„Ich möchte mir vorstellen, wie es wäre, wenn der Tod uns nicht getrennt hätte …“
Lucas' und Lillys Beziehung ist einzigartig. Das ändert sich auch dann nicht, als Lilly stirbt. Das Band zwischen ihnen bleibt bestehen, nur ist ihre Liebe jetzt wie ein Schatten, der Lucas Leben verdunkelt. Als Lucas fast an dieser Verbindung zerbricht, beschließt er, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen, um das schmerzhafte Band zu lösen. Doch auch der humanitäre Einsatz in Afrika schafft es nicht, seine Trauer zu durchbrechen. Als er Julia kennenlernt, muss Lucas sich endgültig entscheiden, ob er bereit ist, für die Liebe seines Lebens mit der Vergangenheit abzuschließen. Kann er Lilly im Stich lassen, obwohl es sich so anfühlt, als wäre sie immer noch bei ihm?

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ISBN: 978-9963-727-23-0

Seiten: 242

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Leonie Lastella

Leonie Lastella
Leonie Lastella wurde 1981 in Lübeck geboren und wuchs in Haselau nordwestlich von Hamburg, auf, wo sie noch heute zusammen mit ihren drei Söhnen im Haus ihrer Kindheit lebt. Nach ihrem gymnasialen Abschluss studierte sie einige Semester Erziehungswissenschaften und Biologie an der Universität Hamburg. Auslandsaufenthalte in den USA und Italien beeinflussten ihre Arbeit als Autorin ebenso wie ihre Tätigkeit in verschiedenen sozialen Einrichtungen. Seit 2006 widmet sie sich neben ihrer Arbeit und den Kindern dem Schreiben. Ihr erstes Buch „Stille Seele“ erschien im Juni 2011 in der Edition Doppelpunkt, der Thriller „Allein“ im Oktober 2012 über Create Space. Es folgten der New Adult Liebesroman „In Licht und Dunkelheit“ im bookshouse Verlag, die Thriller „Wer Finsternis sät“ und „2x3 Meter Finsternis“, ebenfalls im bookshouse Verlag, und die Novelle „Tropfen auf der Haut“. Seit Dezember 2014 wird sie von der Agentur Thomas Schlück GmbH vertreten. „Brausepulverherz“ aus dem Fischer Verlag ist ihre neueste Veröffentlichung.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Lucas war mein Seelenverwandter, mein Vertrauter, mein Leben. Jetzt ist meine Liebe zu ihm das Einzige, was ich noch immer spüre.
   Ich hatte so viele Pläne. Verrückte Pläne, naive Pläne. Pläne, die Welt zu verändern. Aber im Grunde war alles, was ich jemals wollte, mein Leben mit Lucas zu verbringen. Ich verschwendete so viel Zeit darauf, anders zu sein, aufregend. Ich wollte einen Unterschied machen, aber nichts davon ist mehr wichtig.
   Ich bin tot und alles, um was ich trauere, ist die Zukunft mit Lucas, die ich nie haben werde. Ich trauere um ihn, um uns.
   Es fällt mir schwer, zu begreifen, dass das hier das Ende sein soll. Was sich erst merkwürdig friedlich anfühlte, losgelöst von allem, anders als ich es immer vermutet hätte, ist der Trauer und der Sorge um Lucas gewichen, der Wut, dass ausgerechnet uns das passieren musste, mir. Ich verstehe es nicht. Will es auch gar nicht verstehen. Lucas ist allein, genau wie ich, verzweifelt, zornig und kurz davor, aufzugeben. Unser ganzes Leben haben wir uns aneinander festgehalten. Wir beide gegen den Rest der Welt. Ich war seine Stütze und er meine. Aber das ist Vergangenheit. Mir bleibt nur, einen Weg zu ihm zurückzufinden, und diesem Albtraum zu entkommen.
   Meine Liebe zu ihm muss stark genug sein, selbst den Tod zu überstehen. Woran sonst könnte ich mich festhalten?
   Zweifel bohren sich durch die Wut. Schon als ich noch lebte, war unsere Liebe nicht unangreifbar. Keiner lebt allein. Wir hatten Bindungen, Verpflichtungen und Gefühle für so viele Menschen. Keiner konnte sie ignorieren, unabhängig davon, wie gut oder schlecht das Verhältnis zu diesen Personen auch war. Wir konnten unser Umfeld nicht einfach ausblenden, und genau deshalb ist Lucas’ und meine Beziehung schwierig geworden.
   Genau genommen wurde sie nicht schwierig, unser gemeinsames Leben endete an diesem Punkt. Ich weiß, dass dieser Zustand endgültig ist, aber ich kann nicht anders, als an unserer Liebe festzuhalten. Ich werde Lucas niemals verlassen.
   Wieso waren wir überhaupt auf dieser verdammten Straße?
   Die Bilder des gestrigen Streits wirbeln wie dunkle Wolkenfetzen durch meinen Kopf. Es war ein Streit von so vielen, ein heftiger. Es war meine Idee, dem Wahnsinn nur für einen Moment zu entfliehen.
   Das Geräusch der Kieselsteine unter den Rädern meines Kleinwagens scheint real. Die Erinnerungen werden stärker. Ich sehe, wie der Wagen über die geschwungene Straße Richtung Norden aus Graugesee hinausfuhr, spüre den Wind, der durch das halb offene Fenster meine Haare durcheinanderwirbelte. Wie ein tiefgraues Band schlängelte sich der Asphalt durch die hügligen Wälder, um sich in einer scharfen, fast rechtwinkligen Kurve hinter einem steilen Hang zu verlieren. Ich kann meinen Körper fühlen, den Sommer riechen, schmecken und spüren, wie wütend ich war. Auch wenn es nur Erinnerungen sind, fühle ich mich wieder lebendig.
   Meine Lippen waren eng zusammengekniffen. Ich war stocksauer, obwohl ich wusste, dass ich Lucas sowieso nicht lange böse sein konnte. Ein Blick in seine dunklen, warmen Augen und auf seine blonden Locken, die ihm, dem Chaos in seinem Inneren entsprechend, wirr vom Kopf abstanden, würde ausreichen, um meinen Widerstand in seine Bestandteile zerfallen zu lassen. Also starrte ich durch die Windschutzscheibe und versuchte, diese Tatsache und sein ebenfalls andauerndes Schweigen zu ignorieren.
   Ohne zu reden, fuhren wir eine Weile, bis Lucas tief seufzte. »Jetzt sei bitte nicht mehr böse. Ich hatte etwas getrunken.«
   Nicht, dass mich das Argument von seiner Unschuld überzeugt hätte. Noch hielt ich mich wacker und starrte unbeirrt auf einen dunklen Fleck auf der Windschutzscheibe, der in einem früheren Leben wohl ein Insekt gewesen sein musste.
   »Ich liebe dich, Lilly!«
   Er wusste genau, womit er mich kriegen konnte. Wie immer führte seine Art, meinen Namen auszusprechen, dazu, dass ein warmes Gefühl meinen Körper durchströmte. Obwohl er in Deutschland geboren und aufgewachsen war und Amerika nur aus einigen wenigen Urlauben bei den Verwandten seines Vaters kannte, sprach er meinen Namen wie ein waschechter Amerikaner aus. Ich liebte diese zärtliche Vertrautheit zwischen uns, und er nutzte dieses Wissen schamlos aus. Ich stieß die Luft aus meinen Lungen.
   Lucas schielte kurz zu mir herüber, bevor er seinen Blick wieder auf die Straße richtete.
   Natürlich war ihm nicht entgangen, dass meine Mauer erhebliche Risse bekommen hatte. Nur er schaffte es, dorthin zu sehen, wo mein wahres Ich wohnte. Niemand sonst durfte diese Lilly sehen.
   »Tyler wird sich schon einkriegen.«
   Ich strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Er und dein Vater werden alles tun, um uns auseinanderzubringen. Sie hätten es nie erfahren dürfen!«
   »Es ist gut, dass er es endlich weiß.«
   Ich stöhnte unterdrückt. War das wirklich sein Ernst? »Er hat uns wild knutschend hinter der Garage gesehen und dir eine reingehauen. Ist das wirklich die Art und Weise, wie du es deinem Bruder erzählen wolltest?«
   Lucas grinste schief und rieb sich das blutunterlaufene Jochbein. »Sicher, ich hätte mir eine andere Reaktion erhofft, aber du bist wie eine Schwester für ihn, eine wilde, böse Schwester, die seinen kleinen Bruder vögelt.«
   »Lucas Edwards, du bist manchmal so was von primitiv!« Ich schlug ihm mit all meiner Kraft gegen den Oberarm.
   »Aua!« Ein kurzer beleidigter Blick, bevor ein typisches Grinsen sein Gesicht erhellte, eines, das ich so liebte. »Primitiv, aber glücklich.«
   »Du machst mich wahnsinnig!«
   Er lächelte zärtlich und nahm meine Hand, um einen flüchtigen Kuss darauf zu drücken. »Das will ich doch hoffen.«
   Mein Herz machte einen ungesunden Hüpfer, und meine Wut verrauchte. Keine Mauer mehr, nicht der Funken eines Widerstandes. Ich biss mir auf die Lippen. Ich hätte ihn nicht angucken sollen.
   Immerhin hatte ich mir vorgenommen, ihm mindestens einen Tag lang böse zu sein. Böse darauf, dass er mich dazu gedrängt hatte, auf dem Geburtstag seines Vaters hinter der Garage zu verschwinden und mit ihm rumzumachen. Darauf, dass er das Risiko billigend in Kauf genommen hatte, dass wir erwischt wurden und darauf, dass er Tyler so weit gereizt hatte, bis sie sich geschlagen hatten – meinetwegen!
   Ich fühlte mich mies, obwohl ich fand, dass ihn ein Großteil der Schuld traf. Tief in mir wusste ich, dass das nicht stimmte. Ich schloss die Augen und verstand nicht, wie es ihm so wenig ausmachen konnte. Mich machte es rasend, wie Tyler mich sah. Ich war nicht mehr länger seine kleine Schwester, auch wenn Lucas daran glaubte, dass ich es wieder sein würde – irgendwann. Ich wusste es besser. Ich hatte es in Tylers Augen gesehen. Er hasste mich, hasste uns. Lucas konnte oder wollte es nicht sehen. Er schien ein geradezu beneidenswertes Vertrauen zu haben, dass sich die Dinge wieder gerade rücken lassen würden. Anstatt eines angebrachten Hauchs von Reue schien ihn der Streit mit seinem Bruder nur zu amüsieren. Grinsend begann er die Melodie aus dem Radio mitzusummen.
   Noch immer hielt er meine Hand, und ich war nicht in der Lage, sie ihm zu entziehen. Zu sehr genoss ich seine Wärme. Ich seufzte und sah aus dem Fenster, an dem die Wiesen und Wälder vorbeiflogen.
   »Ich liebe dich, Lilly!«
   Für einen Moment sträubte ich mich noch. Dann gab ich auf, drehte mich zu ihm und gab ihm einen Kuss. »Ich liebe dich auch.« Mit einem ergebenen Seufzer kuschelte ich mich an seinen Oberkörper. Ich konnte ihm nicht böse sein. Es war irgendwie – das passende Wort dafür ist wohl – unmöglich.
   Er hatte schon immer diese Wirkung auf mich. Eine Dosis Lucas und mein Kopf war wie leer gepustet. Ich fühlte mich frei. Zärtlich strich ich an der Innenseite seines Oberschenkels entlang und spürte, wie sich seine Muskeln kaum merklich verspannten.
   »Lass das!« Seine Stimme klang rau. Ich konnte die Erregung darin hören. »Wie zum Henker soll ich mich aufs Fahren konzentrieren?« Ganz eng schmiegte ich mich an seinen Oberkörper und berührte die warme Haut am Bund seiner Jeans. »Lilly, das ist mein Ernst!« Sein Lachen wurde von einem wohligen Seufzer unterbrochen, als meine Finger etwas tiefer unter den festen Stoff der Hose rutschten. »Du wirst nicht aufhören, nicht wahr?« Er verzog resigniert das Gesicht, schloss aber genießerisch die Augen. »Ich hatte nichts anderes vermutet.« Sein Atem beschleunigte sich, als ich mit meiner Zunge an seiner Fingerkuppe entlangfuhr.
   Im Radio begann ein neues Lied. Mit geschlossenen Augen wartete ich darauf, dass meine Hand auf seiner Haut erneut eine Reaktion auslösen würde, aber das Nächste, das ich hörte, war das Quietschen von Reifen auf Asphalt. Der Geruch von verbranntem Gummi hüllte uns ein. Ich fühlte einen Ruck durch Lucas’ Oberkörper gehen und hörte das Geräusch von sich verformendem Metall, als ein Auto frontal in unseren Wagen krachte.
   Ich war immer davon ausgegangen, dass das Sterben mit einem körperlichen Schmerz verbunden wäre. Alles, was ich in diesem Moment fühlte, war die Beschleunigung meines Körpers, als er aus dem Wagen geschleudert wurde, und das abrupte Ende, als ich hart auf dem Asphalt aufschlug. Knochen brachen, ich schmeckte Blut. In meinem Rücken spürte ich das makabre Knacken mehrerer Wirbel. Es erinnerte mich an die Geräusche aus schlecht gemachten Horrorfilmen. Es fühlte sich nicht so an, als stießen mir diese Dinge zu. Ich spürte nichts. Keinen körperlichen Schmerz, nur ein Gedanke zuckte durch mein Gehirn, bevor meine Welt in tiefem Schwarz versank – Lucas, wo ist Lucas? Bitte, lieber Gott, lass ihn das hier überleben!

Er hatte überlebt, und dafür danke ich allen übernatürlichen Kräften, die dafür verantwortlich waren. Mein hässlicher Kleinwagen glich einem auf dem Kopf liegenden, zertretenen Käfer. Der Mercedes hatte mehr Glück oder die bessere Verarbeitung. Lucas verschwendete nicht einen Blick auf den Fahrer, der aus einer Platzwunde am Kopf blutete, ansonsten aber unversehrt schien. Völlig unter Schock stehend, setzte der Mann mit seinem Handy den Notruf ab.
   Lucas kroch auf allen vieren aus dem, was von meinem Wagen übrig war. Glassplitter bohrten sich in seine Handflächen, sodass blutige Abdrücke auf dem Grau des Asphalts zurückblieben. Er schien es nicht einmal zu registrieren, genauso wenig wie das knirschende Geräusch der Splitter unter seinem Körper. Seine Stimme klang geschockt und blechern in der Stille, die nach dem Unfall wie ein Fluch über der Straße hing.
   »Lilly, wo bist du, verdammt Lilly, mach keinen Scheiß!« Für einen Moment hielt er inne und hustete einen Schwall Blut hoch.
   Ich wollte schreien. »Ich bin hier, alles wird gut! Bleib gefälligst, wo du bist. Du brauchst einen Arzt!« Aber die Tränen auf Lucas’ Gesicht brachten mich zum Schweigen.
   Er sah durch einen Tränenschleier auf einen Körper, der etwa zwanzig Meter von der Unfallstelle am Boden lag. Die Gliedmaßen seltsam verrenkt, leblos, tot!
   Nichts am Sterben hatte so wehgetan wie der Schmerz, der sich in diesem Moment auf Lucas’ Gesicht ausbreitete. Aus einiger Entfernung hörte man bereits Sirenen, als er immer noch kriechend die Distanz zwischen uns überwand. Tränen liefen ihm über das Gesicht. Er erreichte mich, umklammerte meine leblose Hülle und weinte. Schlug mich und schrie mich an.
   In meinem Inneren war nichts außer Stille, Ruhe, Frieden. Ich wünschte mir so sehr, ich hätte es mit Lucas teilen können.
   »Lilly, wach verdammt noch mal auf! Wach auf, das kannst du nicht machen! Du wirst nicht einfach gehen!«
   Sein Schmerz riss mich zurück. Der Frieden in meinem Inneren zerbrach. Meinen Körper konnte ich nicht mehr fühlen, nur seinen Schmerz, der zu meinem wurde.
   »Lass mich nicht allein. Lilly, komm zurück!«, bettelte er flüsternd weiter. Er schloss die Augen und flehte um mein Leben, genau, wie ich zuvor um seines gebeten hatte. »Bitte, lieber Gott, gib sie mir zurück!«
   Er bekam keine Antwort. Fassungslos starrte ich auf diese unwirkliche Szene, versuchte, ihn zu erreichen, ihn zu trösten und ihm den Schmerz zu nehmen.

Obwohl ich nicht verstehe, was mit mir passiert, weiß ich, dass es unmöglich ist. Das lebendige Gefühl ist nicht mehr als eine Erinnerung. Noch einmal erlebe ich den Schock, als ich merke, dass er meine Berührungen nicht mehr spürt, dass ich ihn nicht mehr spüre. Wir befinden uns nicht mehr in derselben Welt. Ich kann ihn nicht erreichen. Ich will schreien, weinen und um mich schlagen, aber keines dieser körperlichen Dinge funktioniert. Längst weiß ich, dass ich gefangen bin in diesem Zustand aus puren Empfindungen, und dass es keine Erlösung gibt.
   Die Erinnerung läuft aus.
   Innerhalb von einer Viertelstunde wimmelte es am Unfallort von Polizisten, Rettungskräften und Sanitätern. Tyler erreichte ebenfalls die Unfallstelle. Irgendjemand musste ihn informiert haben, denn Lucas hatte es bestimmt nicht getan. Er wirkte geschockt und neben sich stehend, versuchte aber erstaunlich kontrolliert, Lucas dazu zu überreden, mich loszulassen. Leise und beruhigend redete er auf ihn ein, aber er erreichte ihn nicht. Es wunderte mich nicht wirklich, obwohl ich mir in diesem Moment gewünscht hätte, Lucas hätte die Unterstützung seines Bruders annehmen können. Sie zogen ihn schließlich mit Gewalt von mir weg, während Lucas um sich schlug, trat und schrie. Tyler bemühte sich um ihn, obwohl auch er weinte – stumme Tränen. Verzweifelt versuchte er, Lucas dazu zu bringen, mit zum Krankenwagen zu kommen. Obwohl so viel zwischen ihnen stand, erinnerte mich seine Art das erste Mal seit Jahren wieder an den großen Bruder, zu dem Lucas in seiner Kindheit aufgeblickt hatte, der mich geliebt hatte.
   Blut tropfte stetig aus einer Platzwunde am Kopf auf Lucas’ hellblaues Hemd. Er humpelte und war unnatürlich blass. Niemand wusste, wie schwer er verletzt war, aber er weigerte sich, Hilfe anzunehmen. Mit der Kraft eines Wahnsinnigen fing Lucas erneut an, zu toben. Der Schock schien ihm zu helfen, seine Verletzungen zu ignorieren und die letzten Kräfte zu bündeln.
   Seine Stimme schien so fremd. »Lass mich los, Tyler!« Er stieß seinen Bruder von sich, brüllte weiter. »Verpiss dich!«
   Geistesgegenwärtig packte Tyler seinen Arm. Er hatte schnelle Reflexe. Eine Folge des Zusammenlebens mit seinem Vater. Lucas und er hatten dieselbe Kindheit geteilt, die sie schnell und stark gemacht hatte, zäh. Lucas befreite sich, holte aus und schlug zu.
   Ich zucke erschrocken zusammen, denn die Erinnerung lässt mich noch nicht los.
   »Verschwinde, Tyler!« Er nutzte den Moment, in dem Tyler nach hinten taumelte, und raste wie von Sinnen auf den Unfallgegner zu, warf ihn auf die zerstörte Kühlerhaube des Mercedes und schlug auf ihn ein. Immer wieder, bis mehrere Polizisten ihn fortzogen, ihn festhielten und er das Bewusstsein verlor.
   Ich spüre die Sorge durch meine tote Seele schwappen, bin aber in allererster Linie dankbar für diesen Teil der Erinnerung. Ein entspannter, unverletzter Ausdruck lag auf Lucas’ Gesicht. So ähnelte er wieder meinem Lucas. Mit genau diesem Ausdruck hatte er so oft friedlich neben mir geschlafen. Ich klammere mich an dieses Bild aus meiner Erinnerung und schließe die Augen.


Kapitel 1
Dunkles Erwachen

Lucas erwachte in einem fremden Bett. Die Laken fühlten sich steif an, und der Geruch nach Desinfektionsmittel ließ ihn die Nase rümpfen. Er blinzelte mehrmals, bis sich seine Augen langsam an das helle Tageslicht gewöhnten, das durch ein Fenster neben seinem Bett hereinfiel. Auf dem Tisch davor türmten sich Karten, Blumen und kleine Geschenke. Kabel und Schläuche schlängelten sich von seinem Arm über die Bettdecke und verbanden ihn mit verschiedenen Apparaten. Einige von ihnen piepten monoton, und gelegentlich blinkte eine Anzeige nervös auf. Ein Krankenhaus! Er verstand nicht, wieso. Ein heftiger Schmerz erfüllte ihn. Er wollte sich aufsetzen, aber sein Körper kapitulierte. Stöhnend ließ er sich zurücksinken. Bilder von Lillys völlig zerstörtem Wagen durchzuckten ihn. Verformtes Blech, überall Blut, Scherben! Lilly?
   Die Bilder konnten unmöglich stimmen. Sie durften nicht! Eine verschlafene Stimme vom anderen Ende des Zimmers ließ ihn irritiert blinzeln.
   »Du bist endlich wach. Wie fühlst du dich?« Tyler rappelte sich von einem unbequem wirkenden Stuhl hoch und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Er war blass, schien traurig, verspannt und übernächtigt zu sein.
   Vorsichtig fuhr sich Lucas mit der Zunge über die trockenen Lippen und versuchte, den pelzigen Geschmack im Mund zu vertreiben. »Was ist passiert?« Er sollte nicht mal mit Tyler sprechen. Wenn Lucas nicht zu schwach gewesen wäre, hätte er seinen Bruder achtkantig aus dem Zimmer geschmissen. Mehrere Schichten undurchdringbarer Watte umgaben die Erinnerungen an das, was ihn hierher gebracht hatte. Tyler war der Einzige, der vielleicht wusste, wieso er hier war. »Was ist passiert?«
   Sein Bruder wich seinem Blick und seiner Frage aus, kam zum Bett und starrte auf das Laken. Im Laufe der Jahre hatte er diesen Ich-sehe-dich-in-keinem-Fall-an-Blick perfektioniert. Es beschleunigte Lucas’ Atmung – ein feiner Nadelstich aus Wut, der die dichte Decke der Angst durchbrach.
   »Hast du Durst? Ich könnte die Schwester fragen, ob du etwas trinken darfst.«
   Lucas schüttelte ungeduldig den Kopf, kniff vor Schmerz die Augen zusammen und tat so, als wäre die längst verfahrene Beziehung zu Tyler nicht allgegenwärtig. »Sag mir, was passiert ist.«
   »Du hattest einen Unfall. Einen ziemlich schweren. So ein Idiot ist frontal in dich reingefahren. Hat dich ziemlich erwischt. Dein Bein ist mehrfach gebrochen und die Milz gerissen. Deine Lunge hat auch geblutet. Sah ’ne ganze Weile ziemlich schlimm aus, aber jetzt bist du über den Berg. Du bist wach.« Tyler legte einen gespielt zuversichtlichen Gesichtsausdruck auf.
   Was sollte das heißen? »Was meinst du mit ’ner Weile? Wie lange, Ty?«
   Tyler nestelte am Ende des steifen Lakens herum. »Seit fast einer Woche.«
   »Eine Woche?« Die Kraft, die Lucas in seine Worte legte, trieb ihm die Schweißperlen auf die Stirn. Er atmete angestrengt. Noch nie war ihm der Ärger mit Tyler so unwichtig erschienen. »Tyler, ich war nicht allein im Wagen. Wo ist Lilly?« Eine Weile herrschte Stille. Lucas wollte Tyler schütteln, ihn zum Reden bringen. Er sollte ihm sagen, dass Lilly lebte, dass sie in einem der anderen Zimmer lag und nur darauf wartete, ihn endlich zu sehen. »Tyler?«
   Tonlos flüsterte Tyler. »Ja, sie saß mit im Wagen.«
   Die Linien auf den Monitoren verschwammen wie ein Störbild im Fernsehen. »Was heißt, sie saß mit im Wagen? Wie geht es ihr? Wo ist sie? Verdammt noch mal, Tyler, muss ich dir erst in den Arsch treten?« Seine Stimme blieb schwach, brüchig. Die Angst, die durch seinen Körper kroch, fraß ihm die Kraft weg.
   Tyler drehte sich halb vom Bett weg und starrte aus dem Fenster. Das Sonnenlicht glitzerte auf den Tränen in seinen Augen. »Lucas, sie saß mit im Wagen, aber sie war nicht angeschnallt.«
   Das Bild von Lillys warmem Körper, eng an seine Brust geschmiegt, ihre Finger auf seinem Bein, ihre Zunge auf seiner Haut, während er die Melodie von »Iris« im Radio mitsummte, blitzte kurz auf und wurde von Tylers Stimme fortgewischt.
   »Sie wurde bei dem Aufprall aus dem Wagen geschleudert.«
   Er log.
   »Sie hat es nicht überlebt, Lucas.«
   Das Flüstern dröhnte in Lucas’ Ohren, steigerte sich mit dem Trommeln seines Herzschlags zu einem atonalen Rauschen. Tyler hätte lügen sollen. Seine Welt retten müssen. Gemeinsam mit einem Kribbeln kamen die Erinnerungen zurück. Bruchstückhaft sah er Lillys Körper auf dem Asphalt, das viele Blut, und erinnerte sich, wie ihn die Trauer mit der Wucht einer Abrissbirne getroffen hatte. Am Ende hatte Tyler recht behalten, sie hatten sich gegenseitig zum Absturz gebracht. Aber ganz im Gegensatz zu Tylers Annahme war es nicht Lillys Schuld gewesen, sondern seine.
   Er presste die Zähne zusammen. Grelle Lichtblitze zuckten vor seinen Augen, während er sich auf dem staubigen Asphalt sah, weinend, schreiend. Fast spürte er das Blut des Unfallgegners auf seiner Faust. Ein Schauder überlief ihn. In Zeitlupe hob er die Hand – nichts. Es war, als hätte es den Unfall nie gegeben. Lucas wünschte es sich mit derselben Intensität, mit der er die Zähne zusammenpresste. »Wo ist sie jetzt?«
   Tyler sah ihn verzweifelt an. Der erste wirkliche Blickkontakt. Allein das war mehr als ein Alarmzeichen. »Sie haben sie beerdigt, Lucas. Vor drei Tagen. Ihre Eltern wollten nicht länger warten. Keiner wusste, wann du wieder aufwachst und wie es dir dann gehen würde …« Er brach mitten im Satz ab und zuckte hilflos mit den Schultern.
   Schweigen senkte sich über den nüchternen Raum. Ein Schweigen, in dem sich unangenehm die Leere ausbreitete.

Wenig später wischte sich Tyler verschämt die Tränen aus den Augen, als sich die Tür öffnete und ihre Eltern das Zimmer betraten. Tyler straffte die Schultern und wirkte mit einem Mal wieder wie der kleine Arschkriecher, zu dem er in den vergangenen Jahren geworden war. Lucas sah von ihm zu seinem Vater und zurück. Wie ein Ertrinkender klammerte er sich an den schmalen Streifen Wut.
   »Mama, Pa.« An Lucas gewandt murmelte Tyler: »Ich habe ihnen eine SMS geschickt, als du aufgewacht bist.«
   »Sehr nett.« Lucas schloss gequält die Augen. Die Wut war besser, angenehmer. Er wusste, gegen wen sie sich richtete. Mehrere hektische Küsse seiner Mutter streiften seine Stirn, seine Wangen, während Lucas seinen Vater anstarrte. Sanft streichelte sie ihm das Haar aus der Stirn. Er reagierte nicht darauf. Wenn er die Wut loslassen würde, würde er untergehen.
   Lilly war tot.
   Er schloss die Augen. Es gab keine Gegenwart mehr, keine Zukunft. Neben dem Hass auf seinen Vater gab es nur noch Vergangenheit und Schmerz. Die Stimme seiner Mutter an seinem Ohr wirkte verzerrt und verschwamm, das Bild kippte.
   Dunkelheit erlöste ihn.
   Das undurchdringliche Schwarz lichtete sich, Lucas fühlte sich geborgen. Die Leere war fort. Er liebte es, wenn er aus seinem Bett schlüpfte und über den nackten Holzboden tappte, um unter die aufgeschlagene Decke im Bett seines Bruders zu kriechen. Den Augenblick, wenn Tyler die Decke über ihre Köpfe zog, die Taschenlampe anknipste und es nur noch sie beide und ein Buch als Tor in eine andere Welt gab. Wenn er die Wärme seines Bruders spürte, dessen regelmäßigen Atem eng an seinem kindlichen Körper. Er ließ die Augen geschlossen, verweilte noch für einen Bruchteil in der Welt zwischen Traum und Realität, bevor er in die ersten aufdringlichen Sonnenstrahlen des Tages blinzelte. Er pustete einige Haarsträhnen von Tyler fort, die ihn an der Lippe kitzelten, und setzte sich langsam auf. Sein großer Bruder lag neben ihm, die Decke verdreht zwischen den Beinen. Er war da, beschützte Lucas, würde es immer tun.
   Im hinteren Teil des Hauses begann Pa leise zu rumoren. Sie mussten aufstehen. Gern wäre er liegen geblieben, hätte Tylers Körper weiter tröstend neben sich gespürt und ihn wie gestern Nacht angebettelt, noch ein Kapitel aus Tom Sawyer vorzulesen, aber das hätte ihre Mission gefährdet. Die Mission »freier Tag«, für die es lebenswichtig war, das Haus zu verlassen, bevor ihr Vater sie erwischen konnte. Lucas schluckte bei dem Gedanken an dessen kalte, distanzierte Art, die ihm Angst machte, an seine Wut und das, was unweigerlich folgte, wenn Lucas nicht nachgab. Er verfolgte Lucas bis in seine Träume. »Ty, wir müssen los.« Er zog seinem Bruder die Decke weg.
   Tyler rümpfte widerwillig die Nase und schob Lucas’ Hand unsanft von sich. »Will schlafen!«
   Lucas setzte sich auf und rüttelte unbarmherzig an seiner Schulter. »Pa ist gleich fertig. Ich will nicht mit ihm frühstücken. Du etwa?«
   Schlaftrunken brummte Tyler und schüttelte den Kopf. »Na schön, Quälgeist, sehen wir zu, dass wir fertig werden.« Mit einem Satz sprang er aus dem Bett und versenkte die Gliedmaßen seines schlaksigen Körpers in den benutzten Kleidungsstücken, die neben dem Bett am Boden lagen. Dabei rieb er sich den Schlaf aus den Augen und grunzte unzufrieden, weil er zu früh geweckt worden war. »Jetzt mach schon, Luc! Wie lange kann man denn brauchen?« Ungeduldig sah Tyler ihn an, bevor er einen Blick durch die halb offene Zimmertür riskierte.
   »Du bist nicht aufgewacht.« Beleidigt schob Lucas die Unterlippe vor und versuchte, sich in seinen Pullover zu zwängen. »Ich kriege ihn irgendwie nicht an. Er ist zu eng. Vielleicht bin ich gewachsen.« Ein hoffnungsvoller Unterton schlich sich in seine Stimme. Wann würde er endlich so groß sein wie sein Bruder? Die fünf Jahre Altersunterschied machten Tyler mit seinen zwölf Jahren fast zwei Köpfe größer als ihn und um ein Vielfaches erwachsener. Ein Seufzen entfuhr ihm, als Tyler an ihn herantrat. Mit einer schnellen Bewegung entknotete er den Pullover und zog ihn hastig über Lucas’ Kopf.
   »Mach dir keine Hoffnungen, Zwerg.« Ein hämisches Großer-Bruder-Grinsen überflog sein Gesicht. »Hast du alles? Das Boot, die Schnur? Badesachen? Verpflegung?«
   Lucas warf sich den Rucksack auf den Rücken und nickte.
   »Wird Zeit, dass wir verschwinden.« Tyler schob ihn in Richtung Tür. »Sonst erwischt er uns am Ende doch noch.«
   Sie verließen leise das Zimmer. Lucas spürte den warmen Druck von Tylers Hand im Nacken. Er schob ihn in Richtung Treppe, während beide hektische Blicke hinter sich warfen.
   Den Geräuschen nach zu urteilen, befand sich Vater noch immer im Badezimmer.
   Vorsichtig schlichen sie die wuchtige, massive Treppe hinunter, über den Flur und zur Tür hinaus. Sie umrundeten das Haus, drückten sich hinter den Sträuchern und Büschen des Blumenbeets entlang, bis sie den Zaun erreichten, der die angrenzende, hüglige Wiese umgab.
   Tyler lachte auf, als sie im Schutz des Zauns und des angrenzenden Baumbestandes zum See liefen, und klopfte Lucas übermütig auf den Rücken.
   Sie erreichten den Holzsteg, der knapp zwei Meter in den See hinausragte. Achtlos schleuderte Lucas seine Schuhe von den Füßen und ließ sich auf das vom Tau feuchte Holz plumpsen. Die Geräusche aus Richtung des Hauses waren nur noch gedämpft zu hören. Das riesige Gebäude hinter hohen Tannen und dem steil abfallenden Garten nicht zu sehen. Ein sicherer Ort.
   Lucas entspannte sich und blinzelte in das helle Sonnenlicht. Genießerisch streckte er seine Nase in die Luft und sog den Geruch nach Erde und Gras ein. Ein Holzsteg, der einzige Fleck in Lucas’ Welt, der das Gefühl von zu Hause hervorrief.
   »Kommst du jetzt, oder starrst du Löcher in die Luft?«
   Lucas zuckte zusammen und schielte zu Tyler hinüber, der ihr selbst gebautes Holzboot aus dem Rucksack befreite. Auffordernd hielt er Lucas den Rumpf entgegen und wedelte mit der Schnur.
   Im Laufen schaufelte Lucas Wasser des Sees in Richtung seines Bruders.
   »Ey, du Kröte, lass das!« Tyler schnitt eine genervte Grimasse.
   »Selber!« Mit einem Kichern nahm Lucas das Boot und hielt es Tyler so hin, dass er die Schnur am Bug befestigen konnte.
   »Wann bist du eigentlich so frech geworden?«
   Mit einem Achselzucken entlockte Lucas seinem Bruder ein ergebenes Stöhnen.
   Nur Sekunden später wuschelte Tyler ihm durch die halblangen Haare. »Bist echt ’ne Type! Ich hab’s!« Mit einem triumphierenden Lächeln hielt er das kleine Holzboot in die Höhe und kontrollierte ein letztes Mal den Knoten des Seils. »Also dann, bereit?«
   Lucas nickte eifrig, sprang vom Steg in den Uferschlamm und watete bis zu den Knien ins Wasser. Feines Schilf kitzelte seine Waden, und im Hintergrund hörte er die dumpfen Laute einiger Kühe. Noch einmal blickte er gegen die Sonne zu Tyler hoch, der auf dem Bootssteg stand und das Seil hielt. Die schmale Gestalt seines Bruders wirkte wie eine schwarze Silhouette gegen das Sonnenlicht. Durch zusammengekniffene Augen sah er, wie Tyler nickte, und als Lucas das Boot auf die glatte Wasseroberfläche setzte, tanzten rote und gelbe Punkte vor seinen Augen wie tausend kleine Sonnen.
   Die Strömung trug das Boot langsam über das Wasser. Tyler gab immer mehr Schnur, bis es weit draußen auf dem See über die Wellen tanzte.
   Lucas grinste. Sie hatten das Boot aus selbst gekauftem Holz zusammengebaut und dafür fast die ganzen Sommerferien geopfert. Als Tyler das Seil einholte und das Boot langsam auf sie zuglitt, kletterte Lucas zurück auf den Steg und sprang begeistert ein paar Mal auf und ab. »Es schwimmt echt!«
   Der Steg begann unter seinem Gehopse leicht zu schwingen und das Wasser schwappte glucksend gegen die Schwimmkörper. Die Sonne trocknete Lucas’ bloße Füße und Waden und erzeugte ein angenehmes Kribbeln auf der Haut. »Darf ich auch mal, Ty, bitte?«
   Tyler sah ihn prüfend an und grinste leicht spöttisch. Lucas hasste es, wenn sein Bruder anfing, die Ich-bin-älter-Karte auszuspielen. »Du bringst es nur zum Sinken. Du bist viel zu klein.«
   Störrisch erwiderte er: »Stimmt gar nicht, und das weißt du auch.«
   Unwillig schüttelte Tyler Lucas’ Hand ab. »Ich habe die Hälfte von meinem Taschengeld dafür ausgegeben. Ich habe keine Lust, dass du Zwerg es auf den Grund des Sees beförderst.«
   Lucas verzog enttäuscht das Gesicht und überlegte kurz, ob es klug war, einen Streit mit Tyler vom Zaun zu brechen. Er grunzte und seine Schultern sackten nach vorn.
   Sein Bruder lachte triumphierend und reichte ihm dennoch seufzend die Kordel. »Na schön, aber ich helfe dir.«
   Lucas ließ das Boot eine halbe Ewigkeit auf dem See fahren. Egal, wie sehr sie sich kabbelten, wie ernst sie aneinandergerieten, der Steg als Zufluchtspunkt, sein Bruder und ihre Beziehung, das war besonders, unantastbar.
   Lucas war sich sicher, dass er sich immer an diesen Moment erinnern würde. Nicht nur wegen ihnen, sondern auch wegen Lilly.
   Irgendwann stand sie einfach da. Hangelte sich aus ihrem Kletterbaum herab, der in dem Wäldchen stand, das sich vom Ortskern bis zum See erstreckte und nur durch eine Wiese und einen steilen Hang von ihrem Grundstück getrennt wurde. Sie blieb auf dem Hügel oberhalb der Wiese stehen, stemmte ihre Fäuste in die Seiten und starrte zu ihnen herüber. Ihre blonden Haare wehten ihr um das puppenhafte Gesicht. Eine verwaschene Latzhose flatterte um ihre schmale Gestalt und knietiefes Gras umspielte ihre Beine.
   Obwohl sie ein Mädchen war, erinnerte sie Lucas mehr an Tom Sawyer, den Jungen aus Tylers Buch. Lucas ließ seine Zehen über der Wasseroberfläche baumeln.
   »Was macht ihr da?«
   Die Stimme passte auch eher zu einem Tom. Lucas grinste, Tyler winkte ihr fröhlich zu.
   »Wir lassen unser Boot fahren!« Tyler deutete auf das Wasser, auf dem ihr Boot über die Wellen schaukelte.
   »Ich bin doch nicht blöd. Das sehe ich. Ich wollte nur wissen, ob ich rüberkommen darf.« Sie wedelte mit einer unbestimmten Handbewegung eine Fliege weg und legte ihren Kopf schief.
   Tyler lachte. »Willst du etwa fliegen oder doch lieber schwimmen?« Er deutete auf den See und den steil abfallenden Hang, der zwischen ihnen lag.
   Sie zuckte mit den Achseln, drehte sich um und ging.
   Lucas war enttäuscht, und Tyler schien es nicht viel anders zu gehen.
   »Schade, sie war irgendwie süß auf eine nicht plüschrosa Art.« Mit einem Lächeln auf den Lippen legte Tyler seinen Kopf in den Nacken und starrte in den Himmel.
   Lucas rutschte näher an seinen Bruder und beobachtete eine Weile stumm die Mücken über der Wasseroberfläche.
   »Zeig mal her! Was hast du uns denn zu essen eingepackt?« Tyler zog den Rucksack zu sich hin und fing an, darin herumzuwühlen. Ein ratloser Blick traf Lucas. »Wieso hast du keinen Proviant eingepackt?«
   Ohne die geringste Spur von Reue zog Lucas eine Tüte Gummibärchen aus dem vorderen Fach des Rucksacks und warf sie Tyler in den Schoß. »Hab ich doch!«
   Resigniert seufzte Tyler. »Wir werden verhungern. Das ist dir doch klar, oder? Wir werden uns etwas aus dem Haus holen müssen.«
   »Müssen wir wirklich zurück?« Er warf einen Blick auf sein Elternhaus und biss sich auf die Unterlippe. Vater zu begegnen, bedeutete immer einen Verlust. Den Verlust von Freiheit, der Würde oder der Selbstbeherrschung. Es gelang Lucas seit Monaten schon nicht mehr, stillzuhalten, wenn Vater ihn kritisierte. Er verstand nicht, wie Tyler das anstellte oder wieso er es überhaupt versuchte.
   »Darf ich auch welche?«
   Das Mädchen war hinter ihnen aufgetaucht. Lucas schreckte aus seinen Gedanken hoch.
   »Wie bist du hier rübergekommen? Wir dachten, du wärst nach Hause gegangen.« Tyler musterte sie eingehend.
   Sie zuckte unbeeindruckt mit den Achseln und kam näher. »Ein kleines Stück weiter unten ist es nicht so steil, da kommt man runter«, erwiderte sie beiläufig und fuhr ohne Luft zu holen fort, »Ich bin Lilly. Zu Hause schreien die ganze Zeit die Zwillinge und meine anderen beiden Halbgeschwister.« Die Dunkelheit in ihrer Stimme verflog genauso schnell, wie sie gekommen war. Ein kurzer Schatten, bevor sie scheinbar unbeschwert lachte. »Bei euch gefällt es mir, ist viel ruhiger.« Selbstbewusst ließ sie sich neben Lucas auf den Steg plumpsen. Es schien ihr nicht in den Sinn zu kommen, dass sie etwas dagegen haben könnten.
   Tyler lächelte und reichte ihr die Tüte mit Gummibärchen.
   Nach Lucas’ Empfinden hatte sie definitiv nichts mit einem kleinen, unschuldigen Mädchen gemein. Ihr Pferdeschwanz wippte frech auf und ab, die Zunge schillerte jedes Mal in den bunten Farben der Gummibärchen, wenn sie lauthals lachte, und von Zeit zu Zeit zog sie ihre Nase kraus. Ihre unbeschwerte Art war ansteckend, und Lucas konnte nichts dagegen tun, dass er sie bereits lieb gewann. Tyler schien es ähnlich zu ergehen. Er lachte, nahm Lucas in den Schwitzkasten und rubbelte ihm liebevoll durch die Haare.
   Lucas quietschte, schloss die Augen, aber als er sie Sekunden später wieder öffnete, zerplatzte das Bild, das Gefühl. Die Wärme der Sonne war verschwunden, die Leichtigkeit verflogen, die Geborgenheit fort.
   Lucas biss die Zähne zusammen, versuchte, den Schmerz wegzuatmen, aber er blieb, fraß sich durch sein Inneres. Gedämpft hörte er die Geräusche einer über den Krankenhausflur eilenden Nachtschwester. Tränen rannen sein Gesicht hinab. Am liebsten hätte er aufgegeben, für immer geträumt.

Drei Tage und es wurde nicht leichter. Es tat weh. Warum gab ihm niemand etwas gegen die Schmerzen? Er wollte in seinen Träumen Zuflucht suchen, aber sie ließen ihn einfach nicht in Ruhe. Ständig hielt irgendwer bei ihm Wache. Seine Mutter, sein Bruder, Freunde, sogar einer seiner Lehrer war gekommen. Nur Pa blieb sich treu, und das erste Mal in seinem Leben war Lucas ihm dankbar für sein Desinteresse. Er konnte die Floskeln nicht mehr hören.
   Das wird schon wieder. Die Zeit heilt alle Wunden. Du wirst schon darüber hinwegkommen.
   Die Worte verursachten ihm Übelkeit. Am liebsten hätte er sie alle angeschrien. Er wollte um sich schlagen, die Zeit zurückdrehen, die Realität ändern.
   Stattdessen ertrug Lucas die zuversichtlichen Gesichter seiner Besucher und die gut gemeinten Worte.
   Über was redeten sie da eigentlich? Lucas löste seinen Blick von der kahlen Wand und sah seine Mutter an. Obwohl sie im selben Zimmer war wie er, hätte sie sich ebenso gut am Nordpol befinden können. Ihre Lippen bewegten sich, während sie in einer hektischen Aktivität das Wasser der Blumensträuße wechselte. Er hatte das Gefühl, es würden sie Welten trennen. Plötzlich hielt sie inne. Anscheinend erwartete sie die Antwort auf eine Frage, die sie gestellt hatte. Anstatt zuzuhören, hoffte er, sie würde endlich verschwinden, sich ein anderes Projekt suchen. Er brummte, was anscheinend reichte, um sie zufriedenzustellen. Sie fuhr fort, die Blumen neu zu arrangieren. Immer auf das wirklich Wichtige konzentrieren.
   Sein Blick wanderte zurück zu einem leeren Punkt an der Wand. Das Fischgrätenmuster der Tapete schaffte die Illusion, als würde ihn der Punkt anziehen. Lucas hoffte, er würde ihn einsaugen und nie wieder ausspucken.
   Vorsichtig bewegte er die Zehen, die aus einem überdimensioniert wirkenden Gips hinauslugten. Ein heftiger Schmerz zog wie der Einschlag eines Blitzes durch sein Bein und hoch bis in seine Lenden. Lucas schloss die Augen. Der Schmerz war gut. Schwarz-gelb flimmerte es vor seinen geschlossenen Lidern. Der Schmerz war echt. Wenn es ihm nicht gelang, zu verschwinden, war das eine ganz brauchbare Alternative. Der Schmerz zeigte ihm, dass er noch lebte. Dass dies hier kein beschissener Albtraum war, obwohl Lucas das sehr begrüßt hätte. Er verdiente ihn.
   Lilly war tot. Egal, wie sehr er sich einzureden versuchte, dass es ein Unfall war, dass der Unfallgegner schuld war. Es war eine Lüge, hinter der kalt und böse seine Schuld lauerte. Er hätte stark sein müssen. Nur einmal darauf beharren müssen, dass sie das tat, was er sagte. Dann hätte er nicht seine Augen geschlossen, sich besser konzentriert, die Kurve nicht geschnitten.
   Lucas seufzte und konzentrierte sich wieder auf seine Zehen. Ertrug diesmal den gleißenden Schmerz, der ihm den Schweiß auf die Stirn trieb.
   »Alles in Ordnung, mein Schatz?« Seine Mutter beugte sich besorgt zu ihm herunter und strich die feuchten Haare aus seiner Stirn. Am liebsten hätte er sie angeschrien.
   »Ja, alles klar, Mama. Mir geht’s prima«, murmelte er undeutlich, schluckte trocken und schloss die Augen. Ihre Hände berührten seine Schulter und strichen vorsichtig darüber.
   Lass mich in Ruhe! Er wollte es ihr ins Gesicht schreien, presste die Lippen zusammen und unterdrückte den Impuls, ihre Hand fortzuschlagen.
   Die Tür öffnete sich, und Lucas kapitulierte innerlich. Tyler betrat mit Jim im Schlepptau das Zimmer.
   Nicht auch noch er! Seinen Vater zu ertragen, kostete mehr Kraft, als Lucas aufbringen konnte. Er hatte mindestens genauso viel Schuld an Lillys Tod wie er.
   Lucas verstand nicht, wieso Vater sie so gehasst hatte, wieso er Tyler dazu gebracht hatte, Lilly genauso zu sehen wie er. Ohne den Streit mit ihm und Tyler wären sie gar nicht auf dieser verdammten Straße gewesen.
   Lucas starrte auf den Boden, um Jim nicht ins Gesicht zu springen. Undeutlich erinnerte er sich an das Ende der Feier, an das Brüllen, die Erniedrigungen und an die Drohungen, ihm den Geldhahn zuzudrehen, wenn er an Lillys und seiner Beziehung festhalten würde. Jim hatte Lilly gehasst, nie verstanden, was sie als Einzige in Lucas gesehen hatte, und Vater hatte es gehasst, dass Lilly ihn wie selbstverständlich mitriss, ihm zeigte, wie es war, zu leben, und ihm half, dem Sarg, dem sein Elternhaus glich, zu entkommen.
   Hass flutete durch Lucas’ Körper. Er wollte die Konfrontation mit seinem Vater genauso, wie er den körperlichen Schmerz zuvor gesucht hatte. »Was willst du hier?«
   »Dein Ton gefällt mir nicht!«
   »Und mir gefällt nicht, dass du hier bist. Wen interessiert’s? Du bist wohl kaum hier, weil dir so viel an mir liegt. Also, warum?«
   Jim schwieg, schloss die Augen bis auf einen Spaltbreit und schien zu überlegen. Sein Blick gab Lucas das Gefühl, ein schwer einzuschätzendes Insekt zu sein. Es machte ihn rasend.
   »Lilly ist tot. Du hast, was du die ganze Zeit wolltest! Du gewinnst wie immer! Muss ja ein tolles Gefühl sein!« Die Geräusche im Zimmer schienen durch ein Blechrohr zu kriechen.
   »Du weißt, dass das nicht fair ist. Ich habe nie wirklich etwas gegen eure Freundschaft getan, obwohl es Grund genug gegeben hätte. Du hast mit deiner albernen Version von Liebe die Spielregeln verändert, nicht ich. Und meinen Willen habe ich erst dann, wenn du zur Vernunft kommst und einsiehst, dass du ohne sie besser dran bist.« Jim machte einen Schritt auf ihn zu, und für einen Moment schien seine überlegene Haltung zu bröckeln. »Sie hat dir all diese angeblich selbst getroffenen Entscheidungen eingetrichtert und dich damit immer weiter von uns entfernt. Sie war eine echte Plage und hat dich mit runtergezogen. Aber das wolltest du einfach nicht sehen. Wahrscheinlich wärest du sogar von einer Brücke gesprungen, wenn sie es von dir verlangt hätte. Ich werde nicht behaupten, dass ich mir nicht gewünscht hätte, sie würde dich endlich in Ruhe lassen, aber ich habe weiß Gott nicht gewollt, dass sie stirbt. Alles, was ich will, ist, dass du es als Chance siehst.« Die Stimme seines Vaters war dunkel und bedrohlich geworden.
   Trotz der Schmerzen setzte sich Lucas halb auf. »Sie hat mich gesehen, mich! Mit ihr habe ich gelebt. Das erste Mal in meinem Leben. Du und diese ganze beschissene Familie, ihr seid wie tot. Deine Firma, dein Haus und du. Lieber verrecke ich, als dass ich so ein Leben führe!«
   »Wie wäre es, wenn du dich ein wenig beruhigst?«
   Tyler befand sich wie immer auf Harmoniekurs. Lucas hätte ihn am liebsten geschüttelt. »Wie wäre es, wenn du mich am Arsch leckst, Ty?« Er warf seinem Bruder einen vernichtenden Blick zu.
   Jim drehte sich um. »Irgendwann wirst du zur Vernunft kommen, ich verspreche es dir, und dann kommst du auf Knien bei mir angekrochen.«
   Vater nahm Lucas den Zorn nicht ab, ließ ihn allein damit. Er schloss die Augen, blendete die Welt aus und hieß die Dunkelheit willkommen, tauchte in seine Träume ab. Die Wut trieb ihn einer Erinnerung entgegen, die ihn schon damals Kraft gekostet hatte, aber es gab Lilly in dieser Erinnerung, also ließ er sie zu.

Es war der letzte Sommer vor ihrem Abschluss, als Lucas vor der einschüchternd großen Haustür seines Elternhauses stehen blieb und Lilly anblickte. »Ich gehe nur eben rein und hole die Karten, dann können wir los.« Lucas verlagerte unruhig sein Gewicht und knabberte an dem nicht mehr existierenden Ende seines Fingernagels.
   Lilly sah ihn lange an und schüttelte den Kopf. »Wir brauchen die Karten nicht. Die Absperrzäune sind nicht hoch und hinter dem Wäldchen bekommt niemand mit, wenn wir uns so aufs Gelände schleichen.«
   Er strich sich die Haare aus der Stirn. »Ich habe fünfzig Mäuse für die Karten bezahlt. Ich klettere bestimmt nicht über so einen verdammten, drei Meter hohen Absperrzaun, wenn ich Karten habe, für die ich nur eben in mein Zimmer muss.«
   »Aber …«
   Lucas unterbrach sie. »Ich habe dich eingeladen. Das wird unser Abend, und du wirst bestimmt nicht mit deinem neuen Kleid irgendwo drüberklettern. Und wenn ich dafür an dem Fürsten der Dunkelheit vorbei muss, so what?« Er versuchte, zuversichtlich zu wirken.
   »Wenn er dich sieht …« Sie verzog das Gesicht zu einer schiefen Grimasse, kniff die Augen zusammen und ließ die Zunge aus dem Mundwinkel hängen. »… dann bist du so was von mausetot.«
   »Dann sollten wir dafür sorgen, dass er mich nicht sieht.« Lucas wusste, dass es unmöglich sein würde. Wahrscheinlich lauerte Jim schon direkt hinter der Tür. Seine Ansage nach dem Halbjahreszeugnis war klar und nicht zu überhören gewesen. Immerhin hatte er sie Lucas mit einer Lautstärke ins Ohr gebrüllt, dass er noch Tage danach das Gefühl gehabt hatte, taub zu sein. Es war nicht bei der Drohung geblieben, sein Zimmer würde ein Gefängnis sein, bis er volljährig sein würde, sollte er sich in Mathe nicht verbessern.
   Unsicher fuhr er sich über die Rippen und schluckte. Er war nicht dumm, ein guter Schüler – für Jim Edwards reichte das nicht. Es passte nicht zu den Zukunftsplänen seines Vaters. Als würde er gesteigerten Wert darauf legen, in dessen verfluchte Firma einzusteigen. Medizintechnik! Lucas schüttelte den Kopf.
   »Soll ich mit reinkommen?« Er hörte deutlich die Anspannung in ihrer Stimme. Egal, wie sehr sie der Welt zeigte, dass sie Lilly mal konnte. Unabhängig davon, wie stark sie auch wirken mochte, Lucas wusste, wie verletzlich sie in ihrem Inneren war. Lilly hatte Angst davor, nicht wichtig zu sein, ein Niemand in ihrer Familie, unsichtbar und ungeliebt, unverstanden. Und sie hatte Angst vor Jim Edwards. Für Lucas war Lilly sichtbar, er liebte sie, verstand ihre Gefühle, die wie das Spiegelbild seiner eigenen waren und genau deshalb würde er sie seinem Vater nicht öfter aussetzen als nötig.
   »Nein, es reicht, wenn er einen von uns erwischt. Ich werde es schon überleben.« Ganz so sicher war er zwar nicht, aber was nützte es?
   Lilly suchte verzweifelt nach etwas, was ihn aufmuntern könnte, und er liebte sie dafür, auch wenn es die Situation nicht erleichterte. In den Jahren ihrer Freundschaft, die an jenem Sommertag auf dem Steg begonnen hatte, war Lilly immer mehr zu seinem Bezugspunkt geworden. Mit jedem Schritt, den Tyler auf Vater zumachte und sich damit weiter von Lucas entfernte, klammerte er sich mehr an sie. Lilly genoss dieses blinde Vertrauen, die innige Liebe und die Exklusivität dieser Freundschaft genauso wie er. Sie hatten einander. Sie brauchten niemanden sonst. Ihre Stimme riss ihn zurück in die Realität.
   »Vielleicht weiß er es noch nicht.« Sie zog hoffnungsvoll die Augenbrauen hoch.
   »Ich habe Ma heute Mittag das Zeugnis gegeben. Du glaubst doch nicht wirklich, dass sie es ihm vorenthalten hat, damit ich noch einen Tag länger am Leben bleibe?«
   Lilly senkte den Kopf und verzog das Gesicht. »Eher nicht. Aber man wird doch wohl noch hoffen dürfen.«
   Lucas strich ihr liebevoll über den bloßen Arm. Für einen Moment musterte er sie stumm. Er drehte sich um, straffte die Schultern und betrat das Haus. Ein gutes letztes Bild, wenn er schon draufgehen würde. Die Worte seines Vaters waren schärfer als jedes Messer und er wusste immer, wo er ansetzen musste.
   Lucas bemühte sich, so wenige Geräusche wie möglich zu erzeugen.
   Als er den Fuß der Treppe erreichte, hörte er das Stakkato der teuren, italienischen Schuhe auf dem Parkett des Wohnzimmers und spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Eilig sprang er die Treppe hinauf, als die Stimme seines Vaters ihn auf Stufe sieben festnagelte.
   »Schön, dass du auch noch nach Hause gefunden hast.« Die perfekte Mischung aus Missbilligung und Kälte. Jim warf einen schnellen Blick auf seine Armbanduhr, obwohl Lucas sich sicher war, dass er genau wusste, wie spät es war. »Ich dachte schon, du wolltest mir deinen Anblick fürs Erste ersparen, aber du hast wohl nur gehofft, dass du es mir nicht ins Gesicht sagen musst.« Er hielt Lucas’ Zeugnis in der Hand. Das Papier warf unter dem Druck seiner Finger Falten. Kälte überzog Jims Gesicht wie Frost die Bäume im Winter.
   Vater kam so nah, dass Lucas glaubte, die Unnachgiebigkeit in dessen Augen spüren zu können.
   Für einen Moment hielt Lucas seinem Blick stand. Jim hätte seine Enttäuschung nicht einmal aussprechen müssen. Der Ausdruck in seinen Augen allein hätte Goliath ins Wanken gebracht und Lucas war im besten Fall ein mickriger David. Er senkte den Blick.
   »Was?« In Jims Stimme hatte sich ein bedrohlicher Unterton geschlichen.
   »Was, was?« Lucas’ Stimme blieb störrisch, aber er machte nicht noch einmal den Fehler, den Blick seines Vaters zu erwidern. Stattdessen starrte er auf den teuren Teppich, der den Fußboden der Eingangshalle bedeckte.
   »Ich frage mich, wieso du dich mal wieder als Opfer betrachtest. Wer ist denn dieses Mal daran schuld, dass du versagt hast? Was hält dich bitte davon ab, dich zusammenzureißen und dein verfluchtes Bestes zu geben?«
   »Ich habe mich zusammengerissen! Ich kann es einfach nicht. Mathe liegt mir nicht, egal, wie sehr ich mich anstrenge.« Lucas stieß ärgerlich die Luft aus. Unwillkürlich war er in die Verteidigung übergegangen. Eine denkbar schlechte Position. Noch schlimmer war, dass ein winziger Teil von ihm hoffte, Vater würde ihn verstehen, ihn einfach lieben. Es war idiotisch.
   Abschätzend wog Jim den Kopf hin und her und trat so dicht an ihn heran, dass sein Atem Lucas’ Gesicht streifte. »Weißt du, Lucas, das ist genau dein Problem. Du beschwerst dich zu viel und tust zu wenig. Du bist zu schwach. Das ist die Aussage von Verlierern, aber das werde ich nicht zulassen. Du bist ein Edwards, und du wirst dich auch so verhalten.« Das Flüstern von Jim schwoll zu einem Brüllen an. »Hast du mich verstanden? Geh auf dein Zimmer und fang an, zu lernen! Eins verspreche ich dir, du kommst erst wieder heraus, wenn sich der Stoff in deinem minderbemittelten Schädel befindet!«
   Lucas bemühte sich, ruhig zu bleiben. Ein taubes Druckgefühl breitete sich in seinem Magen aus. »Nein!«
   »Nein?« Vater lachte kühl auf. »Willst du mich verarschen?«
   Fäkalwörter waren etwas, das Jim zutiefst verabscheute. Vermutlich, weil es ihn an seine eigene nicht gerade glanzvolle Herkunft erinnerte. Er musste kurz vorm Platzen stehen. Das Einzige, das Jim noch zorniger machte als Schwäche, waren Widerworte. Seine flache Hand klatschte mit einem lauten Knall auf das Holz des Treppengeländers.
   Obwohl Lucas eine ähnliche Reaktion erwartet hatte, zuckte er zusammen.
   »Nein?« Er schnappte nach Luft. »Du wagst es, mir zu widersprechen? Das ist mein Haus, du bist mein Sohn. Du bist nichts ohne mich. Ein kleiner, knochiger Versager. Nicht mehr. Widersprichst du mir noch einmal, wirst du mich kennenlernen und glaub mir, das willst du nicht.«
   Lucas konnte nicht nachgeben, nicht dieses Mal. Etwas in ihm regte sich und setzte sich zu einem entschlossenen David zusammen, der die mickrige Vorgängerversion ablöste. »Was willst du tun? Willst du mich schlagen? Dann tu es doch.« Lucas schrie. Tränen traten ihm in die Augen. Der Zorn hielt sie auf. »Na los, schlag zu, aber ich werde trotzdem gehen.«
   »Ich werde großzügig sein und versuchen, zu vergessen, was du gerade gesagt hast. Die kleine Baumann hat dich hierzu angestachelt, nicht wahr? Du gehst jetzt sofort auf dein Zimmer! Geh mir aus den Augen!« Die Kraft, mit der Jim jedes Wort einzeln hervorstieß, ließ keinen Zweifel, dass er erwartete, er würde nachgeben.
   Lucas nickte, ein bitterer Ausdruck verzerrte sein Gesicht, bevor er sich umdrehte und in sein Zimmer lief. Eilig schnappte er sich die Karten von der Pinnwand über dem Schreibtisch, warf sie in seinen Rucksack und ging zurück zur Treppe. Jeder Schritt ein wenig unsicherer als der vorherige.
   Vater starrte ihn ungläubig an. »Was glaubst du, wo du jetzt hingehst?« Er klang gespielt belustigt.
   »Ich gehe zur Party der Abiklasse.« Lucas’ Mageninhalt entwickelte ein Eigenleben. David erlitt einen akuten Verlust von Entschlossenheit. Wie durch dichten Nebel hörte er Jims Stimme.
   »Du gehst auf dein Zimmer und bleibst da. Ist das jetzt angekommen? Sonst wiederhole ich es gern noch mal.«
   Lucas biss schmerzhaft die Zähne zusammen. »Nein.« Seine Stimme zitterte, aber er hielt stand. »Ich gehe, mit Lilly. Sie stachelt mich zu gar nichts an. Auch wenn du zu blind bist, um es zu sehen, sie ist ein tausend Mal besserer Mensch als du. Niemand ist mit dir glücklich. Niemand schafft es, sich in deiner Gegenwart gut oder wohlzufühlen. Nur weil keiner sich traut, es dir ins Gesicht zu sagen, ist es nicht weniger wahr. Wenn hier einer ein Versager ist, dann du!« Erschrocken brach Lucas ab. In dem Vakuum seines Inneren breitete sich unangenehm die Angst vor seinem Mut aus.
   Kein Brüllen folgte, kein Ausbruch. Jim starrte ihn nur an. Er war wütend, aber Lucas’ Worte hatten ihn offenbar getroffen. Er wirkte versteinert, fast verwirrt.
   Dieser Umstand irritierte Lucas zutiefst, und er sah, dass es Jim genauso erging. Vater war es nicht gewohnt, die Kontrolle zu verlieren. Nicht im Job und erst recht nicht innerhalb seiner Familie.
   »Ich werde jetzt gehen.«
   »Einen Dreck wirst du.« Jim baute sich bedrohlich vor ihm auf, aber Lucas ignorierte ihn und drückte sich eilig an seinem Vater vorbei, bevor dieser seine Fassung zurückgewann. David hatte Goliath tatsächlich zu Fall gebracht. Zumindest für den Moment.
   Jim sah aus, als befände er sich kurz vor einem Kollaps. Lucas sah, dass Jim ihn festhalten, dass er zuschlagen wollte, aber sein Körper schien nicht zu reagieren.
   Eilig rannte Lucas durch die Tür nach draußen, ignorierte Tyler, der stumm vor der Tür auf den Stufen der Veranda saß und lief zu Lilly, die wenige Meter weiter im Schatten eines Baumes wartete.
   Früher waren Tyler und Lilly wie Geschwister gewesen, sie alle drei. Tyler hatte Lucas beschützt und Lilly das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein, und hatte sie damit im Gleichgewicht gehalten. Das alles war vorbei. Tyler hatte sich entschieden – für Jim, den er früher genauso gehasst hatte wie Lucas und für ein Leben, in dem es weder für ihn noch für Lilly Platz gab. Zwischen ihnen lag eine Auffahrt, ein Leben, Welten.
   Hastig riss Lucas Lilly an der Hand mit sich, verschwendete keine Zeit mehr auf seinen Bruder und rannte die Hofauffahrt hinunter. Sein Atem verlangsamte sich erst, als er und Lilly die Straße erreichten. Stumm lief er neben ihr her und legte den Kopf in den Nacken. Die Baumkronen, die sich sanft im Sommerwind bewegten, beruhigten ihn ein wenig.
   »Ist es so schlecht gelaufen?«
   »Er war in Höchstform.«
   »Ich habe dich gerächt.«
   »Was hast du gemacht?« Genauso sehr wie er Lillys Loyalität liebte, fürchtete er ihre meist extremen Einfälle. Geboren aus einer gefährlichen, dunklen Schräglage. Lucas war nicht in der Lage, sie zu stabilisieren. Die Ignoranz ihrer Eltern und die Ablehnung durch Tyler provozierten diese Ausbrüche, und Lucas konnte nichts tun, außer aufzupassen, dass sie nicht noch weiter Richtung Abgrund schlitterte.
   »Sagen wir mal, ich hoffe, er hat ’nen Ersatzreifen im Wagen.«
   »Du bist unmöglich.«
   »Gleichfalls.«
   Sie nahm es ganz offensichtlich als Kompliment, und Lucas musste zugeben, dass er es in diesem speziellen Fall genauso gemeint hatte. Jim hatte es verdient, einen Dämpfer versetzt zu kriegen.
   »Dein Vater hat recht, ich übe einen schlechten Einfluss auf dich aus.« Sie kicherte.
   »Vielleicht mag ich schlechte Einflüsse.« Mit einem zaghaften Schulterzucken hielt Lucas die Karten in die Höhe und lief vor Lilly her zu ihrem Elternhaus.

»Sag mal, was genau ist das eigentlich zwischen euch?«
   Lucas nahm sich einen Becher vom Tresen und blinzelte seinen Freund Rasmus unschuldig an. »Gar nichts!«
   »Gar nichts? Ist klar!«
   Das Bier schmeckte schal und war viel zu warm. »Sie ist nur eine sehr gute Freundin, und sie hat diese verquere Vorstellung, dass sie mich eines Tages heiraten wird. Na ja, jetzt wo Pa mich enterbt, hört sie vielleicht damit auf.« Er lächelte gezwungen und schüttete den pisswarmen Gerstensaft in den Sand.
   »Hat dein Vater dir echt die Hölle heißgemacht? Ich meine, Alter, du bist Jahrgangsbester! Davon würden meine Eltern träumen.«
   Lucas unternahm einen zweiten Versuch, sich ein genießbares Bier zu besorgen, und schnappte sich eine Flasche von einem Tablett. »Deine Eltern würden sich schon freuen, wenn du es schaffst, ein Buch zu lesen. Du bist also nicht wirklich der Maßstab, Rasmus.« Er lächelte, obwohl ihm nicht danach zumute war, und leerte die Flasche in einem Zug.
   »Sehr witzig!«
   Lucas klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und nahm sich zwei weitere Biere. Wieder Flaschen. Das schien sicherer. Er ließ Rasmus stehen, stapfte an den Rand des Strandes und setzte sich mit dem Rücken gegen eine Kastanie gelehnt auf den noch warmen Sand. Lilly tanzte aufreizend mit einem Jungen aus dem Abschlussjahrgang. Dabei blitzte ein Teil ihres Tattoos zwischen Rock und Shirt hervor. Das chinesische Zeichen für Einklang und Ruhe passte gut zu ihrer leicht gebräunten Haut und so gar nicht zu ihrem Wesen. Sie hatte ihm lachend erklärt, dass es auch Ziele geben musste, auf die man hinarbeiten konnte.
   Die Hand von Marcel glitt wie selbstverständlich über ihren tätowierten Hüftknochen, die Haut ihres Bauches und den fließenden Stoff ihres Rocks. Unvermittelt durchzuckte Lucas ein Gefühl von Eifersucht. Es machte ihn verrückt, wenn sich solche absolut dämlichen Gefühle regten. Lilly war seine beste Freundin, sie sollte den Stellenwert einer Schwester haben, und sie war sein Rettungsanker, seine Perspektive. Das alles war viel zu wertvoll, um es aufs Spiel zu setzen, nur weil seine Hormone verrücktspielten.
   Lucas schloss die Augen, hörte der Musik zu und versuchte krampfhaft, an nichts zu denken. Nicht an seinen Vater, nicht an Tyler und erst recht nicht an Lilly, deren Körper sich viel zu nah an dem eines anderen bewegte.
   Als die Musik wechselte, ließ Lilly sich atemlos neben ihn fallen und lachte tief aus dem Bauch heraus. Dabei warf sie ihren Kopf in den Nacken. Für einen kurzen Augenblick war Lucas wehrlos gegenüber dem verstörenden Gedanken, wie es wäre, die zarte Haut ihres Halses zu küssen.
   »Na, was machst du?«
   Lucas zuckte zusammen und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. »Ich betrinke mich, denke ich.«
   Lilly lachte und stieß ihn sanft in die Seite. »Wegen deines Vaters oder meinetwegen?«
   »Warum bitte sollte ich mich deinetwegen betrinken?« Lucas starrte angestrengt auf seine Schuhspitzen und drehte die Flasche in den Händen. Er zupfte nervös an dem Etikett herum. Dabei warf er Lilly einen gespielt gleichgültigen Blick zu.
   »Weil du eifersüchtig auf Marcel bist. Er tanzt aber auch wirklich gut!« Sie verdrehte genießerisch die Augen.
   »Ich tanze auch gut!«
   »Das weiß ich, aber du bläst lieber Trübsal, als es auch zu tun. Also?«
   »Also, was?«
   »Also, tanzt du jetzt mit mir, oder muss ich mich wieder an Marcel wenden?« Lilly stand auf und streckte ihre Hand nach ihm aus. Ein herausforderndes Blitzen überflog ihre Augen.
   Ohne sie zu ergreifen, rappelte er sich auf und stellte seine Flasche in den Sand. »Ich bin nicht eifersüchtig!«
   »Ja, ich weiß. Das seid ihr nie, und jetzt komm, Ehemann in spe!« Sie legte ihre Arme um seine Hüften und zog ihn mit sich.
   »Ehemann? Darf ich dich daran erinnern, dass ich höchstwahrscheinlich enterbt werde. Ich werde arm wie eine Kirchenmaus sein und unter einer Brücke hausen. Ich meine, immerhin werde ich so genau Jims Erwartungen erfüllen.«
   Lilly war stehen geblieben und sah ihm prüfend in die Augen. »Du wirst nicht arm sein. Du wirst schreiben und Erfolg haben, und wenn du es nicht schaffst, nehme ich dich eben mit nach Afrika.« Sie schielte zu ihm hoch.
   »Ernsthaft? Immer noch Afrika?«
   »Gleich nach dem Abi. Du weißt doch, ich werde die Welt verändern. Auf jeden Fall für ein Jahr lang. Dann muss das jemand anderes übernehmen. Ich kann dich schließlich nicht ewig allein lassen und mit willst du ja nicht.«
   »In jedem Fall hast du ein weltveränderndes Selbstbewusstsein. Ich weiß nur nicht, ob die Menschen in Afrika vorher gewarnt werden sollten.«
   Unsanft zog sie an seinen Haaren. »Sehr nett!«
   Lucas spürte ihre Lippen nah an seinem Ohr. »Du wirst es deinem Vater zeigen – auf deine Weise«, sagte sie sanft und fürsorglich. »Du brauchst ihn dafür nicht. Alles, was du brauchst, ist hier drin. Okay?« Sie tippte ihm auf die Stirn und dann auf die Brust.
   Lucas senkte den Kopf und nickte. »Okay.«
   »Okay. Und wenn du noch einmal so etwas Freches sagst wie eben, ist die Enterbung dein geringstes Problem.« Ihre Stimme klang fröhlich, ausgelassen, als sie zwei Schnäpse von einem Tablett angelte und ihm eines der Gläser entgegenhielt. »Komm schon! Wir wollen heute Abend Spaß haben.«
   Er liebte sie, liebte ihre Art, ihn wie selbstverständlich mitzureißen.

Ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen, während er schlief und die Welt jenseits von seinen Träumen, außerhalb des Krankenzimmers, ohne ihn weiterraste.

*

Seit Stunden schon sitze ich auf dem Boden und versuche mir einzureden, dass ich wirklich hier bin – in derselben Welt wie Lucas. Durch die geschlossene Tür höre ich die Geräusche des Krankenhauses, die selbst nachts nicht vollständig verstummen. Ich empfinde, kann sehen, fühlen, aber ich kann Lucas nicht mehr erreichen. Ich habe alles versucht. Ich habe gebettelt, gefleht, getobt, nichts von alledem hat mich Lucas auch nur einen Schritt näher gebracht. Ich weiß, dass ich einen Weg finden muss, denn ich werde ihn nicht verlassen. Dass ich noch hier bin, dass ich seinen Schmerz fühle, als wäre es mein eigener, muss einen Grund haben.
   Leise stehe ich auf und schleiche zu seinem Bett hinüber. Ich müsste wohl nicht leise sein. Er hört mich nicht mehr, aber so zu tun, als wäre ich lebendig und hier bei ihm, hilft mir, zurechtzukommen. Der Monitor neben seinem Kopfende piept monoton. Behutsam lege ich mich neben ihn. Meine Hand berührt beinahe seine Wange. Ich halte inne, obwohl ich mich danach sehne, ihn zu spüren. Ich möchte mir vorstellen, wie es wäre, wenn der Tod uns nicht trennen würde. Wenn meine Hände etwas spüren könnten. So klammere ich mich an die Erinnerung einer ähnlichen Berührung und schließe die Augen. Ich stelle mir vor, wie es wäre, seine warme Hand auf meiner Haut zu fühlen, seine Liebe, die die Kälte in mir vertreibt. Zitternd bewege ich meine Lippen näher an sein Gesicht.
   »Ich liebe dich, Lucas!« Meine Worte wehen wie ein eiskalter Hauch über seine Stirn. Sein Herzschlag beschleunigt sich. Eine Anzeige blinkt hektisch auf, beruhigt sich aber schnell wieder. Hoffnung schwappt durch meinen toten Körper und vertreibt einen kleinen Teil der Trauer. Das muss als Beweis genügen. Das Band unserer Liebe besteht noch immer. Er reagiert auf mich, und ich werde einen Weg zurück zu ihm finden. Ich werde um Lucas kämpfen, ich werde um uns kämpfen und niemals aufgeben.