht war das einfach seine Art, mit dem Stress umzugehen.
   »Musstest du so was auch schon mal machen?«, fragte Joe neugierig und starrte Hammer an.
   Ralf stellte sich den muskelbepackten und von oben bis unten tätowierten Kerl in einer ähnlichen Lage vor und stellte den Gedanken sofort wieder ab. Er bekam Angst dabei.
   »Darüber erzähle ich euch erst was, wenn ihr heute nicht versagt, klar?«
   Ralf schluckte. Plötzlich fragte er sich, ob es wirklich richtig war, sich mit dem Living Darkness MC einzulassen, oder ob die Sache nicht doch eine Nummer zu groß für ihn war.
   Aber er wusste auch, dass es für derartige Bedenken jetzt zu spät war.

*

Während Matze über die geöffnete Motorhaube gebeugt stand und den Zustand der Batterie begutachtete, drifteten seine Gedanken ab. Er hatte das Gefühl, einen furchtbaren Fehler begangen zu haben. Aber jetzt war es geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen.
   Tatsächlich hatte Angie es geschafft, ihn dazu zu bewegen, noch auf einen Sprung mit in ihre Wohnung zu kommen, nachdem er sie nach Hause gebracht hatte. Eigentlich hatte er vorgehabt, gleich unten am Hauseingang mit ihr Schluss zu machen, doch sie hatte auf einmal so schutzbedürftig gewirkt, dass er es nicht fertigbrachte. In der Sicherheit und Wärme ihrer Wohnung war es gewiss leichter für sie, die Worte zu verdauen, die er ihr zu sagen hatte.
   Er hatte den Verdacht, dass sie etwas ahnte. Sie war hin und her gewuselt, hatte ihm etwas zu trinken geholt, die Jacke abgenommen, Musik angemacht und eine Schüssel mit Chips auf den Tisch gestellt.
   »Komm doch mal her«, sagte er schließlich und zog sie am Arm zu sich heran. Er saß auf dem Sessel, und er wusste nicht, ob es am Schwung lag, den sie hatte, oder ob sie sich einfach fallen ließ, aber plötzlich saß sie auf seinem Schoß und schmiegte ihren Kopf in seine Halsbeuge.
   Ihm wurde ganz heiß, und schnell holte er Luft, um endlich die Worte loszuwerden, die ihn schon die ganze Zeit belasteten. Da begann sie, seinen Hals zu küssen. Ihre Lippen zogen eine brennende Spur über sein Ohr und die Schläfe, bis sie schließlich seinen Mund fanden. Wie von selbst küsste er sie zurück, spürte, wie sich ihre Zungen trafen und begannen, ihr erregendes Spiel zu spielen. Flink wie ein Wiesel setzte sie sich um, sodass sie ihm zugewandt saß, und zerrte an seinem Shirt herum, ohne aufzuhören, ihn zu küssen.
   Da hatte er nicht mehr denken können. Ohne sein Zutun wanderten seine Hände unter ihre Bluse, und er stöhnte auf, als seine Finger ihre kleinen festen Brüste umschlossen, deren Warzen bereits steil aufgerichtet auf sie warteten. Geübt öffnete Angie seine Gürtelschnalle, sprang auf, zog ihn am Gürtel vom Sessel herunter und gleich darauf sein Shirt über den Kopf. Er hatte noch nie widerstehen können, wenn sie die Initiative ergriff. Ohne Widerwehr ließ er sich auf ihr Bett schubsen, nachdem sie sich seiner und ihrer eigenen Jeans entledigt hatte. Und als sie sich dann auf ihm niederließ und er in ihre Hitze eindrang, hätte die Welt um ihn herum explodieren können, ohne dass er es gemerkt hätte.
   Schließlich explodierte auch er, die Welt um ihn herum zersprang in tausend Farben, als er kam, und inmitten der Farben sah er, wie sie den Kopf zurückwarf und schrie, ein kleiner, spitzer Schrei, der ihm den Rest gab und blitzartig zum Gipfel emporschoss.
   Danach schmiegte sie sich befriedigt wie eine Katze an ihn, und was wäre er für ein Unmensch gewesen, wenn er jetzt mit ihr Schluss gemacht hätte?
   Stattdessen fühlte er, wie ihm die Augen zufielen. Es war wirklich ein sehr langer Tag gewesen.

Als Matze erwachte, kam es ihm vor, als hätte er gerade erst wenige Minuten geschlafen. Tatsächlich aber war es bereits früher Morgen, und er musste aufstehen, wenn er nicht zu spät zur Arbeit kommen wollte.
   »Musst du schon los?«, fragte Angie neben ihm schläfrig und rieb sich die Augen. Dabei wirkte sie wie ein kleines Mädchen, und zugleich mit der Zärtlichkeit, die ihn bei dem Anblick überkam, fielen ihm wieder die Worte ein, die er ihr zu sagen hatte. Plötzlich fühlte sich sein Magen ganz verkrampft an.
   »Ja«, erwiderte er kurz, stand auf und ging ins Bad, um sich frischzumachen. Wie gut, dass er hier bereits eine Zahnbürste hinterlegt hatte. Es war schon öfters vorgekommen, dass er kurz entschlossen bei Angie übernachtete, und die Anschaffung der zweiten Zahnbürste hatte sich schon sehr gelohnt. Wobei er sie nun allerdings wohl zum letzten Mal benutzt hatte.
   Während er unter der Dusche stand, grübelte er darüber nach, wie er Angie möglichst schonend beibringen konnte, dass eine Trennung das Beste für sie wäre. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass man solche Worte nicht schonend aussprechen konnte. Aber so schlimm es auch für sie sein würde – und auch für ihn selbst -, er wusste, dass es nötig war. Nur so konnte er sie langfristig schützen.
   Schließlich stellte er fest, dass er die Zeit hinauszögerte, an der er sich ihr stellen musste. Es nützte alles nichts. Entschlossen öffnete er die Badezimmertür und tappte in die Küche.
   Angie stand am Herd und rührte in einer Pfanne. Sie trug nur ein längeres T-Shirt und sah darin unglaublich sexy aus. Wie gern wäre er zu ihr gegangen, hätte ihr Haar beiseitegeschoben und ihren Nacken geküsst, ihr Shirt hochgehoben, und dann …
   Entschlossen trat er einen Schritt auf sie zu. Jetzt oder nie! Ehe er es gar nicht mehr übers Herz brachte.
   »Ah, da bist du ja«, rief sie und drehte sich zu ihm um. »Guck mal, ich hab Rührei für dich gemacht, das magst du doch so gern.«
   Wie von einem unsichtbaren Faden gezogen trat er neben sie und warf einen Blick in die Pfanne. In der Tat sah es köstlich aus und duftete ebenso. »Damit könntest du ja eine ganze Armee versorgen«, stellte er fest und ärgerte sich im gleichen Augenblick über sich selbst. Das war nicht das, was er hatte sagen wollen.
   Sie kicherte. »Ich dachte mir, dass du großen Hunger hast.« Unter gesenkten Wimpern schenkte sie ihm einen verführerischen Blick.
   Schnell trat Matze einen Schritt zurück. »Ich muss Schluss machen.« Es war getan. Und er fühlte sich wie ein Monster.
   Angie stand einen Augenblick wie erstarrt. Dann ließ sie ganz langsam den Pfannenwender sinken, bis er auf dem Rührei lag. »Was?«, fragte sie ganz leise, ohne sich zu ihm umzudrehen.
   Musste sie es ihm denn so schwermachen? Konnte sie nicht einfach akzeptieren, was er sagte? »Es ist besser so«, versuchte er zu erklären.
   Plötzlich fuhr sie herum wie eine Furie. »Besser? Für wen?« Wild funkelte sie ihn an. »Für dich, nicht wahr? Damit du endlich deine Scheißfreiheit genießen kannst, oder?«
   Matze stand wie erstarrt. Womit hatte er eigentlich gerechnet? Dass sie sein Urteil still akzeptieren würde? Dass sie ihm gar beipflichten würde? Du hast ja recht. Ich habe auch schon darüber nachgedacht.
   »Raus«, schrie sie. Plötzlich hatte sie wieder den Pfannenwender in der Hand. Sie hielt ihn erhoben wie einen Schlagstock. In ihren Augen jedoch sah Matze keine Wut, keinen Zorn. Er sah nichts als tiefste Traurigkeit. Und er erkannte die erste Träne, die sich vom zitternden Unterlid löste und ihre Wange hinabrann. Angie wischte sie nicht weg.
   »Aber lass mich doch bitte erklären, warum …«, begann er hilflos.
   »Meinst du etwa, das interessiert mich? Ich kenne doch deine Gründe. Los, verschwinde. Geh in deine Freiheit, was auch immer du darunter verstehen magst.«
   »Angie, bitte! Es ist besser so, versteh das doch! Es ist …« Zu gefährlich, hatte er sagen wollen. All seine Ängste um sie hatte er ihr darlegen wollen. Dass er es nicht ertrug, sie in Gefahr zu wissen. Dass er es nicht aushalten würde, wenn ihr etwas zustieß.
   Aber Angie hatte ihn schon zur Tür geschoben, ohne dass er sich wehrte. Was er hier tat, war falsch. Jede Zelle seines Körpers schrie es ihm zu.
   »Ich will dich nie wiedersehen!« Sie schluchzte. »Du Schwein! Warum hast du heute Nacht noch mit mir geschlafen? Warum hast du mir nicht gleich gesagt, was Sache ist? Ich hasse dich!«
   »Das wollte ich doch! Aber du …«
   »Jetzt bin ich schuld, ja? Ach, halt doch die Klappe. Hau einfach ab.« Sie gab ihm einen letzten Schubs und warf die Tür vor seiner Nase zu.
   Einen Augenblick stand Matze wie gelähmt davor. Das war es also? So einfach war es, Angie für immer zu verlieren? Die Frau, für die sein Herz schlug? Denn so war es. Nun, wo er sie verloren hatte, spürte er es mit jedem Atemzug stärker. Er liebte Angie. Viel mehr als seine Freiheit. Er liebte sie so sehr, dass er sie lieber verlor, als sie in Gefahr zu wissen. Wenn es nur nicht so sehr wehtun würde. Und wenn es sich doch nicht so falsch anfühlen würde. Alles in ihm drängte danach, an ihre Tür zu klopfen, sie um Vergebung zu bitten. Innen hörte er sie leise weinen, und sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Was war er nur für ein Schuft! Er war ein Schwein, Angie hatte vollkommen recht.
   Er zuckte zusammen, als die Tür plötzlich aufgerissen wurde, und wilde Hoffnung stieg in ihm auf. Doch Angie machte sie sofort wieder zunichte, wie ein Steinwurf die stille Oberfläche eines Sees zerstörte.
   »Hier, vergiss deine Scheißjacke nicht!« Sie schleuderte sie ihm entgegen. Die Handschuhe und sein Halstuch folgten, und am Ende kam sie mit seinem Helm an, den sie jedoch glücklicherweise einfach auf den Boden legte. Der Blick, den sie ihm dabei zuwarf, hätte die Wüste Gobi zufrieren lassen können. Anschließend warf sie die Tür mit einem Knall zu. Gleich darauf hörte er sie erneut schluchzen.
   Eine ganze Weile noch stand Matze reglos da, lauschte ihrem Weinen, während sein eigenes Herz schmerzte, als würde es in Stücke gerissen werden. Aber sie kam nicht mehr heraus. Schließlich gelang es ihm, langsam die Treppe hinunterzugehen. Mit jeder Stufe entfernte er sich weiter von ihr. Sie würde nie mehr ein Wort mit ihm wechseln. Er kannte ihren Stolz, ihren Dickschädel nur zu gut. Und dabei war er nicht einmal dazu gekommen, ihr seine Gründe darzulegen, die Ängste und Sorgen, die er ihretwegen hatte. Aber im Grunde war es doch einerlei, ob sie es wusste oder nicht. So oder so waren sie nicht mehr zusammen. Er hatte sie verloren, um sie zu schützen, und sie ahnte es nicht einmal. An der Haustür atmete er tief durch. Egal, ob sie ihn für ein Riesenarschloch hielt. Die Hauptsache war, dass sie nun in Sicherheit war.

Kapitel 5

Wie betäubt stand Angie noch lange an der Wohnungstür. Erst der Gestank nach verbranntem Ei trieb sie zurück in die Küche. Sie riss die Pfanne vom Herd und schaltete die Platte aus. Dann begann sie erneut zu schluchzen und sank auf einen Küchenstuhl. Warum hatte er das getan? Warum hatte er vor wenigen Stunden noch mit ihr geschlafen, hatte sie zärtlich im Arm gehalten, nur um sie jetzt in die Wüste zu schicken? Er hatte ihr etwas sagen wollen, wollte es ihr erklären. Sie hatte ihn nicht zu Wort kommen lassen. Aber was hätte er denn schon gesagt? Das übliche Gelaber von Freiheit, versteh mich doch, ja? Es war eine schöne Zeit, ich mag dich ja. Aber die Freiheit, sie ist mir einfach wichtiger als du. Ich kann ja dies und das nicht ungestört machen, wenn ich dich an der Backe habe.
   Mit einem Mal erwachte ihr Zorn und löste die Tränen ab. »Du blödes Schwein«, schrie sie. Sie stand auf, schnappte die Pfanne und entsorgte das schwarz verbrannte Rührei im Mülleimer. »Ich sollte es dir per Post schicken«, schimpfte sie, während ihr erneut Tränen aus den Augen schossen.
   Sie ging ins Bad und duschte lang und heiß. Als sie anschließend nach ihrem Handtuch griff, fiel ihr Blick auf Matzes Zahnbürste und auf das Frotteetuch, das er vorhin benutzt hatte. Zornbebend wickelte sie sich in ihr eigenes Handtuch, packte Matzes Zahnbürste und das Tuch und warf es dem Rührei hinterher.
   »Lass dich hier bloß nicht wieder blicken, du Arschloch!«, fluchte sie den Sachen hinterher.
   Sie kämmte ihr nasses Haar, zog sich an und überlegte. Wäre es nicht eine verlockende Vorstellung, hier für eine Weile alles stehen- und liegenzulassen und nach Sylt zu fahren? Sven persönlich hatte ihr angeboten, sie sofort freizustellen. Sogar einen Vorschuss wollte er ihr geben. Was sprach dagegen, das Angebot anzunehmen? Dort wäre sie weit weg von Matze und dem ganzen Scheiß hier. Was hielt sie hier denn noch? Sven kam auch ohne sie klar, und Matze wollte sie nicht mehr. Nele, ihre beste Freundin, war bereits auf Sylt. Ja, sie würde gleich ihre Sachen packen und sich auf den Weg machen.
   Nein. Es ging nicht. Matze würde denken, dass sie seinetwegen jetzt schon wegfuhr. Er würde sich für viel wichtiger nehmen, als er war. Außerdem hasste sie Schulden. Und sie wusste genau, dass Sven sie eben doch brauchte. Momentan war sie die einzige Mitarbeiterin, die weder krank noch verreist war. Allein konnte er den Betrieb nicht aufrechterhalten. Und sie brauchte das Geld.
   Scheiß auf Matze! Heute war schon Dienstag. Sie rechnete rasch nach. In fünf Tagen würde sie abreisen. Den Sonntag würde sie sich wirklich freinehmen, den einen Tag musste Sven allein klarkommen. Aber Freitag und Samstag waren die beiden stressigsten Tage, da würde sie ihn auf keinen Fall im Stich lassen. Und keineswegs würde sie sich von irgendwelchen Kerlen ins Bockshorn jagen lassen. Dieser Bobby konnte ihr den Buckel hinunterrutschen. Was sollte er ihr schon antun? Sie hatte ja gar nichts gesehen. Und er wollte bestimmt nicht im Knast landen. Dieser dämliche Matze hatte alles bestimmt nur aufgebauscht, um sich wichtigzumachen.
   Kurz entschlossen rief sie Sven an. Er klang verschlafen, als er das Gespräch annahm.
   »Oh, Mist, hab ich dich geweckt?«
   »Mädel, was denkst du denn? Es ist gerade neun. Ich bin erst um fünf eingeschlafen. Wieso bist du schon so munter?«
   Das ging ihn nun wirklich nichts an. »Ich wollte dir nur sagen, dass ich heute arbeite, okay?«
   »Aber ich sagte doch, dass du ruhig frei…«
   »Das möchte ich nicht. Ich brauche das Geld, und ich mag keine Schulden, ich will keinen Vorschuss.«
   »Aber diese Typen. Angie, was ist, wenn die wiederkommen? Ich mach mir Sorgen um dich. Ich will nicht riskieren, dass du …«
   »Keine Angst. Ich glaube, dieser Bobby wollte mich nur einschüchtern. Weißt du, damit ich nicht zu den Bullen gehe oder so. Mach ich ja sowieso nicht. Wenn der mir was antut, muss er damit rechnen, dass die Polizei eben doch auf den Plan tritt und ich denen dann doch etwas verrate. Das Risiko geht der bestimmt nicht ein.«
   »Das ist ein riskantes Spiel, das du da treibst, Mädchen. Ich hab kein gutes Gefühl dabei.«
   »Du weißt, dass du mich brauchst. Allein schaffst du die ganze Arbeit nicht.«
   »Das stimmt schon. Aber …«
   »Kein Aber. Zerbrich dir nicht den Kopf, Chef.« Angie grinste. Sie wusste, dass Sven es nicht leiden konnte, wenn sie ihn so nannte.
   »Also gut«, gab er schließlich mit einem Seufzer nach. »Aber wohl ist mir dabei n…«
   »Ich pass schon auf, versprochen.«
   »Du kannst ganz schon nerven, weißt du das?«
   Angie kicherte und spürte, wie gut das tat. Die schmerzenden Gedanken an Matze traten in den Hintergrund. »Darauf stehst du doch.«
   »Freches Biest.« Auch Sven lachte und legte auf.
   Angie wollte das Telefon zur Seite legen, hatte dann jedoch einen Einfall. Sie brauchte Ablenkung. Sie durfte nicht zulassen, dass ihr während der nächsten Tage langweilig wurde, denn dann würde sie ständig über Matze grübeln, und das war das Letzte, was sie wollte. Keinen einzigen Gedanken wollte sie mehr an ihn verschwenden.
   Nele war auf Sylt, Bine ebenfalls. Pia musste jetzt während der Vorweihnachtszeit viel arbeiten. Und Partys hatten schon seit Wochen nicht mehr stattgefunden. Aber sie konnte Petty anrufen. Was sie brauchte, war ein Mädelsabend. Heute ging es natürlich nicht, weil sie arbeiten musste, aber mittwochs war die Kneipe grundsätzlich geschlossen. Sie lächelte freudig, während sie Pettys Nummer wählte. Ihre Freundin war bisher ebenfalls nur locker mit den Sea Crows befreundet. Mit anderen Worten, noch hatte sie niemand zu seiner Lady erklärt. Wer konnte sie besser verstehen, was Matze, diesen Fiesling ohne Eier, betraf, als Petty?
   »Hi, hier ist Angie«, begrüßte sie ihre Freundin.
   »Schön, dass du anrufst. Ich hab nur leider gerade keine Zeit. Gleich kommt jemand mit einem Kater, der kastriert werden soll, und ich muss …« Petty arbeitete als Tierarzthelferin und liebte ihren Beruf.
   »Geht ganz schnell«, rief Angie. Vor ihrem geistigen Auge erschien ein grün gekleideter Arzt mit Mundschutz, der ein Skalpell in der Hand hielt und sich über seinen betäubten Patienten beugte. Nur dass dieser Patient kein Kater war, sondern ihr Ex. Sie grinste, während ihre Laune sich zusehends besserte. »Hast du morgen Abend Zeit? Mal wieder schön klönen und einen dabei trinken?«
   »Klar, gute Idee. Um sieben bei dir?«
   »So machen wir das.« Angie legte auf. Die Vorfreude half, die Gedanken an Matze noch weiter zu verdrängen. Sie würde sich einen schönen Abend mit ihrer Freundin machen, und in wenigen Tagen begann ihr Urlaub auf Sylt.
   Als Angie die Seemöwe betrat, war Sven schon dabei, Salate herzurichten. Normalerweise boten sie auch warme Speisen an, aber da gerade fast das gesamte Personal nicht da war, mussten sie sich aus Zeitgründen momentan mit kalten Sachen begnügen, Salate, Sandwiches, belegte Brötchen. Auf dem Herd brodelte allerdings ein großer Topf. Neugierig warf Angie einen Blick hinein.
   »Tomatensuppe?«
   »Ja. Damit wir wenigstens ein warmes Gericht auf der Karte haben. Draußen ist es eisig, da wollen die Gäste keinen Salat, sondern lieber eine heiße Suppe. Und sie macht nicht viel Arbeit. Und um den Leuten den Salat doch schmackhaft zu machen, gibt’s heute gebratenes Hähnchenfilet dazu, das ist auch warm.« Sven warf Angie einen warmen Blick zu. »Übrigens danke, dass du doch gekommen bist. Die Suppe und das Hähnchen sind nur möglich, weil du mich unterstützt.«
   »Mach ich doch gern.« Angie griff zum Löffel und rührte in der Suppe herum.
   Sven warf einen Blick auf die Wanduhr. »Gehst du aufschließen? Und schreibst du bitte die Suppe und den Hähnchensalat auf die Tafel?«
   »Klar.«
   Die folgenden Stunden vergingen wie im Flug. Rasch füllte sich die Kneipe, alle Tische waren besetzt, und Angie hatte alle Hände voll damit zu tun, Bestellungen aufzunehmen, die Speisen und Getränke zu servieren und abzukassieren. Nebenbei spülte sie schnell das Geschirr und wischte die Tische und den Tresen ab. Dabei lächelte sie vor sich hin. Allein hätte Sven das niemals geschafft. Es war ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden. Sie stellte fest, dass sie seit einigen Stunden kein einziges Mal an Matze gedacht hatte. Was für eine gute Entscheidung, heute zu arbeiten.
   Nun war es bereits nach zweiundzwanzig Uhr, und die Kneipe leerte sich zusehends. Sven hatte beschlossen, ab heute bereits um Mitternacht zu schließen. Nur am Wochenende machte er länger auf. Angie bereitete sich langsam auf den Feierabend vor, spülte weiteres Geschirr und den großen Topf. Die Tomatensuppe war restlos aufgegessen worden. Sie hörte, wie Sven einen weiteren Tisch abkassierte. Das dürfte der Vorletzte gewesen sein. Sie trocknete den Topf ab und stellte ihn ins Regal.
   Als sie wieder den Kneipenraum betrat, ging die Tür auf. Späte Gäste. Falls die Suppe wollten, hatten sie Pech gehabt. Sie warf einen gleichgültigen Blick auf die Neuankömmlinge – und erstarrte.
   Zwei junge Männer in schwarzen Klamotten traten ein. Sie hatte beide schon einmal gesehen. Den einen gestern am frühen Abend und den anderen später. Er war dabei, als Bobby sie hatte einschüchtern wollen. Der mit dem halblangen Haar. Plötzlich schlug ihr das Herz bis zum Hals. War es doch ein Fehler gewesen, heute zu arbeiten? Hatte sie die Gefahr unterschätzt? Blitzschnell fiel ihr ein, dass sie heute nicht Matze zu Hilfe rufen konnte, wenn es brenzlig werden sollte. Plötzlich war der Schmerz wieder da.
   Beide Typen sahen sie direkt an, während sie sich an einen kleinen Tisch setzten. »Hallo«, grüßten sie.
   »Hi«, erwiderte Angie. Plötzlich wünschte sie, sie wäre zu Hause.
   Sven warf ihr einen vielsagenden Blick zu und trat an den Tisch. »Was kann ich euch bringen?«
   »Können wir die Karte haben?«, fragte der mit den dunklen Wellen.
   Angie warf ihm einen heimlichen Blick zu. Er wirkte heute vollkommen anders als gestern. Vielleicht lag das daran, dass seine Begleitung heute eine andere war. Die finster dreinblickenden Kerle waren nicht dabei, sondern nur ein anderer junger Typ. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass eine gewisse Anspannung in der Luft lag. Aber wahrscheinlich war das nur ihre eigene Sorge, dass etwas Ähnliches wie gestern geschehen würde.
   »Ich hole sie schon«, rief Angie schnell. Je eher diese Typen bedient wurden, desto eher waren sie wieder weg.
   »Viel ist allerdings nicht mehr da«, erklärte Sven, während Angie die Speisekarten auf den Tisch legte. Irgendwie brachte sie es nicht über sich, sie den Gästen in die Hand zu drücken.
   »Macht nichts.« Der Halblanghaarige warf einen Blick in die Karte. »Gibt’s noch das Sandwich mit Schinken und Käse?«
   Sven nickte. »Ja.«
   »Nehm ich auch«, sagte der andere. »Dazu ein Pils.«
   »Für mich auch.«
   »Gut, danke.« Sven nickte Angie zu.
   Dankbar verschwand sie in der Küche, um die Sandwiches zuzubereiten, während Sven das Bier zapfte. So war sie wenigstens nicht mehr den Blicken der beiden Typen ausgesetzt. Auch wenn es schien, als ob sie heute nur ganz harmlos etwas essen und trinken wollten, so hatte sie doch ein ungutes Gefühl dabei. Vielleicht war das aber auch nur die Erinnerung an die Ereignisse von letzter Nacht.
   Sie arbeitete zügig, schnitt das Brot zurecht, verteilte Salat, gekochten Schinken, Käse und Tomatenscheiben darauf und tupfte am Schluss einen großen Klecks Mayonnaise drauf, ehe sie die andere Brotscheibe auflegte und alles mit einem kleinen Spieß zusammensteckte.
   Wo blieb Sven? Es wäre ihr sehr lieb, wenn er den Typen das Essen bringen würde. Aber sie hörte ihn durch die angelehnte Tür draußen sprechen. Wahrscheinlich hatten die Kerle ihn in ein Gespräch verwickelt. Sollten sie nur reden. Hauptsache, sie stellten nichts an und waren schnell wieder verschwunden.
   Sie atmete tief durch und nahm schließlich selbst die beiden Teller in die Hand. Mit dem Fuß stieß sie die Tür auf und betrat den Kneipenraum. Beide Männer sahen ihr erwartungsvoll entgegen.
   »Bitte sehr«, sagte sie und stellte die Teller vor sie hin.
   »Das sieht aber lecker aus«, sagte der Dunkelhaarige höflich.
   »Ja, wirklich«, pflichtete sein Freund ihm bei.
   Angie fragte sich, warum die beiden wirklich hier waren. Dies alles erschien ihr wie ein Schauspiel. Aber welchem Zweck diente es?
   »Guten Appetit«, wünschte sie und trat vom Tisch zurück.
   »Warte mal«, rief der Dunkelhaarige unerwartet.
   Angies Herz begann schneller zu schlagen. Fragend sah sie ihn an.
   »Ich glaube, wir waren gestern nicht besonders höflich«, sagte er und lächelte entschuldigend. »Es war ein langer Tag gewesen, und, na ja …, du kennst das ja bestimmt auch.«
   Angie starrte ihn an. Nicht besonders höflich? Das war ein sehr freundlicher Ausdruck für den groben Griff seines Freundes und dessen kalten Ausdruck in den Augen, als er sagte, er wüsste, wo er sie schon einmal gesehen hatte. Aber sie schwieg. Sie wollte das Thema nicht erneut darauf bringen, dass sie angebliche Zeugin einer Straftat seines Klubs gewesen war. Sie wollte nur, dass diese Typen endlich verschwanden. »Ehrlich gesagt nicht«, presste sie heraus und wusste nicht, ob sie ärgerlich oder ängstlich war. Oder beides.
   »Tut mir echt leid«, fuhr der Dunkelhaarige fort. »Ich heiße übrigens Ralf.«
   »Joe«, stellte sich der andere ungefragt vor.
   Angie sagte nichts, nickte nur kurz. Sie hatte vor, die Namen gleich wieder zu vergessen. Mit diesem MC wollte sie wirklich nichts zu tun haben.
   »Mit wem habe ich die Ehre?«, fragte Ralf und sah sie neugierig an. Irgendwie wirkte er nicht mehr finster oder gar bedrohlich, sondern einfach nur freundlich. Sein Lächeln verlieh seinen Augen einen strahlenden Glanz.
   »Angie«, erwiderte sie. Ihren Namen wusste doch dieser Bobby bestimmt ohnehin schon.
   Sie erinnerte sich an Johnny, den Freund ihrer Freundin Nele. Auch Johnny war anfangs beim Living Darkness MC dabei, war Hangaround und wollte dort einsteigen. Aber dann wurde ihm die Sache zu heiß, er musste Dinge tun, die ihm gegen den Strich gingen, und er stieg dort aus. Leicht war das allerdings nicht gewesen, und er hatte einiges einstecken müssen. Johnny war eine Seele von Mensch, und Nele war sehr glücklich mit ihm.
   Was, wenn dieser Ralf genauso war? Wenn auch er einen Fehler begangen hatte, als er sich mit Bobbys MC einließ, und es längst bereute, weil er dort nicht hinpasste? Sie sah ihm in die Augen und erkannte dort nur Freundlichkeit und Neugier. Auch dieser Joe starrte sie an. Er gefiel ihr weniger. Er hatte einen Ausdruck im Gesicht, den sie nicht deuten konnte. Aber dafür konnte ja dieser Ralf nichts.
   »Schöner Name«, strahlte Ralf, nachdem er einen großen Bissen seines Sandwiches hinuntergeschluckt hatte. Er wies auf sein Bier. »Darf ich dich auch zu einem Drink einladen? Sozusagen als Entschädigung für gestern.« Er sah sie bittend an.
   Er konnte ja nicht wissen, dass Angie hier alle Speisen und Getränke frei hatte. Und warum eigentlich nicht? Sollte er doch ein wenig zahlen für den Schrecken, den sein Freund ihr gestern eingejagt hatte. Falls er denn zahlte und nicht Bobbys Verhalten von gestern wiederholte.
   »Aber kein Bier«, sagte sie. »Lieber einen Baileys. Und jetzt geht es auch noch nicht. Ich muss noch arbeiten.«
   Sie warf einen Blick zu Sven. Er stand hinter dem Tresen, trocknete Gläser ab und beobachtete sie genau. Als er nun ihren Blick erwiderte, schüttelte er kaum merkbar den Kopf.
   »Gehst du in die Küche?«, rief er und sah sie auffordernd an.
   Angie warf Ralf einen Blick zu und zuckte die Schultern. »Siehst du?« Im Rücken spürte sie seine Blicke, die ihr folgten, während sie in die Küche ging.
   Eine Sekunde später folgte ihr Sven. »Was soll das?«, fragte er unverhohlen, aber so leise, dass die Männer draußen ihn nicht hören konnten. »Du weißt doch, was das für Typen sind. Lass die Finger davon.«
   »Mach ich doch. Aber er soll ruhig etwas zahlen für den Schrecken gestern. Kommt auch deiner Kasse zugute.« Sie lächelte. »Außerdem glaube ich, dass er kein so übler Kerl ist. Also nicht so wie die Typen von gestern.«
   »Ach, und das weißt du nach einem zweiminütigen Gespräch? Außerdem war er bei ‚den Typen von gestern‘ dabei.« Sven starrte sie wütend an, aber sie erkannte die Sorge in ihm.
   »Ich mach doch nichts weiter«, versuchte sie ihn zu beruhigen. »Einen Drink, vielleicht auch zwei. Er hat sich entschuldigt. Ich kenne noch jemanden, der sich mit diesem Klub eingelassen hatte und es bitter bereute. Inzwischen ist er da weg, ein ganz feiner Kerl.«
   »Und nun hoffst du, dass dieser Ralf genauso ist?«
   »Kann doch sein. Und selbst wenn nicht – ich will ihn ja nicht heiraten. Ich nehme nur seine Entschuldigung an.«
   Sven seufzte. »Ich kann dich wohl nicht davon abhalten. Aber es gefällt mir nicht.« Er sah auf die Uhr. »Du kannst dann auch jetzt Feierabend machen. Die beiden sind ohnehin die letzten Gäste. Nehmt euren Drink und macht schnell, ja? Ich will dann abschließen.«
   »Danke.« Angie nahm ihre Schürze ab, wusch sich die Hände und atmete tief durch. Dann trat sie mit klopfendem Herzen an den Tisch.

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