Wollte Mary eben noch ihrer besten Freundin Eve die größten Neuigkeiten aus ihrem Leben erzählen, kann sie sich nach einem grässlichen Unfall an nichts mehr erinnern. Die letzten zwei Monate sind wie ausgelöscht. Ihr bester Freund Jake nimmt Mary vorerst zu sich, damit sie sich erholen kann. Schon bald überkommen sie Erinnerungen, die einfach nicht in ihr Leben passen. Es sind nicht ihre eigenen, sondern die von Lia, der Frau, die bei dem tragischen Unfall ums Leben kam. Mary erinnert sich an ein Leben mit Daniel, dem Freund der Verstorbenen, den sie vorher noch nie gesehen hat. Wer ist er, und warum glaubt sie, ihm so nahe zu sein? Und dann ist da noch Jake, der sich Mary gegenüber immer merkwürdiger verhält. Ein Kampf zwischen ihren eigenen und Lias Erinnerungen beginnt, und Mary merkt, dass in den letzten zwei Monaten viel mehr vorgefallen sein muss, denn es bleibt nicht nur die Frage, welches Geheimnis sie Eve vor dem Unfall mitteilen wollte ...

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ISBN: 978-9963-53-731-0

Seiten: 229

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Jennifer Lillian

Jennifer Lillian
Jennifer Lillian ist das Pseudonym einer jungen Autorin, die 1991 in der Lüneburger Heide geboren wurde. Nach ihrer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau holte sie ihr Abitur nach und studierte Bibliotheks- und Informationsmanagement an der HAW in Hamburg. Heute arbeitet sie für ein Hamburger Online-Magazin als Social Media Managerin. In ihrer Freizeit versinkt sie gern in den verschiedensten Büchern und schreibt seit einiger Zeit Romane. Unterstützt wird sie vor allem von ihrem Freund, mit dem sie zusammenlebt, und natürlich von ihrer Katze, die ihr beim Schreiben nicht von der Seite weicht.

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Prolog

Die Erinnerung? Sie begleitet uns ständig. Sie ist überall. Was wären wir ohne sie? Nehmen wir mal an, es gäbe keine Erinnerungen. Wir wären nur Menschen, die auf Erden wandeln und stur geradeaus sehen. Geradezu leblos. Wie Roboter. Ohne einen Blick zurück in die Vergangenheit. Die Erinnerung sagt uns, wer wir sind. Wer uns wichtig ist. Was uns wichtig ist. Sie steht für das Schöne. Für das Böse. Für gute und für die schlechten Zeiten. Sie formt uns und macht uns zu dem, was wir sind. An ihr orientieren wir uns. Richten unser Leben nach ihr. Was aber, wenn man plötzlich nicht mehr weiß, wessen Erinnerung eigentlich die eigene ist?

Kapitel 1

Wenn alles richtig und gut zu sein scheint, dann ist es wohl perfekt so, wie es ist. Warum sollte man dann noch etwas daran ändern? Ich war zufrieden mit dem, was ich hatte. Nichts hätte ich ändern wollen oder anders gemacht, hätte auch nur die Möglichkeit dazu bestanden.
   Die Sonne schien mir heftig ins Gesicht, sodass ich mir, kaum dass ich das Haus verlassen hatte, meine Sonnenbrille aufsetzte. Ich wusste nicht, wer mehr strahlte. Ich oder die Sonne. Sprichwörtlich schien mir die Sonne aus dem Hintern. Ich weiß noch, dass ich die beste Laune überhaupt hatte und nichts hätte mir den Tag versauen können. Mein Bauch kribbelte, wenn ich nur daran dachte. Und mein dämliches Grinsen? Wie festgeklebt. Ich eilte den gepflasterten Weg aus dem schönen terrakottafarbenen Wohnblock entlang. Die Anlage erstrahlte in einem satten Grün und war vom Hausmeister gepflegt wie eh und je. Die Blumen begannen, sich allmählich auf den Sommer einzustellen, nachdem der Frühling bislang eher spärlich für sie verlaufen war. Aber allmählich schien sich auch das Wetter endlich zu bessern. Hausmeister Donald wusste nur zu gut, wie man die Anlage pflegte. Er war einfach der geborene Hausmeister und Gärtner in einem. Der dicke Kater Fred saß wie immer unter der schattigen Eiche und beobachtete träge die Menschen, die an ihm vorbeihasteten. Mich würdigte er allerdings nicht mal eines Blickes.
   Am Morgen war ich noch so durch den Wind, dass ich die Zeit vergessen und so beinahe eine Vorlesung verpasst hätte. Als ich mein kleines, klappriges Auto erreichte, schmiss ich meine Unitasche auf den Beifahrersitz und raste um den blauen Wagen herum. Wenn ich richtig viel Glück hatte, dann sprang er sofort an. Aber an diesem Morgen brauchte ich natürlich drei Anläufe. So viel zum Thema Glück. Bis zur Uni waren es etwa zwanzig Minuten, die ich zu verkürzen wusste.
   Ich fuhr die ruhige Straße, in der ich wohnte, entlang, als mein Handy klingelte. Mit einem Auge schielte ich auf das Display und griff in die Mittelkonsole, um auf den Lautsprecher zu tippen. Es war Eve, meine beste Freundin, der ich die überraschende Nachricht, also den Grund, warum mir die Sonne buchstäblich aus dem Hintern schien, ebenfalls noch verkünden wollte. Mit einem fetten Grinsen begrüßte ich sie. »Hey, was verleiht mir die Ehre?«
   »Ich wollte gern wissen, wo du gestern Abend gewesen bist. Ich habe dich beim Training vermisst«, sagte Eve und ihr Tonfall verhieß nichts Gutes.
   So ein Mist! Das Training hatte ich völlig vergessen. »Entschuldige. War das gestern? Ich habe das total vergessen.«
   »Na, das bringt mir jetzt auch nichts mehr, nachdem mich ein alter, dicker Mann durchs Fitnessstudio verfolgt und belabert hat. Du musst beim Laufen mehr auf deine Haltung achten, überanstrenge dich und deinen straffen Körper nicht. Wenn ich noch mal so jung wäre …«, spottete sie.
   »Eve, es tut mir wirklich …«
   »Bob hieß er!« Sie schnaufte sauer ins Telefon.
   Ich konnte mir ein Grinsen kaum verkneifen, aber jetzt laut zu lachen, würde für mich den Tod bedeuten. Ich wollte ihr nicht am Telefon erzählen, weshalb ich sie am Abend zuvor versetzt hatte, deswegen ließ ich sie noch ein bisschen zappeln. Früher oder später würde sie es verstehen und sich dann ausgelassen mit mir freuen. Bob wäre sofort wieder vergessen. »Okay, okay. Ich entschuldige mich auch im Namen meiner Grandma bei dir. Das nächste Mal lade ich dich auf einen Hot Brownie ein, in Ordnung? Mit heißem, flüssigen Kern.«
   »Die nächsten zwei Brownies will ich doch meinen«, korrigierte sie mich schnippisch.
   Ich lächelte und wusste, dass ich richtig gehandelt hatte. Gib Eve recht und schon ist alles wieder gut. Gib Eve einen leckeren Brownie und sie ist glücklich. Ein einfaches Prinzip, nachdem ich gern lebte.
   »Dann sehen wir uns heute Abend?«, fragte sie nun ein wenig zufriedener.
   »Klar doch. Ich freue mich schon, denn ich muss dir unbedingt noch etwas erzählen. Das will ich aber nicht am Telefon besprechen.«
   »Jetzt machst du mich aber neugierig! Rück schon raus mit der Sprache.«
   »Nein Eve, erst heute Abend. Du wirst Augen machen, wenn ich es dir erzähle.« Ich kicherte verschwörerisch und übersah beinahe einen Radfahrer, der eilig über die Straße peste. Kopfschüttelnd nahm ich den Fuß vom Gas und hätte ihn am liebsten über die Straßenverkehrsregeln hingewiesen, aber er war schon längst wieder außer Sichtweite.
   »Hm, na gut, bis später und wehe, du vergisst es wieder«, sprach Eve in den Hörer.
   »Nein, das werde ich garantiert nicht. Bis später dann«, verabschiedete ich mich und legte lächelnd auf. Ja, der Tag konnte nur gut werden.

Kapitel 2

Zu meinem Leid war die Stadt total verstopft. Hektische, wütende und gestresste Leute huschten von A nach B. Zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Bus, mit der Bahn oder mit dem Auto. Alles war vertreten. In einer Großstadt natürlich selbstverständlich. Dabei konnte ich mir nicht vorstellen, warum die Leute es immer so eilig hatten. Na gut, an dem Tag konnte ich mich selbst zu denen dazuzählen.
   Ich wohnte in einer kleinen abgeschiedenen Ecke in Washington und war auch froh, nicht mitten im Geschehen leben zu müssen. Lediglich der Weg in die Uni führte mich durch die Hauptstraßen und so musste ich mich tagein, tagaus dem riesigen Andrang von Menschen stellen. Ich hatte das Gefühl, an diesem Tag war es schlimmer als sonst. Als wüssten die Leute, dass ich es zur Abwechslung auch mal eilig hatte. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass mir nicht mehr viel Zeit blieb und dieses Mal war die Vorlesung doch so wichtig. Der Prof würde ganz und gar nicht begeistert sein, wenn ich mal wieder die Ruhe durch das Rücken von Stühlen, Türenknallen und das Aussprechen lauter Entschuldigungen stören würde.
   »Als Journalistin sollte man immer ein Gefühl für Pünktlichkeit haben, Mary Fielding«, rügte er mich dann meistens. Als ob ich meinen Namen nicht selbst kennen würde. Genau darauf hatte ich dieses Mal keine Lust. Ich stand an einer großen Kreuzung und wartete eine gefühlte Ewigkeit auf das grüne Licht an der Ampel. Ausatmend ließ ich meinen Kopf in den Nacken fallen und versuchte, mich ein wenig zu entspannen. Abgehetzt Auto zu fahren brachte weder mir noch meinen Mitmenschen etwas. Und trotzdem tippte ich genervt auf dem Lenkrad herum. Ich warf einen Blick in den Rückspiegel, um mein Make-up zu überprüfen, da selbst dafür heute Morgen kaum Zeit übrig war. Durch meine gute Laune funkelten lediglich meine braunen Augen. Das war auch alles. Nächstes Mal würde ich nicht so spät losfahren, schalt ich mich innerlich. Der Verkehr war die reinste Hölle, und zudem war es ziemlich warm geworden. Mein undankbares Auto hatte natürlich keine Klimaanlage. Ich pustete angestrengt aus, und fächelte mir ein wenig Luft entgegen. Wenn ich endlich richtiges Geld verdiene, gibt es sofort ein neues Auto. Ich hatte die Wahl gehabt zwischen einem neuen Wagen oder einer schönen Wohnung in einer ruhigen Ecke. Natürlich habe ich mich für die Eigentumswohnung meiner Tante entschieden, bei der ich kaum Miete zahlen musste. Dieser alte Flitzer wäre die nächste Baustelle, die es zu bezwingen galt. Nachdem meine Eltern vor einigen Jahren bei einem tragischen Unfall ums Leben kamen und mir so gut wie nichts hinterlassen hatten, unterstützte mich meine Tante Linda, so gut sie konnte. Ein Schritt von ihr, war das zur Verfügung stellen ihrer Eigentumswohnung, mit der sie sich im Alter eigentlich hatte absichern wollen. Leider kam damals alles anders. Jetzt wohnte ich darin.
   Ich wurde durch das laute, geschäftige Treiben auf der Straße völlig aus meinen Gedanken gerissen und starrte auf die Ampel. Gleich würde sie grün werden, denn die anderen Autos links und rechts kamen bereits zum Stillstand. Ich legte schon den ersten Gang ein. Immer noch rot. »Komm schon«, murmelte ich, den Blick fest auf die Ampel geheftet. Ich nahm den Fuß von der Bremse. Gelb. Und stellte ihn aufs Gaspedal. Noch bevor es grün wurde, trat ich zu! Ich wusste, dass ich noch ein wenig hätte warten müssen, aber der Zeitdruck hing mir im Nacken. Ich beschleunigte eilig und ließ mein kleines Auto laut aufheulen, als ich merkte, dass etwas anders war. Alles verlief wie in Zeitlupe. Ich wusste, dass mir nur Autos von vorn hätten entgegenkommen sollen, aber in den Augenwinkeln bemerkte ich etwas Rotes seitlich auf mich zu kommen. Gerade schaffte ich es noch, meinen Kopf nach links zu neigen. Zwei immer größer werdende Scheinwerfer rasten auf mich zu. Ich versuchte einen Schrei herauszubekommen, schaffte es aber nur noch, meine Augen zusammenzukneifen. Mehr als einen heftigen Stoß und einem lauten Knall konnte ich nicht mehr wahrnehmen. Danach war alles dunkel.

Kapitel 3

Ein regelmäßiges, zartes Piepen hallte in meinem Kopf wider. Wie aus weiter Ferne. Alles fühlte sich auf eine Art und Weise so federleicht an und trotzdem war ich wie erstarrt. Meine Empfindungen tobten völlig durcheinander. Und dann wurde ich von vielen verschiedenen Schmerzen heimgesucht, die sich durch meinen Körper hindurchschlängelten. In kleinen Schritten, aber mit großer Wirkung. Wie Schlangen, die sich an ihre Beute heranschleichen. Langsam. Konsequent. Die Leichtigkeit verflog allmählich und ich hatte das Gefühl, immer schwerer zu werden. Mein Körper fühlte sich wie ein Betonklotz an, den ich kaum noch bewegen konnte. Das zart piepende Geräusch wurde immer lauter und war mit einem Mal so unerträglich. Es hinterließ einen ohrenbetäubenden Laut in meinem Kopf. Ich glaubte, aus einer Traumwelt in die echte zurückzukehren. Meine Augenlider bekam ich nur mühsam auf, sodass ich sie besser noch eine Weile geschlossen hielt. In meinen Fingern machte sich ein Kribbeln breit, und sie fingen unentwegt an, zu zucken. Aus meiner Kehle entfloh lediglich ein Krächzen, das sogar ich kaum hören konnte. Nach ein paar Mal tief durchatmen, hatte ich endlich die Kraft und bekam die Augen nach mehrmaligem Blinzeln schließlich auf. Eine verschwommene Welt, die sich nur langsam in klare Bilder verwandelte. Ein grelles Licht stach mir zudem entgegen, was mir die Sicht erschwerte. Unter starken Schmerzen neigte ich meinen Kopf zur Seite und nahm nur graue und wild blinkende Maschinen wahr. Verdammt, wo war ich?
   Auf Augenhöhe vernahm ich eine Menschengestalt, die erst nach und nach deutlicher wurde. Als sie sich bewegte, erkannte ich schließlich die langen, dunklen Haare, die aufgeregt umherwippten, als die Person zu mir rüber sah.
   »O mein Gott! Mary, du bist wach!«
   Die unverkennbare Stimme gehörte meiner besten Freundin Eve, die aufsprang und einen großen roten Knopf neben meinem Bett betätigte.
   »Mary, Mary, Mary! Du dumme Nuss! Was machst du nur?”, prustete sie besorgt. Sie beugte sich über mich und zupfte vorsichtig an mir herum. Meinen Körper schien es zu zerreißen. So schnell sie sich auch bewegte, ich konnte ihr mit meinen Augen kaum folgen und gedanklich schon gar nicht. Ich verstand nur Bahnhof und fühlte mich total benommen. Als hätte man mir jegliches Leben abgezapft. Es dauerte eine Weile, bis sich die Bilder vor mir aufbauten.
   »Du musst ganz ruhig bleiben. Hilfe ist schon auf dem Weg. Gott, bin ich froh, dass du wach bist! Ich sitze schon seit Stunden hier und warte auf ein Lebenszeichen. O mein Gott!«
   Eve war außer sich. So wie ich sie kannte. Ich wusste also, dass ich wieder in der Realität angekommen und tatsächlich wach war. Ihre hohe Stimme war der eindeutige Beweis dafür.
   »Endlich«, rief sie erleichtert aus, als eine in weiß gekleidete Gestalt ins Zimmer eilte und an sämtlichen Kabeln herumzuspielen schien. »Mary, das ist Schwester Rosie«, erklärte mir Eve, aber ich hatte Mühe, den Satz in mir aufzunehmen und starrte sie nur durch zwei kleine Schlitze an.
   Schwester Rosie nahm mich genau unter Augenschein und stellte mir ein paar Fragen, die ich kaum verstand, geschweige denn beantworten konnte. Alles, was ich mitbekam, war, dass ich einen Unfall hatte und mich im Krankenhaus befand. Ich versuchte meine Kraft zu sammeln, um ebenfalls eine Frage zu stellen. »Wie ist das passiert?«, brachte ich schließlich kehlig hervor. Meine Stimme wirkte auf mich völlig fremd und das Sprechen fiel mir schwer.
   »Schatzi, du solltest dich erst mal ein bisschen ausruhen, bevor wir dich mit so vielen Infos bombardieren«, schnitt Eve der Schwester das Wort ab, die murmelnd aus dem Zimmer stapfte. Eves Stimme klang ruhig und weniger aufgebracht als bis vor ein paar Minuten.
   Ganz langsam erlangte ich in kleinen Schritten die Fähigkeit wieder, einzelne Gliedmaßen zu bewegen. »Erzähl mir bitte, was los ist, Eve.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Du musst dich noch ausruhen, sagen die Ärzte. Später kann ich dir alles in Ruhe erklären. Werde erst einmal richtig wach und komm zu dir. Du bist von dem ganzen Scheiß noch komplett benebelt. Und noch dazu siehst du echt beschissen aus. Aber das regeln wir schon. Ich gehe mal eben deine Tante anrufen, um ihr zu sagen, dass du wach bist.«
   Benebelt und beschissen traf es gut. Ich fühlte mich total benebelt und noch dazu völlig beschissen. Wie unter Drogen gesetzt. Einen Moment lang lag ich einfach da und beobachtete, wie Eve aus meinen Augenwinkeln verschwand, um mit Tante Linda zu sprechen.
   Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte ich mich trotz der Schmerzen mehr und mehr bewegen. Die Hände, Arme und Beine. Nur der Nacken und mein Kopf taten mir schrecklich weh, sodass ich es schließlich dabei beließ und nur noch geradeaus starrte. Außerdem hatte man mir so ein blödes Polster um den Hals gewickelt, was meine Kopfbewegung beeinträchtigte. Ich wusste noch nicht einmal, was mir alles fehlte und was kaputt war, da ich kaum an mir herabsehen konnte. Man ließ mich unwissend wie ein angeketteter Hund hier liegen. Aber eine Frage stellte sich: Warum konnte ich mich eigentlich an keinen Unfall mehr erinnern?

Wären da nicht diese unerträglichen Kopfschmerzen, die mir das Denken so erschwerten. Ich hatte noch ein paar Stunden Schlaf finden können, bevor ich aufwachte und mich besser rühren konnte, ohne vom Schmerz zerrissen zu werden. Scheinbar ließen mich die Schmerzmittel wieder am Leben teilnehmen. Eve saß mit Augenringen neben meinem Bett, als ich ihr meinen Kopf mühevoll zuwandte. Sie wirkte müde. Sehr müde.
   »Wie lange bist du schon hier?«, fragte ich sie dann.
   Erschrocken sah sie zu mir und richtete sich auf. Sie hatte nicht mit meinem Aufwachen gerechnet. »Ein paar Stunden.« Sie gähnte und reckte sich. »Inzwischen waren viele Leute hier. Deine Tante, Jake, Lucy und der ganze Clan. Ich habe sie immer wieder weggeschickt, weil du geschlafen hast. Die Ärzte sagen, du brauchst Ruhe. Deine Tante musste nur leider wieder weg. Sie versucht, in den nächsten Tagen noch einmal vorbeizukommen, wenn es möglich sein sollte. Du kennst ja ihre Arbeit.«
   Ich nickte traurig. Nur zu gern hätte ich Tante Linda gesehen. So selten, wie sie in der Stadt war, war es jedes Mal wie ein Sechser im Lotto, wenn man sie antraf. Aber nachdem es mir damals nach dem Unfall meiner Eltern anfing besser zu gehen, bekam sie ein Jobangebot, das wohl niemand abgeschlagen hätte: Entertainerin auf einem Kreuzfahrtschiff. Ich atmete angestrengt ein und spürte ein heftiges Ziehen in meinem Brustkorb.
   »Was ist passiert, Eve? Bitte sag mir, wie ich hierhergekommen bin.«
   »Mary, du sollst dich doch noch schonen.« Eve blickte versöhnlich drein und legte ihre Hand behutsam auf meine.
   »Es bringt mir aber auch nichts, zu mutmaßen, warum ich hier gelandet bin. Bitte sag mir einfach, was los ist. Dass ich einen Unfall hatte, weiß ich längst. Wie genau ist das passiert?«
   Ihre Schultern sackten zusammen und sie atmete seufzend aus. »Also bitte. Du bist noch immer so stur wie vorher. Ich hole mir eben einen Kaffee, wenn es recht ist.«
   Ich nickte und sah Eve dabei zu, wie sie leise fluchend aus dem Zimmer verschwand. Ich musste lächeln. Als ich meinen Kopf zur Abwechslung ein Stückchen nach links neigte, bemerkte ich einen grünen Vorhang, der mich von einem anderen Patienten zu trennen schien. Die kurze Zeit, die ich bislang wach war, hatte ich den noch gar nicht bemerkt, und außerdem war es sehr ruhig in der Ecke.
   Schließlich kam Eve mit einem dampfenden Becher in der Hand wieder. Wenn ich nur an einen Kaffee dachte, kam mir die Galle hoch. Nachdem sie einen genüsslichen Schluck von der braunen Brühe nahm, wirkte sie erfrischter.
   »Du hattest einen Autounfall, das weißt du ja schon. Du standst an der großen Kreuzung, du weißt schon, an der, wo du dich immer über die vielen Menschen aufregst. Na ja, du wolltest scheinbar zur Uni. Vorher hatten wir noch telefoniert.« Sie nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Becher.
   Ich runzelte die Stirn, was sich merkwürdig anfühlte, da ich spürte, dass man mir irgendwas um den Kopf gewickelt hatte. Scheinbar ein Verband. Aber welches Telefonat meinte Eve?
   »Jedenfalls, als du losgefahren bist, ist dir jemand anderes seitlich ins Auto gefahren. Hat wohl die rote Ampel übersehen«, erklärte sie bedrückt.
   In meinem Gehirn ratterte es bis ins Unermessliche. Es gab in meinem Kopf keinerlei Bilder, die mir irgendetwas darüber erzählen konnten, dass mir das tatsächlich passiert war.
   »Der Krankenwagen war sofort an Ort und Stelle. Gott sei Dank ist dir nicht viel passiert. Du warst zwar bewusstlos und hast dir eine dicke, fette Gehirnerschütterung und ein paar Prellungen zugezogen. Die Ärzte sagen, dein Gehirn sei ein bisschen angeschwollen durch den Aufprall. Irgendwas mit Schädel-Hirn-Trauma oder so. So ganz bekomme ich das auch nicht mehr zusammen. Ich kann mir so was auch nicht so gut anhören. Bei Horrorfilmen wird mir ja auch immer total schlecht. Weißt du ja. Aber das wird schon wieder. Die sagen, dass du noch ein paar Tage hierbleiben musst. Du hattest außerdem großes Glück.«
   Ich musste die neuen Informationen erst mal verdauen. Die Schmerzen, die Geschichte, die Tatsache, dass ich im Krankenhaus lag, alles war logisch und ergab Sinn, aber wo war das Telefonat? Das Gespräch, was ich angeblich mit Eve geführt haben soll? Ich konnte mich nicht daran erinnern. Und was war außerdem mit dem anderen Autofahrer passiert? Oder der Autofahrerin? Mann, ich hatte so viele Fragen, die in meinem Kopf umhergeisterten.
   »Was ist mit dem anderen? Also derjenige, der mir reingefahren ist? Geht es dem gut? Oder ihr?«
   Eve sah mich mit großen Augen an und stockte kurz. Ihr Mund flappte auf, schloss sich jedoch wieder. Es war, als suchte sie nach einer passenden Antwort. Meiner Meinung nach viel zu lange. Plötzlich kamen mir vertraute Gesichter in mein Zimmer, die mich meine Schmerzen und den Unfall für ein paar Sekunden vergessen ließen.

»Wahnsinn, was du immer für Sachen machst.« Jake sah mich mit seinen nussbraunen Augen an und beugte sich leicht über mein Bett, nachdem er mich mit einer angedeuteten Umarmung begrüßte. Ein erleichtertes Grinsen huschte ihm über die Lippen.
   »Na ja, ich lebe eben gern am Limit«, gab ich gelassen von mir und musste ebenfalls lächeln.
   »Wir sind echt froh, dass dir nicht mehr passiert ist«, quiekte Lucy fröhlich und ihre feuerroten lockigen Haare flogen hin und her. Ihre Augen strahlten vor Freude.
   Eve hielt sich ein bisschen im Hintergrund, um mich nicht auch noch zu bedrängen.
   Meine besten Freunde Jake und Lucy hatten es nicht mehr abwarten können, mich zu besuchen. Der Rest der Bande würde vorbeischauen, sobald es mir besser ging.
   Inzwischen hatten sie einen kleinen Stuhlkreis um mich herum gebildet, und wir quatschten ein wenig, um mich auf andere Gedanken zu bringen, aber irgendwie kamen wir immer wieder auf dasselbe Thema zu sprechen: Der Unfall. Jake kam mir die ganze Zeit über ein bisschen verhalten vor, und ich fragte mich, wie groß seine Sorge um mich tatsächlich war. Er war doch immer der Gefasste. Der Coole, wenn es darum ging, jemanden aufzumuntern.
   »Eigentlich bin ich ja immer noch sauer, dass du mich mit diesem Bob allein hast trainieren lassen«, tuschelte Eve mit einer beleidigten Grimasse. »Ich kann euch sagen, der Typ war echt eklig. Alt, dick, und er hatte es voll auf mich abgesehen. Und ich? Ich stehe da allein und starre wie besessen auf die Uhr, aber die gute Mary kommt ja nicht.« Eve entfloh ein leichtes Lachen.
   »Hast du ihm dann wenigstens deine freundliche Seite gezeigt?«, fragte Lucy. Lachend zupfte sie sich an den Haaren. Eine typische Geste, die sie immer machte, wenn sie jemandem aufmerksam zu hörte. Tat sie es nicht, wenn man sich mit ihr unterhielt, wusste man, dass einem ihre Aufmerksamkeit nicht zuteilwurde.
   Eve zuckte mit den Achseln und blickte unschuldig. »Na, was glaubt ihr wohl, wie nett ich zu ihm war?«
   »Ich kann es mir jedenfalls gut vorstellen.« Jake lachte gehässig, denn wir alle wussten, wie Eve sein konnte, wenn sie nett zu jemandem war.
   So sehr ich mich bemühte, den Gesprächen zu folgen, driftete ich innerlich doch immer wieder ab. Ständig versuchte ich, mir den Unfall vor Augen zu rufen. Aber da war nichts, mein Kopf war leer. Auch von einem Bob oder dem Fitnessstudio wusste ich nichts.
   »Also Mary, warum hast du mich denn nun in der Hölle schmoren lassen? Die Antwort bist du mir immer noch schuldig.« Eve sah mich eindringlich an.
   Ich sah von Eve zu Jake und Lucy, die gespannt auf eine Erklärung von mir warteten und dann blickte ich achselzuckend zu Eve. »Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.«
   »Bitte, was? Natürlich davon, dass du mich vorgestern Abend versetzt hast und mir noch nicht erzählt hast weswegen. Es muss ja super spannend sein, denn sonst hättest du mir noch am Telefon davon erzählt. Du hast etwas von Neuigkeiten gesprochen, die du mir unbedingt erzählen wolltest. Und glaub nicht, ich hätte deine Aufregung am Telefon nicht wahrgenommen. Außerdem hast du mir zwei Brownies versprochen.«
   »Eve, ich weiß es echt nicht. Ich weiß nichts von einem Telefonat oder vom Training. Ich weiß doch noch nicht mal etwas von einem Unfall«, sagte ich, da jegliche Anstrengung, mich zu erinnern, scheinbar aussichtslos war. Und je mehr ich mich darauf konzentrierte, desto mehr entfernte sich alles in meinem Kopf.
   Alle Augen waren auf mich gerichtet und sahen mich erschrocken an.
   »Wie bitte, was? Was soll das heißen?«, wollte Lucy skeptisch wissen.
   Ich zuckte fahrig mit den Achseln. »Dass ich mich nicht erinnern kann. Ich weiß, dass ich hier aufgewacht bin. Das ist alles.«
   »Du kannst dich also an nichts erinnern?«, fragte Jake noch einmal mit Nachdruck.
   Ich schüttelte bedrückt den Kopf.
   »O mein Gott.« Eve wirkte besorgt. »Und an was kannst du dich erinnern? Also was ist das Letzte, was du noch weißt?«
   »Mhm.« Ich musste stark nachdenken. Nachdem mir die unterschiedlichsten Bilder im Kopf umherschossen, konnte ich ein paar Puzzleteile zusammenfügen. »Ich weiß, dass wir Lucys Geburtstag gefeiert haben. Eve, du warst völlig betrunken und …«
   »Mary«, unterbrach mich Eve. »Das ist bereits zwei Monate her!«

Kapitel 4

Die Ärzte sagten, dass mein Erinnerungsvermögen durch den Unfall stark beeinträchtigt wurde und ich mich deshalb nicht mehr an die letzten Monate erinnern konnte. Sie sprachen von einer retrograden Amnesie. Eine rückwirkende Amnesie. Es war so, als wären die letzten zwei Monate aus meinem Leben komplett gelöscht. Diese eine Lücke, die ich nicht schließen konnte. Sie sagten aber auch, dass durch viel Ruhe die letzten beiden Monate wiederkommen könnten, was allerdings nicht unbedingt sicher war. Vielmehr war es ein Glückspiel. Entweder sie kamen wieder, oder eben nicht. Ich sollte mich dennoch entspannen und mir eine Auszeit nehmen. Stress vermeiden und mich nicht aufregen. Leichter gesagt, als getan. Ich verpasste immerhin den ganzen Unistoff. Mein Auto war ein Schrotthaufen, so wie man es mir erzählt hatte. Und überhaupt: Wie sollte ich mich da nicht aufregen?

Am nächsten Tag, war ich für eine Weile allein und hatte einen alten Wälzer in der Hand. Eve sagte mir, dass ich ihn bereits zur Hälfte durchgelesen hatte. Ich musste ihn noch einmal von vorn anfangen.
   Plötzlich erklang ein lauter Alarm neben mir, und ich schreckte auf. Ich bemerkte hektische Bewegungen hinter dem grünen Vorhang, wo es sonst immer so ruhig gewesen war. Ärzte schnellten in den Raum, und ein wildes Stimmengewirr baute sich auf. Wie gebannt starrte ich auf den Vorhang, konnte aber nichts weiter erkennen.
   »Wir verlieren sie! Ihr Kreislauf bricht zusammen«, hörte ich einen von ihnen rufen.
   »Sie muss sofort in den OP! Wir dürfen keine Zeit verlieren.«
   Regungslos lag ich da. Mich jetzt zu bewegen, kam mir nicht passend vor. Sowieso war ich wie erstarrt vor Schreck. Ich wollte keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen und krampfte mich zusammen. Neben mir verlor jemand fast sein Leben.
   »Können Sie sich nicht ein bisschen beeilen? Sie stirbt«, schrie ein Mann, dessen Verzweiflung deutlich zu hören war.
   Seine Stimme kam mir bekannt vor. Ich hatte ihn ab und zu hinter dem Vorhang sprechen hören, aber bisher noch nie gesehen. Die meiste Zeit hier hatte ich mit Schlafen verbracht.
   »Beruhigen Sie sich bitte. Wir tun, was wir können. Sie müssen jetzt ganz ruhig bleiben, hören Sie?« Eine Frau mit einer sanften Stimme versuchte, die Lage im Zaum zu halten.
   Und dann sah ich nur zum Teil, wie man ein Bett aus meinem Zimmer schob und die Ärzte und Schwestern den Raum verließen. Alles war schlagartig wieder still und ich lag noch eine Weile ruhig da. Was ist da bloß los?, fragte ich mich und legte mein Buch vorsichtig beiseite. Nach Lesen war mir jetzt nicht mehr zu Mute. Da war eine Frau oder ein Mädchen, und sie kämpfte ums Überleben. Gott, wie schrecklich. Noch lange Zeit konzentrierte ich mich auf das Geschehene. Der ganze Trubel hatte mir einen ordentlichen Schrecken eingejagt. Hoffentlich übersteht sie das, betete ich innerlich.
   Ich fühlte mich noch einsamer. Das einzige trostlose Bild mit einem noch trostloseren Blumentopf schenkte diesem Zimmer etwa so viel Wärme wie ein Schneemann. Die Atmosphäre wurde schlagartig kühl und finster. Zwar hatte ich vorher nie mit meiner Zimmernachbarin gesprochen, aber allein das Wissen, dass ich nicht allein hier war, trötete mich ein wenig. Am liebsten wünschte ich mir einen meiner Freunde vorbei, um die Stille zu überdecken.

Die vielen Tabletten hatten mich gegen Abend müde gemacht, sodass ich ziemlich früh eingeschlafen sein musste. Bis dahin hatte ich von meiner Nachbarin nichts mehr gehört.

Am nächsten Morgen wurde ich wach und blickte in Lucys weitaufgerissene Augen.
   »Wow, hallo Sonnenschein, da bist du ja endlich.« Sie kicherte und schob mir ein Buttercroissant zu. »Das habe ich mehr oder weniger hier reingeschmuggelt. Ich weiß doch, wie schlimm das Essen hier ist.« Verschwörerisch zwinkerte sie mir zu.
   Ich lächelte und dankte ihr dafür, nachdem ich auf den kleinen Tisch mit dem Ekelessen neben mir blickte. Das Essen ließ tatsächlich zu wünschen übrig.
   Als ich an meinem Croissant ein paar kleine Bissen abgeknabbert hatte, sah ich erneut zu dem Vorhang neben mir. »Weißt du, ob die Frau oder das Mädchen wieder da ist? Gestern Abend schien es nicht gut um sie zu stehen. Hast du etwas gehört?«, flüsterte ich.
   Lucy schluckte schwer und tat so, als hätte sie meine Frage nicht verstanden.
   »Lucy?«, fragte ich, um ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen.
   »Ich habe keine Ahnung, was du meinst. Ich kenne sie nicht. Jake und Eve wollten auch gleich vorbeikommen. Was hältst du davon, wenn wir nachher zusammen unten in der Cafeteria ein Eis zusammen essen? Die haben gesagt, dass du mittlerweile ein paar Schritte machen kannst. Außerdem muss dein Kreislauf mal wieder in Gang kommen.«
   Schulterzuckend sah ich sie an. Warum verhielt sie sich so auffällig?
   Jake und Eve traten mit heißem Kaffee in mein Zimmer und strahlten, als sie mich sahen.
   »Endlich bist du wach. Du hast ewig geschlafen. Es ist fast zehn Uhr. Selbst die Schwestern haben dich nicht wach bekommen«, scherzte Eve und nahm sich einen Stuhl.
   »Ich bin von den Tabletten ganz schön kaputt«, gab ich zu und steckte mir erneut ein Stück Croissant in den Mund. Wieder sah ich zu dem grünen Vorhang. »Leute, könnt ihr mir sagen, was mit meiner Zimmernachbarin ist? Lucy tut so, als wüsste sie von nichts, aber ich bin doch nicht doof. Sowieso verhaltet ihr euch alle komisch. Gibt es was, was ihr mir sagen wollt?«
   Die Runde blickte etwas schockiert drein, als ich sie konfrontierte. Aber ich kannte meine Freunde, und ich wusste, wenn sie etwas vor mir verheimlichten.
   »Du solltest dich etwas ausruhen, Mary«, murmelte Eve vor sich hin.
   »Wie könnte ich mich noch mehr ausruhen als jetzt? Ich liege hier herum und mache weniger als nichts. Und ich merke, dass etwas nicht stimmt. Selbst, als ich dich gefragt habe, was mit dem- oder derjenigen beim Unfall passiert ist, Eve, hast du mir keine Antwort gegeben. Also, was ist hier los?« Ich wurde immer wütender, weil ich eh schon genervt war, dass ich aus der letzten Zeit nichts mehr wusste und auch jetzt war ich unwissend. Das ertrug ich einfach nicht länger.
   Alle sahen sich einen Moment lang an und schwiegen.
   »Mary, es ist so«, fing Jake irgendwann leise an zu sprechen, sah mir aber kaum in die Augen, »an dem Unfall war eine Frau beteiligt. Achtundzwanzig Jahre alt. Sie lag direkt neben dir.« Er deutete auf den Vorhang.
   »Ja und jetzt? Geht es ihr gut?« Ich versuchte, mich ein wenig aufzuraffen, und setzte mich aufrecht hin. »Gestern ist irgendwas nicht mit ihr in Ordnung gewesen«, erklärte ich traurig.
   »Sie hatte die rote Ampel übersehen und raste direkt in dich hinein. Sie wurde nach dem Unfall sofort ins künstliche Koma versetzt. Es sah von Anfang an nicht gut aus. Gestern setzte ihr Herz aus und überhaupt waren die Verletzungen zu schlimm. Sie war nicht angeschnallt im Auto und wurde bei dem Aufprall durch die Windschutzscheibe geschleudert.«
   Mein Herz begann zu rasen, und in meinen Augen sammelten sich Tränen. »O mein Gott. Wie geht es ihr?«, fragte ich abermals, und meine Stimme begann zu beben.
   Es blieb eine Weile still.
   »Mary, sie ist gestern Nacht gestorben«, sagte Jake dann leise.
   Wie ein Blitz durchfuhr es meinen Körper. Alles um mich herum drohte, in einzelne Scherben zu zerbrechen. Eine Frau ist durch den Unfall gestorben, in den ich verwickelt war? Tränen rannen mir über das Gesicht und es verschlug mir die Sprache. Zittrig sah ich auf meine Hände. Ich konnte kaum atmen, und in meinem Bauch begann es heftig zu rumoren. Meinen Kopf schien es zu zerreißen. Es war wie ein Traum, aus dem ich unbedingt und unter Qualen aufwachen wollte. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto sicherer war ich mir, dass ich nicht aufwachen würde. Die Frau war tot. Sie lag noch vor ein paar Stunden neben mir. Vor ein paar Tagen spazierte sie vermutlich lächelnd durch die Straßen, und jetzt war sie tot. Und ich war schuld!
   Ich bat meine Freunde nach der furchtbaren Offenbarung, mich fürs Erste allein zu lassen. Ich musste das Ganze erst mal sacken lassen, verdauen und verstehen. Aber ich begriff es einfach nicht. Wie konnte das passieren? Wieso habe ich nicht besser aufgepasst? Wieso habe ich überlebt, aber die Frau nicht? Es waren so viele Fragen, die es noch zu beantworten galt, doch ich konnte mich auf keine konzentrieren. Es war, als würden Tausende von verschiedenen Stimmen auf mich einreden, und ich hatte keine Chance, sie auch nur ansatzweise zu verstehen. Ich vergrub den Kopf in den Händen und betete, dass die Schmerzen bald aufhörten. Die Fragen. Die schlimmen Bilder. Einfach alles. Nachdenklich sackte ich auf mein Kissen zurück und vernahm plötzlich Schritte, die den Raum betraten. Daraufhin erkannte ich einen jungen Mann, der sich nur kurz zeigte, bevor er hinter dem Vorhang verschwand. Vermutlich ihr Freund. Oder ihr Bruder? Ich hatte keine Ahnung, aber irgendwas war schlagartig anders. Ein komisches und mir völlig fremdes und zugleich vertrautes Gefühl überkam mich und ich raffte mich wieder lautlos auf. Unverwandt starrte ich auf den Vorhang, hinter dem es raschelte und sich bewegte. Warum fühlte ich mich so eigenartig?
   Der junge Mann tauchte hinter dem Vorhang auf und blieb einen Moment lang stehen, als er mich sah. Unsere Blicke trafen sich, und mein Herz begann zu rasen. Sein wunderschönes Gesicht erstarrte und schien mich zu durchbohren. Sein Kiefer mahlte und seine Augen leuchteten. Mit einem Karton in der Hand stand er einfach da und sah mich an. Er hielt ihn ganz fest an sich gedrückt, sodass sich seine Arme sichtlich anspannten. Er wirkte traurig. Vom Schmerz zerrissen. Ich versuchte, in seinem Gesicht etwas zu lesen, und erst nach einer gefühlten Ewigkeit erkannte ich, was in seinen Augen so leuchtete. Es war purer Hass.

Kapitel 5

Die warme Luft wehte mir mitten ins Gesicht, und ich war froh, aus dem Krankenhaus entlassen zu sein. Na ja, mehr oder weniger. Wir standen vor Jakes Haus. Ein großes Haus, das von weißem Holz überzogen und von einem wunderschönen und gepflegten Garten umgeben war. Die Veranda war ebenfalls topgepflegt und lud zu schönen Stunden in der Sonne ein. Jake legte immer viel Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild und das nicht nur bei sich selbst. Gerade, wenn es um sein Haus ging, das er vor drei Jahren geerbt hatte, war er besonders penibel. Jake hatte ebenfalls beide Eltern verloren und stark daran zu knabbern, auch wenn er uns das nach außen hin nicht spüren ließ.
   Wahrscheinlich war der Tod seiner Eltern auch einer der Dinge, die mich und Jake eng zusammengeschweißt haben. Einer verstand den anderen auch ohne, dass dieser nur einen Ton zu sagen brauchte. Jake war einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Mein wunderschöner, lustiger und vor allem lieber, bester Freund! Und nun standen wir hier. Die Ärzte meinten, es wäre besser, wenn ich erst einmal bei jemandem unterkommen könnte, solange ich mich nicht nur körperlich, sondern auch psychisch von all dem Schrecken erholt hätte. Auch für meine Erinnerungslücke sei das von Vorteil, da ich, wenn ich zur Ruhe käme, auch meine Erinnerungen zurückerlangen könnte. Und der Doc betonte, dass es eine Weile dauern würde. Wenn überhaupt.
   Zugegeben, mir ging es nicht sonderlich gut. Noch immer taten mir einige Stellen meines Körpers weh, und vor allem mein Kopf machte mir zu schaffen. Doch das Schlimmste war tatsächlich meine Psyche. Ich verkraftete die Tatsache, an einem Unfall, bei dem eine Frau ums Leben kam, beteiligt gewesen zu sein, nicht, und das schien mich innerlich zu zerfressen. Von der Begegnung mit ihrem Freund im Krankenhaus ganz zu schweigen. Immer wieder dachte ich an den Tag und an seinen Blick. Der unbekannte Mann aus dem Krankenhaus, der mich mit dem hasserfülltesten Blick bedachte, wie es vor ihm noch nie jemand getan hatte. Mich grauste es noch immer, wenn ich auf diesen Moment zurückblickte.
   Jake bestand darauf, mich zu ihm zu holen, da das Haus mehr als nur einen Platz zur Verfügung stellte. In meiner kleinen Wohnung wäre mir vermutlich die Decke über dem Kopf zusammengebrochen, obwohl ich meine eigenen vier Wände vermisste und gerade jetzt am meisten bevorzugte. Nachdem ich meine Sachen aus der Wohnung geholt hatte und zu Jake gebracht wurde, fiel mir jeder Meter, den ich mich von zu Hause entfernte, immer schwerer. Am liebsten wollte ich einfach nur für mich sein.
   Jake wohnte am anderen Ende der Stadt in einer ruhigen Gegend. Aber eher eine reiche, ruhige Gegend. Hier war ein Garten gepflegter als der andere und die Nachbarn schienen einen kleinen Wettstreit daraus zu machen, wer nun das schönste und gepflegteste Grundstück besaß. Jake erklärte immer, es sei ihm egal und dass er den kleinen, inoffiziellen Wettstreit nicht über sich ergehen lassen würde. Ich glaubte ihm nicht.
   Wir traten in den großen Flur, der nicht nur sehr hell und freundlich, sondern auch einladend wirkte. Ich kannte dieses Haus schon ewig, aber jetzt betrachtete ich es mit anderen Augen.
   »Komm, ich zeige dir erst mal dein Zimmer«, schlug er vor und hievte meine Taschen nach oben.
   Ich folgte ihm stumm. Schon die ganze Zeit über hatte ich nicht viel gesprochen, denn ein Teil von mir war innerlich am Bröckeln, und der andere Teil wollte einfach nicht hier sein.
   Nachdem wir über die große Treppe den ebenfalls hellen und freundlichen Korridor erreichten, führte mich Jake ans Ende des Flures und ließ mich vor ihm in ein Zimmer eintreten, das wunderschön hergerichtet war.
   »Ich hoffe, es gefällt dir. Hier hast du deine Ruhe und kannst ein bisschen abschalten. Fühle dich wie zu Hause, du weißt ja, du kannst dir nehmen, was du willst«, erklärte Jake freundlich.
   »Danke.« Ich sah mich um. Das Zimmer war ein Traum. Ein großes Himmelbett mit beigefarbener Bettwäsche und einem weißen Himmel. Apricotfarbene Wände ließen den Raum warm und gemütlich wirken, und vor dem großen Erkerfenster, mit Blick auf die ruhige Straße, befand sich eine kuschlige Bank mit Kissen, bei der ich innerlich bereits wusste, dass ich an diesem Platz so einige Momente verbringen würde. Jake hatte wirklich Geschmack oder viel mehr seine Eltern. Er hatte das Haus so von ihnen übernommen und nur ein paar Dinge geändert. Schon seitdem ich das erste Mal dieses Haus betreten hatte, liebte ich es. Hier war einfach alles gemütlich hergerichtet.
   »Gut, ich lass dich dann mal auspacken und ankommen. Ich muss noch mal zur Arbeit und komme gegen Abend wieder«, sagte er und ließ sich nicht von meiner Stille beirren. Er wusste, wie schlecht es mir ging, und er wusste, wie er mit mir umzugehen hatte. Jake blieb in der Tür stehen und sah mich eindringlich an. »Ach, und Mary, du weißt, wo du hinkannst, wenn du reden möchtest. Ich bin da, wenn du mich brauchst. Ich freue mich wahnsinnig, dich hier zu haben. Erstens, weil ich in diesem Haus manchmal etwas eingehe so allein und zweitens, weil ich weiß, dass du nicht allein bist. Wenn also irgendwas ist, komm einfach zu mir, okay?«
   Ich lächelte ihm zu. »Danke, Jake. Danke.«

Es wurde still im Haus. Ich sah mir mein Zimmer genauer an und packte langsam, wenn auch ein bisschen widerwillig, meine Sachen in den Kleiderschrank. Als ich mich im Spiegel daneben sah, hielt ich einen Moment inne. Die Platzwunde am Kopf war noch immer nicht zu übersehen, und eigentlich sollte ich ein Pflaster darüber tragen, aber wie ich festgestellt hatte, nervte es bloß beim Kämmen meiner Haare. Stattdessen cremte ich die Wunde sorgsam ein. Ich dachte mir, dass Luft daran zu lassen sowieso besser wäre, als es immer wieder zu verdecken. In meinem blauen Pulli, der mir bis über die Oberschenkel fiel, wirkte ich mager und eingefallen. Die eineinhalb Wochen Krankenhaus hatten mir ein paar Kilos von den Rippen genommen. Nicht unbedingt eine der schlimmsten Nebenwirkungen. Mein Gesicht wirkte blass und benötigte dringend etwas Farbe. Ebenso meine braunen Augen, die an Leuchtkraft einiges verloren hatten. Auch meine langen Haare hingen wirr an meinem Kopf, und ich wusste, was ich dringender brauchte als nur Ruhe. Eine ausgiebige Dusche. Schnell entfernte ich mich von meinem Spiegelbild.
   Unter der Dusche kam ich zum Nachdenken, und immer wieder erschien mir das Gesicht des jungen Mannes im Krankenhaus. Der Mann, dessen Freundin ich nicht nur genommen, sondern dessen Leben ich zerstört hatte. Ich werde seinen Blick niemals vergessen. Mir schossen die eigenartigsten Bilder vor Augen. Immer wieder sah ich diesen Mann vor mir. Woher kannte ich ihn bloß? Er wirkte für mich wie ein Fremder und dennoch wie ein Freund. Meine Güte, mein Kopf hatte wohl mehr abbekommen als geglaubt.
   Den Rest des Tages verbrachte ich damit, mich einzurichten, ein bisschen zu lesen, ohne wirklich die Wörter in mich aufzunehmen, und gegen Abend schleppte ich mich in die Küche und begann zu kochen. Wenigstens eine Sache, auf die ich noch Lust hatte, und ein kleines Dankeschön an Jake war mehr als notwendig.
   Es war bereits dunkel, als er nach Hause kam. Er sah mich erstaunt an, während er in die Küche trat. »Hey«, rief er überrascht. »Was riecht denn hier so gut?«
   »Ich habe Spaghetti gemacht und einen kleinen Salat. Ich hoffe, das ist in Ordnung, wenn ich …«
   »Ich will nichts hören! Das ist mehr als okay, und ich freue mich, wenn das in Zukunft öfter passiert.« Er lachte. »Ich kenne das gar nicht, nach Hause zu kommen und das Essen steht auf dem Tisch.«
   Mit seiner Uniform sah er einfach gut aus, das musste ich zugeben. Er war Polizist, und solche Männer haben schon immer etwas in mir ausgelöst. Ich stand auf diesen Anblick. Die Tatsache, einen Mann in Uniform vor mir zu haben, machte mich generell schwach.
   Seine dunkelbraunen Haare waren in letzter Zeit sehr lang geworden, sodass er sie sich oft nach hinten frisierte. Ich mochte es. Auch die kleinen Fältchen, die sich langsam unter seinen Augen zu bilden drohten, wenn er lachte, gefielen mir sehr. Mit Anfang dreißig waren sie ihm gestattet. Als ich mich dabei ertappte, wie ich das Starren anfing, wandte ich mich wieder dem Essen zu.
   »Alles gut bei dir?«
   Ich nickte. »Klar, ich bin nur nicht ganz bei mir.«
   »Mhm, ich weiß.« Er deutete auf meine Stirn. »Solltest du nicht lieber ein Pflaster darüber tragen?«
   Instinktiv fasste ich mir an meine Wunde. »Eigentlich schon, aber das Pflaster nervt nur. Ich bin sowieso nur hier drinnen, und ein bisschen Luft daran zu lassen, schadet mit Sicherheit nicht.«
   »Gehe damit nicht zu fahrlässig um«, riet er mir und bekam schon wieder diesen überfürsorglichen Unterton in seiner Stimme.
   Eilig schüttelte ich den Kopf. »Werde ich nicht, Jake. Zum Schlafen mache ich es wieder drauf. Aber wenn ich hier umherirre, kann ich es ablassen. Ich creme es auch immer fleißig ein. Versprochen.«
   Jake nickte zufrieden. »Ich ziehe mir eben was anderes an und komme dann zum Essen, in Ordnung?«
   »Alles klar«, antwortete ich und deckte den Küchentresen, an dem wir schon so oft gegessen, stundenlang Wein getrunken und einfach nur geredet hatten. Die weiße Holzküche und der große Tresen in der Mitte waren schon immer unser Lieblingsbereich in diesem Haus gewesen.

Jake hatte sich normale Kleidung angezogen. Jetzt saß er mit einer ausgewaschenen Jeans und einem weißen Shirt da und genoss mein Essen.
   »Und? Konntest du dich ein bisschen einleben? Findest du dich zurecht?«, fragte er mich.
   Ich schaute auf meinem Teller und nickte leicht. »Ja, es ist alles super hier. Danke, dass ich erst mal hier sein darf.«
   »Aber?«
   »Nichts aber«, entgegnete ich und trank einen Schluck Wasser. Seinen Blicken wich ich gekonnt aus.
   Jake sah mich eindringlich an. »Ich kenne dich seit so langer Zeit. Und ich weiß, was du gerade durchmachst und wie es dir geht. Wenn dir etwas nicht passt, hast du diesen leicht irren Blick. Also sag schon, was stört dich?«
   »Es ist nur … Ehrlich gesagt weiß ich es auch nicht so recht. Einerseits bin ich froh und auch dankbar, hier zu sein«, ich machte eine Pause und begann, wahllos in meinem Essen zu stochern, »und andererseits wäre ich einfach nur froh, mich irgendwo vergraben und zurückziehen zu können. Nachdenken, hinterfragen und vielleicht auch verstehen, was los ist. Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist, nicht zu wissen, was ich in der letzten Zeit gesagt oder auch getan habe.«
   »Und du weißt wirklich nichts mehr?«, hakte er noch einmal nach und schob sich ein paar aufgerollte Nudeln in den Mund.
   Ich schüttelte traurig den Kopf. »Nein, nichts. Wie ein Filmriss nach einer durchzechten Nacht. Es ist einfach alles weg. Egal, wie sehr ich mich anstrenge. Da ist nichts«, erklärte ich wehmütig und sah ihn von unten herauf an. Er wirkte mit einem Mal nachdenklich und widmete sich still seinem Teller. Meinen Blick erwiderte er nicht.
   »Na ja, und dann noch die Tatsache mit dem Unfall. Dass Lia gestorben ist.« Lia war der Name der Frau, die mit in den Unfall verwickelt war. Im Krankenhaus hatte man mir ihren Namen genannt, nachdem ich darauf bestanden hatte, ihn zu erfahren.
   »Ich kann mir vorstellen, dass das schlimm für dich ist, aber hör auf, dir die Schuld daran zu geben. Du hast keine Schuld, sondern sie.« Jake legte sein Besteck weg und wirkte mit einem Mal sehr ernst. Die Leichtigkeit, mit der er immer mit mir sprach, war wie weggeblasen.
   »Allerdings hätte ich auch einfach etwas aufpassen können, und nicht wie eine Irre aufs Gas treten, was ich ja scheinbar getan haben muss, sonst hätte ich Lia ja noch rechtzeitig erkannt«, rechtfertigte ich mich. Bei jedem Wort wurde ich lauter und legte Wert darauf, dass er es auch verstand. Ich musste das aussprechen. Ich musste das laut sagen, damit ich nicht vergaß, was ich getan hatte. Die geringste Strafe, obwohl ich mehr verdient hatte, denn ich durfte ja schließlich weiterleben. Lia nicht.
   »Jeder sagt dir, dass du keine Schuld hast, und es bringt nichts, noch darüber nachzudenken. Mary, du hast genug gelitten. Komm zur Ruhe. Werde gesund und hör auf, dich in einem Gedanken zu verrennen, der völlig falsch ist.«
   »Tut mir leid, aber du verstehst das einfach nicht.« In mir brodelte es, und ich wusste, wenn ich nicht verschwand, dann würde ich Dinge sagen, die mir später nur leidtäten. Meine Zündschnur war ohnehin schon sehr kurz. Nur noch ein falsches Wort, und ich würde explodieren. Er hatte keine Ahnung, also konnte er nicht mitsprechen und irgendeine Strafe musste ich davontragen. So viel war ich Lia schuldig.
   »Ich habe keinen Hunger mehr. Ich gehe auf mein Zimmer«, sagte ich knapp, tupfte meinen Mund an einer Serviette ab, schmiss sie auf den kaum angerührten Teller und stand schwungvoll vom Hocker auf. Leider tat diese Bewegung besonders weh, da sich meine Prellungen nach wie vor bemerkbar machten, aber das durfte ich mir auf keinen Fall anmerken lassen. Ein Abgang mit Würde musste schon drin sein.
   Als ich die Küche verließ, hörte ich Jake noch versöhnlich meinen Namen sagen, aber ich ignorierte das und verschwand mit Tränen in den Augen auf mein Zimmer.

Kapitel 6

Die nächsten Tage waren alle gleich. Ich sorgte im Haus für Ordnung, machte abends das Essen und verbrachte viel Zeit allein. Über das Gespräch an dem ersten Abend hier in Jakes Haus, hatten wir kein Wort mehr verloren. Eve besuchte mich, sofern sie konnte, und auch Lucy war hin und wieder dabei, aber da alle arbeiteten, hatte kaum jemand Zeit. Insgeheim war ich froh, wenn ich meine Ruhe und somit Zeit zum Grübeln hatte. So verbrachte ich die langen, sonnigen Tage auf der Veranda mit einem Buch in der Hand. Körperlich ging es mir von Tag zu Tag besser, die Wunde an meinem Kopf heilte allmählich und die Prellungen schmerzten auch immer weniger. Doch innerlich herrschte das reinste Chaos. Ich träumte von diesem Mann aus dem Krankenhaus. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass er ein Teil von mir und meinem Leben war, aber es gab keinen Platz für ihn. Wo kam er her? Warum hatte ich ihn so deutlich vor Augen? Seinen Gesichtsausdruck, als er mich im Krankenhaus angesehen hatte, würde ich so schnell nicht vergessen.
   Ich lehnte mich etwas zurück, ließ mich von der warmen Luft berieseln und blickte verträumt auf die Straße. Wenn ich weiter hierbleiben würde, würde ich bestimmt verrückt werden. Auch wenn ich froh war, für mich zu sein, benötigte ich dringend eine Aufgabe. Ein Ziel, das ich verfolgen konnte. Ich dachte an die Uni. Was, wenn ich wieder in die Uni gehen würde? Mich ablenken und in Bücher abtauchen. Meine Freunde wiedersehen. Mein Arzt sagte zwar, ich solle warten, aber ein paar Vorlesungen würden ja nicht schaden. Nur die wichtigsten vielleicht. Journalismus war kein leichter Studiengang und manchmal hing ich wirklich hinterher. Ich hatte es also bitter nötig, in die Uni zu gehen, redete ich mir ein. Wild entschlossen klappte ich das Buch zu und schmiss es auf den kleinen Holztisch neben mir. Kurz darauf verschwand ich im Haus. Euphorisch kramte ich im Schrank und zog mir ausgehfähige Sachen an. Einen schwarzen Pulli und eine lockere Jeans. Anschließend band ich mir meine Haare zu einem Pferdeschwanz und schlüpfte in meine Sneaker. Am Garderobenspiegel unten im Flur blieb ich kurz hängen und betrachtete mich einen Moment. Ja, so konnte ich tatsächlich das Haus verlassen.
   Ich schlenderte die Straßen entlang und suchte gar nicht erst nach einem Bus. Ich wollte zu Fuß gehen. Lange unterwegs sein. Die Luft in mich einsaugen und versuchen, mich abzulenken. Mich auf den Weg in die Uni machen. Ein Stück weit auf den Weg in mein normales Leben und nur für einen Moment nicht grübeln.
   Gedankenversunken tigerte ich durch die Straßen und je länger ich ging, desto weniger vertraut wurde mir die Umgebung. Hier war ich noch nie gewesen. Eine gut befahrene Straße mit vielen Büros und Gebäuden, die nicht für die Normalverdiener bestimmt waren. Schönheitspraxen, Friseursalons, bei dem ich fürs Haarewaschen locker ein halbes Vermögen hinlegen müsste und außerdem Anwälte für reiche Leute. Interessiert sah ich von der einen Straßenseite zur anderen, bis ich plötzlich vor einem etwas kleineren Gebäude stehen blieb. Ich wusste nicht woher, aber ich wusste, dass ich es kannte. Wie so oft in letzter Zeit wirkte etwas fremd und doch so vertraut. Ich blickte durch die großen Fenster, sah aber nur ein paar Schreibtische und zwei Leute, die an ihnen saßen und am PC arbeiteten. Neugierig ging ich zur Eingangstür und fand heraus, dass es sich um ein Immobilienmaklerbüro handelte. Aber was sollte ich hier? Ich kannte schließlich keinen Immobilienmakler.
   Auch wenn ich es für falsch empfand, drückte ich gegen die Tür und trat in die leisen Büroräume ein. Eine kleine Glocke über der Tür läutete leise. Vermutlich das einzig Unmoderne hier in diesem Laden. Eine drückende Stille umgab mich, und ich schien mich auszukennen, als ich auf den leeren Schreibtisch zusteuerte. Ich kannte diesen Platz, doch woher? Es war wie ein Déjà-vu. Ich sah mich weiter in dem sterilen Raum um, nickte den beiden arbeitenden Männern freundlich zu und deutete unbewusst auf den Schreibtisch neben mir, um ihnen klar zu machen, dass ich schon bedient wurde. Sie ließen von mir ab und widmeten sich ihren PCs und Unterlagen. Unauffällig sah ich mir die angebotenen Immobilien auf einer Anzeigetafel an, als ich merkte, wie jemand in meine Richtung kam. Ich drehte mich um und spürte ein Stechen in der Brust. Innerlich sackte ich zusammen und wich einen kleinen Schritt nach hinten. Dann blieb er stehen und ließ beinahe die Mappe fallen, die er in den Händen hielt. Jetzt fiel es mir wieder ein. »Daniel«, hauchte ich.
   Sein Gesicht verhärtete sich. Und genau wie im Krankenhaus mahlte sein Kiefer. Die Wut stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Es war der gleiche Blick, wie ich ihn bereits kennengelernt hatte. Der Mann, dessen Leben ich ruiniert habe.
   »Verdammt, was willst du denn hier?«, fragte er leise und kam einen Schritt auf mich zu. Er sah flüchtig zu seinen Kollegen, die ihn aber kaum wahrnahmen. Er packte mich unsanft am Arm und zog mich in eine ruhigere Ecke.
   »Ich … ich weiß nicht«, stotterte ich und hätte mich gleichzeitig ohrfeigen können. Genau, was wollte ich hier eigentlich?
   »Ich denke, du weißt, dass ein Besuch hier völlig unpassend ist.« Seine Augen leuchteten, und er schien aufgebracht.
   Ich konnte es verstehen. »Tut mir leid. Ich … ich hätte nicht herkommen dürfen«, murmelte ich verlegen und zwang mich zu gehen.
   »Das denke ich allerdings auch. Ich will dich hier nicht noch einmal sehen«, presste er angespannt hervor und ließ mich schließlich los.
   »Tut mir leid«, sagte ich erneut und verließ mit gesenktem Kopf eilig das Büro.
   Erst draußen konnte ich wieder atmen und ging eilig die Straße hinunter, wieder zurück. Hauptsache weit weg. Von hier. Von ihm. Von Daniel.

Endlich erreichte ich Jakes Haus. Meine Augen waren inzwischen feuerrot und ich schluchzte wie ein kleines Mädchen. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Seine wütende Stimme schien mich zu verfolgen, und so begleitete sie mich den ganzen Weg zurück. Daniel. Ich kannte seinen Namen. Plötzlich fiel er mir ein. Aber ich kannte doch gar keinen Daniel. Jedenfalls nicht in der Zeit, an die ich mich erinnern konnte. Es war alles so merkwürdig. Wieso wusste ich, dass er in diesem Büro war, obwohl ich es eigentlich überhaupt nicht hätte wissen können? Woher kannte ich bloß diesen Namen? Im Krankenhaus wusste ich ihn noch nicht. Hatte mir jemand den Namen mitgeteilt, und ich hatte es nur wieder vergessen? Wenn ja, konnte ich mich auch daran nicht mehr erinnern.
   Wie ein scheuer Hund flüchtete ich mich in das Haus und eilte auf mein Zimmer. Ich brauchte Ruhe. Ganz viel Ruhe, ehe ich noch völlig verrückt wurde.

Als ich meine Augen wieder aufschlug, fand ich mich auf meinem Bett wieder. Es war bereits dunkel draußen und die Straßenleuchten ließen etwas Licht in das Zimmer scheinen. Ich musste den ganzen Nachmittag über verschlafen haben. Langsam und kraftlos raffte ich mich auf und schaltete das Nachttischlicht an. Nach einem Blick in den Spiegel ärgerte ich mich, dass ich es überhaupt gewagt hatte hineinzusehen, denn ich sah schrecklich aus. Meine Augen waren noch immer dick und rot, und überhaupt stand mir der Kummer buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Als ich das Zimmer verließ, vernahm ich Geräusche, die aus dem Wohnzimmer stammten. Jake schien schon zu Hause zu sein. Ich tapste leise die Treppe runter und warf einen Blick in das große Wohnzimmer, das vom Fernseher und von einer kleinen Lampe neben der Couch beleuchtet wurde. Mit dem Rücken zu mir erkannte ich Jake, der es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht hatte und sich seine Lieblingsserie ansah. Um mich anzukündigen, räusperte ich mich kurz.
   Jake drehte sich überrascht um. »Oh, hey Mary, du bist wach.«
   »Ja, ich bin eingeschlafen. Tut mir leid, sonst hätte ich was zu essen gemacht für dich.«
   »Kein Problem. Ab morgen dann gern wieder.« Er lachte und entlockte mir ebenfalls ein Lächeln. »Setz dich.« Er deutete mir, mich neben ihn zu setzen, doch als er mein Gesicht genauer betrachtete, fiel ihm auf, dass etwas nicht in Ordnung war. »Verdammt, Mary, was ist los?«
   Ich ließ mich neben ihm auf die Couch sacken und zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Hatte nur eine kleine Depri-Phase.«
   »Und geht’s dir jetzt besser?«
   »Ja, denke schon.« Ich vernahm sein leichtes Seufzen und erwiderte freundlich seinen Blick.
   »Was hast du denn heute so gemacht?«, wollte er dann wissen, um die Stimmung aufzuheitern.
   »Ach, nichts Besonderes. Hab aufgeräumt, gelesen, wollte zur Uni.« Das mit der Uni fügte ich leise und etwas zu schnell hinzu.
   »Stopp! Was meinst du mit Uni? Der Arzt hat doch gesagt, dass es besser ist, wenn du erst mal zur Ruhe kommst und dich nicht gleich auf die Uni stürzt«, schalt er mich und ich merkte sofort, dass er sich aufregte.
   Ich konnte mich auf eine lange Diskussion gefasst machen. »Allerdings bin ich seit vier Tagen hier. Mir fällt die Decke auf den Kopf, und insgesamt war ich seit zwei Wochen nicht in der Uni. Ich verpasse alles. Außerdem wollte ich nur ein paar wichtige Vorlesungen mitnehmen. Die, bei denen ich sowieso Schwierigkeiten habe. Ich hätte mit meinen Profs gesprochen und das mit ihnen geklärt.« Mir war klar, dass ich mich zu rechtfertigen begann, aber bei Jake passierte mir das oft.
   »Ich denke nur, es ist vielleicht etwas zu früh. Ich mache mir nur Sorgen um dich«, erklärte er ruhiger und rieb sich die Stirn.
   »Das weiß ich, aber versteh mich doch. Es ist todlangweilig hier. Nichts gegen das Haus, es ist echt toll hier, aber ich bin nun mal den ganzen Tag allein, und du kennst mich, ich brauche eine Aufgabe. Lass mich wenigstens eine gewisse Zeit nur die wichtigsten Vorlesungen besuchen. Ehrlich, ich lasse es sofort sein, wenn ich merke, dass es zu viel wird.« Allmählich bekam ich das Gefühl, wieder ein kleines Kind zu sein, da ich merkte, wie ich um Erlaubnis bat.
   Jake atmete jedoch angespannt aus und nickte schließlich. »Also gut. Mach, was du willst. Du lässt ja doch nicht locker. Wenn du willst, fahre ich dich hin, dann musst du erst mal nicht selbst fahren, was du ja sowieso noch nicht darfst«, bot er an. Er war gar nicht glücklich damit und schaute angespannt auf den Fernseher.
   »Hab eh kein Auto«, gab ich nur knapp von mir, da er es scheinbar schon wieder vergessen hatte.
   Daraufhin nickte er nur. »Eine andere Sache«, begann er und wirkte etwas lockerer. »Wo wir schon dabei sind, dass du dich ablenken möchtest und du ja so viel allein bist … Morgen steigt eine Party bei Larry, und wir würden gern alle hingehen. Wie wäre es, wenn du mitkommst. Wer in die Uni gehen kann, der darf sich auch amüsieren. Und wenn dir hier so langweilig ist, dann würde ich dich gern dabeihaben. Wir müssen auch nicht lange bleiben.« Seine Augen leuchteten vor Freude.
   Larrys Hauspartys waren legendär, wenn man das so sagen konnte. Ein großes Haus mit Pool und allem, was dazugehörte. Wenn er eine Party schmiss, blieben keine Wünsche offen. Unzählig viele Leute erschienen bei seinen Partys und jeder sprach davon. Sogar noch Wochen danach. Jake war ein guter Freund von Larry, und vor ein paar Jahren hatte er angefangen, Eve, Lucy und mich mit zu den Partys zu nehmen. Sie waren schlichtweg genial. Aber dieses Mal war mir nicht nach Feiern zumute.
   »Jake, tut mir leid, aber ich denke nicht …«
   »Keine Widerrede! Du musst«, konterte er entschieden.
   »Aber ich …«
   »Du musst dich ablenken. Das sagtest du ja eben bereits.«
   Ich seufzte verzweifelt.
   »Hey, keine Sorge.« Er hob mein Kinn an und sah mir in die Augen. »Sobald du weg möchtest, gehen wir. In Ordnung? Du musst nur rufen, dann bin ich da. Es sei denn, ich liege gerade mit irgendeiner Paris Hilton auf einem der Zimmer, dann …«
   »Paris Hilton? Scheiße, du hast noch immer keinen Geschmack oder?« Ich lachte schließlich.
   »Glaub mir, Süße, ich habe den guten Frauen-Geschmack erfunden.«

Es war so weit. Die Party stand an und ich fühlte mich weder bereit dazu noch hatte ich das passende Outfit gefunden. Ich entschied mich für eine Jeans und eine rot-blau karierte Bluse. Mehr gab meine Kreativität einfach nicht her. Ich kämmte mir meine Haare und trug sie schlicht offen. Etwas Make-up half, um nicht so schrecklich blass auszusehen. Auch meine Wunde an der Stirn, konnte ich mittlerweile gut verdecken. Ich war ganz zufrieden mit meinem Look, als es auch schon unten an der Tür klingelte. Eve und Lucy waren da. Mit einem Lächeln machte ich mich auf den Weg nach unten. Vielleicht tat mir Abwechslung doch ganz gut, und ich wusste, dass sich Jake darüber freuen würde, wenn ich dabei wäre. Er hatte immerhin schon genug für mich getan. Jetzt war ich dran.
   »Süße«, kreischte Eve, als sie mich an der Treppe sah und drückte mich, ohne Rücksicht auf körperliche Verluste, fest an sich. »Gott, bin ich froh, dass du mitkommst. Ich hätte dich dort hingetreten, wärst du nicht …«
   »Schon gut, ich bin ja dabei!« Ich hob resigniert die Hände, und machte einen Schritt auf Lucy zu, die etwas ruhiger, aber mit einem großen Lächeln im Gesicht auf mich zukam.
   »Freut mich. Toll, dass du dabei bist«, sagte sie, und wir gingen in die Küche.
   Als wir alle am Tresen saßen und Jake schließlich umgezogen zu uns stieß, merkte ich, wie alle unauffällig große Augen machten. Ich ertappte mich selbst dabei. Er sah umwerfend aus. Mit einem blauen Hemd und seiner schwarzen Jeans, wirkte er einfach … toll. Es gab kaum ein passenderes Wort. Innerlich verpasste ich mir eine dicke Backpfeife, sodass es beinahe in Wirklichkeit wehtat. Warum sah ich ihn immer in letzter Zeit so an? Das habe ich doch nie getan.
   »Hey Mary! Bist du noch da?«, durchbrach Eve meine Gedanken.
   Erschrocken blickte ich in die Runde. »Bitte was?«
   »Ob du trinken darfst oder Tabletten nimmst, wollte ich wissen.«
   »Ach so, nein … also … ich nehme seit gestern keine …« Ich hatte es noch nicht einmal ausgesprochen, da hielt sie mir schon ein Glas Sekt unter die Nase.
   »Damit du mal wieder locker wirst«, fügte sie beiläufig hinzu.
   Wir stießen an, und die Gläser leerten und füllten sich und die Stimmung wurde ausgelassener. Inzwischen hatte ich Lust, mal wieder unter Leute zu kommen. Irgendwann machten wir uns auf den Weg zu Larrys großer Party.

Wir standen vor dem Riesenhaus, und mir brannte es unter den Fingern, endlich einzutreten. Schon draußen waren einige Leute, die sich locker unterhielten. Der perfekte Vorgarten wurde mit Außenleuchten bestrahlt, sodass er noch pompöser wirkte. Das Haus leuchtete in all seiner Pracht und man konnte bereits den Bass der Musik, gemischt mit Gelächter und Geschrei, von der Straße aus hören.
   »Mal sehen, wen ich heute alles mit nach Hause nehme.« Lucy rieb sich die Finger.
   »Ey, du Flittchen, mach mal halblang.« Eve lachte, und sie rannten bereits vor.
   Grinsend gingen Jake und ich hinterher und kurz vor der Tür wandte er sich mir noch einmal zu und legte seine Hand auf meine Schulter. »Du weißt, wenn du nach Hause willst, sagst du Bescheid. In Ordnung?«
   Ich nickte. »Nun los, ich will sehen, wenn Lucy jeden mitnimmt, der nicht bei drei auf ’nem Baum geflüchtet ist«, sagte ich.
   Es war die Party überhaupt. Laute Musik. Bunte Lichter. Überall lagen rote Becher verstreut, und es tummelten sich in diesem Haus so viele Leute, dass ich sie nicht alle hätte zählen können. Es war wild und laut. Eben eine von Larrys typischen Hauspartys.
   Larry kam uns in einem grässlichen Hawaiihemd und einer Sonnenbrille entgegen. »Hey!« Er drückte mich und Jake an sich und strahlte. Allerdings mehr vom Alkohol als vor Freude. »Da sind ja meine Lieblingsgäste! Ich hoffe, euch geht es gut. Bedient euch. Nehmt euch wen oder was ihr wollt.«
   »Danke.«
   Jake sah mich erschrocken an und ich wusste, dass Larry ihm gerade genauso unangenehm war wie mir. Larry hatte im Gegensatz zu uns schon längst seinen Alkoholpegel erreicht. Dann verschwand er auch schon wieder mit dem gleichen »Hey«, als er neue Gäste hinter uns eintreten sah.
   »Gut, dann wollen wir mal«, nuschelte Jake.
   Während Lucy einem Typen nach dem anderen herjagte und Eve versuchte, sie daran zu hindern, hielt ich mich ein wenig zurück. Ich platzierte mich zwischen all den Leuten in die offene Küche und lehnte an einem der Tresen. Von der Küche aus konnte ich fast die ganze Party überblicken, da sie selbstverständlich ausladend groß war und sich dem noch größeren Wohnzimmer anschloss. Die Musik dröhnte von allen Seiten, und die Menschen waren super drauf. Viele Leute, die ich kannte, aber auch leider zu viele, die mich kannten. Instinktiv schob ich meine Haare weiter vor meine Wunde, damit sie nicht jeder begaffen konnte. Immer wieder hatte ich das Gefühl, unangenehme Blicke auf mir zu spüren.
   »Das bildest du dir nur ein«, versprach mir Jake, nachdem ich über mein unwohles Gefühl klagte. »Hab mal ein bisschen Spaß. Amüsiere dich.«
   Lachend rollte ich mit den Augen und nahm einen tiefen Schluck aus meinem Becher. Als ich mich umblickte, fiel mir eine blonde Frau auf. Oder eher gesagt eine sehr junge Frau. Vielleicht Anfang zwanzig. Ich mit meinen fünfundzwanzig Jahren war nicht viel älter, aber der Unterschied zwischen uns fühlte sich gewaltig an. Lange, blonde Haare. Falsche Wimpern und ein viel zu kurzer Rock oder eher Gürtel. Hirn? Kaum vorstellbar. Gut im Bett? Ganz sicher! Zwinkernd stand sie da und versank buchstäblich in Jakes Anblick.
   »Jake, ich glaube, ich habe deine persönliche Paris Hilton gefunden.« Ich deutete auf sie und Jake begann hämisch zu grinsen, als er sie erblickte.
   »Sieh mal einer an.«
   »Hey, die ist locker zehn Jahre jünger als du«, erinnerte ich ihn, doch er zuckte nur mit den Achseln.
   »Ich verspreche dir, dass wenn etwas passieren sollte, ich sie vorher nach ihrem Ausweis fragen werde«, versicherte er mir und rückte sich sein Hemd zurecht. »Du entschuldigst mich.«
   »Nun hau schon ab, Tiger.« Ich lachte und gab ihm einen Stoß.
   Das kleine Blondchen begann hektisch zu grinsen und schien gleichzeitig überrascht von Jakes Entschlossenheit zu sein. Im Geiste prostete ich ihr zu und sah mich weiter um. Draußen am Pool war die Hölle los, und der Garten war nur so überfüllt von flirtenden, betrunkenen und lustigen Menschen. Plötzlich fiel mir ein ganz bestimmter Mensch ins Auge. Die breiten Schultern und die braunen Haare kannte ich. Die ganze Person wirkte so vertraut, und als sie sich zur Seite drehte ließ ich beinahe meinen Becher fallen. »Daniel«, hauchte ich und blickte mehr auffällig als unauffällig zur Seite. Auch er stand allein in einer Ecke und seine Augen sprachen Bände. Sie verrieten, dass er genauso wenig Lust auf Feiern hatte wie ich, aber er schien ebenfalls Opfer der Überredungskünste seiner Freunde gewesen zu sein. In meinem Kopf ratterte es wie in einem Uhrwerk. Sollte ich zu ihm gehen? Sollte ich es lassen?
   Ich trank meinen Becher leer und riss einer Frau, die betrunken an mir vorbeistolzierte, die Sektflasche aus der Hand und füllte mir eilig nach. Den Becher trank ich schneller leer, als dass die betrunkene Frau reagieren konnte und so schlug ich sie mit nur einem bösen oder eher irren Blick in die Flucht. Ich schaute wieder unauffällig zu Daniel, der sich sichtlich unwohl fühlte. Mir schossen die verworrensten Bilder durch den Kopf. Ich sah ihn lachend vor mir. Nicht deutlich und nur kleine Ausschnitte, aber ich kannte ihn. Da war ich mir mittlerweile sicher. Allerdings wusste ich noch nicht, woher. Wenn er in meinen Gedanken lachte, konnte ich schwören, dass er der schönste Mann auf der ganzen Welt war. Ausgelassen, fröhlich, tiefe Grübchen und volle Lippen. Leuchtende Augen und eine strahlende Haut. Einfach umwerfend. Ich rieb mir kurz die Augen und versuchte, die Bilder beiseitezuschieben. Mahnend schüttelte ich den Kopf, um wieder bei klarem Verstand zu sein, da entdeckte er mich. Mein Herz schien stehen zu bleiben. Mein Bauch kribbelte. Ich wusste nicht warum. Vor Angst? Vor Scham? Vor Reue? Es hätte alles sein können. Seine Augen signalisierten, was in seinem Kopf gerade vorging. Abscheu!
   Er wandte sich ab und verschwand aus meiner Sichtweite. Mist! Sollte ich hinterher? Oder ihn einfach in Ruhe lassen? Nachdem ich bereits die Wirkung des Alkohols spürte, stellte ich meinen Becher ab und knabberte nachdenklich an meiner Lippe. Ich musste es tun. Was auch immer mich geritten hatte, ich wollte zu ihm.
   Ungeschickt schlich ich mich von hinten an ihn heran. Er drehte sich um, und sah mich erschrocken an, als ich ihm gerade auf die Schulter tippen wollte. Eilig nahm ich meine Hand weg und schaute ihn mit heißen Wangen an.
   »’Tschuldige«, stieß ich kleinlaut hervor, »ich wollte dich nicht erschrecken, aber ich …«
   »Wird das jetzt ein krankes Psychospiel von dir? Verfolgst du mich etwa?« Seine Stimme bebte und seine Augen warfen mir eiskalte Blitze entgegen.
   Hastig schüttelte ich den Kopf und wich einen Schritt zurück. »Daniel …, ich …, es tut mir leid.«
   »Scheiße, woher kennst du überhaupt meinen Namen?« Daniel sah sich einen Moment um. Er machte kein Geheimnis draus, dass ihm meine Gegenwart unangenehm war.
   »Ich weiß es nicht«, flüsterte ich und meine Augen begannen zu brennen. Was, zum Henker, tat ich hier eigentlich?
   »Das ist ja alles schon schlimm genug. Erst der Unfall, dann ist meine Freundin gestorben und jetzt verfolgst du mich auch noch. Ist nicht schon genug passiert? Reicht das nicht?« Auf seiner Stirn machte sich eine Ader bemerkbar, und sein Gesicht lief rot an. Er war stocksauer.
   Ich wich einen weiteren Schritt zurück, immer sicherer zu wissen, dass das hier definitiv nicht die richtige Entscheidung gewesen war.
   »Jetzt fällt dir auf einmal nichts mehr ein! Scheiße, hättest du nicht einfach bei dem Unfall sterben können?«, fragte er und ließ mich stehen.
   Um mich herum wurde alles still. Die Leute um uns hatten schon längst alles mitbekommen. Mir war das nicht einmal aufgefallen. Meine Beine zitterten, und mein Körper fühlte sich schwer und zerbrochen an. In jeder Sekunde dachte ich, den Halt zu verlieren. Meine Wunde begann zu pochen. Ich konnte mich nicht mehr rühren. Seine Worte trafen mich wie ein Schwert und zerschnitten in mir alles, was nach dem Unfall halbwegs wieder in Ordnung gekommen war. Ich hatte das Gefühl, gerade erst wieder von Lias Tod erfahren zu haben. Meine Lippen bebten und die Blicke der Leute prasselten auf mich herab wie schwere Steine. Daniel verschwand in der Masse.
   Wie aus dem Nichts hörte ich hinter mir eine vertraute Stimme. Je näher sie kam, desto klarer wurde sie. Langsam kam ich aus dem Strudel, der mich in eine andere Welt gesogen hatte, heraus und war wieder in der Realität angekommen.
   »Leute, es gibt nichts zu sehen!« Jake bahnte sich seinen Weg zu mir und berührte meinen Arm. »Ich denke, es ist besser, wenn wir einen Abflug machen«, flüsterte er mir ins Ohr und zog mich mit sich.

Wir gingen schweigend nebeneinander her, als wir die dunklen Straßen durchquerten. Jake hatte seine Hände tief in die Hosentaschen vergraben und sagte kein Wort. Meine Augen hefteten auf dem Gehweg, und auch ich bekam keinen Ton raus. Wie ein schlechter Song spielten Daniels Worte eine ekelhafte Melodie in meinen Ohren ab. Ein Ohrwurm, der sich durch meinen Kopf fraß. Ich bekam ihn nicht mehr weg. Hättest du nicht einfach bei dem Unfall sterben können?
   »Mary, hallo?«
   Jake riss mich aus meinen Gedanken. »Was?«
   »Was du dir dabei gedacht hast, habe ich dich gefragt. Das war das Dümmste, was du machen konntest. Der ist noch nicht darüber hinweg. Ist doch klar, dass du für ihn der Sündenbock bist. Wir wissen alle, dass du keine Schuld an dem Unfall trägst, aber er weiß das nicht. Er will das jedenfalls nicht wahrhaben. Natürlich gibt er nicht freiwillig zu, dass Lia die rote Ampel übersehen hat. Also bist du die Böse in seinen Augen. Du musst ihm Zeit geben und ihn nicht auf irgendeiner Party ansprechen. Woher kanntet ihr euch überhaupt?« Jake hatte mal wieder die Standpauken-Stimme ausgepackt, und ich rollte mit den Augen.
   »Ich weiß es nicht.«
   »Na, das hörte sich aber anders an. Was meinte er damit, dass du ihn verfolgen würdest?«
   »Weiß ich nicht«, gab ich zickig zurück. Niemals konnte ich Jake sagen, dass ich bereits in seinem Büro zu Besuch gewesen war und er mich hochkant hinausgeschmissen hatte. »Wie hast du das eigentlich hören können?« Ich blickte nach oben und beobachtete eine flackernde Straßenleuchte.
   »Mary, alle, die um euch herumstanden, haben es gehört.«
   »Scheiße«, murmelte ich und trat einen Stein vor mir beiseite.
   »Vielleicht war es doch noch zu früh für dich, vor die Tür zu gehen.«
   Ich blitzte ihn an. »Auf wessen Seite stehst du eigentlich? Verdammt noch mal, du redest, als wäre ich eine Irre, die auf irgendwelche Leute losgeht und ihnen das Leben zur Hölle macht. Solltest du nicht zu mir stehen? Und dich nicht so aufführen, als wärst du mein Vater? Fuck, ich dachte, du wärst mein bester Freund, aber in letzter Zeit bist du einfach ein Spießer, der glaubt, immer zu wissen, was das Beste für mich ist. Woher ich ihn kenne, willst du wissen? Ich weiß es nicht. Überraschung! Ich weiß es nicht! Wie so Einiges in letzter Zeit, und ich kann mich nur wiederholen: Ich weiß es nicht! Vermutlich im Moment einer meiner häufigsten Antworten!«
   Ich fuchtelte wie wild mit meinen Armen, um jedes Wort zu untermalen, das aus mir rausplatzte. Aus einem Gebüsch neben uns flüchtete eilig ein Vogel und schoss gen Himmel. Ich war sauer. Extrem sauer. Sauer auf Daniel, für die Worte, die er ausgesprochen hat. Sauer auf die Leute, die einfach gelauscht haben. Sauer auf Jake, der sich wie ein Heiliger aufspielte, und vor allem war ich sauer auf mich, weil ich mich dagegen wie ein Idiot verhielt.
   Daniel hatte recht. Hätte ich nicht einfach bei dem Unfall sterben können?

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