Neues aus St. Elwine ...

Floriane lebt nun schon einige Jahre mit ihrem Sohn Kevin in St. Elwine. In das ferne Havelland schickt sie Briefe und gaukelt ihren Eltern die Geschichte einer intakten Familie vor. In Wirklichkeit jedoch verschlechtert sich ihre angespannte finanzielle Lage immer mehr. Wie immer halten die Quilterinnen zusammen und schließlich macht Charlotte einen sensationellen Vorschlag. Marc ist der beste Kumpel, den man sich nur vorstellen kann. Dann jedoch geschieht das Unfassbare: Nach einer feuchtfröhlichen Betriebsweihnachtsfeier ereignet sich ein Verkehrsunfall. Als auch noch sein Vater wieder auftaucht, ist nichts mehr wie es einmal war. Die Situation wird immer bedrohlicher, als ein Erpresser seine Familie in Schach hält.

Eine einfühlsame, authentische und humorvolle Geschichte von Freundschaft und Liebe um den Verlust der körperlichen Unversehrtheit.

Alle Titel der Reihe!

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ePub: 978-9963-727-40-7
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Printausgabe: 15,99 €

ISBN: 978-9963-727-36-0

Seiten: 512

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Britta Orlowski

Britta Orlowski
Britta Orlowski wurde im Jahr 1966 geboren – eine Schnapszahl, ich weiß, meine Eltern hätten gleich stutzig werden sollen. Stattdessen zogen sie mich mit viel Liebe, Wärme und schönen Geschichten auf. Sie nahmen meine zahlreichen kreativen Experimente gelassen hin und nährten meine ohnehin uferlose Fantasie noch mit zauberhaften Erzählungen über Spielzeug, welches zum Leben erwacht, sobald ich des abends eingeschlafen sei. So wuchs ich also in meiner Geburtsstadt Rathenow auf, absolvierte die zehnklassige polytechnische Oberschule und erlernte den Beruf der stomatologischen Schwester in der Kreispoliklinik. Ich angelte mir einen netten Mann, dem ich sage und schreibe im taufrischen Alter von fünf Jahren zum ersten Mal begegnete und ihn sogleich aus tiefstem Herzen verabscheute. Zum Glück änderte ich später meine Meinung - wir heirateten und gründeten eine Familie. Ihm verdanke ich meine lieben Söhne, die überhaupt die schönsten Babys der Welt waren. Im Erziehungsurlaub wurde mir rasch langweilig. Beim Aufräumen stieß ich auf die Manuskripte aus meiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit. Ich begann erneut, Geschichten zu schreiben - nur so für mich. Wenige Jahre später infizierte ich mich mit dem Patchworkvirus und hänge seitdem an der Nadel. Doch auch das Schreiben ließ mich nicht mehr los. Nach einigen Überlegungen kam ich zu dem Schluss, dass es bestimmt einen Weg gibt, beide Hobbies zu verbinden. So entstand mein erster Roman „Rückkehr nach St. Elwine“. Da mir der Abschied von meinen Hauptfiguren am Ende so schwer fiel, war die Idee geboren, daraus mehr zu machen. Eine lockere Serie mit in sich abgeschlossenen Geschichten, die stets am gleichen Ort, dem fiktiven Küstenstädtchen in der Chesapeake Bay, spielen. Nach langem Suchen habe ich ein begeisterungsfähiges Verlagsteam gefunden.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Flo starrte aus dem Fenster der Neubauwohnung im fünften Stock. Sie war wieder in Deutschland. Sie sah ihre alte Schule, den Pausenhof, den Spielplatz und das Wäldchen vor dem Wohnblock. Sie vermisste St. Elwine, wo es so ganz anders aussah. Vor allem das Meer fehlte ihr.
   Als streifte ein leiser Hauch ihren Rücken, wusste Flo instinktiv, dass ihre Mutter hinter ihr stand.
   »Du weißt selbst am besten, dass etwas nicht stimmt, Flo.«
   Sinnlos, ihr länger etwas vormachen zu wollen. Flo wandte sich um.
   Auf dem Gesicht ihrer Mutter spiegelte sich Sorge. Wie gern würde sie diese ein wenig zerstreuen – doch sie konnte nicht. Dankbar, dass sie wieder in Ruhe gelassen wurde, lauschte sie der Musik aus dem Radio, die bereits den ganzen Morgen vor sich hin dudelte. Bis dato war sie sicher gewesen, keine Schlager zu mögen. Aber Stimme und Textpassage, die gerade zu hören waren, berührten etwas tief in ihrem Inneren. Gänsehaut überzog ihren Rücken. »Wenn du denkst, du bist verlassen und kein Weg führt aus der Nacht, fängst du an, die Welt zu hassen, die nur andere glücklich macht.«
   Sie fing an zu heulen – grundlos. Okay, das war gelogen. Wollte sie aufspüren, was sie quälte, musste sie ihre Gedanken ordnen. Und das tat weh. Vor Kurzem noch hatte sie in St. Elwine gewohnt, einem kleinen Küstenstädtchen in Maryland, USA. Sie hatte im Garten gewerkelt, mit den Blumen gesprochen und war ihrer Arbeit nachgegangen. Jetzt war alles anders gekommen. Gut, ihren Job, das Verfassen von Texten für Bildbände oder Gartenzeitungen, konnte sie wunderbar dank der modernen Technik von Deutschland aus erledigen.
   Aus alter Gewohnheit wollte sie in einen geliebten Tagtraum flüchten. Früher funktionierte das sehr gut. Sie schlüpfte einfach in die weibliche Hauptrolle in einer berühmten Hollywoodromanze und spann ein bisschen vor sich hin. Audrey Hepburns Part in Ein Herz und eine Krone kam ihr gerade recht.
   Gemeinsam stand sie mit Gregory Peck vor dem Mund der Wahrheit in Rom und wagte nicht, die Hand hineinzustecken. Sie hatte Gregory etwas vorgeflunkert – nur ein bisschen. Über ihre Herkunft – er wusste nicht, dass sie eigentlich aus Deutschland stammte.
   Mist, es gelang ihr nur zum Teil, sich Gregorys Gesicht vorzustellen. Lediglich den traurigen Blick, als er begriff, dass die Prinzessin für ihn auf immer verloren war.
   Komm schon, Gregory, mach es mir nicht so schwer.
   Das konnte sie vergessen. Mr. Peck sandte ihr keine Signale, der Blödmann. Stattdessen verwandelten sich seine Züge in die eines anderen Mannes. Schon sah sie silbergraue statt brauner Augen auf sich gerichtet und diesen Mund, der herrliche Dinge mit ihr angestellt hatte.
   Die Erinnerung versetzte ihr einen Stich. Bedachte man, dass alles vollkommen unverfänglich begonnen hatte, saß sie in einem ziemlichen Dilemma. Sie erinnerte sich, wie sie beide gemeinsam in einem Gartencenter gewesen waren. Er nahm einen Blumentopf und zeigte auf den Aufkleber: Pflanzen nicht zum Verzehr geeignet. »Mhm, und ich wollte mich gerade durch die Petunien, Verbenen, Begonien oder was auch immer futtern«, brummte er ernst. Lachend hatte sie ihn in Richtung der Blumenerdesäcke gezogen.
   Ein gefühltes ganzes Leben lag zwischen dieser Begegnung und dem heutigen Tag. Sie konnte ihm schlecht Vorwürfe machen, er hatte sie ausdrücklich gewarnt, sich nicht mit ihm einzulassen – immerhin.
   In ihrer grenzenlosen Naivität hatte sie ihm nicht geglaubt. Eine ganz und gar schlechte Angewohnheit. Auch die damaligen Ratschläge ihrer Familie hatte sie in den Wind geschlagen und prompt ihre Quittung bekommen.
   Was ihr Leben in den USA anging, tappten ihre Eltern in Deutschland lange im Dunkeln. Wieder zurück, schenkte sie ihnen endlich reinen Wein ein und sprach die Wahrheit offen aus – jedenfalls den größten Teil davon. Doch bis zum jetzigen Zeitpunkt hatten ihre Eltern keinen Schimmer von ihm – ihrem Mr. Right. Normalerweise überspielte Floriane im Umgang mit Männern ihre Nervosität mit Quasselei. Bei ihm jedoch war alles anders. Eigentlich hätte sie das sofort alarmieren sollen. Leider hatte sie nicht aufgepasst – wieder einmal. Und nun war es zu spät. Etwas in ihr war kaputt gegangen.

1. Kapitel

»Mir ist, als hätte ich mein gesamtes Leben nur an dich gedacht.«
   Flos Herz schlug Purzelbäume. »Du hattest doch Julia.«
   Nach ihrem Einwand sah er sie merkwürdig verzagt an. »Wir haben zusammen gearbeitet und der Film wurde zum Kassenschlager – das ist alles.« Richard Geres Blick ruhte noch immer auf ihr. Sacht senkte er seine Lippen und traf ihren Mund. Sein Kuss ließ sie alles ringsum vergessen. Flo sank gegen ihn, überließ ihm die Führung, spürte seine Wärme, seine Stärke, seine Männlichkeit. Als er irgendwann den Kuss beendete, überfiel sie ein beinahe überwältigendes Verlustgefühl. Sofort schlang sie ihre Arme um seinen Hals.
   »Ich bin ja da, Flo. Ich werde immer für dich da sein.«
   Sie wollte ihm gern glauben, aber sie war ein gebranntes Kind.
   Seine tiefe, eindringliche Stimme berührte sie fast noch mehr als seine Worte es taten. »Du machst dir stets zu viele Gedanken.«
   Woher wusste dieser Mann das nur? Alle anderen Menschen ließen sich leicht von ihrer witzigen, fidelen Fassade täuschen. Er nicht.
   Seine Hände öffneten geschickt die Knöpfe ihrer Bluse. Schon berührten sie ihre Brüste. Die zärtliche Leidenschaft, die sich in seinen Augen widerspiegelte, entfachte ein Feuer in ihr. »Es ist nur …«, stammelte sie. »Hollywood.«
   »Vergiss Hollywood. Es ist lediglich ein Job. Mein wahres Leben findet hier statt, mit dir.«
   Seine Worte streichelten ihre Seele, ihr Herz. Er brauchte nichts mehr zu sagen, und das tat er auch nicht. Die Bluse fiel zu Boden, kurz darauf der BH, den er ihr auf dem Rodeo Drive in Los Angeles gekauft hatte.
   Richard Gere hielt sie an sich gepresst, als wäre sie die begehrenswerteste Frau auf der Welt und nicht etwa Floriane Usher aus dem Havelland in Deutschland. Ihre Finger schoben sich unter sein Seidenhemd, seine Haut darunter fühlte sich wunderbar an. Sie roch teures Rasierwasser, und ihre Gedanken lösten sich auf wie Frühnebel an einem Sommertag. Noch nie war sie so geküsst worden, und sie genoss alles, was er mit ihr tat. Mutig griff sie nach seiner Gürtelschnalle und zerrte daran. Unter dem Reißverschluss spürte sie seine Erregung. Augenblicklich begann es in ihrem Bauch zu flattern. Er hob sie hoch, sie schlang die Beine um seine Hüften. Richard drang in sie ein und stöhnend kam sie zum Höhepunkt.


»Tag, Mrs. Usher.«
   Flo fuhr zusammen. »Hallo, Mr. Hobbs.«
   Der Mann schnappte sich eine der Einkaufstüten und hielt ihr die Tür auf.
   »Danke.«
   »Spätschicht heute?«
   »Ja, richtig.« Sie kramte in ihrer großen Umhängetasche nach dem Schlüssel. »Stellen Sie sie einfach hier ab, den Rest schaffe ich schon. Vielen Dank und schönen Gruß an Ihre Frau.«
   Er winkte ihr zu und verschwand um die Ecke.
   Flo betrat die Küche und stellte ihre Einkaufstüten auf dem Tisch ab. Den Kassenbon legte sie sorgfältig in ihr Haushaltsbuch zu den anderen. Morgen würde sie die gesammelten Belege vom August addieren, doch sie sah kaum noch einen Sinn in dieser Gewohnheit. Schließlich wusste sie längst, dass sie Monat für Monat gerade so über die Runden kam. Das war nicht ihre Schuld, soviel hatte die Führung eines Haushaltsbuches sie immerhin gelehrt. Im Grunde genommen brachte sie diese Erkenntnis aber auch nicht weiter.
   Flo versuchte, die Traurigkeit, die sich ihrer schon seit dem frühen Morgen bemächtigte, abzuschütteln. Es gelang ihr nicht. Im Gegenteil, sie begriff nur allzu gut, dass der heutige Tag lediglich die Spitze eines Eisberges darstellte, der sich seit geraumer Zeit anschickte, ihr bescheidenes Leben zu sabotieren. Zunächst war da das Gespräch mit Martha gewesen, die ihr berichtete, dass sie am Ende des Sommers den Pub schließen und verkaufen würde. Somit war klar, dass Flos Nebenjob sich erledigte. Möglicherweise könnte sie bei dem Nachfolger arbeiten, wollte Martha ihr ein wenig Hoffnung machen. Flo gab sich keinen Illusionen hin. Bis der renovierte, ein Konzept erstellte und eröffnete, vergingen bestimmt zwei, drei Monate, in denen es keine zusätzlichen Dollars für sie und Kevin geben würde. Bitter, umso mehr, weil Anfang dieses Jahres der alte Doc Svenson gestorben war. Sie hatte ihm oft Gesellschaft geleistet und seinen Geschichten über Pflanzen gelauscht, die sich fest in einem verborgenen Winkel seines Gehirns eingenistet hatten. Zum Schluss nahm die Demenz eine erschreckende Form an. Niemand wusste wohl so viel über Blumen, Ziersträucher und Rasenpflege wie Johann Svenson. Jedenfalls niemand, den Flo kannte. Seine Enkelin Charlotte hatte ihr für die Geduld, die sie im Umgang mit dem alten Mann aufgebracht hatte, auch immer wieder etwas zugesteckt. Flo erinnerte sich noch genau an das schlechte Gewissen, das sie anfangs befiel. Sie bekam Geld für etwas, dass sie aus reiner Gefälligkeit tat. Die Gespräche mit dem alten Zahnarzt, dessen große Leidenschaft sein Garten war, machten ihr Spaß.
   Seit zwei Monaten blieb die Unterhaltszahlung von Val aus. Zunächst waren die Überweisungen nur unpünktlich erfolgt, dann unregelmäßig und seit sechs Wochen saß sie quasi auf dem Trockenen. Warum, zum Teufel, rief ihr Exmann deswegen nicht mal an? Sie wollte nicht wieder den ersten Schritt tun müssen. Bis zum Ende der Woche würde sie noch warten, aber dann war Schluss mit lustig. Immerhin ging es hier nicht allein um sie, sondern vor allem um Kevin.
   Als hätten all diese Tatsachen nicht schon genügt, zog sie gerade einen Briefumschlag aus dem Briefkasten. Sie starrte auf den Absender und überlegte. Warum schrieb ihr der Vermieter? Na gut, sie war ein wenig überfällig mit der Miete, aber bisher hatte er es auch toleriert. Dass sie oft knapp bei Kasse war, wusste er schließlich. Mit zitternden Händen riss sie das Kuvert auf und überflog die Zeilen. Sie musste sie zweimal lesen, um die Bedeutung zu begreifen. Bis Ende des Jahres musste sie raus aus der Wohnung. Der Vermieter hatte die Immobilie verkauft und der neue Besitzer wollte das Haus abreißen lassen und das Grundstück anderweitig nutzen.
   Sie schlug die Hände vor das Gesicht. Was denn noch? Hatte sie nicht schon genug Schwierigkeiten? Ein seltener Anflug von Selbstmitleid ermächtigte sich ihrer. Flo wünschte verzweifelt, die Zeit zurückdrehen zu können – bis zu einem bestimmten Punkt. Leider war ihr nicht klar, bis zu welchem. Der Druck in ihrer Brust verstärkte sich. In den vergangenen Wochen waren die Hiobsbotschaften tröpfchenweise in ihr Gehirn gesickert – jetzt schwappte eine Welle der Resignation gnadenlos über sie hinweg. Und sie war gepaart mit Mutlosigkeit, Angst und unsäglicher Traurigkeit.
   Immer öfter überfiel Flo eine Sehnsucht. Egal, wohin sie ging, egal, welche Richtung sie einschlug – die Sehnsucht war schon vor ihr dort. Sehnsucht – wonach? Nach der glücklichen Kindheit in einem kleinen Dorf an der Havel, nach Good old Germany? Nach der Sicherheit einer Ehe mit Val Usher? Nach einem Ort, der ihr Zuhause sein konnte? Nach der Familie, die sie leichtsinnigerweise zurückgelassen hatte und die sie nun schon seit über zehn Jahren nicht mehr in die Arme schließen konnte und vermisste? Der Kloß in ihrem Hals wuchs an. Flo glaubte beinahe, an dem Schluchzen in ihrer Brust ersticken zu müssen. Doch Tränen waren auch jetzt unangebracht. Sie würden ihr nicht weiterhelfen, daher durfte sie ihnen nicht nachgeben. Im Gegenteil, sie machten alles nur noch schlimmer.
   Sie sah auf die Uhr. In einer Stunde musste sie im Schönheitssalon sein. Eigentlich mochte sie nachmittags nicht arbeiten gehen, aber der Job im Salon bei Bonny Sue war nun einmal ihr einziger zurzeit, da konnte sie sich irgendwelche Extrawünsche klemmen. Könnte sie sich nur besser auf Kevin verlassen. Mit seinen elf Jahren kam er langsam in die Pubertät. Erledigte er heute seine Hausaufgaben auch gewissenhaft? Seufzend verstaute sie ihre Einkäufe in dem kleinen Vorratsregal und faltete die Tüten zusammen. Sie stellte eine Pfanne auf den Herd, ließ Fett aus und schnitt die übrig gebliebenen Kartoffeln vom Vortag klein. Dann säbelte sie Wurstreste in kleine Würfel, ebenso eine Zwiebel und gab alles in das heiße Fett. Flo würzte kräftig mit Salz, Pfeffer, Kümmel und Majoran, schlug noch ein Ei darüber und ließ alles unter einem Deckel stocken. Beim Abschneiden frischer Kräuter aus dem Beet hinter dem Haus überkam sie erneut Traurigkeit. Hastig wischte sie die Träne, die sich bereits einen Weg bahnte, von ihrer Wange. Ihre Bewegung schreckte einen Vogel auf. Im selben Augenblick landete ein dicker dunkelblau schimmernder Käfer neben ihren Füßen. Hatte der Vogel vor Schreck sein Opfer fallen lassen? »Hallo Kumpel.« Flo schnupperte an der Petersilie. »Scheint so, als hätte ich dir soeben das Leben gerettet.« Na ja, wenigstens für einen von uns ist dieser Tag nicht total verkackt.

*

Nach Amys kurzem Läuten wurde sofort die Tür geöffnet.
   »Komm rein!« Jenny Cumberland, die zweite und sehr viel jüngere Ehefrau von Marcs Vater, zog sie rasch an sich und ging voraus in die Küche. »Ich habe bereits Kaffee aufgesetzt. Am besten, wir setzen uns in den Garten. Wer weiß, wie lange das Wetter noch so schön ist.«
   Die dreijährige Tochter ihrer Freundin saß im Schatten in ihrem Buddelkasten und beschäftigte sich mit feinen Konditoreien aus Sand.
   »Hallo Rosie.« Amy streckte eine Hand aus. Die Kleine berührte sie flüchtig und grinste.
   Sie hatte Marcs Augen, durchzuckte es Amy nicht zum ersten Mal. So ähnlich könnte auch eines ihrer gemeinsamen Kinder aussehen. Sie sollte nicht mehr davon ausgehen, dass Marc sie jemals heiratete. Inzwischen war sie sich auch längst nicht mehr sicher, ob sie das überhaupt noch wollte. Es fühlte sich einfach nicht mehr richtig an. Warum taten sie beide sich nur so schwer, konsequente Entscheidungen zu treffen? Es war bequemer so. Man wusste nie, was danach kam, und vielleicht erschreckte sie der Gedanke deshalb.
   »Miss Rosie hat keine Zeit für belanglose Konversation«, stellte deren Mutter fröhlich fest.
   »Ja, ist mir auch aufgefallen. Und was gibt es bei dir Neues?«
   »Ich habe heute einen Brief von George bekommen.«
   Amy warf ihrer Freundin einen raschen Blick zu. »Hartnäckig ist dein Mann ja, das muss man ihm lassen. Hat er das tatsächlich jeden Monat durchgezogen?«
   Jenny nickte. »Aber dieses Mal schreibt er, dass die Staatsanwaltschaft seinen Antrag auf frühzeitige Haftentlassung prüfen wird. Wenn alles gut geht, und George scheint offenbar davon überzeugt, könnte er Weihnachten bereits zu Hause sein.«
   »Hat er nicht begriffen, dass ihr euch getrennt habt?«
   »Doch, schon. In jedem seiner Briefe bittet er mich um Verzeihung.«
   Amy stieß ein Schnauben aus.
   »So einfach ist das alles nicht«, gab Jenny zu bedenken.
   »Was zum Geier soll denn das heißen?«
   »Das Haus gehört immer noch ihm. All seine Sachen sind hier. Wo soll er sonst hin? Er hat niemanden mehr.«
   Für Amys Geschmack hörte sich ihre Freundin jetzt ein wenig zu melodramatisch an. »Was ist mit Marc?« Als sie die Frage stellte, bereute sie sie bereits. Die blöde Bemerkung ließ nun die stets liebenswürdige Jenny schnauben. Vater und Sohn Cumberland befanden sich seit Jahren im Kriegszustand. Daran würde eine vorzeitige Entlassung aus dem Gefängnis aufgrund guter Führung auch nichts ändern. George könnte noch so viel Reue zeigen, Marc war stur wie ein Maulesel. Amy kannte ihn gut genug, sie waren seit Jahren ein Paar. Er würde nie nachgeben, geschweige denn einen Strich unter die Vergangenheit ziehen und seinem Vater die Hand reichen. Sie war auf seinen Gesichtsausdruck gespannt, sobald sie heute Abend mit der Neuigkeit herausplatzen würde.

*

Kevin beneidete Ryan. Er konnte jeden Tag auf einer Ranch leben, reiten, am Steg angeln, schwimmen und all so was. Da gab es ganz sicher keine Langeweile.
   Eine Hupe ertönte. Josh, sein Baseballtrainer, der neben Ryan wohnte, wollte ihn nach Hause bringen. So zumindest war es mit Mom abgesprochen. Nach dem Baseballtraining hatte Josh ihn auf der Nachbarranch abgesetzt, sodass Ryan und er noch ein wenig Zeit gemeinsam verbringen konnten. Meistens fuhr er dann mit seinem Fahrrad zurück, doch hin und wieder nahm ihn auch jemand der Familie O’Brian oder einer der Tanners mit. Joshs Frau, Dr. Tanner, hatte heute Spätdienst und ihr kleiner Sohn gab keine Ruhe. Er wollte, bevor er ins Bett musste, unbedingt seiner Mom Gute Nacht sagen. Daher hatte sein Dad vorhin angerufen und gefragt, ob er Kevin mit in die Stadt nehmen solle. Eigentlich war Kevin froh darüber gewesen. So waren ihm noch ein paar Minuten mehr mit Ryan vergönnt. Aber die Zeit war um. Erneutes Hupen – ungeduldiger, ließ ihn aus der Scheune treten.
   »Bis morgen«, rief er Ryan zu und ging gemächlich auf den Van zu.
   Hinter dem Küchenfenster bewegte sich etwas. Dr. Svenson, Ryans Pflegemutter, winkte ihm zum Abschied zu. Er öffnete die Wagentür und hievte sich auf den Beifahrersitz.
   »Das dauert.« Josh verdrehte die Augen. »Alles okay mit dir?«
   »Klar.«
   »Na dann, schnall dich an, Sportsfreund.«
   »Anschnallen, anschnallen«, echote Lucas von seinem Kindersitz aus.
   Kevin wandte sich um. »Weiß ich selbst.«
   »Stimmt nicht.«
   »Wenn ich’s doch sage.«
   Plötzlich veränderte sich das Gesicht des Dreijährigen und er nestelte an seiner Hose herum. »Ich glaub, der muss mal.«
   Sofort drehte sich Josh um. »Musst du Pipi?«
   Lucas schüttelte den Kopf und wich dem Blick seines Daddys aus.
   »Lu-u-uc?«
   Endlich hob der Kleine sein Gesicht.
   »Musst du Pipi?«
   »Nö.« Seine Unterlippe zitterte leicht.
   »Sag, dass das nicht wahr ist.« Genervt löste Josh den Gurt und stieg aus. Als er sich über seinen Sohn beugte, genügte ein Blick. Die Hose wies dunkle Flecken auf.
   Kevin stieß ein belustigtes Wiehern aus.
   »Was gibt es da zu lachen?« Josh fixierte ihn mit finsterem Blick.
   »Da darf man nicht lachen«, zwitscherte Lucas.
   Kevin musste nun erst recht losprusten.
   »Ab nach Hause«, befahl Josh, stieg ein und lenkte den Wagen statt auf die Straße zurück zu seinem Anwesen.
   »Fahren wir jetzt nicht zu Mommy?«, fragte Lucas mit dünnem Stimmchen.
   »Nö, bestimmt nicht«, feixte Kevin.
   Sofort begann der Kleine zu plärren. »Ich will zu meiner Mo-o-om. Mommy … Mommy.«
   »O Mann – der geht ja ab wie Schmidts Katze.«
   Josh brachte den Wagen zum Stehen.
   »Ich will zu Mo-o-ommy«, brüllte Lucas erneut.
   Als Josh den Jungen aus dem Kindersitz hob, begann der Kleine zu strampeln.
   »Mommy.«
   »Jetzt ist es genug! Du gehst noch mal Pipi machen …«
   Ungerührt ertönte erneut Lucas Sirene. »Ich will zu meiner Mommy.«
   Aufgeschreckt von dem Lärm erschien das Kindermädchen in der Haustür. Es erfasste sofort die Lage und streckte ihre Arme aus. »Ich mach das schon, Mr. Tanner. Geben Sie ihn mir.«
   Josh pustete erleichtert aus. »Grins nicht so frech.«
   Kevin zuckte mit den Schultern. »Soll ich mir doch das Rad schnappen, Coach? Ist kein Problem.«
   »Nein, Lucas wird keine Ruhe geben, bevor er nicht seiner Mom ein Küsschen gegeben hat.«
   »Scheint ein harter Job zu sein, so als Dad.« Kevin wurde plötzlich nachdenklich.
   »Mhm – manchmal«, gab Josh zu und lächelte.

*

Flo hatte es nicht mehr weit. Sie beobachtete eine Frau, die mit ihrer kleinen Tochter auf dem Bordstein Fangen spielte. Die Mutter war noch ausgelassener als das Kind. Es machte richtig Spaß, den beiden zuzuschauen. Wann hatte sie sich das letzte Mal so unbefangen bewegt? Flo schloss die Tür hinter sich und schlüpfte aus ihren Schuhen. Aus Kevins Zimmer drangen lautstark Bässe und irgendein Affengejaule. Halt Stopp, jetzt reagierte sie schon wie ein Spießer. Genau das hatte sie nie sein wollen.
   Die Küche sah ordentlich aus, also hatte Kevin bei seinem Freund gegessen. Sie öffnete die Kühlschranktür. Obwohl sie keinen Hunger verspürte, befahl sie sich, etwas zu essen. All ihre finanziellen Sorgen schlugen ihr auf den Magen. Manchmal bekam sie sogar Durchfall, was sie noch grässlicher fand. Außerdem: Je weniger sie aß, desto mehr war für Kevin übrig. Ihre dunklen Gedanken drohten, sie in einen gefährlichen Strudel hinabzuziehen. Sie musste unbedingt damit aufhören. Die Frage war lediglich: Wie?
   Flo fand noch zwei Mini-Bratwürste und erhitzte Öl in einer Pfanne. Sie schnappte sich die Flasche Ketchup und einen Apfel und stellte alles auf den Küchentisch.
   Nachdem sie gegessen und Kevin ins Bett geschickt hatte, hockte sie sich vor den kleinen alten Schrank, in dem sie ihre Patchworkstoffe aufbewahrte. Sie zog die Schachtel mit den Fat Quartern hervor und strich liebevoll darüber. Dann nahm sie einen der Flanelle zur Hand. Mittlerweile hatte sie es auf sieben verschiedene gebracht. Es würde noch eine ganze Weile dauern, bis sie so einen Raggedy-Knuddel-Quilt, wie eine ihrer Freundinnen ihn gemacht hatte, nähen konnte. Nein. Stopp – nicht schon wieder negative Energie verstreuen. Ihr Blick wanderte zu den karierten Kostbarkeiten, die sie ganz besonders liebte. Was ließe sich wohl daraus zaubern? Konnte man einen Quilt mit ausschließlich karierten Stoffen entwerfen? Wahrscheinlich schon, wenn der Kontrast der Farben deutlich zur Geltung kam. Vielleicht mit Bow-Tie und Evening Star Blöcken. Wie wäre es, jede Reihe mit anderen Blöcken zu gestalten? Wenn sie sich recht erinnerte, hatte eine der Quilterinnen ihr auch in diesem Fall etwas voraus. Sie erhob sich aus der langsam unbequem werdenden Hocke und streckte sich auf dem Sofa aus.
   Es lief eine der Fernsehserien, die endlos oft wiederholt wurden. Diese Folge jedoch hatte sie wohl noch nicht gesehen, jedenfalls konnte sich Flo beim besten Willen nicht daran erinnern. Die Heldin sprang gerade aus ihrem Viehtransporter und lief nach hinten. Eines der Schafe hatte sich ein Bein gebrochen, unter den Tieren machte sich Panik breit. Jetzt blieb nur noch eines zu tun: das verletzte Schaf zu erschießen. Der Fahrer des Trucks bot an, die Aufgabe zu übernehmen, doch sie wollte es selbst erledigen und kämpfte mit angelegtem Gewehr darum, ihren Entschluss umzusetzen. Sie brachte es nicht fertig. Der Mann kam ihr wortlos zu Hilfe – ein sauberer Schuss und das Tier war erlöst.
   Floriane spürte, wie etwas Warmes über ihre Wangen tröpfelte, das sich zu einem kleinen Rinnsal steigerte. Aufschluchzend schnappte sie sich eines der Sofakissen und presste es gegen den Bauch. O Gott, sie heulte um ein totes Schaf in einer mittelmäßigen Fernsehserie. Die würgende Traurigkeit war plötzlich wieder da, und natürlich war ihr längst klar, warum sie in Wirklichkeit diese Tränen vergoss.

2. Kapitel

Amy räumte die Küche auf. Sie hatte vom Chinesen Essen mitgebracht. »Dein Vater wird womöglich vorzeitig entlassen.«
   Marc verschluckte sich fast an seinem Bier. Er warf ihr einen raschen Blick zu.
   Bildete er sich das nur ein oder klang in ihrer Stimme eine Spur Schadenfreude mit? Amy warf die Reste in den Müllschlucker und räumte das Besteck in den Geschirrspüler. Sie benutzte nie die mitgegebenen Messer und Gabeln aus Plastik. Auch was das Essen oder die Wahl des Restaurants anbelangte, war sie ziemlich anspruchsvoll. In Anbetracht der Tatsache, dass sie nicht kochen konnte, fand Marc das drollig. Sie wusch den Küchenlappen aus und wischte den Tisch ab.
   »Was soll das heißen?« Marc ließ sie keinen Moment aus den Augen.
   »Genau das, was ich gesagt habe.« Sie sprach wie eine nachsichtige Mutter zu ihrem nörgelnden Kind.
   »Woher weißt du das?«
   »Was spielt denn das für eine Rolle?« Jetzt klang sie genervt.
   »Ein Besuch bei der engelsgleichen Jenny.« Der Frau seines Vaters. Seine Stimme troff vor Sarkasmus.
   »Und wenn schon. Ich habe es satt, immer wieder die gleiche Diskussion zu führen. Entweder du akzeptierst endlich die Tatsache, oder …«
   »Oder was?«
   »Oder du lässt es bleiben.«
   »Genau.«
   »Dann eben nicht.«
   Marc drückte auf den Knopf des Weckers, noch bevor dieser ein Signal von sich gab. Er war ohnehin seit zwei Stunden wach. Seine Gedanken kreisten um die Bemerkung, die Amy gestern wie nebenbei fallen gelassen hatte.
   Er stand auf und ging vorsichtig aus dem Schlafzimmer. Leise, wie er es jeden Morgen tat, um Amy nicht aufzuwecken. Er fragte sich indes, ob es ihm heute nicht eher darum ging, nicht mit ihr reden zu müssen.
   Bevor er zur Arbeit fuhr, lief er seine übliche Runde zum alten Hafen hinunter. Er konzentrierte sich auf einen ausgewogenen Laufrhythmus und seine Atmung, und schon begann sich seine Anspannung zu legen. Der Wind spielte mit seinem Haar.
   Im Büro herrschte die übliche Hektik. Die Telefone läuteten ununterbrochen. Seine Sekretärin gab ihm entsprechende Handzeichen, für welchen Anrufer er lieber nicht zu sprechen sein sollte. Die Frau war einfach eine Perle und kannte ihn viel zu gut. Dieser Gedanke erschreckte ihn.
   Er bearbeitete am PC die Baupläne für ein Hotel in New York. Man brachte ihm eine Nachricht: »Mr. Tanner möchte, dass Sie die Rohrdimensionen für das Bürogebäude in Baltimore nochmals prüfen. Es gab vor Gericht offenbar einen Vergleich und …«
   »Schon gut, ich mach’s. Es wird aber noch etwas warten müssen.«
   Wieder läutete das Telefon.
   »Marc, guten Morgen, mein Lieber.«
   Seine Mutter hatte ihm gerade noch gefehlt.
   »Ich bin mir nicht sicher, wann hast du gesagt, wolltest du vorbeikommen? Ich habe ein paar kleine Reparaturen am Haus. Nichts Wichtiges, aber du kennst mich ja. Ich möchte gern, dass es erledigt ist. Wenn du keine Zeit hast, kannst du es mir ruhig sagen.«
   Marc sah sie vor sich, wie sie sich nervös eine Strähne ihres aschblonden Haares hinter das Ohr strich. Er wusste genau, dass er keinen Termin mit ihr vereinbart hatte. Das tat er nie. »Ist dir Samstagvormittag recht?« Er fügte sich in das Unvermeidliche.
   »Das passt mir ausgezeichnet.« Ihrer Stimme war ein Lächeln anzuhören.
   Nun, wenn sie sich so sehr darüber freute, hatte es auch was Schönes, dachte er schuldbewusst.
   »Du hast sicher viel zu tun. Ich will dich nicht länger von der Arbeit abhalten.«
   »Ja, stimmt.«
   »Bis dann, mein Junge.«
   »Ja, bis Samstag.«
   »Samstag – da wollen wir doch ins Konzert. Schon vergessen?« Sein ältester Freund und Geschäftspartner stand im Türrahmen und beobachtete ihn.
   »Bis zum Abend bin ich fertig. Es war Mom.«
   »Verstehe.«
   Die Sekretärin rief nach Josh. Der wandte sich halb um. »Lassen Sie sich die Nummer geben, ich rufe zurück.«
   Marc arbeitete weiter.
   »Die Rohrdimensionen von …«
   »Ich weiß Bescheid. Sobald ich Zeit habe, werde ich diesen Mist zum vierten Mal prüfen.«
   »Tut mir leid, ich stehe genauso unter Druck. Bis elf Uhr erwarten die Auftraggeber eine Antwort.«
   »Verfluchter Mist.« Marc schlug auf den Tisch. »Ich kümmere mich darum«, blaffte er und fuhr sich durch das Haar.
   »Schon kapiert.« Josh bedeutete ihm, dass er ihn nicht weiter bedrängen würde.
   Auf Marc war Verlass, auch wenn sein Temperament hin und wieder mit ihm durchging. Er würde sich gleich an den Auftrag machen, wenn auch zähneknirschend.
   Josh streckte ihm die Handflächen entgegen, als Zeichen, dass er sich ergab, und verschwand in seinem Büro.
   Was war nur los in seinem Leben? Er hatte ein problematisches Verhältnis zu seiner Mutter, mit Amy war er offenbar in eine Sackgasse geraten und darüber, wie er zu seinem Vater stand, mochte er erst gar nicht nachdenken.
   Beim Mittagessen in Julies Diner trafen Josh und er auf Angelina. Joshs Schwester führte zusammen mit ihrem Mann eine erfolgreiche Immobilienfirma. Oft genug profitierten Tanner & Cumberland Construction und Rickman Immobilien voneinander, indem sie sich gegenseitig ihre Kunden empfahlen.
   »Hallo, ihr beiden. An meinem Tisch ist noch reichlich Platz. Der Fisch ist ausgezeichnet heute.«
   »Danke für die Empfehlung.« Josh küsste flüchtig ihre Wange.
   Marc streifte kurz ihr Gesicht zur Begrüßung.
   »Hast du schlechte Laune?«
   »Warum?«
   »Ich kenne dich, schon vergessen? Was immer es ist, es wird sich bald wieder einrenken. Kleine Aufmunterung gefällig? Ich erhielt gestern einen netten Brief von meiner ehemaligen Mitschülerin Carolyne. Sie traf kürzlich eine andere Klassenkameradin und beide gerieten ins Plaudern. Es wird ein Klassentreffen geben. Jetzt fragen sie an, ob ich Interesse hätte und ihnen bei der Organisation helfen könnte. Schließlich wohne ich noch vor Ort.«
   »Carolyne?«, fragte Josh arglos.
   »Tu nicht so, als wüsstest du nicht genau, von wem ich spreche. Sie ist die Frau, die dir deine Jungfräulichkeit raubte.«
   Josh stöhnte in Anbetracht ihrer Unverblümtheit.
   Immerhin entlockte er ihm damit ein Grinsen. »Wann soll das Klassentreffen stattfinden?«
   »Och, erst im Frühling. Um so etwas vorzubereiten, dauert es eine Weile. Allein wenn ich daran denke, die Adressen aller herauszufinden.«
   »Gut. Nenn mir rechtzeitig den Termin. Ich werde nicht in der Stadt sein«, sagte Josh.
   Angie lachte erheitert auf. »Was genau befürchtest du denn?«
   Er blieb ihr eine Antwort schuldig.
   »Übrigens, Vicky kommt am Sonntag nach Hause.«
   Victoria, Joshs andere Schwester, lebte mit ihrer Familie abwechselnd ein paar Monate in St. Elwine und in Frankreich. Ihr Mann besaß dort ein Weingut.
   »Sie bleiben bis Januar«, fügte Angelina hinzu. Dann sah sie auf ihre Uhr. »Macht’s gut, ich muss leider los.«
   Als sie gegangen war, brachte Marc endlich die Sprache auf seinen Vater.
   Josh versuchte, ihn zu beruhigen, indem er darauf verwies, dass solche Angelegenheiten sicher sehr gründlich geprüft würden.

*

Flo hatte den ersten Schock überwunden und fühlte sich wieder etwas besser. So schnell würde sie nicht aufgeben. Das wäre ja gelacht. Als Erstes kaufte sie sich eine Zeitung und ging die Wohnungsinserate durch. Eine vielversprechende Anzeige markierte sie mit einem Rotstift. Ihr Exmann hatte den Unterhalt doch noch überwiesen. Zwar nicht die vereinbarte Summe, aber immerhin. Sicher war er nur in einen vorübergehenden Engpass geraten. Wer verstand das besser als sie?
   Als Nächstes verschloss sie alle Sorgen in einer Gedankenschublade und zog sich für das Konzert um. Ihre Freundin Charlotte aus der Quiltgruppe hatte ihr vor ein paar Tagen eine Freikarte für ein Rockkonzert zugesteckt. Selbstredend, dass es sich bei dem Rocksänger um Tyler O’Brian, Charlottes Mann, handelte. Zunächst hatte Flo dankend ablehnen wollen. Das Mitleid anderer ertrug sie nicht, und außerdem besaß sie Stolz. Was sie sich nicht leisten konnte, das ging eben nicht. Anderen Menschen erging es nicht besser. Dann aber erklärte Charly: »Ich will, dass wir alle dabei sind, um ihm den Rücken zu stärken.«
   Als Flo sie ein wenig verständnislos anblinzelte, fügte sie hinzu: »Ihn plagen Selbstzweifel.«
   »Du meinst die Talkshow und all die Gerüchte, die in der Öffentlichkeit grassieren?«
   »Genau. Er hat seitdem kein einziges Konzert gegeben und sich aufs Komponieren konzentriert. Aber ich weiß, dass er das Singen und den Kontakt zu seinen Fans braucht.«
   »Nun, dann bin ich natürlich dabei. Ich bin seit Jahren ein Fan von ihm. Schon viel länger als du.«
   »Was du nicht sagst.« Charlotte Svenson lächelte.

Zusammen mit einem kleinen Fanclub aus St. Elwine bestieg Flo den gemieteten Bus und fuhr nach Baltimore. Natürlich ließ sich auch ihre Chefin aus dem Schönheitssalon nicht nehmen, dabei zu sein. Charlotte hingegen hatte ihren Mann begleiten wollen, und war schon vor Ort. Die Frage um eine Aufsicht für Kevin hatte sich rasch erledigt. Joshs Mutter organisierte für ihre Enkeltöchter und deren Freundinnen ein Prinzessinnenfest. Da sie dringend Hilfe von zwei kräftigen Jungen brauchte, hatte sie Kevin und seinen Kumpel engagiert, nicht ohne ihnen einen Lohn in Aussicht zu stellen. Daraufhin hatten sich die Burschen nicht lange bitten lassen.
   Plötzlich kam Floriane ein Gedanke. Charly bezweckte mit dem Ticket vielleicht nicht ausschließlich, Tyler den Rücken zu stärken. Bei ihr wusste man nie so genau, woran man war. Na, wenn schon, heute war ein viel zu glücklicher Tag, um alle Eventualitäten abzuwägen. Nimm an, was das Leben dir bietet. Schließlich weiß man nie, was als Nächstes passiert. Als sie aufsah, bemerkte sie, dass Elizabeth, Joshs Frau, sie betrachtete. Alles okay?, schien sie zu fragen. Flo hob den Daumen.
   Marc steuerte den Bus und unterhielt sich mit Joshs Schwager. Angelina zog offenbar ihren Bruder auf, denn Josh schüttelte immer wieder den Kopf, woraufhin seine Schwester in Gelächter ausbrach. Flo atmete ein und schloss die Augen.
   Schon von Weitem hörte sie die Musik und folgte dem jungen Burschen, der sich hier ohne jeden Zweifel auskannte. Als er die Tür öffnete, brauchte sie einen Moment, um sich an das diffuse Licht zu gewöhnen. Hitze, Zigarettenqualm, Schweiß und billiger Parfümgeruch schlugen ihr entgegen. Die Musik jedoch faszinierte sie, und so trat sie neugierig näher. Männer und Frauen – nicht wesentlich älter als sie, tanzten auf eine beinahe schockierende Art und Weise. Eine Mischung aus Hingabe, Leidenschaft und Erotik. Niemals zuvor hatte Flo so etwas gesehen. Zwar kam sie sich wie ein Voyeur vor, konnte jedoch nicht aufhören, zu starren. Sie bemerkte den Mann erst, als er vor ihr stand. Er trug ein weißes Hemd und eine enge, schwarze Hose, die seine Figur äußerst vorteilhaft zur Geltung brachte. Der Mann wandte sich an ihren Begleiter: »Wer ist sie?«
   »Oh, ich habe eine Wassermelone getragen«, antwortete Flo ungefragt.
   Der Fremde, dessen Hüften sich immer noch im Rhythmus der Musik bewegten, lächelte sie an. »Diesen Satz verwenden sie alle, Baby. Du bist also die Neue hier. Ich bin übrigens …«
   »Ich weiß, wer Sie sind. Immerhin habe ich Dirty Dancing beinahe hundert Mal gesehen. Freut mich, Sie kennenzulernen, Patrick Swayze.« Flo streckte ihm eine Hand entgegen.
   Statt sie nach dem kurzem Händedruck wieder loszulassen, zog er sie hinter sich her auf die Tanzfläche und schon ging’s los. Sie konnte nicht besonders gut tanzen, daher wollte sie protestieren. Ihre Sorge war unbegründet – ihr Becken und schließlich auch ihre Füße wussten genau, wie es ging. Und es machte solchen Spaß. Beim besten Willen konnte sie Patricks Worte nicht verstehen. Daher lächelte sie ihn an. »Was?« In dem Moment brach die Musik ab.
   »Du bist wunderschön, Baby. Ich habe noch nie eine Frau, wie dich kennengelernt.« Als sich seine Lippen auf ihre senkten, johlten die anderen Tänzer.
   »Hast du den Film wirklich so oft gesehen?«, wollte er erstaunt wissen.
   »Na gut, vielleicht nicht hundert Mal, aber immerhin«, bestätigte sie ein wenig schuldbewusst.
   Daraufhin schenkte ihr der Filmstar sein schönstes Lächeln.
   »Was träumst du Schönes? Muss ja ein toller Typ sein.«
   Flo fühlte sich ertappt und blinzelte Liz irritiert an. »Och, Patrick Swayze wollte mich in den erstbesten Bungalow zerren. Du kennst das ja. Die Leute vom Film denken, die haben bei jeder ein leichtes Spiel. Doch so einfach bin ich nicht rumzukriegen.«
   Wie so oft sorgte sie mit ihren Worten für allgemeine Erheiterung. Josh zwinkerte ihr zu, woraufhin sie frech ausrief: »Du bist auch so einer.«
   Angie prustete. Flo befürchtete indes, ein wenig zu weit gegangen zu sein, doch Joshua Tanner lächelte nur. Auch Liz interpretierte nichts in den kleinen Scherz hinein. Erleichtert atmete Flo aus. Schließlich musste niemand wissen, dass sie tatsächlich eine Schwäche für den großen, schwarzhaarigen Mann mit den dunklen Augen und dem bronzenen Teint hegte. Genau genommen war er fast zu schön für diese Welt. Und außerdem mit einer ihrer besten Freundinnen verheiratet.

»Hier finde ich es viel besser als im VIP-Bereich«, raunte Flo Elizabeth zu, als sie ihren optimalen Stehplatz eingenommen hatten. »Nicht, dass ich wirklich weiß, wie es dort zugeht, aber ich könnte mir vorstellen, dass da nicht so eine tolle Stimmung aufkommt. Die sehen ein wenig steif aus, findest du nicht?«
   »Ganz meine Meinung und Charlotte passt da richtig rein«, meinte Liz frech.
   »Nicht stänkern, Mädels«, gab Josh ihnen zu verstehen.
   »Eigentlich müsstest du auch bei den VIPs herumlungern, Tanner«, zog Liz ihren Mann auf.
   »Ich versohl dir gleich den Hintern, Doc.«
   »Das würde ich an deiner Stelle schön bleiben lassen. Du willst uns doch keinen Schaden zufügen, oder?«
   Flo beobachtete, wie Josh sekundenlang seine Frau anstarrte. Niemand sonst schien auf Liz’ Worte geachtet zu haben, doch ihm bedeuteten sie offenbar etwas Wichtiges. Kurzerhand zog er Liz an sich und küsste sie lange und voller Zärtlichkeit. Erst, als Angie ihn in die Seite knuffte, ließ er von seiner Frau ab. Als Elizabeth etwas sagen wollte, legte er ihr einen Finger auf den Mund. »Lass es mich noch ein bisschen auskosten, dass nur wir beide davon wissen. Die anderen erfahren es noch früh genug.«
   »Einverstanden.« Glücklich strahlte sie ihn an.
   »Ich liebe dich, Doc. Das habe ich schon immer getan.«
   »Ich weiß.«
   Beide sahen Flo an. Sie hielt ihnen die Handflächen entgegen. »Ich schweige wie ein Grab.«
   »Ausgerechnet du.« Josh lachte.

Die Jungs, die als Vorband für Tyler die Stimmung angeheizt hatten, verließen die Bühne. Sie sahen zufrieden aus, überlegte Flo. Das durften sie auch, denn sie hatten sich redlich Mühe gegeben. Doch jetzt wollten die Fans O’Brian und seine Mannen. Die Techniker rannten eilig hin und her. Flo wünschte, sie hätte daran gedacht, sich ein Brot zu schmieren und mitzunehmen. Sie verspürte mächtigen Hunger, zumal sie zum Mittag nur eine Suppe gegessen hatte. Von den Fressbuden wehte ein verführerischer Duft herüber. Sie tastete nach dem Kleingeld in ihrer Jeans. Wieso musste ausgerechnet jetzt eine Appetitwelle über sie herfallen? Die Münzen in ihrer Hand lockten. Unschlüssig zog sie sie hervor. Es würde gerade mal für zwei Happen von einem Burger reichen. Ob wohl jemand einverstanden war und sie abbeißen ließ? Absurd. Sie spürte einen Blick auf sich gerichtet und schloss die Finger um das Geld.
   »Stimmt was nicht?«, wollte Marc wissen.
   »Alles bestens. Könnte gar nicht besser sein.« Flo bedachte ihn mit einem schiefen Lächeln und schielte gleichzeitig sehnsüchtig zum Pommesstand.
   »Appetit auf Fritten?«
   »Och – nicht direkt.«
   »Komm, bevor es losgeht. Ich gebe dir was aus.«
   Sie waren seit einigen Jahren richtig gute Kumpel, aber sie wollte diese Freundschaft keineswegs ausnutzen.
   »Unsinn – lass mal.«
   »Jetzt zier dich nicht wie die Zicke am Strick. Das sieht doch ein Blinder, dass du Hunger hast.«
   »Es riecht nur so gut, deshalb«, stammelte sie.
   Schon fasste Marc sie an der Hand und zog sie hinter sich her. Es war nicht leicht, sich einen Weg durch die Menschenmassen zu bahnen. Endlich standen sie vor der Imbisstheke.
   »Also, was möchtest du? Burger, Pommes, Würstchen?«
   Alles! »Ähm.« Unentschlossen linste sie auf die Preisschilder. Er verstellte ihr den Blick. Ob per Zufall oder aus purer Absicht, wusste sie nicht zu deuten. »Eine Bratwurst.«
   »Vortreffliche Entscheidung – mit Ketchup nehme ich an.«
   Rasch nickte sie. »Danke Marc, ich gebe dir das Geld auf alle Fälle zurück.«
   Er seufzte theatralisch. »Wenn dich das glücklich macht, Schätzchen.«
   »Ich glaube, das würde es.«
   »Warum betrachtest du es nicht einfach als nette Geste? Das wäre nicht so anstrengend für dich.«
   »Es ist ganz und gar nicht anstrengend für mich. Du borgst mir was und ich gebe es dir später wieder. Das ist so üblich bei den meisten Menschen. Vor allem, wenn sie befreundet sind. Niemand denkt sich was dabei.«
   »Fein.«
   Er sah sie an, als würde er denken: Warum kann sie nicht einfach den Mund halten?
   »Wie wäre es jetzt mit der Bratwurst?«
   Ob er ihr auf nette Art den Mund stopfen wollte?
   »Klar doch.« Sie griff nach der Wurst und ließ sie beinahe fallen. »Hoppla, da verbrennt man sich ja die Finger.«
   »Warte!« Marc nahm die fadenscheinige Pappe zurück, balancierte die Wurst geschickt mit der Scheibe Brot so, dass sie ein Stück vorschaute, und hielt sie ihr vor den Mund. »Beiß einfach ab.«
   Kichernd kam sie seiner Aufforderung nach. Ich will gar nicht erst wissen, wonach das aussieht, überlegte sie im Stillen und verschluckte sich fast an dem ersten Bissen.
   »Sei nicht so gierig, sonst erstickst du noch daran.«
   Dem starken Zwang, zu lachen, nicht nachgebend, aß sie brav weiter.
   »Ich glaube, es geht los.«
   Flo sah sich um. »Wir müssen uns beeilen. Hoffentlich kommen wir auch wieder an unseren Platz.«
   »Keine Sorge.«
   Schon wollte sie losmarschieren, als Marc sie zurückhielt. »Warte, du hast dich mit dem Ketchup beschmiert.«
   Auch das noch. Hastig wischte sie sich über den Mund. »Alles weg?«
   Er berührte kurz ihre Wange. »Jetzt schon.«
   Während sie ein leises »Danke« murmelte, zog er sie bereits hinter sich her.

*

Als Tyler auf die Bühne hinausgegangen war und sie ebenfalls aus der Garderobe trat, überkam Charlotte ein merkwürdiges Verlustgefühl. Sie sah kurz hoch und entdeckte Norman McKee, seinen Manager. Er nickte ihr zu und ging weiter.
   Charly hätte in die VIP-Lounge gehen können, doch sie wollte das Konzert viel lieber mit ihren Freunden erleben. Sie beeilte sich, um den Anfang seines Auftritts nicht zu verpassen.
   Die Bühne war bereits in diffuses Licht getaucht, blauer Nebel breitete sich langsam aus. Eine Mundharmonika erklang und jetzt war der Scheinwerfer auf ihren Mann gerichtet. Wie gebannt sah sie zu ihm auf. Josh, ihr Cousin, schob sie fürsorglich vor sich, sodass sie besser sehen konnte.
   Und dann begann er. »Liebe hätte sie vielleicht retten können …«
   In New York vor über zwei Jahren hatte sie den Song zum ersten Mal gehört. Mittlerweile wusste Charlotte, dass er Maureen, seiner Mutter, gewidmet war. Er hatte sie mit noch nicht mal siebzehn Jahren verloren. Tyler sang ihn immer am Anfang seiner Konzerte.
   Dann wurde es rockig mit Desire.
   »Yeah«, hauchte Tyler und schon tobten die Fans ringsum. »With or without you«, folgte, dann »Bad«. »I am not afraid to die, but I am afraid to life«, sang Tyler. »Ich habe keine Angst, zu sterben, aber ich habe Angst, zu leben.« Mit diesem Lied hatte er versucht, seine furchtbare Jugend und die Zeit im Gefängnis zu verarbeiten.
   Charlotte kroch ein Schauder über den Rücken. Der Song war von seiner neuen CD. Ebenso wie »Where« – »Wohin gehst du, wenn du einsam bist? Lass mich dir folgen!« Das Lied, das er für Don Ingram geschrieben hatte – »Goodbye and thank you so much« -, ließ Charlotte Tränen in die Augen treten.
   Elizabeth nahm plötzlich ihre Hand und Joshua legte seine Arme um sie beide. Don war erschossen worden, als er sich der Kugel in den Weg gestellt hatte, die für Tyler bestimmt gewesen war. Don, der Charlotte geliebt hatte.
   »Ich freue mich, Ihnen nun eine großartige Sängerin vorstellen zu können«, sprach Tyler in das Mikrofon. »Mrs. Anna Moss.« Schon lief die Sängerin schnurstracks über die Bühne und sang ihre wundervolle Version von »Ruby Tuesday«. Ihr Duett mit Tyler »So I am sorry – I was wrong«, war eine rockige Liebesgeschichte über das Verzeihen. Ihre rauchigen, geheimnisvollen Stimmen passten einfach perfekt zueinander.
   Floriane klatschte und rief ihren Jubel laut hinaus. Leider konnte sie nicht sonderlich gut sehen, was auf der Bühne vor sich ging. Immer schob sich irgendjemand in ihr Blickfeld. »Das Konzert ist so irre – was machen die da vorn?«, rief sie Marc zu. Seine Antwort bestand darin, sie zu packen und auf seine Schultern zu stemmen.
   »Was soll das?«
   »Kannst du jetzt besser sehen?«
   »Super. Wie lange hältst du das aus?«
   »Noch ein Weilchen.«
   »Großartig. Sag Bescheid, bevor du zusammenbrichst.«

*

Summend machte sich Flo im Schönheitssalon ans Werk. Es war bereits Dienstag und noch immer hallte das großartige Konzert in ihr nach. Sie war Charlotte so dankbar. Immerhin hätte sie sich dieses Ticket nie und nimmer leisten können. Wieder dachte sie an das Lied, das O’Brian für seine Mutter komponiert hatte, und polierte dabei die Mischbatterien der Frisiertische. Der Song hatte leise, eindringlich begonnen und war dann schier in einem Protestschrei explodiert, nur um im Anschluss daran wieder abzuebben. Beinahe wie ein Sturm war er über das Publikum gefegt. Livekonzerte waren einfach etwas ganz Besonderes. Eine solche Atmosphäre ließ sich beim besten Willen nicht einfangen oder konservieren.
   Der Gospelchor im Hintergrund war eine großartige Idee. Tyler war eben doch ein echter Südstaatler. Er konnte die Musik, mit der er aufgewachsen war, nicht verleugnen. Auch Anna hatte ihren Auftritt hervorragend gemeistert, ebenso wie jedes einzelne Bandmitglied. Orlando Moss kitzelte aus seiner Gitarre das Beste heraus. Manchmal klangen die Töne beinahe bettelnd oder flehend; ein anderes Mal anklagend und fordernd.
   Flo wienerte mit ihrem Lappen die Shampoo-Spender.
   Als es richtig rockig geworden war, hatte sie sich nicht mehr halten können. »I need your love«, hatte Tyler geröhrt, während der Drummer gekonnt ein eindringliches Stakkato hinlegte. Sie würde noch ihren Enkeln davon erzählen. Ob Tyler im Bett wohl auch zu Charlotte sang: I need your love? Sie schnalzte mit der Zunge.
   »Guten Morgen.« Victoria Tanner-de Bourillon betrat den Salon. Flo erinnerte sich an die erste Begegnung mit Joshs Schwester – azurblaues Haar – Bürstenschnitt. Das war mittlerweile drei Jahre her. So lange lebte sie schon in St. Elwine, kaum zu glauben. Jetzt war Vickys Haar wieder genauso schwarz wie das ihrer Geschwister und es fiel in weichen Wellen auf ihre Schultern. Sally Mancuso, eine der Friseusen, wies ihr einen Platz zu. Sie wickelte sich eine Strähne von Vickys seidigem Haar um den Finger. »Was soll’s denn heute sein?«
   Vicky erklärte, dass sie alles durchgestuft haben wolle – mit knallroten Strähnen. »Na dann, auf geht’s. Sie sorgen hier stets für Abwechslung, Mrs. de Bourillon.«
   Vicky lachte. »Kann ich mir lebhaft vorstellen.«
   »Guten Morgen, alle zusammen.« Bonny Sue erschien auf der Bildfläche und begann, wie jeden Tag, ihren üblichen Rundgang. Mit Adleraugen nahm sie alles unter die Lupe. Da sich ihr Gesicht nach der Prüfung der fünf Frisierplätze entspannte, atmete Floriane auf.
   Der Klingelton eines Mobiltelefons ertönte. »Das ist meins«, erklärte Vicky.
   »Möchten Sie rangehen?«, wollte Sally wissen.
   »Auf keinen Fall, nicht jetzt. Ihre Kopfmassage ist einfach himmlisch. Nirgendwo sonst werde ich so ausgezeichnet bedient, Schätzchen. Glauben Sie mir.«
   Bonny Sue registrierte diesen Kommentar mit größter Befriedigung. Immerhin war sie es, die ihren Angestellten immer wieder predigte, wie gut solche Extras bei den Kunden ankamen.
   Nach und nach füllte sich der Salon. Flo kannte ihre Aufgaben und holte frische Handtücher aus dem Wäschetrockner. Sie legte sie zu ordentlichen Stapeln zusammen und trug den Korb in den Frisiersalon. Dann machte sie sich daran, sie auf die Arbeitsplätze zu verteilen.
   Bonny Sue tippte ihr auf die Schulter. Mit einem übertriebenen Kopfnicken wies sie auf das Radio. Flo hatte vergessen, es einzuschalten. Wahrscheinlich, weil sie immer noch Tyler und seine Mannen im Ohr hatte. Sofort drückte sie auf den Knopf. Bonnys bevorzugter Sender brachte einen netten Oldie von den Supremes. Beschwingt tänzelte Flo zurück zu ihren Handtüchern.
   Plötzlich ertönte die Stimme des Moderators. »Aus aktuellem Anlass unterbrechen wir die Sendung für eine wichtige Nachricht. Soeben hat CNN gemeldet, dass eine Boeing 767 in den nördlichen Turm des World Trade Centers gestürzt ist. Die Maschine mit der Flugnummer 11 der American Airlines raste um 8:15 Uhr in den Tower.«
   »Wie kann so etwas passieren? Ich meine, mitten in Manhattan«, überlegte Sally laut. Dann begann sie, ihrer Kundin das Haar durchzukämmen, und griff nach der Schere.
   Flo hatte alle Handtücher für den Frisiersalon einsortiert. Jetzt konnte sie sich daranmachen, die Bestände im Wellness-Bereich aufzustocken. Rasch schnappte sie sich den Wäschekorb, als der Moderator wieder das Wort ergriff. »Um 9:05 Uhr flog erneut ein Flugzeug in das World Trade Center, dieses Mal in den südlichen Turm. Flug Nummer 175 der United Airlines war unterwegs von Boston nach Los Angeles. Niemand kann zum jetzigen Zeitpunkt etwas über die genauen Hintergründe der Katastrophe sagen. Fest steht nur eines: Dies ist ein gezielter Angriff.«
   »Mein Gott.« Flo hielt erschrocken inne.
   Das Klingeln von Vickys Mobiltelefon zerriss die Stille.

*

Vicky nahm das Gespräch an. »Hallo, mein Schatz …«
   »Vicky.« Jaques Stimme, vertraut und doch so fremd. »Ich kann nicht lange reden, hier ist die Hölle los.«
   »Ich denke, du wolltest nach San Francisco?«
   »Ich musste den Flug verschieben, ich hatte heute Morgen einen Termin mit meinem Börsenmakler. Wir waren im Restaurant des World Trade Centers verabredet.«
   »Sag, dass das nicht wahr ist!«
   »Ich weiß nicht genau, was hier passiert ist. Stell den Fernseher an. Falls ich dich noch einmal erreiche, muss ich wissen, wo das Feuer ist. Manche sagen, wir sollen hoch aufs Dach, andere wollen auf Anweisungen durch die Feuerwehr oder die Sicherheitsleute warten. Ich bin mir nicht sicher, was das Richtige ist. Die Fahrstühle funktionieren nicht mehr.«
   »Wo genau bist du?«
   »Im Südturm, ich glaube, im zweiundachtzigsten Stock …« Die Verbindung brach zusammen.
   »Jaques, Jaques«, flüsterte Victoria.
   Alle starrten sie entsetzt an.
   »Das glaube ich nicht. Es kann, es darf nicht wahr sein.«
   Bonny Sue reagierte als Erste. Sie zog Vicky hinter sich her zur Treppe. Widerstandslos ließ sie sich führen.
   Gemeinsam betraten sie Bonny Sues Wohnung. Sie wurde in weiche Polster gedrückt. Im Fernseher erschienen die Unheil verkündenden Bilder des Infernos, das über Manhattan tobte.

*

Jaques verspürte plötzlich panische Angst, sein ungeborenes Kind niemals in den Armen zu halten. Vicky war ziemlich sicher, dass sie wieder schwanger war. Er dachte kurz an seinen dreijährigen Sohn, an sein Weingut in Frankreich, an sein Zuhause in St. Elwine. Panik wollte in ihm aufkommen, dass er seine Liebsten niemals wiedersehen würde. Er schluckte und kniff die Augen zusammen.
   Denk nach, befahl er sich.
   Es war außerordentlich wichtig, nicht die Nerven zu verlieren. Ganz ruhig! Was war als Nächstes zu tun? Such nach dem Offensichtlichen. Gehe rational vor: Vermeide Unnötiges und teil deine Kraft ein.
   Ein Hustenreiz unterbrach seine Gedanken. Leichter Rauch, vermischt mit einem feinen Puder, waberte durch das Treppenhaus. Seine Augen brannten. Noch immer unschlüssig folgte er den vielen Menschen und gelangte ein Stockwerk tiefer. Er wunderte sich, dass alle so diszipliniert und besonnen reagierten. Die meisten hielten sich Tücher oder Kleidungsstücke vor den Mund. Instinktiv fing er eine Frau auf, die auf dem von der Beregnungsanlage nassen Boden ausgeglitten war. Flüchtig lächelnd bedankte sie sich und strich ihren Rock glatt. In Anbetracht der Lage eine völlig unangebrachte Regung.
   Er ließ sein Sakko zu Boden fallen, bis es sich voll Wasser saugte, und zog es wieder über.
   »Hier könnt ihr auf keinen Fall weiter«, rief jemand. »Ein, zwei Stockwerke tiefer ist alles voller Rauch und Flammen. Geht nach oben – vom Dach aus können euch die Rettungshubschrauber gut erreichen.«
   Einige liefen weiter, andere hoben wie auf ein Kommando hin den Kopf und starrten nach oben.
   »Ich glaube, der Mann hat recht«, sagte die Frau, die er aufgefangen hatte. »Als damals der Bombenanschlag war, wurde es genauso gemacht. Ich arbeite schon ein paar Jahre im Gebäude.«
   Der Staub brannte unbarmherzig in seinen Augen und hatte sich bereits auf die Köpfe der Menschen gelegt. Ihre Haare sahen grau aus.
   Ohne weiter nachzudenken, schloss er sich der Gruppe an, die kehrtmachte, um nach oben zu gelangen. Das Atmen fiel schwerer, er hetzte von Stufe zu Stufe.
   Unerträgliche Hitze machte sich breit. Als er flüchtig eine der Stahltüren berührte, verbrannte er sich die Finger. Vielleicht war es doch falsch, nach oben gelangen zu wollen. Noch einmal zerrte er sein Handy hervor. Vicky nahm sofort ab.
   »Wo bist du jetzt?«
   »Ich weiß es nicht genau.«
   Ihre Worte drangen nur abgehackt zu ihm durch. »Du darfst nicht nach oben, Jaques. Oben brennt es, ein Flugzeug ist in den Tower gestürzt, in alle beide. Verstehst du, was das heißt? Versuche in die Lobby zu gelangen! Unten sind Hilfskräfte.«
   Jaques fluchte. Wie viel Zeit hatte er wohl vergeudet, weil er der Frau geglaubt hatte? »Sitzt du vorm Fernseher?«
   »Ja. Bitte, ich flehe dich an, geh runter!«
   Sofort machte er kehrt und hastete mehrere Stufen auf einmal nehmend ins nächsttiefere Stockwerk.
   »Bist du noch dran?«
   Er presste das Telefon noch fester an sein Ohr. »Ja, ich höre dich.«
   »Tust du, was ich gesagt habe?«
   »Ich laufe bereits nach unten.«
   »Das ist gut. Sei vorsichtig!«
   »Vicky …«
   »Ja?«
   »Ich möchte nur noch nach Hause. Zu dir und dem Kleinen.« Er sah sie vor sich, wie sie ein Schluchzen unterdrückte und eine Hand auf ihren noch flachen Bauch legte.
   »Das wirst du auch, Jaques. Ich verspreche es dir. Wir holen dich wieder zu uns, glaub mir.«
   »Ja …« Die Verbindung brach ab.
   Jaques lief und lief und wünschte sich, dass Vicky recht behielt.
   Plötzlich hatte er das Gefühl, dass der Boden unter seinen Füßen bebte. Die Menschen ringsum fingen an zu schreien. Betonplatten lösten sich und begruben drei Männer unter sich. Jaques drückte sich in eine Ecke, um sich vor weiteren Steinbrocken zu schützen. Das Stahlgerüst des Gebäudes gab ächzende Geräusche von sich, als wollte sich der Tower mit Macht zur Wehr setzen.
   In Sekundenschnelle sah Jaques sein Leben wie in einem Film vor seinem geistigen Auge ablaufen. Es war surreal, als hätte er sich aus seinem Körper gelöst und würde als Beobachter über diesem Horrorszenario stehen. Er sah sich in Frankreich, in der Schule, in den geliebten Weinbergen, im Gespräch mit seinen Eltern. Vickys Lachen klang in seinen Ohren, er spürte den Kuss bei seiner Hochzeit und das Gewicht seines Sohnes, den ihm jemand in den Arm legte. »Ich liebe euch«, formten seine Lippen, doch sein Mund blieb stumm.

*

Die Verbindung brach ab.
   Vicky begann hemmungslos zu weinen.
   Floriane nahm sie fest in die Arme und wiegte sie hin und her. Wie gebannt starrte sie auf den Fernsehapparat.
   Es war 10:05 Uhr, als der Südturm des World Trade Centers kollabierte. Erst, als um 10.28 Uhr auch der Nordturm in sich zusammenbrach, lösten sich Vicky, Bonny Sue und Flo aus ihrer Erstarrung.
   Kein Schluchzen, kein Weinen schüttelte mehr Vickys Körper, sie war mucksmäuschenstill. Eine nahezu unheimliche Ruhe ging von ihr aus.
   Flo wandte sich zu Bonny Sue um. Diese drückte ihr ihre Autoschlüssel in die Hand. »Bring sie nach Hause«, flüsterte sie ihr zu.
   Zaghaft nahm sie Victorias Arm und zog sie hinter sich her. Auf dem Weg nach Tanner House sprachen sie kein Wort. Was sollte Flo schließlich auch sagen? Vielleicht hatte Vicky gerade ihren Mann verloren, vielleicht aber auch nicht. Gab es nicht immer zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer? Oder war es falsch, hier noch auf ein Wunder zu hoffen?
   Flo lenkte den Wagen, als hätte sie nichts anderes im Leben getan. Dabei verabscheute sie es normalerweise, mit fremden Autos zu fahren. Rasch warf sie einen Seitenblick auf ihre Beifahrerin. Vickys Gesicht glich einer Maske von Ausdruckslosigkeit.
   Flo begann plötzlich zu zittern, ihre Finger umklammerten das Lenkrad noch fester. Unbeirrt fuhr sie weiter. Als sie die Einfahrt erreichten, öffnete sich wie von Geisterhand das große, schmiedeeiserne Tor mit dem Familienwappen der Tanners. Der alte Doc Svenson hatte den wunderschönen Garten angelegt, doch heute hatte sie keinen Blick dafür übrig.
   Sie parkte den Wagen und begleitete Victoria zum Haus. Die Tür ging bereits auf und Olivia Tanner streckte die Arme nach ihrer Tochter aus. Flo hielt es für das Beste, sofort wieder zu fahren. Sie war schließlich kein Mitglied der Familie und würde nur stören. Nichts lag ihr ferner, als in die Privatsphäre anderer einzudringen.

*

Marc betrat das Apartment und registrierte, dass Amy nicht da war. Fast im gleichen Augenblick entdeckte er den Zettel auf dem Küchentisch.
   Hallo Marc, warte heute Abend nicht auf mich. Amy.
   Er erschrak, weil er sie nicht mal vermisste. Wohin führte das alles nur?
   Im Kühlschrank fand er Tomaten und Mozzarella. Er nahm sich zwei Scheiben Brot, strich Salatcreme darauf und belegte sie mit den Tomaten und dem Käse. Dazu trank er Mineralwasser mit Zitronengeschmack. Er war nicht besonders hungrig und aß mit wenig Appetit.
   Es war ein schöner Abend, zu schade, um ihn zu Hause zu verbringen. Kurz entschlossen schlüpfte er in bequeme Freizeitkleidung und lief zum Strand.
   Wie immer fiel es ihm beim Laufen leichter, seine Gedanken zu ordnen. Im Büro herrschte eine Art Ausnahmezustand. Josh hatte alle Hände voll zu tun, seine liegen gebliebene Arbeit aufzuholen. Marc half, so gut es ging. Jeder funktionierte momentan nur noch. Man nahm sich zusammen, schwieg vor sich hin, um nur ja kein falsches Wort zu sagen. Viele Familien waren von den Terroranschlägen des elften September betroffen. Die Tochter einer Cousine seiner Mutter hatte ihren Mann in dem Inferno verloren. Er war Feuerwehrmann gewesen.
   Inzwischen standen die Fakten fest. Es war 8:45 Uhr, als die Boeing 766, Flug Nummer 11 der American Airlines, in den nördlichen Turm des World Trade Centers raste. Zwischen 8:10 Uhr und 9:30 Uhr hatten Attentäter insgesamt vier Passagierjets auf Inlandflügen entführt. Um 9:05 Uhr krachte Flug Nummer 175 der United Airlines in den südlichen Turm des World Trade Centers. Die Maschine kam von Boston und sollte nach Los Angeles fliegen. An Bord befanden sich fünfzig Passagiere und neun Crewmitglieder. Als die Erkenntnis eines gezielten Angriffs aufkam, wurden sämtliche Zivilflüge eingestellt. Man hatte sogar Abfangjäger gestartet, um New York zu schützen. Die Maschine der American Airlines mit der Flugnummer 77 vom Washingtoner Dulles Airport, mit dem eigentlichen Ziel San Francisco, stürzte um 9:39 Uhr in das Pentagon in Arlington bei Washington. Einhundertfünfundzwanzig Menschen im Gebäude, neunundfünfzig Passagiere und Besatzungsmitglieder sowie fünf Terroristen fanden den Tod. Als Reaktion auf diesen weiteren Angriff wurden gegen 9:45 Uhr unter Androhung eines Abschusses alle Flugzeuge aufgefordert, den nächstmöglichen Airport anzusteuern.
   Jaques hatte der Katastrophe wohl nicht entgehen können, denn die vierte Maschine, die in die Terroranschläge verwickelt war, und mit der er ursprünglich fliegen wollte, war der Flug Nummer 93 der United Airlines. Eine Boeing 757 mit vierundvierzig Menschen an Bord. Sie startete in Newark bei New York mit Kurs auf San Francisco und stürzte um 10:10 Uhr südöstlich von Pittsburgh im Bundesstaat Pennsylvania ab. Es wurde vermutet, dass das Flugzeug Camp David, den Urlaubssitz des Präsidenten, oder vielleicht das Weiße Haus treffen sollte. Wahrscheinlich hatten die Passagiere an Bord durch ihr Eingreifen eine noch schrecklichere Tragödie verhindert.
   Josh war einen Tag nach dem Inferno mit seinem Vater und Vicky nach New York gefahren, um nach Spuren von Jaques zu suchen. Rauch und Staub waren verweht, die Zwillingstürme des Handelszentrums, fünf Nebengebäude sowie das Hotel Marriott zerstört.
   Marc erinnerte sich daran, wie er hin und wieder im Restaurant Windows on the World im Nordturm mit Geschäftsleuten gegessen hatte. Die Fensterplätze gaben den Blick auf die Freiheitsstatue frei. Nun gab es den Giganten, dieses vierhundertelf Meter hohe Gebäude, nicht mehr.
   Josh hatte ihm von einem Gespräch mit einem der Firefighter berichtet. Demnach hatte die Boeing 767, mit einer Spannweite von knapp fünfzig Metern, 38.000 Litern Treibstoff und einer Geschwindigkeit von 760 km/h, eine Schneise der Verwüstung durch die Etagen vierundneunzig bis achtundneunzig des Nordturms gerissen.
   Vicky und die Familie taten Marc unendlich leid, doch ebenso fühlte er eine übermächtige Erleichterung, dass niemand, den er liebte, betroffen war. Auch wenn sich zwischen diese Erleichterung Scham mischte, gerade weil er so empfand. Doch er konnte nichts dagegen tun.
   »Hallo.« Marc kannte die Stimme, die ihn ansprach, und sah auf.
   »Hi Flo. Auch ein bisschen die Beine vertreten?«
   »Gewissermaßen.«
   Schweigend sah er sie an.
   »Kevin hat sich nicht an unsere Absprache gehalten und ist losgezogen, ohne seine Hausaufgaben zu machen. Ich brauchte unbedingt einen kühlen Kopf. Wie geht es Josh? Gibt es schon was Neues?«
   Er schüttelte den Kopf. »Sie geben sich große Mühe, du weißt schon.«
   »Es ist nicht leicht, unter so schrecklichen Umständen die Haltung zu bewahren.«
   »Ja.«
   »Glaubst du, dass Jaques … ich meine …«
   »Schwer zu sagen. So viele Leichen sind noch nicht identifiziert und viele sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.« Als sie zusammenzuckte, hielt er inne. »Entschuldige. Ich weiß nicht …«
   »Schon gut. Vielleicht darf man das nicht laut aussprechen, aber ich bin heilfroh, dass ich nicht persönlich betroffen bin. Kannst du das verstehen?«
   Er nickte und sie wirkte erleichtert. Trotzdem musterte sie ihn weiterhin.
   »Mir fällt niemand sonst ein, mit dem ich darüber sprechen kann.«
   »Abgesehen davon, alles okay?«
   »Das Übliche. Kevin hat Startschwierigkeiten mit dem neuen Schuljahr. Zu allem Überfluss hat er einen neuen – ich zitiere – Scheißlehrer in Mathe und ist fest überzeugt, dass er ohne Schule besser dran wäre.«
   »Ganz schön viel Verantwortung für einen allein, hm?«
   »Äh, ja. Manchmal habe ich die Nase gestrichen voll. Das kannst du mir glauben.«
   Sie schlenderten weiter und drehten eine kleine Runde durch den Ort, bis sie vor dem Apartmenthaus standen.
   »Willst du noch mit raufkommen? Auf ein Glas Wein vielleicht?«
   Flo zuckte unschlüssig mit den Schultern, folgte ihm dann aber, als er ihr die Tür aufhielt.
   »Wow, schick.« Sie drehte sich einmal um ihre Achse und musterte die Inneneinrichtung. »Weiß, edel, teuer. Amy ist wohl nicht da?«
   »Nein. Hast du damit etwa ein Problem?«
   »Warum sollte ich?« Sie lächelte ihn an.
   »Eben.«
   »Männer wie du sind harmlos.«
   Dass Flo ihn weiterhin ohne Argwohn anlächelte, brachte ihn beinahe aus der Fassung. Harmlos? Warum fühlte es sich an, als wäre er beleidigt? Harmlos. Das Wort hallte in ihm nach wie ein Echo. Wenn ihre Feststellung zutraf, dann lag das höchstens an Frauen wie Floriane Usher. Er musterte sie eingehend. Sie war klein, zierlich, fast dünn. Ihr Gesicht glich eher dem eines Mädchens. Kindlich, das traf es wohl am ehesten. Sie wirkte ein wenig niedlich, wenn man von ihrem fantasievollen Haarschnitt einmal absah. Ihre Naturlocken standen merkwürdig vom Kopf ab, statt ihr Antlitz zu umspielen. Allem Anschein nach nahm sie selbst in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen eine Schere zur Hand und schnippelte drauf los. Er wusste, dass sie an allem sparte. Ein wenig bewunderte er sie dafür, dass sie so ganz und gar uneitel war. Der Eindruck eines niedlichen Kindchens verflüchtigte sich allerdings rasch, wenn sie ernsthaft zu reden anfing. Meistens jedoch plapperte sie fröhlich vor sich hin, mitunter sogar bis an die Schmerzgrenze. Jetzt sah sie ihn an und erwartete offenbar eine Antwort.
   »Entschuldigung, was hast du gesagt?«
   Flo lachte auf. »Du scheinst ein wenig zerstreut, was? Ich wollte wissen, wo dieses Foto aufgenommen wurde?«
   »Lass mal sehen.« Gemeinsam beugten sie sich über die Schnappschüsse, die Amy auf dem Sideboard drapiert hatte.
   Beim zweiten Glas Wein kicherte sie völlig unbeschwert und hörte ihm zu, als er Abenteuer aus seiner Highschoolzeit zum Besten gab. »Nun, ist es mir gelungen?«
   »Was denn?«
   »Du bist nicht mehr wütend.«
   Sie überlegte kurz. »Stimmt. Und was ist mit euch beiden?«
   »Wie meinst du das?« Er hob die Weinflasche an, um ihr nachzuschenken, doch sie schüttelte den Kopf.
   »Für heute habe ich genug getrunken. Sieh dich doch um in St. Elwine. Nahezu alle Paare in unserem Alter sorgen für Nachwuchs. Wolltest du nie Kinder?«
   Er musterte sie verwirrt. »Ich weiß nicht.« Unschlüssig hob er die Schultern.
   »Was denn, hast du nie mit deiner Partnerin darüber gesprochen? Amy möchte doch bestimmt Kinder. Jede Frau wünscht sich das – früher oder später.«
   »Äh …« Er wich ihrem Blick aus.
   Sie spürte offenbar sein Unbehagen und lenkte ein. »Entschuldige, es geht mich ja nichts an. Du kennst mich doch. Mein Mundwerk schaltet sich ein, bevor mein Hirn es tut. Ich glaube, daran sollte ich noch ein bisschen arbeiten.«

Einige Zeit, nachdem Flo gegangen war, kam Amy heim. Etwas überrascht registrierte sie die leere Flasche Wein in der Küche. »Hallo, du hast hoffentlich schon gegessen?« Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
   »Sicher.«
   »Es ist später geworden, als ich dachte.«
   »Kein Problem.« Er saß auf der Couch und rührte sich nicht. Sollte er fragen, wo sie so lange gewesen war? Sofort verwarf er den Gedanken.
   Irgendetwas an seiner zur Schau getragenen Ruhe provozierte sie. Er sah es ihr an.
   »Du hast Wein getrunken. Allein?«
   »Wieso nicht?«
   »Gibt es einen besonderen Grund?«
   »Brauche ich den, um eine Flasche Wein aufzumachen?«
   Sie seufzte leise. »Wenn du jede meiner Fragen lediglich mit einer Gegenfrage beantwortest, können wir uns die Unterhaltung gleich verkneifen. Ich bin durstig.« Sie ging in die Küche.
   Marc folgte ihr.
   Als Amy ihr Glas in den Geschirrspüler räumte, entdeckte sie die zwei Weingläser.
   Sie zuckte zusammen. »Du willst mir nicht sagen, wer hier war?« Sie klang jetzt sehr müde.
   »Floriane kam kurz mit rauf.«
   Amy sah ihn an und nickte nur.
   »Und du, wo bist du gewesen?« Er hätte sich am liebsten geohrfeigt, dass er sie das doch noch fragte.
   »Ich kriege vielleicht einen Job. Über den Winter, wenn keine Touristen kommen, sitze ich hier meistens rum. Dieses Jahr möchte ich das anders machen.«
   »Aha.«
   »Ja. Allerdings müsste ich jeden Tag nach Baltimore pendeln, darum überlege ich noch ein wenig.«
   »Hat Jenny dir den Job besorgt?«
   »Nicht direkt, sie hat mir lediglich einen Tipp gegeben.«
   »Verstehe. Und vorhin fand also das Vorstellungsgespräch statt?«
   »So in etwa.«

Marc registrierte Amys gleichmäßige Atemzüge. Sie hatte sich wie ein Embryo zusammengerollt und war beinahe sofort eingeschlafen. Offenbar lag ihr nichts mehr daran, sich an ihn zu kuscheln. Wann hatten sie eigentlich das letzte Mal miteinander geschlafen? Er erschrak, weil es ihm beim besten Willen nicht einfallen wollte. Es war in der Vergangenheit des Öfteren vorgekommen, dass sie ihn infolge eines Streits mit Sexentzug bestrafte. Wenn er es sich richtig überlegte, stritten sie auch nicht mehr richtig. Ihm fielen Flos Worte wieder ein. »Männer wie du sind harmlos.« Ob Amy ihn auch nur noch für harmlos hielt? Dieser Gedanke versetzte ihm einen Stich.

*

In New York fand eine bewegende Trauerfeier für die Opfer des 11. September statt.
   Vicky weigerte sich, daran teilzunehmen. Josh schwankte zwischen Verständnis für seine Schwester und dem Wunsch, sie kräftig durchzuschütteln, damit sie zur Vernunft kam. Solange Vicky nichts Gegenteiliges von offizieller Seite hörte, ging sie davon aus, dass ihr Mann lediglich als vermisst galt.
   In den vergangenen Wochen hatte sie nach ihm gesucht und sich bis an den Rand der Erschöpfung verausgabt. Oft brachte sie die Feuerwehrleute oder die Helfer, die sich an die Aufräumarbeiten machten, zur Verzweiflung. Dad, Elizabeth und Josh unterstützten sie, so gut sie es vermochten, doch sie durften sich nicht selbst in Gefahr begeben.
   Josh konnte gerade noch verhindern, dass sich seine Frau freiwillig dem Ärzteteam als Verstärkung zur Verfügung stellte, um die Opfer zu identifizieren.
   Die Helfer im Krisenstab hatten alle Hände voll zu tun. Ihre Arbeit war kaum zu bewältigen, hatte Liz in aller Logik angeführt. Noch immer gab es Leichen ohne Herkunft, ohne einen Namen. Es waren so schrecklich viele. Josh wusste, wie wichtig seiner Frau ihre Arbeit war und diese Aufgabe war es ganz sicher auch. Doch hier griff er ein. Sie war schwanger, und er würde nicht zulassen, dass sie sich solchen Strapazen aussetzte.
   »Aber deine Schwester ist ebenfalls schwanger und voller Angst. Sie durchlebt jeden Tag in banger Erwartung. Sie und alle Angehörigen brauchen Gewissheit. Keine Trostfloskeln oder kurze nette Sätze, die sie angeblich aufmuntern sollen. Dabei blickt man ihnen noch nicht mal in die Augen. Ich will doch nur ihr Leiden verkürzen. Verstehst du das nicht?«
   »Natürlich. Aber ich kann nicht erlauben, dass du dich und unser ungeborenes Kind solchem emotionalen Stress aussetzt. Du weißt, ich habe dir noch nie einen Wunsch abgeschlagen, aber jetzt …« Hilflos hob er die Schultern und ließ sie kraftlos nach vorn sacken. »Bitte bestehe nicht darauf«, bat er leise. »Ich kann das auf keinen Fall erlauben. Vollkommen unmöglich.«
   Sie sah ihn lange unbeweglich an. »Für einen Moment dachte ich daran, wie es wäre, wenn du es bist, der unter all den Betontrümmern verschüttet liegt.«
   »Liz!«
   Sie wich ihm aus. »Mein Magen sackte ins Bodenlose, der Schmerz muss unvorstellbar sein.« Sie taumelte und kniff ihre Augen zusammen, als spürte sie das Brennen erster Tränen.
   Bestürzt über den kummervollen Ausdruck auf ihrem Gesicht zog er sie in die Arme. Ihr Mund öffnete sich, als wollte sie protestieren, doch Josh schloss ihn mit einem langen Kuss. »Siehst du, was ich meine?«, flüsterte er.
   »Es ist anders, als du glaubst.«
   »Ich weiß.«
   »Es war nur eine Vision, mehr nicht. Du stehst dicht neben mir, unverletzt, heil. Du willst nichts anderes als mich beschützen und das fühlt sich sehr gut an.« Josh zog sie fester an sich.
   »Die arme Vicky, sie tut mir unsagbar leid.«

Am nächsten Tag schickte Josh Elizabeth gemeinsam mit seinem Vater nach Hause. Vicky war noch nicht bereit dazu und so blieb er bei ihr. Ihr Körper schien nur noch eine leblose Hülle. Die Augen lagen tief in den Höhlen, umgeben von dunklen Schatten. Ihr Gesicht eine Maske an Ausdruckslosigkeit.
   Erst zwei Wochen später gelang es ihm, zu seiner Schwester durchzudringen. »Meinst du nicht, dass dein Sohn seine Mommy vermisst? Er kann kaum verstehen, was vor sich geht. Lass uns nach Hause fahren, Vicky. Wir können hier nichts mehr tun. Sie werden uns benachrichtigen, sobald es neue Erkenntnisse gibt. Vicky, hörst du mich?« Behutsam legte er eine Hand an ihre Wange. Kurz sah er Zorn in ihren Augen aufblitzen, doch dann sah sie ihn an. Ihr Blick war klar.
   Sie quittierte seine Worte mit einem traurigen Zucken ihres Mundes.
   Inzwischen watete Josh durch ein ganzes Meer von Erschöpfung. Er wusste, seiner Schwester ging es nicht anders.
   »Bitte, mein Schatz! Wir können hier nichts mehr tun.« Josh hörte die Verzweiflung in seiner Stimme. Es war ihm zuwider, aber er konnte nichts dagegen tun.
   »Deine Stimme ist heiser vor Müdigkeit.« Während sie es sagte, sah sie ihn nicht an. »Natürlich, ich weiß längst, dass du recht hast. Doch es fällt mir so schwer, zu gehen. Mein Schmerz frisst sich allmählich durch den ganzen Körper. Mir ist, als müsste ich mich gleich übergeben.« Hastig wandte sie sich ab und schaffte es gerade noch, ihm nicht die Schuhe zu beschmutzen.
   »Herrgott, Kleines.« Er reichte ihr ein Erfrischungstuch, das Elizabeth vorsorglich in seine Jackentasche gepackt hatte.
   »Ich habe doch versprochen, ihn nach Hause zu holen.«
   Sie hatte es so leise gesagt, dass er überlegte, ob er sie richtig verstanden hatte. Als er begriff, fühlten sich ihre Worte an wie Eiswasser, das an seinem Rückgrat hinunterlief. »Liebes, das werden wir auch. Eines Tages, ganz bestimmt. Ich helfe dir dabei, wir holen ihn heim.«
   Vicky sank schluchzend in seine Arme. Er hielt sie fest – lange. Josh brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass auch er weinte.

3. Kapitel

Ende Oktober machte der Herbst seinem Namen alle Ehre. Es regnete an diesem Samstag in Strömen. Das Wetter störte Flo jedoch nicht. Immerhin saß sie trocken und warm in Noras Patchworkgeschäft beim monatlichen Treffen der Quiltgruppe. Was ihr wirklich zu schaffen machte, war, dass Irene Reinhold wieder nicht daran teilnahm. Alle in der Gruppe wussten, warum das so war, doch jede mied dieses Thema. Irene wollte nicht Charlotte Svenson über den Weg laufen. Ihr Bruder, Don Ingram, der frühere Sheriff von St. Elwine, war vor knapp einem Jahr bei einem Einsatz erschossen worden. Irene gab Charlotte die Schuld an seinem Tod.
   Flo seufzte leise und schob die Stecknadeln punktgenau in die in entgegengesetzte Richtung weisenden Nahtzugaben. Die ganze Sache war ein tragischer Unglücksfall gewesen. Dennoch begriff sie, dass die Tatsache, irgendjemandem dafür die Schuld in die Schuhe schieben zu können, es für Irene irgendwie leichter machte. Es ließ sich nicht leugnen, die ausgewogene Harmonie, die bis zu jenem Ereignis in der Quiltgruppe vorgeherrscht hatte, war aus dem Gleichgewicht geraten. Die Frauen hatten sich insgeheim in zwei Lager geteilt. Eine Gruppe stand hinter Charlotte, die andere hielt zu Irene. Flo allerdings saß zwischen den Stühlen. Ein Zustand, den sie verabscheute und ihn daher gern aus der Welt schaffen würde. Wenn sie nur wüsste, wie sie das anstellte.
   Am darauffolgenden Montag startete Flo einen Versuch. St. Elwine hatte noch immer keinen neuen festen Gesetzeshüter. Die Stelle war kommissarisch besetzt und die Beamten wechselten alle drei Monate. Don Ingram hatte im Haus seiner Schwester in einer Einliegerwohnung gelebt. Diese war, soweit Floriane wusste, noch nicht wieder vermietet. Als Flo frische Handtücher in den Wellnessbereich brachte, saß Irene über eine Kundin gebeugt und trug eine Gesichtsmaske auf.
   »Hallo, wie geht’s?«, grüßte sie ihre Arbeitskollegin.
   »Guten Morgen, Flo.« Irene sah kurz auf und arbeitete konzentriert weiter.
   »Wir haben dich vermisst am Samstag.«
   Irene murmelte etwas von Halsschmerzen und lieber nicht aus dem Haus gehen bei diesem scheußlichen Wetter.
   »Ist es jetzt wieder besser?«
   Irene blinzelte sie verwirrt an.
   »Dein Hals.«
   »Ja, ja. Mit viel Tee und Honig, du weißt schon.«
   »Ja.« Flo räumte schweigend die Handtücher in die Fächer.
   Irene stand auf und wusch sich die Hände. Sie ließ die Gesichtsmaske einwirken und die Kundin ein wenig ruhen.
   »Eigentlich wollte ich dich noch etwas fragen«, begann Floriane von Neuem. »Die äh – Wohnung, bei euch im Haus. Ich meine …« Sie versuchte es lieber anders. »Ja, weißt du, ich habe die Kündigung meines Mietvertrages erhalten und nun muss ich, müssen wir … also Kevin und ich …« Jetzt erst wurde ihr bewusst, dass sie noch mit niemandem darüber gesprochen hatte, dass sie ihre Bleibe bis zum Ende des Jahres räumen musste. Mist. Doch durch hartnäckiges Schweigen oder gar Ignorieren lösten sich wohl in den seltensten Fällen die Probleme.
   »Willst du damit andeuten, ihr fliegt aus euren vier Wänden?« Mitleid huschte über Irenes Gesicht, als Flo nickte. »Und jetzt hast du überlegt, ob Dons Wohnung vielleicht …«
   »Ich weiß natürlich nicht, ob ich mir die überhaupt leisten kann. Aber …«
   »Darum geht es nicht«, flüsterte Irene so leise, dass Flo schon überlegte, ob sie sie richtig verstanden hatte. »Ich bin … Ich kann das nicht.«
   »Verstehe.« Flo berührte mitfühlend den Arm ihrer Kollegin. »Entschuldige, ich wollte keineswegs …«
   »Es geht nicht gegen dich, aber …«
   »Das weiß ich doch, Irene. Es ist einfach noch nicht genug Zeit vergangen, nicht wahr?«
   Als Irene nickte, zog Flo sie in die Arme und drückte sie fest an sich. Du musst ihn gehen lassen, dachte sie.

Abends saß Flo bei Elizabeth zu Hause und hoffte, dass sie sich alles genau einprägte, was Liz erklärte. »Hast du was zu schreiben? Ich mache mir lieber ein paar Notizen.« Rasch hielt sie die Stichpunkte fest: Streifen schneiden, im 45°-Winkel zusammennähen, Nahtzugaben bügeln.
   »Jetzt setz dich an die Maschine und folge meinen Anweisungen«, forderte Liz sie auf.
   »Ich soll nähen?« Sofort begannen ihre Handflächen zu schwitzen.
   »Natürlich. Learning by doing ist doch die beste Methode.«
   »Na gut.« Floriane schob den Quilt zusammen mit dem Einfassungsstreifen unter den Nähfuß und begann zu nähen.
   Liz erklärte ihr genau, wie sie an den Ecken vorgehen musste. Und siehe da: Es funktionierte. Begeistert klatschte sie in die Hände.
   »Beim Schließen der Einfassung wird es etwas knifflig. Aber auch hier gibt es einen Trick.« Gemeinsam gingen sie zum Bügeltisch und markierten mit dem heißen Eisen die Nahtlinien. Schneller als erwartet hatte sie ihre Einfassung auf der Vorderseite des Quilts befestigt. Ungläubig staunend freute sie sich beinahe wie ein kleines Kind. »Wer hätte gedacht, dass ich es zu solchen Fertigkeiten bringe?« Der Rest, das Umschlagen und Gegennähen des Stoffstreifens auf der Rückseite, würde das reinste Kinderspiel sein.
   »Heute geht es hier ja zu wie in einem Taubenschlag«, stellte Liz fest, als es erneut an der Tür läutete. Kurz darauf klingelte es wieder, ungeduldiger jetzt. »Warum macht Josh nicht die Tür auf?« Sie ließen beide den Quilt Quilt sein und beugten sich über das Treppengeländer. Doch nirgends war eine Spur von Elizabeths Ehemann zu sehen. Rasch hastete sie die Stufen hinunter und öffnete die Haustür.
   »Ich suche meinen Mann«, hörte Flo Charlotte Svenson statt einer Begrüßung zu ihrer Cousine sagen.
   »Willkommen im Club. Ich werde am besten nachsehen. Sie können ja nicht vom Erdboden verschluckt sein.«
   Flo stieg ebenfalls die Treppe hinunter. In der Küche war niemand, im Wohnzimmer saß Elizabeths Sohn und sah sich einen Zeichentrickfilm an. »Schätzchen, wo ist Daddy?«
   »Sind alle in der Sauna«, antwortete Lucas, ohne den Blick von Winnie Puuh zu wenden.
   Gutes Kind, dann brauchte sie nicht das ganze Haus durchzukämmen. Am besten forschte sie nach, wer mit alle gemeint war.
   Flo fiel Charlottes finsteres Gesicht auf. Dass Liz’ Cousine sauer war, ließ sich nicht verhehlen.
   Sie liefen über den langen Flur. Tatsächlich, die Sauna war angeschaltet. Sie spähte durch die Glasscheibe der Tür. Josh, Marc und Tyler lümmelten auf den Holzbänken und entspannten sich offensichtlich gut. »Sieh an, sieh an. Johnny Depp, Brad Pitt und Winnetou in friedlicher Eintracht. Und allesamt nackt, wie Gott sie schuf.«
   Flo schnalzte mit der Zunge und ließ sich viel Zeit mit dem Abwenden. »In diesem Haus herrschen ja wunderbare Zustände.« Leider beschlug bereits das Glas und versperrte ihr die Sicht. Um eine bessere Luftzirkulation zu gewährleisten, wich sie zurück. Als sie sich erneut näher heranwagen wollte, öffnete Marc die Tür.
   »Schäm dich, also wirklich! Warum kommst du nicht einfach mit rein?«
   Flo fühlte sich ertappt. »Ich habe doch nur nachgesehen, weil Charlotte ihren Mann sucht.«
   »Aha.« Jetzt entdeckte er Charly, die ein wenig abseits stand und verlegen hüstelte. »Wird sie etwa rot?«, raunte Marc Flo laut genug ins Ohr, dass die anderen ihn hören konnten.
   »Natürlich, sie ist schließlich gut erzogen«, schaltete sich Tyler ein.
   Charly warf den Männern finstere Blicke zu, woraufhin Elizabeth ein triumphierendes Lächeln aufsetzte. »Ich habe dich gesucht, Mr. O’Brian«, wandte sich Charly an Tyler.
   »Nun, jetzt hast du mich ja gefunden. Meine Muskeln waren fast erstarrt vor Kälte. Ich dusche rasch und dann komme ich rüber.«
   »Ich verlass mich drauf.«
   Tyler musterte sie verständnislos. Er folgte Joshua ins Badezimmer.
   Flo starrte noch immer wie gebannt auf die Tür, hinter der die Männer verschwunden waren.
   »Du hast schon bemerkt, dass sie Handtücher um die Hüften tragen?«, wollte Liz wissen.
   »Mit ein bisschen Fantasie kann man sich die Dinger leicht wegdenken.«
   »Also wirklich.« Charlotte schnaufte.
   »Jetzt tu nicht wieder wie Fräulein Rühr-mich-nicht-an. Die Jungs sind nun mal eine Augenweide. Oder willst du was anderes behaupten?«
   Endlich kicherte Charly. »Nein, mitnichten. Johnny Depp, Brad Pitt und Winnetou«, wiederholte sie und stieß ein kurzes Lachen aus.
   Flo begriff, dass es momentan ungünstig war, sich allzu gründlich mit ihrer blühenden Fantasie zu beschäftigen und bemühte sich ernsthaft, auf andere Gedanken zu kommen. Schlagartig fiel ihr die bislang erfolglose Suche nach einer preiswerten Wohnung wieder ein. Bis zum Auszug blieben ihr höchstens noch sechs Wochen. Vielleicht war es an der Zeit, ihre Freundinnen um Rat zu fragen. Immerhin war es ihr bis jetzt nicht gelungen, dieses Problem allein zu bewältigen.
   »Darf ich euch einen Tee anbieten?«, erkundigte sich Elizabeth.
   »Nein, wirklich nicht«, lehnte Charlotte ab.
   »Danke, ich nehme einen.«
   Sie schlenderten in die Küche.
   »Da ist etwas, was ich gern mit jemandem besprochen hätte«, begann Flo zögernd. Sie erzählte ihnen von ihrem Problem. »Wenn ich wüsste, was ich noch unternehmen soll, würde ich euch nicht belästigen. Aber da ihr …«
   »Jetzt lass mal gut sein«, unterbrach Liz Flos Redeschwall. »Uns fällt bestimmt etwas ein.«
   »Wieso hast du nicht schon früher was gesagt?«, wollte Charlotte wissen. »Wenn es dich nicht stört, mit jemand anderem in einem Haus zu wohnen, hätte ich eine Idee.« Liz und Flo sahen sie erwartungsvoll an, und so fuhr Charly fort. »Meine frühere Wohnung im Haus meiner Praxis ist frei. Oben in der zweiten Etage hat Bertha noch zwei Zimmer. Die Küche müsstet ihr gemeinsam benutzen. Dafür gehört zu deiner Wohnung ein kleines Bad. Unten läuft halt der Praxisbetrieb. Aber das weißt du ja.«
   Noch immer starrten Liz und sie Charlotte verblüfft an.
   »Ist das dein Ernst?«
   »Hätte ich es dir sonst angeboten?«
   In ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander. Allein die Vorstellung, in diesem schönen, alten Haus zu wohnen, das inmitten eines wild-romantischen Gartens stand, machte sie ganz kribbelig. Etwas Besseres konnte sie kaum erwarten. Sofort überschlug sie ihre finanziellen Möglichkeiten und plumpste rasch auf den Boden der Tatsachen zurück. Dennoch wollte sie nicht einfach unhöflich das gut gemeinte Angebot ablehnen. Leise räuspernd erkundigte sie sich nach der Miete.
   »Lass das mal meine Sorge sein«, antwortete Charlotte knapp. »Wie ihr sicherlich wisst, bin ich nicht auf Mieteinnahmen angewiesen und du brauchst dringend ein Dach über dem Kopf.«
   So verlockend das Angebot auch war, zog sich Floriane doch das Herz in der Brust zusammen. Ihr Stolz und ihr Selbstwertgefühl standen ihr im Weg. Selbst wenn sie freudig zustimmte, spätestens in ein oder zwei Monaten würde sie sich total mies fühlen. Nie und nimmer würde sie sich aushalten lassen und auf Kosten anderer leben. Wie schade. Sie war, wie sie war, und konnte eben nicht aus ihrer Haut. Dafür musste man sich keineswegs rechtfertigen. Jetzt erst spürte sie die erwartungsvollen Blicke auf sich ruhen. Nervös kaute sie auf ihrer Unterlippe. »Na ja, die Sache ist so …«
   Elizabeth ahnte wohl, was in ihr vorging und kam ihr zuvor. »Was Charlotte meint, ist sicher folgendes: Bertha braucht dringend Hilfe im Haushalt und im Garten sowieso. Daher könnte man das aufrechnen und stattdessen …«
   »Aber …«, wollte ihre Cousine ihr ins Wort fallen, doch der Blick, den Liz ihr zuwarf, ließ sie verstummen. »Du musst dich ja nicht sofort entscheiden, Flo. Mit einer solchen Lösung wäre tatsächlich allen geholfen. Ich mache mir nämlich bereits eine ganze Weile Sorgen um Bertha.«
   »Danke schön. Ich werde darüber nachdenken. Spätestens am Montag teile ich dir meine Entscheidung mit. Ist das in Ordnung?«
   »Natürlich.«

*

Sie hatten geduscht und schlenderten den Frauen entgegen.
   »Na endlich«, murmelte Charlotte. »Lass uns rübergehen.«
   Tylers Blick hielt ihren fest. Sie war wirklich verärgert, obgleich er nicht wusste, warum. Daher nahm er ihre Hand auf dem Weg nach draußen. Schweigend gingen sie das kurze Stück bis zu ihrem Anwesen.
   Erst als sie ihr Haus betraten, begann Charlotte zu reden. »Da macht sich Flo seit Monaten das Leben schwer, indem sie eine adäquate Wohnung für sich sucht, und hätte so leicht ihre Sorgen loswerden können.« Mit wenigen Worten erklärte sie ihm die Lage. »Und dann dieser Quatsch, dass sie auf einer Miete bestehen will.«
   Wieder einmal wurde deutlich, aus welchen Kreisen seine Frau stammte. Er seufzte leise. »Stell dir vor, du wohnst hier bei mir und ich ließe nicht zu, dass du dein Geld mit einbringst.«
   »Was soll das heißen? Es ist unser Anwesen, oder?«
   »Das ist nicht der Punkt. Mach mit deinem selbst verdienten Geld, was du willst, aber sämtliche Rechnungen, die dieses Haus betreffen, zahle ich.«
   »Du glaubst im Ernst, ich lasse mich von dir aushalten?«
   Als er leise zu lachen begann, fiel bei ihr der Groschen. »Schon gut, ich habe verstanden. Ich überlasse ihr die Höhe der Miete und bitte sie stattdessen um ihre Hilfe in Haushalt und Garten.«
   Ihr Lächeln wärmte ihn. Schließlich zog er sie in die Arme.
   »Wir sollten uns mit dem Abendbrot und dem Kinder-zu-Bett-Bringen beeilen.« Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, wanderte ihr Blick zur Uhr.
   »Hast du heute noch etwas vor?«
   »Jawohl, und die Sache mit der Sauna war auch keine so tolle Idee.«
   Verblüfft sah er ihr in die Augen. »Ich darf nicht in die Sauna gehen?«
   Sie ignorierte seine Frage. »Weihnachten steht vor der Tür, es wird bald Schnee geben, herrlich. Ich bin froh, dass die Affenhitze des Sommers vorbei ist.«
   »Ich nicht, mir ist kalt.«
   »Typisch Südstaatler. Aber den Helden spielen wollen, damals, nach dem Reitunfall ohne funktionstüchtige Heizung im Haus.«
   »Hm. Du hast mich vor einem Leben mit Frostbeulen bewahrt. Daher kann ich erst recht nicht nachvollziehen, warum ich mich nicht in der Sauna aufwärmen durfte.«
   Theatralisch stemmte sie ihre Hände in die Hüften und verdrehte die Augen. »Männer! Deine Spermien sterben dabei ab – sie müssen untertemperiert sein.«
   Tyler lachte.

*

Flo musste unbedingt in aller Ruhe nachdenken. Rasch sammelte sie in Liz’ Nähzimmer ihre Siebensachen zusammen und verabschiedete sich von den Tanners.
   Ihr altersschwacher Wagen sprang nicht an. Außer einem kurzen Tuckern gab er keinen Mucks von sich.
   Marc öffnete die Fahrertür. »Ich kann dich mitnehmen.« »Versuch du es doch mal, vielleicht geht er dann wieder.«
   »Was sollte ich anderes machen, was du nicht bereits ausprobiert hast?«
   Es irritierte sie ein wenig, dass er sie nicht mit dämlichen Witzen, die Frauen und Technik betrafen, aufzog. Stattdessen nahm er ihre Hand. »Es ist dunkel, es ist kalt. Na komm schon und steig in meinen Wagen.«
   Flo ließ sich in die bequemen Polster des BMW sinken. Unterwegs plauderte sie belangloses Zeug, um ihre Gedanken im Zaum zu halten. In Wahrheit dachte sie nur an eines: Sie könnte in diesem traumhaften, gemütlichen Haus leben, wenn sie es zuließ. »Lass mich hier raus, ich habe es nicht mehr weit«, sagte sie, als sie fast vor dem Apartmenthaus, in dem Marc wohnte, angelangt waren.
   »Sei nicht albern.« Er blickte an der Fassade hinauf.
   Instinktiv folgte ihr Blick seinem. Hinter seinen Fenstern brannte kein Licht. Amy war also nicht zu Hause. Wahrscheinlich hatte er das erwartet, denn sein Gesichtsausdruck veränderte sich.
   »War dein Urlaub schön?«, fragte sie rasch, um ihn abzulenken. Mehr als ein höfliches Ja konnte sie ihm allerdings nicht entlocken.
   Als sie vor ihrer Wohnung hielten, bat sie ihn kurzerhand mit hinein. Er zögerte kein bisschen. Bereits, als sie den Schlüssel in das Schloss steckte, begann ihr Telefon zu läuten. Da es durchaus ein Anruf aus Deutschland sein konnte, wurde sie etwas hektisch. Endlich reagierte das Schloss, doch noch immer ließ sich die Tür nicht öffnen. »Sie klemmt hin und wieder, man muss sich nur ein wenig dagegenstemmen.«
   »Lass mich mal.« Innerhalb von Sekunden war die Angelegenheit erledigt und Flo flitzte ans Telefon. Es war kein Familienmitglied aus Deutschland am Apparat, doch ihre Enttäuschung darüber verflog sofort. Charlotte machte ihr einen Vorschlag, der Floriane für Sekunden die Sprache verschlug. Was musste sie noch groß überlegen, ob sie in das Svensonsche Haus zog oder nicht? Sie war zwar nie in der oberen Etage gewesen, kannte also die Zimmer, die Charlotte einst bewohnt hatte, nicht, doch das war ihr egal. Sie zog in ihr Traumhaus, mit einer großzügigen Veranda und einem Garten, in dem sie werkeln konnte. Rasch besprach sie mit Charly die notwendigen Formalitäten und spürte, wie sich eine tiefe Freude in ihrem Inneren ausbreitete. Am liebsten hätte Flo Charlotte fest umarmt. Da dies nicht möglich war, schnappte sie sich jemanden, der gerade greifbar war. Marc Cumberland. Sie drückte ihn überschwänglich an sich und küsste seine Wange.
   »Oh, wie komme ich denn zu der Ehre?«
   »Ich kann in Charlottes Haus einziehen und darf sogar Miete zahlen. Ist das nicht toll?«
   »Manche Leute hegen sonderbare Vorlieben.«
   Sie knuffte ihn gegen den Arm.
   »Nun, wie auch immer«, sagte er belustigt. »Ich stehe dir selbstverständlich zur Verfügung. Was immer du brauchst …«
   »Quatschkopf.« Erneut knuffte sie ihn.
   »Aua. Wo wir schon bei diesem Thema sind, du hast unseren Anblick in der Sauna ziemlich genossen, habe ich recht?«
   »Wie kommst du denn darauf, großer Mann?« Sie lachte.
   »Das liegt auf der Hand. Ich habe es dir angesehen.«
   »Was du nicht sagst. Jetzt schau nur, was man bei diesem Sauwetter für einen Dreck hereinschleppt.« Da sie hastig ihre Schuhe auszog und sie ordentlich auf ein kleines Holzregal stellte, band er ebenfalls die Schnürsenkel seiner Boots auf.
   »Du brauchst gar nicht abzulenken, meine Liebe.«
   Flo prustete leise. »Ich habe kein Problem mit drei gut aussehenden nackten Männern. Wie ich bereits zu den Mädels sagte: Johnny Depp, Brad Pitt und Winnetou in einer Sauna vereint – kein schlechter Tag heute.«
   »Ich nehme mal an, Brad Pitt ist das Synonym für mich?«, erkundigte er sich amüsiert.
   »Wie schlau du bist.«
   »Ja. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass man in deinem Gesicht lesen kann wie in einem offenen Buch?«
   »Ich hoffe sehr, du irrst dich.«
   »Tut mir leid für dich. Aber du hattest vorhin nicht übel Lust, jemanden von uns zu vernaschen.«
   Da seine Worte genau ins Schwarze trafen, versuchte sie, ihr Erschrecken zu verbergen.
   »Gib dir keine Mühe.«
   »Na gut. Ein bisschen Zärtlichkeit hin und wieder ist bestimmt kein vermessenes Bedürfnis.«
   »Nein.«
   »Ich gebe zu, dass ich seit einiger Zeit gewissermaßen im Zölibat lebe.«
   »Aha.«
   »Lass mich überlegen, es müssten … Herrje, seit über fünf Jahren.« Sie seufzte aus tiefstem Herzen.
   »Ist das dein Ernst?«
   »Ich fürchte, ja. Wie man sieht, kann man trotzdem ganz gut zurechtkommen. Überhaupt wird Sex überbewertet, glaub mir.«
   Marc brach in schallendes Gelächter aus.
   Blödmann … Floriane fühlte sich plötzlich verunsichert. Entschlossen schlüpfte sie in ihre warmen Häschen-Hausschuhe mit den grauen Schlappohren.
   »Was ist das denn?« Marc starrte auf ihre Füße.
   »Normalerweise bevorzuge ich Pantoletten mit einem Korkfußbett, aber die sprengen momentan meine … Nun, diese hier waren im Sonderangebot …«
   »Verstehe. Ist auch nichts dagegen zu sagen. Nur während der Jagdsaison solltest du ein bisschen vorsichtig sein.«
   »Natürlich, ich kann auf mich aufpassen.«
   Als Kevin nach Hause kam, deckte Flo gerade den Abendbrottisch.
   »Hi Marc.«
   »Sportsfreund.«
   »Stell dir vor, mein Schatz, Marc kommt gerade aus Neuseeland. Er ist dort vom 328 Meter hohen Sky-Tower gesprungen.«
   »Bungee-Jumping, cool.«
   Während des Essens unterhielt Marc Kevin und sie mit seinen Urlaubserlebnissen. Er beschrieb Oakland, die Hauptstadt Neuseelands, berichtete vom Americas Cup, der bekanntesten Segelregatta auf dem Atlantik. Die Stadt hatte sich sogar den Beinamen City of Sails zugelegt. Als sie beide große Augen machten, fuhr er fort, die Harbour Bridge und die beeindruckende Skyline zu schildern.
   Flo schickte Kevin schließlich duschen und begann, das Geschirr abzuspülen. Aus dem Wasserhahn lief lediglich ein kleines Rinnsal. »Jetzt muss ich schon wieder an dieser Mischbatterie rummurksen.«
   »Das ist Sache des Vermieters«, stellte Marc klar.
   Da Flo jedoch für diesen Monat noch die Miete schuldig war, wollte sie dem Menschen lieber nicht begegnen. Wieder einmal sprach ihr Gesicht offenbar Bände, denn Marc erkundigte sich nach Werkzeug. Sie wies auf den Wandschrank. »Ich hoffe, du hältst das nicht für eine billige Anmache. Es sieht aus wie in einem Hollywoodfilm.«
   Offensichtlich wusste er, was er tat, denn kurz darauf lief ein angemessener Wasserstrahl in ihr Spülbecken.
   »Dieser Bude weine ich keine Träne nach. Bei Charlotte muss ich auch keine Kaution von zwei Monatsmieten hinterlegen. Das wäre nämlich übel geworden. Zu dem Zweck habe ich schon in zwei Kreditinstituten vorgesprochen. Nach Aussage dieser fröhlichen Bankangestellten habe ich keinerlei Sicherheiten zu bieten und daher sehen sie sich außerstande, meinem Wunsch zu entsprechen.«

*

Bereits eine Woche später packten Flo und Kevin ihre Habe zusammen. Sie stapelten die Kartons und Kisten am Bordstein übereinander. Als Kevin erneut nach oben rannte, spürte Flo von hinten eine Berührung.
   Sie fuhr herum. »Oh! Hallo Mr. Hobbs.«
   Just im gleichen Moment ging ihr Nachbar zu Boden. Der alte Mann verlor das Gleichgewicht, als er von einer schweren Einkaufstasche getroffen wurde.
   »So nicht! Junge Mädchen sind kein Freiwild«, rief eine Passantin. »Ich habe genau beobachtet, wie der alte Knacker sich an Sie ranmachen wollte. Glauben Sie mir, solche Typen kenne ich nur allzu gut.« Ihre hohe Stimme überschlug sich.
   »Ähm …« Flo sah verwirrt erst zu Mr. Hobbs und dann zu der jungen Frau. Sie kam ihr vage bekannt vor. Rasch half sie ihrem Nachbarn auf die Füße.
   »Sind Sie verrückt geworden?« Er funkelte Flos vermeintliche Beschützerin an. »Ich sollte die Polizei holen.«
   »Tun Sie das. Dann kann ich denen gleich ein paar nette Dinge über Sie erzählen. Solche geilen Böcke gehören kastriert.«
   Erschüttert starrte Floriane zu der jungen Frau hinüber.
   Der arme Hobbs lief rot an. »Mrs. Usher, ich wollte wirklich nicht …«
   »Natürlich nicht.« Flo lächelte ihn betont liebenswürdig an.
   Die junge Frau sah nun sie böse an. »Manchen ist nicht zu helfen.« Ohne eine weitere Erklärung stapfte sie davon.
   Flo brachte ihren Nachbar bis an seine Haustür. »Es tut mir leid …«
   »Schon gut, Sie können ja nichts dafür.« Er verschwand in seiner Wohnung.
   Sie betrat ihre eigene. Das Erlebnis schlug ihr auf die Blase, und so flitzte sie zur Toilette. Gerade, als sie im Kopf überschlug, wie oft sie wohl mit ihrem alten Vehikel hin und her zuckeln musste, klingelte es an der Haustür. Toby Webber, ein Ranchmitarbeiter der O’Brians, und Marc boten ihre Hilfe an. Sie schnappten sich bereits jeder eine Kiste. Flo freute sich über dieses Angebot. Erst recht, als sie sah, dass Marc nicht nur einen Firmenlieferwagen mitgebracht hatte, sondern dass auch Toby im Begriff war, Tylers roten Pick-up zu beladen. Kevin strahlte sie an und zeigte ihr siegessicher den erhobenen Daumen. Nicht zum ersten Mal begriff sie, welch himmlische Fügung sie nach St. Elwine gelenkt hatte. Obwohl ein scheußlich kalter Ostwind wehte, war ihr Herz warm. Sie schlug einfach den Kragen hoch, zog den Schal fester um ihren Hals und begann ihrerseits, zusammen mit Kevin die Kisten in die Wagen zu tragen.

Flo wollte gerade den Klingelknopf betätigen, als die Tür geöffnet wurde. Bertha Chappell, die frühere Haushälterin des alten Doc Svenson, hieß sie willkommen. »Immer hereinspaziert. Was bin ich froh, dass du hier einziehst. Am Tage ist man ja beschäftigt, doch die Abende allein in einem großen Haus können bisweilen recht einsam sein.«
   »Das kann ich mir gut vorstellen. Ich fürchte nur, dass du nun gar nicht mehr zur Ruhe kommen wirst.« Flo spürte ein schlechtes Gewissen, wenn auch ihre Freude überwog. Dieses wunderschöne Haus gefiel ihr bereits seit Langem.
   »Unsinn. Kann ich euch irgendwie zur Hand gehen?«
   »Nein, wirklich, das schaffen wir schon.«
   »Gut, dann kümmere ich mich um das Essen.«
   Sie kamen zügig voran. Kevin war voller Eifer bei der Sache. Da sie die Kartons und Kisten ordentlich beschriftet hatte, war es nun ein Leichtes, sie auf die entsprechenden Räume aufzuteilen. Die Kartons mit dem Hinweis »Küche« wurden erst mal auf dem Dachboden eingelagert, denn wie vorab besprochen, würde sie sich mit Bertha die Küche teilen. Während Flo ihre persönliche Habe in den Schränken ihres neuen Schlafzimmers verstaute, schloss Marc ihr den Fernseher und die Musikanlage an. Toby war vor einer Stunde wieder gegangen.
   Nun machte auch Marc Anstalten, sich zu verabschieden. »Ich bin heute Abend bei meiner Mutter zum Essen eingeladen. In dieser trüben Jahreszeit geht es ihr nicht so gut. Da kann ich unmöglich absagen.« Sein Gesicht sah aus, als müsste er sich einer Wurzelbehandlung unterziehen.
   »Du Ärmster.« Flo tätschelte ihm die Wange. »Dann revanchiere ich mich ein anderes Mal.«
   »Wenn es dich glücklich macht, Engelchen. Ich habe dir gern geholfen.«
   »Das weiß ich. Dennoch, es würde mich unheimlich glücklich machen.«
   »Das nenne ich mal eine Frau, die mit wenig zufrieden ist.«
   Erst, als auch er längst gegangen und beinahe alle ihre Sachen verstaut waren, merkte Flo, wie hungrig sie war. Kevin ging es ähnlich, denn im selben Moment erschien er im Türrahmen. Gemeinsam stiegen sie die Treppe hinunter. Bereits im Flur hing der Duft nach frischer Hühnersuppe. Augenblicklich begann Flos Magen zu knurren.
   »Na, da seid ihr ja, ihr fleißigen Bienchen. Nehmt Platz.« Bertha füllte die Suppe in tiefe Teller. »Ich hoffe, ihr mögt sie.«
   »Aber ja.« Kevin strahlte. »Das riecht schon so lecker, vielen Dank.«
   Flo hob die Augenbrauen und prustete leise. Bertha lächelte glücklich. Sie war ganz in ihrem Element.
   Nach dem Abendbrot räumten sie gemeinsam die Küche auf. »Junger Mann, ich danke dir«, wandte sich Bertha an Kevin.
   »Gewöhn dich lieber nicht daran«, murmelte Flo.
   »Mann, Mutti!«
   Den Abend verbrachte sie bei Bertha auf dem gemütlichen Sofa. Kevin war froh, dass er sich in aller Ruhe den Film über seinen Namensvetter »Kevin – Allein in New York« ansehen konnte. Zwar kannte er ihn bereits, musste aber immer wieder an den gleichen Stellen kichern.

Die neue Woche begann vielversprechend. Zum einen wurde die ohnehin günstige Miete für die Wohnung nochmals gemindert, zum anderen entdeckte sie auf ihren Kontoauszügen wieder einen Zahlungseingang von Val. Im Geiste umarmte sie ihren Exmann. Nun konnte sie sich daranmachen, ein paar Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Zunächst natürlich für Kevin, an zweiter Stelle kam Charlotte Svenson. Ihr hatte Flo sehr viel zu verdanken.
   Sie wrang den Bezug aus und klemmte ihn wieder um den Bodenwischer. Dann betrat sie das zweite Sprechzimmer der Zahnarztpraxis und wienerte den Fußboden blitzblank. Dieser Job, die Reinigung der Praxis und die Übernahme der anfallenden Wäsche wie Kittel und Abdecktücher, brachte ihr die Minderung der Miete ein. Wie selbstverständlich gehörte für Flo auch die Pflege der Zimmerpflanzen im Wartebereich und der Rezeption mit dazu. Daher zupfte sie rasch noch ein trockenes Blatt vom Weihnachtsstern. Bertha und sie hatten Haus und Praxis bereits weihnachtlich geschmückt. Flo war froh und trällerte die Weihnachtslieder aus dem Radio mit. Sie waren sich rasch einig geworden, wer welche Pflichten im Haushalt übernahm. Am Sonntag würden sie gemeinsam kochen. Bertha verfügte auf diesem Gebiet über einen immensen Wissensschatz. Es konnte nicht schaden, sich da etwas abzugucken.
   Am Samstag trafen sich die Frauen der Quiltgruppe zum letzten Mal in diesem Jahr. Wie stets im Dezember stellte dieser Patchworktreff gleichzeitig eine kleine Adventsfeier dar. Dabei war es üblich, dass jede Quilterin etwas zum Essen und Trinken beisteuerte. Flo brachte einen selbst gebackenen Mohnstollen mit. Die Herstellung des Hefeteigs hatte Bertha ihr beigebracht.
   Charly goss Flo gerade eine Tasse »Christmastea« ein. »Den habe ich im Teeladen neu entdeckt. Schmeckt superlecker, probier mal.«
   »Was bin ich froh, dass du für die Getränke zuständig bist«, zog Liz ihre Cousine auf. »Ich wundere mich, dass Tyler noch nicht klapperdürr ist bei deinen Kochkünsten.«
   »Ph«, prustete Charly. »Wozu bezahlen wir wohl eine Haushälterin? Elvira macht den Job sehr gut.«
   »Offensichtlich.«
   »Du hast schließlich auch Mrs. Richardson.«
   »Mit dem Unterschied, dass ich dennoch kochen kann und will, wenn meine Zeit es erlaubt.«
   »Ich möchte Elvira nun mal nicht dazwischenfunken.«
   »Gutes Argument.« Elizabeth lachte.
   Cybill holte ihre zugeschnittenen Stoffquadrate heraus und faltete sie zu Kathedralenfenstern. Floriane war fasziniert. Der fertige Anhänger sah edel aus, ließ einen Laien allerdings vermuten, dass eine komplizierte Arbeitstechnik dahintersteckte. Doch dem war ganz und gar nicht so, wie sie verblüfft feststellte. Selbst sie konnte sich so wunderschöne Anhänger für den Weihnachtsbaum anfertigen. Oder aber man änderte die Vorgehensweise ein wenig und schon hatte man elegante Serviettenringe. Wie originell. Das musste sie heute Abend unbedingt Bertha zeigen.
   Flo bedauerte, dass Irene Reinhold auch zu dieser Adventsfeier nicht erschienen war. Während des Nähens wurde Charlotte Svenson plötzlich kreidebleich.
   »Was ist mit dir los, um Himmels willen?« Doris, die älteste Quilterin, packte sie an den Schultern und verhinderte, dass Charly vom Stuhl kippte.
   »Ich muss etwas frische Luft schnappen. Dann geht es wieder.«
   Doris begleitete sie sicherheitshalber vor die Tür.
   »Besser?« Liz trat näher, als die beiden zurück in den Kursraum kamen.
   »Ja, kein Grund zur Aufregung«, antwortete Charly.
   »Sag mir, wenn ich etwas tun kann.«
   »Ist gut, Liz. Du musst wirklich nicht immer den Doktor vorkehren.« Um ihre Worte zu mildern, lächelte Charlotte.

Als Flo zwei Tage später den Supermarkt verließ, traf sie Marc beim Joggen. »Ich möchte nur wissen, warum du dich immer so abschindest.«
   »Du verstehst es ja doch nicht.«
   »Ich habe kürzlich einen Bericht gesehen. Da sagten sie, zu viel Sport sei ungesund.«
   »Ha, ha. Das meint ausgerechnet jemand, der in etwa so sportlich ist wie eine Erbse.«
   »Besten Dank.«
   »Sei nicht gleich beleidigt. Demnächst findet unsere Firmenweihnachtsfeier statt. Du könntest für den Abend in der Garderobe jobben. Ist zwar nur was Einmaliges, aber ich dachte, ich sage es dir trotzdem.«
   Schon war ihr wieder zum Lächeln. »Danke, jetzt vor den Feiertagen kann ich jeden Cent gebrauchen. Wo muss ich mich melden?«
   »Ich mach das für dich.«
   »Prima. Bis später.« Sie ging in den Teeladen und kaufte für Charlotte einen aromatischen Früchtetee: Pflaume, mit einem Hauch von Zimt. Die Verkäuferin wirkte nervös. Mit fahrigen Bewegungen wickelte sie die Dose als Geschenk ein. Vielleicht hatte die Frau ganz einfach einen schlechten Tag, überlegte Flo und belegte die andere mit fröhlichem Geplapper. Während sie sie beobachtete, begriff sie plötzlich, wen sie da vor sich hatte. Es war die Frau, die Mr. Hobbs attackiert hatte. Endlich fiel ihr auch ein, dass es sich bei der jungen Mutter, die so ausgelassen mit ihrer Tochter herumgetollt hatte und dabei ganz offensichtlich in die Rolle einer Gleichaltrigen geschlüpft war, um ein und dieselbe Person handelte. Wie ulkig.
   Jetzt wollte sie sich aber beeilen. Immerhin freute sie sich auf einen schönen Abend mit Bertha, dieses Mal oben bei ihnen. Die Ältere nannte einen reichen DVD-Fundus ihr Eigen. Außerdem hatte Bertha Feuer gefangen. Sie wollte weitere Kathedralenfenster-Anhänger nähen. Einige waren bereits an der Girlande befestigt, die sie um den Handlauf der Treppe geschlungen hatten.
   »Einer meiner Lieblingsfilme.« Bertha fuhr mit dem Cover wedelnd durch die Luft. Es war »Anne auf Green Gables«, eine Verfilmung des Romans von Lucy Maud Montgomery. Flo war begeistert, selbst noch eine Woche später, als sie die Mäntel der Angestellten in Empfang nahm, die zur Weihnachtsfeier von Tanner Construction erschienen waren.
   Während einer kurzen Pause schwelgte sie wieder in Tagträumen. Oh, was für ein hübsches Kleid. Das sind die puffigsten Puffärmel von der ganzen Welt …

*

Das Telefon läutete. Marc trat aus der Dusche, schlang sich ein Handtuch um die Hüften und angelte nach dem Handy. Die Nummer auf dem Display sagte ihm nichts.
   »Hallo Marc.«
   Sein Magen war plötzlich wie zugeknotet.
   »Bitte, leg nicht gleich auf.«
   »Was willst du?«
   »Sie haben mich vorzeitig entlassen.«
   Marc ließ seinen Vater eine Weile seinem Schweigen lauschen.
   »Bist du noch dran? Junge, sag doch was. Wenigstens ein Wort.«
   »Ruf mich nicht mehr an. Zwischen uns gibt es nichts zu bereden.«
   »Marc, so hör …«
   Es reichte, er legte auf.
   Amy stand plötzlich neben ihm. »Lass mich raten: Das war dein Dad.«
   »Ja.«
   »Meinst du nicht, ihr solltet ein für alle Mal klären …«
   »Nein.«
   »Es hat sich also nichts geändert.«
   Ohne ihr zu antworten, begann er mit seiner Rasur.
   »Warum tue ich mir das eigentlich jedes Wochenende an?« Ihre Frage hing in der Luft.
   »Dass ich nicht lache. Du warst doch letztes Wochenende gar nicht hier.«
   »Wundert dich das etwa?« Ihr Lachen klang keineswegs fröhlich.
   Er verließ das Badezimmer und knallte die Tür hinter sich zu.
   Amy lief ihm hinterher. »Sag mal, spinnst du, mich einfach so stehen zu lassen, während ich mit dir rede?«
   »Lass mich in Ruhe.«
   »Bitte, das kannst du haben.« Kurzerhand fuhr sie in ihre Jeans und ein Sweatshirt. Dann schlüpfte sie in ihre Jacke, griff nach der Handtasche und verließ das Apartment.

Für Dezember war dieser Abend ungewöhnlich mild. Leider fing es jedoch an, zu regnen. Im Foyer des Firmengebäudes traf Marc auf Joshua. »Wo ist Liz?«
   »Sie hat Dienst. Und Amy?«
   »Reden wir am besten nicht drüber.«
   »So schlimm?«
   »Sogar noch schlimmer.«
   »Nimmst du uns nun die Mäntel ab oder nicht?« Flo lächelte vor sich hin und schien der Welt entrückt. Ihre Gedanken purzelten in die Wirklichkeit zurück, wenn auch mit Widerwillen, das sah Marc ihr an.
   »O Pardon, ich war gerade bei den Puffärmeln.«
   »Was?«
   »Schon gut.« Sie hängte die Mäntel an einen freien Garderobenhaken und reichte ihm den Plastikchip mit der Nummer. »Was denn, keine Frauen dabei?«
   »Nein«, antworteten Josh und er einstimmig.
   »Ich wünsche dennoch einen schönen Abend, die Herren.« Wie zur Bestätigung musste sie niesen und putzte sich die Nase. »Tut mir leid. Mein Hals kratzt bereits seit gestern.«
   So sehr Marc es auch versuchte, seine Gedanken ließen sich nicht in eine andere Richtung lenken. Immer wieder kreisten sie um seinen Vater und dessen Haftentlassung. Dass Amy fortgefahren war, machte die Sache nicht besser – im Gegenteil. Am liebsten hätte er das Büffet in Grund und Boden gestampft. Seine Wut brauchte ein Ventil, und zwar bald. Er ließ Joshuas kurze Ansprache über sich ergehen und schlenderte zur Bar. Vielleicht konnte ein guter Whisky seine flatternden Nerven beruhigen. Ihm fiel noch rechtzeitig ein, dass er mit dem Wagen da war und nicht auf Amy als Chauffeur zurückgreifen konnte. So stieß er mit einigen Kollegen lediglich mit einem Glas Sekt auf die bevorstehenden Feiertage an und leerte das Glas auch nur zur Hälfte. Er führte ein paar belanglose Gespräche und aß etwas.
   Josh setzte sich an seinen Tisch. »Du kannst einem wirklich die Stimmung verderben, mein Lieber.«
   »Ich habe das alles so satt.«
   Während Josh mit seiner Sekretärin tanzte, sah sich Marc gelangweilt um. Es war genau diese Stimmung, die ihn am liebsten nach einer Zigarette greifen ließ. Das Rauchen hatte er jedoch vor Jahren aufgegeben. Er beschloss, ein wenig frische Luft zu schnappen. Der Regen hatte aufgehört, aber offensichtlich die Milde des Abends fortgespült. Die Temperatur war merklich abgekühlt. Sein Atem hinterließ Dampfwölkchen in der Luft. Als er zurück ins Foyer trat, erhaschte er einen Blick auf Floriane. Sie saß auf einem Hocker und gähnte.
   »Das Büffet sieht großartig aus.«
   »Du hast bestimmt Hunger, entschuldige. Geh und nimm dir, was du möchtest.«
   »Ich arbeite hier, das kann ich nicht machen.«
   »Sagt wer?«
   »Hm …«
   »Dann lade ich dir was auf den Teller. Magst du irgendetwas ganz und gar nicht?«
   »Erbsen und Meeresfrüchte.«
   Ihre prompte Antwort verriet ihm, wie hungrig sie war. Im Stillen freute er sich, ihr etwas Gutes zukommen zu lassen.
   Als er nach einem Hähnchenschenkel griff, überlegte er, wie oft er in den vergangenen Wochen ein schlechtes Gewissen bezüglich seiner Mutter gehabt hatte. Sie hatte sich ungeschickterweise mit heißem Wasser verbrannt. Angeblich war der Wasserkocher defekt, sodass Marc ihr einen neuen besorgte. Kurz darauf stieß sie sich an einer Bettkante im Schlafzimmer und konnte infolgedessen zwei Tage lang den Fuß nicht aufsetzen. Daher erledigte er ihren Einkauf. Waren diese Verletzungen Zufall oder steckte mehr dahinter? Wieso war ihm das nicht schon früher aufgefallen? Er würde zukünftig genauer darauf achten. Doch wie um alles in der Welt sollte er ihr sagen, dass sich George wieder auf freiem Fuß befand? Natürlich könnte er die Tatsache einfach unter den Tisch fallen lassen. Früher oder später würde sie jedoch davon erfahren. Und wenn sie begriff, dass er längst davon gewusst hatte, würde es ein Riesentheater geben. Er kannte das zur Genüge. Wie er es auch anstellte, es war stets falsch. Zum Verrücktwerden. Frustriert lud er zwei verschiedene Salate auf den Teller. Die gebackenen Kartoffeln machten keinen schlechten Eindruck, daher gesellten auch sie sich zu den Leckerbissen.
   Flo putzte sich gerade die Nase, als er sich vor ihr aufbaute.
   »Oh, danke. Du hast sogar an das Besteck und eine Serviette gedacht.« Sie biss in den Hähnchenschenkel. »Und was mache ich, wenn mich jemand von der Geschäftsleitung erwischt?«, nuschelte sie mit halb vollem Mund.
   »Soll ich so lange Wache schieben, bis du aufgegessen hast?«
   »Das wäre wohl das Beste.«
   »Ich hole uns rasch etwas zu trinken.«
   »Für mich einen Saft, bitte.«
   »In Ordnung.«
   »Oder ist auch etwas gegen Halsschmerzen da?«
   »Echter Jamaikarum.«
   »Gott bewahre.«

Marc genehmigte sich einen alkoholfreien Longdrink. Ein Jammer, dass er noch fahren musste. Ein Whisky würde jetzt Wunder wirken. Das Telefonat mit seinem alten Herrn lag ihm schwer im Magen. Der Druck in seinen Eingeweiden verstärkte sich. Es war frustrierend, dass er nicht mal richtig wütend sein durfte auf dieser vermaledeiten Weihnachtsfeier. Er sah auf seine Uhr und beschloss, nach Hause zu fahren. Selbstverständlich hätte er Flo in der Lincoln Street abgesetzt, doch Joshua hatte sie bereits fortgeschickt, nachdem er mitbekommen hatte, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Die sich rasch ausbreitende Erkältung hatte sie sich ziemlich schlapp fühlen lassen.
   Er stieg in den BMW und fuhr aus der Tiefgarage. Mit zügigem Tempo passierte er eine Querstraße. Er gab Gas, weil er es gern tat. Bereits von Weitem sah er die rote Ampel und bremste ab, doch dann schaltete sie auf grün und er beschleunigte wieder.
   Wie aus dem Nichts tauchte am Fußgängerüberweg jemand auf und betrat die Fahrbahn.
   Marcs erschrockene Hirnzellen kreischten einen einzigen Befehl: Bremsen!
   Die Welt taumelte. Angst lief ihm wie Eiswasser das Rückgrat hinunter. Das dumpfe Geräusch des Aufpralls war furchterregend. Viel zu spät riss er das Lenkrad herum. Eine Menge Blech wickelte sich quietschend um den Ampelmast.
   Blitzartig schoss ein Schmerz von seinem Bein hinauf in den Kopf – und dann nichts, nur Dunkelheit und schemenhafte Schatten um ihn herum. Die darauf einsetzende Stille war fast noch gespenstischer als das Gekreische sich verbiegenden Metalls.

*

Floriane tat die klare, kalte Luft gut, daher lief sie nicht besonders zügig. Ein Wagen näherte sich rasch, offenbar hatte der Fahrer nicht registriert, dass der Asphalt stellenweise überfroren war. Ehe sie es begriff, wurde sie Zeuge eines schrecklichen Unfalls. Die Frau schlug auf das Pflaster auf, noch bevor der Schrei den Weg aus Florianes Kehle fand. Einen endlosen Augenblick lang überlegte sie, was sie tun sollte. Schließlich beugte sie sich über den leblosen Körper der Frau und erkannte beinahe sofort, dass hier jede Hilfe zu spät kam. Das Gefühl, sich gleich erbrechen zu müssen, bemächtigte sich ihrer.
   Flo riss die Fahrertür auf. »Marc! Um Gottes willen.« Im ersten Augenblick dachte sie, er wäre ebenfalls tot. Dann jedoch vernahm sie sein keuchendes Flüstern. »O Mann«, ächzte er. »Ich kann nicht …«
   »Alles wird gut, ich rufe Hilfe.« Ihr Herz fühlte sich an wie ein riesiger, schmerzhafter Klumpen. Dort, wo sie Marcs Beine vermutete, befand sich der Motorblock. »Sie werden gleich hier sein – ganz bestimmt«, murmelte sie immer wieder, auch, um sich selbst zu beruhigen.
   Marc sah sie unverwandt an. Es gab unzählige Fragen, die sie ihm stellen wollte, doch keine fand den Weg von ihrem Verstand zu den Stimmbändern. Bäche von Schweiß liefen über sein Gesicht. Sie griff nach seiner Hand, doch ihre Finger flatterten so sehr, dass sie nicht in der Lage war, auf seinen Puls zu achten. Sie begann mit einem Kanon von Beruhigungsfloskeln.
   »Ich spüre meine Beine nicht.« Er hatte es so leise gesagt, dass sie überlegte, ob sie ihn richtig verstanden hatte. »Der Rettungswagen ist bestimmt gleich hier.« Dann jedoch rief sie sich zur Ordnung. Sie musste ihn wach halten. Wo hatte sie das schon mal gehört? Sie plapperte und plapperte und merkte, dass ihr Redeschwall ihn in der Wirklichkeit hielt.
   Flo war mehr als erleichtert, als das Sirenengeheul immer näher kam.

*

»Keine spontane Atmung, kein tastbarer Puls, keine auskultierbare Herzaktion. Pupillen weit und lichtstarr. Die Frau ist tot.« Die Rettungssanitäter forderten die Feuerwehr über Funk an.
   Durch Marcs Kopf zogen merkwürdig entrückte Gedanken. Seine gemarterten grauen Zellen befahlen: Steh auf. Diese Nacht ist zu kalt, um hier einzuschlafen.
   Warum war er noch immer bei Bewusstsein? Er war sogar hellwach und konnte alle Konturen scharf ausmachen – trotz der Dunkelheit. Seltsam.
   »Flo?«
   »Ich bin hier, Marc.«
   »Sie bekommen mich nicht raus.«
   »Die Feuerwehr wird gleich da sein. Die haben so ein Ding, weißt du …«
   Schneidbrenner? Nicht gut. Es dauerte so furchtbar lange.
   »Marc! O nein, bist du das?«
   Er war erleichtert, als er ihre Stimme erkannte. Sie war eine verdammt gute Ärztin. Elizabeth würde es hinbekommen – ganz sicher.
   Schon machte sie sich an die Arbeit. Während der Sanitäter berichtete, überprüfte sie seine Atmung und den Puls. »Ganz vorsichtig«, befahl sie dem Feuerwehrmann.
   Als die Autoteile wie eine Blechbüchse auseinandergeschält wurden und ihn freigaben, setzte augenblicklich ein Schmerz ein, der sich durch seinen ganzen Körper fraß. Sein Mund öffnete sich zu einem Schrei. Er hatte keinen Einfluss mehr auf seine Gedanken. Erinnerungen brachen ab und verschmolzen ineinander. Die Welt drehte sich. Doch erst als die Sanitäter ihn auf ein unbequemes Brett schnallten, schwappte der kreischende Schmerz durch seinen Schädel. Es kam kein Schrei mehr über seine Lippen. Die Welt kippte einfach um.
   »Er blutet, verdammt, er blutet«, brüllte Elizabeth.
   »Ich intubiere. Was ist mit MSI?«
   »Morphium ist drin.«
   »Dann ab mit ihm, wir dürfen keine Zeit mehr verlieren.«
   Er befand sich im Rettungswagen. Oder doch nicht? Licht blendete ihn.
   »Trümmerbruch des rechten Femur, ich lege einen ZVK – dreilumig. Rufen Sie Jefferson an. Wir haben es mit einer Gefäßverletzung zu tun. Alles vorbereiten für einen Bypass und verlängerte Knieprothese. Und los in den OP mit ihm!«
   »Halt! Kammerflimmern.«
   »Verdammt, Marc.«
   »Wir verlieren ihn.«
   »Nichts da – das werde ich nicht zulassen. Bleib hier – bleib hier!«

4. Kapitel

Victoria war seit dem 11. September nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie hoffte noch immer, dass ihr Mann am Leben war. Möglicherweise verletzt, wahrscheinlich litt er sogar an einem Verlust seines Gedächtnisses. Während ihrer Nachforschungen las sie von zahlreichen solcher Fälle. Sie war aufgewühlt und erschöpft zugleich. Ein Zustand, den sie mittlerweile nur allzu gut kannte. Kurzerhand folgte sie dem Drang, nach St. Elwine zu fahren. Vorher vergewisserte sie sich, dass das Kindermädchen auf Alain achtgeben würde.
   Mit dem Auto war sie schnell vor Ort. Sie lenkte es in Richtung Hafen, stieg aus und ging ein paar Schritte. Das Meer lag schwarz und schattenhaft vor ihr. Sie hörte es mehr, als dass sie es sehen konnte.
   Was zählte, war die Tatsache, dass es da war.
   »Wo bist du, Jaques? Spürst du, dass ich nach dir suche? Ahnst du, wie verzweifelt ich bin? Was soll ich unserem Sohn sagen, was mit dir passiert ist?« Fragen, nichts als Fragen. Sie war sich nicht mal sicher, ob sie sie geschrien oder nur gedacht hatte. Was spielte es schon für eine Rolle? Das Meer gab ihr keine Antworten. Früher einmal war es so gewesen. Jetzt hörte sie nichts als das glucksende Klatschen, wenn die Wellen den Sand berührten.
   Der Schmerz in ihrem Unterleib verschlimmerte sich. Da ihre Seele bereits seit Wochen schmerzte, hatte sie das Ziehen in ihrem Bauch nicht registriert. Nun ließ es sie aufkeuchen. Sie spürte warme, klebrige Flüssigkeit zwischen den Beinen. »O Gott, bitte nicht!« Vorsichtig stieg sie in das Auto und fuhr zum Krankenhaus. Es lag nicht weit entfernt. Als sie vor der Notaufnahme parkte, wagte sie nicht, auszusteigen. Da war noch mehr Blut, sie spürte, dass der Sitz unter ihr nass war. Rasch presste sie die Beine zusammen. Ohne den Druck zu lockern, kramte sie nach ihrem Mobiltelefon und wählte die Nummer von Elizabeths Büro. Sie wusste, dass ihre Schwägerin im Dienst war. Es klingelte endlos. Als Vicky schon auflegen wollte, erklang die Stimme der Telefonistin aus der Zentrale der Klinik. In unzusammenhängenden Sätzen schilderte Victoria ihr Problem. Blieb zu hoffen, dass die Frau aus dem Gestammel schlau wurde.
   Vicky saß vollkommen reglos. Als jemand gegen die Autoscheibe klopfte, erschrak sie. Sie hatte niemanden kommen sehen. Schon wurde die Tür geöffnet. »Guten Abend, ich bin Dr. Zimmerman. Was ist passiert?« Vorsorglich hatte er einen Rollstuhl mitgebracht, auf den er deutete.
   »Ich muss dringend Elizabeth sprechen. Dr. Tanner, sie ist meine Schwägerin.«
   »Es tut mir leid, aber Dr. Tanner ist im OP.«
   »Bitte …«
   »Das geht nicht, verstehen Sie doch. Sicher kann ich Ihnen weiterhelfen.«
   »Wer sind Sie?«
   Er wiederholte seinen Namen.
   »Sind Sie Arzt?«
   »Ich bin Assistenzarzt. Wie geht es Ihnen?«
   »Ich bin schwanger …«
   Er wartete, dass sie weitersprach.
   »Ich würde Ihnen wirklich gern helfen, Ma’am.«
   »Etwas stimmt nicht. Mit dem Baby, meine ich.«
   »Okay, kommen Sie, setzen Sie sich in den Rollstuhl. Ich bringe Sie rein.«
   »Nein!« Sie kreischte beinahe.
   »Es ist kalt, Mrs. Tanner. Ich habe keinen Mantel an. Bitte kommen Sie mit rein.«
   »Ich darf mich nicht bewegen … sonst … sonst verliere ich das Baby. Verstehen Sie? Bitte …«
   Sie hatte es ganz leise gesagt.
   »Ich …« Er ließ es bleiben, den Satz zu beenden. Stattdessen schob er einen Arm unter ihre Knie, stützte mit dem anderen ihren Rücken und hob sie hoch.
   »Was tun Sie da?«
   »So müssen Sie sich nicht bewegen«, antwortete er ruhig.
   Die Tür schwang auf und er trug sie in ein Untersuchungszimmer. Eine Krankenschwester eilte zu Hilfe.
   Er setzte Vicky behutsam auf dem Behandlungsstuhl ab. »Die Schwester hilft Ihnen, sich auszuziehen, damit ich Sie untersuchen kann.«
   Vicky wandte sich an die Schwester. »Elizabeth – ist sie da?«
   »Ich fürchte, Dr. Tanner ist noch für längere Zeit im OP beschäftigt.«
   »Aber …«
   »Sie müssen die Hose ausziehen.«
   »Das geht nicht.«

*

»Wir machen das ganz langsam, dann kann nichts passieren«, hörte Curtis die Schwester mit ruhiger Stimme sagen. Sein Pager hatte sich gemeldet, weil eine schwangere Frau vor der Notaufnahme parkte, die offensichtlich ein Problem hatte. Er hatte Victoria Tanner sofort erkannt. Außerdem wusste er um die Geschichte mit ihrem Mann.
   Seltsam, normalerweise begegnete er den Patienten mit einem flotten Spruch, doch diese Frau wirkte so … verzagt? Curtis spürte, dass sie stumm weinte. Er fand keine Worte des Trostes.
   Vorsichtshalber rief er im OP an. Weder Dr. Tanner noch Jefferson hatten ein Ohr für ihn. Er hatte nichts anderes erwartet und machte sich zurück auf den Weg. Die Schwester hatte es irgendwie geschafft, dass die Patientin jetzt einen Krankenhauskittel trug. Ihm war schleierhaft, wie sie das in der Kürze der Zeit bewerkstelligt hatte. Aber noch immer saß Victoria mit zusammengepressten Knien auf der Kante des Stuhles. Die Schwester warf ihm einen Seitenblick zu. Sie sah aus, als würde sie ihn im Stillen um etwas bitten.
   Curtis räusperte sich. Er legte eine Hand auf die der Patientin. »Bitte, ich möchte Sie untersuchen und schauen, wie ich Ihnen helfen kann«, sagte er behutsam.
   Doch für das Baby kam jede Hilfe zu spät. Der Fötus musste bereits vor ein oder zwei Wochen abgestorben sein. Während der Untersuchung schwebte Victorias Blick im Nirgendwo. Unaufhörlich rannen Tränen aus ihren Augen.
   »Es tut mir sehr leid.« Dieses Mal waren seine Worte keine einstudierte Floskel. Er meinte es wirklich so. »Sie sind jung, Sie können noch Kinder bekommen«, versuchte er zu trösten.
   »Nicht mehr von diesem Mann.« Sie zog sich in sich selbst zurück.
   Als er nach dem anschließenden kleinen Eingriff nochmals nach ihr sah, tat sie, als würde sie schlafen.

*

Megan Cumberland schreckte hoch, als das Telefon läutete. Noch im Halbschlaf drückte sie den Hörer an ihr Ohr.
   Die Worte der Frau trafen sie unvorbereitet.
   Mühsam kämpfte sie sich durch die Wirkungen des Valiums, das sie vor ein paar Stunden geschluckt hatte, um schlafen zu können. Weil sie nichts sagte, wollte die Frau am Telefon wissen, ob sie sie richtig verstanden hatte.
   Megan nickte. Zu spät begriff sie, dass die andere sie nicht sehen konnte. »Ich rufe ein Taxi«, murmelte sie und legte auf.
   Sie tappte ins Badezimmer und ließ kaltes Wasser über ihr Gesicht laufen. Anschließend kramte sie im Kleiderschrank herum. »Den Schal nicht vergessen«, brabbelte sie vor sich hin.
   Im Krankenhaus sagte ihr die Schwester lediglich, dass Marc einen schweren Autounfall gehabt hatte. Weitere Auskünfte dürfe sie ihr nicht geben. Megan blieb nichts anderes übrig, als zu warten, bis der Arzt aus dem OP kam. Vage erinnerte sie sich, dass sie stets einen Rosenkranz mit sich herumtrug. Sie kramte in ihrer Handtasche danach.
   »Vater unser im Himmel …«, betete sie still, jedoch mit Inbrunst.

*

Elizabeth war vollkommen erledigt, jetzt, wo ihr Körper die Adrenalinausschüttung radikal einstellte. Ihr Ziel, Marc Cumberland am Leben zu halten, hatte sie erreicht.
   »Gut gemacht.« Jefferson klopfte ihr anerkennend auf die Schulter. »Sie legen sich jetzt auf der Stelle für ein paar Stunden hin. Ich spreche mit den Angehörigen und ordne alles Weitere für Zimmerman an.«
   Liz protestierte nicht.
   Sie grüßte Megan, als sie an ihr vorbeiging, verschwand im Dienstzimmer und kickte sich die Schuhe von den Füßen. Noch im Einschlafen spürte sie ein leichtes Flattern in ihrem Bauch. Sie legte kurz eine Hand darauf, wünschte ihrem Baby eine gute Nacht und sackte ins Reich der Träume.

*

»Du kannst heute nichts mehr für ihn tun.« Mit diesen Worten hatte Liz sie gestern nach Hause geschickt. Daran zumindest erinnerte sich Flo genau. Wie sie durch die nachtfinsteren und zum Teil recht glatten Straßen gelangt war, konnte sie nicht mit Sicherheit sagen.
   Die Nacht brachte keine Erholung. Unzählige Male schreckte sie hoch und hatte Marc vor Augen. Marc – gespenstisch blass, der blutete, blutete, blutete.
   Sie linste auf den Wecker. Es war Samstag, fiel ihr ein. Immerhin bestand keine Eile, weil Kevin nicht zur Schule musste. Aber sie brauchte unbedingt Gewissheit, wie es Marc ging. Kurz entschlossen rief sie bei den Tanners an. Es dauerte lange, bis jemand den Hörer abnahm. Die Hausangestellte meldete sich. Flo sah wenig Sinn darin, Josh oder Liz zu wecken und legte nach einer Höflichkeitsfloskel wieder auf.
   Sie richtete das Frühstück in der Küche her. Nachdem Bertha ihr einen guten Morgen gewünscht hatte, konnte sie endlich mit jemanden über ihre Angst um Marc Cumberland reden. »Ich muss wissen, was mit ihm ist.«
   Berthas Blick wanderte zur Küchenuhr. Flo wusste selbst, dass es noch zu früh war, um ins Krankenhaus zu fahren.
   »Du gehörst nicht zur Familie. Wenn du Pech hast, gibt dir niemand Auskunft.«
   »Wenn Elizabeth da ist …«
   »Dann steckt sie bis über beide Ohren in Arbeit.«
   Flo begann, durch die Küche zu tigern.
   Ihr zielloses Herumrennen half herzlich wenig, ihre Unruhe zu bekämpfen. Flo startete einen Streifzug durch das Haus und landete schließlich im Arbeitszimmer des alten Doc Svenson. Die unzähligen Ordner in den Bücherregalen enthielten nicht etwa alte Patientenakten, sondern Aufzeichnungen über Pflanzen. Er hatte Artikel aus Gärtner-Zeitschriften und handschriftliche Notizen sorgfältig katalogisiert und abgeheftet.
   Flo setzte sich an den Schreibtisch und blätterte durch einen dicken Ordner.
   Gardenie: zu den Heilpflanzen der chinesischen Medizin gehörend. Der Duft erinnert an Jasmin, sie wird deshalb als natürlicher Aromastoff in Tees benutzt.
   Frauenmantel: Gärtner schätzen am Frauenmantel die Schönheit von Blättern und Blüten.
   Hortensie: Sie steht nicht gern in der vollen Sonne. Benimmt sich wie eine üppige Dame, die gern einen pichelt.
   Flo lachte auf. Kuhschelle: Wird im Alter immer schöner.
   Zu schade, dass sie keine Kuhschelle war.

Nach dem Mittagessen hielt Flo nichts mehr davon ab, ins Krankenhaus zu fahren. Erst, als sie der Schwester versicherte, sie wäre die Freundin von Marc Cumberland, ließ man sie zu ihm.
   Flo überkreuzte hinter dem Rücken Mittel- und Zeigefinger ihrer rechten Hand. Amy würde ihr sicher verzeihen, und außerdem waren sie ja in gewisser Weise befreundet. Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Mittel – oder nicht?
   Marc schlief. Na ja, was hatte sie auch erwartet?
   Sie zog sich einen Stuhl heran, setzte sich und strich vorsichtig über seine Hand. Er sah entsetzlich blass aus, schlimmer noch als in ihren Träumen. »Mannomann, was machst du für Sachen?« Wie immer kam sie mit ihrer Nervosität besser zurecht, wenn sie einfach losplapperte. »Ich habe mir Sorgen gemacht.«
   Er öffnete die Augen und sah sie an. »Hallo Flo.«
   »Du hast mich ganz schön erschreckt, weißt du?«, fuhr sie fort und streichelte unentwegt seine Hand. Sie wurde sich dieser intimen Geste bewusst und räusperte sich. Ihre Hand jetzt rasch fortzuziehen, würde auch blöd wirken. Daher machte sie einfach weiter. »Wie geht es dir?« Sein leises Seufzen war ihr Antwort genug. »Kann ich irgendetwas für dich tun?«
   Er schüttelte den Kopf und senkte seinen Blick auf ihre streichelnde Hand.
   »Hast du vielleicht Durst?«
   Jetzt nickte er kaum merklich. Na also, endlich konnte sie Geschäftigkeit vortäuschen und entzog ihm ihre Hand. Rasch sprang sie auf die Füße und schnappte sich die Schnabeltasse vom Nachtschrank. Sie reichte sie ihm und hielt sie sanft an seine Lippen. Er begann, in großen Schlucken zu trinken. »Du bist anscheinend halb ausgetrocknet. Da muss sich doch jemand darum kümmern, statt dich hier allein liegen zu lassen. Bloß gut, dass ich hergekommen bin, was?«
   Er lächelte sie schief an, verschluckte sich und begann zu husten. Der restliche Tee lief an seinem Hals hinunter. Kraftlos rutschten seine Finger von der Tasse. Flo konnte gerade noch das Schlimmste verhindern. Immer noch hustend traten Tränen in seine Augen. Seine Hände umschlangen seinen Oberschenkel. Er musste höllische Schmerzen haben.
   »Es ist gleich vorbei, ganz ruhig«, startete sie einen lahmen Versuch, ihn zu beruhigen und stellte die Tasse ab.
   Endlich legte sich der Husten, doch sein Bein führte sich garantiert auf wie ein Despot.
   Marc keuchte auf und schloss für einen Moment die Augen. Seine Finger krallten sich in die Decke, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Tränen liefen über seine Wangen.
   »Ach herrje, so schlimm?« Blöde Frage, sie biss sich auf die Lippen. »Die müssen dir doch was gegen die Schmerzen geben.« Rasch wischte Flo ihm den Tee ab und tupfte behutsam ein paar Tränen fort, bis ihr aufging, was sie da eigentlich tat. Als sie den Blick hob, merkte sie, dass er sie musterte. »Äh …«
   Eine Schwester kam herein, um die Infusionsflasche zu wechseln, das bewahrte sie davor, irgendetwas Blödes zu sagen.
   »Ist doch schön, wenn man von seiner Freundin umsorgt wird, Mr. Cumberland«, bemerkte die Schwester, bevor sie wieder ging.
   Irritiert sah er Floriane an. »Was genau hast du ihr erzählt?«
   Flo bückte sich, um den verschütteten Tee aufzuwischen und murmelte etwas von »Nur Familie«.
   »Verstehe.«
   »Du verrätst mich doch nicht?«
   »Nur, wenn du niemandem erzählst, dass ich geheult habe.«
   »Oh, ich wollte gerade Plakate drucken lassen – mit Leuchtschrift, um sie in der ganzen Stadt zu verteilen.«
   »Du bist arm wie eine Kirchenmaus. So viel Geld hast du nicht.«
   »Hätte ich bloß nicht um ein paar Happen von deinem Burger gebettelt.«
   »Meiner Freundin würde ich doch mein letztes Hemd geben.«
   »Was für ein Glück.« Sie strahlte ihn an. Er sah sehr müde aus, also verabschiedete sie sich. »Grüß Amy von mir.«
   Erschöpft schloss Marc die Augen.

Auf dem Weg über die langen Krankenhausflure vernahm Floriane ein jämmerliches Weinen.
   »Ich will zu meiner Mama, ich will zu meiner Mama.« Eine Krankenschwester war sichtlich bemüht, das Kind zu beruhigen. Da es ein Nachthemdchen trug, schloss Flo, dass es sich bei dem Jungen um einen Patienten handelte. Mit einem Mal waberten Erinnerungsfetzen durch ihren Kopf – allein in einem Krankenzimmer. Ein Gefühl von Verlassenheit streifte sie und veranlasste sie, stehen zu bleiben.
   »Deine Mama muss arbeiten, das hat sie dir doch gesagt. Sie schaut heute Abend herein.« Erneut plärrte der Junge los. Die Krankenschwester war sichtlich genervt und sah sich resigniert um.
   »Hallo, ich bin Flo.« Ehe sie sich versah, ging sie in die Hocke und redete weiter. »Zeigst du mir mal dein Zimmer? Gibt es da auch was zum Spielen?«
   Der Bursche nickte unter Tränen. Die Krankenschwester ließ ihn los und er marschierte schnurstracks in eines der offen stehenden Patientenzimmer.
   »Vielen Dank, ich habe viel zu tun«, murmelte die Schwester zur Entschuldigung und hob kurz die Schultern, bevor sie davonlief.
   Flo spielte fast eine Stunde mit dem Kleinen »Ich sehe was, was du nicht siehst«. Ausdauer hatte er jedenfalls, das musste sie ihm lassen.
   »Gibt’s hier noch mehr Kinder?«
   »Klar.« Nat setzte eine altkluge Miene auf. »Wollen wir mal gucken gehen?«
   »Ja, klar. Vielleicht möchten sie mit uns spielen.«
   Tatsächlich gesellten sich zwei kleine Mädchen zu ihnen. Susie präsentierte stolz ihr Gipsbein, auf das jeder etwas malen sollte. Erst, als Nats Mutter kam, wurde Flo bewusst, wie lange sie bereits hier im Krankenhaus war. »Jetzt muss ich aber los.«
   »Kommst du morgen wieder?«
   Konnte sie Nats hoffnungsvollem Gesichtchen irgendetwas entgegensetzen? »Wenn du das möchtest.«

Flo war beseelt von dem herrlichen Gefühl, etwas Gutes bewirkt zu haben. Sie bereitete mit Bertha das Abendessen zu.
   »Ich habe unzählige Ordner vom alten Doc gefunden – über das Gärtnern. Darf ich mir die mal genauer ansehen?«
   »Kann mir nicht vorstellen, was er dagegen haben sollte.«
   »Prima.«
   Nach dem Essen nahm sie den ersten Ordner mit ins Bett und las, bis sie einschlief.
   Bereits nach dem Frühstück zog sie sich alte Klamotten an und schlüpfte mit zwei Paar dicken Socken in Johann Svensons alte Filzstiefel. Flo wollte die Gartengeräte im Schuppen näher unter die Lupe nehmen. In Johanns Aufzeichnungen hatte sie eine Auflistung gefunden, was in den verschiedenen Monaten im Garten zu tun sei.
   Nutzen Sie die Winterzeit, um alle Geräte zu warten. Entfernen Sie anhaftende Erde und beseitigen Sie Flugrost. Benutzen Sie dazu eine Drahtbürste. Feucht abwischen, abtrocknen und die Metallteile mit Sprühöl fetten. Stumpfe Spaten mit einer Feile schleifen.
   Ach herrje.
   Obwohl es ganz schön kalt war und ihr ausgestoßener Atem kleine Dampfwölkchen bildete, schien die Sonne hell und strahlend. Flo sah sich genauer um. Der Garten wirkte verlassen und das lag nicht an der Jahreszeit. Die Bilder in Johanns Aufzeichnungen zeigten deutlich, dass ein Garten auch im Winter schön aussehen konnte. Hier jedoch trauerten all die Pflanzen um Johann, ihren langjährigen Gärtner.
   Irgendwie änderte sich gerade etwas Elementares in Flos Leben. Puzzleteilchen fügten sich zu etwas, was von Anfang an zusammengehörte.
   Später rief sie bei Liz Tanner an, um Näheres über Marc zu erfahren, doch Josh ging ran.
   »Hallo, hier ist Flo. Ist deine Frau zu sprechen?«
   »Sie ist noch in der Klinik.«
   »Verstehe. Und wie geht es dir so?«
   »Ich mache mir ziemliche Sorgen um Victoria. Sie hat ihr Baby verloren.«
   »O nein.«
   »Seit der Fehlgeburt spricht sie kein einziges Wort.«
   »Das tut mir furchtbar leid, Josh.«
   »Wir sind alle ziemlich fertig.«
   »Kein Wunder.«

*

George war hin- und hergerissen. Die Sorge um Marc saß tief. Wenn Joshua Tanner nicht so umsichtig gehandelt und Amy informiert hätte, die wiederum seiner Frau Bescheid gesagt hatte, hätte er womöglich nie von dem Unfall erfahren. Ihm war aber auch bewusst, dass sein Sohn ihn nicht in der Nähe haben wollte, das hatte er ihm unmissverständlich klargemacht.
   Müde strich er sich über die Stirn. Er täte gut daran, es zu respektieren. Er führte einen Kampf, den er nicht gewinnen konnte.
   Wie ein uralter Mann griff er zum Telefon. »Ich bin es, Meg.«
   »Wie kannst du es wagen, George?«
   »Ich muss wissen, wie es Marc geht …«
   »Dazu hast du kein Recht.«
   »Er ist auch mein Sohn, Meg.«
   »Das war dir doch früher auch egal.«
   »Du weißt, dass das nicht stimmt. Bitte …«
   Lange blieb es still in der Leitung. Er presste den Hörer an sein Ohr. »Meg, bist du noch dran?«
   »Ja.«
   »Bitte sag mir, wie es unserem Jungen geht.«
   Sie begann zu weinen und berichtete ihm, was sie wusste.
   »Ich weiß, er will mich nicht sehen«, sagte George leise. »Ich möchte ihn jetzt auf keinen Fall aufregen. Aber könntest du mich über seinen Zustand auf dem Laufenden halten? Ich gebe dir meine Nummer und …«
   »Auf keinen Fall werde ich dich anrufen, George.«
   »Aber Meg, ich …«
   »Du hast gehört, was ich gesagt habe.«
   George seufzte. »Also gut. Erlaubst du mir wenigstens, mich bei dir zu erkundigen?«
   »Tu, was du nicht lassen kannst. Das hast du schließlich immer getan, wie wir beide wissen.«
   Er wollte sagen: »Fang nicht wieder davon an«, doch er verkniff es sich. Megan war krank vor Sorge um Marc. In ihrer verdrehten Denkweise gab sie George an allem die Schuld, was sich in den Jahren nach der Trennung ereignet hatte.
   »Eines Tages musste so etwas ja passieren«, holte Megan bereits aus.
   »Tu das nicht, Meg.«
   »Ist sowieso unnütz«, murmelte sie und legte auf.

*

Elizabeth floh ins Dienstzimmer. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, sackten ihre Schultern nach vorn und sie brach in Tränen aus. Nach Marcs Unfall hatten Jefferson und sie ihm einen Bypass in dem zertrümmerten Oberschenkel gelegt und den Knochen mittels verlängerter Knieprothese aus Titan versorgt. Doch diese wuchs nicht an. Die Wunde nässte. Sie jagten hoch dosierte Antibiotika und 5 mg Dipidolor durch seinen Körper, aber das Schmerzmittel wirkte atemdepressiv. Sie konnte die Gabe in dieser Höhe nicht lange aufrecht halten.
   Binnen kurzer Zeit hatte er erneut operiert werden müssen. Die Prothese wurde entfernt und ein externer Fixator eingesetzt. Trotz der Verabreichung von 1 mg Perfalgan alle sechs Stunden bekamen sie sein Fieber nicht in den Griff. Er litt höllische Schmerzen, sie gab ihm Morphium. Nicht mal damit ließ sich der Schmerz bekämpfen, allenfalls kontrollieren. Das Ergebnis seiner regelmäßigen Überwachung war alarmierend: Seine Zehen waren eiskalt, ihre Motorik verlangsamt, ebenso die Reaktion bei Berührung. Gerade war sie an seinem Bett gewesen und hatte sich davon überzeugen können.
   Er weinte vor Schmerzen. »Bitte Lizzy, tu etwas! Irgendetwas muss es doch geben. Hilf mir! Bitte …«
   Erneut verabreichte sie Morphium, so hoch, dass sie es gerade noch verantworten konnte. Was sie nicht vermochte, war, sein Leiden noch lange mit anzusehen. Daher hatte sie sich hierher geschleppt. Ein böser Verdacht lauerte seit Tagen in ihrem Hinterkopf: MRSA – multiresistente Keime. Wenn dies zutraf, würde nur noch ein Wunder eine Amputation verhindern. Und Wunder waren in letzter Zeit verdammt dünn gesät.

*

Da waren wieder diese merkwürdigen Pieptöne. Marc lauschte angestrengt, konnte sie jedoch nicht einordnen. Jemand berührte ihn. Dann unterhielten sich Personen. Er war zu müde, um auf ihre Worte zu achten. Durch sein rechtes Bein fraß sich ein aggressiver Schmerz, der ihn aufkeuchen ließ.
   »Mr. Cumberland, wie geht es Ihnen?«
   Marc gewahrte ein Gesicht, das er nicht kannte.
   »Haben Sie Schmerzen?«
   »Ja.«
   Hatte er nicht laut und deutlich geantwortet? Die Krankenschwester sah ihn noch immer prüfend an.
   War Flo da gewesen?
   Amy hatte ihn noch nicht besucht. Oder doch? Sollte er das nicht mitbekommen haben? Schon versank er wieder in Dunkelheit.
   Keine Frage: Er war in der Hölle gelandet. Und jetzt musste er für all seine Sünden bezahlen. Aber ihm fiel beim besten Willen nicht ein schweres Vergehen ein, das diese Bestrafung rechtfertigte. Gäbe es nur eine Möglichkeit, jetzt diesen geschundenen Körper zu verlassen – er würde es tun. Ohne Zweifel.
   »Mr. Cumberland.«
   Marc öffnete die Augen.
   »Ich bin Ian Brosnan und wurde vorübergehend als Sheriff dieses Countys eingesetzt. Verzeihen Sie die Störung, aber ich muss Ihnen einige Fragen zum Unfall stellen.«
   Er sah den Polizisten wortlos an.
   »Woher kamen und wohin wollten Sie?«
   Er gab dem Sheriff eine kurze Antwort.
   »Was passierte an der Kreuzung Rosevelt/Mainstreet, Mr. Cumberland?«
   Marc versuchte, sich trotz des bohrenden Schmerzes in seinem Bein auf die Fragen zu konzentrieren. »Die Ampel war erst rot, schaltete dann aber auf Grün um und ich fuhr weiter, bis … bis …« Als er sich erinnerte, durchfuhr ihn der gleiche Schreck wie in der Unfallnacht. »Jemand betrat die Fahrbahn, tauchte plötzlich aus dem Nichts auf … Ich habe es zu spät gesehen … Es war dunkel … und … bremsen. Dachte ich und dann, nichts mehr. Auf einmal war Flo da und redete. Sie redet immer. Und Liz mit dem Rettungswagen – gut, dass Liz da war … sie, eh …«
   »Hatten Sie auf der Feier etwas getrunken?«
   »Nicht der Rede wert.«
   »Wie viel?«
   »Ein halbes Glas Sekt – aber das waren Stunden, bevor ich die Feier verließ.«
   »Verstehe.«
   »Ich war nicht betrunken. Das … eh …«
   »Ja?«
   Müssen Sie mir glauben – doch Marc sprach die Worte nicht aus. Es würde nur wie eine Lüge, wie eine billige Ausrede klingen. Wieso sollte er sich rechtfertigen? Immerhin war schließlich er das Unfallopfer. Oder nicht? Ein schrecklicher Verdacht, eine angstvolle Ahnung machte sich in seinem Herzen breit. Seine Gedanken zerfielen, wollten sich nicht mehr festhalten lassen. »Was ist mit …«
   Bis der Sheriff ihm ruhig antwortete, hatte Marc nicht gewusst, dass er die Frage laut gestellt hatte.
   »Die Frau kam bei dem Unfall ums Leben.«
   Sie ist tot … tot … Ein Übelkeit erregendes Grauen breitete sich wie ein langsamer, schrecklicher Hunger in ihm aus. »Es tut mir leid.« Er schloss erschöpft die Augen. »Ich kann nicht …«

*

»Zimmerman«, wandte sich Dr. Tanner an Curtis. »Gehen Sie zu Marc Cumberland. Ich benötige drei Abstriche. Und halten Sie sich exakt an die besprochene Vorgehensweise.« Sie nickte ihm und den anderen Kollegen zu und verschwand im OP-Trakt.
   Der Verdacht seiner Chefin hinsichtlich MRSA stimmte ihn nicht gerade zuversichtlich. Kein Wunder, dass Elizabeth Tanner, obwohl noch keine genauen Testergebnisse vorlagen, die Hygienekette rund um Cumberland kontrollierte. Jeder musste vor und nach dem Betreten seines Zimmers die Händedesinfektion äußerst gewissenhaft vornehmen sowie spezielle Schutzkleidung anlegen.
   Obwohl er nun bereits einige Jahre im St. Elwine Hospital arbeitete, hatte er bei Elizabeth Tanner noch nie diesen bestürzten Gesichtsausdruck beobachtet. Sie war persönlich so sehr betroffen, dass er allen Ernstes begann, sich um sie zu sorgen. Lächerlich – sie war sicherlich imstande, sich selbst zu schützen.
   Angetan mit Schutzkittel, Haube und Vinylhandschuhen machte sich Curtis daran, ihren Auftrag auszuführen.
   »Was hat dieser lächerliche Aufzug zu bedeuten?«
   »Wir haben neue Vorschriften, Marc.«
   »Seit wann?«
   Statt zu antworten, entnahm Curtis einem mitgebrachten Glasröhrchen einen sterilen Wattetupfer. Da der Patient ihm nun direkt in die Augen sah, blieb Curtis nichts anderes übrig, als ihm eine halbwegs glaubhafte Erklärung zu liefern. »Ihr Fieber ist nicht leicht in den Griff zu bekommen und wir müssen weitere Tests machen.« Noch während er erklärte, dass er drei Zellabstriche von verschiedenen Stellen benötigte, führte er den Wattetupfer in Marcs Nase ein, um Material aus dem Nasenvorhof zu gewinnen.
   »Igitt.« Marc verzog das Gesicht.
   »Das ist reine Routine.«
   »Ich beneide Sie jedenfalls nicht um Ihren Job, Doc.«
   Schon löste Curtis einen der Verbände am Bein. Marc zuckte zusammen. »Muss das sein? Bereits nach dem Verbandswechsel am Vormittag war ich schweißgebadet. Die Schmerzen bringen mich fast um, selbst wenn sich niemand an der Wunde zu schaffen macht.«
   Oberhalb des Knies sahen die Wundränder entzündet aus. Curtis wischte mit dem zweiten Wattetupfer flüchtig darüber. Für Marc musste es sich anfühlen, als triebe jemand ein Messer in sein rohes Fleisch.
   »Heilige Muttergottes.«
   »Tut mir leid.«
   »Das will ich auch hoffen.«
   Als er den Verband erneuerte, klammerte sich Marc am Bettzeug fest. »Das Zimmer dreht sich um mich.« Er schloss für einige Sekunden die Augen.
   Curtis ließ ihm etwas Zeit zum Verschnaufen. Er erklärte Marc, was er als Nächstes tun würde, aber er merkte, dass seinem Patienten die Konzentration fehlte. Marc hörte ihm nicht mehr zu. Besser, er beeilte sich.
   Curtis schob Marcs gesundes, linkes Bein etwas zur Seite und fuhr mit einem dritten Wattetupfer an Marcs Anus herum.
   Ein Blick in Marcs Gesicht genügte und er konnte dessen Empörung ablesen. »Was zum Geier tust du da?«
   »Ist etwas unangenehm, ich weiß.«
   »Das kann man wohl sagen.«
   »Okay, für die Zukunft werde ich noch ein bisschen an meiner Technik feilen.« Ein wenig herumzufrotzeln, half über die Situation hinweg.
   Und richtig, Marc ging darauf ein. »Dazu wird es nicht kommen, verlass dich drauf.«
   »Geh lieber nicht davon aus.«
   »Ich dachte, du bist hetero.«
   »Ja, und die Mädels haben sich noch nie über mich beschwert.«
   »Dann wird es Zeit, dass das mal jemand tut.«

*

Heftige Menstruationsbeschwerden plagten Flo, und nachdem Kevin zur Schule losgegangen war, wäre sie am liebsten mit einer Wärmflasche auf dem Bauch wieder im Bett verschwunden. Es kostete sie alle Kraft, diesem Drang nicht nachzugeben. Stattdessen schleppte sie sich ins Badezimmer und riskierte einen Blick in den Spiegel. Ein fataler Fehler. Sie sah grauenhaft aus und ihre Laune sank noch weiter in den Keller. Flo fühlte sich wie Scarlett O’Hara im brennenden Atlanta und beschloss, sich erst mal einen heißen Tee zu genehmigen.
   Mit der dampfenden Tasse neben sich, fläzte sie sich in Charlottes alten Sessel. Die Spannung in ihrem Bauch ließ endlich nach. Sie döste ein wenig vor sich hin.
   O Gott, die ganze Stadt brannte. Es gab nur einen Ausweg: Atlanta verlassen, so schnell wie möglich und auf dem Lande Schutz suchen. Sie sah an sich hinunter – ihr einstmals so schönes Kleid stand vor Schmutz, der Saum wies an mehreren Stellen Risse auf. In ihrem Haar und auf ihren Wangen klebte Ruß. Hoffentlich würde sie irgendwer in ihrem Zustand aufnehmen.
   Jemand stellte sich ihr in den Weg und brachte damit zwangsweise die Kutsche zum Stehen. »Brrr.«
   Ein Mann im schmutzig-weißen Rüschenhemd grinste sie an.
   »Was …« Noch bevor sie fragen konnte, was dies alles zu bedeuten hatte, wurde Floriane an den Hüften gepackt und mit Schwung herunter gehoben. Sie wollte schon empört nach dem Grobian treten, als er zu lachen begann. »Hey, du kleine Wildkatze, pass auf, was du tust.«
   Er bot, ebenso wie sie, derzeit einen wilden Anblick, doch diese Stimme hätte sie überall auf der Welt erkannt. »Rhett.«
   »Ganz recht, Gnädigste.«
   Ihr fiel plötzlich ein, dass sie gänzlich ohne Anstandsdame unterwegs war und räusperte sich verlegen. »Mr. Butler, ich weiß nicht …«
   Er ließ sein dröhnendes Lachen hören – verstummte jedoch von einer Sekunde zur anderen und sah sie an. Intensiv brannten sich seine Blicke in die ihren. Flo wagte kaum zu atmen, etwas regte sich tief in ihrem Innern. Und während er sie an sich zog, flüsterte er: »Ich liebe dich, wie ich noch keine andere geliebt habe …«
   »Willst du heute gar nicht frühstücken, Herzchen?« Bertha lächelte sie an. »Oh, geht’s dir nicht gut?«
   »Nur das Übliche, es holt mich alle paar Wochen ein.«
   »Verstehe.«
   »Ich bin gleich so weit.«
   »Du schonst dich heute einfach mal. In drei Tagen ist Weihnachten, dann hast du endlich etwas Zeit zum Ausruhen. Ihr jungen Frauen heutzutage denkt immer, es geht nicht ohne euch. Charlotte ist kreislaufmäßig momentan auch sehr angeschlagen. Wenn du mich fragst, sie halst sich einfach zu viel auf. Kein Wunder, dass der Körper irgendwann mit Erschöpfung reagiert. Ihr geht es immerhin so schlecht, dass sie die Praxis bereits ab heute schließt und erst im Januar wieder öffnet. Das verschafft dir gleichfalls eine Verschnaufpause. Du brauchst die nächsten Tage dort nicht sauber zu machen. Ruf bei Bonny Sue an, ob du heute ausnahmsweise zu Hause bleiben kannst. Erklär ihr, was los ist. Ist sicher kein Weltuntergang, wenn du dich mal einen Tag lang ausruhst.«
   Berthas Fürsorge tat ihr heute ganz besonders gut, daher nahm sie den Ratschlag an. Nach dem Telefonat griff sie sich die Aufzeichnungen des alten Doc und machte es sich in ihrem Bett gemütlich.
   Wer beim Säen träge ist, wird beim Ernten neidisch (aus China).
   »Aha.«
   Radieschen sind ein tolles Einstiegsgemüse. Sie sind unkompliziert in der Anzucht und zeigen schon nach kurzer Zeit leckere Erfolge.
   »Das muss ich mir merken und ausprobieren.«
   Zitronentagetes – sie haben kleine gelbe Blüten; nicht so große wie normale Studentenblumen. Sie riechen nicht nur nach Zitrone, sondern auch nach Tagetes, aber würzig – sehr schön. Neben Rotkohl sehen sie nicht nur gut aus, sie halten auch schädliche Fadenwürmer fern.
   Flo fand das alles hochinteressant. Sie betrachtete eingehend die Fotos und verliebte sich auf der Stelle in die putzige Zitronentagetes.

*

»Curtis, wo bleiben Sie denn?« Elizabeth hatte Mühe, ihre Ungeduld im Zaum zu halten.
   »Ich habe die Ergebnisse aus dem Labor abgeholt. Außerdem habe ich bereits die Notizen der Nachtschwester geprüft. Ich lege nun sämtliche Informationen für Sie bereit, Dr. Tanner.«
   »Entschuldigen Sie, Zimmerman.«
   »Okay.«
   Keine fünf Minuten später saß sie im Ärztezimmer und sah sich die Ergebnisse an. Fast zeitgleich gesellte sich Jefferson hinzu. Gemeinsam beugten sie sich über die immer größer werdende Krankenakte von Marc Cumberland. Lange sagte keiner ein Wort.
   »Es gibt da ein neues Antibiotikum«, sagte Liz in das Schweigen hinein.
   Als Jefferson ihr kurz eine Hand auf die Schulter legte, war klar, wie seine Entscheidung ausfiel. Und natürlich hatte er recht damit. Sie wusste es ja selbst. Aber bei Gott, es handelte sich um Marc …
   Sie machte sich auf den Weg zu seinem Krankenzimmer und wünschte, dort nie anzukommen. Wurden ihre Schritte wirklich immer schleppender, je näher sie der Tür kam?
   »Guten Morgen, wie geht es dir heute?« Elizabeth sah sofort, dass das Fieber wieder gestiegen war. Ohne eine Antwort abzuwarten, begann sie umständlich vom Staphylococcus aureus zu reden. Weiter erklärte sie, dass, falls diese Bakterien Resistenzen gegen mehrere wichtige Antibiotika erwerben und somit multiresistent würden, schwer zu eliminieren wären. Sie wies auf die mangelnde Durchblutung in seinem rechten Bein hin.
   »Du warst auch schon mal konkreter. Hast du etwas dagegen, mir zu erklären, was das Ganze soll?«
   »Die Nekrose ist bereits sehr weit fortgeschritten und …«
   »Könnten wir eventuell so tun, als hätte ich nicht Neurochirurgie studiert?« Er sah sie an, das Kinn gesenkt, die Verkörperung unendlich strapazierter Geduld.
   Sie hielt nur kurz inne, räusperte sich und deutete an, dass multiresistente Keime schlimmstenfalls zum Tode führen konnten.
   »Mich plagen so heftige Schmerzen, dass ich fast gewillt bin, mir einen raschen Tod zu wünschen. Aber eben nur fast. Daher verfolgen wir den Gedanken besser nicht weiter.« Es klang, als würde er sie abkanzeln. »Was sind meine Optionen?«
   »Ich fürchte, es bleibt nur die Amputation.«
   »Juhu – weißt du, was ich eben verstanden habe: Amputation.«
   Wie ein Stein fiel das Wort in die darauf folgende Stille. Die Eindringlichkeit seines Blickes müsste ihr die Tränen in die Augen treiben, doch sie brannten nur vor Schmerz, blieben ansonsten trocken. »Wir haben nicht mehr viel Zeit. Jefferson will dich heute Abend operieren«, informierte sie ihn sachlich.
   »Immerhin kann man dir nicht vorwerfen, dass du zu weich bist.«
   Sie spürte, wie er mit den Tränen kämpfte, und ließ ihn allein. Wenn sie nur wüsste, was sie zum Trost sagen könnte. In ihrem Hals pochte ein abstruser Schmerz.

*

Amy setzte ihren einmal gefassten Entschluss in die Tat um. Sie hatte Blumen besorgt. An der Rezeption des Krankenhauses fragte sie nach und erfuhr, dass Marc noch immer auf der Intensivstation lag. Dort angekommen wollte man sie zunächst nicht zu ihm lassen. Glücklicherweise erwischte sie Elizabeth auf dem Gang.
   »Ich muss ihn unbedingt sehen, bitte.«
   »Das ist sehr gut, dass du da bist. Es ist wichtig, dass Marc heute Nachmittag nicht allein ist.«
   Sie sah Liz verständnislos an.
   »Meine nächste Operation steht gleich an. Ich schicke dir eine Krankenschwester, die dir beim Anlegen der Schutzkleidung behilflich sein wird. Stell die Blumen dort hinüber, die Schwester wird sie entsorgen.«
   Scham brannte in Amys Gesicht. Natürlich! Wer stellte schon Blumen auf ein Nachtschränkchen auf der Intensivstation? Sie hatte nicht geahnt, dass es noch immer so schlecht um Marc stand.
   Als sie an Marcs Bett trat, hielt er die Augen geschlossen.
   Sie zog sich einen Stuhl heran. Sein Anblick erschreckte sie. Dennoch war sie bemüht, sich ihren Schock nicht anmerken zu lassen. Inzwischen war es draußen fast schon dunkel. Wie sie diese Jahreszeit verabscheute. Ihre restlichen Sachen aus dem Apartment zu räumen hatte mehr Zeit beansprucht, als sie eingeplant hatte. Sie wollte das Gespräch mit Marc rasch hinter sich bringen, aber ihn aufzuwecken war ihr momentan unmöglich. Was sollte sie tun? Vielleicht doch ein anderes Mal wiederkommen? Und überhaupt, was hatte Liz ihr sagen wollen? Es ist gut, wenn er heute Nachmittag nicht allein ist …

*

Marc spürte, dass jemand im Raum war. Konnten sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Erst vorhin war der Anästhesist da gewesen, der mit ihm über die Narkose reden wollte. Mittlerweile brodelte es in seinem Bauch. Amputation – der Gedanke hatte es schwer, sich in seinem Kopf auszubreiten. Was er in seinem Magen spürte, war keine Angst – es war lähmendes Entsetzen.
   »Bist du wach?«
   Gehörte die flüsternde Stimme zu Amy?
   Er schlug die Augen auf. »Oh, so hoher Besuch.« Seine Stimme spuckte Wut und Verzweiflung in den Raum.
   »Es tut mir leid, was passiert ist«, sagte sie leise.
   Sein Lachen klang nicht fröhlich.
   »Ich muss mit dir reden.« Amy verschränkte ihre Finger ineinander, da sie offenbar nicht wusste, was sie sonst mit ihnen anstellen sollte. »Es ist nicht leicht, den richtigen Anfang zu finden. Vieles hat sich geändert, zwischen uns, meine ich.«
   Sein Blick schwebte im Nirgendwo. Er wusste plötzlich, was sie ihm sagen wollte, und starrte so angestrengt aus dem Fenster, als gäbe es dort mehr zu sehen als pechschwarze Dunkelheit.
   »Wir haben es wirklich versucht. Eine Liebe, die allem widersteht, was das Leben ihr entgegensetzt. Das klingt sehr schön, nicht wahr? Doch es hat nicht funktioniert.«
   »Du hast recht. Im Apartment …«
   »Ja?«
   »Nimm dir, was du möchtest.«
   »Danke.«
   »Gibt es jemand anderen?«
   Ihr Schweigen war Antwort genug. So fühlte es sich also an, wenn man am Ende des Schweigens angelangt war. Und es war nicht plötzlich gekommen, sondern ganz allmählich. Ihren Weg zueinander fanden sie nicht mehr.
   »Entschuldige, du musst es mir nicht sagen.«
   »Ja.«
   Marc nickte kurz. »Verstehe.«
   »Es ist …«
   »Fährst du heute noch zurück?«
   Amy nickte.
   »Fahr vorsichtig.«
   Sie sah ihm in die Augen. »Es tut mir wirklich leid.«
   »Du hast alles richtig gemacht. Es war schön mit dir.«
   »Danke, dass du das sagst. Was ist mit dem Schlüssel?«
   »Das eilt nicht.«
   »Wann denkst du, kannst du wieder nach Hause?«
   Sein Magen sackte plötzlich ins Bodenlose. »Sie wollen mir mein Bein abnehmen.« Die Worte waren heraus, ohne dass er es beabsichtigt hatte.
   Schockiert starrte sie ihn an. »O Gott, nein.« Sie senkte den Kopf. »Ich wünschte, ich wäre heute nicht hergekommen.«

Sie kamen, um ihn zu holen, und er konnte nichts dagegen tun. Angst lief ihm wie Eiswasser über die Wirbelsäule.
   »Hören Sie …«, hob er an. Und weiter? Was wollte er eigentlich sagen? Ein kerniges: »Sie verlassen jetzt auf der Stelle dieses Zimmer?« Einfach lächerlich.
   Er fror jämmerlich. Im OP entdeckte er Liz und Jefferson, der sich über irgendwelche Unterlagen beugte.
   Die Frau seines besten Freundes drückte seine Hand. Dennoch konnte er den Gedanken nicht verdrängen, eine Verräterin an seiner Seite zu haben.
   »Es tut mir sehr leid.«
   Bitte, dachte er, bitte, tu das nicht. Etwas Warmes quoll aus seinen Augenwinkeln. Jeffersons Gesicht kam näher. Der Raum verschwamm vor seinen Augen.

*

Elizabeth spürte eine heftige Gegenwehr von Marc ausgehen. Obwohl er bereits fast in Narkose war, hörte sie ihn murmeln: »Bitte … nicht …«
   »Elizabeth.« Sie spürte den Blick ihres Chefs und rief sich zur Ordnung. Noch nie war ihr dies so schwer gefallen.
   Der Patient war ordnungsgemäß gelagert, der Anästhesist nickte zustimmend – es konnte losgehen. Wie immer bei ihren Operationen ging sie vorab die Schritte im Geiste durch. Schnittführung: fischmaulförmig mit der Basis etwa 3 cm distal der Knochenresektion, Durchtrennung tiefer Muskelbündel, Gefäße doppelt ligieren …
   Sie fühlte sich seltsam beruhigt mit Jefferson an ihrer Seite. Nachdem der externe Fixator entfernt und der Knochen frei präpariert war, reichte ihr die Schwester die Säge.
   Plötzlich fühlte sie sich, als hätte ihr jemand einen Schlag in die Magengrube versetzt. Das ist die Schwangerschaft, versuchte sie sich einzureden. Und wusste doch in der nächsten Sekunde, dass es nicht stimmte. Nie hatte sie das Geräusch der oszillierenden Säge so sehr gehasst wie am heutigen Tag. Sie setzte die Säge an, um das Femur zu durchtrennen, aber ihre Hand begann zu zittern.

*

Flo hatte alle Geschenke verpackt. Das Päckchen und den langen Brief an ihre Eltern hatte sie bereits vor Tagen nach Deutschland abgeschickt. Im Brief befanden sich ein paar neue Aufnahmen von Kevin und ihr. Ihre Eltern wussten, dass sie umgezogen war, und so hatte Flo auch Fotos von ihrer neuen Wohnung geschossen. Val blieb unerwähnt – noch immer waren ihre Mutter und ihr Vater ahnungslos, was Flos Ehe betraf. Wenigstens an Weihnachten sollte man doch die Wahrheit sagen, durchzuckte sie ein Anflug schlechten Gewissens. Andererseits würde sie ihnen das ganze Fest verderben, wenn sie jetzt von der Scheidung berichtete. Der geeignete Moment für Erklärungen war einfach noch nicht da. Bald, nahm sie sich vor, würde sie ihnen reinen Wein einschenken. Es fiel ihr erschreckend leicht, die ganze Angelegenheit auf später zu verschieben.
   Heute war Weihnachtsabend und die blöden Menstruationsbeschwerden waren vorerst passé. Der plötzliche Kälteeinfall vor gut einer Woche hatte kein Winterwetter gebracht. Es herrschten eher frühlingshafte Temperaturen, und obendrein nieselte es schon den ganzen Tag. Dies versetzte ihrer weihnachtlichen Vorfreude einen Dämpfer. Natürlich, es waren stets die falschen Erwartungen, die schließlich zu einer Enttäuschung führten. Wie konnte sie auch davon ausgehen, dass es heute schneien würde?
   Es waren noch einige Stunden Zeit bis zur Bescherung.
   Gerade, als sie beschloss, sich eine Tasse Tee zu kochen, klingelte das Telefon. Das Krankenhaus war dran. Der engagierte Weihnachtsmann lag mit einer Erkältung im Bett. Da sie in letzter Zeit die Kinder so liebevoll betreut hatte, fragte man Floriane, ob sie nicht einspringen könne.
   Was gab es da schon zu überlegen? Selbst, wenn sie sich vergegenwärtigte, dass sie weiß Gott von der Statur eines Weihnachtsmannes meilenweit entfernt war, kam eine Absage nicht infrage. Eine Erinnerung, dunkel wie ein Schatten, legte sich auf ihre Schultern, als sie die Klinik betrat. Die Gedanken waberten flüchtig in ihrem Kopf herum, und noch ehe sie sich manifestieren konnten, schob Flo sie vehement zur Seite. Eine Übung, die sie beinahe perfekt beherrschte. Die Erinnerungsfetzen verschwanden, doch das beklemmende Gefühl blieb.
   Rasch schlug sie den Weg zur Kinderstation ein. Man hatte natürlich alles versucht, um die Kinder, die wieder halbwegs auf dem Posten waren, zu Weihnachten zu entlassen. Bei zwei kleinen Patienten war das leider nicht möglich gewesen.
   Wie nicht anders zu erwarten, war das Santa-Claus-Kostüm viel zu groß.
   Die junge, diensthabende Schwester musste lachen bei ihrem Anblick. »Sieht verdächtig nach Magersucht aus«, prustete sie vergnügt.
   Sofort brachte sie ein Kissen, das sie Flo um die Hüften drapierte und mit einem Elastikschlauch fixierte. »Das kommt schon besser.« Zufrieden betrachtete sie ihr Werk.
   Flo war eher skeptisch. Ein Weihnachtsmann mit mopsiger Taille auf Stöckchenbeinen bot bestimmt einen grandiosen Anblick. Die Schwester reichte ihr ein Paar wuchtige Stiefel, die tatsächlich ihre spindeldürren Beine kaschierten.
   »Kann man die an meinen Füßen festtackern, bevor ich diese Melkeimer verliere?« Der dicke Rauschebart, der ihr von hinten über das Gesicht geschoben wurde, verschluckte ihren Einwand.
   Kranke Kinder am Weihnachtsabend zu erfreuen, war eine leichte Übung. Womit Flo nicht gerechnet hatte, war, dass man sie auch bat, nach den anderen Patienten zu sehen und ihnen eine kleine Überraschung zu überreichen.

*

Scott Peterson versuchte gar nicht erst, gegen seine widerstreitenden Gefühle anzukämpfen. Was ihn aber wirklich quälte, war, dass Naomi das erste Mal Weihnachten ohne ihre geliebte Mommy verbringen musste. Dass Liza auch nach Weihnachten nicht wiederkommen würde, auch nicht zum Jahreswechsel, zu ihren Geburtstagen, zu Ostern, nicht, wenn Naomi zur Schule kam – überhaupt niemals, war schwer zu begreifen. Für den Bruchteil einer Sekunde traf ihn die Erkenntnis mit voller Wucht. Scott wischte sich über die Augen.
   »Wir müssen Milch und Kekse hinstellen, Daddy, sonst kommt der Weihnachtsmann nicht zu mir.«
   Er straffte die Schultern. »Er kommt immer zu braven Kindern. Wir legen trotzdem alles bereit. Du warst doch brav, oder?«
   Seine fünfjährige Tochter machte ein nachdenkliches Gesicht und biss sich schließlich in die Unterlippe. »Mommy hat gesagt, ich bin ein ganz liebes Mädchen.« Während sie den Satz aussprach, wurde ihre Stimme immer leiser.
   War es möglich, dass ein so kleines Mädchen bereits versuchte, ihren Vater nicht zu verletzen? Bei diesem Gedanken zog sich sein Herz schmerzhaft zusammen.
   Naomi sah ihn offen an. Scott drückte sie fest an sich. Er schmiegte sein Gesicht in ihr weiches, nach Himbeerbonbons duftendes Haar. Um ihretwillen tat es ihm am meisten leid. Er trauerte auch um seine Frau, doch gab es da noch ein anderes Gefühl. Eines, das er besser niemandem gegenüber erwähnte. Er würde die Feiertage irgendwie überstehen, alle Formalitäten regeln, und wenn das erledigt war, schnellstens mit seiner Tochter diese Stadt verlassen.

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