Als Fynn bei einem Unfall stirbt, ist seine Mutter Betty bis ins Mark getroffen. Fünf Jahre später kehrt sie in das Dorf ihrer Kindheit zurück, doch kaum ist sie in dem Mehrgenerationenhaus eines Vierseitenhofes eingezogen, ist es mit dem ruhigen Leben vorbei. Ihr Noch-Ehemann taucht auf und versucht, ihr wieder nahe zu sein. Als wäre dies nicht verwirrend genug, geschieht nicht weit entfernt ein Mord. Das Opfer ist ausgerechnet die Frau, die Fynns Unfall verursacht hat. Bei ihr findet die Polizei Briefe, die nur von Betty stammen können. Hat sie Fynns Tod gerächt? Ein Buch über das Leben, das Sterben und die Liebe.

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ISBN: 978-9963-53-096-0

Seiten: 385

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Britta Orlowski

Britta Orlowski
Britta Orlowski wurde im Jahr 1966 geboren – eine Schnapszahl, ich weiß, meine Eltern hätten gleich stutzig werden sollen. Stattdessen zogen sie mich mit viel Liebe, Wärme und schönen Geschichten auf. Sie nahmen meine zahlreichen kreativen Experimente gelassen hin und nährten meine ohnehin uferlose Fantasie noch mit zauberhaften Erzählungen über Spielzeug, welches zum Leben erwacht, sobald ich des abends eingeschlafen sei. So wuchs ich also in meiner Geburtsstadt Rathenow auf, absolvierte die zehnklassige polytechnische Oberschule und erlernte den Beruf der stomatologischen Schwester in der Kreispoliklinik. Ich angelte mir einen netten Mann, dem ich sage und schreibe im taufrischen Alter von fünf Jahren zum ersten Mal begegnete und ihn sogleich aus tiefstem Herzen verabscheute. Zum Glück änderte ich später meine Meinung - wir heirateten und gründeten eine Familie. Ihm verdanke ich meine lieben Söhne, die überhaupt die schönsten Babys der Welt waren. Im Erziehungsurlaub wurde mir rasch langweilig. Beim Aufräumen stieß ich auf die Manuskripte aus meiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit. Ich begann erneut, Geschichten zu schreiben - nur so für mich. Wenige Jahre später infizierte ich mich mit dem Patchworkvirus und hänge seitdem an der Nadel. Doch auch das Schreiben ließ mich nicht mehr los. Nach einigen Überlegungen kam ich zu dem Schluss, dass es bestimmt einen Weg gibt, beide Hobbies zu verbinden. So entstand mein erster Roman „Rückkehr nach St. Elwine“. Da mir der Abschied von meinen Hauptfiguren am Ende so schwer fiel, war die Idee geboren, daraus mehr zu machen. Eine lockere Serie mit in sich abgeschlossenen Geschichten, die stets am gleichen Ort, dem fiktiven Küstenstädtchen in der Chesapeake Bay, spielen. Nach langem Suchen habe ich ein begeisterungsfähiges Verlagsteam gefunden.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

»Hier ist eine leblose Frau …« Die Stimme klang atemlos, kippte beinahe ins Hysterische.
   »Von wo rufen Sie an?«
   »Ich glaube, sie ist tot.«
   »Nennen Sie mir Ihre Adresse.«
   »Ich wohne nicht mehr hier.«
   »Wo befinden Sie sich jetzt? Ohne diese Angabe kann ich Ihnen nicht helfen, junger Mann.«
   »In Bamme.«
   »Straße?«
   »Brandenburger.«
   »Nummer?«
   »Ich mache das Tor auf, dann können Sie gleich auf den Hof fahren. Ich glaube, sie ist tot.«
   »Wir schicken sofort einen Einsatzwagen zu Ihnen. Bleiben Sie bitte, wo Sie sind, und fassen Sie nichts an.«

*

Verdammte Scheiße, die Bullen waren im Anmarsch.
   Die umherhuschenden blauen Lichtkegel des Streifenwagens verliehen der nächtlichen Landschaft etwas Gespenstisches. Das auf- und abschwellende Sirenengeheul tat sein Übriges, um auch diejenigen aufzurütteln, die längst mit dem Tag abgeschlossen hatten.
   Seine Glückssträhne hatte offenbar ein jähes Ende gefunden. Hier die Nacht zu verbringen, wäre absoluter Wahnsinn. Er musste weiter, wenn er nur nicht solchen Hunger hätte. Ringsum roch es nach Gegrilltem. Kein Wunder, es war Samstagabend. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. In dieser Gegend ging es den Kötern besser als ihm. Das wollte er nicht einsehen. Was hatte er schon zu verlieren? Nichts. Vor der Kneipe stand ein herrenloses Fahrrad. Nicht abgeschlossen. Natürlich, er war hier auf einer gottverdammten Kuh-Bläke. Er wäre nicht so weit gekommen, würde er es nicht verstehen, die Umstände für sich zu nutzen. Also fackelte er nicht lange und schwang sich auf den Drahtesel. Lautlos fuhr er davon.

*

Lars verschaffte sich einen ersten Überblick über den Tatort. Der Abend hatte so vielversprechend begonnen. Seit Monaten hatte es weder einen Suizid noch einen ungeklärten Todesfall gegeben und einen Mord in diesem Jahr noch gar nicht. In allen Fällen der letzten Zeit war ein Fremdverschulden auszuschließen. Und nun das, ausgerechnet an einem Samstagabend, an dem Nicole ihre gemeinsamen Freunde eingeladen hatte. Das hatte er nun davon, seinen Dienst einem Kollegen zuliebe getauscht zu haben. Er konnte einfach nicht Nein sagen, wenn Jens ihn um einen Gefallen bat.
   »Was haben wir?«, fragte er den uniformierten Schutzbeamten.
   »Guten Abend, Herr Kriminalhauptkommissar.«
   Lars verdrehte die Augen.
   »Bei der Toten handelt es sich um die Hausbesitzerin Simone Bernau. Ende fünfzig, Angestellte eines Pflegedienstes, geschieden, erwachsene Kinder. Der Sohn hat sie gefunden, nachdem er sie im Haus nicht angetroffen hatte. Sie soll gestürzt sein und liegt mit einer Kopfverletzung in der alten, zum Glück leeren Fäkaliengrube.«
   »Und wieso haben Sie bei Ihrem Anruf von Mord gesprochen?«
   »Weil ich es irgendwie seltsam finde …«
   Lars musterte sein Gegenüber genauer. Er hatte ihn noch nie gesehen, war wahrscheinlich neu. Frisch von der Polizeischule und gierig auf richtige Fälle. Auch dieser Kasper würde spätestens in ein, zwei Jahren ruhiger treten.
   »Wir reden später weiter, ich möchte mit dem Sohn sprechen.«
   Der junge Schutzpolizist wies auf das hell erleuchtete Haus und Lars machte sich auf den Weg. Einer der Kollegen von der KT würde ihm zu gegebener Zeit berichten.
   Dass er heute noch zurück zu seiner Grillfete kam, konnte er knicken.
   Gernot Bernau war vollkommen durcheinander. Die erste Befragung brachte nicht viel. Lars hatte sich einen Eindruck von dem Mann gemacht, wollte aber nicht weiter in ihn dringen. Kaum stand er draußen auf dem Hof, heftete sich der übereifrige Jungspund erneut an seine Fersen und führte ihn zu einem Schuppen. In einer gemauerten Betongrube lag die Leiche. Auf dem Rücken, mit angewinkelten, zur Seite gefallenen Beinen und ausgestreckten Armen. Die Lider nur halb geschlossen in dem fahlen, blassen Gesicht, das von grauem Haar umrahmt war und die schwere Verletzung am Hinterkopf nur unzureichend verdeckte. Die Frau könnte das Gleichgewicht verloren haben und gestürzt sein. Vielleicht war ihr schwindelig geworden.
   Lars sah sich im Raum um. Hier wurden Eimer mit Hühnerfutter gelagert. Das Opfer trug Jeans und eine helle Bluse. Nicht unbedingt die Garderobe, die Menschen auf dem Dorf zum Feierabend trugen, wenn sie ihre Hühner fütterten.
   Sie war mindestens seit zwei, drei Stunden tot, bestätigte der Gerichtsmediziner.
   Am Ende des Einsatzes musste er sich eingestehen, dass der Jungspund vielleicht doch recht behielt. In einem Schubfach im Wohnzimmer hatte man Briefe gefunden. Vier an der Zahl. Adressiert an das Mordopfer, kein Absender, gewöhnliches Kopierpapier, überall zu haben. Sie enthielten alle nur jeweils ein und denselben Satz. Ich weiß, was Sie im Sommer 2008 getan haben.

Kapitel 1
Ankunft

Es gibt durchaus einen wirksameren Weg, einen Menschen zu vernichten, als durch Mord. Man sagt ihm einfach, sein Kind sei gestorben. Das ging Betty durch den Kopf, während sie auf den Artikel der MAZ starrte, der von dem Mord in Bamme berichtete. Sie war nicht dumm und konnte sehr wohl eins und eins zusammenzählen. Simone Bernau war umgebracht worden, und es tat ihr nicht leid.
   »Willkommen auf dem Hof. Ist schön, dass es so schnell geklappt hat.« Tina Lenz, ihre neue Vermieterin, reichte ihr die Hand.
   »Das finde ich auch. Der Umzugswagen müsste gleich hier sein. Danach habe ich für Stunden Beschäftigung.«
   »Sagen Sie Bescheid, wenn Sie Hilfe benötigen. Am Wochenende essen wir meistens alle gemeinsam. Kommen Sie einfach rüber in die Kantine, wenn Sie Hunger haben.«
   »Danke.«
   Es hupte vor dem Tor. Jetzt ging es los. Ihr altes Leben lag endgültig hinter ihr.
   Ob sie Ben anrufen sollte? Nach drei Versuchen gab sie es auf. Wie meistens ging ihr Sohn nicht an sein Handy. Betty linste auf ihre Uhr. Später Vormittag war für ihn eher mitten in der Nacht. Sie schüttelte den Kopf, um das beklemmende Gefühl loszuwerden, doch so einfach ließ es sich nicht vertreiben. Das kannte sie längst. Sie wusste auch, wie lange Ben brauchte, um nachts überhaupt in den Schlaf zu kommen. Ihre Machtlosigkeit, ihm zu helfen, setzte ihr zu.
   Tina und sie öffneten das große Hoftor, sodass der LKW hereinfahren konnte. Tina trug ein schickes Sommerkleid und Flip-Flops mit einem lila Schmetterling. Die personifizierte Sommerfrische. Und erst ihre langen, natürlich rasierten, wohlgeformten Beine. Betty sah an sich hinunter. Gegen Tina Lenz wirkte sie in ihrem alten T-Shirt und den bequemen schwarzen Shorts wie ein Bauerntrampel. Blödsinn. Sie war im Umzugsstress, da musste man nicht wie aus dem Ei gepellt herumlaufen. Es würden auch wieder andere Tage kommen. Ihre wilden Ringellocken hatte sie praktischerweise zu Zöpfen gebunden, so kringelte nichts störend vor ihrem Gesicht herum. Frisch ran ans Werk.
   Keine zwei Stunden später war der LKW entladen und fuhr vom Hof. Es klopfte an ihrer Wohnungstür, obwohl diese offen stand. Betty sah auf. Ein Typ in schwarzer Arbeitslatzhose und mit raspelkurzem Haar lächelte sie freundlich an. Boah, so grüne Augen hatte sie noch nie gesehen. Trug der Kontaktlinsen?
   »Willkommen auf unserem Hof. Die männliche Delegation fragt an, welche Möbel wir aufstellen sollen. Ich bin übrigens Jakob. Der Herr hinter mir ist Hajo und dann ist da noch unsere tatkräftige junge Verstärkung Tom.«
   Der schlaksige dunkelhaarige Junge schnaubte, was Betty zu dem Schluss brachte, dass dieser keineswegs freiwillig ihrem Hilfskonvoi angehörte.
   Dennoch zierte sie sich nicht lange, das freundliche Angebot anzunehmen. Sie hatte noch genug zu tun und wäre schön blöd, alles allein zu richten. Allein hatte sie lange genug gelebt. Sie war nicht ohne Grund auf einen Mehrgenerationenhof gezogen. Noch dazu in ihrer alten Heimat. Als sie per Zufall davon erfahren hatte, war es ihr wie ein Fingerzeig vorgekommen. Nichts geschah einfach nur so. Ihr Entschluss, nach Bützer zu ziehen, stand fest, noch bevor sie sich an ihre selbst aufgestellte Regel hielt, eine Nacht drüber zu schlafen. Zur Sicherheit tat sie es dennoch. Denn Sicherheit war ihr sehr wichtig geworden. Paradoxerweise war ihr klar, dass es echte Sicherheit nicht gab. Aber zumindest wollte sie Gewissheit haben in den Angelegenheiten, die sie beeinflussen konnte. Und gegen Alleinsein half eine familienähnliche Hofgemeinschaft, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Dass sie in dem Punkt richtig lag, bewies die Hilfsbereitschaft ihrer neuen männlichen Mitbewohner.
   Gegen ein Uhr mittags ertönte eine Glocke im Hof.
   »Essen ist fertig. Besser, wir setzen uns an den Tisch, bevor Zarah uns wegen Unpünktlichkeit zur Schnecke macht«, sagte Hajo und grinste.
   Unschlüssig besah sich Betty die vielen ungeöffneten Kartons, die darauf warteten, ausgepackt zu werden.
   »Das gilt auch für Sie.« Jakob lächelte. »Mitgefangen, mitgehangen. Das haben Sie nun davon, dass Sie den Mietvertrag unterschrieben haben.« Der Schalk in seinen umwerfenden Augen ließ sie sich gleich fröhlicher fühlen.
   Am Abend spürte sie jeden einzelnen Muskel, aber zur grenzenlosen Erschöpfung gesellte sich auch Zufriedenheit. Ihre Dreizimmerwohnung, die über einer ehemaligen Werkstatt lag, war fast komplett eingerichtet. Morgen musste sie natürlich noch die Schränke einräumen und nach und nach für die richtige Wohlfühlatmosphäre sorgen, aber das würde ihr nicht schwerfallen. Sie war daheim. Endlich.
   Betty duschte und zog sich eine knallgelbe Frottee-Relax-Hose und ein passendes Shirt über. Draußen auf dem Hof saßen ihre Nachbarn auf den Gartengarnituren und genossen den Frühsommerabend. Sie beschloss, sich zu ihnen zu gesellen.
   Sofort lächelte sie jeder an und man wies ihr einen freien Platz zu. Vor ihr auf dem Tisch standen ein sagenhaft lecker aussehender Salatteller sowie ein Brett mit belegten Broten. Es hatte den Anschein, als hätte man auf sie gewartet.
   »Guten Appetit«, wünschte ihr die Frau, die sich ihr zum Mittag als Hedi vorgestellt hatte. »So ein Umzug ist nicht ohne, da werden rasch die elementarsten Dinge wie Essen und Trinken vergessen. Wir legen hier Wert auf eine gesunde Lebensweise.«
   Betty war gerührt. Etwas wärmte sie und rivalisierte mit ihrer meist tief empfundenen Verzweiflung. Das Atmen fiel ihr leichter. Ein Hauch von Geborgenheit legte sich um ihre Schultern.
   Fynn?
   Ja, Mama?
   Danke.
   Sie hörte ihn leise lachen. Er war also hier, hatte sie nach Bützer begleitet, so, wie er versprochen hatte, sie niemals zu verlassen.
   »Nun iss, Mädchen«, forderte Zarah, die resolute Hof-Oma, sie auf. Fehlte nur noch, dass die Frau ein Zepter schwang.
   Betty versteckte ihr Lächeln hinter ihrem Glas Limonade.
   »Die habe ich selbst gemacht.« Der Stolz in der Stimme des jungen Mädchens war unverkennbar.
   Betty nahm einen kräftigen Schluck und merkte, wie durstig sie eigentlich war.
   »Ich habe noch einen Krug kühl gestellt. Heute Mittag war ich nicht hier. Ich bin übrigens Cosima.«
   »Betty.«
   »Weiß ich schon. Geheim bleibt hier nichts.«
   »Dorfleben halt.«
   »Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht.«
   Nee, ich komme von hier. Es konnte aber nicht schaden, die anderen besser kennenzulernen, bevor sie alles über sich preisgab.
   Lag es an der körperlichen Arbeit oder der freundlichen, hilfsbereiten Gemeinschaft? Auf alle Fälle verspürte sie mächtigen Hunger, wie sie ihn seit Jahren nicht mehr gefühlt hatte, und biss sofort in das Schinkenbrot.
   Im Anschluss spazierte sie durch den Garten und sah sich alles genauer an, bevor die Dunkelheit die klaren Umrisse von Büschen und Bäumen verschluckte. Sie fand einen alten Apfelbaum, Gemüsebeete, Kräuterhochbeete, Blumenstauden, Schmetterlingsflieder, eine Hängebirke und sogar einen großen Himbeerstrauch.
   Wie damals bei uns.
   Was habe ich dir gesagt?
   Stimmt. Aber ich hatte Angst.
   Ach, Mama.
   »Schön, dich wiederzusehen.«
   Betty fühlte sich ertappt und wandte sich um. Aber sie wusste auch so Bescheid, wer sich hinter ihr befand. Sie kannte zwei Frauen mit einer solchen Stimme. Der schwedische Ufa-Star Zarah Leander und die kettenrauchende Quilterin gleichen Spitznamens.
   »Warum hast du den anderen nicht gesagt, dass wir bekannt miteinander sind?«, fragte Betty.
   »Keine Ahnung. Vielleicht, weil sie dann mehr hätten erfahren wollen.«
   »Na und?«
   »Sollen sie sich doch unvoreingenommen ein Bild von dir machen. Was spricht dagegen?«
   »Nichts.«
   »Du siehst gut aus«, sagte Zarah.
   »Wieder besser, meinst du wohl.«
   »Stimmt.«
   »Warum neigen die Leute dazu, nicht das auszusprechen, was sie meinen?«
   »Vielleicht, weil sie niemanden verletzen wollen.«
   »Möglich. Auf dich mag das zutreffen. Aber die meisten verwenden nur Standardfloskeln, um irgendetwas zu sagen. Am schlimmsten ist es mit dem Satz: Ich liebe dich. Der wird geradezu inflationär verwendet. Weiß man überhaupt noch, was diese drei Worte wirklich bedeuten?«
   Zarah musterte sie eingehend.
   »Tut mir leid, ich wollte dich nicht vor den Kopf stoßen.«
   »Hast du nicht. Im Gegenteil. Ich stelle gerade fest, dass ich deine offene Art mag und vermisst habe in den vergangenen Jahren.«
   Betty musste lächeln. »Danke. Wie lange wohnst du schon hier?«
   »Fast ein Jahr. Und habe es keine Sekunde bereut. Flo hat Tina Lenz mit zu einem unserer Quilting Bees mitgebracht und so habe ich von dem Mehrgenerationen-Hof erfahren.«
   »Hast du nicht mit im Haus deiner Tochter gewohnt?«
   »Das ging nicht mehr, sie wollte über mein ganzes Leben bestimmen und außerdem war mir langweilig. Tagsüber arbeiten sie und ihr Mann. Hier ist es viel besser.«
   »Wer ist Flo?«
   »Sie kam nach deiner Zeit in unsere Rathenower Quiltgruppe. Eigentlich lebt sie in St. Elwine in den USA, stammt aber aus Rathenow und ist jeden Sommer in den Ferien für ein paar Wochen bei ihren Eltern in der alten Heimat.«
   »Das ist ja lustig.«
   »Sie und Tina sind ehemalige Schulkameradinnen. Eigentlich hat Flo ihre ersten Lebensjahre hier in Bützer verbracht.«
   Das wurde immer interessanter, womöglich kannte Betty diese Flo ja.
   »Tina und die Kempowskis stammen aus Berlin.«
   »Kempowskis?«
   »Hedi und Hajo.«
   »Und Jakob?«
   »Aus Hamburg, er ist hier der Boss.«
   »Ich dachte Tina.«
   »Die beiden sind ein Paar.«
   Schade.
   »Er ist Tierarzt. Von deinem Fenster aus über der alten Werkstatt kannst du schräg gegenüber in seine Praxis gucken. Ursprünglich wollte er den Hof zu einer Tierklinik machen.«
   »Jetzt nicht mehr?«
   »Nun, jetzt leben wir hier. Aber möglicherweise hat er dieses Projekt noch nicht auf Eis gelegt. Einen Hühnerstall haben wir auch, wenn du frische Eier benötigst.«
   »Wie regelt ihr das mit der Bezahlung?«
   »Jeder bringt sich irgendwie mit ein, mal mit Geld, mal mit Leistung.«
   »Verstehe. Klingt nach einer zukunftsweisenden Lebensform.«
   »Für mich auf alle Fälle. Vor allem, da meine Zukunft nicht mehr besonders lang ist.«
   Ich wünschte, meine auch nicht.
   »Ich habe sehr bedauert, dass du damals weggegangen bist. Wo hast du in der Zwischenzeit gewohnt?«, fragte Zarah.
   Betty machte eine vage Handbewegung. »Nicht sehr weit weg von hier. Ich brauchte Abstand und musste mir über einiges klar werden.«
   Zarah nickte. »Wie geht es Ben?«
   Das wüsste sie auch nur zu gern. Leider hielt sich ihr Sohn meist fern von ihr. Er kämpfte mit seinen eigenen Dämonen. Sie hätte ihm gern geholfen, wusste aber, dass das unmöglich war. »Es ist nicht leicht.«
   Zarah nahm sie spontan in die Arme und drückte sie fest an sich. »Schön, dass du hier bist. Wir werden gemeinsam nähen, oder?«
   »Ja.« Betty fühlte sich geborgen. Konnte sie sich doch noch auf eine schöne Zukunft freuen?
   Wie immer schlief sie sofort wie ein Stein, kaum dass sie im Bett lag. Und wie meistens gegen drei Uhr morgens landete sie in der Notaufnahme des Rathenower Krankenhauses, ohne aufzuwachen und gleichsam doch nicht mehr zu schlafen. Ein Zustand zwischen Nacht und Tag, zwischen Bewusst- und Unterbewusstsein.
   Sie sah die Gesichter der Ärzte und Schwestern, die ihr nicht in die Augen blicken wollten. Spürte, wie sie nach Worten suchten, wo keine zu finden waren. Und dann trat sie an den Tisch, auf dem er lag. Das Gesicht unversehrt, der Blick gebrochen und unter ihrer Wange spürte sie eine herzschlaglose Brust. Ihr Licht erlosch. Es wurde einfach ausgeknipst. Sie konnte nicht anders und fuhr mit den Fingern die Konturen seines Körpers nach, hob das Laken vorsichtig an. Da war nichts, das darauf hindeutete, was ihrem Kind das Leben gekostet hatte.
   Aber der Zettel an seinem nackten Zeh stach ihr ins Herz.
   Fynn.
   Er war die andere Seite ihrer Seele, sie wusste fast immer, was er dachte und fühlte. Und nun war der Kontakt abgebrochen. Es gelang ihr nicht, zu ihm durchzudringen, obwohl sie spürte, dass er noch nicht ganz fort war.
   Plötzlich stand sie über der Szene, sah sich um den Tisch kreisen, immer wieder. Blickte darauf hinunter, sah, wie sie ihr Kind sanft streichelte und spürte, dass etwas da war, das ihr zu verstehen gab: Du kannst nicht mit ihm gehen.
   Sie wollte schreien, toben, jemandem die Augen auskratzen. Doch ihre Kehle blieb stumm. Nichts war zu spüren als der freie Fall ins Bodenlose in einem dunklen, holunderschwarzen Tunnel und die Angst davor, was geschehen würde, wenn ihr Verstand es eines Tages erfasste.
   Betty wachte schließlich, wie jedes Mal, an derselben Stelle auf. Im Grunde ein gutes Gefühl, aus einem Albtraum zu erwachen. Nur leider hatte sie inzwischen alles begriffen und wusste, dass der Traum keiner war, sondern ihre Wirklichkeit ein nie endender Albtraum sein würde. Zumindest, solange sie lebte.
   Es gab keine glücklichen Tage mehr. Nur noch schlechte und weniger schlechte und das waren dann die guten. Nur eine Mutter, die das erlebt hatte, wusste es. Alle anderen hatten keine Ahnung. Und so manchen Leuten hätte Betty zu gern in den Arsch getreten, wenn sie ihr mit Floskeln kamen und nicht einmal wussten, wovon sie redeten.
   Doch sie hatte gelernt, die kleinen Dinge zu sehen und sich daran zu erfreuen. Hier in Bützer war ihr, als wäre die Zeit der Einsamkeit vorbei.

Kapitel 2
Aushilfe

Betty stieg die Stufen hinunter und linste in den Raum, der sich dem kleinen Hausflur anschloss und dessen Tür offen stand. Cosima lief mit Notizblock und Zollstock darin herum. Das Radio lief und das Mädchen tänzelte im Takt des lautstarken Rocksongs. Die gute Laune übertrug sich auf sie. »Guten Morgen.«
   Das Mädchen wirbelte herum.
   »Hoffentlich habe ich dich nicht erschreckt.«
   Sie schob sich den Bleistift hinter das Ohr und grinste sie an. »Ein bisschen. Wusstest du, dass es hier drin spuken soll?«
   Ja, klar, hier war angeblich der Schreiner Meyer umgebracht worden. Das Gerücht hielt sich hartnäckig seit mehr als hundert Jahren in Bützer. »Mit deiner lauten Musik vertreibst du jedes Gespenst.«
   »Habe ich dich geweckt?«
   »Nein, ich wollte sowieso rechtzeitig aufstehen, weil es noch genug zu tun gibt.«
   »Gut, und bei den Songs von Tyler O’Brian muss ich einfach aufdrehen. Verstehst du?«
   »Aber hallo, natürlich.«
   »Du bist echt cool. Äh, ich darf doch du sagen? Das machen wir hier so auf dem Hof.«
   »Ich will bestimmt keine Ausnahme sein. Ziehst du unter mir ein?«
   »Nein, meine Wohnung ist oben im Haupthaus, direkt gegenüber von Tina. Das hier war mal eine Werkstatt. Der ganze Gebäudeteil sollte eigentlich zusammen an einen Handwerker oder Künstler vermietet werden. Aber dann kamst du und die Werkstatt blieb nach wie vor unbesetzt. An den Wochenenden betreibe ich ein Hof-Café.«
   »Das finde ich toll.«
   »Ist es auch. Nur bei schlechtem Wetter mussten meine Gäste bisher immer im Regen sitzen, was dazu führte, dass sie nicht bleiben wollten.«
   »Verständlich.«
   »Ja schon. Aber mich hat das gewurmt. Daher habe ich Tina und Jakob und die anderen gefragt, ob ich die alte Werkstatt nicht als kleine Café-Stube nutzen darf.«
   »Prima Idee, auch wenn ich hier nichts zu sagen habe.«
   Cosima lächelte sie an. »Glücklicherweise gefiel sie den anderen auch. Jetzt will ich mir Mobiliar auf Trödelmärkten besorgen. Meine Mittel sind etwas begrenzt.«
   »Haha, wessen nicht. Ich kann mir direkt vorstellen, wie urig das hier aussehen wird.«
   »Zum Glück ist das Wetter derzeit auf meiner Seite. Da kommen die Gäste in Scharen an den Wochenenden. Meistens Radfahrer, die den neuen Radweg nutzen.«
   »Clever von dir.«
   »Ich backe alle Kuchen selbst und überlege gerade, kleine Snacks wie Salate der Saison mit auf die Karte zu setzen. Alles frisch zubereitet, natürlich.«
   »Wie alt bist du, wenn ich fragen darf?«
   »Achtzehn.«
   »Erstaunlich.«
   Cosima strahlte.
   »Du betreibst das Café ganz allein?«
   »Na ja. Manchmal helfen mir Hedi oder auch Felicitas, Tinas ältere Tochter. Aber sie ist in einem Alter, wo sie nicht immer Lust dazu hat.«
   Betty verkniff sich ein Kichern. Es war putzig, die leichte Rüge aus dem Mund dieses Kükens zu hören.
   »Mit ihrer derzeit patzigen Art vertreibt sie mir noch die Gäste. Eine verlässliche Aushilfe ist nicht so einfach zu bekommen.«
   War das ein Zeichen oder was? Schon wieder eines? Wenn das so weiterging, war sie ehrlich interessiert an ihrer Zukunft.
   Kleine Mama, ich habe dir oft genug ge…
   Schon gut.
   Du bist mir mitten in das Wort gefallen.
   ’tschuldigung.
   Das war immer mein Spruch.
   Tja, jetzt benutze ich ihn.
   Ich hab dich lieb, Mama.
   Du machst dich doch jetzt nicht vom Acker, nur weil du denkst, ich wäre gut aufgehoben? Das bin ich nämlich nicht.
   Doch, bist du.
   Nein.
   Du klingst trotzig.
   Ist mir egal. Fynn, ich brauche dich.
   Ich verlasse dich nicht, kleine Mama. Niemals. Versprochen. Und jetzt sieh mich nicht so ungläubig an.
   Betty holte tief Luft.
   »Alles in Ordnung?« Cosima musterte sie besorgt.
   »Ja, klar. Alles bestens. Ich dachte nur gerade darüber nach, dass ich dir in deinem Café-Stübchen helfen könnte.«
   »Ist das dein Ernst?«
   »Nichts ist mir ernster als das.«
   »Großartig. Aber viel zahlen kann ich dir nicht.«
   »Das dachte ich mir schon.«
   Cosima hob grinsend eine Hand und Betty schlug ohne zu zögern ein.
   »He, Cosima, wo bleibst du? Der Herd piept wie verrückt. Dein Kuchen ist fertig«, rief Hedi über den Hof.
   »Ach du Scheiße, habe ich total vergessen.« Cosima rannte los.
   Betty sah sich genauer um. Ein einziges Tischchen stand derzeit im Raum, darauf befand sich ein billiges Radio.
   Der Nachrichtensprecher verkündete, dass dem Häftling Ralf Schnückrich die Flucht aus dem Maßregelvollzug der Landesklinik in Brandenburg geglückt sei. Während eines Arztbesuches am vergangenen Freitag war es dem Häftling gelungen, seine Bewacher zu überwältigen. Einer der Beamten wurde schwer verletzt.

Die Polizei warnt vor Ralf Schnückrich. Es ist nicht auszuschließen, dass er bewaffnet ist. Schnückrich saß unter anderem wegen Vergewaltigung, schwerer Körperverletzung mit Todesfolge, schweren Raubes und Mordes ein. Die Bevölkerung wird gebeten, sich sofort an eine Polizeidienststelle zu wenden, sobald jemandem eine verdächtige Person auffällt, auf die Schnückrichs Beschreibung passt. Außerdem wird empfohlen, Fenster und Türen geschlossen zu halten. Bisher fehlt von dem Gesuchten jede Spur.

Du liebe Güte, der Kerl konnte praktisch überall sein. Nur gut, dass sie nicht mehr allein lebte. Für Betty war es selbstverständlich, ein besonderes Auge auf Tinas Kinder zu haben. Nicht auszudenken, wenn ihnen etwas Schreckliches zustieße.
   »So, da bin ich wieder. Zum Glück hat Hedi das Blech rausgezogen. Sobald der Kuchen abgekühlt ist, kann ich ihn teilen und füllen.«
   »Reicht es, wenn ich nächstes Wochenende bei dir aushelfe? Ich habe noch Kartons auszupacken.«
   »Klar, kein Problem.«
   »Guten Tag, die Damen.« Tina gesellte sich zu ihnen. »Cosima, ich habe das mit den Angehörigen von Oma Kluge regeln können. Die Möbel, die noch im Haus stehen, was praktisch die komplette Einrichtung ist, darfst du dir nehmen. Sie wollten sowieso alles in den Sperrmüll geben.«
   »Banausen.«
   Betty konnte sich angesichts der Empörung des Mädchens ein Grinsen nicht verkneifen.

Am Nachmittag saßen viele Gäste auf den Bänken und Stühlen im Hof und ließen sich Cosimas Kuchen schmecken. Betty hatte ihre Fenster geöffnet, sodass einige Gesprächsfetzen zu ihr drangen, während sie ihre Kartons auspackte.
   Ben hatte immer noch nicht zurückgerufen, obwohl sie sicher war, dass er ihre Anrufe sehr wohl zur Kenntnis genommen hatte.
   Ihre neue Küche und das Wohnzimmer sahen bereits gemütlich aus. Sie stapelte ihre Handtücher in den Badezimmerschrank und stellte die wenigen Kosmetikartikel auf die Ablage. Danach machte sie sich daran, ihre zahlreichen Bücher in die Regale zu sortieren. Damit würde sie einige Stunden beschäftigt sein. Betty war stolz auf ihr Näh-, Schreib- und Lesezimmer. In die Ecke vor dem Fenster zum Garten hinaus hatte sie ihren blaugelb-karierten Ohrensessel gestellt. Auch die restlichen Räume gingen nach hinten raus. Nur Küche und Bad lagen zum Hof.
   Da sie erneut zum gemeinsamen Abendessen gerufen wurde, stieg sie die Stufen hinab. Heute würde sie noch einmal das Essen schnorren. Aber morgen würde sie einkaufen fahren, und sobald alles zu ihrer Zufriedenheit war, würde sie ihre neuen Nachbarn einladen.

*

Er schlich zurück zu dem Haus, in dem es vorgestern nur so vor Bullen gewimmelt hatte. Aus sicherer Distanz hatte er beobachtet, dass ein Leichenwagen noch in der Nacht auf den Hof gerollt war. Gestern jedoch war im Haus alles dunkel geblieben. Er verschaffte sich vom Garten her Zugang zum Grundstück. Der morsche Bretterzaun war kein Hindernis. Im Garten entdeckte er Radieschen und Erdbeeren. Letztere pflückte er und schob sie sich in den Mund. Allzu viel gab so ein Garten um diese Jahreszeit noch nicht her. Und die bunten Blumen konnte er leider nicht essen. Er linste nach allen Seiten und beschloss, ins Haus zu gehen. Irgendein angekipptes Fenster fand sich garantiert. Der Hof war von Nachbarn nicht einzusehen, zudem befand er sich noch immer hinter dem Gebäude. Er entdeckte ein gekipptes Kellerfenster, trat kräftig dagegen und schon gab es nach. Langsam ließ er sich in das Innere gleiten und landete mitten im Vorratskeller. Die Gefriertruhe war randvoll gefüllt mit beschrifteten Plastikdosen. Er entschied sich für Gulasch, suchte sich ein paar Kartoffeln und stieg die Stufen nach oben. Die Küchentür stand offen. Er taute das fertig zubereitete Gulasch in der Mikrowelle auf und schälte die Kartoffeln. Im Kühlschrank standen drei Flaschen Bier. Man könnte meinen, hier hätte ihn jemand erwartet. Er stieß ein heiseres Lachen aus. In der Stille des Hauses klang es unnatürlich laut.
   Ein paar Tage konnte er vielleicht hierbleiben. So schnell tauchten die Bullen bestimmt nicht wieder auf. Zu essen würde er jedenfalls genug haben.
   Nach der Mahlzeit beschloss er, die Vorräte genauer zu inspizieren. Sollte er schnell abhauen müssen, würde er sich geeigneten Proviant mitnehmen. Es konnte nicht schaden, nach einem Rucksack zu suchen und ein paar Leckerbissen griffbereit zu postieren. Zu gegebener Zeit würde er sich auf den Weg machen und der Schlampe von einer Mutter einen Besuch abstatten. Es wurde Zeit, dass er mit ihr abrechnete. Sein halbes Leben lang hatte er unter ihr gelitten, jetzt würde sie dafür bezahlen. Er kam sowieso nicht mehr raus aus der Nummer, da kam es auf eine weitere Tat nicht an. Er ging jede Wette ein, dass die Bullen sie bereits unter Druck setzten. Schade, dass er nicht sah, wie sie sich unter ihren Fragen wand, diese Schlange. Auf alle Fälle würde er sie kaltmachen. Dann würde die Stimme in seinem Kopf endlich Ruhe geben. Er zischte ein weiteres Bier und suchte das Haus nach Bargeld ab. Nur in einer in der Diele abgestellten Handtasche fand er fuffzig Mäuse. Das würde kaum reichen, war aber besser als nichts.
   Unter dem Dach befand sich ein Zimmer, das vielleicht ein Kinderzimmer gewesen war. Von dort aus hatte er die Straße im Blick und konnte schnell reagieren. Für heute beschloss er, die Nacht hier zu verbringen. Er rülpste, streifte sich die Schuhe von den Füßen und legte sich mitsamt seinen Klamotten auf das Bett.

*

In der folgenden Woche bat Cosima sie, mit ins Haus von Oma Kluge nach nebenan zu kommen, um die Möbel zu sichten.
   »Boah.«
   Das Mädchen war entzückt und Betty ging es nicht anders. Die Küche erinnerte sie an die ihrer Großmutter. Ein eierschalenfarben gestrichenes Küchenbüffet aus den Fünfzigern mit einem Stich ins Gelbe, herausziehbare Emaille-Abwaschschüsseln und ein passender Vorratsschrank. Auch der Küchentisch und die vier Stühle würden sich im Café-Stübchen hervorragend machen.
   »Sieht nach einem Schnäppchen für dich aus.«
   »Du sagst es.«
   »Auch wenn der Abwaschtisch total cool aussieht, empfehle ich dir einen Geschirrspüler.«
   »Natürlich. Die Spüle werde ich zweckentfremden. Sieh mal, das alte riesige Radio, noch mit Stoff bespannt, und das kleine Sofa. Großartig, jetzt weiß ich genau, wie die Café-Stube aussehen wird.«
   Cosimas Entzücken konnte Betty sehr gut nachvollziehen. Sie nahm zur Probe auf dem Sofa Platz und versank in einer Kuhle. »Ups. Ich schätze, dieses Teil ist nicht mehr zu retten. Es sei denn, du lässt es neu aufpolstern.«
   »Mir fällt schon was ein. Wenigstens kann ich nun gezielt nach ein oder zwei weiteren solcher Sitzmöbel suchen. Ich freue mich riesig. Gut, dass Jakob die Wände bereits geweißt hat. Ich werde mit Schablonen und blauer Farbe eine Bordüre gestalten. Dann fehlen noch passende Lampen und entsprechende Deko.«
   Betty erhob sich aus den Tiefen des Sofas und rieb sich die Stelle am Hintern, in die sich eine Sprungfeder gepresst hatte. Sie öffnete die mit mattem Glas versehenen oberen Büffettüren. Oma Kluges Alltagsgeschirr war noch vorhanden. »Jede Wette, das gute Geschirr haben sich die Angehörigen gekrallt.«
   Aber hier irrte sie sich. Im Wohnzimmer-Büffet wurden sämtliche Träume wahr. Nur ein paar Sammeltassen schien Oma Kluge ins Altersheim mitgenommen zu haben. Der Rest der Einrichtung war für Cosimas Geschmack zu modern und würde bis auf ein paar Kleinigkeiten nicht in ihre Stube passen.
   »Auf Trödelmärkten oder bei eBay finde ich sicher noch Tischwäsche, Fotos und Blechschilder. Und die kleinen Sofas sollen mit weinrotem Samt bezogen werden.«
   »Unbedingt.«

Keine zwei Wochen später war die Café-Stube beinahe komplett eingerichtet. Hier und da würden noch kleine Veränderungen vorgenommen werden müssen, aber zunächst war Cosima zufrieden. Und Betty mit ihr. Ein tolles Mädchen, sie fühlte eine große Zuneigung zu ihm. Da machte es ihr überhaupt nichts aus, dass sie sich für die paar Kröten an den Wochenenden die Hacken ablief. Zumal sich ihr Leben auf diesem Hof einfach richtig anfühlte, als wäre alles andere nur passiert, damit sie hier landete.
   Was sagst du dazu?
   Doch Fynn gab ihr keine Antwort und das erschreckte sie über die Maßen.

Kapitel 3
Bullenalarm

Wenn sie geglaubt hatte, in Bützer ein ruhiges Leben führen zu können, war sie auf dem Holzweg gewesen. Zum Glück. Ruhe wäre in ihrem Falle tödlich. Ruhe bedeutete zu viel Zeit zum Grübeln. Stets mit ein und derselben Frage beschäftigt: Was wäre, wenn? Damit musste Schluss sein. Es gab keine Antwort, würde nie eine geben. Auch nicht auf das Warum. Ihre einzige Chance sah sie in einer sinnvollen Beschäftigung. Umso besser, wenn diese auch noch Spaß machte. Daher schrieb und las sie, recherchierte, nähte, half in der Café-Stube, auf dem Hof, im Garten und der besondere Clou war, dass sie praktisch nie allein war. Außer, sie wollte es so und verkroch sich in ihre Wohnung. Manchmal brauchte man einfach einen Rückzugsort. In ihrem Fall weniger, um ihre Ruhe zu haben, als vielmehr, um die anderen nicht mit in die Tiefe ihrer abgründigen Traurigkeit zu ziehen. Diese war immer vorhanden, jedoch versuchte dieses boshafte Ding stets, die Oberhand zu gewinnen. Und das wollte Betty nicht mehr zulassen. Sie litt dann wie ein weidwundes Reh und kam auf Gedanken, die nicht gut für sie waren. Und auf Gedanken konnten allzu leicht Taten folgen, die irreversibel wären. Das konnte sie ihren Eltern, vor allem ihrer Mutter, nicht antun. Denn es gab keinen größeren Schmerz als den einer liebenden Mutter.
   Sie war in den vergangenen Tagen zu beschäftigt gewesen, um dem heiß ersehnten Drängen nach einer Radtour durch Bützer nachzugeben, aber jetzt hielt sie nichts mehr. Sie holte ihr Fahrrad aus dem Gemeinschaftsschuppen und verließ den Hof. Keine Frage, dass sie zunächst hinunter zur Havel fuhr. Obwohl ihr die Betonierung des alten Fußweges ins Herz schnitt, hatte so ein Radweg durchaus Vorteile. Außerdem glaubte sie, dass der Ort davon profitieren würde. Aber ach, die alte Mühle verfiel. Schade, dass sie nicht über die nötigen Mittel verfügte, um diesem herrlichen Gebäude zu neuem Glanz zu verhelfen. Nie war ein Lottogewinn da, wenn man ihn brauchte.
   Sie stieg vom Rad, betätigte den Ständer und ließ sich auf die Bank sinken. Wie oft hatte sie hier bereits gesessen? Gezählt hatte sie es nicht, aber es waren Dutzende Male. Manchmal mit ihren Eltern, nach Fynns Unfall. Sie hatten Campingstühle mitgehabt und wollten angeln. Und Betty schrieb an ihrem Manuskript, während die Sonne sie wärmte und Libellen vor ihrem Gesicht tanzten. Das war der erste Sommer ohne Fynn gewesen. Egal, wie schlecht sie sich fühlte, es zog sie zur Havel. Nur hier konnte sie wirklich atmen, füllten sich ihre Lungen mit Sauerstoff und der Ewigkeit. Sie wurden weit und schmälerten die Sehnsucht nach dem Licht.
   Betty fuhr weiter, vorbei an der Badestelle ihrer Kindheit, fuhr am letzten Gehöft vorbei, folgte jedoch nicht dem betonierten Radweg, sondern radelte geradeaus in Richtung Eichqueder. Der schmale, fast zugewachsene Weg war uneben und holprig. Sie wurde tüchtig durchgeschüttelt und hielt schließlich erneut an. Unter einer Weide hatte sie das Gefühl, vollkommen in einer anderen Welt zu sein. Immerhin kam sie hier dicht bis an das Wasser heran. Sie zog ihre Latschen aus und watete hinein. Es war nicht kalt. Ein buntes, viereckiges Bungalow-Boot näherte sich. Auf der Terrasse saß eine Dame im Bikini und mit weißem Strohhut und winkte ihr zu. Betty kannte das bereits und winkte zurück.
   Sie war nicht sicher, wie lange sie mit den Waden im Wasser gestanden hatte, aber es wurde Zeit, wieder zum Hof zu radeln. Die Havel und dieses Plätzchen liefen ihr nicht davon. Wann immer ihr danach zumute sein würde, hierherzukommen, würde sie das tun. Ein wunderbarer Gedanke.
   Zurück auf dem Hof überlegte sie, ob sie ihren Schreibplatz nicht im Freien aufschlagen sollte. Ideal wäre es unter dem alten Apfelbaum. Sie nahm sich einen der Liegestühle, positionierte ihn so, dass sie mit dem einfallenden Licht klarkam und stapfte in ihre Wohnung, um ihre Notizen und den Laptop zu holen. Bei dem fast schon automatischen Blick auf ihr Telefon verspürte sie plötzlich einen Hauch von Angst. So, als ahnte sie, dass mit Ben etwas nicht stimmte. Warum zum Teufel meldete er sich nicht? Bei ihrem letzten Telefonat hatten sie sich weder gestritten noch hatte sie ihm Vorhaltungen gemacht. Aber natürlich konnte er nicht wissen, wie eine Mutter empfand. Ob sie es ihm bei Gelegenheit erklären sollte? Würde er nicht nur wieder die Augen verdrehen und genervt vor sich hin brabbeln? Der Druck in ihrer Brust verstärkte sich. War ihm etwas zugestoßen? Dann hätte sie es wohl längst erfahren. Hatte er etwas angestellt? Etwas Schlimmes vielleicht. Gänsehaut überzog ihren Rücken.
   Nein, du bildest dir das ein. Du kannst kein Unheil ahnen.
   Von wegen. Hatte sie nicht Fynns Unfall jahrelang vorausgesehen? Und hatte sie ihn deshalb verhindern können? Leider Fehlanzeige, dabei wünschte sie, es wäre ihr möglich gewesen. Versucht hatte sie es, ohne Erfolg. Betty war überzeugt, den Tag des Unglücks immer wieder ein Stück nach hinten geschoben zu haben, aber letzten Endes hatte der Tod ihn sich doch geholt. Und das wollte sie einfach nicht akzeptieren. Sie wollte nicht, dass der Tod gewann. Die Liebe war es, die das letzte Wort haben sollte. Und daher sprach sie mit Fynn, so oft es ging. Begrüßte ihn jeden Morgen als Erstes und sagte ihm, wie lieb sie ihn habe. Nicht hatte, sondern habe. Für immer. Bis in alle Ewigkeit. So froh sie war, hier zu sein, bestürzte sie die Tatsache, dass er sich immer weiter von ihr zu entfernen schien.
   Bitte, verlass mich nicht. Verlass mich nicht. Ohne deine Liebe bin ich ein Nichts.
   Betty schrak aus ihren Gedanken, als sie das Schrillen ihrer Türklingel vernahm.

*

Die Tür des großen Hoftores stand offen. Lars stellte den Passat davor ab und tippte seinem Kollegen Jens, der während der Fahrt eingenickt war, an die Schulter.
   »He, alter Knabe. Du bist zu alt dafür, um jedes Wochenende durchzumachen.«
   Jens schreckte hoch. »Entschuldigung.«
   »Keine Bange, ich verpfeife dich bestimmt nicht. Aber so kann es doch nicht weitergehen.«
   »Junge, ich bin frisch geschieden, das verstehst du nicht.«
   »Aus diesem Grund habe ich nie geheiratet.«
   »Das kann auch nicht die Lösung sein.«
   »Hast du eine bessere?«
   »Nee, leider nicht.«
   Sie stiegen aus.
   »Sieh mal an, was für ein netter Hof. Da wohnen offenbar mehrere Leute. Idyllisch. Findest du nicht?«
   »Sagt der frisch geschiedene Romantiker«, spöttelte Lars. Er hatte keinen Blick für das Umfeld. Für ihn zählte lediglich, diesen verdammten Fall aufzuklären, um ein weiteres Argument anbringen zu können, warum zum Geier seine Karriereleiter so langsam zu erklimmen war. Nun, natürlich kannte er den Grund. Aber er betrachtete ihn als eine lächerliche Ausrede. Es war klar, dass ihm jemand eins auswischen wollte.
   »Guten Tag, die Herren. Kann ich Ihnen helfen? Unser Café ist unter der Woche leider geschlossen.«
   Die tiefe Stimme der Oma war umwerfend. Wie viele Rasierklingen hatte die zum Frühstück verschluckt? In ihren Augen tanzte der Schalk, als sie ihn musterte und seine Gedanken zu erraten schien.
   Lars fühlte sich ertappt und ärgerte sich über die Hitze, die in seine Wangen schoss. »Schade.«
   »Tut mir wirklich leid.«
   »Nicht weiter tragisch. Finde ich bei Ihnen eine Frau Bettina Olschewski?«
   »Warum sagen Sie das nicht gleich? Sie wohnt im Gebäude gegenüber, oben, über der Café-Stube.«
   »Vielen Dank.«
   An der geöffneten Haustür drückte er auf den Klingelknopf. Sie warteten jedoch nicht ab, sondern betraten den Flur und stiegen die Treppe hinauf.
   Es dauerte eine Weile, bis geöffnet wurde. Dann erschien eine sehr junge Frau, die sie so entgeistert musterte, als trügen sie Schottenröcke und weiter nichts.
   »Bettina Olschewski?«
   Ihr Gesicht erstarrte zu einer Maske. Ihre Züge wirkten plötzlich hart und abweisend und nicht mehr erstaunt. Und älter als noch vor einem Moment. »Wer will das wissen?« Trotz ihrer spürbaren Angst sah sie ihm direkt in die Augen.
   Sie hatte Mumm, keine Frage.
   »Ist Ihre Mutter zu sprechen?«
   Fast unmerklich verzogen sich ihre Lippen zu einem kurzen Schmunzeln. »Nicht, wenn Sie mir nicht sagen, wer Sie sind.«
   Ganz schön frech, die Kleine. Sie trug Shorts, ein T-Shirt und hatte ihr lockiges Haar zu Zöpfen gebunden. Diese Rattenschwänze ließen sie erst recht wie ein aufgewecktes Gör wirken.
   Jens war schneller und hatte längst seine Dienstmarke gezückt. »Kriminalpolizei Nauen, Jens Winkler und mein Kollege Lars Lukaschek.«
   »Aha.«
   Mehr hatte sie dazu nicht zu sagen. Wenn ihr Besuch sie überraschte, verbarg sie es gut. Sie senkte den Blick, hob ihn erneut und bohrte ihn in seine Augen. Nicht in die von Jens, der ihr noch immer seine Marke vor die Nase hielt.
   Auf ihrer Stirn las er Bullenalarm, als wäre das Wort dort eintätowiert.
   »Dürfen wir hineinkommen?«
   Sie fragte nicht, in welcher Angelegenheit sie hier waren. »Von mir aus.«
   Lars hörte ein Es lässt sich wohl nicht vermeiden heraus. Daher nickte er.
   Sie registrierte es, verzog kurz ihren Mund. Sie wusste, worum es ging.
   »Würden Sie Ihrer Mutter Bescheid sagen?«, bat Jens beinahe liebenswert. Er spielte gern den guten Bullen.
   Lars lag die Rolle des Bösen sowieso mehr.
   »Ich bin die Mutter.«
   Er spürte, dass er Mühe hatte, zu verhindern, dass ihm die Kinnlade hinunterklappte. Jens ging es nicht anders, er blinzelte verdutzt.
   »Sie sind Bettina Olschewski?«, sagte er blöderweise in seiner Verwirrtheit und ärgerte sich darüber.
   »Was dagegen?«
   Natürlich nicht. »Nein.« Er sah sich nach einer Sitzgelegenheit um.
   Sie bat sie nicht, Platz zu nehmen.
   »Dürften wir Sie bitten, sich auszuweisen?« Jens wollte offenbar auf Nummer sicher gehen. Zu groß war sein Erstaunen. Und nicht nur seines.
   Nee, dürfen Sie nicht, stand in ihren Augen. »Ja«, antwortete sie stattdessen knapp. Sie verschwand und kam mit einem kleinen schwarzen Rucksack zurück, aus dem sie eine Brieftasche fischte und ihren Personalausweis zückte. Zufrieden?, suggerierte sie.
   Die Frau auf dem Foto trug zwar keine Zöpfe, war aber eindeutig zu erkennen, auch wenn sie reifer wirkte. Ganz anders als die Person, die vor ihnen stand. Lars spürte, wie Jens zwischen ihr und dem Foto hin und her blinzelte und ihm einen Seitenblick zuwarf.
   »Möchten Sie vielleicht noch meinen Führerschein zum Vergleich?«
   »Sehr gern.« Sehr clever, sein Kollege.
   »Gefällt Ihnen die Aufnahme nicht? Nun, mir ebenso wenig. Aber welche Frau ist schon zufrieden mit ihren Fotos.«
   Wenn sie den Mund aufmachte, klang sie wie eine reife Frau. Wollte sie sie verarschen oder verhielt es sich wirklich so, wie sie tat?
   »Es stammt aus meinem früheren Leben«, sagte sie ohne eine weitere Erklärung.
   Die hatte sie eindeutig nicht mehr alle.
   Leider ging Jens’ Schuss nach hinten los. Es handelte sich noch um den hellrosafarbenen DDR-Führerschein. Auf dem Foto lächelte ihnen vorsichtig ein höchstens neunzehnjähriges Mädchen entgegen. Ganz toll, Lars hatte nichts anderes erwartet. Merkwürdigerweise erkannte er in dem Mädchen noch eher die Frau, die jetzt vor ihnen stand, als auf dem Personalausweis. Als würde sie rückwärts leben und hätte das anhand der Fotos dokumentiert.
   »Nun«, stammelte Jens. »Ich nehme an, Ihre Nachbarn können bezeugen, dass Sie Bettina Olschewski sind.«
   »Sie machen es aber spannend. Ja, Selma Hoffmann, mit der Zarah-Leander-Stimme kennt mich seit Jahren.«
   Jens zückte sein Notizbuch und machte sich einen Vermerk.
   »Sie können mir glauben, ich bin Bettina Olschewski, geboren in Rathenow am 19. September 1966.«
   Demnach war sie sechsundvierzig Jahre alt, nicht zu fassen. Und wenn die Akten stimmten, und davon ging er aus, hatte sie zwei Söhne. Einer davon war fast dreiundzwanzig Jahre alt. Unglaublich, sie sah selbst kaum alt genug dafür aus. Oder lag das nur an ihrem Sommerlook mit den kurzen Hosen und den Zöpfen? Doch auch, wenn er versuchte, sie sich in Jeans und Bluse vorzustellen, wirkte sie immer noch wie ein Mädchen. Und das lag nicht unbedingt an ihrer Größe, sie reichte ihm gerade bis über die Brust, sondern an ihrem zarten Körperbau. Sie wirkte über die Maßen zerbrechlich, was bedauerlicherweise seinen Beschützerinstinkt in den On-Modus schaltete. Er konnte so nicht arbeiten und ärgerte sich. Immerhin registrierte der Mann in ihm, dass sie ordentliche Möpse unter dem Shirt hatte. Brüste, wie richtige Frauen. Der Polizist in ihm schimpfte jedoch, dass ihn das nicht zu interessieren habe. Er wollte sie weder als zerbrechliche Elfe noch als Mon Chérie-Kirsche sehen. Sie war einfach nur eine Verdächtige in einem Mordfall. »Wir ermitteln in einem Fall und haben ein paar Fragen an Sie.«
   »Aha.«
   Die meisten Leute wollten spätestens an dieser Stelle des Gesprächs wissen, worum es ging. Bettina Olschewski nicht.
   »Kennen Sie eine Frau Simone Bernau?« Lars war gespannt, welche Lüge sie ihnen auftischen würde.
   »Ja.«
   Jetzt war er baff. Was sollte er davon halten? Wieso, zum Teufel, log sie nicht?
   »Sie sind von der Mordkommission.«
   Eine Feststellung, keine Frage. Lars erinnerte sich genau, dass sein Kollege nichts dergleichen erwähnt hatte. Natürlich könnte er ihr erklären, dass das Dezernat, in dem er arbeitete, von der Bevölkerung so bezeichnet wurde. In Wirklichkeit lautete die korrekte Bezeichnung: Dezernat für Tötungsdelikte, Suizid und ungeklärte Todesfälle.
   Er beschloss, ihren Satz nicht zu kommentieren. Hoffentlich hielt Jens ebenfalls den Mund. Lars wollte abwarten, wie die Kindfrau reagierte.
   Wie sich zeigte, hatte sie echt Nerven. Nicht nur, dass sie ebenfalls nicht fortfuhr, sie sah ihn auch noch seelenruhig an. Keine Ausflüchte, keine Lügen, kein Getue. Was sollte das?
   Er sah ihr an, dass sie wusste, dass sich seine Gedanken fast überschlugen und zur Krönung schenkte sie ihm sogar ein zartes Lächeln.
   Treib es nicht zu weit. »Darf ich fragen, woher?« Mist, er gab schließlich doch klein bei. Was war das für eine merkwürdige Befragung, bei der die Polizei nicht die Oberhand hatte? Lars fühlte sich nicht sonderlich wohl in seiner Haut. Dieser Fall war von Anfang an voller Widersprüchlichkeiten. Das Opfer selbst war es, dessen Sohn ebenso und nun auch noch diese kleine Person vor ihm.
   »Ich kannte sie als Patientin in der Zahnarztpraxis, in der ich früher gearbeitet habe. Aber das meinten Sie sicher nicht.«
   Nee.
   »Sie hat meinen Sohn umgebracht.« Sie knickte nicht ein, in ihren Augen schimmerten keine Tränen, sie hatte es ganz leise gesagt und doch klang das letzte Wort wie ein Peitschenknall.
   Er spürte einen Druck in seinem Magen.
   Wieder lächelte sie liebenswürdig, so zart, dass diese Geste etwas in ihm berührte. Während er noch nach den richtigen Argumenten suchte, kam sie ihm zuvor.
   »Simone Bernau ist am Freitagabend vor zwei Wochen tot aufgefunden worden. Falls Sie von mir hören wollen, wie bedauerlich ich das finde, muss ich Sie leider enttäuschen. Es tut mir nicht im Geringsten leid. Sie hat am 3. August 2008 um 15:20 Uhr auf der Bammer Landstraße die Kurve geschnitten, infolgedessen sie meinen Sohn anfuhr, der sich bei dem Sturz so schwer verletzte, dass er eine Stunde später daran verstarb. Dafür wurde sie nie belangt. Also, nein, meine Herren, ich bedaure nicht, dass sie ermordet wurde.«
   Der Druck in seinem Magen wurde zu einem Brennen. Diese zerbrechliche Frau sprach von ihrer Tragödie, als wäre dies einem anderen zugestoßen und nicht ihr selbst. Es kam ihm vor, als stünde sie unter Schock. Nach fünf Jahren? Der Schockzustand war doch eher temporär, nach allem, was er darüber wusste. Und noch eine Erkenntnis erstaunte ihn. Mit der soeben gemachten Aussage musste Bettina Olschewski klar sein, dass sie sich gerade zu einer Hauptverdächtigen gemacht hatte. Ein Blick in ihre grauen Augen bestätigte seine Gedanken. Sie wusste es und es machte ihr nichts aus. Er hatte noch nie erlebt, dass eine Frau Zartheit und Stärke in diesem hohen Maß ausstrahlte. Es war, als trüge sie einen unsichtbaren Heiligenschein aus Würde. Wie bei einem flüchtigen Geistesblitz erkannte Lars, dass sie, sollte sie die Täterin sein, niemals zu knacken wäre. Einem solchen Menschen hatte er noch nie gegenübergesessen. Seiner Erfahrung nach brach jeder Mörder irgendwann ein. Zum ersten Mal war er sicher, dass dies ein Irrtum war. Die Aura, die diese Frau umgab, setzte ihn schachmatt. Er erschrak und warf seinem Kollegen einen Seitenblick zu. Er schien jedoch davon nichts mitbekommen zu haben. Entweder, die Frau würde von sich aus ein Geständnis ablegen oder sie würden sich an ihr die Zähne ausbeißen. Er verspürte nicht das geringste Interesse daran, zahnlos herumzulaufen. Selbst wenn es nur im metaphorischen Sinne war. Diese verflixte Zartheit, damit konnte er nicht umgehen. Er räusperte sich vorsichtshalber, damit seine Stimme auch ja hart und fest klang. »Kommen wir zu Ihrem Sohn.«
   »Ich nehme an, Sie meinen Ben.«
   Natürlich. Schließlich war der andere nicht mehr am Leben und würde demnach wohl kaum durch die Gegend fahren.
   »Haben Sie eine Ahnung«, sagte sie ruhig.
   Konnte sie etwa in seinen Kopf sehen und darin lesen wie in einem offenen Buch? Oder war dieser seltsame Satz keine Antwort auf seinen Gedanken? Doch was hatte er dann zu bedeuten?
   »Richtig, ich spreche von Ben. Er fährt einen silberfarbenen Renault Laguna?« Laut Information der Zulassungsbehörde, das hatte er vorab geprüft.
   »Tja, ich mache mir nichts aus Autos.«
   Am liebsten hätte Lars geknurrt. Sie log nicht mal, daher konnte er sie auch nicht festnageln. Er sah sie so verärgert wie möglich an. Siehe da, sie lenkte ein, als wollte sie ihm bei seiner Arbeit behilflich sein. Dadurch kam er sich erst recht jämmerlich vor.
   »Das letzte Mal, als ich Ben sah, fuhr er einen silberfarbenen Wagen. Aber ich glaube, das war ein Honda Civic.«
   Das stimmte, der Ausdruck der Zulassungsstelle lag noch auf seinem Schreibtisch. Spielte diese Frau absichtlich mit ihm, um ihn zu verwirren? Falls ja, hatte sie großen Erfolg. Lars betrieb Schadensbegrenzung und setzte alles daran, es sie nicht merken zu lassen.
   »Ben ist so ein Autonarr, verstehen Sie? Fast ein Freak, wie man heute sagt. Er wechselt die Dinger wie die Mädels, mit denen er zusammen ist. Aber silberfarben könnte stimmen. Vermutlich haben Sie recht und er fährt derzeit einen Laguna. Sie werden das ja bereits überprüft haben.«
   Worauf du dich verlassen kannst. Er beließ es dabei.
   »In letzter Zeit wurde des Öfteren ein silberfarbener Laguna in Bamme beobachtet.«
   Sie zuckte mit den Schultern. »Gut möglich.«
   Wusste sie, dass sich Ben dort herumtrieb? Machten die beiden gemeinsame Sache? Ein Motiv hatten sie jedenfalls. Simone Bernau war wegen des Unfalls nie belangt worden. Es sind schon Leute aus geringeren Gründen umgebracht worden. Wenn Bettina Olschewski und/oder ihr Sohn es waren, konnte er es ihnen nicht mal verdenken. Aber das musste er natürlich für sich behalten.
   »Sie kannten Frau Bernaus Adresse.«
   Sie nickte. »Die steht auf dem Unfallbogen.«
   »Wusste Ben das auch?«
   »Ich glaube, er weiß, dass sie in Bamme wohnte, aber ich habe ihn nicht mit der Nase darauf gestoßen.«
   Wie war das nun wieder zu verstehen?
   »Ich habe immer befürchtet, dass er eines Tages hingeht und mit ihr abrechnet.«
   Lars blieb fast der Mund offen stehen. Beschuldigte sie ihren eigenen Sohn?
   »Wollen Sie meine ehrliche Meinung hören?«, fragte sie.
   Liebend gern. Er nickte.
   »Ich glaube nicht, dass Ben es getan hat. Das würde ich fühlen.«
   Ja klar, eine Mutter spürte so etwas. Für wie bescheuert hielt sie ihn? »Und wie erklären Sie sich, dass er in Bamme war?«
   »Das ist eine alberne Frage.«
   Nein, Herzchen. »Warum?«
   Sie prustete. »Darauf wollen Sie doch keine ernsthafte Antwort.«
   Und ob.
   »Na schön. Es ist ein Ort wie jeder andere, der teilweise aus Gründen, teilweise unbewusst frequentiert wird. Meinen Sie nicht auch?«
   Seine Meinung spielte aber nun mal keine Rolle. »Bleiben wir bei den Gründen.«
   Sie lachte leise, als wollte sie ihn auf den Arm nehmen. »Mein Sohn hilft hin und wieder in der Firma meines Mannes aus. Soviel ich weiß, hat er auch Kunden in Bamme.«
   Das klang tatsächlich plausibel. Jens machte sich bereits Notizen, sie würden diese Aussage überprüfen. Allerdings zweifelte Lars nicht an ihrem Wahrheitsgehalt. Die Frau war echt gut. Sie ging so geschickt mit den Tatsachen um, dass er ins Grübeln kam. Das war mal etwas ganz anderes. Eine Hauptverdächtige, die nicht log und daher nur noch mehr Fragen aufwarf. Wieso hatte sie Simone Bernau nicht schon viel früher umgebracht? Eine Mutter, die das durchlebt hatte, hatte nichts mehr zu verlieren. Oder wollte sie einfach nur ihren Sohn decken? Den einzigen, den sie noch hatte. Dafür ging man doch gern selbst in den Knast.
   »Sie irren sich.«
   Lars hob den Kopf und fühlte sich ertappt. Was meinte sie damit? Dass Ben oder sie als Täter nicht infrage kamen? Kam sie jetzt doch auf den Trichter wie alle anderen Verdächtigen, die bis zu einem gewissen Punkt immer wieder beteuerten: Wir sind unschuldig. Das enttäuschte ihn. Seine, entgegen seinem Willen, hohe Meinung von Bettina Olschewski bekam einen ersten Riss. Sie schaffte es erneut, ihn zu überraschen.
   »Fynn wird immer mein Sohn bleiben. Egal, wo er sich befindet. Das ist genauso sicher wie die Tatsache, dass ich, wie jeder andere auch, sterben werde. Ich weiß nicht, an welchem Tag, in welcher Stunde, an welchem Ort. Aber ich persönlich weiß, woran ich sterben werde.«
   Kalkulierte sie ihren Selbstmord ein? Diese Tatsache erschreckte ihn. Vielleicht war sie aber auch krank, versuchte er, sich zu beruhigen. Das wiederum würde erklären, warum sie jetzt mit Simone Bernau abgerechnet hatte. »Woran?«, platzte er heraus und fühlte sich wie ein Idiot. Doch das Wort war ausgesprochen, er konnte es nicht mehr zurücknehmen. Er erwartete eine spöttische Antwort.
   »An gebrochenem Herzen«, sagte sie stattdessen so sachlich, als würde sie die Merkmale der unterschiedlichen Bäume erklären.
   Das Brennen in seinem Magen schoss wie ein Pfeil in seine Brust. Er musste hier weg. Dringend. Sofort.

*

Betty wunderte sich kein bisschen über den überstürzten Aufbruch der Bullen. Es gab nicht viele Menschen, die sie in ihrer Trauer und der gesamten Tragweite ihrer Tragödie aushalten konnten, obwohl es die wenigsten zugaben. Der jüngere der beiden hatte ihr beim Abschied seine Visitenkarte gegeben. Falls ihr noch etwas einfiele, könne sie ihn jederzeit anrufen. Ja klar. Sie las den Namen: Lars Lukaschek. Das klang eigentlich nett. Aber nett war dieser Mann keinesfalls. Er war ein Terrier, einer, der diesen Mordfall unbedingt aufklären wollte, selbst wenn er sich daran zunächst festbiss. Gut, sie mochte ehrgeizige Menschen. Er war stolz, das war sie allerdings auch. Und er mochte es ganz und gar nicht, dass sie ihn so mühelos durchschaute. Tja, Pech. Das war eine Eigenschaft, die viele nicht an ihr mochten. Aber so war es nun mal. Sie würde sich bestimmt nicht weismachen lassen, dass er einen dringenden Anruf auf seinem auf lautlos gestellten Handy erhalten hatte. Da konnte er noch so wichtig auf sein Display starren. Es waren ihre Worte gewesen, die ihn in die Flucht getrieben hatten. Gut so. Sie musste dringend herausfinden, wo Ben war und ob er eine große Dummheit begangen hatte. Scheiße. Wie viel einfacher wäre es, wenn man seine Kinder kontrollieren könnte – vorzugsweise rund um die Uhr. Aber sie wusste, das war unmöglich.
   Betty sorgte sich sehr um Ben. Vor allem, weil er sich schuldig fühlte. Schuldig an dem Unfall, bei dem sein kleiner Bruder ums Leben gekommen war. Schuldig an dem folgenden Leid und der Trauer seiner Mutter. Schuldig an allem. Die Verurteilungen zogen sich wie ein roter Faden durch sein Leben.
   Auf dem Unfallprotokoll stand Bens Name an erster Stelle. Was landläufig bedeutete, dass er als Hauptbeschuldigter galt. So lautete auch der Abschlussbericht der Staatsanwaltschaft Potsdam. Das Strafverfahren gegen Ben Olschweski wegen fahrlässiger Tötung ist gemäß § 170 Abs. 2 Strafprozessordnung eingestellt worden. Zwischen den Zeilen stand: aufgrund der emotionalen und psychischen Belastung durch den Verlust des Bruders. Dennoch, vor den Augen der Leute blieb Ben schuldig. Sie wussten ja nicht, dass die Ersthelfer, ein nettes Ehepaar, das zufällig ein, zwei Minuten, nachdem sich der Unfall ereignet hatte, die Straße passierte, etwas gänzlich anderes berichteten. Ihr Besuch zwei Wochen später hatte Betty viel bedeutet. Ihre Aussagen deckten sich mit denen von Ben. Daraus schlossen Betty und ihr Mann damals, dass Simone Bernau, als sie den Jungs auf ihren Mopeds entgegenkam, die Kurve geschnitten hatte. Und im Anschluss den Corsa nicht etwa so stehen ließ, sondern ihn in einer anderen Position parkte. Das gaben die Ersthelfer auch zu Protokoll, doch niemand wollte Notiz davon nehmen.
   Sie hätten prozessieren können, jedoch hatte es ihnen an Kraft und an Geld gefehlt. Im engsten Familienkreis stand Bens Unschuld außer Frage. Auch die Berichterstattung in der Zeitung war fehlerbehaftet. Wenn sie als Eltern darauf angesprochen wurden und dementierten, ernteten sie lediglich mitleidige Blicke. Man glaubte ihnen nicht. Sinnlos auch die Erklärungen an den halbherzig arbeitenden Sachverständigen.
   Niemand bei der Polizei erweckte den Eindruck, ernsthaftes Interesse am genauen Unfallhergang zu haben. Warum, begriff Betty bis heute nicht. Nein, Ben traf keine Schuld. Dumm nur, dass er die ganze Zeit über nach dem Unfall unter Schock »Ich habe Schuld« gefaselt hatte. Immer wieder, wie ein Mantra. Ein gefundenes Fressen für die eigentliche Verursacherin und letztlich für die Ermittler.
   Doch Betty hatte sich versündigt. Aber das wusste Ben nicht. Und wenn es nach ihr ginge, sollte er es auch niemals erfahren. Betty nahm ihr Handy zur Hand und lief zum Himbeerstrauch, weil man dort bekanntlich den besten Empfang hatte. Nach dem dritten Klingeln ging er ran. Vielversprechend.
   »Hallo Ben«, flötete sie.
   »Hi Mama.«
   »Wo bist du denn?«
   »Wieso?«
   »Nur so. Ich dachte, du meldest dich mal. Schließlich habe ich bereits öfter versucht, dich zu erreichen. Musst du doch gesehen haben.« Shit, sie hatte ihm keine Vorwürfe machen wollen.
   Wie erwartet gab er keine Antwort.
   »Ich bin umgezogen. Weißt du noch, dass ich dir davon erzählt habe?«
   »Ja. Ich dachte nicht, dass du es machst.«
   »War ein ganz cooles Angebot, da musste ich einfach zugreifen.«
   »Klingt gut.«
   »Das ist es auch. Magst du mich nicht besuchen kommen? Ich würde dir so gern alles zeigen.«
   »Klar. Werde mal sehen, wie ich Zeit habe.«
   »Hast du einen Job?«
   »Nee.«
   Aber keine Zeit? Wer’s glaubte. »Wie wäre es heute Nachmittag? Ich würde mich total freuen. Ist schon ziemlich lange her, als ich dich das letzte Mal gesehen habe.« Und dich drücken konnte.
   »Heute. Warum nicht?«
   »Super. Ich wohne in Bützer.«
   »Ehrlich?«
   »Ja, ist witzig, oder? Havelstraße.« Sie nannte ihm die Nummer. »Wann wirst du hier sein?«
   »Mal sehen.«
   »Ich kann mich doch auf dich verlassen?«
   »Ja«, antwortete er gedehnt.
   Von wegen. Sie erinnerte sich an den Facebook-Spruch von letztens. »Wenn ich sage, ich bin in einer halben Stunde da, musst du nicht alle dreißig Minuten durchklingeln, wo ich bleibe.«
   Genau. So war Ben.

*

»Sag, bist du auf der Flucht?«, frotzelte Jens neben ihm.
   »Nee. Wie kommst du darauf?« Er würde ums Verrecken nicht zugeben, dass dem so war. »Ruf in der Dienststelle an, ich benötige die Akten zum Verkehrsunfall vom 3. August 2008 in Rathenow.«
   »Okay, aber fahr um Himmels willen langsamer. Mein Magen ist in keinem guten Zustand.«
   »Es ist Montag, wessen Magen funktioniert da?«
   »Ah, gut. Und ich dachte schon, ich werde alt.«
   »Du wirst alt. So wie wir alle.« Nicht Fynn Olschewski. Wieder versetzte es Lars einen Stich in den Eingeweiden.
   »Die Frau hat dir ziemlich zugesetzt.«
   »Wie kommst du darauf?«
   »Hör schon auf. Dein Blick hat sie förmlich aufgesaugt.«
   »Du spinnst.«
   »Sie hat einen ziemlichen Engel-Tick.«
   »Ist mir nicht aufgefallen.«
   »Nö, ist klar. Du hattest ja nur Augen für sie. Ob deiner Nicole das gefallen wird, wage ich zu bezweifeln.«
   »Alter, du hast Entzugserscheinungen.«
   »Versuch nicht, vom Thema abzulenken.«
   »Schön. Ich grübele lediglich darüber nach, ob sie etwas zu verbergen versucht.«
   »Mit Sicherheit.«
   »Wenn das deine Meinung ist, bin ich beruhigt.«

Kapitel 4
Verdacht

Die Unfallakte war dünn und unvollständig. Eine Rekonstruktion des Hergangs fehlte völlig.
   Keine Fotos, keine Skizzen, nichts.
   Wer hatte da gepfuscht?
   Lars konnte nicht klar denken, weil er immer noch den Satz im Ohr hatte: Ich werde an gebrochenem Herzen sterben. Ihr Anblick, die gesamte Zartheit ihrer Erscheinung wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen. Teufel auch. Er brauchte Kaffee. Einen Liter, am besten intravenös. Bine, seine Kollegin, kam ihm wie gerufen. »Ist Kaffee da?«
   »Warum fragst du nicht, was du eigentlich sagen willst?« Sie schmunzelte.
   Er senkte den Kopf und starrte erneut in die vor ihm liegende Akte. Es funktionierte.
   »Ich bringe dir eine Tasse«, bot Bine hilfsbereit an.
   Geht doch.
   Die Akte gab nichts weiter her. Lars beschloss, Gernot Bernau, den Sohn des Opfers, zu befragen. Er musste sich ein genaueres Bild von dessen Mutter machen. Als Bine ihm den Kaffee hinstellte, nickte er ihr dankbar zu. Jens telefonierte von seinem Schreibtisch aus, der dem von Lars gegenüberstand.
   Er trank in hastigen Zügen und verbrannte sich die Lippen. Sein Kollege schien die Eroberung der vergangenen Nacht am anderen Ende zu haben. Der alte Schwerenöter legte sich ja mächtig ins Zeug.
   »Bine, ich brauche die Adresse von Gernot Bernau.«
   »Kommt sofort.«
   Kurz darauf schob sie ihm einen Zettel zu. Er hatte den Kaffeebecher geleert, ließ ihn stehen und baute sich vor Jens Schreibtisch auf.
   »Der macht gar keine Anstalten«, frotzelte Bine. »Die Scheidung scheint ihm gut zu bekommen. Typisch Männer.«
   »Es gibt auch welche, die leben grundsolide«, sagte Lars wie zur eigenen Verteidigung.
   »Dann reizt etwas anderes. Ich tippe auf Bequemlichkeit.«
   »Was?«
   »Tu nicht so bestürzt. Da siehst du es. Du lässt deinen Kaffeebecher wieder stehen.«
   »Und jedes Mal, wenn ich zurückkomme und ihn forträumen will, hat ihn bereits jemand abgewaschen. Was kann ich dafür?«
   »Der jemand bin ich.«
   »Ist nicht meine Schuld.«
   »Du kalkulierst es ein.«
   »Stimmt nicht.«
   »O doch.«
   »Dann lass ihn einfach stehen.«
   »Das werde ich auch.«
   »Seid ihr zwei Streithähne fertig?«, schaltete sich Jens belustigt ein.
   »Ich habe nur darauf gewartet, dass du mit deinen billigen Flirtversuchen zum Ende kommst.«
   Jens stieß ein Lachen aus. »Von mir kannst du noch jede Menge lernen.«
   Lars verzog das Gesicht.
   Sie fuhren nach Rathenow Ost, dem heruntergekommenen Neubauviertel der Kreisstadt. Gernot Bernau wohnte im fünften Stock in einer Zweiraumwohnung.
   »Kein Fahrstuhl«, stöhnte Jens.
   »Ich denke, du hast eine sagenhafte Kondition.«
   »Nicht im Treppensteigen.«
   »Dann stell dir einfach … was auch immer vor.«
   Jens stieß ein Lachen aus.
   Nachdem sie geklingelt hatten, dauerte es eine Weile, bis hinter der Tür Geräusche zu hören waren.
   Gernot Bernau sah übernächtigt aus, unrasiert und ungewaschen und trug T-Shirt und Turnhose. In den Räumen roch es muffig und ungelüftet. Lars war dankbar, dass er sie auf den Balkon einlud, um eine zu rauchen.
   »Gibt’s was Neues?«, fragte der Mann und zündete sich eine Zigarette an.
   »Wir haben noch ein paar Fragen.«
   »Schießen Sie los.«
   »Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrer Mutter, Herr Bernau?«
   »Verdächtigen Sie jetzt etwa mich?«
   »Das sind alles Routinefragen. Wir müssen das gesamte Umfeld Ihrer Familie überprüfen.«
   »Verstehe. Sieht man auch so in Fernsehkrimis.«
   »Ganz genau.«
   »Als Jugendlicher bin ich nicht so gut mit ihr ausgekommen«, gab Bernau zu.
   »So geht es uns wohl allen«, sagte Jens freundlich.
   Bernau nickte. »Seit ich nicht mehr zu Hause wohne, klappt es besser. Jeder macht sein eigenes Ding.«
   »Was arbeiten Sie?«
   »Momentan bin ich krankgeschrieben.«
   »Natürlich.«
   »Sonst bei Zeitarbeitsfirmen. Aber da bist du der letzte Arsch. Nie lange genug auf einer Stelle, dass sie dich übernehmen. Das Geld reicht hinten und vorn nicht. Wenigstens liege ich dem Staat nicht auf der Tasche. Das ist nichts für mich. So was zum Beispiel hat mir meine Mutter beigebracht. Betteln kommt nicht in die Tüte, hat sie immer gesagt. Als sich meine Eltern scheiden ließen, hat sie nicht groß gejammert. Früher arbeiteten beide in der Landwirtschaft, dann kam die Wende und die LPG’n gingen den Bach runter. Sie war eine Zeit lang arbeitslos, dann hatte sie die Nase gestrichen voll und machte eine Umschulung zur Altenpflegerin. Nach dem Praktikum kriegte sie auch gleich einen Job.«
   »Wann haben sich Ihre Eltern scheiden lassen?«
   Bernau kratzte sich am Kinn. »Das muss so an die zehn Jahre her sein. Mein Bruder war aus dem Gröbsten raus.«
   »Also ist Ihr Bruder wesentlich jünger als Sie.«
   Er nickte. »Fünfzehn Jahre, um genau zu sein. War ein Nachzügler. Aber dadurch war die Ehe auch nicht mehr zu kitten. Mutter behielt das Haus, war ja auch ihr Elternhaus, da war das mehr als Recht.«
   »Wo lebt Ihr Bruder?«
   »In Celle. Wussten Sie, dass dort Erdöl gefördert wird? Und das ziemlich erfolgreich.«
   »Ihr Bruder hat einen guten Job?«
   »Ja, er hatte schon immer Glück im Leben. Seit er auf der Welt ist, drehte sich ja praktisch alles um den Kleinen.«
   »Er wuchs wie ein Einzelkind auf?«
   »Könnte man fast sagen. Mit Anfang zwanzig hatte ich eine Freundin, die schwanger wurde. Sie hat das anfangs mit dem Muttersein nicht so gepackt. Das Kind war oft bei der Oma.«
   »Ihrer Mutter?«
   Bernau nickte. »Meine Mutter hat meinen Sohn praktisch aufgezogen, bis meine Freundin einen anderen Kerl kennenlernte und wegzog.«
   »Sie ließen sie ziehen.«
   »Wir kamen nie klar. Ist besser so.«
   »Ihre Mutter kümmerte sich also um ihren eigenen jüngeren Sohn, um ihren Enkel, arbeitete in der Altenpflege und hielt Hof und Garten in Ordnung.«
   Bernau nickte wieder.
   »Dann stand Ihre Mutter ziemlich unter Stress.«
   »Sie kam klar.«
   »Es hat da mal einen Unfall gegeben. Wissen Sie davon?«
   Bernau zog seine Stirn in Falten und drückte den Zigarettenstummel in einer als Aschenbecher dienenden Raviolibüchse aus. »Was für einen Unfall?«
   »Einen Verkehrsunfall, in den Ihre Mutter verwickelt war und in dessen Folge ein Mopedfahrer starb.«
   »Ach ja, da war was. Muss aber schon ewig her sein.«
   Fünf Jahre, um genau zu sein. Und Bettina Olschewski sah das mit Sicherheit anders.
   »Sind da nicht zwei Heinis wie die Irren um die Wette gefahren und meiner Mutter ins Auto?«
   Lars verspürte schon wieder ein Brennen im Magen. Für die Heinis hätte er Bernau zu gern in den Arsch getreten.
   »Ich weiß praktisch nichts über den Unfall. Meine Mutter hat es mal erwähnt, sprach dann aber nie wieder darüber. In den letzten Jahren ging es ihr ohnehin nicht so gut.«
   »Wie meinen Sie das?«
   »Sie war krank, hatte Schmerzen. Ist von Hinz zu Kunz gelaufen, aber keiner von den Ärzten konnte ihr erklären, was sie hatte.«
   »Sie ging also nicht mehr arbeiten?«
   »Doch, doch, das schon.«
   »Sie quälte sich über den Arbeitstag trotz der Schmerzen?«
   »Na ja. Die Schmerzen waren nicht immer da. Sie wurde manchmal von heftigen Attacken überfallen, einfach so aus heiterem Himmel.«
   »Wo hatte sie die Schmerzen?«
   »Das war auch recht rätselhaft. Es wechselte. Mal im Knie, dann der Rücken, ein anderes Mal hielt sie sich die Seite.«
   »Können Sie sagen, seit wann Ihre Mutter an diesen Zuständen litt?«
   »Mhm.« Bernau zündete sich erneut eine Zigarette an und inhalierte tief. »Vielleicht seit drei Jahren, könnten auch vier sein oder so.«
   Lars nahm sich vor, mit dem Pathologen zu sprechen, ob er während der Obduktion Krankheitsanzeichen entdeckt hatte.
   »Wann können wir meine Mutter beerdigen?«
   »Ich denke, der Leichnam wird in Kürze freigegeben. Sie bekommen Bescheid.«
   »Danke. Wissen Sie …«, sagte Bernau zögernd.
   Lars nickte ihm aufmunternd zu.
   »In den Zeitungen stand ja groß drin, dass meine Mutter ermordet worden ist. Aber ich selbst glaube … nun, könnte sie nicht wieder so eine Schmerzattacke gehabt haben und ist deshalb in die alte Grube gefallen?«
   Theoretisch war das natürlich möglich und kein allzu dummer Gedanke.
   Die alte Fäkaliengrube war überdacht und man hatte drum herum Wände hochgezogen. Der entstandene Raum diente als eine Art Schuppen.
   »Warum war die Grube nicht abgedeckt? Das war doch gefährlich«, sagte Lars.
   Zum ersten Mal schimmerten in Bernaus Augen Tränen.
   »Bis vor Kurzem lagen dort Bretter drauf. Die waren seit Jahren morsch. Meine Mutter wollte, dass ich mich darum kümmere. Ich habe es schleifen lassen und da hat sie die Grube aufgedeckt, die maroden Bretter verbrannt. Praktisch, um mir Druck zu machen. So war sie. Es musste immer alles so gemacht werden, wie sie wollte und möglichst sofort. Ich dachte, ich huste ihr was. Das kann noch eine Weile warten. Schon aus Prinzip. Schließlich gab es keine kleinen Kinder mehr auf dem Hof.«
   Tja, daran würde Bernau wohl noch eine Weile zu knabbern haben.
   »Vielen Dank. Sie haben uns sehr geholfen.«
   Zurück auf der Dienststelle hing er sich sofort ans Telefon.
   Vor ihm lag der Obduktionsbericht. Der Pathologe bestätigte diesen. »Die Frau war kerngesund und topfit für ihr Alter. Letzten Endes hat ihr das auch nichts genützt.«
   »Wäre es möglich, dass die Kopfverletzung vom Sturz herrührt?«
   »Ja und nein. Sie müssen sich das so vorstellen: Der Täter ist aufgebracht. Er schlägt ihr mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf. So stark, dass es ihr das Trommelfell zerreißt. Sie geht zu Boden, ist sofort bewusstlos, aber nicht tot. Er zerrt sie ein kurzes Stück entlang. Das sieht man an den kleinen Abschürfungen an ihren Fersen. Nehmen wir mal an, der Täter ist erschrocken und glaubt, er hat sie bereits getötet. Um das zu vertuschen, lässt er sie in die Grube fallen. Und natürlich zieht sie sich weitere Schädelfrakturen dabei zu, an denen sie kurz darauf stirbt.«
   »Was könnte das für ein stumpfer Gegenstand gewesen sein?«
   »Alles Mögliche. Ein Stein, eine Bratpfanne, Kerzenständer, was weiß ich. Auf alle Fälle müssten Blut oder Haare daran kleben.«
   »Die KT hat nichts dergleichen gefunden.«
   »Tja, sonst wäre der Fall vielleicht längst gelöst. Ich habe meinen Teil erfüllt.«
   »Danke.«
   Lars sah sich um, sein Kaffeebecher war weg. Bine konnte es nicht lassen. Aber ihm hinterher Vorwürfe machen. Er schüttelte den Kopf.
   »Stimmt was nicht?«, fragte Jens, der plötzlich neben ihm stand.
   »Keine Tasse.«
   »Hast du was anderes erwartet? Sieht doch jeder, dass sie scharf auf dich ist. Auf welchem Planeten lebst du eigentlich?«
   Lars tippte sich an die Stirn.
   »Tu nicht so, als wüsstest du nicht, dass dir praktisch die Hälfte unserer weiblichen Belegschaft schmachtende Blicke zuwirft.«
   »Lass gut sein. Sag in der KT Bescheid, dass sie morgen noch mal ein anderes Team nach Bamme schicken. Wir suchen nach einem stumpfen Gegenstand.«
   »Da werden die sich aber bestimmt freuen.«
   Lars Gedanken waren noch immer bei dem Telefonat mit dem Pathologen. Hatten Simone Bernaus Schmerzen psychische Ursachen? War das wichtig für diesen Fall? Vielleicht. Wahrscheinlich eher nicht. Es sah nach einer Tat im Affekt aus, nicht nach einem geplanten Mord. Lars ging zum Board und befestigte das Foto von Simone Bernau, wie man sie am Tatort gefunden hatte. Rechts daneben schrieb er die Namen ihrer Söhne, Gernot und Fabian.
   Oberhalb des Fotos schrieb er Unfall: 3. August 2008. Eine Zeile tiefer, Bettina Olschewski und daneben Ben Olschewski.
   Was war mit Simone Bernaus Exmann? Sie sollten ihn zumindest ausfindig machen und ihm ein paar Fragen stellen. Aber viel versprach er sich nicht davon. Immerhin waren die beiden seit zehn Jahren geschieden. Mutter und Sohn Olschewski hingegen hatten ganz klar ein Motiv.
   Er griff noch einmal zum Telefon. »Hallo Frau Olschewski, Lukaschek, Kripo Nauen hier.«
   Sie antwortete nicht.
   »Ich prüfe gerade noch mal die Akten zum Unfall Ihres Sohnes. Hier steht, dass die Jungen wohl um die Wette fuhren, sich ihre Lenker kurz berührten und daraufhin Fynn einen Schlenker machte und nach links rüberzog. In dem Augenblick kam Simone Bernau ihm entgegen und konnte nicht mehr ausweichen. Fynn fuhr in den Corsa, fiel vornüber, knallte gegen den Holm der Fahrertür, prallte zurück, dabei verlor er seinen Helm und stürzte rückwärts auf das Pflaster. Simone Bernau trifft demnach keine Schuld.«
   Es blieb so lange still, dass sich Lars fragte, ob Bettina Olschewski überhaupt noch dran war. Dann schoss ihm ein, was und vor allem wie er es ihr gesagt hatte. Ihm wurde eiskalt. »Entschuldigen Sie bitte.«
   »Ich habe so etwas in der Art geahnt.«
   Meinte sie den Unfallhergang oder bezog sie sich auf die Angaben im Bericht?
   »Ich weiß, dass es anders abgelaufen ist.«
   »Sie waren nicht dabei, Frau Olschewski.«
   »Sie genauso wenig.«
   »Ich kann verstehen, dass Sie als Mutter …«
   »Hören Sie auf mit dem Mist. Ich bin nicht blöd. Sowohl Ben, die Ersthelfer und letztlich Fynn haben mir etwas anderes berichtet.«
   Fynn? »Wer sind die Ersthelfer? Der Notarzt?«
   »Nein, ein Ehepaar aus Gräningen.«
   »Die tauchen im Bericht nicht auf.« Beziehungsweise wurden namentlich nicht erwähnt.
   »Wundert mich kein bisschen.«
   Was sollte das heißen? »Frau Olschewski, könnten wir uns noch mal über den Unfall unterhalten?«
   »Und Sie meinen, das bringt uns weiter?«
   »Vielleicht.«
   »Herr Lukaschek, Ihr Ansinnen in Ehren. Aber was mich betrifft, bleibt alles beim Alten. Wie heißt es doch so schön? Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Wenn Sie unbedingt wollen, tun Sie mir einen Gefallen.«
   Jeden. Hatte er das jetzt wirklich gedacht?
   »Sehen Sie nach, ob der Vater von Simone Bernau nicht bei der Polizei war«, sagte sie lapidar.
   »Was wollen Sie damit unterstellen?«
   »Ich werde den Teufel tun, Herr Kommissar.« Sie legte auf.
   Lars knallte den Hörer auf die Station. »Bine«, rief er.
   Sofort kam seine Kollegin mit wippenden Hüften auf ihn zu. Hatte Jens tatsächlich recht? Er hatte jetzt keinen Nerv, um über solchen Blödsinn nachzugrübeln.
   »Stell fest, ob der Vater unseres Mordopfers Polizist war.«
   »Und das bis vorgestern, nehme ich an«, sagte sie spitz.
   »Das wäre nett.«
   »Weil du’s bist.«
   Er ignorierte das Hohngelächter seines Kollegen.
   Lars war hungrig. Er hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. In seiner Tasche fischte er nach den belegten Broten, die Nicole ihm mitgegeben hatte.
   »Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass der Fall ganz anders liegen könnte?«, fragte Jens.
   »Wir beide wissen doch, dass wir in über neunzig Prozent unserer Fälle den Täter im engeren Bekanntenkreis des Opfers finden.«
   »Statistiken hinken.«
   »Sag schon, was du sagen willst.«
   »Ralf Schnückrich ist aus dem Maßregelvollzug geflohen. Keiner weiß bis jetzt, wo der Kerl untergetaucht ist. Ich habe bereits bei den Kollegen von der Ermittlungsgruppe nachgefragt. Sie tappen im Dunkeln.«
   Schnückrich. Wenn auf irgendjemanden die Bezeichnung absolut böse zutraf, dann war es auf Schnückrich. Lars hatte damals zur SOKO gehört, die diesen kaltblütigen Mörder überführt hatte. Das wäre tatsächlich eine Option. Er ärgerte sich, warum er nicht selbst darauf gekommen war. Im Bericht der KT fanden sich keine Angaben über sichergestellte Fremdspuren. Wenn die morgen ohnehin nochmals in Bamme anrückten, dann sollten sie gezielt nach DNA-Spuren von Schnückrich suchen. Auch wenn er sich mit seiner Bitte unbeliebt machte. Wenn es Spuren von Schnückrich gegeben hätte, hätten wir sie gefunden, hörte er im Geiste den Kollegen wettern. Schon klar, aber Lars wollte nun mal auf absolut sicher gehen. Damit wären Bettina und Ben Olschewski aus dem Schneider. Der Gedanke versetzte ihn in Hochstimmung, doch er durfte nicht vorgreifen. Dafür war es noch zu früh.
   Kurz vor Feierabend legte ihm die strahlende Bine eine Notiz auf den Schreibtisch. »Du hattest recht. Simone Bernaus Vater war bereits zu DDR-Zeiten jahrelang bei der Volkspolizei. Hat das was zu bedeuten?«
   »Weiß ich noch nicht«, antwortete Lars. Aber das stimmte nicht. Da war etwas, er wusste nur nicht genau, was. Er mochte es ganz und gar nicht.

Kapitel 5
Mattis

Scheiße, Scheiße, Scheiße. Nur gut, dass seine jahrelang antrainierten Instinkte funktionierten und die Bullen einen Mordslärm veranstalteten, als sie anrückten. Er hastete in den Keller, noch bevor einer von denen das Haus betrat. Ihre Fahrzeuge parkten vorn an der Straße, sie fuhren nicht auf den Hof, damit sie mögliche Spuren nicht vernichteten oder unbrauchbar machten. Sobald alle in ihren weißen Overalls ausgeschwärmt waren, musste er versuchen, durch die Haustür zu marschieren und zu verschwinden. Nach hinten, vom Hof aus in den Garten, und dann durch den Zaun abhauen, kam nicht mehr infrage. Wenn die noch mal zurückkamen, dann suchten die nach etwas Bestimmtem. Er quetschte sich an den Öltanks vorbei und versuchte, durch das Kellerfenster nach draußen zu sehen. Von hier aus hatte er die Straße im Blick. Es war gewagt, durch die Haustür zu marschieren, aber wäre er kein Risiko eingegangen, wäre er jetzt nicht hier. Den Wärter hatte er kaltgemacht. Unerledigter Dinge ginge er bestimmt nicht zurück. Darauf würde er bei Gelegenheit einen lassen. Einen richtigen Furz. Bei seinem Sprint durch das Treppenhaus hatte er sich bereits den Proviantrucksack geschnappt. Er hörte Fußgetrappel über sich und duckte sich instinktiv. Dann hörte er die Hintertür klappen und die Schritte und Stimmen entfernten sich in Richtung Hof. Nichts ging über eine Lagebesprechung an der frischen Luft. Er kicherte, wagte sich aus seinem Versteck und spähte nach oben. Da war niemand, aber er spürte einen Luftzug. Er konnte sein Glück kaum fassen. Sowohl die Haustür als auch die Hintertür standen sperrangelweit offen. Wenige Schritte und schon lief er über die Gehwegplatten durch den kleinen Vorgarten. Am liebsten hätte er ein Liedchen gepfiffen. Doch dann sah er es. Im Haus gegenüber bewegten sich die Gardinen. Planänderung. Es gab immer einen alten Zausel, der neugierig die Straße im Auge behielt. Dumm gelaufen, Alter. In der nächsten Sekunde drückte er auf den Klingelknopf.
   »Ja?«, kam es von drinnen.
   »Kriminalpolizei, ich hätte ein paar Fragen.«
   Kaum wurde die Tür geöffnet, schlüpfte er hinein und versetzte dem klapprigen Opa einen Schlag mit der Handkante. Der ging sofort zu Boden.
   Geistesgegenwärtig hatte er sich den Spaten geschnappt, der neben der Haustür gelehnt hatte. Er holte kräftig aus und spaltete den Schädel des Rentners. Der würde ihn nicht mehr verraten können.
   Aus einem der Zimmer erklang ein dünnes Stimmchen. Zweite Planänderung. In der offenen Tür zur Stube erkannte er ein Pflegebett, in dem eine zahnlose Greisin lag, die ihn nun ihrerseits anglotzte. Er zerrte ihr das Kissen unter dem Kopf hervor und drückte es so lange auf ihr Gesicht, bis ihr Zappeln abebbte. In der Küche fand er einen Teller mit Kuchen und frisch aufgebrühten Kaffee. Das nannte er mal eine gelungene Einladung. Er setzte sich an den Tisch und ließ es sich schmecken.

*

; Betty war sauer und beunruhigt und beides gleichzeitig. Ben hatte sich nicht blicken lassen. Als sie ihn am Telefon zur Rede stellte, hatte er lediglich etwas von »beim Umzug eines Kumpels helfen« genuschelt. Typisch Ben. Die halbe Welt war wichtiger als seine Mutter.
   Lars Lukaschek hatte zwar angekündigt, dass er sich nochmals mit ihr unterhalten wolle, hatte sich aber bis jetzt nicht gemeldet. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Da sie weder das eine noch das andere Problem derzeit beeinflussen konnte, schob sie sie beiseite und beschloss, sich auf das Wochenende zu freuen.
   Cosimas selbst gebackene Kuchen standen bereits in der Küche der Kantine. Sie mussten hinüber in die Café-Stube getragen werden. Diesen Part übernahm Betty sofort, weil die Meisterbäckerin noch mit dem Anrühren von Früchtejoghurt beschäftigt war. Laut Wetterbericht sollte es nicht regnen, und so erwarteten sie ihre Gäste im Freien. Lediglich das Kuchenbüfett befand sich in der Stube und wurde von Betty wunderbar in Szene gesetzt.
   »Wie wohltuend«, ließ Cosima verlauten, die mit einem Mal hinter ihr stand.
   »Ich helfe gern, so war es doch auch ausgemacht.«
   »Trotzdem, es ist wunderbar, dass ich dir nicht alles erklären muss, weil du die Arbeit siehst.«
   »Das liegt daran, dass ich kein junger Hüpfer mehr bin.«
   »Nee, das liegt am Typ.«
   »Das wohl auch.«
   »Hast du eigentlich keine Familie? Entschuldige, falls ich zu neugierig bin.«
   »Kein Problem. Meine Kinder sind groß und mein Mann hat das Weite gesucht.«
   »Ich kann ihn jetzt schon nicht leiden.«
   Betty lachte über Cosimas Solidarität. Sie spürte aber deren forschenden Blick. »Ist was nicht in Ordnung? Ein Häubchen, wie die Bedienung in einem Wiener Café-Haus werde ich nicht aufsetzen. Das kannst du vergessen.«
   »Wie alt bist du?«
   »Fragt man das eine Frau?« Betty grinste. Sie hatte kein Problem damit, ihr Alter zu verraten. »Sechsundvierzig. Willst du lieber eine jüngere Bedienung?«
   »Quatsch. Ich habe dich für höchstens dreißig gehalten.« Das Mädchen klang immer noch verblüfft.
   »Tut mir echt leid, dich enttäuschen zu müssen.«
   »Das bin ich nicht, eher überrascht.«
   »Im positiven Sinne, hoffe ich.«
   »Na, aber hallo.«
   »Herzlichen Dank.« Betty schaufelte bereits Kaffeepulver in die Filtermaschine. Es konnte nicht schaden, gut vorbereitet zu sein.
   Keinen Tag älter als sechsundzwanzig.
   Betty hörte Fynn vor sich hinlachen. Ja, ja, du willst dein altes Mütterlein nur aufziehen.
   Nein, kleine Mama. Du siehst doch selbst, wie die Leute reagieren.
   Frechdachs. Und schon war er wieder weg und ließ sie verwirrt zurück. Sollte sie jetzt lachen über seine liebevollen Scherze oder weinen, weil er sich bereits wieder in Luft aufgelöst hatte?
   Betty spürte, dass Cosima sie anstarrte.
   »Redest du mit jemandem?«
   »Eine dumme Angewohnheit«, log sie. Wie sollte sie dem Mädchen auch erklären, dass sie mit ihrem toten Kind in Verbindung stand? Das kapierten ja nicht mal ihre erwachsenen Mitmenschen. Sie hatte sich angewöhnt, vom Thema abzulenken. »Hast du einen Freund?«
   »Derzeit genieße ich mein Leben.«
   Nicht schlecht, Mädel. »Eine reife Einstellung für dein Alter.«
   Cosima stieß ein Lachen aus.

Die Fahrradtouristen kamen in Scharen und waren sehr hungrig. Betty kassierte eine vierköpfige Familie ab, als sich bereits ein weiteres Pärchen auf dem Hof nach einer Sitzgelegenheit umsah, weil alle Tische besetzt waren.
   So ging es in einem fort. Kein Wunder bei dem herrlichen Wetter. »Guten Tag, wie wäre es, wenn Sie sich unser Kuchenangebot im Inneren der Café-Stube ansehen und ich bereite indes die Plätze für Sie vor?«, schlug Betty den neuen Gästen vor.
   Als sie ihnen den Weg wies und voranging, um einen Küchenlappen zum Abwischen des Tisches zu holen, lächelte Cosima ihnen bereits entgegen.
   »Willkommen im Hof-Café. Darf ich Ihnen unsere Kuchenpalette präsentieren?«
   »Das sieht alles großartig aus«, schwärmte die Frau. »Sie sind ja ein wahrer Geheimtipp.«
   »Danke schön.« Cosima strahlte. »Wir haben heute Himbeer-Joghurt-Torte, Kirschstreuselkuchen, Karamell-Muffins, Rhabarber-Baiser-Kuchen und Früchte-Joghurt-Dessert mit Erdbeeren.«
   »Alles selbst gemacht?«
   »Jawohl«, antwortete Cosima voller Stolz.
   Betty sauste wieder nach draußen, wischte den Tisch ab, ordnete die Getränkekarte im Halter und schob die Vase, die von Hedi liebevoll mit frischen Fliederzweigen bestückt worden war, wieder in die Mitte.
   »Ich sehe, es läuft gut«, sagte Tina Lenz, die eben mit ihrem gut aussehenden Lover über den Hof schlenderte.
   Jakob nickte ihr zu, Betty nickte zurück. Man sah den beiden ihre Verliebtheit an.
   »Sieh zu, dass du dir zwischendurch ein Stück Kuchen angelst und am Abend, wenn die Gäste vom Hof sind, wird gegrillt. Da legst du die Füße hoch und wir bedienen dich. Was hältst du davon?«
   »Klingt perfekt.«
   »Bis dann, wir gehen mit Pepper spazieren.«
   Betty sah ihnen hinterher und eine Sekunde lang verspürte sie einen Stich im Herzen. Einst waren sie und ihr Mann auch so mit ihrer Schäferhündin durch Wald und Flur gestreift. Das schien eine Ewigkeit zurückzuliegen.
   Du darfst dir nicht wünschen, was du nicht haben kannst. Eine der Lektionen, die sie im Laufe der vergangenen Jahre gelernt hatte. Sie musste sich schließlich selbst schützen, wenn kein anderer es tat. Betty hatte vor einiger Zeit beschlossen, dass sie genug gelitten hatte. Sie wollte noch ein kleines bisschen Freude erleben. Für sich, für ihre Seele und für Fynn. Sie lebte für Fynn mit, weil er es nicht mehr konnte.
   Denk nur nicht, weil ich jetzt weiser geworden bin, kannst du mich allein lassen.
   Keine Antwort.
   Fynn.
   Verdammt noch mal. Wo war ihr Engelkind hin?
   Zum Feierabend räumte Betty eine Ladung sauberes Geschirr aus dem Spüler der Kantine. Felicitas, Tinas Tochter, half ihr beim Hinübertragen in die Café-Stube.
   Betty bedankte sich.
   »Alles klar. Mutti, Jakob und ich bereiten den Grillabend vor. Wenn ihr drüben so weit seid, gibt es Abendbrot.«
   Ihr Magen antwortete mit einem Knurren und das Mädchen musste lachen. Dann verschwand sie wieder in der Kantine.
   Betty stellte die Tellerstapel in Oma Kluges Büffet. Dann nahm sie die Bestecklade heraus, um die Kuchengabeln und Teelöffel schneller einordnen zu können. Cosima packte die wenigen übrig gebliebenen Kuchenstücke in Plastikdosen und beschriftete diese ordentlich. Sie erklärte Betty, dass sie im Gefrierschrank oder im Kühlschrank ihrer Gemeinschaftsküche stets kleine Kuchenportionen deponierte, wovon sich jeder der Bewohner nach Lust und Laune bedienen konnte. »Nur die Dosen brauche ich sauber zurück.«
   »Ist doch selbstverständlich.« Betty wandte sich um, dem Küchenbüffet entgegen.
   »Hallo, hier sieht es ja urig aus.«
   Sie erstarrte. Der Besteckkasten entglitt ihren Händen und fiel mit lautem Scheppern zu Boden. Diese Stimme hätte sie überall auf der Welt erkannt. Rasch bückte sich Betty. Zum einen musste sie das Besteck wieder einsammeln, zum anderen kniete sie nun zwischen Küchenbüffet und Kuchentresen und war damit für den späten Gast unsichtbar. Sie spürte das Blut in ihren Ohren rauschen, zwang sich aber zur Ruhe.
   »Es tut mir leid, wir haben eigentlich schon geschlossen«, flötete Cosima.
   »Schade. Ich habe es eben erst entdeckt und war neugierig.«
   »Einen Kaffee könnte ich Ihnen anbieten und etwas Kuchen ist noch übrig. Ich fürchte, die Auswahl ist nicht mehr sehr groß.«
   »Macht nichts. Kaffee trinke ich sowieso nicht. Wie gesagt, eigentlich wollte ich mich nur umsehen, nachdem ich das Schild am Tor gesehen habe.«
   Wer es glaubte. Betty war nicht blöd. Sie konnte sich gut vorstellen, was er hier suchte. Besser, sie blieb, wo sie war und rührte sich nicht von der Stelle.
   »Ich wusste gar nicht, dass es hier ein Café gibt.«
   »Noch nicht sehr lange. Wir öffnen auch nur an den Wochenenden in der warmen Jahreszeit.«
   »Stammt die Idee von dir?«
   Typisch, dass er das Mädchen duzte.
   »Ja, ganz allein meine Idee.«
   Betty spürte, wie sich Cosima bei diesen Worten kerzengerade aufrichtete.
   »Respekt.«
   »Danke schön.« Sie hörte das Lächeln in Cosimas Stimme. »Sind Sie mit dem Fahrrad hier?«
   Er stieß ein verächtliches Schnauben aus. »Nein, das überlasse ich den Bürohengsten.«
   »Verstehe.«
   »Hat ja neuerdings jeder den Spleen, man müsse das Radfahren neu entdecken. Ich bin tagsüber genug in Bewegung. Du sicher auch, wenn ich mich hier so umsehe.«
   »Das ist wahr.«
   »Wohnst du auf dem Hof?«
   »Ja, wir haben hier einen Mehrgenerationen-Hof gegründet.«
   »Sieh mal einer an. Gab es hier nicht eine Tierarztpraxis?«
   »Stimmt. Die gibt es noch. Beziehungsweise wird demnächst wieder betrieben. Sie sind wohl von hier?«
   »Richtig. Diese Straße war früher mein Jagdgebiet, könnte man sagen.«
   Allerdings.
   »Den Proviant für Ihre Jagd finden Sie zukünftig hier.« Cosima lachte.
   »Ich jage nicht mehr.«
   Wer’s glaubt.
   »Aber Sie sind doch in den besten Jahren«, zwitscherte Cosima.
   Mädel, lass das. Weise ihn mit irgendeinem Vorwand vom Hof und gut ist. Aber Cosima dachte überhaupt nicht daran.
   »So?«, er klang amüsiert. »Sagt wer?«
   »Ich.«
   »Ein blutjunges Ding …« Er brach den Satz mittendrin ab.
   Betty stellten sich die Nackenhaare auf. Sie spürte, dass er näherkam, ohne dass sie einen seiner Schritte hörte. Ob sie besser dicht an den Tresen kriechen sollte?
   »Wen haben wir denn da?«
   Zu spät. Sie tat, was sie längst hätte tun sollen. Sie sammelte das Besteck auf.
   »Alles heil geblieben?«
   Wie man’s nimmt. Sie nickte nur, hielt den Kopf weiterhin gesenkt und klaubte die letzten Teelöffel vom Boden.
   »Soll ich helfen?«, bot er an.
   Nein! Ihre innere Stimme kreischte beinahe, während sich ihr Blick erdwärts bohrte.
   »Wie lange willst du noch da unten hocken? Denkst du wirklich, ich kriege es nicht mit?«
   Zwecklos. Als sie sich aufrichtete, spürte sie, dass Cosima von einem zum anderen blinzelte. Betty hatte keine Lust, sie anzusehen. Ihn ebenso wenig, aber es blieb ihr nichts anderes übrig. Und schon geriet ihr Herz ins Stolpern.
   »Kennt ihr euch?«, fragte Cosima.
   Flüchtig.
   »Ich bin Mattis«, sagte er beinahe fröhlich. »Bettys Mann.«
   »Exmann. Wir sind geschieden.«
   »Seit wann?«
   »Das weißt du genau.«
   »Wir leben vorübergehend getrennt.«
   »Für immer.«
   »Das klingt hart.«
   »Aus Kostengründen haben wir uns nicht scheiden lassen.«
   »Ich glaube, das trifft es.«
   »Im Grunde unerheblich. Wir sind nicht mehr zusammen.«
   »Daran könnte man arbeiten.«
   »Sofern man will.«
   »Stimmt.«
   »Äh, ich mache besser die Fliege. Kommt mir vor, als möchtet ihr ungestört sein«, sagte Cosima.
   »Nicht unbedingt.«
   Doch das Mädchen flitzte bereits nach draußen.
   »Was willst du?«
   »Ist das eine angemessene Begrüßung nach so langer Zeit?«
   Die einzige, zu der ich fähig bin. »Ben hat mich verpetzt, stimmt’s?«
   »Na, hör mal.«
   »Ihr beide seid doch praktisch eins.«
   »Und das gefällt dir nicht.«
   »Unsinn.«
   »Ich habe ihn bereits eine Weile nicht gesehen. Wir telefonieren nur.«
   »Mehrmals am Tag.«
   »Warum nicht? Er ist mein Sohn.«
   Der einzige, den ich noch habe, stand in seinen Augen. Diesen Augen mit dem Mix aus grau-grün-silber, in denen früher stets ein Lächeln gewohnt hatte.
   »Du wirst immer zwei Söhne haben.« Er senkte den Blick, nicht rasch genug.
   Sie sah das Glänzen von Tränen und war versucht, sich an ihn zu schmiegen. Nur ganz kurz, dann war es vielleicht nicht so gefährlich. Aber sie blieb, wo sie war.
   »Geht es dir gut?«, fragte er leise.
   »So gut es mir möglich ist, ja.«
   »Verstehe.«
   »Ich wollte Ben das alles hier zeigen. Aber er kam nicht zu unserer Verabredung.«
   »Du kennst ihn doch.«
   Betty nickte, wandte sich um und schob den Besteckkasten in die Lade. »Er weicht mir aus.«
   »Das bildest du dir ein.«
   »Klar, dass du ihn verteidigst. Ihr seid aus demselben Holz geschnitzt.«
   »Ich weiche dir nicht aus. Wäre ich sonst noch hier?«
   Sie unterließ es, ihn darauf hinzuweisen, dass er sich beinahe jahrelang kaum zu Hause hatte blicken lassen. Was brachte es jetzt noch, alles wieder durchzukauen? Was vorbei war, war eben vorbei.
   »Ich sage Ben Bescheid, dass er zu dir fahren soll.«
   »Nee, lass mal. Wenn er es nicht von sich aus möchte, braucht er nicht zu kommen.«
   Mattis seufzte. »Und sonst? Gibt’s was Neues?«
   »Das siehst du ja.« Betty hatte allerdings das Gefühl, dass er wollte, dass sie ihn das fragte. Na gut, es war keine besondere Mühe. »Und bei dir?«
   »Ich habe ein Jobangebot bekommen.«
   Es hatte sich nichts geändert. Sein einziges Gesprächsthema blieb die Arbeit. Was erwartete sie von einem Workaholic?
   »Schön für dich.«
   »Sei nicht gleich so schnippisch.«
   Sie stieß einen verächtlichen Laut aus.
   Er ging nicht darauf ein, was bedeutete, dass er heute Abend gut drauf war. »Nicht, was du denkst«, erklärte er ihr.
   Sie dachte gar nichts.
   »Eine Festanstellung in einer Wohnungsbaugesellschaft.«
   Sie hatte sich wohl verhört.
   »Kranken- und rentenversichert, feste Arbeitszeiten, Urlaubstage – das hast du doch immer gewollt.«
   Aber es war nicht danach gegangen, was sie gewollt hatte. »Wirst du annehmen?« War er deshalb hier? Um ihr das mitzuteilen?
   Er zuckte mit den Schultern.
   »War ja nicht anders zu erwarten.«
   »So einfach ist das nicht.«
   »Was gibt es da lange zu überlegen?«
   »Du verstehst es nicht.«
   »Ich habe halt ein Spatzenhirn.«
   »Wärmst du wieder die alten Kamellen auf?«
   Sie befanden sich in einem typischen Ehestreit. Etwas, was Betty nicht mehr wollte. »Nett, dass du vorbeigeschaut hast. Nun weißt du ja, wo ich wohne. Ich wünsche dir, dass du die richtige Entscheidung triffst.«
   »Schmeißt du mich jetzt raus?«
   Blitzmerker.
   »Betty, wir wären dann so weit. Möchtest du Fleisch oder eine Bratwurst?«, rief Cosima von der Tür aus.
   »Ich habe hier noch zu tun.« Sie griff zum Lappen und wischte unsichtbare Kuchenkrümel vom Tresen.
   »Nein, hat sie nicht«, sagte Mattis leise.
   »Den Rest erledigen wir morgen gemeinsam. Komm schon. Und Sie sind natürlich auch eingeladen.« Cosima lächelte Mattis freundlich an.
   Das wurde ja immer schöner. »Er wollte gerade gehen.«
   »Wollte ich das?«
   »Es ist Samstagabend. Haben Sie heute noch etwas anderes vor?«
   »Er arbeitet viel und gern, musst du wissen, Cosima. Da hat er für so einen geselligen Abend unter Freunden keine Zeit.«
   »Vielleicht nehme ich mir die Zeit?«
   »Eine gute Idee. Wir würden uns freuen, Bettys Mann kennenzulernen.«
   »Na, wenn das so ist.«
   Der Esel wollte doch nicht etwa annehmen? Und es hatte kaum Überredungskünsten bedurft. Einen Moment lang war sie baff.
   Cosima lachte ihn freundlich an. »Steak und Bier?«
   »Sehr gern. Vielen Dank.«

*

Mattis fühlte sich sofort wohl in dieser Gemeinschaft. Er mochte besonders den sympathischen Jakob, der demnächst wieder seine Tierarztpraxis eröffnen würde. Sie unterhielten sich über die Haltung von glücklichen Rindern, Schweinen, Schafen und Geflügel.
   Das Steak schmeckte hervorragend. Jakob wusste mit Sicherheit, wo er sein Fleisch kaufte. Seine Freundin Tina war eine Augenweide, für Mattis Geschmack jedoch einen Tick zu üppig gebaut, besonders um den Hintern herum. Aber sie schien nett zu sein, fröhlich und unbeschwert. Anders als Betty. Was jedoch kein Wunder war. Betty hatte genug durchgemacht. Sie beide hatten das. Und es würde niemals mehr gut werden. Wenn dein Kind von einem Augenblick zum anderen stirbt, ist nichts mehr, wie es einmal war. Vielleicht wären sie noch ein Paar, wenn Fynns Unfall nicht passiert wäre. Sehr wahrscheinlich sogar. Sie kannten sich eine halbe Ewigkeit. Als Kind hatte er sie geneckt und an ihren Zöpfen gezogen. Damals war er sechs und Betty vier gewesen. Sie hatte ihn verabscheut. Das änderte sich, als er sie elf Jahre später wieder traf. Genau in dieser Straße. Seltsam, wie das Leben so spielte. Er sah den herrlichen überdachten Sitzplatz, den gepflegten, gepflasterten Hof, die netten Nachbarn, die füreinander da zu sein schienen. Kein Wunder, dass sich Betty hier wohlfühlte. Sie war von jeher ein harmoniesüchtiger Mensch, wie alle Waagegeborenen. Wie er selbst. Aber Betty und er unterschieden sich sehr in ihren Lebensauffassungen. Früher hatte er das anders gesehen. Sie offenbar auch, sonst hätte sie ihn nicht geheiratet vor sechsundzwanzig Jahren. Immerhin hatte sie ihm einen Antrag gemacht. Das war putzig gewesen. Betty hatte sich noch nie um Konventionen geschert. Das hatte ihm imponiert. Offenbar hatte sie den Kampf gegen die Einsamkeit gewonnen. Anders als er. Sie war aufgeblüht. Sah nicht mehr so erschreckend grau und gebeugt aus wie nach Fynns Tod. Damals hatte sie in Nullkommanichts fast fünfzehn Kilo verloren. Und das bei einem Gewicht von fünfundfünfzig Kilo. Er hatte ihren Anblick, ihr Dahinwelken kaum ertragen können und war rastlos unterwegs gewesen. Hatte sie tage- und nächtelang allein gelassen. Über Wochen, Monate, im Grunde über Jahre. Er konnte nicht in ihre Augen sehen, die denen von Fynn so ähnelten. Überhaupt erinnerte vieles an ihr an Fynn. Sie waren sich so unglaublich ähnlich. Sie besaßen dieselbe Seele. Genauso verhielt es sich mit Ben und ihm. Du bist machtlos, wenn dich eine solche Liebe trifft. Und je intensiver diese Liebe ist, desto größer ist der Schmerz, wenn du um diesen Menschen trauerst. Das zwischen Fynn und seiner Mutter war von jeher etwas Besonderes gewesen. Das spürten sogar Außenstehende. Jeder hatte ihr die tiefe Verwundung angesehen. Manche hatten sogar geglaubt, Betty würde dies nicht überleben. Und es hatte tatsächlich Augenblicke gegeben, als alles auf Messers Schneide stand. Aber sie hatte sich aufgerappelt, Schritt für Schritt, von einer unsichtbaren Macht getrieben. Wo nahm diese zierliche Frau ihre Stärke her? Er wusste es immer noch nicht. Wie stellte sie es an, dass sie alles, was sie wollte, konsequent in die Tat umsetzte? Wieso kam sie so viel besser klar als er, wo sie doch offensichtlich so viel mehr gelitten hatte? Und es weiter tun würde. Ihre Stärke war es, die ihm imponiert und ihn gleichzeitig abgestoßen hatte.
   Das Vibrieren des Handys in seiner Jeans lenkte ihn von den Gedanken ab. Er zog es aus der Tasche und blinzelte auf das Display.
   »Noch ein Bier, Mattis?«
   »Nein, danke, Hajo. Ich muss noch fahren. Eine Cola wäre nett.«
   »Haben wir hier so etwas Ungesundes?«, fragte Jakob streng.
   »Ja, Papa. Feli und Tom haben Cola im Keller gebunkert«, platzte ein Dreikäsehoch mit dunklen Augen heraus.
   »Du kleine Kröte«, sagte ein Gothic-Mädchen mit verärgertem Gesicht.
   »Darüber unterhalten wir uns noch.«
   Seine Freundin legte Jakob ihre Hand auf den Oberschenkel. »Du kannst ihnen das Zeug nicht strikt verbieten, dann trinken sie es heimlich. Lass sie es lieber in kontrollierten Dosen zu sich nehmen. Irgendwann kommt die Vernunft von allein, glaub mir. Verbote bringen nichts.«
   Jakob lenkte ein.
   Mattis grinste ihn an und schob das Handy zurück in die Tiefe seiner Hosentasche. Er hatte keine Lust, mit einem seiner Kunden über einen Wasserzähler, eine Wärmepumpe oder ein tropfendes Ausdehnungsgefäß zu reden. Es war Samstagabend. Er hatte es satt, immer bereit zu sein.
   »Was sehen meine trüben Augen?« Betty stand plötzlich hinter ihm.
   Er konnte sich vorstellen, worauf sie anspielte.
   »Gehst du etwa nicht an dein Handy?«
   »So sieht’s aus.«
   »Ich muss mich schon sehr wundern. Früher bist du doch immer drangegangen. Du hattest Entzugserscheinungen ohne dein Mobiltelefon.«
   Stets absprungbereit, sie hatte recht. »Im Alter ändern sich manche Männer«, konterte er.
   Sie brach in schallendes Gelächter aus. Schön, sie so erheitert zu sehen. Es war lange her. Viel zu lange.
   »Darf ich nicht auch mal die Nase voll haben?«, fragte er leise.
   Sie setzte sich auf den frei gewordenen Stuhl neben ihn. »Wovon?«
   »Von … allem? Der Arbeit?«
   »Ich habe nicht mehr daran geglaubt, diesen Satz jemals von dir zu hören.«
   »Ich weiß.«
   Das Gothic-Mädchen servierte ihm eine eisgekühlte Cola. Wunderbar. Mattis bedankte sich mit einem Lächeln und einem flüchtigen Nicken. Er nahm einen kräftigen Zug und genoss das zuckersüße Getränk. »Ich bin müde.«
   Sie begriff sein Geständnis und nickte. Offenbar hatte sie es seit Langem geahnt. In solchen Dingen war sie echt gut. Sie wusste oft, wie sich ihr Gegenüber fühlte, ohne dass es demjenigen selbst bewusst war.
   »Guter Ausgangspunkt«, war alles, was sie dazu zu sagen hatte.
   »Ich glaube, ich nehme den Job an.«
   »Warum erzählst du mir das?«
   »Du bist meine Frau.«
   »Nicht mehr.«
   »Sollte es so sein, bedaure ich es sehr.«
   Sie warf ihm einen ihrer typischen schrägen Blicke zu.
   Mattis grinste sie an. »Hast du wohl nicht erwartet?«
   »Was soll das alles? Ausgerechnet jetzt? Wo es mir ein bisschen besser geht. Wo ich mich mühsam wieder hochgerappelt habe.«
   »Ich hoffe, du willst mir nichts unterstellen und glaubst mir, dass ich rein zufällig auf dem Hof gelandet bin.«
   Sie grübelte bereits darüber nach, er kannte sie schließlich.
   »Wir werden sehen. Früher oder später kommt alles raus.«
   »Soll heißen?«
   »Genau das, was ich gesagt habe.«
   »Willst du mir wieder nachschnüffeln?«
   Sie prustete. »Das muss ich gar nicht. Die Tatsachen landen irgendwann von allein bei mir. Wer sich vertraut, braucht niemandem nachspionieren.«
   »Eben.«
   »Dir kann man nicht vertrauen. Schon vergessen?«
   »Du gibst keine Ruhe.«
   »Streich mich aus deinem Leben, dann hast du diese Sorge nicht.«
   »Und was ist, wenn ich das nicht will?«
   »Es geht aber leider nicht immer danach, was man will.«
   Wie wahr. Er hatte sich sein Leben grundsätzlich anders vorgestellt. Vor allem hatte er Fynns Tod nicht gewollt.
   Er hatte ebenso wenig die Verschuldung gewollt und auch nicht die Trennung von Betty, seiner ersten, seiner einzigen großen Liebe. Wenn sie einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben gezogen hatte, warum war sie dann zurückgekommen?
   »Hast du das mit Simone Bernau gehört?«, fragte sie plötzlich leise.
   »Ja.« Immerhin stand es in allen Zeitungen.
   »Die Polizei war bei mir.«
   Er trank die restliche Cola aus und erhob sich. Dann nickte er Betty leicht zu. Kommst du?, suggerierte er.
   Sie begriff die Geste und folgte ihm, während er langsam über den Hof schlenderte.
   »Was wollten die Bullen? Haben die nichts anderes zu tun?«, fragte er.
   »Ich nehme an, sie machen ihre Arbeit und nehmen sich jeden vor, der nicht freundschaftlich mit Simone Bernau verbandelt ist. Man nennt das wohl Aufklärung eines Verbrechens.« Sie bediente sich gern der Ironie, wenn sie jemanden zurechtwies.
   Er hatte kapiert. »Und wenn schon. Die Alte hat es verdient.«
   »Da sind wir mal einer Meinung. Das war selten in der vergangenen Zeit.«
   »Was hast du den Bullen erzählt?«
   »Genau das.«
   Er zuckte zusammen. War sie sich überhaupt bewusst, dass sie damit bereits mit einem Fuß im Knast stand? Aber Schneid hatte sie ja schon immer gehabt. Dafür hatte er sie bewundert. Das hatte er ihr leider viel zu selten gesagt. »War das klug?«
   »Ob mir das egal ist?«
   Ja, klar, er verstand sie nur zu gut.
   »Wenn die Polizei fest davon überzeugt wäre, dass ich es war, hätte man mich längst verhaftet.«
   Da war was dran.
   »Weiß Ben, wo die Bernau gewohnt hat?«
   »Ich glaube nicht«, antwortete Mattis. Oder sollte er besser sagen, er hoffte nicht. Wenn bei Ben eine Sicherung durchbrannte, wäre er dazu imstande. Er hoffte sehr, dass er sich irrte. Betty hatte bestimmt längst darüber nachgedacht. Plötzlich hielt er die Ungewissheit nicht länger aus. Er musste dringend mit seinem Sohn telefonieren. »Ich sollte jetzt gehen.«
   »Okay.« Sie hielt ihn nicht zurück.
   Hatte er das wirklich erwartet? »Bringst du mich noch zum Tor?«
   Sie verdrehte die Augen, wies ihm aber den Weg in Richtung Ausgang. Er erinnerte sich, wie sie im Sommer 1982 im Haus seiner Tante schräg gegenüber einen Teil ihrer großen Ferien verbracht hatte. Sie hatte Cord-Latzhosen, T-Shirt und einen Strohhut getragen und ihn an einen kleinen Bruder, den er nicht gehabt hatte, denken lassen. Seine Cousine und sie hatten sein Moped geputzt, ohne dass er zunächst eine Ahnung davon hatte. Bis seine Cousine es ihm am Nachmittag gesteckt hatte. Als er abends schließlich vom Hof fahren wollte, bat er sie, das Tor aufzuschließen. Nicht seine Cousine, die eigentlich hier wohnte. Betty war ihm gefolgt. Mattis war auf sein Moped gestiegen, hatte den Motor gestartet und war angefahren. Doch als er sich auf derselben Höhe wie sie befand, hatte er sich zu ihr gebeugt und sie geküsst. Lange. Intensiv. Und irgendwann hatte er nicht mehr gewusst, wer hier wen küsste. »Danke fürs Moped putzen.« Mehr hatte er nicht herausgebracht und war Richtung Havel davongebraust. Seitdem war es um ihn geschehen. Betty war ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Knapp fünf Jahre später hatten sie geheiratet.
   Jetzt standen sie wieder zusammen in einem Tor. Er konnte nicht widerstehen, beugte sich zu ihr und küsste sie. Allerdings nicht annähernd so ausgiebig wie damals. Er wollte nicht riskieren, dass sie ihm gegen das Schienbein trat.
   »Was soll das?«, fauchte sie.
   »Es war nur ein harmloser Kuss zum Abschied.«
   »Wir wollen nicht wieder in alte Verhaltensmuster fallen.«
   Ihre schnippische Art amüsierte ihn. »Ich hätte nichts dagegen.«
   »Nee, ist klar.«
   Dann schien sie zu erstarren. Mattis folgte ihrem Blick.
   »Das ist dein Wagen?«, fragte sie.
   Was denn sonst? Schließlich war der silberne Laguna das einzige Fahrzeug weit und breit. »Gefällt er dir nicht? Ich habe ihn mir von Ben geliehen.«

Kapitel 6
Engelfurcht

Ekelhaft. Sie begannen bereits zu stinken. So konnte es leider nicht weitergehen. Immerhin hatte er noch ganze drei Tage in dem Häuschen verbringen können, um in aller Ruhe sein Vorgehen zu planen. Er gratulierte sich im Nachhinein zu der Idee, in der Diakoniestation anzurufen und sich als Neffe der beiden Alten ausgegeben zu haben. Alle Angaben, die er benötigte, lagen im Nachtschrank der Oma neben ihrem Pflegebett. Es ging doch nichts über Ordnung in den Papieren. Er kicherte vor sich hin. Das reinste Kinderspiel, der Dame am anderen Ende der Leitung klarzumachen, dass er für die Dauer seines Besuches für Tante und Onkel sorgen würde. Wann genau er wieder abreise, wisse er noch nicht. Er warte auf einen Anruf seines Arbeitgebers. Herrlich, diese fadenscheinigen Erklärungen und er würde zunächst unbehelligt bleiben. Nach dem Telefonat bezog er seinen Beobachtungsposten auf dem Lieblingsplatz des Alten, einem abgewetzten Sessel vor dem Wohnzimmerfenster. Hier hatte er die Straße im Blick und sah, wie die Bullen am Nachmittag vom Grundstück gegenüber abrückten. Abends zog er die Vorhänge zu, ließ die Fensterläden aber offen, um nicht gesehen zu werden, wenn er sie von außen schloss. Im Keller fand er Kartoffeln, die er kochte und anschließend mit Schinkenspeck und Eiern briet. Auf dem Lande wusste man sich noch ordentlich zu bevorraten. Das lobte er sich. Später machte er es sich vor dem Fernseher bequem.
   Doch leider, leider musste er hier seine Zelte abbrechen. Selbst wenn es nicht zum Himmel müffeln würde, gab es keinen anderen Weg. Immerhin wollte er noch mit einer Person abrechnen. Sie war an allem schuld. Seine Mutter. Hätte sie seinen Vater nicht verlassen, stünde er jetzt nicht hier.
   Eine Zeitung landete durch den Briefschlitz klatschend auf dem Fußboden im Hausflur. Er angelte sie mithilfe des Besens hoch, um zu verhindern, dass sie von der riesigen Blutlache beschmutzt wurde. Im Kleiderschrank der alten Leute suchte er nach einer Jacke, die weniger auffällig war als seine. In die Innentasche steckte er die Zeitung, lief in den Garten und um das Haus herum auf die Straße. In der Jackentasche befand sich außerdem die Geldbörse seines Onkels. Schade, dass sie nur eine sehr kurze Bekanntschaft gehabt hatten.

*

Lars schüttelte immer noch den Kopf. Die Tatwaffe im Fall Simone Bernau hatte die KT bedauerlicherweise nicht gefunden, dafür aber etwas anderes. Sowohl AFIS, die Datenbank zum Abgleich für Fingerabdrücke, als auch die DAD, die DNA-Analysedatei konnten einwandfrei Spurenmaterial zuordnen. Hundert Prozent Übereinstimmung zu Ralf Schnückrich. Das passte wiederum zur Vorgehensweise dieses kaltblütigen Soziopathen. Hinsichtlich des Hinterlassens von Spuren war der Mann nicht nur leichtsinnig, sondern geradezu sorglos. Ein viel größeres Rätsel war es freilich, dass das Spurenmaterial erst vom zweiten KT-Team sichergestellt worden war. Weil es zuvor keine Spuren gegeben hatte. Daran ließ sich nicht rütteln. Die Vermutung lag nahe, dass Schnückrich nichts mit dem Mord an Simone Bernau zu tun hatte. War der Kerl nur zufällig dort vorbeigekommen?
   Es bedeutete aber vor allem auch, dass Familie Olschewski wieder im Rennen der Hauptverdächtigen war.
   Er musste unbedingt mit Ben Olschewski und dessen Vater sprechen. Offiziell waren beide unter derselben Adresse gemeldet, praktisch jedoch traf man dort nie jemanden an.
   »Lars, das hier ist interessant für dich.« Bine stand neben ihm, während er immer noch auf die Berichte der Spurenanalyse starrte. Unwillig hob er den Kopf.
   »Soeben ging eine Meldung von der Schutzpolizei ein. Sie haben einen Anruf von der Diakoniestation in Rathenow erhalten. Eine ihrer ambulanten Pflegerinnen wollte sehen, wie es ihren Patienten ging, einem alten Ehepaar aus Bamme, von dem sie seit Tagen nichts mehr gehört hatte.«
   Lars stellten sich bereits die Nackenhaare auf.
   »Und jetzt halt dich fest. Die Pflegerin verschaffte sich mit dem Schlüssel Zugang zum Haus der Plonskes. Sie fand gleich hinter der Tür den alten Mann auf bestialische Weise ermordet vor. Die alarmierten Polizisten entdeckten schließlich auch die Frau, die vermutlich erstickt wurde. Das Kopfkissen lag noch auf ihrem Gesicht. Ihr Haus befindet sich gegenüber Simone Bernaus.«
   »Dieser Scheißkerl war die ganze Zeit über da, als die KT im Einsatz war. Ich wette, der alte Mann hat Schückrich gesehen und musste als Augenzeuge beseitigt werden.«
   Sein Vorgesetzter und Leiter der SOKO Bernau betrat mit dem Chef der Ermittlungsgruppe Schnückrich das Büro. Lars erhielt den Befehl, nach Bamme zu fahren.
   Jens und der Kollege aus der Ermittlungsgruppe begleiteten ihn. Während der Fahrt herrschte bedrücktes Schweigen im Wagen. Keiner war scharf auf das, was sie in Kürze zu sehen bekommen würden.
   Lars Magen fühlte sich flau an, seit Bine Meldung gemacht hatte. Das verstärkte sich, je näher sie der Ortschaft kamen. Seine Erwartungen wurden übertroffen. Die Szenerie, die sich ihnen bot, war grauenhaft. Aber was ihm am meisten zu schaffen machte, war der Verwesungsgestank. Wie hielten die Gerichtsmediziner das nur aus? Konnte sich überhaupt ein Mensch je daran gewöhnen? Lars machte auf dem Absatz kehrt, hastete in den Garten und übergab sich.
   Beide Opfer trugen Schnückrichs Handschrift. Sie waren einfach nur kaltgemacht worden, weil sie ihm im Weg gewesen waren. Die KT würde genug Spuren finden, die auf Schnückrichs zeitweisen Aufenthalt hinwiesen, davon war Lars überzeugt, als er sich wieder einigermaßen im Griff hatte. Jens legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er war selbst kreidebleich, die Lippen zu einem schmalen Schlitz zusammengekniffen.
   Bevor sie gezwungenermaßen zurück ins Haus gingen, füllten sie ihre Lungen mit frischer Luft.
   Nur flüchtig dachte Lars noch einmal an Ben Olschewski und war sich nicht sicher, was ihn in diesem Zusammenhang so sehr beunruhigte. War der junge Mann von der Bildfläche verschwunden, weil er sich verstecken wollte? Möglicherweise, weil er Simone Bernau umgebracht hatte? Oder war auch er ein zufälliges Opfer Schnückrichs geworden? Doch dann forderte das ermordete Ehepaar Plonske seine ganze Aufmerksamkeit.

*

Betty hatte sich bereits einen Lieblingsplatz auserkoren. Sie mochte zwar den Innenhof, der fast ständig von ihren Nachbarn frequentiert wurde und wo sich die Gemeinschaftssitzplätze befanden, aber sie zog sich mit dem Hochlehnstuhl am liebsten unter dem Apfelbaum zurück. In seinem Schatten las, schrieb oder nähte sie. So wie jetzt, wo sie die Konturen eines applizierten, leicht krummen Country-Herzens in Doppelreihe quiltete.
   »Du bist auch ein Patchworkfan?«
   Betty hob den Kopf und sah in das erstaunte Gesicht von Tinas ältester Tochter. Die finster mit schwarzem Kajal umränderten Augen sahen freundlich zu ihr herunter.
   »O ja. Ich quilte bereits seit Jahren.«
   »Dann haben sich die Richtigen gefunden. Ulkiger Zufall.«
   Betty glaubte nicht an Zufälle, aber Feli war dafür wahrscheinlich noch zu jung.
   Das Mädchen hob abrupt den Kopf und blickte sich suchend um. Sie wirkte verängstigt.
   »Stimmt etwas nicht?«
   Feli zuckte mit den Schultern. Offenbar war sie sich nicht sicher. Wahrscheinlich benahmen sich Mädchen in dem Alter seltsam. Bettys Söhne waren, was irgendwelche Spleens betraf, eher pflegeleicht gewesen.
   Wieder huschte der Blick des Mädchens umher. Betty wollte sie nicht aufziehen damit. Offenbar brachte ihr das bei Felicitas Pluspunkte ein.
   »Ich finde es ein bisschen unheimlich.«
   Besser, sie kommentierte den Satz nicht. Wenn die Kleine ihr vertraute, würde sie sich ihr schon näher erklären. Sie brauchte nicht lange zu warten.
   »In letzter Zeit ist hier … na ja. Ist mir, als wäre noch jemand hier.«
   »Du meinst, wir werden belauscht? Ein Schabernack von deiner kleinen Schwester?«
   »Nee. Es ist nicht irgendjemand, sondern eher irgendwas.«
   Betty war alarmiert. Sie hatte natürlich davon gehört, dass ein Häftling, Ralf Schnückrich, aus dem Maßregelvollzug ausgebrochen war. Nicht, dass der sich hier herumtrieb. Die Polizei suchte fieberhaft nach ihm, es stand in allen Zeitungen und sogar im Radio. »Du meinst diesen Verbrecher?«
   Feli schnappte laut nach Luft. »Zum Glück nicht. Ich sehe auch nicht wirklich jemanden. Es ist mehr so ein Gefühl. Das ist manchmal ziemlich stark, und wenn ich mich dann umblicke, ist da nur eine Kontur von einem …«
   Offenbar erwog sie, ob Betty sie auslachen würde. Daher nickte sie dem Mädchen aufmunternd zu.
   »Einem großen, dünnen, blonden Jungen. Er ist, wie soll ich sagen, in ein helles Licht getaucht. Aber wenn ich genauer hinsehen will, ist da nichts.«
   Mein Gott, sie sprach von Fynn.
   »Das macht mir Angst.«
   Muss es nicht, er ist lieb. »Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, für die gibt es keine logische Erklärung. Genauso wenig bedeutet es, dass gewisse Dinge, die wir nicht wirklich sehen können, nicht doch existieren. Das verstehst du vielleicht noch nicht.«
   »Nicht ganz, aber ich glaube, ich weiß, was du meinst. Ist es ein Geist? Oder eine Art Engel?«
   »Wie kommst du auf Engel?«
   »Des hellen Lichtes wegen.«
   Gut kombiniert, Mädchen. »So wird es sein. Ich glaube an Engel.«
   »Aha.« Ohne sich näher zu erklären, setzte sich Felicitas neben ihr ins Gras. Offenbar mochte sie ihre Gesellschaft. Darüber freute sich Betty. Sie unterdrückte ein Gähnen. In der vergangenen Nacht hatte sie nicht besonders gut geschlafen. Der Anblick des silbernen Lagunas am Vorabend hatte ihr einen gehörigen Schrecken eingejagt. Kein Wunder, dass sie immer wieder voller Angst hochgeschreckt war.
   Sie kannte diese Anfälle bereits, sie hatte sie jahrelang vor dem Unfall durchlebt. Wenn sie Mattis diesbezüglich Andeutungen gemacht hatte, hatte er suggeriert, sie hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank. Oder er wollte nichts davon hören. Jede Wette, dass es ihm unheimlich vorgekommen war. Aber das gaben Männer ja nicht zu.Begonnen hatte es mit Fynns Geburt. Was auch immer dafür verantwortlich zeichnete, der Hormonrausch allein konnte es nicht gewesen sein. Es kam ihr vor, als hätte ihr dieselbe Hebamme dasselbe Kind noch einmal in den Arm gelegt. Nur so konnte sie sich erklären, dass sie gestorben war und ihr Leben wie in einem Film vor ihrem geistigen Auge ablief. Das hatte man in den Medien schließlich oft genug gehört. Und dann war da auch noch dieses sagenhafte Strahlen. Ein Licht, wie sie es heller noch nie gesehen hatte. Sie war im Himmel gelandet. Das war definitiv anders als bei ihrer ersten Entbindung.
   Das Kind in ihren Armen bewegte sich und Betty begriff, dass sie lebte. Das Licht gehörte zu dem süßen, unglaublich schönen, kleinen Jungen. Dann der Schock: Nun war er geboren und somit würde er sterben müssen. Der Schmerz, der über sie herfiel, war gnadenlos und nahm ihr den Atem. Angst ließ ihr Herz schneller schlagen. Tränen schossen ihr in die Augen. Ich beschütze dich, ich beschütze dich … Jede einzelne Faser ihres Körpers machte sich zur Verteidigung bereit. Verteidigung des Kostbarsten, was sie hatte. Fynn. Eine gewaltige Liebe brach wie ein Tsunami in ihr Innerstes ein. Eine Liebe, die von nun an unerschütterlicher war als alles, was sie bisher gekannt hatte. Aber die Ahnung, sie würde dieses Kind verlieren, weil es jung sterben würde, blieb seitdem lauernd im Unterbewusstsein.
   »Ich nähe Überraschungsgeschenkkissen. Sie bringen anderen Menschen Freude.« Denn die Freude, die wir schenken, kehrt ins eigene Herz zurück …
   Das Gothic-Mädchen sah sie merkwürdig an. Das machte Betty nicht das Geringste aus. Seit Fynns Tod sahen viele Menschen sie so an. Das war egal.
   Ein wenig belustigend war es schon, dass sich Felicitas vor dem unbekannten Wesen fürchtete. Sie fühlte etwas, was nicht sein konnte. Die Energie einer Seele. Noch war sie zu jung, um zu begreifen. Und war sie erst alt genug, würde sie sich solche Gefühle wahrscheinlich nicht mehr erlauben. Ein Jammer.
   Betty war alt genug und ließ sie zu. Vielleicht lag es aber lediglich an der innigen Verbindung zwischen ihr und Fynn. Sie wollte ihn fühlen, selbst wenn sie nur Schmerz spüren würde. Hauptsache, er war noch da. Egal, wie. Betty fürchtete sich nicht vor dem, was sie fühlte, sondern vielmehr davor, dass sie ihn nicht mehr spüren konnte. Eines hoffentlich noch sehr fernen Tages. Ihr Herzschlag dröhnte ihr vor Angst in den Ohren. Plötzlich war ihre Kehle wie ausgedörrt.
   »Bis später.« Feli stand auf.
   Betty nickte, sie bekam kein Wort heraus. Hastig lief sie ins Haus, die Treppe hinauf in ihre Küche. Dort genehmigte sie sich ein Glas von dem köstlichen Apfelsaft, den sie im Saftladen am Ende der Straße gekauft hatte.
   Bitte Fynn, bitte, verlass mich nicht. Bitte, flehte sie. Und bitte, gib auf deinen Bruder Acht. Wo war Ben? Wenn nur nicht diese Kluft zwischen ihnen wäre. Es war vielleicht besser, sie ginge zurück in den Garten und quiltete am Kissen weiter. Das hatte noch immer ihre flatternden Nerven beruhigt.
   Auf halber Treppe nach unten rutschte einer ihrer Latschen von der Stufe. Sie würde böse stürzen und kniff die Augen zu. Betty spürte zwei starke Hände, die sich unter ihre Achseln schoben, zupackten, sie dazu verleiteten, ihren rechten Arm zu heben und ihn um den Handlauf zu wickeln. Der freie Fall wurde unterbrochen, bevor ihre Wirbelsäule auf der Kante aufschlug. Das Zerren der Muskeln in ihrem Arm schmerzte. Aber sie begriff, dass ein schlimmer Sturz verhindert worden war. Einen Herzschlag lang sah sie dieses helle, gleißende Licht.
   Fynn.
   Ja, kleine Mama.
   Du …
   Ich habe dich gehalten. Wie ich es immer tun werde. Vergiss das nie.
   Betty fühlte so große Freude, dass sie ihn umarmen und sich an ihn schmiegen wollte. Aber das war nicht mehr möglich. Tränen liefen über ihre Wangen. Fynn.
   Nicht weinen, kleine Mama.
   Okay. Was nun?
   Ich bin immer da. Aber ich muss mich auch um die anderen kümmern.
   Betty verstand das. Klar. Hilf Ben. Bitte.
   Mach ich ja. Dann ruf mich aber nicht immer zu dir.
   Entschuldige. Es ist nur …
   Ich weiß. Ich weiß es doch.
   Pass auf Ben auf.
   Ja, und auf Papa.
   Na, von mir aus. Was läuft da eigentlich gerade? Haben die beiden etwas mit dem Mord zu tun?
   Aber Fynn antwortete nicht mehr. Er tat bereits, worum sie ihn gebeten hatte. Lieber Junge.
   Sie hüpfte fast die letzten Stufen hinunter. Er hatte sie gehalten und gesagt, er würde immer da sein. Immer, immer, immer da sein.

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