Luxus, Party und Intrigen – das ist das Leben der verzogenen, reichen Privatschüler am sonnigen Santa Monica Pier. Doch der Schein trügt, denn auch bei den Superreichen ist nicht alles Gold, was glänzt. Das muss Emilia, die Anführerin der Schulclique, am eigenen Leib erfahren. Zuerst betrügt ihr Freund Alexander sie, dann findet sie heraus, welche dunklen Geheimnisse ihr Vater verbirgt. Und alles in allem ist da noch Jules, Emilias eigentlich beste Freundin, die ihre Chance schnuppert, selbst auf den Thron der Schulkönigin zu klettern. Doch Emilia wäre nicht Emilia, wenn sie sich so einfach besiegen lassen würde. Frecher Blick hinter die Kulissen der Reichen und Schönen.

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ISBN: 978-9963-53-830-0

Seiten: 224

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Teresa Nagengast

Teresa Nagengast (25) lebt mit ihrem Lebensgefährten im ländlichen Bereich in Mittelfranken. Nach ihrem Journalismus-Studium arbeitete sie erst in einem Bildungsverlag und mittlerweile als Online-Redakteurin für eine Tageszeitung. Seit zwei Jahren veröffentlicht sie zudem mit Begeisterung ihre eigenen Romane. Die Sparte reicht hierbei von Frauenromanen über Dramen bis hin zu fantasievollen Jugendbüchern.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Mit irgendjemandem hatte Julienne rumgemacht, und Catharina, diese Oberschlampe, war mit Juliennes älterem Bruder verschwunden.
   Das Klingeln des Weckers hämmerte in Emilias Ohren. Stöhnend richtete sie sich auf und zog die Schlafbrille von den Augen. Verschwommen entsann sie sich ihres letzten Gedankens im Traum. Irgendetwas mit Julienne. Catharina … ihr entglitt die Erinnerung.
   Ein kurzer Blick auf das Ziffernblatt ihres Weckers verriet, dass es kurz nach sechs Uhr morgens war. Mit einer Hand an ihrer pochenden Schläfe suchte sie mit der anderen in ihrem Nachttisch nach den Kopfschmerztabletten. Vorsichtshalber nahm sie gleich zwei heraus und spülte sie mit dem Glas Wasser, das neben ihrem Bett stand, hinunter.
   Sie quälte sich aus dem Bett, schlurfte zur Dusche und drehte den Hahn auf. Was war gestern passiert? Und wer war auf die glorreiche Idee gekommen, eine Poolparty zu veranstalten? Sie stöhnte, obwohl sie zumindest die letztere Antwort bereits kannte. Natürlich ihre beste Freundin Julienne, die mit ihren Eltern in dem Strandhaus direkt nebenan wohnte. Sie versuchte, die Ereignisse der vergangenen Nacht zu reproduzieren, doch sie erinnerte sich nur an einzelne Abschnitte. Da war er wieder, der letzte Gedanke ihres Traums. Mit irgendjemandem hatte Julienne rumgemacht und Catharina, diese Oberschlampe, war mit Juliennes älterem Bruder verschwunden.
   Emilia hatte das dumpfe Gefühl, dass gestern noch irgendetwas vorgefallen war, doch es wollte ihr nicht einfallen.
   Sorgfältig föhnte und frisierte sie ihr Haar, bevor sie Lidschatten, Mascara und Puder auflegte. Zufrieden betrachtete sie ihr Spiegelbild. Mit ihren großen braunen Augen, den vollen Lippen und der roten Schleife in dem seidig glänzenden kastanienbraunen Haar wirkte sie wie die Unschuld vom Lande. Und der Schein war hier am sonnigen Santa Monica-Peer schließlich alles, was zählte.
   Ohne sich weitere Gedanken über die vergangene Nacht zu machen, zog sie eines ihrer unzähligen Chanel-Kleider an, hängte ihre neue rote Krokodilledertasche von Chartier über den Arm und setzte eine riesige runde Sonnenbrille auf – schließlich wollte sie auf keinen Fall mit Augenringen gesehen werden. Es war an der Zeit, den neuesten Tratsch in der Schule zu verbreiten und zu erfahren, wie der gestrige Abend wirklich abgelaufen war.
   Wie zu erwarten, versprach auch dieser Tag mild und sonnig zu werden. Mit einem leisen Rattern öffnete sich das automatische Schiebedach ihres Audi T 8, und nachdem sie die Ausfahrt passiert hatte, drehte Emilia die Musik, im Moment bevorzugte sie die neue hippe Band »Charleston«, die in ihrer Schule gerade der absolute Renner war, laut auf. Ohne auf das Auto, das von rechts kam, zu achten, parkte Emilia ihren Wagen direkt vor der Schuleinfahrt und ignorierte das empörte Hupen der Fahrerin, die in letzter Sekunde abbremste. Stattdessen prüfte sie in dem Autospiegel noch einmal ihr Make-up und ihre Frisur, dann stieg sie aus und stöckelte den gepflasterten Weg zum Eingang des Gebäudes hoch. Rechts und links des Weges bewässerten bereits seit den frühen Morgenstunden zwei Rasensprenger die akribisch angelegten Gartenanlagen der Privatschule und ließen trotz der warmen Frühsommertage das Gras saftig grün erblühen.
   Julienne wartete bereits am Eingang auf sie, die blonden Haare genauso aufwendig zurechtgemacht wie Emilias eigene Frisur. Zum Glück hatte Julienne trotz einer Nasenoperation, der sie sich in den Sommerferien unterzogen hatte, noch immer einen leichten Höcker, sodass Emilia ihren Rang als Schulkönigin nicht gefährdet sah.
   »Hallo Mila«, begrüßte Julienne sie mit zwei Küsschen auf die Wangen. Sie hatte ebenfalls eine große Sonnenbrille aufgesetzt.
   »Hallo Jules, na, ist gestern noch alles gut verlaufen?« Emilia hakte sich bei der Freundin unter, und gemeinsam stolzierten sie durch die Eingangstür.
   Die Privatschule, auf die sie zusammen mit zweihundert weiteren Schülern gingen, war nur für die obere Gesellschaftsschicht finanzierbar, und ihre Eltern mussten jährlich fünfzigtausend Euro Schulgeld aufbringen, um ihren Sprösslingen das Leben an der Eliteschule zu ermöglichen. Dafür besaß das Schulgelände eine eigene Schwimmhalle, ein Fitnesscenter, jegliche Sportmöglichkeiten und die beste Cafeteria des Landes – so hieß es zumindest in der Presse.
   »Na ja. Nachdem Steve auftauchte und mir eine Riesenszene gemacht hat, war der Abend eigentlich gelaufen.«
   Steve war Juliennes Freund, und es kam fast täglich vor, dass sich die beiden stritten. Wahrscheinlich war der ausschlaggebende Grund das Fremdknutschen, vermutete Emilia. Sie hatte Julienne schon hundertmal gesagt, dass sie das lassen solle, doch ihre Freundin wollte einfach nicht auf sie hören. Sie entgegnete nur, dass Steve es ja genauso mache und sie nicht die Person sein wolle, die ihm hinterherlief. In diesen Momenten dachte sich Emilia immer, wie froh sie mit ihrem Freund Alexander sein konnte. Er drängte sie weder zu Sex noch würde er je eine andere anschauen – da war sich Emilia ziemlich sicher. »Habt ihr euch noch nicht ausgesprochen?«
   »Nein, er ist dann gegangen. Mal sehen, wie der Schultag …« Bevor Julienne ihren Satz beenden konnte, bogen Steve und Alexander um die Ecke. »… heute wird!«
   Alexander grinste, als er sie beide entdeckte.
   Steve dagegen fixierte Julienne mit finsterem Blick. »Hallo Schatz. Wie war die Arbeit gestern?«
   Emilia gab Alexander einen flüchtigen Kuss, der seine Lippen kaum berührte. Immerhin hatte sie keine Lust, ihren Lippenstift nachziehen zu müssen.
   »Sehr lang, und bestimmt tausendmal langweiliger als die Party gestern«, sagte Jules.
   »Dann werde ich dir jetzt alles ausführlich erzählen – na ja, zumindest das, woran ich mich noch erinnern kann.« Emilia hängte sich bei Alexander ein und zog ihn Richtung Cafeteria, nachdem sie Julienne noch einmal aufmunternd zugelächelt hatte. Es wurde Zeit, dass die beiden ihren Streit begruben.
   »Steve hat mir erzählt, dass Julienne mit diesem französischen Austauschschüler Philippe rumgeknutscht hat …«, begann Alexander, nachdem er sich vergewissert hatte, dass sein bester Freund außer Hörweite war.
   »Ja«, erwiderte Emilia kurz angebunden und ging zu der Schlange, die sich vor der Theke gebildet hatte. Doch anstatt sich hinten anzustellen, räusperte sie sich vernehmlich und stolzierte an den jüngeren Schülern vorbei zu der Kassiererin. »Drei fettfreie Latte macchiato, bitte.« Sie legte das Geld auf die Theke. »Du da«, sagte sie zu einer der etwa dreizehnjährigen Schülerinnen, die andächtig hinter ihr standen und voller Bewunderung ihre neue Tasche bestaunten. »Bring uns unseren Kaffee zu dem Tisch in der Ecke.«
   »Aber dort sitzt doch schon …«, stotterte das Mädchen.
   Bevor sie den Satz beenden konnte, unterbrach Emilia sie barsch. »Habe ich dich etwa etwas gefragt? Mach einfach, was ich sage!«
   »Ja, natürlich.« Betreten blickte das Mädchen zu Boden.
   Emilia strafte sie mit einem letzten abfälligen Blick, dann stolzierte sie zurück zu Alexander, der in der Mitte des Raumes stehen geblieben war, die Hände lässig in seinen Calvin Klein-Shorts vergraben.
   »Musste das wirklich sein?«, fragte er leicht genervt.
   »Ja sicherlich. Wie sollen die Jüngeren denn sonst wissen, wie sie sich zu verhalten haben? Ich helfe ihnen nur dabei, ihren Platz in der Welt zu finden – ebenso wie diesen beiden.« Ohne auf Alexander zu warten, steuerte sie auf die zwei Mädchen zu, die die Unverfrorenheit hatten, auf ihrem Platz zu sitzen. »Ich nehme an, ihr seid neu hier«, sagte sie mit zuckersüßer Stimme.
   Die beiden Mädchen blickten überrascht auf. »Ja«, stammelte die eine und entblößte eine grässliche Zahnspange, die Emilia für einen Augenblick das Gesicht verziehen ließ.
   »Dann möchte ich euch dieses eine Mal verzeihen, dass ihr auf meinem Platz sitzt. Aber glaubt mir, beim nächsten Mal kommt ihr nicht so glimpflich davon. Und jetzt, bitte etwas dalli!«
   Für einige Sekunden starrten die Mädchen Emilia einfach nur verdattert an, bevor sie nach ihren Taschen griffen und die Cafeteria verließen.
   Zufrieden ließ sich Emilia auf einen der mit rotem Samt überzogenen Stühle nieder, gerade, als das Mädchen von der Schlange zusammen mit ihrer Freundin den Kaffee brachte.
   »Ich gebe dir mal einen gut gemeinten Tipp. Verbrenn dieses grässliche gelbe Haarband«, sagte Emilia seufzend.
   Das Mädchen wurde puterrot und zog mit zittriger Hand das grellgelbe Band aus den dunkelblonden Haaren. Tapfer schluckte sie ihre Tränen hinunter, bevor sie mit gesenktem Kopf fluchtartig die Cafeteria verließ.
   Emilia lächelte zufrieden. Es tat so gut, in der Schule für Ordnung zu sorgen. Gut gelaunt schob sie Alexander einen der Kaffeebecher hin. Dann erzählte sie ihm die Geschehnisse des vergangenen Abends.
   »… und dann bin ich, glaube ich, nach Hause gegangen. Wie lange hast du gestern noch gearbeitet? Du hast mir gar nicht mehr geantwortet?«
   »So bis um zwei Uhr nachts. Ja, ich weiß. Ich hatte mein Handy auf lautlos gestellt, sonst hätte ich überhaupt nichts zustande bekommen.«
   »Ich hoffe, das Projekt ist bald vorbei. Ich habe keine Lust, jedes Wochenende ohne meinen Freund fortzugehen«, entgegnete sie schmollend.
   »Es wird nicht mehr lange dauern …«, versprach Alexander.
   Bevor Emilia antworten konnte, kam Julienne an den Tisch und setzte sich neben Emilia. Sie wirkte zerknirscht. Emilia reichte ihr den dritten Becher und gab Alexander durch einen Blick zu verstehen, dass er verschwinden könnte.
   »Gut, dann suche ich eben mal Steve.«

*

Innerlich den Kopf schüttelnd machte sich Alexander auf den Weg zum Hauptgebäude. Manchmal machte Emilia es ihm wirklich schwer. Damit meinte er nicht ihr Machtgehabe. Er sah es durchaus ein, den anderen Schülerinnen zu zeigen, wer hier das Sagen hatte. Doch ihn nervte Emilias Hochnäsigkeit. Sie schien sich stets für etwas Besseres zu halten. Sie wollte noch nicht einmal mit ihm schlafen, was mit Abstand das Schlimmste an allem war. Kein Wunder, dass er sein Verlangen bei anderen Mädchen stillen musste. Schließlich war er auch nur ein Mann. Außerdem würde er Emilia früher oder später vermutlich eh heiraten, da schadete es nichts, wenn er sich jetzt noch etwas auslebte.
   Er entdeckte Steve bei zwei kichernden Mädels, die ihn fast schon erbärmlich anhimmelten.
   »Hallo Alexander, darf ich dir Jennifer und Lucy vorstellen?« Steve schien der Streit mit Julienne nicht sonderlich nahezugehen. Zumindest wanderte sein Blick im Sekundentakt zu dem durchaus ansehnlichen Vorbau der kleinen Brünetten, die Steves Beschreibung nach Jennifer sein musste. Das andere Mädchen, Lucy, lief bei Alexanders Anblick fast so puterrot an wie das schikanierte Mädchen aus der Cafeteria.
   Alexander lächelte ihr zu. Genau diese Unsicherheit gefiel ihm. Sie zeigte ihm immer wieder, wie begehrt er war. Schade, dass Emilia das nicht einsah. »Hi Lucy. Freut mich, dich kennenzulernen.« Er reichte Lucy die Hand und spürte, wie bei der Berührung ein Zucken durch ihren Körper fuhr.
   Sein Grinsen wurde noch breiter. Oh ja, mit Lucy würde er sicherlich noch viel Spaß haben.

*

Julienne hatte Emilia von dem Gespräch mit Steve erzählt. Wie schon unzählige Male zuvor war es ausgeartet, und sie hatten sich getrennt. In der Regel hielt diese Trennung bis zur Mittagspause an, weshalb sich Emilia nicht allzu große Gedanken machte. Rechtzeitig zum Gong trank sie den letzten Rest ihres Kaffees aus und hakte sich bei Julienne unter.
   Zeit, in den Unterricht zu gehen. Eine Doppelstunde Französisch bei ihrem überaus attraktiven Französischlehrer Monsieur Petit würde Julienne sicherlich den Streit mit Steve vergessen lassen – vor allem, da Steve und Alexander aufgrund ihrer Wahl des mathematischen Zweigs nicht mit ihnen im Klassenzimmer sein würden.
   Julienne und Emilia saßen natürlich in der ersten Reihe. Schließlich hatte Emilia vor, weiterhin die beste Schülerin des gesamten Jahrgangs zu bleiben, und zweitens war es an der Schule Tradition, dass die beliebtesten Mädchen direkt vor dem Lehrerpult saßen. Na gut, Emilia hatte diese Tradition in der neunten Klasse eingeführt, aber mittlerweile war sie in der Zwölften, und die Tradition hatte sich in der ganzen Schule etabliert. Dass sie damit direkt im Blickfeld von Monsieur Petit saßen, war demnach nur ein positiver Nebeneffekt ihres ausgetüftelten Systems.
   Bis zur Pause hatte sich Juliennes Stimmung tatsächlich gehoben. »Weißt du, was? Mir ist es ganz egal, was Steve macht. Wenn er es beenden will, bitte. Ich habe es sicherlich nicht nötig, ihm hinterherzulaufen.«
   »Eben. Man sollte den Männern niemals die Zügel überlassen. Sonst hat man längst verloren«, stimmte Emilia ihr zu und überprüfte in dem Spiegel, den sie in ihrem Spint angebracht hatte, noch einmal ihr Make-up. Zufrieden mit ihrem Aussehen drehte sie sich wieder zu ihrer Freundin um.
   Julienne stand mit eingefrorenem Gesicht neben ihr und starrte durch die Glasscheibe in ein Klassenzimmer. Dort knutschte Steve gerade mit Lola, einem wasserstoffblonden Mädchen aus der zehnten Klasse. Bevor Emilia reagieren konnte, stürmte Julienne bereits zur Tür.
   »Das könnte lustig werden«, ertönte dicht neben Emilia eine Stimme, die sie sofort erkannte.
   Ian.
   Angewidert drehte sich Emilia zu ihm um. Sie kannte Ian bereits seit Jahren aus der Schule, doch wirklich geredet hatte sie mit ihm nie. Aber das wollte sie auch nicht. Er war ihr auch so zuwider. Es war ein offenes Geheimnis, dass er bereits mit mindestens der Hälfte aller Frauen am Santa Monica Peer geschlafen haben sollte – und dabei nicht allzu zimperlich war. Das passte schlicht nicht zu ihren Prinzipien. Außerdem war er vermutlich reicher als Alexander, Steve, Julienne und sie zusammen.
   »Was willst du?«, fragte sie genervt und trat einen Schritt zurück.
   Ian stand definitiv zu nah, und der betörende Duft seines Aftershaves brachte sie ziemlich durcheinander. Wenngleich sie es niemals zugeben würde, musste sie eingestehen, dass Ian mit seinen stechend blauen Augen mehr als nur attraktiv war.
   »Du weißt doch. Wenn irgendwo ein Skandal stattfindet, bin ich zur Stelle.« Er lächelte ihr noch einmal schräg zu, bevor er entspannt davonschlenderte und sich zu drei Mädels gesellte, die ihn kichernd empfingen.
   Emilia wandte den Blick wütend ab und versuchte, sich wieder auf Julienne zu konzentrieren, die der armen Lola gerade mit funkelndem Blick zu verstehen gab, sie solle verschwinden. Doch ganz wollte es ihr nicht gelingen. Ian regte sie einfach nur auf. Er war arrogant, vollkommen selbstüberschätzt und vor allem war er absolut sexversessen.
   Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie Ian sie beobachtete, während Lola mit Tränen in den Augen Richtung Damentoilette verschwand und Julienne mit noch immer zorniger Miene aus dem Klassenzimmer stapfte – soweit das in ihren hohen Schuhen überhaupt möglich war.
   »Lass uns gehen!« Mit einem letzten wütenden Blick auf Steve, der noch immer vor dem Lehrerpult stand und nicht minder erzürnt zurückstarrte, zog sie Emilia am Arm mit.
   Ians Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln, als sie an ihm vorbeiliefen.
   »Wieso schaut er dich immer so seltsam an?«, fragte Julienne, der sein Blick nicht entgangen war.
   »Was weiß ich? Ich hasse diesen Kerl! Er ist so arrogant.«
   »Da hast du recht. Lass uns die restlichen Schulstunden schwänzen und shoppen gehen. Ich habe keine Lust, Steve noch einmal über den Weg zu laufen. Ich kann dir sonst nicht versprechen, keinen Mord zu begehen.«
   »In Ordnung«, stimmte Emilia zu. Ihr war ebenfalls die Freude auf Schule vergangen. »Ich gebe nur noch kurz Alexander Bescheid.« Sie zog ihr Handy aus der Tasche und tippte eine kurze Nachricht.
   »Sag ihm gleich, dass du heute Abend keine Zeit hast. Du musst mich auf diese Party von James begleiten, auf die er uns vor Wochen eingeladen hat.«
   James war Ians bester Freund und der Partykönig der Schule. Seine Eltern waren die meiste Zeit des Jahres irgendwo in Europa unterwegs, und in der Villa, in der er zusammen mit drei Dienstboten wohnte, veranstaltete er fast jedes Wochenende irgendwelche Partys. Da Steve und James auf Kriegsfuß standen und sich Ian und Alexander regelrecht hassten, hatten Julienne und Emilia bislang alle Einladungen ignoriert.
   »Du willst wirklich auf die Party gehen?«
   »Ja, aber sicherlich! Schließlich bin ich mit Steve nicht mehr zusammen, also kann er mir überhaupt nichts mehr verbieten. Außerdem ist Freitag. Kommst du mit oder nicht?«
   Emilia wusste, dass es besser wäre, abzusagen. Alexander würde toben, und sie selbst wollte Ian lieber aus dem Weg gehen. Doch was sollte sie machen, wenn ihre beste Freundin sie brauchte? Und um ehrlich zu sein, war sie schon immer neugierig gewesen, ob die Partys wirklich so legendär wären, wie alle immer sagten. »Na gut. Du hast mich überredet. Ich komme mit.«
   Julienne und ich sind shoppen und gehen dann noch etwas trinken. Wir sehen uns morgen. G & K
   Schnell drückte sie auf die Senden-Taste, bevor sie noch ein schlechtes Gewissen bekam. Wobei, eigentlich belog sie Alexander ja überhaupt nicht. Schließlich gingen sie wirklich etwas trinken.
   Sie erreichten die Einkaufsstraße, und Emilia verbannte Alexander, Ian und die Party aus ihren Gedanken. Die nächsten zwei Stunden dachte sie nur an ihre besten Freunde: Chartier, Prada, Gucci und Louis Vuitton.
   Mit zahlreichen Tüten in der einen und einem Kiwi-Smoothie in der anderen Hand begaben sie sich zwei Stunden später zum Auto, um zurück an den Strand zu fahren. Die Schule musste mittlerweile aus sein, sodass es ihren Eltern überhaupt nicht auffallen würde, dass sie die letzten Stunden geschwänzt hatten. Und die Tüten in ihrer Hand? Na ja, Emilias Mutter würde vermutlich nur wissen wollen, wieso sie nicht mitgehen durfte.
   »Bis später Jules!«, rief Emilia und winkte ihrer besten Freundin mit der Hand voller Tüten zu. Dann stellte sie ihre Einkäufe neben der Haustür ab und zog den Schlüssel aus ihrer Tasche.
   »Mum, ich bin wieder zu Hause«, rief sie durch den geräumigen Flur.
   Keine Antwort. Wahrscheinlich war sie wieder bei ihren Freundinnen zum Klatsch eingeladen oder sie machte gerade Yoga. Vielleicht war sie aber auch bei der Maniküre.
   Augenrollend stellte Emilia ihre Taschen in der offenen Küche ab und ging zum Kühlschrank, um sich einen Snack zu holen. Ihr Vater würde wie jeden Tag erst spät am Abend von der Arbeit zurückkommen, und da sie ein Einzelkind war, hatte sie das Haus wie fast immer für sich allein. Mit einer Schüssel voll saftig roter Erdbeeren begab sie sich ins Wohnzimmer und ließ sich auf dem schneeweißen Ledersofa, das in der Mitte des Raumes stand, nieder. Den Fernseher ließ sie aus. Es kam selten vor, dass sie fernsah – sie hielt es für Zeitverschwendung. Schließlich musste sie sich auf ihre Zukunft konzentrieren. Sie griff nach einer der zahlreichen Modebroschüren, die unter dem Couchtisch lagen, und begann, sie durchzublättern. Sie war sich noch nicht ganz sicher, ob sie lieber eine eigenständige Designerin oder Managerin bei einer ihrer Lieblingskleidermarken werden wollte. Außerdem musste sie sich auch noch für ein College entscheiden. Schon im nächsten Jahr standen die Abschlussprüfungen vor der Tür – nur noch ein Jahr also, sich entweder für Princeton zu entscheiden und in die Fußstapfen ihres Vaters zu steigen oder für die Columbia. Das wäre die Universität, von der sie träumte, seit sie ein kleines Mädchen war, die ihr Vater jedoch noch mehr als Sportklamotten verabscheute.
   Das Klingeln ihres Handys lenkte Emilia von ihren schwierigen Zukunftsentscheidungen ab. Alexander – ein Punkt mehr, nach Princeton zu gehen. Er würde dort ebenfalls in die Fußstapfen seines Vaters treten. »Hi, was gibt’s?«
   Sie hoffte, dass er sie nicht nach ihren konkreten Abendplänen fragen würde, denn sie log ihm nur ungern direkt ins Gesicht.
   »Hallo Emilia, wir haben den Termin für unser Football-Trainingslager bekommen.« Die Pause, die er nach dem Satz einlegte, ließ Emilia bereits Schlimmes befürchten.
   »Und sollte mich das interessieren?«, entgegnete sie gelangweilt. Sie hasste Alexanders Versessenheit auf diesen Sport.
   Alexander druckste noch ein paar Sekunden herum. »Es findet über deinen Geburtstag statt«, gab er schließlich kleinlaut zu.
   Emilia musste sich zusammenreißen, nicht hörbar die Luft einzuziehen. Ihr Geburtstag war mit Abstand der wichtigste Tag des Jahres, und für ihre Partys suchte sie sich jedes Jahr ein neues luxuriöses und ausgefallenes Motto aus. Wie konnte das Trainingslager direkt auf dieses Ereignis fallen? Schließlich betraf es nicht nur Alexanders Abwesenheit, auch Steve und viele ihrer anderen guten Freunde würden demnach auf ihrer Party fehlen.
   »Es tut mir echt leid, Liebling. Ich weiß, wie wichtig dein Geburtstag dir ist … unser Trainer hat den Termin festgesetzt.«
   Emilia schwieg und wartete, ob Alexander noch etwas hinzufügen, er ihr anbieten würde, für sie auf das Trainingslager zu verzichten. Doch sie wusste bereits, dass sie vergebens wartete. Football stand für ihn an erster Stelle, und seiner Ansicht nach musste Emilia froh sein, direkt danach zu kommen.
   Sie schluckte den Kloß, der ihren Hals zudrückte, mit Mühe hinunter. »Kein Problem. Dann wird meine Party eben dieses Jahr unter einem ganz neuen Motto stattfinden«, sagte sie mit leicht bebender Stimme. »Ich muss los. Jules holt mich später ab.« Schnell legte sie auf und bemühte sich, ihre Fassung wiederzubekommen.
   Sollten sie doch auf ihr blödes Trainingslager gehen, sie brauchte die ganzen Footballer nicht – und Alexander brauchte sie auch nicht. Wütend wischte sie sich die Tränen ihres Zorns weg, die in ihren Augenwinkeln hingen und ihre mit schwarzem Mascara geschminkten Wimpern verkleben ließen. Sie stand auf, um in ihr Zimmer zu verschwinden.
   Aus der Schublade ihres Schreibtisches zog sie ein braunes Lederbuch. Mit sorgfältig geschwungener Schrift stand in großen Buchstaben »17. Geburtstag« darauf.
   Emilia schlug die erste Seite auf. Das Motto sollte dieses Jahr »Oscar-Verleihung« heißen. Sie blätterte weiter. Eine Zeichnung des Kleides, das sie sich bereits hatte anfertigen lassen, mögliche Räumlichkeiten und Dekorationsvorschläge sowie eine bereits erstellte Gästeliste füllten die ersten Seiten.
   Ihr Geburtstag sollte wie jedes Jahr etwas ganz Besonderes werden. Schon seit Monaten hatte sie sich ausgemalt, an diesem ehrwürdigen Tag das erste Mal mit Alexander zu schlafen. Natürlich wusste er nichts davon, schließlich wollte sie ihn überraschen. Tja, das würde jetzt wohl ausfallen. Erbittert griff Emilia nach einem roten Filzstift und strich Alexanders Namen von der Gästeliste. Dann suchte sie auch die übrigen Teammitglieder heraus und strich sie durch. Fünfzehn Gäste würden somit nicht an ihrer Party teilnehmen, das hieß, fünfzehn neue Gäste mussten her. Ihre Partys waren nicht nur vom Motto und der Kleiderordnung bis hin zur Location perfekt durchgeplant, sie folgten auch bei der Gästeanzahl einer strengen Regelung.
   Die nächste Stunde verbrachte Emilia damit, das Jahrbuch durchzugehen und zu überlegen, wen sie noch zu ihrer Party einladen konnte. Sie wusste, dass sich mindestens weitere fünfzig ihrer Schulkameradinnen um eine Einladung streiten würden, doch sie konnte schließlich nicht einfach irgendwelche auf ihrer Party haben. Sie mussten schon würdig genug sein. Voller Ekel dachte sie zurück an das Mädchen mit der grässlichen Zahnspange, die sich auf ihrem Cafeteria-Platz niedergelassen hatte. Lieber würde sie Schaufensterpuppen aufstellen, als solche Leute einzuladen.
   Genervt schlug sie das Buch zu und verstaute es zusammen mit dem Jahrbuch wieder in der Schreibtischschublade. Sie würde sich einfach morgen zusammen mit Julienne nach passenden Ersatzgästen umschauen.
   Ein Blick auf ihr Handy zeigte, dass Alexander ihr drei Nachrichten geschrieben hatte und dass es außerdem Zeit für ein entspannendes Bad war. Nachdem sie das Wasser angedreht und Unmengen Badesalz dazugeschüttet hatte, schmiss sie ihr Chanel-Kleid in die Ecke – Amilia, die Haushälterin würde es später schon in die Reinigung bringen – und stieg in die bereits dampfende Wanne. Durch Knopfdruck schaltete sie die eingebauten Massagedüsen ein und schloss die Augen. Erst, als ihre Haut rosig war und das Wasser bereits abkühlte, stieg sie vorsichtig hinaus und hüllte sich in einen ihrer flauschigen Bademäntel.
   Jules hatte ihr bereits geschrieben, dass sie für James Feier heute Abend ein Abendkleid anziehen solle. Emilia wusste auch schon genau, welches – das dunkelrote bodenlange Kleid von Dior, das sie eigentlich zu ihrer Geburtstagsparty hatte tragen wollen. Neues Motto, neues Kleid, dachte sie trotzig. Zufrieden betrachtete sie ihr Spiegelbild. Das Kleid umspielte ihre schmale Figur, und das Spitzendekolleté ließ noch genügend Platz für ihre silberne Perlenkette. Kurz überlegte sie, zum Friseur zu fahren und ihre Haare hochstecken zu lassen, doch mit dem Blick auf die Uhr entschied sie sich dagegen. Sie steckte den Lockenstab ein.
   Eine Stunde später legte sie noch einen roten Lippenstift auf, der dieselbe Nuance hatte wie ihr Kleid. Perfekt! Sie griff nach ihrer silbernen Clutch mit den Swarovski-Steinen und zog ihre silbernen Sandaletten an.
   Vor der Tür warteten bereits das Taxi und Julienne auf sie. »Du siehst toll aus! Ist das Kleid neu?«, begrüßte Jules sie und küsste sie auf die Wange.
   »Danke. Ja, ist es. Du siehst auch gut aus.«
   Julienne trug ein dunkelblaues langes Kleid mit einem Schlitz am Bein, das perfekt zu ihrer blonden toupierten Mähne passte.
   Während das Taxi anfuhr und sie zu dem Anwesen der Taylors brachte, berichtete Emilia von dem Trainingslager.
   »Das ist ja grauenvoll! Männer sind so bescheuert! Unglaublich, dass dieser hohle Sport für Alexander wichtiger ist als dein Geburtstag«, empörte sich Julienne.
   Emilia vermutete eher, dass Julienne damit Steve meinte, der ihr sicherlich kein Wort davon erzählt hatte. »Und jetzt brauchen wir fünfzehn neue Gäste.«
   »Wenn du möchtest, helfe ich dir dabei«, versprach Julienne. »Ich kenne noch ein paar Leute, die unbedingt auf die Gästeliste müssen.«
   Bevor Emilia nachfragen konnte, wen sie meinte, hielt der Wagen vor einem gewaltigen sandfarbenen Strandhaus, an dessen Eingang sich eine Menschentraube tummelte.
   Emilia reichte dem Taxifahrer das Geld und stieg aus, bedacht, nicht auf den Saum ihres Kleides zu treten. »Wollen wir dort wirklich hin?«
   Julienne hakte sich unter und zog sie zum Eingang. »Hast du etwa vergessen, dass Alexander deinen Geburtstag einfach so sausen lässt?«
   Das war ein Argument.
   Vor der Tür standen zwei bullige Männer in schwarzen Security-Jacken. »Eure Namen?«, fragte einer der beiden mit dunkler Stimme.
   »Emilia Stuart und Julienne Parker.«
   Der Security-Mann blickte kurz auf seine Liste, dann winkte er sie durch. Sie folgten den anderen Gästen durch den Gang in das offene Wohnzimmer, das bereits gut besucht war. Eine schicke Wendeltreppe führte ins Obergeschoss, von dem aus man die Gesellschaft im Erdgeschoss beobachten konnte.
   Emilia sah James mit einem Glas Champagner dort stehen und mit zufriedener Miene das Schauspiel beobachten. »Holen wir uns etwas zu trinken«, schlug sie vor, als James’ Blick gefährlich in ihre Richtung wanderte.
   Sie bahnten sich einen Weg in die Küche, die mit einem umfangreichen Buffet und Bierfässern, halb vollen Champagnergläsern und einer Art Cocktailbar ausstaffiert war.
   Julienne griff nach zwei Sektgläsern und reichte eines Emilia, bevor sie zurück ins Wohnzimmer gingen. Sie entdeckten einige ihrer Schulkameraden auf dem Sofa herumlungern, in der Hand ein weißes Döschen, das gefährlich nach Crystal oder einer anderen Droge aussah. Emilia nahm einen großen Schluck und hoffte, dass ihre Befangenheit dadurch abnehmen würde. Sie bereute es, Julienne begleitet zu haben. Sie hasste es, sich auf fremdem Terrain zu befinden. Außerdem war die Musik zu laut, es war durch die Anzahl der Leute stickig im Raum und sie spürte, dass sie spätestens in zehn Minuten anfangen würde zu schwitzen.
   »Da ist Philipp. Ich werde ihm kurz Hallo sagen gehen.«
   Emilia hielt das für keine gute Idee, schließlich war er der ausschlaggebende Grund für den Riesenzoff mit Steve. Doch bevor sie etwas dagegen einwenden konnte, bahnte sich Julienne bereits einen Weg durch die Menge.
   »Na super.« Jetzt stand sie allein da, und sie hatte partout keine Lust, Small Talk mit irgendwelchen unwichtigen Personen zu halten.
   »Dass du dich wirklich hierher traust.«
   Emilia wusste bereits, ohne sich umzudrehen, wer hinter ihr stand. Das Aftershave verriet ihn, ebenso wie sein spöttischer Tonfall. »Wieso sollte ich mich nicht hierher trauen?«, fragte sie kühl.
   Ian lächelte nur schief und blickte sie unverfroren an. »Schönes Kleid«, sagte er gedehnt, anstatt ihre Frage zu beantworten. »Möchtest du etwas trinken?«
   »Nein, danke. Ich habe etwas.« Zur Demonstration hielt sie ihr Glas hoch und verschränkte ihre Arme.
   Ians durchdringender Blick machte sie schrecklich nervös. »Das sehe ich schon. Aber vielleicht möchtest du ja ein Glas, wo auch wirklich etwas drin ist. Komm schon. Ich werde dich nicht beißen.«
   Emilia suchte in der Menge nach Julienne, um sich wieder zu ihrer Freundin zu gesellen, doch die stand bedrohlich nahe bei Philipp und warf gerade ihre blonden Haare nach hinten, um über irgendeinen Satz seinerseits zu lachen.
   »Na bitte! Meinetwegen«, lenkte Emilia schnippisch ein und ging mit erhobenem Haupt vorweg in die Küche. Sie würde sich von diesem aufgeblasenen arroganten Mistkerl nicht so schnell aus der Ruhe bringen lassen, nahm sie sich vor.
   Sie griff nach einem der vollen Gläser und wollte es Ian reichen, doch er winkte ab.
   »Vielen Dank, aber ich trinke lieber etwas Stärkeres«, sagte er gelassen und fuhr mit seinem Zeigefinger über die Arbeitsplatte.
   Emilia konnte sich nicht erklären, warum, aber jede Bewegung von Ian wirkte verführerisch und auf sie vollkommen abstoßend. Kurz überlegte sie, ihm den Sekt über den Kopf zu schütten, doch da ging er bereits langsam zur Treppe, ohne sie aus den Augen zu lassen.
   »Wo willst du denn hin?«, fragte Emilia genervt und zeigte auf die Cocktailbar. »Ich denke, du willst etwas trinken.«
   »Das möchte ich auch. Komm, ich zeige dir, wo es die richtigen Sachen gibt.«
   Sie wusste, es wäre besser, einfach hier unten in der Menschenmenge zu bleiben, doch sie folgte Ian trotzdem.
   Er führte sie in ein geräumiges Büro, wahrscheinlich das von James Vater, und ging zielstrebig auf eine Glasvitrine zu, in der sich diverse Flaschen mit bernsteinfarbener Flüssigkeit befanden.
   »Kann ich dir etwas anbieten?«, fragte er galant und warf ihr einen lasziven Blick zu.
   »Nein danke.« Sie hielt nicht viel von Hochprozentigen. Es gehörte sich nicht für eine Dame, sich mit Whisky oder anderem Schnaps zu betrinken. Außerdem wusste sie, dass sie in Ians Gegenwart lieber bei vollem Verstand bleiben sollte. Nicht, dass sie glaubte, in seiner dreckigen, durchgelegenen Matratze zu landen, doch riskieren musste man es ja nicht. Schließlich hatte er vor einigen Wochen Gerüchten zufolge selbst die unschuldige Pamela dazu gebracht, ihre Absicht, keinen Sex vor der Ehe zu haben, zu brechen. Sie wusste noch, wie sie daraufhin Pam von der Liste ihrer möglichen Untertanen gestrichen hatte.
   Ian prostete ihr zu, bevor er das Glas in einem Zug leerte.
   »Komm schon. Lass uns wieder nach unten gehen.« Die Tatsache, dass sie allein mit ihm in diesem Raum stand, machte sie nervös. Zum Glück stand die Tür hinter ihr weit offen.
   »Wenn du das möchtest …«, sagte Ian langsam und schenkte sich noch einen Schluck ein.
   Emilia zögerte kurz, dann drehte sie sich um und stürmte zurück zur Party. Ihr Herz pochte, und ihr Atem ging seltsam schnell. Sie hätte nicht mit hochgehen sollen. Schnell griff sie nach einem Sektglas und leerte es auf einen Zug, bevor sie mit einem vollen Glas ins Wohnzimmer ging, um nach Julienne zu suchen. Sie wollte nach Hause. Sie hatte keine Lust mehr auf diese Party.
   Emilia entdeckte ihre Freundin in einer Ecke eng umschlungen mit Philipp stehen, wild knutschend.
   Nicht schon wieder! Sie durchquerte in zügigen Schritten den Raum. Grob zog sie Julienne am Arm fort. »Was machst du da?«
   »Ich amüsiere mich«, antwortete Julienne achselzuckend.
   »Ja, das sehe ich! Was ist mit Steve?«
   »Was soll mit ihm sein? Wir sind nicht mehr zusammen.«
   Emilia sparte sich einen Kommentar. Es war sowieso zwecklos. »Komm, lass uns einfach nach Hause gehen. Ich habe keine Lust mehr auf diese Party.«
   »Mir gefällt es hier aber. Ich werde noch bleiben.« Julienne ließ sie stehen und ging zurück zu Philipp, um dort weiterzumachen, wo Emilia sie unterbrochen hatte.
   Fassungslos starrte Emilia ihr nach. Es kam selten vor, dass Julienne ihr widersprach. Aber bitte, wenn sie es so wollte. Sie holte ihr Handy aus der Tasche und stolzierte zum Ausgang. Es klingelte fünfmal, bis Alexander endlich abhob.
   »Hallo Schatz. Kannst du mich abholen?«
   »Wo bist du denn?« Er klang leicht genervt, doch sie überhörte den Tonfall. Sie wollte nur noch weg.
   »Auf James’ Party.«
   Ein Kichern drang durch den Telefonhörer, eindeutig das Lachen einer Frau.
   »Ist jemand bei dir?«, fragte Emilia irritiert.
   »Nein, das war nur der Fernseher. Hör zu. Ruf dir einfach ein Taxi. Du weißt sowieso, was ich davon halte, wenn du etwas mit James oder diesem Ian machst.«
   »Aber …«, begann Emilia, doch da hatte Alexander bereits aufgelegt.
   Entgeistert starrte sie auf ihr Handy. Erst Julienne, jetzt Alexander. Was war denn heute los? Und seit wann klang der Fernseher wie das Kichern dieser Oberschlampe Catharina? Zum erneuten Mal keimte Unsicherheit auf, ob Alexander sie wirklich so inbrünstig liebte, wie sie immer angenommen hatte. Sie musste sich ein für alle Mal selbst davon überzeugen.

Kapitel 2

Mit zitternder Hand wählte sie die Nummer der nächsten Taxistation. Zehn Minuten musste Emilia warten. Unruhig trat sie von einem Fuß auf den anderen. Sie wünschte, sie hätte noch ein volles Sektglas, denn ihr Hals war so trocken, dass sie sich am liebsten laut geräuspert hätte.
   »Hier bist du also«, hörte sie hinter sich plötzlich Ians tiefe Stimme. Er hielt zwei volle Sektgläser in der Hand, und zum ersten Mal im Leben war Emilia wirklich froh, ihn zu sehen. Erleichtert griff sie nach dem Glas, das er ihr reichte, und nahm einen großen Schluck der prickelnden Flüssigkeit. »Danke.«
   »Ist alles in Ordnung?« Ian musterte sie leicht besorgt.
   Entweder sah sie wirklich so verstört aus, wie sie sich fühlte, oder es lag daran, dass sie sich bei ihm bedankt hatte – was noch nie vorgekommen war.
   »Ja.« Sie nahm noch einen Schluck und blickte ungeduldig auf die Straße. Kein Taxi in Sicht. Stattdessen fuhr eine schwarze Limousine um die Ecke und hielt direkt vor ihrer Nase.
   »Soll ich dich nach Hause bringen?«
   »Wirklich jetzt?« Emilia konnte den abfälligen Tonfall nicht vermeiden, vielleicht schwang auch etwas Neid mit. »Denkst du echt, ich fall darauf rein?«
   »Komm schon. Ich bring dich nur nach Hause.«
   »Ja, sicher … Nein, danke.« Demonstrativ drehte sie sich wieder zur Straße.
   »Wie du möchtest.«
   Der Fahrer der Limousine, ein hochgewachsener, breitschultriger Mann, der trotz der rabenschwarzen Nacht eine Sonnenbrille trug, war mittlerweile ausgestiegen und hielt Ian die Tür auf.
   Unschlüssig blickte Emilia noch einmal auf die leere Straße und dann auf ihr Handy. Mittlerweile waren fast zwanzig Minuten verstrichen. Schließlich gab sie nach. »Okay, na gut. Aber ich fahre nicht nach Hause. Du müsstest mich woanders abliefern.«
   »Sag Thomas einfach, wohin er fahren soll.«
   Sie zögerte noch den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie an Ian vorbei in die Limousine stieg und dem Fahrer die Adresse nannte.
   Die Fahrt dauerte zwanzig Minuten, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen. Nicht nur, weil sie immer wieder an die Frauenstimme dachte, die durch das Telefon geklungen war, sondern auch, weil sie Ians Blick auf sich spürte und nicht wusste, ob oder was sie sagen sollte. Sie waren noch nie so lange allein gewesen.
   Emilia war gleichermaßen erleichtert und nervös, als die Strandvilla von Alexanders Eltern in Sicht kam. »Sie können mich hier rauslassen«, sagte sie zu dem Fahrer und bemerkte, dass ihre Stimme ungewöhnlich rau klang. Sie wollte nicht, dass Alexanders Eltern oder gar Alexander die schwarze Limousine vor dem Haus bemerkten, und erst recht wollte sie nicht, dass sie sahen, wer drinnen saß.
   Ian gab Thomas ein Zeichen, und der Fahrer parkte das Gefährt am Straßenrand.
   »Vielen Dank.« Emilia atmete noch einmal tief durch, bevor sie ausstieg. Sie konnte sich selbst nicht erklären, wieso sie so schrecklich unruhig war, doch aus irgendeinem Grund lag ihr ein zentnerschwerer Stein im Magen. Vielleicht deswegen, weil diese Situation schon einmal vorgekommen war und sie Alexander damals geglaubt hatte – oder einfach glauben wollte.
   Ohne sich noch einmal umzudrehen, lief sie auf ihren viel zu hohen Schuhen Richtung Hauseingang, das lange Kleid hielt sie hoch, damit sie damit nicht den kompletten Staub der Straße aufsammelte.
   Mit Erleichterung stellte sie fest, dass Catharinas quietschgelber Käfer nicht in der Auffahrt stand, doch das musste nichts heißen. Vorsichtig ging sie am Rande des gepflegten Rasens entlang. Sie wusste, wenn sie zwei Schritte weiter nach links treten würde, würde der Bewegungsmelder anspringen und sie in gleißendes Licht tauchen. Sie schlich weiter, an der Eingangstür vorbei zu dem angebauten Raum, der früher ein Fitnessraum und seit einem Jahr Alexanders Reich war. Sie erinnerte sich noch daran, wie das Bad eingebaut worden war und Alex mit ihr zusammen neue Möbel gekauft hatte. Die dunkelgrauen Jalousien waren heruntergelassen, sodass Emilia nicht durch die verglaste Wand blicken konnte. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als zu klopfen.
   Sie hielt die Luft an. Am liebsten hätte sie umgedreht und wäre wieder zurück zur Straße gerannt, doch da öffnete Alex bereits die Tür.
   »Emilia, was machst du denn hier?«, stammelte er.
   Ihr entging nicht, dass sein Blick für einen Augenblick zurück ins Zimmer huschte. Sie ersparte sich eine Antwort und zwängte sich an Alexander vorbei. Ihr Blick wanderte über das große dunkelgraue Boxspringbett. Es war leer. Der Fernseher lief, wie Alexander es gesagt hatte, und auch so war keine Spur von Catharina zu sehen. Vielleicht hatte sie sich doch geirrt. Ihre Anspannung begann sich zu lösen. Dann sah sie in den Augenwinkeln einen schmalen Schatten, der sich bewegte. Die Tür zum Badezimmer war nur angelehnt.
   Bevor Alexander reagieren konnte, durchquerte sie den Raum mit großen Schritten und riss die Badezimmertür auf.
   Catharina, einzig in ein Handtuch gehüllt, stand keine zwei Meter von ihr entfernt und starrte ihr halb entsetzt, halb genugtuend, entgegen.
   Emilia spürte, wie ihr schwindlig wurde und sie an dem Türgriff Halt suchte.
   »Emilia, es ist nicht …«, hörte sie Alexander hinter sich stottern.
   Sie hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Ihr war übel. Sie musste hier raus.
   »Komm schon, lass uns darüber reden«, flüsterte er und griff nach ihrem Arm.
   Emilia schüttelte es. »Es gibt nichts zu reden«, presste sie tonlos heraus. Sie raffte ihr Kleid und eilte an Alexander vorbei zur Tür.
   Ohne auf den Bewegungsmelder zu achten, rannte sie mit tränenverschwommenem Blick über den Asphalt zurück zur Straße, strauchelte, weil sie beinahe über einen im Boden eingebauten Rasensprenger gestolpert wäre, und hielt erst an, als ihre Seiten schmerzten und das Haus ihres Freundes, oder wohl viel mehr Exfreundes, nicht mehr zu sehen war.
   Dann spürte sie bereits, wie die Kraft sie verließ. Sie ging auf die Knie, ohne zu beachten, dass ihr Kleid ganz staubig wurde und jeder, der vorbeilief, sie für vollkommen betrunken oder zugekifft halten würde. Zum ersten Mal in ihrem Leben war es Emilia egal, wie sie nach außen wirkte.
   Sie dachte an die Demütigung und daran, dass sie Catharina und Alexander jeden Tag in der Schule treffen würde. Sie dachte daran, wie sie reagieren sollte, wenn bekannt wurde, dass die Schulkönigin Emilia von ihrem Freund betrogen wurde – und das auch noch mit dieser Oberschlampe. Kurz dachte sie auch daran, dass sie jetzt keinen Freund mehr hatte und wie ihre Eltern darauf reagieren würden, dass Alexander und sie kein Paar mehr waren. Sie spürte, wie ihre kleine, perfekte Welt Stück für Stück zusammenbrach, ihr heiße Tränen in die Augen schossen und ihr makelloses Make-up zerstörten.

*

Ian hatte zugesehen, wie Emilia zu dem Gebäude gegangen war und sich an der Hauswand entlanggeschlichen hatte. Er hatte Thomas ein Zeichen gegeben, abzuwarten, bevor er ihn zurück zur Party bringen sollte. Emilia war vorhin so still und nachdenklich gewesen, und das passte nicht zu ihr. Normalerweise war sie besserwisserisch, arrogant und unglaublich überheblich. Irgendetwas hatte ihn dazu animiert, noch zu bleiben.
   Er sah zu, wie sie an dem angebauten Raum klopfte und kurz darauf Alexander die Tür öffnete. Dann verschwand sie für einige Minuten, bevor er zusah, wie sie aufgelöst herausgerannt kam und schließlich etwa hundert Meter entfernt auf die Knie sank. Sie schien die schwarze Limousine nicht bemerkt zu haben. Für einen Augenblick starrte er sie nur überrascht an, bevor er ausstieg und langsam zu ihr ging. Er konnte sich denken, was passiert war. Auch wenn Emilia Alexander für einen Heiligen gehalten hatte, war ihm schon lange klar, dass Alexander bei weitem nicht so unschuldig war, wie er schien. Er kannte diesen Blick, wenn ein Mann gerade erst Spaß im Bett gehabt hatte. Er hatte ihn sozusagen erfunden.
   Ohne etwas zu sagen, ging er neben Emilia auf die Knie, dachte kurz daran, dass sein teurer Anzug verknitterte, dann streifte er sein Jackett aus, um es ihr über die Schultern zu legen.
   Für einen Moment verspannte sich Emilia und warf ihm durch die vom Mascara verlaufenen schwarz umrandeten Augen einen skeptischen Blick zu. »Danke«, flüsterte sie schluchzend. Dann wandte sie sich wieder ab und starrte wie zuvor auf den Boden.
   So saßen sie eine Zeit lang da, und wäre jemand aus der Schule an ihnen vorbeigefahren, hätte er wohl kaum seinen Augen getraut.

*

Emilia fragte sich, warum Ian noch immer hier war. Sie hatte vermutet, dass er sie absetzen und sofort weiterfahren würde, um die begonnene Nacht mir irgendeinem seiner Callgirls oder anderen Mädels, die sich von seinem Aussehen, seinem Ruf und seinem widerlichen Charme einlullen ließen, zu verbringen. Zuerst wollte sie sich in Luft auflösen, so unangenehm war es ihr, dass er sie in diesem Zustand sah. Doch eigentlich war sie froh, dass er hier war und sie nicht vollkommen allein auf der Straße saß – auch wenn sie das am nächsten Morgen aller Wahrscheinlichkeit nach komplett anders sehen würde.
   »Komm, es wird langsam kühl. Ich bring dich nach Hause.« Ian stand auf und klopfte sich den Staub von der Hose, bevor er Emilia die Hand hinstreckte. Seine Hand war warm und seltsam tröstlich, und Emilia genoss diese Sekunde, in der er ihr aufhalf.
   Während sie mit der Limousine die zehn Minuten zu ihrem Haus fuhren, schwiegen sie. Emilia war dankbar, dass Ian sie nicht fragte, was vorgefallen war. Sie hatte keine Lust zu reden – weder darüber noch über etwas anderes.
   »Danke«, sagte sie erneut beim Erreichen ihres Hauses. Sie blickte Ian kurz an, in seine stechend blauen Augen, dann öffnete Thomas bereits ihre Autotür. Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Ihr Kopf war wie leer geblasen. »Bis Montag«, stammelte sie, bevor sie ausstieg.
   Erst, als sie die Haustür aufgesperrt hatte, merkte sie, dass sie Ians Jackett noch trug.
   Im Haus war es ruhig. Ihr Vater war auf einer Geschäftsreise, und ihre Mutter schlief vermutlich nach einer Flasche Chardonnay so fest wie ein Baby. Emilia schleppte sich die Treppe zu ihrem Zimmer empor, zog das rote Kleid, dessen Saum von dem Staub der Straße den Glanz verloren hatte, über den Kopf und ging in Unterwäsche zu ihrem großen Himmelbett. Ein Blick auf ihr Handy sagte ihr, dass sie fünf verpasste Anrufe und drei Nachrichten von Alexander empfangen hatte. Wütend schmiss sie das Handy in die lachsfarbene Bettdecke. »Ich will nichts mehr von dir hören«, fauchte sie wütend, bevor sie ihr Gesicht in das Seidenkopfkissen presste.
   Irgendwann musste sie eingeschlafen sein, denn als sie ihre Augen wieder öffnete, war ihr Zimmer von strahlendem Sonnenschein erhellt. Ihr Kleid lag noch immer auf dem blitzeblanken Boden, und ihr trägerloser BH war verrutscht.
   Emilia hatte schreckliche Kopfschmerzen, und sie suchte in ihrem Nachtschränkchen erneut nach Aspirin. Wenigstens musste sie heute und morgen nicht in die Schule und konnte dem unweigerlichen Treffen mit Alexander für den Anfang aus dem Weg gehen.
   Sie wollte sich gerade wieder kraftlos in ihr Kissen zurückplumpsen lassen, da klingelte ihr Handy.
   »Ich will nicht mit dir reden«, zischte sie. Trotzdem tastete sie mit einer Hand nach ihrem Handy. Auf dem Display leuchtete Ians Nummer. Was wollte der denn? Sich über gestern lustig machen? Kurz überlegte sie, einfach nicht hinzugehen, doch sie war zu gespannt, was er zu sagen hatte. »Was willst du?«
   »Ich möchte nur wissen, ob es dir gut geht. Du schienst gestern ziemlich durcheinander zu sein.«
   »Mir geht es gut. Ich habe gestern nur etwas zu viel getrunken.« Sie wusste selbst, dass die Ausrede billig klang und dass Ian sie sofort durchschauen würde, doch ihr fiel einfach nichts Besseres ein.
   »Gut, aber da ich dir den Sekt in die Hand gedrückt habe, ist es meine Pflicht, dir ein Katerfrühstück zu besorgen. In einer Dreiviertelstunde unten im Diner?«
   Nicht, wenn wir die letzten zwei Menschen auf Erden wären, wollte Emilia schon antworten. Außerdem hatte sie vorgehabt, das Wochenende im Bett zu bleiben. Doch dann sah sie vor sich wieder Alexander und Catharina – und was sie am vergangenen Abend offensichtlich alles getrieben hatten.
   Alexander würde vor Wut an die Decke springen, wenn er sie zusammen mit Ian sah. Und Alexander ging immerhin recht häufig am Samstagmorgen im Diner frühstücken. Sie verdrängte, dass er normalerweise mit ihr dorthin ging.
   »Okay, meinetwegen. Aber nur, weil ich Hunger habe.«
   Nachdem Emilia aufgelegt hatte, wurde ihr bewusst, was sie ausgemacht hatte. Sie würde sich tatsächlich freiwillig, mitten am Tage und ohne Einfluss alkoholischer Substanzen mit Ian treffen. Eindeutig – sie war vollkommen verrückt geworden. Doch jetzt war es zu spät, ihre Entscheidung rückgängig zu machen. Ohne die ungelesenen Nachrichten auf ihrem Handy zu beachten, sprang sie aus dem Bett. Sie hatte noch eine halbe Stunde, bevor sie sich auf den Weg machen musste. Das war viel zu wenig Zeit. In ihrer Unterwäsche eilte sie in die Dusche und stellte das Wasser an. Wie sie schon vermutet hatte, half selbst die Dusche nicht gegen ihre verquollenen Augen. Konzentriert begann sie, die Schatten der letzten Nacht mit Make-up zu verdecken. Nicht perfekt, aber nach einer Viertelstunde war sie so weit zufrieden, dass es zumindest mit einer Sonnenbrille funktionieren würde. Sie zog sich ein gelbes Sommerkleid an, das Alexander so mochte, und eilte die Treppe hinunter. Sie war bereits jetzt schon zehn Minuten zu spät.
   Ian saß, den Arm lässig über das Polster gelegt, an einem Ecktisch im Diner. Er trug wie immer ein Hemd und eine lange Stoffhose. Über der Lehne hing eine schwarze Lederjacke, sein Markenzeichen. Zu Beginn hatte Emilia es affig gefunden, dass Ian sein schickes Outfit mit der Lederjacke zerstörte, aber mittlerweile musste sie zugeben, dass es irgendwie etwas hatte.
   »Tut mir leid. Ich bin zu spät.«
   »Kein Problem. Die Pfannkuchen sind schon auf dem Weg. Und ich habe dir einen fettfreien Latte macchiato bestellt.«
   »Danke«, antwortete Emilia irritiert. Seit wann war Ian so aufmerksam und nett? Unauffällig blickte sie sich um, bevor sie sich setzte. Es schien niemand Bekanntes im Diner zu sein. Schade.
   »Wie war die Party gestern noch?«, fragte sie nervös, um die Stille zu durchbrechen. Sie hatte erneut keine Ahnung, was sie mit Ian reden sollte. Und ohne drei Gläser Sekt intus fühlte sie sich in seiner Gegenwart noch unsicherer.
   »Ich hatte keine Lust mehr auf die Party.«
   »Normalerweise bist du doch der Letzte, der geht, also abgesehen von dem armen Mädchen, das dich begleiten muss«, entgegnete Emilia ernsthaft überrascht.
   »Normalerweise«, antwortete Ian nur und blickte sie über den Tisch hinweg an, was Emilia ganz verrückt machte.
   Am liebsten hätte sie ihm gesagt, er solle sie nicht so anschauen. Zum Glück brachte ihnen in dem Moment eine zierliche Brünette ihr Frühstück, sodass Ian für einen Moment den Blick abwandte, um sich bei der Bedienung zu bedanken.
   Emilia griff nach ihrem Besteck und konzentrierte sich auf den Berg Pfannkuchen. Eigentlich hatte sie überhaupt keinen Hunger.
   »Möchtest du mir jetzt erzählen, was gestern los war?«
   Emilia verschluckte sich beinahe an dem Happen, den sie sich in den Mund gesteckt hatte. »Ich habe dir doch gesagt, ich hatte einfach etwas zu viel getrunken.«
   »Ja, hattest du. Aber, wenn ich mich mit etwas auskenne, dann mit Rauschmitteln, und gestern lag deine Stimmung mit Sicherheit nicht an diesen.«
   »Als ob du wüsstest, wie sich Alkohol bei mir auswirkt«, fauchte Emilia.
   Ian grinste nur und zerschnitt seinen Pfannkuchen in exakt quadratische Stücke.
   Emilia wollte ihn gerade auffordern, er solle sein besserwisserisches Gehabe gefälligst sein lassen, wenn er darauf Wert legte, dass sie nicht sofort ging, da bemerkte sie aus den Augenwinkeln Alexander, der gerade das Diner betrat. Sie traute ihren Augen nicht, als sie sah, wer hinter ihm hereinkam – Catharina.
   Alexander lachte über etwas, das Catharina gesagt hatte, bis er Emilia bemerkte und das Lachen auf seinem Gesicht erfror. Über die Tische hinweg starrten sie sich an, dann kam Alexander langsam näher. Catharina blieb mit vor ihrem bauchfreien Top verschränkten Armen an der Theke stehen.
   Wie eine Nutte, dachte Emilia wütend. Am liebsten hätte sie ihr die überschminkten Augen ausgekratzt – und Alexanders am besten noch dazu.
   »Hallo Emilia«, sagte er kleinlaut, bis er merkte, wer ihr gegenübersaß. Seine Augen weiteten sich zuerst vor Überraschung, dann wurde sein Blick finster. »Was will der denn hier?«
   »Ian hat mich zum Frühstück eingeladen. Wüsste nicht, was dich das angeht.«
   »Emilia, hast du den Verstand verloren! Ich weiß, du bist sauer auf mich, aber er …«
   »Was ist mit ihm? Schlimmer als du kann er ja kaum sein.«
   »Das hast du vor ein paar Tagen aber noch anders gesehen.«
   Emilia warf Ian einen kurzen Blick zu, der die Diskussion amüsiert beobachtete. Sie wusste genau, worauf Alexander anspielte und hoffte, er würde sie nicht zitieren. Zu oft hatte sie schlecht über Ian gesprochen.
   »Vor ein paar Tagen dachte ich auch noch, dass mein Freund nicht mit irgendeiner Schlampe ins Bett steigt«, zischte sie.
   »Lass uns das bitte nicht hier diskutieren«, brummte Alexander mit einem Seitenblick zu Ian.
   »Wir müssen überhaupt nichts mehr diskutieren. Lass deine neue Freundin nicht warten!«
   Alexander warf ihr noch einen halb wütenden, halb reumütigen Blick zu, dann drehte er sich um und ging zurück zu Catharina, die triumphierend lächelte.
   Emilia sah zu, wie sie sich einen Platz suchten, und ihr entging auch nicht, wie Catharina für einen Augenblick ihre Hand auf Alexanders Arm legte. Schon bei dem Anblick wurde ihr schlecht. »Können wir bitte gehen?«
   »Meinetwegen.« Ian war schlau genug, sein Grinsen zu unterdrücken.
   Emilia stürmte aus dem Diner. Sie hatte das Gefühl, in dem stickigen Raum keine Luft mehr zu bekommen. Auf dem Parkplatz atmete sie tief durch und versuchte, sich zu beruhigen. Dass Alexander es tatsächlich wagte, mit Catharina hier aufzutauchen. Am Morgen, nachdem er mit ihr geschlafen hatte! Sie konnte es einfach nicht fassen. Wie konnte er sie nur so demütigen? Wenn sie sich vorstelle, ihn mit Catharina in der Schule zu sehen! Emilia sah ihren perfekten Ruf schon zusammenbrechen. Am liebsten hätte sie geheult.
   »Sollen wir woanders hingehen?«
   »Ich gehe lieber nach Hause. Danke für die Pfannkuchen.«
   »Kein Problem«, sagte Ian, während er sie zu ihrem Auto begleitete.
   »Heute Abend findet eine Strandparty statt. Hast du Lust, hinzugehen?«
   »Ich weiß nicht, ich bin eigentlich nicht in der Stimmung …«
   »Vielleicht lenkt es dich ab. Komm schon, ich würde mich echt freuen.«
   Emilia blickte auf. Sie hatten ihr Auto erreicht, und Ian stand direkt vor ihr. Wenn sie nicht wüsste, wie spielerisch er mit Frauen umging und wie perfekt charmant er sein konnte, hätte sie seinen Blick für Zuneigung deuten können. Doch sie kannte ihn schließlich. Sie zögerte noch kurz, dann lenkte sie ein. »Na gut. Holst du mich ab?«
   »Ich komme um acht Uhr. Ich freue mich.« Ian lächelte ihr zu, beugte sich vor und küsste sie flüchtig auf die Wange.
   Überrascht blickte Emilia ihm nach, als er gelassen zu seiner Limousine schlenderte. Dann stieg sie ein und startete den Motor.
   Zu Hause angekommen schmiss sie sich auf ihr Bett. Sie war immer noch vollkommen durcheinander. Eigentlich müssten ihre Gedanken an Alexander und Catharina hängen, und ja, es war schockierend und vor allem demütigend gewesen, sie zusammen zu sehen, doch das lag vor allem an der Angst, ihren Ruf zu verlieren. Sie war immer davon ausgegangen, Alexander eines Tages zu heiraten, aber langsam fragte sie sich, ob sie überhaupt jemals richtig in ihn verknallt gewesen war. Wann hatte sie das letzte Mal bei ihm Schmetterlinge im Bauch gehabt oder dieses berauschende Glücksgefühl in den Adern, das man empfindet, wenn man über beide Ohren verliebt ist? Emilia wusste es nicht mehr.
   Ihre Gedanken wanderten zu Ian. Wenn sie an ihn dachte, spürte sie, wie sich ihr Magen zusammenzog und sich die Härchen auf ihren Armen aufstellten. Sie hatte immer gedacht, das käme von ihrer Abscheu, aber jetzt war sie sich nicht mehr so sicher. Sie spürte den warmen Atem an ihrer Wange, und ihr Körper begann zu beben. Unwillkürlich musste sie lächeln. Sie war gespannt auf die Strandparty am Abend. Gerade, als sie überlegte, Julienne anzurufen, klingelte ihr Handy.
   »Hey Jules. Ich wollte dich gerade anrufen.«
   »Hi Mila, was ist denn los? Steve hat erzählt, dass Alexander und du Stress habt? Was ist denn passiert?«
   »Du hast mit Steve geredet?«, fragte Emilia verwirrt.
   »Ja …«
   Emilia hätte sich denken können, dass die Pause zwischen Julienne und Steve nicht von langer Dauer sein würde, doch irgendwie war sie trotzdem erstaunt. »Alexander hat mich betrogen … mit dieser Schlampe Catharina.«
   Julienne zog die Luft ein. »Was für ein Mistkerl!«, empörte sie sich, doch so richtig überrascht klang sie nicht. »Wie hast du davon erfahren?«
   Emilia erzählte Julienne vom gestrigen Abend und von den Geschehnissen im Diner.
   »Ian? Du warst tatsächlich mit Ian frühstücken?« Diesmal klang Julienne tatsächlich verwundert.
   »Ja, er hat mich eingeladen. Außerdem war er eigentlich sehr nett zu mir«, rechtfertigte sich Emilia.
   Julienne schwieg einen Moment. »Emilia, du musst dich mit Alexander aussprechen«, sagte sie energisch. »Ihr seid schon so lange zusammen. Willst du diese Beziehung wirklich wegen einer kleinen Meinungsverschiedenheit in den Sand setzen? Denk daran, wie dein Vater reagieren würde.«
   Emilia hatte das Gefühl, sich verhört zu haben. Eine Meinungsverschiedenheit? War Julienne jetzt verrückt geworden? Das war keine Meinungsverschiedenheit, das war Betrug – und Emilia wollte sich von niemandem betrügen lassen. »Mein Vater wird schon drüber hinwegkommen«, sagte sie trocken.
   »Ja, aber denk doch mal an Steve und mich. Er bringt mich so oft zur Weißglut, aber trotzdem weiß ich, dass wir zusammengehören – und das weißt du auch.«
   »Nein, Julienne, das weiß ich nicht mehr. Er hat mich betrogen.«
   »Einmal. So was passiert in jeder Beziehung.«
   »Schön, wenn du Steve immer wieder verzeihen möchtest, ist das deine Sache. Ich sicherlich nicht. Ach ja, und heute Abend gehe ich mit Ian auf eine Strandparty. Eigentlich wollte ich dich ja fragen, ob du mitgehen möchtest, aber da du mit Steve wieder zusammen bist, kenne ich deine Antwort schon.« Dann legte sie empört auf.
   Wie konnte Julienne nur so reden, als wäre nichts dabei, wenn Alexander mit einer anderen Frau ins Bett sprang? Nur, weil es sie scheinbar nicht störte, dass sich Steve mit anderen Frauen vergnügte, musste Emilia sich nicht auf das gleiche Niveau herablassen. Zornig pfefferte sie das Kissen, das Jules ihr einst geschenkt und das sie beide lächelnd am Pier zeigte, in die Ecke. Julienne würde es schon noch bereuen, wenn sie nicht hinter ihr stand.
   Das Öffnen der Haustür ließ Emilia zusammenzucken. Sie hatte ganz vergessen, dass ihr Vater heute von seiner Geschäftsreise zurückkam.
   »Daddy!« Sie rannte die Treppe hinab und fiel ihm um den Hals.
   Robert war ein hochgewachsener, gut aussehender Mann in den Fünfzigern. Er hatte einen für sein Alter noch immer ansehnlichen Körper, und die grauen Strähnen in seinen dunklen Haaren brachten seine glasblauen Augen noch stärker zur Geltung. »Hallo Prinzessin. Na, wie geht’s meinem Sonnenschein?«
   »Ganz okay«, wich Emilia der Frage aus. Sie folgte ihrem Vater in die Küche und sah zu, wie er den Kühlschrank nach etwas Essbarem durchforstete. »Wie läuft es in der Schule?«
   »Alles super. Ich bin immer noch Jahrgangsbeste.«
   »Was anderes hätte ich auch nicht erwartet.« Liebevoll strich er ihr durch das Haar.
   Emilia ließ das nur bei ihm zu, und natürlich auch nur, wenn sie zu Hause waren.
   »Wie geht’s deiner Mutter?«
   Emilia zuckte mit den Schultern. Sie hatte sie die letzten Tage kaum gesehen.
   Als hätte ihre Mutter Roberts Auftauchen geschmeckt, erschien sie in dem Moment im Türrahmen, mit gerichteten Haaren und wie immer übertriebenem Make-up. »Hallo Robert, du bist ja wieder zu Hause.«
   »Hallo Lilli.« Er küsste sie auf die Wange. »Ja, die nächsten zwei Wochen werde ich von zu Hause aus arbeiten.«
   »Das ist ja wundervoll.« Das Lächeln auf Lillis Gesicht war etwas zu breit.
   »Wollen wir heute oder morgen etwas unternehmen?«, fragte Emilia.
   »Woran hast du denn gedacht?«
   »Ich könnte für heute Abend noch ein neues Outfit gebrauchen. Wir könnten in diesen kleinen noblen Laden gehen. Der von deinem Bekannten, in den man ohne Termin eigentlich nicht so reinspazieren kann.«
   »Könnte ich meinem Engel je etwas abschlagen?«
   Emilia strahlte.
   »Wird Alex auch mit shoppen gehen? Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen.«
   Sie zuckte bei dem Namen zusammen. »Nein.«
   »Schade, und was ist mit deiner Freundin Julienne?« Ihr Vater räumte Zutaten für ein Sandwich aus dem Kühlschrank und begann, Frischkäse auf das Ciabatta zu streichen.
   »Auch nicht, wir gehen nur zu zweit.«
   »In Ordnung. Lass mich auspacken und noch einige Kleinigkeiten erledigen, dann können wir los.«
   »Super!« Flüchtig küsste sie ihn auf die Wange, dann ging sie zurück in ihr Zimmer, um sich schon einmal das perfekte Shopping-Outfit auszusuchen.
   In einen türkisenen Jumpsuit gekleidet und mit einem weißen Hut ausgestattet, stieg sie eine Stunde später wieder die Treppen zur Küche hinab. Am Ende der Treppe blieb sie stehen. Sie hörte ihre Eltern in der Küche reden – und es klang nicht sonderlich freundlich.
   Sie schlich näher.
   »Müssen wir das alles wirklich wieder durchkauen?«, zischte ihr Vater genervt.
   »Falls du dich erinnerst: Wir haben das nie durchgekaut! Du bleibst ja nie lange genug hier. Denk doch mal an deine Tochter.«
   »Ich denke nur an meine Tochter.«
   »Vielen Dank! Das sagt alles. Meinetwegen kannst du jetzt auch wieder gehen.« Die Stimme ihrer Mutter wurde vor Empörung und Wut lauter. »Unsere Tochter braucht keinen Vater, der alle paar Wochen mal auftaucht!«
   »Aber eine Mutter, die sich nur mit ihren Freundinnen betrinkt?«
   Porzellan zerbrach scheppernd.
   Emilia stürmte in die Küche. »Was ist denn hier los?«
   Keinen Meter von ihrem Vater entfernt lag ein zerbrochener Teller am Boden. Ihre Mutter hatte ihre zitternde Hand vor den Mund geschlagen und sah aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.
   »Es ist alles in Ordnung. Wir hatten nur eine kleine Meinungsverschiedenheit. Ich bin gleich so weit«, sagte ihr Vater beruhigend und bückte sich, um die Scherben aufzuheben.
   Emilia nickte nur und ging zurück in den Flur, um sich passende Schuhe auszusuchen. Ihr war bewusst, dass die Ehe ihrer Eltern nicht immer gut verlief, doch dass ihre Mutter ihren Vater mit einem Teller bewarf – davon war sie nicht ausgegangen.
   »Du siehst wunderschön aus.« Robert war hinter sie getreten und schenkte ihr ein anerkennendes Lächeln.
   »Danke«, murmelte Emilia.
   Während sie mit dem Rolls-Royce ihres Vaters ins Stadtzentrum von Los Angeles fuhren, war Emilia mit den Gedanken noch immer bei der eben erlebten Szene.
   Ihr Vater summte gut gelaunt zu einem 80er-Song, der im Radio lief, und tat, als wäre nichts Ungewöhnliches geschehen. Doch Emilia fragte sich, ob die Ehe ihrer Eltern wirklich halten würde und ob ihr Vater vielleicht deshalb so häufig unterwegs war.
   In dem kleinen Laden begrüßte sie ein klein gewachsener Mann im mittleren Alter, dessen maßgeschneiderter Anzug sich an seinen Wohlstandsbauch schmiegte.
   »Robert, was für eine schöne Überraschung«, sagte er überschwänglich. Er wandte sich an Emilia. »Ich könnte schwören, dass du mit jedem Mal hübscher wirst.« Galant nahm er ihre Hand und deutete einen Handkuss an.
   »Wie ich sehe, bist du immer noch der gleiche Charmeur wie früher«, entgegnete ihr Vater und lachte. »Aber ich muss dich enttäuschen, lieber Charles, Emilia ist immer noch in festen Händen.« Er zwinkerte Charles zu, der theatralisch die Hände über den Kopf zusammenfaltete.
   »Mein Pech, sein Glück. Kommt doch rein.«
   Der Laden war stilvoll eingerichtet. An den Wänden hingen in goldenen Bilderrahmen Auszeichnungen, der Boden war mit einem flauschigen Teppich ausgelegt, der trotz der täglichen Strapazen zahlreicher Besucher wie neu wirkte. Und dann waren da noch die Kleiderstangen. An jeder hingen zahlreiche Unikate und Schmuckstücke. Emilia vergaß den Streit ihrer Eltern, sie vergaß ihren untreuen Exfreund und den Verrat ihrer Freundin.
   Sie ließ ihren Vater bei Charles stehen, der gerade fragte, wo Robert diesmal unterwegs war, und begab sich in den Shopping-Wahn. Sie zog hier und da ein Kleidungsstück heraus, bis schließlich ihr linker Arm unter der Last von Seide, Kaschmir und Polyester einzubrechen drohte. Dann ging sie in die Umkleide am hinteren Ende des Raumes. Eine Stunde später hatte sie sich aus dem Berg von Klamotten drei Outfits herausgesucht, die allesamt wunderschön und ungeheuer teuer waren. Glücklicherweise brauchte es, vermutlich aufgrund des Streits, den sie mitbekommen hatte, keine großen Überzeugungskünste, um ihren Vater von dem Kauf der Kleidung zu überzeugen.
   »Alexander wird bestimmt begeistert sein, wenn er dich heute Abend sieht«, sagte er, als sie zurück Richtung Meer fuhren.
   »Er wird heute Abend nicht dabei sein«, murmelte Emilia.
   »Wieso denn? Habt ihr etwa Ärger?«
   »So etwas in der Art.« Sie hatte keine Lust, den Nachmittag mit der Wahrheit zu verderben. Sie wusste, ihr Vater würde sie überzeugen wollen, diese Verbindung nicht zu kappen.
   »Das kriegt ihr schon wieder hin. Redet einfach miteinander.«
   Sie verkniff sich einen Kommentar und schwieg.
   »Ich muss noch ins Büro«, erklärte ihr Vater, bevor sie ihr Haus erreichten.
   Du willst nur Mama aus dem Weg gehen, dachte sich Emilia und presste die Lippen aufeinander.
   Robert küsste sie auf die Wange, versprach, morgen mit ihr Mittagessen zu gehen, dann sah sie zu, wie er wendete und zurück auf die Straße fuhr. Mit den Tüten bepackt, ging sie ins Haus.
   »Seid ihr schon zurück?«, hörte sie die honigsüße Stimme ihrer Mutter, die in einem pinkfarbenen Kostüm im Flur erschien. Kurz schien sie enttäuscht, dass nur Emilia das Haus betrat, doch dann setzte sie wieder ein fröhliches Lächeln auf. »Rat mal, wer auf dich im Wohnzimmer wartet? Ich habe euch Shakes und einen Obstteller vorbereitet«, flötete sie. »Und stell dir vor, er hat sogar Blumen mitgebracht, ist das nicht süß?«, fügte sie verschwörerisch hinzu. Dann verschwand sie wieder in der Küche.
   Emilia stand da und überlegte ernsthaft, einfach wieder aus dem Haus zu stürmen. Sie hatte keine Lust, mit Alexander zu sprechen, sie wusste auch nicht, was es zu reden gäbe. Trotzdem ging sie langsam Richtung Wohnzimmer.
   »Was willst du hier?«, fragte sie widerwillig.
   Alexander stand vom Sofa auf. In seinen Händen hielt er einen Strauß weißer Tulpen – Emilias Lieblingsblumen. »Ich möchte mich entschuldigen. Es tut mir leid, diese Sache mit Catharina.«
   »Es tut dir leid? Das ist alles? Du hast mich betrogen!«, fauchte Emilia. Am liebsten hätte sie ihm die Blumen aus der Hand geschlagen. Als sie Schritte im Gang hörte, senkte sie die Stimme. »Ich möchte das nicht hier im Wohnzimmer besprechen.« Dann drehte sie sich um und stürmte die Treppen empor. Wenn er unbedingt reden wollte, dann wenigstens dort, wo niemand es mitbekam.
   »Ich weiß, und es tut mir wirklich leid. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte«, versuchte Alexander zu erklären, nachdem er die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte.
   »Ich denke, du weißt genau, wie das passiert ist.« Plötzlich fühlte sich Emilia unendlich müde. »Hör zu. Ich will überhaupt nicht wissen, wie es geschehen konnte oder warum. Ich will auch von dir nichts mehr wissen. Das mit uns ist vorbei – wenn wir ehrlich sind, ist es das wohl schon länger, sonst hättest du nie Catharina am Tag darauf mit ins Diner genommen.« Demonstrativ drehte sie sich um und setzte sich an ihren Schreibtisch, wo die Hausaufgaben vom Freitag noch unberührt herumlagen. Sie wollte einfach nur noch allein sein.
   Alexander blieb für eine Weile stumm hinter ihr stehen, dann legte er die Blumen, die er mit hochgenommen hatte, auf ihr Bett. »Weißt du was, Emilia«, sagte er leise, »eigentlich tut es mir überhaupt nicht so leid. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn du einmal von deinem hohen Ross geschmissen wirst.« Krachend schloss er die Tür hinter sich.
   Emilia stand auf und pfefferte den Strauß in ihren Mülleimer, zog ihr Tagebuch hervor und begann, die Seiten, in denen sie über ihre Zukunft mit Alexander geschrieben hatte, herauszureißen.

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