Liebe ist ein Buch mit sieben Siegeln. Viel schlimmer als jedes medizinische Fachbuch, findet Lena. Deshalb streicht sie Männer aus ihrem Leben, tröstet sich mit ihrer Lieblingsschokolade und setzt Kummerspeck an. Als sie einen Brief mit einer Einladung erhält, die sie unmöglich ausschlagen kann, bricht das Chaos über ihre kleine, ruhige Welt herein. Kann sie sich in wenigen Wochen vom Aschenputtel zur Cinderella entwickeln? Unterstützt von einer hilfsbereiten Arbeitskollegin nimmt Lena den Kampf gegen die Zeit auf – und entdeckt nicht nur sich selbst, sondern auch Freundschaft und Liebe neu …

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Printausgabe: 11,99 €

ISBN: 978-9963-53-901-7

Seiten: 254

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Caroline Messingfeld

Caroline Messingfeld
Caroline Messingfeld lebt in einem gemütlichen Landhaus mit einem weitläufigen Cottage-Garten in der Nähe von Bad Nauheim in Hessen. Nach dem Abitur absolvierte sie eine kaufmännische Ausbildung und mehrere Studiengänge. Danach entschied sie sich für eine krisensichere Laufbahn im Öffentlichen Dienst. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit schreibt sie in ihrer Freizeit heitere Liebesromane.

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Leseprobe

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1. Kapitel

»Lesen macht Spaß. Textet mich ruhig zu. Aber bitte nicht nur mit Rechnungen. Wie wäre es mit einem handgeschriebenen Liebesbrief? Für Retro-Charme bin ich grad empfänglich. SMS, Mail und WhatsApp hatte ich schon.«

Feixend marschiere ich an meinem Briefkasten vorbei und fische mit spitzen Fingern ein dickes Kuvert heraus. Es ist Anfang März, und draußen ist es ziemlich frisch. Vielleicht wird mir wärmer ums Herz, wenn ich meine Post geöffnet habe. Wer will etwas von mir? Für einen gewöhnlichen Brief ist der Umschlag zu voluminös. Also kann ich nicht von den geldgierigen Wegelagerern, die regelmäßig hübsche Porträts von mir anfertigen, zur Kasse gebeten worden sein. Außerdem bevorzugt die Trachtengruppe eine andere Farbe. Ein zarter Pastellton ist nicht angemessen für die harten Kerle von der Polizei, die auf Logik statt auf Romantik setzen. Irritiert betrachte ich die Sendung von allen Seiten und werfe einen prüfenden Blick auf den Absender. Isabelle ist eine gute Freundin aus meiner Schulzeit, die ich nach ihrem Umzug nach München aus den Augen verloren habe. Angesichts der piekfeinen Adresse bleibt mir die Spucke weg. München-Bogenhausen klingt nach hochherrschaftlichen Villen und teuren Einfamilienhäusern entlang des Englischen Gartens. Wie ist sie an einen Wohnsitz im teuersten Stadtviertel gekommen? Hat sie den Lotto-Jackpot geknackt? Oder hat sie ein Vermögen von einer entfernten Verwandten geerbt? Was will sie von mir?
   Meine Neugierde ist geweckt. Resolut klemme ich mir die Post unter den Arm und stürme die Treppen bis in den zweiten Stock hinauf. Mit zitternden Händen schließe ich die Wohnungstür auf, husche hinein und kicke sie hinter mir zu. Diese schlechte Angewohnheit aus meiner verflossenen Studienzeit habe ich mir nicht abgewöhnen können, auch wenn ich nicht mehr in einer chaotischen Wohngemeinschaft in Marburg, sondern in einer gepflegten Wohnung in Bad Nauheim wohne. Zielsicher steuere ich meine Einbauküche an, schnappe mir eine Schere aus der Besteckschublade und schlitze den Briefumschlag auf. Eine steife Karte, ein vergilbtes Foto und ein handgeschriebener Brief flattern zu Boden. Aller guten Dinge sind drei, aber ich verstehe nur Bahnhof, während ich mich nach meiner geheimnisvollen Post bücke. Merkwürdig. Was hat das zu bedeuten? Ich stelle meine Handtasche auf dem Küchentisch ab und lasse mich auf einen Stuhl fallen. Als ich den Brief glatt streiche und die ersten Zeilen des Briefes lese, bleibt mir die Spucke weg. »Das kann nicht wahr sein.«
   »Liebes Lenchen, du warst meine beste Freundin, seitdem wir in der ersten Klasse die Schulbank gedrückt haben. Kannst du dich noch daran erinnern, wie du mich vor den bösen Jungs auf dem Nachhauseweg beschützt hast, die an meinen Locken ziehen und mir ihr Kaugummi in die Haare schmieren wollten? Auch später hast du mich nie im Stich gelassen. Deshalb möchte ich dich unbedingt an meiner Seite wissen, wenn ich dem Mann meiner Träume im August das Jawort geben werde …«
   Die Buchstaben tanzen vor meinen Augen, als ich weiterlese und die sensationellen Neuigkeiten verarbeite. Isabelle ist in festen Händen und mit den Vorbereitungen auf eine Traumhochzeit beschäftigt. Eigentlich habe ich nichts gegen die Reihenfolge verliebt, verlobt, verheiratet einzuwenden, auch wenn ich sie für eine Erfindung von Kitschroman-Schriftstellerinnen halte. Mir ist der dreifache Axel in der Liebe noch nie gelungen. Alle Männer, die ich mir zum Paarlaufen ausgewählt habe, sind nicht in der Lage, eine tadellose sportliche Leistung zu bringen und längere Zeit mit einer Partnerin über das Eis zu gleiten. Irgendwann geht ihnen die Puste aus. Sie setzen zum Wurf an, wirbeln mich durch die Luft und fangen mich nicht wieder auf, sondern lassen mich unsanft zu Boden knallen. Nach einigen bösen Stürzen und mühsam verheilten Blessuren bin ich vorsichtig geworden und probiere mein Glück lieber als Solokünstlerin. Es ist nicht schön, aber auf alle Fälle sicherer als sich mit Leib und Seele einem egoistischen, wankelmütigen Mann anzuvertrauen.
   Aber die überstürzte Hochzeit von Isabelle ist noch nicht mal das Schlimmste. Gegen eine Reise nach Österreich habe ich nichts einzuwenden. Das Ziel ist zwar nicht der Traum meiner schlaflosen Nächte, aber gesunde Landluft hat durchaus etwas für sich. Nach der Trauung könnte ich einen Abstecher nach München unternehmen. Dort bin ich ewig nicht mehr gewesen. Aber leider gibt es ein klitzekleines Haar in der Suppe. Isabelle hat eine sentimentale Anwandlung erlitten, sich an unsere langjährige Freundschaft erinnert und mich um meine tatkräftige Unterstützung gebeten. Ich soll die Brautjungfer auf dem gesellschaftlichen Event des Jahres spielen. Ausgerechnet ich. Schlimmer geht es nimmer.
   Ich betrachte das vergilbte Foto, auf dem zwei brave Schulmädchen in die Kamera lachen. Bereits in der ersten Klasse hat man deutlich erkennen können, wer die Schöne und wer das Biest werden soll. Isabelle ist ein anmutiges, zierliches Geschöpf mit seidigen Korkenzieherlöckchen, das in einem zarten Spitzenkleidchen wie eine Sarah Kay-Figur wirkt. Mein selbstbewusster Blick unter dem dunklen Pagenkopf lässt mich als eine moderne Version von Bonnie Parker erscheinen. Bloß der Revolver in meiner Hand und Clyde Barrow an meiner Seite fehlen. Aber wenn ich mich richtig erinnere, habe ich mich selbst mit meinen kleinen Fäusten verteidigen können. Meine Trefferquote ist für ein Mädchen beachtlich. Manche Nervensäge ist mit einem Schneidezahn weniger zu Hause angekommen. Meinen Berufswunsch habe ich nie verleugnen können, auch wenn ich später lieber das entsprechende Werkzeug in der Praxis eingesetzt habe, um Männern einen Zahn zu ziehen.
   Bis zum Abitur sind unsere Rollen klar verteilt. Isabelle fliegen die Männerherzen zu, während ich vergebens auf Besserung hoffe. Auch der Eintritt ins Berufsleben bringt keine entscheidende Veränderung. Zwar schlage ich die Männer nicht mehr in die Flucht, aber an meinem Arbeitsplatz laufen mir einfach keine Traumprinzen über den Weg. Nach meiner Ausbildung zur Zahntechnikerin habe ich Zahnmedizin in Marburg studiert. Nach meinem Examen bin ich in meine Heimat zurückgekehrt, um praktische Erfahrungen in einer modernen Praxis in Bad Nauheim zu sammeln. Wenn ich ängstlichen Rentnern ihre dritten Zähne einsetze und ihnen mit sanfter Stimme Mut zuspreche, schlägt mein Herz keinen Schlag schneller. Statt romantischer Liebesgeschichten lese ich in meiner Freizeit dicke medizinische Wälzer, und ich träume nicht mehr von atemberaubenden Dates, sondern nur noch von komplizierten Wurzelbehandlungen. Meine Lieblingslektüre sind nicht mehr heitere Liebesromane, sondern staubtrockene medizinische Fachbücher. Die Leichtigkeit des Seins ist mir abhandengekommen. Irgendwie habe ich das ungute Gefühl, kein steiler Zahn mehr zu sein.

In dieser Nacht schlafe ich schlecht. In meiner Fantasie sehe ich meine elfengleiche beste Freundin in einem Traum aus weißer Seide zu einem blumengeschmückten Altar schweben. Sie wandelt auf den Spuren von Kate Middleton, die sich Prinz William geangelt hat. Ihre Robe ist klassisch geschnitten und strahlt pures Understatement aus. Fürsorglich bücke ich mich, um die fast drei Meter lange, mit feinen Blüten bestickte Schleppe aus feinster Chantilly-Spitze zu richten, die den roten Teppich bedeckt, mit dem die barocke Kirche ausgelegt worden ist. Mein Kleid ist eine exakte Kopie des Gewandes, mit dem Pippa Middleton auf der königlichen Hochzeit in Großbritannien für Aufregung gesorgt hat. Leider steht es mir nicht so gut wie ihr. Es klebt wie eine zweite Haut an meinem Körper, und ich kann kaum atmen. Als ich die letzte Falte der widerspenstigen Schleppe geordnet habe, höre ich ein merkwürdiges Geräusch. Der hauchdünne Stoff scheint an einer pikanten Stelle gerissen zu sein. Ein leises Raunen geht durch die Kirche und steigert sich zu einem lauten Crescendo: »O mein Gott, sie trägt einen karierten Baumwollschlüpfer.«
   Entsetzt lasse ich die Schleppe fallen und bedecke mein Hinterteil mit meinen zitternden Händen. Die Braut wendet mir ihr verschleiertes Antlitz unter der mit funkelnden Diamanten geschmückten Tiara zu. »Warum hast du nicht besser aufgepasst?« Ich höre einen leisen Vorwurf in ihrer Stimme.
   »Ich hatte keine Ahnung. Es tut mir so leid …«, stammele ich verzweifelt, während die geladenen Gäste in höhnisches Lachen ausbrechen. »Tanga oder String sind rausgeschmissenes Geld. Reizwäsche lohnt sich nicht mehr in ihrem Alter. Die Dicke packt niemand mehr an.«
   Schweißgebadet wache ich auf. Nie mehr werde ich in der Praxis einen heimlichen Blick in die »Glamour« werfen, um das aufregende Leben der Reichen und Schönen zu verfolgen. Meine Träume sind schon mal besser gewesen. Schlecht gelaunt stelle ich den Wecker aus, schwinge mich aus dem Bett und marschiere ins Badezimmer. Leider erfüllt sich meine Hoffnung nicht, dass eine lauwarme Dusche meine Lebensgeister weckt. Missmutig schleppe ich mich zur Arbeit. Normalerweise fühle ich mich sehr wohl an meinem Arbeitsplatz. In der Praxis ist es nicht nur klinisch rein. In der Rezeption stehen immer mehrere Vasen mit frischen Blumen, die einen angenehmen Duft verbreiten. Aus den Lautsprechern in den Wartezimmern und Behandlungsräumen tönt gedämpfte, entspannende Musik. Blank & Jones erfreuen sich großer Beliebtheit. Böse Zungen behaupten, dass wir unsere Patienten in trügerischer Sicherheit wiegen, aber tatsächlich sind sie bei uns in den besten Händen. Unser ganzes Team ist motiviert bis in die Zahnwurzeln. Meine Chefin Frau Dr. Gläser ist eine erfahrene Zahnärztin von 50 Jahren. Sie gilt als streng, aber gerecht, und für unsere Zahnmedizinischen Fachangestellten und Labor-Fachkräfte würde ich die Hände ins Feuer legen. Wir arbeiten gern zusammen und unterstützen uns gegenseitig – und ein gutes Betriebsklima ist in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich.

Aber heute kann ich meine schlechte Laune nicht verbergen.
   Meine bildschöne türkische Assistentin Aylin zieht ihre perfekt gezupften Augenbrauen fast bis zum Haaransatz. »Was ziehst du denn für ein Gesicht?«
   »Frag nicht. Lies selbst«, sage ich kurz angebunden und halte ihr die feine steife Karte unter die Nase.
   Aylin lässt sich nicht lange bitten. Der Blick aus ihren dunkelbraunen Augen fliegt über den Text. »Professor Doktor heiratet eine Bürgerliche – puh. Das klingt für meinen Geschmack nach My fair Lady.«
   »Ich muss dich enttäuschen. Wir sind nicht am Broadway. Im wahren Leben geht Eliza Doolittle leer aus.«
   »Also hat Professor Doktor Higgins Angst vor einem gesellschaftlichen Skandal?«, folgert Aylin logisch. »Eine strohdumme Frau blamiert ihn vor seinen gelehrten Freunden. Deshalb darf sie nur das Betthäschen spielen, aber nicht auf offiziellen Anlässen erscheinen?«
   »Genauso sieht es aus. Eliza Doolittle ist nicht gesellschaftsfähig.«
   »Schade«, seufzt Aylin. »Ich liebe Märchen. Vor allem die Geschichten aus 1001 Nacht.«
   »Ich halte mich an die Realität«, kontere ich. »Niemand heiratet unter seinen Möglichkeiten.«
   »Okay. Dann legt dieser Traumprinz Wert auf eine umfassende Bildung?«
   »Genau. Männer schätzen Frauen, mit denen sie über jedes Thema reden können.«
   »Wenn du es sagst.« Aylin bleibt locker. »Folglich hat die glückliche Braut mehrere Asse im Ärmel?«
   »Richtig. Isabelle ist nicht nur schön, sondern auch schlau. Sie hat ihre kaufmännische Ausbildung und das Studium der Bibliothekswissenschaften mit glänzenden Noten absolviert. Nach ihrem Examen ist sie direkt in den Öffentlichen Dienst übernommen worden.«
   »Wer ist Isabelle?«, erkundigt sich Aylin. »Steht sie dir nahe?«
   »Ja. Sie ist meine beste Freundin seit der ersten Klasse.«
   »Ach, deshalb gehst du so hoch wie eine Rakete.«
   Die Hitze steigt mir in die Wangen. »Tu ich gar nicht.«
   »Lass stecken. Du musst deine Freundin nicht verteidigen. Was ich sage, ist nicht böse gemeint. Sie ist also genauso alt wie du?«
   »Richtig. Dreißig.« Ich muss schlucken. Es ist kaum zu glauben, aber ich habe die magische Grenze im Leben einer Frau bereits hinter mir gelassen, bin aber meilenweit von einem vernünftigen Lebensgefährten entfernt.
   Aylin, die gerade ihren 23. Geburtstag gefeiert hat, braucht diesen Stichtag nicht zu fürchten und ahnt nichts von meinen bitteren Überlegungen. »Wie alt ist der Traumprinz?«, erkundigt sie sich gespannt. »Sein Vorname klingt so altmodisch. Er gehört zu einer anderen Generation.«
   »Werner ist sechzig.«
   »Um Gottes willen, das arme Mädchen. Der Typ steht schon mit einem Bein im Grab.« Aylin ist voller Mitgefühl und rauft sich ihre hüftlangen dunkelbraunen Locken. »Es ist immer das Gleiche. Alte kranke reiche Männer kaufen sich eine schöne junge Frau, die ihnen die letzten Lebensjahre versüßen soll.«
   »Zumindest wird Isabelle nicht als Alten- oder Krankenpflegerin arbeiten müssen. In diesen Kreisen kann man sich Personal für alle niedrigen Arbeiten leisten. Sie muss höchstens den Rollstuhl durch den Park der Villa schieben.«
   »Wahrscheinlich kauft er sich das schickste Modell, wenn es so weit ist. Turbo spezial. Gib Gas, ich will Spaß.« Aylin kichert. »Wie hat sie ihren Traumprinzen überhaupt kennengelernt? Spielt sie Golf oder Tennis? Oder ist sie ihm in der Pinakothek auf die Zehen getreten?«
   »Nein, es war purer Zufall. Sie haben sich im Urlaub kennengelernt. Isabelle wollte ihre Skikünste zu neuem Leben erwecken. Leider hat sie das Gleichgewicht verloren und ist wie ein zusammengerollter Igel einen steilen Abhang hinuntergekullert, bis sie direkt vor den Füßen des großen Gelehrten gelandet ist. Werner hat sich als Gentleman der alten Schule gezeigt und ihr wieder auf die Beine geholfen. Dabei haben sie sich zu lange in die Augen geguckt – und es hat Klick gemacht.«
   »Liebe auf den ersten Blick? Wie romantisch.« Aylin gibt mir die Karte zurück. »Auf jeden Fall hat sie das große Los gezogen. Ich würde auch für mein Leben gern meine freie Zeit auf Benefizgalas und Charityveranstaltungen verbringen, vornehmen Small Talk halten und rund um die Uhr Champagner schlürfen.«
   »Das wäre nichts für dich. Schließlich kannst du nicht schweigen«, sage ich streng. »Du fühlst den Leuten zu gern auf den Zahn.«
   »Ach, da sagst du was«, erinnert sich Aylin mit einem Anflug von schlechtem Gewissen. »In der Eins wartet eine Patientin. Keine akuten Beschwerden, bloß die halbjährliche Kontrolluntersuchung.«
   »Dann wollen wir mal loslegen, bevor sie es sich anders überlegt.« Ich stopfe die Karte zurück in meine Handtasche. »Leider bleibt uns auch nichts anderes übrig als fleißig zu sein. Ein Traumprinz passt mit seinem verdammten Gaul einfach nicht durch die Tür unserer Praxis.«

In der Mittagspause nimmt Aylin das leidige Thema wieder auf. Zu zweit sitzen wir in einem vietnamesischen Restaurant und haben gerade unsere Bestellung aufgegeben. »Also, ich finde eine romantische Hochzeit in Weiß klasse. Warum freust du dich denn nicht über diese Einladung?«
   »Weil ich eine Rolle spielen soll, die mir nicht gefällt: Brautjungfer.«
   »Aber das ist doch toll. Da kommst du auf jedes Foto.«
   Auf diesen Kommentar habe ich gewartet. »Eben. Hast du schon mal eine Gazelle neben einer Elefantenkuh gesehen?«
   »Ach, daher weht der Wind.« Aylin kneift die Augen zusammen und unterzieht mich einer kritischen Musterung. »So dick bist du doch gar nicht.«
   »Vielen Dank für deine aufbauenden Worte. Aber neben Size Zero sieht man selbst mit Größe achtunddreißig wie ein gestrandeter Wal aus – und da passe ich schon lange nicht mehr rein.«
   »Dann müssen wir drastische Maßnahmen ergreifen.« Aylin schiebt ihr Mineralwasser in meine Richtung und greift nach meinem Mango-Lassi. »Ab sofort habe ich das Kommando. Heute Mittag lasse ich mir die knusprigen Nudeln mit gegrillter Ente schmecken. Dafür bekommst du einen köstlichen Salat. Wir werden gemeinsam Kalorien zählen. Wir haben Anfang März. Die Hochzeit findet im August statt. Das schaffen wir.«
   »Eine strenge Diät allein hilft mir nicht weiter. Ich sehe nicht mehr knackig aus, sondern nur noch … tüchtig.«
   »Du badest gerade in Selbstmitleid, Lena. Gibt es Minderwertigkeitskomplexe im Sonderangebot?« Aylin will sich vor Lachen ausschütten. »An deinem Body können wir arbeiten. Das ist ganz einfach. Du musst bloß in ein Fitness-Center eintreten.«
   Diese Antwort habe ich befürchtet. »Vielen Dank für den heißen Tipp. So schlau bin ich schon gewesen. Sportstudios gibt es wie Sand am Meer. Welches soll ich nehmen?«
   Während dieser tiefschürfenden Überlegungen serviert die Kellnerin unsere Bestellung. Der köstliche Duft meines Lieblingsgerichts steigt mir in die Nase, und mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Aber bevor ich meine Stäbchen in die Hand nehmen und nach dem ersten Bissen angeln kann, nimmt Aylin mir meinen Teller weg. »Sorry, Lena. Salat macht auch satt. Kau halt langsam.«
   »Hahaha.«
   Argwöhnisch betrachte ich meinen Teller. Der fruchtige Mango-Salat mit Karotten, Kohlrabi und vietnamesischen Kräutern sieht nicht schlecht aus. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass diese Mahlzeit etwas für den hohlen Zahn ist. Hoffentlich knurrt mein Magen nicht lauter als der Bohrer, wenn ich wieder in der Praxis bin.
   »In der letzten Ausgabe des LIFESTYLE-Magazins war ein Artikel über ein angesagtes Studio in Frankfurt«, erinnert sich Aylin, während sie fröhlich vor sich hin mampft. »Die Fotos sind der Hammer. Die Ausstattung ist vom Allerfeinsten. Es hat sogar einen Pool.«
   »Liest du etwa dieses Hochglanzmagazin?«
   Vor Entsetzen fallen mir fast die Stäbchen aus der Hand, aber Aylin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. »Wenn es in unserer Praxis ausliegt, ja. Außerdem gefällt mir die Marketingstrategie: Alles, was Spaß macht.«
   »Spaß haben kann man auch, ohne protzen zu müssen. So’n Nobelschuppen kommt für mich einfach nicht infrage«, protestiere ich mit letzter Kraft, während ich den kalorienarmen Salat mit Todesverachtung dezimiere. »Wenn ich Luxusweibchen sehe, die mit Louis-Vuitton-Taschen zum Sport gehen, bekomme ich einen Kreischanfall.«
   »Das versteh ich. Dann streichen wir diesen exklusiven Klub. Aber es gibt vernünftige Alternativen.« Aylin lässt ihr Besteck auf den Teller sinken und wühlt in ihrer Handtasche, zieht einen Kugelschreiber hervor, kritzelt eine Adresse auf ihre Serviette und drückt sie mir in die Hand. »Probiere doch mal das Studio Body & Soul aus. Das genießt einen tadellosen Ruf, hab ich mir sagen lassen.«
   »Aua. Das klingt verdächtig nach Juvenal. Mens sana in corpore sano. Bisher hab ich mich nicht krank gefühlt.«
   »Packst du wieder deine klassische Bildung aus? Moderne Fremdsprachen sind mir lieber.” Aylin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. »Komm schon, Lena. Es macht riesigen Spaß, sich selbst etwas Gutes zu tun.«
   »Das ist mir zu schwammig. Ich brauche klare Angaben. Wie sieht der Parkplatz von dem Schuppen aus? Muss ich täglich Papas Maserati oder Muttis Porsche sehen? Oder sind Autos in meiner Gehaltsklasse dabei?«
   »Hast du Berührungsängste?« Aylin kann es nicht fassen. »Stell dich nicht so an. So arm bist du nicht. Du fährst einen guten Mittelklasse-Wagen.«
   »Ja, ein Geschenk meiner Eltern zum Staatsexamen.«
   »Genau. Dein Auto ist bezahlt, nicht geleast. Dieses Gejammer hast du nicht nötig.«
   »Doch.« Die Antwort ist nur bedingt korrekt. Als angestellte Zahnärztin nage ich nicht gerade am Hungertuch, aber zu den Topverdienern in meiner Heimatstadt darf ich mich trotzdem nicht zählen. Wenn ich mich eines schönen Tages selbstständig mache und eine eigene Praxis mit angeschlossenem Labor führe, sieht die Situation anders aus. Allerdings muss ich dann auch einen hohen Kredit bedienen und werde meine Kohle nicht für unnötige Extravaganzen auf den Kopf hauen. Sonst ist mein Traum schneller vorbei, als ich denken kann. »Meine Eltern haben mich vernünftig erzogen. Natürlich verdiene ich gutes Geld, aber ich definiere mich nicht über Statussymbole. Ich schätze Luxus, aber ich brauche ihn nicht zwingend für mein Wohlbefinden. Das ist der feine Unterschied.«
   »Du magst keine Schickimicki-Typen?«
   Aylin hat es auf den Punkt gebracht, und ich lächele ihr zu. »Exakt. Ich möchte meine Zeit nicht mit Menschen verschwenden, die nur den Preis, aber nicht den Wert einer Sache kennen.«
   »Verstehe. Trotzdem kannst du ruhig in das Studio gehen. Der Beitrag ist moderat, und die Klientel ist vernünftig. Vielleicht lernst du dort auch einen tollen Typ kennen.«
   Der Salat schmeckt mir nicht mehr. Angeekelt schiebe ich meinen Teller von mir. »Ich will Sport treiben, nicht Männer anbaggern oder angebaggert werden.«
   »Willst du niemals eine Schnullerfee werden?«
   »Davon bekommen die Kleinkinder schiefe Zähne. Das solltest du wissen, Aylin. Geldgeilen Kieferorthopäden arbeite ich nicht in die Hände.«
   »Also, ich möchte mal heiraten und Kinder haben.« Aylin zieht einen Schmollmund. »Ich weiß bloß noch nicht, wen.«
   »Dann haben wir ja was gemeinsam.« Ich zwinkere ihr zu. »Aber jetzt will ich nichts mehr von einer Hochzeit hören, sondern nur noch von …«
   »Neuen modischen Trends? Du brauchst unbedingt stylische Outfits. Wollen wir zusammen shoppen gehen? Ich kenn viele angesagte Boutiquen in der Nähe.«
   Das unterschreibe ich sofort. Aylin sieht immer zum Anbeißen aus. Sie hat einen guten Geschmack – und eine tadellose Figur. »Ich geb dir Bescheid, wenn es so weit ist.«
   »Au fein.« Aylin deutet meine Antwort in ihrem Sinne. Sie denkt immer positiv. Diese Eigenschaft liebe ich an ihr. »Ohne Fleiß kein Preis. Du schaffst das.«

2. Kapitel

Die aufmunternden Worte von Aylin tun mir gut. Nach Feierabend sitze ich in meinem Auto, wühle in meiner Handtasche und betrachte nachdenklich die Serviette in meiner Hand. Soll ich mir Body & Soul wirklich ansehen? Oder lieber auf direktem Weg nach Hause fahren? Ach was, gucken kostet nichts – und so’n bisschen neugierig bin ich. Dann kann ich wenigstens mitreden und komme mir nicht wie eine Hinterwäldlerin vor, wenn Aylin wieder große Reden schwingt. Entschlossen gebe ich die Adresse in das Navigationsgerät meines Autos ein und brause in Richtung City. Aylin hat nicht gelogen. Es ist verkehrsgünstig, aber ruhig gelegen und punktet durch einen kostenlosen großen Parkplatz. Auf den ersten Blick macht das Studio einen vernünftigen Eindruck. Durch die offene Bauweise mit vielen bodentiefen Fenstern wirkt es hell und freundlich. Als ich das Foyer betrete und zum Check-in schlendere, schaue ich mich gründlich um. Das Publikum gefällt mir. Es gibt keine Spur von überkandidelten Barbiepüppchen mit künstlichen Fingernägeln, aber auch keine solariengebräunten Schwachköpfe, deren Gehirnmasse nicht mit ihrem Bizeps mithalten kann.
   Ein Personal Trainer steht unschlüssig in der Nähe des Tresens herum. Als er mich sieht, zeigt er eine perfekte Showeinlage. Sein Zahnpastalächeln ist fast zu schön, um wahr zu sein. »Herzlich willkommen. Ich bin Kai. Was kann ich für dich tun?«
   »Hi. Ich bin Lena.«
   An das automatische Duzen unter ambitionierten Freizeitsportlern werde ich mich gewöhnen müssen. Auch an das schreckliche Bleaching des Personal Trainers, das für meinen Geschmack viel zu hell ist und total künstlich aussieht.
   »Ich möchte meine Fitness verbessern.«
   Eine charmante Untertreibung. Wo nichts ist, kann man auch nichts verbessern. Aber es klingt besser als die traurige Wahrheit, dass ich in den vergangenen Jahren keinen Sport getrieben habe und zur sportlichen Niete geworden bin.
   »Das ist eine gute Idee. Wir freuen uns auf dich.«
   Klar. Er ist begeistert von mir, weil ich einen Vertrag abschließen und monatliche Beiträge zahlen werde. Wahrscheinlich bekommt er eine Erfolgs-Provision. In seinen Augen blinkt das magische Dollarzeichen.
   Energisch hakt er mich unter und gönnt mir eine private Führung durch die heiligen Hallen. »Hast du dir schon Gedanken über das Training gemacht? Was gefällt dir besonders?«
   Gutes Essen. Mehrere Gänge. Am liebsten italienische Küche. Pasta, Pesce und Dolci. Gegen ein Glas Wein und ein Likörgläschen Limoncello habe ich auch nichts einzuwenden. Zum Glück weiß ich, wann ich besser schweigen soll. Das ist die falsche Antwort. Der Gesundheitsapostel kippt aus seinen Turnschuhen, wenn ich meiner spontanen Eingebung folge und ihm meine besonderen Vorlieben mitteile.
   Kai bemerkt meine Verlegenheit und unterbreitet mir einen Vorschlag. »Wie wäre es mit Krafttraining? Wir könnten dir einige Übungen zusammenstellen.«
   Will er mich um jeden Preis unglücklich machen? Ich werfe einen entgeisterten Blick auf die professionellen Geräte, an denen sich durchtrainierte Typen mit stählernen Muskeln austoben. Ein Waschbrett-Bauch ist sexy. Aber nur bei Männern. Muskelbepackte Frauen finde ich unästhetisch. Energisch schüttele ich den Kopf. »Auf gar keinen Fall. Ich will keine Muskelmasse aufbauen. Nur so’n bisschen abnehmen.«
   »Okay. Aber trotzdem werde ich dir drei, vier Übungen empfehlen, die du nach dem Warm-up machen kannst. Was schwebt dir als Einstieg vor? Bevorzugst du den Crosstrainer oder das Laufband?«
   Weder noch. Der Crosstrainer erinnert mich an Nordic Walking auf dem Trockenen, das Laufband bietet andere Tücken. Soll ich bei höherem Tempo ins Stolpern geraten, coram publico auf die Nase fallen und vom laufenden Band gerollt werden?
   »Hm.« Meine Begeisterung ist mir offensichtlich ins Gesicht geschrieben.
   Kai lässt aber nicht locker. »Was hast du dir denn vorgestellt?«
   »Rad fahren«, presse ich widerwillig hervor. Da kann ich wenigstens auf meinem wohlgerundeten Popo sitzen bleiben.
   »Fein. Zwanzig Minuten müssten für den Anfang reichen. Was willst du denn noch machen?« Er parkt mich in einer Sitzecke im Foyer, gönnt mir ein Glas Mineralwasser und schiebt mir ein komplettes Kursprogramm unter die Nase. »Wir haben viele tolle Kurse. Bestimmt ist was für dich dabei? Wie sieht es mit Yoga aus?«
   Ja. Das klingt friedlich. Gegen ein stabiles seelisches Gleichgewicht habe ich nichts einzuwenden. Vielleicht werde ich während der meditativen Übungen auf meiner Matte einschlafen, aber das Risiko gehe ich ein. »Gut. Pilates nehme ich auch.« Den Rest kann er mir einpacken. Ich werde den Kursplan auf Halde legen und nicht mehr anschauen. Für heute reicht es mir. Ich will nur noch nach Hause. Hektisch blättere ich in den Vertragsunterlagen. »Wo muss ich unterschreiben?«

Am nächsten Morgen wartet Aylin an der Rezeption und plinkert mich unter ihren lackschwarzen samtenen Wimpern an. »Na?«
   »Du hast gewonnen. Ich habe mich angemeldet.«
   »Au fein«, jubelt sie. »Wann fängst du an?«
   »Heute Abend, wenn ich die Praxistür hinter mir abgeschlossen habe.«
   »Klasse. Du hast den richtigen Biss. Ich habe dir auch was mitgebracht.«
   Eine Portion Manti oder Lahmacun zum Mittagessen wäre nicht schlecht. Alle Frauen in Aylins Familie können hervorragend kochen und bedenken unsere Praxis mit regelmäßigen Spenden. Gutes Essen kann ich nicht umkommen lassen. Meine überflüssigen Pfunde sprechen für sich.
   Mit wichtiger Miene drückt mir Aylin ein bedrucktes Blatt Papier in die Hand. »Lies mal.«
   »Was ist das?«, frage ich misstrauisch.
   »Dein neuer Diätplan. Ich habe mal im Netz geforscht. »Träum dich dünn« wird unser Erfolgsrezept.«
   Wenn ich noch nicht mal mehr in meinen Träumen satt werden darf, sehen wir harten Zeiten in der Praxis entgegen. »Von Netzgeflüster halte ich nichts. Willst du mich auf Nulldiät setzen? Dann fällt mir unter Umständen die Spritze aus der Hand.«
   »Das Geschrei unserer Patienten möchte ich nicht hören, wenn du einen Zahn ohne Betäubung ziehst«, feixt Aylin. »Nein, das ist ganz einfach. Du wirst satt, versprochen. Lies dir die Anweisungen in aller Ruhe durch. Die Lebensmittel hast du garantiert im Haus. Du musst nur deine Lebensgewohnheiten ändern.«

Nachdem ich den letzten Patienten höflich, aber bestimmt aus der Praxis geschubst habe, putze ich mir die Zähne und düse zum Fitnessstudio. Gegen 19 Uhr ist es gerammelt voll. Unter den vielen enthusiastischen Freizeitsportlern fühle ich mich etwas fehl am Platz. Trotzdem schlage ich meinem inneren Schweinehund ein Schnippchen und schwinge mich auf das erste Fahrrad, das meinen Weg kreuzt.
   Neugierige Blicke streifen mich. Ich bin nicht überrascht. Schließlich sitzt mein Sportdress wie eine zweite Haut und gibt mehr von mir preis, als ich beabsichtigt habe. Ich bleibe nicht lange allein. Bald will mir ein Best-Ager seine glänzende körperliche Verfassung demonstrieren. Er besetzt den Tretesel neben mir und tritt so schnell in die Pedale, als ob er sich zur nächsten Tour de France anmelden möchte.
   »Neu hier?«, schnauft er mir mit hochrotem Kopf entgegen. Er ist ein aufgewecktes Kerlchen, das muss ich ihm lassen.
   Ich mustere ihn von oben bis unten. Leider entspricht er überhaupt nicht meinem Beuteschema. Mit seinem runden Schädel, dem massigen Körper und der dicken Knollennase sieht er aus wie ein zu groß geratener Schlumpf. Sein leuchtend blauer Sportanzug und die weißen Turnschuhe passen wie die Faust aufs Auge. »Ja.«
   »Früher war ich Profisportler. In meinen jungen Jahren habe ich viele Medaillen im Gewichtheben abgeräumt«, informiert mich mein drahtiger Sportgefährte über seine bewegte Vergangenheit. »Du würdest staunen, was ich heute noch alles stemmen kann.«
   »Ach?«
   Für die Feinheiten der deutschen Sprache ist der Prahlhans nicht empfänglich. Er ist von seiner erotischen Ausstrahlung überzeugt, grinst über das ganze Gesicht und präsentiert mir seinen Bizeps. Ich weiß nicht, wo ich hinschauen soll. Seine schadhaften gelblichen Zähne erinnern mich fatal an Erdnussflips. »Fühl mal. Ich bin perfekt in Form. In jeder Beziehung.«
   Ist das eine plumpe Anmache? Schaut dieser sabbernde Fitnesspapst niemals in den Spiegel? Oder hat er ihn abgehängt, damit er sich nicht über seinen eigenen Anblick erschrecken muss? So verzweifelt kann ich gar nicht sein, dass ich mit einem im Leben zu kurz gekommenen alten Mann in die Kiste hüpfe. Wenn er seine Hüllen fallen lässt und mir seinen (Alb)-Traumbody präsentiert, werde ich den schlimmsten Schock meines Lebens erleiden und womöglich bis an mein seliges Ende nie mehr mit einem Mann ins Bett gehen wollen. Nein, meine Entscheidung steht fest. Er soll sich woanders eine willige Schlumpfine suchen, die ihm die Bewunderung zollt, die er für sein seelisches Gleichgewicht braucht.
   »Wer ’ne schwere Hantel und große Reden schwingen kann, muss nicht unbedingt Eier in der Hose haben.« Lässig klettere ich von meinem Fahrrad und durchbohre ihn mit einem eisigen Blick. »Du kennst doch den Spruch: Hunde, die bellen, beißen nicht. Tob dich ruhig an deinen Geräten aus. Oder geh einfach zum Reha-Sport. Da findest du genügend Mädels in deiner Altersklasse. In der Zwischenzeit geh ich lieber mit den anderen Kleinen im Kinderparadies spielen.«
   Eine Viertelstunde später beginnt der Yoga-Kurs. Hier sind wir Frauen wenigstens unter uns. Der Kursraum ist in orientalisch anmutenden Farben gehalten. Eine grazile Frau entzündet gerade mehrere Duftkerzen, die zusammen mit einer meditativen Musik eine behagliche Stimmung verbreiten. Ich atme auf und mache es mir auf meiner Matte bequem. Vor der Totenstellung ist mir nicht bange, und den Krieger werde ich auch noch auf die Reihe bekommen. Mit den Tieren kenne ich mich nicht so gut aus, aber immerhin sind mir die Kobra und der herabschauende Hund vertraut. Bei meiner ausgeprägten Tierliebe wird mir nichts Schlimmes passieren.
   Leider erhält meine zuversichtliche Stimmung einen empfindlichen Dämpfer, als ich den merkwürdigen Anweisungen der Trainerin kaum folgen kann und verzweifelt zu meinen Schicksalsgefährtinnen hinüberschiele, um nicht den Anschluss zu verpassen und völlig auf der Strecke zu bleiben. Letzte in der Klasse zu sein, ist nicht sehr angenehm. Die neue Trainerin verhält sich auch genauso wie meine ehemalige Sportlehrerin, die alle schwachen Schüler immer zu ihrem Glück gezwungen hat. Ehe ich weiß, wie mir geschieht, baut sie sich neben mir auf und zwingt mir unerwünschte Weisheiten auf. »Das Bein musst du strecken. So macht man das. Das tut gut, nicht wahr?«
   Darüber kann man geteilter Meinung sein. Ich bin freiwillig hier und sehe nicht ein, warum ich aktiv an dieser Form von Körperverletzung mitarbeiten soll. »Ich bin kein Schlangenmensch. Mein Kreuzband brauch ich noch.«
   Wie ein nasser Sack lasse ich mich auf die Matte fallen und sortiere meine Knochen, während die Trainerin stoisch lächelt und zur nächsten Unglücklichen schwebt. Eine Wolke Ylang-Ylang steigt mir in die Nase, und mir wird flau im Magen. Es ist bullenheiß, und mein Sportdress ist klatschnass. Aber die Fenster darf ich nicht öffnen, weil ich mich ja nicht erkälten soll. Gegen den qualvollen Tod durch Ersticken hat die Geschäftsführung anscheinend nichts einzuwenden.
   Ein leises Ding-Dong holt mich in die Gegenwart zurück. Unsere Yoga-Expertin hat ihre Runde beendet und läutet mit ihrer tibetischen Klangschale die nächste Einheit ein.
   Ihre helle Stimme zwitschert wie ein munteres Vögelchen. »Wir begeben uns jetzt in die Bhadrasana. Das ist eine wunderschöne Asana. Mit ihrer Hilfe wirst du in deiner Mitte ankommen. Sie beruhigt deine Gedanken und gibt dir Raum für neue Ideen, Gefühle und Erlebnisse.«
   Diesmal kann ich der Trainerin beipflichten. In meinem Kopf kreisen ketzerische Gedanken. Angeblich sollen die Anhängerinnen von Yoga ein hervorragendes Körpergefühl besitzen, was sich positiv auf ihr Sexualleben auswirkt. Es muss sich um ein gezielt gestreutes Gerücht handeln. Wenn ich diesen Sport längere Zeit betreibe, werde ich bleibende gesundheitliche Schäden davontragen, die jede erotische Aktivität für längere Zeit ausschließen oder für immer unmöglich machen. Mein Liebesleben liegt bereits brach. Eine weitere Durststrecke kann ich mir in meinem fortgeschrittenen Alter nicht leisten. Also muss ich mir etwas Neues suchen. In diesem Leben werden Yoga und ich keine Freunde mehr.

»Erzähl schon.« Aylin kann ihre Neugierde nicht verbergen, als ich am nächsten Morgen in unserer Praxis erscheine. »Wie war dein erstes Mal?«
   »Zum Abgewöhnen«, sage ich und schlüpfe in meinen Ärztekittel. »Massive sexuelle Belästigung durch einen eitlen lüsternen Greis, gefolgt von mittelschwerer Körperverletzung durch widernatürliche Verrenkungen. Wenn mir das bei einem Date passiert wäre, hätte sich der Typ auf der Intensivstation künstlich beatmen lassen können.«
   »Oh, oh.« Aylin wiegt bedauernd ihren schönen Kopf. »Das klingt gar nicht gut.«
   »Stimmt. Aber Aufgeben kommt nicht infrage. Schlimmer kann es nicht mehr werden. Meine Devise ist: Jetzt erst recht.« Temperamentvoll knalle ich die Tür des Garderobenschranks zu. »Wenigstens bin ich gestern Abend satt geworden. Ein gebratenes Steak ist ein Highlight. Dein Diätplan hat meinen Tag gerettet.«
   »Du wirst sehen, deine Pfunde purzeln schneller, als du gucken kannst.« Aylin hat wieder Oberwasser. »Am besten gehst du strategisch vor und legst eine Excel-Datei auf deinem Laptop an. Dann wiegst du dich jeden Tag und trägst dein aktuelles Gewicht ein. Im Laufe der Zeit kannst du eine Grafik erstellen und deine persönliche Erfolgskurve sehen.«
   »Mein Ausgangsgewicht möchte ich eigentlich gar nicht wissen. Aber ich werde in den sauren Apfel beißen. Von nun an kann es nur bergab gehen.«
   »Falsch.« Aylin lacht. »Du kannst dir deine Erfolge alternativ als Butterpäckchen vorstellen. Im Laufe der nächsten Wochen wird der Turm immer höher.«
   »Das ist eine schöne Idee. Ich freu mich schon auf Dezember.«
   »Wieso?«
   »Dann werde ich mich an dem Berg bedienen und zuckersüße Kekse backen. Mandelplätzchen, Vanillekipferl und Zimtsterne sind garantiert der Renner.«
   Gut gelaunt mache ich mich auf den Weg zu meinem ersten Patienten. Mein zweites Standbein als Zuckerbäckerin gefällt mir. Auf diese Weise kann ich für tiefe Löcher in den Zähnen unserer Patienten sorgen und das Geschäft in unserer Praxis ankurbeln. Unsere Chefin wird mir sehr dankbar sein. Vielleicht bekomme ich eine Prämie für besondere Verdienste.

3. Kapitel

Nach dem schlechten Start im Fitnessstudio geht es langsam, aber stetig bergauf. Der beleidigte Casanova macht einen weiten Bogen um mich. Den gleichen Sicherheitsabstand halte ich zur entrückten Yoga-Trainerin, die ihre Schülerinnen für ihren alternativen Lebensstil begeistern will und fleißig die Reklametrommel für ihren Tagesworkshop »Schamanisches Reisen« rührt. Selbst ernannten Heilerinnen traue ich grundsätzlich nicht über den Weg, aber ich will ihr nicht das Geschäft vermasseln und halte lieber meinen Mund. Wenn wir uns nicht in die Quere kommen, passt es hervorragend. Lieber beweise ich meine Bodenständigkeit, arbeite an einer guten Haltung im »Rücken-Fit«-Kurs und quäle mich auf dem Fahrrad oder dem Laufband.

Geschlossene Räume bieten mir einerseits Schutz vor unerwünschten Blicken. Andererseits möchte ich auf frische Luft nicht verzichten. Im April habe ich meinen inneren Schweinehund so weit überwunden, dass ich mich auch in die freie Natur wage. Genau gesagt: in den historischen Kurpark von Bad Nauheim. Statt mit meinen Eltern gemütlich zum Brunchen in ein beliebtes Restaurant zu gehen, habe ich mich entschlossen, meinen aufrechten Gang über eine längere Strecke zu trainieren. Dauerlauf habe ich schon in der Schule aus tiefster Seele gehasst. Die euphemistische Bezeichnung Jogging klingt in meinen Ohren nicht besser. Nach dem Abitur war ich felsenfest davon überzeugt, nie wieder in der freien Natur herumschnaufen zu müssen. Ich habe mich geirrt. Nicht zum ersten Mal in meinem Leben. Leider habe ich keine andere Wahl, als in den sauren Apfel zu beißen und die Schnürbänder meiner Turnschuhe noch einmal kräftig zu schnüren, bevor ich mich langsam in Bewegung setze. Das Erfolgserlebnis ist atemberaubend. Auf der kurzen Strecke vom Parkplatz zum zentral gelegenen Kurpark habe ich leichtes Seitenstechen. Als ich die romantische Brücke am Teich erreiche, keuche ich wie eine ausrangierte Lokomotive. Mir bricht der kalte Schweiß aus. Wie soll ich bloß die restlichen Kilometer überstehen, ohne ein Beatmungsgerät in Anspruch nehmen zu müssen?
   Bums! Bei der letzten Kurve habe ich nicht mehr auf meine Mitmenschen geachtet und stoße frontal mit einem entgegenkommenden Jogger zusammen. »Autsch!«
   »Ist das eine neue Methode, Kontakte zu knüpfen?«
   Ich blinzele benommen und reibe mir meinen schmerzenden Kopf. Zwei spöttische Augen funkeln mich aus einer Höhe von ungefähr 1,90 Meter an. Mein attraktives Gegenüber sieht genauso aus wie meine Lieblingsschokolade: quadratisch, praktisch, gut.
   Das Blut schießt mir in die Wangen. Hilfe! Leide ich unter Halluzinationen? Sind diese Gedanken die ersten Entzugserscheinungen, weil ich sämtliche Süßigkeiten von meinem Einkaufszettel gestrichen habe?
   »Tut mir leid, ich war in Gedanken …«, murmele ich schuldbewusst.
   »Raus mit der Sprache. Worüber hast du dir den Kopf zerbrochen? Bist du heute auf die Waage gestiegen? Hast du gesündigt? Hast du die Kalorien der letzten Tage gezählt?«
   Diese bitterbösen Bemerkungen haben gesessen. Mein Appetit auf Süßigkeiten ist mir mit einem Schlag vergangen. Auch das Interesse an diesem Exemplar der männlichen Spezies.
   Empört blitze ich mein Gegenüber an. »Was fällt dir ein? Du bist wohl bei der Hasenjagd zu Ostern übrig geblieben?«
   »Touché. Auf den Mund gefallen bist du nicht.« Er lacht aus voller Kehle und tänzelt geschmeidig wie ein Boxer um mich herum, während ich vor Wut nach Luft schnappe. »Ich bin Alex. Wie heißt du?«
   »Lena.«
   »Das passt ja. Bist du öfter hier?«
   »Ab und zu.«
   Gelogen ist das nicht. Mit meinen Eltern bin ich regelmäßig durch den Park getrabt, um einen köstlichen Brunch in unserem Lieblingsrestaurant zu genießen. Eine Runde Joggen um den See ist eine neue Variante. Aber das muss ich diesem neugierigen Mister Universum nicht unbedingt auf die Nase binden, der mich nicht in Ruhe lassen will.
   »Dann sehen wir uns nächsten Sonntag wieder?«
   »Kein Kommentar. Die Antwort würde dich nur verunsichern.«
   »Hahaha. Nee, sag mal. Gleiche Zeit, gleicher Ort, gleiche Stelle?«
   »Wenn du auf eine Kopfnuss scharf bist.«
   »Einen Totalschaden werde ich wohl nicht davontragen.« Er grinst mich frech an. »Der eingebaute Airbag müsste reichen.«

Am liebsten möchte ich ihm eine passende Antwort geben und ihn über das niedrige Geländer der Brücke schubsen. Dieser selbstgefällige Macho braucht dringend eine kleine Abkühlung. Aber für solche radikalen Maßnahmen sind leider zu viele Augenzeugen vor Ort. Trotzig werfe ich meinen Pferdeschwanz in den Nacken, mobilisiere meine letzten Kräfte und gebe noch mal Gas, um mich aus der Affäre zu ziehen. Als der nervige Typ außer Sichtweite ist, breche ich fast vor Schwäche zusammen und schleppe mich mit allerletzter Kraft zu meinem Auto. Eins ist so sicher wie die Implantate, die ich meinen Patienten einsetze: Heute reicht meine Energie nur noch zu einem heißen Wannenbad, sonst kann ich morgen in der Praxis nicht mehr stehen, sondern nur noch die Abrechnungen an meinem Schreibtisch erledigen.

Leider gibt es keinen weiteren Lichtblick in meinem Leben. Mein Zusammenstoß mit dem gut gebauten, aber arroganten Sportler bleibt die einzige folgenschwere Begegnung mit dem anderen Geschlecht. Im Fitnessstudio erkunde ich Sauna und Dampfbad. Sicherheitshalber entscheide ich mich für den separaten Damen-Bereich, um keine aufgeschlossene, sexuell bedürftige Athleten zu treffen, die unser Trainingscamp mit einem kostenlosen Escortservice verwechseln. Wenn ich im Dampfbad schwitze, bin ich dankbar, dass die aufsteigenden Nebelschwaden meine Figur vor den neugierigen Blicken der anderen Frauen verhüllen. Natürlich bin ich auch nicht scharf darauf, das geballte nackte Elend meiner Geschlechtsgenossinnen zu sehen. Meine sexuellen Neigungen haben sich nicht geändert. Ich stehe nur auf Männer. Switchen will ich um keinen Preis. Also lebe ich weiter enthaltsam. Der einzige Trost ist der tägliche Gang auf die Waage. Aylin hat ins Schwarze getroffen: Meine überflüssigen Kilos purzeln tatsächlich. Glücklich sortiere ich die ersten Klamotten aus meinem Kleiderschrank aus und vertiefe mich vor dem Schlafen gehen in die geistig anregende Lektüre der Zeitschrift Glamour. Meine Traumgröße ist in greifbare Nähe gerückt, und ich muss dringend meine Wissenslücken schließen, was angesagte modische Trends betrifft. In nicht allzu ferner Zukunft werde ich eine ausgedehnte Shoppingtour starten. Eigentlich bevorzuge ich lässig-sportliche Garderobe. Trotzdem gefällt mir der Gedanke, meinen praktischen Look aus Jeans, Shirt und Sneakers gegen figurbetonte Kleidchen und hohe Stöckelschuhe in leuchtenden Farben zu tauschen. Das Leben ist bunt – und alles ist möglich!

An einem Mittwoch startet Aylin einen überraschenden Angriff. Mit eisernem Griff umklammert sie meine Hand und entführt mich nach der Sprechstunde in die Innenstadt.
   Mir schwant nichts Gutes, als sie mich in einen noblen Friseursalon auf der Shoppingmeile meiner Heimatstadt schleppt und auf einen freien Platz drückt. »Was hast du vor?«
   »Nichts Schlimmes.« Ihre glitzernden Augen strafen ihre harmlosen Worte Lügen. »Du brauchst Farbe in deinem Leben. Shirin wird dich zum Strahlen bringen.«
   »Gleich sehe ich rot.«
   »Das gefällt mir auch«, stimmt Aylin mir begeistert zu. »Was hältst du von einer Tönung in Kastanie oder Mahagoni?«
   »Bist du beschwipst? Ist in deiner Mundspülung zu viel Alkohol? Wie kommst du auf diese absurde Idee?«
   »Du musst von diesem Straßenköterblond weg.« Aylin verdreht die Augen. »Willst du ewig als Vogelscheuche herumlaufen?«
   »Ich werde dich bei Frau Doktor Gläser verpetzen. Das ist Mobbing. Diese Bemerkung kostet dich das Weihnachtsgeld.« Die Stylistin hat sich bisher aus der Unterhaltung herausgehalten. Sie ist sehr hübsch, schlank und zierlich, strahlt aber eine gewisse Autorität aus. Entschlossen löst sie meinen praktischen Pferdeschwanz und kämmt sorgfältig meine schulterlangen Haare durch. Ihre Stimme ist freundlich, aber bestimmt. »Hallo, ich bin Shirin.«
   »Angenehm«, presse ich hervor. Am liebsten möchte ich mir diese Floskeln klemmen und aus dem Salon türmen, aber ich bin nicht mehr sechs Jahre alt und weiß, was sich gehört. Zumindest theoretisch. »Ich bin Lena.«
   »Ich weiß. Sie sind eine tüchtige Zahnärztin. Wenn ich mal Zahnschmerzen habe, komme ich sofort in Ihre Praxis.«
   Sie lächelt wie eine Sphinx, und ich fühle mich unbehaglich. Was weiß diese fremde Frau noch von mir? Hat Aylin aus der Praxis geplaudert?
   »Was kann ich heute für Sie tun?«
   »Nichts«, möchte ich am liebsten sagen, aber das ist die falsche Antwort. Shirin ist eine selbstständige Kauffrau und muss hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Genauso wie ich, auch wenn ich keinen Kamm, sondern eine Spritze in die Hand nehme. Deshalb suche ich nach einer salomonischen Lösung, mit der wir leben können. »Spitzen schneiden.«
   Das klingt ganz vernünftig, aber Shirin scheint nicht zufrieden zu sein. »Was halten Sie von einer Typveränderung?«
   Genauso muss sich Samson gefühlt haben, als er in die Hände von Delilah gefallen ist. Shirin will mir doch wohl nicht meine geliebte Mähne abschneiden, die ich seit einigen Jahren gezüchtet hatte? Leichte Panik macht sich in mir breit. Entsetzt starre ich in den Spiegel. »Ein Kurzhaarschnitt steht mir nicht. Dann sehe ich aus wie ein kleiner Junge. Ich will auf keinen Fall einen raspelkurzen platinblonden Pixie Cut wie Katie Perry.«
   »Keine Angst. Ich dachte eher an einen Long Bob. Das ist eine unkomplizierte Frisur – und momentan der absolute Renner.«
   Lässig und pflegeleicht? Okay, das klingt wie Musik in meinen Ohren. Allzu viel Lebenszeit möchte ich nicht auf mein Styling verschwenden.
   Die schlaue Shirin merkt, dass mein Widerstand schwindet, und setzt noch eins drauf. »Wir stufen Ihre Haare im unteren Drittel leicht durch, dann fallen sie weicher in Ihr Gesicht.« Sie greift zu einer Farbkarte und zeigt mit einem sorgfältig manikürten Fingernagel auf eine Haarsträhne. »Ich empfehle Ihnen eine Tönung in Gold- oder Honigblond. Das sieht sehr edel aus, harmoniert mit leicht gebräunter Haut und schmeichelt Ihrem Teint.«
   »Kein Rot?«
   Unsere Blicke begegnen sich im Spiegel. »Keine Angst, wir lassen Sie nicht als lebendige Fackel aus dem Laden gehen. Schließlich sollen Sie sich in Ihrer Haut wohlfühlen.«
   »Einverstanden.« Beruhigt lehne ich mich zurück. »Dann zeigen Sie, was Sie können.«
   Anderthalb Stunden später starre ich fassungslos in den Spiegel, während Aylin begeistert in die Hände klatscht. »Wow! Ich bin geflasht. Deine beste Freundin wird dich nicht mehr wiedererkennen, wenn du auf der Traumhochzeit aufkreuzt. Du siehst aus wie ein Filmstar, Lena. Irgendwie erinnerst du mich an Toni Garrn. Du bist genauso groß und sexy wie sie. Bis zum Sommer hast du ihre Figur, wetten?«
   Allmählich glaube ich es auch. Mein Selbstbewusstsein steigt um hundert Prozent. Vielleicht werde ich doch nicht die Rolle des Mauerblümchens auf der Hochzeit des Jahres spielen müssen. Dankbar drücke ich die Hand meiner strahlenden Assistentin. »Du bekommst eine Sondergratifikation, Aylin. Aus meiner eigenen Schatulle. Das verspreche ich dir.«
   Aylin nutzt meine Begeisterung für ihre Zwecke. »Dann habe ich freie Hand? Das ist super. Deine Augenbrauen erinnern mich zwar an Cara Delevingne, aber sie sollten etwas in Form gezupft werden. Und deine Hände haben eine French Maniküre verdient.«
   »Hoffentlich verschlucken sich die Patienten nicht vor Schreck, wenn Germany‘s Next Top Model morgen in den Behandlungsraum kommt und Abdrücke von ihren Beißerchen nehmen will. Wenn mir die Aufnahmen nicht gefallen, werde ich sie mit einem neuen Spruch beglücken. Mal sehen, was sie für ein Gesicht ziehen, wenn ich ihnen tief in die Augen schaue, eine bedeutungsvolle Pause einlege und mit strenger Stimme verkünde: Ich habe heute kein Foto für dich«, rutscht es mir heraus. »Also gut, Aylin, du hast mich überredet. Ich mache alles mit, wenn ich ’ne örtliche Betäubung bekomme. Sonst halte ich die entsetzlichen Schmerzen nicht aus.«
   »In Ordnung, Lena. Ich springe gleich in den nächsten Supermarkt und hole uns drei Dosen Prosecco. One for all, all for one. Wir sind mindestens so gut wie die drei Musketiere, nicht wahr?«
   »Noch besser. Schließlich sind wir Frauen.«

Abends mixe ich mir einen Energydrink und mustere mich glücklich im Spiegel. Aylin hat nicht zu viel versprochen. Shirin versteht ihr Handwerk. Meine Haare glänzen in einem schönen Farbton und sehen rundum gesund aus. Mein neuer Look ist perfekt. Von nun an kann ich mich überall sehen lassen.
   Gut gelaunt setze ich mich an meinen Schreibtisch. Es ist höchste Zeit, Isabelle einen langen, liebevollen Brief zu schreiben. Ich habe allen Grund, ihr von ganzem Herzen dankbar zu sein. Ihre Einladung hat viele positive Veränderungen bewirkt und mein langweiliges Dasein in eine neue Richtung gelenkt. Ich freue mich auf die Zukunft. Mein Leben ist wieder bunt und aufregend geworden. Wer weiß, was der liebe Gott noch so alles mit mir vorhat? Vielleicht wird das einstige Aschenputtel als wunderschöne Cinderella über die Tanzfläche wirbeln, einen Stöckelschuh verlieren und lange nach Mitternacht ins Bettchen sinken? Vielleicht wird es für Aufruhr sorgen und reihenweise Männerherzen brechen? Vielleicht wird es sogar die ganz große Liebe finden? Auf jeden Fall werde ich diesen besonderen Tag genießen. Jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde lang.
   In dieser Nacht schlafe ich gut. Im Traum steige ich aus einer Stretchlimousine und schwebe die Freitreppe zum Schloss hinauf. Als ich den Ballsaal betrete, setzt die Musik aus. Die männlichen Gäste bekommen Schnappatmung, während die weiblichen Gäste rot vor Wut werden und flüstern: »Wer ist das? Sie muss aus Hollywood kommen. Dieses wundervolle Kleid hat Emma Stone auf der Oscar Verleihung getragen. Könnt ihr euch noch an das exklusive Modell von Givenchy Haute Couture erinnern?«
   Mit einem strahlenden Lächeln bahne ich mir einen Weg durch die gaffende Menge, schüttele selbstbewusst meine schimmernden Locken, die zu einer komplizierten Frisur gesteckt sind, und werfe einen schelmischen Blick über meinen Fächer. »Wer ist der Erste, bitte?«
   Während die weiblichen Gäste empört nach Luft schnappen, vergessen die anwesenden Gentlemen ihre gute Erziehung, lassen ihre Partnerinnen im Stich und bauen sich wie stolze Gockel vor mir auf. Anmutig schreite ich von einem zum anderen, begutachte sie mit einem Kennerblick und nicke einem gut gebauten Herrn gnädig zu, der eine starke Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Ryan Gosling aufweist. »Heute ist Ihr Glückstag.«
   Mit einem stolzen Lächeln bietet er mir seinen Arm und gibt dem Orchester mit der freien linken Hand ein Zeichen. Die Musik setzt ein. Wiener Walzer.
   »Ich habe Sie noch nie hier gesehen. Sie stellen alle anderen Damen in den Schatten. Verraten Sie mir mehr von sich?«
   »Meine goldenen Schuhe stammen aus der neuen Kollektion von Laurence Dacade, und meinen kostbaren Schmuck habe ich einem Frühstück bei Tiffany’s zu verdanken«, hauche ich mit einer zuckersüßen Stimme und lasse mich bereitwillig über die Tanzfläche wirbeln. »Meine traumhafte Frisur und mein perfektes Make-up verdanke ich meiner persönlichen Stylistin Shirin. Aber meinen Namen werde ich Ihnen nicht verraten. In diesem Punkt können Sie sich ruhig die Zähne ausbeißen. Schließlich muss ich gutes Geld verdienen, um mir diese Extravaganzen leisten zu können.«

4. Kapitel

Mit einem lauten Lachen wache ich auf. Wahrscheinlich habe ich in den vergangenen Tagen zu viel in der Zeitschrift »Glamour« geblättert. Dieses Blättchen entwickelt sich noch zu meiner Lieblingslektüre. Die eleganten Roben der Oscar-Preisträgerinnen sind in meinem Gedächtnis kleben geblieben wie schwarze Lakritze in den Zähnen meiner Patienten. Vor allem »La-La-Land« hat es mir angetan. Vielleicht sollte ich mal wieder in unserem Kino vorbeischauen, wenn Emma Stone und Ryan Gosling durch meine Träume geistern und mit mir eine kesse Sohle aufs Parkett legen wollen. Natürlich nicht allein, sondern mit einer lieben Freundin. Mit Aylin kann dieses Musical nur ein Happening werden.

Mit einem strahlenden Lächeln fahre ich zur Praxis. Meine gute Laune ist durch nichts zu erschüttern. Selbst als meine strenge Chefin Frau Dr. Gläser sich wegen einer Magen-Darm-Grippe krankmeldet und mir am Telefon ans Herz legt, meinen freien Abend zu opfern und unser Praxiskonzept auf einer Informationsveranstaltung in einem elitären Golfklub in meiner Heimatstadt vorzustellen. Eigentlich sind mir diese Termine verhasst, aber heute mache ich eine Ausnahme und zeige mich von meiner allerbesten Seite. »Ja klar, das mache ich gern. Sie können sich auf mich verlassen. Gute Besserung!«
   Gut gelaunt drücke ich das Gespräch weg und bitte meine Assistentin um Hilfe, die vor ihrem Personal Computer sitzt und in den Bildschirm starrt. »Aylin, kannst du mir bitte die Präsentation für den heutigen Abend ausdrucken? Du weißt doch bestimmt, wo sie gespeichert ist.«
   Aylin kann man nicht erschüttern. »Na klar. Mir entgeht nichts. Aber warum freust du dich so über diesen Auftrag? Hast du heute Abend nichts Besseres vor?«
   »Nein. Ich stehe gern im Mittelpunkt. Wahrscheinlich werden alle Gäste begeistert an meinen Lippen hängen.«
   »Sicher. Weil du sie nicht mehr zu Wort kommen lassen wirst. Wenn du einmal redest, können alle anderen einpacken.«
   Aylin lässt ihren PC im Stich, baut sich vor mir auf und stemmt die Hände in die Hüften. »Was ist los? Hast du den Eurojackpot geknackt?«
   »Wäre ich dann noch hier?
   »Weiß ich nicht. Vielleicht willst du ja die Praxis übernehmen.«
   »Genau. Ich zähle gerade meine Moneten. Meinst du, dass ich mit fünfzig Euro hinkomme? Mehr habe ich heute nicht dabei.«
   »So billig sind wir nicht zu haben.«
   »Schade.«
   »Nee, im Ernst, warum bist du so gut gelaunt? Hast du zehn Kilo in einer Nacht verloren?«
   »Blödsinn. Ich freu mich bloß auf meine Reise. Die Party wird bestimmt wundervoll. Es ist schon Ewigkeiten her, dass ich über die Tanzfläche gewirbelt bin.«
   »Verstehe.«
   Aylin geht zu ihrem PC zurück, schnappt sich ihre Maus und hangelt sich mit gerunzelter Stirn durch die Programme. »Bingo.«
   Während der Drucker leise summt und die einzelnen Folien ausspuckt, wendet sie mir wieder ihre volle Aufmerksamkeit zu. »Sag mal, Lena, wann bist du das letzte Mal ausgegangen?«
   »Weiß ich gerade gar nicht …«
   »Dann wird es höchste Zeit!« Aylin sammelt die Blätter ein, heftet sie ordentlich zusammen und drückt sie mir in die Hände. »Tanzen macht glücklich, geht unter die Haut und bewegt das Herz. Das habe ich neulich in der Glamour gelesen.«
   »Du klingst wie die Reklame für eine Tanzschule.«
   »Dann lass dich überzeugen. Wir tanzen in den Mai. Samstagnacht ist eine große Party in Frankfurt. Da fahren wir hin.«
   »Da fährst du hin«, korrigiere ich automatisch. »In dieser Stadt habe ich nichts verloren. Viel Spaß.«
   »Nein. Wir. 23 Uhr geht es los.«
   »Aber das ist ja mitten in der Nacht«, protestiere ich.
   Aylin kennt kein Erbarmen. »Sei kein Frosch. Deinen Schönheitsschlaf kannst du am Sonntag nachholen.«
   »Das geht nicht. Ich kann nicht mitkommen. Schließlich habe ich überhaupt nichts anzuziehen.«
   Empört baut sich Aylin vor mir auf und stützt die Hände in die Hüften. »Stell dich nicht so an. Die Geschäfte sind bis 20 Uhr geöffnet. Wir können morgen Abend ein hübsches Kleidchen für dich kaufen. Dann kannst du dich vor Verehrern nicht mehr retten.«
   »Auf Männer lege ich keinen gesteigerten Wert …«
   »Aber auf ein süßes Outfit? Dann siehst du zauberhaft aus!«
   »Hm …« Die Aussicht auf eine neue Garderobe ist verlockend. Aylin kennt alle Tricks. »Okay. Wir können ja mal gucken …«
   »Also geritzt. Hach, ich freu mich!«
   »Wenn es unbedingt sein muss …« Ich seufze ergeben. »Aber ich fahre mit meinem eigenen Wagen. Dann kann ich bestimmen, wann es wieder nach Hause geht.«
   »Hab nichts dagegen einzuwenden. Dann kann ich Sprit sparen. Holst du mich gegen 22 Uhr von zu Hause ab?«
   »Klar. Wenn ich als Anstandswauwau mitkomme, können deine Eltern nichts gegen Night-Clubbing sagen.«
   »Mach dir mal keine Gedanken. Meine Eltern sind sehr modern eingestellt. Schließlich haben sie mir sogar erlaubt, in eine eigene Wohnung zu ziehen, als ich meine Abschlussprüfung mit guten Noten bestanden und einen festen Arbeitsvertrag erhalten habe.«
   »Wahrscheinlich sind sie froh, dich los zu sein. Du hast ein loses Mundwerk.«
   »Das liegt in meinen Genen. Alle Frauen in meiner Familie bestimmen, wo’s langgeht. Niemand lässt sich die Butter vom Brot nehmen«, fährt Aylin unbeirrt fort. »Meine Cousine studiert sogar Rechtswissenschaften.«
   »Das klingt interessant. Wäre dieses Studium nichts für dich? Eine tüchtige Anwältin könnte ich gut gebrauchen, wenn ich mal wegen eines medizinischen Kunstfehlers verklagt werde.«
   Aylin rollt mit den Augen. »Willst du mich unbedingt loswerden?«
   »Nein. Auf dich möchte ich niemals verzichten, Aylin«, beeile ich mich zu sagen. »Schließlich haben wir zur gleichen Zeit in dieser Praxis angefangen. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Deshalb verstehen wir uns so gut.«
   »Eine Hand wäscht die andere. Dann werde ich dich mit meiner Cousine bekannt machen, wenn du mal in der Klemme sitzt.«
   »Ich kann’s kaum erwarten.« Ich werfe einen Blick auf die Armbanduhr. »In einer halben Stunde kommt der nächste Patient. Wenn du nichts dagegen hast, ziehe ich mich mal kurz zurück und überfliege meinen Text. Theoretisch weiß ich ja, um was es geht, aber ich möchte wissen, was auf den Folien steht.«
   »Natürlich nicht. Bereite dich gut vor. Du sollst uns heute Abend ja nicht blamieren. Ich hänge an meinem Job.«
   »Stell dir vor: Ich auch.« Ich werfe ihr eine Kusshand zu und verschwinde in unserem Büro. »Bis gleich, Schatz.«
   Gefühlte zwanzig Plomben später tausche ich meinen weißen Kittel gegen einen dezenten Hosenanzug, den ich mit einer hübschen Bluse kombiniere. Kleider machen zwar keine Leute, aber in diesem repräsentativen Outfit fühle ich mich meiner verantwortungsvollen Aufgabe im vornehmen Golfklub gewachsen. Tatsächlich bin ich gegen 20 Uhr mit mir sehr zufrieden. Vor allem die letzten Worte meines Vortrags haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
   »Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts«, sinniert der weißhaarige Manager im dunklen Maßanzug und sieht mich versonnen an. »Das haben Sie schön gesagt. Von wem stammt dieses Zitat?«
   »Es ist von Arthur Schopenhauer.«
   Das habe ich zumindest in den Notizen meiner Chefin gelesen. Für eine Überprüfung ist keine Zeit mehr gewesen. Überrascht schaut mein Gesprächspartner mich an. »War Arthur Schopenhauer nicht ein erklärter Frauenfeind?«
   »Ja. Allerdings hatte er nicht das Vergnügen, mich persönlich kennenzulernen.«
   »Das haben Sie charmant ausgedrückt.« Mein Gegenüber zwinkert mir zu. »Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie ihn schnell vom Gegenteil überzeugt hätten. Sie haben die besseren Argumente. Wollen wir mit einem Glas Sekt auf Ihren Erfolg anstoßen?«
   Eigentlich möchte ich höflich ablehnen, weil ich noch fahren muss. Auf meinen Führerschein kann und will ich nicht verzichten. Mein Gegenüber scheint mir meine Gedankengänge von der Nasenspitze ablesen zu können und beeilt sich, meine Bedenken zu zerstreuen. »Alkoholfrei. Natürlich.«
   »Gern«, sage ich dankbar und nehme die Sektflöte entgegen. »Vielen Dank.«
   »Auf Ihr Wohl.«
   Das dezente Klirren klingt angenehm in meinen Ohren. Auch der Sekt mundet mir vorzüglich. Ich bin stolz auf mich, dass ich diese unangenehme Aufgabe gut bewältigt habe. Meine Chefin Frau Dr. Gläser wird stolz auf mich sein.
   »Ihre Praxis macht einen hervorragenden Eindruck auf mich.«
   Das liegt bestimmt an den schicken Flyern, die ich mit zu der Veranstaltung geschleppt und an zentralen Stellen im Klubhaus deponiert habe. Für unsere Kunden ist mir kein Weg zu weit. »Danke schön. Wir tun, was wir können, um unsere Patienten zufriedenzustellen.«
   »Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Ich kann mir gut vorstellen, dass man bei Ihnen in den besten Händen ist.«
   Mein professionelles Lächeln friert auf meinem Gesicht ein. Huch. Flirtet dieser fremde Mann etwa mit mir? Jetzt heißt es, diplomatisch zu reagieren. »Wir würden uns sehr freuen, Sie demnächst in unserer Praxis begrüßen zu dürfen.«
   »Ich nehme Sie beim Wort. Kann ich direkt einen Termin ausmachen?«
   »Leider ist das heute nicht möglich. Aber unsere Mitarbeiterinnen freuen sich morgen früh über Ihren Anruf.«
   Er bleibt freundlich. »Das werde ich bestimmt tun. Vielen Dank, Frau Doktor Bergmann.«
   »Nichts zu danken. Gern geschehen.«
   »Hat es Ihnen in unserem Klub gefallen? Werden wir Sie demnächst als Mitglied begrüßen dürfen?«
   Auf dem vornehmen Grün gebe ich garantiert keine gute Figur ab. Meine Nerven sind diesem elitären Sport nicht gewachsen. Wenn mir ein Schlag nicht gelingt, kann ich nicht ausschließen, dass ich wutentbrannt mit dem Eisen um mich werfe. Bisher gilt Golf nicht als lebensgefährliche Sportart, aber wenn ich aktiv bin, können bleibende Schäden für alle anderen Mitglieder nicht ausgeschlossen werden. »Leider spiele ich gar kein Golf.«
   »Das lässt sich leicht ändern. Vielleicht haben Sie Interesse, einen Schnuppertag zu absolvieren? Der Einstieg in unsere Platzreifekurse ist jederzeit möglich.«
   »Das klingt sehr interessant. Ich werde darüber nachdenken.«
   Puh. Das ist dank meines ausgeprägten Fingerspitzengefühls noch einmal gut gegangen. Mein Gesprächspartner bleibt mir wohlgesinnt und füllt noch einmal meine Sektflöte. Diese gefährliche Klippe habe ich nach allen Regeln der Kunst umschifft. Heißt es nicht, dass Männer mit dritten Zähnen am schnellsten anbeißen? Mein Gesprächspartner macht einen angenehmen und kultivierten Eindruck, aber trotzdem möchte ich lieber in meiner Altersklasse fündig werden. Am liebsten in freier Wildbahn. Wie in der Diskothek, die Aylin und ich gemeinsam unsicher machen wollen. Allez!

Vor eine heiße Nacht haben die Götter leider einen nervigen Einkaufsbummel am nächsten Tag gesetzt. Geduldig wartet Aylin auf den Feierabend, um mich in eine exklusive Boutique in der Innenstadt zu schleppen. Gut gelaunt wühlt sie sich durch die prall gefüllten Kleiderständer, während ich die noble Einrichtung mustere. Wahrscheinlich sind die exquisiten Designerstücke ebenfalls in einem höheren Preissegment angesiedelt. Hoffentlich muss ich nicht die nächste monatliche Ladenmiete übernehmen.

»Zieh das an.« Aylin drückt mir ein schwarzes Kleidchen in die Hand und schubst mich in die nächste freie Kabine.
   Seufzend ziehe ich den goldschimmernden Vorhang hinter mir zu, lege das Fähnchen auf einen antiken Stuhl und ziehe meine Sneakers aus. Dann schlüpfe ich aus meinen Klamotten und danke dem lieben Gott, dass ich hübsche Unterwäsche trage, in der ich mich nicht vor den kritischen Augen der schicken Verkäuferin schämen muss. Ich greife nach dem ausgewählten Outfit. Mir schwant Böses. »Wo ist der Reißverschluss?«
   »Nicht vorhanden. Das ist Stretch.«
   Irritiert ziehe ich das Kleid über den Kopf. Es ist eng. Sehr eng. Die erste Hürde ist mein BH: Dann wird es schwieriger. Der Stoff klebt wie eine zweite Haut an meinem Körper. Mein Hintern scheint genauso gut gepolstert zu sein wie die Rückfront von Kim Kardashian. Ich ziehe wie eine Besessene – dann habe ich es geschafft.
   »Komm raus.« Gebieterisch reißt Aylin den goldenen Vorhang zur Seite. »Lass dich anschauen.«
   Prüfend betrachte ich mich von allen Seiten vor dem verschnörkelten Spiegel, der fast eine gesamte Wandfläche einnimmt. »Ich weiß nicht …«
   »Du siehst zum Anbeißen aus.«
   Zugegeben, der raffinierte Schnitt ist erste Sahne. Mein Dekolleté sieht atemberaubend aus. Die Körbchengröße scheint um mindestens eine Nummer größer geworden zu sein. Mehr Holz vor der Hütte ist kaum möglich. Aber sonst? »Wenn ich dieses Kleid anziehe, kann ich nichts mehr essen und trinken.«
   »Musst du nicht. Wir gehen tanzen.«
   »Wahrscheinlich stellen alle anderen Gäste ihre Gläser auf meinem Hinterteil ab.« Kritisch betrachte ich meine Kehrseite, die ich gar nicht so groß in Erinnerung habe. »Wenn ich diesen Fummel auf der Party trage, kann ich mich nicht hinsetzen.«
   »Musst du nicht. Wir gehen tanzen.«
   »Wahrscheinlich komm ich hier allein nicht mehr raus.«
   »Musst du nicht. Wir gehen tanzen.«
   »Einen Mann, der mir das Kleid vom Leib reißt, wollte ich eigentlich nicht abschleppen.« Wider Willen muss ich laut lachen. »Aylin, bist du eine Schallplatte, die an einer Stelle gesprungen ist?«
   »Nein.« Sie schneidet mir eine freche Schnute. »Wer schön sein will, muss eben leiden, Lena.«
   »Ich bin allenfalls sehr hübsch, und ich habe was gegen Folter. Das Kleid ist zu eng. Basta.«
   »Wäre dir ein Kartoffelsack lieber?«
   »Es muss noch was dazwischen geben.«
   »Klar. Es gibt auch schicke Jogginghosen.«
   Entnervt mache ich mich am nächsten Kleiderständer zu schaffen, mustere die verschiedenen Modelle und finde ein schlichtes Etuikleid in einem Nudeton. »Guck mal. Wie findest du das?«
   »Viel zu brav. Das kannst du tragen, wenn du fünfzig bist. Oder sechzig.« Aylin verdreht die Augen. »I want your sex.«
   »Seit wann kennst du Songs von George Michael?«
   »Ha, du weißt gar nichts über mich.«
   »Du bist also für Überraschungen gut?«
   »Genau.«
   »Dann überrasche mich mal und such mir etwas Hübsches aus, das meinen Geschmack trifft und mein Portemonnaie nicht zu Tode ängstigt.«
   Nach einer wilden Diskussion einigen wir uns auf einen lässigen schwarzen Jumpsuit, der meine Kurven auf eine dezente Weise betont und perfekt zu meinen Lieblingspumps von Sonja Kiefer passt. Die geschäftstüchtige Verkäuferin betäubt mich mit einem Glas Prosecco und schwatzt mir noch eine ausgefallene Clutch auf, die mich zu einer modischen Trendsetterin machen soll. Der Preis bewegt sich im Rahmen meiner Möglichkeiten, und ich bin sehr gespannt, ob sich diese Investition in meine Zukunft rechnen.

5. Kapitel

»Ist das geil.«
   Darüber kann man geteilter Meinung sein. Der Klub ist voll. Die Bässe wummern. Der Nebel wabert. Auf der Tanzfläche führen junge Leute merkwürdige Verrenkungen durch, die man nur mit viel Fantasie als Tanzen durchgehen lassen kann. Trotzdem tut das der Begeisterung von Aylin keinen Abbruch. Sie hüpft vor Lebenslust wie ein Gummiball auf und ab, während ich mich mit einem Schlag uralt und fehl am Platze fühle und nervös an meinem neuen Outfit zupfe.
   »Komm, Lena.«
   »Gleich.«
   »Sei nicht so langweilig.« Aylin verschwindet inmitten der tanzenden Menschen, und ich bleibe unschlüssig an der Bar stehen.
   Vielleicht wäre ich auf einer Ü-40-Party besser aufgehoben. Dort könnte ich mich wenigstens zu den blutjungen Hüpfern zählen. Hier tummeln sich nur lebenslustige Twens, die kaum ihre Ausbildung abgeschlossen haben.
   »Brauchst du eine Extraeinladung?« Eine unangenehme, näselnde Stimme reißt mich aus meinen Gedankengängen. »Komm, den Küken zeigen wir, was ein echter Diskofox ist.« Ein fremder Mann greift energisch nach meiner Hand, zieht mich auf die Tanzfläche und wirbelt mich gekonnt herum. »Ich habe dich noch nie gesehen. Bist du zum ersten Mal hier?«
   »Ja.« Wahrscheinlich auch zum letzten Mal, aber das muss ich ihm nicht auf die Nase binden.
   »Wie heißt du eigentlich?«
   »Lena.«
   »Hübscher Name. Ich bin Charly.«
   Während der nächsten Tanzschritte unterziehe ich ihn einer genauen Betrachtung. Auf den ersten Blick sieht er mit seiner stattlichen Gestalt und dem dichten dunklen Haaren attraktiv aus. Aber seine scharf geschnittenen Gesichtszüge flößen mir kein Vertrauen ein. Seine Augen liegen tief in den Höhlen, seine Nase ist spitz wie ein Dolch, und um seine schmalen Lippen spielt ein ironisches Lächeln. Irgendwie wirkt er wie ein gefährliches Raubtier auf dem Sprung, und ich frage mich, ob er mich als eine leichte Beute auserkoren hat.
   »Was machst du beruflich?«
   »Ich bin Zahnärztin.«
   Sein Lächeln wird breiter. »Heute ist mein Glückstag. Ich bin selbstständiger Architekt und stehe auf intelligente und schöne Frauen. Downgrading ist so anstrengend.«
   Diese Bemerkung lässt mich zusammenzucken. Vor meinen Augen erscheint die Vision eines greisen Geschäftsmannes, der ungeniert seinen Hang zu blutjungen Frauen auslebt, die garantiert keinen Hochschulabschluss besitzen. »Aber ein Playmate wäre in Ordnung?«
   »Na logisch.« Er schnalzt anzüglich mit der Zunge. »Ich schätze völlig freie Seelen.«
   »Ach? Was verstehst du unter diesem Begriff?«, hake ich nach. »Ist er ein Synonym für arm wie eine Kirchenmaus? Oder dumm wie Brot?«
   »Gut pariert.« Er nickt mir anerkennend zu. »Du bist nicht auf den Kopf gefallen, Lena. Du hast wirklich Esprit.«
   »Danke«, sage ich kühl. Das Kompliment möchte ich nicht zurückgeben. Dieser Mann gefällt mir überhaupt nicht.
   »Was machst du in deiner Freizeit?«
   »Sport.« Schließlich bin ich in einem Fitnessstudio. Also ist es noch nicht einmal gelogen. Mehr möchte ich ihm nicht über mich preisgeben.
   »Sehr vernünftig. Ich bin Cineast. Gehst du gern ins Kino?«
   »Manchmal.«
   »Ich liebe Filme von Bernardo Bertolucci. Kennst du Der letzte Tango in Paris?«
   Ist das eine Anspielung auf Marlon Brando, der die naive und unerfahrene Maria Schneider in diesem Streifen hinterhältig ausgetrickst hat? Hält er mich für genauso dumm? Mit mir wird er diese linke Nummer nicht fahren können. »Ich habe nichts für diese Spielchen übrig«, sage ich kühl. »Butter gehört aufs Brot. Alles andere wäre eine sinnlose Verschwendung von Lebensmitteln.«
   »Zumindest hast du über diese Option nachgedacht. Ich habe einschlägige Erfahrung auf diesem Gebiet. Vielleicht möchtest du deinen Horizont erweitern?«
   »Nein.«
   »Das ist schade, du hast keine Ahnung, was dir entgeht. Aber wir finden sicher etwas, was dir gefällt. Hast du in dieser Nacht schon etwas vor? Ich bin sicher, dass wir uns blendend verstehen. Meine Definition einer freien Seele meint übrigens unkompliziert und hemmungslos geil.« Er verwickelt mich in eine komplizierte Drehung und raunt mir ins Ohr. »Hast du Interesse an einer Massage? Du bist so spröde, mein schönes Kind. Eine intensive Behandlung würde dir guttun. Dann lösen sich alle Verspannungen im Handumdrehen. Ein Fläschchen Öl hätte ich zufällig dabei.«
   Die Ader an meiner Schläfe beginnt zu pochen. Was zu viel ist, ist zu viel. Na warte, ich werde diesem selbstgefälligen Duracell-Männchen gründlich die Suppe versalzen. »Vielen Dank für dein großzügiges Angebot, aber ich muss dich enttäuschen. Öl benutze ich nur, wenn ich einen Salat anmache – und schmierige Typen wie du stehen ganz bestimmt nicht auf meiner Speisekarte.«
   Empört schnappt er nach Luft. »Das ist …«
   »… nicht die feine englische Art. Stimmt. Aber es ist die einzige Sprache, die du verstehst.«
   Glücklicherweise ist der Song zu Ende. Energisch mache ich mich frei und funkele ihn bitterböse an. »Ich danke dir für diesen Tanz. Aber nicht für die Unterhaltung. Glaubst du, dass ich auf diese billigen Sprüche abfahre? Du bist nicht witzig, sondern nur peinlich, Charly. Hat dir das noch niemand gesagt?
   Nach diesem Affront brauche ich eine Abkühlung. Als ich mit einer Cola von der Bar zurückkehre, hat sich mein aufdringlicher Verehrer bereits getröstet und einer neuen Beute zugewandt. Aus den Augenwinkeln beobachte ich interessiert, wie er sich angeregt mit einer verwelkten Discoqueen unterhält, die einen desorientierten Eindruck macht und in ihren Händen einen Drink balanciert. Fasziniert starre ich auf ihre ausgeprägte Unterlippe, die so stark zittert, dass ich vom bloßen Zuschauen seekrank werde.
   Eine andere Frau ist meinem forschenden Blick gefolgt. Sie trägt ihre dunklen Haare zu einem flotten Kurzhaarschnitt frisiert und mustert mich von oben bis unten. »Bist du das erste Mal hier?«
   »Ja.«
   »Weißt du, wer dort steht?«
   »Nein.«
   »Das ist Fanny. Fanny Freebie.«
   »Nie gehört.«
   »Vor zehn Jahren war sie Tänzerin im Ballett und ist über die Bühne geschwebt«, belehrt mich meine Gesprächspartnerin. »Diese Zeiten sind längst vorbei. Bei einer Aufführung hat sie sich schwer verletzt. Seitdem hinkt sie durchs Leben. Von ihrem Ruhm ist ihr nicht viel geblieben.«
   »Wovon lebt sie?«
   »Sie ist der Kunst treu geblieben, wenn auch in einem anderen Sinne. Inzwischen erteilt sie Unterricht in einem Ballettstudio.«
   »Kann man davon leben?«
   »Schwer zu sagen. Meistens schnorrt sie sich bei ihren Bekannten durch.«
   »Du bist gut informiert. Kennst du auch den Mann, der neben Fanny steht?« Ich kann meine Neugierde kaum bezähmen. »Zählt er zu ihrem Freundeskreis?«
   »Meinst du Charly Cheese?«
   Ich muss lachen. »Ist das sein Spitzname?«
   »Klar. Charly ist unsere Grinsebacke. Er will im Mittelpunkt stehen und muss auf jedes Foto. Sonst ist er tödlich beleidigt.« Sie macht eine bedeutungsschwere Pause. »In der Öffentlichkeit markiert er gern den starken Macker, aber im echten Leben ist er nicht das hellste Licht auf der Torte. Seitdem er mit seinem Unternehmen baden gegangen ist, muss er kleine Brötchen backen. Er arbeitet im Architektenbüro einer Bekannten.«
   »Dann ist er ein Märchenonkel mit einer blühenden Fantasie.«
   »Genau. Heute erzählt er Fanny eine Gutenachtgeschichte. Von ihrem Verdienst kann sie sich kaum über Wasser halten, deshalb ist sie für alles offen. Charly kann großzügig sein und einen öligen Charme entwickeln. Hat er bekommen, was er wollte, zeigt er sein wahres Gesicht – und das ist ganz bestimmt nicht schön. Du willst nicht wissen, was er alles auf dem Kerbholz hat.«
   Nein, das möchte ich ganz bestimmt nicht. Charly ist ein Schmierlappen, wie er im Buche steht. Vor meinen Augen läuft bereits ein Film ab, den ich nicht sehen will. Schließlich mag ich noch nicht einmal den Tatort am Sonntagabend. Demonstrativ schüttele ich den Kopf, aber meine Gesprächspartnerin hat noch einen guten Rat für mich.
   »Charly kannst du nicht über den Weg trauen. Halt dich lieber fern von ihm.«
   Eine Gänsehaut läuft mir über den Rücken. In diesem Moment bin ich heilfroh, dass ich mich in ganz anderen gesellschaftlichen Kreisen bewege. Mehr möchte ich über Charly und Fanny nicht wissen. »Danke für die Warnung.«
   »Wie siehst du denn aus?«
   Wie aus dem Nichts ist Aylin wiederaufgetaucht. Goldglitter bedeckt ihr dichtes Haar. Offensichtlich wird man nicht nur eingenebelt, sondern auch bestäubt. »Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?«
   »Frag nicht, mein Engelchen. Ich hatte gerade eine Begegnung der anderen Art.« Mit wenigen Worten erzähle ich ihr von Charly.
   Aylin bleibt cool. »Dummschwätzer sterben nie aus. Mach dir keine Gedanken und hake dieses Erlebnis ab.« Sie zwinkert mir zu und greift nach meinen Händen. »Diese Nacht gehört uns. Wir werden eine Menge Spaß haben – und das schaffen wir auch ohne Männer. Komm, ich stelle dir meine besten Freundinnen vor. Shirin kennst du bereits. Sie hat dich in ihrem Salon nach allen Regeln der Kunst gestylt, und Ebru ist ein kluges Mädchen. Also ganz nach deinem Geschmack. Sie studiert Betriebswirtschaftslehre und freut sich schon darauf, dich endlich kennenzulernen.«

6. Kapitel

Als am nächsten Morgen gegen elf Uhr der Wecker klingelt, möchte ich ihn am liebsten an die Wand pfeffern und mir die Decke über den Kopf ziehen. Ich bin erst gegen vier Uhr nach Hause gekommen, weil ich Aylin gewaltsam von der Tanzfläche zerren musste. Zum Glück bin ich nur aufgedreht, aber nicht betrunken. Shirin, Ebru und Aylin sind in diesem Punkt vernünftig und halten sich sehr zurück. Trotzdem fehlen mir noch einige Stunden Schlaf, die ich dringend nachholen muss. Für wilde Disko-Nights bin ich wohl etwas zu alt – oder mir fehlt einfach die regelmäßige Übung. Aber mein Verlangen nach Schlaf kann ich vergessen. Ausgerechnet heute bin ich gegen 12 Uhr zum Mittagessen bei meinen Eltern eingeladen, die in einem gemütlichen Reihenhaus in Steinfurth leben. Meine Mutter ist eine vorbildliche Hausfrau, die großen Wert auf Pünktlichkeit legt. Wahrscheinlich steht sie schon seit Stunden in der Küche, um mich mit einem tollen Gericht zu überraschen. Deshalb darf ich diesen Besuch nicht absagen, geschweige denn zu spät kommen. Fluchend schlage ich die Bettdecke zurück, schleppe mich ins Bad, werfe einen kritischen Blick in den Spiegel und pralle erschrocken zurück. Das blasse Gesicht mit den dunklen Augenringen kann unmöglich mir gehören. Wenn ich mich draußen sehen lassen will, muss ich mir die Spuren der vergangenen Nacht unter der heißen Dusche abwaschen und mir eine gehörige Portion getönte Tagescreme ins Gesicht schmieren, sonst werden mich meine Eltern fragen, ob ich einen Nebenjob in der Geisterbahn angenommen habe.
   Um zwölf Uhr sitze ich todmüde am gedeckten Tisch und kann kaum ein Gähnen unterdrücken. Eigentlich liebe ich die gemütliche Atmosphäre meines Elternhauses. Die geräumige Wohnküche ist in einem zeitlosen Landhausstil gehalten. Auf einem Regal stehen zahllose Töpfe. Meine Mutter ist eine begeisterte Hobbygärtnerin und zieht alle Küchenkräuter selbst. Das köstliche Aroma dringt bis zu unserem Tisch, den meine Mutter wie jeden Sonntag mit ihrem schönsten Geschirr gedeckt hat. Auch frische Blumen in einer kristallenen Vase fehlen nicht. Der zarte Duft hüllt mich wie in einen schützenden Kokon, und ich werde ganz schläfrig. Papa entkorkt die Weinflasche und wirft mir einen besorgten Blick zu. »Kindchen, du bist so blass. Hast du wieder Überstunden in der Praxis gemacht?«
   Vor Schreck falle ich fast vom Stuhl. Wenn sogar mein wortkarger Vater mein Aussehen kommentiert, muss es schlimm um mich bestellt sein. Bis zu seiner Pensionierung ist mein Vater als Diplom-Finanzwirt in der hiesigen Behörde tätig gewesen. Er hat sich stets mehr für Zahlen als für Menschen interessiert, und gerade Frauen scheinen ihm nicht berechenbar zu sein. Deshalb stellt er meistens seine Ohren auf Durchzug und mischt sich nur in die Unterhaltung ein, wenn ihm ein bestimmtes Thema am Herzen liegt. Dahingegen ist meine Mutter sehr lebhaft und kommt leicht mit anderen Menschen ins Gespräch, was sich in ihrem Halbtagsjob als Sekretärin im Büro unserer Kirchengemeinde auszahlt. Inzwischen ist sie ehrenamtlich in zahllosen Vereinen aktiv und hat sich wichtige Vorstandsämter unter den Nagel gerissen, um dem Jahresprogramm ihren persönlichen Stempel aufzudrücken. Meine Mutter bestimmt eben gern, wo es langgeht. Aber trotzdem – oder genau deswegen – funktioniert ihre Beziehung.
   »Deine Work-Life-Balance ist nicht im Gleichgewicht«, stimmt ihm Mama zu, während sie die große Terrine auf den Tisch stellt. »Wenn du nicht aufpasst, droht dir ein Burn-out.«
   Ich werfe ihr einen verblüfften Blick zu. Wo mag sie diese Erkenntnisse gewonnen haben? Hat sie wieder ihren Hausarzt besucht, stundenlang in seinem Wartezimmer gesessen und sämtliche Illustrierte durchgearbeitet, um ihre Umwelt zu beeindrucken?
   »Nun greif mal zu!«, fordert mich Papa auf und gießt sich das erste Glas Wein ein. »Du bist ja dünn wie ein Spatz geworden.«
   Das ist zwar maßlos übertrieben, aber meine Miene hellt sich trotzdem auf. Wenn sogar meinem zerstreuten Papa meine veränderte Figur auffällt, bin ich eindeutig auf dem richtigen Weg.
   »Mama hat Gulasch mit Klößen und Gurkensalat gemacht. Das isst du doch so gern.«
   Falsch. Das habe ich gern gegessen. Früher, als ich einen weiten Bogen um meine Waage gemacht habe. Inzwischen ist diese Kalorienbombe von meiner Speisekarte gestrichen. Ich betrachte die dicke dunkelbraune Soße, in der kleine Fleischstückchen schwimmen. Ich kann überhaupt nicht mehr nachvollziehen, was ich an diesem Gericht gefunden habe. »Bitte seid mir nicht böse, aber ich möchte nur etwas Gurkensalat.«
   Der ist zwar auch mit Sahne angemacht, aber wenigstens nicht ganz so schädlich, wenn ich alle anderen Beilagen weglasse.
   »Was hat das zu bedeuten? Bist du eine Vegetarierin geworden?«
   Mit ersterbender Stimme lässt Mama den ersten Kloß auf ihren Teller plumpsen. »Kindchen, du musst doch nicht jeden Trend mitmachen. Dann hast du gar keine Chancen mehr, einen vernünftigen Partner zu finden. Glaub mir, Männer mögen keine Frauen, die ihnen das Fleisch verbieten …« Sie hält inne, wird knallrot und setzt sich hastig auf ihren Stuhl. »Entschuldige, Lena, ich wollte nicht …«
   »Schon gut«, sage ich gleichmütig und spieße mit meiner Gabel die erste Gurkenscheibe auf. »Ich habe sowieso nicht geglaubt, dass ich einen passenden Mann in meinem Supermarkt um die Ecke finde. Die Fleischtheke gefällt mir nicht. Leber und Nieren kann ich nicht ausstehen, und Panhas oder Pfälzer Saumagen sind widerlich. Auf meinem Einkaufszettel haben diese Erzeugnisse nichts zu suchen. Außerdem ist Attila Hildmann viel hübscher als der Metzger meines Vertrauens.«
   »Attila? Der Hunnenkönig? Komisch. Irgendwie kommt mir der Name bekannt vor.«
   Papa hat wieder nur die Hälfte mitbekommen und sieht verwundert von seinem Teller auf. »Ist das dein neuer Freund? Warum hast du ihn nicht mitgebracht, Kindchen?«
   Ich kann mir eine freche Bemerkung nicht verkneifen. »Attila würde sich hier nicht wohlfühlen, Papa. Er hat etwas gegen eine Fleischbeschau.«
   »Alles gut«, sagt Mama begütigend und tätschelt meinem verwirrten Vater die Hand. »Lena hat nur einen Scherz gemacht.«
   Nachdem ich die anstrengende Mahlzeit überstanden und mich von meinen Eltern mit dem obligatorischen Küsschen auf die Wange verabschiedet habe, muss ich mir dringend Bewegung an der frischen Luft verschaffen. Bis zum Kurpark in Bad Nauheim sind es nur wenige Minuten mit dem Auto, und ich habe meine nagelneuen Inliner im Kofferraum verstaut, die ich gern einmal ausprobieren möchte. Als kleines Mädchen bin ich gern Rollschuh gelaufen. Die moderne Version kann nicht viel schwieriger sein. Außerdem habe ich sämtliche Schutzbekleidung gekauft, die man im Sportgeschäft für gutes Geld bekommt. Eigentlich kann nichts mehr schiefgehen.
   Nachdem ich mich gegen gefährliche Stürze gewappnet habe, sehe ich fast wie ein Michelin-Männchen aus. Als kleines Mädchen habe ich nicht so viel Aufwand betrieben, wenn ich mit meinen Rollschuhen losgezogen bin. Kopfschüttelnd schnalle ich mir meinen kleinen Rucksack auf den Rücken, in dem ich meine Siebensachen verstaut habe. Dann wage ich die ersten vorsichtigen Schritte in ein neues Lebensgefühl. Der Start fällt mir etwas schwer, aber nach wenigen Minuten wird es besser. Mit gleichmäßigen Bewegungen nehme ich rasch Fahrt auf und genieße das schnelle Dahingleiten an der frischen Luft. Eigentlich bin ich ein Landei. Ich lebe lieber in der idyllischen Kleinstadt Bad Nauheim als in der Großstadt Frankfurt, in der es viele soziale Brennpunkte gibt. Für mich sind hohe graue Betonblöcke eine Beleidigung fürs Auge. Statt Miete oder Hypotheken zu zahlen, müssten die Bewohner dieser geschmacklosen Siedlungen eine Entschädigung für Augenkrebs erhalten. Während meines Studiums in Marburg habe ich in einem liebenswerten Jugendstil-Haus gewohnt, und heute freue ich mich über meine gemütliche Wohnung, die mitten im Grünen gelegen ist. Vielleicht ist in einigen Jahren sogar ein eigenes Häuschen drin, wenn ich weiterhin einen vernünftigen Lebensstil pflege und mein schwer verdientes Geld nicht zum Fenster hinauswerfe … Dann werde ich mir einen pflegeleichten Garten im Feng-Shui-Stil anlegen, um Harmonie und Ruhe in mein Leben zu bringen. Meine Vorstellung vom Glück ist relativ klar. Vor meinen Augen sehe ich zwei Wasserbecken, die an meine Terrasse mit den praktischen Loungemöbeln grenzen sollen. Vom hinteren Becken aus muss das Wasser in einen kleinen Bachlauf münden, und das Ufer möchte ich mit grobem weißem Kies gestalten. Eine Zierkirsche, ein Blumen-Hartriegel, mehrere Rhododendren und Pfingstrosen werden mein Gartenglück perfekt machen. Für einen üppigen Bauerngarten, wie ihn meine Eltern in ihrer Freizeit hegen und pflegen, fehlt mir schlicht und einfach die Zeit. Meine private Oase soll klar strukturiert, ordentlich und praktisch sein. Aber noch bin ich meilenweit von diesem Wunschtraum entfernt. Genauso weit wie von einem Haustier. Mein Exfreund hat einen Rhodesian Ridgeback gehalten, und seit meinem Examen träume ich von einem eigenen Hund. Nicht von einem überzüchteten Chihuahua, den modebewusste Trendsetterinnen in ihrer Handtasche spazieren tragen, sondern von einem ruhigen und ausgeglichenen Eurasier, der seine ganze Familie liebt. Vorausgesetzt, dass ich selbst einen passenden Partner finden und eigenen Nachwuchs in diese Welt setzen werde. Vielleicht muss ich über geeignete Maßnahmen nachdenken, bevor meine biologische Uhr ablaufen ist und sich mein Wunschdenken nie mehr erfüllen wird. Du musst dein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Sei nicht immer so brav, leg lieber einen Zahn zu, trau dich, riskier was, Lena! Während meiner tiefschürfenden Überlegungen bin ich immer schneller geworden. Zu schnell für meinen Geschmack. Leider weiß ich nicht, wie ich mein Tempo verringern und korrekt abbremsen soll. Ob man wohl die gleiche Technik wie beim Ski-Fahren anwenden kann? Oder soll ich lieber zur Textilbremse greifen?

»Guck mal, Mama. Da sind Enten!« Ein kleines Mädchen in einem geblümten Kleidchen reißt sich von der Hand seiner Mama los und läuft mir mitten in den Weg. Eine Kollision scheint fast unvermeidlich. Entsetzt mache ich auf sterbenden Schwan, rudere mit den Händen, verlagere mein Gewicht und drehe nach links ab. Der Effekt ist sensationell. Statt das unternehmungslustige Lockenköpfchen zu überfahren, lande ich mitten in den Armen eines harmlosen Spaziergängers, den ich mit meiner spontanen Aktion fast zu Fall bringe.
   »Sag mal, spinnst du komplett? Hast du keine Augen im Kopf?«
   Mein Herz bleibt fast stehen vor Schrecken. Diese Stimme kenne ich doch. Genau! Es ist der freche Alex, den ich bei unserer ersten denkwürdigen Begegnung am liebsten von der Brücke geschubst hätte. Verlegen senke ich den Kopf. »Es tut mir so leid«, hauche ich mit ersterbender Stimme.
   Er atmet tief durch, legt mir den Finger unter das Kinn und mustert mich streng. »Ach nee. Mein Pummelchen aus dem Park! Wer hat dich denn mit Rollen auf die Menschheit losgelassen?«
   »Du scheinst dich ja nicht verletzt zu haben«, fauche ich zurück. »Zumindest dein Mundwerk ist heile geblieben. Sonst könntest du mich nicht so anblaffen.«
   »Aber mein Eis nicht.«
   Anklagend zeigt er auf eine Eiswaffel, die auf den Gehweg gefallen ist. »Schau dir das an. Schokolade und Vanille. Alles hin. Wie willst du das wiedergutmachen?«
   »Hier hast du fünf Euro. Kauf dir ein neues.« Wütend ziehe ich mein Portemonnaie aus meiner Jeans, drücke ihm einen Fünfeuroschein in die Hand und rolle so schnell davon, wie ich kann. »Schönen Tag noch!«
   »Bleib gefälligst stehen, wenn ich mit dir rede!«
   Das werde ich ganz bestimmt nicht tun. Alex ist zwar ein guter Sportler, aber das Rennen gegen meine Rollen kann er nur verlieren. Feixend erhöhe ich mein Tempo, werfe einen prüfenden Blick über meine Schulter und freue mich wie eine Schneekönigin, dass er seine Verfolgungsjagd aufgibt. Bis zum Parkplatz ist es nicht mehr weit – und dann werde ich nach Hause brausen, so schnell es geht. Für heute ist mein Bedarf an Abenteuern gedeckt.

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