Johanna führt kein normales Leben. Sie ist kleptomanisch und nymphomanisch veranlagt und lässt keine Gefühle zu. Lediglich der Polizist Stephan schafft es, einen winzigen Riss in ihrem Schutzwall zu verursachen. Durch den Tod ihrer Mutter ist Johanna gezwungen, in ihr Heimatdorf zurückzukehren. Dort muss sie feststellen, dass ihr eigenes Herz die größte Gefahr für ihren Schutzpanzer darstellt. Ihre Jugendliebe Robert weckt vergessen geglaubte Gefühle. Doch auch Stephan gibt Johanna nicht so schnell auf. Was muss passieren, um Johanna zum Umdenken zu bringen und ihre Verhaltensweisen zu ändern? Welches Geheimnis verbarg ihre Mutter? Und war der Tod ihrer Mutter tatsächlich ein Unfall?

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ISBN: 978-9963-53-897-3

Seiten: 291

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Bettina Kiraly

Bettina Kiraly
Geboren 1979 als Bettina Slaby, wuchs Bettina Kiraly im Bezirk Hollabrunn in Niederösterreich auf und lebt hier noch immer mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern. Seit 2010 ist sie Mitglied der Künstlervereinigung ART Schmidatal. 2014 schloss sie sich mit anderen Autorinnen zur „Romance Alliance – Bücher mit Herz“ zusammen. Fasziniert von den dunklen Flecken auf der menschlichen Seele beschäftigen sich die Texte von Bettina Kiraly mit der Frage: Warum handeln Menschen, wie sie es tun? Die Autorin schreibt Romane über starke, außergewöhnliche Charaktere, die um ihr Stück vom Glück kämpfen. Für Romane mit Mystery-Anteil verwendet sie das Pseudonym Betty Kay. Unter dem Pseudonym Ester D. Jones veröffentlicht Bettina Kiraly historische Liebesromane.

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Leseprobe

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1. Kapitel
Frühjahr 2011

»Willst du einen Drink, Süße?«
   Magdalenas Blick glitt über seine zerknautschte Kleidung und blieb an dem unrasierten Gesicht des Mannes neben ihr hängen. Selbst das milchige Licht schaffte es nicht, ihn im Geringsten anziehend wirken zu lassen. Wieso glaubte er, sich neben sie an den wackligen Tisch setzen zu dürfen?
   »Danke, aber ich verzichte.« Sie wandte sich ab.
   »Angeblich bist du normalerweise nicht so widerspenstig.«
   Sie drehte sich wieder zu ihm. »Wie bitte?«
   »Na, komm schon.« Er lachte. »Du bist doch bekannt dafür, dass du auf Action stehst und einem schnellen Abenteuer nicht abgeneigt bist.«
   Magdalena fuhr sich durch ihre Haare und blickte sich nach allen Seiten um. In dem kleinen Imbiss erkannte sie kein vertrautes Gesicht. Von einem der Gäste hatte er also nichts erfahren.
   »Mir scheint, du verwechselst mich mit jemandem«, murmelte sie und steckte sich den letzten Bissen Käsekrainer in den Mund.
   Der Unbekannte stieg nicht auf ihren Einwurf ein. Er würde diese Entscheidung noch bereuen, wenn er nicht bald Ruhe gab.
   »Ich bin mir sicher, dich bereits ein paar Mal im Blue Moon gesehen zu haben«, behauptete er mit einem provozierenden Grinsen. Dabei verzog sich sein Gesicht zu einer noch hässlicheren Fratze.
   »Bist du mir etwa gefolgt?« Sie hatte die Bar erst vor einer Viertelstunde verlassen und war für einen Zwischenstopp und einem letzten Happen vor dem Bett in den Imbiss eingefallen.
   Er zuckte mit den Schultern. »Wer weiß. Wäre doch nicht schlimm.«
   »Was willst du?« Ihre Stimme zeigte keine Emotion.
   »Nichts Besonderes! Nur das, was andere von dir auch erhalten haben.«
   Ihre Handflächen wurden feucht. Irgendetwas an diesem Mann jagte ihr einen kalten Schauder über den Rücken. Sie machte nicht den Fehler, ihn zu unterschätzen. »Ich werde jetzt aufstehen und gehen. Und sollten wir uns irgendwann zufällig wieder über den Weg laufen, werden wir so tun, als hätten wir uns noch nie zuvor gesehen.«
   Der Mann lachte.
   Magdalena winkte den Imbissbesitzer heran, bezahlte und erhob sich. Aufgrund der schmeichelnden Abendluft hatte sie ihre Jacke neben sich gelegt und griff nun danach. Mit energischen Schritten machte sie sich auf den Heimweg.
   Nach ein paar Metern drehte sie sich um. Obwohl sie niemanden auf der Straße hinter sich entdeckte, spürte sie Blicke auf sich ruhen. Instinktiv ahnte sie, dass es nicht vorbei war. Gut. Sie konnte ein wenig Abwechslung gebrauchen.
   Auf der schlecht ausgeleuchteten und einsamen Straße hallten ihre eiligen Schritte an den Häuserwänden wider. Ihre Kleidung war dazu gedacht, die Blicke der Männer auf sich zu ziehen: ein enges Top, Minirock, Lederjacke. Doch bei der Wahl der Schuhe machte sie niemals den Fehler, sich für ein hohes Paar zu entscheiden, das sie zu einem leichten Opfer erklärte.
   Wie lebendig sie sich plötzlich fühlte! Das Adrenalin peitschte durch ihren Körper. Sie genoss dieses Hochgefühl, dieses Kribbeln in ihrem Nacken, als sie ein Geräusch in ihrem Rücken vernahm. Sie konnte den seltsamen Kerl nicht einordnen. Die Chancen standen schlecht, dass hinter seinem absonderlichen Verhalten harmlose Absichten standen. Aber das kam ihr gerade recht.
   Neuerlich wandte sie den Kopf, ohne jemanden hinter sich zu sehen. Vielleicht hätte sie die andere Richtung wählen sollen, in der jede Menge andere, die Innenstadt durchwandernde Nachtschwärmer zu finden waren.
   Doch wann entschied sie sich schon gegen das Risiko? Sie verzog die Mundwinkel zu einem grimmigen Lächeln und eilte weiter, während ihr Verfolger ebenfalls schneller zu werden schien. Nach ein paar Metern legte sich eine Hand schwer auf ihre Schulter.
   »Nicht so schnell, Süße«, raunte die Stimme des Mannes aus dem Imbiss.
   Magdalena fuhr herum und funkelte ihn an. »Was soll das? Hast du ein Würstel mit Rinderwahnsinn erwischt?«
   Ihr Gegenüber knurrte. »Ich habe Lust auf anderes Fleisch.« Als er einen Versuch startete, sie zu küssen, roch sie Alkohol in seinem Atem. Leider zu wenig, als dass er seine Pläne nicht in die Tat umsetzen könnte. Mit einem kräftigen Stoß gegen seine Brust wehrte sie den ersten Angriff ab.
   Seine Finger krallten sich schmerzhaft in ihre Oberarme. »Du warst doch auf der Suche nach einem Mann. Wieso kann ich nicht derjenige sein?«
   »Weil ich nicht auf heruntergekommene, ungepflegte Brutalos stehe«, teilte sie ihm in trockenem Tonfall mit.
   Sein Gesichtsausdruck wurde wütend, während er sie gegen die Wand drängte. Sie spürte die raue, kalte Fassade in ihrem Rücken und wusste, dass dieser Mann gefährlicher war als alle Männer, mit denen sie bisher zu tun gehabt hatte.
   Noch einmal presste er sich an sie und drückte seinen Mund auf ihren. Der Kuss schmeckte nach einem Gemisch unterschiedlicher Speisen, nach Bier und schlechtem Atem. Angeekelt verzog sie das Gesicht. Sie beschloss, abzuwarten, bevor sie ihm eine Lektion erteilte, nur ein paar Augenblicke noch. Vielleicht merkte er selbst, dass er einen großen Fehler beging. »Lass das«, fauchte sie. »Ich will das nicht.«
   »Als würde mich das interessieren!« Er lachte. Seine linke Hand tatschte an ihren Busen, seine Rechte strich über ihr nacktes Bein, wollte unter ihren Rock wandern.
   Er war verdammt schnell. Ihr wurde klar, dass ihr keine Zeit für Spielchen blieb. Dieser Typ war nicht zu kontrollieren. Schade. Es hätte lustig werden können.
   Magdalena griff in ihre Handtasche und tastete nach dem Spray. Als die Hand des Kerls an ihrem Slip zerrte, rammte sie ihm ihr Knie in die Eingeweide. Der Mann gab ein grunzendes Geräusch von sich und klappte zusammen, als hätte er plötzlich sein Rückgrat verloren. Aber das war auch vorher nicht sonderlich ausgeprägt gewesen.
   »Du willst dich an wehrlosen Frauen vergreifen?«, fragte sie und beugte sich zu ihm hinunter. »Das hast du sicher nicht das erste Mal versucht.«
   Er musste nicht antworten. Sie erkannte die Wahrheit in seinen blitzenden Augen.
   »Dieses Mal bist du an die Falsche geraten. Ich bin kein Opfer, keine ängstliche Frau. Und es gibt da draußen mehr von meiner Sorte. Jede von uns kann dich fertigmachen. Denk daran, wenn du dir das nächste Mal überlegst, eine Frau zu überfallen. Denk jedes Mal daran, wenn du eine Frau auch nur begierig ansiehst.« Sie hielt ihm den Pfefferspray vor das Gesicht und sprühte ihm den Reizstoff sekundenlang in die Augen.
   Der Mann brüllte vor Schmerz, wusste offensichtlich nicht, ob er zuerst seine Augen oder seine empfindlichen Körperteile vor ihr schützen sollte.
   Magdalena versetzte ihm einen letzten Tritt. Hinter dem Schutzwall, den sie um ihre Seele errichtet hatte, fühlte sie sich sicher.
   Den restlichen Weg nach Hause legte sie mit wiegendem, beinahe fröhlichem Schritt zurück.
   Was für ein Spaß!

2. Kapitel

Sie hatte schon weisere Entscheidungen getroffen, als spät nachts allein durch diese Gegend zu streifen. Magdalena hatte den Geruch von Unrat, Urin und Schweiß in der Nase. Als sie durch den Mund atmete, spürte sie die ekelerregende Textur der Gerüche auf der Zunge. Sie folgte den Schildern mit der Aufschrift Karlsplatz. In ihrem Achterbahnleben hatte sie ganz andere Vorhaben durchgeführt.
   Sie trug ihre Arbeitskleidung. Jeans, T-Shirt, Jeansjacke und Sneakers. Unauffällig genug, um keines zweiten Blickes gewürdigt zu werden und um rasch in der Menge unterzutauchen. Seit ihrem nachmittäglichen Abenteuer hatte sie ihre Wohnung noch nicht betreten. Der augenblickliche Ausflug war eine spontane Idee gewesen.
   Mit den Fingern liebkoste sie den Gegenstand in ihrer Jackentasche. Ein Elefant aus Rosenquarz. Nichts Wertvolles, aber bedeutend genug, um ihr Herz schneller schlagen zu lassen, als sie es in dem Regal des Geschenkeladens entdeckt hatte. Sobald ihr Blick auf das Rüsseltier gefallen war, hatte sie gewusst, dass sie das Richtige gefunden hatte. Sie hatte es besitzen, jedoch nicht dafür zahlen wollen.
   Das Hochgefühl hielt noch an. Machte sie lebendig und risikofreudig. Aber Letzteres war sie ohnehin. Dabei ging sie mit ihren kleinen Diebstählen kein hohes Risiko ein. Die Gefahr, geschnappt zu werden, lag ihrer Berechnung nach bei unter fünfundzwanzig Prozent.
   Das Haargel verklebte ihre Hände. Bevor sie losgezogen war, hatte sie sich ihre kurzen Haaren hochgegelt. So hinderlich diese auffällige Frisur sonst auch war, jetzt genoss sie es, aus der Masse zu stechen.
   Hinter der gerade passierten Windung des Gangs entdeckte sie eine Gruppe von fünf Männern. Selbst aus der Entfernung erkannte sie, dass sie betrunken und bereit schienen, sich bei der kleinsten Provokation auf ihr Opfer zu stürzen. Geier auf der Suche nach Frischfleisch. Sehr gut.
   Magdalena behielt ihr Tempo bei. Irgendwo in einem anderen Tunnel des Maulwurfhügels hörte sie eine U-Bahn einfahren und gleichzeitig das Tonband die Leute bitten, vom Bahnsteig zurückzutreten. Über ihr flackerte ein Oberlicht und ließ die Szene wundervoll gefährlich erscheinen. Sie zog die Mundwinkel nach oben. Vorfreude durchflutete ihre Adern.
   Als sie ein paar Schritte von den Männern entfernt war, die ihr entgegenstarrten und sich gegenseitig in die Rippen stießen, hob sie herausfordernd die rechte Braue. Es handelte sich um einen einstudierten Tanz. Der Augenkontakt. Das Streichen durch ihre Haare. Der aggressive Gesichtsausdruck.
   Sie konzentrierte sich auf die Betrunkenen und übersah dabei eine Bodenleiste. Noch während sie stolperte, griff die Hand von einem der Männer nach ihr und hinderte sie am Fallen.
   »Hoppla. Passen Sie auf, Fräulein«, hauchte er ihr mit alkoholgetränktem Atem ins Gesicht und lachte freundlich.
   Freundlich? Kein Getatsche bei dieser einzigartigen Gelegenheit? Keine anzügliche Bemerkung? Wo blieb die gewohnte Aggression? Wieso ließ der Kerl sie im Stich und gewährte ihr keinen harmlosen Kampf?
   Leise Panik erfasste sie bei dem Gedanken an die Möglichkeit, dass ihre Wirkung verschwunden war, dass sie nichts mehr von einem ganz normalen Menschen unterschied.
   Sie floh aus dem U-Bahn-Schacht und atmete die frische Nachtluft ein, deren Duft baldigen Regen ankündigte. Ihr Blick wanderte zum Sternenhimmel. Sie hatte sich auf das Klingenwetzen mit Worten gefreut. Sie wollte Spitzen verteilen, die andere verletzten und nicht sie. Sie hatte sich prügeln wollen, um irgendetwas zu spüren.
   Die Hochstimmung, die sie nach ihrer erfolgreichen Schatzsuche empfunden hatte, schwand und ließ ein Gefühl der Leere zurück. Magdalena wollte diese Zufriedenheit von Neuem entfachen und dachte daran, sich neuerlich auf die Jagd zu begeben.
   Der morgige Tag im Büro würde anstrengend werden. Eine Due-Diligence-Prüfung war durchgeführt worden, und die Tonbänder warteten darauf, von ihr abgetippt zu werden. Konnte sie beides unter einen Hut bringen?
   Bei allem Abenteuergeist, der in ihr schlummerte, durfte ihre Arbeit in dem Rechtsanwaltsbüro nicht beeinflusst werden. Sie war auf das Gehalt ihres Brotjobs angewiesen, denn Geld bedeutete Freiheit.
   Wie immer wog sie ihre Möglichkeiten gewissenhaft ab und entschied sich wohlüberlegt. Langsam machte sie sich auf den Heimweg.

Sie starrte auf den Elefanten aus Rosenquarz vor sich auf dem Esstisch. Durch das Ende des gestrigen Abends hatte sie den Diebstahl nicht genießen können. Der Misserfolg in der U-Bahn hatte alles zerstört.
   Aus dem Radio drang die Melodie eines ihrer Lieblingslieder. Come my lady von Limp Bizkit. Der aggressive Rhythmus des Liedes passte zu ihrer Stimmung bei der Jagd, auf die sie sich im Anschluss begeben würde, und bereitete sie auf den weiteren Verlauf des Abends vor.
   Noch einmal liebkoste sie mit dem Finger ihrer rechten Hand den Gegenstand, bevor sie ihn hochhob und in den bereitgestellten Karton verpackte. Ihr Blick streifte die anderen Dinge aus ihrer Trophäensammlung. Die Halstücher, die Dekorationsartikel, die Parfümflaschen, die Brieftaschen von früher. Sie waren nicht mehr wichtig. Zu leicht fiel ihr inzwischen auch das Stehlen in den Läden. Ein kleiner Schritt von den Diebstählen auf der Straße.
   Als sie damals den Passanten im Gedränge die Brieftaschen aus den Hosentaschen gezogen hatte, waren ihre Finger noch ungeübt gewesen. Mehr als einmal hatte sie knapp davorgestanden, von ihren Opfern erwischt zu werden. An einem Tag hatten sie nur ihr harmloses Lächeln und ihr charmanter Augenaufschlag vor einer Anzeige gerettet. Ihr Adrenalinspiegel war beständig angenehm hoch gewesen. Allerdings waren ihre Fähigkeiten auch nach Wochen nicht besser geworden, und sie hatte sich wohl oder übel ein anderes Betätigungsfeld suchen müssen.
   Sie breitete auf dem Tisch einen Plan aus, den sie unter einem Vorwand im Bauamt kopiert hatte. Die neue Herausforderung.
   Magdalena betrachtete die Zeichnung der Werkstatt, in deren Kasse angeblich am Ende der Woche mehr Geld lagerte als in einer mittelgroßen Bank. Das Gebäude war nur schlecht gesichert. Etwas anderes kam aufgrund ihrer mangelnden Fähigkeiten auf diesem Gebiet nicht infrage. Doch es war der notwendige nächste Schritt.
   Sie ließ den Blick durch ihre Wohnung wandern und war froh, dass sie es vermeiden konnte, irgendwelche Deko vor den steril weißen Wänden zu verteilen. Ein Zwang, der andere Menschen angeblich in Schüben beinahe fieberhaft befiel. Magdalena besaß Möbel, Geschirr und Kleidung. Jedoch hatten die Dinge, die sie stahl, außerhalb ihrer Trophäenbox nichts zu suchen. Kein Schnickschnack zu viel. Das würde sich auch nicht ändern, wenn ihr der Einbruch gelingen sollte und sie Geld genug besitzen würde, um ganze Einrichtungshäuser aufzukaufen.
   Sie war sich ihrer Grenzen gewahr. Sie besaß keine Erfahrung, kein Equipment, um sich an ein wirklich großes Ding zu wagen, das ihren Durst nach Adrenalin endlich stillen könnte. Und sie hatte niemanden, den sie diesbezüglich um Rat fragen konnte.
   Im Augenblick lagen ihre Chancen, den Coup ohne Probleme und ohne Aufmerksamkeit der Polizei abzuwickeln, bei unter fünfundzwanzig Prozent. Es handelte sich um ein langfristiges Projekt. Sie benötigte Informationen über den üblichen Tagesablauf des Inhabers, besonders den am Freitagabend, über den Dienstschluss der Angestellten, über die Alarmanlage. Sie musste sich Gedanken darüber machen, wie sie in das Gebäude einsteigen wollte, und sich das entsprechende Werkzeug besorgen. Und selbst nach dieser Vorbereitungsphase würde die Erfolgsquote ihrer Berechnung nach bei nur ungefähr fünfunddreißig Prozent liegen.
   Aus dem Nirgendwo wallte Frustration an ihre glatte Gefühlsoberfläche. Wandelte sich in heiße, rot glühende, alles verzehrende Wut. Sie griff nach dem Glas neben sich und schleuderte es an die Wand. Mit einem lauten Klirren zersplitterte es in ein nie mehr zusammenfügbares Puzzle.
   Schwer atmend starrte sie auf das einzige Zeichen von Emotionen in diesem Raum. Es war Zeit für die Jagd. Der Druck in ihrem Inneren suchte nach einem Ventil. Kurz darauf war sie in passende Kleidung geschlüpft und auf dem Weg in ihre derzeitige Lieblingskneipe, um sich dort auf die Lauer zu legen.

3. Kapitel

Magdalena betrachtete die Bodylotion in ihrer Hand. Doch statt die Liste der Inhaltsstoffe durchzulesen, wie es den Anschein hatte, kontrollierte sie aus den Augenwinkeln, ob sich jemand in der Nähe befand. Wie ein Panther auf der Lauer.
   Ihr Herz klopfte schneller, und das rasch pulsierende Blut in ihren Adern putschte sie auf. Alle ihre Sinne waren geschärft. Sie hörte die Musik und die Gespräche der anderen Kunden in dem kleinen Laden überdeutlich laut. In der durch geweitete Nasenlöcher eingesogenen Luft konnte sie den Geruch der Kosmetika, der Waschmittel und des Schweißes der Angestellten unterscheiden.
   Diese Phase genoss sie in vollen Zügen. Genau dafür nahm sie die Risiken in Kauf. Diese Vorfreude, das Zittern und Beben ihrer Nerven. Ekstase, die ihren Körper zum Glühen brachte. Der Moment, in dem die Gefahr am größten war. Und anschließend das Hochgefühl, das nie lange genug andauerte.
   Sie stellte die Bodylotion zur Seite und griff mit einer schnellen Bewegung nach der Flasche Parfüm, die einen halben Meter weiter rechts stand. Im Wegdrehen ließ sie den Behälter in die Tasche ihrer Jacke gleiten. Dabei handelte es sich um einen eingeübten Ablauf.
   Heute jedoch verfing sich der breite Verschluss des Parfüms in der Taschenöffnung. Magdalena zerrte an den Nähten und versuchte, ihr Verhalten nicht hektisch wirken zu lassen. Doch die Flasche wollte und wollte nicht in ihrer Jacke verschwinden. Sollte sie ein ähnliches Produkt auswählen? Auf ein anderes Parfüm umsteigen?
   Sie versuchte, die Flasche in ihrer Handfläche zu verbergen, und wechselte sie in die Linke. Endlich konnte sie das Parfüm in ihrer anderen Jackentasche verschwinden lassen.
   Beiläufig ließ sie ihren Blick in beide Richtungen schweifen, doch sie schien Glück zu haben. Niemand beobachtete sie. Das gemächliche Schlendern zum Ausgang des Ladens fiel ihr schwer. Ihr Herz klopfte so laut, dass sie ihre eigenen Schritte nicht mehr hören konnte.
   Ein Fuß trat über die Schwelle, der zweite folgte. Magdalena stieß die Luft aus. Sie kam unbehelligt aus dem Laden. Sie war in Sicherheit.
   Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. »Ich glaube, Sie kommen besser mit mir. Sie haben etwas, das mir gehört.«
   Magdalenas Kopf fuhr ruckartig herum. Neben ihr war ein Mann mit weißer Schürze aufgetaucht. Eindeutig der Besitzer des Ladens. Sie war ertappt.
   »Was meinen Sie?«
   »Die Flasche Parfüm in Ihrer Jackentasche, junge Frau.«
   Sie atmete tief durch und bemühte sich, die Gesichtsregungen zu zeigen, die von einer schuldbewussten Sünderin erwartet wurden. »Ich wollte das Parfüm doch nicht klauen! Die Ständer hier auf der Straße haben mich interessiert. Sobald ich mir die anderen Düfte – wozu ich beide Hände brauche – angesehen hätte, hätte ich das Parfüm normal bezahlt.«
   Ein Blick ihres Gegenübers genügte, um sie die ungläubige Verachtung des Ladenbesitzers spüren zu lassen. Das war nicht ihre Woche. Zuerst der Misserfolg in der U-Bahnstation, die unlösbare Aufgabe des Einbruchs, und jetzt das.
   »Verkaufen Sie mich nicht für dumm, junge Dame. Ich habe Sie bereits öfter gesehen. Und es würde mich überraschen, wenn Sie sich nicht schon ein paar Mal bei mir bedient hätten.« Der Mann mit dem runzeligen, verhärmten Gesicht griff nach ihrem Oberarm und zog sie ins Innere des Ladens.
   Magdalena versuchte es mit einem Lächeln. »Das stimmt nicht. Sie müssen mich verwechseln. Kommen Sie, das ist nur ein Missverständnis.«
   »Wo kämen wir da hin, wenn ich das jedem durchgehen ließe, der sich herauszureden versucht? Ich habe schließlich einen Laden zu führen und eine Familie zu ernähren.«
   »Aber ich habe grad mal einen Schritt aus dem Geschäft gemacht. Das ist kein Diebstahl.«
   »Soll ich etwa warten, bis Sie verschwinden, und Ihnen nachlaufen, damit andere Diebe in Ruhe die Regale ausräumen können? Dann kann ich gleich Konkurs anmelden.« Sein Blick blieb stur. »Und jetzt muss ich telefonieren.«
   Sie konnte ihn nicht davon abhalten, die Polizei zu verständigen, auf die sie unter seiner Beobachtung neben der Kasse wartete. Während das Blut siedend heiß durch ihren Körper floss, versuchte sie, ihre Angespanntheit und die Frustration unter Kontrolle zu bringen.
   Ärgerlich genug, dass sie erwischt worden war. Doch als sie die Ankunft der beiden Polizisten bemerkte, ahnte sie, dass ihre Probleme größer waren als gedacht. Sie starrte den linken Gesetzeshüter an.
   Die blonden, strubbeligen Haare, die honigbraunen Augen, die Narbe über der linken Augenbraue, der Dreitagebart. Bilder schossen ihr durch den Kopf von zwei eng umschlungenen, nackten, schweißglänzenden Körpern. Allein bei der Erinnerung wallte Erregung in ihr hoch. Schade, dass es nicht noch einmal geschehen würde. Diese Tatsache hatte ihre damalige Eroberung, die sich nun als Bulle entpuppte, schlecht aufgenommen. Er war vom Verlauf des Abends enttäuscht gewesen. Würde er nun Rache an ihr üben?
   Der Gesetzeshüter hatte sie erkannt, kurz nachdem er den Laden betreten hatte. Sie bemerkte es an der Verblüffung auf seinem Gesicht. Er wandte sich an seinen Kollegen und schien ihm etwas mitzuteilen. Vielleicht, dass er wusste, wer sie war?
   »Hallo Magdalena«, begrüßte sie der Polizist und lächelte sie an. »Das nenne ich eine Überraschung.« Der Ausdruck in seinen Augen zeigte ihr, dass er gern eine Erörterung ihrer Beziehung vor seinem Kollegen vermieden hätte. Das war auch in ihrem Interesse.
   Sie hatte nicht erwartet, ihn jemals wiederzusehen. Er hatte sich sogar ihren Namen gemerkt. Ihr Zusammentreffen vor drei Wochen und ihre … gemeinsame Tätigkeit waren als einmalige Sache geplant gewesen. Keine Wiederholung, lautete ihre sechste Regel. Und nun lag ihr Schicksal in seinen Händen.
   Wie hatte sein Name gelautet? Normalerweise fragte sie nicht nach den Namen der Männer, aber er hatte ihn ihr mit seiner Telefonnummer mehrmals mitgeteilt. Als würde sie ihn eher anrufen, wenn sie wusste, wie er hieß. Irgendetwas mit S … Stephan!
   »Wie schön, dich zu sehen, Stephan« murmelte sie.
   Seine rechte Augenbraue hob sich. Er drehte sich zu dem Ladenbesitzer um. »Wieso haben Sie uns angerufen?«
   »Diese junge Dame wollte ein Parfüm stehlen«, meinte der Mann mit der Schürze und reichte dem Polizisten das Corpus Delicti. »Ich habe sie auf frischer Tat ertappt.«
   »Ich wollte beide Hände frei haben, um die anderen Parfüms zu probieren. Nur deshalb habe ich die Flasche eingesteckt.«
   »Niemand glaubt diese lächerliche Ausrede«, fauchte ihr Ankläger.
   Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe vergessen, dass das Parfüm noch in meiner Jackentasche war, als ich mir die Produkte auf den Regalen vor der Tür ansehen wollte. Was wollen Sie mir vorwerfen? Dass ich mir keinen Einkaufskorb beim Eingang genommen habe, um mehr zur Kasse tragen zu können? Bin ich schuldig, weil ich der Konsumsucht nicht hemmungslos nachgebe?«
   Der Polizist legte dem Ladenbesitzer beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. »Ich denke, es kann sich nur um einen Irrtum handeln. Können wir uns kurz unter vier Augen unterhalten?«
   Magdalena musste bei dem anderen Polizisten warten, während sich ihr Bulle mit dem Ladenbesitzer ein paar Schritte entfernte. Mit gerunzelter Stirn beobachtete sie, wie der Mann, der vor einiger Zeit zufällig zu ihrem Opfer geworden war, sich in eine rege Diskussion mit dem Besitzer des Ladens vertiefte. Sie erinnerte sich an den Bullen, weil er nicht in ihr normales Beuteschema gepasst hatte. Er war der raue Typ, der Schwierigkeiten machte. Dennoch hatte sie sein kühles Selbstbewusstsein angezogen wie ein blühendes Blumenfeld einen Schwarm Schmetterlinge. Hätte sie gewusst, dass sie es mit einem Mann des Gesetzes zu tun hatte, hätte sie sich nie auf ihn eingelassen. Ob dieser Moment der Schwäche ihr Schwierigkeiten bereiten würde, bekäme sie bald zu hören. Die beiden kehrten zurück.
   »Danke, dass Sie meiner Schwester gegenüber Nachsicht walten lassen«, vernahm sie aus dem Mund des Polizisten, als er mit dem Ladenbesitzer näher kam. »Ich verspreche Ihnen, ich werde persönlich dafür sorgen, dass so etwas nicht mehr vorkommt.«
   Magdalena ballte die Hände an ihrer Seite. »Das brauchst du nicht, Bruderherz. Ich habe aus dem heutigen Tag gelernt.«
   Der Mann, dessen Laden sie besser niemals wieder betrat, runzelte die Stirn. Er schien nicht überzeugt. Das war ihr egal. Hauptsache, es würde keine Anzeige geben.
   »Noch mal danke«, meinte Stephan. Er bat seinen Kollegen, beim Wagen auf ihn zu warten. Ob der ahnte, dass es sich bei ihr nicht um Stephans Schwester handelte? Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, misstraute er der Behauptung. »Ich bin gleich zurück. Und du kommst mit mir.« Letzteres war an Magdalena gerichtet.
   Sie ließ zu, dass er vorging und sie in eine ruhige Hauseinfahrt zog.
   »Zeig mir deinen Ausweis«, forderte er, sobald sie allein waren.
   »Wieso sollte ich das tun?« Ihr patziger Tonfall wies ihn hoffentlich in seine Schranken. Sie zog den schwarzen, groben Stoff der Jacke um ihren Körper, während sie auf die graue Mauer hinter ihm starrte.
   Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht wäre es besser, wenn ich dem Ladenbesitzer gegenüber zugebe, dass ich mit dir und deinen Eskapaden überfordert bin.«
   Magdalena schnaubte. Mit möglichst gleichgültigem Gesichtsausdruck zog sie ihre Papiere aus der Hosentasche. Sollte er doch ihren Namen kennen. Sie hatte ebenfalls ein Druckmittel gegen ihn in der Hand. Er würde sie nicht verraten.
   Der Polizist warf einen Blick auf ihren Ausweis und hob überrascht die Augenbrauen. »Wieso behauptest du, Magdalena zu heißen?«
   »Das geht dich nichts an.«
   »Johanna.« Ihr Name schien auf seiner Zunge zu zergehen.
   Der Schauder, der ihr über den Rücken lief, war ihr unangenehm. Sie fixierte das Graffiti an der Wand auf der anderen Straßenseite. »Mach keine große Sache draus. Magdalena ist mein Künstlername. Lass uns das Thema wechseln.«
   »Gern. Ich habe da ohnehin noch eine Frage, weißt du? Mir ist aufgefallen, dass das Parfüm keine fünfzehn Euro gekostet hat. Kannst du dir das nicht auf normalem Wege leisten?«
   Sie schnaubte. Als würde es darum gehen. »Ich finde es unhöflich, mich zu wiederholen, aber das geht dich nichts an. Ich frage mich, ob du jeder deiner Eroberungen eine Anzeige ersparst.«
   »War noch nicht oft notwendig«, murmelte der Polizist und mied ihren Blick.
   Seine Verlegenheit gefiel ihr. »Weiß jemand aus deinem beruflichen Umfeld über deine nächtlichen Betätigungen mit fremden Frauen Bescheid? Wird solche Verderbtheit beim psychologischen Eignungstest nicht aufgedeckt?«
   »Ich mache so etwas normalerweise nicht«, behauptete Stephan.
   Klar, das sagten sie alle. Kein Mann gab gern zu, dass er sich mehr als einmal auf ihr Niveau herabgelassen hatte.
   »Hör zu. Dieses Mal habe ich dich vor einer Anzeige bewahren können. Aber ich kann nicht immer zu deiner Rettung eilen. Wie soll ich wissen, dass du in Schwierigkeiten bist?«
   »Du könntest mir deine Visitenkarte geben«, meinte sie neckisch. »Oder ich werfe das Batman-Zeichen in den Nachthimmel und warte auf dich. Du könntest mein persönlicher Notfallplan sein.«
   Sein Blick hielt ihren fest. »Möchtest du meine Telefonnummer? Vielleicht aus einem anderen Grund?«
   Nach einem kurzen Luftschnappen begann sie zu lachen. »Danke für das Angebot, aber ich muss passen. Es war nett von dir, mir aus der Klemme zu helfen. Der Rest kann dir egal sein. Bei meiner Person könnte es sich um eine viel gesuchte Verbrecherin handeln, und es ginge dich nichts an.«
   »Dir ist schon klar, dass ich bei einer Verurteilung deinerseits mit hineingezogen werde, wenn man die Verbindung zwischen uns beiden herausfindet, oder?«
   Ihr betroffenes Gesicht war aufgesetzt. »Du meinst also, ich muss für dich mit dem Stehlen aufhören? Mein Gott, wenn ich geahnt hätte, dass ich dir Schwierigkeiten bereite, hätte ich nie im Leben damit angefangen. Die berufliche Unantastbarkeit meiner One-Night-Stands ist mir schließlich heilig.«
   Stephan kickte einen Stein vor seinem Fuß weg und wandte den Kopf, als der Kiesel langsam Richtung Straße rollte. »Jetzt mal Klartext«, meinte er mit harter Stimme. »Ich habe Rücksicht genommen, weil wir beide uns unter ungewöhnlichen Umständen kennengelernt haben und ich den Eindruck habe, dass du mehr Hilfe brauchst, als dir bewusst ist.«
   Sie schnaubte. »Du hast wohl zu viele Superhelden-Comics gelesen. Ich bin keines dieser dankbaren, geretteten Opfer, das vor Ehrfurcht zerfließt.«
   Er ignorierte ihren Einwand. »Mir ist egal, dass ich meinem Chef vielleicht erklären muss, weshalb ich den Ladenbesitzer überredet habe, die Anzeige fallen zu lassen. Aber wenn mir zu Ohren kommt …«, er wedelte mit ihrem Ausweis vor ihrer Nase herum, »dass du wieder klaust, werde ich dafür sorgen, dass du als Wiederholungstäterin verurteilt wirst.«
   »Wow, so fühlt es sich also an, wenn einem das Herz gebrochen wird.« Sie schien es endlich übertrieben zu haben.
   Stephans Gesichtszüge entglitten. »Du hast gewonnen. Ich gebe es auf. Anscheinend komme ich nicht zu dir durch.« Er reichte ihr den Ausweis, den sie wieder in ihre Hosentasche steckte. »Doch ich meine jedes Wort ernst. Ich werde mir deinen Namen merken. Für den Rest bist du allein verantwortlich.«
   Magdalena lächelte. Damit war sie mit ihm fertig. Sie beschloss, das neuerliche Zusammentreffen mit dem Polizisten möglichst rasch zu vergessen. Und das würde ihr am leichtesten fallen, indem sie sich morgen auf die Jagd nach einem neuen Souvenir machte. Der Kerl mit dem Retterkomplex würde doch nicht ehrlich annehmen, er hätte sie von ihrer Leidenschaft kuriert?
   Mit einem freundlichen Lächeln tätschelte sie seine Schulter. »Noch mal danke. Ich muss leider los. Termine, verstehst du? Aber ich weiß zu schätzen, was du für mich getan hast. Und jetzt noch ein schönes Leben.«

4. Kapitel
Herbst 1995

»Hexe, Hexe!«
   Die Hiebe waren nicht stark. Es handelte sich eher um Schubsen und Rempeln. Sie waren auch nicht dazu gedacht, Schmerzen zu verursachen, sondern Johanna zu demütigen.
   Sie wehrte die Schläge nicht ab. Sie versuchte lediglich, das Gleichgewicht zu halten, um sich einen letzten Rest an Würde zu bewahren. Es war nicht der erste Überfall dieser Art von ihren Schulkollegen. Sie hatte gelernt, mit ihren Gedanken währenddessen weit weg zu flüchten.
   Die Kinder kicherten. Ihre Augen glitzerten bösartig. Sie nannten Johanna neben Hexe auch Bastard. Doch das Wort hatte keinerlei Bedeutung für Johanna.
   Die Schläge ließen nach. Zu ihrem Glück waren Zwölfjährige nicht ausdauernd, doch Martin stachelte die Kinder wieder an. Nur seinetwegen wurde Johanna in der Schule wie eine Außenseiterin behandelt. Durch ihn war ihr Leben mit Hass und Schikanen gefüllt. Es fühlte sich an wie eine Vorstufe zur Hölle. Dabei wusste sie nicht einmal, was sie ihm getan hatte.
   Sie hätte einen anderen Heimweg wählen können, um sich von Martin fernzuhalten. Doch wenn sie diese Straße entlangging, bestand eine 75-prozentige Chance, dass sie Robert traf. An drei von vier Tagen konnte sie ihm zunicken und ein verschämtes »Hallo« murmeln. Und das schien ihr jedes Risiko wert.
   Martin stieß mit beiden Händen gegen Johannas Brust und brachte sie zu Fall. Sie krallte die Hände in die sandige, feuchte Erde. Wenigstens würde man ihrer mehrmals geflickten Hose den Sturz nicht ansehen.
   »Du hast alles kaputtgemacht«, raunte Martin ihr zu.
   Johanna spürte feine Spucketröpfchen auf ihren Wangen. Er beugte sich zu ihr und drohte, mit den Fäusten auf sie loszugehen.
   »Was soll der Quatsch, Martin?«, ertönte eine Stimme hinter ihnen.
   Johanna erkannte sie, ohne hinzusehen. Robert. Ihr Retter.
   Martin, Roberts Cousin, blickte finster, ließ aber von Johanna ab. Widerwillig trat er einen Schritt zurück und senkte die Augen. »Sie hat es verdient. Sie ist eine Hexe.«
   Während sich Johanna langsam aufrappelte, erkannte sie, dass Robert den Kopf schüttelte. Er schien der Einzige zu sein, der ihr nicht mit Misstrauen begegnete. Sie war ihm so dankbar.
   Er streckte ihr eine Hand entgegen und zog sie hoch. Sie strahlte ihn an, doch außer einem geflüsterten »Danke« brachte sie kein Wort hervor.
   Gern hätte sie noch eine Weile seine Hand gehalten, aber Robert wandte sich bereits wieder ab. Er wartete, bis Martin und die anderen Kinder ihm folgten. Nach einem letzten Gruß in Johannas Richtung machte er sich auf den Heimweg.
   Sie blieb allein zurück und starrte ihm hinterher. Wenn sie nur nicht so feige wäre. Wenn sie und Robert an der Schule nicht in so unterschiedlichen Ligen spielen würden. Wenn ihr Leben bloß kein Albtraum wäre!

5. Kapitel

»Hexe, Hexe!«
   Sie konnte die Gedanken der Anwesenden hören, spürte die finsteren Blicke in ihrem Rücken. Im schlecht geputzten Spiegel hinter der Theke, an der sie saß, beobachtete sie in der düsteren Beleuchtung die anderen Gäste der Bar. Der Hass war deutlich in den Gesichtern der Männer zu lesen, in denen derer, die sie gehabt hatten, und in denen derer, die von ihr abgewiesen worden waren.
   Vielleicht wurde es Zeit, das Revier zu wechseln. Zu Beginn waren ihr die Räume mit der schmuddeligen Atmosphäre, dem billigen Alkohol und dem jungen Publikum als gute Wahl erschienen. Nach fast einem Jahr schien der Augenblick gekommen, an dem sie wieder einmal einen unverbrauchten Jagdgrund suchen musste.
   Inzwischen kannte sie die meisten der Anwesenden, wusste, wie sich ihr Gesichtsausdruck durch die schmutzig gelbliche Beleuchtung änderte, wenn sie über sie tuschelten, und ahnte, was sie über sie dachten. Über die verdorbene Frau mit den unangebrachten, abartigen Gelüsten, die Sünderin.
   »Na, auf der Suche nach einem neuen Opfer?«, erkundigte sich der Mann, der sich mit einer geschmeidigen Bewegung auf den Barhocker neben ihr schob.
   Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, nippte Magdalena an ihrem Glas, das ihr der Barkeeper dank einer kleinen Finanzspritze stets nur mit Wasser füllte. Auch, ohne hinzusehen wusste sie um die Bitterkeit in den Augen ihres Sitznachbarn. Und um sein strubbeliges, blondes Haar.
   »Das Wort Opfer impliziert, dass ich die Männer zwinge. Das ist eindeutig nicht der Fall, wenn du deine eigene Erinnerung bemühst.«
   Er bestellte ein Bier und umfasste in einer Nachahmung ihrer eigenen Haltung die Flasche mit beiden Händen, die Ellbogen auf dem Tresen abgestützt, die klebrige, undefinierbar verfärbte Oberfläche ignorierend. »Du lässt ihnen aber keine Entscheidungsfreiheit, wenn es darum geht, den Ablauf des Abends selbst zu bestimmen.«
   Ein trockenes Lachen gestand sie ihm zu. »Ich hatte nicht den Eindruck, dass dich das gestört hat, solange wir im Bett lagen.«
   »Mag sein«, gab er zu und schien ihren Gesichtsausdruck im Spiegel zu beobachten. Zuvor waren seine Blicke in ihrem Ausschnitt verschwunden.
   Durch eine gezielte Bewegung war ihre Lederjacke auseinandergeklafft und hatte einen Blick auf ihre mit einem schwarzen Top spärlich bedeckten Brüste freigegeben.
   »Ich hatte an der erotischen Lehrstunde mit dir tatsächlich nichts auszusetzen«, räumte er ein. »Wobei wir es nicht wirklich ins Bett geschafft haben, wenn ich mich recht erinnere.«
   »Was machst du überhaupt im Blue Moon?«, wechselte sie das Thema, während sie weiter die Besucher der Bar im Blick behielt.
   »Tja, vielleicht verfolge ich dich.«
   »Der Eindruck drängt sich mir hin und wieder auf«, murmelte sie und hob ihr Glas an die Lippen. Vier- bis sechsmal im halben Jahr musste sie den angestauten Druck loswerden, musste ein kalkulierbares Risiko eingehen und in einer Bar auf gutes Material lauern.
   Seltsamerweise saß Stephan seit ein paar Wochen jedes Mal neben ihr und verschreckte ihre Beute. Hatte er ihren geheimen Rhythmus entschlüsselt, den sie selbst nicht verstand, oder kam er täglich hierher? War er hier wegen seiner berufsbedingten Aufdringlichkeit oder als lästiger Verehrer?
   Auch wenn es überheblich geklungen hätte, wenn es laut ausgesprochen worden wäre, so konnte sie nachvollziehen, womit ihre Anziehungskraft auf Männer zu erklären war. Zufrieden strich sie über ihre schwarzen, mit dunkelbraunen Strähnen durchsetzten wirren Haare. Sie ließen sie jugendlich frech, fast jungenhaft erscheinen und hatten in Männern nicht nur einmal den Wunsch geweckt, beide Hände in den Wuscheln zu vergraben. Männer glaubten, sie vor sich selbst beschützen zu müssen. Als wäre das nicht genauso unmöglich wie einen Tornado aufzuhalten.
   »Du tauchst verdächtig oft in meiner Nähe auf.«
   »Wenn unsere erste, wirklich intime Begegnung schon unerwartet war, muss ich gestehen, dass unser zweites Zusammentreffen um einiges überraschender verlief.«
   Magdalena schnaubte. »Hätte nicht gedacht, dass ich jemals mit einem Bullen in der Kiste landen würde.«
   »Und ich mit einer Diebin. Das hat mich mindestens genauso schockiert, glaub mir.« Stephan leerte sein Bier mit einem letzten Zug und deutete dem Barkeeper, ihm noch eines zu bringen. »Du hättest im Gefängnis landen können.«
   »Bin ich aber nicht«, verkündete Magdalena trocken. Sie hatte das Gefühl, dass sie dieses Gespräch bei jedem Treffen mit leichten Abwandlungen führten.
   Die Finger des Mannes klopften einen schnellen Takt auf dem schmutzigen Tresen. »Du hattest Glück, dass du an mich geraten bist. Meine Kollegen hätten keine Skrupel gehabt, dich hinter Gitter zu bringen, Johanna.«
   »Johanna existiert hier nicht«, fauchte sie ärgerlich. An Orten wie diesen hieß sie Magdalena, hatte den Namen bewusst gewählt. Maria Magdalena, die angebliche Sünderin, Prostituierte. Dieses Stigma hatte die Frau der Kirche zu verdanken, vergeben aus Angst vor ihrer Bedeutung, vor ihrer Macht oder vor Schlimmerem. Der Name schien ihr passend.
   »Ich verstehe es nicht. Alles wegen einer Flasche billigen Parfüms. Das ganze Risiko wegen nicht einmal fünfzehn Euro. War es das wert?«
   Magdalena seufzte. Diese Frage hatte kommen müssen. »Für mich schon.«
   Als eine Gruppe Männer durch den Eingang der Bar schwappte, musterte sie sie aufmerksam, verlor aber rasch das Interesse. Zu betrunken.
   »Die Selbstgerechtigkeit trieft dir aus jeder einzelnen Pore«, murmelte sie. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Stephan die anderen Besucher der Bar ebenfalls betrachtete. Nachdem sie jetzt wusste, welchen Beruf er ausübte, war sein Verhalten für sie leichter nachvollziehbar.
   »Du bist schwer zu durchschauen. Anscheinend brauchst du nicht das Geld, denn sonst hättest du dein – nennen wir es – Hobby, das du heute wieder auszuüben beabsichtigst, zum Beruf gemacht. Vielleicht ist es also der Reiz des Verbotenen. Der würde hinter Gittern rasch verfliegen. Du solltest also mein Engagement für dich zu schätzen wissen.«
   »Glaubst du etwa, ich lasse dich aus lauter Dankbarkeit noch mal ran?« Ihre Stimme klang amüsiert.
   »Ich hätte nichts dagegen, unser Schäferstündchen zu wiederholen, weißt du? Diesmal vielleicht im Bett? Langsam und ohne Hektik?« Die Narbe über seiner rechten Augenbraue schien zu pulsieren.
   »Das geht nicht«, lautete ihre immer gleiche Antwort.
   »Deine … wie viele waren es? Sechs? Deine sechs idiotischen Regeln«, meinte er mit einem harten Lachen.
   In ihrem Privatleben hätte Magdalena den Kopf über ihn geschüttelt, doch nun unterließ sie es. Das hier war nicht ihr Alltag, sondern eine Notwendigkeit. Manchmal lästig und manchmal auch wundervoll aufregend. »Selbst, wenn es diese Regeln nicht gäbe, wüsste ich nicht, weshalb ich ausgerechnet mit dir den Sex wiederholen sollte.«
   »Autsch.«
   Wie gern hätte sie gelächelt. »Aufgewärmtes verliert an Geschmack. Außer es handelt sich um Gulasch, weißt du?« Bewusst wiederholte sie sein immer gleichbleibendes Satzanhängsel.
   Er schwieg ein paar Minuten und gab ihr dadurch Zeit, in Ruhe im Spiegel ein passendes Objekt auszuwählen. Statt eines Opfers entdeckte sie allerdings eine Frau mit dunklen Locken und verhärmtem Gesicht. Ungefähr im gleichen Alter wie die Frau, an die sie Magdalena erinnerte und die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Mit einem Mal war sie wieder ein kleines, verängstigtes Kind. Ihr Puls raste.
   Worte drangen an ihr Ohr, ergaben keinen Sinn.
   Nur langsam verschwamm die falsche Realität vor ihren Augen, wurde Magdalena älter und zu der Identität, in die sie sich inzwischen gezwängt hatte. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, dass Stephan ihr neugierige Blicke zuwarf.
   »Ich fürchte, ich habe nicht verstanden«, brachte sie mit kratziger Stimme hervor.
   »Das Lied!«
   Verständnislos lauschte sie der Musik, der außergewöhnlichen Stimme, die den Raum erfüllte.
   »You wanna be someone else«, hauchte die Sängerin von Skunk Anansy den Refrain von Secretly.
   »Was ist damit?«, fragte sie verwirrt.
   »Ich meinte gerade, dass es zu dir passt, und wollte wissen, ob du dir nicht endlich eingestehen möchtest, dass es dir genauso geht. Dass du ein anderes Leben möchtest.«
   Magdalena lachte schallend. »So ein Blödsinn.«
   »Jede Frau sehnt sich nach Romantik«, beharrte er.
   »Dir ist klar, dass es frauenverachtend ist, wenn du uns alle über einen Kamm scherst?« Sie wandte sich ihm das erste Mal an diesem Abend direkt zu und sah ihm ins Gesicht. »Ich bin emanzipiert genug, um mich wie ein Mann zu benehmen und keine Probleme damit zu haben.«
   Mit finsterem Blick nippte er an seinem Bier. »Wer’s glaubt«, murmelte er, nachdem er die Flasche wieder auf den Tresen gestellt hatte.
   Sie wurde ernst. »Was bringt dich auf die absurde Idee, ich wäre nicht zufrieden mit meinem Leben? Glaubst du etwa, ich bin auf der Suche nach einem Mann, der nach sieben Ehejahren immer noch einen Umweg mit dem Rasenmähertraktor fährt, um mir beim Unkrautzupfen den Hintern betatschen zu können?« Sie schüttelte den Kopf und dachte an den Plan, der in ihrer Wohnung auf dem Esstisch lag. Wie würde seine Reaktion darauf wohl aussehen? Offener Mund. Weit aufgerissene Augen. Schnappatmung. »Wieso diskutiere ich mit dir über etwas, das du offensichtlich nicht verstehen willst?«, meinte sie mehr zu sich selbst. »Und wie kommst du überhaupt darauf, dass dich das was angeht?« Ihre Stimme klang aggressiv. Von einem Mann, den sie schon gehabt hatte, ließ sie sich sicher nicht die Laune verderben. So gut er auch gewesen sein mochte.
   »Hast du eine Batterie verschluckt?«, fragte er.
   Sie starrte ihn verständnislos an. »Wie bitte?«
   »Du scheinst unter Strom zu stehen.«
   Verärgert schüttelte sie den Kopf. Jeder Kommentar war unnötig.
   »Hallo schöne Frau. Macht der Typ dir Ärger?«, erklang eine Stimme neben ihr.

6. Kapitel

Abrupt drehte sie den Kopf. Sie war dermaßen in ihre Diskussion mit Stephan vertieft gewesen, dass sie nicht gemerkt hatte, wie sich der Fremde, der sich als Riese entpuppte, genähert hatte.
   »Ich könnte ihn dir in weniger als fünf Sekunden vom Hals schaffen«, fuhr der Neuankömmling fort und blies ihr seinen alkoholschwangeren Atem ins Gesicht.
   »Danke, Kumpel. Ich komme allein zurecht.« Sie wandte sich ab.
   Der Kerl schien ihr Nein nicht zu verstehen. »Wir könnten doch was zusammen trinken. Ich lade dich ein.« Er schob ihr ein Glas Brandy rüber.
   Magdalena seufzte. Er kam als Opfer nicht infrage. Das musste diesem Neandertaler nur noch klar werden. »Sorry. Du hast zu viel Alkohol intus«, meinte sie und gab ihm das Glas zurück. Sie trank nichts, das nicht direkt vor ihren Augen aus der Flasche geschenkt worden war.
   »Hey, wir können doch Spaß zusammen haben. Ohne den Nerver da drüben.« Er deutete mit dem Kopf auf Stephan.
   Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine Bewegung. Stephan schien ihr zu Hilfe kommen zu wollen. Sie hob die Hand, um ihn zu stoppen. »Beantworte mir ein paar Fragen«, forderte Magdalena. »Was hältst du zum Beispiel vom Küssen?«
   Der Mann neben ihr lächelte. »Coole Sache. Immer und jederzeit.«
   »Und Kuscheln, langes Vorspiel, viel Gerede vorher, währenddessen und nachher?«
   »Da bin ich dabei. Wenn du darauf stehst, strenge ich mich noch mehr an.« Er zwinkerte anzüglich.
   Magdalena rückte auf ihrem Stuhl zurecht. »Bist du ein Partner für mehr als nur eine Nacht?«
   Der Pseudocharmeur glaubte sich mit seiner Antwort offensichtlich auf der sicheren Seite. »Klar. Wenn wir uns gut verstehen, entsteht vielleicht eine Liebe fürs Leben.«
   »Zu guter Letzt: Was wäre, wenn ich auf dominante Männer stehe?«
   »Dann bin ich dein Mann.«
   Lächelnd wiegte sie den Kopf. »Sorry. Von der Vorstellung meines Traummannes bist du nach deinen Auskünften so weit entfernt wie die Erde von der Sonne.« Sie lächelte und wandte sich wieder dem Getränk vor ihr zu.
   »Das denke ich nicht. Ich kann sein, wer immer du willst.«
   Wieder nicht deutlich genug. »Kompromisse scheinen dein Ding zu sein. Aber damit liegst du bei mir falsch.«
   Der Unbekannte griff nach ihrem Oberarm, zu grob, um harmlos zu sein. »Komm schon.«
   »Jetzt hör mal zu, Freundchen«, meinte Magdalena mit leicht genervter Stimme. »Du lässt mich augenblicklich los, oder du bekommst Probleme mit dem Polizisten neben mir.«
   Endlich gab der Kerl auf und zog mit beleidigtem Gesichtsausdruck und seinem Alkoholnachschub von dannen.
   Sie seufzte.
   »Ich bin also wieder mal gut genug, um deinen Beschützer zu spielen.« Stephans Tonfall klang nicht amüsiert.
   »Tut mir leid, dass ich dich nicht um Erlaubnis gefragt habe. Nachdem du allem Anschein nach ohnehin zu meiner Hilfe geeilt wärst, wollte ich die Sache abkürzen.«
   Stephan wandte sich zu ihr um. »Freut mich, dass es dir grad wieder in den Kram passt, meinen Beruf auszunutzen.«
   Magdalena zuckte mit den Schultern. »Ich gebe es gern zu. Es kann ganz praktisch sein, einen Bullen zu kennen.«
   »Eisprinzessin.«
   Der Name war offensichtlich als Beleidigung gedacht, kam jedoch nicht so bei ihr an. Sie lächelte. »Danke.«
   Im Spiegel vor sich bemerkte sie, dass sie beobachtet wurde. Die geweiteten Pupillen des fremden Mannes waren direkt auf ihren Hintern gerichtet. Nun blickte er hoch. Dass er ertappt worden war, schien ihn nicht zu stören. Nicht schüchtern oder Frauen gegenüber nervös. Das passte.
   Magdalena hielt seinen Blick fest und hob einladend die rechte Augenbraue und die Mundwinkel. Während sie ignorierte, dass Stephan sie neuerlich in eine Konversation verwickeln wollte, versuchte sie, ihr Opfer anzulocken.
   Der Schwarzschopf wirkte unsicher, wie er auf ihr offensichtliches Interesse reagieren sollte. Seine Blicke wanderten zwischen ihr und Stephan hin und her. Um ihm die Entscheidung zu erleichtern, drehte sie sich auf ihrem Hocker um und prostete ihm zu.
   Mit einem Lächeln wollte sich ihre Beute erheben, um endlich zu ihr zu gehen, doch plötzlich konzentrierte er sich wieder auf seine Freunde. Wieso hatte er es sich anders überlegt? Was war geschehen?
   Einen Verdacht im Hinterkopf wandte sie sich Stephan zu und konnte beobachten, dass er dem als Rivalen empfundenen Mann einen bösen Blick zuwarf. Er spielte neuerlich den Beschützer.
   »Versau mir nicht noch einmal die Tour«, drohte sie. Damit hatte es sich für sie. Seinen fadenscheinigen Entschuldigungsversuch ignorierte sie ohne schlechtes Gewissen. Die nächste Viertelstunde schwiegen sie.
   Endlich öffnete sich die Tür der Bar, und ein Mann im richtigen Alter mit einem Gesicht und einem Körper, die beide ansprechend genug waren, trat ein. Frischfleisch, perfektes Frischfleisch, konstatierte Magdalena zufrieden, während sie ihn im Spiegel abcheckte. Dazu passte das Lied, das aus den Boxen der Bar dröhnte: Pretty piece of flesh von One Inch Punch.
   Magdalena hob die Mundwinkel zu einem zufriedenen, lasziven Lächeln. Sie war wieder auf der Jagd. »Entschuldige, wenn ich dich verlasse«, sagte sie zu Stephen, während sich der Neuankömmling umsah und an einem Tisch in der hinteren Ecke Platz nahm. »Ich fürchte, du vergraulst sonst meine Beute.« Sie glitt vom Hocker, rückte mit einer nachlässigen Fußbewegung die engen Lackhosen über den Stiefeln zurecht und schlich sich geschmeidig wie eine Raubkatze an das aktuelle Objekt ihrer Begierde heran.
   »Willst du mir nicht lieber noch eine Chance geben? Alles nach deinen Regeln«, meinte Stephan hinter ihr, als wäre es ihm ein Gräuel, dass sie einen x-beliebigen Mann ihm vorzog.
   Ängstlicher Bulle. Magdalena machte eine kurze Bewegung mit der Schulter, als wollte sie ihn abschütteln, und ging weiter.
   Sie erkannte genau den Augenblick, in dem sie die Aufmerksamkeit ihres Opfers vollends erregte. Sein Blick glitt beim Umsehen von ihrer Gestalt zu der Gruppe neben ihr, kehrte sofort zurück und blieb an Magdalena haften. Der fremde Mann brachte kein Lächeln zustande, weil seine Augen damit beschäftigt waren, sie weit aufgerissen zu mustern.
   Magdalena setzte sich. »Wird deine Freundin eifersüchtig, wenn ich mich mit dir … unterhalte?«
   »Nein … nein, ich bin ohne Begleitung unterwegs«, stotterte der junge Mann und schluckte hektisch, während er anscheinend sein Glück nicht fassen konnte. »Willst du ein Bier?«
   »Das ist nicht notwendig«, meinte sie kopfschüttelnd. Wozu Zeit verlieren?
   Er runzelte die Stirn. »Ich kann uns auch einen anderen Drink besorgen.«
   »Das ist nicht notwendig«, wiederholte sie. »Du musst mir keine Getränke spendieren. Lass uns einfach gehen.« Sie hatte an seinem Blick erkannt, dass er bereit war, ihr beim Abbauen des Drucks zu helfen. Seine Blicke wanderten neuerlich tastend über ihren Körper und schienen das Gesehene für gut zu befinden, während er sich mit der Zunge die trockenen Lippen befeuchtete.
   »Aber zuerst müssen wir noch etwas klären. Es gibt ein paar Regeln.«
   »Regeln? Ich verstehe nicht …« Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum.
   Ja, er war nur zu bereit. Magdalena beugte sich nach vorn und fixierte ihn mit eindringlichem Ausdruck. »Erstens: kein Herumgeknutsche. Zweitens: kein unnötiges Getatsche. Drittens: kein Wort zu viel. Viertens: Ich bestimme, wo es langgeht. Fünftens: Ein Nein ist ein Nein. Und zu guter Letzt sechstens: Wenn es vorbei ist, ist es vorbei, keine Verpflichtungen, keine Wiederholung.«
   »Falls du mich abtörnen willst, bist du nicht erfolgreich.« Er lachte unsicher.
   Ihre Regeln mussten ihm nur zu verlockend erscheinen. Aber er ahnte nicht, dass sie sich ausnahmslos daran hielt, selbst wenn er seine Meinung ändern sollte. Verhielt sich eine Frau so tough, wie es sonst Männer taten, kamen die mit der ihnen von Magdalena zugedachten Rolle manchmal schlecht zurecht. Das wusste sie aus Erfahrung. Sie verbot sich, zu dem Mann in ihrem Rücken zu sehen, der sie vermutlich immer noch beobachtete.
   »Keine Sorge. Abgetörnt würde ich dich nicht mehr brauchen.« Magdalena griff nach der Hand des Willigen und zog ihn förmlich zur Tür hinaus, verließ das Jagdrevier grußlos. Stephan ignorierte sie. Er verstand einfach nicht, worum es ihr ging. Warum sie den Nervenkitzel, den Kick, das Risiko brauchte, mehr noch als alles andere. Der Mann neben ihr war nicht gefährlich, das Stehlen von Gegenständen geringen Wertes, für die sie sicher nicht lange hinter Gitter müsste, auch nicht.
   Das Gefängnis in ihrem Inneren, in dem sie ihre Emotionen und ihre Wünsche gefangen hielt, war alles, vor dem sie davonlaufen wollte. Das Gefängnis aus Glas. Den Rest hatte sie unter Kontrolle. Ihre Abenteuer liefen nach ihren Regeln und gaben ihr das Gefühl, lebendig zu sein.
   Ihre Seele war dunkel, manchmal heller gefärbt durch einen Hauch von Angst. Dieser Teil von ihr drang nie nach draußen, blieb eingekapselt hinter Glas, aber sie wollte es nicht anders. Sie wollte Aufregung, die lediglich an ihrer glatt polierten Oberfläche kratzte. Es war kein Leben auf der Überholspur. Es war das Leben in einem Kampfjet auf Angriffskurs.
   Sie konnte ihre neueste Errungenschaft nicht mit nach Hause nehmen, und es kam auch nicht infrage, ihn in seine Wohnung zu begleiten. Deshalb hatte sie bereits vorab ein für ihre Zwecke geeignetes Hotel ausgekundschaftet. Die billige Wahl war gut genug für sie und verschreckte ihre Beute nicht.
   Der Mann am Empfang des Hotels kannte sie inzwischen und bewahrte ihre Geheimnisse für ein Trinkgeld. Auch wenn ihr innerer Finanzberater ihr zuflüsterte, dass ihre Abenteuer jede Menge Ausgaben verursachten, so schien ihr das ein geringer Preis für den lebensnotwendigen Nervenkitzel.
   Und so betrat sie nach einem kurzen Gruß in Richtung des Empfangstypen und der Aushändigung der Schlüssel ein nicht sonderlich gemütliches, aber sauberes Zimmer. Nochmals hinderte sie den fremden Mann neben sich mit einer ungeduldigen Handbewegung, die Stimmung durch unangebrachte Worte zu zerstören. Es war nicht wichtig, was er zu sagen hatte, auch wenn er das nicht verstand.
   Das hatte noch keiner, bis auf den Mann, den sie in der Bar zurückgelassen hatte. Er hatte gewusst, was sie brauchte. Zumindest an jenem Abend. Doch der Gedanke an den anderen war nicht willkommen, also wandte sie sich an ihr aktuelles Opfer.
   Ihre Hände strichen über seine festen Schultern nach unten, mogelten sich unter sein Hemd und zogen es aus dem Hosenbund. Als er versuchte, sie zu küssen, schüttelte sie energisch den Kopf. Sie ließ zu, dass er ihren Hintern knetete. Kein schlechter Beginn. Mit den Fingernägeln kratzte sie über seine Brust und hörte zufrieden sein kehliges Stöhnen.
   Sie schaffte es auch mit diesem Mann nicht bis ins Bett. Keine fünf Minuten, nachdem sie die Tür des Zimmers hinter sich geschlossen hatten, läutete Magdalenas Handy. Eigentlich beabsichtigte sie, den Anruf wegzudrücken, doch aus einem Impuls heraus hob sie ab.
   Das, was sie in dem Telefonat erfuhr, ließ ihre Fassade bröckeln. Zerstörte die Welt, die sie sich aufgebaut hatte, machte sie nichtig. Sie verlor die Kontrolle. Vier Worte machten sie wieder zu einem kleinen, verunsicherten Kind.
   Ihre Mutter war tot.

7. Kapitel

Der Tag war nicht für ein Begräbnis gemacht. Die Sonne strahlte, als versuchte sie, dem blank polierten Weihrauchkessel Konkurrenz zu machen. Dessen glatte Oberfläche zauberte wechselnde Muster auf den Kies neben dem frisch ausgehobenen Grab. Der Ministrant brachte durch das Pendeln des Behälters die Ketten leise zum Klirren.
   Die Stimme des Pfarrers sollte beruhigend wirken, die Worte Trost spenden. Johanna ertappte ihn dabei, dass er sie immer wieder beobachtete, als wartete er auf einen Zusammenbruch ihrerseits. Ob er befürchtete, dass sie einen unkontrollierten Weinanfall bekam oder überraschend einen Freudentanz begann, war ihr nicht ganz klar.
   Sie hätte sich nicht dafür geschämt, vor ihren neugierigen Nachbarn von früher oder den ehemaligen Schulkollegen zu weinen. Wenn sie denn Tränen gehabt hätte. Sie schienen ihr jedoch unangebracht, weil sie für die Frau in dem Sarg keinerlei Gefühle gehegt hatte. Diese Gleichgültigkeit sah auch keine Freude vor.
   Es waren nicht viele Menschen auf dem Friedhof erschienen. Die Beliebtheit ihrer Mutter hatte sich allem Anschein nach nicht groß gesteigert. Neben Johannas Großmutter Anastasia, mit der sie seit ihrer Rückkehr kein Wort gewechselt hatte, und dem Pfarrer mit seinen Helfern zählte Johanna dreizehn Personen. Acht Frauen und fünf Männer, die sie großteils erkannte. Ihre Mutter hatte kein Glück mit ihren Freundschaften gehabt.
   Johanna hatte das Tuscheln gehört, als sie in der Kirche erschienen war. Alle Anwesenden hatten erwartungsvoll zu ihr geblickt. Von der Entscheidung, dem Begräbnis ihrer Mutter beizuwohnen, war sie selbst überrascht gewesen. Sie war nur ungern zurück nach Unterdorf gekommen. Genau dieses Gefühl wollten ihre ehemaligen Nachbarn und Schulkollegen nun vermutlich in ihrem Gesicht lesen. Johanna starrte jedoch weiter regungslos vor sich hin.
   »Asche zu Asche.« Die Worte des Pfarrers erreichten sie nicht. Für sie gab es keinen Trost. Sie brauchte auch keinen. Ein winziger Teil in ihr bereute, ihrer Mutter nicht mehr die Meinung sagen zu können. Mehr Gefühl konnte sie nicht finden, so sehr sie auch in sich hineinhorchte. Da existierte nur Dunkelheit.
   Der Pfarrer war verdammt jung. Wobei »verdammt« wohl ein unpassender Ausdruck im Zusammenhang mit einem Geistlichen war. Vermutlich hatte sie jedoch zwei oder drei Jahre mehr auf dem Buckel als der Mann ohne Bartwuchs neben dem Grab. Was konnte er schon über Verlust wissen? Über tiefe Einsamkeit? Seine Kindheit war sicher behütet und liebevoll gewesen.
   Liebe hatte sie nie kennengelernt. Ihre Mutter hatte sie nicht geliebt. Sie hatte sich um sie gekümmert, aber da war etwas in ihren Augen aufgeblitzt, wann immer ihre Blicke auf Johanna geruht hatten. Hass? Wut? Keine so starken Gefühle hatten Josepha bewegt, vielleicht Schmerz und Scham, obwohl Johanna den Grund dafür nicht kannte.
   Irgendwann fand der Pfarrer ein Ende. Johanna bemerkte es erst, als er zu ihr trat und ihre Hand ergriff. Er habe ihre Mutter nicht näher gekannt, erzählte er. Allerdings wisse er, dass sie eine nette, warmherzige Frau gewesen sei. Sie müsse diesen Verlust bedauern.
   Johanna fand keine Worte. Nett? Warmherzig? Von wem sprach er? Sie kannte niemanden, auf den diese Beschreibung zutraf. Nicht jetzt und auch nicht in ihrem früheren Leben. Und ihre Mutter war in ihrer Erinnerung immer nur erbärmlich gewesen.
   Sie beschloss, lediglich zu nicken.
   Der Pfarrer bot ihr an, sie könne in seiner Sprechstunde vorbeischauen, um sich über ihre Mutter zu unterhalten oder zu versuchen, ihre Trauer aufzuarbeiten. Sie sei jederzeit herzlich willkommen.
   Einen Mann Gottes wollte sie nicht beleidigen, und so zwang sie sich zu einem kurzen Lächeln, das ihm scheinbar genügte. Nach dem Pfarrer folgten die Nachbarn, von denen sie die, deren Namen sie noch kannte, mit einem Kopfnicken bedachte. Die anderen starrte sie nur an.
   Regungslos reichte sie einem Beileidwünschenden nach dem anderen die Hand. Allen war die Neugier ins Gesicht geschrieben. Offenbar hofften die Leute ein letztes Mal auf eine Reaktion ihrerseits. Wie fehlgeleitet.
   »Unser Beileid, Johanna«, meinte Herr Zorner im Flüsterton. »Schade, dass du wegen so etwas nach Unterdorf hast zurückkommen müssen.«
   Johanna nickte und bedankte sich.
   »Wirst wohl nicht lange dableiben«, stocherte er weiter.
   »Vermutlich nicht«, lautete ihre emotionslose Antwort.
   Herr Zorner räusperte sich. »Wenn du irgendetwas brauchst, sag uns einfach Bescheid, gell?«
   Seine Frau neben ihm schnaubte. Sie war Johannas Blick ausgewichen, während sie vor ihr stand. Doch nun funkelte sie sie böse an. »Rede keinen Blödsinn, Norbert«, zischte sie in Richtung ihres Mannes. »Du kannst der kleinen Hexe doch kein solches Angebot machen. Ich bin froh, dass wir ihre Mutter nicht mehr am Hals haben. Und ihre verkommene Brut sollte auch bald verschwinden.« Sie zog ihren Norbert davon.
   Einen Augenblick lang war Johanna fassungslos. Ihr war klar gewesen, dass ihre Rückkehr nicht gern gesehen wurde. Doch mit dieser offensichtlichen Feindseligkeit hatte sie nicht gerechnet. Weitere Trauergäste, die den Ausbruch ihrer ehemaligen Nachbarin gehört hatten, reichten ihr die Hand, während in ihren Augen Schadenfreude aufblitzte.
   »Von mir bekommst du kein Mitleid«, murmelte Martin, nachdem er vor sie getreten und sich vertraulich vorgebeugt hatte. Der Junge, der ihre Jugend in einen Albtraum verwandelt hatte.
   Während des Begräbnisses war ihr Roberts Cousin überhaupt nicht aufgefallen. War er extra dazugekommen, um Unruhe zu stiften?
   »Das erwarte ich von keinem«, stellte sie klar. Er schien sie nicht verstehen zu wollen.
   »Du hast es verdient, zu leiden. Und dein Schmerz vom heutigen Tag ist noch viel zu wenig.« Sein nach Alkohol stinkender Atem streifte ihr Gesicht.
   »Danke dir. Sehr freundlich«, seufzte sie genervt. Dass seine Verärgerung, sein Hass gegen sie immer noch so groß war, überraschte sie. Was hatte sie ihm angetan, dass sich an seinen Gefühlen nach all den Jahren nichts geändert hatte? »Hast du mir sonst noch was mitzuteilen?«
   Seine Augenbrauen trafen sich fast über seiner Nasenwurzel, während sich seine Augen gleichzeitig zu Schlitzen verengten. »Keine Sorge. Du wirst schon merken, was ich meine. Innerhalb kurzer Zeit wirst du bereuen, zurückgekommen zu sein.«
   »Ich werde nicht lange bleiben, aber danke trotzdem für die Warnung.« Nach all der Zeit fühlte sie sich in seiner Gegenwart immer noch gehemmt. Johanna hielt sich für eine starke, selbstbewusste Frau, doch bei ihm verpuffte ihre Schlagfertigkeit wirkungslos. Hatte sie vielleicht das Gefühl, seine Bösartigkeit zu verdienen? Sie wandte sich halb von ihm ab. »Und jetzt entschuldige. Ich habe zu tun.«
   Martin zog von dannen, nicht ohne ihr vorher noch einen hasserfüllten Blick zuzuwerfen. Sie war froh, seine Anwesenheit nicht mehr ertragen zu müssen, doch sie ahnte, dass sie seinen Auftritt nicht so schnell vergessen würde. Obwohl sie beinahe Mitleid mit Martin empfand, weil ihn seine Gefühle immer noch in festem Griff hielten, würde sie ihm sein Verhalten von früher nie verzeihen. Er hatte sich ihr gegenüber nie freundlich verhalten. Und als Robert, in den sie ihre gesamte Jugend lang verliebt gewesen war, mehr Zeit mit ihr verbracht hatte, waren Martins Repressalien noch schlimmer geworden.
   Vor ihrem inneren Auge erschien das Bild eines kleinen, verletzlichen Mädchens. Es hatte gelitten: unter seinen zerrütteten Familienverhältnissen, seiner unerfüllten Liebe und der verachtenden Behandlung seiner Schulkameraden. Diese Haut hatte es wie eine Schlange abgestreift, so gut es ging. Doch hier, auf diesem Friedhof am Grab ihrer Mutter und beim Anblick des verhassten Feindes ihrer Jugend, wurde Johanna plötzlich klar, dass sie die Vergangenheit nicht so leicht loswerden konnte, wie sie gedacht hatte.
   Sie kehrte in die Gegenwart zurück. Eine attraktive Frau, die ungefähr im gleichen Alter wie ihre Mutter sein musste, trat vor sie und schüttelte ihr die Hand. »Mein Beileid, Johanna. Mein Name ist Susanna Edelmann. Du kannst dich vermutlich nicht an mich erinnern, aber wir kennen uns von früher.«
   Johanna runzelte die Stirn und versuchte, das Gesicht einzuordnen. »Doch. Sie sind nach Unterdorf gezogen, kurz bevor ich … abgereist bin.«
   Frau Edelmann nickte. »Ich hoffe, es ist okay, wenn ich dich noch duze.«
   »Wie Sie wollen. Mir ist das einerlei«, meinte sie achselzuckend.
   Die Frau lächelte höflich, obwohl in ihren Augen deutlich die tiefe Trauer über den Verlust zu lesen war. Anscheinend war sie mit Josepha gut befreundet gewesen. »Deine Mutter hat mich als Testamentsvollstreckerin eingesetzt. Ich bin Notarin.«
   »Schön für Sie, aber wieso sollte meine Mutter eine Notarin brauchen? Außer dem Haus hat sie nichts besessen.«
   »Das werde ich dir erklären, wenn du zu einem Termin bei mir vorbeikommst.«
   Johanna hob eine Augenbraue. »Dann treffen wir uns möglichst bald. Ich werde nicht lange bleiben.«
   »Wir werden sehen. Deine Mutter hat sich in den letzten Jahren geändert. Wegen ihrer Beziehung zu dir hat sie sich ein paar Gedanken gemacht.«
   Eine seltsame Vorstellung. »Anscheinend war ich ihr nicht wichtig genug, um mir das persönlich mitzuteilen.«
   »Ich hoffe, ich kann deine schlechte Meinung von deiner Mutter noch ablegen. Sie hätte sich gefreut, wenn sie die Gelegenheit erhalten hätte, sich mit dir auszusöhnen. Ich werde versuchen, dich davon zu überzeugen.« Nach diesen rätselhaften Worten wandte sich Frau Edelmann mit einem traurigen Lächeln um.
   Was hatte diese Notarin geplant? Johanna blickte der Frau mit gerunzelter Stirn nach, als plötzlich eine Stimme neben ihr erklang.
   »Eine nette Frau, aber etwas seltsam.« Die Frau machte eine kurze Pause. »Die Feier hätte deiner Mutter gefallen.«
   Johanna wandte sich um. »Das kann ich nicht beurteilen«, antwortete sie ihrer Großmutter, deren schwarzes Kostüm perfekt zu ihrem strengen Dutt passte. Die bleistiftdünnen Absätze ihrer Stöckelschuhe versanken tief im nachgiebigen Kies. »Dazu habe ich sie nicht gut genug gekannt.«
   »Du hast dir viel Mühe gegeben.« Die Stimme der anderen klang bei diesem Lob ehrlich. Trotzdem war der angeborene Snobismus immer noch schwer zu überhören.
   Hoffentlich sah ihre Mutter das von ihrem Platz dort oben genauso, denn das Begräbnis hatte ein großes Loch in Johannas Budget gerissen. Und eine Geldreserve auf ihrem Konto war ohnehin so selten wie ein Sandsturm in Sankt Pölten. Seltsam. Das Leben war teuer, aber das Sterben kostete mehr. Wie viel man für einen Sarg ausgeben musste, der ebenso wie die menschliche Hülle langsam verrottete und zu Staub zerfiel.
   Anastasia Grünseil kam auf das gleiche Thema zu sprechen. Ihre eisgrauen Augen blickten ernst. »Wie ich höre, wohnst du in der Pension von Inge Asch. Solltest du nicht lieber das Geld sparen und das Haus deiner Mutter nutzen?«
   Johanna zuckte mit den Schultern, während das blümerante Parfüm ihrer Großmutter in ihrer Nase juckte. Wie könnte sie ihr erklären, dass sie nicht einmal den Gedanken an das Betreten des Hauses ihrer Jugend aushielt? Zu viele Gespenster verfolgten sie dort drinnen. Sie fühlte sich unwohl und am falschen Platz, zumal ihr altes Zimmer bestimmt in eine Rumpelkammer verwandelt worden war. Sollte sie vielleicht im Bett ihrer Mutter schlafen? Wenn ihre Großmutter so besorgt um ihre Finanzen war, hätte sie Johanna zu sich nach Hause einladen können. Diese Idee schien der Frau mit dem strengen Styling allerdings genauso fremd wie Warmherzigkeit.
   »Das Zimmer ist groß genug und nicht allzu teuer. So spare ich mir wenigstens für die paar Tage das Kochen«, meinte Johanna, um das Thema abzuschließen.
   Da das Hotelzimmer zur Sprache gekommen war, kehrte die Erinnerung an den seltsamen Traum zurück, der sie letzte Nacht gequält hatte. Schweißnass war sie in den Morgenstunden hochgeschreckt, geweckt von einem Echo aus ihrer Jugend. Damals hatte der Traum sie regelrecht verfolgt.
   »Habe ich als Baby einmal ins Krankenhaus gemusst?«, erkundigte sie sich bei ihrer Großmutter, die Johannas Abgleiten in eine Fantasiewelt zu jener Zeit stumm beobachtet hatte.
   Die gepflegte Dame runzelte die Stirn. »Wie kommst du auf dieses seltsame Thema?« Ihr Blick streifte über die deprimierende Umgebung. »Das ist ein ungewöhnlicher Ort, um über deine Kindheit zu sprechen.«
   Es war wohl weit hergeholt, an ein Familiengeheimnis zu denken. Ihre Großmutter war in ihrer Gegenwart selten gesprächig. Sie hatte sich schon immer geweigert, Johanna in ihrer Not beizustehen oder ihr eine Erklärung für das destruktive Verhalten ihrer Mutter zu liefern.
   »Ich dachte, ich würde wenigstens einmal eine Antwort von dir erhalten. Aber das ist wohl etwas viel verlangt.« Johanna wandte sich ab. »Bis irgendwann.«

8. Kapitel

»Schön, dass wir die Verlassenschaftsangelegenheit gleich abwickeln können«, meinte Johanna trocken und reichte Doktor Susanna Edelmann die Hand. Die Notarin lächelte und wieder bemerkte Johanna die Traurigkeit in den Augen ihres Gegenübers.
   »Gleich ist der falsche Ausdruck. Wir füllen zuerst einmal die Todesfallaufnahme aus. Danach nimmt der übliche Behördenweg seinen Lauf. Ich werde noch Unterschriften von dir brauchen, aber wie ich diese einholen kann, klären wir bei Bedarf.«
   Weil Johanna mit ihrem fertig gepackten Koffer aufgetaucht war, war ihr sofortiger Abreisewunsch kein Geheimnis. »Haben Sie meine Mutter gemocht?« Johanna stellte die Frage nicht aus falscher Neugierde, sondern aus ehrlichem Interesse. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie zu so einem Gefühl fähig war, hätte sie noch gestern auf unter fünfzehn Prozent geschätzt.
   »Josepha war mir … eine gute Freundin. Meine beste. Sie hat mir die erste Zeit geholfen, hat mich willkommen geheißen und Unterdorf zu einem Zuhause werden lassen.«
   Etwas Unausgesprochenes lag in der Luft. Johanna spürte, wie sich die Haare an ihrem Arm aufstellten. Als Doktor Edelmann mit gesenktem Blick die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch sortierte, wurde ihr klar, dass sie nicht mehr erfahren würde.
   »Sollten wir nicht auf meine Großmutter warten?«, erkundigte sich Johanna, während sie sich überrascht von der geschmackvollen Einrichtung umsah. Nach der Sterilität des Warteraums hatte sie nicht mit der hellen, schulterhohen Holzvertäfelung gerechnet, die mit der zartgelben Wandfarbe eine freundliche, warme Atmosphäre verbreitete. Außer einem abstrakten Gemälde hinter dem Schreibtisch von Susanna Edelmann zierten nur Diplome und Auszeichnungen die Wände. Vermutlich sollte der starke Kontrast zum Vorraum Vertrauen zur Notarin erzeugen.
   Susanna Edelmann hob den Kopf. »Das brauchen wir nicht. Du bist die Alleinerbin nach deiner Mutter.« Sie räusperte sich. »Beginnen wir mit den allgemeinen Daten.«
   Johanna beobachtete, wie die Notarin die erste Seite eines A3-Bogens ausfüllte. Name, Adresse, Geburtsdatum und Ort, Todestag. Für all diese Informationen musste sie nicht in ihren Unterlagen nachsehen. »Verheiratet war deine Mutter nicht. Du bist ihr einziges Kind. Bei den Daten deiner Großmutter Anastasia müsstest du mir bitte helfen.«
   »Die weiß ich selbst nicht auswendig. Sie behauptet, mindestens fünf Jahre jünger zu sein, als sie tatsächlich ist.«
   Doktor Edelmann verschwendete keine Zeit für ein Lächeln. »Kein Problem. Ich hole sie nachträglich ein. Dann kommen wir auch schon zu den Aktiva und Passiva. Deine Mutter besaß neben dem Haus ein Konto und ein Sparbuch. Die aktuellen Guthabenstände werde ich abfragen. Der Schmuck deiner Mutter muss von einem Gutachter geschätzt werden. Und das dürften die Aktiva gewesen sein. Andere Wertgegenstände hat sie nicht besessen.«
   Das war für Johanna nichts Neues. Sie glaubte nicht, dass ein Gutachten für den Schmuck notwendig war. Ihre Mutter hatte niemals Wertvolleres als Modeschmuck gekauft. Wenn es sich aber um das normale Vorgehen handelte, sollte es ihr recht sein.
   Es wurden zusätzliche Daten aufgenommen, und Johanna hatte den Eindruck, dass der Termin ohne Probleme verlief. Sie rechnete damit, das Büro der Notarin bald verlassen zu können. Doch ganz so rund verlief die Angelegenheit nicht.
   »Einen letzten Punkt müssen wir noch besprechen«, meinte Doktor Edelmann. Ihr Gesichtsausdruck wirkte angespannt.
   »Kein Problem. Ein paar Minuten kann ich aufbringen, bevor ich mir ein Taxi schnappe«, verkündete Johanna trocken.
   Die Notarin schien das erste Mal unsicher. »Deine Mutter hat ein Testament hinterlassen.«
   Johanna zuckte mit den Schultern und schob die Unterlippe vor. »Interessant. Und was steht drin?«
   »Dass du ihre Alleinerbin sein sollst. Zumindest im ersten Teil. Den Rest solltest du dir selbst durchlesen.« Die Notarin reichte Johanna ein Blatt Papier, das sich als Kopie des handschriftlichen Testaments entpuppte.
   Beim Anblick der Handschrift traf Johanna die Trauer unerwartet. Sie hatte nicht erwartet, überhaupt noch irgendeine Emotion zum Tod ihrer Mutter in ihrem Inneren ausgraben zu können. Plötzlich wurde ihr jedoch bewusst, dass die Chance auf eine Aussprache unwiderruflich verstrichen war. Ob sie dazu bereit gewesen wäre? Es machte ohnehin keinen Unterschied, wie ihre Antwort ausfiele. Nach einem tiefen Atemzug begann sie zu lesen.

Testament
von Josepha Grünseil

Ich, Josepha Grünseil, geboren am 4.2.1966, Hausfrau, Oberweg 3, Unterdorf, setze meine Tochter Johanna Grünseil, geboren am 23.1.1983, Angestellte, Wien, zu meiner Universalerbin ein.
   Weiters bitte ich dich, Susanna Edelmann, als Notarin, den diesem Testament beigelegten Brief zu verwahren. Darin erkläre ich Johanna ausführlich, weshalb mein Verhältnis zu ihr über all die Jahre so schlecht war, weshalb ich ihr nicht zeigen konnte, dass ich sie liebe. Sie wird endlich erfahren, wer ihr Vater ist. Die Geheimnisse der Vergangenheit sollen gelüftet werden.
   Diesen Brief erhält meine Tochter Johanna allerdings erst, wenn sie für ein halbes Jahr in Unterdorf gelebt hat. Wo sie wohnen will, bleibt ihr überlassen. Aber sie muss in Unterdorf bleiben und sich mit ihrer Großmutter aussöhnen. Die beiden haben einen starken Willen. Wenn sie sich angenähert haben, werden sie sich zu schätzen wissen.
   Ich hoffe, du kannst Johanna davon überzeugen, dass mein Vorgehen keiner Bösartigkeit entspringt, sondern dass ich nur ihr Bestes im Sinn habe. Sie soll glücklich werden. Doch dazu muss sie ihre Vergangenheit aufarbeiten und zurück zu ihren Wurzeln kehren. Erst dann kann sie verstehen, wieso damals passieren konnte, was geschehen ist, und wieso ich so gehandelt habe, wie ich es tat.
   Johanna wird nicht glauben, dass ich sie geliebt habe. Obwohl ich sie mit meiner Entscheidung, sie zu meiner Cousine nach Wien zu schicken, nur beschützen wollte, wird sie mir das vielleicht nie verzeihen. Nach ihrer Rückkehr und ihrem halben Jahr in Unterdorf wird sie zumindest endlich meine Gründe erfahren.
   Dies habe ich eigenhändig geschrieben und unterschrieben.

Fassungslos starrte Johanna auf das Blatt Papier. Dann lachte sie los. »Das ist verrückt. Sie kann das unmöglich ernst gemeint haben. Ist sie in den letzten Jahren vielleicht wahnsinnig geworden?«
   »Deine Mutter hatte ihre Gründe. Sie hat sich bewusst für diesen Weg entschieden, auch wenn er dir unvernünftig erscheint«, erklärte Susanna Edelmann.
   »Wie kommt sie darauf, dass mich der Inhalt dieses Briefes interessiert? Wieso glaubt sie, ich würde mich auf diese Idee einlassen?«
   Das Gesicht der Notarin blieb regungslos. »Wirst du das etwa nicht?«
   Johanna würdigte sie keiner Antwort. »Wie hat sie sich das vorgestellt? Ich, in diesem Höllenkaff? Meine Jugend war ein Albtraum. Die Leute haben mich damals schon gehasst. Und jetzt soll ich ein halbes Jahr hier leben und mich mit meiner teufelsgleichen Großmutter aussöhnen?« Sie schüttelte den Kopf.
   Doktor Edelmann wartete ab, denn Johanna war noch nicht fertig.
   »Und was ist mit meinem Job? Mein Boss wartet sicher nicht freudig sechs Monate auf meine Rückkehr. Ich habe keine Ersparnisse, um meine Wohnung in Wien zu behalten, unbezahlten Urlaub zu nehmen und mein Leben in Unterdorf zu finanzieren. Dieses Vorhaben ist total unrealistisch.«
   »Trotzdem überlegst du bereits, wie du es schaffen könntest«, warf die Notarin ein.
   Das Lachen blieb Johanna fast im Halse stecken. »Nein, Sie irren sich. Ich lasse mich zu nichts zwingen. Von niemandem. Ihnen muss klar sein, dass ich die Forderung meiner Mutter nicht erfüllen kann.« Sie beugte sich vor. »Sie können mir den Brief trotzdem geben. Es steht ja nicht zu befürchten, meine Mutter fiele vor Schreck tot um.«
   »Ich bin Notarin, nicht irgendein kleiner Rechtsverdreher. Die Ehrenhaftigkeit meines Berufsstandes werde ich nicht in den Schmutz ziehen. Wir vergessen also besser, dass du diesen Vorschlag gemacht hast«, meinte Susanna Edelmann mit tieferer Stimme.
   Johanna sprang auf und tigerte vor dem Schreibtisch der Notarin auf und ab. »Wenn meine Mutter ihren Job zu Lebzeiten so ernst genommen hätte, würden wir dieses Gespräch nicht führen.« Mit zitternden Händen fuhr sie sich durch ihr Haar. »Mein Vater! Sie hat immer behauptet, sie habe ihn nicht gekannt. Ich sei ein Produkt eines unwichtigen Ausrutschers.«
   »Josepha hat bereut, dass sie dich im Glauben ließ, ihr wäre die Herkunft ihres Kindes dermaßen gleichgültig.« Der Blick der Frau hinter dem Schreibtisch war voller Mitleid.
   »Alle Antworten in einem Brief. Sie hat es sich verdammt einfach gemacht. So konnte sie meinen Vorwürfen entgehen.« Johanna blieb stehen und starrte die andere an. »Was wäre gewesen, wenn mich meine Mutter überlebt hätte? Hätte ich jemals diesen ominösen Brief erhalten?«
   Susanna Edelmann hob die Hände. »Josepha hatte genaue Pläne, auch wenn sie Angst vor deiner Reaktion hatte. An deinem dreißigsten Geburtstag hätte sie einen Weg gefunden, um mit dir in Kontakt zu treten.«
   »Ich bin mir sicher, ich hätte mich über ihr Geschenk gefreut. Wie schade, dass es nicht geklappt hat«, ätzte Johanna und begann, wieder auf und ab zu laufen.
   »Warum hat deine Mutter auch nicht damit gerechnet, von einem betrunkenen Raser angefahren und anschließend halb tot im Straßengraben liegen gelassen zu werden? Sie hätte dir den Brief mit einem großen Strauß Blumen zukommen lassen sollen.«
   »Damit hätten Sie bewiesen, dass Ihre spitze Zunge meiner in nichts nachsteht.« Sie blitzte die Notarin an.
   »Danke für dieses unzweifelhaft große Kompliment aus deinem Mund. Ich verstehe, dass deine Meinung von deiner Mutter nicht die beste ist. Aber sie hat sich in den letzten Jahren geändert. Sie hat vieles in einem anderen Licht gesehen und noch mehr bereut.«
   »Entschuldigen Sie, wenn ich widerspreche.« Johanna hielt an. »Sie verstehen nicht, was ich für ein Problem mit meiner Mutter habe … hatte. Ich habe Seiten von ihr kennengelernt, die sie vor Ihnen verborgen hat. Und die kann ich nicht vergessen. Niemals.«
   »Josepha hatte eine Phase in ihrem Leben, in der sie schwach war. Doch die hat sie überwunden«, meinte die Notarin, als hätte sie Johannas wahren Gedanken gelesen. »Sie wollte für dich eine bessere Mutter sein, auch wenn sie den richtigen Augenblick für eine Annäherung nicht mehr gefunden hat.«
   Johanna hatte ihre Zweifel daran. Doch die Augen der anderen Frau zeigten eine Wahrhaftigkeit, die Johanna klarmachte, dass die Notarin an die Echtheit der Gefühle ihrer Mutter glaubte. Noch etwas anderes lag im Blick von Susanna Edelmann. Etwas, das Johannas Fluchtreflex aktivierte. Vertrautheit zu einer fremden Person war undenkbar. Wenn sie längere Zeit mit Frau Edelmann verbringen würde, wäre noch Schlimmeres möglich. Sie könnte die Notarin mögen. Johanna erschauderte. Sie stützte sich mit den Händen an der Lehne des Sessels vor ihr ab und ließ den Kopf hängen. »Ich weiß noch nicht, was ich tun werde. Danke jedenfalls für Ihre Mühe. Sobald ich mich zu einer Entscheidung durchgerungen habe, werde ich mich bei Ihnen melden.« Langsam hob sie den Kopf. »Brauchen Sie im Augenblick noch Informationen von mir?«
   Doktor Edelmann verneinte.
   Einfach nur weg. Ein dumpfer Druck schnürte Johannas Brustkorb zusammen und behinderte sie am freien Atmen. Sie flüchtete aus dem Büro der Notarin, die behauptete, ihre Mutter besser zu kennen als ihre Tochter.
   Im Warteraum schnappte sie sich ihren Koffer und stürmte grußlos weiter. Sie fühlte sich wie in Trance und merkte deshalb nicht sofort, dass das seltsame Geräusch, das ihre Versunkenheit störte, ihr Handy war.
   »Hallo?«, blaffte sie, als sie das Gerät endlich aus der Hosentasche gezogen hatte.
   »Guten Tag, schönste Diebin, der ich jemals aus der Patsche geholfen habe.«
   Sie hatte nicht erwartet, Stephans Stimme so schnell wiederzuhören. Er hätte keinen schlechteren Zeitpunkt erwischen können. »Woher hast du meine Telefonnummer?«, fauchte sie.
   »Du vergisst wieder mal, dass du dich auf einen Polizisten eingelassen hast.«
   Sie schüttelte den Kopf, auch wenn er es nicht sehen konnte. »Ich habe mich auf gar niemanden eingelassen. Das vergisst du scheinbar etwas zu oft. Wieso rufst du überhaupt an?«
   »Ich habe mir Sor…« Er räusperte sich. »An dem Abend in der Bar ist der Kerl, mit dem du verschwunden bist, ziemlich rasch zurückgekehrt. War etwas verärgert. Seiner Aussage nach bist du nach einem Anruf total ausgerastet. Ich habe befürchtet, jemand könnte dich bei der Polizei angezeigt haben, oder du wärst in anderen Schwierigkeiten …«
   »Meine Mutter ist gestorben.« Es rutschte ihr heraus. Sie konnte es nur auf ihren verwirrten Zustand schieben.
   »Das tut mir leid.«
   Sein ruhiger Tonfall ließ eine Befürchtung in ihr aufsteigen. »Du hast es schon gewusst!« Er war vernünftig genug, nichts zu erwidern. »Wer gibt dir das Recht, in meinem Leben herumzuschnüffeln?«
   »Ich bin Polizist.«
   »Du gehst zu weit.« Schwer atmend legte sie auf. Wie konnte er es wagen? Sie empfand fast so etwas wie Freude, dass sie ihm im nächsten halben Jahr nicht über den Weg laufen würde. Falls sie denn wirklich bliebe. Sie seufzte. Dann sah sie sich um.
   Bis vor Kurzem hatte sie angenommen, dass die fremde Frau, die Johanna an ihre Mutter erinnert hatte, in der Bar an Josephas Todestag ein Zeichen gewesen war, eine Nachricht aus dem Jenseits. Doch nun wusste sie, dass sie ihrer Mutter nicht einmal eine kreative Vision wert gewesen war. Stattdessen schrieb sie einen mickrigen Brief.
   Vor dem Supermarkt schräg gegenüber hatten sich ein paar Passanten zu einem Plausch getroffen. Und offensichtlich, um Johanna zu belauschen. Das hier sollte für ein halbes Jahr wieder ihre Heimat werden? Dieses enge, veraltete Dörfchen mit seinen verstaubten Straßen und Ansichten, in dem es keine Skandale außer den von ihr und ihrer Familie produzierten gab?
   Doch dieser Brief, die vielen Andeutungen der Notarin, die Geheimnisse ihrer Vergangenheit. Wie lange hatte sie gehofft, Antworten zu erhalten? Sie wollte herausfinden, warum ihre Mutter so gleichgültig mit Johanna als ihrer einzigen Tochter umgegangen war. Diese Fragen hatten sie in ein Verhalten getrieben, das abseits jeglicher Norm lag. So kurz vor dem Ziel, die Wahrheit zu erfahren, konnte sie nicht aufgeben.
   Entschlossen griff sie nach ihrem Koffer und winkte bemüht fröhlich den Gaffern zu. Sie ging und wandte sich in Richtung der Pension von Inge Asch. Ihr Zimmer war sicher noch frei. Sie musste sich etwas überlegen, um die sechs Monate zu finanzieren. Da war sie in einen ordentlichen Schlamassel geraten.

9. Kapitel

»Sie haben sich also entschieden, doch in Unterdorf zu bleiben?«, erkundigte sich Frau Asch mit missbilligendem Gesichtsausdruck.
   Johanna nickte. Wobei sie sich vorkam wie eine Lügnerin, weil sie diese Entscheidung nicht freiwillig getroffen hatte. Sie nahm den Griff des immer mehr wiegenden Koffers in die andere Hand.
   »Und wie lange brauchen Sie das Zimmer noch?«, fragte die Wirtin nach.
   »In ein paar Tagen sollten meine Angelegenheiten geregelt sein«, log Johanna. Danach würde sie hoffentlich eine andere, ebenso günstige Unterkunft gefunden haben.
   Mit einem Seufzen wandte sich Frau Asch hinter dem Empfangstresen zu ihrem Gästebuch. »Ich trage Sie also wieder als anwesend ein. Es wird allerdings ein bis zwei Stunden dauern, das Zimmer herzurichten.«
   Anscheinend handelte es sich beim Durchstreichen des Abreisetages um eine schwierige Angelegenheit.
   »Aber es ist nicht notwendig, dass Sie das Bett neu überziehen«, warf Johanna ein. »Schließlich war ich selbst der bisherige Gast darin.«
   »Nun, mir schien der Raum ein wenig … schmutzig.« Die Nase der ältlichen Frau zeigte beim Rümpfen hässliche Falten, die sich bis unter die Augen ausbreiteten. Die Feindseligkeit erschütterte Johanna.
   »Meine Anwesenheit bedeutet offensichtlich eine große Belastung. Kann ich wenigstens meinen Koffer hierlassen, bis das Zimmer fertig ist?«
   Frau Asch zuckte mit den Schultern. »Sie können hier aber nicht warten.«
   »Ich habe ohnehin noch etwas zu erledigen«, meinte Johanna vage und tastete nach dem Schlüssel in ihrer Jackentasche.

Ein Wunder, dass er noch passte. In all den Jahren hatte sich ihre Mutter nicht die Mühe gemacht, das Schloss auszutauschen. Bei einer warmherzigeren Frau hätte man annehmen können, dass sie so gehandelt hatte, um ihrer Tochter die Rückkehr zu erleichtern. Aber Josepha Grünseil hatte es an dieser Sensibilität gefehlt.
   Schon beim Eintreten erwartete Johanna eine Überraschung. Der Vorraum aus ihrer Erinnerung war verschwunden. Der Teppich, das Muster der Tapete, die Kommode und die Garderobe waren in beigen und braunen Farben aufeinander abgestimmt. Ohne die düsteren Farben von früher wirkte das Haus größer. An den Wänden hingen einige Bilder aus Johannas Kindheit. Doch neuere Fotos zeigten eine andere Geschichte. Josepha lächelte selbstbewusst und herausgeputzt in die Kamera. Wem hatte sie dieses Lachen geschenkt? Im Wohnzimmer setzte sich die Tendenz zu passenden Farbkombinationen fort. Vorbei war die Zeit von Nippes und Plunder. Jeder Gegenstand in dem Raum hatte seine Berechtigung und war offensichtlich benutzt worden. Johanna runzelte die Stirn. Auch die Wahl von Orange und Rot stammte sicher nicht von der unsicheren Frau ohne jeglichen Geschmack. Jemand musste Josepha bei der Gestaltung geholfen haben.
   Hatte ihre Mutter vielleicht doch noch ihr Glück mit einem Mann gefunden, der sich um sie gekümmert hatte? Doch nirgends war ein Hinweis auf ein männliches Wesen zu bemerken. Auf zwei der Fotos entdeckte Johanna lediglich die Notarin. Waren die beiden tatsächlich enge Freundinnen geworden?
   Johanna durchstreifte Raum für Raum, als könnte sie dort die Antworten auf ihre Fragen finden. Obwohl überall Ordnung und Sauberkeit herrschte, wurde das Durcheinander in ihrem Kopf immer größer. Was sie sah, konnte sie mit Josepha einfach nicht in Einklang bringen. Der Alkohol war aus dem Haus verschwunden. Zumindest bis auf eine Flasche Sekt, die – versehen mit einer Schleife und einer von ihrer Mutter geschriebenen Grußkarte – für ein Geburtstagskind gedacht war.
   Johanna entschied, dass es Zeit war, den letzten Raum zu betreten. Bislang hatte sie einen großen Bogen um ihr altes Zimmer gemacht. War es vielleicht zu einem Fitness- oder Arbeitsraum umgestaltet worden, um die Erinnerung an sie zu verdrängen?
   Mit feuchter Handfläche griff sie nach der Türklinke und ließ die Holztür aufschwingen. Früher hatte sie gequietscht. Dann erfasste ihr Blick jede Einzelheit im Zimmer.
   Im ersten Moment schien es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die Jacke, die nicht in den Koffer gepasst hatte, lag noch immer genauso auf der Bettdecke, wie Johanna sie vor zehn Jahren verärgert hingeworfen hatte. Durch die halb geöffnete Schranktür sah sie ihre zurückgelassene Kleidung. Auf dem Schreibtisch waren die Schulunterlagen verteilt, die sie in Wien nicht benötigt hatte.
   Es war deutlich zu erkennen, dass der Teppich regelmäßig gesaugt und die Möbel abgestaubt worden waren. Die Luft roch nicht abgestandener als die in dem Rest des Hauses, als hätte jemand dafür Sorge getragen, dass Johanna bei ihrer Rückkehr alles an seinem Platz wiederfand.
   Und doch hatte sich etwas verändert.
   Die Tapeten, an denen Johanna in ihrer Jugendzeit so lange gezupft hatte, bis sie stellenweise in Fetzen von der Wand hingen, hatte jemand gegen neue ausgetauscht. Zuerst kamen ihr die verschlungenen Formen in Türkis und Weinrot nur bekannt vor, bevor die Erinnerung sie unerwartet wie ein Schlag ins Gesicht traf. Es handelte sich um die Tapete, die sie sich kurz vor ihrem Weggang sehnsüchtig gewünscht hatte. Damals war für die Umgestaltung des Zimmers kein Geld da gewesen. Später hatte ihre Mutter die Tapete doch noch an die Wand gebracht.
   Johanna stolperte verwirrt zurück, als sich die Gespenster der Vergangenheit in ihren Nacken krallten. Dann wandte sie sich um und stürmte die Treppe hinunter. Erst auf dem kleinen Absatz vor dem Haus blieb sie stehen. Keuchend beugte sie ihren Oberkörper vor und stützte sich erschöpft auf den Knien ab, als hätte sie die Strecke fünfmal zurückgelegt. Sie plumpste auf die Stufen nieder und barg ihr Gesicht in den Händen. Sie hatte keine Ahnung, was diese geheimnisvolle Änderung bedeuten sollte. Irgendetwas Seltsames musste in den vergangenen Jahren in ihrer Mutter vorgegangen sein. Wenigstens konnte das Haus im jetzigen Zustand leichter verkauft werden.
   Als ein Schatten über sie fiel und Johanna aus ihrer Trance weckte, hob sie langsam den Kopf.
   Ein Mann mit tief gefurchtem Gesicht und stechendem Blick stand auf seinen Stock gelehnt vor ihr. »Die Rückkehr der verlorenen Tochter«, meinte er mit krächzender Stimme. »Ich fürchte, du weißt nicht, wie viel Unruhe deine Rückkehr verursacht. Aber du wirst es noch herausfinden.«

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