Hortensia von Lindenthal genießt ihren Urlaub auf der traumhaften Pazifikinsel Big Island, Hawaii. Dort lernt sie den mysteriösen Engländer Ethan McGowann kennen und verliebt sich in ihn. Gemeinsam entdecken sie die wilde Schönheit der Insel. Zu diesem Zeitpunkt ahnt Hortensia nicht, dass sie die zentrale Rolle um ein uraltes Artefakt spielt. Plötzlich verschwindet ihre Freundin spurlos auf einer Ausgrabung. Als sich Hortensia mithilfe eines kryptischen Rätsels auf die Suche begibt, ahnt sie nicht, dass sie gefährliche Gegenspieler hat, die aufs Äußerste zu gehen bereit sind. Hortensia schlittert immer weiter in den verworrenen Fall hinein. Langsam beginnt sich ihr Traumurlaub, in einen furchtbaren Albtraum zu verwandeln aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Wie ein Kaleidoskop nach der letzten Drehung wird ihr schließlich das schreckliche Bild der Wahrheit präsentiert.

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Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-53-826-3

Seiten: 255

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Stefanie Keinath-Berk

Stefanie Keinath-Berk
Stefanie Keinath-Berk studierte an den City Colleges of Chicago Mathematik und Datenverarbeitung, folgte dann jedoch dem Ruf einer internationalen Airline, die bilinguale Flugbegleiter suchte. Angefangen 1994 in Los Angeles, transferierte sie drei Jahre später nach Frankfurt. Um geistig fit zu bleiben, immatrikulierte sie in Psychologie an der Fernuniversität Hagen. 2005 publizierte sie im Oertel + Spörer Verlag ihren historischen Roman „Gilberts Ring“. Nachdem sie festgestellt hatte, dass ihr das Schreiben mehr Spaß macht als Aristoteles und Freud, absolvierte sie ein Studium an der Journalisten-Schule in Berlin. Das Diplom frisch in den Händen, begann sie, Artikel für lokale Zeitungen zu schreiben. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Jungs in der Nähe von Stuttgart und wartet auf ihren Transfer nach Honolulu. Sie ist Mitglied in der Autorenvereinigung Syndikat, sowie im Deutschen Fach-Journalisten Verband.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Osaka, Japan, 1959
he l‘ihi i hala aku nei

»Wann kommt es endlich hier an?«, bellte Akaya ins Telefon. Sein Blick schweifte über die wertvollen Ölgemälde an den Wänden. Darunter befanden sich ein echter Paul Klee, Edvard Munch und Edgar Degas, doch in diesem Moment interessierte ihn das kaum. Er wartete auf das einzigartige Artefakt, das auf dem Weg nach Japan war.
   Eigentlich hätte es in spätestens vier Stunden auf einem kleinen, verborgenen Rollfeld in der Nähe von Osaka landen sollen. Ungeduldig trommelte Akaya mit den Fingerkuppen auf dem fragil wirkenden Mahagonitischchen herum.
   »Wir haben ein Problem! Wir können das Flugzeug nicht mehr orten. Es hätte längst in Oahu zwischenlanden und auftanken sollen, aber wir haben keinerlei Verbindung mehr«, erklang eine gedämpfte Stimme aus dem Hörer.
   »Soll das etwa heißen, dass mein Artefakt verloren ist?« Akaya umklammerte den Telefonhörer. Er wartete die Antwort nicht ab. »Beschafft es mir, auf der Stelle«, schrie er in den Hörer und knallte ihn auf die Gabel. Ein paar Sekunden stand er noch vor dem kleinen Tisch, dann drehte er sich um und ließ sich mit einem lauten Wutschrei in einen Sessel fallen. Verzweifelt legte er seine Hände über das Gesicht.
   So lange hatte er auf diesen Moment gewartet, an dem er das einzigartige Artefakt endlich in den Händen halten konnte – die Heilige Lanze des Centurio Gaius Cassius Longinus. Eine der Reichsinsignien der Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reiches. Mit dieser Lanze hatte der römische Hauptmann Longinus in Jesus’ Oberkörper gestochen, um seinen Tod am Kreuz zu überprüfen. Dabei lief das heilige Blut Jesus’ über die Klinge und verlieh der Lanze übernatürliche Kräfte. Pathetisch wurde sie auch »Speer des Schicksals« genannt. Einer der Kriege, bei denen der Sieg auf die Wirkmacht der mitgeführten Heiligen Lanze zurückgeführt wurde, war die berühmte Schlacht am Lechfeld. Otto der Große hatte im Jahr 955 den Sieg über die Magyaren errungen. Später wurde diese Schlacht von Historikern als eine der bedeutendsten Zäsuren der europäischen Geschichte angesehen. Und Akaya wollte sie, wollte genau diese Macht fühlen, die Unverletzlichkeit, die diese Lanze dem Besitzer verlieh. Er meinte bereits, körperliche Schmerzen zu verspüren. Jede Faser seines Körpers sehnte sich danach, über die Klinge zu streichen, den kühlen Schaft zu berühren. Dann wurde ihm wieder bewusst, was er gerade zu hören bekommen hatte. Das Flugzeug mit der einzigartigen Fracht war irgendwo bei Hawaii verschollen.
   Verzweifelt lief er hinüber an seinen Plattenspieler und legte Richard Wagners Oper Parsifal auf. »Oh, wunderwundervoller, Heiliger Speer! Dich sah ich schwingen von unheiligster Hand!«, ertönte es aus den Lautsprechern im ersten Akt.
   Im dritten Akt hörte er »Den heil’gen Speer – ich bring ihn euch zurück!«. Mit Tränen in den Augen saß er da und lauschte hingebungsvoll der Opernaufnahme Parsifal, die von eben dieser Heiligen Lanze handelte. Als die Oper fast zu Ende war, schrillte das Telefon.
   Tief aus seinen trüben Gedanken gerissen, zog er sich mühsam aus dem Sessel und lief ans Telefon. »Hast du etwas Neues herausgefunden?«, blaffte er in den Hörer.
   »Der Funkkontakt zu der Maschine ist abgerissen. Sie war irgendwo in der Nähe von Maui. So sollte sie zumindest über den Pazifik nach Oahu hereinfliegen. Wir haben den Kurs nachgerechnet, nachdem wir den letzten Kontakt mit den Piloten hatten. Sie mussten ziemlich tief fliegen, damit sie das Radar der Amerikaner nicht erfassen konnte.«
   »Und was bedeutet das im Klartext?«, wollte Akaya ungeduldig wissen. Er hatte keine Lust auf lange Erklärungen. Er wollte Antworten.
   »Nun ja, wir nehmen an, dass sie irgendwo auf der Höhe von Maui abgestürzt sein muss. Vielleicht zwischen Lanai und Maui.«
   »Dann findet heraus, wo die genaue Absturzstelle ist. Und wenn ihr jeden Stein auf den hawaiianischen Inseln umdrehen müsst!« Akaya machte eine Atempause. Erregt nahm er einen Luftzug. »Findet meine Heilige Lanze«, brüllte er in den Hörer, bevor er diesen mit einem Krachen auf die Gabel fallen ließ.

Kapitel 1
Redondo Beach, Kalifornien, 2017
e hana ana i ka l

Der Tag hatte wie jeder andere begonnen. Zumindest wie die Tage, an denen sie arbeiten musste. Hortensia war seit Anbeginn ihrer Flugkarriere in Los Angeles stationiert, was ihr bis jetzt immer außerordentlich gut gefallen hatte, seit sie aus Deutschland umgesiedelt war. Schließlich liebte sie diese kontroverse Stadt der Engel mit all ihren schrägen und schrillen Bewohnern.
   Ihr eigentliches Ziel war es gewesen, ihren Master in Meeresbiologie an der Universität von Kalifornien zu machen. Wie es jedoch im Leben manchmal lief, hatte dieses anderes mit ihr vor. Durch Zufall ergatterte sie einen Job als Flugbegleiterin, den sie für ein halbes, maximal ein Jahr ausüben wollte – so erzählte sie es zumindest ihren Freunden an der Uni, die sie liebevoll Tensi nannten. Aus dem einem Jahr waren mittlerweile fünf geworden, und ihren Master in Meeresbiologie hatte sie immer noch nicht in der Tasche.
   Die einzige Verbindung zum Meer waren heute nur noch die Tauchgänge mit ihrer ehemaligen Kommilitonin und Freundin Sarah. Diese hatte mit dem Magister Artium in Meeresarchäologie an der Universität von Kalifornien graduiert und lebte nun auf Big Island, Hawaii. Dort hielt sie einen Assistenten-Lehrstuhl an der Universität von Hilo inne.
   Hortensia war seit über einem Jahr nicht mehr auf Hawaii gewesen, hatte aber vor vier Wochen mit Sarah telefoniert und sich für einige Zeit bei ihr eingeladen. Sarah hatte von ihren Eltern einen ansehnlichen Geldbetrag geerbt und sich davon ein Haus gekauft. Hortensia hatte an ihrem Flugplan herumgebastelt und ein paar ihrer Flüge für den Folgemonat verschoben und abgegeben. Somit hatte sie sich sechs Wochen Urlaub freischaufeln können.
   Nun stand ihr noch der fünftägige Flug nach Sidney bevor, und danach wollte sie endlich nach Hawaii fliegen. Da sie seit einigen Monaten wieder Single war, gab es keinen Grund, ihren Urlaub in Los Angeles zu verbringen. Ihre letzte Männerbekanntschaft hatte gerade mal drei Monate gehalten. Ihr Ex-Freund war auf dem hollywoodtypischen Schauspielertrip gewesen. Tagsüber stand er bei sämtlichen kleineren Rollenvergaben bereit, abends mixte er in den Bars der Stadt Cocktails. Dabei versuchte er ständig, Geld für drittklassige Agenturen durch irgendwelche kleinen Nebenjobs zusammenzukratzen. Diese Agenturen verfügten jedoch nie über die versprochenen Connections. Nun war Schluss mit den zukünftigen Möchtegern-Hollywoodstars. Hortensia hatte Besserung gelobt. Sie wollte sich und ihre unguten Gepflogenheiten ändern. Dazu gehörten auch die Unmengen an Schokolade, die sie jeden Tag konsumierte. Zudem kam ein Mangel an Bewegung hinzu, der sich mittlerweile an ihrem Äußeren abzuzeichnen begann.
   Mit der festen Absicht, ihre kulinarischen Angewohnheiten zu ändern, fuhr sie zu ihrem favorisierten Café. Diesmal wollte sie auf die herrlichen Schokodonuts verzichten und stattdessen etwas Gesundes nehmen.
   Zwei Minuten später stand sie mit einem duftenden, großen Caffè Latte und einer kleinen Obstschale vor ihrem weißen T-Bird und versuchte, die Zentralverriegelung zu öffnen. Beim zweiten Anlauf gelang es ihr schließlich, und genervt ließ sie sich auf den Fahrersitz fallen. Der selbst auferlegte Schokoladenentzug machte ihr jetzt schon zu schaffen. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie die nächsten Stunden auf dem langen Flug nach Sidney ohne Süßes zu überleben waren.
   Zunächst musste sie sich jedoch durch den Verkehr auf dem übervollen Sepulveda Highway quälen, der in den Pacific Coast Highway wechselte. Von dort aus waren es nur noch wenige Minuten zu dem Mitarbeiterparkplatz des internationalen Flughafens in Los Angeles. Im Fünfzehnminutentakt pendelte ein kostenloser Bus zwischen Parkplatz und Flughafen. Mit ihm fuhr Hortensia an das letzte Terminal des Flughafengebäudes, in dem sich auch das Büro ihrer Airline befand. Nachdem sie ihre zwei Gepäckstücke aus dem schwankenden Bus gewuchtet hatte, ging sie durch die Sicherheitskontrollen, die sich seit dem 11. September 2001 immens verstärkt hatten. An der oberen Sicherheitstür blieb sie stehen, um ihren Sicherheitscode einzugeben. Kurz darauf stand sie endlich im Büro.
   Sie stellte Trolley und Tasche in den Gepäckraum und sah auf die Uhr. Bis zum Briefing dauerte es noch eine gute halbe Stunde. Zeit genug, um aus dem Automaten einen Schokoriegel zu ziehen.
   Verdammt, dachte sie genervt, weshalb bin ich nur so auf diese blöde Schokolade fixiert, irgendwie muss diese Abhängigkeit doch einmal in den Griff zu bekommen sein. Um sich abzulenken, ging Hortensia zu den Computern, die in langen Reihen nebeneinander an der Wand standen.
   Nachdem Hortensia kurz ihren Flugplan und die Daten des heutigen Fluges ausgedruckt hatte, rief sie die Crew auf. Enttäuscht stellte sie fest, dass sie keinen ihrer Kollegen vom Namen her kannte. Sie loggte sich aus, begab sich mit lang ausholenden Schritten in das Briefing-Zimmer und begrüßte die acht bereits anwesenden Flugbegleiter.
   Ein bekanntes Gesicht war zu ihrem Leidwesen allerdings nicht darunter. Schnell riss sie die obligatorische Zollerklärung für Crewmitglieder von dem dicken Block und ließ sich in den unbequemen Stuhl fallen. Außer ihrem Müsli, das ständig in ihrem Koffer lag, brauchte sie auf der Zollerklärung nichts zu deklarieren.
   Nach ein paar Minuten kam eine ungefähr fünfzigjährige schwarzhaarige Flugbegleiterin herein, die Hortensia vom Sehen her kannte. An ihren Namen konnte sie sich allerdings nicht erinnern. Sie waren vor ungefähr drei Monaten zusammen nach Vancouver geflogen und hatten nach ihrem Flug in der Hotelbar ein paar Drinks eingenommen.
   Die Kollegin erkannte sie ebenfalls und ließ sich mit einem leisen Stöhnen auf den leeren Sitz neben Hortensia nieder. »Hallo, nett, mal wieder mit dir zu fliegen.«
   Hortensia nickte. Mittlerweile trudelten noch mehr Flugbegleiter ein. Sie hatte gerade ein paar Belanglosigkeiten mit ihrer Kollegin ausgetauscht, als sich die Kabinenchefin laut räusperte.
   Nach einem Blick auf ihre silberne Armbanduhr zählte sie die anwesenden Flugbegleiter durch und begann mit dem Briefing. »Hallo, mein Name ist Pamela, und ich bin heute auf eurem Flug die Purserin. Die Aftpurserin ist Mindy und für Economy zuständig. Wenn sich nun bitte jeder kurz vorstellen könnte, damit wir wissen, mit wem wir heute zusammenarbeiten?« Sie wies auf die links von ihr sitzende Flugbegleiterin.
   Es ging der Reihe nach mit dem Vorstellen durch.
   »Gut, wir haben heute fünfzehn Flugbegleiter auf unserem Flug nach Sidney. Die Flugzeit wird sich auf vierzehn Stunden und siebenunddreißig Minuten verlängern, hat mir Kapitän Vincent vorhin mitgeteilt. Er bittet uns, die ersten zwanzig Minuten sitzen zu bleiben, weil er mit Turbulenzen rechnet. Der Flug ist wie üblich leicht überbucht, allerdings nicht in First- und Businessclass. Dort haben wir noch fünf offene Sitzplätze. Wahrscheinlich werden wir jedoch noch ein paar Upgrades bekommen. Stellt euch mental also schon einmal darauf ein, dass jede Klasse voll sein wird. Bitte achtet auch auf das Handgepäck der Passagiere. Wenn die Gepäckfächer voll sind, soll das Bodenpersonal den Rest einchecken. Ihr wisst ja, dass manches Handgepäck der Passagiere von den Maßen her eher einem Umzugskarton ähnelt. In 26 A haben wir einen Passagier an medizinischem Sauerstoff, einen Hund in 41 D und zwei unbegleitete Kinder.« Pamela blickte kurz in die Runde. »Außer einem Deportierten haben wir somit fast alles an Bord. So, und nun verteilen wir die Arbeitspositionen.« Sie schob mit einer energischen Handbewegung ihre rote Brille auf den Nasenrücken zurück.
   Hortensia wählte die Gangposition in der oberen Etage der Boeing 747-400. Dort lag die Sitzkapazität bei insgesamt sechzehn Businessplätzen.
   Nachdem alles über den Flug geklärt war, suchte sie den Waschraum auf, um ihr langes Haar erneut, und diesmal ordentlicher, hochzustecken. Danach begab sie sich mit dem Rest der Crew zum ausgewiesenen Gate.
   Die Crew wurde bereits vom zuständigen Gate-Agenten erwartet. »Hi, der Flieger ist frisch geputzt und wartet auf euch.« Der Mann drehte sich zum Wartesaal um. »Und die Passagiere freuen sich auch darauf, endlich unsere schöne Stadt verlassen zu dürfen.« Er lachte auf, sodass sein fülliger Bauch unter dem blütenweißen Hemd wackelte.
   Rasch hielt Hortensia ihren Identitätsausweis auf den Scanner und wurde auf der Crewliste abgehakt. Der Gate-Agent ließ sie an Bord gehen. Sie verstaute ihr Gepäck und begann mit den umfangreichen Sicherheitschecks. Anhand ihrer Sitzpositionen in der Maschine waren diese genau festgelegt. Im letzten Jahr war das dicke Flugbuch durch ein handliches Tablet ersetzt worden. Hortensia begab sich ins obere Stockwerk der Boeing und öffnete die Sicherheitsseite in ihrem Tablet-PC. Mit akribischer Sorgfalt begann sie, die Druckmessgeräte der Türsicherheitseinrichtungen, die medizinischen Geräte sowie die Sicherheitsausrüstung für die Evakuierung zu überprüfen. Als sie fast alles überprüft hatte, kam Therese, schwer atmend die Treppe herauf.
   »Ich glaube, dass ich langsam zu alt für das Fliegen werde. Oder zumindest sollte ich nicht mehr so schweres Zeugs in meinen Koffer packen«, stieß sie stöhnend hervor, als sie ihren Trolley nach oben wuchtete.
   Hortensia lachte auf. »Ja, das Problem kenne ich.«
   Im hinteren Teil der oberen Flugzeugkabine waren die kleine Bordküche, die Galley genannt wurde, sowie zwei Flugbegleitersitze, die sogenannten Jumpseats, untergebracht. Zwei Waschräume und das Cockpit befanden sich im vorderen Teil. Hortensia empfand das Obergeschoss der Boeing 747 als eine kleine autonome Welt, die durch eine enge Treppe mit dem Rest der großen Maschine verbunden war. Immerhin bot diese für fast vierhundert Passagiere Platz.
   »Na, dann hoffe ich mal, dass unsere Cockpitcrew heute nicht ständig auf die Toilette muss, ansonsten zieht sich unser Service ewig dahin«, gab Therese von sich.
   »Mit Kapitän Vincent bin ich schon des Öfteren geflogen. Er ist relativ pflegeleicht. Die beiden Ersten Offiziere kenne ich jedoch nicht«, meinte Hortensia. Sie fand es ebenfalls äußerst lästig, wenn die Piloten ständig wegen einer Toilettenpause anriefen. Einer der Flugbegleiter musste sich in diesem Fall ins Cockpit setzen, damit die Zwei-Mann-Regel eingehalten werden konnte, da der dritte Pilot auf Pause war. Bevor man die Tür ins Cockpit jedoch öffnen durfte, musste der davorliegende Flur in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt werden. Beide Toilettentüren wurden geöffnet und danach eine Barrikade zwischen Cockpitflur und Kabine errichtet. Die Barriere bestand aus einem ausgezogenen Drahtzaun, der fest auf der anderen Kabinenseite befestigt wurde. Es war also ein größerer Aufwand, der betrieben werden musste, um die Cockpittür zu öffnen.
   »Nun ja, dann schauen wir mal, wie es heute so läuft.« Hortensia lächelte und begann sich mental auf die sechzehn Passagiere vorzubereiten, die hier oben sitzen würden.

Nachdem Hortensia von der Pause zurückgekommen war, machte sie sich frisch und übernahm die Kabine von Therese. Diese hatte nun das Vergnügen, sich für drei Stunden auszuruhen. Die Schlafmöglichkeiten für die Flugbegleiter befanden sich im hinteren Teil der Maschine. In einem engen Schlafraum befanden sich sechs Stockbetten sowie zwei Couchstühle. Da es laut Therese keine besonderen Vorkommnisse gegeben hatte, lief Hortensia nur kurz durch die Kabine, um die Wassergläser der Passagiere aufzufüllen. Das monotone Geräusch der Triebwerke lullte die Passagiere ein. Die Kabine war in eine angenehme, ruhige Dunkelheit gehüllt, die einem zu suggerieren schien, sich in einem anderen Universum zwischen den Welten zu befinden. Hortensia liebte dieses Gefühl der Ruhe. Weit ab vom Alltag zu sein, abgeschieden in zehn Kilometern Höhe, den Sternen näher als der Erde. Leise, um die schlafenden Passagiere nicht zu wecken, begab sie sich zu ihrem Sitz. Sie ließ noch einmal den Blick durch die Kabine schweifen, um sich dann freudig ihrer Lektüre zu widmen.

Als Hortensia sieben Stunden später mit dem Rest der Crew in ihrem Hotel in Sidney eingecheckt hatte, war sie hundemüde. Langsam schälte sie sich aus ihrer Uniform und quälte sich unter die Dusche. Sie wusste, dass dies die einzige Chance war, wieder einigermaßen wach zu werden. Fertig angezogen, hatte sie noch über eine halbe Stunde Zeit, bevor sie sich mit der Crew in der Lobby treffen wollte. Nach kurzer Überlegung packte sie ihren Laptop aus und fuhr ihn hoch. Sie öffnete die Word-Datei, in der die ersten Seiten ihres Romans gespeichert waren. Hortensia liebte es, zu schreiben. Ein Buch hatte sie bereits veröffentlicht, für das zweite hatte sie den Plot im Groben zusammen. Nur musste sie noch auf einige Details achten. Sie las einen kurzen Absatz durch. Es handelte sich um einen Mord im Flugzeug einer Boeing 747. Dabei war ihr nicht ganz klar, wie sie mit dem Beweismaterial verfahren sollte. Ihr kam die Idee, ihrem Freund Heath morgen eine WhatsApp-Nachricht zu schicken. Er arbeitete als leitender Detective beim Los Angeles Police Department und wusste genau, wie man mit Beweismaterial umgehen musste. Sie hatte den Anspruch, dass ihr Krimi authentisch sein müsste. Wenn sie auf Hawaii war, konnte sie sich mit voller Energie dem Schreiben widmen. Gut gelaunt fuhr sie ihren Laptop herunter und stemmte sich von dem bequemen Hotel-Bürostuhl in die Höhe. Dann schnappte sie sich ihre Tasche, steckte den Kartenschlüssel ein und verließ ihr Hotelzimmer, um sich ins Foyer des Hotels zu begeben.
   Es warteten bereits einige ihrer Kollegen, mit denen sie sich kurze Zeit später ins aufregende Nachtleben von Sidney aufmachte.

Redondo Beach, Kalifornien
I ka hale

Hortensia freute sich unbändig darauf, die nächsten Wochen in Sarahs Haus auf Big Island verbringen zu dürfen. Sonne, Strand, gutes Essen und viele Tauchgänge standen ihr bevor – einfach traumhaft. Nachdem sie ihre Uniform in die Waschmaschine gestopft und ihren Koffer von der Sidney-Reise notdürftig ausgepackt hatte, legte sie sich frisch geduscht auf die Couch. Augenblicklich schlief sie ein und wurde wenige Stunden später durch ein heftiges Klopfen unsanft aus ihrem Schlaf gerissen.
   Gequält öffnete sie die Augen und bemerkte einen Schatten an der Haustür. Das Pochen wurde energischer.
   »Moment, ich komme gleich.« Schlaftrunken richtete sie sich auf und gähnte herzhaft. Nachdem sie sich ausgiebig gestreckt hatte, stand sie auf und lief zur Tür.
   »Tensi, wie siehst du denn aus?« Vor ihr stand Heath, ihr langjähriger Freund. Groß gewachsen, mit akkurat geschnittenem dunklen Haar, wie immer perfekt gekleidet. Neben ihm kam sich Hortensia ständig zu salopp gekleidet vor. Ganz besonders in diesem Moment.
   »Nun ja, Heath, du hast mich gerade aus dem Schlaf gerissen. Heute Morgen bin ich von Australien zurückgekommen, schon vergessen?« Sie konnte das Gähnen nicht unterdrücken, das sie erneut überkam. Ihre ausgebeulte Jogginghose und das verwaschene T-Shirt standen in direktem Kontrast zu Heaths modischem Anzug.
   »Wie könnte ich das denn vergessen haben?« Spitzbübisch grinste er sie an, sodass sich zwei Grübchen auf seinen Wangen abzuzeichnen begannen. »Du hast mir schließlich vorgestern eine WhatsApp geschickt mit der Bitte, vor deinem Megaurlaub nach Hawaii noch vorbeizukommen. Und nun bin ich hier.«
   »Hör zu, Heath, gib mir ein paar Minuten, damit ich mich anständig anziehen kann. Neben dir komme ich mir wie eine Vogelscheuche vor. Vielleicht können wir uns danach einen Kaffee holen und ein wenig auf dem Catwalk entlangschlendern.«

»Hallo Whoopie«, begrüßte Hortensia die afroamerikanische Angestellte in ihrem Stammcafé in Redondo Beach eine halbe Stunde später. Diesen Spitznamen hatte sie erhalten, da sie anscheinend seit frühester Kindheit Whoopie Goldberg verehrte. Hortensia kannte ihren richtigen Namen nicht einmal.
   »Na Süße, das Übliche für dich?« Mit einem breiten Lächeln stand Whoopie hinter der Theke.
   »Nein, diesmal brauche ich etwas Starkes. Wie wäre es mit einem zehnfachen Espresso Latte mit Haselnussgeschmack?«
   Whoopie riss erstaunt ihre großen braunen Augen auf. »Girl, sollen wir dir das Koffein nicht besser gleich intravenös zuführen?«
   Hortensia lachte auf. »O ja, das wäre eine super Idee. Meine frühere Lieblingsnachbarin Petra hat die intravenöse Koffeinzuführung auch des Öfteren erwähnt. Damals, in good old Germany.« Seufzend blickte sie an die Decke. »Ich denke, ein zweifacher Espresso Latte mit Haselnussgeschmack wird mich die nächsten Stunden wach halten.«
   Kurze Zeit später standen Heath und sie mit ihren weißen Pappbechern in der Hand wieder in der wärmenden Sonne vor dem Coffeeshop. Die grünen Sonnenschirme vor der Hauswand schaukelten sanft im Wind. Nebeneinander überquerten sie den Pacific Coast Highway und liefen die Diamond Street Richtung Hafen weiter. Dort wandten sie sich nach rechts und schlenderten den Boardwalk entlang, den die Kalifornier Catwalk nannten. Sehen und gesehen werden, war das Motto vieler Südkalifornier. Dementsprechend wurde auf dem Walk auch flaniert.
   »Du wolltest mich doch etwas fragen«, begann Heath das Gespräch und sah Hortensia gespannt von der Seite an.
   »Ja, Heath.« Tief zog sie die salzige Meerluft des Pazifiks in ihre Lungen. »Weißt du eigentlich, dass ich mit meinem Bruder hier auf Rollerblades entlanggefahren bin? Das liegt allerdings ein paar Jahre zurück. Er hat mir damals bei meinem Umzug von Phoenix nach Los Angeles geholfen. Dann blieb er noch eine Woche bei mir, um Sightseeing zu machen.« In Gedanken versunken ließ sie ihren Blick über den Catwalk schweifen, auf dem auch heute etliche Inlinefahrer unterwegs waren.
   Heath hielt sie am Arm fest und zwang sie, stehen zu bleiben. »Hast du etwa Heimweh nach Deutschland, Tensi?«, fragte er und sah ihr in die Augen.
   »Ein bisschen habe ich immer Heimweh«, begann sie. »Ich wollte dich jedoch etwas ganz anderes fragen.«
   Erleichtert atmete Heath aus. Hortensia und er hatten vor einigen Jahren eine kurze, aber sehr intensive Affäre gehabt. Sie hatte diese von heute auf morgen beendet, weil sie das Gefühl hatte, in der Beziehung mit dem ständig akkurat handelnden, hundertfünfzigprozentigen Heath zu ersticken. Sie benötigte ein gewisses Quantum an Chaos um sich, damit sie existieren konnte. Zudem besaß das Substantiv ‚Flexibilität‘ einen hohen Stellenwert bei ihr. Ihr Job forderte diese Flexibilität, weil sie nie wusste, auf welchen Kontinent ihre Airline sie schicken würde. Der distinguierte Heath war zu sehr Detective, der alles analysierte, Regeln und Normen benötigte. Eine Zeit lang ging es gut. Frei nach dem Motto ‚Gegensätze ziehen sich an‘. Auf Dauer hatte ihre Beziehung jedoch keine Chance. Zu unterschiedlich waren ihre Charaktere. Nun hatte sich aus der Beziehung eine feste Freundschaft entwickelt. Heath hatte immer noch starke Gefühle für Hortensia. Er war jedoch klug genug, dies für sich zu behalten.
   »Irgendwie hänge ich in meinem Krimi an einer Stelle. Da könntest du mir als Detective mit Insiderwissen vielleicht weiterhelfen.« Mit knappen Worten klärte ihn Hortensia über die Situation des Mordes im Flugzeug, den anschließenden Selbstmord sowie die Übergabe eines USB-Sticks auf.
   Nachdem sie eifrig über die weitere Handlung und etliche Für und Wider von rechtlicher Seite aus diskutiert hatten, beschloss Hortensia, ihre künstlerische Freiheit zu nutzen.
   »Vielleicht werde ich dich ab und zu von Hawaii aus nerven, falls ich mit der Geschichte nicht weiterkommen sollte, Heath.« Sie lächelte ihn von der Seite aus an und streckte mit einem wohligen Seufzer ihr Gesicht der wärmenden Märzsonne entgegen.
   »Du hast es wirklich gut. Während ich hier im Smog von Los Angeles Verbrecher jagen muss, genießt du das faule Strandleben auf Hawaii. Irgendetwas habe ich falsch gemacht!« Auch Heath seufzte nun, allerdings nicht aus Wohlbefinden, sondern aus gespielter Verzweiflung.

Kapitel 2
Kona, Big Island Hawaii
ho‘omaka ka l ho‘omaha

Am nächsten Morgen checkte Hortensia am Schalter ihren pinkfarbenen Koffer ein, der die Ausmaße eines Kleiderschrankes hatte. Der Flug, auf den sie gebucht war, sollte um kurz vor neun Uhr Los Angeles verlassen. In ihrem Handgepäck befanden sich ihr Atemregler und Tauchcomputer, da sie fest vorhatte, mindestens zehn Tauchgänge auf Hawaii zu machen.
   Sechs Stunden später überflog Hortensias Flug die Nordküste von Big Island. Dort drehte die Boeing 737-800 links bei und begab sich auf südlichen Kurs an der Küstenlinie entlang. Nach einer sanften Landung auf dem Rollfeld des Flughafens Kona rollte das schwere Flugzeug wenig später auf seine Außenposition zu. Fluggastbrücken, die direkt an das Flugzeug andockten und es mit dem Terminal verbanden, gab es in Kona nicht. Stattdessen wurde die graue Außentreppe an die Flugzeugtür gefahren, und die Passagiere konnten der Enge der Flugzeugkabine entfliehen. Das gleißende Sonnenlicht zwang Hortensia kurz, ihre Augen zu schließen. Eine sanfte Brise strich ihr über das Gesicht, die salzige Meeresluft des Pazifiks mit sich trug. Es fühlte sich gut an, endlich wieder auf Hawaii zu sein.
   Behände trug sie ihren Handgepäckkoffer die Treppen hinunter und folgte den anderen Passagieren in das Flughafengelände. Der Flughafen bestand aus vielen offenen Gebäuden. Die grauschwarzen Dächer waren hutähnlich geformt, eingerahmt von einer hölzernen Dachreling mit golden bemalten, einheimischen Hieroglyphen. In der Mitte befand sich eine bronzene Statue, die drei tanzende Hula-Frauen in ihren traditionellen Röcken darstellte. Das gesamte Flughafenareal versprühte den hawaiianischen Spirit des ‚Hang Loose‘. Hortensia liebte diese lockere hawaiianische Lebenseinstellung. Bei ständigem Sonnenschein und üppiger Vegetation war die landestypische Leichtigkeit des Seins der polynesischen Ureinwohner jedoch keine große Leistung. Einen größeren Gegensatz zu der deutschen Mentalität mit seiner unübertroffenen Steifheit konnte es nicht geben. Wahrscheinlich liebe ich Hawaii deshalb so sehr, kam es Hortensia in den Sinn. Sie nahm einen tiefen Atemzug, und ein Gefühl der Ruhe und Zufriedenheit überkam sie.
   Rasch schritt sie durch den Ausgang hinüber zum Gepäckband.
   »Tensi«, rief es plötzlich von Weitem.
   Hortensia wandte sich der bekannten Stimme zu und sah, wie Sarah ihr mit schnellen Schritten entgegeneilte. Glücklich fielen sich in die Arme.
   »Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen, Sarah?«, fragte Hortensia ihre zierliche blondhaarige Freundin. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie dunkle Schatten unter den Augen ihrer Freundin. »Geht es dir gut? Du siehst irgendwie erschöpft aus.«
   »Oh, Tensi, ich komme um vor lauter Arbeit. Gleich morgen früh muss ich wieder los. Es tut mir echt leid. Eigentlich habe ich gedacht, zumindest ein paar Tage mit dir zu verbringen. Daraus wird leider nichts. Ich hoffe, dass du mir nicht böse bist.« Sie sah Hortensia schuldbewusst an.
   »Ach, mach dir keinen Kopf. Ich freue mich so sehr, mal wieder auf Hawaii zu sein. Außerdem bin ich ganz gespannt, dein neues Zuhause zu sehen.« Hortensia lachte, als sie die zerknirschte Miene ihrer Freundin sah.
   »Heute Abend machen wir es uns gemütlich, und morgen kommt Keikilani vorbei, um dich zum Tauchen mitzunehmen. Dann muss auch er zu einer Forschungsreise der Uni aufbrechen. Es ist wie verhext.« Ein kurzer Schatten überflog Sarahs Gesicht. Sie hatte sich jedoch sofort wieder unter Kontrolle.
   »Sag mal, Sarah, ist wirklich alles in Ordnung?« Hortensia musterte ihre Freundin genau. Sie kannten sich seit Jahren, und irgendwie erschien sie ihr verändert. Nur wie verändert? Sie konnte das Gefühl, was Sarahs Gemütszustand betraf, nicht näher definieren. Konnte es nur subtil verspüren. Erneut fixierte sie Sarah. Diese setzte ein strahlendes Lächeln auf.
   »Es ist wirklich alles in Ordnung«, versuchte Sarah, sie zu beruhigen. »Wie gesagt, Keikilani kommt vorbei, um mit dir tauchen zu gehen«, wiederholte sie noch einmal.
   Keikilani, dessen hawaiianischer Name »Kind des Himmels« bedeutete, arbeitete als Hilfs-Assistent an der Universität von Hilo und hatte dort vor einigen Jahren Sarah kennengelernt. Im Laufe der Zeit hatten die beiden einige gemeinsame Forschungsreisen und viele Tauchgänge hinter sich gebracht. Hortensia kannte ihn ebenfalls und freute sich darauf, wieder einmal mit ihm tauchen zu gehen. Allerdings fand sie es schade, dass Sarah sie nicht begleiten konnte.
   »So, dann würde ich sagen, dass wir deinen Koffer holen, ihn ins Auto laden und losfahren.«
   »Dort drüben ist er.« Hortensia deutete auf das pinkfarbene Ungetüm, das auf dem Gepäcktransportband gerade in ihre Richtung transportiert wurde.
   »Um Gottes willen, Tensi, ist das tatsächlich dein Monsterkoffer? Willst du etwa nach Hawaii ziehen?« Mit großen Augen sah Sarah auf den Koffer mit den enormen Ausmaßen.
   Erneut hatte Hortensia das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Schnell schüttelte sie den Kopf. »Nein, nein, keine Sorge.« Sie machte eine kurze Pause. »Ich habe einige meiner Flüge an Kollegen abgeben können und mir dadurch über sechs Wochen Urlaub verschafft. Jetzt kann ich doch für eine längere Zeit hier auf Hawaii bleiben. Natürlich nur, wenn es dir nichts ausmacht.« Sie sah Sarah fragend an. War es ihr vielleicht doch nicht recht, wenn sie länger blieb? Unter Umständen störte sie Sarah ja bei irgendetwas. Aber was sollte das sein?, fragte sie sich.
   »Nein, Tensi, das ist schon in Ordnung. Natürlich kannst du so lange bleiben, wie du möchtest. Es ist nur schade, dass ich so wenig Zeit habe. Ich weiß noch nicht einmal, wie lange ich weg sein werde.«
   »An was bist du denn gerade dran?«
   »Ach, nur eine alte Ausgrabungsstätte unter Wasser. Völlig uninteressant.« Sie wandte den Blick von Hortensia ab.
   »Das klingt für mich super spannend. Befindet sich die Ausgrabung hier auf Big Island? Vielleicht könnte ich dich dann mal besuchen kommen. Das wäre …«
   »Oh, das tut mir leid Hortensia«, schnitt Sarah ihr das Wort ab. »Das geht leider nicht. Die Universität sieht so etwas nicht gern. Du weißt doch, äh, wenn etwas passieren würde. Nein, das geht gar nicht. Zudem möchte Professor Murdoch nicht, dass ich darüber erzähle. Er ist da ein wenig, nun ja, sonderbar.« Ein Hauch von Röte überzog Sarahs Gesicht. »So, und nun kümmern wir uns aber mal um deinen Koffer«, wechselte sie abrupt das Thema.
   »Tut mir leid, Sarah, ich wollte dich nicht drängen«, entschuldigte sich Hortensia halbherzig. Sie lief hinüber zum Gepäckband und wuchtete ihren Koffer hinunter.
   »Wart kurz, Tensi. Ich muss noch einen Brief einwerfen.« Sarah nahm ein Kuvert aus ihrer Tasche und lief auf den Briefkasten zu. Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte sie. Sie hielt ihn in der verkrampften Hand und warf noch einmal einen Blick darauf. Ihre Mund wirkte verkniffen, die Stirn war gerunzelt. Sie zögerte noch einen Moment, dann warf sie den Umschlag entschlossen ein und wandte sich mit einem leichten Lächeln um.

Captain Cook, Hawaii
e h‘ea i ka hale hou

Wenig später saßen sie in Sarahs Pick-up und fuhren vom Parkplatz des Flughafens. Der Weg führte schnurgerade auf dem Queen Ka’ahumanu Highway 19 in südlicher Richtung durch eine karge Gegend. Erst nach ungefähr zwanzig Minuten, kurz bevor die Ausläufer der Stadt Kailuna-Kona anfingen, wurde die Flora bunter und abwechslungsreicher. Ungefähr fünfundvierzig Minuten schlängelte sich die kurvenreiche Strecke weiter, bis sie endlich Captain Cook erreichten.
   »Ich bin ja so auf dein neues Haus gespannt«, stieß Hortensia aus.
   »Es ist wunderschön. Ich habe dir ein Zimmer hergerichtet. Das wird dir bestimmt gefallen«, sagte Sarah mit einem raschen Seitenblick auf Hortensia.
   Sie blinkte und bog links ab. Am Ende der Straße fuhr sie rechts in die Kinue Road und folgte dieser hundert Meter, bevor es in eine schmale Privatstraße rechter Hand der Hauptstraße ging. Kurz darauf befanden sie sich vor einem großzügig gebauten Haus. Es war weiß verputzt und lag inmitten eines riesigen Gartens, der fast die Ausmaße eines Parks aufwies. Eukalyptusbäume, Hibiskus, viele Kokosnusspalmen und Sträucher, von denen Hortensia nicht einmal den Namen kannte, wucherten in alle Himmelsrichtungen. Viele endemische Pflanzen wie der Ohia mit leuchtend roten Bürstenhaaren gediehen ebenfalls in Sarahs gigantischem Garten. Selbst ein großer Banyan Baum grub zweihundert Meter vom Haus entfernt seine dicken Wurzeln tief in die hawaiianische Erde. Unzählige Luftwurzeln hingen in seinen Ästen und suchten sich langsam, aber unaufhörlich, den Weg zum Boden. Anmutig wie ein Wald aus vielen dünnen Stämmen umgaben sie den riesigen Baum und ließen ihn fast mystisch erscheinen. Dabei strahlte der alte Baum eine enorme Kraft und Ruhe aus. Hortensia kam der Gedanke, die nächsten Tage nicht nur ihre schriftstellerische Karriere voranzutreiben, sondern auch das große Anwesen peu à peu ein wenig urbarer zu machen. Zumindest das viele Gestrüpp konnte sie entfernen, ohne dass der Garten dabei sein wildes Flair einbüßen müsste. Sarah würde sich darüber bestimmt freuen. Sie empfand Gartenarbeit nämlich als Strafe Gottes, Hortensia hingegen liebte diese. In Deutschland hatten ihre Eltern ein achtundsechzig Hektar großes Grundstück rund um ihr Anwesen gehabt, das ständiger Arbeit bedurfte. Hortensia hatte schon früh Seite an Seite mit ihrem Vater gearbeitet. Er hatte ihr liebevoll seine weitreichende Erfahrung mit der Flora zukommen lassen. Viel zu früh, mit sechzig Jahren, war er zu ihrem großen Kummer an Krebs verstorben. Ihrer Mutter wurde das Haus mittlerweile auch zu groß. Es zu verkaufen, war jedoch nie eine Option für sie gewesen, weil es sich bereits seit vielen Generationen im Familienbesitz der von Lindenthals befand. Insgeheim hoffte ihre Mutter, dass Hortensia irgendwann zur Besinnung käme und zurück nach Deutschland zog.
   Gemeinsam trugen sie den schweren Koffer in die obere Etage. Sarah hatte Hortensia ein geräumiges Zimmer eingerichtet, das auch über ein privates Bad verfügte. Flauschige Handtücher, die nach Frühling rochen, lagen in dem kleinen Badezimmer bereit.
   »Wie schön es hier ist.« Hortensia schob den bunten Vorhang zur Seite und blickte aus dem großen Fenster in den Garten hinaus. In weiter Ferne sah sie das Glitzern der reflektierenden Sonnenstrahlen auf dem Pazifik. »Es fühlt sich richtig gut an, hier zu sein. Fast so, als ob mich dein Haus mit offenen Armen empfangen hätte. Weißt du, was ich meine, Sarah?« Hortensia drehte sich zu ihr um.
   Ihre Freundin nickte. »Ja, es ist ein wundervolles Haus. Ich bin wirklich froh, dass es mit dem Kauf so schnell geklappt hat. Ansonsten hättest du deinen Urlaub in der kleinen Mietwohnung in Hilo verbringen müssen. Jetzt machen wir uns aber einen hawaiianischen Ankomm-Kaffee. Ich habe uns heute Morgen auch noch ein paar Donuts besorgt.«
   Wenig später saßen sie einträchtig auf der unteren Terrasse – der hawaiianischen Lanai – und genossen den herrlich duftenden Kona-Kaffee. Sie besprachen den morgigen Tag. Keikilani wollte mit ihr zwei einfache Landtauchgänge in Honaunau Bay machen. Gleich daneben befand sich der Puuhonua o Honaunau National Park, das Refugium von Honaunau. Hortensia hatte vor, diesen wunderschönen und mystischen Ort der Polynesier irgendwann in ihrem Urlaub zu besuchen.
   Abends saßen sie bei einer Flasche Wein zusammen und unterhielten sich über die letzten Jahre. Immer wieder spürte Hortensia, dass Sarah nicht ganz bei der Sache war. Irgendetwas musste sie beschäftigen. Erneute hakte Hortensia nach.
   »Nein, es ist wirklich alles in Ordnung, Tensi. Ich bin nur ein wenig müde und auch traurig, dass ich so wenig Zeit mit dir verbringen kann. Aber ich freue mich wirklich, dass du da bist.«
   Kurz vor dreiundzwanzig Uhr musste Sarah dann so herzhaft gähnen, dass Hortensia vorschlug, ins Bett zu gehen. Auch ihr steckte der Jetlag des Sidney-Fluges noch in den Knochen.
   In ihrem Zimmer packte sie noch schnell ihren Koffer aus. Ordentlich räumte sie ihre Kleider in den Wandschrank und legte ihren E-Book-Reader nebst ihren Schilddrüsentabletten auf den Nachttisch. Hortensia litt seit einigen Jahren an Hashimoto, einer Autoimmunkrankheit, die die körpereigenen Zellen zerstörte. Daher war eine ständige Zufuhr des Schilddrüsenhormons notwendig, und Hortensia hatte sich angewöhnt, sofort nach dem Aufwachen die Tablette einzunehmen. Es war schon ein Kreuz mit der Gesundheit. Wie sollte es erst weitergehen, wenn sie noch einmal ein Jahrzehnt auf dem Buckel hatte? Nicht auszudenken. Schnell schob sie den pessimistischen Gedanken von sich. Sie ließ sich ins Bett fallen und grübelte noch eine Weile über Sarahs Reaktionen nach. Es gab definitiv etwas, was ihre Freundin beschäftigte. Allerdings wollte sie partout nicht darüber sprechen. Weswegen auch immer. Über diese Überlegungen schlief Hortensia schließlich ein.

Früh am nächsten Morgen wachte sie auf. Genüsslich reckte sie sich. Die Sonne sendete bereits die ersten warmen Strahlen in ihr Zimmer, und es versprach, ein angenehmer Tag zu werden. Schnell nahm sie ihre Tablette ein und blieb noch kurz liegen. Erneut kam ihr der gestrige Abend in den Sinn. Vielleicht sollte sie Sarah heute noch einmal darauf ansprechen.
   Schließlich stand sie auf und lief nach unten, um zu sehen, ob Sarah wach war. Diese saß bereits auf der Veranda und trank ihren Kaffee, den Blick nachdenklich in die Ferne gerichtet. Hortensia beobachtete sie für einen Moment.
   »Guten Morgen, Sarah. Hast du gut geschlafen?«
   Sarah schreckte aus ihren Gedanken auf. »Huch, ich habe dich gar nicht kommen hören.« Sie stand rasch auf und umarmte Hortensia. »Komm, ich hole dir einen Kaffee.« Sie lief in die Küche und kam mit einem großen weißen Becher zurück.
   »In einer halben Stunde muss ich leider losfahren«, gab sie bedauernd von sich. »Ach, bevor ich es vergesse. Ich habe dir einen Wagen von einem Bekannten besorgt. Er ist zwar ein wenig alt, aber dafür bist du hier auf der Insel mobil.«
   »Das ist ja super nett.« Hortensia war ganz gerührt.
   »Nun ja, wenn ich schon nicht hier bin, um die Zeit mit dir zu verbringen, habe ich gedacht, dass dann wenigstens ein Auto hilfreich wäre. Du möchtest ja bestimmt ein wenig Sightseeing machen.«
   Eine halbe Stunde später brach Sarah auf. Sie versprach, sich in der nächsten Woche einmal zu melden, falls sie eine Funkverbindung mit ihrem Handy aufbauen konnte. Dann war sie weg.
   Nachdem Hortensia ihren Kaffee ausgetrunken hatte, wusch sie sich und zog bequeme Shorts und ein T-Shirt an. Danach verstaute sie eine Flasche Wasser und ein paar Sandwiches, die sie zuvor dick mit Erdnussbutter bestrichen hatte, in ihrem Rucksack. Sie liebte Erdnussbutter. Im Gemüse, zu Salzstangen und auf Broten mit Nutella – einfach himmlisch. Rasch legte sie ihre Reglertasche neben die Flossentasche, in der sich bereits ihre Maske sowie ein leuchtend gelber Schnorchel befanden. Dann packte sie ein Badetuch und ihr dickes Logbuch zusammen mit ihrem Tauchcomputer in den Rucksack und stellte ihn ebenfalls auf die Lanai neben die anderen Sachen. Sie setzte sich in einen Korbstuhl und ließ ihren Blick über den Garten schweifen. Wie schön und wie friedlich es doch hier war. Sie wurde mit einem Mal ruhig. Ihr Blick ruhte auf dem großen Banyanbaum und der mystischen Stimmung, die ihn umgab, als ein schwarzer Geländewagen in die Einfahrt einbog.
   Knirschend schleuderten die dicken Reifen des schwarzen SUV den Splitt zur Seite, als Keikilani wenig später auf das Haus zufuhr. Er war ein großer, kräftiger Polynesier, gekleidet in graue Shorts und weißem Shirt. Nach einer herzlichen Begrüßung brachen sie auf und fuhren den Weg hinunter nach Honaunau Bay. Hortensia hatte vor, ihn später auf Sarah anzusprechen. Vielleicht wusste er ja näheres.
   »Meinst du, wir sehen vielleicht ein paar Humuhumunuuunk – ach, wie heißt der offizielle Staatsfisch, den kein normal Sterblicher aussprechen kann?«, fragte Hortensia nach einer Weile.
   »Humuhumunukunukuapuaa, ganz einfach«, meinte Keikilani jovial. »Versuch mal, das Wort in einzelne Silben zu trennen. Humuhumu nukunuku apu aa.« Er war des Hawaiianischen mächtig, weil seine Großmutter großen Wert darauf gelegt hatte, dass ihre fünf Enkelkinder die alten Bräuche und Traditionen der polynesischen Kultur vermittelt bekamen, und dazu gehörte natürlich auch die einheimische Landessprache.
   Am Kona Coffee House bogen sie rechts ab und folgten der abschüssigen Straße. In einer leichten Linkskurve sah Hortensia zwei alte rostige Autos im Gebüsch liegen, die langsam unter den wild wuchernden Pflanzen verschwanden. Diese Art der Müllentsorgung auf Hawaii irritierte sie stets aufs Neue. Die Hawaiianer liebten ihr Land und waren stolz darauf, verschmutzen es jedoch vorsätzlich. Dabei hinterließen sie hässliche Spuren in dieser wundervollen Landschaft, die nicht wiedergutzumachen waren. Selbst Keikilani konnte ihr nicht erklären, weshalb viele Hawaiianer die Natur nicht genug achteten, um ihren Schrott und Müll nachhaltig und verantwortungsbewusst zu entsorgen. Wahrscheinlich war es den meisten einfach zu teuer und zu aufwendig, die kaputten Autos verschrotten zu lassen. Mit Wehmut dachte Hortensia darüber nach, ob sie in den kommenden Jahren noch mehr verrostete und ausgeschlachtete Fahrzeugkörper am Straßenrand vorfinden würde.
   Die Straße führte in lang gezogenen Kurven hinunter zur Westküste. Hortensia drehte sich zu Keikilani um und beobachtete seinen konzentrierten Gesichtsausdruck.
   »Keikilani, kann ich dich mal etwas fragen?«, begann sie zögernd. Sie wusste nicht so recht, wie sie das Thema angehen sollte.
   Er nickte. »Natürlich, schieß los. Was gibt es denn?«
   »Nun, es geht um Sarah. Du kennst sie doch auch sehr gut. Und irgendwie, nun irgendwie scheint sie mir ein wenig seltsam zu sein. So, als würde ihr etwas zu schaffen machen oder als bedrücke sie etwas.«
   Rasch drehte Keikilani den Kopf zu Hortensia und musterte sie für den Bruchteil einer Sekunde mit gerunzelter Stirn.
   »Versteh mich nicht falsch, aber ich mache mir Sorgen um sie.« Sie wusste nicht recht, ob er nachvollziehen konnte, was sie meinte.
   »Hat sie dir irgendetwas erzählt?«, wollte er von ihr wissen.
   »Nein, das ist ja das Seltsame daran. Sie wiegelt ab und behauptet, das nichts wäre.«
   »Dann wird auch nichts sein, wenn Sarah das sagt. Du interpretierst da zu viel hinein. Sie musste in letzter Zeit viel arbeiten. Wahrscheinlich ist sie nur ausgepowert.«
   »Als ich sie auf ihre Arbeit angesprochen habe, reagierte sie auch so komisch.«
   Keikilani wandte sich erneut Hortensia zu. Ein wachsamer Ausdruck lag darin. »Hat sie dir von ihrer Arbeit berichtet?«, wollte er von ihr wissen.
   Hortensia meinte, einen schneidenden Unterton herauszuhören. »Nein, sie meinte, dass es nichts Interessantes wäre. Aber trotzdem …« Hortensia ließ den Satz unvollendet in der Luft hängen. Sie wusste nicht genau, wie sie Keikilani ihre Bedenken mitteilen konnte.
   »Jetzt hör auf, über Sarah zu grübeln und genieße lieber die Landschaft hier, Tensi«, versuchte Keikilani, sie zu beruhigen. »Schau mal.«
   Er wies auf den azurblauen Pazifik. Weiße Schaumkronen bildeten einen interessanten farblichen Kontrast zu der Tiefe des Blaus. Weiter unten sah Hortensia die schroffe Pazifikküste und seitlich davon einen palmengesäumten weißen Sandstrand. Vielleicht hatte Keikilani recht, und sie interpretierte zu viel in Sarahs Reaktionen und Aussagen hinein. Sie versuchte, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und die verstörenden Gedanken zur Seite zu schieben. Dort unten lag Pu’uhonua o Honaunau, das uralte und heilige Refugium der Hawaiianer. Gebannt hatte sie den Geschichten des Parkrangers über die blutrünstigen Traditionen der Polynesier gelauscht. Das Areal wurde durch eine gigantische Steinmauer unterteilt, die im Jahr 1550 gebaut worden war. Diese trennte den königlichen Boden von der Pu’uhonua, dem Zufluchtsort, ab. Gewöhnlichen Menschen war der Zutritt in den Teil der Könige unter Todesstrafe verboten. Dagegen war der Pu’uhonua ein Ort der Zuflucht gewesen. An diesem heiligen Ort durfte kein Blut vergossen werden. Hatte jemand das Gesetz – das Kapu – gebrochen, so konnte derjenige versuchen, seinen Verfolgern zu entkommen, um dort Zuflucht zu suchen. Viele ertranken jedoch auf dem gefährlichen Weg über das Meer oder wurden von ihren Verfolgern auf dem Landweg hingerichtet. Wer den Pu’uhonua tatsächlich lebend erreichte, dem wurde von einem Priester in einer traditionellen Zeremonie die Absolution erteilt. Somit war er rehabilitiert und durfte als freier Mann in seine Familie zurückkehren. Hortensia überlief ein Schauder, als sie daran dachte. Welch grausame Zeiten das doch waren. Der ganze Aberglaube, der damit zusammenhing. Die Bestrafung der Verbrecher fand aus Angst vor ihren Göttern statt und nicht wegen der eigentlichen Tat. Gleichgültig, ob das Kapu durch Mord oder Diebstahl gebrochen worden war, das Blut desjenigen musste vergossen werden. Erst dann konnten die Einheimischen sicher sein, dass die Götter besänftigt waren und ihnen keinerlei zerstörerische Naturgewalten wie Tsunamis oder ausbrechende Vulkane schicken würden. Königlich Geborene, die man Ali’i nannte, sowie deren Krieger, blieben wegen ihrer Sonderstellung davon verschont. Um die königlichen Gebeine aufzubewahren, wurde im Jahr 1650 der Hale o Keawe Heiau Tempel auf dem Gelände gebaut. Bewacht wurde er von über zwei Meter hohen Holzstatuen, die Ki’i heißen und mittlerweile in jeder erdenklichen Größe in Souvenirshops erhältlich waren.
   Anstatt geradeaus in den Parkplatz des Nationalparks von Pu’uhonua o Honaunau zu fahren, bogen sie kurz davor in eine einspurige Straße ein, die sie hinunter zum felsigen Strand brachte. Da es noch früh am Morgen war, konnte Keikilani seinen Truck direkt auf dem unbefestigten Seitenstreifen parken. Nur zwei andere Autos befanden sich rechts von ihnen. Die Anspannung fiel langsam von Hortensia ab und sie begann, sich auf den kommenden Tauchgang zu freuen. Auch Keikilani wollte das Thema wohl nicht mehr ansprechen, denn überschwänglich öffnete er die Fahrzeugtür.
   »Na, dann wollen wir mal ausladen«, meint er mit einem bemüht leichten Unterton in der Stimme.
   Hortensia streckte ihr Gesicht dem Meer entgegen und atmete ein paar Mal tief ein. »Gott, ist das schön hier, Keikilani. Weißt du eigentlich, wie gut du es hast, hier zu leben? Das ist ein Privileg.«
   Leise klatschten die Wellen des Pazifiks an die schroffe schwarze Lavaküste. Einzeln stehende Kokosnusspalmen spendeten Schatten und bogen sich leicht im Wind.
   Hortensia riss sich von dem traumhaften Blick los und schnappte sich ihre Flossen- und Reglertasche. Die Tarierweste, die ihr Keikilani von der Universität mitgebracht hatte, hängte sie sich über die Schulter.
   Sie folgte Keikilani, der bereits die beiden Pressluftflaschen nahe des Einstiegs abgelegt hatte. Nachdem sie noch zweimal ans Auto gelaufen waren, hatten sie alles beisammen und begannen mit dem Zusammenbau. Rasch legte Hortensia den Gurt der Weste über die Pressluftflasche und zog sie mit der Schnalle fest, sodass sich unter Wasser nichts lockern konnte. Sie hatte keine Lust, ihre Flasche in zwanzig Metern Tiefe zu verlieren. Keikilani war mit dem Zusammenbau seines Tauchequipments bereits fertig und saß auf einem großen schwarzen Lavabrocken. Tief in Gedanken versunken blickte er hinaus aufs Meer.
   »Ich bin so weit«, rief ihm Hortensia zu.
   »Na, das hat ja ewig gedauert. Du bist wohl ein wenig aus der Übung?«, Keikilani drehte sich zu ihr um.
   »Wenn ich jetzt nicht sofort ins Wasser komme, falle ich auf der Stelle ohnmächtig um«, stöhnte sie und lief auf die Treppe zu, die sich in dem Lavagestein über viele Millionen von Jahren gebildet hatte. Schweiß lief ihr über das Gesicht und versickerte langsam im Neopren ihres Anzugs.
   Sorgfältig stützte sie sich ab, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und ließ sich ins Wasser gleiten. Erleichtert atmete sie aus, als ihr das Wasser erfrischend ins Gesicht schwappte. Sanft schaukelnd trieb sie auf der Wasseroberfläche, während ihr Blick auf dem palmengesäumten, heiligen Zufluchtsort der Polynesier ruhte.
   Seitlich kam Keikilani auf sie zugeschwommen. »Bist du bereit zum Abtauchen?« Er setzte seine Maske auf und nahm seinen Atemregler in den Mund.
   Abwartend sah Hortensia ihn an.
   »Was ist denn los mit dir? Gehen wir nun Tauchen oder nicht?«, hakte er in einem leicht ungeduldigen Tonfall nach. Den Regler hatte er wieder herausgenommen.
   »Malama i ke kai«, gab sie von sich. Dies hatte Keikilani früher vor jedem Tauchgang gesagt. Dieses Mal hatte er es jedoch vergessen, was Hortensia wunderte.
   ‚Sorge für den Ozean‘, bedeutete die Übersetzung aus dem Hawaiianischen. Für die Hawaiianer begann alles Leben im Meer. Sie trugen dafür Sorge, dass es geschützt und respektiert wurde. Es gab einen über 2102-zeiligen hawaiianischen Gesang – den Kumolipo – der von der Entstehung der Erde aus dem Meer erzählt. Keikilani hatte ihr in Kurzform einmal davon berichtet. Hortensia fand die uralte polynesisch-hawaiianische Kultur furchtbar spannend. Gern war sie bereit, das einzigartige Ökosystem Hawaiis zu schützen und achtsam mit allen Meeresbewohnern, insbesondere den großartigen Korallen umzugehen. Schließlich existierte Hawaii über viele Millionen Jahre in kompletter Isolation und benötigte daher den kontinuierlichen Schutz eines jeden.
   »Malama i ke kai«, flüsterte Keikilani leise und gab Hortensia das Zeichen zum Abtauchen.
   Sie bestätigte es und steckte ihren Atemregler in den Mund.
   Langsam schwebte sie durch das unendliche Blau des kristallklaren Pazifischen Ozeans auf den weißen sandigen Boden zu. Korallenblöcke standen vereinzelt dazwischen, um die sich die vielen bunten Fische Hawaiis tummelten. Das großflächige Korallenriffökosystem beheimatete zahllose Fischarten, von denen über dreißig Prozent endemischer Art waren. Beim Abtauchen hatte sie bereits einige lange Trompetenfische bemerkt, die knapp unterhalb der Wasseroberfläche entlangschwammen. Es war faszinierend, das bunte Leben unter Wasser zu beobachten. Fische allerlei Größen, Formen und Farben schwammen um die Hartkorallenblöcke und bissen immer wieder Stücke davon ab, die sie knirschend zerbissen. Unter Wasser hörte sich das Ganze ziemlich laut an. Hortensia fühlte sich wie in einem großen Aquarium. Sie formte mit Zeigefinger und Daumen ein ‚O’ und signalisierte damit Keikilani, das alles in Ordnung war. Tiefe Ruhe überkam sie, als sie völlig schwerelos ihrem Alltag entglitt und in die faszinierende Unterwasserwelt Hawaiis abtauchte.
   Sie machten zwei wunderschöne Tauchgänge und saßen anschließend nass und ermüdet auf einem flauschigen blauen Handtuch. Hortensia genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Langsam ließen sie ihren Blick über den unendlichen Pazifik gleiten. Wenig später verstauten sie ihre Tauchsachen auf der Ladefläche von Keikilanis Truck. Dann machten sie sich auf den Weg nach Kailua-Kona. Dort wollte Hortensia Keikilani zum Dank für den tollen Tauchgang zu Bubba Gump einladen.
   Gleich in der Nähe des Themenrestaurants befand sich ein kostenloser öffentlicher Parkplatz, auf dem sie ihr Auto abstellten. Von dort aus war es nur noch ein Katzensprung.
   Hortensia sah schon von der Ferne aus die Holzbank mit dem Koffer von Forrest Gump, dessen Hauptfigur in dem gleichnamigen Film Tom Hanks gespielt hatte. Seine ausgelatschten weißen Turnschuhe waren aus Plastik nachgebildet und vor der Bank auf die roten Backsteine geklebt worden. Dahinter befand sich das Logo von Bubba Gump – ein grinsender Shrimp mit grauem Hut. Im Innenraum des Restaurants standen große Glasvitrinen, die Szenen des Films sowie verschiedene Repliken und Filmrequisiten präsentierten. Der Kellner führte Keikilani und Hortensia an einen freien runden Tisch auf der überdachten Terrasse mit einem wundervollen Blick auf den Pazifik. Im Hintergrund vernahm Hortensia das leichte Klatschen der Wellen, die gegen die schwarzen Lavaklippen schlugen. Nach einem Blick auf die Speisekarte entschied sich Hortensia für ‚Leutnant Dans Surf and Turf‘, das aus Spareribs und gegrillten Shrimps mit einer großen Portion Pommes bestand. Sie hatte das Gefühl, komplett ausgehungert zu sein, was vielleicht eine Nebenerscheinung des akuten Schokoladenentzugs sein konnte.
   Keikilani bestellte Jambalaya mit Hühnchen, Shrimps und Würstchen. »Gott, ich habe seit Ewigkeiten keine Jambalaya mehr gegessen.«
   Hortensia musterte ihn eine Sekunde lang, dann lächelte sie leicht. »Dein hawaiianischer Magen verlangt nach der guten kreolischen Cajun-Küche aus Louisiana?«
   »Kennst du eigentlich die Zusammensetzung des Wortes ‚Jambalaya‘?« Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er fort. »Das Wort Jambon steht im Französischen für Schinken, dann kommt à la, also ‚nach Art von‘, und zum Schluss noch ya-ya, was der Reis in Westafrika ist und schon hast du das Wort für Jambalaya.«
   »Also hat man Schinken nach Art von Reis. Mhm, sehr interessant. Da bin ich ja froh, dass ich Leutnant Dan vertraue und lieber seine ‚Surf and Turf‘-Variante gewählt habe – Fisch und Fleisch«, frotzelte sie. Sie ließ ihren Blick übers Meer gleiten. Wo Sarah wohl ihre Ausgrabungsstätte hat?, kam es ihr plötzlich in den Sinn. Zu gern wäre sie dort einmal hingegangen. »Sag mal, Keikilani, weißt du eigentlich, woran Sarah momentan forscht oder wo sich die Ausgrabung befindet? Mir wollte sie es nicht wirklich sagen.«
   Irritiert schaute Keikilani sie an. »Wieso fängst du denn nun wieder damit an?«, wollte er leicht gereizt von ihr wissen. »Ich habe keine Ahnung«, antwortete er ihr dann kurz angebunden. Nachdenklich blickte er auf das glitzernde Meer. »Hör zu, sie hat gerade jede Menge Arbeit um die Ohren, und vielleicht ist es einfach ein wenig zu viel für sie. Zumindest im Moment. Aber sonst ist alles in Ordnung mit ihr.«
   Hortensia schaute irritiert zu ihm hinüber. Weshalb ist er nur so zugeknöpft, wenn ich die Sprache auf Sarah bringe?, grübelte sie. Kurz schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass er etwas zu verbergen hatte. Unsinn, schalt sie sich selbst und schob den irritierenden Gedanken von sich. Sie versuchte, sich seine genervte Reaktion rationell zu erklären. Trotzdem hinterließ sie ein unangenehmes Gefühl, zumindest subtil.

Captain Hook, Hawaii
‘ano malihini

Keikilani kam am nächsten Tag noch einmal vorbei, weil ihn die Universität von Hilo für ein paar Tage zu ihrer Forschungsstation auf Maui schicken wollte.
   Gerade, als sie im Wohnzimmer saßen und einen Kaffee tranken, klingelte die Haustürglocke.
   Ein dunkelhaariger Mann in Jeans und Poloshirt stand vor der Tür. »Guten Morgen«, begrüßte er Hortensia. Er hatte ein offenes Lächeln und wirkte auf den ersten Blick überaus sympathisch. »Sie müssen Sarah Goodwin sein, nicht wahr?«
   »Nein, das tut mir leid, ich bin Sarahs Freundin Hortensia. Sarah ist nicht hier. Kann ich ihr etwas ausrichten?«
   »Nun, ich habe in einer Fachzeitschrift von ihrer Arbeit als Meeresarchäologin gelesen und war begeistert. Da ich hier im Urlaub bin, habe ich gedacht, dass ich einmal vorbeikomme und mich kurz vorstelle. Mein Steckenpferd ist nämlich die Archäologie, und da hätte es mich natürlich interessiert, mich mit ihr auszutauschen. Ist sie für längere Zeit weg?«
   »Sie ist im Auftrag ihrer Uni für einige Tage verreist. Irgendein Forschungsprojekt. Ich weiß jedoch nicht, wann sie wiederkommen wird.«
   »Das ist ja spannend. Wissen Sie denn, woran sie gerade arbeitet?«
   »Nein, sie hat mir nichts darüber verraten.«
   Hinter Hortensia trat Keikilani aus dem Wohnzimmer. Er sah den Fremden misstrauisch an. »Was wollen Sie von Sarah?«, fragte er statt einer Begrüßung.
   Die Männer musterten sich abschätzend.
   »Sie sind …?«, wollte Keikilani von dem Fremden wissen.
   »Mein Name ist Ethan McGowann.«
   Hortensia spürte die Spannung zwischen den Männern. Die Luft schien förmlich zu knistern. Diese gegenseitige Antipathie empfand sie äußerst befremdlich.
   »Dürfte ich nun Ihren Namen erfahren?«, fragte McGowann. Er kniff die Augen zusammen und taxierte sein Gegenüber aufs Genaueste.
   »Ich wüsste nicht, weshalb«, parierte Keikilani schroff, drehte sich um und ging zurück ins Wohnzimmer.
   Erstaunt sah Hortensia ihm hinterher, sie konnte sich seine ablehnende Haltung gegenüber diesem McGowann nicht erklären. Verdammt, Keikilani, was ist eigentlich los mit dir, so habe ich dich noch nie erlebt, schoss es ihr durch den Kopf. Unbehaglich strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sein seltsames Auftreten sowie seine extreme Unhöflichkeit waren ihr äußerst peinlich, und sie hatte das Gefühl, sich für ihn entschuldigen zu müssen.
   »Nun, ich denke, dass ich ein anderes Mal wiederkommen werde. Es war nett, Sie kennengelernt zu haben«, sagte McGowann und hielt ihr seine Hand hin.
   Hortensia ergriff sie und war über die Weichheit seiner Handinnenfläche überrascht.
   »Es tut mir leid, normalerweise ist er ausgesprochen höflich«, warf Hortensia rasch ein. McGowann winkte ab.
   »Das ist schon in Ordnung. Haben Sie denn ebenfalls etwas mit Archäologie zu tun?«, wollte er stattdessen von ihr wissen.
   »Nein, überhaupt nicht, dafür ist Sarah zuständig. Ich bin Flugbegleiterin und nur im Urlaub hier.«
   McGowann beobachtete Hortensia genau. Er übte eine seltene Faszination auf sie aus, die sie sich nicht erklären konnte. Er passte ja überhaupt nicht in ihr Beuteschema, aber trotzdem gefiel er ihr.
   McGowann verabschiedete sich höflich und lief auf einen schwarzen Mercury zu, ohne sich noch einmal umzudrehen.
   Etwas enttäuscht über seinen schnellen Aufbruch sah Hortensia dem davonfahrenden Fahrzeug nach. Diesen Mann hätte sie gern näher kennengelernt, aber das sollte wohl nicht sein.
   »Was wollte der von Sarah?«
   Hortensia zuckte zusammen, als Keikilani sie von hinten ansprach. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Kopfschüttelnd drehte sie sich zu ihm um. »Er interessiert sich für Archäologie und hat eine fachliche Veröffentlichung von Sarah gelesen. Jetzt wollte er sie in natura kennenlernen. Übrigens«, prüfend sah Hortensia ihn an, »dein Benehmen fand ich mehr als unhöflich. Von der typischen hawaiianischen Gastfreundschaft war da nichts zu erkennen.«
   »Ich wüsste nicht, warum ich ihm meinen Namen hätte sagen sollen. Schließlich wollte er zu Sarah und nicht zu mir«, erwiderte Keikilani ruppig. »Kannst du mir Bescheid geben, wenn der Kerl wieder hier auftaucht? Irgendetwas stimmt mit dem nicht.« Er sah sie beschwörend an.
   Automatisch nickte Hortensia.
   Kurze Zeit später verabschiedete sich Keikilani und ließ sie verwirrt zurück.

Den restlichen Tag verbrachte sie halbherzig mit dem Schreiben ihres Manuskriptes und Gartenarbeit. Weil ihr beides jedoch nicht wirklich von der Hand lief, klappte sie schließlich ihren Laptop zu und verstaute wenig später die herumliegenden Gartengeräte in dem Schuppen seitlich vom Haus. Sie schloss ihn sorgfältig ab und setzte sich auf die bequeme Rattancouch auf der Terrasse. Tief in Gedanken versunken ließ sie ihren Blick über den üppigen Garten schweifen. Ob dieser Ethan McGowann wohl noch einmal vorbeikommen würde? Und warum war es für Keikilani so wichtig, dass er in diesem Falle informiert wurde?
   Tatsächlich erschien Ethan McGowann am nächsten Tag erneut. Diesmal bat ihn Hortensia ins Haus und bot ihm an, Sarah anzurufen.
   »Das wäre ausgesprochen freundlich von Ihnen.« Er schenkte ihr ein sympathisches Lächeln. »Ihr Begleiter ist heute nicht im Haus?«
   »Ich glaube, dass ich mich für sein unhöfliches Verhalten noch einmal entschuldigen muss. Normalerweise ist er sehr gastfreundlich, deshalb weiß ich nicht, was in ihn gefahren ist«, versuchte sie, Keikilanis Handeln zu entschuldigen.
   »Nun ja, er wird schon seine Gründe haben. Wie heißt er übrigens?«
   »Sein Name ist Keikilani Naganosha, und er arbeitet ab und an mit Sarah zusammen. Irgendwie arbeitet er ihr zu, aber Genaues weiß ich auch nicht.«
   »Und wo hält sich dieser Keikilani im Moment auf? Ist er ebenfalls bei Sarah Goodwin?«
   Hortensia schoss ein unangenehmer Gedanke durch den Kopf. Vielleicht war Keikilanis Warnung doch nicht so unbegründet. Zumindest stellte dieser eigentlich sehr sympathische Mann enorm viele Fragen.
   »Nein, Keikilani ist anderweitig unterwegs«, antwortete sie ausweichend. »Wenn Sie möchten, versuche ich nun, Sarah zu erreichen.« Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern nahm ihr Telefon in die Hand und drückte die Taste für Sarahs abgespeicherte Rufnummer. Sofort vernahm sie, dass der Teilnehmer nicht erreichbar sei. »Es tut mir leid, aber wie es scheint, hat sie ihr Handy ausgeschaltet.«
   »Vielen Dank für Ihre Bemühungen.« Er pausierte einen Moment, während er sie konzentriert musterte. »Dürfte ich Sie etwas fragen, Hortensia?«
   Seine Bitte kam ihr merkwürdig vor, da er bereits jede Menge Fragen gestellt hatte. Sie nickte zögernd.
   »Kann es sein, dass Sie aus Deutschland stammen?«
   Hortensia atmete auf. Keine Frage über Sarah oder Keikilani. »Ja, das hört man wohl an meinem Akzent. Ich nehme an, dass Sie ebenfalls aus Europa kommen. England, habe ich recht?«
   Er lachte auf. »Das stimmt. Was für ein Zufall es doch ist, dass wir zwei Europäer uns ausgerechnet hier, mitten im Pazifik treffen. Mit so etwas hätte ich nun wirklich nicht gerechnet«, gab er in seinem besten britischen Englisch von sich. »Woher genau aus Deutschland stammen Sie? Ich habe zwei Auslandssemester in Tübingen verbracht.«
   »Oh, das gibt es ja nicht! Ich habe dort ebenfalls mit meinem Studium angefangen.« Sie lachte auf. »Das ist ja ein ganz außergewöhnlicher Zufall. An welcher Fakultät waren Sie denn?«
   »Ich habe Jura an der Eberhard Karls Universität studiert, und Sie?«
   »Unglaublich!« Sie lachte. »Ich war dort ebenfalls immatrikuliert, allerdings in Biologie. Wann waren Sie denn für Ihr Auslandssemester dort?«
   »Da muss ich Ihnen recht geben. Ein sehr ungewöhnlicher Zufall. Ich habe diese kleine Unistadt geliebt. Mit den alten Fachwerkhäusern und dem – wie heißt der Fluss noch einmal? Ne-irgendetwas. Ach ja, Neckar. Einfach traumhaft. Ich muss mal nachrechnen, wann das war …« Er richtete seinen Blick auf das gegenüberliegende Fenster. »Wenn mich nicht alles täuscht, muss es 92 oder 93 gewesen sein.«
   Hortensia war so glücklich darüber, jemanden zu treffen, der in Deutschland gelebt und sogar an der gleichen Universität wie sie studiert hatte, dass sie Keikilanis Warnung über McGowann völlig ignorierte. Wenn jemand Jura in Tübingen studiert hatte, musste er einfach vertrauenswürdig sein. Spontan lud sie ihn auf einen Kaffee ein.
   McGowann nahm das Angebot erfreut an, und wenig später saßen sie gemeinsam auf der Lanai.
   Angeregt unterhielten sie sich über ihr Studentenleben in Tübingen und vergaßen darüber völlig die Zeit. Hortensia erfuhr nebenbei, dass Ethan McGowann nun in Lyon lebte. Dort arbeitete er für einen internationalen Konzern und kümmerte sich um Fragen der Sicherheit. Ganz genau verstand sie jedoch nicht, was er tatsächlich bei der Firma tat.
   »Nun, dann freue ich mich, wenn ich ein anderes Mal wiederkommen kann. Vielleicht treffe ich Sie ja noch einmal an.« McGowann stand langsam auf.
   Hortensia, die Ethan äußerst sympathisch fand, empfand leichtes Bedauern, als er sich verabschieden wollte.
   »Ähm, was haben Sie denn in Ihrem Urlaub hier auf Hawaii geplant, außer Sarah zu besuchen?«, fragte sie ihn deshalb schnell.
   »Ich hatte vor, mir die Highlights der Insel anzuschauen. Vielleicht würde ich sogar einen Tauchausflug machen, damit ich einmal die Unterwasserwelt von Hawaii kennenlerne. Dazu habe ich jetzt ein wenig Muße.«
   Hortensias Herz begann deutlich schneller zu schlagen. Nicht nur, dass dieser Mann endlich einmal kein zwielichtiger Schauspieler war, er tauchte auch noch. Es kam ihr fast wie eine Fügung des Schicksals vor, dass er wie aus dem Nichts hier aufgetaucht war. »Sie tauchen?«, fragte sie entzückt.
   »Oh, ich bin ein leidenschaftlicher Taucher und habe einen Teil meines Equipments mitgebracht.«
   »Wenn Sie Lust hätten, könnte ich Ihnen einen wunderschönen Tauchplatz hier in der Nähe zeigen.« Aufgeregt biss sich Hortensia auf die Lippe. Ohne viel nachzudenken, war der Satz aus ihr herausgesprudelt. Nun hatte sie Bedenken, dass er sie als zu aufdringlich empfand. »Na ja, ich habe nur gedacht, falls Sie sich hier nicht auskennen, hätten Sie vielleicht Interesse daran, dass Ihnen jemand die Gegend zeigt«, versuchte sie verlegen zurückzurudern.
   Wortlos schaute McGowann sie für einige Sekunden an. Hortensia spürte, wie er mit sich kämpfte, was sie irritierte. Sie hätte sich selbst ohrfeigen können. Na super, Hortensia von Lindenthal, wie dämlich muss man eigentlich sein, sich so offensichtlich einem interessanten Mann einfach an den Hals zu werfen?, schalt sie sich selbst. Am Besten wäre es wohl, wenn sie ihre Einladung wieder zurücknehmen würde. Gerade als sie den Mund öffnen wollte, antwortete McGowann.
   »Nun ja, ich möchte nicht, dass Sie sich genötigt fühlen, Ihren Urlaub damit zu vergeuden, für mich als Tour-Guide tätig zu werden. Ich hatte sowieso vor, eine Tauchausfahrt zu buchen. Das ist also überhaupt kein Problem.«
   »Mir würde es nichts ausmachen, Ihnen die Unterwasserwelt zu zeigen. Da Sarah nicht hier ist, um mit mir tauchen zu gehen, fehlt mir sowieso ein Tauchpartner. Deshalb ist der Vorschlag auch ein wenig eigennützig.« Bingo, das klang doch ganz plausibel für eine Erklärung. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren. Aufgeregt biss sie sich auf die Unterlippe.
   »Wenn das so ist, kann ich nicht wirklich Nein sagen. Dann sehen wir es einfach als einen Tauchausflug unter ehemaligen Fast-Kommilitonen an. Immerhin haben wir an der gleichen Universität studiert.«
   »So kann man es natürlich auch sehen.« Hortensia wunderte sich, dass er für sich einen Grund benötigte, um mit ihr tauchen zu gehen.
   »Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn Sie mir die Unterwasserwelt hier zeigen. Ich wollte mich Ihnen nur nicht aufdrängen«, versicherte er. »Sie als ehemalige Fast-Meeresbiologin müssen das Meer ja lieben.«
   Hortensia war über seine Erwiderung wieder beruhigt und begann ihm so begeistert von ihrem Tauchgang bei Two Steps zu erzählen, dass er erneut Platz nahm. Im Laufe des Gesprächs wechselten sie zum vertrauten ‚Du‘ über.
   Nach einer weiteren Stunde eifrigen Unterhaltens verabschiedete sich Ethan diesmal tatsächlich. Er wollte sich nach seiner Rückkehr in Kona gleich um Flaschen und einen Neoprenanzug kümmern. Als er ihre Hand zum Abschied nahm, verspürte sie plötzlich ein heftiges Kribbeln in der Bauchgegend. Erstaunt nahm sie es zur Kenntnis.

An diesem Abend war Hortensia so aufgeregt, dass sie nicht einmal mehr an Essen dachte.
   Da sie das Bedürfnis hatte, mit jemandem über Ethan zu sprechen, wählte sie kurz entschlossen Sarahs Telefonnummer. Gespannt wartete sie darauf, dass Sarah abnahm. Ihre Gedanken wanderten zu Ethan zurück. Sie hatte eindeutig Feuer gefangen. Bereits der Gedanke an ihn beschleunigte ihren Herzschlag, und sie spürte eine aufwühlende Erregung tief in ihrem Unterleib. Als Sarahs Mailbox dranging, registrierte sie es anfangs überhaupt nicht, so tief war sie in Gedanken an Ethan versunken.

Kapitel 3
Kaho‘olawe, Hawaii
hana‘eli‘ana

Der Wind peitschte am südlichsten Punkt der kleinen Insel Kaho‘olawe, die südwestlich von Maui lag. Die Insel hatte eine stürmische Vergangenheit hinter sich. Blutige Kämpfe der polynesischen, konkurrierenden Häuptlinge rotteten die Inselbewohner von Kaho‘olawe fast vollständig aus. Im Jahr 1830 wurde die Insel zu einer Strafkolonie umfunktioniert und 1858 an Viehzüchter verpachtet, die sie wenig später wegen mangelnden Süßwassers und dramatischer Dürre wieder aufgaben. Danach wurde sie zu Trainingszwecken von der US-Armee benutzt, bis sie schließlich 1994 von der Navy an den Staat Hawaii überging. Keine Menschenseele lebte mehr auf der Insel, und für die Öffentlichkeit war sie seit Langem gesperrt. Es war deshalb auch nicht verwunderlich, dass niemand über die zwei großen olivgrünen Zelte Bescheid wusste, die seit über fünf Monaten auf der Südseite der Insel standen.
   Sarah zog rasch den Reißverschluss ihres Zelteinganges nach oben und setzte sich an den kleinen Plastiktisch, der sich im vorderen Teil des abgetrennten Zeltes befand. Sie rollte eine Karte auseinander und studierte sie aufmerksam. Dann markierte sie einen kleinen Quadranten. Dort würden sie morgen früh den Meeresboden genau abtauchen. Vielleicht hatte sie endlich Glück, und sie würde irgendwelche Teile des abgestürzten kleinen Flugzeuges finden. Mit akribischer Sorgfalt hatte Sarah einen Rasterplan angefertigt und ihn systematisch abgetaucht. Viele Quadranten blieben nicht mehr übrig, also musste das Flugzeug in diesem Teil des Pazifiks liegen. Ihr Blick wandte sich dem Bild des jahrtausendealten Artefaktes zu. Nachdenklich nahm sie es in die Hände. Wie immer, wenn sie es sah, überkam sie eine stille Ehrfurcht. Seit dem spektakulären Museumsraub in den Fünfzigerjahren galt es als verschollen. Nun, fast sechzig Jahre später, gab es diese eine Spur. Und wenn ihre Berechnungen stimmten, würde sie es vielleicht in ein paar Tagen aus dem Pazifik bergen können.
   Vor einem halben Jahr hatte sich der japanische Milliardär Hideaki Nakamura bei Sarah gemeldet und ihr eine große Geldsumme angeboten. Sein mittlerweile verstorbener Vater Akaya Nakamura hatte der Heiligen Lanze zeit seines Lebens nachgetrauert. Sein ganzes Denken, Handeln und Fühlen hatte sich nur noch um dieses verschollene Artefakt gedreht. Die Familie geriet immer mehr aus dem Fokus seines Lebens. Noch auf dem Sterbebett musste ihm sein einziger Sohn Hideaki das Versprechen abnehmen, die Lanze wiederzubeschaffen, damit er wenigstens im Jenseits zur Ruhe kommen würde. Sein milliardenschweres Vermögen sollte daher auch größtenteils für die Suche aufgewendet werden. Da es sich bei dem Museumsraub jedoch um eine illegale Aktion gehandelt hatte, musste Nakamura überaus vorsichtig an die Suche herangehen. Immer wieder hatte er es in Angriff nehmen wollen, die Fabriken und seine Familie hatten jedoch viel seiner Zeit und Energie in Anspruch genommen. Nun ging er mittlerweile auf die sechzig zu. Um seinem Vater diese allerletzte Ehre zu erweisen, hatte es sich Hideaki Nakamura in seinem letzten Lebensabschnitt zur Aufgabe gemacht, dieses Artefakt unter allen Umständen wiederzubeschaffen. Er wollte seinem Vater im Jenseits nicht mit leeren Händen gegenübertreten. Damit hätte er sein Gesicht verloren, und das war unter keinen Umständen akzeptabel.
   Da Sarah in archäologischen Fachkreisen die beste Reputation genoss, hatte er sich nach einigen hoffnungslosen Versuchen, die Lanze aufzuspüren, an sie gewandt. Als Unterwasserarchäologin war sie geradezu prädestiniert, die Heilige Lanze zu finden. Zudem lebte sie auf Hawaii, was der Platz war, an dem das Flugzeug plötzlich spurlos verschwunden war. Das Artefakt sollte nun endlich wieder die japanische Familienehre herstellen. Dies musste natürlich unter strengster Geheimhaltung stattfinden.
   Sarah wurde von ihrem Lehrstuhl der Universität Hilo in aller Stille befreit und war unter großen Sicherheitsauflagen in die Geschichte eingeweiht worden. Sie bekam Zugriff auf die alten, geheimen Unterlagen der Familie Nakamura. Somit konnte sie den Kurs ungefähr berechnen, den die kleine Maschine damals genommen haben musste, bevor sie den Funkkontakt verlor. Auch sie kannte die Geschichte über das geheimnisvolle Verschwinden des Artefakts. Da die Heilige Lanze des Centurius noch immer als verschollen galt, hatte sie dementsprechend ungläubig auf die Erzählung des Japaners reagiert. Nachdem sie jedoch die Fakten vor sich liegen hatte, zögerte sie nur für den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie den Vertrag mit Nakamura schloss. Sie wusste, dass sie sich auf eine gesetzwidrige Sache einließ. Ihr archäologisches Interesse verdrängte jedoch den Gedanken an den illegalen Charakter der Ausgrabung. Zudem war es eine Menge Geld, das ihr der Milliardär angeboten hatte. Den leisen, nagenden Zweifel an dem geheimen Unterfangen, der sich seit Monaten subtil in ihr Unterbewusstsein gefressen hatte, versuchte sie zu rechtfertigen, indem sie einen kühnen Plan gefasst hatte. Primär war es für ihre archäologische Ideologie ungeheuer wichtig, die Heilige Lanze für alle Menschen zugänglich zu machen. Sie musste unter allen Umständen in die Öffentlichkeit gebracht werden und dürfte unter keinen Umständen dem Milliardär übergeben werden. Dabei konnte sie nur hoffen, dass ihr Ausgrabungspartner sie in ihrem Vorhaben unterstützen würde. Er war die einzig unsichere Komponente in ihrem Plan.
   Aufgeregt wandte sie ihren Blick dem Meer zu. Adrenalin durchströmte ihren Körper. Der Gedanke, das Artefakt vielleicht bald in den Händen zu halten, ließ sie bereits erschaudern.

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