Maike steht als frischgebackene Mutter völlig unter Strom. Ihre Familie kommt aufgrund ihres neuen Detektiv-Jobs gewaltig zu kurz. Obwohl Karsten, ihr „Schwager in Spe“, Maike und ihrer Kollegin Melissa nur Aufpasser und Beobachtungsjobs gibt, geht alles schief, was schiefgehen kann. Nicole, eine Zeugin, die Maike und Medium Melissa eigentlich zu Karsten aufs Revier hätten bringen müssen, damit diese dort eine Aussage macht, streikt aus Angst vor den Folgen. Stattdessen überredet sie die beiden dazu, ihren Boss, der polizeilich gesucht wird, zu observieren, und das endet in einem üblen Desaster.

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Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-53-889-8

Seiten: 227

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Katharina E. Georgi

Katharina Georgi, geboren 1966 in Baden-Württemberg. Seit ihrem dritten Lebensjahr wohnt sie in Fürth im Odenwald. Sie ist ein Odenwälder Mädel und genau so ist ihr auch der Schnabel gewachsen. In Fürth ist sie zur Schule gegangen, lebt und arbeitet dort als Autorin. Seit 2010 schreibt sie an mehreren Büchern, die sie im Laufe der Zeit veröffentlichen möchte. Hauptsächlich schreibt Katharina Krimis mit Humor. So auch ihr jüngster Roman. Binnen kurzer Zeit hatte sie eine Person erschaffen, die einfach nicht mehr wegzudenken war. Maike, eine Möchtegern-Detektivin, Traumtänzerin, Chaotin und einfach treu in dem, was sie tut. Das erste Buch mit der Protagonistin Maike ist fertig, aber es sollen noch einige Fortsetzungen folgen.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Malcolm

Sie standen in einem halb abgedunkelten Krankenzimmer und besahen sich das junge Mädchen, das schlafend in ihrem Bett lag. Ina, Malcolms sechzehnjährige Tochter, litt bereits seit frühster Kindheit an einer Fehlfunktion der linken Niere. Alle Versuche, sie schneller in der Liste nach oben zu bekommen, scheiterten.
   »Die Behandlung macht sie jedes Mal müde«, sagte Malcolm mit belegter Stimme und fuhr sich durch die leicht angegrauten welligen Haare. Jetzt, nach der endlos langen Suche, war die Zeit gekommen. Malcolm hatte den ‚Einen‘ erneut ausfindig machen können, der damals vor vier Jahren bereit war, für eine gewisse Summe zu helfen. Zwar hatte der Spender nun nach langen Verhandlungen das doppelte verlangt, aber da sein Mittelsmann damals kaltblütig umgebracht wurde, war es selbstverständlich, dass das Vertrauen nicht gerade hoch war. Wer machte denn auch Geschäfte mit Leuten, die eiskalt anderer Leute Mittelsmänner umbrachten, nur weil einer von ihnen nicht die Wahrheit ertragen konnte? Malcolm schüttelte den Kopf, als er an diesen unglücklichen Vorfall vor vier Jahren dachte. Alles fing damit an, dass Green Egg, der besagte Mittelsmann, Igor beleidigte. Igor war sein bester Mann, wenn es um Verhandlungen ging. Allerdings rastete er auch besonders schnell aus, wenn es um seine Nutten ging, die er am Start hat. Ein Wort zu viel von Green Egg hatte ausgereicht, und Igor flippte aus. Wenn’s brannte, dann richtig, denn genau zu diesem Zeitpunkt stolperte sein Pilot Plauen, der später den Transport des Organs durchführen sollte, unaufgefordert in den Hangar. Mann, der hätte noch nicht einmal in der Nähe sein sollen. Und damit fingen die Probleme erst an. Es bestand die Gefahr, aufzufliegen, sollte Plauen mit diesem Wissen zur Polizei gehen. Was bedeutete, dass Ina niemals gesund werden würde, sollte man Plauen nicht schleunigst zur Vernunft bringen. Zweifellos war die Szene damals im Park unschön. Als Plauen bemerkte, das man ihm auf den Versen war, zog er in der Öffentlichkeit seine Pistole und traf dabei seine Frau am Kopf. Als man diese Wochen später aus dem Krankenhaus entließ, machte sie Mensch und Vieh verrückt, um ihren Mann zu finden. Sogar Nicole, Igors Liebling und Auslöser dieser Kettenreaktion, hatte sich auf Tanjas Seite geschlagen, und das störte Malcolm gewaltig. Tanjas Suche nach ihrem Gatten, soviel war gewiss, würde erfolglos bleiben, denn er war genau wie Green Egg, längst ein Teil des neuen Abschnitts der Landebahn fünf.
   Müde sah Malcolm die beiden Männer, die mit ihm im Raum standen, an. Es war ihnen nicht entgangen, dass Malcolm an jenen Tag zurückdachte.
   Igor, ein baumlanger, kräftiger Kerl, stand neben ihm und legte eine Hand auf seine Schulter. Er wusste, dass es seine Schuld war, was damals passierte und er würde es wiedergutmachen. »Ich beobachte Plauens Frau«, sagte Igor enttäuscht und wütend zugleich.
   Malcolms Augen füllten sich mit Tränen, und er schüttelte langsam den Kopf. Igor, der alles andere als Schwäche von seinem Boss gewohnt war, nickte stumm. Malcolms Blick schweifte hinüber zu Gerald, einem kleinen, dürren Mann, der schon eine Weile am Türrahmen gestanden und nicht ein Wort gesprochen hatte. Dieser stimmte wortlos zu. Auch ohne Worte war hier geklärt, dass Gerald ihm den Rücken freihielt, damit Tanja ihm nicht mehr in die Quere kam. Er war seit vielen Jahren ein enger Vertrauter, der alles ausführte, ohne es infrage zu stellen.
   »Du triffst dich heute noch wie verabredet mit Roban im Verbrauchermarkt. Frag’ nicht lange nach, lass dir den Rollkoffer geben und du bringst vor allem keinen um. Haben wir uns da verstanden?«, sagte Malcom zu Igor.
   Dieser nickte stumm.
   »Und benimm dich in diesem Geschäft, das ist ein öffentliches Gebäude mit Videoüberwachung. Keine Spielchen mit dem Messer, wir können nicht noch einmal riskieren, das etwas schiefläuft. Sonst werfe ich das Ding persönlich über die Gefängnismauern und dich gleich hinterher. Und ich schwöre dir, dieses Mal finden sie die Mordwaffe, mit der du den armen Green Egg Johnson filetiert hast«, sprach Malcolm mit ernster Stimme weiter. »Versau’ es nicht noch einmal. Es wäre besser gewesen, Plauen wäre gleich an diesem Tag spurlos verschwunden. Dann hätten wir jetzt keine Probleme.«
   Igor fluchte leise. »Und hätte ich an diesem Tag, als wir ihn im Park fanden, gewusst, dass er bereits bei der Polizei war, hätte ich ihn selbst eingefangen und verprügelt, bis er seine Anzeige zurückgezogen hätte.«
   Malcolm schluckte und räusperte sich. »Gerald hat das im Griff, ab jetzt kümmert sich jeder um seine eigene Aufgabe.«
   Fragend blickte Igor zu Gerald hinüber. »Bekommst du das hin?«
   Gerald nickte. »Sie wird den Rat befolgen, den ich ihr zukommen ließ. Aber was machen wir mit Nicole? Sie weiß über alles das hier Bescheid«, meinte Gerald beiläufig.
   »Es ist Igors Aufgabe, ihr Einhalt zu gebieten«, meinte Malcolm drohend. Dann fuchtelte er mit der Hand in Richtung Igor. »Was schleifst du auch immer deine Nutten mit dir herum, sie hatte am allerwenigsten etwas in diesem Hangar an diesem Tag zu suchen.« Leise fluchend schaute er aus dem Fenster.
   »Ich liebe sie eben, sie ist nicht nur eine Nutte, die für mich Geld beschafft! Sie hat mich nun zum zweiten Mal enttäuscht, und dafür bekommt sie ihre Strafe.«
   Gerald stemmte sich am Türrahmen ab und knackte mit den Fingern. »Meiner Meinung nach hätte Nicole Tanja besser glauben lassen sollen, dass sich ihr Mann abgesetzt hat. Stattdessen rennt sie zu ihr hin und plaudert aus, wie es damals wirklich war. Sie hat uns verraten! Und stünde sie nicht unter deinem Schutz, würde ich sie liebend gern kalt machen.«
   Igors Wangenmuskeln begannen zu mahlen, und er ballte seine Faust. »Keiner beschimpft meine Nicole«, knurrte er böse in Geralds Richtung. »Sie hat sich Egg Johnson verweigert, da muss er sich nicht so aufspielen!«
   »Seit wann dürfen deine Nutten wählerisch sein?«
   Sauer drehte sich Igor zu Gerald herum. »Leg dich nicht mit mir …«
   »Schluss damit, ihr beiden! Verdammt«, schimpfte Malcolm.
   Igor zuckte zurück, Geralds Grinsen verschwand.
   »Igor! Du kümmerst dich um das nötige Geld, das unterwegs ist. Roban weiß Bescheid«, sagte Malcolm etwas ruhiger und ging auf Gerald zu. »Gerald, du beschattest weiterhin Tanja. Und wenn die Kleine Ärger macht, darfst du nach Herzenslust handeln. Habt ihr mich verstanden?« Malcolm blickte streng zwischen ihnen hin und her.
   Igor und Gerald sahen sich stumm an und nickten.

1
Maike

Drei Jahre lang war Sendepause, und wie ich es Mark, meinem Freund und Vater unserer beiden Kinder, versprochen hatte, rührte ich keinen Fall mehr an, auch wenn es mir noch so in den Fingern juckte.
   Die Verbrechen wurden weiter ausgeübt, und ich hielt mich zurück. Ich hatte mir, bevor ich schwanger wurde, in den Kopf gesetzt, den Beruf zu wechseln, denn Erzieherin wurde mir etwas zu eintönig. Ich liebte es, meine Nase in anderer Leute Probleme zu stecken. Warum sollte ich mein Talent nicht fördern? Karsten, mein Beinahe-Schwager, arbeitete bei der Polizei und gab mir Starthilfe bei meinen ersten Gehversuchen, eine Privatermittlerin zu werden. So ganz hatte es noch nicht geklappt, denn meist blieb ein Kugelhagel oder Mordversuch an mir oder Mark nicht aus. Und mehr Versuche, ob ich wirklich die Nerven für solch einen Berufszweig hatte, konnte ich nicht starten. Ich musste meinem Freund versprechen, alles aufzugeben und mehr für die Familie da zu sein. Bei einem Fall juckte es mir besonders in den Fingern, mein Versprechen Mark gegenüber zu brechen: Ein Mann schoss im Park auf seine Frau und verschwand danach spurlos. Aufgeklärt wurde der Fall bis heute nicht. Denn als die Frau schwer verletzt im Krankenhaus eingeliefert wurde, konnten die Ärzte nicht genau sagen, ob sie je wieder ganz die Alte werden würde. Durch die Kopfwunde hatte sie eine Menge Blut verloren. Es stand lange ziemlich schlecht um sie. So interessant der Fall war, ich hielt die Füße still. Ich hielt mich brav an unsere Abmachung.
   Der Hauptgrund dafür waren allerdings unsere Zwillinge, für die ich alles, ohne zu zögern, stehen und liegen lassen würde. Die beiden Racker hielten mich und Mark auf Trab, und beide Patentanten, Caro und Melissa, standen uns mit Bravour zur Seite.
   Melissa hatte ich bei meinem letzten Fall kennengelernt, als sie zu mir kam und behauptete, sie könne ihren ermordeten Bruder sehen. Sie meinte, er habe sie um Hilfe gebeten, seinen Mord aufzuklären. Dabei wusste sich Melissa keinen Rat und hatte sich damals an mich gewandt, da sie hörte, dass ich mich schon einmal in einen Fall verbissen und ihn gelöst hatte. Damals ging es um ein Tagebuch, das ich fand, und um eine Person, die ermordet in ein Fischernetz geriet. Lange Geschichte.
   Jedenfalls konnte ich mithilfe von Mark und Melissa herausfinden, wer für den Tod von Melissas Bruder Josef verantwortlich war. Diese Aktion gab mir den Ansporn, die Worte meiner Oma in die Tat umzusetzen, als sie einmal zu mir sagte, dass jeder Mensch irgendwann einmal die Chance ergreifen solle, das Leben in die eigene Hand zu nehmen.
   Meiner Mutter hat es die Sinne geraubt, als sie erfuhr, dass ich in den Dienst der ‚Schnüfflerinnen’ trat. Mein Freund hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, und half sogar ab und an mit. Unsere Kinder, Shiva und Josef, sind daher gut behütet bei meiner Mutter, die überaus gluckenhaft nach beiden schaut.
   Nun eröffnete ich bei Caro im Bürogebäude eine kleine Detektei. Melissa blieb bei uns und fungierte hier sozusagen als Medium, als Kaffeefee und als meine Begleiterin, wenn ich etwas zu beobachten hatte. Sie half mir sogar, Leute dazu zu überreden, aufs Revier zu kommen, wenn Karsten uns den Auftrag gab, gewisse Personen zu ihm zu bringen. Aber hauptsächlich kümmerte sie sich um die Ablagen. Da Ablage bei mir Werf’s mal in den Karton bedeutete und bei Melissa alles von A-Z geordnet im Regal stehen musste, waren wir heilfroh, sie zu haben.
   Manchmal allerdings behauptete sie noch immer, sie sähe Geistwesen oder hätte eine Eingebung von was auch immer. Die Leute rings um uns herum glaubten ihr natürlich nicht, aber ich tat es, denn ich wusste, dass es wirklich so war. Beim letzten Mal hatte sie Mark, als er angeschossen wurde, davor bewahrt, panisch seinen Körper zu verlassen, und meine Babys mit ihrem Vater bekannt gemacht, als er im Koma lag.
   Mein neuer Job als Schnüffelnase gefiel mir. Man konnte die Arbeit sogar hervorragend mit den Kindern kombinieren. Meine Kinder waren für eine harmlose Observierung prima dazu geeignet, unauffällig zu sein. Wer dachte schon daran, dass eine Mutter mit ihrer Freundin und ihren Kindern auf einem Spielplatz eine vermutete Ehebrecherin beobachteten? Wir bekamen viele Aufträge von Ehemännern, die genau wissen wollten, was ihre Frauen so taten, während ihre Ehegatten auf der Arbeit waren.
   Das ganze Unternehmen klappte mehr oder weniger gut, denn meine beiden waren nicht immer Engel. Manchmal fielen wir auf wie die sogenannten bunten Hunde. Wenn sich Shiva und Josef stritten, wollte kein Kind mehr in deren Nähe sein. Das hatte dann mit unauffällig nichts mehr gemein.
   Manchmal aber klappte unser Vorhaben, denn genau die Person, die es zu beschatten galt, setzte sich zu uns und freute sich über meine Kinder. Meist erzählten sie von ganz allein von dem Kummer in ihrer Ehe. Das waren aber eher die seltenen Glückstreffer.
   Caro betrieb weiterhin ihr Immobiliengeschäft, und das gab uns zusätzlich eine gute Tarnung. Falls man hier und da etwas herumschnüffeln musste, konnte man so tun, als besähe man sich gerade ein Objekt. Mit der entsprechenden Werbung auf dem Auto ging fast alles.
   Mark war sehr verständnisvoll, als ich ihm eröffnete, dass es nun mit der Schonzeit vorbei sei, und dass ich wieder frischen Wind um die Nase brauchte. Allerdings bereute er seine Entscheidung bald darauf sehr, denn durch die Kinder und unserem Berufsleben, das sich bei mir in einem fast Vierundzwanzig-Stunden-Dauereinsatz auszeichnete, litt unser Kuschelleben enorm. Mark nutzte daher jede Gelegenheit, mich immer darauf hinzuweisen. Ihm war es egal, ob meine Freundinnen Caro oder Melissa zugegen waren. Ich war verrückt nach meinem Freund, und ich wusste, dass er immer zu kurz kam, aber da mussten wir durch.
   Heute hatte ich alle Zeit der Welt. Ich schlenderte gut gelaunt durch unsere Wohnung, die seit Wochen wieder einmal menschenleer war. Meine Mutter, mein Stiefvater und meine beiden Kids waren ausgeflogen. Im Kindergarten war Übernachtung mit den Großeltern angesagt. Juhu.
   Mark war auf dem Weg nach Hause, und ich hatte ein Bad genommen. Ich fischte mein engstes schwarzes Kleid aus dem Schrank, zog es an, mit nichts darunter und zündete sämtliche Kerzen an, die ich in der Wohnung fand. Auf Schuhe verzichtete ich, da ich in der Wohnung nie gern Schuhwerk trug. Außerdem mochte Mark meine Füße, wenn sie nicht in mörderisch hohen Absätzen steckten.
   Die Schritte, die ich vor der Wohnungstür hörte, und der Schlüssel, der sich im Schloss drehte, ließen mich grinsend vor Freude hüpfen. Unsere Blicke trafen sich, als er zur Tür hereinkam, und ich sah ihm an, dass er genoss, was er da sah.
   »Hi Schatz! Wir haben die Wohnung für uns allein«, sagte ich erfreut.
   Mark trat in den Flur, machte die Tür hinter sich zu und schloss ab. Er atmete tief durch und grinste. »Und dass soll auch für eine Weile so bleiben.«
   Allein der Klang seiner Stimme verursachte in mir einen Gänsehaut-Schauder, und ich hätte mir am liebsten sofort selbst das Kleid vom Leib gerissen. Ich schmolz wie die Kerzen hinter mir im Zimmer dahin, als ich in seine dunklen Augen blickte. Aber ein bisschen Arbeit musste ich Mark noch übrig lassen.
   Er musterte mich, als könnte er meine Gedanken lesen. »Schönes Kleid«, sagte er, »zieh es aus.«
   »Ich habe Kerzen im Wohnzimmer angezündet und ein kuscheliges Nest können wir uns auch bauen, wenn du magst«, sagte ich, um dieses ungeduldige Zieh es aus ein wenig zu verzögern.
   »Toll«, knurrte Mark mir ins Ohr, während er meinen Hintern in die Hände nahm. »Du riechst gut, und du trägst nichts drunter«, flüsterte er. Dabei zog er den Duft tief in sich ein.
   Ich roch an ihm, doch er berauschte meine Sinne allerdings nicht in den Maßen, wie es üblich war.
   »Ähm … Schatz!«
   »Was?«
   »Du müffelst«, versuchte ich so nett und lieb, wie ich konnte, ohne ihn zu beleidigen, darauf hinzuweisen, dass er das Bad aufsuchen sollte.
   Mark ließ mich los und schnupperte unter seinen Achseln. »Ich komme gerade vom Bau, was glaubst du, wonach ich riechen soll?«
   »Du stinkst ja nicht, du riechst nur so … so männlich.« Innerlich schlug ich die Hand an die Stirn. Was laberte ich nur? Ich wollte Sex und nicht über Körperpflege diskutieren.
   Mark grinste. »Du bist süß, weißt du das?«
   Erleichtert darüber, dass er nicht sauer auf mich war, sah ich ihn an, doch Mark machte keinerlei Anstalten, das Bad aufzusuchen. Stattdessen zog er sein Shirt aus und warf es zu Boden.
   »So! Ich müffle also?« Mit diesen Worten zog er den Gürtel der Hose aus, öffnete dieselbe und ließ sie ebenfalls zu Boden fallen. Ich war gerade so damit beschäftigt, seinen durchtrainierten Oberkörper anzuschauen, als die Worte »Wasch mich« an mein Ohr drangen.
   »Was?«, fragte ich leicht irritiert, und mein Blick blieb an seinen Boxershorts hängen.
   »Wenn ich für dein Näschen zu sehr müffle, dann wasch mich«, wiederholte Mark nun eindringlicher.
   Das hatte ich nun wirklich nicht im Sinn gehabt, als ich mir den freien Tag in meinem Geiste vorstellte.
   Er drückte mich an sich, zog den Reißverschluss an meinem Kleid hinunter, schob die Träger von meinen Schultern und die Schwerkraft erledigte den Rest.
   Im Nullkommanichts stand ich im Freien.
   »Wasch mich«, wiederholte er seinen Satz und überließ seine Boxershorts ebenfalls der Schwerkraft. Wo die Schwerkraft jedoch nichts ausrichten konnte, muss ich an dieser Stelle nicht erwähnen.

2
Tanja

Tanja stand am äußersten Rand des Aussichtsturms an einem abgelegenen Ort, mitten in einem Waldstück. Wie oft war sie schon an diese Stelle gekommen und hatte nie jemals nur eine Menschenseele zu Gesicht bekommen. Dieser Ort war nahezu der perfekte Platz für ihr Vorhaben. Traurig und abgeschlagen besah sie sich die Natur um sich herum. Sie war müde, müde von der Welt, ihrer Arbeit, und nichts war so, wie es einmal war, seitdem ihr Mann sie angeschossen hatte und auf Nimmerwiedersehen verschwunden war. Man fragte Tanja, ob sie sich noch an den Tag erinnern könne, doch es blieb alles wie verschwommen.
   Es war ein harmloses Picknick im Park, bis Normen eine Waffe zog. Als sich der Schuss löste, spürte sie nur einen warmen, brennenden Schmerz an ihrem Kopf, und als sie aufwachte, allein in einem Krankenbett und nach ihrem Mann fragte, konnte ihr kein Mensch Auskunft über dessen Verbleib geben.
   Sie hatte es geschafft, dass eine Fahndung nach Normen eingeleitet wurde, doch dieser blieb verschwunden. Bis heute war nichts von ihm zu finden. Seit dieser Zeit machte sie sich Vorwürfe, weil sie nicht verhindert hatte, dass Normen diese geheimnisvollen Aufträge und Flüge für seinen Boss erledigte.
   Sie hatte ihm so eindringlich eingeredet, dass er versprach, nur noch diesen einen Auftrag auszuführen. Hätte sie es nur nicht zugelassen, dann könnte Normen immer noch hier sein.
   Der Polizei zu erzählen, dass ihr Mann krumme Geschäfte ausübte, wäre Irrsinn gewesen. Sie konnte nur zugeben, dass ihr Mann es war, der sie angeschossen hatte. Aus einem Streit heraus, musste sie sagen, obwohl es nicht stimmte. Auch verschwieg sie, dass im Park kurz zuvor drei Männer auftauchten.
   Sie wusste, dass es keine Freunde waren, sonst hätte Normen nie die Waffe gezogen, und der Schuss hätte sich niemals gelöst. Tanja hatte auf eigene Faust versucht, die Männer zu finden, aber jeder Kontakt, den sie und Normen hatten, schwieg aus Angst vor den Konsequenzen. Man sagte ihr nur, dass bereits einer verhaftet worden war, der damals im Park dabei gewesen war, und dass es gesünder für sie sei, nicht weiter nach ihrem Mann zu suchen, da man jeden ihrer Schritte genauestens beobachten würde. Tanja wusste auch ohne diese Nicole, die vor einigen Tagen bei ihr auftauchte, dass ihr Mann längst tot war. Ein Fremder hatte es ihr gesagt und ihr nahegelegt, sich von der Polizei fernzuhalten und bei ihrer Aussage zu bleiben, die sie bereits getätigt hatte.
   Nicole hatte ihr vorgeschlagen, dass sie ihr helfen solle, mit ihrer Aussage ihren Boss für immer hinter Gitter zu schaffen, und im Gegenzug würde sie sich bereit erklären, den Mord an ihrem Mann aufzudecken.
   Doch für sie, Tanja, kam diese Hilfe etwas zu spät. Hätte diese Nicole nicht schon früher auftauchen können? Warum erst jetzt, vier Jahre danach? Ihr Leben ergab schon lange keinen Sinn mehr. Sie fühlte sich verlassen. Sie fühlte sich verfolgt, beobachtet und allein gelassen. Und nun reichte es ihr, ihre Kraft war am Ende.
   Seufzend trat Tanja an das Geländer. Nur ein winziger Schritt, und die Höhe würde ihren Zweck erfüllen. Es würde wie beim Bungee-Jumping sein, nur eben ohne wieder nach oben zu flitschen. Sie setzte sich auf das Geländer und schwang ihre Beine darüber. Es fing leicht an zu regnen, und Tanja legte das Seil um ihren Hals, das sie vorher fest am Geländer des Turmes festgebunden hatte. Es war fast Mittag und sie war bereit.
   
   
   3
   
   
   
   
   
   ch joggte mit Mark seit Neuestem zweimal die Woche durch den Wald. Er hatte einen wunderschönen Ort gefunden, an dem man wunderbar laufen konnte, frische Luft abbekam und nicht bergauf- oder bergabrennen musste, um sich dabei die Lungen aus dem Leib zu kotzen. Der Waldweg war geradezu geeignet, um gemütlich und entspannt zu gehen oder zu joggen. Die Bäume schützten vor der prallen Sonne oder vor dem nun leicht einsetzenden Regen. Wir liefen immer dasselbe Teilstück rund um den Turm, der da einsam in der Landschaft stand und früher einmal ein Wachturm gewesen zu sein schien.
   Als wir an die freie Lichtung kamen, fiel mein Blick wie immer zum Turm. Dieser Koloss war meine persönliche Herausforderung. Vierundachtzig Stufen, ohne abzusetzen im Laufschritt. Das hatte ich noch nie geschafft, aber ich verbesserte mich jedes Mal um einige Stufen, wenn wir hier liefen. Ich machte mich gerade mental darauf gefasst, heute endlich alle zu schaffen, als ich volle Kanne an Mark abprallte und böse auf meinen Hintern plumpste.
   »Mann, was soll das? Du kannst doch nicht so abbremsen!«
   Mark stand da, zog mich auf meine Füße und drehte meinen Kopf in Richtung Turm. »Da oben«, flüsterte er und zeigte mit dem Finger auf eine Person, die auf der Brüstung saß und offenbar kurz davor war, zu springen. Beim näheren Hinsehen konnte ich erkennen, dass es sich um eine Frau handelte, die ein Seil um den Hals gelegt hatte und uns überhaupt nicht wahrzunehmen schien.
   »Scheiße«, keuchte ich.
   »Hey, oben bleiben«, rief Mark.
   Die Frau sah uns nun verängstigt an. »Gehen Sie weg!«
   »Nein, ich bleibe! Und Sie bleiben sitzen, bis Hilfe kommt!«
   »Lassen Sie mich! Gehen Sie.« Die Frau winkte heftig mit der Hand und drohte herunterzufallen, wenn sie ihr Gleichgewicht in diesem Augenblick verlöre.
   Mark stellte sich unter die Stelle, an der die Frau saß. »Bitte gehen Sie zurück«, rief er hinauf.
   »Scheiße«, fluchte ich und sprintete die vierundachtzig Stufen in meiner persönlichen Rekordzeit hinauf. Ich hoffte inständig, dass die Frau dann noch dort war, und zwar lebend. Mich würde, falls ich es überhaupt schaffte, in einem Run nach oben zu kommen, wahrscheinlich der Schlag treffen, aber einen Versuch, dieser Frau das Leben zu retten, war es mir wert. Also rannte ich, was das Zeug hielt, und hörte nicht eher auf, meine Beine zu bewegen, bis ich oben war. Ich riss die Tür, die zur Aussichtsplattform führte auf, stand keuchend und nur noch schwarze Punkte sehend, oben im Freien. Die Frau erschrak, als ich rumpelnd durch die Tür brach.
   »Sitzen bleiben, ich helfe«, brachte ich außer Atem hervor.
   Sie drehte ihren Oberkörper etwas, um mich genauer zu betrachten. »Bleiben Sie mir fern! Bitte, ich will doch nur meinen Frieden!«
   »Und ich«, keuchte ich mit fiesem Seitenstechen, »lass das nicht zu. Sie hopsen mir nicht da runter! Nicht bevor …, Ich bekomme keine Luft … Nicht bevor … Aua, mein Herz … Nicht bevor …« Ich taumelte, sah komplett schwarz und kippte um.

*

Tanja verdrehte genervt die Augen. »Nicht einmal in Ruhe sterben kann man hier«, nuschelte sie, drehte sich um, und stellte ihre Beine auf sicheren Boden zurück. Zuschauer wollte sie auf keinen Fall haben, wenn sie sprang. Also konnte sie genauso gut dieser Irren helfen, die da so übermütig ihr Leben retten wollte.
   Ein Blick über das Geländer gönnte sie sich noch, um dem schreienden Typen unter ihr zu sagen, das seine Freundin soeben den Boden geküsst hatte. »Ihre Freundin ist hier, und ich glaube, sie braucht Sie gerade mehr als ich!«

*

Keuchend wachte ich auf und schaute in Marks warme braune Augen. »Schatz«, flüsterte ich, »ich glaub’, ich habe gerade etwas Schreckliches geträumt.«
   »Das war kein Traum, mein Krümelchen.«
   »Krümelchen?«, fragte die fremde Frau, immer noch mit dem Strick um den Hals, und sah Mark verwirrt an.
   »Was um alles in der Welt hatten Sie hier oben vor?« Mark stand auf und half mir auf die Beine.
   Einen Moment brauchte ich, bis ich wieder klar denken konnte, doch dann freute ich mich und grinste wie ein Honigkuchenpferd.
   »Warum grinst Ihre Freundin denn so?«, fragte die Fremde und starrte mich, wie ich fand, etwas ängstlich an.
   »Schauen Sie nicht so verängstigt«, sagte ich und rieb mir die Waden. »Ich freue mich doch nur.«
   »Freuen?« Mark und die Frau zogen die Augenbrauen hoch.
   »Ich habe die gemeinen Stufen alle auf einmal geschafft, ohne abzusetzen.«
   »Und beinahe hätten wir gemeinsam mit Flügeln durch die Lüfte schweben können«, konterte die Frau. Dann aber lächelte sie ein wenig. »Respekt, ich hatte ebenfalls große Schwierigkeiten, hier hochzukommen, ohne nicht gleich an Luftmangel bereits im Treppenaufgang zu sterben. Ich dachte schon, Sie hätten einen Herzinfarkt bekommen, so, wie Sie hier aufgeschlagen sind. An einem weiteren Tod eines Menschen wollte ich sicherlich nicht schuld sein.«
   Mark zog mich ein Stück hinter sich, und gemeinsam gingen wir Arm in Arm einen Schritt nach hinten in Richtung Tür. »Sie töten Menschen?«, fragte er erschrocken und seine Muskeln, begannen sich unter seinem Shirt anzuspannen. Auf ein weiteres Abenteuer wollte er sich auf keinen Fall mehr einlassen. Seit er vor drei Jahren angeschossen wurde, hielt er sich aus allem Ärger raus.
   Die Fremde sah traurig zu Boden, und als sie aufblickte, hatte sie Tränen in den Augen. »Keine Angst, ich tue das nicht. Ich konnte es nur nicht verhindern.« Sie sah zum Geländer hin und ging einen Schritt rückwärts in dessen Richtung. Das Seil hing immer noch schlaff um ihren Hals, und wie ich sehen konnte, feste am Geländer verknotet.
   »Sie hat was vor«, raunte ich Mark leise zu, der schon verstanden hatte und reagierte, indem er seine Hand in ihre Richtung zur Begrüßung ausstreckte.
   »Ich bin Mark«, sagte er freundlich und warm. Seine Stimme tat jedem gut, und mir rannen wohlige Schauder über den Rücken. Seine sanfte Stimme brachte er nur sehr selten bei Fremden zum Einsatz. Und diesmal half es, denn die Frau blieb stehen und schaute Mark nachdenklich an. »Das ist meine Freundin Maike.«
   Er deutete auf mich, und ich fing sogleich an, zu lächeln. Diese Frau war noch nicht gerettet, das wusste ich, denn in meinem Kurs für Psychologie hatten wir diese Thematik sehr genau behandelt. Sie war abgelenkt und verwirrt, das Überraschungsmoment lag bei mir, als ich polternd durch diese Tür flog. Aber lange würde dieser Moment sicher nicht anhalten. Wenn wir sie erst einmal vom Geländer weghätten, unten, auf sicherem Boden, wäre das der erste Schritt zur Rettung ihres Lebens. Ein verzweifelter Mensch brauchte ewig, bis er solch einen grausamen Entschluss gefasst hatte, und wenn man ihn erfolgreich davon abhalten konnte, gab es vielleicht mit der richtigen Therapie noch ein wenig Hoffnung.
   »Ich weiß, wie Ihr Name ist«, die Frau lächelte mich an, »ich habe es ja permanent gehört, als Ihr Freund da unten nach Ihnen rief«, sagte sie in einem leicht genervten Unterton. Sie ging einen Schritt auf Mark zu und gab ihm die Hand. »Tanja Plauen.«
   Als Tanja einen Schritt auf mich zu machte, um mir die Hand zu geben, reichte das Seil nicht und es zog sie hart zurück. Geschockt blieb sie stehen und strich mit den Fingern über ihre Kehle. Mark nahm ihr das Seil vom Hals und warf es mit Schwung über das Geländer des Turmes. Tanja sah zu und brach weinend zusammen.
   Ich war normalerweise nicht dafür, dass Mark weinende Frauen im Arm wiegte, aber hier musste ich eine Ausnahme machen. Ich knotete das Seilende vom Geländer ab und warf es ebenso über die Brüstung. Heute würde hier niemand sterben.

4

Als ich dreißig Minuten später atemlos und ungeduscht, weil zu Hause wieder einmal das Wasser eiskalt war, erschöpft von der Rennerei, in unser Büro kam, setzte ich mich missmutig auf meinen Sessel und stöhnte. »Ich kündige und werde wieder Erzieherin!«
   Verständnislos blickte Caro mich an. »Was?«
   Ich legte die Beine auf meinen Schreibtisch und berichtete von unserem Vorfall. »Wenn ich nicht diese Detektei hätte, wäre ich nicht joggen gegangen und müsste mir nicht über Frauen, die sich von Türmen stürzen wollen, den Kopf zerbrechen«, beendete ich meine Erzählung.
   Nach etlichen Fragen über Tanja schüttelte Caro, nachdem ich wieder von Kündigung gejammert hatte, den Kopf. »Hör auf! Du kannst nicht kündigen! Wir bekommen sicher wieder einige Fälle von Karsten, und der verlässt sich auf uns. Du warst es, die diese Idee hatte, also bist du der Chef.«
   »Dann soll Karsten diese Fälle eben wieder allein übernehmen!«
   »Karsten ist jetzt bei einer Sondereinheit. Mit Beschatten von Leuten oder auf Zeugen aufpassen hat er nichts mehr am Hut.« Caro grinste mich an.
   Ich verdrehte die Augen und beugte mich zu ihr vor. »Dann soll Melissa das jetzt übernehmen! Sie weiß, wie es geht, sie war schon oft dabei.« Kritisch besah ich Melissa, die an der Wand neben dem Fenster lehnte und uns die ganze Zeit beobachtete.
   Melissa, unser Medium, wie ich sie gern nannte, trug hautenge Jeans, und ihre Oberweite steckte in einem schwarzen Top, auf dem ein kleiner weißer Fleck zu sehen war. Ich fand, dass das, was sie trug, ihr verdammt gut stand. Ihren neuen Modegeschmack, von Schlabberlook zu attraktiv, jung und ledig, hatte sie Caro zu verdanken.
   »Melissa ist hier im Raum! Melissa kann dich hören«, sagte diese in einem kalten Unterton. »Ich soll also die Bösen allein fangen? Ich kann dir mal die Hammelbeine langziehen. Hier wird nicht gekündigt. Du bist der Chef hier. Caro hat recht, du hattest die Idee, eine Detektei zu gründen. Also nimm es gefälligst nicht so schwer!«
   »Ihr ward alle beide damit einverstanden.« Mürrisch sah ich zu Caro.
   »Ja, aber wir sind nicht einverstanden, dass du aufgibst.« Caro rückte mit ihrem Sessel näher an ihren Schreibtisch und blickte Melissa zustimmend an.
   »Was ist bloß los mit dir? Wärst du nicht gewesen, wäre diese Frau tot«, betonte sie extra langsam und sah mich dabei ernst an. »Und wer weiß, ob sie mich dann nicht aufgesucht hätte«, meinte Melissa, verschränkte die Arme unter der Brust und zog einen Schmollmund.
   »Guckt mich doch an«, fing ich an zu jammern, »ich komme nicht mal mehr zum Duschen, weil zu Hause alle gleichzeitig auf die Idee kommen. Nur damit die Kids nicht zu viel Dreck auf den Klamotten haben. Meine Mum macht mich noch wahnsinnig«, gab ich zurück, »immer ist das Wasser kalt, wenn ich mal Zeit dazu hätte zu duschen.«
   »Du hast gewusst, dass der Job und zugleich Mutter zu sein stressig sein kann, Maike«, grinste Melissa mich an.
   Caro nickte und schnippte eine Kugel aus Papier in den Mülleimer. »Du musst eben lernen, dich etwas mehr bei dir zu Hause durchzusetzen.«
   »Ich war heute Morgen joggen, und dann traf ich diese Frau, da blieb mir nicht gerade viel Zeit zum Durchsetzen und Duschen.«
   »Sieht aus, als wär’s bis jetzt ein richtig mieser Tag gewesen«, meinte Caro und stellte mir zum Trost eine Dose Deo auf den Schreibtisch, die sie aus ihrer Schublade geholt hatte.
   Melissa kicherte. Und mir fiel auf, dass sie die ganze Zeit schon gebührenden Abstand von mir hielt. Wenn ich es mir recht überlegte, hielten sogar beide Abstand. Ich fühlte mich mit ihrem Verhalten ein wenig auf den Schlips getreten und deutete auf Melissa.
   »Du riechst auch nicht besonders gut. Und auf deinem Top klebt etwas, was komisch aussieht«, sagte ich genervt zu ihr.
   »Deine Mutter war mit den Zwillingen heute Morgen hier. Joe hat mir auf das Top gekotzt, ich dachte, wir hätten alles wieder rausbekommen.« Beschämt zog Melissa ihr Shirt ein Stück weit von sich weg und besah es sich näher.
   Ich wusste, dass meine Kinder anstrengend waren, und ich war jedes Mal froh, dass nicht nur meine Klamotten Opfer von Spuckanfällen von Joe waren. Joe hatte nun mal einen empfindlichen Magen. Und der Kinderarzt meinte, das wäre nur eine Phase und ginge bald vorbei.
   »Wir sollten uns hier im Büro eine Dusche einbauen lassen.« Ich seufzte und legte meine schmerzenden Beine auf den Schreibtisch.
   »Und eine Waschmaschine mit Trocknerfunktion wäre nicht übel.« Caro sah Melissa dabei zu, wie diese mit einem feuchten Tuch versuchte, ihr Top zu reinigen.
   Ich saß da und besah mir meine beiden Freundinnen und bereute es, dass ich gesagt hatte, dass ich kündigen wolle. Was mich so unsicher machte, war wohl eher das Gefühl der Verantwortung, die ich trug, seit die Zwillinge auf der Welt waren. Ein Teil von mir wollte zu Hause bleiben. Der andere, wilde Teil, wollte Verbrecher jagen. Beides zugleich zu wollen, war für mich offenbar nicht gut. Wenn ich morgens aufstand, kämpften die beiden Personen in mir, wer nun die Oberhand gewinnen sollte und wer besser zurück in sein Schneckenhaus zu kriechen hatte. Ich fragte mich oft, ob uns der heutige Tag Kundschaft bringen würde. Ich hoffte, dass ich, oder ein anderer aus unserer Firma, nicht entführt oder umgebracht wurde, wenn man uns beim Schnüffeln erwischen sollte. Bis jetzt jedenfalls lief alles gut. Die Kunden waren zufrieden und zahlten ihre Rechnungen. Das große Geld machten wir allerdings auch nicht. Denn wir waren nicht unbedingt ausgebucht, verdienen kaum genug Geld, um die Miete zu zahlen, falls wir hätten welche zahlen müssen, denn der Bürokomplex, in dem wir unsere Detektei hatten, gehörte Caro. Die einzigen Aufträge, die wir bisher hatten, waren nur eifersüchtige Ehemänner, die uns beauftragt hatten, einen Blick auf ihre Frauen zu werfen.
   Karsten war seit Wochen in einer Kur, und somit blieben die fetteren Aufträge, die uns saftige Belohnungen einbrachten, aus. Andererseits war ich froh, überhaupt den Leuten zu helfen, die nicht mehr weiterwussten. So wie der fremden Frau heute Morgen. Es war seltsam, denn als wir sie gerettet hatten, hatte sie sich ohne viele Worte einfach aus dem Staub gemacht. Zum Glück hatte Mark das Seil mitgenommen und nicht dort liegen lassen.
   »Karsten«, johlte Melissa freudig und holte mich aus meinen Gedanken.
   Ich hatte nicht mal gehört, dass die Tür aufging. Entweder hatte Melissa wieder eine Halluzination, oder ich war seit Neustem taub. Karsten kam uns aus seiner Kur besuchen? Seit wann konnte denn der so leise sein?
   Karsten war einen halben Kopf größer als ich, wog mindestens fünfzig Kilo mehr und bewegte sich sonst nicht so leichtfüßig. Irgendetwas war an ihm verändert. Das letzte Mal, als ich ihn sah, war vor gut sechs Wochen. Er musste zur Kur, und offenbar hatte sie gewirkt. Er war dünner. Viel dünner als vorher. Karsten war, seit er befördert wurde, bei einer Sondereinheit der Polizei. Das Schicksal schlug zu, als er einen Täter zu Fuß verfolgte. Der Bösewicht hängte Karsten um Längen ab, Karsten fiel wegen Luftmangel beinahe in Ohnmacht und sein Chef ordnete ihm darauf eine strenge Diät an.
   Ich begrüßte meinen Schwager in spe herzlich und sah ihn fragend an. In seinen Händen hatte er einen grünen Aktenhefter. Lächelnd warf er ihn auf meinen Schreibtisch. »Ich hätte da einen kleinen Auftrag für euch«, erklärte er, »es gibt da eine Zeugin, die müsstet ihr ein wenig im Auge behalten, mehr nicht. Nur beobachten.« Karsten blickte mich misstrauisch an, als er das sagte.
   »Warum musst du das denn so betonen?«, fragte ich ebenfalls misstrauisch.
   »Weil ich nur beobachten auch so meine. Ohne persönlichen Kontakt.«
   »Was habt ihr mit ihr vor?«, fragte Melissa und lächelte Karsten treudoof an.
   »Sie wird noch gebraucht. Ich denke, es wird Zeit, dass sie ihre Aussage von damals unter Eid wiederholt. Jetzt, da sie sich bedroht fühlt, muss da einer nachgeholfen haben, dass ihr Gatte verschwunden ist. Also«, Karsten blickte mich streng an, »nur beobachten, schafft ihr das?«
   »Ich denke, wir schaffen das«, sagte ich zu ihm.
   Karsten sah Melissa an und starrte auf den Kotzfleck auf ihrem Top. Ich hoffte es wenigstens, dass er das tat. Denn seit Melissa die engen Tops trug, kam auch ihre Oberweite sehr zur Geltung.
   »Du hast da was.« Er grinste und zupfte an ihrem Top. »Ich wette, Joe war hier, habe ich recht?«
   »Ja«, bestätigte ich. »Aber Melissas Top ist nicht deine Sache, Karsten! Und das mit Joe wird besser werden.«
   »Schwer zu glauben«, meinte er.
   »Was ist schwer zu glauben? Dass dieses Top nicht deine Sache ist oder die Geschichte mit Joe?« Ärgerlich, und ich wusste nicht mal, warum ich so sauer auf Karsten reagierte, sah ich ihn an.
   »Ich bin ja nicht besonders häuslich«, sagte er mit Blick auf Melissa. »Aber der Fleck zieht schon ungewollte Blicke auf …« Er stoppte und deutete auf Melissas Brüste. »Auf sie. Aber ich meinte tatsächlich die Sache mit Joe. Das hat er von unserer Familie. Ich war genauso wie er. Ich gebe es nur ungern zu, ich habe mit elf noch gekotzt, wenn man mich herumschlenkerte.«
   Mir blieb die Spucke weg. Melissa biss sich auf die Unterlippe, Caro kicherte in sich hinein und steckte ihre Nase dabei in den Ordner.
   »Vielen Dank für die Information. Das heißt ab heute, Joe bleibt auf dem Boden. Habt ihr mich alle verstanden?«, erwiderte ich.
   »Maike«, sagte Karsten mit einem Lächeln, »das geht vorbei. Versprochen.« Danach lächelte er Caro an und vermied es beim Hinausgehen, Melissa zu beachten.
   »Mädels, ich geh nach Hause duschen«, sagte ich und verließ ebenfalls den Raum.
   »Vergiss das Wiederkommen nicht«, rief mir Melissa hinterher. Caro hörte ich noch rufen ich solle Kuchen mitbringen, als mich das leise Ping der Fahrstuhltür erlöste.
   Ich fuhr zu meiner Wohnung. Zu meinem Glück war ich ganz für mich allein dort, duschte genussvoll, bis das Wasser kalt wurde, und zog mir frische, bequeme Kleidung an. Kurz darauf warf ich mich aufs Sofa, krallte mir die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein.
   Das Spielzeug, auf dem ich saß, schob ich vom Sofa und ignorierte den Schmerz in meinen Hüften, den der große Ritter mit Speer verursacht hatte. Ich hätte ja daran denken können, dass der sich immer hinter dem Sofakissen in Stellung brachte. Lanze nach vorn.
   Kurze Zeit später war es mir dann doch zu still, und ich beschloss, meine Mutter aufzusuchen, bei der sicher auch meine Kinder zu finden waren.
   Wir wohnten wieder in meiner alten Wohnung. Hier hatten wir mehr Platz als bei Mark. Und vorteilhaft war für uns, dass meine Mutter und mein Stiefvater direkt über uns wohnten. Marks Eltern lebten die meiste Zeit im Jahr in Spanien. Dort war das Klima besser für meine Schwiegermutter in spe. Ich verließ die Wohnung, schloss hinter mir ab und stieg die wenigen Stufen zu der Wohnung meiner Mutter hoch. Ich klopfte, ich klingelte Sturm, es nutzte nichts, sie war offensichtlich nicht zu Hause. Wo um Himmels willen trieb sie sich mit meinen Kindern herum? Ich schob mich hinters Steuer unseres blauen SUV und ließ den Motor an. Ich vermisste meinen Sportwagen, der friedlich in der Garage stand und auf die Zeit wartete, in der die Kinder allein imstande waren, täglich von A nach B zu gelangen. Im Sportwagen war kein Platz für Kindersitze im Doppelpack und Windeln.
   Fünf Minuten später stand ich vor der Bäckerei und versorgte uns mit leckerem Kuchen. Caro und Melissa hatten sich sicher bereits durch den Ordner gewühlt, den Karsten vorbeigebracht hatte, und ich wollte nicht ohne Backwaren bei den beiden aufkreuzen. Denn ein Donnerwetter genügte mir heute.
   Als ich im Büro ankam, traf ich Mark. Er trug Jeans, abgetretene Turnschuhe und ein schwarzes T-Shirt. Offenbar hatte auch er eine Gelegenheit gefunden, mit warmem Wasser zu duschen. Mist. Wäre ich nur früher nach Hause gegangen, dann hätten wir sicher ein Duschgang gespart. Mark bestand aus 1,90 Meter harter Muskelmasse und einer geballten Ladung Charme. Da machte duschen eine Menge Fun.
   »Hi Schatz! Ich kam gerade vorbei und wollte nach dir sehen. Caro hat mir verraten, dass ihr einen Auftrag habt.« Er lächelte mir zu und musterte die Tüte.
   »Nervennahrung.« Ich kicherte und küsste ihn auf den Mund.
   »Schatz, komm’ mit mir nach Hause und ich beruhige deine Nerven. Versprochen.«
   Ich biss vom Gebäck ab. »Klingt verlockend, aber nein danke. Ich denke, ich werde hier gebraucht«, nuschelte ich mit vollem Mund. Langsam setzte ich mich auf meinen Sessel und griff mir noch ein Stück vom Gebäck, bevor Caro und Melissa sich wie wilde, ausgehungerte Hyänen auf ihr Aas darauf stürzen konnten.
   »Wenn du dich mir weiterhin verweigerst, muss ich mir etwas einfallen lassen. Schatz, du bist mein Weib, komm deiner Pflicht nach«, scherzte Mark und zog mich grinsend vom Sessel hoch.
   »Als ich das letzte Mal meiner Pflicht nachgekommen bin, erwarteten wir Zwillinge!«
   Caro verschluckte sich an einem Krümel, und Mark rettete sie vor dem Erstickungstod.
   »Müsst ihr immer solche Sachen besprechen, wenn andere in der Nähe sind?«, keuchte sie mit rotem Kopf.
   »Na, wo sonst, wenn nicht hier? Woanders treffe ich das Weib ja kaum noch. Oder?« Fragend sah er mich an.
   Ich lehnte mich gegen Mark und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. »Ich würde sagen, das besprechen wir, wenn ich zu Hause bin.« Ich küsste Mark und es kribbelte an meinem ganzen Körper, dass ich mich sehnte, sofort nach Hause zu kommen.
   »Weib«, raunte er mir ins Ohr.
   »Hmh?«, schnurrte ich.
   Mark hakte den Finger hinten in meinen Hosenbund und zog mich an sich heran. »Dein Schnurren macht mich heiß. Und was mir zur Abkühlung helfen würde, zeige ich besser nicht hier im Büro«, flüsterte er mir sanft ins Ohr.
   »Hey! Halloooo ihr zwei! Ihr seid hier nicht allein.« Caro warf uns einen Heftordner zu und holte uns zurück ins Büro.
   »Gut«, sagte ich, »wir treffen uns heute Abend im Schlafzimmer, sobald die Kids schlafen.«
   »Ich dachte eher, wir mieten uns ein Hotelzimmer und lassen deine Mutter bei uns übernachten.«
   »Um Gottes willen, nein«, rief ich lauter als gewollt. »Sie räumt auf und wäscht uns alles weg«, fügte ich etwas weniger laut hinzu.
   Meine Mutter hatte einen Putzfimmel.
   »Das ist ungerecht«, gab Mark zurück. »Du benutzt deine Mutter, um mich von dir fernzuhalten!«
   »Ja, und?«, sagte ich zuckersüß, »du kennst sie, du weißt, wie sie tickt.«
   Mark seufzte. »Gut. Treffen wir uns eben in unserem Schlafzimmer. Aber sei dir versichert, du verpasst was.« Grinsend wand er sich um zum Gehen.
   Caro und Melissa saßen mit offenen Mündern da und gafften mich an.
   »Also, was sagt uns die Akte, die Karsten vorbeigebracht hat?«
   Caro blickte mich an, räusperte sich und schlug den Ordner auf. »Tanja Plauen ist eine Zeugin«, las Caro vor. »Tanja war vor Kurzem bei der Polizei und erzählte, dass man sie beobachten würde, sie hätte Angst um ihr Leben.«
   »Was? Das musst du mir genauer erzählen«, sagte ich aufgeregt.
   »Hier steht, dass sie von ihrem Mann vor vier Jahren im Park angeschossen wurde, da es einen Streit zwischen ihnen gegeben hätte. Damals als sie noch im Krankenhaus lag, gab sie zur Aussage, dass sie sich aufgrund der schweren Kopfverletzungen nicht mehr genau an den Hergang erinnern könne. Sie hat angegeben, er hätte sie mit einer Waffe bedroht und ein Schuss hätte sich daraufhin gelöst und sie dabei so schwer am Kopf verletzt, dass es einige Zeit sogar sehr schlecht um sie stand. Sie hat nach ihrem Mann suchen lassen, doch blieb diese Suche bis heute erfolglos.«
   »Klingt spannend«, murmelte Melissa und schob die Tüte mit dem Kuchen hin und her.
   Caro nickte. »Und hier gehen die Aussagen weit auseinander.« Sie sah mich verschwörerisch an, bevor sie weiterlas. »Tanjas Mann war einige Tage, bevor er den angeblichen Schuss auf seine Frau abgegeben hat, ziemlich aufgelöst bei der Polizei aufgetaucht und hat behauptet, er hätte einen Mord gesehen. Er bat um Polizeischutz, weil er sich nun von einigen Leuten deswegen bedroht fühlte. Doch hat ihm die Polizei nicht geglaubt, da man weder eine Leiche noch die dazugehörige Waffe fand. Auch ist Plauen nie vor Gericht erschienen, um seine Aussage zu wiederholen, da er spurlos verschwunden blieb.« Caro schloss die Akte und sah mich nachdenklich an. »Weißt du, was ich glaube? Der hat sich sicher abgesetzt, weil er falsche Behauptungen der Polizei gegenüber gemacht hat. Seine Frau wollte ihn dazu überreden, sich zu stellen, um seine Aussage zu revidieren. Er hat sich geweigert und es kam zum Streit im Park.«
   »Ja, und daraufhin hat er versucht, sie zu erschießen? Fall gelöst«, sagte ich sarkastisch«, so ein Blödsinn, da stimmt doch etwas nicht. Wer weiß, vielleicht stimmt die Aussage von ihm doch, und er wurde im Park bedroht und der Schuss hat sich wirklich gelöst? Die Kerle, die Plauen bedrohten, haben anschließend seine Frau im Krankenhaus erpresst und ihr damit gedroht, sie umzubringen, wenn sie nicht aussagt, ihr Mann hätte sie angeschossen.«
   Caro sah mich nachdenklich an und zuckte mit den Schultern. »Das müssen wir eben herausfinden.«
   »Moment mal«, sagte ich aufgeregt«, diesen Fall kenne ich doch! War das nicht der Fall, der wochenlang durch die Medien ging?«
   Caro nickte. »Ja das stimmt, wir haben lange darüber gesprochen.«
   »Jetzt erinnere ich mich. Damals hat es mir schon in den Fingern gejuckt, an diesen Fall zu kommen, doch ich musste mich an das Versprechen, das ich Mark gab, halten. Ich werde mich gleich morgen darum kümmern«, sagte ich aufgeregt und sah Caro wachsam an.
   »Siehst du, und schon haben wir etwas gefunden, das dich von einer Kündigung abhält.« Sie grinste mich breit an und überreichte mir mit einer lässigen Handbewegung den Ordner.
   »Hier steht, dass Tanja in einem alten Kaufhaus in dieser Stadt arbeitet«, sagte ich zu Caro und zeigte ihr die Seite.
   Meine Freundin legte den Kopf schief und sah mich dabei herausfordernd an. »Ich denke, dass es nichts schaden würde, sie dort einmal zu besuchen, um mit ihr zu reden.«
   »Aber Karsten sagte deutlich, wir sollten nur beobachten«, etwas unsicher sah ich zu Caro, die Karstens Anweisung nicht zu interessieren schien.
   »Wer weiß, vielleicht kannst du sie ja wirklich überreden, noch mal aufs Revier zu kommen, um ihre Aussage dort unter Eid zu wiederholen. Ich behaupte, nur zu beobachten, ist in diesem Fall nicht ausreichend. Und mal ehrlich, du hast das drauf, die Leute so lange zu belabern, dass sie ihre Meinung ändern. Hey, was Karsten nicht weiß, macht ihn nicht heiß.« Caro hob zur Bestätigung ihre Hände und sah mich auffordernd an.
   »Karsten wird mich steinigen.«
   »Er wird dir dankbar sein, wenn du es schaffst.« Caro grinste.
   Sie hatte recht, es würde nie beim Beobachten bleiben. Seufzend klappte ich den Ordner zu und nickte. »Ich brauche sowieso eine Auszeit, und Einkaufen war für mich immer schon die beste Medizin. Es kann vielleicht wirklich nichts schaden, wenn ich sie mir mal anschaue.« Erwartungsvoll sah ich Melissa an, die gerade in einem, wie sie dachte, unbeobachteten Moment, das letzte Stück Kuchen in sich hineinstopfte. Als sie bemerkte, dass ich sie erwischt hatte, sah sie mich mit großen Augen an und schob die leere Tüte von sich. »Was?«, nuschelte sie mir mit vollem Mund zu, »ich haffe Lust drauf!«
   Ich verdrehte die Augen, zerknüllte die leere Tüte und warf sie in den Papiereimer. »Kommst du morgen mit?«
   Melissa schüttelte den Kopf. »Nein, geht nicht. Meine Tante braucht mich. Sie will umziehen, und Caro und ich sehen uns eine Wohnung für sie an.«

Ich hielt an der Ampel und beobachtete, während ich auf Grün wartete, einen Mann mit Hund, der am Straßenrand, vor einem Café stand. Er war ein attraktiver Mann, der in einem noblen schwarzen Anzug steckte. Ich schätzte ihn auf Mitte zwanzig, Anfang dreißig. Der Kerl war mindestens 1,70 Meter groß, hatte einen durchtrainierten Körper mit wahnsinnig breiten Schultern und eine blonde Lockenmähne, dass selbst Einstein blass vor Neid geworden wäre. In der einen Hand hielt er einen beachtlichen Strauß rote Rosen und in der anderen einen jungen Hund an der Leine fest. Er blickte fast sekündlich auf die Uhr und sah ungeduldig die Straße rauf und runter. Der Mann schien offenbar über etwas wütend zu sein, denn er riss permanent an dem Halsband des jungen noch tapsigen Hundes herum, der sich nicht ansatzweise an das Kommando »Sitz« hielt. Ich schätzte, es war eine Mischung aus Schäferhund und Husky, denn er hatte wunderschöne blaue Augen. Die Ampel schaltete gerade auf Grün, und ich drückte auf das Gaspedal, als der Mann in Windeseile noch versuchte, über die Straße zu rennen. Seinen Hund zerrte er dabei rücksichtslos hinter sich her. Dieser kippte tapsig, wie er war, zur Seite, denn er war nicht darauf gefasst, dass er gerade in diesem Augenblick zu einem Endspurt ansetzen sollte. Unsicher versuchte das Tier, wieder auf die Pfoten zu kommen, um sich aus dem Halsband zu befreien, das für ihn immer enger zu werden schien.
   »Ja, spinnt denn der?« Ich trat voll auf die Bremse, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, was hinter mir der Verkehr machte. »Sagen Sie, was denken Sie sich dabei, hier einfach über die Straße zu rennen? Sie haben Rot«, brüllte ich, während ich das Fenster herunterließ.
   Der Mann sah mich nicht mal an, während ich ihn anschrie. Er zerrte nur am Halsband des Hundes, der sich weigerte weiterzugehen.
   »Hören Sie auf, an dem armen Tier herumzuzerren!«
   Offenbar hörte er mich doch, denn er trat wütend gegen die Stoßstange meines Wagens. »Ihr Scheiß Weiber seid doch alle gleich. Behalte den Hund, ich schenke ihn dir.« Dabei klatschte er den Rosenstrauß mit jedem Wort, das er keifte, auf meiner Motorhaube platt. Dann warf er den Rest zu Boden, knotete die Leine an meiner Stoßstange fest und lief wild mit den Armen gestikulierend davon. Dabei hätte ihn fast der Gegenverkehr erwischt.
   Mit weißen Fingerknöcheln hielt ich das Lenkrad fest umklammert und starrte fassungslos durch die Frontscheibe. Meine Knie zitterten wie ein nasser Affe im Schnee. Ich rang nach Luft und redete mir ein, dass es mir gut ginge und dass die Dosis Adrenalin, die mir soeben volles Rohr ins Blut schoss, völlig normal sei.
   Es klopfte an meine Autotür, und eine Frau hielt mir ihre Visitenkarte unter die Nase. »Ich habe alles gesehen. Falls Sie einen Zeugen brauchen. Sie sollten den Hund von Ihrer Stoßstange befreien und nach Hause fahren. Sie sehen total fertig aus.«
   Ich lächelte der Frau zu, bedankte mich und holte den Hund ins Innere des SUV. »Nein, ich bin nicht total fertig.« Schließlich startete ich den Wagen, wartete die Rotphase ab, und fuhr gleich darauf auf den nächstgelegenen Parkplatz. Der Hund saß sabbernd auf dem Beifahrersitz und sah mich mit seinen blauen Augen treu an. Kurz darauf schossen mir die Tränen in die Augen, und ich begann wütend auf mich selbst zu werden, weil ich eigentlich keinen Grund hatte, loszuheulen. Es war nichts Schlimmeres passiert. Ich hatte nur einen Hund. Zusätzlich zu zwei Kindern und einen Job, der nicht gerade geeignet war, noch etwas Zeit für ein Tier zu opfern, ich hatte ja kaum noch Zeit für meinen Freund! Ich zwang mich, tief durchzuatmen und stellte fest, dass es überhaupt keine Wirkung zeigte. Also schnappte ich mir mein Handy aus dem Seitenfach, ließ die Scheibe hoch und rief Mark an.
   »Ich bin auf dem Bau, um mich abzuschuften. Machs’ kurz«, murmelte Mark etwas gestresst in das Telefon.
   »Mir ist so ein Blödmann mit Hund und einem Strauß Rosen vors Auto gehopst!«
   »Sind beide verletzt oder tot?«
   »Nein! Um Gottes willen, Mark. Es ist nicht immer mit dem Schlimmsten zu rechnen, wenn ich dich mal anrufe«, stöhnte ich gestresst. »Es geht ihm gut, er ist wie ein wild gewordener Stier auf mich losgegangen. Er hat seine Rosen auf der Motorhaube des SUV platt gehauen und den armen Hund herumgezerrt, weil dieser nicht laufen wollte. Als ich mich deswegen noch aufregte, hat er ihn mir geschenkt.« Ich warf, während ich mit ihm redete, einen Blick auf die Motorhaube, auf der noch vereinzelt Rosenblüten pappten. Das, was eben passiert war, musste an der Hitze liegen. Im Sommer drehten alle gleich durch, wenn es wochenlang keine Abkühlung gab. Und bei dem Typen war das sicher genauso.
   »Ist bei dir alles in Ordnung?« Jetzt hörte ich doch etwas Sorge in Marks Stimme.
   »Es würde mir besser gehen, wenn ich beschlossen hätte, heute frei zu machen, um den Tag mit Putzen und Kochen und unseren Kindern zu verbringen.«
   »Schatz. Wie war das eben noch gerade mit dem Hund? Ich glaube, es ist besser, du kommst erst mal nach Hause.«
   »Ich muss noch ins Kaufhaus, nach einer Zeugin schauen.« Ich legte auf, atmete noch einige Male tief durch und blickte dabei in ein ängstliches Hundegesicht.

Zehn Minuten später fuhr ich mit dem SUV auf einen Parkplatz des Einkaufszentrums. Das Gebäude war ein gewaltiger, dreigeschossiger Klotz aus rotem Backstein, der mit etlichen Werbeplakaten übersät war. Das älteste Einkaufzentrum der Stadt, und da musste Tanja arbeiten? Ich wettete, die hatten hier noch nicht einmal eine Klimaanlage. Kaum hatte ich das Kaufhaus betreten, bestätigte sich mein Verdacht. Überhitzt, stickig und voll beleuchtet mit summenden Neonröhren.
   Da ich wusste, in welchem Fachbereich Tanja arbeitete, steuerte ich ohne Umwege in diese Abteilung, und … staunte nicht schlecht. Tanja war die Frau vom Turm.
   »Verfolgen Sie mich?«, fragte sie mich, als sie mich erblickte.
   »Nein, ich muss mit Ihnen reden.«
   »Warum?«
   »Weil ich Sie bitten muss, noch mal mit mir über Ihre Zeugenaussage vor einigen Jahren zu reden.«
   »Arbeiten Sie für die Polizei?«, fragte Tanja mich misstrauisch.
   »Ja und nein.«
   »Was jetzt?«, ungeduldig blickte sie mich an.
   »Nein, ich bin selbstständig. Aber hin und wieder bekomme ich von meinem Schwager in spe, der bei der Polizei arbeitet, kleine Aufträge. Ich möchte Sie überreden, mit aufs Revier zu kommen. Es ist vielleicht sogar Polizeischutz drin, wenn Sie mit mir mitkommen«, versuchte ich, Tanja den Gang zu Karsten ein wenig schmackhafter zu machen.
   Tanjas rechte Augenbraue schoss in die Höhe. »Aha. Das hat also nichts mit dem Vorfall auf dem Turm zu tun. Und Sie spionieren mir auch nicht nach?«
   Ich schüttelte den Kopf. »Es geht mich im Prinzip nichts an, was Ihr wahrer Grund dazu war. Aber ich habe mit zwei meiner Freundinnen ein kleines Büro, für alle Fälle. Falls Sie einmal Hilfe brauchen, bin ich gern für Sie da.«
   »Ich weiß.« Tanja grinste und schüttelte mir die Hand. »Hören Sie, Maike. Sagen Sie Ihrem Schwager, ich komme vorbei, sobald es mir möglich ist. Ich kann hier nicht reden, verstehen Sie das. Es ist mir zu gefährlich.« Nervös blickte sich Tanja um und steckte ihre Hände dabei in ihre Arbeitsjacke.
   »Das verstehe ich«, sagte ich leise und blickte mich ebenfalls im Laden um. Weit und breit war kein Kunde zu sehen. »Sie versprechen mir, dass Sie aufs Revier kommen?«
   »Ja, versprochen. Aber jetzt gehen Sie, bitte.«
   Ich merkte, dass Tanja immer nervöser wurde und tat ihr den Gefallen, verabschiedete mich und ging. Als ich um unser Regal bog, an dem wir gestanden hatten, stieß ich fast mit einem großen, dünnen Mann zusammen, der ebenfalls mit schnellem Schritt den Ausgang suchte.
   »Verzeihung«, sprach er mit dunkler Stimme und sein ausländischer Akzent, verursachte bei mir eine Gänsehaut. Ich könnte schwören, er hatte mich angeknurrt.

5
Tim

Tim parkte seinen Wagen genau am Eingang des Einkaufcenters. Als er ausstieg, stellte er fest, dass er fast zwei Parklücken belegte. Was soll’s, dachte er, ich gehe mir nur noch schnell einen Koffer kaufen und dann geht’s ab in den Urlaub. »Moskau ich komme.« Tim grinste und betrat den Verbrauchermarkt, als sein Handy klingelte.
   »Wasch’ icht’?«, sagte Tim aus Spaß in einem gespielt russischen Akzent, »wer stört Igor bei einem wüschtigen’ Einkauf, kurz vor seinem Urlaub nach Väterchen Russland? … Hallo?«, raunte er ins Telefon.
   Anscheinend hatte man in diesem Laden einen schlechten Empfang, denn der Anruf wurde unterbrochen, noch bevor er eine Antwort bekam. Ein Blick auf das Display bestätigte seinen Verdacht. Kopfschüttelnd steckte er das Telefon zurück in seine Tasche und ging zum Verkaufstresen, hinter dem ein Verkäufer stand und ihn schief anlächelte. Auf dessen Namensschild stand Roban.

*

Roban überlegte. Der Mann, der ihn aufsuchen sollte, hieß Igor, doch der, der da vor ihm stand war alles andere als das, was man sich unter dem Namen vorstellte. Einen solchen Mann hatte er sich wahrlich anders ausgemalt. Mehr als einen stattlichen Kerl der die Größe eines Leuchtturmes, Hände so groß wie Bratpfannen und Füße wie Mini-U-Boote hatte. Aber der? Der sollte Igor sein? War der überhaupt ein Russe? Man hatte ihm gesagt, dass heute ein Mann vorbeikommen und sich ihm als Igor zu erkennen geben würde. Roban dachte nach. Der Kerl hatte sich eindeutig mit dem Namen Igor am Telefon gemeldet, und ein wichtiger Einkauf konnte nur bedeuten, dass er den Koffer abholen wollte, den Malcolm bei ihm bestellt hatte. Also bestand hier kein Zweifel, dieser Mann vor ihm, war sein Kontaktmann.

*

Tim wartete, bis der Verkäufer aufgehört hatte, ihn mit hochgezogenen Augenbrauen zu mustern. Kurz darauf zog Roban mit einem Lächeln einen stabilen, handlichen Rollkoffer aus dem Regal unter seinem Tresen hervor. »Sie suchen bestimmt das hier.« Er schob den kleinen Hartschalenkoffer zu Tim.
   Erstaunt sah Tim den Verkäufer an. »Ja?«
   »Ist im Angebot heute, er hat den verstärkten Boden.« Roban räusperte sich. »Herr Igor«, setzte er nach.
   Tim zog eine Augenbraue hoch, aber er spielte das Spielchen, dass Roban anscheinend für lustig hielt, mit, und antwortete im Akzent, dass er schnell bezahlen wolle, da sein Flieger nun nicht gerade auf ihn warten würde. Dann zwinkerte er Roban verschwörerisch zu …

*

Zur selben Zeit war Igor Provmic auf dem Weg ins Kaufhaus, um die lang ersehnte Lieferung für seinen Chef abzuholen. Er war sehr vorsichtig, als er in seinen Wagen stieg und in Richtung Einkaufcenter fuhr. Nur nicht auffallen, dachte er sich. Nur keine roten Ampeln überfahren. Und er schaffte es, seinen Blick geradeaus zu richten und nicht Leuten mit dem Messer zu drohen, die an der Ampel zu ihm herübersahen, während sie auf Grün warteten. Igor sah in den Rückspiegel und tadelte sich selbst. »Ich muss Roban ohne Zwischenfall erreichen. Ich hole den Koffer für Malcolm und bringe ihn zum Flughafen. Das kann ich, das geht alles planmäßig.« Igor atmete tief ein und aus, so wie er es in der Therapie gelernt hatte, die er während seines Gefängnisaufenthaltes besuchte, und war die Ruhe selbst. Nur hielt dieser Zustand nicht sehr lange an, denn als er auf den Parkplatz fuhr, war dieser schon so voll, dass er gezwungen war, sich auf einen Behindertenparkplatz zu stellen. Immerhin wollte er nicht mit einem Koffer voller Geld, ewig weit über einen vollen Parkplatz rennen. Und ausgerechnet am Eingang musste so ein Dödel mit seinem Kleinwagen gleich zwei Lücken ausfüllen.
   »Ich bin ganz ruhig«, redete sich Igor beim Aussteigen zu. Am Eingang des Verbrauchermarktes kam ihm ein junger Mann entgegen, der pfeifend die Hymne von Russland zu trällern versuchte. Igor blickte ihm eine Weile irritiert nach, bis dieser um die nächste Ecke verschwunden war.
   »Leute gibt es«, grummelte Igor vor sich hin und betrat das Geschäft, das menschenleer wirkte. Also zögerte er nicht lange und trat an die Verkaufstheke heran. Er blickte sich im Laden um und schüttelte über das Regal mit den vielen Schuhen, die im Sonderangebot waren, nur den Kopf. Er dachte an seine Nicole, und es graute ihm, das diese hier auftauchen könnte und ihn anflehte, ihr diese zu kaufen. Dann sah er auf das Namensschild des Verkäufers, der da stand und ihn wartend anblickte. »Roban, ich will den Koffer!«, sagte Igor mit tiefer Stimme im Akzent und grinste breit.
   Roban sah den Mann, der vor ihm stand mit großen Augen an. »Igor?«
   »Ja, wer sonst?« Ungeduldig sah er den Mann hinter der Theke an.
   »Wie viele Igors habt ihr eigentlich?« Irritiert sah Roban den Mann an, der vor ihm stand.
   »Wieso?«
   »Weil du schon da warst, gerade eben, vor nicht mal fünf Minuten.«
   »Hä?«
   »Ja, der Mann hat mit jemandem am Telefon gesprochen und gesagt, er sei Igor, und er wolle nach dem Einkauf nach Russland zurück. Der Igor, der sich als solcher ausgegeben hatte, müsste dir sicher noch begegnet sein.« Ängstlich zeigte Roban zur Tür.
   »Wo ist der Koffer?« Eine Ader auf Igors Stirn fing an zu pochen.
   »Igor hat ihn«, stotterte Roban unsicher.
   »Er ist nicht Igor! Ich bin Igor«, schrie er zornig. »In diesem Koffer sind eine Million Euro eingearbeitet. Und für mich war noch ein Tütchen mit Schnee dabei. Wo ist der Koffer?«, zischte Igor noch einmal mit Nachdruck leise.
   »Den habe ich Igor gegeben«, wimmerte Roban.
   »Igor? Nenn ihn nicht Igor! … Yebat’», fluchte er in Russisch und packte Roban am Hals. Seine Geduld war zu Ende, da half kein Atmen mehr. Er vergewisserte sich kurz, ob niemand sonst im Laden war. »Du machst Fehler, du hast meinen Chef enttäuscht.« Blitzartig griff Igor hinter seinen Rücken und zog seinen Liebling aus dem Schaft. Ein Gurgeln war alles, was von Roban noch zu hören war, als das Zackenmesser seinen Hals wieder verließ.
   »Gespräch beendet«, fluchte er zornig und ließ Roban fallen, der wie ein Sack hinter dem Tresen zusammenbrach.

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