Paul kann es nicht fassen: Hat seine Freundin Pia ihn wirklich verraten, über seinen Betrug bei der Bank geplaudert? Als sie unerwartet wegläuft und untertaucht, sieht er seinen Verdacht bestätigt. Voller Wut macht er sich auf die Suche nach ihr. Dabei hilft ihm Pias ehemalige Kollegin Bine, die allerdings nicht ahnt, wie gefährlich Paul ist. Als Erik Pia zum ersten Mal sieht, ist er sofort fasziniert von ihr. Sie scheint aus einer vollkommen anderen Welt zu kommen als er, der vorbestrafte Biker. Ihre Frechheit und Andersartigkeit ziehen ihn magisch an, und es gelingt ihm, Pias Herz zu gewinnen. Doch dann wird Pia überfallen, Unbekannte beschädigen die Motorräder des Clubs, und Pia wird anonym bedroht. Ist Paul ihr auf die Spur gekommen? Oder droht Gefahr von ganz anderer Seite?

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ISBN: 978-9963-53-654-2

Seiten: 228

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Natascha Kribbeler

Natascha Kribbeler
Natascha Kribbeler wurde in Hamburg geboren. Ihr Herz gehörte schon früh der Sehnsucht nach der weiten Welt. Interessiert an Fotografie, Geschichte und fremden Kulturen, arbeitete sie in ihrem erlernten Beruf als Rechtsanwaltsgehilfin, bis die Familiengründung sie nach Bayern verschlug, wo sie heute noch mit Mann und Sohn lebt. Getrieben von Heim- und Fernweh begann sie mit dem Schreiben. Bisher wurden vier Teile ihrer Fantasy-Reihe über Jandor, den ersten Vampir, bei Forever by Ullstein veröffentlicht, ebenso eine zweiteilige Rockstar-Romance-Reihe. Mit „Rockerbraut“ startete ihre Rocker-Reihe bei bookshouse, die sich mit „Rockerschutz“ und nun mit „Rockerliebe“ fortsetzte. 

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Pia erstarrte, als sie die Schritte hinter sich erneut hörte, dumpf und schwer. Unwillkürlich ging sie schneller und tastete mit ihren Blicken die
   dunkle Straße ab. Außer ihr und der Person hinter ihr war niemand unterwegs. Nicht einmal ein Auto fuhr vorbei. Sie wagte nicht, sich umzudrehen, aber das war auch nicht nötig. Es waren unzweifelhaft die Schritte eines Mannes, und sie näherten sich …
   Ihr Herz begann zu rasen, während sie blitzschnell über ihre Möglichkeiten nachdachte. Sie könnte losrennen. Aber was wäre, wenn der Mann hinter ihr schneller war als sie? Sie könnte stehen bleiben und warten, bis ihr Verfolger sie eingeholt hatte, ihm ins Gesicht sehen und ihn fragen, was er von ihr wollte. Warum um alles in der Welt hatte sie bisher davor zurückgeschreckt, sich ein Pfefferspray zu besorgen? Oder einen Elektroschocker?
   Sie wählte die dritte Option. Rasch bog sie in einen schmalen Zufahrtsweg ein, der zu einem dunkel daliegenden Einfamilienhaus führte. Sie verbarg sich im Schatten der Hausmauer, die Klingel in Griffnähe, und wartete.
   Ihr Atem kam stoßweise und schmerzte in ihrer Brust. Die Sekunden dehnten sich, erschienen endlos. Wo blieb der Kerl? Es hatte so geklungen, als wäre er unmittelbar hinter ihr gewesen.
   Da kam er. Das Licht einer Straßenlaterne fiel auf ihn, aber sie wagte kaum, genauer hinzusehen.
   Was, wenn es Paul war? Ihr Exfreund, der sich so sehr verändert hatte, dass sie ihn kaum noch wiedererkannte. Der Mann, der sie beschimpfte und bedrohte, als sie noch gehofft hatte, dass alles wieder gut werden würde. Der, vor dem sie voller Angst geflohen war.
   Pia begann zu zittern, als sie sein verzerrtes Gesicht wieder vor sich sah. Gerade hatte er ihr noch erklärt, ohne sie nicht leben zu können, aber alles, was sie in seinen Augen lesen konnte, war Hass.
   Sie schrak zusammen, als sie realisierte, dass ihre Gedanken sie von der unmittelbaren Gefahr ablenkten. Wenn der Verfolger nun direkt vor ihr stand und sie hatte ihn nicht kommen sehen, weil sie an Paul gedacht hatte?
   Das Stück des Fußwegs, das sie von ihrem Versteck aus übersehen konnte, war leer. Pias Herz stolperte vor Furcht. Wo war der Kerl? Hatte er sich im Garten versteckt, um sie gleich in die Büsche zu zerren? Warum zum Teufel hatte sie nicht aufgepasst?
   Vorsichtig wandte sie den Kopf in der festen Annahme, in kalte Augen zu blicken und von harten Fäusten gepackt zu werden.
   Aber da war niemand. Pia hielt die Luft an und lauschte. Vielleicht verriet ihn sein Atem oder ein anderes Geräusch.
   Stille. Hier war keiner. Außer ihr. Sie wagte, die angehaltene Luft aus ihren Lungen zu lassen. Ganz langsam ging sie die Zufahrt hinunter, blieb stehen und suchte den Fußweg ab. Schon ein gutes Stück entfernt sah sie die dunkle Gestalt eines Mannes. Von hinten. Mit gleichmäßigen Schritten entfernte er sich.
   Die Erleichterung, die Pia durchflutete, war so gewaltig, dass ihr schwindelte.
   Es war nicht Paul!

Kapitel 1
Zwei Monate zuvor

»Du musst weg von ihm! Ehe er dir noch etwas antut.«
   »Das würde er nie tun.« Aber
   war sie da ganz sicher? Paul hatte sich verändert, so sehr, dass er ihr immer unheimlicher wurde.
   »Und wenn du mal in Ruhe mit ihm über alles redest? Vielleicht weiß er überhaupt nicht, dass er dir Angst macht«, sagte Verena, aber ihre Stimme klang nicht, als glaubte sie daran, was sie sagte.
   Ihre Freundin hatte unrecht. Paul wusste es. Pia hatte es ihm sogar gesagt, aber Paul hatte nur gelacht. »Spinnst du jetzt, Schatz? Es geht mir gut. Du bildest dir das alles nur ein. Ich liebe dich.« Er hatte sie an sich gezogen und geküsst, aber sie hatte den Eindruck gehabt, dass er nicht richtig bei ihr gewesen war.
   Pia schluckte. »Es gibt da noch etwas …«, begann sie, aber ihr Stimme erstickte.
   »Sag es mir, Pia.« Verena klang liebevoll, aber entschlossen.
   »Ich glaube, er kokst.« Sie glaubte es nicht, sie hatte ihn dabei erwischt. Aus dem Einzelfall war längst Gewohnheit geworden. Unter dem Einfluss der Droge hatte er sich verwandelt. Der bisher zärtliche Mann war hart und rücksichtslos geworden. Sie hatte mittlerweile beinahe Angst vor ihm.
   »Verlass ihn, Pia! Sofort! Komm zu mir nach Stade.«
   Sie schüttelte den Kopf, ehe ihr bewusst wurde, dass Verena sie nicht sehen konnte. »Nein, noch nicht. Ich will ihm eine letzte Chance geben …«, ehe ihre Liebe vollends erlosch. Sie presste die Lippen aufeinander.
   »Liebes, du weißt …«
   Ihre Freundin brauchte den Satz nicht zu vollenden, Pia wusste es auch so. »Ich hab dich lieb, Verena. Ich melde mich bald wieder, ja?« Sie legte auf, ohne auf den unweigerlich erfolgten Protest zu warten. Verena würde allerdings nicht zurückrufen. Sie wusste, wann Pia sich zurückziehen musste.
   Sie ließ die Hand mit dem Handy sinken.
   Von Woche zu Woche war es schlimmer geworden. Paul wurde immer unberechenbarer und aggressiver. Sie arbeitete ebenfalls Vollzeit, musste sich aber noch um den Haushalt kümmern. Paul rührte keinen Finger. Bisher hatte sie es stillschweigend hingenommen. Er machte seinen fehlenden Einsatz auf andere Weise gut, lud sie in edle Restaurants zum Essen ein, machte ihr teure Geschenke.
   Auch vorhin wieder hatte sie es ihm nicht recht machen können. »Wieso ist mein weißes Hemd noch nicht gebügelt? Ich habe gleich ein wichtiges Meeting. Von dem Geld, das ich verdiene, hast du ein schönes Leben, oder, Schatz? Und was bekomme ich dafür, dass ich es dir biete? Sieh dich mal um, wie es hier aussieht … wie im Schweinestall. Schämst du dich nicht?«
   »Ich arbeite ebenfalls, hast du das vergessen? Du könntest auch mal …«
   »Das kannst du wohl kaum vergleichen. Du telefonierst ein wenig herum …«
   »Wie bitte? Zu meinem Job gehört sehr viel mehr. Das weißt du doch. Was soll das also jetzt?«
   Pauls Blick war eisig geworden. »Wollen wir jetzt ernsthaft über die Unterschiede unserer Qualifikation diskutieren?«
   Pia hatte es vorgezogen, nichts mehr zu sagen.
   Die Tage schlichen dahin, während sich Pia bemühte, alles richtig zu machen. Zu einer Entscheidung konnte sie sich noch immer nicht durchringen.
   Heute Abend erwarteten sie Gäste.
   Pia hatte noch eingekauft und saß mit einer Freundin im Café. Sie waren ins Plaudern geraten, bis Pia erschrak und einen Blick auf ihre Uhr warf. »Du lieber Himmel, so spät schon! Ich muss nach Hause.«
   Paul erwartete sie bereits in der Tür. Sein Blick hätte zu einem sein Kind tadelnden Vater gepasst. »Wo kommst du denn jetzt her? Hast du vergessen, dass unsere Gäste gleich kommen?«
   »Nein, natürlich nicht. Deshalb war ich ja noch einkaufen und …«
   »Es sind nicht irgendwelche Tippsen, mein Schatz.« Der bösartige Hohn in seiner Stimme bereitete Pia Übelkeit.
   »Das weiß ich doch. Aber …«
   »Pia, es reicht! Sei so gütig und wirf einen Blick in die Küche. Wie sieht es da deiner Meinung nach aus?«
   »Es geht doch schnell. Wir …«
   »In der Zeit, die wir mit diesem dummen Gespräch verplempern, hättest du schon den Salat vorbereiten können, meinst du nicht?«
   »Nun ja, wie es scheint, bist du schon länger zu Hause. Du hättest auch mal …«
   »Geht’s noch?« Die Worte klangen schneidend wie ein scharfes Messer. »Was meinst du, wozu der heutige Abend gut ist? Nur, um sich vollzufressen? Daran sieht man wieder, dass du keine Ahnung von der Materie hast. Ich habe wichtige Unterlagen vorbereiten müssen.«
   Schweigend machte sich Pia an die Arbeit. Er brachte sie noch so weit, dass sie sich ganz klein zu fühlen begann. Was glaubte er, wer er war?
   Irgendwie ging der Abend vorbei. Bei ihren Gästen handelte es sich um einige Abteilungsleiter der Bank samt Gemahlinnen. Es war spät geworden. Morgen musste Pia früh aufstehen, um sich für die Arbeit vorzubereiten, und war noch nicht dazu gekommen, alles aufzuräumen. Es musste warten, sie war zu erledigt, und Paul lag natürlich schon in den Federn.

Paul erwartete sie bereits fertig angezogen in der Küche. Vorwurfsvoll nippte er an seinem Kaffee.
   »Guten Morgen«, murmelte Pia und nahm sich eine Tasse aus dem Schrank. »Du hast ja schon Kaffee gekocht.« Das kam selten vor. Meistens machte sie es, weil Paul noch ein paar Minuten dösen wollte, ehe er aufstand.
   »Du hast ja noch geschlafen. In diesem Haus muss man ja alles allein machen.«
   Sauer starrte Pia ihn an. »Was soll denn das? Du weißt genau, dass ich den Haushalt fast allein schmeiße. Und nebenbei gehe ich Vollzeit arbeiten, wie du. Jetzt hör endlich mal auf mit deinen ständigen Vorwürfen.«
   »Fängst du schon wieder damit an? Wenn du früher aufgestanden wärst, hättest du schon aufräumen können. Schau dir doch an, wie es hier aussieht, wie bei den Hottentotten.«
   »Jetzt übertreib mal nicht, es sind nur die paar Gläser und Teller. Ich räume nach der Arbeit auf und …«
   »Nur die paar Gläser?«, blaffte er. »Und was ist das?« Mit anklagendem Finger zeigte er auf einige Krümel auf dem Teppich. Die Männer hatten zwei Tüten Chips verzehrt.
   »Das ist doch nicht schlimm. Einmal mit dem Staubsauger drüber und …«
   »Dann mach das! Und zwar sofort!«
   »Was? Aber ich muss in fünf Minuten los.«
   »Also hast du noch fünf Minuten Zeit, oder? Ich lasse nicht zu, dass meine Wohnung verlottert.« Er sah sie so böse an, dass sie ohne weitere Worte den Staubsauger holte und die Krümel entfernte.
   Als sie kurz darauf gemeinsam die Wohnung verließen, um in die Bank zu fahren, legte Paul versöhnlich einen Arm um ihre Schultern. »Ich bin da eben pingelig«, gab er zu. »Es kann ja mal jemand unangemeldet kommen.«
   »Aber doch nicht jetzt. Wir sind bei der Arbeit.«
   »Geht das schon wieder los, Pia?« Mit strengem Blick nahm Paul den Arm von ihrer Schulter.

Paul arbeitete länger, und Pia nutzte die Gelegenheit, sich wieder bei Verena zu melden.
   »Nimm dir eine eigene Wohnung«, riet ihre Freundin, nachdem Pia ihr Leid geklagt hatte. »Das musst du dir nicht gefallen lassen. Du bist doch nicht seine Sklavin.«
   »Ja, du hast recht, das werde ich tun.« Noch während sie die Worte aussprach, wusste Pia, dass sie ihren Plan nur schwer würde realisieren können. Rasch verabschiedete sie sich von Verena. »Ich muss darüber nachdenken.«
   Die Miete würden einen Großteil ihres Gehalts verschlingen. Als Kundenberaterin in derselben Bank, in der Paul arbeitete, verdiente sie nicht schlecht, aber die Mieten in Frankfurt waren hoch. Und ihre gemeinsame Wohnung gehörte Paul. Die Kosten trug er allein. Wenn sie an den Stadtrand oder aufs Land zöge, wo das Leben günstiger war, wäre sie täglich einige Stunden lang mit Bus und Bahn unterwegs. Darauf hatte sie auch keine Lust.
   Sie zögerte, nährte mit Gedanken an die schöne Zeit mit Paul die Hoffnung, dass sich alles wieder einrenken würde, sobald Paul wieder mehr Ruhe im Job fand, und er wieder der liebevolle und freundliche Mann werden würde, als den sie ihn kannte.

Stattdessen wurde es schlimmer.
   Paul begann, sie anzuschreien. Wegen jeder Kleinigkeit gingen ihm die Nerven durch. Ein Haar von ihr im Waschbecken. Die Pasta zu weich gekocht. Ein paar herumliegende Zeitschriften. Wenn er sie anschrie, wurde er ganz rot im Gesicht, und mit einem Mal bekam Pia Angst vor ihm. Angst, dass er in seiner Wut die Hand erhob und sie schlug.
   So konnte es nicht weitergehen. Fieberhaft dachte Pia darüber nach, welche Möglichkeiten sich ihr boten.
   An diesem Abend war die Stimmung wieder besonders schlimm, und sie hatte sich im Bad eingeschlossen.
   Paul flehte und bettelte. »Pia, Liebes, komm wieder raus. Es tut mir leid, wirklich. Ich habe mich entsetzlich verhalten. Mir sind die Nerven durchgegangen. Bitte verzeih mir. Bald wird es ruhiger bei der Arbeit werden, den Abschluss haben wir so gut wie in der Tasche, und dann wird alles wieder anders, das verspreche ich dir.«
   Zögernd öffnete Pia die Tür, sah Paul aber entschlossen an. Sie hatte genug. »So geht es nicht weiter, Paul. Es muss sich etwas ändern.« Hart blieben ihre Worte in der Luft stehen. Es reichte wirklich. So wollte und konnte sie nicht weiterleben. Die nächsten Vertragsverhandlungen würden kommen, und alles würde von vorn beginnen.
   »Was? Warum denn?« Paul schien aus allen Wolken zu fallen.
   Pia betrachtete ihn, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Gut sah er aus mit seinem dunklen, kurz geschnittenen Haar und in seinem weißen Oberhemd, von dem sich die Bräune seiner Haut wunderbar abhob.
   Vor wenigen Wochen erst waren sie aus dem Urlaub aus Mauritius zurückgekommen. Pia hatte diese Reise vorgeschlagen, damit sie wieder zueinanderfinden konnten. Tatsächlich schien der Plan zu gelingen. Während der ersten Tage gab sich Paul alle Mühe, sie zärtlich zu verwöhnen, und sie schöpfte weitere Hoffnung, ihre Beziehung doch noch retten zu können. Aber dann kamen die ersten Anrufe von der Bank, und Paul verfiel in seine gewohnte Hektik. Da er kein Kokain dabeihatte, betrank er sich Abend für Abend. Bald kam es, dass Pia allein am Strand lag oder sich am Pool sonnte. Schon da verdichtete sich ihr Entschluss, sich von Paul zu trennen.
   »Du weißt, warum«, erwiderte sie. »Du hast dich verändert. Ich komme mir vor wie deine Putzfrau. Du schreist mich an. Und dann das Koks. So kann und will ich nicht mehr mit dir zusammenleben.«
   »Aber Schatz, du weißt doch, wie viel ich gerade zu tun habe. Es wird auch wieder besser. Und von dem Geld, das ich verdiene, hast du ja auch etwas, nicht wahr? Wir waren gerade auf Mauritius, schon vergessen? Und diese Wohnung hier bezahle ebenfalls ich. Dank meines Geldes kannst du ein sorgenfreies Leben führen. Vergiss das nicht, Pia.« Während seiner kleinen Rede war seine Stimme immer strenger geworden.
   Aber Pia ließ sich nicht einschüchtern. »Das weiß ich alles. Aber was nützt mir das viele Geld, wenn ich den Mann nicht mehr habe, in den ich mich verliebt habe? Das bist nicht mehr du, Paul. Ich kenne dich als liebevollen Mann, mit dem ich stundenlange Gespräche über Gott und die Welt führen kann, mit dem ich lange Wanderungen unternehmen und im Zelt liegen kann.«
   »Ich wusste ja nicht, dass du unseren Campingurlaub so vermisst. Das können wir gern wieder machen, Schatz.« Spott mischte sich in seine Stimme.
   »Du weißt, wie ich das meine. Dieses Koks macht alles kaputt. Es macht dich kaputt.«
   Da verwandelte sich seine Miene. Sein attraktives Gesicht verzerrte sich zur Grimasse, und wieder einmal bekam Pia Angst. »Darüber will ich kein Wort hören, verstanden? Es ist wie eine Medizin. Ich habe gerade sehr viel um die Ohren, das sagte ich ja schon. Um unter anderem deinen Lebensstandard zu sichern. Oder könntest du diese Wohnung finanzieren? Als kleine Kundenberaterin?« Nun klang purer Hohn aus seinen Worten.
   »Nein. Aber das brauche ich auch nicht. Es muss nicht unbedingt eine Luxuswohnung sein. Mir würde eine kleine vollkommen genügen …«
   »Du meinst das ernst?« Paul starrte sie so durchdringend an, dass ihr seine Blicke wie ein Messer erschienen, das schmerzhaft in ihre Haut schnitt.
   Sie schaffte es, seinem bohrenden Blick standzuhalten. Wenn sich Paul nicht sofort ändern würde, würde sie sich trennen. Ihr Entschluss stand fest. »Ja. Tu etwas, oder ich gehe. Es ist besser für uns beide.«
   »Und wo willst du hin?«
   »Das weiß ich noch nicht. Irgendwo werde ich schon eine kleine …«
   »Das wirst du nicht. Ich lasse nicht zu, dass du gehst. Wie stehe ich denn dann da?« Pauls Stimme ließ eine Gänsehaut über Pias Arme wandern.
   Sie hatte Angst vor ihm. Richtige Angst, und so beschloss sie, nichts mehr zu sagen. Es brachte nichts, Paul noch mehr zu reizen.

Im Stillen hörte sie sich während der folgenden Tage um, welche Möglichkeiten sie hatte. Sie studierte die Wohnungsanzeigen in der Zeitung und besprach mit ihrer Kollegin Bine, in der Anfangszeit für ein paar Tage bei ihr unterkommen zu können.
   »Es wäre auch nicht für lange«, erklärte Pia und stocherte in ihrer Pasta.
   »Ich kann dir nur meine Couch anbieten, aber du kannst natürlich bleiben, bis du etwas anderes gefunden hast.«
   Dankbar sah Pia ihre Kollegin an. »Mir fällt ein Riesenstein von der Seele. Danke, Bine, das vergesse ich dir nie.«
   »Ist es wirklich so schlimm? Ich meine, Paul ist doch immer so freundlich, er ist sympathisch und kompetent und …«
   »Das dachte ich auch lange Zeit. Und er war ja auch wirklich so. Aber er hat sich verändert. Zu viel Stress oder … was weiß ich. Aber ich weiß, dass es so nicht mehr weitergeht. Eines Tages tut er mir noch was an.«
   Bine riss ihre blauen Augen auf. »Was? Ach komm, das würde er doch niemals tun. Er hat viel zu tun, klar, das kann schon mal an den Nerven zerren. Aber das vergeht doch auch wieder.«
   »Auf wessen Seite stehst du eigentlich?« Misstrauisch ließ Pia ihre Gabel sinken.
   »Auf deiner natürlich. Aber du musst auch meine Sichtweise verstehen. Ich kenne Paul eben nur als netten, gut aussehenden Mann, der …« Sie verstummte, als sie Pias Blick bemerkte.
   »Ich glaube, wir lassen das lieber, Bine.«
   »Was? Aber warum denn? So ein Blödsinn, Pia. Entschuldige. Vergiss, was ich gesagt habe. Du hast natürlich recht. Wie er sich dir gegenüber verhalten hat, das geht gar nicht. Komm zu mir, wann immer du bereit bist. Meine Couch und ich, wir warten auf dich.« Sie lächelte zaghaft.
   Pia lenkte ein. »Mir tut’s auch leid. Es ist nur – ich bin nervlich völlig fertig, verstehst du? Ich wollte mit Paul alt werden. Ich hatte geglaubt, er wäre der Mann fürs Leben, der zukünftige Vater meiner Kinder. Und nun ist plötzlich alles anders. Ich muss das erst mal verdauen.«
   Versöhnlich legte Bine ihre Hand auf Pias. »Mach dir keinen Kopf. Pack deine Sachen und komm zu mir, ja? Wir kriegen dich schon wieder auf die Beine.«

Paul bekam Wind von der Sache, und der Zustand wurde so schlimm, wie Pia es in ihren dunkelsten Träumen nicht geahnt hätte.
   »Du willst dich aus dem Staub machen, was?«, brüllte er sie an.
   Als sie den Mund öffnete, um etwas zu entgegnen, packte er sie an den Schultern und schüttelte sie. »Zu deiner Kollegin. Ich lasse das nicht zu, hörst du? Du gehörst zu mir. Wie stehe ich denn da, wenn meine Freundin mich verlässt? Als Trottel, der nicht mal eine kleine Angestellte halten kann. Meinst du etwa, ich bin blöd und kriege nichts mit?«
   Pias Schultern, ihr Nacken und ihr Kopf schmerzten, und ihr wurde schwindlig. »Du tust mir weh!«, presste sie mühsam heraus.
   »Das hast du auch verdient!«, schrie er, hörte aber auf, sie zu schütteln und starrte sie an.
   Pia erschrak über den Ausdruck in Pauls Augen. Alles, was sie darin las, war Irrsinn.
   Plötzlich trat Paul einen Schritt zurück, und es war, als ob man ein Laken von ihm zöge. Das Monster verschwand, und der alte Paul kam wieder zum Vorschein. »Es tut mir leid«, flüsterte er.
   Pia wich zurück. Etwas in ihr war zerbrochen. Selbst wenn Paul ab sofort die Finger von den Drogen ließ, so würde sie ihn doch immer wieder so vor sich sehen, wie er eben gewesen war. Sie würde ihm nie mehr vollkommen vertrauen können.
   Sie verkroch sich wieder einmal im Bad und wartete, bis Paul einschlief. Das dauerte in seinem Koksrausch nicht lange. Dann schlich sie zum Telefon und klingelte Verena aus dem Bett. »Ich halte es nicht mehr aus«, flüsterte sie und sah sich über die Schulter um, ob Paul nicht plötzlich neben ihr stand. »Er ist nicht mehr er selbst. Er … er hat mich bedroht, hat mich geschüttet und angebrüllt. Ich muss hier weg, und zwar sofort. Ich weiß nur nicht, wohin. Hier in Frankfurt kennt er doch jeden. Selbst zu meiner Kollegin kann ich nicht. Ich habe keine Ahnung, wie er es rausgefunden hat, dass sie mich aufnehmen wollte. Sie muss sich verplappert haben, oder sie hat es jemand anderem erzählt und der hat es Paul gesteckt. Auf jeden Fall kocht er nun vor Wut.«
   »Um Himmels willen, Pia! Setz dich in den nächsten Zug und komm sofort her! Wir finden schon eine Lösung. Aber dort kannst du auf keinen Fall bleiben!«
   Pia wusste, dass Verena recht hatte.

Heimlich packte sie das Nötigste in ihre Reisetasche, Bargeld, Papiere, den Ordner mit ihren Zeugnissen und Verträgen, etwas Kleidung zum Wechseln, und plötzlich stand Paul neben ihr. »Was machst du denn da?«
   Pia erstarrte. Kein Wort kam über ihre Lippen. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so eine Angst verspürt zu haben. Wieso schlief er nicht? Sie war doch so leise gewesen.
   »Wonach sieht es denn aus?«, brachte sie heraus. Sie wagte nicht, ihn anzusehen. Ihr Mund war ganz trocken. Nervös stopfte sie etwas in ihre Tasche, ohne zu sehen, was es war.
   »Du machst wirklich ernst?«
   Nun sah Pia doch auf. Pauls Stimme klang, als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen. Er stand da, mit seiner Schlafanzughose und freiem Oberkörper, und sah sie an wie ein ausgesetzter Hund.
   »Ich muss«, gab sie zurück. »Du merkst doch selbst, dass es so nicht weitergehen kann, oder?«
   Er streckte eine Hand nach ihr aus, ohne sie zu berühren. »Schatz, bitte überstürze nichts. Lass uns noch einmal in Ruhe über alles reden. Ich lasse ab sofort die Finger von dem Scheißzeug, ich verspreche es dir. Ich liebe dich. Bitte geh nicht.«
   Pia zögerte. Plötzlich wusste sie nicht mehr, was richtig und was falsch war. Was, wenn es ein Fehler war, wenn sie ging? Wenn er gerade dabei war, wieder der liebevolle Mann zu werden, in den sie sich verliebt hatte? Wenn die Phase der Überarbeitung vorbei war? Langsam ließ sie die Hand mit der Tasche sinken.
   Paul atmete erleichtert aus. »Komm wieder ins Bett, Schatz. Morgen melden wir uns krank und machen uns einen schönen Tag, was meinst du?«
   Sie hob den Blick und sah in Pauls Augen. War das die alte Liebe, die sie dort drinnen erkannte? Die Sehnsucht nach dem Leben mit ihr? Hatte er nicht noch eine Chance verdient?
   »Komm«, wiederholte er, ergriff ihre Hand und zog sie zum Bett. Eigenhändig zog er sie aus, und Pia ließ es geschehen. Plötzlich war er wieder so sanft und zärtlich, wie sie ihn aus ihrer Anfangszeit kannte. Sie schöpfte Hoffnung. Im Grunde wollte sie doch überhaupt nicht fort, wollte nicht ohne ihn leben, ihre schöne Wohnung und ihren Job aufgeben. »Alles wird wieder gut, ich verspreche es dir«, wiederholte er wieder und wieder, während er ihr sanft übers Haar strich.
   Und langsam begann sie ihm zu glauben, ließ sich von seinen liebevollen Worten einlullen und entspannte sich. Paul liebte sie so zärtlich wie schon lange nicht mehr. Danach streichelte er sanft ihr Haar und ihren Rücken, und schließlich schlief Pia ein.

Am nächsten Morgen brachte Paul ihr Frühstück ans Bett, und mit jedem Bissen wuchs Pias Erleichterung, nicht übereilt einen Riesenfehler begangen zu haben.
   Paul verhielt sich ganz wie der Mann, den sie liebte. Zuvorkommend schenkte er ihr Kaffee ein. »Ich bin froh, dass du es dir noch einmal überlegt hast.«
   »Na ja, noch habe ich keine endgültige Entscheidung getroffen«, gab sie lächelnd zurück. Wie schön, dass sie schon wieder mit ihm scherzen konnte, denn natürlich hatte sie sich entschieden. Für ihn. Sie würden noch einmal ganz von vorn …
   »Was?«, blaffte er.
   Das Wort erinnerte Pia an das unheilvolle Knurren einer schlecht gelaunten Bulldogge, die ihr den Weg versperrte. »Hey«, beruhigte sie ihn. »Das war nur Spaß.«
   Paul starrte sie an. Seine Pupillen waren unnatürlich geweitet. O nein! Hatte er etwa schon wieder …?
   »Das gibt’s nicht zu scherzen! Oder findest du das etwa witzig?«
   »Was ist denn auf einmal los mit dir? Verstehst du keinen Spaß mehr? Ich …«
   »Siehst du mich etwa lachen?« Paul hockte immer noch auf der Bettkante neben Pia, wo er sich hingesetzt hatte, nachdem er ihr Kaffee eingeschenkt hatte. Plötzlich erschien er ihr wieder wie ein Fremder. Kalt wie der Lauf einer Pistole starrte er sie an.
   Unwillkürlich rutschte Pia ein Stück von ihm weg. »Warum machst du alles kaputt? Ich dachte, du hättest dich …«
   »Ich? Du machst es dir schön einfach, was? Immer schön die Schuld auf mich wälzen. Das könnte dir so passen.«
   Entschlossen warf Pia die Bettdecke zur Seite. »Mir reicht es endgültig. Du hast schon wieder gekokst, oder? Ich habe dir eine Chance gegeben, und einen kleinen Augenblick dachte ich, du hättest sie genutzt und es könnte wieder wie früher werden, aber …«
   Erschrocken schrie sie auf, als Paul grob nach ihr griff. Seine Hände pressten sie in die Kissen zurück. »Langsam wird dein ständiges Gemecker lästig«, presste er hervor. Seine rechte Hand begann, Pias Brust zu kneten, seine linke drückte sie weiterhin aufs Bett. Dann wanderte seine Hand tiefer und zerrte ihr die Schlafanzughose herunter. »Ich glaube, ich muss jetzt mal andere Saiten aufziehen«, knurrte er. »Damit du weißt, wo dein Platz ist.«
   Pia zappelte unter dem festen Griff. »Bist du verrückt geworden?«, schrie sie ihn an. »Hör sofort auf damit!«
   Paul antwortete nicht. Sein Gesicht verzerrte sich, bis nichts in seinen Zügen Pia mehr an den Mann erinnerte, den sie einst geliebt hatte. Eiseskälte stand in seinen Augen und Verachtung in seinen Mundwinkeln, die er zynisch verzog.
   »Hör auf!«, kreischte Pia. Es war weniger Angst, die sie empfand, als vielmehr abgrundtiefe Abneigung gegen diesen Mann, der nun versuchte, ihre Beine zu spreizen. Er war völlig verrückt geworden! Wie hatte sie nur glauben können, er wäre wieder der Mann geworden, den sie einst geliebt hatte? Den alten Paul gab es nicht mehr. Die Gier nach immer mehr Geld und die Drogen hatten ihn verschwinden lassen.
   Ekel und Abscheu verliehen ihr neue Kraft. Sie zog ihre Beine an, und es gelang ihr, eines ihrer Knie zwischen Pauls Beine zu rammen.
   Er keuchte vor Schmerz und ließ sie los. Schnell wand sich Pia unter ihm hervor, sprang aus dem Bett und griff in fieberhafter Eile nach ihrer Jeans.
   Paul krümmte sich immer noch. »Du hinterhältiges Biest«, wimmerte er, beide Hände auf seinen Unterleib gepresst.
   Pia schlüpfte in ein T-Shirt und Turnschuhe, griff nach ihrer glücklicherweise noch nicht wieder ausgepackten Tasche und rannte zur Tür. Sie warf einen schnellen Blick aufs Bett zurück.
   Paul richtete sich auf und wandte sich ihr zu. Seine Augen waren blutunterlaufen und sein Mund vor Schmerz und Hass verzogen. »Das wirst du mir büßen!« Er machte einen ersten Schritt auf sie zu.
   Pia sah, dass er noch wacklig auf den Beinen war, riss die Tür auf, rannte aus der Wohnung und schlug die Tür hinter sich zu. In fieberhafter Eile stürmte sie die Treppe hinunter und nahm immer zwei Stufen auf einmal.
   Sie drehte sich nicht um, aber sie lauschte angespannt. Kam er hinter ihr her? Sie hörte nichts.
   Unten angekommen riss sie die Haustür auf und rannte auf die Straße hinaus.
   Passanten eilten an ihr vorüber, ohne sie richtig wahrzunehmen, gefangen in ihren eigenen Alltagssorgen. Autofahrer hupten ungeduldig, weil der vorderste Wagen nicht schnell genug anfuhr, als die Ampel von Rot auf Grün schaltete.
   Pia hetzte den Bürgersteig entlang. Nach ungefähr hundert Schritten wagte sie es, sich umzudrehen. Kam Paul hinter ihr her? Fast sah sie ihn vor sich, in seiner Schlafanzughose und barfuß … Aber da war niemand. Nur zwei Schulkinder, die sich laut lachend etwas erzählten.
   Schnell huschte Pia die Treppe zur U-Bahn hinunter. Noch war sie nicht in Sicherheit. Paul würde sich denken können, dass sie die U-Bahn nahm. Ihr Handy klingelte. Sie beachtete es nicht. Es war Paul, sie wusste es.
   Die Bahn fuhr ein, als sie das Gleis erreichte. Schnell sprang sie hinein, und erst als sich die Türen schlossen, wagte sie es, tief durchzuatmen. Die erste Hürde war genommen.
   Als sie am Hauptbahnhof ausstieg und wieder ein Netz hatte, rief sie bei Verena an. »Erschreck dich nicht. Aber ich komme jetzt nach Stade.«
   »Du hast ihn wirklich verlassen?«
   »Ja.« Pia konnte es selbst noch nicht glauben. »Ich bin weg. Ich erzähle dir alles, wenn ich bei dir bin, okay?«
   »Klar. Ich …«
   »Tut mir echt leid, dass das jetzt alles so schnell geht. So bald werde ich bestimmt keine Wohnung finden. Wäre es möglich, dass ich erst mal bei euch wohnen kann? Ich kann mir natürlich auch ein Hotel nehmen. Aber … ich habe Angst, verstehst du? Ich kann jetzt nicht allein sein.«
   »Mach dir darüber mal keine Gedanken. Natürlich kannst du bei uns wohnen, bis du etwas gefunden hast. Aber ich glaube, es wird nicht für lange sein.«
   »Was? Wie meinst du das?«
   »Ich habe mich schon mal umgehört. Ich dachte mir schon, dass du früher oder später kommen wirst. Und du wirst es nicht glauben, aber nur ein paar Straßen von uns entfernt ist gerade eine Wohnung frei geworden. Axel kennt den Vermieter, und der meinte, du kannst sie dir gern mal ansehen. Vielleicht ist sie ja was für dich.«
   Pia konnte es kaum glauben. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ihr seid die Allerbesten. Und wenn es ein kleines Kellerloch ist, ich nehme sie!« Sie hätte vor Glück tanzen können.
   Verena lachte. »So schlimm ist sie nicht. Ich kenne das Haus, ein kleines Mietshaus mit sechs Wohnungen.«
   Plötzlich spürte Pia, wie all der durchlebte Schrecken und der Druck von ihr abfiel. »Ich freu mich schon so. Aber hör mal, ich muss jetzt erst mal Schluss machen. Ich brauche eine Fahrkarte und muss in der Bank anrufen, um …«
   »Keinen Stress. Hier läuft alles ein paar Gänge ruhiger, gewöhn dich schon mal dran. Ich freu mich auf dich.«
   »Und ich mich erst!« Pia legte auf, atmete tief durch und warf einen Blick auf die Uhr. Der Zug fuhr erst in einer halben Stunde. Sie zog sich eine Fahrkarte und wählte dann die Nummer ihres Chefs. Er würde nicht erfreut sein, dass sie von heute auf morgen nicht mehr kam.
   »Frau Martens, wo bleiben Sie denn?«, donnerte er, nachdem seine Sekretärin sie endlich durchgestellt hatte, ehe sie etwas sagen konnte. »Sie sind schon viel zu spät. Sie wissen doch, dass Sie in solchen Fällen rechtzeitig Bescheid sagen …«
   »Ich muss leider kündigen. Fristlos«, erklärte sie ihm. »Paul, also Herr Scheller, wird Ihnen erklären, warum das nötig ist.«
   »Kündigen? Was soll das heißen? Und so steckt Herr Scheller überhaupt? Der hat sich heute auch noch nicht …«
   »Auf Wiedersehen.« Ohne eine weitere Erklärung legte Pia auf. Sie fühlte sich seltsam befreit.
   Doch sofort klingelte ihr Handy erneut. Ihr Chef? Sie sah ihn vor sich, wie er sprachlos vor Empörung und mit rotem Gesicht vor dem Telefon saß. So hatte ihn gewiss noch niemand behandelt.
   Aber nein, es war Paul. Pia unterdrückte den Impuls, das Telefon einfach auszuschalten, und nahm das Gespräch an. Es half ihr nichts, wenn sie sich nicht den Tatsachen stellte.
   »Wo bist du?«, fragte er.
   Als ob sie ihm das sagen würde! Wie dumm er doch sein konnte. »Weg.«
   »Ach, Pia, komm schon. Wir hatten einen kleinen Streit. Das ist kein Grund, einfach wegzulaufen.«
   »Du hast nichts verstanden, oder? Ich kann nicht mehr mit dir zusammen sein, nicht nach alldem.«
   »Hör mal, wenn einer einen Grund hat, sauer zu sein, bin ich das. Du hast mir ganz schön wehgetan. Aber ich verzeihe dir. Wenn du sofort zu mir zurückkommst.«
   Fast hätte Pia gelacht. Wie großmütig er war. »Ich komme nicht zurück.«
   Einen Augenblick herrschte Stille am anderen Ende der Leitung. »Was soll das heißen?«
   »Du hast mich schon verstanden. Es ist aus, Paul, und zwar endgültig.«
   »Hey, du bist verwirrt, du weißt nicht, was du sagst. Ich war vorhin etwas grob zu dir, das tut mir leid. Aber jetzt komm schon, krieg dich wieder ein.«
   »Es gibt nichts mehr zu sagen, Paul. Meine Sachen lasse ich demnächst abholen. Auf Wiedersehen.«
   »Pia? Wo willst du denn …?«
   Sie legte auf.

Während der Wartezeit auf die Abfahrt des Zuges wuchs ihre Unruhe. Was, wenn Paul ahnte, was sie vorhatte, und hier auftauchte? Wenn er anhand der Geräuschkulisse geschlossen hatte, wo sie war? Wenn er ihr eine Szene machte oder gar drohte?
   Aber er kam nicht. Trotzdem atmete Pia auf, als sie in den Intercity nach Hamburg einstieg.
   Während der Fahrt rief er noch mal an.
   »Was willst du noch?«
   »Willst du es dir nicht noch einmal überlegen?«
   »Nein.«
   Paul schwieg einige Sekunden lang. Als er wieder sprach, hatte seine Stimme sich vollkommen verändert. »Also gut, dann hör mir zu, Pia. Ich finde dich. Egal, wo du dich auch verkriechst, ich werde dich finden, und dann gnade dir Gott.«
   Pia erschrak bis ins Mark. Bisher hatte sie angenommen, stalkende und drohende Expartner gäbe es nur im Krimi, aber niemals erwartet, dass es ihr selbst einmal passieren könnte. »Was soll das?«, brachte sie heraus und ärgerte sich, dass ihre Stimme zitterte.
   »Glaubst du etwa, ich lasse mich von einer kleinen Tippse wie dir verarschen? Du weißt doch, was los ist. Dass ich heimlich Gelder beiseitegeschafft habe. Auf ein Konto in der Schweiz. Für uns. Für mich und vor allem für dich. Du konntest oft genug an mein Notebook und mein Smartphone heran, also musst du es wissen. Halte mich nicht für blöd, Pia. Bald werde ich im Geld schwimmen. Du hättest es so gut bei mir haben können. Aber nun bist du abgehauen und willst mich verraten. Du bist eben nichts weiter als eine miese kleine Schlampe, die mir in die Eier tritt. Das wirst du mir büßen, hörst du?«
   »Ich verstehe kein Wort, Paul. Aber das ist mir auch egal. Lass mich einfach in Ruhe, okay?« Pia konnte kaum sprechen, ihr Mund war ganz trocken, und die Worte kamen nur mit Mühe heraus.
   »Tu doch nicht so. So dumm kannst noch nicht mal du sein. Du weißt doch längst, was läuft. Und jetzt willst du mich verpfeifen und hast dich rechtzeitig aus dem Staub gemacht. Aber das kannst du vergessen. Ich finde dich, egal, wo du bist.«
   Pia zitterte so sehr, dass es ihr kaum gelang, auf den Aus-Button zu tippen. Was war mit Paul geschehen, mit ihrem Freund, den sie jahrelang liebte und zu kennen geglaubt hatte? Charmant und humorvoll war er gewesen, liebevoll und zärtlich. Ein Traummann. Bis er sich beruflich übernahm, in Stress geriet und mit diesen Drogen anfing. Und was war das jetzt mit diesem illegalen Geld? Sie hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

Als Pia endlich in Stade ankam und Verena sie am Bahnsteig erwartete, brach sie in Tränen aus.
   »Zeig ihn an«, schlug ihre Freundin vor, als sie kurze Zeit später in Verenas Küche saßen und Tee tranken.
   Den liebevoll gedeckten Abendbrottisch ließ Pia unberührt. Sie brachte jetzt nichts hinunter. »Ich will eigentlich nur mit dem Thema abschließen«, erwiderte sie. Sie konnte immer noch nicht fassen, dass Paul, der Mann, den sie jahrelang geliebt hatte, so etwas zu ihr gesagt und sie bedroht hatte. War es der Erfolg, der ihm zu Kopf gestiegen war, oder hatten die Drogen bereits sein Gehirn zerstört? Seine angeblichen illegalen Geschäfte erwähnte sie nicht. Wahrscheinlich hatte er im Drogenrausch gesprochen.

Gleich am nächsten Tag besichtigte sie gemeinsam mit Verena und ihrem Mann Axel die kleine Zweizimmerwohnung, und kurz entschlossen mietete Pia sie.
   Während der folgenden Tage war sie damit beschäftigt, einige Möbel anzuschaffen und die Wohnung liebevoll einzurichten. Verena begleitete sie zum Einwohnermeldeamt, wo sie sich ummeldete. Hinterher atmete Pia tief durch. Es war vollbracht. Der Schritt, ihr neues Leben in Stade zu beginnen, war nun offiziell.
   Vor einigen Jahren war Verena der Liebe wegen hergezogen. Pia hatte sie nicht verstehen können. Weg aus Frankfurt, dieser aufregenden Stadt, und mitten hinein in die Pampa. Nun war sie froh, Verena wieder in der Nähe zu wissen.
   Verena hatte sie beim Einkauf im Baumarkt und beim Einrichten unterstützt. Axel hatte beim Schleppen der Möbel geholfen, und sogar Verenas kleine Tochter hatte stolz Handtücher und sogar Teller aus Kartons geräumt.
   Nun war alles fertig. Sie war angekommen. Langsam ging sie in ihr Schlafzimmer. Das Bett stand unter dem Fenster in der Dachschräge. Es goss in Strömen, und als sich Pia hinlegte, lag sie noch lange wach und lauschte dem beruhigenden Prasseln. Keine Atemzüge neben ihr. Keine Hände, die nach ihr griffen. Kein Zigarettenqualm in der Wohnung.
   Auch wenn sie nach Jahren erstmals ohne einen liebenden Partner im Bett lag, so war es doch eine einzige Erleichterung.

Am Morgen fiel ihr als Erstes der Geruch auf.
   Paul rauchte ständig.
   Sie holte tief Luft, atmete den frischen Duft in ihrer Wohnung ein. Es roch noch nach Zitrone von dem Putzwasser, mit dem sie gestern den Flur gewischt hatte.
   Pauls Job im Vorstand einer großen Bank war stressig. Er brauchte das Nikotin, um runterzukommen, wie er behauptete. Aber Pia hatte immer das Gefühl gehabt, dass er nie runterkam. Er stand ständig unter Strom. Sie schlang die Arme um ihr Kopfkissen und wühlte das Gesicht hinein. Sie wollte nicht wieder und wieder an die Vergangenheit denken. Ein neues Leben lag vor ihr. Mit ihrer Qualifikation würde sie sicher bald einen neuen Job finden, wenn nicht bei einer Bank, dann vielleicht bei einer Versicherung. Sie war optimistisch.
   Wenige Tage später bröckelten die positiven Gefühle bereits. Alles hätte so schön sein können, wäre da nicht der Telefonterror. Wieder und wieder rief Paul an. Manchmal beschimpfte er sie und drohte ihr. Dann wieder flehte er sie an, zu ihm zurückzukommen. Als er merkte, dass seine Bitten auf taube Ohren stießen, begann er wieder mit seinen Drohungen. Als sie die Gespräche nicht mehr annahm, schickte er ihr Nachrichten.
   Umso heftiger zuckte sie zusammen, als das Telefon läutete.
   »Pia, geht es dir gut?«, meldete sie Bine.
   »Ja.« Pia war versucht, gleich wieder aufzulegen. Konnte sie Bine vertrauen? Oder war sie es, die sie in die Pfanne gehauen hatte?
   »Ich habe mir Sorgen gemacht. Herr Müller kocht vor Wut, weil du angeblich fristlos gekündigt hast, und aus Paul ist nichts herauszubekommen. Ich glaube, er ist auch die halbe Zeit überhaupt nicht auf Arbeit. Ich habe schon ein paar Mal versucht, dich zu erreichen. Was ist passiert?«
   Pia zögerte. »Ich … ich bin abgehauen«, berichtete sie schließlich leise.
   »Was? Aber wohin denn? Wir hatten doch besprochen, dass du zu mir kommst. Ich habe schon alles für dich hergerichtet.«
   »Oh, das tut mir leid, Bine. Wirklich. Ich glaube, es war eine Art Kurzschlusshandlung. Ich musste einfach weg, verstehst du?«
   »Um ehrlich zu sein, nicht so ganz. Wieso bist du nicht zu mir gekommen?«
   »Das ging nicht.«
   »Ja, aber warum? Wo steckst du denn? Willst du nicht zu mir kommen? Wir können über alles in Ruhe reden und nach einer Lösung suchen.«
   »Bine, ich bin …« Pia verstummte. Woher hatte Paul gewusst, dass sie zu Bine flüchten wollte? Was, wenn Bine nicht die gute Freundin war, die sie vorgab, zu sein?
   »Ja?«
   Ob sie sie einfach ganz direkt fragen sollte? Ja. Angriff war die beste Verteidigung. »Bine, woher wusste Paul, dass ich zu dir wollte?«
   Schweigen am anderen Ende der Leitung. Als Bine endlich sprach, klang ihre Stimme zögernd und leise. »Ich glaube, das ist meine Schuld. Eines Abends, als ich gerade auf den Bus wartete, rief meine Mutter an. Ich erzählte ihr, dass du für ein paar Tage zu mir ziehen willst. Und … ich fürchte, ich erzählte ihr auch ein paar Dinge von Paul und dir. Es tut mir so leid, Pia. Denn plötzlich räusperte sich jemand hinter mir. Ich drehte mich um, und da stand Paul. Ich war so schockiert, dass ich einfach wegrannte.«
   Erschrocken holte Pia tief Luft. Was, wenn er Bine bedrohte? Wenn er ihr auflauerte, um sie dazu zu bringen, ihm zu verraten, wo sie steckte?
   »Hör zu, Bine«, sagte sie. »Ich kann dir nicht sagen, wo ich bin, und zwar, um dich zu schützen. Paul wird dir nichts tun, aber es ist besser, wenn du so wenig wie möglich weißt.«
   »Aber was soll ich denn jetzt machen? Wie soll ich mich ihm gegenüber verhalten, wenn er mich fragt, wo du steckst?«
   »Sag ihm, du weißt es nicht, und das ist ja auch die Wahrheit. Je weniger du weißt, desto besser.«
   Bine schluckte hörbar. »Also gut. Aber du hältst mich auf dem Laufenden, ja? Ich mache mir Sorgen um dich, Pia.«
   »Klar, mach ich. Erst mal danke für alles, Bine. Und es tut mir leid, dass du Schwierigkeiten wegen mir hast.«
   »Halb so schlimm. Pass auf dich auf, ja? Und melde dich mal wieder.«
   »Mach ich.« Als Pia auflegte, fühlte sie sich unwohl. Nun hatte sie auch noch Bine in die Sache mit hineingezogen. Das tat ihr wirklich leid, denn sie mochte ihre ehemalige Kollegin wirklich. Aber sie wusste nicht, wie weit sie ihr vertrauen konnte. Schon mehrmals hatte sie das Gefühl gehabt, dass Bine heimlich auf Paul stand. Was, wenn es ihm gelang, sie weichzukochen? Würde sie sie dann verraten? Pia beschloss, vorsichtig zu sein und Bine vorerst nicht zu erzählen, wo sie steckte.

Am Abend übergab Verena Pia ein Päckchen. »Hier, mein Willkommensgeschenk. Ich wünschte, es würde etwas Persönlicheres sein. Aber ich glaube, im Moment ist dir hiermit am besten geholfen.«
   Es war ein Prepaid-Handy. Pia bedankte sich unter Tränen.

Kapitel 2

Nachdem die Tür hinter Pia zugefallen war, hatte Paul wie erstarrt einfach nur dagestanden. Das Miststück hatte ihm in die Eier getreten!
   Allein bei der Erinnerung brannte sein Unterleib noch immer wie Feuer, und der Schmerz lähmte ihn, aber das war nicht das Schlimmste. In seinem Kopf rasten seither die Gedanken herum wie Formel-1-Rennwagen.
   Was, wenn sie alles verriet?
   Verflucht, warum war er auch so leichtsinnig gewesen? Er hatte sich nichts dabei gedacht, sein Notebook oder Handy auf dem Tisch oder einer Anrichte liegen zu lassen. Schließlich wohnte er hier, es war seine Wohnung. Und Pia seine treu sorgende Freundin. Sie hatte alles in Ordnung gehalten. Und natürlich hätte sie dabei oft genug Gelegenheit dazu gehabt, in seinen Sachen herumzuschnüffeln. Auch seine Aktentasche stand meistens offen herum.
   Verdammt, er war so nah davor! Er hatte die Konten einiger Großkunden so geschickt manipuliert, dass niemand merken würde, dass ein Teil der Gelder auf sein eigenes Konto fließen würde. Warum war er nicht schon längst auf diese Idee gekommen? Jahr für Jahr rackerte er sich ab, steckte im Dauerstress und bekam deswegen sogar Ärger mit Pia.
   Sie hätte ihm nicht auf die Schliche kommen dürfen. Das fing schon mit dem Kokain an. Warum hatte er nicht besser aufgepasst? Er war zu vertrauensselig gewesen. Aber er hatte nicht damit rechnen können, dass sie so ein Drama daraus machen würde. Was war schon dabei? Viele Leute koksten. Es hielt wach und schärfte die Sinne.
   Nun ja, wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er in letzter Zeit hier und da gereizt war. Und sicher war er das eine oder andere Mal ungerecht Pia gegenüber gewesen. Natürlich wusste er, dass sie ebenfalls viel arbeitete. Zusätzlich kümmerte sie sich um den Haushalt und kochte. Und nein, er konnte ihr nicht vorwerfen, dass sie ihre Arbeit schlecht machte. Es war nicht die feine Art von ihm gewesen, sie wegen ein paar Krümeln auf dem Boden oder eines zu schwarz geratenen Bratens anzuschreien.
   Er war eben auch nur ein Mensch, und die Anzahl seiner Nerven war begrenzt. Aber bald würde das ein Ende haben. Die Gelder würden fließen, und sie wären aus dem Schneider. Alles hätte so schön werden können. Aber dieses Biest hatte sich ja plötzlich in den Kopf gesetzt, ihn zu verlassen und ein neues Leben beginnen zu wollen. Ohne ihn!
   Paul ging in die Küche, kippte den Inhalt eines kleinen Beutels auf den Tisch und zog ihn mithilfe eines Röhrchens in seine Nase. Sofort wurde sein Kopf ganz klar. Schon viel besser!
   Er ließ sich auf die Couch fallen und verschränkte die Hände im Nacken. Pia war weg. Aber das würde er natürlich nicht akzeptieren. Er würde weiterhin versuchen, sie dazu zu bewegen, zu ihm zurückzukommen. Und er konnte nur hoffen, dass sie nicht sofort zu den Bullen oder dem Chef rannte und ihn verriet. Sollte sie das tun, wäre sie tot!
   Paul spürte, wie die inzwischen schon so vertraute Wut erneut in ihm hochkochte. Jeden Knochen würde er ihr einzeln brechen, bevor er seine Finger um ihren Hals legen würde und …
   Aber besser wäre natürlich, wenn sie ihn nicht verpfiff. Er musste sie finden, und zwar so schnell wie möglich. Er musste ihr zuvorkommen.
   Aber wohin mochte sie gelaufen sein? Trotz seiner zahlreichen Anrufe hatte er bisher kein Sterbenswörtchen darüber aus ihr hinauskitzeln können. Mittlerweile ignorierte sie seine Anrufe, und auf seine Nachrichten reagierte sie auch nicht. Ob sie noch in der Stadt war? Das war am wahrscheinlichsten. Wo sollte sie sonst hin?
   Rasch sprang er auf und durchwühlte alle Schränke und Schubläden. In der Eile hatte sie nicht viel einpacken können. Vielleicht fand er Notiz- oder Adressbücher, Aufzeichnungen, Briefe – irgendetwas, das ihn auf ihre Spur bringen konnte.
   Er fand nichts. Verfluchte Technik. All ihre Kontaktdaten waren auf ihrem Handy, und das hatte sie dummerweise mitgenommen.
   Dann fiel sein Blick auf ein Fotoalbum. Rasch blätterte er es durch. Sein Magen verkrampfte sich vor Ärger, aber auch Schmerz, als er Pia und sich gemeinsam in die Kamera lächeln sah. Wie glücklich sie miteinander gewesen waren. Was zum Henker war schiefgelaufen? Er blätterte weiter.
   Gerade, als er das Album zur Seite legen wollte, fiel ihm ein Foto ins Auge. Es zeigte eine junge, dunkelhaarige Frau mit einem kleinen Kind neben sich und einem Baby auf dem Arm. Hinter ihr erstreckte sich eine Zeile mit Fachwerkhäusern. Rasch holte er das Bild aus dem Album und drehte es um. »Ganz liebe Grüße aus dem schönen Stade«, stand hinten drauf. Ärgerlich warf er das Album auf den Boden und das Foto hinterher. Urlaubsgrüße einer von Pias Freundinnen. Das half ihm auch nicht weiter.
   Wutentbrannt rief er Pia an. Sie ging wieder nicht dran. Später versuchte er es noch einmal und unterdrückte die erneut aufflammende Wut. Er hatte sich zusammengerissen und es ein dutzend Mal im Guten versucht. Aber das Biest hatte nicht einlenken wollen und einfach aufgelegt. War es denn zu fassen? Beim nächsten Mal hatte ihn der Zorn überflutet, und er hatte sich nicht mehr zusammenreißen können.
   Fast hätte er ihr geglaubt, als sie so unschuldig tat und bekundete, nichts von seinen dubiosen Geschäften zu wissen. Dann jedoch ärgerte er sich über seine Leichtgläubigkeit. Für wie blöd hielt sie ihn? So dumm konnte sie nicht sein, dass sie nicht längst mitbekommen hatte, was er trieb, wenn er stundenlang über seinem Notebook brütete.
   Nein, es half alles nichts. Er musste sie finden, und zwar so schnell wie möglich, ehe sie nicht wiedergutzumachende Dummheiten trieb. Nicht einmal, dass sie bisher offenbar nichts unternommen hatte, konnte ihn beruhigen.
   Erst am späten Nachmittag gelang es ihm, seine Gedankenspirale zu unterbrechen, als die Wirkung des Kokains nachließ. Plötzlich verspürte er irrsinnigen Hunger. Er zog sich an, griff nach seinem Kapuzenpulli, den er nur äußerst selten trug, und fuhr zu Tobias, seinem Arzt. Gelegentlich spielten sie Tennis zusammen, aber Paul würde es nicht gerade eine Freundschaft nennen. Trotzdem erklärte sich Tobias sofort bereit, ihm eine Krankschreibung auszustellen. Die Migräne hatte ihn den ganzen Tag gequält, und er hatte nicht aufstehen können.
   »Du solltest mal wieder etwas für dich tun«, riet Tobias. »Du arbeitest zu viel. Geh Joggen oder ins Fitnessstudio. Wir können auch mal wieder zum Tennis gehen, wenn du magst. Aber du brauchst einen Ausgleich. Immer nur vor dem Computer brüten, kein Wunder, dass du Kopfschmerzen hast.«
   »Danke für den Tipp.« Paul lächelte jovial und schlug Tobias kameradschaftlich auf die Schulter. »Ich komme darauf zurück.«
   »Also dann bis bald. Und vergiss es nicht.«
   »Keine Sorge.«
   Als Paul auf die Straße hinaustrat, kam ihm eine Idee. Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass in der Bank gerade Feierabend war. Um das Gebäude machte er allerdings einen großen Bogen, um möglichst wenig Kollegen über den Weg zu laufen. Zur Sicherheit schlug er seine Kapuze hoch und beglückwünschte sich für seinen spontanen Einfall, den Pulli angezogen zu haben. Niemand kannte ihn so, und niemand würde auf ihn aufmerksam werden.
   Ungesehen erreichte er die Bushaltestelle. Er lächelte, als sich pünktlich auf die Minute Bine näherte. Sie hatte ihr Handy am Ohr und sprach aufgeregt hinein. Der Verkehrslärm der Straße war zu laut, und Paul konnte leider nicht verstehen, was sie sagte oder mit wem sie sprach. Schnell drehte er sich seitlich, damit sie ihn nicht erkannte. Sein Herz schlug schneller, als sie genau neben ihm stehen blieb. Das Glück war auf seiner Seite.
   »… Sorgen um dich, Pia«, sagte Bine gerade.
   Atemlos lauschte er dem Rest des Gesprächs, aber zu seiner großen Enttäuschung war es nach einer Abschiedsfloskel bereits zu Ende.
   Er schob sich die Kapuze vom Kopf und wandte sich zu Bine. »Hallo! Du bist das. Ist das jetzt ein Zufall oder ein höheres Zeichen, dass wir uns schon wieder an diesem Ort begegnen?«
   Bine wurde erst knallrot und dann kreidebleich. »Hi! Oh, äh … nun ja, da ich jeden Abend diesen Bus nehme, ist es wohl eher kein Zufall.«
   War das etwa Misstrauen in ihrem Blick? Verflucht, wie viel wusste sie? Zum ersten Mal in seinem Leben musterte er die Kollegin seiner Freundin genauer. Bisher hatte er sie kaum richtig wahrgenommen. Sie war das, was man eine graue Maus nannte. Dabei war sie nicht hässlich oder unansehnlich, aber mit ihrem dunkelblonden aalglatten Haar und der leicht fülligen Figur wirkte sie im Vergleich zu Pia nichtssagend.
   Er setzte sein charmantestes Lächeln auf. »Du hast mich ertappt. Ich bin deinetwegen hier.«
   Nun schoss erneut Röte in Bines blasses Gesicht. »Wegen mir? Aber warum?«
   Vertrauensselig beugte sich Paul näher zu Bine. »Um ganz ehrlich zu sein, heute habe ich blaugemacht. Ich habe Migräne vorgetäuscht. Kennst du das auch? Es gibt Tage, da kann man sich zu nichts aufraffen. Ich hatte einfach keine Lust auf die Arbeit.« Gespannt beobachtete er Bines Gesicht. Was er hier tat, war nicht ganz ungefährlich, zumal es nicht der erste Krankenschein der vergangenen Tage war. Aber er wusste, dass es Vertrauen schaffte, wenn man jemandem etwas von sich erzählte.
   Bine lächelte. Das Misstrauen verschwand aus ihren Augen. »Das kenne ich. Aber bin ich nicht so mutig wie du. Ich raffe mich lieber auf und gehe trotzdem in die Bank.« Sie senkte den Blick. Mehr wusste sie allem Anschein nach nicht zu sagen.
   »Hör mal, Bine«, sagte Paul und lächelte, als sie ihn wieder ansah. »Mir knurrt der Magen. Ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen. So ganz gelogen war das mit den Kopfschmerzen nämlich nicht. Es ging mir heute wirklich nicht gut. Hast du schon gegessen oder …?«
   »Nein, natürlich nicht. Ich habe gerade erst Feierabend gemacht.«
   »Was hältst du davon, wenn wir gemeinsam Essen gehen?« Paul hielt die Luft an. Ging sie ihm in die Falle?
   Bine überlegte, Paul hörte es buchstäblich in ihrem Kopf rattern. All ihre Emotionen waren ihr am Gesicht abzulesen. Freude, Zweifel, sogar Angst.
   »Ich lade dich natürlich ein«, fuhr er rasch fort. »Und du kannst dir aussuchen, wo wir hingehen.«
   Sie zögerte noch immer.
   »Hauptsache, es geht schnell. Ich bin am Verhungern.« Grinsend rieb er sich über seinen Bauch.
   Da lächelte Bine. »Also gut, warum nicht? Ich habe auch riesigen Hunger. Und ein Restaurant ist in der Tat verlockender als die Tiefkühlpizza, die zu Hause auf mich wartet.«
   Paul setzte sein strahlendstes Lächeln auf. Das war einfach. »Ich freu mich. Also dann: Wo möchtest du hin?«
   »Ich mag fast alles. Aber du sagtest ja, dass du so einen Riesenhunger hast. Warum gehen wir nicht gleich zum Italiener da drüben? Da essen wir … ich auch oft in der Mittagspause.«
   Natürlich wusste Paul, dass Pia schon öfter mit Bine dort gegessen hatte. Ein- oder zweimal war er ebenfalls mit Pia dort gewesen. Er wusste nicht, ob eine vertraute Lokalität Bines Zunge lösen oder eher blockieren würde, aber das würde sich gleich zeigen.
   Als sie wenig später an einem Tisch an der Wand saßen und über die Flamme der Kerze hinweg mit ihrem Rotwein anstießen, bemerkte Paul amüsiert Bines Blicke. Immer wieder musterte sie ihn, heimlich, wie sie wohl vermutete. Versuchte sie herauszufinden, wie viele der Schauergeschichten, die Pia ihr garantiert über ihn erzählt hatte, der Wahrheit entsprachen?
   Wider Erwarten wurde es ein unterhaltsamer Abend. Zwei Gläser Rotwein lockerten Bines Zunge, und sie erzählte bereitwillig aus ihrem Leben. Viel gab es da zunächst nicht, weil sie weder einen Partner noch Kinder hatte. Aber sie reiste gern und hatte schon viele Länder besucht. Unerwartet interessant berichtete sie von ihren zahllosen Erlebnissen in Vietnam, Kanada oder Namibia.
   Kein einziges Wort jedoch sagte sie über Pia. Mehrmals versuchte Paul behutsam, das Thema auf sie zu lenken, aber geschickt umschiffte Bine die Klippen.
   Als sie zwei Stunden später Anstalten machte, aufzustehen, weil sie am nächsten Morgen früh aus dem Bett musste, hielt Paul sie entschlossen zurück. »Warte noch.«
   Fragend sah sie ihn an. »Ja?«
   Er musste behutsam vorgehen, durfte sie nicht erschrecken. Dann würde er von ihr niemals erfahren, wo Pia steckte. »Ich mache mir große Sorgen«, begann er leise. »Du weißt ja, dass Pia und ich … also dass wir zusammen sind. Und nun haben wir uns gestritten, ganz blöd, um eine unwichtige Kleinigkeit. Ich bin wohl etwas laut geworden und habe sie erschreckt. Weißt du, ich hatte schlecht geschlafen. Auf jeden Fall lief sie weg und ist bisher nicht zurückgekommen.« Gespannt sah er Bine ins Gesicht.
   War da nicht ein nervöses Zucken ihres rechten Augenlids? »Das tut mir leid«, sagte sie und versuchte erneut, aufzustehen.
   Wieder hielt Paul sie auf und legte eine Hand auf ihren Unterarm. Belustigt stellte er fest, dass sie errötete. »Bitte, Bine. Hat sie sich bei dir gemeldet? Ich will doch nur wissen, ob es ihr gut geht.«
   Sie zögerte. Blickte ihn nun offen forschend an.
   Paul versuchte, so ehrlich und besorgt wie nur möglich auszusehen. Darin war er gut. Das brauchte er beinahe täglich in seinem Job.
   Sie antwortete nicht, aber sie nickte leicht.
   »Ist sie bei dir?«, fragte Paul schnell.
   »Nein!« Nun schüttelte Bine entschlossen den Kopf, und dieses Mal stand sie wirklich auf.
   Schnell sprang auch Paul auf. »Aber wo kann sie denn dann sein? Hat sie dir etwas erzählt?«
   Bine starrte ihn an, und plötzlich war ihr Blick eiskalt. »Deshalb wolltest du mit mir essen gehen. Um mich auszufragen. Das hätte ich mir gleich denken können.«
   »Nein, das stimmt nicht. Natürlich mache ich mir Sorgen um Pia. Es wäre ja schlimm, wenn ich das nicht tun würde, oder?«
   Bine zeigte keine Regung. Oder doch – ihr Mundwinkel zuckte ganz leicht. Und ihr Blick flackerte. Aber sie sagte nichts.
   »Aber es war doch ein sehr schöner Abend, Bine. Ich jedenfalls habe ihn sehr genossen.«
   Nun wurde ihr Blick sichtlich weicher, aber schon hatte sie sich wieder in der Gewalt. »Ja, danke jedenfalls für die Einladung. Ich muss dann jetzt los.« Sie wandte sich zum Gehen.
   »Warte noch.« Amüsiert bemerkte Paul Bines Blick, als sie sich noch einmal zu ihm umdrehte. Er war ungeduldig, und man spürte deutlich, dass sie schnell wegwollte. Doch andererseits schwang auch etwas wie Sehnsucht darin mit. Stand sie etwa auf ihn? Zum Teufel, über diese Möglichkeit hatte er noch nie zuvor nachgedacht. Um ehrlich zu sein, hatte er Bine bisher kaum bemerkt. »Sehen wir uns mal wieder?«, fragte er weich.
   Sie hatte sich wieder in der Gewalt, er sah es ihr an. »In der Bank wohl gewiss.«
   »Das meine ich doch nicht. Ich meine, wäre es nicht schön, wenn wir den heutigen Abend mal wiederholen könnten?«
   »Ich glaube, das ist keine gute Idee.« Sie griff nach der Tür.
   »Ich mache mir doch nur Sorgen.«
   Da drehte sie sich zu ihm um. Ihre Blicke glitten so prüfend über ihn wie der Scanner am Flughafen. Paul schlug das Herz bis zum Hals. Wenn er diese Prüfung nicht bestand, würde Bine ihm nie verraten, was sie wusste. Aufrichtig und treuherzig sah er ihr in die Augen.
   »Es geht ihr gut«, sagte sie, wandte sich ab und verließ das Restaurant.
   Paul ließ sie gehen. Lächelnd trank er seinen Wein aus, zahlte und fuhr nach Hause.
   Bine würde ihm schon noch erzählen, was sie über Pia wusste. Er musste nur Geduld haben.

Kapitel 3

Wenige Tage später wollte Pia endlich ihre neue Heimatstadt erkunden. Bisher kannte sie nur die Bau- und Supermärkte
   sowie ein paar Bekleidungs- und Schuhgeschäfte. Für alles andere war keine Zeit gewesen. Verena hatte versprochen, ihr die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Aber im letzten Moment erteilte sie ihr einen Korb.
   »Axel musste die Schicht tauschen, sein Kollege ist krank. Nun hat er Spätdienst und ich muss auf die Kinder aufpassen. Tut mir leid, Süße. Wir holen das so bald wie möglich nach.«
   Aber Pia wollte nicht warten. Nach dem ganzen Schrecken und der vielen Arbeit mit der Wohnungseinrichtung wollte sie den Beginn ihres neuen Lebens feiern, ehe sie mit der Jobsuche begann und womöglich keine Zeit mehr dafür finden würde. Noch lebte sie von ihren Ersparnissen.
   Sie wollte mit Verena tanzen gehen, mit einem oder zwei Sekt auf ihr neues Leben anstoßen. Sie wollte ihren Neustart, ihr neues Leben mit einem anständigen Drink begießen.
   So aber war sie allein losgezogen, lief zu Fuß durch ihre Wohnsiedlung bis zur Altstadt, genoss den Anblick der schönen Fachwerkhäuser, bummelte durch Geschäfte und trank in einem Café einen köstlichen Latte macchiato. Es war ein ungewohntes Gefühl, ganz allein unterwegs zu sein. Bisher war sie immer zusammen mit Paul im Restaurant gewesen oder bummelte mit Freundinnen durch die Einkaufszentren. Am liebsten war ihr das Skyline Plaza beim Messegelände. Als sie das große Shoppingcenter mit dem provinziellen Angebot der Läden hier verglich, fühlte sie sich ein kleines bisschen auf den Mond versetzt. Und verglichen mit dem Hochglanz aus Glas und Metall im Frankfurter Bankenviertel erschienen ihr die Altstadtgassen Stades wie das pure Mittelalter. Dennoch fühlte sie sich erstaunlich wohl, obwohl sie sich nur zu gut daran erinnerte, wie groß ihr Unverständnis für Verenas Umzug damals gewesen war. Hier ging alles einen Gang ruhiger und entspannter vor sich. Und das tat gut.
   Als es dunkel wurde, setzte sie sich draußen vor ein griechisches Restaurant, trank einen Rotwein und beobachtete zufrieden das an ihr vorbeiflanierende Leben. Zu schade, dass Verena nicht dabei war. Zu zweit machte alles noch viel mehr Spaß, aber das konnten sie nachholen.
   Irgendwann lief sie weiter, ließ die Altstadt hinter sich und fand sich in einer ruhigen Wohnsiedlung wieder. Hier war es um diese Zeit – ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es bereits 21:45 Uhr war – beinahe vollkommen dunkel. Sie sollte lieber umdrehen und sich diese Gegend bei Tageslicht ansehen.
   Und dann waren da plötzlich diese schweren Schritte hinter ihr. Sofort zerbrach die Entspannung der letzten Stunden wie ein berstender Spiegel und hinterließ scharfkantige Angst. Nun bedauerte sie ihre Ungeduld zutiefst. Hätte sie doch bloß abgewartet und wäre an einem anderen Abend gemeinsam mit Verena losgezogen.
   Sie erstarrte, als sie die Schritte hinter sich erneut hörte, dumpf und schwer. Unwillkürlich ging sie schneller und tastete mit ihren Blicken die dunkle Straße ab. Außer ihr und der Person hinter ihr war niemand unterwegs. Nicht einmal ein Auto fuhr vorbei. Sie wagte nicht, sich umzudrehen, aber das war auch nicht nötig. Es waren unzweifelhaft die Schritte eines Mannes, und sie näherten sich …
   Noch immer raste ihr Herz wie ein D-Zug.
   Es war nicht Paul!
   Es war nicht Paul!
   Es war noch einmal gut gegangen.
   Mit zitternden Knien verließ sie ihre Deckung, betrat den Fußweg und setzte ihren Weg fort. Paul wusste nicht, wo sie war. Sie hatte sich bisher weder polizeilich umgemeldet noch jemandem verraten, wo sie war.
   Ein Glas Wein zur Beruhigung wäre nicht verkehrt, bevor sie wieder nach Hause ging, oder ein Cocktail vielleicht. Sie musste dringend ihre angespannten Nerven beruhigen.
   In einer schmalen Seitenstraße der Altstadt sollte es eine gemütliche Kneipe geben, hatten Verena und Axel ihr erzählt.
   Pia erreichte den Fischmarkt, und der Blick auf die am Wasser liegenden, dekorativ beleuchteten Häuser war so schön, dass sie stehen blieb. Im Gegensatz zu der ruhigen Wohnsiedlung herrschte hier reger Betrieb. Pärchen schlenderten Arm in Arm umher, ein paar Teenager tranken Energydrinks aus winzigen Dosen, Urlauber genossen die Aussicht. Pia spürte, wie sie sich entspannte, und mit einem Mal knurrte ihr Magen. Sie hatte den ganzen Tag noch nichts Richtiges gegessen. Ihr Blick fiel auf ein Fischrestaurant. Sie überlegte. Hatte sie nicht eher Appetit auf eine leckere Pizza? Oder ein saftiges Steak? Unschlüssig schlenderte sie weiter. Ihr Blick fiel auf ein Leuchtschild in einer schmalen Seitenstraße nur wenige Schritte weiter. Seemöwe hieß die kleine Kneipe, die ihre Freunde ihr beschrieben hatten. Ein paar Autos parkten entlang der schmalen Straße und vier, fünf Motorräder. Einladend drang Rockmusik nach draußen. Stimmen und Gelächter.
   Entschlossen ging sie auf die Tür zu und trat ein.
   Der gemütlich beleuchtete Raum war gut gefüllt. An einem halben Dutzend Tische saßen Gäste, tranken oder aßen. Einige Gesichter drehten sich nach ihr um, wandten sich aber gleich wieder ab. Wie es schien, herrschte hier keine übermäßige Neugier. Gut so. Sie wollte nicht auffallen. Selbst hier saß ihr die Angst im Nacken, dass Paul …
   Ihr Blick fiel auf den letzten freien Tisch, und zügig steuerte sie darauf zu. Zwei Männer am Nebentisch nahmen sie nun doch etwas genauer in Augenschein, aber Pia beachtete sie nicht, sondern griff nach der auf dem Tisch liegenden Speisekarte.
   Jägerschnitzel! Allein das Wort ließ ihr schon das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sie fühlte sich zwar etwas seltsam, weil sie es nicht gewohnt war, allein essen zu gehen, aber so konnte sie sich gleich an ihr Singleleben gewöhnen.
   Lautes Gelächter ließ sie aufblicken. Neben dem Speiseraum befand sich in einem Anbau ein Billardtisch. Rings um ihn herum stand ein halbes Dutzend junger Kerle und lachte einen ihrer Kameraden aus. Pia betrachtete die jungen Männer genauer. Sie trugen schwarze Lederjacken, darüber Westen mit Emblemen, Jeans- oder Lederhosen und feste Bikerstiefel. Sicher gehörten ihnen die Motorräder, die sie draußen gesehen hatte.
   Paul hatte immer die Nase gerümpft, wenn er solche Rocker, wie er sie nannte, sah, doch im gleichen Atemzug schwärmte er von einer Harley Davidson, mit der er eines Tages durch den Südwesten der USA reisen wollte.
   Ob er schon immer eine gespaltene Persönlichkeit besessen hatte?
   Die Bedienung trat an ihren Tisch und lenkte sie von der Beobachtung der Motorradfahrer ab. »Was darf’s denn sein, junge Frau?«
   Pia musste schmunzeln, denn der freundliche Kellner war gewiss keinen Tag älter als sie selbst. »Das Jägerschnitzel, bitte.« Der Matjes hatte sich auch gut angehört, oder das Hühnerfrikassee. Aber die erste Wahl war meistens die beste.
   »Und zu trinken?«
   Was trank man hier? Sie hatte spontan einen guten Rotwein ordern wollen, aber dies war nicht Frankfurt und auch kein Sternerestaurant. »Ein Bier.« Ja, sie war mutig heute. Noch nie in ihrem Leben hatte sie Bier getrunken. Paul hatte sich stets abfällig über Biertrinker geäußert.
   »Gute Wahl«, lächelte der Kellner und verschwand.
   Erneut erklang lautes Gelächter aus der Billardecke, und neugierig sah Pia hinüber. Sie bemerkte, dass auch einige andere Gäste Blicke zu den Bikern warfen, die teils missbilligend, teilweise sogar ängstlich wirkten. Man hörte ja so einiges über solche Typen. Waren das womöglich stadtbekannte Kriminelle? Oder fühlten sich die Gäste einfach nur gestört?
   Plötzlich fühlte sie sich unwohl. Sie war allein hier. Ob sie nicht doch lieber rasch gehen sollte, ehe diese Typen auf sie aufmerksam wurden?
   »Bitte schön, das Bier. Zum Wohl.«
   Zu spät. Ehe Pia dem Kellner ihre Überlegung mitteilen konnte, war er schon wieder verschwunden. Ohne es zu wollen, warf sie erneut einen Blick auf die Biker. Einer sagte gerade etwas zu seinen Kameraden, und sie brüllten vor Lachen. Er hatte Pia den Rücken zugewandt, und so konnte sie ihn genauer in Augenschein nehmen, ohne dass er es bemerkte. Er hatte einen breiten Rücken, und sein Hintern wirkte knackig in seiner engen Jeans. Du lieber Himmel, was dachte sie denn da? Ihre Blicke wanderten wieder hoch und blieben an seinem halblangen blonden Haar hängen, das ihm fast bis zu den Schultern reichte. »Der muss dringend mal zum Friseur«, hätte Paul naserümpfend gesagt.
   Als hätte er ihre Blicke gespürt, drehte sich der Blonde um – und sah Pia direkt an. Das Blut schoss ihr in den Kopf, und sie hätte sich am liebsten unsichtbar gemacht. Nun hatte sie doch die Aufmerksamkeit dieser Typen erregt, so ein Mist. Genau das hatte sie vermeiden wollen. Sie wollte schnell den Blick abwenden, sah ihn aber wie gebannt weiterhin an.
   Sein blondes Haar fiel ihm verwegen in das ebenmäßige Gesicht, und der Blick seiner Augen war unglaublich intensiv. Um seinen Hals war ein Tuch geknotet, und seine Finger zierten einige breite Silberringe. Um seine Hüften war ein dunkler Ledergürtel geschlungen, die Schnalle bestand aus einem silbernen Totenkopf. Rasch sah sie lieber wieder hoch in sein Gesicht.
   Für den Bruchteil einer Sekunde meinte sie, ein Lächeln um seine Lippen spielen zu sehen. Ein Lächeln, das ihr galt.
   Doch schon wandte er sich ab, und im gleichen Augenblick stellte der Kellner einen dampfenden Teller vor sie hin.
   Beim Duft des köstlich aussehenden Jägerschnitzels begann Pias Magen wie auf Kommando zu knurren. Verlegen bedankte sie sich, als der Kellner ihr einen guten Appetit wünschte.
   Während sie aß, zwang sie sich, nicht mehr zu dem gut aussehenden Blonden hinzusehen. Wäre er ein ganz gewöhnlicher Gast, wäre das etwas anderes, aber diese Motorradfahrer in ihrer schwarzen Kluft waren ihr nicht geheuer.
   Oder lag das nicht vielmehr an Pauls Vorurteilen?
   Noch während sie aß, verließen die Biker die Kneipe. Alle, bis auf einen. Pia hatte schon aufatmen wollen, doch dann blieb ihr fast das Herz stehen. Der Blonde steuerte, sein halb volles Bierglas in der Hand, direkt auf ihren Tisch zu. Sie wagte nicht, aufzuschauen, und griff nervös nach ihrem Getränk.
   »Prost«, hörte sie, und schon schlug das Glas des Bikers leicht gegen ihres. »Und guten Appetit!«
   »Danke.« Während Pia rasch ihr Glas zum Mund führte, betrachtete sie über dessen Rand hinweg ihr Gegenüber. Der Blonde hatte sich einfach zu ihr an den Tisch gesetzt. Das war schon ganz schön dreist. Wahrscheinlich hatte Paul doch recht mit seinen Vorbehalten …
   »Wie heißt du?«, fragte der freche Kerl. »Ich kenn dich nicht. Du bist nicht von hier, oder?«
   »Doch, bin ich. Ich wohne hier.« Es ging doch den nichts an, woher sie kam. Und was fiel ihm eigentlich ein, sie einfach zu duzen?
   »Ich bin Zeck, aber du kannst mich auch Erik nennen«, stellte er sich vor und hielt ihr seine Rechte hin, ohne seine vorherige Frage zu vertiefen.
   Zögernd griff Pia danach. Seine Ringe drückten sich kühl gegen ihre Haut. Sein Händedruck war fest und angenehm.
   »Pia«, erwiderte sie knapp. Ein Schauder überfuhr sie, als sie in seine Augen sah. Dunkelgrau waren sie, wie der Sturmhimmel, und ihr Blick so intensiv, als würde Erik bis in ihre Seele hineinblicken.
   »Kannst du Billard spielen?«
   Pia schüttelte den Kopf. »Nein.«
   Erik betrachtete sie, und sein verschmitztes Lächeln gefiel ihr. Hatte sie je zuvor so verführerische Grübchen gesehen?
   »Keine Angst«, rief Erik und hob beide Hände. »Ich lasse dich erst zu Ende essen. Die Schnitzel sind hier so grandios, dass es ein Vergehen wäre, was übrig zu lassen.« Er lachte, und die dunklen Töne rieselten angenehm Pias Wirbelsäule entlang.
   Ihr Mund war plötzlich ganz ausgetrocknet, und sie kaute eine halbe Ewigkeit auf einem Bissen herum. Schnell griff sie erneut nach ihrem Glas und nahm einen tiefen Zug.
   Erik beobachtete sie anerkennend. »Ah, ich sehe, du weißt, was gut ist.« Erneut stieß er mit ihr an und leerte sein Glas.
   Ihr Teller war noch nicht ganz leer, aber Pia brachte nichts mehr hinunter. Nicht, wenn dieser Mann sie so ansah. Er war wirklich außerordentlich attraktiv, hatte ebenmäßige Gesichtszüge, schöne Lippen und weiße Zähne.
   Vorher hatte sie immer angenommen, dass ein typischer Rocker eine Glatze hätte, einen Bierbauch und mindestens eine Zahnlücke. Verstohlen lächelte sie in sich hinein.
   »Worüber lachst du?«, fragte Erik.
   Pia lächelte noch breiter und schüttelte den Kopf. »Über die Dreistigkeit der Menschen hier. Machst du das öfter, dass du dich einfach zu wildfremden Leuten an den Tisch setzt und sie vollquatschst?«
   »Nur, wenn es sich um so hübsche Ladys handelt wie dich.« Er lächelte entwaffnend. »Und außerdem hast du dich gerade verraten. Du hast mich angelogen.«
   Erschrocken riss Pia die Augen auf. »Warum? Was meinst du?«
   »Du hast von den Menschen hier gesprochen. Also bist du nicht von hier.« Er grinste siegessicher.
   »Schon möglich«, erwiderte Pia vage.
   Erik sah sie durchdringend an. »Du redest nicht gern von dir, was?«
   »Nicht so, nein. Schon gar nicht mit fremden Männern, die mich aushorchen wollen.«
   Erik starrte sie einen Augenblick an und brach dann in lautes Lachen aus. »Du bist ja ein richtig freches Kätzchen. So hatte ich dich überhaupt nicht eingeschätzt, als ich dich hier so allein hab sitzen sehen.«
   »Nein? Was dachtest du denn? Dass ich eine verschüchterte kleine Maus bin?« Um ein Haar wäre sie das wirklich geworden. Wie gut, dass sie gerade noch die Kurve gekriegt hatte.
   »Also das nicht gerade. Du wirkst so – seriös. Bist aus gutem Hause, was? Oder arbeitest in einer Bank. Mit Blüschen und hochhackigen Schuhen.«
   Konnte er hellsehen? Sie hatte sich bemüht, alles, was sie mit einer Bank in Verbindung bringen könnte, zu vertuschen. Sie hatte extra eine hautenge Jeans zu ihrer weißen Bluse angezogen, und sogar Turnschuhe.
   Erik grinste breit, als Pia nicht antwortete. »Ich hab ins Schwarze getroffen, stimmt’s? Hey, kein Grund, sich zu schämen. Aber da ich dich nicht kenne, musst du von woanders herkommen. Sagst du’s mir?«
   »Nein.«
   »Ah, es gibt ein Geheimnis. Keine Angst, ich verrate dich nicht. Aber ein kleiner Tipp: Du solltest dir was anderes anziehen und die Haare offen tragen. Wenn du sie so straff nach hinten zu einem Dutt bindest, wirkst du sehr streng. Wie ein Bankfräulein.«
   Langsam wurde er ihr unheimlich. Konnte er Gedanken lesen? War er von Paul auf ihre Spur gebracht worden? Oder wurde sie paranoid? »Ich sag dir auch was«, blaffte sie. »Verschone mich einfach mit deinen Ratschlägen, ja? Ich würde jetzt gern in Ruhe zu Ende essen. Allein.«
   Erik wagte es, sie auszulachen. »Du bist doch schon lange fertig. Jetzt komm schon, spiel eine Runde mit mir.«
   »Ich hab aber keine Lust.«
   »Klar hast du. Komm, gib dir ’nen Ruck. In der ersten Runde lasse ich dich auch gewinnen.«
   Pia starrte ihn an. »Du hältst dich wohl für unschlagbar, was?« War sie verrückt geworden? Für einen winzigen Augenblick hatte sie vollkommen vergessen, mit wem sie sprach. Er war ein Rocker, Mitglied einer Clique oder Bande oder wie die das nannten. Wenn er nun böse wurde?
   Stattdessen warf Erik den Kopf in den Nacken und lachte. »Du bist ein ganz schön freches Biest, wer hätte das gedacht? Also gut, ich lasse dich nicht gewinnen. Faire Chancen für uns beide.«
   »Das soll wohl ein Witz sein. Ich habe noch nie gespielt.«
   »Ach, komm schon. Wer mit Bankkonten jonglieren kann, kann auch Billard spielen.«
   Warum zum Teufel brachte er sie dauernd mit Banken in Verbindung? »Du wirst dir an mir die Zähne ausbeißen.« Hauptsache, sie war ihn danach los.
   »Das Kätzchen zeigt die Krallen. Das gefällt mir. Da wollen wir doch gleich mal sehen, ob hinter deiner großen Klappe auch noch etwas mehr steckt. Dann komm mal mit.« Damit stand er auf und hielt ihr auffordernd seine Hand hin.
   Ehe sie wusste, was sie tat, ergriff Pia sie und ließ sich von Erik zum Billardtisch führen. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie zwei oder drei Gäste sie beobachteten. Zog Erik dieses Spielchen öfter ab? War er berüchtigt dafür, fremde Mädchen mit Billard anzulocken, flachzulegen und gleich wieder abzuschießen? Denn so lief die Sache ganz sicher bei ihm stets ab. War sie gerade dabei, ihren Ruf zu ruinieren, kaum, dass sie in ihrem neuen Zuhause angekommen war? Sie lebte nicht mehr in einer anonymen Großstadt, da musste sie aufpassen, was sie tat.
   Doch schon wenige Augenblicke später waren alle Bedenken ausgeschaltet. Geduldig erklärte Erik ihr die Spielregeln, zeigte ihr, wie sie mit dem Queue die Billardkugeln anstoßen musste, und Pia hielt den Atem an, als er sich für ihren ersten Versuch ganz nah hinter sie stellte und ihre Hände führte. Sie spürte die Wärme seiner Brust an ihrem Rücken und roch das Leder seine Jacke. Und sie tat nichts dagegen, als er seinen Kopf an den ihren legte, um ihr zu erklären, wie sie die Kugeln anstoßen musste. Sie fühlte, wie er an ihrem Haar roch, und mit einem Mal kribbelte Wärme ihre Wirbelsäule entlang. Als sie kurz darauf ihre erste Kugel einlochte, fühlte sie sich wie beflügelt und so gut wie schon lange nicht mehr.
   Zwei Stunden später warf sie einen Blick auf ihre Uhr und stellte erschrocken fest, dass die meisten Gäste das Lokal inzwischen verlassen hatten. Sie war beinahe allein hier mit Erik. »Oh. Ich muss dann auch mal nach Hause.«
   »Schade. Hast du es weit?«
   »Nicht so sehr.« Pia winkte dem netten Kellner und zahlte.
   »Soll ich dich fahren?«
   »Danke, nicht nötig.«
   »Ich beiße auch nicht.« Erik sah sie treuherzig an.
   Pia öffnete die Tür und trat hinaus. Die schmale Straße lag verlassen vor ihr. Kein verlockender Gedanke, mutterseelenallein nach Hause gehen zu müssen. Die unheimlichen Schritte von vorhin fielen ihr wieder ein. »Nee, lass mal.«
   Lieber laufen, als sich auf so eine Höllenmaschine zu setzen. Außerdem wusste Erik dann, wo sie wohnte. Und auch wenn das Billardspiel echt Spaß gemacht hatte, so vertraute sie ihm jetzt nicht mehr als vor einigen Stunden. Er war immer noch ein Motorradrocker, und sie wusste von Paul, dass die meisten davon gefährlich waren. Vielleicht sogar alle. Ja, ganz bestimmt.
   »Okay, wie du meinst.« Erik setzte seinen Helm auf, schloss seine Lederjacke und setzte sich auf das letzte Motorrad, das noch vor der Kneipe stand. Pia hatte keine Ahnung von diesen Maschinen, aber die Form gefiel ihr. Sie entdeckte viel blitzenden Chrom im schummrigen Licht der Straßenlaterne.
   Erik drehte den Zündschlüssel, und die Maschine erwachte blubbernd zum Leben.
   Pia warf noch einen Blick auf Erik und wandte sich zum Gehen. Wie cool er auf diesem lauten Teil aussah. Ein vollkommen anderer Anblick als alles, was sie bisher zu sehen bekommen hatte.
   »Wann seh ich dich denn wieder?«, fragte Erik, während er den ersten Gang einlegte und behutsam Gas gab.
   »Du hast die Frage falsch gestellt«, antwortete Pia und ging weiter. Inzwischen grauste es sie vor den leeren Straßen, die vor ihr lagen, und die Erinnerung an den unheimlichen Verfolger saß ihr fest im Nacken.
   »Wie meinst du das?«, fragte Erik. Er lenkte sein Motorrad dicht neben Pia und fuhr langsam neben ihr her.
   »Die Frage lautet nicht, wann du mich wiedersiehst, sondern ob.«
   Erik kicherte. Dieses Geräusch in Verbindung mit dem Knattern und Brummen des Motorrads und dem Geruch nach Benzin und Leder löste ein nervöses Kribbeln in Pia aus. Sie wusste nun, warum er sich Zeck nannte. Wenn er ein Opfer gefunden hatte, biss er sich fest wie eine Zecke und ließ nicht mehr locker. Seltsamerweise amüsierte sie dieser Gedanke. Und seine Gegenwart hatte etwas ungemein Beruhigendes.
   »Diese Frage stellt sich doch überhaupt nicht«, antwortete Erik leichthin.
   »Wie kommst du darauf?«
   »Ich weiß doch, dass wir uns wiedersehen.«
   »Ach ja? Da weißt du aber mehr als ich.«
   »Sag mir einfach, wann und wo, und ich werde da sein.«
   »Ich kann es dir nicht sagen.« Die Altstadt war zu Ende. Gleich würden sie die Wohnsiedlungen erreichen. Die Gegend, in der die Schritte erklungen waren. Vielleicht sollte sie Erik noch ein wenig hinhalten. Mit ihm an ihrer Seite hatte sie keine Angst.
   »Du kannst nicht oder du willst nicht?«
   »Ich kann nicht.«
   »Und warum nicht?« Erik gab etwas mehr Gas, und das Motorrad antwortete mit noch lauterem Blubbern und Knattern.
   Pia erschrak. Fahr nicht weg. Einen besseren Leibwächter konnte sie sich kaum vorstellen. »Weil ich es nicht weiß.«
   »Aber das kann man doch ändern. Such dir einfach etwas aus, und ich bin da.«
   »Also gut, du hast gewonnen.« Pia seufzte. »Ich wohne erst seit Kurzem hier. Und ich weiß noch nicht, wie alles weitergehen soll. Ich hab noch nicht mal einen Job gefunden.«
   »Wusste ich’s doch!«, rief Erik triumphierend und lachte in sich hinein. »Hast du schon mal bei den Banken hier nachgefragt?«
   Pia sah ihn von der Seite an, während sie weiterging. »Wie kommst du denn immer auf eine Bank? Ich hab doch gar nicht gesagt, dass ich …«
   »Ich hab recht, gib’s doch zu. Man sieht es dir auf den ersten Blick an. Du hast so etwas Seriöses an dir, und dein Blick wirkt so – geschäftstüchtig. Du bist bestimmt gut in deinem Job. Versuch’s mal, frag nach.«
   »Ich will in keine Bank mehr.« Erst als Pia die Worte ausgesprochen hatte, ging ihr auf, dass sie Erik auf den Leim gegangen war. Und dass sie diesen Gedanken schon seit ihrer Flucht mit sich herumtrug.
   »Nein? Warum nicht? Da verdient man doch gut, oder?«
   »Das schon.« Und Paul würde schnell herausfinden, wo sie untergekommen war. Wenige Anrufe würden genügen. »Das ist eine lange Geschichte«, setzte sie hinzu.
   »Ich hab Zeit. Du kannst mir alles erzählen.« Eriks Blick glich dem eines treuherzigen Golden Retrievers.
   Unwillkürlich lachte Pia. »Warum sollte ich das tun? Du bist ein Fremder. Ich erzähle dir doch nicht …«
   »Hey, Lady, du hast Billard mit mir gespielt. Wer das getan hat, ist kein Fremder mehr.«
   Ihre Wohnung war jetzt nicht mehr weit entfernt. Sie sollte jetzt zusehen, dass sie Erik loswurde. Er musste nicht wissen, in welchem Haus sie wohnte.
   »Hör zu«, begann sie. »Ich bin gleich da. Du kannst jetzt nach Hause fahren, okay?«
   Doch Erik ignorierte ihre Anweisung. »Du willst also etwas anderes machen? In Bezug auf ’nen Job, meine ich.« Er stoppte das Motorrad, ließ den Motor aber laufen.
   Ohne es zu wollen, blieb Pia stehen. »Ja.«
   »Hast du was Spezielles im Sinn?«
   »Bisher nicht.« Die Wahrheit war, dass sie bisher keinen weiteren Gedanken daran verschwendet hatte, wie es beruflich weitergehen sollte. Vielleicht bei einer Versicherung. Sie war voll und ganz damit beschäftigt gewesen, ihr neues Leben aufzubauen, ihre Wohnung einzurichten und die Gedanken an Paul abzustellen.
   »Kannst du dir vorstellen, Blumen zu verkaufen?«, fragte Erik.
   Blumen verkaufen? Paul würde die Nase rümpfen über eine arme, kleine Verkäuferin. Wozu hatte sie eine langjährige Ausbildung gemacht und sich ständig fortgebildet, um jetzt …? »Warum nicht?«, entgegnete sie zu ihrer eigenen Verwunderung.
   Erik strahlte. »Keules Schwester besitzt einen kleinen Blumenladen. Es geht ihr gerade gesundheitlich nicht so gut, sie hat’s im Rücken und sucht eine Aushilfe. Frag da doch mal nach. Ist nicht weit von hier.«
   »Keule?«, fragte Pia.
   »Ach so, ja, das ist ein Kumpel von mir. Einer aus unserem Klub.«
   War ja klar. »Und wie heißt der Blumenladen?«
   »Sonjas Blumenparadies. Du musst nur diese Straße bis zum Ende gehen, dann rechts abbiegen und die nächste wieder links. Ist nicht zu verfehlen.«
   »Ja, dann … danke für den Tipp. Ich überleg’s mir.«
   »Wann sehen wir uns denn jetzt wieder?«
   Pia lächelte und ging weiter. Erik gab Gas und holte rasch wieder auf, bis er neben ihr herfuhr. Er war wirklich eine Zecke. Aber eine nette. »Wie ich schon sagte, die Frage ist …«
   »Okay okay, du hast gewonnen. Also, sehen wir …?«
   »Ich bin da. Also dann tschüss.« Kurz entschlossen winkte Pia Erik noch einmal zu und bog in die nächstbeste Zufahrt ein. Hoffentlich hatten die Leute, die hier wohnten, keinen Hund, der gleich anschlagen würde …
   Aber alles blieb ruhig.
   Sie schmunzelte und lauschte. Zu schade, dass sie Eriks verdutztes Gesicht nicht sehen konnte. Einige Augenblicke blieb er noch stehen, als wartete er darauf, dass sie zurückkam. Sie rechnete schon damit, dass er absteigen und ihr folgen würde. Aber nichts geschah. Nach einiger Zeit hörte sie, wie das Motorrad wegfuhr.
   Schnell ging sie zum Fußweg zurück und lief die restliche Strecke bis zu ihrer Wohnung. Sie lächelte, als sie die Tür aufschloss.
   Blumenverkäuferin. Warum nicht? Welche Frau liebte keine Blumen?
   Beim Einschlafen klang ihr das Brummen eines Motorrads im Ohr, und sie träumte von blonden Männern mit dunkelgrauen Augen.

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