Alessia will nur eines: aus dem kleinen sizilianischen Dorf abhauen, ihre Mutter, eine berühmte deutsche Schauspielerin, finden und in ihre Fußstapfen treten. Dafür lässt sie sogar ihren geliebten Vater und ihren besten Freund Fernando zurück. Das Glück scheint zum Greifen nah, als sie bereits im Flugzeug Alexander, den Sohn eines erfolgreichen Model-Agenten, kennenlernt, der ihr nicht nur verspricht, sie zu ihrer Mutter zu führen, sondern ihr auch einen Job anbietet. Alessia nimmt an und wird schon bald das Gesicht einer aufstrebenden Modemarke. Doch ist es das, was sie wirklich will? Und wieso scheint Alexanders Vater sie davon abhalten zu wollen, ihre Mutter zu finden? Irgendetwas scheint in der Vergangenheit vorgefallen zu sein, dass Alessia auf keinen Fall erfahren darf.

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ISBN: 978-9963-53-662-7

Seiten: 193

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Teresa Nagengast

Teresa Nagengast (25) lebt mit ihrem Lebensgefährten im ländlichen Bereich in Mittelfranken. Nach ihrem Journalismus-Studium arbeitete sie erst in einem Bildungsverlag und mittlerweile als Online-Redakteurin für eine Tageszeitung. Seit zwei Jahren veröffentlicht sie zudem mit Begeisterung ihre eigenen Romane. Die Sparte reicht hierbei von Frauenromanen über Dramen bis hin zu fantasievollen Jugendbüchern.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog


Das Quietschen der Autoreifen hallte noch immer in Amandas Ohren, gefolgt von einem schrecklich lauten Knall. Wenn sie die Augen schloss, sah sie vor sich den zerbeulten Wagen und das Blut, das Samanthas Haare verklebte und auf das Armaturenbrett tropfte. Sie wusste noch, wie sie vor Grauen die Hände vor den Mund geschlagen und fassungslos zugesehen hatte, wie Til zu dem Auto gerannt war, um seine Frau zu retten.
   Es war ihre Schuld, das war allein ihre Schuld. Auch jetzt noch, viele Jahre später. Verzweifelt blickte sie zu ihrer Tochter, die unbekümmert vor sich herplapperte und aus dem Fenster des Taxis blickte, unwissend, dass sie ihre Mutter wohl zum letzten Mal sehen würde. »Es tut mir leid, Alessia. Es tut mir schrecklich leid«, flüsterte Amanda und küsste sie auf die wilde Lockenmähne.
   Sie griff an ihr Dekolleté und strich mit zittrigen Fingern über das Amulett ihrer Mutter, in dem sie ein Foto von Alessia aufbewahrte. Dann erreichten sie ihr Ziel, und Amanda wusste, es war an der Zeit, Abschied zu nehmen und darauf zu vertrauen, dass Salvatore die Kleine aufziehen würde.

Kapitel 1

Sobald entschieden ist, dass etwas gemacht werden kann und soll, werden wir auch einen Weg dazu finden.

Abraham Lincoln


Alessia lag mit ausgebreiteten Armen auf ihrem Bett. Der Wind, der mit der Dunkelheit aufgekommen war, ließ die weiße Gardine an der geöffneten Balkontür wie ein Gespenst hin und her schaukeln, und der große Ventilator, der in der Ecke des Zimmers stand, versuchte, die Hitze des Tages zumindest zum Anbruch der Nacht zu verscheuchen. Alessia schwitzte trotzdem. Bis auf die kühleren Tage im Winter schwitzte sie fast immer.
   Hundegebell aus Campofelice di Roccella wehte mit der warmen Brise zur Balkontür herein. Die Dorfhunde vertrieben vermutlich Streuner, von denen es auf Sizilien Tausende gab. Auch sie fühlte sich beinahe wie einer, seitdem sie vor über vierzehn Jahren in das Dorf gekommen war.
   Damals war sie gerade einmal drei Jahre alt gewesen und hatte nicht verstanden, warum ihre Mutter sie aus dem kühlen Deutschland zu ihrem Vater auf die Mittelmeerinsel gebracht und dort alleingelassen hatte. Auch jetzt konnte sie es nicht verstehen.
   Frustriert starrte sie an die Decke, deren Weiß durch das Licht, das durch die schmale Glasluke über ihrer Tür hereindrang, sanft beleuchtet wurde. Ein haselnussgroßes Loch war dort zu erkennen, und vage erinnerte sie sich daran, mit ihrem besten Freund Fernando einmal aus Versehen einen Stein emporgeschossen zu haben. Wenn sie sich recht entsann, hatten sie mit einer selbst gebauten Steinschleuder gespielt. Sie kannte Fernando seit über elf Jahren. Er war der erste und einzige Mensch, mit dem sie, abgesehen von ihrem Vater, ihre Zeit verbrachte. Fernando wohnte mit seinen fünf Brüdern und seinen Eltern nicht weit von hier an der Hauptstraße des kleinen Ortes in einem Haus, an dem sich der Putz bereits ebenso schälte wie an ihrem eigenen. Es kam nicht oft vor, dass er einen ganzen Nachmittag frei hatte, denn als Ältester der Bande musste er sich um seine Brüder kümmern und seinen Vater in der Werkstatt unterstützen. Dementsprechend verdreckt, mit Öl an den Händen und im Gesicht, kam er, so oft er konnte, zu Alessia herübergelaufen, mit dieser ganz bestimmten fröhlichen Hüpfart, die sie jedes Mal zum Lachen brachte.
   Fernando. Alessia seufzte. Für einen Augenblick überfiel sie ein schlechtes Gewissen. Sie wusste, wie schmerzlich es ihn treffen würde, wenn er von ihrem Plan erfuhr, doch sie konnte ihn unmöglich einweihen. Er würde sie davon abhalten oder mitkommen wollen, doch das, was sie vorhatte, konnte sie nur allein schaffen.
   Ein Knall, gefolgt von einem gellenden Schrei, hallte durch die geöffnete Balkontür.
   Alessia ließ sich davon nicht aufschrecken.
   Es war Sonntag, und somit war sie an die Geräusche gewohnt. Sonntags und montags liefen in dem Freilichtkino, das an ihr Haus angrenzte, bis in die Nacht Actionthriller und Wildweststorys. Früher hatte sie Abend für Abend auf dem dunkelgrünen Geländer gesessen und versucht, über die dreckige Steinmauer auf die große schwarze Leinwand zu blicken. Mittlerweile war sie gut einssiebzig groß und konnte gut die Hälfte des Kinobildes sehen, ohne die acht Euro Eintritt zahlen zu müssen. Sie machte sich auch schon lange nicht mehr die Mühe, zu warten, bis ihr Vater vor dem alten Fernseher mit einem Bier in der Hand eingeschlafen war oder am Donnerstagabend mit seinen Kollegen Karten spielte. Früher war er regelmäßig wütend geworden, wenn er sie auf dem Geländer gesehen hatte. Es war schließlich nicht gerade ungefährlich, sieben Meter über dem Boden zu sitzen. Vor allem, da es zu den Abendstunden manchmal sehr windig werden konnte. Sie war trotzdem immer draufgeklettert, zusammen mit Fernando. Oft hatte sie sich vorgestellt, später selbst einmal in einem der Blockbuster mitzuspielen. Fernando hatte sie ausgelacht, als sie ihm erzählte, irgendwann eine berühmte Schauspielerin werden zu wollen, doch sie hatte nur beleidigt die Lippen aufeinandergepresst und gedacht, dass sie es ihm und allen anderen schon noch zeigen würde. Immerhin lag ihr das Schauspielern im Blut, schließlich war ihre Mutter eine sehr erfolgreiche Schauspielerin und Moderatorin in Deutschland. Außerdem hatte sie seit Jahren geübt, die eleganten Bewegungen und die Mimik, die ihre Mutter in den Filmen anwandte, nachzuahmen.
   Ihr Vater hatte es zwar verboten, sich ihre Filme anzuschauen, doch das war Alessia egal. Einer ihrer Klassenkameraden verkaufte in der Mittagspause hinten im Schulhof heimlich Dinge aus aller Welt, und Alessia hatte ihm alle Filme, die er ihr anbieten konnte, mit dem Geld abgekauft, das sie beim Aushelfen in einem Gemüseladen verdiente. Sorgsam versteckt unter ihrem Lattenrost bewahrte Alessia sie auf und manchmal, nachts, wenn sie nicht schlafen konnte, zog sie einen der Filme hervor und starrte auf das Coverbild. Dann träumte sie davon, wie sie nach Deutschland reisen würde, um ihre Mutter aufzusuchen und in ihre Fußstapfen zu treten.
   Es wurde Zeit, ihren Traum wahr werden zu lassen.
   Der Klassenkamerad, der ihr die Filme verkauft hatte, würde ihr für siebzig Euro einen Reisepass verkaufen, ohne dass ihr Vater davon etwas mitbekam. Schließlich würde Salvatore von seinem Freund, der im Rathaus arbeitete, sofort erfahren, wenn sie sich einen Reisepass ausstellen ließ. Zuerst hatte sie geschluckt angesichts der hohen Summe, die er verlangte. Immerhin verdiente sie in dem Gemüseladen im Monat nur dreißig Euro, doch dann war sie auf das Angebot eingegangen. Die siebzig Euro hatte sie mittlerweile durch Überstunden und ihre Ersparnisse bezahlt, und der Reisepass mit ihrem Passbild lag zusammen mit den Filmen ihrer Mutter unter dem Lattenrost. Das Problem war nur, dass die Flüge nach Deutschland weit über zweihundert Euro kosteten, und sie hatte gerade noch achtzig Euro in ihrer Spardose.
   Dementsprechend frustriert lag sie mit geöffneten Augen auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Sie wusste, dass sie geduldig sein musste, dass es auf ein paar Monate nicht mehr ankam, doch seit einigen Tagen spürte sie ein wachsendes Verlangen, sofort das Land zu verlassen. Fernando ging nicht mit ihr auf die Schule, denn nachdem ihm sein Vater einigermaßen das Lesen beigebracht hatte, sollte er lieber in der Werkstatt mithelfen, anstatt die Zeit im Schulgebäude zu verschwenden und Dinge zu lernen, die er nie wieder brauchen würde. Das war zumindest die Meinung seines Vaters, und viele der Menschen hier teilten seine Meinung.
   Alessia war froh, dass ihr Vater sie auf die Schule schickte und dass sie Mathematik, Englisch und all die anderen Fächer lernte, doch sie vermisste Fernando während des Unterrichts. Ihre Klassenkameraden mochte sie nicht sonderlich, was, wenn sie ehrlich war, wahrscheinlich eher an ihrer eigenen Verschlossenheit lag. Sie saß an einem Einzeltisch ganz hinten im Raum und versuchte, sich emsig alles zu merken, was die Lehrerin erzählte. Schon bald reichte ihr der Unterrichtsstoff nicht mehr aus, und sie begann, ganze Bücherstapel durchzuwälzen, hauptsächlich über die deutsche Geschichte, die deutsche Sprache und Unmengen an Schauspiel- und Theaterbüchern.
   In den letzten Tagen hatte sich jedoch etwas geändert.
   All die Jahre hatten ihre Klassenkameraden sie in Ruhe gelassen, und sie hatte keine Anstalten gemacht, daran irgendetwas zu ändern. Sie war zufrieden damit gewesen, wie es war. Dann war Carlos, einer der beliebtesten und gleichzeitig idiotischsten Jungen in der Schule, letzte Woche in der Pause zu ihr gekommen. Er hatte nach Alkohol und Zigaretten gerochen, sie in eine Ecke gedrückt und sie mitten auf den Mund geküsst. Alessia wurde immer noch schlecht, wenn sie daran dachte, wie ihr der Geruch nach kaltem Rauch und Schweiß aufgestoßen war. Ohne zu zögern, hatte sie ihm ihre Faust in das Gesicht gerammt und war weggerannt.
   Die nächsten Schultage hatte sie vor Angst auf seine Reaktion geschwänzt und ihrem Vater vorgegaukelt, sie wäre krank. Sie wusste, dass Carlos ihr diesen Schlag nicht so schnell verzeihen würde. Sie sah noch immer den wütenden Ausdruck auf seinem Gesicht und das Blut vor sich, das an seiner Lippe klebte. Und sie hörte noch seine Stimme, die ihr nachschrie, dass er sie fertigmachen würde. An diesem Tag war sie weinend bis zum Meer gelaufen und hatte bis spät in die Nacht auf einem der vielen Steine gesessen und auf das brausende Wasser geblickt. Irgendwann war Fernando gekommen, hatte sie sanft in den Arm genommen und hin und her gewiegt. Schweigend hatten sie dort gesessen, auf das dunkle Wasser gestarrt und beobachtet, wie sich die schäumenden Wellen an den schwarzen Felsen brachen. Fernando hatte sie beruhigt und ihr etwas von der Angst genommen, obwohl sie ihm bis heute nicht verraten hatte, warum sie so durcheinander war. Er hatte sie auch nicht danach gefragt. Er war einfach da gewesen. An diesem Tag hatte sich etwas zwischen ihnen geändert, und Alessia wollte nicht wahrhaben, was es war. Doch seither war es ihr schwergefallen, ihre Fluchtpläne weiterzuspinnen und ohne Reue daran zu denken, die Insel zu verlassen. Seit diesem Tag spürte sie auch jedes Mal, wenn Fernando über die Straße gehüpft kam, einen leichten Stich in ihrer Brust.
   Jetzt dachte sie nur daran, dass sie morgen wieder in die Schule und Carlos unter die Augen treten musste. Sie hoffte, dass er in den vergangenen Tagen den Vorfall vergessen hatte und sie weiterhin in Ruhe in der letzten Reihe sitzen konnte – unsichtbar, wie sie es gewohnt war. Da ihr Vater sie erst ein Jahr später eingeschult hatte, musste sie noch ein Jahr durchhalten, bis sie endlich ihren Abschluss in der Tasche haben würde.
   Das Licht, das durch die kleine Glasluke über ihrer Tür in den Raum fiel, verschwand, und Alessia wusste, dass ihr Vater ins Bett gegangen war. Vielleicht sollte sie wieder versuchen, sich krank zu stellen, überlegte sie kurz, doch ihr Vater würde sie spätestens übermorgen eigenhändig in die Schule schleppen.
   Sie schlich zur Tür und lauschte dem Schnarchen ihres Vaters, um sich zu versichern, dass er tief und fest schlief. Dann zog sie einen der Filme ihrer Mutter hervor und schaltete den DVD-Player an, der an dem alten Fernsehgerät angeschlossen war. Sie kuschelte sich in das Wildledersofa, aus dem bereits an einigen Stellen die Polsterung quoll, und ließ sich von der Geschichte davontragen, einer romantischen Komödie mit einem kitschigen Happy End. Ihre Mutter lächelte ihr auf dem Bildschirm entgegen, und wieder erkannte Alessia die Ähnlichkeit mit sich. Sie hatte die gleichen blonden wilden Locken und das gleiche Lächeln, nur die Augen ihrer Mutter leuchteten hellblau, während ihre eigenen in einem sanften Karamellton schimmerten und ihre Haut durch das heiße Wetter in Sizilien wettergebräunt war. Wie oft hatte sie ihren Vater gebeten, etwas von ihrer Mutter zu erzählen, doch er hatte sich stets abgewandt und über das Thema geschwiegen. Ihr Vater war nicht der Typ Mensch für ausgewogene Gespräche. Er war ein anständiger Arbeiter, verlässlich, geduldig und sanftmütig, doch ein guter Redner war er nicht. Alessia hatte auf einem anderen Weg versucht, etwas über ihre Mutter zu erfahren. Ricardo, der alte Gemüsehändler, bei dem sie nun seit drei Jahren aushalf, ließ sich schließlich so manches entlocken. Sie sei früher öfter über den Sommer hier gewesen. Er wisse noch ganz genau, wie er sie das erste Mal gesehen habe. Sie trug ein langes weißes Kleid und einen dazu passenden weißen Hut mit einem blau gepunkteten Band darum. Ihr blondes Haar wehte leicht im Wind, und ihre Augen waren hinter einer großen Sonnenbrille versteckt. Sie war groß, bestimmt zehn Zentimeter größer als ihr Vater, der neben ihr ging und stolz ihre Hand hielt. Ricardo beteuerte Alessia, dass er noch nie etwas Schöneres gesehen und dass er mit offenem Mund dem ungleichen Paar hinterhergeschaut habe. Zu der Zeit war sie noch keine erfolgreiche Schauspielerin. Man kannte sie noch nicht von den Kinoplakaten oder aus der Werbung, doch schon damals hatte sie eine Grazie und einen Charme, der jeden Mann in ihrer Nähe verzauberte. Ricardo hatte anschließend mit einem Zwinkern zu ihr gesagt, dass Alessia ihr in keinem der Punkte nachstehe. Sie hatte das Kompliment mit einer Handbewegung abgewiesen, doch gefreut hatte sie sich trotzdem. Laut Ricardo wären ihr Vater Salvatore und ihre Mutter Amanda insgesamt fünf Mal zusammen auf Sizilien gewesen, und jedes Mal wirkte ihr Vater so glücklich und verliebt wie am ersten Tag. Bei den letzten zwei Malen sei Alessia bereits dabei gewesen, und sie hätten sie in erst in einem Kinderwagen und anschließend in einem Buggy durch die Stadt geschoben. Doch dann hatte Amanda sie bei ihrem Vater abgeliefert und war seitdem kein einziges Mal wieder aufgetaucht.
   »Er war am Boden zerstört, auch wenn er es sich nicht anmerken ließ. Aber ich sah den Schmerz in seinen Augen, ich sehe noch immer den Schmerz in seinen Augen«, hatte Ricardo zum Abschluss gesagt und einen großen Schluck von dem billigen Whisky genommen, den er jeden Feierabend trank.
   Sie hatte ihren Vater genauer beobachtet, doch sie konnte seine Gedanken nicht lesen. Daraufhin beschloss sie, ihre Mutter für das, was sie ihm und auch ihr angetan hatte, zu hassen. Ganz gelang es ihr nicht. Immer wieder kam ihr ein »aber« in den Sinn, eine Ausrede, die es ihrer Mutter vielleicht unmöglich gemacht hatte, sie in Deutschland zu behalten.
   Mittlerweile ging der Film dem Ende zu, und Alessia spürte trotz des Grauens vor dem nächsten Tag, dass es ihr schwerfiel, die Augen offen zu halten. Gähnend stand sie auf und versuchte, so wenige Geräusche wie möglich zu machen, um ihren Vater nicht zu wecken. Dann nahm sie sorgsam die DVD aus dem Gerät und verpackte sie wieder unter ihrem Bett. Das monotone Geräusch des Ventilators wiegte sie sanft in den Schlaf.
   In der Nacht träumte sie davon, dass sie in einem bodenlangen roten Abendkleid aus einer Limousine ausstieg, wie sie sie aus den Filmen ihrer Mutter kannte, und einen roten Teppich entlangschritt, umgeben von Scheinwerferlicht. Freundlich lächelte sie ihren kreischenden Fans zu, doch insgeheim interessierten sie sie nicht, und mit hoch erhobenem Haupt ging sie möglichst zügig an ihnen vorbei. Links an dem Geländer, das die Fans von ihr abhielt, entdeckte sie eine junge Frau mit blonden Locken und hellbraunen Augen, die ihr verzweifelt zurief, doch sie konnte sie nicht verstehen. Ohne ihren Schritt zu zügeln, lief sie an ihr vorbei und verschwand in dem Gebäude.
   Mit rasendem Herzen und einem durchweichten Shirt fuhr Alessia aus dem Schlaf. Draußen war es noch dunkel, und der Blick auf ihren Wecker zeigte, dass es sechs Uhr am Morgen war. Benommen rieb sie sich den Schlaf aus den Augen und setzte sich auf. Der Ventilator war ausgefallen. Das Ding gab ständig den Geist auf, und in ihrem Zimmer stand die heiße Luft. Sie riss die Balkontür auf und schob die Tür zur Seite. Die Luft war frisch, und für einen Augenblick stand Alessia in der angenehmen Morgenluft und genoss die kühle Brise. Die meisten Menschen schliefen noch, nur am Ende der Straße erkannte sie die ersten Männer, die ihre Verkaufsstände aufbauten. Montags war immer Markt direkt um die Ecke.
   Sie gönnte sich noch einen Augenblick der Ruhe, bevor sie seufzend zurück in das heiße Zimmer ging und sich ihre Klamotten schnappte. Das Schnarchen ihres Vaters klang durch die Räume bis in das Badezimmer, in dem Alessia das Wasser anstellte und aus ihrem Schlafanzug stieg. Mit dem schwachen Strahl versuchte sie, den Schweiß der Nacht abzuwaschen. Noch immer ging der Traum ihr nach. Er hatte ihr Angst gemacht. All die Jahre hatte sie darüber nachgedacht, wie sie endlich von der Insel abhauen und nach Deutschland zu ihrer Mutter reisen könnte. Nie war ihr der Gedanke gekommen, dass sie sie vielleicht überhaupt nicht sehen wollte. Der Gedanke ängstigte sie, und kurz fragte sie sich, ob sie wirklich ihr Leben hier für eine ungewisse Zukunft aufgeben sollte. Für ein Land, dessen Sprache sie zwar dank diverser CD-Sprachkurse aus der Stadtbibliothek ganz gut sprechen konnte, jedoch die Kultur nicht kannte. Deutsch wurde in ihrer Schule nicht angeboten, und so war ihr nichts anderes übriggeblieben, als sich selbst mühsam die Sprache beizubringen.
   Sie schaltete den Wasserhahn ab, damit ihr Vater noch etwas von dem lauwarmen Wasser bekam, und zog sich an. Anders als ihre Klassenkameradinnen, die sich für die Schule in Schale schmissen und mit knappen Shorts und hohen Schuhen angestöckelt kamen, trug sie bequeme und praktische Anziehsachen. Nicht, dass ihr elegante Kleider nicht gefallen würden, doch es war für sie nicht möglich, denn das Geld, das ihr Vater verdiente, reichte gerade einmal für das Essen, für die Rechnungen und die alte Klapperkiste, mit der Salvatore ab und zu in die nächstgelegene Stadt fuhr, um Besorgungen zu machen. Somit konnte sie sich keine teuren Schuhe oder schicke Kleider kaufen. Stattdessen trug sie eine verwaschene kurze Jeans, ein einfaches weißes T-Shirt drüber und ihre ausgelaufenen Turnschuhe. Dennoch überragte sie ihre Klassenkameradinnen um einige Zentimeter, denn die Mädchen in der Schule waren eher klein gewachsen. Vielleicht war das auch ein Grund, wieso sie sich immer etwas ausgegrenzt fühlte. Sie war zu groß, zu dürr und hatte zu helle Haare.
   Alessia atmete tief durch, bevor sie nach ihrer Schultasche griff und durch die Tür trat. Die Sonne stieg langsam an dem Berg in der Ferne empor, und die ersten warmen Strahlen tauchten die sandfarbenen Häuser in goldenes Licht.
   »Hey Lessi!«, hörte sie plötzlich jemanden rufen, und Fernando sprang gut gelaunt über die Straße.
   Nur er nannte sie so, und obwohl sie sich anfangs gegen den Spitznamen gewehrt hatte, gefiel er ihr mittlerweile. Diesmal konnte sie sich jedoch kein Lächeln abringen.
   »Soll ich dich ein Stück begleiten? Mein Vater muss sowie noch Teile für die Werkstatt besorgen.«
   Alessia nickte, während sich Fernando bei ihr einhakte. Das machte er immer, und sie genoss es, gemeinsam mit ihm durch die Straßen zu schlendern.
   Bis zur Schule waren es zu Fuß circa zehn Minuten. Ältere Damen schüttelten über ihren Köpfen Handtücher und Wäsche aus, um sie anschließend an den Wäscheleinen, die an den Balkonen befestigt waren, aufzuhängen. Links von ihnen saß ein Mann vor seiner Haustür und rauchte gemütlich eine Zigarre, und von rechts hörte Alessia bereits den Hund von Senior Marioli, der wie jeden Morgen lauthals kläffte.
   »Na, freust du dich auf die Schule?«, fragte Fernando.
   Alessia schüttelte den Kopf und blickte auf ihre Schuhe, die den Staub auf dem Boden mit jedem Schritt aufwirbelten.
   »Möchtest du, dass ich später komme? Wir könnten nach der Schule auf dem Balkon Kirschen essen und mit den Körnern Weitspucken machen«, schlug Fernando vor.
   Seit sie klein waren, hat ihnen das Spaß gemacht, und jedes Mal hatten sie mit vorgehaltener Hand gekichert, wenn sich ein Mensch auf der Straße verärgert nach der Herkunft der Kerne umblickte.
   »Mal sehen«, antworte Alessia ausweichend und schwieg.
   Wie sollte sie ihm jetzt etwas versprechen können, wenn sie nicht einmal wusste, wie sie den Schultag überstehen würde?
   »Okay. Melde dich einfach bei mir. Ich muss jetzt wieder zurück.«
   Sie hatten das Schulgebäude beinahe erreicht. Fernando verabschiedete sich mit zwei Küsschen auf ihren Wangen und hüpfte pfeifend zurück zu der Werkstatt. Alessia blickte ihm traurig nach, bis er um die Ecke verschwunden war. Dann wandte sie sich seufzend um und trat in das renovierungsbedürftige Schulgebäude.
   Der Gang war noch leer, sie war früh dran. An den Wänden reihten sich die Schließfächer, in denen die Schüler hauptsächlich ihre Bücher aufbewahrten. Alessia ging zu dem Spind mit der Nummer 214 und gab ihren Code ein. Sie rüttelte einige Zeit daran, bis die Scharniere schließlich nachgaben und sich die Tür quietschend öffnen ließ. Eigentlich hatte Alessia drei Bücher über die Ferien dort gelassen, doch bereits beim Öffnen der Tür bemerkte sie, dass der Spind leer war. Carlos, fuhr es ihr durch den Kopf. Er musste sie herausgenommen haben, um sie zu ärgern. Doch wie hatte er den Schrank aufgebrochen?
   Mit zusammengepressten Lippen ließ sie die Tür krachend zufallen und lief zum Klassenzimmer. Kurz überlegte sie, mit ihrer Lehrerin darüber zu sprechen, doch sie wusste bereits, dass es keinen Sinn machen würde. Sie hatte keinen Beweis für ihre Vermutung. Ihr würde nichts anderes übrig bleiben, sich die Bücher ein zweites Mal zu besorgen, und zwar von dem Geld, das sie eigentlich für ihren Flug sparte.
   Stumm setzte sie sich an ihren Platz in der letzten Reihe und atmete ein paar Mal tief durch. Es dauerte nicht lang, bis der Gang, der eben noch menschenleer war, von dem Trampeln vieler Füße und angeregter Gespräche gefüllt war und die ersten ihrer Klassenkameraden das Zimmer betraten. Einige nickten ihr kurz zu, doch die meisten ignorierten sie, so wie sie es selbst auch machte.
   Carlos kam zusammen mit seinen Freunden und einer Traube von kichernden Mädchen in den Raum. Kurz blieb sein Blick an ihr hängen, während ein höhnisches Lächeln seinen Mund umspielte, dann wandte er sich von ihr ab und ließ sich, das Bein lässig über das andere gelegt, auf seinem Platz schräg vor ihr nieder.
   »Meine Eltern sind die letzten Tage geschäftlich durch halb Europa gereist, um die Waren meines Vaters zu verkaufen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie gut sie bei der oberen Gesellschaft ankamen«, hörte sie ihn mit arroganter Stimme sagen, während die Hälfte der Klasse an seinen Lippen hing und gespannt zuhörte. »Mein Vater hat mir versprochen, dass wir im nächsten Jahr noch einmal in den Ferien zusammen hinfliegen und uns den Eiffelturm anschauen.« Bei diesen Worten zwinkerte er Nicoletta zu, einem Mädchen mit langen braunen Haaren und ebenso dunkelbraunen Augen, die wehmütig seufzte und ihre langen Wimpern gekonnt niederschlug.
   Alessia verdrehte die Augen und stützte ihren Kopf auf den Armen ab.
   »Bei ihrer Rundreise durch Deutschland haben sie mit einem von Papas Kunden eine Filmpremiere besucht, und ratet einmal, wen sie dort getroffen haben: Amanda Mendolia!«, fügte Carlos mit gehässiger Stimme und einem weiteren Blick zu ihr hinzu.
   Alessia schreckte zusammen, während sie ihre Finger in den Arm krallte und ihre Gedanken herumwirbelten. Redete er etwa von ihrer Mutter? Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, während sie die Ohren spitzte und ihren Kopf millimeterweit in seine Richtung schob. Carlos machte eine gedehnte Pause, und Alessia war sich sicher, dass er das nur machte, um sie zu ärgern.
   »Ohne Scheiß?«, fragte Frederico, einer seiner Freunde, überrascht, und mit einem Mal wanderten alle Blicke zu Alessia.
   Sie blickte stur geradeaus, während ihr das Herz so hart und laut gegen die Brust klopfte, dass sie das Gefühl hatte, die ganze Schule würde es hören. Sie hielt die Luft an und wartete darauf, dass Carlos weiterredete.
   »Ja, ohne Scheiß. Mein Vater hat Geschäftsbeziehungen mit einem der Produzenten des neuen Filmes. Sie hatten einige seiner exquisiten Porzellanfiguren für ihre Requisiten ausgeliehen. Er hat mir sogar ein Bild von ihr mitgebracht.« Carlos fischte sein Handy aus seiner weiten Hosentasche und reichte es herum.
   Am liebsten wäre Alessia aufgesprungen, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, doch den Gefallen tat sie Carlos nicht. Sie zwang sich, sitzen zu bleiben und weiterhin unbeteiligt zu tun. Dabei schien alles in ihrem Inneren zu schreien.
   Frederico stieß einen Pfiff aus, und einige Mädchen blickten ihn gekränkt an. Es gefiel ihnen nicht, wie die Blicke der Jungen bewundert an Amandas langen Beinen hängen blieben.
   »Auf jeden Fall war sie anscheinend sehr charmant. Sie hat ihnen sogar ihre Familie vorgestellt.«
   Alessia spürte, dass Carlos’ Blick während dieser Worte erneut auf ihr ruhte, und ein Zittern ging durch ihren Körper, als hätte ihr jemand einen Elektroschock verpasst. Zum Glück kam in diesen Moment die Lehrerin und wies die Schüler an, sich auf ihre Plätze zu begeben.
   Alessia schloss für einen Augenblick die Augen und versuchte, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen, doch wieder sah sie in ihrem Traum zu, wie ihre Mutter an dem Mädchen mit den blonden Locken vorbeilief. Hatte sie wirklich eine neue Familie gegründet? Hatte sie etwa noch andere Kinder? Erinnerte sie sich überhaupt an ihre Tochter?
   Die restlichen Schulstunden vergingen, ohne dass sie irgendetwas wahrnahm. Es war ihr unmöglich, dem Unterricht zu folgen, und immer wieder bemerkte sie, wie Carlos’ Blick zu ihr wanderte, darauf wartend, dass sie sich irgendetwas anmerken ließ. Den Gefallen tat sie ihm nicht, doch sie war die Erste, die nach Schulschluss aus dem Raum eilte und das Gebäude mit zügigem Schritt verließ. Ohne sich zu bremsen, lief sie durch die engen Gassen. Sie wusste nicht einmal, ob sie in die richtige Richtung ging, es war ihr auch egal.
   Irgendwann, nachdem der brennende Schmerz in ihrer Brust allmählich abschwoll, wurde sie langsamer, bis sie schließlich stehen blieb und die Tränen, die an ihren Wangen klebten, entschlossen wegwischte. Abrupt machte sie kehrt, scheuchte dabei eine streunende Katze auf, die ihren Weg kreuzte, und ging entschlossenen Schrittes den Weg zurück nach Hause. Sie hatte beschlossen, dass es an der Zeit war, mit ihrem Vater zu reden. Es war an der Zeit, dass er ihr von ihrer Mutter erzählte, ob er nun wollte oder nicht. Sie musste die Wahrheit und seine Version der Geschichte erfahren, bevor sie wegen einer Frau, die sie vielleicht überhaupt nicht sehen wollte, das Land verließ.
   Fernando schraubte gerade an einem Auto, als sie mit zügigem Schritt an ihm vorbeilief. Er hob den Kopf und rief ihr etwas zu, doch sie ignorierte ihn. Sie hatte jetzt keine Zeit für ihn. Sie würde später kommen und sich für ihr Verhalten entschuldigen, jetzt aber wollte sie zu ihrem Vater.
   Zum Glück schien er zu Hause zu sein, denn das Fenster in der Küche stand offen. Alessia sprang zwei Stufen auf einmal nehmend die weißen Fliesen bis zu dem zweiten Stock hoch, in dem sie wohnten. Unter ihnen hauste ein alter Mann. Alessia schätzte ihn auf mindestens neunzig Jahre, obwohl es aufgrund der weißen Haare und der dunklen Haut schwer einzuschätzen war. Der Mann saß den ganzen Tag über in seinem Schaukelstuhl auf dem Balkon und starrte in die Ferne. Er war immer mit einer sandfarbenen Hose und einem dunkelgrünen Hemd gekleidet. Alessia wusste jedoch nicht, ob er Tag für Tag dieselbe Kluft trug, oder ob er mehrere Garnituren davon besaß.
   Sie sperrte die Tür auf und ging in die Küche, ohne sich die Mühe zu machen, ihre Schuhe auszuziehen. »Dad?«, rief sie bereits aus dem Gang und hörte den sanften Gesang einer italienischen Sängerin, die sie nicht kannte. Ihr Vater hörte immer Musik, egal, ob während der Arbeit oder beim Kochen.
   Die Türen zum Balkon, der zur Straße zeigte, waren geöffnet, damit der Wasserdampf, der von einem großen Topf emporstieg, entweichen konnte.
   »Hallo Schätzchen, wie war die Schule?«, fragte Salvatore und wandte ihr das Gesicht zu. Zwei braune kluge Augen blickten ihr entgegen, eingebettet in einige Falten auf Stirn und Wangen, die sich über die Jahre wie tiefe Furchen in die Haut eingegraben hatten. Wenn er lächelte, wurden sie von Falten um seine Augen und seinen Mund verstärkt.
   Alessia liebte das Antlitz ihres Vaters. Sie wusste, dass er mit Fernando der einzige Mensch war, der sie bedingungslos liebte. Sie spürte einen Stich in der Brust bei dem Gedanken daran, dass sie sein Lächeln gleich vom Gesicht wischen würde.
   Sie holte tief Luft. »Papa, bitte. Erzähl mir von meiner Mutter.« Sie zwang sich, den Blick nicht von ihm abzuwenden und knetete unruhig ihre Hände.
   Wie erwartet verdunkelten sich seine Augen, und die Mundwinkel zogen sich leicht nach unten. Eine Weile war es still, nur die Stimme der italienischen Sängerin war zu hören. Dann mischte sich in den Gesang das Geräusch des Topfes, der gerade überquoll.
   Salvatore stellte das Gas zurück und hob den Deckel an, damit sich das kochende Wasser wieder beruhigen konnte. »Was willst du denn wissen?«, fragte er so leise, dass Alessia automatisch näher an den Esstisch herantrat. »Das Kapitel ist längst abgehakt. Das weißt du doch!«
   Sie hörte das Zittern in seiner Stimme, und am liebsten wäre sie zu ihm gelaufen, hätte die Arme um seine Schultern geschlungen, wie sie es früher oft gemacht hatte, und versucht, ihn zum Lachen zu bringen. Sie zwang sich, ruhig stehen zu bleiben und sich darauf zu beschränken, weiterhin ihre Hände zu kneten. »Alles. Ich möchte alles wissen. Wie ihr euch kennengelernt habt. Wieso sie nicht hier ist? Und warum sie uns verlassen hat. Ich möchte wissen, wann sie das Schauspielen anfing und ob sie wirklich eine neue Familie hat.« Bei den letzten Worten sah sie, wie ein Ruck durch Salvatores Rücken ging. Sie biss sich auf die Lippen und hoffte, dass ihr nicht schon wieder die Tränen kamen. Sie wollte ihrem Vater nicht wehtun, doch diesmal wollte sie nicht nachgeben. »Bitte Paps, bitte erzähl es mir.«, flüsterte sie, weil sich ihr Vater nicht rührte und keine Antwort gab.
   Wieder hörte sie nur die italienische Sängerin, die irgendetwas über Herzschmerz sang, doch dann, ganz langsam drehte sich ihr Vater zu ihr um. »Okay, ich werde dir von ihr erzählen. Aber erst später, wenn wir zusammen bei einem Glas Wein, für dich natürlich Traubensaft, auf dem Balkon sitzen.«
   Alessia nickte dankbar und streckte ihre Finger aus, die durch das ganze Anspannen bereits steif geworden waren. »Danke, Dad.«
   In der nächsten halben Stunde deckte sie den Tisch, gab ihrem Vater und sich etwas von der Pasta auf die Teller, die er gekocht hatte, und schenkte ihm ein Glas Wein ein. Schweigend aßen sie, während die Sonne allmählich unterging. Da die Schule an drei Tagen der Woche erst um vier Uhr am Nachmittag endete, blieb oft wenig Zeit, bis sich der Abend ankündigte. Kurz kam Alessia in den Sinn, dass sie noch Hausaufgaben machen musste und nicht einmal wusste, was sie genau aufhatten. Dann konzentrierte sie sich wieder darauf, ihren Teller leer zu bekommen. Am liebsten hätte sie sich auch ein Glas Wein gegönnt, doch sie wusste, dass ihr Vater das nicht gern sah. So beließ sie es bei dem Traubensaft.
   Nachdem sie in Windeseile die Teller abgeräumt und abgewaschen hatte, kehrte sie zurück auf den Balkon. Ihr Vater saß mit dem Glas Wein in der Hand am Geländer und blickte zu dem Halbmond empor, der am wolkenlosen Himmel bereits schwach zu sehen war. Der Rest des Tageslichtes reichte gerade noch aus, dass Alessia die Farbe seines Hemdes erkennen konnte. Es war grau, wie fast alle seine Hemden. Bald schon würde es komplett dunkel um sie herum sein, dann würde sie nicht einmal mehr das erkennen.
   Sie zog ihren Stuhl näher an den ihres Vaters und setzte sich erwartungsvoll neben ihn. Der Wind fuhr leicht durch ihre Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, und die Stimmen der Straße klangen wie ein Flüstern zu ihnen hinauf.
   »Deine Mutter, Amanda, war für mich wie ein strahlender Engel, der in einem kleinen Café in Cefalu saß. Ich war in dem Ort, um Besorgungen zu machen und vor allem, um die Medizin meines Vaters zu besorgen. Er war damals schon sehr krank. Ganz zufällig blickte ich durch die Scheibe, und da saß sie. Sie hatte ihr Gesicht zur Seite geneigt und lachte, sodass ihre strahlend weißen Zähne zu sehen waren. Ihre Augen glitzerten wie blaue Saphire, und sie hatte eine Hand an ihre Wange gelegt. Wie verzaubert blieb ich stehen. Ich weiß, das klingt kitschig, aber ich konnte einfach nicht mehr weiterlaufen. Neben Amanda saß eine Frau, später sollte ich erfahren, dass es ihre Freundin Isabel war. Mit der weißen Plastiktüte der Apotheke in der einen Hand und einem Beutel voll Werkzeug in der anderen, stand ich in der prallen Mittagssonne und konnte meinen Blick nicht von der fremden Frau abwenden. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, hineinzugehen, mich heimlich an den Platz neben ihr zu setzen und eine Tasse Kaffee zu trinken, doch ich traute mich nicht. Während ich sie durch die Scheibe anstarrte, wanderte Amandas Blick plötzlich zum Fenster, als hätte sie meinen Blick bemerkt. Vielleicht war es auch nur Zufall, das kann ich dir nicht sagen. Doch sie blickte mich direkt an, und das Lachen auf ihrem Gesicht verebbte. Verlegen griff ich meine Tüten fester und stolperte weiter. ‚Wie peinlich!‘, fluchte ich und rannte in meiner Unachtsamkeit fast einen Gemüsestand um. ‚Scusi!‘, stammelte ich und eilte weiter, während der Händler schimpfte. ‚Senior!‘, hörte ich plötzlich hinter mir eine Frauenstimme rufen. Natürlich dachte ich, dass jemand anderes damit gemeint war, dass es eine ganz andere Frau war. Doch ich drehte mich trotzdem um, und da stand sie. Das Blumenkleid, das sie trug, umspielte ihre langen Beine, und an den Schultern hatte sie einen leichten Sonnenbrand. Verwirrt blickte ich mich um, aber da war niemand, abgesehen von dem Gemüsehändler, der mich noch immer böse anblickte. Wie ein Trottel stand ich da mit meinen Tüten, während sie lächelnd auf mich zukam. Ich weiß noch, dass ich dachte, ich würde träumen, doch es war kein Traum. Ich weiß nicht, was es war, aber irgendetwas an mir schien ihr gefallen zu haben. Wir gingen einen Kaffee trinken und dann noch einen und noch einen, und ehe ich mich versah, küsste ich sie und verliebte mich in sie. Meine Freunde staunten nicht schlecht. Sie meinten, dass ich nur eine Sommeraffäre für sie sei, ein Abenteuer, und um ehrlich zu sein, glaubte ich das auch. Doch es kam anders. Am letzten Abend, bevor sie abreiste, verbrachten wir eine wundervolle Nacht an einer verlassenen Bucht, die ich durch meine früheren Streifzüge entdeckt hatte. Es war perfekt. Der Mond schien gerade hell genug, um uns den Weg zu weisen, und dennoch so zurückhaltend, dass niemand unsere Körper sehen konnte. Es war magisch, und als Amanda in meinem Arm auf dem roten Handtuch im Sand einschlief, blickte ich schlaflos zu den Sternen und genoss diese klare Sommernacht. Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang hatte ich noch immer kein Auge zugemacht und strich Amanda sanft das blonde Haar aus der Stirn. Trotz des Glücksgefühls, das ich verspürte, schlummerte in mir eine Angst, die mich ganz verrückt machte. Angst davor, dass es nun endgültig vorbei sein würde, dass der Traum zu Ende geträumt wäre.« Salvatore starrte in Erinnerungen versunken in den mittlerweile dunkelblauen Himmel, an dem bereits die ersten Sterne schwach schienen.
   Alessia saß reglos neben ihm und versuchte, sich ihren Vater in jungen Jahren vorzustellen. Ihr Vater, der ruhige, geduldige Mensch, der immer etwas abwesend wirkte. Es war eine seltsame Vorstellung. Sie versuchte, sich an ihre Mutter zu erinnern, doch eigentlich kamen ihr nur die Bilder aus den Filmen in den Sinn. Sie war zu jung gewesen, um sich an sie zu erinnern. Und diese Erkenntnis schmerzte.
   Salvatore nahm einen Schluck aus dem Weinglas. »Doch es war nicht das Ende. Amanda ging zurück nach Deutschland, und ich buchte einen Flug, um sie in ihrer Heimat zu besuchen. Ich war so aufgeregt, schließlich war ich bis dahin noch nie geflogen, weder nach Deutschland noch sonst wohin. Ich zählte die Tage bis zu meinem Abflug. Es waren zweiundneunzig. Jeden einzelnen Tag rechnete ich damit, dass sie anrufen oder schreiben würde, sie hätte es sich anders überlegt und ich solle doch nicht kommen. Dann saß ich im Flugzeug und verließ zum ersten Mal Sizilien. Natürlich war ich beim Start schrecklich angespannt und noch nervöser bei der Landung. Amanda wollte mich vom Flughafen abholen, und tatsächlich wartete sie bereits auf mich. Ich weiß noch, dass es kalt war in Deutschland, obwohl wir Mai hatten. Sie trug eine lange enge Jeans und eine Lederjacke und sah wunderschön aus. Sie lächelte mir zu, so, wie sie mich vor dem Café angelächelt hatte. Die nächsten fünf Jahre waren wundervoll. Jedes Jahr flog sie im Winter nach Sizilien und ich im Sommer für ein paar Wochen nach Deutschland. In der Zeit wurde Amanda schwanger, und die Welt schien perfekt. Ihre Karriere ging steil bergauf, und auch bei meiner Arbeit ging es ganz gut. Ich dachte, jetzt hätten wir es geschafft. Ich hatte schon Pläne gemacht, um zu ihr nach Deutschland zu ziehen, damit wir eine richtige Familie sein konnten. Ich wollte es ihr bei ihrem nächsten Besuch mit dir auf Sizilien sagen. Mit roten Rosen in der Hand stand ich am Flughafen und wartete auf ihre Ankunft. Ich hatte alles vorbereitet. Mein Koffer stand bereit, für meinen Vater hatte ich einen Platz in einem Heim gesucht, den ich durch den Verkauf des Hauses finanzieren wollte.« Er stockte, seine Augen schimmerten in dem schwachen Licht des Mondes, der am schwarzen Himmel leuchtete, und Alessia wusste, dass sich die Geschichte nun wenden würde. »Als sie kam, gingst du an ihrer Hand, und voller Freude ging ich in die Knie, um dich in den Arm zu nehmen. Mit deinen kurzen Beinen ranntest du auf mich zu, doch Amanda kam nur langsam hinterher. Sie lächelte nicht. Ich sah sie an und wusste, dass irgendetwas nicht stimmte. Doch ich sagte nichts, den ganzen Weg bis zu unserem Haus schwiegen wir. Nur du plappertest fröhlich vor dich her. Meine Gedanken waren bei dem viel zu großen Koffer, den sie dabeihatte und der mir aus irgendeinem Grund Angst machte. Ganz automatisch fuhr ich langsamer, ahnend, dass am Ende des Weges etwas Schreckliches geschehen würde. Wir waren keine zehn Minuten zu Hause, da bat mich Amanda, auf den Balkon zu kommen. Sie wollte reden. Ihr blondes Haar funkelte im Sonnenlicht, und sie stand mit dem Rücken zu mir und blickte über die Dächer der Häuser auf das blaue Meer, das entfernt zu sehen war. Eine Zeit lang war es still, dann sagte sie seufzend, noch immer den Blick in die Ferne gerichtet: ‚Es geht nicht mehr, Salvatore. Es tut mir leid. Ich kann nicht mehr so weiterleben.‘ Ich hatte das Gefühl, als hätte mir jemand ins Gesicht geschlagen, und der Schmerz in meinem Bauch fühlte sich an wie ein Messerstich. ‚Amanda, bitte. Lass uns dafür kämpfen. Was kann ich tun?‘, stammelte ich und griff nach ihrem Arm. Sie zog ihn weg und verschränkte die Arme. Sie sah mich noch immer nicht direkt an. ‚Nichts. Du kannst nichts tun. Es ist nicht deine Schuld‘. Hilflos versuchte ich, die richtigen Worte zu finden, um sie zum Bleiben zu überzeugen, doch es war nur Leere in meinem Kopf. Vielleicht hatte ich ihr einfach zu selten gesagt, was ich für sie empfinde. Vielleicht hätte ich mir mehr Mühe geben müssen, doch an diesem Tag verschwand sie aus meinem Leben und hinterließ ein schwarzes Loch in meiner Brust, dort, wo früher einmal mein Herz saß. Ich dachte, dass sie dich auch wieder mitnehmen würde, doch das tat sie nicht. Sie küsste dich auf die Stirn, und für einen Augenblick flackerte ein tiefer Schmerz in ihren Augen, dann wandte sie sich ab, sagte mir, ich solle mich gut um dich kümmern und verschwand. Es ging alles so wahnsinnig schnell, dass ich erst viel später realisierte, was geschehen war. Die nächsten Jahre wartete ich darauf, dass sie zurückkam, schon allein deinetwegen, doch sie kam nie. Stattdessen sah ich sie in Talkshows, auf Kinoplakaten und in der Werbung. Seitdem vermeide ich es, irgendetwas von ihr zu sehen oder in der Zeitung über sie zu lesen, es ist einfach zu schmerzhaft. Sie hat mir mein Herz gestohlen, doch gebrochen hat sie es dadurch, dass sie dich im Stich gelassen hat.« Salvatore streckte eine zitternde Hand nach Alessia aus und strich ihr sanft über die Wange. Seine Hand war rau, durch die tägliche harte Arbeit.
   Alessia stand auf, und seine Finger glitten von ihrer Wange. »Danke!«, stieß sie noch hervor, bevor sie fluchtartig den Balkon verließ.
   Natürlich hatte sie mit so etwas gerechnet, doch es schwarz auf weiß zu hören war dennoch härter, als sie vermutet hatte. Tausende Möglichkeiten, tausende Geschichten hatte sie sich ausgemalt, was vorgefallen sein musste. Wieder kam ihr Carlos’ Geschichte in den Sinn, und sie fragte sich, ob ihre Mutter diesen anderen Kerl schon damals kennengelernt hatte. War sie ihrem Vater fremdgegangen? Unzählige Möglichkeiten gingen ihr durch den Kopf, während sie die steilen Stufen zu der Dachterrasse emporstieg.
   Die Dachterrasse grenzte an ihr Haus an, leider zur Straßenseite, sodass Alessia nicht über das Meer blicken konnte. Die Stufen waren morsch und schimmlig, und ihr Vater mochte es nicht, wenn sie hier hochkam, doch Alessia liebte die Ruhe und den Ausblick. Hier kam sie her, wenn sie nachdenken wollte oder wenn sie Fernando aus dem Weg ging, der diesen Ort nicht kannte. Es war ihr Rückzugsort, ihr persönliches Geheimversteck. Hier konnte sie den Tränen freien Lauf lassen, die sie vor ihrem Vater unterdrückt hatte, und ihr Gesicht schluchzend in den Händen vergraben.
   Irgendwann, nachdem ihre Tränen versiegt waren, zog sie aus der Hosentasche das Bild hervor, das sie vor Jahren ganz unten in einer Schublade im Zimmer ihres Vaters gefunden hatte. Das Bild zeigte ihre Mutter, wie sie fröhlich in die Kamera lächelte. Neben ihr befand sich ein Kinderwagen, in dem ein Baby mit einer blonden Locke lag, eingepackt in einen rosafarbenen Strampelanzug. Im Hintergrund war ein weißes schönes Haus mit Spitzdach und roten Dachziegeln und der Hausnummer 18 zu sehen, und wenn Alessia die Augen zusammenkniff, konnte sie sogar das Straßenschild entziffern. Sonnenallee. Im Internetcafé hatte sie nach allen Sonnenalleen in München und Umkreis gesucht und sich die Ergebnisse sorgfältig aufgeschrieben. Es waren drei Stück. Gut, es konnte natürlich sein, dass ihre Mutter aufgrund ihres Erfolges längst in einem anderen, einem noch größeren Haus wohnte, doch sie wollte es zuerst dort probieren. Sie war nach wie vor wild entschlossen, ihre Mutter zu suchen und sie zu fragen, wieso sie sie einfach in Stich gelassen hatte. Denn das hatte ihr Vater nicht erklärt. Grimmig stopfte sie das Bild zurück in ihre Tasche und klopfte sich den Staub von den Beinen. Sie tastete sich zu dem Geländer, das zurück ins Haus führte. Der Mond hatte sich hinter ein paar Wolken versteckt, es war nahezu stockdunkel um Alessia. Morgen würde sie zu Ricardo gehen und ihn fragen, ob sie noch mehr Stunden im Gemüseladen arbeiten durfte.
   Als sie unten ankam, saß ihr Vater noch immer auf dem Balkon, sein leeres Weinglas in der Hand. Alessia fragte sich, ob er wohl noch immer über ihre Mutter nachdachte. Leise ging sie zu ihm und legte von hinten ihre Arme um seine Schultern. »Ich liebe dich, Dad«, flüsterte sie, küsste ihn auf die faltige Wange und zog seinen Geruch ein, den sie so mochte. Er roch immer etwas nach Dreck und Minze, mit der er sich einrieb.
   Ihr Vater lächelte nur und schwieg, so, wie er es immer tat.
   Alessia ließ ihn mit seinen Erinnerungen allein und griff nach ihren Turnschuhen. Fernando war sicherlich noch wach. Mit den Schuhen in der Hand ging sie barfuß zu seinem Haus. Die Lichter waren bereits ausgeschaltet, doch im Schein der flackernden Straßenlaterne erkannte Alessia Fernandos Gesicht. Er blickte zu Boden und spielte mit einem kleinen Gummiball.
   »Hey!«, sagte sie und setzte sich neben ihn.
   Er hob den Blick und schaute sie mit seinen dunkelbraunen sanften Augen an. Fernando sah aus wie ein typischer Sizilianer. Seine Haare waren dunkelbraun, fast schwarz, und seine Haut gut gebräunt. Seine Augenbrauen waren dicht und schwarz, doch nicht so buschig wie die ihres Vaters. Seine gerade Nase endete bei vollen Lippen, die von kurzen schwarzen Bartstoppeln umsäumt waren. Er sah gut aus, und es kam oft vor, dass sich Frauen nach ihm umdrehten. Selbst einige ihrer Klassenkameradinnen hatten Alessia schon nach Fernando gefragt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Männern, wie zum Beispiel Carlos oder Frederico, war Fernando jedoch kein Macho. Er war weder arrogant oder egoistisch noch war er überheblich. Fernando war gutmütig, freundlich, und jeder im Dorf liebte ihn. Die älteren Frauen in der Straße luden ihn auf Gebäck und Kaffee ein, die Männer nickten ihm beim Vorübergehen zu, und die Kinder umzingelten ihn, um mit ihm zu spielen. Alessia war stolz darauf, mit ihm befreundet zu sein.
   »Geht es dir gut?«, fragte er leise und legte seine Hand auf ihre.
   »Es geht so. Papa hat mir gerade von meiner Mutter erzählt«, sagte Alessia leise und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Es tat gut, sich an ihm anzulehnen.
   »Möchtest du darüber reden?«
   Sie schüttelte den Kopf.
   Fernando legte ihr einen Arm um die Schultern, zog sie näher heran und strich ihr sanft über das Haar. So saßen sie schweigend nebeneinander und blickten auf die dunkle, staubige Straße. Irgendwo bellte ein Hund, wahrscheinlich der Köter von Senior Marioli, und in der Ferne ertönte der helle Klang einer Kirchenglocke. Es war elf Uhr nachts, und eigentlich längst an der Zeit, ins Bett zu gehen. Doch Alessia und Fernando blieben sitzen, ganz still, und die Kirchenuhr schlug halb zwölf, dann zwölf und schließlich halb eins. Irgendwann begann Alessia in ihrer kurzen Hose zu zittern, und Fernando legte eine Hand an ihre Wange, wie es ihr Vater bereits vor zwei Stunden gemacht hatte. Diesmal zog sie ihr Gesicht nicht weg.
   »Du bist ganz kalt. Wir sollten reingehen«, sagte er sanft.
   Alessia nickte. »Ich werde nach Hause gehen. Danke für deine Gesellschaft.«
   Fernando nahm sie in die Arme und drückte sie. »Du weißt, dass ich dich liebe«, sagte er, wie er es oft sagte.
   Alessia boxte ihn daraufhin meistens in die Seite und lachte, weil sie nicht wusste, wie er es meinte. Diesmal lachte sie nicht und boxte ihn auch nicht, sondern nickte ihm traurig zu und lief durch die verlassenen Straßen zurück zu ihrem Haus.
   Es brannte kein Licht mehr, und die Balkontür war verschlossen. Sie schlich in ihr Zimmer, schaltete den Ventilator an, den ihr Vater repariert hatte, und schmiss sich auf das Bett. Sie wäre gern bei Fernando geblieben, doch sie wusste, dass es besser war, ihre Gefühle für ihn zu unterdrücken. Schließlich wusste sie, dass sie nicht mehr lange hierbleiben würde, und es war nicht fair, ihm Hoffnungen zu machen für etwas, das zumindest zurzeit nicht sein konnte. Ihre Gefühle mussten warten, und sie hoffte, dass Fernando auch auf sie warten würde, bis sie zurückkam. Während der Schulstunden, in denen sie starr auf ihren Schreibtisch blickte, hatte sie den Entschluss gefasst, bereits zu Ferienbeginn zu starten. Ricardo hatte ihr versprochen, dass sie die nächsten Wochen doppelt so viel arbeiten könnte wie sonst und dass er ihr das Geld im Voraus geben würde. In drei Wochen, kurz vor Ferienbeginn, hatte sie Geburtstag und sich von ihrer Verwandtschaft nur Geld gewünscht. Damit konnte sie den Flug finanzieren, und etwas Taschengeld würde sie aus der Geldbörse ihres Vaters stibitzen, damit sie sich zumindest für die ersten Tage in Deutschland eine Unterkunft leisten konnte. Sie würde es ihm danach plus Zinsen zurückzahlen, doch es war die einzige Möglichkeit, die ihr blieb. Sobald sie das Geld hatte, würde sie einen Last-Minute-Flug über die Prepaid-Kreditkarte buchen, die sie sich vor einem Jahr hatte ausstellen lassen. Mit dem Gedanken daran, nur noch knapp drei Wochen in die Schule gehen zu müssen, schlief sie ein.

Die restlichen Wochentage über ließ Carlos sie in Ruhe, und Alessia besorgte sich in dem Secondhandladen am Rand der Stadt die fehlenden Bücher und eine wärmere Jacke. Schließlich wusste sie, dass es in Deutschland abends ziemlich kalt werden konnte. Sie versuchte, Fernando so gut es ging aus dem Weg zu gehen, aus Angst, er würde ihr Vorhaben in ihren Augen erkennen. Er war schon immer gut darin gewesen, ihre Gedanken zu lesen. Es lief alles nach Plan.

Kapitel 2

Unser ganzes Leben ist ein nie wiederkehrender Geburtstag, den wir darum heiliger und freudiger begehen sollen.

Jean Paul


Die letzten Jahre war Alessia mit ihrem Vater und Fernando an ihrem Geburtstag abends Essen gegangen, und danach hatten sie traditionsgemäß immer eine große Portion Pannacotta verdrückt. Dieses Jahr hatte sie ihrem Vater gesagt, dass sie nichts machen wolle und dass er das Geld für das Essen lieber sparen solle.
   Während sie mit ihm sprach, hatte sie ihn nicht direkt angeschaut, denn je näher der Abflugtag rückte, umso schwerer fiel es ihr, sich normal zu verhalten. Zum Glück war ihr Geburtstag an einem Samstag, sodass sie sich zumindest nicht in die Schule quälen musste.
   Alessia schlief erst einmal aus, dann duschte sie gemütlich und zog sich bequeme Sachen an. Ihr Vater war auf der Arbeit, wie jeden Samstagvormittag, und auch Fernando ließ sich nicht blicken. Wahrscheinlich musste er ebenfalls seinem Vater in der Werkstatt helfen. Und obwohl sie sich einredete, dass es besser so war, schmerzte es sie trotzdem, dass Fernando nicht auftauchte. In den letzten Jahren war er zumindest früh am Morgen gekommen und hatte sie mitten auf den Mund geküsst, wie er es immer nur an ihrem Geburtstag tat.
   Die Stunden vergingen, und die Sonne stand bald senkrecht am Himmel. Es war brütend heiß, und Alessia vermied es allein schon, auf den Balkon zu gehen. Sie hatte alle Ventilatoren des Hauses angestellt und überlegte sich gerade, was sie essen sollte, da hörte sie, wie ihr Vater die Tür aufschloss.
   »Hallo Schätzchen, ich wünsche dir alles Gute zum Geburtstag!«, sagte er zärtlich, während er sie in die Arme nahm.
   Mittlerweile war er ein gutes Stück kleiner als Alessia, dafür jedoch um einiges breiter. »Danke, Daddy.« Sie küsste ihn auf die Wange.
   »Das ist für dich«, sagte Salvatore und reichte ihr einen Umschlag und ein kleines Päckchen.
   Im Stehen riss Alessia das Geschenkpapier herunter und zog eine kleine schwarze Schachtel hervor. »Was ist das?«, fragte sie neugierig und setzte sich auf die Kante des Sofas, das im Gang stand.
   Vorsichtig hob sie den Deckel an. Eine silberne Kette mit einem gläsernen Engel lag auf dem dunkelroten Samt. »Wow, sie ist wunderschön. Das wäre doch nicht nötig gewesen«, hauchte Alessia, während sie die Kette vorsichtig herausnahm.
   »Doch, mein Engel, du wirst immerhin nur einmal achtzehn Jahre alt. Ich bin froh, wenn es dir gefällt!« Er drückte ihr kurz den Arm, bevor er sich die dreckigen Arbeitsschuhe von den Füßen zog und im Bad verschwand, um sich das Gesicht zu waschen.
   Alessia blickte noch immer verträumt auf die Kette. Sie hatte noch nie so etwas Schönes gesehen, geschweige denn besessen, und sie spürte einen dicken Kloß im Hals.
   »So, und nun solltest du einmal auf die Straße gehen. Dein Freund Fernando wartet dort nämlich auf dich!«, hörte sie die Stimme ihres Vaters durch die geschlossene Badtür klingen.
   Vorsichtig legte Alessia die Kette zurück in die Box und verstaute sie zusammen mit dem Geldumschlag in ihrem Nachtkästchen. Sie würde sie erst am Tag ihres Abfluges umlegen.
   Sie griff nach ihrem Schlüssel, dann sprang sie die Treppen hinunter. Obwohl sie wusste, dass ihr der Abschied dadurch noch schwerer fallen würde, freute sie sich darauf, Zeit mit ihm allein zu verbringen.
   Er stand mit dem Rücken zu ihr auf dem Hof, und die Sonnenstrahlen brachten seine dunklen Haare zum Leuchten. Wie immer trug er nur ein T-Shirt und eine Jeans, doch ausnahmsweise waren seine Klamotten nicht von Ölflecken übersät, sondern wirkten frisch gewaschen. Als sie die Tür zuzog, drehte er sich langsam zu ihr um. In der Hand hielt er eine Sonnenblume. Ein Lächeln stahl sich bei ihrem Anblick auf sein Gesicht, und gelassen kam er auf sie zu. Seine Haare hatte er mit Gel hochgestellt, sodass sie ihm nicht wie üblich wirr in die Stirn fielen. Er wirkte mit der sauberen Kleidung und dem gestylten Haar ganz anders, und das machte Alessia nervös.
   Es war selbst an ihren letzten Geburtstagen noch nie vorgekommen, dass er sich dermaßen schick gemacht hatte.
   »Hallo Schönheit!«, begrüßte er sie und küsste sie sanft auf die Wange.
   Alessia spürte, wie sie eine Gänsehaut bekam und insgeheim traurig war, dass er sie nicht wie üblich auf den Mund küsste.
   »Alles Gute zu deinem Ehrentag!« Er reichte ihr die Sonnenblume, ihre Lieblingsblumenart. »Am besten, du stellst die Blume schnell in eine Vase und sagst deinen Vater, dass es heute etwas später werden könnte. Ich habe nämlich etwas vorbereitet.«
   Alessia gehorchte und versuchte, sich wieder zu fangen, während sie Treppen hinaufstieg. Was war nur los mit ihr? Das war Fernando, ihr bester Freund, den sie schon fast ihr Leben lang kannte. Wieso war sie plötzlich so nervös und verlegen in seiner Gegenwart? Und wieso kam es ihr so außergewöhnlich vor, dass er etwas für ihren Geburtstag geplant hatte? Das hatte er schließlich schon öfter gemacht. Erst vor zwei Jahren waren sie an ihrem Geburtstag zusammen ins Kino gegangen, und danach hatten sie sich noch eine Pizza geteilt. Reiß dich zusammen!, wies sie sich zurecht und stellt die Vase mit der Blume ebenfalls auf ihr Nachtkästchen. »Dad, ich bin mit Fernando unterwegs. Warte nicht auf mich«, rief sie durch den Gang, bevor sie Tür mit einem lauten Knall zuschlug.
   Fernando stand noch immer an demselben Fleck und blickte ihr lächelnd entgegen. Die Sonne war mittlerweile hinter einem Hausdach verschwunden, sodass seine Haare wieder komplett dunkel wirkten. Seine Augen blitzten trotzdem.
   »Wo gehen wir denn hin?«, fragte Alessia neugierig.
   »Lass dich überraschen«, antwortete er gut gelaunt und zog sie mit.
   Sie gingen Richtung Meer, vorbei an dem kleinen Supermarkt, in dem Alessia samstagmorgens oft Brötchen holte, und an der Poststelle, bei der sie früher die Briefe an ihre Mutter eingeworfen hatte. Geheim natürlich, damit ihr Vater es nicht mitbekam, und voller Hoffnung, dass ihre Mutter zurückschreiben würde. Eine Antwort kam nie. Schnell verwarf sie den niederschmetternden Gedanken und blickte zu Fernando. Von der Seite erkannte sie seine ausgeprägten Gesichtszüge noch besser, und sie betrachtete den kleinen Leberfleck neben seinem rechten Ohr, der immer etwas wie Dreck aussah.
   Schweigend gingen sie an den letzten Häusern vorbei Richtung Strand, dort, wo die Villen der Reichen standen. Durch einen schmalen Weg, der von der Straße zum Strand führte, erkannte Alessia vereinzelt ein paar Menschen, die die letzten Sonnenstrahlen und den angenehmen kühlen Wind genossen. Auf Sizilien gingen die meisten Einheimischen erst zu späteren Stunden an den Strand, wenn die meisten Touristen weg und die Temperaturen gesunken waren. Sie nahm an, dass sie ebenfalls zum Strand gehen würden, doch nachdem sie die Hälfte des schmalen Weges passiert hatten, blieb Fernando plötzlich stehen. »Gehen wir nicht ans Meer?«
   »Nein, heute nicht. Heute haben wir etwas anderes vor.« Behutsam strich er ihr eine Locke aus der Stirn, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gestohlen hatte, bevor er einen Schritt auf das große Eisentor zuging. »Schließlich wird man nicht jedes Jahr achtzehn.« Mit diesen Worten öffnete er die Gartentür.
   Alessia blickte ihn erschrocken an. »Du kannst doch nicht einfach in den Garten marschieren!«, stieß sie schockiert hervor. »Das ist Hausfriedensbruch!« Sie wich einen Schritt zurück und blickte sich ängstlich um, ob jemand aus den anderen Häusern sie beobachtete. Hatte sich dort hinten eine Gardine bewegt?
   Fernando lachte so laut und schallend auf, dass Alessia ihm am liebsten eine Hand auf den Mund gedrückt hätte. »Ist es auch Hausfriedensbruch, wenn man den Schlüssel hat?« Mit einem breiten Grinsen auf seinem unverschämt hübschen Gesicht zog er einen Schlüsselbund aus der Hose und hob ihn in die Luft.
   »Wo hast du die her?« Seine Aussage beruhigte sie nicht, viel eher steigerte sie ihre Panik. Woher sollte Fernando die Wohnungsschlüssel von so einem Anwesen haben? Häuser dieser Art lagen für sie weit außer Reichweite.
   »Jetzt beruhige dich mal, Lessi. Mein Vater kennt die Besitzer des Hauses. Er hat einmal ihren Wagen repariert. Sie haben mir die Wohnungsschlüssel für heute Abend überlassen, da sie bis morgen unterwegs sind. Das ist mein Geburtstagsgeschenk für dich. Wir dürfen nur nichts kaputt…«
   Der Rest seiner Worte ging in einem Jubelschrei unter. Außer sich vor Begeisterung fiel Alessia ihm um den Hals. »Das ist ja wundervoll.« Bevor Fernando etwas erwidern oder sie seine leuchtenden Augen erkennen konnte, rannte sie schon an ihm vorbei in den Garten.
   Akkurat geschnittene Bäume umgaben den steinernen Weg zum Haus. Links erkannte Alessia einen kleinen Springbrunnen, und am Ende des Gebäudes befand sich eine Art Gartenhaus.
   Aufgeregt rannte sie um das Haus herum und blieb andächtig vor dem großen Pool stehen. Das Wasser glitzerte trotz der Abenddämmerung in einem hellen Blauton, und am liebsten hätte Alessia sofort ihre Kleidung abgelegt und wäre hineingesprungen.

*

Fernando folgte ihr leise. Er stand, die Hände in den Hosentaschen vergraben, vor der Terrassentür und betrachtete Alessia, wie sie voller Begeisterung die Hand in den Pool steckte, um die Wassertemperatur zu prüfen. Er hatte es schon immer gewusst, dass er sie liebte. Er wusste es, seit sie ihn im Alter von sechs Jahren geküsst und sich dann angeekelt die Spucke vom Mund gewischt hatte. Doch seit einiger Zeit merkte er, dass sich seine Gefühle ihr bezüglich deutlich verstärkten, und dass sein Herz zu klopfen begann, sobald er sie entdeckte. Er spürte seit Neustem auch eine körperliche Anziehung, wenn seine Blicke unauffällig über ihren weiblich gewordenen Körper wanderten. So oft er sich auch eingeredet hatte, dass sie wie eine Schwester für ihn wäre, dass sie sich schon viel zu lange kannten und seine freundschaftlichen Gefühle ihm einen Streich spielten, wusste er doch schon seit Langem, dass er schlicht und einfach verliebt war. Schnell senkte er die Lider, als sie sich mit strahlenden Augen zu ihm umdrehte und räusperte sich, um den Kloß in seinem Hals loszuwerden.
   »Lass uns baden gehen, ja?«, fragte sie ihn begeistert.
   »Aber wir haben doch gar keine Badesachen dabei.« Er lachte und versuchte, seine Empfindungen wieder in den Griff zu bekommen.
   »Ist doch egal. Früher waren wir schließlich auch öfter zusammen in der Badewanne.« Alessia zwinkerte ihm zu, dann setzte sie sich an den Rand des Pools und zog ihre Sandalen, ihr Shirt und ihre Hose aus, sodass sie nur noch in Unterwäsche mit dem Rücken zu ihm saß.
   Fernando spürte, wie der Kloß in seinem Hals schlagartig zurückkam und sich sein Bauch zusammenzog, während Alessia ihren BH öffnete und aus ihrer Unterhose stieg. »Komm schon, du Weichei!«, rief sie ihm über die Schulter zu und sprang mit den Beinen voraus in das kühle Wasser, sodass es bis zu seinen Füßen spritze.
   Reiß dich zusammen!, wies sich Fernando an und öffnete mit zitternden Händen den Knopf seiner Jeans. Nervös stieg er aus seiner Kleidung und ließ sich in das Wasser gleiten, bevor sich Alessia umdrehen konnte. Sie hatten schon viel zusammen unternommen und gesehen, doch nackt waren sie dabei seit Kindertagen nicht mehr gewesen.
   Nervös tauchte er zum Grund des Pools und hoffte, dass das kühle Wasser seinen Kopf klarer werden ließ.

*

Alessia war bis zum Ende des Pools geschwommen und hatte ihren Kopf auf die Arme gelegt. Von ihrem Platz aus konnte sie, wenn sie die Augen etwas zusammenkniff, sogar das Meer sehen. Seit sie mit Fernando das Anwesen betreten hatte, fühlte sie sich wie vom Glück berauscht. Es war ein Wahnsinnsgeschenk, und sie liebte ihn dafür, dass er ihr das ermöglicht hatte. Daran würde sie immer denken, wenn sie sich in Deutschland einsam fühlte. Ihr Herz klopfte hart gegen ihre Brust, und das Glücksgefühl in ihrem Bauch fühlte sich an wie ein Ballon, der bis zum Limit aufgeblasen wurde. Sie versuchte, sich einzureden, dass das Gefühl nur daran lag, in diesem zauberhaften Pool dieses zauberhaften Hauses zu sein, doch wenn sie ehrlich war, wusste sie, dass es an Fernando lag. Sie hatte es immer gewusst.
   Als er zu ihr geschwommen kam und sich neben ihr am Rand des Pools abstützte, hätte sie ihm am liebsten die Arme um den Hals geschlungen und ihn geküsst. Nicht so, wie er es immer tat, sondern richtig geküsst wie in den Filmen, in denen ihre Mutter mitspielte. Sie widerstand dem Drang. »Wo denkst du, sind wir wohl in zehn Jahren?«, fragte sie stattdessen leise.
   Fernando schwieg eine Zeit lang. »Ich denke, dass du irgendwo in der Welt herumreist, erfolgreiche Schauspielerin bist und in einer Villa wie dieser lebst«, antwortete er ebenso leise. »Ich werde hier sein, in der Werkstatt meines Vaters, die Zeitungsartikel über dich ausschneiden und an meiner Wand aufhängen.«
   Intuitiv wollte Alessia widersprechen, ihn zurechtweisen, dass er nicht wie sein Vater ein einfaches Leben führen musste, doch dann besann sie sich. Wie sollte sie ihm schließlich etwas anderes versprechen, wenn sie bereits in zwei Tagen vorhatte, ihn hier zurückzulassen?
   Schweigend lehnte sie den Kopf an seine Schulter und blickte zu den Sternen. Sie würde zu ihm zurückkommen. Sie wusste, dass sie zusammengehörten.
   Ein Wind kam auf, wie es oft in der Nähe des Meeres der Fall war, und Alessia spürte, dass sie zu frösteln begann.
   »Lass uns reingehen«, schlug Fernando vor und sprang behände aus dem Becken.
   Unauffällig beobachtete Alessia, wie er tropfend durch die Terrassentür verschwand. Er hatte durch die tägliche harte Arbeit einen durchtrainierten Körper, und sie kam nicht herum, seinen breiten Rücken zu bewundern. Mit einem Handtuch um die Hüfte geschlungen und einem weiteren in der Hand, kam er kurz darauf wieder aus dem Haus und reichte es ihr. Anstandsvoll drehte er ihr den Rücken zu, sodass sie sich unbeobachtet in das große weiche Handtuch hüllen konnte. Die Anziehsachen ließen sie auf dem Boden der Terrasse liegen.
   Um den weißen Marmorboden nicht nass zu machen, trocknete Alessia ihre Füße ab, bevor sie durch die Terrassentür in das geräumige Wohnzimmer ging. An der einen Wand befand sich ein Regal, dass sich über die ganze Breitseite des Raumes erstreckte und mit tausenden von Büchern bestückt war, sorgfältig nach Genre geordnet. Andächtig strich sie über die Bücherrücken. Am liebsten hätte sie ein paar herausgezogen und sich in die unbekannten Welten vertieft, doch dafür hatte sie in dieser Nacht keine Zeit. Stattdessen ließ sie ihren Blick weiter durch den Raum schweifen.
   Auf der anderen Seite des Raumes stand ein großer massiver Holztisch mit sechs ebenso hölzernen Stühlen, und das Ecksofa am Fuße des Raumes zeigte auf einen großen Plasmafernseher, der von zahlreichen DVDs eingerahmt wurde. »Wow!«, formte Alessia mit den Lippen.
   »Abgefahren, oder?«, fragte Fernando, der sich mit einer Hand auf dem Tisch abstützte und Alessia bei ihrem Rundgang beobachtete.
   »Und wie abgefahren das ist. Wer wohnt hier?«
   »Ein reicher Kaufmann mit seiner Frau und seiner Tochter. Komm mit, ich zeige dir das restliche Haus!« Er griff nach ihrer Hand und zog sie in einen geräumigen Gang, der mit einer weißen Kommode und einem Spiegel bestückt war.
   Vom Gang aus gingen drei Türen ab und eine Treppe in den zweiten Stock. Fernando zog Alessia zu der ersten offenen Tür, hinter der sich eine großflächige Küche befand. Auch hier stand in der Mitte des Raumes ein großer Holztisch, doch diesmal nicht eckig, sondern rund.
   »Bist du durstig?« Fernando öffnete den Kühlschrank, der mit jeglichen Softdrinkdosen gefüllt war.
   »Nein, später vielleicht.«
   Die Führung ging weiter. In den anderen beiden Zimmern des Erdgeschosses befand sich ein Gästezimmer sowie ein Bad, das so groß war wie Alessias Zimmer, mit einer freistehenden Badewanne und einem Marmorwaschbecken.
   Auch im zweiten Stock gab es fünf Zimmer. Fernando führte Alessia zuerst in das Kinderzimmer, das komplett in Rosatönen gehalten war und in dem neben einem Prinzessinnenbett ein edler Schminktisch mit Paletten voller Lidschatten und Lippenstiften stand. Das Schlafzimmer der Besitzer war schlichter eingerichtet, und neben einem großen Doppelbett und einem fünftürigen dunkelbraunen Kleiderschrank stand nur noch ein Schaukelstuhl aus dunklem Leder.
   »Komm schon!«, forderte Fernando Alessia auf und zog sie mit. »Ich hab noch eine Kleinigkeit für dich, und dafür musst du zuerst einmal ins Bad gehen und dich fertig machen!«
   Was hatte Fernando geplant? Sie betrat das Bad im zweiten Stock. Ihr Blick fiel zuerst auf die mindestens anderthalb Quadratmeter große Dusche. Dann wurde ihr Blick von etwas anderem abgelenkt – einem roten, mit einem dunkelblauen Band versehenen Päckchen. Aufgeregt riss Alessia das Geschenkpapier auf. Zum Vorschein kam ein länglicher Karton. Sie hob mit klopfendem Herzen den Deckel an, und vor Freude traten ihr Tränen in die Augen. Vorsichtig strich sie mit einer Hand über den weichen blassgelben Stoff. Er fühlte sich herrlich weich an. Behutsam hob sie das Kleid aus der Verpackung. Es war knielang und besaß am Hals eine eingearbeitete Kette. Noch nie hatte Alessia so etwas Schönes besessen. Schnell ließ sie das Handtuch auf den Boden gleiten und schlüpfte in das Kleidungsstück. Es passte wie angegossen. Nachdem sie sich voller Bewunderung betrachtet hatte, fiel ihr Blick auf einen kleinen Zettel, der zu Boden gefallen war und den sie bislang nicht bemerkt hatte.
   In krakeliger Schrift stand darauf: »Für deinen ersten Gang über den roten Teppich. Ich glaube an dich!«
   Gerührt steckte Alessia den Zettel in die Hosentasche ihrer Jeans und wandte sich ein letztes Mal ihrem Spiegelbild zu. Ihre Wangen waren vor Freude gerötet, ihre Augen glitzerten und ihre blonde Lockenmähne fiel ihr wild über die Schultern und strahlte mit dem gelben Kleid um die Wette.
   Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihren Kopf herumschnellen. »Alessia, ist alles in Ordnung?«, hörte sie Fernando sagen. Er klang nervös, und Alessia überkam eine Welle der Zuneigung zu diesem wundervollen Freund, der ihr so einen traumhaften Geburtstag bescherte.
   »Ich komme«, rief sie und öffnete die Tür.
   Fernando stand in einem schwarzen Anzug vor ihr, der bereits etwas ausgewaschen war. Seine Augen hingen voller Bewunderung an ihr.
   »Ich danke dir so sehr. Das muss dich ein Vermögen gekostet haben.« Sie fiel ihm um den Hals.
   »Nein, das ist in Ordnung.«
   Doch Alessia wusste, dass er auf dieses Geschenk lange gespart haben musste.
   »Komm mit. Der Abend ist noch nicht vorbei!«, fügte Fernando hinzu und löste sich langsam aus der Umarmung.
   Jetzt blieben noch zwei Zimmer übrig. Das eine lag angesichts zugezogener Jalousien im Dunkeln, und kurz hoffte Alessia, dass er sie dort hineinführen würde. Doch Fernando öffnete die andere Tür, die in eine zweite noble Küche führte. Der massive runde Holztisch, der in der Mitte des Raumes stand, wurde durch zwei große Kerzen sanft bestrahlt und war mit zwei edlen Porzellantellern, Silberbesteck und zwei Weingläsern gedeckt.
   »Darf ich bitten?«, fragte Fernando galant und schob einen der Stühle zurück, sodass Alessia Platz nehmen konnte.
   »Wow, hast du das alles vorbereitet?«, flüsterte sie überwältigt und nahm die Serviette, die mit tausend kleinen silbernen Herzen versehen war, in die Hand.
   »Ja, mit etwas Hilfe von deinem Vater, muss ich gestehen.« Er trat zum Kühlschrank und holte eine Flasche Weißwein hervor. Dann zog er aus dem Backofen eine Auflaufform. »Leider wird das Essen nicht mehr ganz warm sein, weil eine gewisse Lady ja unbedingt noch baden gehen wollte«, sagte er augenzwinkernd und stellte den Nudelauflauf in die Mitte des Tisches.
   Alessia kicherte. »Diese gewisse Lady wird vielleicht später noch einmal baden gehen wollen«, sagte sie schelmisch.
   »Na dann brauchen wir vorher erst einmal eine Stärkung!« Fernando füllte ihre Teller und griff nach dem Weinglas. »Auf dich«, prostete er ihr zu, bevor er einen großen Schluck nahm.
   Zwanzig Minuten später hatten sie bereits ihr zweites Glas Wein geleert, und Alessia spürte, wie ihre Wangen durch den Alkohol glühten. Sie war definitiv beschwipst.
   »Wollen wir den Wein mit an den Pool nehmen?«, schlug Fernando vor und griff nach der halb leeren Weinflasche.
   »Das ist eine gute Idee.« Eine Abkühlung würde ihr sicherlich guttun und ihren verschwommenen Blick klarer werden lassen.
   Sie wischte den Staub von den Steinen, bevor sie sich am Rande des Pools niederließ und ihre Füße in das noch warme Wasser streckte. Fernando setzte sich so nah neben sie, dass seine Schulter die ihre berührte. Lange Zeit schwiegen sie, und Alessia musste wieder daran denken, dass sie Fernando in wenigen Tagen für eine ganze Weile nicht mehr sehen würde. Sie versuchte, den Gedanken zu verdrängen, der wie ein schwerer Stein in ihrem Magen lag, doch es mochte ihr nicht ganz gelingen. Am liebsten hätte sie ihm alles erzählt.
   »Alessia, ich hoffe, dass du dich jetzt nicht überrumpelt fühlst. Und ich hoffe, ich mach deinen Geburtstag damit nicht kaputt, aber ich muss dir schon seit Langem etwas sagen …« Fernando holte tief Luft und blickte ihr direkt in die Augen.
   Sie ahnte, was jetzt kommen würde und wusste, dass sie diese drei Worte auf keinen Fall jetzt hören konnte. Es würde ihren ganzen Plan zerstören. Ohne lang zu überlegen, zog sie ihn näher heran und legte ihre Lippen auf seine. Sie spürte, wie Fernando erst zögerlich, dann immer fordernder ihren Kuss erwiderte und seine Hand zärtlich über ihren Rücken strich. Ihre eigene Hand ruhte auf Fernandos Brust, die sich herrlich stark und fest anfühlte. Mit etwas ungeschickten Griff begann sie die Knöpfe seines weißen Hemdes zu lösen. Das alles fühlte sich so gut an, so richtig. Und wenn nicht mit Fernando, dem Menschen, den sie mit am besten kannte – wer sollte dann der Richtige sein?
   »Stopp!«, keuchte Fernando und löste sich von ihr.
   »Was? Willst du es etwa nicht auch?«, fragte Alessia überrascht und zog ihre Hand, die mittlerweile fast alle Knöpfe geöffnet hatte, zurück.
   »Doch, ich will es unbedingt, aber ich will es richtig machen. Und ich will, dass du dir vorher sicher bist, dass ich der Richtige für dich bin.« Sanft strich Fernando über ihre Wange.
   »Du bist der Richtige für mich!«, sagte Alessia leise. »Aber du hast recht«, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu. Vorsichtig stand sie auf und strich ihr neues Kleid glatt. »Ich glaube, ich sollte zurückgehen, bevor sich mein Vater Sorgen macht.«
   Fernando nickte. »Ich bringe dich nach Hause.«
   Schweigend liefen sie durch die kohlrabenschwarze Nacht.
   »Ich danke dir vielmals für diesen umwerfenden Geburtstag«, sagte Alessia beim Erreichen ihres Hauses. »Das bedeutet mir wirklich viel.« Sie wollte noch etwas hinzufügen, ihm sagen, was er ihr bedeutete, doch stattdessen presste sie ihr Gesicht nur an seine Brust und drückte ihn fest an sich. Dann verschwand sie durch die Tür, ohne sich noch einmal umzublicken. Übermorgen ging ihr Flug, und sie wusste, dass sie Fernando zum letzten Mal gesehen hatte.
   In dieser Nacht weinte sie sich in den Schlaf und dachte daran, was heute hätte passieren können, wenn sie Sizilien nicht verlassen würde. Doch für einen Rückzug war es nun zu spät.
   Den nächsten Tag verbrachte Alessia hauptsächlich damit, in ihrem Zimmer an die Decke zu starren und zu warten, bis es dunkel wurde.

In der folgenden Nacht konnte Alessia nicht schlafen. Sicher, das lag zum größten Teil an der Aufregung, doch gleichzeitig war es so heiß in ihrem Zimmer wie schon lange nicht mehr. Ihre Haare klebten nass an ihrem Nacken. Sie trug ein bauchfreies Top und eine Unterhose, und dennoch lief ihr der Schweiß über den Rücken und die Beine. Die Balkontür hatte sie aufgerissen, und alle fünf Minuten hörte sie, wie ein Motorrad oder ein Auto vorbeifuhr. Sie wollte sich bereits gegen vier Uhr am Morgen auf den Weg machen, wenn alle noch tief schliefen. Sie hatte beschlossen, mit dem Frühbus zu fahren. Zwar musste sie dafür bis zur Haltestelle eine gute Viertelstunde laufen, doch es war die einzige Möglichkeit, ohne Auto zu dieser Uhrzeit nach Trapani zu kommen, von wo aus ihr Flug ging. Ihr Blick wanderte zum zehnten Mal zu den leuchtenden Zahlen des Weckers, und wieder war der Zeiger nur ein paar Zentimeter weitergerutscht. Halb drei zeigte die Uhr an, und seufzend strich sich Alessia den Schweiß von der Stirn, bevor er ihr in die Augen lief. Zehn Minuten später gab sie die Hoffnung auf, ein bisschen Schlaf zu finden, und ging auf Zehenspitzen zum Balkon. Sie setzte sich auf den alten Klappstuhl. Zum Glück befand sich das Zimmer ihres Vaters auf der anderen Seite des Hauses, sodass sie keine Angst haben musste, er würde sie auf dem Balkon hören.
   Die nächste halbe Stunde verbrachte sie damit, in den dunklen Himmel zu blicken und sich bewusst zu machen, dass der Tag ihrer Abreise tatsächlich gekommen war. Ihre Gedanken wanderten immer wieder zu Fernando und zu diesem Kuss. Am liebsten wäre sie zu ihm gelaufen und hätte ihn gebeten, mit ihr nach Deutschland zu gehen. Doch sie blieb sitzen und spürte, wie sich zwischen dem Schweiß auf ihren Wangen Tränen mischten. Sie hatte zwei Briefe verfasst, einen für ihren Vater und einen für Fernando, und im schwachen Schein des Mondlichtes las sie noch einmal ihre sorgsam geschriebenen Worte.
   »Mein lieber Papa, es bricht mir das Herz, dir diesen Brief zu schreiben. Denn wenn du ihn liest, bin ich auf dem Weg nach Deutschland, um meine Mutter zu suchen, und du wirst mich längere Zeit nicht sehen. Es tut mir leid, dir diesen Kummer zu bereiten. Bitte sei nicht sauer auf mich, und vertrau mir einfach. Ich muss das tun, um hoffentlich damit abschließen zu können. Ich melde mich bei dir, sobald es mir möglich ist, und komme bald zurück. Ich liebe dich, Alessia.«
   Langsam faltete sie den Zettel wieder zusammen und steckte ihn vorsichtig zurück in ihre Tasche. Dann griff sie nach dem anderen Brief. Diesen zu schreiben war ihr noch schwerer gefallen, und bereits beim Lesen der ersten Zeilen verschwammen die Worte vor ihren Augen.
   »Lieber Fernando, wenn du diesen Brief liest, dann bin ich bereits auf dem Weg nach Deutschland, um meine Mutter zu suchen. Ich weiß, dass du traurig und wütend sein wirst, doch bitte versuch, mich zu verstehen. Ich muss das machen – und zwar allein. Auch wenn ich für viele Wochen weg sein werde, weiß ich bereits jetzt, dass kein Tag vergehen wird, an dem ich nicht an dich denken und dich vermissen werde. Und ich hoffe, dass du, wenn ich zurückkomme, lächelnd auf mich zukommst und ich noch immer deine Freundin bin. Ich weiß, dass wir füreinander bestimmt sind. Ich liebe dich auch, und es tut mir leid, deine Alessia.«
   Schniefend wischte sie sich über die tropfende Nase und die nassen Wangen. Dann stand sie abrupt auf. Es war an der Zeit, zu gehen. Sie griff nach ihrem vollen Rucksack, der gut versteckt hinter ihrer Schranktür wartete, und legte den Brief für ihren Vater auf den Küchentisch. Dort würde er ihn morgen früh auf jeden Fall finden.
   Leise zog sie die Tür hinter sich zu und ging auf Zehenspitzen die Treppenstufen hinab. Fernandos Brief steckte sie zwischen zwei Steine vor seiner Haustür. »Bis bald«, flüsterte sie, dann wandte sie sich ab und ging die verlassenen Straßen weiter.
   Abgesehen von einer streunenden Katze kreuzte niemand ihren Weg, und sie erreichte die Haltestelle früher als erwartet. Noch war kein Bus zu sehen. Alessia nahm den Rucksack von ihrem Rücken. Er war ziemlich schwer, denn abgesehen von ein paar Klamotten, einem zweiten Paar Schuhe und einer Zahnbürste befand sich darin noch eine Flasche Wasser für die Fahrt zum Flughafen und etwas zu essen.
   Während sie wartete, hielt sie ihre Flugpapiere fest in der Hand, aus Angst, sie würden jetzt noch verschwinden. Nach fünf Minuten fuhr der Bus um die Ecke, und die hellen Lichter blendeten Alessia für einen Augenblick, sodass sie sich ihre Augen abschirmte. Dann kam der Bus zum Stehen, und Alessia gab dem Fahrer das Geld für die Fahrt. Sie ging bis nach hinten und setzte sich in die letzte Reihe. Außer ihr waren in dem Bus nur noch ein paar Japaner, die sich angeregt unterhielten, alle eine teure Spiegelreflexkamera um den Hals. Touristen, die einen Ganztagesausflug machten, vermutete sie.
   Der Bus fuhr ruckelnd zurück auf die Hauptstraße, und Alessia blickte reglos aus dem schmuddeligen Busfenster, an dem noch Reste von Taubendreck hingen. Die Umgebung lag noch im Dunkeln, und nur vage konnte sie das Meer neben der Straße erkennen. Sie kannte den Weg nach Trapani, denn sie war einmal mit ihrem Vater dorthin gefahren. Die meiste Zeit führte die Straße am Meer entlang, und damals hatte Alessia durchgehend aus dem Fenster geblickt. Jetzt fehlte ihr dafür die Kraft.
   Erschöpft schloss sie die Augen. Ihr Kopf sank zur Seite gegen die kühle Scheibe, und ihr Brustkorb hob sich gleichmäßig. Die Papiere hielt sie noch immer fest in der Hand, doch ihr anderer Arm glitt von der Lehne hinab auf ihren Schoß.
   Alessia wachte erst wieder auf, nachdem sie die Hauptstadt Palermo längst hinter sich gelassen hatten. Sie wischte sich Spucke, die an ihren Mundwinkeln klebte, mit dem Handrücken weg und streckte sich. Mittlerweile waren weitere Menschen in den Bus gestiegen. Alessia vermutete, dass sie in Palermo eingestiegen waren. Zwei Reihen vor ihr saß ein Pärchen, etwa in ihrem Alter, und das Mädchen lehnte ihren Kopf an der Schulter ihres Freundes an. Das Bild erinnerte sie schmerzlich an Fernando. Sie überprüfte, ob sich in dem Rucksack noch ihr Geld und ihr Pass befanden.
   Durch das Fenster erkannte sie einen schmalen hellen Streifen am Himmel. Es würde keine Stunde mehr dauern, bis die Sonne hervorkroch. Im Sommer ging sie bereits früh auf.
   Sie erreichten das Stadtzentrum von Trapani, und das Pärchen stieg aus. Alessia hatte mit dem Fahrer abgesprochen, dass er sie auf der Straße zum Flughafen hinausließ, und wie versprochen öffnete er die hintere Tür beim Erreichen des Flughafengebäudes.
   »Danke!«, rief Alessia ihm zu, wodurch sich die Japaner neugierig zu ihr umdrehten, doch da war sie bereits die Stufen hinuntergesprungen. Ein Blick auf ihre alte Armbanduhr zeigte, dass sie noch knapp zwei Stunden hatte, bis ihr Flug ging.
   Das Einchecken verlief problemlos, schließlich hatte sie nur Handgepäck dabei und im Flughafengebäude war wenig los. Alessia begab sich zur Kontrolle, legte ihren Gürtel in den blauen Behälter, ebenso wie ihren Rucksack. Der Kontrolleur nickte ihr zu, und Alessia griff nach ihren Sachen. Soweit wäre alles geschafft.
   Der Flughafen war nicht groß, und gleich der erste Wartebereich war für den Flug nach München vorgesehen. Alessia zwang sich, die Augen offen zu halten bis sie im Flugzeug saß, um ihr Boarding nicht zu verschlafen. Als sie ihren Fenstersitz eingenommen hatte, sah sie, dass die Sonne bereits aufgegangen war und die Umgebung in goldenes Licht tauchte. Sie wusste, dass Fernando und ihr Vater demnächst aufstehen und ihr Verschwinden bemerken würden. Ihr Vater würde die Lippen aufeinanderpressen und sich in die Arbeit stürzen, und Fernando würde sich vermutlich erst einmal traurig vor sein Haus auf den Stein setzen. Alessia hoffte zumindest, dass er traurig sein würde.
   Die Stewardessen erklärten in der Zwischenzeit mit Handbewegungen, wie man sich im Falle einer Notlandung verhalten sollte, während das Flugzeug langsam zurückrollte, um sich zu positionieren. Trotz der Aufregung vor ihrem ersten Flug überwog schon bald die Müdigkeit. Sie bekam nur noch schwach mit, wie sich das Flugzeug in die Lüfte erhob.
   Beim Erwachen fühlten sich ihre Beine schwer an, und ihre Schultern taten angesichts der unbequemen Position, in der sie geschlafen hatte, höllisch weh. Sie versuchte, sich zu strecken und dabei ihren Sitznachbarn nicht zu stören, der Musik hörte.
   Sie selbst hatte weder Kopfhörer noch ein Buch oder sonst etwas dabei. Also blickte sie aus dem kleinen runden Fenster hinaus auf die Wolkenberge, die unter ihnen hinwegglitten. Um sie herum war der Himmel von einem leuchtenden hellen Blauton, und so sehr sich Alessia auch bemühte, sie konnte durch die Wolkendecke nicht auf das Meer blicken, über das sie mit größter Wahrscheinlichkeit gerade flogen.
   »Möchten Sie etwas trinken?«, fragte eine Stewardess freundlich beim Vorbeigehen und stützte sich auf dem metallischen Getränkewagen vor ihr ab. Aus den Augenwinkeln sah Alessia in den Fächern verschiedene Getränkedosen, eine Kaffeekanne und Teebeutel. Sie schüttelte den Kopf. Der junge Mann neben ihr zog seine Kopfhörer ab. »Eine Coke und ein Sandwich bitte«, sagte er mit tiefer Stimme.
   Während die Stewardess die gewünschten Sachen herüberreichte, betrachtete Alessia ihren Sitzpartner genauer. Er war ein paar Jahre älter als sie, vermutlich Anfang zwanzig, und seine Haare waren von einem hellen Kupferton, die Spitzen fast schon rötlich. Über sein gesamtes Gesicht zogen sich Hunderte kleiner Sommersprossen, und seine Augen hatten nahezu dieselbe Farbe wie der hellblaue Himmel um sie herum.
   Er war schlank und trug ein rot-weiß kariertes Hemd. Seine lange Nase hatte einen leichten Höcker, und seine Augenbrauen waren so hell, dass sie fast nicht zu sehen waren. Er sah gut aus, und Alessia kam nicht drum herum, ihn unauffällig zu mustern. Der Mann schien ihre Blicke zu bemerken, denn er wandte sich mit dem Sandwich in der Hand ihr zu und lächelte. Dabei entblößte er weiße gerade Zähne, und es bildete sich ein Grübchen, das seine rechte Wange zierte.
   Alessia spürte, wie sie vor Verlegenheit rot wurde, und schnell drehte sie ihren Kopf wieder zum Fenster.
   »Fliegst du in den Urlaub?«, fragte er in perfektem Englisch und biss herzhaft in sein Sandwich. Alessia schüttelte den Kopf.
   »Dann kommst du wohl gerade aus dem Urlaub?«, hakte er auf Deutsch weiter nach, während er kaute.
   »Nein, auch nicht«, antwortete Alessia auf Deutsch. Es war ungewohnt, Deutsch zu sprechen, nachdem sie es sonst nur stundenlang vor ihrem Spiegelbild geübt hatte.
   »Na gut. Ich jedenfalls komme gerade aus dem Urlaub – auch wenn man es nicht glauben mag«, sagte er fröhlich und blickte auf die helle Haut seines Armes, die abgesehen von einem leichten Rotstich und einer Vielzahl an Sommersprossen keine Farbe abgekommen hatte. »Eigentlich wäre ich gern noch geblieben, aber die Arbeit ruft«, setzte er fort und nahm einen Schluck aus seiner Coladose. »Ich bin ja schon froh, überhaupt zwei Wochen freibekommen zu haben.« Den Mann schien es keineswegs zu stören, dass sie an einer Unterhaltung nicht interessiert war. »Na ja, so ist das eben im Filmbusiness«, sagte er nach einer gedehnten Pause achselzuckend und lehnte sich zurück.
   Alessia wandte sich neugierig um und warf ihm einen abschätzenden Blick zu. Sie hatte noch keinem Film mit ihm gesehen, doch vielleicht kannte er trotzdem ihre Mutter. Sie spürte, wie ihr Herz bei dem Gedanken daran vor Aufregung schneller schlug. »Du arbeitest in der Filmbranche?«
   Er grinste schief, und seine Augen blitzten belustigt. »Na ja, sozusagen. Meinem Vater gehört eine Modelagentur. Und seine Models ergattern auch oft Rollen in Filmproduktionen oder TV-Serien.«
   Alessia bemerkte, wie er sie ohne Scheu von oben bis unten betrachtete und an ihrer blonden Lockenmähne hängen blieb.
   »Mein Name ist Alexander«, stellte er sich vor und reichte ihr seine Hand.
   »Alessia«, antwortete sie und griff zögerlich danach.
   Sein Händedruck war gleichzeitig kräftig und sanft. Alessia spürte ein Kribbeln in den Fingerspitzen.
   »Du stammst aus Sizilien, habe ich recht?«
   Sie nickte.
   »Dafür kannst du aber echt ziemlich gut deutsch. Habt ihr Deutschunterricht in der Schule?«
   Alessia schüttelte den Kopf. »Ich bin auf der Suche nach meiner Mutter, Amanda Mendolia«, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu.
   Alexander musterte sie noch eindringlicher, ohne jedoch eine Miene zu verziehen. Dann nickte er zustimmend. »Ich wusste gleich, dass du mir bekannt vorkommst. Du siehst deiner Mutter tatsächlich ziemlich ähnlich«, sagte er nachdenklich.
   »Kennst du sie etwa?«
   »Ja, ich kenne sie, oder vielmehr kannte ich sie. Sie war früher einmal bei meinem Vater unter Vertrag, aber das ist lange her, da war ich selbst noch ein Kind«, antwortete er.
   »Weißt du vielleicht, wo sie wohnt?«
   Alexander schwieg, und kurz überlegte Alessia, ob sie sich richtig ausgedrückt hatte.
   »Ja, ich denke schon«, antwortete er gedehnt. »Aber soweit ich weiß, ist sie für die nächsten Wochen in Urlaub. Du kannst aber gern bei mir unterkommen, bis sie zurück ist. Dann bringe ich dich hin«. Er lächelte ihr zu.
   Mittlerweile hatte das Flugzeug zur Landung angesetzt, sie hatten den Flughafen beinahe erreicht.
   »Ist das dein Ernst?«, fragte Alessia skeptisch.
   »Ja sicherlich. Wir haben sowieso viel zu viel Platz in unserem Haus. Wir bieten das auch öfter in Form von Couchsurfing an.«
   Alessia wusste, dass sie sich durch das Angebot viel Geld sparen würde, aber sie wusste auch, dass es mehr als naiv wäre, es anzunehmen. »Nein danke. Ich gehe die ersten Tage lieber in eine Pension«, sagte sie. »Vielleicht danach.«
   »Okay, aber dann lass mich wenigstens eine Pension für dich aussuchen. Ich weiß schließlich, welche gut und günstig sind und in welchen sich Ratten und Ungeziefer tummeln.«
   Alessia nickte. Dieses Angebot konnte sie annehmen, auch wenn Alexander nicht so aussah, als hätte er jemals in etwas schlechterem als einem Fünfsternehotel geschlafen.

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