Während eines Aufenthalts in Bonn lernt der erfolgreiche amerikanische Unternehmer Jason Wingate die aparte Juristin Melanie Barenfeld kennen. Aus der gegenseitigen Sympathie entwickelt sich rasch Zuneigung. Jason, der in einem Elternhaus aufgewachsen ist, in dem nur Geld und Einfluss zählten, ist fasziniert davon, wie liebevoll Melanie, ihre Eltern und Geschwister miteinander umgehen. Heftige Sehnsucht nach einer solchen Familie erwacht in ihm, doch zwischen Melanie und ihm liegen 9000 Kilometer und zwei Lebensplanungen, die absolut nicht zusammenpassen. Erst ein erschütterndes Ereignis öffnet beiden die Augen für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

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ISBN: 978-9963-53-952-9

Seiten: 329

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Romina Gold

Romina Gold
Romina Gold fand bereits als Jugendliche ihre selbst erschaffene Fantasiewelt spannender als das reale Leben. Damals begann sie, ihre Lieblingsgeschichten aufzuschreiben. Ihre Träume hat sie sich bis heute ebenso bewahrt wie die Leidenschaft fürs Schreiben. Rominas Bücher sind eine Mischung aus Romantik und Abenteuer, mit denen sie ihren Lesern eine unterhaltsame Auszeit schenken möchte. Ihre schriftstellerische Bandbreite reicht von rasanten Thrillern über dramatische Beziehungsromane bis hin zu zauberhafter Fantasy, jedoch immer garniert mit einer wundervollen Liebesgeschichte. Die freiberufliche Autorin und Lektorin lebt mit Mann und Hund im sonnigen Südwesten Deutschlands. Ihr Erlebnishunger sowie ihr Faible für fremde Länder finden sich in ihren Romanen ebenso wieder wie ihr Glaube an die wahre Liebe.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Bonn – im September

Melanies Telefon läutete im selben Moment, in dem sie das Handelsgesetzbuch zuschlug. Beim Blick aufs Display hob sie erstaunt die Brauen. Alfred von Simmern, der Seniorpartner der Kanzlei, rief sie persönlich an, etwas, das er nie zuvor getan hatte. Üblicherweise sprach er mit den Juniorpartnern und diese gaben seine Anweisungen weiter.
   »Kommen Sie sofort in mein Büro, Frau Barenfeld«, sagte er ohne Einleitung, nachdem sie sich gemeldet hatte. Melanie kannte es nicht anders. Von Simmern war grundsätzlich kurz angebunden, und Höflichkeitsfloskeln beschränkte er auf ein Minimum.
   Sie schlüpfte in ihre Kostümjacke, überquerte den Flur, lief an der Anmeldung vorbei, an der zwei Assistentinnen saßen, klopfte an seine Bürotür und trat ein. Das Eckzimmer strahlte eine gediegene Atmosphäre aus, die von der Duftmelange aus alten Büchern und teurem Pfeifentabak untermalt wurde. Durch die hohen Bogenfenster ergoss sich die Herbstsonne über die antiken Möbel und brachte den in Rot-, Gelb- und Beigetönen gemusterten Perserteppich, der den Parkettboden schmückte, zum Leuchten.
   Alfred von Simmerns feiste Gestalt, die so überhaupt nicht in dieses vornehme Ambiente passte, thronte hinter dem Schreibtisch. Bei Melanies Eintreten sah er hoch und schob eine Akte in ihre Richtung. »Herr Auermann ist krank. Bis zu seiner Rückkehr werden Sie diesen Mandanten betreuen. Unter meiner Führung versteht sich.«
   Sie griff nach dem Dossier und wollte es aufschlagen, doch er gebot ihr mit einer ungeduldigen Geste Einhalt. »Der Termin ist für drei Uhr angesetzt. Bereiten Sie sich gründlich vor.« Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Schriftstück, in dem er gelesen hatte.
   »Selbstverständlich, Herr von Simmern. Danke«, sagte sie, aber er ignorierte sie.
   Zurück in ihrem Büro sank sie auf den Stuhl, stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und legte das Gesicht in beide Hände. So sehr sie das Wissen und die langjährige Berufserfahrung von Simmerns zu schätzen wusste, menschlich war er eine komplette Zumutung.
   Melanie arbeitete seit sechs Monaten als First-Year-Associate in der angesehenen Großkanzlei für deutsches und internationales Wirtschaftsrecht. Sie hatte sich schnell in die Riege der Partner und Associates eingefügt und ein nettes Verhältnis zu Kathrin Fischer, der Assistentin, die für Stefan Auermanns Team zuständig war, aufgebaut. Nur zum Seniorpartner fand sie einfach keinen Zugang, obwohl sie sich stets um einen freundlichen und verbindlichen Ton bemühte.
   Seufzend schlug sie die Akte auf. Sie erkannte Stefans Handschrift, er war einer der Juniorpartner und Fachanwalt für US-Recht. Melanie hatte im vergangenen halben Jahr viel von ihm gelernt, und er profitierte von ihren exzellenten Sprachkenntnissen. Sie beherrschte vier Fremdsprachen und stellte für die Kanzlei mit ihren größtenteils ausländischen Mandanten eine Bereicherung dar, doch im Gegensatz zu seinen Partnern wusste von Simmern das nicht zu würdigen.
   Melanie vertiefte sich in das Schriftstück. Sie erinnerte sich an die Besprechung vor rund fünf Wochen, bei der Stefan Auermann sein Team über dieses Mandat informiert hatte. Der Klient hieß Jason Wingate und war Inhaber einer Softwarefirma mit Stammsitz in den Vereinigten Staaten. Er hatte im vergangenen Jahr eine Niederlassung in England errichtet und weitete aktuell seine Firmentätigkeit auf Deutschland aus. Alfred von Simmerns Kanzlei bot ausländischen Investoren rechtlichen Beistand bei Firmengründungen, verfasste und prüfte Verträge, besorgte Genehmigungen, unterstützte in Steuerfragen und half dabei, langwierige Prozesse mit Behörden abzukürzen.
   Leider gaben Stefans Notizen nicht allzu viel über das Unternehmen preis, daher suchte Melanie im Internet nach näheren Informationen. Sie klickte sich durch die Firmenwebseite und stieß auf die Vita des Geschäftsführers: Jason A. Wingate, CEO von Win-Gate-Solutions, sechsunddreißig Jahre alt. Spontan kam ihr der Gedanke, dass er recht jung war, um eine Firma von dieser Größe zu leiten, doch in der IT-Branche zählten innovative Ideen mehr als jahrzehntelange Erfahrung. Melanie las weiter. Herr Wingate war in Sausalito, Kalifornien, geboren, in seiner Akte stand allerdings eine Adresse im Londoner Stadtteil South Kensington. Offensichtlich sein zweiter Wohnsitz.
   Das Porträtfoto zeigte ein markantes Gesicht. Jason Wingates Blick wirkte intelligent und auf subtile Weise herausfordernd. Neugierig klickte sie zur Google Bildersuche, wo sie einige Aufnahmen von einer Wohltätigkeitsveranstaltung fand, die er besucht hatte. Er trug einen Smoking und sah darin elegant und weltmännisch aus. Sie betrachtete das Bild eine Weile, bevor sie sich wieder ihrer Arbeit zuwandte.
   Kurz nach fünfzehn Uhr meldete sich Kathrin Fischer über die Gegensprechanlage. »Sie dürfen jetzt ins Allerheiligste, Melanie«, sagte sie.
   »Welche Ehre«, griff sie den ironischen Tonfall der Assistentin auf, die ebenfalls unter Alfred von Simmerns harscher Art litt. »Danke.«
   Melanie klopfte an und betrat das Büro des Seniorpartners. Ihr erster Blick fiel auf einen hünenhaften Mann in einem dunklen Anzug, der in der Nähe der Tür stand. Er hielt die Hände hinter dem Rücken verschränkt und musterte sie aus wachen Augen. Sein kurzes blondes Haar betonte seine maskulinen Züge. Irritiert blieb sie stehen. Bodyguard?, schoss es ihr durch den Kopf.
   Der Riese nickte dem Jüngeren der beiden Besucher zu, die am Besprechungstisch saßen, und in dem Melanie Jason Wingate erkannte.
   »Das ist Frau Barenfeld«, vernahm sie von Simmerns Stimme. Er sprach Englisch.
   Mit einer Geste bedeutete ihr der Blonde, hereinzukommen. Melanie starrte ihn einen Moment lang an. So etwas hatte sie nie zuvor erlebt. Wieso benötigte der CEO einer Softwarefirma einen Leibwächter? Sie riss sich zusammen, schloss die Tür und durchquerte den Raum. Alfred von Simmern saß an seinem Stammplatz am Kopfende des polierten Eichentisches, der Mandant und sein Begleiter rechts von ihm. Sie grüßte in die Runde und wollte Platz nehmen, als Herr Wingate aufstand und ihr die Hand entgegenstreckte.
   »Guten Tag, ich bin Jason Wingate«, sagte er in einem stark akzentgefärbten Deutsch. Seine Stimme klang angenehm. Dunkel und etwas rau, ein faszinierender Kontrast zu seinem durchgestylten Äußeren.
   Melanie lächelte, erfreut über seine Bemühung, einige Worte in einer Sprache zu sagen, die er offenkundig nicht beherrschte. Während sie seinen Händedruck erwiderte, stellte sie sich auf Englisch vor. »Mein Name ist Melanie Barenfeld und es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Mr. Wingate.«
   »Sie sind die Dolmetscherin.« Er hörte sich erleichtert an.
   Melanies Blick huschte von ihm zum Seniorpartner. Hatte er sie tatsächlich als Dolmetscherin angekündigt?
   »Ich bin Juristin, Mr. Wingate«, sagte sie. »Englisch ist meine Muttersprache.«
   Ein mahnendes Hüsteln und Alfred von Simmerns mürrischer Gesichtsausdruck verhießen nichts Gutes. Obwohl sie sich keiner Schuld bewusst war, befiel Melanie eine plötzliche Unsicherheit.
   »Folglich sind Sie mit den Fachbegriffen in beiden Sprachen vertraut«, rettete Jason Wingate die Situation.
   »Wir sollten anfangen«, knurrte von Simmern.
   Herr Wingate ignorierte den unhöflichen Einwurf, stattdessen deutete er auf seinen älteren Begleiter, der sich gleichzeitig mit ihm erhoben hatte. »Zuerst möchte ich Ihnen James Cardwell, meinen Firmenanwalt, vorstellen.«
   Sie schüttelten sich die Hände. Anschließend warf Melanie einen Blick in Richtung des Bodyguards.
   »Vince Hanson, mein Sicherheitschef«, sagte Herr Wingate.
   Sie nickte Vince Hanson zu, und er erwiderte die Geste. Chef der Security. Die Information steigerte ihre Nervosität, bedeutete sie doch, dass Jason Wingate außer ihm noch weitere Leibwächter beschäftigte. Melanie war in der Kanzlei einigen Geschäftsführern von großen Unternehmen begegnet, aber keiner hatte seinen Bodyguard mitgebracht. Benötigte Herr Wingate tatsächlich Personenschutz oder war das nur eine Marotte eines übervorsichtigen Amerikaners? Sie verdrängte diesen Gedanken und nahm Platz. Jason Wingate und sein Anwalt setzten sich ebenfalls, James Cardwell schlug eine Dokumentenmappe auf und begann zu sprechen. Melanie hörte interessiert zu.
   »Frau Barenfeld, übersetzen Sie«, unterbrach Alfred von Simmern, und der Firmenanwalt verstummte konsterniert.
   Melanie sah den Seniorpartner erschrocken an. »Ich wollte Herrn Cardwell nicht ins Wort fallen«, sagte sie.
   »Können Sie sich alles merken, was er von sich gibt?«, polterte von Simmern.
   Vor Verlegenheit stieg ihr Hitze in die Wangen, und stockend übersetzte sie. Dabei war ihr nur zu bewusst, dass Jason Wingates Blick auf ihr ruhte.

Eine Stunde später waren die Modalitäten besprochen, Jason Wingate und seine Begleiter verabschiedeten sich. Melanie kehrte in ihr Büro zurück und setzte sich an den Schreibtisch. Missmutig fixierte sie das Telefon, in der Erwartung, gleich zu von Simmern zitiert zu werden, doch der Apparat blieb still. Ärger über sein schlechtes Benehmen kroch in ihr hoch. Er hatte sie wie ein dummes Mädchen behandelt. Wenn er ihr am Morgen bereits gesagt hätte, dass er sie nur als Dolmetscherin brauchte, wäre sie entsprechend vorbereitet in den Termin gegangen. Aber diese Maulfaulheit war so typisch für ihn.
   Um sich nicht in ihre Wut hineinzusteigern, schlug sie die Akte auf, mit der Absicht, die Besprechungsnotizen im System zu erfassen. Sie bewegte die Maus, der Bildschirm erwachte zum Leben und die letzte Seite, die sie besucht hatte, erschien: Jason Wingate auf der Wohltätigkeitsveranstaltung. Sie betrachtete die Fotos nun mit anderen Augen und rief sich den Amerikaner noch einmal in Erinnerung. Er war etwa zehn Zentimeter größer als sie, Melanie schätzte ihn auf einen Meter fünfundachtzig. Der anthrazitfarbene Maßanzug hatte seine sportliche Figur betont. Sein dunkelbraunes Haar zeigte einen Anflug von Wellen, hohe Wangenknochen verliehen seinem Gesicht eine aristokratische Note. Am ansprechendsten fand sie jedoch seine Augenfarbe, ein intensives Azurblau mit vereinzelten silbergrauen Tupfen. Es war ihr schwergefallen, ihn nicht ständig anzustarren, denn sein Enthusiasmus und das lebhafte Glitzern in seinem Blick, wenn er von seinem geplanten Projekt sprach, hatten sie fasziniert. Melanie unterdrückte ein Seufzen. Jason Wingate war ein höllisch attraktiver Mann und besaß tadellose Manieren, eine Eigenschaft, die sie sehr zu schätzen wusste.
   Sie ertappte sich dabei, wie sie durch die Bilderanzeige scrollte, auf der Suche nach dem Foto, auf dem er zusammen mit einer Frau abgebildet war. Schließlich wurde sie fündig. Die Blondine trug ein tief dekolletiertes rubinrotes Abendkleid, das ihrer weiblichen Figur schmeichelte. Jason Wingates Hand lag auf ihrer Taille und beide strahlten in die Kamera. Linda Wingate stand unter der Aufnahme. Melanie starrte sie sekundenlang an. Klar, dass ein Mann wie er mit einer solchen Schönheit verheiratet war. Sie schloss den Internetbrowser mit einem Klick und konzentrierte sich auf ihre Arbeit.

Kurz vor Feierabend rief Kathrin Fischer an. »Herr von Simmern will Sie sprechen«, sagte sie.
   Melanie unterdrückte ein Stöhnen. Sie hatte umsonst gehofft, dass der Kelch an ihr vorübergehen würde, aber dieses Verhalten war bezeichnend für den Seniorpartner. Er ließ seine Mitarbeiter gern schmoren. »Danke, Kathrin.«
   Mit einem unguten Gefühl griff sie nach der Akte Wingate und betrat zum dritten Mal an diesem Tag von Simmerns Büro. Er saß hinter seinem Schreibtisch, die Ellenbogen auf den Lehnen des Drehstuhls aufgestützt, und balancierte einen Füllfederhalter zwischen seinen Zeigefingern. Bei ihrem Eintreten fixierte er sie mit einem scharfen Blick. Melanie durchquerte den Raum und blieb vor dem massiven Möbelstück stehen.
   »Ich nehme an, Sie wissen, wieso ich Sie sprechen will?«, begann er.
   Melanie zwang sich, ihm in die Augen zu sehen, während sie nach einer passenden Antwort suchte. Sie hatte ihre Arbeit gut gemacht, und sie würde sich nicht selbst schlechtreden, nur weil er es erwartete.
   Er legte den Stift auf die Tischplatte und beugte sich vor. »Nun?«
   »Offensichtlich habe ich Sie falsch verstanden. Ich dachte, ich sollte Herrn Auermann vertreten.«
   Von Simmern schnaubte. »Wie lange sind Sie jetzt bei uns?«
   Er wusste es ganz genau, aber er veranstaltete gern diese Fragespielchen.
   »Sechs Monate«, antwortete Melanie.
   »Sechs Monate«, wiederholte er gedehnt. »Und da bilden Sie sich sein, Sie könnten einem versierten Anwalt wie Herrn Auermann das Wasser reichen?«
   »Natürlich nicht … Ich dachte, ich sollte Ihnen zuarbeiten, solange er krank ist.«
   »Ich habe Sie wegen Ihrer Fremdsprachenkenntnisse eingestellt. Wollen Sie mir erzählen, dass Sie das vergessen haben?«
   »Nein, Herr von Simmern, aber außer meinen Sprachkenntnissen besitze ich auch einen Abschluss in Jura.«
   »Ihr Grünschnäbel«, bellte er. »Kommen frisch von der Uni und meinen, alles besser zu wissen.« Sein Gesicht lief rot an, sein Doppelkinn bebte. »Sollten Sie es noch einmal wagen, mich vor einem Mandanten bloßzustellen, sind Sie gefeuert. Betrachten Sie dies als Abmahnung!«
   Obwohl sie wusste, dass seine Drohung haltlos war und er sie nur mit einer fristgerechten Kündigung entlassen konnte, wurden Melanies Knie weich. Am liebsten wäre sie in einen der Sessel gesunken, die vor seinem Schreibtisch standen. Keine Kanzlei würde sie nehmen, wenn Alfred von Simmern sie nach so kurzer Zeit rauswarf. Dabei brauchte sie diesen Job dringend. Ihre Finger umklammerten die Akte fester. Sie unterdrückte das Verlangen, ihm zu widersprechen und zwang sich zu einer Entschuldigung.
   »Es tut mir leid, Herr von Simmern. Bitte glauben Sie mir, dass ich nichts Böses im Sinn hatte. Ich war verunsichert …«
   Mit einer unwirschen Handbewegung brachte er sie zum Schweigen. »Ich will keine Ausflüchte hören. Halten Sie sich zukünftig zurück mit Ihren vorlauten Äußerungen.«
   »Ja … Selbstverständlich.«
   Sie suchte seinen Blick, doch er ignorierte sie und griff sich stattdessen die oberste Akte eines Stapels, der auf dem Sideboard hinter ihm lag. Melanie kam sich vor wie eine Schülerin, die zum Rektor zitiert worden war. Fast hätte sie ihn gefragt, ob sie gehen durfte. Wortlos wandte sie sich ab und verließ das Büro. Im Flur blieb sie stehen, schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. Als sie die Lider wieder öffnete, begegnete sie Kathrin Fischers mitleidigem Blick.
   »Wir waren alle schon mal dran.«
   Melanie trat näher. »Macht ihm das Spaß?«, fragte sie.
   »Es gibt Menschen, die sich nur wohlfühlen, wenn sie anderen das Leben schwermachen können. Von Simmern gehört zu dieser Spezies.«
   Die zweite Assistentin nickte.
   »Mir reicht es für heute, ich gehe nach Hause.« Melanie zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht. »Bis morgen.«
   »Schönen Feierabend.«

*

»Ein unsympathischer Typ, dieser von Simmern«, bemerkte Vince beim Abendessen im Yunico, dem japanischen Restaurant des Kameha Grand.
   Jason hatte seinem langjährigen Freund und dessen Frau Kelly den Aufenthalt in einer der stylishen Themensuiten des Hotels spendiert, damit sie ihre Flitterwochen, die sie in Paris und London verbracht hatten, entspannt ausklingen lassen konnten. Nach den turbulenten Monaten vor ihrer Heirat genossen die beiden diesen Luxus in vollen Zügen. Vince’ Anwesenheit bei Jasons heutigem Termin war eine Ausnahme gewesen. Er hatte sich die Kanzlei und die Anwälte, mit denen Jason in den kommenden Wochen zu tun haben würde, persönlich ansehen wollen. Selbst im Urlaub gelang es ihm nicht, seine übliche Wachsamkeit abzulegen.
   »Ein unangenehmer Zeitgenosse«, stimmte James Cardwell zu. »Er hat die junge Frau sehr in Verlegenheit gebracht.«
   Jason stellte sein Weinglas ab und sah Vince an. »Was wissen wir über Mrs. Barenfeld?«
   »Nicht viel. Dylan hat zwar die Anwälte und Mitarbeiter der Kanzlei durchleuchtet, aber sein Hauptaugenmerk lag auf deinen direkten Ansprechpartnern Auermann und von Simmern. Melanie Barenfeld, übrigens eine Miss Barenfeld, ist erst seit sechs Monaten dort beschäftigt. Vor ihrem Jurastudium arbeitete sie einige Jahre als Flugbegleiterin. Sie beherrscht fünf Sprachen fließend, Englisch und Deutsch sind Muttersprachen.«
   »Dylan soll noch ein wenig tiefer graben, ich hätte sie gern als meine Ansprechpartnerin. Im Gegensatz zu Mr. von Simmern spricht sie perfekt Englisch und sie hat sich im Vorfeld mit dem Geschäftsmodell von Win-Gate-Solutions intensiv vertraut gemacht. Sie wirkte auf mich sehr engagiert.« Ihr Eifer erinnerte Jason an seine Anfangszeit als Juniorchef. Sie hatte jedes seiner Worte förmlich aufgesogen, war auf seine Fragen eingegangen und hatte ihm konstruktive Vorschläge unterbreitet. Mehrmals war sie dabei Alfred von Simmern zuvorgekommen, was dieser zwar schweigend zugelassen, jedoch mit finsteren Blicken quittiert hatte.
   Vince zog vielsagend die Augenbrauen hoch. »Ihr Engagement ist mir auch aufgefallen. Ich dachte mir, dass du zukünftig mit ihr zusammenarbeiten willst. Die Mail an Dylan ist bereits raus.«
   »Danke.« Jason zwinkerte Kelly zu. »Ein guter Mann.«
   »Der Beste.« Sie lächelte verliebt.

Kapitel 2

Am folgenden Montag betrat Stefan Auermann im Lauf des Vormittags Melanies Büro und legte eine Mappe auf ihren Schreibtisch. »Das gehört dir.«
   Interessiert zog sie die Akte zu sich heran. »Win-Gate-Solutions?« Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in ihr aus, als ihr Alfred von Simmerns Zurechtweisung in den Sinn kam. »Das ist doch dein Mandant.«
   Er schüttelte den Kopf. »Nicht mehr. Herr Wingate wünscht, dass du ihn exklusiv betreust.«
   »Wie bitte? Mir fehlt die Erfahrung für ein solches Projekt und ich … Vermutlich sind meine Englischkenntnisse der Grund. Herr von Simmern hat mich als Dolmetscherin hinzugezogen, als du krank warst«, erklärte sie, weil sie den Eindruck hatte, Stefan einen Mandanten weggeschnappt zu haben.
   »Als klar war, dass wir Win-Gate-Solutions vertreten würden, hatte ich ihm vorgeschlagen, dich das Mandat führen zu lassen, aber er war dagegen. Er meinte, es wäre zu früh, um dir diese Verantwortung zu übertragen.« Stefan grinste. »Herr Wingate sieht das offensichtlich anders.«
   »Mhm …« Nachdenklich strich Melanie über die Akte. »Was sagt Herr von Simmern dazu?«
   »Du kennst ihn doch. Sobald etwas nicht so läuft, wie er es sich vorstellt, meckert er.«
   »Ich weiß.« Sie seufzte. »Danke, Stefan.«
   »Falls du Hilfe brauchst, sprich mich an. Bevor du zu von Simmern gehst.«
   »Mach ich.«
   Er nickte ihr zu und verließ das Büro.
   Glücklich schlug Melanie die Mappe auf. Ihr erstes Mandat. Endlich! Im Gegensatz zum Seniorpartner hatte Jason Wingate ihr Potenzial erkannt. Sie blätterte durch die Seiten und las von Simmerns handschriftliche Notizen, dabei glitten ihre Gedanken zurück zum zweiten Win-Gate-Solutions-Termin in der vergangenen Woche. Alfred von Simmern war erstaunlich höflich gewesen, Melanie hatte routiniert übersetzt und Herr Wingate war im Anschluss kurz in ihr Büro gekommen, um sich für ihre Unterstützung zu bedanken. Die Zusammenarbeit mit ihm würde gewiss angenehm verlaufen. Bei der Vorstellung, ihn öfter zu sehen, verspürte sie Freude.

Die Sonne schien, zum offenen Bürofenster strömte eine warme Brise herein und Melanie beschloss, ihre Mittagspause im Freien zu verbringen, denn sie hielt sich ungern den ganzen Tag in geschlossenen Räumen auf.
   Nachdem sie die Pumps gegen flache Schuhe getauscht hatte, verließ sie die Kanzlei und spazierte durch die Gartenanlagen der nahegelegenen Poppelsdorfer Allee. Voller Euphorie dachte sie an Jason Wingate. Dass er von ihr betreut werden wollte, gab ihrem Selbstvertrauen einen immensen Schub und vertrieb das dumpfe Gefühl, versagt zu haben, das sie seit Alfred von Simmerns Maßregelung begleitete. Herr Wingate war ein Mandant, der vieles kritisch hinterfragte, doch es war ihr gelungen, diesen anspruchsvollen Geschäftsmann von ihrer Qualifikation zu überzeugen.
   Auf dem Rückweg kaufte sie sich einen Coffee to go und gönnte sich zur Feier des Tages eine Eistüte. Als sie die Treppe zur Kanzlei hinaufging, vernahm sie Stimmen auf dem Absatz über sich und erblickte Jason Wingate, der sich in Begleitung seines Bodyguards befand. Die beiden standen vor der gläsernen Eingangstür. Melanie erschrak. Hatte sie einen Termin vergessen? Im selben Moment drehte sich Herr Wingate um. Er wirkte kurz überrascht, dann jedoch verzogen sich seine Lippen zu einem Lächeln.
   »Guten Tag«, grüßte sie und leckte schnell das Rinnsal Vanilleeis weg, das ihr über die Finger lief.
   Die Männer erwiderten den Gruß.
   »Kann ich Ihnen helfen?«, wandte sie sich an Jason Wingate.
   Er betrachtete sie amüsiert, und eine plötzliche Verlegenheit befiel sie. Momentan sah sie nicht aus wie eine seriöse Anwältin, sondern eher wie eine Göre, die vom Spielen nach Hause kam.
   »Ich habe einige Unterlagen bei Ihrer Assistentin abgegeben«, sagte er. »Wir können gern kurz darüber sprechen, falls es Ihnen zeitlich passt.«
   »Selbstverständlich.«
   Sie brachte die letzten Stufen hinter sich, Jason Wingate öffnete die Tür und hielt sie ihr auf. Melanie huschte an ihm vorbei, und ein Hauch seines exklusiven Eau de Toilette streifte ihre Nase.
   »Kommen Sie bitte rein. Ich bin sofort bei Ihnen.« Sie lächelte entschuldigend und deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung ihres Büros, während sie auf die Damentoilette zusteuerte.

*

Jason und Vince warteten im Flur, bis Melanie Barenfeld wieder erschien. Sie ließ sich von der Assistentin die Dokumente geben, die er mitgebracht hatte, und führte ihn und Vince in ihr Büro. Die Grünpflanzen, die eleganten Schreibutensilien und diverse Fotos verliehen dem Raum eine freundliche und weibliche Note. Jason fiel das gerahmte Bild auf dem Sideboard hinter ihrem Schreibtisch ins Auge. Das Familienfoto zeigte ein älteres Paar, vermutlich ihre Eltern, sechs junge Erwachsene – drei Männer und drei Frauen – zwei kleine Mädchen und einen Hund. Ein hochgewachsener blonder Typ mit einem jungenhaften Grinsen stand neben Miss Barenfeld, sein Arm lag auf ihren Schultern und sie lehnte sich an ihn. Jason durchfuhr ein Stich der Enttäuschung. Verwundert horchte er in sich hinein. Er traf Melanie Barenfeld heute zum dritten Mal, und bisher hatte er in ihr nur die engagierte Junganwältin gesehen. Eine – zugegebenermaßen – attraktive Frau, die ihn jedoch mehr mit ihrer Leidenschaft für ihren Beruf und mit ihrem Engagement für seine Belange beeindruckt hatte als mit ihrem Aussehen. Plötzlich interessierte es ihn brennend, in welcher Beziehung sie zu dem blonden Mann stand. Jason fiel ein, dass er noch auf Dylan Gabriels Bericht wartete. Wenn jemand Näheres über Melanie Barenfeld herausfinden konnte, dann dieser begnadete Hacker. Er war froh, ihn in seinem Team zu haben.
   »Nehmen Sie bitte Platz«, riss sie ihn aus seinen Gedanken und deutete auf die beiden Stühle vor ihrem Schreibtisch.
   Jason folgte ihrer Aufforderung, Vince blieb neben der Tür stehen.
   »Möchten Sie sich nicht setzen, Mr. Hanson?«, fragte sie.
   »Nein danke, Ma’am, das ist in Ordnung.«
   Sie hatte sich Vince’ Namen gemerkt. Jason war beeindruckt, denn die meisten Geschäftspartner ignorierten seine Angestellten.
   Melanie Barenfeld nahm ebenfalls Platz und blätterte durch die Dokumente, während Jason erklärende Worte dazu abgab.
   »Ich werde mit Herrn von Simmern darüber sprechen.« Sie hob den Kopf und sah ihn an.
   Er bemerkte die Neugier in ihrem Blick und kam ihrer Frage zuvor. »Sie wundern sich sicher, warum ich die Unterlagen persönlich vorbeigebracht habe.«
   »Ein wenig. Es ist unüblich, dass ein Geschäftsführer Botengänge übernimmt.«
   »Ich habe zufällig in der Nähe eine Immobilie besichtigt, die sich als Verkaufsbüro eignen würde, und am Nachmittag will ich mir endlich einmal die Stadt ansehen.«
   »Sie werden es nicht bereuen«, griff sie das Thema auf. »Bonn ist sehr geschichtsträchtig. Eine der ältesten Städte Deutschlands, ehemalige Hauptstadt während der Trennung von Ost- und Westdeutschland, Geburtsstadt von Ludwig van Beethoven. Kulturell wird eine Menge geboten. Es gibt diverse Museen und Galerien, zwei Schlösser hier in der Nähe, eine Sternwarte, den botanischen Garten, Theater, Oper oder Klubs mit Livemusik. Außerdem eine große Auswahl an guten Restaurants, und im Zentrum kann man wunderbar shoppen gehen. Da ist bestimmt etwas für Ihren Geschmack dabei.«
   Melanie Barenfelds Begeisterung für ihre Heimatstadt wirkte ansteckend, und Jason packte die Gelegenheit spontan beim Schopf. »Ein abwechslungsreiches Angebot. Leider fehlt mir ein ortskundiger Führer.«
   »Was möchten Sie denn sehen?«
   Er zögerte. Museumsbesuche und die Stadtgeschichte interessierten ihn wenig. »Ich steh nicht so auf alte Dinge, außer sie befinden sich in einer Whiskyflasche«, scherzte er.
   Melanie lachte.
   »Ich habe in London den Spaß an Flohmarktbesuchen entdeckt«, fuhr er fort. »Außerdem gehe ich gern shoppen, ich mag gutes Essen und Musik. Livekonzerte oder auch mal ein Musical.«
   Ihre Augen leuchteten auf. »Ich kenne keinen Mann, der gern shoppen geht.«
   »Jetzt kennen Sie einen.«
   Sie sah zu Vince und lehnte sich ein wenig vor. »Dürfen Sie denn allein raus?«, raunte sie Jason verschwörerisch zu, wobei sie gleichzeitig vergnügt zwinkerte.
   Er schmunzelte. Ihm gefiel ihre erfrischende Art. »Ich kann versuchen, mich an Vince vorbeizuschleichen.« Über die Schulter warf er seinem Freund einen Blick zu und bemerkte dessen gutmütiges Grinsen.
   »Wie wär’s mit einem Treffen am Samstag? Ich hole Sie morgens ab, wir gehen zusammen frühstücken und anschließend zeige ich Ihnen die Innenstadt. Fußgängerzone und Shoppingmeile.«
   »Einverstanden, aber ich hole Sie ab.«
   »Lassen Sie besser mich fahren. Die Stadt ist für Fremde eine Prüfung. Zu viel Verkehr und zu enge Straßen.«
   »Okay, überredet. Ich wohne im Kameha Grand.«
   »Ach, das Designerhotel direkt am Rhein. Darauf hätte ich glatt fünfzig Euro gewettet.«
   »Schnell gewonnenes Geld. Wie es scheint, bin ich leicht zu durchschauen.«
   »Das ist bei Männern doch keine Kunst«, neckte sie ihn.
   Bei ihrer Bemerkung musste Jason an seine Cousine denken. »Dieser Spruch kommt mir irgendwie bekannt vor.«
   Er vernahm Vince’ leises Lachen in seinem Rücken.
   Melanie Barenfelds Telefon unterbrach ihre Unterhaltung, sie warf einen Blick aufs Display, nahm ab und hörte einen Moment zu. »Ich bin noch in einem Gespräch mit meinem Mandanten, Stefan, aber ich komme gleich«, sagte sie.
   Bedauernd schaute sie Jason an. »Tut mir leid, ich muss zu einem Termin.«
   »Ich wollte Sie auch nicht länger aufhalten. Wir sehen uns am Samstag. Passt es Ihnen um zehn Uhr?«
   »Einverstanden.«
   Er erhob sich, reichte ihr die Hand und verließ mit Vince das Gebäude.
   Dieser blieb auf dem Bürgersteig vor der Kanzlei stehen. »Was war denn das eben?«
   Jason strahlte ihn an. »Ich habe ein Date.«
   »Mhm … Okay.«
   »Hast du etwas dagegen?«
   »Nein.«
   »Aber?«, hakte er nach. Er kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass dieser sich seine Gedanken machte.
   »Sie ist nett. Und hübsch …«
   »Ich gehe nur mit ihr frühstücken. Alles ganz unverbindlich.«
   »Schon klar.« Vince’ zweideutiges Zwinkern entlockte ihm ein Schnauben.
   »Was du wieder denkst, Hanson.«
   »Komm, verschwinden wir von hier.« Vince klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter. »Ganz unverbindlich.«
   Jason stöhnte. »Wieso habe ich dich eigentlich mitgenommen?«
   »Damit ich Kelly die neusten Geschichten aus deinem Leben erzählen kann.«
   Lachend boxte Jason ihm auf den Oberarm.
   »Hast du etwas von Dylan gehört?«, fragte er, sobald sie in dem Mietwagen, einem Porsche Cayenne, saßen.
   Vince schüttelte den Kopf, Jason zog sein iPhone hervor und scrollte durch die E-Mails, die in der letzten Stunde hereingekommen waren. Momentan wurde er regelrecht überflutet mit Informationen zu seinen Projekten. Die Niederlassung in England begann, Profit zu erwirtschaften, und die Makler, die ihm passende Räumlichkeiten für das Verkaufsbüro in Deutschland anbieten sollten, überschütteten ihn mit Exposés.
   »Hier, ich hab was.« Er las Dylans Notiz.
   »Was schreibt er?«, fragte Vince.
   »Melanie Barenfeld ist dreiunddreißig Jahre alt und in Bonn geboren. Ihre Mutter ist Engländerin, ihr Vater Deutscher.« Jason hielt inne. Das erklärte, warum sie beide Sprachen perfekt beherrschte. »Nach dem Abitur arbeitete sie als Flugbegleiterin, um ihr Jurastudium zu finanzieren.«
   Vince pfiff leise durch die Zähne. »Dylan war mal wieder in Höchstform.«
   »Zum Glück. Vor sechs Monaten trat Miss Barenfeld in von Simmerns Kanzlei ein«, las Jason weiter. »Sie hat drei Geschwister. Sebastian ist der Älteste. Verheiratet, zwei Kinder. Eine jüngere Schwester namens Annika, ebenfalls verheiratet. Der jüngste Bruder heißt Julian.« Insgeheim atmete er auf, als er an das Familienfoto dachte. Zwei Ehepaare, Melanie und ihr jüngerer Bruder. »Ich wüsste gern mehr über die Eltern«, sagte er, während Vince den Cayenne durch den dichten Verkehr lenkte. »Den finanziellen Hintergrund.«
   »Das kann Dylan garantiert herausfinden, aber vermutlich sind sie nicht wohlhabend, sonst hätte Miss Barenfeld ihr Studium nicht selbst finanziert.«
   Vince’ Äußerung versetzte Jason einen Stich. »Vielleicht wollte sie es so.«
   Sein Freund sah kurz zu ihm herüber. »Du musst keine Entschuldigung für sie suchen. Ich finde es beeindruckend, wie zielstrebig sie ist.«
   »Ich suche keine Entschuldigung für sie, eher für mich«, entgegnete er nach einem Moment leise. »Ich hätte mich ebenfalls frühzeitig auf eigene Beine stellen sollen.«
   Jason war in einer begüterten Familie aufgewachsen und hatte von Kindesbeinen an unter dem Einfluss seines patriarchalischen Großvaters gelitten. Dieser regierte mit strenger Hand und erinnerte sämtliche Familienmitglieder ständig daran, dass das Vermögen von den Generationen vor ihnen verdient worden war und entsprechend sorgsam verwaltet werden musste. Jasons Vater Leonard führte die Tradition fort. Er mischte sich selbst heute noch in Jasons Belange ein, obwohl er bereits vor Jahren die Leitung der Firma an ihn übergeben hatte.
   Vince stoppte den Porsche an einer roten Ampel und warf ihm erneut einen Blick zu. »Vergiss deinen Vater«, sagte er. »Überleg dir lieber, was du am Samstag mit Miss Barenfeld unternehmen willst.«
   »Gute Idee.« Bei dem Gedanken an Melanie stahl sich ein Lächeln in seine Mundwinkel. »Das war echt cool, wie sie das Date mit mir klargemacht hat.«
   Vince lachte leise. »Dürfen Sie denn allein raus?«, wiederholte er ihre Frage.
   »Bei den Terminen kam sie mir sehr steif vor, aber privat scheint sie locker und humorvoll zu sein.«
   »Dieser von Simmern hat sich ihr gegenüber dermaßen rüpelhaft benommen, da ist ihre Zurückhaltung nur zu verständlich. Sie war ja förmlich erstarrt in seiner Gegenwart.« Vince besaß eine gute Menschenkenntnis, und seine Worte bestätigten Jasons Vermutung.
   »Ich freu mich auf das Treffen mit ihr«, sagte er.
   »Es wird dir mal guttun, etwas anderes zu sehen als ewig nur deinen Schreibtisch oder die Bilanzen von Win-Gate-Solutions.«
   »Zumal bei einem solch angenehmen Anblick, wie ihn Miss Barenfeld bietet.«
   »Sie ist eine Hübsche, da gebe ich dir recht, obwohl sie eigentlich nicht deinem bevorzugten Frauentyp entspricht.« Vince nahm die Hände vom Lenkrad und hielt sie ein Stück vor seine Brust, um anzudeuten, welchen Typ Frau Jason im Allgemeinen favorisierte.
   »Ach, lass den Quatsch!« Jason grinste, wurde jedoch rasch wieder ernst. »Es ist nicht nur ihr Aussehen, Vince. Melanie ist …« Er verstummte. In Gedanken sah er sie vor sich. Ihre graziöse Gestalt mit den langen Beinen, die filigranen Gesichtszüge, die von schwarzen Haaren umrahmt wurden, und vor allem ihre kobaltblauen Augen, die so viel Lebensfreude, Interesse und Neugier ausstrahlten. »Melanie ist etwas Außergewöhnliches … Sie ist …«
   »Apart«, half Vince aus.
   »Genau das wollte ich sagen.«

Kapitel 3

Melanie blickte dem Samstag mit gemischten Gefühlen entgegen. Ein wenig bereute sie ihre Spontaneität, und sie
   fragte sich zum wiederholten Mal, ob sie mit ihrem Angebot nicht übers Ziel hinausgeschossen war. Obwohl Jason Wingate es förmlich darauf angelegt hatte, dass sie sich ihm als Stadtführerin anbot, hätte sie sich professioneller verhalten müssen. Immerhin war er ihr Mandant und außerdem verheiratet.
   Sie beschloss, den Tag mit ihm zu genießen und in das Treffen nicht zu viel hineinzuinterpretieren. Er besaß angenehme Umgangsformen, Humor und sah gepflegt aus. Eine unwiderstehliche Kombination und die ideale Basis für ein paar nette Stunden. Was wollte sie mehr?
   Ihre Zweifel verflogen, als am Freitagmittag in der Kanzlei ein Blumenstrauß für sie abgegeben wurde. Es war ein hübscher Herbststrauß in warmen Farben, nicht übertrieben groß und ohne Rosen. Neugierig zog sie die weiße Karte mit der goldenen Prägung aus der Folie und las.

Liebe Miss Barenfeld,
   besten Dank für die konstruktive Zusammenarbeit und Ihr Engagement. Ich freue mich auf unser Treffen.
   Herzlichst, Ihr Jason Wingate

Die netten Worte freuten sie, und erneut fiel ihr auf, wie höflich und verbindlich er war.
   
   Am nächsten Morgen gab sie sich besondere Mühe mit ihrem Äußeren. Sie schminkte sich dezent, wählte ihr teuerstes Parfum und sportlich-elegante Kleidung. Schwarze Jeans, eine burgunderrote Bluse, die ihren dunklen Haaren und den blauen Augen schmeichelte, dazu einen hellgrauen Blazer. So würde sie auf jeden Fall zu Jason Wingate passen, ob er nun Jeans trug oder einen Anzug. Sie warf einen letzten Blick auf den Blumenstrauß, der auf der Kommode stand, und verließ das Haus.

*

»Hier«, sagte Vince und hielt Jason ein Smartphone hin.
   Er sah von seinem Notebook auf.
   »Ich habe dir ein zweites Handy mit einer Prepaid-Karte besorgt. Falls du mit Miss Barenfeld in Kontakt bleiben willst, gib ihr diese Nummer.«
   »Danke.« Jason nahm das Mobiltelefon und studierte kurz das Display. Seine letzte Freundin hatte ihn nach dem Ende ihrer Beziehung wochenlang terrorisiert und seine Arbeitsabläufe dadurch massiv gestört. »Du denkst mal wieder an alles.«
   »Einer muss ja einen kühlen Kopf bewahren.«
   Jason lehnte sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Hände im Nacken und warf Vince einen Blick zu. »Bist du nicht eigentlich auf Hochzeitsreise?«
   »Kelly und ich waren shoppen, und bei der Gelegenheit habe ich das Handy für dich gekauft.«
   Jason erwiderte Vince’ Feixen, fuhr das Notebook herunter, stand auf und schlüpfte in sein Jackett. »Bis später«, verabschiedete er sich.
   »Viel Spaß mit Miss Barenfeld.«
   »Den werde ich garantiert haben. Grüß Kelly von mir und genießt den Tag.«
   »Wir wollen ins Siebengebirge.«
   »Schon wieder eine Testfahrt?«, zog Jason ihn auf. Vince war ebenso ein Autonarr wie er und nutzte jede Gelegenheit, um den Porsche zu fahren.
   »Klar doch. Und jetzt verschwinde endlich. Man soll hübsche Frauen nicht warten lassen.«

Jason trat aus dem Fahrstuhl und sah Melanie in der Nähe des Eingangs stehen. Unauffällig warf er einen Blick auf seine Patek Philippe. Er war auf die Minute pünktlich und hoffte, dass sie nicht schon länger auf ihn wartete. Lächelnd ging er auf sie zu. Ihre Kleiderwahl gefiel ihm, elegant und durch die Jeans gleichzeitig lässig. Er trug ebenfalls Jeans in einem dunklen Blau, dazu ein hellgraues Hemd und ein marineblaues Jackett. Ein Seidenschal in Silbergrau und Blautönen rundete die Garderobe ab. Er war nicht eitel, doch er legte Wert auf ein gepflegtes Äußeres und war sich stets bewusst, dass er seine Firma repräsentierte.
   »Guten Morgen«, grüßte er und streckte ihr die Hand entgegen. »Warten Sie schon lange?«
   »Nein, ich bin eben gekommen.« Sie ergriff seine Hand. »Hallo, Mr. Wingate.«
   »Nennen Sie mich bitte Jason«, bot er ihr an.
   »Gern. Und Sie sagen Melanie zu mir. Herzlichen Dank auch für die schönen Blumen.«
   »Es freut mich, dass sie Ihnen gefallen. Eine kleine Aufmerksamkeit für die erstklassige Arbeit, die Sie leisten.«
   Ihre Augen begannen bei seinem Lob zu strahlen. »Wollen wir los?«, lenkte sie von sich ab.
   Er nickte und sie verließen das Hotel. Als Melanie auf einen roten Mini zusteuerte, entfuhr ihm ein amüsierter Laut.
   Schulterzuckend warf sie ihm einen Blick zu. »Ich weiß, das ist nichts Besonderes, aber ich liebe dieses Auto.«
   »Ich fahre auch einen Mini, deswegen musste ich lachen.«
   »Ernsthaft?« Sie sah ihn ungläubig an. »Welches Modell?«
   »Einen John Cooper Works.«
   »Wow, das Flaggschiff.« Melanie grinste. »War ja klar. Darauf hätte ich jetzt spontan fünfzig Euro gewettet.«
   »Wieso?«
   »Mein Bruder Julian behauptet, echte Männer wählen immer die stärkste Maschine. Er arbeitet in einem Autohaus als Kundenberater.«
   »Dann muss er es wissen.« Jason zwinkerte. »Aber höre ich da einen Hauch Ironie mitschwingen?«
   Sie blieb stehen, musterte ihn von oben bis unten und sah ihm anschließend in die Augen. Ihr taxierender Blick bescherte ihm einen angenehmen Schauder.
   »Keine Ironie«, sagte sie leise, bevor sie sich ihrem Wagen zuwandte, die Fahrertür öffnete und hinter das Steuer glitt.
   In der Innenstadt parkte Melanie in einer Tiefgarage und führte Jason durch die Fußgängerzone.
   »Das ist der Remigiusplatz«, äußerte sie, als sie einen kleinen Marktplatz erreichten. »Auch Blumenmarkt genannt.« Sie deutete auf ein Gebäude. »Und hier werden wir frühstücken.«
   »Bonngout«, entzifferte er die senkrecht an der Hauswand angebrachten Buchstaben rechts neben dem Eingang.
   »Eigentlich bon goût. Das ist französisch. Bon bedeutet gut und goût Geschmack. Das mit dem zweiten N ist ein Wortspiel …«
   »Wegen des Stadtnamens«, ergänzte er.
   »Gut kombiniert.« Sie strahlte ihn an, und ihre Augen leuchteten. Sein Interesse an ihrer Heimatstadt gefiel ihr offensichtlich.
   Die Sonne schien warm auf sie herunter an diesem Septembermorgen, daher nahmen sie draußen Platz. Jason reichte Melanie die Speisekarte, die auf dem Tisch stand, und griff sich eine vom Nachbartisch.
   »Frühstück Englisch. Da fühle ich mich direkt heimisch.«
   Sie blickte von der Karte auf. »Ist das Essen in Großbritannien wirklich so ungenießbar, wie allgemein behauptet wird?«
   Ihre Frage wunderte ihn. »Ich habe bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht. Aber das müssten Sie doch besser wissen als ich.«
   Irritiert sah sie ihn an. »Wie kommen Sie darauf?«
   »Haben Sie denn nicht dort gelebt?«
   »Nein.«
   »Ihr Englisch ist perfekt, deswegen bin ich davon ausgegangen, dass Sie längere Zeit in Großbritannien verbracht haben.«
   »Meine Mutter ist Engländerin.« Melanie schmunzelte. »Wir sind eine sprachliche Mix-Familie. Mum spricht Englisch, Dad Deutsch und wir Kinder, wie wir gerade Lust haben. Das hört sich manchmal merkwürdig an, aber wir verstehen uns.«
   Ihre Bemerkung entlockte Jason ein Lächeln.
   »Ich war noch nie in England, die Flughäfen ausgenommen«, fuhr sie fort. Sein fragender Blick veranlasste sie zu einer Erklärung. »Ich habe vor meinem Jurastudium einige Jahre als Flugbegleiterin gearbeitet.«
   »Interessanter Werdegang.«
   »Ja, auf Umwegen zum Traumberuf. Ich fing nach dem Abitur bei der Airline an, um mir mein Studiengeld zu verdienen. Außerdem wollte ich die Welt sehen.«
   »Welche Routen sind Sie geflogen?«
   »Meistens Südeuropa. Spanien, Portugal, Türkei, Kanarische Inseln. Im letzten Beschäftigungsjahr wurde ich auf Transatlantikflügen eingesetzt.«
   »Hat Ihnen der Job Spaß gemacht?«
   Melanie zuckte mit den Schultern. »Ja …«, antwortete sie zögernd. »Die Arbeit war okay, ich wurde gut bezahlt und konnte meine Sprachkenntnisse anwenden. So hatte ich relativ schnell mein Studiengeld verdient. Nur an dieses Gefühl, dauernd unterwegs zu sein und aus dem Koffer zu leben, musste ich mich gewöhnen.«
   »Das kenne ich. In der ersten Zeit als CEO war ich ständig auf Geschäftsreise.«
   »Am schlimmsten fand ich, dass ich meine Eltern und Geschwister kaum noch gesehen habe. Auch wenn man sich bemüht, Kontakte zu pflegen, ist es auf die Distanz schwierig. Wir stehen uns sehr nahe und vermissen uns schnell.«
   Jason verspürte leise Melancholie bei ihren Worten. »Wie viele Geschwister haben Sie?«, fragte er, obwohl er es bereits wusste. Er konnte schlecht zugeben, dass er Dylan auf sie angesetzt hatte.
   »Drei. Sebastian ist der Älteste, Annika und Julian sind jünger als ich. Haben Sie Geschwister?«
   »Nein, ich bin ein Einzelkind.«
   »Oh, der Kronprinz.« Sie zwinkerte ihm zu. »Sie und Ihre Eltern stehen sich besonders nahe.«
   Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Vermutung aussprach, berührte ihn. Kurz überlegte er, wie viel er ihr anvertrauen sollte. »Das Verhältnis zu meinem Vater ist … manchmal etwas angespannt.« Dies war eine glatte Untertreibung, doch Jason wollte nicht weiter ins Detail gehen, dafür kannten sie sich zu wenig. »Er hat die Firma gegründet, die ich jetzt leite, und ist bis heute der Meinung, mir sagen zu müssen, was richtig und falsch ist. Das führt ab und an zu Spannungen und Diskussionen.«
   »Bei uns fliegen auch des Öfteren die Fetzen, vor allem zwischen Sebastian und mir. Er ist wie Ihr Vater, für ihn bin ich die kleine Schwester, die nach seiner Pfeife tanzen soll. Dabei meint er es nur gut.«
   Jason lächelte. »Vermutlich werden Sie die auch mit achtzig noch sein.«
   »Davon gehe ich aus. Aber es gehört in einer Familie dazu, dass man sich aneinander reibt. Wir versöhnen uns jedoch immer schnell wieder.«
   »Ich habe eine Cousine und einen Cousin, die sind fast wie Geschwister für mich.«
   »Ihr Bodyguard, Vince Hanson, kommt mir auch eher wie ein Freund vor.«
   »Wir sind seit Langem befreundet«, bestätigte Jason. »Ich habe ihn vor über fünfzehn Jahren beim Football kennengelernt. Vince war ursprünglich Cop, doch nach der Geburt seines Sohnes wollte er nicht mehr im Schichtdienst arbeiten. Seitdem ist er bei mir.«
   Melanie zog die Brauen zusammen. »Mr. Hanson hat Familie und reist trotzdem mit Ihnen durch die Welt? Oder hat er Frau und Kind dabei?«
   Jason schwieg, in Gedanken bei der Tragödie, die seinen Freund vor einigen Jahren komplett aus der Bahn geworfen hatte.
   »Tut mir leid, ich frage zu viel«, entschuldigte sie sich mit einer verlegenen Geste. »Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.«
   »Das sind Sie nicht, Melanie, es fällt mir nur schwer, darüber zu reden.« Er atmete tief ein. »Vince’ erste Frau und sein Sohn starben bei einem Autounfall. Er ist an diesem Verlust beinahe zerbrochen. Für mich war es ebenfalls ein Schock. Janet war mir eine gute Freundin und Ben habe ich aufwachsen sehen …«
   Melanie sah ihn betroffen an.
   »Momentan sind Vince und seine zweite Frau auf Hochzeitsreise, und nebenbei passt er ein wenig auf mich auf.«
   »Sie wirken nicht, als brauchten Sie einen Aufpasser«, ging sie auf seinen Themenwechsel ein.
   »Nun, es geht auch nicht primär um Personenschutz, sondern darum, einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten, Risiken im Vorfeld auszuschalten und Ähnliches. Ich bin zwar eine öffentliche Person, aber kein Politiker oder Promi, die ja eher mal Leute verärgern oder von Stalkern verfolgt werden.«
   »Wieso war Mr. Hanson bei unserem ersten Treffen eigentlich so angespannt?«
   »Wegen der kurzfristigen Planänderung. Mir war als Ansprechpartner ein Mr. Auermann genannt worden und an seiner Stelle erschienen Sie. Ihr Boss hatte Sie als Dolmetscherin angekündigt. Das war nicht vereinbart gewesen. Vince ist sehr vorsichtig bei solchen Abweichungen, er überprüft für gewöhnlich im Vorfeld meine Kontaktpersonen.«
   »Im Ernst?« Melanie klang erstaunt.
   Jason nickte. »Reine Routine.«
   »Und? Was haben Sie herausgefunden? Wie viele unbezahlte Strafzettel gehen auf mein Konto?« Ihr Lächeln wirkte aufgesetzt. Der Gedanke, dass ein Fremder in ihrem Privatleben herumschnüffelte, missfiel ihr offensichtlich.
   »Bitte nehmen Sie das nicht persönlich.« Jason hatte auf einmal das Gefühl, sich auf dünnem Eis zu bewegen. »Bei solchen Recherchen geht es lediglich darum, finanzielle Risiken zu vermeiden. Alfred von Simmerns Kanzlei genießt international einen exzellenten Ruf, und ich fühle mich dort gut aufgehoben.«
   Melanie musterte ihn. »Ich habe da wohl etwas in den falschen Hals bekommen, tut mir leid.«
   »Sie haben jedes Recht, zu fragen.«
   Sie unterbrach den Blickkontakt und winkte die Bedienung heran. »Was möchten Sie essen?«
   »Ich nehme das Frühstück Mediterran. Wie wär’s mit einem Glas Sekt?«
   »Nein danke, wenn ich fahre, trinke ich nichts.«
   »Super Einstellung. Falls Vince jemals bei mir aufhören sollte, engagiere ich Sie als Chauffeur.«
   »Scherzkeks.« Sie zwinkerte ihm zu.
   »Das war kein Scherz. Wer hätte nicht gern einen juristisch versierten Chauffeur, der mehrere Fremdsprachen spricht?«
   »Sie haben meine Erfahrung im Servicebereich vergessen.«
   »Stimmt.« Er beugte sich zu ihr. »Wann könnten Sie bei mir anfangen?«
   In ihren Augen zeigte sich das neckische Funkeln, mit dem er schon einmal Bekanntschaft gemacht hatte. »Sofort. Allerdings verlange ich das dreifache Gehalt.«
   Jason schüttelte amüsiert den Kopf. »Das kann ich mir nicht leisten.«
   Die Kellnerin trat an ihren Tisch und Melanie bestellte.
   »Ich habe ebenfalls ein wenig herumgeschnüffelt, und zwar auf Ihrer Firmenwebseite«, sagte sie anschließend. »Sie sind Amerikaner und leben in London.«
   »Zur Zeit ja. London bietet sich als Wohnsitz an, solange ich im europäischen Markt expandiere. Außer in Deutschland plane ich ein weiteres Verkaufsbüro in Luxemburg, eventuell auch in Frankreich.«
   »Folglich ist das ein befristeter Aufenthalt?«
   »Darüber entscheide ich demnächst. Ich kann mir durchaus vorstellen, mich dauerhaft in Europa niederzulassen. Mir gefällt es in London, und in den USA gibt es nicht viel, was mich hält. Ich besitze zwar ein Haus in Sausalito, habe einige Freunde und Familie, doch meine Firma könnte ich von überall auf der Welt leiten. Das ist mir das Wichtigste.«
   Sie schwieg einen Moment. »Das Wichtigste in Ihrem Leben ist die Firma?«, fragte sie leise, und ihr fassungsloser Gesichtsausdruck berührte ihn.
   Jason zuckte mit den Schultern. »Für Sie hört sich das vermutlich ziemlich schräg an.«
   »Eher traurig«, gab sie offen zu. »Ich bin eben ein Familienmensch.«
   »Es hat auch Vorteile, wenn man sich an nichts und niemanden fest bindet.«

*

Er klang so einsam, dass Melanie am liebsten seine Hand berührt hätte. Unwillkürlich senkte sich ihr Blick darauf. Seine Hände waren sehnig, leicht gebräunt und sehr gepflegt, wie alles an ihm. Und er trug keinen Ring! Sollte er doch nicht verheiratet sein? Dazu würde seine Äußerung passen, die Firma sei das Wichtigste in seinem Leben. Aber wer war Linda Wingate? Zu gern hätte sie ihn danach gefragt, sie verkniff es sich jedoch, damit er sie nicht für neugierig hielt. Sie wollte auf keinen Fall zugeben, dass sie ihm im Internet hinterhergeschnüffelt hatte.
   Während des Frühstücks sprachen sie von ihren Studiengängen. Jason hatte Informatik und Betriebswirtschaft studiert. Sie fanden Parallelen, lachten über ihre Dozenten und erzählten von lustigen Begebenheiten mit ihren Kommilitonen.
   »Wie sind Sie in Mr. von Simmerns Kanzlei gekommen?«, fragte er.
   »Auf dem klassischen Weg, ich habe mich beworben.« Ihre Gedanken schweiften zu dieser Zeit zurück. Sie hatte es ungleich schwerer gehabt als viele ihrer Studienkollegen, deren Eltern in entsprechenden Kreisen verkehrten und ihren Sprösslingen aufgrund ihrer Beziehungen die Zukunft ebnen konnten. »Ich wollte in eine große Kanzlei, die auch ausländische Mandanten betreut. Ich hätte meine Fremdsprachenkenntnisse ungern einrosten lassen.«
   »Gefällt es Ihnen dort?«
   Melanie zögerte. »Ich sammle aktuell Berufserfahrung«, sagte sie. »Die Partner und Kollegen in meiner Praxisgruppe sind alle hilfsbereit, nur zu Mr. von Simmern finde ich leider keinen richtigen Zugang. Er verhält sich sehr reserviert seinen Mitarbeitern gegenüber.«
   Sie behielt die unschönen Details für sich, immerhin war Jason ein Mandant. Alfred von Simmern hatte sie deutlich wissen lassen, dass er üblicherweise keine jungen Frauen einstellte. Die werden nur schwanger, kaum dass sie die Probezeit hinter sich gebracht haben und man sie nicht mehr so leicht los wird, erinnerte sie sich an seine beleidigenden Worte. Melanie knirschte mit den Zähnen. Wäre sie nicht so dringend auf den Job angewiesen gewesen, hätte sie das Gespräch an dieser Stelle abgebrochen.
   »Er ist ein unhöflicher Mensch«, äußerte Jason. »Seine Kanzlei ist allerdings die Beste, die ich für meine Zwecke finden konnte.«
   »Mr. von Simmern ist kein einfacher Vorgesetzter, doch ich bin froh für die Chance. Ich lerne viel, und wenn ich mich irgendwann bei einer anderen Kanzlei bewerbe, kann ich eine erstklassige Reputation vorweisen.«
   »Das ist eine gute Einstellung.« Jason trank seinen Kaffee aus.
   »Sollen wir los? Die Stadt leerkaufen?«, fragte Melanie.
   »Leerkaufen? In Ihren Mini passt doch kaum was rein.«
   »Sie werden nicht glauben, was ich in dem Wägelchen schon alles transportiert habe.«
   Sie winkte der Bedienung, und Jason zog seine Geldbörse hervor. »Ich zahle«, sagte er.
   »Danke, aber ich möchte mein Frühstück selbst bezahlen.«
   »Und ich möchte Sie gern einladen. Sie sind gefahren, da ist es nur fair, wenn ich diese Rechnung übernehme.«
   »Na gut«, gab sie nach, da sie nicht mit ihm darum feilschen wollte.
   Wenig später bot er Melanie galant den Arm, und sie schob lächelnd ihre Hand in seine Armbeuge. Ihr gefielen seine altmodischen Manieren.
   Sie erkundeten die Geschäfte in der Fußgängerzone. Melanies Befürchtung, er könnte ihre Heimatstadt langweilig finden, da er an das pulsierende London gewöhnt war, bewahrheitete sich nicht. Jason war derjenige, der sie in die kleinen Läden hineinzog und sich begeistert umsah. Amüsiert beobachtete sie ihn.
   In der Sternstraße blieb er vor dem Schaufenster des Chocolat stehen.
   »Die Sachen sind sündhaft lecker«, sagte Melanie.
   Er sah sie aus übermütig funkelnden Augen an. »Da muss ich unbedingt rein.«
   »Sind Sie ein Schokoladenfan?«
   »Nicht so sehr, aber Vince ist verrückt danach. Ich werde ihm etwas mitbringen.«
   Melanie gluckste. Der Alphamann Jason Wingate wollte tatsächlich für seinen maskulinen Leibwächter Schokolade kaufen.
   Jason warf ihr einen Blick zu und zog die dunklen Brauen hoch. Er schien zu ahnen, was ihr durch den Kopf ging. »Kommen Sie«, sagte er und hielt ihr die Hand hin. »Ich brauche fachkundige Beratung.«
   Lachend betraten sie den kleinen Verkaufsraum. Melanie half ihm bei der Auswahl und sah sich anschließend nach einer Kleinigkeit für ihre Eltern um, während die Verkäuferin seine Einkäufe als Geschenk verpackte.
   Nachdem sie das Schokoladengeschäft verlassen hatten, kaufte Jason in einer Parfümerie ein Präsent für Kelly.

Am Nachmittag fuhren sie zum Kameha Grand.
   »Wollen Sie noch auf einen Kaffee mit in die Hotelbar kommen?«, bot er ihr an.
   »Gern.«
   Sie holten seine Einkaufstüten aus dem Kofferraum und betraten die Lobby.
   »Ich bringe nur schnell die Sachen hoch und sage Vince Bescheid, dass wir zurück sind. Er will immer wissen, wo ich mich rumtreibe.« Jason grinste. »Möchten Sie mitkommen oder lieber hier warten?«
   Melanies Blick schweifte durch die Eingangshalle und sie entschied spontan, mit nach oben zu fahren. Die Neugier auf das Hotel, und Jasons Zimmer im Besonderen, trieb sie dazu.
   Kurz darauf stand sie im großzügigen Wohnraum der Suite und bewunderte die hochwertige Einrichtung. Weiße Polstermöbel mit klaren Linien gruppierten sich um einen futuristisch anmutenden Couchtisch. Der Arbeitsbereich bestand aus einem Konferenztisch aus dunkel gebeiztem Holz und lederbezogenen Armlehnstühlen mit gedrechselten Beinen. Die antiken Formen des Mobiliars bildeten einen interessanten Kontrast zu der ansonsten modernen Ausstattung. Melanies Blick blieb auf dem Chaos, das auf dem Tisch herrschte, hängen. Um die beiden Notebooks verteilte sich ein Sammelsurium an Dokumentenmappen, Papierstapeln, Prospekten und Schreibutensilien. Hier wurde eindeutig gearbeitet.
   »Ich muss kurz telefonieren«, entschuldigte sich Jason. »Nehmen Sie Platz.«
   »Danke.« Sie trat an die bodentiefe Glasfront und sah auf die Dachterrasse hinaus, wo ein Tisch und mehrere Stühle zum Verweilen einluden.
   »Hallo, Vince«, hörte sie Jason sagen. »Wir sind zurück und wollen noch Kaffee trinken … Einen Moment, ich frage Melanie.«
   Sie drehte sich zu ihm um.
   »Vince und Kelly haben soeben beim Zimmerservice bestellt. Wenn es Ihnen recht ist, kommen die beiden zu uns.«
   »Natürlich.«
   Er redete erneut mit seinem Bodyguard und beendete das Telefonat gleich darauf. »Was möchten Sie trinken?«, fragte er.
   »Einen Latte macchiato.«
   »Und zum Essen? Kuchen oder Sandwich?«
   »Vielen Dank, aber ich bin noch satt vom Frühstück.«
   Er musterte sie sekundenlang mit demselben leidenschaftlichen Ausdruck, der sich jedes Mal in seinen Augen zeigte, wenn er von seinen Projekten sprach. Der intensive Blick jagte ein Prickeln über ihre Haut und das Gefühl, eine begehrenswerte Beute zu sein, bescherte ihr weiche Knie. Schließlich wandte sich Jason ab und rief den Zimmerservice an, um die Bestellung aufzugeben.
   Wenige Minuten später betraten Vince und seine Frau die Suite. Melanie erkannte den Hünen im ersten Moment fast nicht wieder. Er trug eine helle Chinohose und ein beige-braun kariertes Hemd, dessen oberste Knöpfe offen standen und einen Teil seiner muskulösen gebräunten Brust sehen ließ. In der Freizeitkleidung wirkte er wesentlich jünger als im Anzug. Sein anziehendes Lächeln unterstrich diese Wirkung noch.
   »Hallo, Miss Barenfeld.« Er streckte ihr die Hand hin. Anschließend zeigte er auf die Blondine an seiner Seite. »Meine Frau Kelly.«
   »Nennen Sie mich bitte Melanie«, bot sie Kelly Hanson an. »Sie natürlich auch«, wandte sie sich an Vince.
   »Gern. Ich bin Kelly.«
   Jason öffnete die Terrassentür und ging hinaus, während Melanie das Paar mit einem raschen Blick umfasste. Vince Hanson maß mindestens einen Meter neunzig, seine Frau, ein zartes Persönchen mit smaragdgrünen Augen und Alabasterteint, reichte ihm knapp bis zur Schulter. Soeben legte er sanft seine Hand auf Kellys Rücken. »Ist es dir nicht zu kalt auf der Terrasse?«, fragte er.
   »Nein, wir können uns raussetzen. Ist das für Sie okay, Melanie?«
   Sie nickte. »Ich genieße die Herbsttage. Der Sommer war mir zu heiß.«
   »Das ging uns in Kalifornien ebenso«, ließ sich Jason von der Tür her vernehmen.
   »Wobei du ja die meiste Zeit das verregnete London vorgezogen hast«, sagte Vince zu ihm.
   »So schlimm ist das Wetter dort nicht, und wenn ich arbeite, ist es mir ohnehin egal, was gerade vom Himmel fällt.« Jason feixte.
   Vince sah Melanie an. »Er ist ein furchtbarer Langweiler. Hat nur seine Firma im Kopf.«
   »Ich fand den Tag mit ihm ganz unterhaltsam«, gab sie zurück, in Gedanken bei dem Schokoladenkauf.
   »Ich habe euch etwas mitgebracht.« Ihre Äußerung war das Stichwort für Jason, er betrat die Suite und wühlte sich durch die Tragetaschen, die er auf dem Sofa abgelegt hatte. Schließlich förderte er die Schokolade und das Geschenkset zutage.
   »Du musst uns nicht ständig beschenken.« Kelly nahm das Päckchen entgegen und umarmte ihn zum Dank.
   »Lass mir doch den Spaß, ich habe selten genug Gelegenheit zum Shoppen.«
   Vince packte die Schokoladentafeln aus und strahlte Jason an. »Wow. Womit hab ich das verdient? Danke.«
   Kelly stupste ihn in die Seite. »Das sind mindestens zwanzig Stunden Extratraining, mein Lieber.«
   »Egal. Das ist es wert!«
   »Die größte Leidenschaft meines Mannes«, wandte sie sich an Melanie. »Schokolade.«
   »Das habe ich gehört.«
   »Die zweitgrößte, Honey«, ließ sich Vince vernehmen und sah seine Frau dabei so glutvoll an, dass Melanie beinahe rot geworden wäre.
   »In Köln gibt es ein Schokoladenmuseum«, sagte sie. »Inklusive Verkostung und Schokoladenbrunnen.«
   Seine Augen leuchteten interessiert auf. »Wie wär’s mit einem Ausflug nach Köln?«, fragte er Kelly.
   Sie zog die Brauen hoch, doch das liebevolle Lächeln, das sie ihm schenkte, verriet, dass sie von seinem Vorschlag nicht wirklich genervt war.
   Der Zimmerservice kam, und Vince ging zur Tür. Als der Hotelangestellte auf der Terrasse den Tisch gedeckt hatte, nahmen sie Platz.
   »Wie war euer Tag?«, wandte sich Jason an die Hansons.
   »Wir haben Schloss Drachenburg besichtigt«, sagte Kelly.
   »Oberhalb von Königswinter«, warf Melanie ein.
   Vince nickte. »Es erinnert mich ein wenig an Neuschwanstein.«
   »Ja, stimmt, mit diesen spitzen Türmchen.«
   »Von dort aus hat man eine super Aussicht über die Rheinebene.«
   »Ich fand es recht pompös, aber auch erdrückend«, meldete sich Kelly zu Wort. »Überall Wandmalereien, Kassettendecken, getäfelte Wände aus dunklem Holz. Nicht so mein Geschmack.«
   »Das war eben der Stil dieser Zeit«, äußerte Melanie.
   »Dafür ist der Schlosspark schön.«
   »Wie weit ist es bis dorthin?«, fragte Jason Vince.
   »Etwa zehn Kilometer.«
   »Dann hattest du aber wenig Spaß mit dem Cayenne heute.«
   »Ich habe mich anderweitig getröstet.«
   »Mhm …, mit einem riesigen Schokoladeneis.«
   Vince lächelte seine Frau an. »Musst du alles verraten?«
   »Das ist doch kein Geheimnis.« Sie wandte sich an Melanie. »Hatte ich es schon erwähnt? Mein Mann ist eine leidenschaftliche Naschkatze.«
   »Ich kann mir schlimmere Laster vorstellen.«
   »Jasons Arbeitswut zum Beispiel.«
   Dieser zuckte mit den Schultern. »Jeder hat so seine Lieblingsdroge.«
   Kelly schnaubte. »Da wüsste ich aber etwas besseres.«

Am frühen Abend verabschiedete sich Melanie schweren Herzens. Sie wäre gern noch länger geblieben, denn der Nachmittag mit den Hansons war unterhaltsam gewesen, und Jason hatte sich von einer unkomplizierten und humorvollen Seite gezeigt, die ihr ausnehmend gut gefiel.
   Er begleitete sie zu ihrem Wagen. »Es hat mir Spaß gemacht, den Tag mit Ihnen zu verbringen«, sagte er, während er ihre Hand mit seinen beiden umschloss. »Danke für die Ablenkung. Ich hätte ansonsten nur gearbeitet.«
   »Ich fand die Zeit sehr kurzweilig, und ich hoffe, meine Stadtführung war für Sie interessant.«
   »Das war sie. Und da ich vermutlich nur einen Bruchteil von Bonn gesehen habe, sollten wir das bei Gelegenheit wiederholen.«
   Melanies Herz machte einen freudigen Sprung. »Von mir aus gern.«
   »Was haben Sie morgen vor?«
   Kurz zögerte sie, während sie seine Worte zu interpretieren versuchte. Fragte er aus reiner Höflichkeit oder wollte er sie so bald schon wiedersehen?
   »Sonntag ist Familientag. Vormittags gehe ich mit Henry joggen, und zum Mittagessen trifft sich die ganze Familie bei meinen Eltern.« Interessiert legte sie den Kopf schief. »Laufen Sie auch?«
   »Nicht regelmäßig, mehr zum Ausgleich.«
   »Wollen Sie mitlaufen? An der Rheinpromenade entlang? Es ist sehr schön dort.«
   »Nur wenn ich Sie und … Henry nicht störe.«
   »Ach was, er freut sich über Begleitung. Henry läuft am liebsten im Rudel. Ich hole Sie um halb zehn ab.« Melanie drehte ihm den Rücken zu und öffnete die Autotür, um ihr Grinsen vor ihm zu verbergen. Bei Henrys Erwähnung hatte sich eine steile Falte zwischen seinen Brauen gebildet. Nun, er würde staunen.
   »Ich habe etwas für Sie«, hörte sie ihn sagen, und als sie sich umwandte, zog er ein längliches Päckchen aus der Innentasche seines Jacketts und hielt es ihr hin.
   »Jason, bitte, Sie müssen mir nichts schenken.«
   »Lassen Sie mir doch die Freude.«
   Sie griff nach dem Präsent, als sie das Geschenkpapier vom Chocolat erkannte. Eine Süßigkeit konnte sie annehmen.
   »Danke, das ist lieb.« Spontan umarmte sie ihn, und er nutzte die Gelegenheit, drückte sie an sich und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Melanies Knie wurden weich, als sie seinen männlichen Duft einatmete und, trotz der Lagen Stoff zwischen ihnen, seinen muskulösen Körper spürte. Sekundenlang verharrten sie, bevor Jason sie zögernd losließ.
   »Wir sehen uns morgen.« Ihr atemloser Tonfall verriet, wie sie sich fühlte.
   »Schlaf gut und träum von mir.« Sein amouröses Lächeln in Verbindung mit seiner sonoren Stimme gingen ihr unter die Haut, und am liebsten wäre sie noch länger in seiner Nähe geblieben.
   »Du auch«, sagte sie stattdessen.

*

Jason kehrte nachdenklich zum Hotel zurück, durchquerte die Lobby und fuhr nach oben. Melanies unterhaltsames Geplauder hatte ihn auf andere Gedanken gebracht, und an dem lebhaften Funkeln ihrer Augen und ihrem hinreißenden Gesicht hatte er sich nicht sattsehen können.
   Vince und Kelly saßen noch auf der Terrasse seiner Suite.
   »Wer ist Henry?«, platzte er heraus, sobald er ins Freie trat.
   Vince griff nach seinem iPhone und tippte aufs Display. »Ihre Brüder heißen Sebastian und Julian, so steht es in Dylans Mail, und unter ihren Kollegen gibt es auch keinen Henry. Warum fragst du?«
   Jason ließ sich in einen der Lehnstühle fallen. »Melanie will morgen mit mir und Henry laufen gehen.«
   »Ihr Trainingspartner vielleicht«, schlug Kelly vor.
   Gequält verzog er das Gesicht.
   »Wieso hast du sie nicht gefragt?«
   »Weil ich …« Er verstummte. »Ich sollte mir nicht so viele Gedanken um sie machen«, murmelte er.
   »Melanie ist eine sehr sympathische Frau«, sagte Kelly. »Mir gefällt ihre natürliche Art.«
   »Ja, sie wirkt so normal.« Vince malte beim letzten Wort mit Zeige- und Mittelfinger beider Hände Anführungszeichen in die Luft. »Der absolute Gegensatz zu den Ladys, mit denen du dich sonst triffst.«
   Jason nahm ihm die Bemerkung nicht übel, denn mit der Auswahl seiner bisherigen Partnerinnen hatte er kein glückliches Händchen bewiesen.
   »Sie ist nett, intelligent und witzig«, ging er auf Kellys Äußerung ein. »Der Tag mit ihr war sehr unterhaltsam.«
   »Und du willst sie wiedersehen?«, vergewisserte sich Vince.
   »Auf jeden Fall. Wenn’s sein muss, auch mit Henry.« Er klang so leidend, dass Kelly spontan seine Hand berührte.

*

Melanie betrat ihr Elternhaus, in dem sie noch immer wohnte. Es wäre Geldverschwendung gewesen, sich während der Zeit als Flugbegleiterin und dem anschließenden Jurastudium eine eigene Wohnung zu nehmen. Lieber hatte sie jeden Cent für ihr Studium gespart. Seit einigen Jahren unterstützte sie außerdem ihre Eltern finanziell. Ihr Vater litt an einem Lungenemphysem und war aufgrund der Erkrankung vorzeitig aus dem Berufsleben ausgeschieden. Seine magere Rente und der Verdienst ihrer Mutter reichten gerade für das Nötigste. Genau wie ihre Geschwister griff auch sie ihren Eltern unter die Arme, so weit es ihre Möglichkeiten zuließen.
   In der Küche hörte sie ihre Mutter herumwerkeln.
   »Hi, Mum!«
   »Hallo, Liebes, hattest du einen schönen Tag?«
   »Ja. Wir waren in der City. Ich habe dir etwas vom Chocolat mitgebracht.« Melanie zog das Päckchen aus ihrer Handtasche und gab es ihrer Mutter.
   »Das ist nett von dir. Danke.«
   »Wie geht es Dad?«
   »Er sitzt im Wohnzimmer und liest.«
   »Das freut mich.«
   Wenn ihr Vater nach einem Buch griff, ging es ihm gut.
   »Willst du mitessen? Es gibt Nudelauflauf.«
   »Nein, ich war mit Jason frühstücken und nachmittags Kaffee trinken. Ich bin total voll.«
   »Jason?«
   »Das ist der Mandant, von dem ich dir erzählt habe.«
   »Ach so. Ich dachte, der heißt Mr. Wingate?«
   »Sein Vorname ist Jason.« Der Gedanke an ihn zauberte ein Lächeln auf Melanies Gesicht, das Mum mit einem vielsagenden Zwinkern kommentierte.
   »Ich sehe mal nach Dad«, lenkte sie ab, bevor ihre Mutter das Thema Jason Wingate vertiefen konnte.
   Melanie betrat das Wohnzimmer, wo ihr Vater in einem Sessel saß. Das Sauerstoffgerät, das daneben stand, gab leise blubbernde Geräusche von sich. Sein Kopf war auf die Brust gesunken und das offene Buch lag in seinem Schoß. Er schlief. Zu seinen Füßen wachte Henry, der Familienhund, und begrüßte Melanie wedelnd. Seit sich der Gesundheitszustand ihres Vaters weiter verschlimmert hatte, hielt er sich fast nur noch in dessen Nähe auf.
   Sie beugte sich zu dem Hund hinab und streichelte ihn, bevor sie den Roman vorsichtig an sich nahm, ihn auf den Wohnzimmertisch legte und den Raum verließ.
   Langsam stieg sie die Treppe hoch. Ihr Bruder Julian wohnte ebenfalls daheim, er kam an den Wochenenden allerdings meist nur zum Schlafen nach Hause, sodass sie das Stockwerk für sich allein hatte.
   In ihrem Zimmer schlüpfte sie in eine bequeme Freizeithose und ein Sweatshirt. Anschließend holte sie ihre Einkäufe aus der Tüte und wickelte Jasons Geschenk aus. In einer durchsichtigen Box befanden sich kleine Schokoladentäfelchen, auf denen das Wort Danke stand. Melanie sank auf ihr Bett, drückte das Schokoladenpäckchen gegen ihre Brust und ließ den Tag mit diesem außergewöhnlichen Mann Revue passieren.
   Jason war freundlich und höflich zu jedem gewesen. Er hatte weder eine Sonderbehandlung erwartet noch angeberisch mit Trinkgeld um sich geworfen. Sie erinnerte sich an seine attraktive Gestalt und schloss die Augen. Vor allem sein Lachen, bei dem sich Grübchen in seinen Wangen zeigten, war ihr unter die Haut gegangen. Doch nicht allein sein Äußeres zog sie an. Er hatte ihr heute einen Blick hinter die Fassade des weltgewandten Geschäftsmanns gewährt, und sie hatte einen Menschen gesehen, der die emotionale Leere in seinem Leben mit Arbeit zu kompensieren versuchte. Seine fast greifbare Einsamkeit berührte sie selbst jetzt noch. Melanie vertrieb den Anflug von Mitleid, den sie für ihn empfand. Jason Wingate war kein Mann, den man bemitleiden musste. Sein Gesicht, als sie Henry erwähnt hatte, kam ihr in den Sinn, und sie schmunzelte.

*

Jason hatte sich am Abend im Fitnessraum des Hotels ausgepowert und war anschließend im Infinity Pool geschwommen. Eigentlich müsste er todmüde sein, doch er lag wach im Bett, während seine Gedanken um Melanie kreisten. Immer wieder drängten sich die Stunden mit ihr in seine Erinnerung. Er hatte sich wohlgefühlt in ihrer Gegenwart und ihre natürliche, ungezwungene Art als äußerst angenehm empfunden. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen versuchte sie nicht, sich bei ihm einzuschmeicheln.
   Als junger Mann war Jason dem Wunsch seines Vaters nachgekommen und mit den Töchtern seiner Geschäftspartner ausgegangen, aber keine konnte ihn lange fesseln. Die meisten interessierten sich hauptsächlich für ihr Äußeres und für ihre glänzenden Auftritte in der Öffentlichkeit. Nach einigen negativen Erfahrungen hatte er sich bewusst in neuen Kreisen umgesehen, seinen Bekanntschaften jedoch erst einmal verschwiegen, dass er aus einer reichen Familie stammte und eine erfolgreiche Firma leitete. Zu seiner Enttäuschung musste er mehrmals erleben, wie sich das Verhalten dieser Frauen schlagartig änderte, sobald sie die Wahrheit erfuhren. Nur eine hatte ihn sofort verlassen, da sie sich belogen fühlte. Im Grunde war sie die Ehrenwerteste gewesen. Die anderen wollten ihn möglichst rasch an sich binden, drängten zum Teil auf schnelle Heirat. Eine besonders Dreiste versuchte sogar, ihn mit einer fingierten Schwangerschaft hereinzulegen. Zum Glück konnten Vince und Dylan die Lügengeschichte aufdecken.
   Durch die ständigen Enttäuschungen war Jason zu einem vorsichtigen und misstrauischen Mann geworden. Zu spüren, dass sein Reichtum und seine Herkunft diesen Frauen mehr bedeutete als er, der Mensch Jason Wingate, tat weh. Er hatte keine Lust auf weitere Kränkungen. Er wünschte sich eine Partnerin, die ihm ebenbürtig in Intellekt und Herzenswärme war und für die sein Vermögen eine untergeordnete Rolle spielte. Melanie wirkte unbeeindruckt von seinem Geld und Status, doch es galt abzuwarten. Seine Gedanken blieben bei der morgigen Verabredung mit Henry hängen und Eifersucht wallte in ihm auf, eine Empfindung, die ihn bisher nur äußerst selten überkommen hatte.

Kapitel A

Am nächsten Morgen lehnte Melanie an ihrem Wagen und sah Jason entgegen, der soeben das Hotel verließ. Er trug eine schwarze Laufhose, die seitlich ein dunkelroter Streifen zierte, und einen grauen Kapuzenpullover.
   »Hallo, Melanie, hast du gut geschlafen?« Er beugte sich zu ihr und küsste sie zur Begrüßung auf die Wange.
   Die Berührung bescherte ihr eine wohlige Gänsehaut. »Sehr gut, obwohl ich runde Füße hatte vom stundenlangen Laufen.«
   »Ist alles okay?« Er klang besorgt. »Wir können auch gern etwas anderes unternehmen.«
   »Das war ein Scherz.« Sie lächelte ihn an. »Keine Sorge, ich mache schon nicht schlapp unterwegs.«
   »Aber ich vermutlich«, gab er zu. »Ich bin kein Ausdauertyp.«
   »Wir müssen nicht Joggen. Wie wäre es stattdessen mit einem Spaziergang?«
   »Nein, wir gehen laufen. Ich möchte den Vormittag wie geplant mit dir verbringen.« Der tiefgründige Blick aus seinen faszinierenden Augen brachte die Schmetterlinge in ihrem Bauch zum Tanzen.
   »Wo bleibt denn dieser Henry?«, fragte er.
   »Henry?« Sie brauchte einen Moment, um sich aus den azurblauen Tiefen loszureißen und wieder in die Gegenwart zurückzukehren. »Ach ja.« Melanie öffnete die Klappe des Kofferraums. »Hopp«, sagte sie, die zauselige Promenadenmischung sprang heraus und setzte sich artig an ihre linke Seite. »Darf ich vorstellen: Henry.«
   Jasons Gesichtszüge entspannten sich, er ging in die Hocke und wuschelte mit beiden Händen durch Henrys weiß-braunes Fell. »Du bist also Henry.« Der Hund stupste mit der Nase gegen seine Wange, und Jason lachte. »Deinetwegen hatte ich eine schlaflose Nacht, Kumpel«, nuschelte er.
   Melanies Herz schlug einen Salto bei seinen leisen Worten. Beinahe wäre ihr ein Seufzen entschlüpft. Jason sah zu ihr hoch, lächelte vielsagend und richtete sich langsam auf. Sie folgte jeder seiner Bewegungen mit ihren Blicken.
   »Vince und Kelly haben auch einen Hund«, brach er den Bann.
   Sie riss sich zusammen und bemühte sich um einen neutralen Tonfall. »Hier? Im Hotel?«
   »Nein. Happy ist in Amerika bei Vince’ Eltern.«
   »Happy. Wie süß.«
   »Von wegen süß, er ist ein Riesenvieh.« Jason hielt seine Hand auf Hüfthöhe. »Ein weißer Schäferhund.«
   »Und der heißt Happy?« Sie zog amüsiert die Augenbrauen hoch.
   »Ja. Kelly hat ihn als Welpe so genannt, weil er total knuffig war. Vince fand das weniger prickelnd, doch er hat irgendwann aufgegeben, sie zu korrigieren.«
   »Henry hieß schon so, als wir ihn aus dem Tierheim geholt haben. Wir rätseln seit Jahren, welche Rassen sich in ihm vereinen. Vielleicht ein Schuss Border Collie, aber auf jeden Fall Retriever. Wenn er Wasser sieht, ist er nicht mehr zu halten, und er hütet meine Nichten, als wären sie Schafe.«
   »Wie viele Nichten hast du?«
   »Zwei. Mia und Anna, sie sind fünf und sieben.«
   »Dann ist Henry bestimmt gut beschäftigt.«
   »Das ist er.« Melanie dachte an die lebhaften Mädchen. »Hast du Kinder?«, rutschte es ihr heraus.
   Er sah sie mit einem Blick an, den sie nicht zu deuten wusste.
   »In der Verwandtschaft, meinte ich«, fügte sie rasch hinzu. »Du hast gestern Cousin und Cousine erwähnt.«
   »Nein. Die beiden sind unverheiratet und kinderlos.« Er klang melancholisch. »Vermutlich liegt ein Fluch auf unserer Familie«, versuchte er zu scherzen.
   Um nicht aufdringlich zu wirken, ließ sie das Thema fallen und rief stattdessen Henry zu sich, der interessiert an einem Blumenkübel schnüffelte.
   »Wir können am Rheinufer laufen, auf der Promenade. Dort ist es eben, aber es herrscht viel Betrieb bei dem Wetter. Oder wir fahren in den Wald, da hätten wir mehr Ruhe. Der Kurs führt allerdings teilweise bergauf und der Weg ist nicht durchgehend befestigt. Was ist dir lieber?«
   »Mir ist es gleich. Wo läufst du gewöhnlich?«
   »Ich wechsle ab, je nach Laune.«
   »Und was möchte Henry?«
   Sie lachte. »Der würde, wenn er dürfte, im Rhein schwimmen. Auf der Promenade muss ich ihn an die Leine nehmen, sonst ist er weg.«
   »Gut, fahren wir Henry zuliebe in den Wald.«
   Melanie gab dem Hund ein Zeichen, und er sprang mit einem Satz in den Wagen, wo sie die Rücksitze für ihn umgeklappt und mit Decken gepolstert hatte. Sie stiegen ein, Melanie startete den Motor und Jason zuckte zusammen, als laute Musik aus den Lautsprechern dröhnte. Rasch drückte sie auf den Ausschalter. »Sorry, das hatte ich vergessen. Ich belästige üblicherweise niemanden mit dem Radau.«
   »Was heißt hier Radau? Ich liebe diesen Song.« Er schaltete das Radio wieder ein und die treibenden Klänge erfüllten den Wagen. »Bon Jovi«, rief er über den Lärm hinweg. »Immer noch eine der besten Bands!«
   »Ganz meine Meinung.« Melanie schüttelte lachend den Kopf. »Witzig, dass wir den gleichen Musikgeschmack haben.«
   Jason drehte die Lautstärke herunter. »Früher habe ich querbeet alles Mögliche gehört. Vince hat mich mit seiner Leidenschaft für Rockmusik angesteckt. Das ist einfach geniale Trainingsmusik.«
   »Bei mir war es mein Bruder Sebastian. Bevor er ein biederer Familienvater wurde, hat er in einer Band gespielt. Er hört heute noch die schrägsten Sachen.«
   Grinsend stellte Jason die Musik wieder lauter und sang beim Refrain von It’s my life mit. Seine raue Stimme klang gut. Melanie fiel mit ein und brauste aus der Stadt.
   Schwungvoll bog sie Minuten später in einen Waldweg und hielt auf einem von hohen Buchen, ausladenden Eichen und dichtstehenden Tannen gesäumten Parkplatz.
   Jason stieß die Luft aus. »Wohl einen Rennfahrer gefrühstückt.«
   Sie warf ihm einen Blick zu und lachte. »Du bist doch nicht etwa seekrank geworden? Ich dachte, du stehst auf schnelle Autos?«
   »Solange ich am Steuer sitze.«
   »Hast du auch Angst, wenn Vince dich fährt?«
   »Ich habe keine Angst!«
   Sie ließ seine Äußerung unkommentiert, sah ihn nur milde lächelnd an.
   »Er nimmt regelmäßig am Fahrtraining teil.«
   »Wenn ich gewusst hätte, dass du so schissig bist, wäre ich dreißig gefahren.«
   »Bin ich nicht!« In Jasons Augen blitzte es silbrig auf.
   »Ah … Das kann jeder behaupten.« Kichernd verließ sie den Wagen.
   Das dichte Blätterdach filterte die Morgensonne, sodass nur einzelne Strahlen den Waldboden erreichten. Zwischen den Stämmen hing noch immer die Kühle der Nacht, und Melanie war froh um ihr Sweatshirt und die langen Hosen.
   Sie öffnete den Kofferraum, Henry sprang heraus und lief Richtung Waldrand. Während sie ihre Beinmuskeln dehnte, war sie sich Jasons Musterung nur zu bewusst, obwohl er versuchte, sie nicht allzu offensichtlich anzustarren. Melanie riskierte ebenfalls einen Blick, als er das Hoodie auszog und ein farblich zu den Laufhosen passendes, langärmeliges Oberteil enthüllte. Die Funktionskleidung saß wie eine zweite Haut und das, was sie unter seinem Maßanzug bereits erahnt hatte, wurde nun zur Gewissheit. Er besaß einen anbetungswürdigen Körper mit breiten Schultern, schmaler Taille, einem knackigen Hintern und langen, muskulösen Beinen. Verdammt, er sah verboten gut aus!
   »Ist dir nicht kalt?« Irgendetwas musste sie sagen, um sich von seinem Anblick abzulenken.
   »Ich lauf mich warm.« Feixend warf er das Kleidungsstück auf den Beifahrersitz, und ihr war klar, dass er sich über ihr Interesse amüsierte. Sie hätte ihn besser nicht so offensichtlich angeschmachtet, sein Ego war bereits groß genug.

*

Henry, der vor Freude winselte, trieb sie zur Eile an. Sie rannten los, begleitet von aufgeregtem Bellen. Melanies lockerer Laufstil wies auf ihr regelmäßiges Training hin. Jason, der hauptsächlich Kampfsport betrieb und Gewichte stemmte, hatte nach einiger Zeit Mühe, ihr Tempo mitzuhalten. Am Beginn einer Steigung hängte sie ihn endgültig ab. Als er oben ankam, wartete sie auf ihn. Der Hund saß hechelnd neben ihr und schien ihn auszulachen. Er beugte sich vor, stützte die Hände auf seine Oberschenkel und rang nach Luft.
   »Du kippst aber nicht um, oder?«, zog sie ihn auf.
   Anstelle einer Antwort schnaubte er. Melanie kommentierte das Geräusch mit einem Lachen.
   »Sieh mal«, sagte sie und streckte einen Arm aus.
   Jason richtete sich auf. Vor ihm lag eine sanft abfallende Wiese mit altem Baumbestand, der bereits die ersten herbstlich gefärbten Blätter trug. Weiter unten erkannte er die Rheinebene, durch die sich gemächlich der in der Morgensonne silbrig glitzernde Strom schob.
   »Der Ausblick ist meine Belohnung, wenn ich es bis hier raufgeschafft habe.«
   »Wie oft läufst du?«, stieß er, immer noch schwer atmend, hervor.
   »Seit ich in der Kanzlei bin, nicht mehr so regelmäßig. Meistens nur sonntags und ein- oder zweimal in der Woche abends.« Sie legte die Hände in Taillenhöhe auf ihren Rücken und bog den Oberkörper nach hinten. »Das Laufen hilft mir, den Kopf frei zu bekommen. Außerdem hält es mich schlank. Welchen Sport machst du? Du siehst gut trainiert aus, bist aber kein Ausdauerfuzzi.«
   »Ausdauerfuzzi?« Jason lachte. »Kampfsport und Gewichtstraining«, beantwortete er ihre Frage. »Früher habe ich Football gespielt, doch seit ich die Firma leite, bin ich viel auf Reisen. Dazu passt kein Mannschaftstraining. Fast jedes Hotel hat einen Fitnessraum, das kommt mir entgegen.«
   »Der Kampfsport? Was ist das genau?«
   »Karate und Muay Thai.«
   »Du musst Julian kennenlernen, er macht auch Karate.«
   Jason, der erneut die Hände auf seinen Oberschenkeln abgestützt hatte, sah sie von unten herauf an. »Nein, danke«, sagte er. »Du quälst mich schon genug. Einen weiteren Sportler aus dieser Familie …, das ertrage ich nicht.«
   Melanie zog das Sweatshirt aus. Ein Funktionsshirt aus weißem Stretchmaterial kam zum Vorschein. Es lag eng an, zeichnete die festen Brüste und die zierliche Taille nach und endete knapp über dem Hosenbund, der auf ihren schmalen Hüften saß. Ein Streifen Haut blitzte hervor. Sie hatte ein hübsche Figur, die in einem Abendkleid wunderbar zur Geltung kommen würde. Plötzlich wünschte sich Jason diese Frau an seiner Seite, wenn er seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommen musste. Mit ihrer Eleganz, ihrem Charme und dem Sprachtalent wäre sie die perfekte Ergänzung zu seiner Person. Nach einem solchen Abend würde er liebend gern mit ihr in seiner Wohnung auf der Couch sitzen, sie in den Armen halten, über die Veranstaltung reden, mit ihr lachen, Champagner oder ein Glas Wein trinken und …
   »Wir müssen langsam zurück«, riss sie ihn aus seinen Tagträumen. »Sonst komme ich zu spät zum Mittagessen.«
   »Ich hoffe, es geht nur noch bergab.«
   Seine Leidensmiene entlockte ihr ein Kichern. »Nur noch abwärts, versprochen.« Sie streckte ihm die Hand hin und händchenhaltend beendeten sie die Laufrunde.

»Danke fürs Mitnehmen«, sagte er, als Melanie den Wagen vor seinem Hotel stoppte.
   »Du hattest hoffentlich Spaß mit Henry und mir.«
   »Nun ja, ihr habt es mir heute anständig gezeigt.« Er drehte sich im Sitz um und streichelte dem Hund über den Kopf, danach ergriff er ihre Hand. »Einen schönen Sonntag wünsche ich dir.«
   »Für dich auch, Jason. Und viele Grüße an Kelly und Vince.«
   »Die werde ich ausrichten.«
   Euphorisch betrat er das Kameha Grand. Er fühlte sich so jung, lebendig und voller Elan wie seit Langem nicht mehr.
   Melanie gab ihm das Gefühl, dass er in ihrer Gegenwart er selbst sein konnte. Vor ihr brauchte er sich nicht zu verstellen, und er musste auch keine Rolle spielen, wie so oft in seinem Leben. Seit Jason die Leitung von Win-Gate-Solutions übernommen hatte, zeigte er aller Welt das Gesicht des selbstsicheren und erfolgreichen Geschäftsmanns. Seine Emotionen verbarg er gekonnt, und seine wahren Gedanken teilte er nur mit guten Freunden. Noch nicht einmal seine Eltern wussten, wie er wirklich empfand und wovon er träumte.
   Nachdem er geduscht hatte, bestellte er sich ein Mittagessen in die Suite. Anschließend schaltete er eines der Notebooks an und rief E-Mails ab. Doch obwohl es eine Menge zu tun gab, fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren, denn immer wieder schlich sich Melanie in seinen Kopf.

*

Melanie fuhr in die Hofeinfahrt, wo der Wagen ihrer Schwester parkte, ließ den Hund aus dem Auto und eilte ins Haus.
   »Annika, wie schön, dass du da bist.« Sie beugte sich zu ihr hinunter und umarmte sie. Henry sprang begeistert bellend um sie herum.
   »Hallo, Dennis.« Melanie richtete sich auf und umarmte ihren Schwager ebenfalls. »Wie geht es euch?«, fragte sie mit einer Geste auf Annikas Schwangerschaftsbauch.
   »Dieses Kind wird hundertpro ein Kampfsportler«, stöhnte sie. »Es tritt mich seit heute Morgen in einer Tour.«
   »Da wird sich Julian freuen.« Bei der Erwähnung des Kampfsports musste sie an Jason denken.
   »Wieso guckst du so verklärt? Hast du es beim Laufen übertrieben?«, kommentierte Annika ihren Gesichtsausdruck.
   »Nee … Alles okay. Ich muss duschen.« Melanie rannte fast aus dem Wohnzimmer.
   »Entweder sie ist verliebt oder sie hat einen Laufflash«, hörte sie Annika im Hinausgehen sagen.
   »Melanie und verliebt?«, erwiderte Dennis. »Ich wette fünfzig Euro auf Laufflash.«
   »Ich halte dagegen.«
   Schmunzelnd sprang sie die Treppe zum ersten Stock hinauf. Annika hatte diesen Scherz mit der Fünfzig-Euro-Wette vor einiger Zeit aufgebracht und seitdem machten sich alle in der Familie einen Spaß daraus.

Während das warme Wasser über ihren Körper rann, verweilten Melanies Gedanken bei ihrer Schwester, und ein schmerzhaftes Sehnen breitete sich in ihr aus. Liebend gern hätte sie mit ihr getauscht. Je weiter Annikas Schwangerschaft voranschritt, desto mehr wurde Melanie bewusst, was sie im Leben vermisste. Seit dem Abitur drehte sich bei ihr alles nur ums Geldverdienen, um ihr Studium und um die angestrebte Karriere als Juristin. Ihr durchgeplanter Lebensweg war ihr jahrelang als der richtige erschienen, doch seit einiger Zeit sehnte sie sich immer häufiger nach einem liebevollen Mann und einer eigenen Familie. Ihr Bruder Sebastian und seine Frau Tanja kamen ihr in den Sinn. Die beiden würden bald zum dritten Mal Eltern werden. Seufzend wusch sich Melanie das Shampoo aus den Haaren und drängte die melancholische Stimmung zurück, die sie zu überwältigen drohte. Vermutlich war sie einfach von zu vielen glücklichen Paaren und schwangeren Frauen umgeben.
   Als Melanie das Wohnzimmer erneut betrat, saßen Dennis und Annika auf der Couch und sahen ihr entgegen.
   »Was ist los?«, fragte sie.
   »Fünfzig Euro.« Annika grinste.
   »Schon wieder eine deiner Wetten.« Melanie rollte mit den Augen. »Worum geht es?«
   »Dein Gesichtsausdruck eben. Dennis tippt auf Laufflash, ich auf einen Mann. Wer hat recht?«
   Melanies Wangen wurden heiß bei dem Gedanken an Jason. »Ich war laufen«, sagte sie, um einen neutralen Ton bemüht. »Mit einem Mann.«
   »Gewonnen«, riefen Annika und Dennis gleichzeitig.
   »Erzähl«, drängte ihre Schwester.
   »Vergiss es. Außerdem muss ich Mum in der Küche helfen.« Sie machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum, bevor Annika weiterbohren konnte.
   Bald darauf trafen Sebastian und seine Frau Tanja mit den beiden Mädchen ein, und Julian kam vom Sport. Die Familie versammelte sich um den großen Esszimmertisch. Melanie dachte während des Nachmittags mehrmals an Jason. Er würde sich mit ihren Eltern und Geschwistern bestimmt gut verstehen. Heute Morgen hatte er ihr erzählt, dass er den restlichen Tag arbeiten wollte. Die Vorstellung, wie er allein in seinem Hotelzimmer saß, stimmte sie wehmütig.
   »Sollen wir nächstes Wochenende grillen, falls das Wetter mitspielt?«, fragte ihr Vater beim Kaffee in die Runde. »Es ist vielleicht das letzte Mal für dieses Jahr.«
   »Na klar, machen wir«, sagte Sebastian, der vor einiger Zeit die Herrschaft über den Familiengrill übernommen hatte.
   »Wirst du deinen neuen Bekannten einladen?«, wandte sich Annika an Melanie.
   Sie unterdrückte ein genervtes Stöhnen. Das war typisch für ihre Schwester. Stundenlang konnte sie auf einem Thema herumreiten. Ihre Bemerkungen während des Essens zu Melanies verliebtem Aussehen hatten sie förmlich genötigt, von Jason zu erzählen. Sie gab zwar nur das Nötigste preis, doch das weckte erst recht Annikas Neugier. Melanie wusste genau, dass sie Jason googeln würde, sobald sie daheim wäre.
   »Ich kann ihn ja mal fragen«, sagte sie, hauptsächlich, um Ruhe zu haben.

Kapitel 5

Der Montagmorgen in der Kanzlei begann enttäuschend. Melanie hatte fest mit einer E-Mail von Jason gerechnet, sie fand jedoch nur zwei Terminvorschläge von Stefan Auermann vor. Er wird anrufen, redete sie sich ein, aber der Tag zog sich hin, und Jason meldete sich nicht. Sie sehnte sich so sehr nach einem Lebenszeichen von ihm, dass sie sich kaum auf die trockenen Gesetzestexte konzentrieren konnte. Als sie im Internet ein Urteil recherchierte, kam ihr Linda Wingate in den Sinn. Mit einem seltsam hohlen Gefühl im Magen ließ sie den Gedanken an diese Frau zu. Wenn sie Jasons Äußerungen richtig gedeutet hatte, war er nicht verheiratet, Geschwister hatte er auch keine. Folglich musste Linda Wingate seine geschiedene Ehefrau sein. Melanie gab den Namen in die Suchmaschine ein und landete erneut bei dem Bild, das Jason und sie auf der Wohltätigkeitsveranstaltung zeigte. Linda war eine Schönheit mit langen goldblonden Haaren, die sich seidig schimmernd über ihre Schultern wellten. Das rote Kleid mit dem V-Ausschnitt betonte ihre vollen Brüste und die schmale Taille. Abzüglich der hohen Absätze, die sie garantiert trug, besaß sie schätzungsweise Melanies Größe. Ihre Figur war jedoch kurviger und weiblicher … Sexy. Melanie seufzte. Neben Linda Wingate kam sie sich reizlos vor mit ihrer praktischen Kurzhaarfrisur und dem gertenschlanken Körper.
   Neugierig suchte sie nach weiteren Informationen, doch sie fand lediglich einen Bericht über die Veranstaltung, die zugunsten misshandelter Frauen stattgefunden hatte. Das Veröffentlichungsdatum verriet ihr, dass das Foto zwei Jahre alt war. In dieser Zeit konnte viel geschehen sein.
   Ein Klopfen an ihrer Bürotür schreckte sie auf. Kathrin Fischer brachte die tägliche Post. Melanie schloss das Internet und stürzte sich förmlich auf die Postmappe, doch auch darin befand sich keine Nachricht von Jason. Diese Funkstille passte nicht zu seiner höflichen und zuvorkommenden Art. Sollte er tatsächlich das Interesse an ihr verloren haben? Sie rief sich die Verabschiedung vom Sonntag in Erinnerung. Er hatte Henry gestreichelt, ihre Hand gedrückt und ihr einen schönen Tag gewünscht. Kein »Wann sehen wir uns wieder?«. Keine Frage nach ihrer Mobilnummer oder privaten E-Mail-Adresse. Melanie versuchte, das bedrückende Gefühl zu verdrängen, das sich ihrer bemächtigen wollte. Vermutlich hatte sie zu viel in die gemeinsam verbrachten Stunden hineininterpretiert. Sie entschied, bis morgen zu warten und dann die Initiative zu ergreifen.

*

Zur gleichen Zeit saß Jason mit James Cardwell und dem Geschäftsführer der Londoner Niederlassung zusammen, der mit der ersten Maschine aus England gekommen war und einen Stapel Akten mitgebracht hatte. Jason unterschrieb Verträge, diskutierte die Firmenpolitik und hielt schließlich am Nachmittag mit den Marketingleitern in London und San Francisco eine Telefonkonferenz ab. Durch die Zeitverschiebung gestaltete sich der Kontakt zu der Muttergesellschaft an der Westküste schwierig, doch nicht alles ließ sich per E-Mail klären.
   Erst spät am Abend schaltete er das Notebook aus und rieb sich müde über die Augen. Das Bedürfnis nach frischer Luft und Bewegung überkam ihn. Er hatte den ganzen Tag drinnen verbracht, stundenlang geredet, gelesen und auf diverse Displays gestarrt.
   Als er das Jackett auszog, fiel sein Blick auf die Sportkleidung, die er am Vortag getragen hatte. Spontan beschloss er, eine Runde laufen zu gehen, obwohl es draußen bereits dunkel war. Die Straßenbeleuchtung würde für diesen Zweck ausreichen.
   Er verließ das Hotel und lief am Rheinufer entlang. Der leichte Muskelkater in seinen Beinen erinnerte ihn an Melanie und wie locker sie ihn gestern abgehängt hatte. Er sollte sie mal zum Krafttraining einladen, als Revanche sozusagen. Das Grinsen, das ihm bei dieser Vorstellung gekommen war, verflog schlagartig, als ihm einfiel, dass er keine privaten Kontaktdaten von ihr besaß. Verdammter Mist! Wie hatte er nur vergessen können, sie danach zu fragen. Weil du ihretwegen total neben der Spur warst, schoss es ihm durch den Kopf. Verärgert kehrte er auf der Stelle um und lief zum Hotel zurück. Gleich morgen früh würde er sie an ihrem Arbeitsplatz anrufen.

*

Erst spät am Abend betrat Melanie ihr Elternhaus. Sie war bewusst länger in der Kanzlei geblieben, aber irgendwann hatte sie schließlich aufgegeben und ihr Büro verlassen. Um sich abzulenken, schlenderte sie durch die Fußgängerzone, der Anblick der Geschäfte weckte jedoch nur die Erinnerung an den Samstag mit Jason. Die Lust am Einkaufen verging ihr, und sie fuhr nach Hause. Nun saß sie in ihrem Zimmer auf der Couch, erschöpft und enttäuscht, während ihre Gedanken pausenlos um ihn kreisten. Der Roman, der von einer aufregenden Verfolgungsjagd auf den Bahamas handelte und mit dem sie sich hatte ablenken wollen, lag vergessen in ihrem Schoß. Frustriert klappte sie das Buch zu. Sie sollte sich über Jason Wingate nicht den Kopf zerbrechen, schließlich kannte sie ihn kaum. Sein geschliffenes Benehmen konnte ebenso gut auch nur Fassade sein.
   Melanie ging zu Bett, doch sie fand keinen Schlaf. Die Begegnung mit Jason und dieses Gefühl der Verliebtheit, das er bei ihr auslöste, machten ihr einmal mehr bewusst, was ihr fehlte. Trotz ihrer dreiunddreißig Jahre hatte sie ihren Lebensweg noch nicht gefunden. Der Job als Flugbegleiterin war ernüchternd gewesen, anstatt ihr Fernweh stillen zu können, war sie von einem Flughafen zum nächsten gejettet. Das anschließende Studium dauerte länger als geplant, da die Erkrankung ihres Vaters sie zeitweise so sehr belastete, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Und die Euphorie, in einer renommierten Kanzlei arbeiten zu dürfen, war inzwischen Ernüchterung gewichen. Immer öfter fragte sie sich, ob die jahrelangen Entbehrungen es wert gewesen waren. Vielleicht hätte sie besser auf ein Studium verzichten und bei der Fluggesellschaft bleiben sollen. Beim Bodenpersonal hätte sie garantiert eine Stelle gefunden. Verbitterung über diese Situation stieg in ihr auf, doch sie verdrängte die Empfindung rasch. Darüber nachzugrübeln, würde ihr nur noch mehr Frust einbringen.

Weit nach Mitternacht fiel Melanie in einen unruhigen Schlaf, und entsprechend übernächtigt betrat sie am Morgen die Kanzlei. Gerade als sie ihre Bürotür öffnete, klingelte das Telefon.
   »Barenfeld«, meldete sie sich.
   »Melanie?« Seine dunkle Stimme kroch ihr unter die Haut und die Schmetterlinge in ihrem Bauch erwachten.
   »Ja«, stieß sie hervor.
   »Hier ist Jason. Guten Morgen.«
   »Hallo, Jason.« In ihrem Hals hatte sich schlagartig ein dicker Kloß gebildet.
   »Störe ich?«, fragte er irritiert.
   Melanie riss sich zusammen. »Nein. Tut mir leid, ich bin noch nicht richtig wach.«
   »Ach so.« Er lachte leise, und sie schloss bei dem Laut die Augen. Nur mit Mühe konnte sie ein sehnsuchtsvolles Seufzen unterdrücken.
   »Sorry, dass ich mich gestern nicht gemeldet habe«, sagte er. »Ich war den ganzen Tag in Besprechungen und hatte gegen Abend eine Übersee-Telco. Außerdem …« – er zögerte kurz – »hatte ich es leider versäumt, dich nach deiner Handynummer zu fragen.«
   Melanies Herz tat einen freudigen Sprung bei seinen Worten. »Du wärst mir schon nicht entkommen«, rutschte es ihr heraus, und er lachte erneut.
   »Okay, bevor ich es wieder verpatze. Darf ich deine Nummer haben?«
   Er bat darum. Einmal mehr staunte sie über seine tadellosen Manieren, und erfreut gab sie ihm die Ziffern durch.
   »Ich schicke dir sofort eine SMS, dann kannst du meine Nummer speichern«, sagte er.
   »Danke«, murmelte sie mechanisch. Ihre Gefühle, eine Mischung aus Erleichterung, weil er sich endlich gemeldet hatte, und einer jähen Befangenheit, blockierten sie.
   »Ich störe dich nicht länger. Ich wünsche dir einen angenehmen Tag, Melanie.« Seine leisen Worte klangen wie eine Liebkosung. Noch einige geraunte Sätze mit seiner sinnlichen Stimme und sie würde zerfließen.
   »Danke, für dich auch.«
   Er legte auf, und sie ließ den Hörer sinken. Danke, für dich auch. Wie an der Supermarktkasse. Au Mann!
   Eine plötzliche Schwäche überkam sie. Melanie plumpste auf den Bürostuhl, stützte die Ellenbogen auf den Schreibtisch und verbarg das Gesicht in ihren Händen. Jason wollte sie weiterhin treffen. Ihre Zweifel waren umsonst gewesen. Die Sorgen, die sie seit gestern mit sich herumtrug, fielen von ihr ab und ein warmes Gefühl der Erleichterung breitete sich in ihr aus.
   Der Signalton ihres Smartphones schreckte sie auf. Hastig fischte sie es aus der Handtasche und las die Textnachricht. Jason entschuldigte sich noch einmal für seine Unaufmerksamkeit und lud sie zum Abendessen in sein Hotel ein. Melanie verspürte gleichzeitig Freude, Aufregung und Neugier. Rasch schaltete sie den PC ein, rief die Internetseite des Kameha Grand auf und studierte die Speisekarten der beiden Restaurants. Bei den Preisen wurde ihr schwindlig, und für einen Moment dachte sie darüber nach, die Einladung abzulehnen, doch dann machte sie sich bewusst, dass Jason sein Geld ebenso locker in einem Gourmetrestaurant ausgab, wie sie sich eine Currywurst kaufte. Ein anderer Gedanke drängte sich in den Vordergrund. Sie brauchte ein Abendkleid. Außer der Businesskleidung, bestehend aus dunklen Röcken oder Hosen mit passender Jacke, hing nichts wirklich Schickes in ihrem Schrank. Privat bevorzugte Melanie Jeans und legere Oberteile. Sie überlegte kurz, bedankte sich für die Einladung und schlug den Mittwoch oder Donnerstag für das Treffen vor.
   Mittwoch passt perfekt, schrieb Jason zurück. Ich freue mich sehr darauf, dich wiederzusehen, und danke, dass du den Abend mit mir verbringen willst.
   Sie seufzte. Was für ein Mann!
   Der ihr für den Rest des Tages im Kopf herumschwirrte. Melanie befand sich in einem permanenten Schwebezustand. Zum Glück hatte Alfred von Simmern am Nachmittag einen externen Termin, sodass sie früher Schluss machen konnte. Er sah es nicht gern, wenn seine Mitarbeiter ihre Überstunden abfeierten, doch Stefan genehmigte ihr die Freizeit.
   Sie fuhr in die Innenstadt, kaufte sich ein Cocktailkleid und gönnte sich anschließend ein Wellnessprogramm, so lange, bis Julian an die Badezimmertür klopfte und fragte, ob sie in der Wanne abgesoffen sei. Entspannt von dem warmen Bad ging sie zeitig zu Bett, und mit den Gedanken bei Jason schlief sie ein.

Den Mittwoch in der Kanzlei brachte sie lässig hinter sich, und selbst Alfred von Simmerns Laune, die heute besonders schlecht war, perlte an ihr ab. Seit Jason ihre Mobilnummer kannte, schickte er ihr regelmäßig WhatsApp-Nachrichten. Melanie, die sich bisher geweigert hatte, sklavisch auf jeden Ton ihres Smartphones zu reagieren, fand auf einmal Gefallen daran.

Nach der Arbeit bereitete sie sich auf das Treffen vor und fuhr voller Vorfreude zum Kameha Grand. Als sie das Hotel betrat, erblickte sie Jason, der an einer der Säulen im Foyer lehnte und den Eingang im Auge behielt. Er bemerkte sie im selben Moment und kam lächelnd auf sie zu. In dem dunklen, dreiteiligen Anzug, der ihm auf den athletischen Leib geschneidert worden war, sah er umwerfend schick aus. Erneut faszinierte sie die Kombination aus maskuliner Ausstrahlung und Eleganz.
   Melanie beglückwünschte sich zum Kauf des Cocktailkleids, denn es passte hervorragend zu seinem Outfit. Das nachtblaue Etuikleid war aus edel schimmernder Seide gefertigt, mit langen Ärmeln aus Spitze. Eine Spitzenborte säumte den Rock, der bis zur Mitte ihrer Oberschenkel reichte. Dazu trug sie High Heels. Goldene Ohrstecker mit winzigen Diamantsplittern und ein schmales goldenes Armband setzten funkelnde Akzente.
   »Melanie. Aber hallo!« Er blieb vor ihr stehen und betrachtete sie mit unverhohlener Bewunderung.
   Unter seinem Blick wurde ihr warm, und sie freute sich, dass ihre Kleiderwahl ihm so offensichtlich gefiel. »Guten Abend, Jason.«
   Er legte beide Hände auf ihre Oberarme und begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange. Sie nahm sein Eau de Toilette wahr, ein exquisiter Duft mit einer orientalischen Note.
   »Wie geht es dir?«, fragte er, während er ihr gleichzeitig seinen Arm anbot. Sie schob ihre Hand in seine Ellenbogenbeuge, und er führte sie zu den Aufzügen.
   »Sehr gut, danke. Ich habe mich den ganzen Tag auf unser Treffen gefreut.«
   »Ich mich auch.« Sein verliebter Blick ging ihr unter die Haut. »Ist es dir recht, wenn wir zuerst in meiner Suite etwas trinken?«
   »Einverstanden.«
   Sie betraten den Aufzug und gleich darauf öffnete er die Tür zu seiner Zimmerflucht. Melanie folgte ihm.
   »Möchtest du ein Glas Champagner oder lieber Wein?«, bot er an und deutete auf die Edelstahlschale, in der mehrere Flaschen auf Eis lagen.
   »Nein, danke, keinen Alkohol. Ich muss noch fahren.«
   »Nimm doch später ein Taxi.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Ich brauche morgen meinen Wagen.«
   »Darf ich dir etwas anderes anbieten? Wasser, Saft?«
   Melanie ärgerte sich über ihre vorschnelle Ablehnung. Er hatte den perfekten Abend geplant, und sie vermieste die Stimmung mit ihrer Prinzipientreue. »Nachher zum Essen trinke ich ein Glas Wein«, sagte sie zögernd.
   »Ich sorge dafür, dass du sicher nach Hause kommst und morgen pünktlich in der Kanzlei bist.«
   »Ich weiß dein Angebot wirklich zu schätzen, aber ich möchte selbst fahren.«
   »Entschuldige, ich wollte dir nichts aufdrängen, selbstverständlich ist das deine Entscheidung. Nimm bitte Platz.« Er zeigte in Richtung Sitzgruppe, öffnete den Kühlschrank und holte eine Flasche Wasser heraus.
   Sie setzte sich auf die Couch und schlug die Beine übereinander. Jasons Blick blieb daran hängen, seine Augen weiteten sich interessiert, doch er bekam sich rasch in den Griff, wandte sich ab und schenkte zwei Gläser voll. Damit trat er zu ihr.
   »Noch einmal vielen Dank für die Einladung«, sagte sie.
   »Ich habe zu danken. Es freut mich sehr, dass du gekommen bist.« Er nahm neben ihr auf der Couch Platz und prostete ihr zu.
   »Du siehst hinreißend aus. Äußerst elegant«, fuhr er fort.
   Melanie lächelte ihn an. »Du ebenfalls.«
   Um seine Mundwinkel zuckte es amüsiert. »Danke für das Kompliment. Es kommt selten vor, dass man mir eins macht.«
   »Kaum zu glauben. Du hast doch garantiert eine Menge Verehrerinnen.«
   Er schüttelte den Kopf. »Eher weniger.«
   »Ach komm, Jason. Ein Traummann wie du. Reich, jung, attraktiv … Wenn du dir die Frauen nicht aussuchen kannst, wer dann?« Ihr Lächeln verflog, als er sie sekundenlang schweigend anstarrte, und ihre Wangen begannen zu glühen. »Sorry, ich bin über’s Ziel hinausgeschossen. Ich wollte dir nicht zu nahe treten.« Nervös strich sie den Spitzensaum ihres Kleides glatt.
   »Ist okay. Du hast ja recht.« Er seufzte. »Tatsächlich fehlt es mir nicht an Angeboten, doch ich bin seit zwei Jahren Single.«
   Melanies Ungläubigkeit wich Erleichterung. Also stimmte ihre Vermutung, und Linda Wingate war seine Exfrau.
   »Die meisten denken, ich hätte es leicht bei den Frauen …« Er verstummte, als sie ihm eine Hand auf den Unterarm legte.
   »Du bist mir keine Erklärung schuldig.«
   Er umschloss ihre Finger und streichelte sanft mit dem Daumen über ihren Handrücken. Melanies Arm begann zu prickeln.
   »Ich möchte aber darüber sprechen.« Sein intensiver Blick zog sie in seinen Bann. »Ich mag dich sehr, Melanie, und ich würde mich gern weiterhin mit dir treffen.« Er grinste schief. »Puh … Ich habe mich schon eleganter ausgedrückt.«
   Die tiefere Bedeutung seiner Worte brachte ihr Herz zum Tanzen. Überwältigt von ihren Gefühlen flüchtete sie sich in eine banale Bemerkung. »Ich hätte es auch nicht besser sagen können. Zum Glück bist du mir zuvorgekommen.«
   Auf seinem Gesicht erschien ein Strahlen, das in den silbrig funkelnden Tupfen seiner Augen seinen Widerschein fand. Langsam hob er ihre Hand und hauchte einen Kuss auf ihre Fingerspitzen. Der kaum spürbare Kontakt jagte ein Prickeln durch Melanies Körper und entlockte ihr einen leisen, sehnsüchtigen Laut. Jason streichelte ihre Wange und fuhr mit dem Daumen an ihrer Kinnlinie entlang, die Berührung war pure Erotik. Seine Hand glitt über ihren Hals bis zu ihrer Schulter und legte sich um ihren Nacken. Als sich seine Lippen auf ihren Mund senkten und sich ihre Zungenspitzen berührten, durchfuhr es sie wie ein elektrischer Schlag. Melanie wollte mehr davon, doch die Heftigkeit ihres Verlangens erschreckte und ernüchterte sie zugleich. Fast hastig löste sie sich von ihm.
   »Was ist los?«
   Der sexy Unterton in seiner Stimme bescherte ihr weiche Knie. Zum Glück saß sie bereits. »Wenn du so weitermachst, gehe ich in Flammen auf.«
   »Das ist mein Plan.« Er tippte ihr unters Kinn. »Aber nicht sofort. Ich will dich ganz langsam in Brand setzen.«
   Diese Ankündigung wirbelte neue lustvolle Schauder durch ihren Körper. »Ich glaube, daraus wird nichts. Noch ein solcher Satz, und ich werde mich spontan selbst entzünden.«
   »Warte damit bis nach dem Dinner, okay?« Jason stand auf, reichte ihr die Hand und half ihr auf die Beine. »Beim Essen muss ich mit dir reden.«
   Seine plötzliche Ernsthaftigkeit irritierte sie. Vor wenigen Sekunden hatte er sie verliebt angesehen und nun hörte er sich an wie ein Geschäftsmann.
   »Das klingt aber ernst. Hast du irgendwelche absonderlichen Neigungen?«, erkundigte sie sich betont locker.
   »Wie bitte?« Verwirrt sah er sie an.
   »Das war ein Scherz. Ich musste an Fifty Shades of Grey denken.«
   Jason zog fragend die Augenbrauen hoch, reagierte jedoch nicht wie erwartet.
   »Kennst du die Romane nicht?«
   »Nein.« Er zuckte mit den Schultern.
   »Die sind verfilmt worden. Na ja, die Lektüre spricht hauptsächlich Leserinnen an.«
   »Mhm.« Die Andeutung eines Lächelns und sein neugieriger Blick forderten sie förmlich zu einer Erklärung heraus.
   »Die Bücher handeln von einer jungen, unerfahrenen Frau, die sich in einen attraktiven Milliardär verliebt. Der Gute hat nur leider eine Macke, er ist ein Sadist.«
   Jason grinste. »Ach, und du willst etwas über meine Macken hören?«
   »Hast du denn welche?«
   »Etliche, aber Sadismus gehört nicht dazu.«
   Sie zog einen Schmollmund. »Zu schade.«
   Sein fassungsloser Gesichtsausdruck war Gold wert, und Melanie brach in Gelächter aus.
   Jason gab ihr einen Klaps auf den Po. »Ist das nach Ihrem Geschmack, Lady?«
   »Du lernst schnell.« Sie küsste ihn auf die Wange und rückte seine Krawatte gerade. Dabei nahm sie erneut den Duft seines Eau de Toilette wahr. »Du riechst gut. Was ist das?«
   »Reflection.«
   »Kenne ich nicht. Von welchem Hersteller?«
   »Von Amouage. Aus dem Oman.«
   »Klingt exklusiv, ich kann nicht genug davon bekommen«, murmelte sie und schob sich dichter an ihn heran.
   Jason nutzte die Gelegenheit und schlang den Arm um ihre Taille. Am liebsten hätte Melanie ihn zur Couch gezogen und dort weitergemacht, wo sie gerade aufgehört hatten, doch sie beherrschte sich. Sie wollte mehr von ihm als nur körperliche Nähe.

Sie betraten das japanische Restaurant, und Melanie sah sich staunend um. Durch die Glasfront flutete die Abendsonne und tauchte den Raum in bernsteingoldenes Licht. Rote Säulen trugen die Decke und wirkten als Blickfang. Auf dem dunklen Parkettboden lagen schwarz-weiße und schwarz-rote Teppiche mit floralen Mustern, die gestärkten Tischtücher strahlten mit den weißen mannshohen Kerzenständern und den großen, ebenfalls weißen Blumentöpfen, in denen Orchideen wuchsen, um die Wette. Sie nahmen an einem Tisch mit Aussicht über die Dachterrasse Platz.
   »Und nun zu meinen Macken«, sagte Jason, nachdem sie bestellt hatten.
   »Kommen jetzt die Geständnisse?«
   Er ignorierte die spaßige Bemerkung, stattdessen griff er nach ihrer Hand. »Ich möchte dieses Mal nichts verkehrt machen. Deshalb sollst du wissen, auf wen du dich einlässt.«
   »Du klingst schon wieder ernst, so schlimm kannst du doch nicht sein.«
   »Du scheinst große Stücke von mir zu halten.« Er lächelte. »Keine Sorge, ich habe keine Leichen im Keller, es ist nur … Mein Leben unterscheidet sich erheblich von dem der meisten Menschen.«
   »Das war mir bereits bei unserer ersten Begegnung klar.«
   »Du hast mich schnell durchschaut.«
   Sie lachte leise, und er drückte ihre Hand.
   »Ich habe mit dreißig Win-Gate-Solutions von meinem Vater übernommen«, begann er. »Seitdem liegt die Verantwortung für das Unternehmen bei mir. Von meinen Entscheidungen hängen rund vierhundert Arbeitsplätze ab. Ich bin bestrebt, die Firma noch profitabler zu machen, deswegen auch die Expansionen in Europa. Zwölf-Stunden-Tage sind für mich normal, ebenso Arbeit an den Wochenenden. Einziger Ausgleich ist der Sport.« In einer entschuldigenden Geste hob er die Schultern. »Genau genommen habe ich keine Zeit für eine Frau.«
   »Das klingt, als wärst du schlecht organisiert«, scherzte sie.
   »Vermutlich hast du recht.«
   Melanie ahnte, wie wichtig ihm das Thema war. »Jason, ich weiß, was es bedeutet, viel und hart zu arbeiten«, sagte sie. »Ich habe studiert, nebenbei gejobbt, und ich kümmere mich seit Jahren um meinen kranken Vater. Daher verstehe ich sehr gut, was dich antreibt und wie du deine Prioritäten setzt.«
   »Woran leidet dein Vater?«, griff er ihre Bemerkung auf.
   »Er ist lungenkrank.« Sie vertiefte das Thema nicht, da sie lieber mehr über Jason erfahren wollte. »Aber zurück zu dir, ich habe dich unterbrochen.«
   »Mein Arbeitspensum ist nur die eine Seite«, fuhr er fort. »Ich nehme an, du hast die Bilanz von Win-Gate-Solutions gesehen?«
   »Mir ist klar, dass du vermögend bist und sich dein Lebensstil aller Voraussicht nach sehr von meinem unterscheidet. Mich interessiert jedoch der Mensch Jason Wingate, der Mann hinter dem teuren Anzug. Freundlich, höflich, intelligent und gut aussehend. Es ist mir egal, womit du dein Geld verdienst und wie viel du besitzt.«
   Sein durchdringender Blick irritierte sie.
   »Habe ich etwas Falsches gesagt?«, erkundigte sie sich.
   Jason schüttelte den Kopf. »Nein. Ich weiß, dass du es ehrlich meinst.«
   »Warum schaust du dann so?«
   »Das hat nichts mit dir zu tun. Ich habe Ähnliches schon oft gehört und bin meistens enttäuscht worden.«
   Seine Äußerung erstaunte und erschreckte sie gleichermaßen, und unwillkürlich fragte sie sich, mit welcher Art Frauen er sich normalerweise traf. »Meintest du das vorhin mit deiner Bemerkung, du willst dieses Mal nichts verkehrt machen?«
   »Ja.« Er griff nach seinem Glas und trank einen Schluck. »Nachdem ich einige Frauen kennengelernt hatte, die sich mehr für mein Geld als für mich interessierten, kam ich auf die Idee, zuerst einmal zu verschweigen, wer ich wirklich bin. Doch das ging schief. Ich versuchte, mich auf diese Weise zu schützen, und habe nicht bedacht, wie kränkend mein Verhalten gewesen sein muss. Kein Mensch lässt sich gern belügen.«
   »Mir hätte ein solches Täuschungsmanöver auch nicht gefallen.«
   »Es war ein Versuch herauszufinden, ob die Frauen tatsächlich mich wollten oder nur mein Geld.«
   »Ich hoffe, du bist mittlerweile selbstbewusster.«
   Verblüfft sah er sie an. »Interessante Sichtweise.«
   Melanie berührte seine Hand und schenkte ihm ein Lächeln, das er nach einem Moment erwiderte.

Sie beendeten das exzellente Dinner und kehrten in seine Suite zurück.
   »Darf ich dir etwas anbieten?«, fragte Jason. »Einen Kaffee vielleicht?«
   »Nein, danke, ich bin satt. Ich bleibe auch nicht mehr allzu lang.«
   »Meinetwegen kannst du gern noch hierbleiben.«
   Sie schüttelte den Kopf und wandte sich der verglasten Front zu. Am Himmel funkelten vereinzelte Sterne, und die schmale Sichel des Mondes hing über dem Siebengebirge.
   Sekunden später trat Jason hinter sie und legte ihr die Hände auf die Schultern. Mit dem Daumen streichelte er an ihrem Hals entlang, seine Lippen zeichneten den Weg nach. Melanie schloss die Lider und unterdrückte ein Stöhnen. Die Berührung war erotischer als alles, was sie jemals erlebt hatte. Sie sank gegen ihn, und er schlang die Arme um ihre Mitte. An seine Brust gelehnt blieb sie stehen, spürte die Wärme seines Körpers durch den Stoff ihres Kleides und seinen Atem auf ihrem Nacken. Heiße Schauder überliefen sie. Als sie zu ihm hochsah, blickte sie in seine silberblau funkelnden Augen.
   Melanie drehte sich um. Er hatte Jackett, Weste und Krawatte abgelegt und die beiden obersten Knöpfe des Hemdes geöffnet. Der lässige Chic gefiel ihr noch besser als der elegante Anzug. Vermutlich sah er selbst in ausgeleierten Klamotten umwerfend aus. Das Verlangen, ihre Finger in seinen Haaren zu vergraben, überkam sie. Er legte seine Hand auf ihre Wange und senkte den Kopf, bis seine Stirn die ihre berührte. Ihre Lippen sehnten sich nach einem Kuss, doch er verharrte in dieser Haltung.
   »Küss mich«, raunte sie und lächelnd erfüllte er ihren Wunsch. Melanie schlang die Arme um Jasons Hals, schmiegte sich an ihn und vergaß Ort und Zeit.
   »Bleib bei mir heute Nacht«, murmelte er viel später und zog mit seinen Lippen eine glühende Spur von ihrem Ohr bis zu ihrer Schulter hinab.
   Seine Worte ernüchterten sie. Obwohl sie der Bitte gern nachgegeben hätte, fühlte sie sich noch nicht bereit für diesen Schritt. Melanie löste sich aus seiner Umarmung. »Versteh mich nicht falsch, aber mir geht das gerade ein wenig zu schnell.«
   Enttäuschung huschte über sein Gesicht. »Ich dachte …«
   »Wir sollten uns etwas für die anderen Tage aufheben«, fügte sie rasch hinzu, um ihre ernüchternden Worte abzumildern.
   »Wieso aufheben?« Seine Grübchen erschienen. »Ich bin eher für Wiederholungen.«
   »Sie lassen sich wohl keine Gelegenheit entgehen, Mr. Wingate?«, ging sie auf seinen neckenden Tonfall ein.
   »Ich erkenne einen guten Deal, wenn er mir über den Weg läuft.«
   »Nur hat der Laden für heute bereits geschlossen.«
   Das Funkeln in seinen Augen hätte sie warnen müssen. Sie keuchte, als er sie um die Taille fasste und besitzergreifend an sich zog.
   »Dann kaufe ich eben den ganzen Laden«, knurrte er.
   Lachend legte sie ihm die Hände auf die Wangen und sah ihm ins Gesicht. Seine markanten Züge und sein begehrlicher Blick raubten ihr fast den Atem. »Der Laden ist unverkäuflich.«
   »Schon mal von einer feindlichen Übernahme gehört?«
   »Du gibst wohl nie auf?«
   »Nein. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, ziehe ich es gewöhnlich auch durch.« Erneut küsste er sie, allerdings mehr zärtlich als leidenschaftlich, und ließ sie nach einigen Sekunden los. »Es ist deine Entscheidung«, sagte er leise. »Ich will dich zu nichts drängen.«
   Beinahe wäre sie schwach geworden bei seinen liebevollen Worten, sie benötigte jedoch noch etwas Zeit, um sich mit der Vorstellung vertraut zu machen, die Nacht mit ihm zu verbringen. Ihr letzter intimer Kontakt lag lange zurück.
   »Danke für den schönen Abend, ich habe mich in deiner Gesellschaft sehr wohlgefühlt.« Melanie wusste, wie spröde sie sich anhörte, aber sie wollte keine weiteren Hoffnungen in ihm wecken, die sie aktuell nicht zu erfüllen gedachte.
   »Wann sehen wir uns wieder?«, fragte er, als sie ihre Handtasche an sich nahm. Seine Stimme klang neutral, doch sie meinte, einen bittenden Unterton herauszuhören.
   »Willst du am Samstag zu mir kommen? Falls das Wetter mitspielt, grillen wir mit meiner Familie. Hättest du Lust darauf?« Überrascht von ihrer Spontaneität horchte sie in sich hinein. War es nicht etwas übertrieben, ihn zu sich nach Hause einzuladen? Immerhin kannten sie sich erst seit Kurzem. Jasons Strahlen vertrieb ihre Zweifel auf der Stelle.
   »Sehr gern. Ich bin neugierig auf deine Eltern und Geschwister.« Noch einmal zog er sie an sich. »Aber bis Samstag ist es viel zu lang für meinen Geschmack.«
   »Du hast doch gerade beim Essen davon geredet, dass dir die Zeit für eine Frau fehlt.«
   »Wir könnten ein geschäftliches Meeting daraus machen.« Er grinste sie entwaffnend an.
   Mit einem Finger strich sie an der Knopfleiste seines Hemdes entlang. »Samstagnachmittag, okay? Falls es regnet, komme ich zu dir.«
   Sein Blick verdunkelte sich, und Melanie tat es leid, ihn zu enttäuschen. Mit seinen liebevollen Gesten hatte er sich in ihr Herz geschlichen, und sie tat ihm nur ungern weh.
   »Na gut.« Er seufzte. »Ich bringe dich zu deinem Wagen«, sagte er und schlüpfte in sein Jackett.
   Bei ihrem Auto angekommen, küsste er sie ein letztes Mal.
   »Also dann, bis Samstag.«
   »Schlaf gut. Und träum von mir.«
   »Das ist unmöglich. Wenn ich an dich denke, stehe ich im Bett.«
   Sie tippte ihn lachend an und stieg in ihren Mini. Winkend fuhr sie los, drehte die Musik auf und sang aus voller Kehle mit. Ihr Herz tanzte, und sie fühlte sich schwindlig vor Glück. Jason war wundervoll gewesen. Liebenswert, charmant und aufmerksam hatte er ihr das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein.

Kapitel 6

Am Samstagmittag standen Melanie, ihre Mutter und Julian in der Küche und trafen letzte Vorbereitungen für die Grillparty. Obwohl sie sich auf Jason und den Abend mit ihrer Familie freute, war ihre Stimmung gedrückt. Das gestrige Gespräch mit Stefan Auermann ging ihr nicht aus dem Kopf. Kurz vor Feierabend tauchte er mit einer unschönen Nachricht in ihrem Büro auf. Alfred von Simmern war zu Ohren gekommen, dass Melanie am Dienstagnachmittag die Kanzlei früher verlassen hatte.
   »Frau Barenfeld wird immer dreister«, hatte er zu Stefan gesagt. »Kaum bin ich aus dem Haus, nutzt sie die Gelegenheit und verschwindet. Diese Jungspunde müssen lernen, wo ihr Platz ist. Sie soll sich erst mal ihre Sporen verdienen, bevor sie Privilegien in Anspruch nimmt.«
   Melanie war es abwechselnd heiß und kalt geworden bei Auermanns Worten. Sie wollte unter keinen Umständen noch einmal negativ auffallen und eine weitere Maßregelung durch von Simmern riskieren.
   In Gedanken versunken rührte sie in dem Salsadip, den sie zubereitet hatte, und beteiligte sich nicht an dem munteren Geplauder ihres Bruders und ihrer Mutter.
   Julian, der mit wenig Lust die Zutaten für die Salate kleinschnippelte, horchte beim Dröhnen eines Motors auf, ließ das Messer fallen, reckte sich und sah zum Küchenfenster hinaus.
   »Boah, ein Cayenne«, stieß er hervor. »Ein Turbo S! 4,8-Liter, V8 Biturbo, fünfhundertsiebzig PS.«
   »Und das siehst du auf diese Entfernung?«, fragte Mum amüsiert.
   »Der hält bei uns!«
   Melanie drängte ihren Bruder beiseite und stellte sich auf die Zehenspitzen, um über die Scheibengardine nach draußen sehen zu können. Vor der Einfahrt parkte ein schwarzer Porsche. »Das kann nur Jason sein … Aber er ist viel zu früh!«
   Bevor sie sich von ihrer Überraschung erholen konnte, flitzte Julian bereits aus der Küche. Sekunden später beobachtete sie, wie er den gepflasterten Weg zum Hoftürchen entlangstürmte. Henry rannte, entgegen seiner Gewohnheit, aufgeregt bellend hinter ihm her. Aufstöhnend folgte sie dem verrückten Duo. Als sie Julian einholte, stand er bei Vince Hanson und sprach mit ihm.
   »Hallo, Vince«, begrüßte sie ihn. »Das ist mein Bruder Julian. Er ist ein Autonarr.«
   »Hallo, Melanie.«
   »Wieso …?«
   »Kann ich mir die Kiste mal von innen ansehen?«, unterbrach Julian sie.
   »Julian«, tadelte Melanie leise.
   »Geh wieder in die Küche, Schwesterchen.« Er feixte.
   »Sei nicht so forsch«, zischte sie ihm auf Deutsch zu, peinlich berührt von seinem dreisten Benehmen. »Wo ist Jason?«, wandte sie sich anschließend auf Englisch an Vince.
   »Der kommt gegen fünf, wie verabredet. Ich wollte ein paar Sachen abliefern.« Er öffnete den Kofferraum und hob eine Kiste Champagner heraus, die er Julian in die Hände drückte.
   »Er ist bereits vorgekühlt, aber bitte weiterhin kalt stellen«, sagte er dabei.
   Ihr Bruder sah ihn verdutzt an.
   »Ich habe noch mehr, komm also wieder.« Vince gab ihm einen aufmunternden Klaps auf den Arm, und er trollte sich.
   Melanie beobachtete die Szene amüsiert. Sie hatte Vince als zurückhaltenden Mann kennengelernt, der immer die Form wahrte, und nun schickte er Julian herum wie einen Laufburschen. »Ich dachte, er überrennt Sie.«
   Vince schenkte ihr sein hübsches Lächeln. »Ich kann seine Begeisterung für den Wagen verstehen.«
   »Kommen Sie auf einen Kaffee mit rein?«, fragte sie, doch er schüttelte den Kopf.
   »Ich muss gleich wieder los. Kelly lässt sich gerade im Wellnesszentrum des Hotels verwöhnen, und ich will zurück sein, wenn sie fertig ist.« Er lehnte sich in den Kofferraum und holte einen großen Präsentkorb heraus. »Jason hat die Sachen in einem Feinkostladen bestellt.«
   Melanie warf einen Blick in den Korb, der diverse Grillsoßen, frische Salate, Antipasti und weitere Leckereien enthielt. »Das wäre nicht nötig gewesen. Wir haben mehr als genug zum Essen.«
   Vince hob die Schultern. »Ich hoffe, die Auswahl ist okay.«
   »Ja, das sieht sehr appetitlich aus.« Kurz spielte Melanie mit dem Gedanken, ihn und Kelly ebenfalls einzuladen, doch sie zögerte. Sie kannte die beiden kaum und wollte nicht aufdringlich wirken. Außerdem befand sich das Paar auf seiner Hochzeitsreise und zog vermutlich die Zweisamkeit einem Abend mit Fremden vor.
   Julian kam zurück, und Vince reichte ihm den Korb. Danach beugte er sich zu Henry hinab, der sich an Melanies Bein gedrückt hatte, und streichelte ihn. »Wir haben auch einen Hund«, sagte er.
   »Ich weiß, Happy. Jason hat mir von ihm erzählt.«
   Er schüttelte amüsiert den Kopf. »Eigentlich heißt er Attila. Den Namen Happy hat ihm Kelly als Welpe verpasst, und seitdem nennt ihn jeder so.« Vince richtete sich auf und nahm einen Karton mit kalifornischem Zinfandel aus dem Auto. »Den kann Ihr Bruder noch reintragen. Danach darf er sich den Wagen näher ansehen.«
   »Das ist keine gute Idee. Er wird uns den ganzen Abend davon vorschwärmen.«
   »Das hab ich gehört, Meli«, ertönte es in ihrem Rücken. Julians Grinsen erlosch, als Vince ihm den Rotwein hinhielt. »Ich mach das aber nicht alles für lau«, maulte er.
   »Wie wär’s mit einer Runde im Porsche?«, schlug Vince vor.
   Ihr Bruder bekam große Augen und riss den Karton förmlich an sich. »Cool, Alter …«, brummelte er und trug den Wein ins Haus.
   »Er ist der Chaot in unserer Familie.« Melanie sah ihm hinterher. »Spontan und liebenswert.«
   Vince erwiderte ihr Lächeln.
   »Wirklich keinen Kaffee?«, bot sie erneut an.
   »Nein, danke. Ich drehe jetzt eine Runde mit Ihrem Bruder, und anschließend fahre ich zurück ins Hotel.«
   »Okay, vielen Dank für alles. Grüßen Sie Kelly von mir.«
   »Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.«
   Sie fasste Henry beim Halsband und sah zu, wie Vince Julian den Autoschlüssel in die Hand drückte und ihn auf dem Fahrersitz Platz nehmen ließ. Gleich darauf erwachte der Motor mit einem satten Röhren.
   Melanie blieb noch eine Weile auf dem Gehsteig stehen, nachdem der Porsche aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Ihre Gedanken kreisten um Jason, und einmal mehr wurde ihr bewusst, dass sie in verschiedenen Welten lebten. Plötzliche Zweifel überkamen sie, ob es ihm heute Abend bei ihrer Familie gefallen würde. Ihr Vater war kein Akademiker, er hatte als Hausmeister in der Firma gearbeitet, in der ihre Mutter als Übersetzerin tätig gewesen war. Mit vier Kindern hatten ihre Eltern immer sparsam haushalten müssen. Das Reihenhaus, in dem sie wohnten, war inzwischen in die Jahre gekommen. Es benötigte einen neuen Fassadenanstrich, außerdem standen diverse Modernisierungsmaßnahmen im Inneren an. Nachdenklich kehrte Melanie in die Küche zurück und räumte den Präsentkorb aus.
   Bald darauf kam Julian herein, sprudelnd vor Begeisterung über den Wagen und Vince. »Der ist voll nett, Meli«, sagte er. »Cooler Typ.«
   »Vince ist okay«, ließ sie sich entlocken.
   »Ist Jason auch so cool?«
   »Was immer du unter cool verstehst. Warte es ab, er kommt ja gleich. Ach, übrigens, er macht Karate.«
   »Welchen Stil?«
   »Das weiß ich nicht, frag ihn doch nachher. Gibt’s da große Unterschiede?«
   »Klar gibt es die.« Ihr Bruder holte Luft, um ihr die verschiedenen Kampfstile zu erklären, aber Mum bremste ihn.
   »Julian, schau draußen mal nach dem Rechten. Der Grill muss vorbereitet werden.«
   »Das wollte Sebastian machen«, brummelte er.
   »Siehst du ihn irgendwo? Ich nicht. Also, Abmarsch!«
   Julian verzog sich murrend, und Melanie zwinkerte ihrer Mutter zu.

Jason kam pünktlich. Melanie beobachtete durchs Küchenfenster, wie er am Straßenrand parkte und lief hinaus. Soeben betrat er den Hof, und bei ihrem Anblick erschien ein Strahlen auf seinem Gesicht. Seine offensichtliche Freude beschleunigte ihren Puls ebenso wie sein Äußeres. Heute sah sie ihn zum ersten Mal in Freizeitkleidung. Das gestreifte Kurzarmhemd in abgestuften Blautönen hatte er mit hellblauen Jeans und weißen Sneakers kombiniert. Seine Haare waren zerzaust, seine Augen leuchteten, und er wirkte jung und unbeschwert. Aktuell fiel es ihr schwer, ihn sich als CEO einer Firma mit mehreren hundert Mitarbeitern vorzustellen.
   »Melanie!« Er schlang den freien Arm um ihre Taille, zog sie an sich und küsste sie. »Ich habe dich vermisst.«
   »Ich dich auch.«
   Sie schielte auf den großen Blumenstrauß in seiner Hand.
   »Der ist für deine Mutter.«
   »Du hättest nichts mitbringen müssen, und die Sachen, die Vince heute Mittag vorbeigebracht hat, wären ebenfalls nicht nötig gewesen.«
   »Ach, lass mir doch den Spaß.« Er lachte sie an und küsste sie erneut.
   Sie legte einen Arm um seine Mitte. »Komm rein«, sagte sie und zog ihn mit sich.
   Im Hausflur kam ihnen Mum entgegen.
   »Ich bin Claire, freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Mr. Wingate«, begrüßte sie ihn.
   »Jason bitte, Mrs. Barenfeld.«
   »Claire«, korrigierte sie. »Nur nicht so förmlich.«
   Er hielt ihr den Blumenstrauß hin. »Herzlichen Dank für die Einladung. Ich freue mich darauf, den Abend mit Ihrer Familie zu verbringen.«
   »Wie nett. Die Blumen sind wirklich hübsch. Vielen Dank.« Sie betrachtete den Strauß erfreut. »Die anderen sind im Garten. Setzt euch doch raus, ich komme gleich.«

*

Jason sah Claire Barenfeld hinterher. Sie war hochgewachsen und schlank, und mit dem kurzen, dunklen Haar hätte sie glatt Melanies ältere Schwester sein können.
   »Komm mit, ich stelle dich vor.« Melanie nahm seine Hand, und er folgte ihr durchs Wohnzimmer auf die Terrasse, wo sich um einen großen Holztisch ein Dutzend Stühle gruppierte.
   »Das ist mein Vater Martin.« Melanie blieb neben dem Mann stehen, der am Kopfende des Tisches in der Sonne saß. Jason bemerkte den dünnen Schlauch in seiner Nase, der zu einem mobilen Sauerstoffgerät führte, und erinnerte sich an Melanies Worte, ihr Vater wäre lungenkrank. Henry lag auf Mr. Barenfelds Füßen und wedelte.
   Martin Barenfeld streckte ihm die Hand entgegen. »Kommen Sie her, junger Mann, ich tue mich schwer mit dem Aufstehen.«
   »Jason Wingate«, stellte er sich vor und schüttelte die angebotene Hand, deren Griff erstaunlich fest war, obwohl Melanies Vater kränklich wirkte. »Danke für die Einladung, Sir. Ich freue mich, dass ich hier sein darf.«
   »Sir?« Mr. Barenfeld lachte. »Das hat auch noch keiner zu mir gesagt. Ich bin Martin.«
   »Und ich Julian«, warf ein blonder Mann ein, den Jason auf Anfang zwanzig schätzte.
   »Der Porschefahrer.«
   »Voll die geile Kiste, Alter!« Julian riss den rechten Arm hoch und Jason klatschte mit ihm ab.
   »Hat dir Vince erzählt, wie er sich den Schlüssel ergaunert hat?«, fragte Melanie.
   »Mhm. Dabei lässt sich Vince normalerweise nicht so leicht austricksen.«
   Sie legte ihrem Bruder eine Hand auf die Schulter. »Julian ist darin recht gewitzt.« Zuneigung schwang in ihrem Tonfall mit, und Julian knuffte sie in die Seite. »Das ist übrigens Sebastian, mein älterer Bruder.« Melanie deutete auf den großen Dunkelhaarigen, der am Gasgrill hantierte.
   »Hi!« Sebastian nickte grüßend in Jasons Richtung, wandte sich jedoch gleich wieder dem Grill zu.
   »Wo sind die Mädchen?«, fragte Melanie ihren Bruder.
   »Mit Tanja in der Küche.«
   »Tanja ist meine Schwägerin«, erklärte sie Jason. »Meine Schwester Annika und ihr Mann Dennis müssten jeden Moment kommen, dann sind wir vollzählig. Aber setz dich doch, bitte. Was willst du trinken?«
   »Wir haben noch eine Runde Champagner nachzuholen.«
   Sie lächelte bei der Erinnerung an ihren gemeinsamen Abend. »Gute Idee, ich bin gleich wieder da.«
   Jason setzte sich, und Julian verwickelte ihn in ein Gespräch über Autos. Wie Melanie so sprach auch er fließend Englisch.
   Wenig später kam sie mit einer Flasche Pommery und Gläsern zurück. Ihr folgten eine schwangere Rothaarige, die Sebastian einen Teller mit Steaks brachte, und zwei blonde Mädchen.
   »Das ist Tanja«, stellte Melanie vor.
   Jason stand auf und begrüßte sie, doch sie tat sich mit dem Englischen schwer und antwortete nur stockend.
   »Meine Kinder sprechen besser als ich, Sebastian und Claire reden nur Englisch mit ihnen«, entschuldigte sie sich.
   Sein Blick wanderte zu der Ecke in dem kleinen Garten, wo die beiden Mädchen in der Sandkiste spielten. In diesem Moment fuhr ein Auto vor und kurz darauf erschien ein Paar auf der Terrasse.
   »Annika und Dennis«, sagte Melanie und ging ihnen entgegen.
   Jason beobachtete, wie sich die Frauen umarmten, Melanie über den Babybauch der anderen streichelte und lachend eine Bemerkung darüber machte. Bittersüße Gefühle überrollten ihn beim Anblick dieses Familienidylls.
   Melanie wandte sich ihm zu, und ihre Schwester reichte ihm die Hand. »Ich bin Annika, hallo. Freut mich, dich mal live zu sehen, nachdem ich so viel von dir gehört habe.«
   »Mich ebenso«, gab er amüsiert zurück, wobei er sich fragte, was Melanie alles über ihn erzählt haben mochte.

Jason verbrachte einen unterhaltsamen Abend bei den Barenfelds und fühlte sich wohl in der netten Runde. Nach dem Essen setzte sich Sebastian zu ihm, Jason sprach ihn auf seine Musikleidenschaft an, und Melanies stiller Bruder taute bei dem Thema auf. Rasch gerieten sie ins Fachsimpeln. Martin mischte sich ein. Auch er war ein Musikfan, er hatte früher Schlagzeug in einer Band gespielt.
   »Die beiden gehören zum musikalischen Zweig der Familie«, sagte Melanie. »Wir anderen treffen keinen Ton.«
   »Dafür seid ihr die Sportskanonen«, entgegnete Sebastian und verzog das Gesicht. Offensichtlich hielt er nicht allzu viel von körperlicher Betätigung.
   »Allerdings«, warf Jason ein. »Ich durfte mit Melanies Ausdauer bereits Bekanntschaft machen.«
   »Hat sie dich über ihre Lieblingsstrecke gejagt?«, fragte Annika. »Quer durch den Wald und die Steigung hinauf?«
   Er wechselte einen Blick mit Melanie.
   »Die Aussicht von dort oben ist unvergleichlich, das wollte ich dir zeigen«, erklärte sie schmunzelnd.
   Ihre Schwester grinste, äußerte sich jedoch nicht dazu und Jason schwante, dass Melanie ihn hatte testen wollen.
   »Komm doch demnächst mal zu einer Trainingsrunde in mein Hotel«, sagte er im Plauderton. »Das Fitnesscenter ist vom Feinsten und wird dir bestimmt zusagen.«
   »Meli hat erzählt, dass du Karate machst«, mischte sich Julian ein, bevor Melanie ihm antworten konnte. »Treffen wir uns mal zu einem Trainingskampf?«
   In gespieltem Entsetzen riss Jason die Augen auf. »Lieber nicht. Ich bin schon deiner Schwester in die Finger gefallen, wer weiß, was du auf Lager hast.«
   Sie lachten.

Viel zu schnell für Jasons Geschmack brachte die hereinbrechende Nacht eine empfindliche Kälte mit sich, sodass sie sich ins Haus zurückziehen mussten. Sebastian und Tanja machten sich mit ihren übermüdeten Töchtern auf den Heimweg, und Annika und Dennis schlossen sich an.
   »Ich gehe auch«, sagte Jason anstandshalber in die allgemeine Aufbruchsstimmung hinein, obwohl er gern länger geblieben wäre.
   Melanie legte ihm eine Hand auf den Arm und hielt ihn zurück. »Bleib noch ein bisschen«, bat sie. »Meine Familie hat dich so in Beschlag genommen, dass wir kaum Zeit füreinander hatten.« In ihrer Stimme schwang Sehnsucht mit.
   »Julian und ich räumen auf«, bestimmte Claire und lehnte sein Angebot, sich nützlich zu machen, ab. »Zu viele Männer in meiner Küche ertrage ich nicht.«
   »Wir können gern tauschen«, tönte Julian.
   Jason beugte sich zu ihm. »Wenn ich deinen Küchendienst übernehme, musst du solange Melanie unterhalten«, flüsterte er ihm ins Ohr.
   »Ich kann mir denken, was du darunter verstehst.« Julian schüttelte sich. »Nein, danke.«
   Melanie warf Jason einen Blick zu. »Was hast du zu ihm gesagt?«, fragte sie. »Ich schaffe es selten, ihn aus der Fassung zu bringen.«
   Er sah sie zärtlich an. »Das zeige ich dir gleich.«
   »Dann gehen wir wohl besser in mein Zimmer, oder?«
   Sein eifriges Nicken entlockte ihr ein Lachen. Sie führte ihn die Treppe hinauf, und er folgte ihr in einen gemütlichen Raum unter der Dachschräge. Dort zog er sie in seine Arme.
   »Danach sehne ich mich seit Stunden«, murmelte er und strich sanft mit seinen Lippen über ihren Mund.
   Melanie schmiegte sich an ihn. Ihr Körper so nah an seinem schürte sein Verlangen. Jason schob ihr Shirt hoch und berührte die bloße Haut ihres Rückens, ließ die Finger nach oben wandern, bis er ihren BH erreichte. Als er spürte, wie sich Melanie versteifte, stoppte er sein Tun. Sie löste sich aus seinen Armen.
   »Komm, setzen wir uns«, sagte sie und deutete auf die Couch, die in einer Nische stand.
   Ihre Reaktion wunderte ihn ein wenig, doch er ging auf den Wunsch ein und nahm neben ihr Platz.
   »Wie hat dir der Abend gefallen?«, fragte sie.
   »Sehr gut, deine Familie ist total nett und lustig. Ich habe mich sofort wohlgefühlt.«
   »Das freut mich.« Melanie lächelte, und Jason ergriff ihre Hand.
   Ernst sah er sie an. »Die Lungenerkrankung deines Vaters, was ist das genau?«
   »Dad hat ein Lungenemphysem. Die Krankheit zerstört die elastischen Fasern der Lunge und dadurch entsteht eine permanente Atemnot. Sein Körper leidet an einer dauerhaften Unterversorgung mit Sauerstoff, sodass bereits die geringste Anstrengung den Organismus übermäßig belastet. Das geht bis hin zu Ohnmachtsanfällen.«
   »Kann man nichts dagegen tun?«
   Melanie biss sich auf die Unterlippe. »Er nimmt Medikamente, die den Krankheitsverlauf verlangsamen.«
   »Das tut mir leid für deinen Vater. Es ist sicher nicht einfach, mit einer solchen Erkrankung zu leben.«
   »Er kommt damit zurecht, er musste nur seinen Lebenswandel danach ausrichten, und die Umstellung ist ihm anfangs schwergefallen. Dads größter Stolz ist sein Haus, er hat es immer gepflegt und in Schuss gehalten, und es macht ihm zu schaffen, dass er das jetzt nicht mehr kann.«
   »Es ist schön zu sehen, wie sich die Familie um ihn kümmert.«
   »Das tun wir. Jeder nach seinen Möglichkeiten. Julian und ich wohnen noch zu Hause, das ist praktisch, Mum lässt Dad nämlich nur ungern längere Zeit allein. Sie geht abends für einige Stunden arbeiten. Sebastian und Dennis kümmern sich um anfallende Reparaturen, obwohl sie selbst genug um die Ohren haben mit ihren Familien und ihren eigenen Häusern.«
   Jason gefiel es, wie die Barenfelds zusammenhielten, und die Harmonie zwischen den Familienmitgliedern, die er den ganzen Abend über verspürt hatte, weckte sehnsüchtige Gefühle in ihm. Erneut war ihm bewusst geworden, wie unterkühlt es in seinem Elternhaus zuging. Sein Vater war ein Pragmatiker, der jedes Problem nüchtern anpackte, obwohl eine Umarmung oder ein paar nette Worte oftmals viel mehr bewirken würden.

*

Melanie betrachtete Jason. Er sah bedrückt aus. Da sie vermutete, dass es an ihrer Unterhaltung lag, wählte sie ein anderes Gesprächsthema.
   »Was wolltest du mir zeigen?« Sie legte einen neckenden Ton in ihre Stimme, und er ging darauf ein.
   »Das hier.« Er umfasste ihren Nacken, beugte sich zu ihr und küsste sie. Aus seiner sachten Berührung wurde rasch ein verzehrender Kuss, der heiße Feuerwellen durch sie hindurch jagte. Melanies Sehnsucht nach seiner Nähe erwachte erneut. Nur die Tatsache, dass sich das Schlafzimmer ihrer Eltern direkt unter ihrem befand und ihr neugieriger Bruder nebenan wohnte, hielt sie davon ab, ihrem Verlangen nachzugeben. Es kostete sie fast übermenschliche Anstrengung, doch sie löste sich aus seinen Armen.
   »Jason, das ist mein Kinderzimmer«, stieß sie das Erste hervor, was ihr in den Sinn kam.
   Verwirrt sah er sie an. »Na und?« Sein Blick wanderte hinüber zu ihrem Bett. »Das passt schon.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Das Haus ist sehr hellhörig, und Julian wohnt im Nebenzimmer.«
   Sein Lachen entspannte die aufgeheizte Atmosphäre. »Okay, ich verstehe. Komm mit zu mir, in meine Suite.« Die verführerischen Tupfen in seinen Augen leuchteten auf und ein süßes Versprechen schwang in seinen Worten mit.
   »Jason, ich …« Sie verstummte.
   »Was ist denn los?« Sein verständnisvoller Tonfall und seine besorgte Miene machten ihr Mut.
   »Ich hab’s ja am Mittwoch schon gesagt. Das Ganze geht mir ein wenig zu schnell.«
   »Wir haben alle Zeit«, sagte er leise.
   »Eben nicht«, widersprach sie. »Du wirst Deutschland bald wieder verlassen. Außerdem bist du … anderes gewohnt.«
   Das Funkeln in seinen Augen erlosch und er griff nach ihrer Hand. Es wirkte, als suchte er Halt. »Was meinst du damit?«
   »Ich befürchte, dass unsere Verliebtheit den Umständen zum Opfer fallen könnte.« Melanie seufzte.
   »Bei unserem letzten Treffen hast du dich positiver angehört.«
   »Ich weiß, und es tut mir leid. Ich habe viel nachgedacht in den vergangenen Tagen.«
   »Lass uns deine Bedenken mal zusammen durchgehen, ich bin ein guter Analytiker.«
   »Ach, dafür bin ich zu beschwipst.« Sie grinste, doch er ging auf den Spaß nicht ein. Stattdessen streichelte er ihre Wange, legte einen Finger unter ihr Kinn und küsste sie. Es war eine zärtliche Berührung, die ihr deutlicher als Worte zeigte, was er für sie empfand.
   »Um was genau machst du dir Gedanken?«, hakte er nach.
   »Es sind mehrere Punkte. Zum einen wäre da die Entfernung. Du lebst in den Staaten, ich in Deutschland. Jeder von uns hat seine Arbeit und …«
   »Zur Zeit lebe ich ganz in deiner Nähe«, unterbrach er sie.
   »Aber für wie lange?«
   »London ist nicht so weit weg. Ich könnte mir allerdings auch hier eine Wohnung mieten. Ich werde noch einige Monate in Europa zu tun haben, und im Grunde ist es mir egal, wo ich wohne.«
   »Aus deinem Mund klingt das total easy.«
   »Weil es kein Problem ist. Mich stört viel mehr, dass ich dich nicht so oft sehen kann, wie ich es gern möchte.« Er lächelte sie an. »Lass uns das nächste Wochenende miteinander verbringen. Irgendwo hinfahren … Komm mit mir nach London!«
   Offensichtlich wollte er Nägel mit Köpfen machen. Melanie zögerte. »Jason, wir kennen uns erst seit Kurzem, sollten wir damit nicht noch etwas warten?«
   »Wenn ich mich richtig erinnere, warst du es, die gerade eben gesagt hat, dass unsere Zeit begrenzt sei.« Er versuchte, seine Enttäuschung hinter einem Scherz zu verbergen.
   »Ich weiß.«
   »Also bleibt als einzig logische Konsequenz, die wenige Zeit möglichst sinnvoll zu nutzen.«
   »Jetzt wird mir klar, warum deine Firma so erfolgreich ist. Du kannst sehr überzeugend sein.«
   »Das übe ich seit Jahren.« Sein treuherziger Blick vertrieb ihre letzten Zweifel.
   »Okay, ein gemeinsames Wochenende«, stimmte sie zu.
   »Ja!« Er schlang lachend die Arme um sie.
   Melanie erwiderte seinen Kuss, doch eine weitere Sache saß in ihrem Hinterkopf und wollte geklärt werden. »Etwas möchte ich noch wissen.«
   Jason hob den Kopf. Sein vor Leidenschaft glühender Blick schien sie zu versengen und es fiel ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.
   »Wieso ist deine Ehe schiefgegangen? Und hast du noch Kontakt zu deiner Exfrau?«, platzte sie heraus.
   Verwirrt sah er sie an. »Ehe? Exfrau?«
   »Ich habe ein Bild von euch gesehen, im Internet. Die Aufnahme ist einige Jahre alt.« Melanie seufzte. »Sie ist eine Schönheit.«
   »Von wem redest du? Ich war nie verheiratet.«
   »Linda Wingate. Ich dachte, sie wäre deine Frau?«
   »Linda«, stieß er hervor und lachte kurz auf. »Sie ist meine Cousine. Unsere Väter sind Brüder, daher der gleiche Nachname.«
   »Oh, wie peinlich.« Melanie schoss die Hitze in die Wangen. »Tut mir leid, wirklich. So was Dämliches.«
   »Ach, hör auf damit.« Belustigt zog er sie an sich.
   »Ihr seht euch kein bisschen ähnlich«, versuchte sie, ihren Fauxpas abzumildern.
   »Außer Linda und ihrem Bruder Christian sind die Wingates dunkelhaarig.«
   »Mhm …, wie bei uns. Annika und Julian sind blond, Sebastian und ich schwarzhaarig.«
   Er hielt ihren Blick fest. »Lenk nicht ab. Wieso dachtest du, Linda wäre meine Exfrau?«
   »Auf diesem Foto steht ihr dicht zusammen und lacht in die Kamera. Das sah so glücklich und vertraut aus … Dann noch der gleiche Name in der Bildunterschrift … Für mich war klar, dass ihr verheiratet seid.«
   Jason runzelte die Stirn. »Trug sie ein rotes Abendkleid?«
   »Ja.«
   »Das war eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Linda leitet ein Frauenhaus und hat Spenden gesammelt.«
   Melanie empfand Respekt vor Jasons Cousine. Diese Berufswahl hätte sie der hinreißend aussehenden Frau nicht zugetraut. »Klingt nach einer interessanten und vielseitigen Arbeit.«
   »Für Linda ist es viel mehr als ein Job. Sie hat ein großes Herz und engagiert sich sehr für misshandelte Frauen und Kinder.«
   »Du magst sie gern.«
   »Wir sind zusammen aufgewachsen, fast wie Geschwister. Sie ist so alt wie ich, Chris ist zwei Jahre jünger, und während unserer Kinder- und Jugendzeit waren wir unzertrennlich. Du lernst sie bestimmt bald persönlich kennen.«
   Bei der Bedeutung, die in seinen Worten mitschwang, wurde ihr warm ums Herz. »Das würde mich freuen.«
   Jason warf einen Blick auf seine Rolex. »Ich würde zwar gern noch bleiben, aber es ist schon spät und auf mich wartet morgen eine Menge Arbeit.«
   »Am Sonntag?«
   »Ja. Gewöhnlich erledige ich am Wochenende die Dinge, die unter der Woche liegen geblieben sind.«
   Melanie schwankte, ob sie ihn für seine Einstellung bewundern oder bedauern sollte.
   Leise verließen sie ihr Zimmer und schlichen durch das stille Haus. Als sie seinen Wagen erreichten, nahm er sie erneut in die Arme. »Es war ein schöner Abend mit deiner Familie.«
   »Es hat mich sehr gefreut, dass du bei uns warst.« Sie schmiegte ihren Kopf an seine Schulter.
   »Ich vermisse dich bereits jetzt«, sagte er. »Treffen wir uns morgen? Ich könnte mir ein paar Stunden freischaufeln.«
   »Sonntag ist Lauftag«, informierte sie ihn, und er stöhnte wie erwartet.
   »Na gut, dann eben laufen. Aber das mache ich nur Henry zuliebe.« Er hielt ihr einen Finger vor die Nase. »Und keine steilen Hänge mehr, sonst …«, drohte er, konnte jedoch das schiefe Grinsen nicht unterdrücken.
   Sie lachte leise. »Ich dachte, es ist dir jede Anstrengung wert, mich zu sehen.«
   »Ich wusste nicht, dass ich mir das so hart verdienen muss.« Sein leidender Gesichtsausdruck war filmreif.
   »Du wirst dich daran gewöhnen«, versprach sie ihm.
   Er wirkte wenig überzeugt und noch weniger begeistert, doch er widersprach ihr nicht.
   »Ich bin um zehn bei dir.«
   »Einverstanden.«
   »Schlaf gut, Jason.«
   »Du auch. Bis morgen.« Er küsste sie ein letztes Mal.
   Melanie sah ihm hinterher, bis die leuchtenden Rücklichter aus ihrem Sichtfeld verschwanden.

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