Maike ist unzufrieden, ihr Beruf als Erzieherin macht sie nicht glücklich, und ihr Verlobter Luka ist ein Arsch. Alles ändert sich, als sie mit ihrer Freundin eine Schiffsreise unternimmt. Das Tagebuch, das sie in ihrer Kabine findet, gibt ihr den Startschuss in ein neues, aufregendes Leben. Wem gehört das mysteriöse Tagebuch, und hat es etwas mit der Frau zu tun, die Selbstmord begangen haben soll? Maikes Neugier ist geweckt. Obwohl sie überhaupt keine Ahnung hat, wie man Kriminalfälle löst, muss sie die Geschehnisse einfach aufklären. Was ist wirklich auf dem Schiff passiert? Und worin verstrickt sie sich bei der Suche nach der Wahrheit?

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ISBN: 978-9963-53-658-0

Seiten: 229

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Katharina E. Georgi

Katharina Georgi, geboren 1966 in Baden-Württemberg. Seit ihrem dritten Lebensjahr wohnt sie in Fürth im Odenwald. Sie ist ein Odenwälder Mädel und genau so ist ihr auch der Schnabel gewachsen. In Fürth ist sie zur Schule gegangen, lebt und arbeitet dort als Autorin. Seit 2010 schreibt sie an mehreren Büchern, die sie im Laufe der Zeit veröffentlichen möchte. Hauptsächlich schreibt Katharina Krimis mit Humor. So auch ihr jüngster Roman. Binnen kurzer Zeit hatte sie eine Person erschaffen, die einfach nicht mehr wegzudenken war. Maike, eine Möchtegern-Detektivin, Traumtänzerin, Chaotin und einfach treu in dem, was sie tut. Das erste Buch mit der Protagonistin Maike ist fertig, aber es sollen noch einige Fortsetzungen folgen.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Ich bin‘s, Maike

Man sagt immer, man soll vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht. Besonders dann, wenn der Schrei nach Veränderungen in einem laut wird, und ich muss sagen, da ist was Wahres dran. Das habe ich jetzt davon, wenn man der Neugier die Oberhand lässt!
   Ich bin Maike Renner, wohne in Frankfurt und bin von Beruf Erzieherin. Glücklich bin ich nicht damit, aber es ist ein solider Beruf, sagt meine beste Freundin Caro. Womit sie auch recht hat, kein Zweifel.
   Sagen wir es so, es liegt nicht nur am Beruf, ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden. Mein Leben ist langweilig, so wie es zurzeit ist. Mein Verlobter hat sich zu einem Arsch entwickelt. Wie konnte ich das nur übersehen? Aber so ist das mit meinem Liebesleben, alles geht in die Hose. Den einen bin ich zum Glück los, und den anderen kann ich nicht haben, da er für mich unerreichbar ist. Definitiv unerreichbar.
   Genau wie mein Traumberuf unerreichbar für mich ist. Privatermittlerin zu sein, ist eigentlich mein Traumjob, aber außer Caro weiß es sonst keiner in meiner Familie. Meine Mutter würde mich einliefern lassen, und mein Bruder würde mir zur Flucht verhelfen. Und so wäre das Chaos, das mich schon ein Leben lang begleitet, perfekt. Dessen bin ich mir sicher. Aber ich kann nichts für meinen Traum, denn schon seit ich die TV-Serien aus den Achtzigern förmlich in mich hineinsauge, schwärme ich Caro vor, so sein zu wollen wie die beiden aus meiner Lieblingsserie: Starsky & Hutch. Nur eben die weibliche Ausgabe. Caro & Maike.
   Caros Antwort darauf: »Ja, sicher doch! Schatz.«, hat mich nicht gerade davon überzeugt, dass sie begeistert von meiner Idee ist, und dann hat sie meine Temperatur auf der Stirn gefühlt und meine Wangen getätschelt, als wäre ich ein Kleinkind.
   Heute bin ich sechsundzwanzig und denke immer noch so. An manchen Tagen.
   Ich weiß, ich muss aufhören zu träumen.
   Obwohl …

Prolog

Sie fror in ihrem viel zu leichten Sommerkleid.
   Der Wind zerrte an ihrem Haar, der Stoff flatterte um ihre Beine. Immer wieder legte sie eine Hand vor ihre Augen und suchte den kleiner werdenden Kai des Kieler Fährhafens ab, wo die Menschen nur noch als kleine Punkte zu erkennen waren.
   Er war nicht gekommen, hatte sie versetzt. Schmerz fraß sich wie Säure durch ihre Eingeweide. Sie presste die Hände gegen den Magen.
   Was sollte sie allein in Oslo? Ob sich Sebastian melden würde, sobald sie angelegt hatten? Sie hoffte auf eine plausible Erklärung.
   Müde betrachtete Nadja die Abendsonne, die wie ein gigantischer Feuerball auf dem Rand des Meeres aufsetzte und langsam im Wasser zu versinken schien. Die würzige Luft und das beeindruckende Farbenspiel halfen ihr für einen Augenblick, ihre Sorgen zurückzudrängen.
   Sie klammerte die Finger in den wehenden roten Stoff, der heftiger im Wind flatterte. Das Kleid war ein Geschenk von Sebastian, und sie hatte es trotz des Wetters extra für ihn angezogen.
   Sebastian Boldt war ihr Chef.
   Gewesen. An seiner Seite wollte sie die schwere Zeit, die sie hinter sich hatte, endgültig vergessen. In Oslo ein neues Leben mit ihm beginnen. Warum war er nicht gekommen? Sie hatte kurzzeitig überlegt, das Schiff vor dem Ablegen wieder zu verlassen, doch bis zur letzten Sekunde nicht die Hoffnung aufgegeben, ihn doch noch auf dem Steg zu entdecken.
   Und dann war es zu spät gewesen.
   Ein Krampf presste ihren Magen zusammen. Nadja umklammerte die Reling fester. Sie wollte nicht an all das denken, was hinter ihr lag. Es tat ihr nicht gut, aber so leicht waren die Gedanken nicht abzuschütteln.
   Der Job in Sebastians Haushalt, bei dem sie seine Mutter entlasten sollte, war ihr wie ein Glücksgriff erschienen, doch schon bald hatte es begonnen, kompliziert zu werden. Je länger sie dort wohnte, desto unerträglicher wurde es. Nie hätte sie gedacht, dass sich Sebastians Mutter als so eine boshafte alte Frau enthüllte. Und nicht nur das …
   Sie dachte an ihre Freundinnen im fernen Russland. Es waren doch immer nur die anderen, denen eine solche Schande widerfuhr. Alte, faltige Hände zeichneten sich hinter ihre geschlossenen Lider ab, und ein Schauder überrollte ihren ganzen Körper, der sie nicht mehr nur frösteln ließ. Sie wollte nicht mehr daran denken. Es war vorbei, und in Oslo würde sie mit Sebastian ein neues Leben beginnen.
   Ohne seine Mutter, seine Frau.
   Es war vorbei!
   Nur warum war Sebastian nicht an ihrer Seite? Wo steckte er? War ihm etwas zugestoßen? Sie verfluchte sich, dass sie ihr Handy unten im Sofa gelassen hatte, genau wie ihr Tagebuch. Sie war es gewohnt, ihre Sachen zu verstecken, und nicht einfach so im Zimmer herumliegen zu lassen. Früh genug musste sie es lernen, das wenige, was sie besaß, zu schützen. Jetzt aber hätte sie ihr Telefon gebraucht, um Sebastian anzurufen. Doch der Weg hinunter zur Kabine war ihr zu beschwerlich. Jede Bewegung wurde zur Qual.
   Ein Unglück kommt selten allein, das hatte ihre Großmutter immer wieder gemeint, als die ganze Familie vor dem Kamin zusammenkauerte und den Erzählungen der alten Frau lauschte, wenn die langen Abende im tief verschneiten Winter begannen.
   Sanft streichelte sie über ihren kleinen Bauch. Dieses Kind, das nicht aus Liebe gezeugt worden war, würde einmal eine bessere Kindheit erleben. Beschützt und behütet von seinen liebenden Eltern, und mit einer gesicherten finanziellen Zukunft.
   Ein tiefes Kobaltblau hatte die rotgoldenen Strahlen am Horizont verschlungen, und langsam trollten sich die Passagiere vom Oberdeck in Richtung Speisesaal, von dem hin und wieder Gerüche über das Deck wehten, die sie als köstlich wahrnehmen sollte. Leider verdrehten sie ihr nur noch mehr den Magen.
   Nadja atmete tief ein und aus.
   Die Übelkeit, die sie schon bald nach dem Verzehr des Kuchens gespürt hatte, den ihr Agnes mit auf den Weg gegeben hatte, wurde schlimmer, beinahe unerträglich.
   Sie umklammerte die Reling. Ihr Innerstes verkrampfte sich, sie konnte sich nicht mehr auf einen bestimmten Punkt konzentrieren.
   Ihr Atem ging schneller. Ihr Puls raste. Kalter Schweiß rann ihr von der Stirn.
   Was war nur mit ihr los? Die Krämpfe konnten nicht von ihrer Enttäuschung herrühren. Sebastian …
   Er würde sie stützen, ihr die Kraft geben, die sie mehr und mehr verlor. Wäre er doch nur hier …
   Ihre Gedanken irrten wirr umher, ließen sich nicht mehr fassen. Sebastian!
   Nadja wankte, als sie die Reling losließ, um sich einen Sitzplatz zu suchen. Sie klammerte sich sofort wieder an das Geländer. In ihr brannte ein Schmerz, den sie noch nie zuvor gespürt hatte.
   Schwindlig sah sie hinab auf das dunkle Wasser, wo der helle Schaum der gewaltigen Schiffsschrauben unter dem Schiff hervorsprudelte, spürte einen hypnotischen Sog.
   Ihr wurde schwarz vor Augen.
   Der Wind wehte ihr die Tränen von den Wangen.
   »Helft mir«, flüsterte sie, doch es war kein Mensch mehr an Deck, der ihr Schluchzen hätte hören können.
   Ihr Magen krampfte sich erneut zusammen, sie übergab sich. Wenn es nur aufhören würde. Lass es aufhören!
   Sie lehnte sich über die Reling, keuchte und wand sich vor Qual.

Kapitel 1

Ich rufe Caro an und hoffe, sie diesmal zu erreichen. Ich will noch Zeit herausschlagen, bevor ich nach Hause gehe, falls Luka vorbeikommt, um seine Sachen zu holen. Ein blaues Auge reicht mir völlig.
   »Maike, was ist los? Du klingst, als wäre die Welt untergegangen.«
   »So ähnlich«, stammele ich. »Hast du Zeit?«
   »Für dich immer, Süße. Willst du mir sagen, was los ist, oder erst später?«
   »Später.« Sie wird sich ausmalen, was passiert ist, wenn sie mein Veilchen sieht.
   »Okay. Bring Pizza mit, ich bin noch im Büro.«
   »Danke, bis gleich.«
   Gino, der Inhaber der Rasenden Pizza nimmt gerade telefonische Bestellungen auf, als ich den winzigen Laden betrete. Von den Wänden ist kaum etwas zu erkennen, sie sind mit Bildern aus Sizilien gepflastert, in die ich am liebsten einfach hineinhüpfen und nie wieder daraus hervorkommen möchte.
   »Ciao Maike.«
   Ich nicke ihm zu und warte, bis er den Hörer auflegt. »Zweimal wie immer«, meine ich, als er mich abwartend anschaut.
   Seinem Blick auszuweichen, fällt mir schwer, denn seine Augen strahlen Mitgefühl und Fürsorge aus. Ich kann fast seine Gedanken hören. »Kind, was ist passiert? Wer war das?«
   Gino schweigt, aber in seinen Augen spiegelt sich etwas, das mich an meinen längst verstorbenen Vater erinnert.
   »Türrahmen«, sage ich und blicke verlegen in die Frischetheke.
   Wäre er mein Vater, würde er sich Luka vorknöpfen, und der sähe danach garantiert nicht besser aus als ich. Mein Vater hätte das auch getan.
   »Aha«, sagt Gino mit einem seltsamen Klang in der Stimme.
   Ich wende mich ab, studiere den zerfledderten Flyer mit der Speiseauswahl, aber ich spüre Ginos Blicke im Rücken wie kleine Nadelstiche. Er wird mich nicht ausfragen, aber ich weiß, ich könnte ihm mein Herz ausschütten.
   »Bitte schön«, sagt er, und sein Dialekt klingt so niedlich, dass ich lächeln muss. Er verpackt meine Bestellung, gibt mir meinen Treuerabatt und wünscht mir einen schönen Abend.
   Erst an der Tür wage ich, den Kopf wieder zu heben. »Bis bald, Gino.«
   »Pass auf dich auf, und grüß Caro.«
   Ich lache. Woher er das nur weiß?
   Er zwinkert mir zu, kommt herüber und reicht mir noch eine kleine Schachtel Peperoni.
   Im Hinausgehen treffe ich Mark, einen guten Freund und Vereinsmitglied der Modellrennbahn. Er sieht mich, grüßt und bleibt stehen. Entsetzt guckt er mich an, sagt aber kein Wort. Warum auch, immerhin ist er sauer auf mich, doch das ist eine andere Geschichte, von der ich Caro noch dringend mal erzählen muss. Sie weiß von ihm, ich habe ihr ja schon genug von ihm vorgeschwärmt, aber gesehen hat sie ihn bislang noch nicht. Ich grüße Mark mit einem knappen Hallo und steige in mein Auto, das vor Ginos Geschäft parkt. Mark wird auch so herausfinden, was mit mir passiert war, denn er und Luka kennen sich, und die, mit der mein Schläger-Ex jetzt zusammen ist, ist die Cousine von Marks Freund Florian. Und wenn ich sage Freund, dann meine ich Freund. Seufz.
   Caros Büro liegt in einem dreistöckigen Geschäftsgebäude. Ich suche mir einen Platz in der Tiefgarage und fahre mit dem Aufzug in das Foyer. In den oberen Stockwerken haben mehrere Anwaltskanzleien ihren Sitz, und im hinteren Bereich des Erdgeschosses liegt Caros Immobilienbüro mit Fenstern zum Hof hinaus.
   In der Empfangshalle müssen sich Besucher bei einem Pförtner anmelden, der erst am späten Abend durch einen Nachtportier abgelöst wird. Viele Kanzleien machen regelmäßig Überstunden, auch heute sind noch einige Fenster hell erleuchtet, obwohl es bereits auf neun Uhr zugeht.
   Charly kennt mich, und als er sieht, dass ich Pizza dabeihabe, reibt er sich verschmitzt den Magen und winkt mich durch.
   Als ich den Vorraum zu Caros Firma betrete, empfängt mich eine gespenstische Stille, bis auf das monotone Summen des Computers, der verlassen unter dem Schreibtisch der Sekretärin steht. Ich komme nicht dazu, an die halb offen stehende Bürotür zu klopfen.
   »Komm rein und setz dich. Ich hab schon gerochen, dass du kommst.« Sie grinst und deutet ohne mich anzusehen mit einem Kugelschreiber in Richtung der Pizzakartons.
   Ich lasse mich müde auf die schwarze Ledercouch plumpsen, die in der Ecke gegenüber dem Schreibtisch steht, an dem Caro Unterlagen sortiert. Erleichtert stelle ich die warmen Kartons, die langsam aufzuweichen drohen, auf dem Glastisch ab und schiebe einige Prospekte zur Seite. »Du, ich habe Mark bei Gino getroffen«, plappere ich drauflos. »Gesagt hat er nur Hallo, aber ich glaube, er ist sauer auf mich.« Ich blicke Caro an, die noch vertieft in ihre Unterlagen ist.
   »Aha«, sagt sie in Gedanken und reagiert nicht weiter.
   Mir wird klar, dass sie noch im Arbeitsmodus ist. Ich hätte ihr auch sagen können, dass der Kaiser von China und der Papst gemeinsam hier in der Stadt ein Konzert geben, sie hätte es nicht wahrgenommen. Also sitze ich da und beobachte meine Freundin eine Weile stumm.
   In ihrem engen hellgrauen Kostüm und mit dem zu einem im Nacken locker zusammengefassten Haarknoten sieht Caro edel und geschäftsmäßig aus. Sie wirkt älter als sechsundzwanzig. Obwohl ich mir ganz sicher bin, dass wir erst kürzlich unsere Geburtstage gemeinsam gefeiert und festgestellt haben, dass wir zusammen nun ein halbes Jahrhundert überschritten haben. Caro trägt eine neongrüne Bluse, die ihr Outfit auflockert und einen Hauch der verrückten Nudel durchblicken lässt, die sie in ihrer Freizeitkleidung darstellt. Sie kann ganz schön verrückt sein. Das hat mir vor einigen Wochen einen der peinlichsten Besuche, die man nur haben kann, auf dem Polizeirevier beschert. Aber das ist eine andere Geschichte.
   Als Caro aufblickt, reißt sie die tiefblauen Augen auf. Ihr Kiefer klappt nach unten.
   »Glotz nicht so!« Es ist mir peinlich, wie sie mich anstarrt. Um mich gegen ihre Fragen zu wappnen, die in wenigen Momenten wie ein Regenschauer auf mich einprasseln werden, beuge ich mich über die Pizzaschachtel und klappe den Deckel auf.
   Sofort läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich schnappe mir ein Stück Pizza und sprudele mit vollem Mund heraus, was zwischen Luka und mir vorgefallen ist. Caro hätte ohnehin keine Ruhe gegeben.
   »Der hat sie doch nicht mehr alle! Hast du ihn angezeigt?«
   »Nein. Was, wenn er eine Gegenanzeige stellt? Immerhin hab ich ihm kräftig in die Nüsse getreten.«
   »Das war Notwehr und deine Rettung, Maike. Dafür wird dich niemand bestrafen.« Caros Blick fällt auf den offenen Pizzakarton, aus dem sich ein köstlicher Geruch in dem Büro ausbreitet.
   »Die ist noch heiß.«
   »Okay, rutsch mal, bevor du mir alles wegfutterst.« Sie macht es sich neben mir auf dem Sofa bequem und umarmt mich.
   »Autsch, nicht so fest.«
   »Wie konnte er nur so etwas tun?« Sie schiebt kurzerhand den Ärmel meines T-Shirts hoch und betrachtet den Bluterguss auf meiner Schulter. »Hast du noch mehr davon?«
   Ich schließe die Augen. »Nein.« Kurzzeitig kann ich die aufkommenden Bilder nicht verhindern.
   »Würdest du mir erklären, was du heute so gemacht hast?« Lukas Stimme ist mir fremd. Eisig, Angst einflößend. So habe ich ihn noch nie erlebt.
   »Ich weiß nicht, was du meinst.«
   »Sagen wir es so. Warst du heute schon im Internet?«
   Ich schüttele abermals den Kopf.
   »Sei ehrlich, das war eben gelogen«, sagt Luka zuckersüß. Seine Augen sprühen Funken.
   Ich zittere. »Du warst nicht da und kannst gar nicht wissen, ob ich lüge.« Ich versuche, mich ihm zu entwinden.
   »Na und?« Er hält mich fest. Langsam legt er seine Armbeuge um meinen Hals.
   Ich schiele hinüber zur Tür und wäge ab, ob ich den einen kleinen Schritt zum Ausgang ungehindert schaffen kann, ehe Luka komplett abdreht. Ich habe seine kleine Liebschaft enttarnt, und er weiß es. Allerdings wird er es mir nicht durchgehen lassen, dass ich auf seinem Computer herumgeschnüffelt habe. Er wird mich zur Schuldigen machen, obwohl er das Arschloch hier ist.
   Eine Weile kauen wir still nebeneinander her. Ich höre Caros Gedanken rattern.
   »Ich muss für vier Tage geschäftlich nach Norwegen. Eigentlich nur für einen oder zwei, aber ich habe noch das Wochenende drangehängt. Hast du nicht Lust, mitzukommen?« Caro sieht mich fragend an. »Du hast doch ebenfalls noch frei, oder? Wann musst du wieder arbeiten?«
   Zum Glück erst übernächste Woche.
   »Ich lasse es nicht zu, dass du dich einigelst.« Caro greift sich das nächste Pizzastück. »Was hältst du davon?«
   »Ich weiß nicht … Ich kann nicht von heute auf morgen wegfahren.«
   »Sag mir einen Grund, warum? Soviel ich weiß, hast du die Tage frei.«
   »Kein Geld? Das ist ein Grund. Und daran ist Luka schuld«, platze ich ehrlich heraus. Ich verdiene nicht schlecht, aber ich habe seit Jahren mein Geld in Lukas teures Hobby gesteckt. Modellrennwagen. Pft. Mein Bruder Tim hat mich damals zu einem Rennen geschleppt, bei dem ich Luka begegnet bin. Aber mal ehrlich? Hat mich das Fieber jemals so gepackt wie die beiden? Nur mein Geld hat Luka nicht verschmäht, während er sich über das Internet seine pikanten Dates gesucht und mir vorgezogen hat.
   »Sag mir noch einen Grund«, fordert Caro mich auf.
   Ich überlege. »Luka will seine Sachen abholen, und ich will nicht, dass er allein in der Wohnung herumkramt.«
   »Das ist kein Grund, denn du nimmst schon wieder Rücksicht auf ihn. Und das mit den Klamotten«, Caro grinst, »dafür habe ich schon eine Lösung.«
   Ich blinzle Caro interessiert an. »Ich weiß nicht«, stammele ich unschlüssig.
   »Du bist eingeladen.« Caro streckt mir eine Hand entgegen und holt mich aus dem gedanklichen Dilemma heraus. »Deal?«
   Ich weiß, sie wird kein Nein akzeptieren, und dafür bin ich ihr dankbar. Ich hätte mich tatsächlich eingeigelt, wäre nur noch in meiner Wohnung geblieben, um meine Wunden zu lecken. »Danke, Caro. Aber ich zahle die Hälfte der Reisekosten.«
   Caro verzieht genervt das Gesicht. »Welchen Teil von Du bist eingeladen hast du nicht verstanden?«
   Ich zucke mit den Schultern und bereue es gleich, denn ein fieser Schmerz zieht durch meinen Oberarm, mit dem Luka mich gegen den Türrahmen gestoßen hat.
   »Siehst du, das ist die Strafe.« Caro grinst.
   Stillschweigend genießen wir die restliche Pizza, dann packt Caro die leeren Kartons in den Mülleimer und zieht mich vom Sofa. »Komm. Ich muss mit Hank reden, und dann fahren wir deine Koffer packen. Hank?«
   Sekunden später betritt ein groß gewachsener Mann mit goldblonden, kurz geschorenen Haaren das Büro. Er steckt in einem teuren dunklen Anzug mit dezent gestreifter Krawatte und sieht aus wie frisch aus einem Modekatalog gehüpft. Hank also. Caro hat mir noch nicht erzählt, dass sie einen neuen Sekretär hat. Nur wo kommt der plötzlich her? Als ich ankam, war der Vorraum dunkel und verlassen.
   »Ah, ich hatte gehofft, dass du schon zurück bist. Ist mein Gepäck im Wagen und hast du vollgetankt?«
   Er nickt.
   Caro lächelt Hank an, so, wie sie an unseren Mädelsabenden in der Disko ihre Beute anflirtet. »Buch bitte auf der Fähre ein Ticket für Maike.« Sie kritzelt auf einem Block herum und reicht Hank den Zettel. »Sie kann in meiner Kabine schlafen, da gibt’s Etagenbetten«, flötet sie.
   Hank nickt freundlich in meine Richtung, und ich höre auf, ihn anzustarren, als Caro mir einen sanften Seitenhieb verpasst.
   »W…was … so schnell?« Ich fühle mich wie von einem D-Zug überrollt. Hat Caro eigentlich erwähnt, dass es offensichtlich noch heute Nacht losgeht? »Ähm … jetzt gleich? Wohin denn überhaupt?«
   »Zum Kieler Hafen. Und dann auf nach Oslo. Bist du bereit?«
   Ich kann nur knapp nicken und versuche noch, meine Gedanken zu ordnen.
   »Ich gehe davon aus, dass du die Leihwagenpapiere in meinem Handschuhfach deponiert hast?« Caro schenkt Hank erneut ein verführerisches Lächeln.
   »Selbstverständlich, Caro.« Er sieht sich um. »Ist noch Pizza übrig?«
   »Nein.« Caro kichert.
   »Schade!«
   »Hör ich da ein Knistern?«, frage ich meine Freundin, als wir an Charly, vorbei sind.
   Caro verzieht die Lippen zu einem unschuldigen Grinsen.
   »Alles klar. Das will ich genauer wissen.«
   »Was ist mit dir und diesem Mark? Du erzählst immer mal wieder von ihm, aber gesehen habe ich ihn bisher noch nicht. Wäre er nicht ein geeigneter Partner für deine Zukunft?« Caro nimmt mir mit dieser Frage den Wind aus den Segeln.
   »Du kennst doch Florian?«, frage ich.
   Caro sieht mich an. »Ja, aber was hat er mit meiner Frage zu tun?«
   »Florian ist homosexuell, und Mark ist sein Freund«, seufze ich. Nicht, dass ich etwas gegen gleichgeschlechtliche Paare habe, im Gegenteil, das sind Menschen, die man endlich so akzeptieren soll, wie sie sind. »Ich mag Mark, oh ja, das steht fest. Aber er würde mehr ein guter Freund werden, wenn ich ihn tiefer in mein Leben ließe. Und daher hat sich dieses Thema wohl mehr als erledigt. Verstehst du, was ich meine?« Ich blicke meine Freundin an, die mich mit großen Augen anglotzt.
   »Ich wusste das gar nicht. Ich meine, vermutet habe ich das schon bei Florian. Aber Mark? Bist du dir sicher?«
   Ich nicke. »Ich habe sie zusammen gesehen, und sie hängen ja auch immer zusammen herum. Reicht dir das als Antwort?«
   »Ja«, sagt Caro einfühlsam und drückt mich. »Die besten Kerle sind entweder schwul oder vergeben.«
   Mittlerweile sind wir in der Tiefgarage angekommen. »Du kannst deinen Wagen gleich auf meinen Stellplatz umparken.«
   »Und du und Hank?«, hake ich nach. »Die Luft hat dermaßen geknistert zwischen euch, dass ich befürchten musste, einen Stromschlag zu bekommen.« Ich grinse herausfordernd. Aber ihr Blick verrät mir schon einiges.
   Sie sieht mich über das Wagendach hinweg an. »Ich finde Hank sexy, aber soviel ich weiß, ist er verheiratet. Nicht gerade glücklich, aber verheiratet. Reicht dir das als Antwort?«
   »Ja!«, meine ich mitfühlend. »Na, dann haben wir beide ja wieder nur Soloprogramme vor uns«, platzt es aus mir heraus.
   Caro guckt mich schräg an, und einen Augenblick später kichern wir wie Schulmädchen vor der ersten Biologiestunde.
   Meine Koffer sind schnell gepackt, und die Lösung, die Caro wegen Lukas Sachen hat, finde ich genial. Die Rache schlechthin. Wir werfen, soweit ich alles Wichtige oder auch Unwichtige von ihm finden kann, einfach zum Fenster hinaus in den Vorgarten.
   Und ich schwöre, es tut so gut, als ich die erste Ladung Klamotten hinaus auf den Rasen befördere. Dann rufe ich Luka an und teile ihm mit, dass seine Sachen zur Abholung bereitstehen und er sich besser beeilen soll, denn es sieht nach Regen aus.
   Dann fahren Caro und ich grinsend durch die Nacht Richtung Kiel.

Am nächsten Vormittag betreten wir das Fährschiff, das uns von Kiel nach Oslo bringen soll, und folgen der blauen Linie zur Anmeldung. Die Luft hängt schwer in den Gängen, ein Gemisch von Diesel, Schweiß und Putzmitteln, und ändert sich erst, als wir das Foyer betreten.
   Die helle und freundlich gestaltete Halle ist mit meerblauen Teppichen ausgelegt. Vor den Panoramafenstern gruppieren sich gemütliche Sofas und Bänke. Die meisten sind von Passagieren besetzt, die bereits vor uns eingecheckt haben.
   In der Mitte des Raumes dominiert eine Theke, ringsherum verziert mit dem Logo der Rederei. Die Stewardess, auf deren Namensschild Marlene zu lesen ist, lächelt. »Willkommen auf der Entana-Line. Falls sie noch Fragen oder ein Anliegen haben, bin ich gern bereit, Ihnen zu helfen.« Marlene gibt mir die Schlüssel für die Kabine, während Caro ein Formular ausfüllt.
   Ich nutze die Zeit und studiere ein Plakat neben der Anmeldung. Es verkündet das Abendprogramm für das Partyvolk. Im großen Ballsaal findet ein Showprogramm mit eigener Band statt.
   Nachdem Caro Marlene die Anmeldepapiere übergeben hat, stiefeln wir zu unserer Kabine. Die winzige Außenkabine bietet neben Etagenbetten ein blaues Spielzeugsofa, dafür mit überdimensionalen Kissen bestückt, einen großen Wandspiegel – wahrscheinlich, um die Enge zu verschleiern -, und ein rechteckiges Fenster. Aber insgesamt macht unsere Unterkunft einen freundlichen und sauberen Eindruck.
   »Oben oder unten?«, frage ich.
   Caro wirft sich auf die untere Koje. »Wer zuletzt kommt, den beißen die Hunde …«
   »Tja«, dafür hast du jetzt wohl was Süßes im Ausschnitt kleben.« Ich nehme das Bonbon vom Kissen der oberen Koje und lege es neben die Sektflasche auf der Nachtkonsole.
   Auf den zweiten Blick wirken das Sofa mit seinen riesigen Kissen und das Tischchen mit einer Leselampe richtig gemütlich.
   Nachdem wir uns eingerichtet haben, schlendern wir hinunter in das Restaurant. Stewards und Stewardessen wieseln herum und bereiten das Mittagsbuffet vor. Wir bestellen Kaffee.
   »Hey, was denkst du, was heute noch so geht?«, meint Caro und sieht dem ziemlich gut gebauten Steward sehnsuchtsvoll hinterher.
   »Ähm, also ich dachte, da geht was mit Hank?«
   Sie schielt zu mir herüber und hebt die rechte Hand, tippt mit der anderen auf den vorgestreckten Ringfinger. »Verheiratet, schon vergessen? Der ist tabu!« Sie trommelt einen undefinierbaren Rhythmus auf den Tisch. »Ich bin so aufgeregt.« Offenbar zeigt der Kaffee seine Wirkung.
   Ich fühle mich nicht weniger hibbelig, denn ich bin noch nie mit einem so großen Schiff gefahren.
   Ein fernes Dröhnen grollt durch die Schiffswände, und ein Gefühl breitet sich in meinem Bauch aus, als säße ich auf einer Waschmaschine im startenden Schleudergang.
   »Wir fahren, spürst du es?«, meint Caro.
   Ich nicke. »Hoffentlich wird es nicht schlimmer«, sage ich mit einem anzüglichen Grinsen.
   Caro lacht und springt auf. »Komm, ehe du mir noch wie Meg Ryan in Harry und Sally einen Orgas…« Sie bricht ab, weil der gut gebaute Kellner grinsend an uns vorbeistreift.
   Es passiert selten, dass meine durchgeknallte Freundin errötet, doch gerade könnte sie sich zu den Tomaten am Buffet gesellen, ohne aufzufallen.
   »Lass uns sehen, was der Store oben zu bieten hat«, lenkt Caro geschickt ab.
   Seufzend folge ich ihr.
   Während ich mich in der Boutique umsehe, steuert Caro gleich ein Regal an, das ihr Herz vermutlich höher schlagen lässt. »Seidenblusen«, ruft sie entzückt und ratscht die Bügel beiseite auf der Suche nach ihrer Größe.
   Mit einer quietschpinken Bluse und einer schwarzen Jeans im Glitterlook verschwindet sie in einer der Umkleidekabinen.
   »Wow, das gefällt mir!«, tönt es hinter dem Vorhang hervor.
   Als sie sich mir präsentiert, muss ich zugeben, dass sie umwerfend aussieht. Beneidenswert. »Na, wenn heute niemand auf dich abfährt …« Mit einem schwarzen Top, besetzt mit bunten Steinen, und einer dunkelroten Skinny-Jeans wechseln wir die Plätze.
   Caros bewundernder Blick bestätigt meine Auswahl.
   Meine magere Reisekasse schmälert sich bedenklich, aber ich lasse mich schon genug von Caro aushalten.
   Wir steuern nur noch einmal unsere Kabine an, um die Einkaufstüten loszuwerden, und entern kurz darauf das Freideck. Am hinteren Ende des Fährschiffes finden wir einen freien Platz.
   »Schau mal, was für Wellen die Schiffsschrauben werfen.« Caro beugt sich weit über die Brüstung.
   »Huh, ganz schön tief.« Der Blick nach unten fühlt sich an, als wollte mich die Tiefe ansaugen. Ich reiße mich los und trete einen halben Schritt zurück. »Gruselig, die Vorstellung, zehn Stockwerke hinunterzufallen«, sage ich respektvoll. Mich schüttelt es schon, wenn ich bloß daran denke.
   »Ja.« Caro dreht sich um und lehnt sich an die Reling. »Auf der Anlegeplattform wird man ziemlich hart aufschlagen.« Der Wirbelwind zeigt an mir vorbei, und ihr Grinsen verrät, dass sie in Gedanken schon wieder ganz woanders ist. »Schau mal dort!« Sie tippt mir auf die Schulter, und ich reiße meinen Blick von der Rampe los.
   »Was meinst du?«
   »Siehst du den Steward? Ich glaube, der verfolgt uns.«
   Ich betrachte ihn, wie er Getränke verteilt, und lache. »Du spinnst, meine verrückte, hormongeschwängerte Freundin.« Ich wende mich noch immer lachend von ihr ab und blicke in die schier unendliche Weite hinaus. Das Wasser, in dem die Sonnenstrahlen tanzen, funkelt wie Milliarden von Diamanten. Ich atme die frische Luft ein, und allmählich spüre ich ein Gefühl von Freiheit, das sich in mir ausbreitet. »Danke, Caro.« Ich taste nach ihrer Hand.
   »Hey, Pflaume, war doch selbstverständlich. Ich reise nicht viel ins Ausland, und wenn, fahre ich ungern allein. Das hier hat sich angeboten, und es bringt dich auf andere Gedanken.« Caro drückt meine Finger.
   Verträumt blicke ich zum Horizont, dessen Konturen langsam mit dem Himmel verschmelzen. Der aufböende Wind fährt wie ein sanftes Streicheln über mein Gesicht, und er hinterlässt einen salzigen Geschmack auf den Lippen.
   Caro steht mit geschlossenen Augen da und lässt sich für eine Weile stumm die würzige Seeluft durch die Haare wehen. »Willst du noch über Luka reden?«
   »Er ist Geschichte!« Dass ich die fast fünfjährige Beziehung so einfach wegstecken kann, wundert mich. Ich will überhaupt nicht mehr wissen, ob es das erste Date war, das ich auf seinem Notebook entdeckt habe, oder ob er das schon seit Jahren treibt. Dass er handgreiflich geworden ist, schlägt dem Fass den Boden aus. Wenn wir zurückkommen, werde ich ihm seine restlichen Sachen vor die Tür werfen. Bis dahin – so habe ich meiner Mutter eingeschärft, die über mir wohnt, soll sie Luka den Zugang verweigern. Er hat schließlich eine eigene Bude und wird für eine Woche auf seinen Kram bei mir verzichten müssen. Es tut mir leid, meine Mutter in den Konflikt einzubeziehen, aber sie ist auf meiner Seite, auch wenn sie die Geschichte nur zur Hälfte kennt. Handgreiflich werden geht mal gar nicht!
   Langsam wird es kühl, und die Passagiere verlassen allmählich das Freideck. Der September kehrt seine unangenehme Seite hervor.
   Caro fröstelt ebenfalls. »Komm, lass uns dein Boxerauge kaschieren, damit du deine Sonnenbrille abnehmen und beim Mittagessen schon mal deinen Marktwert taxieren kannst.«
   In der Kabine zieht Caro kurzerhand das Bettzeug von der Matratze und klappt das Bett hoch. Sie dirigiert mich auf die untere Koje.
   »Hinsetzen.« Die Leselampe strahlt mir so plötzlich in die Augen, dass ich glaube, mich bei einem Verhör zu befinden.
   »Uuuuh, Starsky«, kreische ich. »Willst du, dass ich erblinde, damit du den Steward für dich allein hast?«
   »Der gehört sowieso mir. Finger weg!« Sie klatscht auf meine abwehrend erhobenen Hände.
   Caro klappt ihren Schminkkoffer auf dem Sofa auf. Ich schließe die Augen und höre sie herumhantieren. Wenn meine Freundin mich schminkt, werde ich das Aussehen eines Papageien annehmen, aber auf jeden Fall besser als mein Fletschauge.
   »Erzähl!«
   »Ähm, was denn?«
   »Na, von Mark. Dumme Nuss.«
   »Selber.« Ich schweige, um sie auf die Folter zu spannen. Geduld gehört nicht gerade zu ihren Stärken.
   Caro reibt eine kühle Lotion auf mein Gesicht, und ich lege den Kopf weiter in den Nacken. Die sanfte Massage tut gut.
   »Also?«
   »Na ja …« Ich tauche in die Erinnerung an Florians Geburtstagsparty ein.
   Schon seit einer Weile huscht mein Blick immer wieder in seine Richtung. Mark steht bei Flo, sie unterhalten sich rege.
   »Komm schon, wie sieht er aus?«
   »Groß. Kräftig. Kurze dunkle Haare und Augen wie Zartbitterschokolade.« Ich lasse mir den Anblick auf der Zunge zergehen.
   Er ist ebenfalls ein Mitglied in dem Modellbauverein. Mein Bruder kennt ihn besser als ich, und ich fange an, es zu bedauern, nie mit Mark ins Gespräch gekommen zu sein.
   »Das ist alles? Mach es nicht so spannend.«
   »Stell dir den Körperbau von Vin Diesel vor und das Gesicht von Keanu Reeves.«
   »Wow! Absolut dein Beuteschema, was?«
   »Daran habe ich auf der Party keinen Gedanken verschwendet«, protestiere ich.
   »Wie heißt er mit Nachnamen? Was macht er so? Woher kommt er?«
   Typisch Caro. Eine Frage allein reicht nie.
   »Leute, das ist Mark Stein!«, höre ich Florian in die Runde rufen.
   Alle nicken ihm zu und begrüßen ihn freundlich. Ich hingegen starre Mark nur an und bringe höchstens ein schiefes Lächeln zustande.
   Florian plappert fröhlich weiter. »Ihr könnt ihn Rock nennen, wenn ihr wollt. Er ist mein starker Fels, auf ihn lasse ich nichts kommen.« Er grinst glücklich, wedelt verschämt mit den Händen in der Luft herum und kuschelt sich an die Schulter seines Freundes. Florian ist so schwul wie eine warme Brise Wind.
   »Mark Stein. Er ist Bodyguard, soviel ich weiß. Und tagsüber arbeitet er bei einer Baufirma.«
   »Und wo ist er Bodyguard?«
   »Bei einer Security-Agentur in Frankfurt. Sie begleiten Promiauftritte bei Messen und anderen Veranstaltungen.«
   »Klingt nach einem schnuckligen Kerlchen. Wirst du deine Netze nach ihm auswerfen, jetzt, wo du den Blödmann endlich los bist?«
   Caro war schon immer gegen Luka gewesen, kann ihn nicht leiden und hat mich nicht nur einmal vor ihm gewarnt. Aber wer hört schon auf seine beste Freundin, wenn die Schmetterlinge im Bauch etwas ganz anderes erzählen?
   »Ich hab von Kerlen erst mal die Nase gestrichen voll! Und Mark ist …«, ich breche ab, denn ich habe ihr ja bereits gesagt, dass er offensichtlich mit Flo zusammen ist. Dass er mir dennoch nicht aus dem Kopf geht, will ich mir selbst gegenüber nicht einmal zugeben.
   »Hey, Kopf hoch. Was ziehst du nur für ein Gesicht?« Caro stupst mich an der Schulter und lächelt.
   Sie hat gut lachen, sie war ja nicht dabei an dem Abend.
   Kaum hat Florian die kleine Runde mit Mark im Schlepptau Richtung Dachterrasse verlassen, gesellen sich Luka und Sandra zu mir.
   »Sag mal, Sandra, wo bekommt dein Cousin immer solch stramme Jungs her?« Das Mädel, das neben mir steht, grinst anzüglich.
   Sandra zuckt die Schultern. »Weiß ich nicht. Und der sieht auch nicht so toll aus«, meint sie abfällig, »wie er da.« Sie ruckt mit einer Kopfbewegung in Richtung meines Verlobten. »Der gehört mir!« Sandras verliebter Blick lässt mein Grinsen erlöschen.
   Weiß die dumme Kuh nicht, dass er mit mir hier ist? Ich schiele auf Lukas Verlobungsring, dann auf meinen, doch Sandra nimmt es nicht wahr. Und Luka grinst nur dümmlich und macht keinerlei Anstalten, die Situation klarzustellen.
   »Ich war so blöd und dumm. Ich habe es damals schon übersehen, dass ich Luka bereits an Sandra verloren habe«, sage ich und will mir vor den Kopf schlagen.
   Caro fängt meine Hand in letzter Sekunde ab. »Vorsicht! Du ruinierst mein Werk! Und jetzt zieh endlich eine andere Miene, sonst brauche ich eine Tonne Zement, um die Kummerfalten wegzuspachteln.«
   »Ich bin so allein! Was soll ich denn jetzt nur tun?«, jammere ich und muss mich beherrschen, nicht zu weinen.
   »Och Schatz«, meint Caro tröstend, »das wird schon wieder. Wirst sehen. Jetzt genieße erst einmal deine neu gewonnene Freiheit.«

Im Ballsaal brennen Teelichter auf den Tischen, die rings um eine große Tanzfläche herum stehen. Caro und ich suchen uns einen Tisch in der Nähe des Bühnenbereiches und studieren die Getränkekarten.
   Als der Kellner kommt, bestellen wir zwei Cocktails aus Erdbeeren und irgendeiner alkoholischen Überraschung, die den Gaumen in höchstem Maße erfreuen soll.
   »Heiße Nächte und coole Rhythmen garantiert«, ruft der Steward gut gelaunt, als er uns die Cocktails mit einem breiten Lächeln, das eindeutig an Caro gerichtet ist, serviert.
   »Mhm, heißer Typ«, flachst Caro und stiert ihm hinterher.
   »Daraus wird nie was. Er arbeitet auf einem Schiff, der hat nie Zeit.« Ich grinse Caro an. »Und was ist mit dem Schnuckelchen aus dem Speisesaal?«
   »Na und?« Sie wedelt mit der Hand. »Deswegen ist er dennoch ein Süßer. Oder gleich beide …« Sie trinkt einen Schluck und verdreht genüsslich die Augen. »Hm, lecker, versuch mal.«
   Ich muss gestehen, der Gaumen hat seine Freude, die Karte hat nicht zu viel versprochen.
   Als die Band zu spielen beginnt, hat Caro bereits ihren vierten Cocktail vor sich stehen. Sie behauptet zwar, sie habe Durst, aber meiner Meinung nach will sie nur den Kellner um sich haben.
   Die Musikgruppe, die aus vier Leuten besteht, spielt bekannte Hits aus den Charts. Die Leute toben auf der Tanzfläche und singen mit.
   Wir tanzen bis in die Morgenstunden, ehe wir bei ruhiger See zu unserer Kabine schwanken.
   Caro grinst verschwörerisch, als sie sich vor der Tür verabschiedet. Sie wedelt mit dem Zettelchen herum, das Mr. SexBomb ihr zugesteckt hat. »Schlaf gut.«
   »Viel Vergnügen, Caro!« Ich meine es sogar ernst und sehe ihr lächelnd nach, wie sie sich in Richtung der Personalkabinen auf den Weg macht.
   Ich schließe die Kabinentür ab, ziehe mich aus und werfe meine Klamotten auf das Sofa. Nachdem ich mir die Zähne geputzt und mein Gesicht von der ganzen Schminke befreit habe, sortiere ich meine Kleidung. Ich mag es nicht, wenn am nächsten Tag alles zerknuddelt ist.
   Ich bin hundemüde, und mein Geldbeutel ist irgendwo zwischen die Sofakissen gerutscht, als ich meine offene Tasche auf die Sitzfläche gefeuert habe. Seufzend setze ich mich auf die Lehne und versuche, die Kissen zu verschieben, doch sie sind irgendwie an der Rückenlehne befestigt. Ich schiebe unsicher meine Hand in die Ritze und hoffe echt, dass da nicht irgendwelche ekligen Dinge zu finden sind. Immerhin weiß man ja so, was sich im Laufe der Zeit alles in solchen Ritzen ansammelt. Am schlimmsten sind immer die Krümel. Mit den Fingerspitzen ertaste ich etwas Flaches und ziehe es hervor. Verdutzt blicke ich auf ein Handy. Es ist nicht meins, und es gehört auch ganz sicher nicht Caro.
   Erneut fasse ich angeekelt zwischen die Polster. Moment. Da ist es. Ich ziehe fester, und zum Vorschein kommt ein schwarzes Büchlein. Achtlos lege ich es neben das Handy. Wo ist mein verdammtes Portemonnaie in dieser Wundertüte?
   Endlich kann ich es hervorangeln, ohne weitere Fundstücke zutage zu fördern. Ich nehme das Handy und will es einschalten, aber der Akku ist offensichtlich leer. Vielleicht ist es auch kaputt. Ich betrachte das Büchlein, und erst jetzt sehe ich die elegante goldfarbene Schrift auf dem Umschlag.
   Tagebuch
   Eine Weile sitze ich da und überlege, ob ich es aufschlagen soll. Für gewöhnlich lese ich nicht in anderer Leute Tagebücher, aber erstens kenne ich den Verfasser nicht, und zweitens siegt meine Neugier. Wenn es zu persönlich werden sollte, kann ich immer noch aufhören.
   Nachdem sich meine Vernunft und meine Neugier genug duelliert haben, öffne ich das Büchlein und schlage die erste Seite auf. Kein Name, keine Anschrift. Ich blättere um. Die klare Handschrift lässt sich leicht lesen.
   Hallo Jorge.
   Mein bester Freund, ich bin es, Nadja. Ich muss viel an dich denken. Alles ist so fremd hier. Ich bin unendlich einsam. Egal, wo du jetzt bist in der anderen Welt, ich weiß, du bist bei mir, und ich hoffe, du gibst mir ab und zu ein Zeichen.
   Das Problem mit den Schulden hat sich bald erledigt, ich tue, was ich kann.
   Nadja.
   Schlagartig bin ich hellwach. Ich blättere einige Seiten weiter. Wie lang mag das Tagebuch hier schon gelegen haben? Ich finde auch jetzt weder ein Datum noch eine Adresse. Hätte ich nicht nach meinem Geldbeutel gefischt, hätte ich dieses Buch nie gefunden. Ich beschließe trotz meiner drängenden Neugier, es zur Seite zu legen, um mir den dringend benötigten Schlaf zu gönnen. Danach kann ich immer noch entscheiden, wie es weitergehen soll. Bestimmt gibt es auf Schiffen wie diesem eine Art Fundbüro …
   Ein Gedanke keimt in mir auf, als ich das Tagebuch auf den Nachttisch lege. Ich könnte eigenständig versuchen, herauszufinden, wem das Buch gehört. Nicht, dass es hinterher noch in einem Mülleimer landet oder so …
   Starsky & Hutch. Caro & Maike. Bestimmt wird Caro nicht weniger neugierig sein. So wie ein Taxifahrer davon träumt, dass ein Gast hektisch in sein Taxi springt und schreit: »Folgen Sie diesem Wagen!«, reizt es mich, die Besitzerin dieses Tagebuchs ausfindig zu machen.
   Ob die beiden Fundstücke zusammengehören?
   Kaum liege ich im Bett, schlafe ich auch schon ein und träume von Wellen, Wasser und dieser Anlegeplattform.
   Ich habe das Gefühl, kaum geschlafen zu haben, als Caro an meine Tür klopft. »Hey, du da drin, Maike, aufwachen!«
   Verschlafen klettere ich aus dem Bett und sehe auf die Uhr. Kurz vor elf. In zwei Stunden werden wir in Oslo anlegen. »Ich komme gleich, warte!«
   Meine Freundin strahlt mich an wie ein Honigkuchenpferd. Ihre Nacht muss ausgezeichnet gewesen sein.
   »Caro«, stöhne ich beinahe neidvoll. »Guten Morgen.« Ich lasse sie an der Tür stehen, schlurfe zurück zum Sofa und kuschele mich in die Ecke. »Ich komme in zehn Minuten runter«, murmele ich und sehe sie mit einem geöffneten Auge an. »Bestellst du mir schon mal Kaffee?«
   »Okay, du Langschläferin«, flötet sie viel zu gut gelaunt. »Aber nicht wieder einschlafen!« Wie ein Wirbelwind fegt sie davon.
   »Maike wird sich erst noch einmal kuschelig unter der Decke einrollen«, sage ich zu der geschlossenen Tür und gähne herzhaft.
   »Das kannst du vergessen!«, ruft es draußen vom Flur.
   Ich wusste doch, dass sie nicht so einfach loszieht.
   Nach einer Katzenwäsche ziehe ich mich an und packe meine Reisetasche. Ich werde das Handy und das Tagebuch mitnehmen, auch wenn ich weiß, dass es nicht richtig ist. Wie ferngesteuert schlage ich es erneut auf.
   Hallo Jorge.
   Ein Mann kam gestern in das Bistro und fragte, ob ich jemanden wüsste, der einen Haushälterinnenjob in Deutschland übernehmen möchte. Er sagte, man würde gut bezahlt werden und man könne bei ihm im Haus wohnen. Stell dir vor, Jorge, nie mehr kellnern für einen Hungerlohn. Er bezahlt gut. Ich habe mich lange und nett mit ihm unterhalten. Soll ich den Job annehmen?
   Wer ist Jorge? Hat Nadja ihrem Tagebuch vielleicht einen Namen gegeben? Klingt jedenfalls besser als Liebes Tagebuch.
   Ich bin neugierig, was als Nächstes kommt, aber wenn ich in den nächsten Minuten nicht zu Caro hinuntergehe, wird sie raufkommen. Sie hätte keine Bedenken, so lange an der Tür zu klopfen, bis wahrscheinlich jeder aus unserem Stockwerk seinen Kopf zum Gang hinausstreckt. Also packe ich das Buch weg und verlasse die Kajüte.
   Caro wartet ungeduldig im Speisesaal und winkt, als sie mich erblickt. »Rate mal, wer heute Morgen bedient?« Sie beugt sich vor und grinst.
   »George Bush?«
   »Scherzkeks!« Sie wischt meine Antwort mit einer Handbewegung weg, als wäre sie eine lästige Stubenfliege. »Du darfst noch einmal raten.«
   »Sag jetzt nicht, dein Date von gestern Abend«, flüstere ich geheimnisvoll und grinse Caro frech an.
   Sie lehnt sich gemütlich in ihren Sessel, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und lächelt. »Genau der, und er heißt Arnd.«
   Kaum hat sie seinen Namen ausgesprochen, steht Arnd auch schon mit einem vollen Tablett an unserem Tisch. »So, meine Damen, ein extra starker Kaffee, und für jede von euch gebackenes Ei mit Speck und frische Brötchen.« Er stellt das Frühstück vor uns hin, und absichtlich unabsichtlich streift er Caros Arm. »Lasst es euch schmecken, meine Süßen!« Er schwingt sein Tuch, das Kellnern offenbar angewachsen ist, über den Arm und geht ein paar Schritte rückwärts. Sein Supermannlächeln gilt allein Caro, auch wenn er für Süße die Mehrzahl benutzt hat. Schleimer!
   Ich starre Caro an, die mit roten Wangen und einem dämlichen Grinsen vor ihrem Teller sitzt und das Frühstück anhimmelt, als wäre es ein riesiger Goldklumpen. »Erde an Caro?« Ich wedele vor ihrem Gesicht herum.
   »Was?«
   »Alles in Ordnung?«
   »Ist Arnd nicht süß?«, schwärmt sie los.
   Ich schüttele den Kopf, und Caro sieht mich finster an.
   Okay, Arnd ist groß, schlank und gepflegt. Sein braunes Haar hat er mit einer Unmenge Gel streng nach hinten gekämmt, und ich frage mich, wie er es schafft, so erstaunlich frisch auszusehen nach Caros Inbeschlagnahme. »Na ja, du weißt ja, ich steh nicht auf so gestriegelte Kerle. Ich mag sie lieber robust. Er sollte ruhig einen Dreitagebart haben und nicht so viel Gel und Rasierwasser benutzen.« Unwillkürlich muss ich an Mark denken, und jetzt bin ich diejenige, die dümmlich vor sich hingrinst.
   »Also, ohne dich jetzt aufzuregen«, meint Caro sanft, »aber Luka war auch nicht so der Robuste!«
   »Ich weiß. Aber ich mochte ihn dennoch.« Mochte. Darauf beschränkt sich jetzt meine Vergangenheit mit ihm. Ich trauere nicht um ihn, und ich vermisse ihn auch nicht. Im Gegenteil. Ich bin ihm, glaube ich, dankbar dafür, dass er mir gezeigt hat, wer er wirklich ist.
   Ob ich irgendwann den Richtigen finden werde? Oder gehöre ich zu der Sorte Frauen, die nur Chaoten anzieht?
   »Sag mal, schläfst du mit offenen Augen?«
   »Was?«
   »Ich möchte zu gern wissen, was du gerade gedacht hast, Maike. Du warst eben gar nicht hier, oder?«
   »Nicht ganz.« Ich stopfe mir eine Gabel mit Ei in den Mund.
   Caro trinkt einen Schluck Kaffee und stellt die Tasse zurück auf den Tisch. »Wenn du reden willst, höre ich dir zu. Aber du hältst dich gut, und ich hoffe, du bist schon bald drüber weg.«
   Mein Handy piept. Eine SMS heißt mich Willkommen im norwegischen Telefonnetz. Einen Moment habe ich gefürchtet, es wäre Luka, der mich wüst beschimpft. »Ich habe etwas gefunden, das vielleicht noch spannender ist als deine letzte Nacht.«
   »Wieso? Was?«
   Arnd taucht an unserem Tisch auf, fragt, ob er uns noch etwas bringen darf und teilt mit, dass wir in zwanzig Minuten im Hafen anlegen.
   »Nein, danke. Die Rechnung, bitte«, säuselt Caro und wendet sich an mich, kaum dass er uns den Rücken kehrt. »Nun red schon!«

Kapitel 2

Wir flitzen in unsere Kabine. Caro, die noch nicht gepackt hat, wirft in aller Eile ihre Klamotten in den Koffer, und ich nutze die Gelegenheit, um ihrer Neugierde zu entfliehen und sie auf die Folter zu spannen. »Ich gehe schon mal ins Foyer, dann hast du mehr Platz hier.« Schwupps, bin ich raus.
   In der Halle haben sich schon Dutzende Passagiere versammelt, und ich warte neben dem Aufzug, damit Caro und ich uns nicht verpassen. Mich juckt es in den Fingern, das Tagebuch hervorzuholen und darin zu blättern, aber der Zeitpunkt ist zu ungeeignet.
   Ob wir das Handy irgendwie zum Leben erwecken können? Es ist ein Samsung-Gerät, genau wie meins, allerdings nicht dasselbe Modell. Aber der Stecker zum Laden sollte passen. Warum bin ich nicht heute Nacht schon auf die Idee gekommen?
   Die Fahrstuhltüren öffnen sich, und in dem Strom fließt Caro mit hinaus.
   »Hey.« Ich stupse sie an, damit sie mich nicht noch übersieht.
   Gemeinsam streben wir durch die Gänge, die uns zum Ausgang bringen. Das Schiff hat schon angelegt, das Rumoren der Maschinen erstirbt.
   Ein wunderschöner sonniger Tag empfängt uns in Oslo.
   Im Terminal ist die Übergabe des Leihwagens nur ein Minutenspiel, und schon sind wir unterwegs zu dem Objekt, das Caro verkaufen will.
   »Du hast mir noch nicht viel über deine geplanten Geschäfte hier erzählt.«
   »Wann auch?«, kontert Caro. »Außerdem gab und gibt es viel interessantere Themen. Also, welches Geheimnis verschweigst du mir?«
   »Wie lange fahren wir bis zu deinem Objekt?«
   »Zwanzig Minuten. Also?«
   »Und die Kaufinteressenten kommen morgen?« Ich muss mir mein Grinsen verkneifen.
   »Hallo? Antwortest du mir mal? Ja, morgen.«
   »Ja, also … ähm …« Ich schnalle mich ab und beuge mich nach hinten zur Rückbank, um an meinen Rucksack zu kommen, aber mein Arm ist nicht lang genug.
   Caro bremst, und ich werde nach vorn gezogen.
   »Anschnallen, weißt du?« Sie grinst mich böse an. Das hat sie extra gemacht. Unverantwortlich! Wortlos setze ich mich wieder hin und lege den Gurt an. Jetzt kann sie warten. Bis in alle Ewigkeit. Beleidigt starre ich aus dem Seitenfenster.
   »Hey Pflaume!«
   Ich spiele noch immer die Beleidigte, doch das Grinsen bahnt sich bereits wieder unaufhörlich einen Weg in mein Gesicht. Lange werde ich nicht standhalten, mein Mitteilungsdrang ist mindestens so groß wie ihre Neugierde. »Kannst du mal anhalten?«
   Meine Freundin tut es, ohne Fragen zu stellen. Verwunderlich.
   Als der Wagen steht, steige ich wortlos aus, öffne die Fondtür und krame in meinem Rucksack nach dem Handy und dem Tagebuch.
   »Hier«, sage ich, als ich wieder vorn sitze und strecke Caro meine beiden Fundstücke hin.
   »Was ist das? Sag nicht, du hast lange Finger gemacht!«
   »Hallo? Was denkst du von mir? Ich hab’s gefunden!«
   Caro grinst. »Wo? In einer fremden Tasche?«
   Jetzt bin ich wirklich sauer. »Du spinnst. Dann eben nicht.«
   »Komm schon.« Sie stupst mir in die Seite. »Ich hab’s nicht so gemeint. Jetzt erzähl halt.«
   »Ich hab’s gefunden! Sagte ich doch schon.«
   Caro mustert mich nur von der Seite.
   »Na gut. Beleidigtenmodus beendet. Das Handy und das Tagebuch steckten zwischen den Sofakissen in unserer Kabine.«
   »Und da kramst du einfach so drin rum? Hast du keine anderen Hobbys?«
   »O Mann, Caro. Bleib doch mal ernst. Ich hab meine Handtasche aufs Sofa gefeuert, und dabei ist mein Portemonnaie rausgerutscht.«
   »Aha.« Caro dreht und wendet meine Eroberungen in der Hand. »Warum hast du es nicht an der Rezeption abgegeben oder so?«
   »Ich will selbst herausfinden, wem es gehört und es der rechtmäßigen Eigentümerin zurückgeben.«
   »Ihr? Woher …«
   »Ja! Ich habe drin gelesen, und die Eintragungen enden mit dem Namen Nadja. Ich bin unverschämt, weiß ich auch. Unmöglich! Dreist! Neugierig! Spar dir das also, ist mir sowieso alles klar. Also …«
   »Was? Also?« Caro blickt mich schräg an.
   »Hilfst du mir? Du weißt schon. Starsky & Hutch. Caro & Maike.«
   »Du hast diesen verrückten Traum also immer noch nicht aufgegeben?«
   »Auf gar keinen Fall!«
   »Du bist verrückt! Du Kindererzieherin, ich Immobilienmaklerin – wie soll das gehen?«
   »Na, irgendwie halt.«
   Caro legt mir die Fundsachen auf den Schoß und startet den Wagen wieder. »Du weißt, dass das eine verrückte Idee ist?«
   »Ja, schon.«
   Das ist bereits ein verstecktes Ja. Caro spielt nur die Vernünftige, aber die Neugier nagt nicht nur an ihr, sie brennt bereits lichterloh in ihrem Inneren.
   Ich lasse sie in ihren Überlegungen brüten.
   Zehn Minuten später betreten wir das Kaufobjekt.
   Die Interessenten sind für morgen früh angemeldet, wir haben also noch Zeit, das Haus zu erkunden und ein bisschen die Gegend kennenzulernen.
   Das Objekt steht möbliert zum Verkauf, die Eigentümer haben die Zimmer sauber hinterlassen. Es müssen jüngere Leute gewesen sein, oder jung gebliebene Alte mit einem stylischen Geschmack. Grau, schwarz und weiß sind die dominierenden Farben, hier und da mit grünen Farbtupfen in Form von Dekorationen, Bildern, Teppichen.
   »Wow!«, meint Caro. »Hier würde sogar ich einziehen.«
   Das Ambiente passt zu meiner durchgeknallten Freundin. Wir kennen uns schon seit dem Kindergarten, und Caro war immer die Ausgeflippte. Ihr manchmal exotisches Outfit, das mitunter nicht nur sexy, sondern provokativ wirkt, ändert nichts daran, dass sie eine sensible, verlässliche und gewissenhafte Person und ebenso eine knallharte Geschäftsfrau ist, als würde sie mehrere Persönlichkeiten in sich vereinen. Sie gibt sich in der Freizeit freizügig und ist auch einem One-Night-Stand hier und da nicht abgeneigt, aber tatsächlich spielt sie nur mit ihren Reizen, genießt das Leben, steht mit beiden Beinen fest darin und will sich austoben, bevor sie irgendwann einmal im Hafen der Ehe landet und konservative Wege geht. Ich liebe sie für ihre Verrücktheit, genau so, wie sie ist. Gemeinsam gehen wir durch dick und dünn, das war schon immer so.
   »Komm, werfen wir noch einen Blick in den Garten und danach entscheiden wir, wo wir schlafen.«
   Das Objekt hat vier Schlafzimmer mit jeweils eigenen Bädern, und die Betten sahen einfach nur himmlisch bequem aus. Kein Vergleich zu den Matratzen in der Kabine.
   Ich krame das gefundene Handy und mein Ladekabel aus meinem Rucksack. »Warte, lass mich eben noch das Handy einstecken.«
   Nach einem kurzen Rundgang über das Gelände klagt Caro über Hunger.
   »Wir haben doch vorhin erst gefrühstückt.«
   »Es ist beinahe Mittag. Bis wir ein Restaurant gefunden haben …«
   Ich werfe einen sehnsuchtsvollen Blick auf das Handy. Eigentlich hatte ich gehofft, es in ein paar Minuten einzuschalten, denn es müsste, auch wenn es leer ist, mit eingestecktem Ladekabel zum Leben zu erwecken sein.
   Caro interpretiert meinen Blick richtig und greift nach meiner Hand. »Komm schon. Das hat Zeit bis später.«
   Sie ist definitiv weniger neugierig als ich. Oder – und das glaube ich viel eher – sie will sich dafür rächen, dass ich sie auf die Folter gespannt habe.
   »Dann lass uns wenigstens das Tagebuch mitnehmen«, sage ich.
   »Klar. Auf geht’s.«
   Das Haus liegt am Stadtrand, aber mit einer guten Anbindung an belebtere Gebiete. Schon nach knapp einer Viertelstunde weist mich Caro auf ein Restaurant hin, das offenbar Mittagsbetrieb hat, denn es parken zahlreiche Fahrzeuge auf dem hauseigenen Platz.
   Das Wetter lässt es leider nicht zu, dass wir uns auf die Terrasse setzen, nur ein paar Raucher gruppieren sich um einen Tisch. Im Sommer muss es hier herrlich sein.
   Wir ergattern einen der letzten Tische in dem typisch nordisch anmutenden Lokal, das mich von der Optik her eher an den Innenraum einer Sauna denken lässt. Eine Weile studieren wir die Speisekarten, aber dann kann ich endlich das Tagebuch hervorholen, während wir auf unsere Bestellung warten. Ich schlage es gleich auf, und gemeinsam beugen wir uns über die Seiten.
   Hallo Jorge.
   Ich habe den Job in Deutschland angenommen und werde in einen kleinen Ort namens Wiehl reisen.
   Er wird gut bezahlt, und deswegen gehe ich von hier weg.
   Weg aus unserem Viertel. Aber ich trage dich immer bei mir, und ich werde dich immer informieren, wenn es etwas Neues gibt. Ich freu mich schon darauf, mit dem Wenigen, dass ich hier habe, auf die Reise nach Deutschland zu gehen, zu einem guten Chef. Ein neues Leben anfangen, ja, das wäre schön, wenn es diesmal klappen würde. Deutschland hat so einiges zu bieten, weißt du, Jorge? Ich bin mir sicher, dass es das letzte Mal ist, das ich auf der Suche nach einer guten Zukunft für mich bin. Seit dich die Drogen mir genommen haben, hatte ich kein gutes Gefühl mehr, was meine Zukunft anbelangt.
   Nadja
   »Wiehl?«, sagen Caro und ich, als wir zeitgleich mit dem Lesen fertig sind.
   Caro zückt ihr Smartphone und ruft google Maps auf. Ich verfolge ihre Suche auf dem Display. »In einem Dreieck zwischen Wuppertal, Köln und Siegen etwa«, murmelt sie.
   Ich beuge mich weiter vor. »Zeig mal!« Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wo Wuppertal liegt, und auch Köln, das mir natürlich etwas sagt, könnte ich nur ungenau auf der Landkarte platzieren. »Gott, das liegt am Arsch der Welt!«, ist mein Fazit.
   »Das sieht mir ganz danach aus, als wäre Nadja auf keinem guten Weg.«
   »Was genau meinst du?«, hake ich nach, aber ich sehe Caro an, dass sie die gleichen Befürchtungen hegt wie ich. Drogenhandel, Menschenhandel, Prostitution. Im gleichen Moment spricht Caro es aus.
   »Das lässt vermuten, dass Nadja irgendwo aus dem Osten kommt. Bulgarien, Polen, vielleicht Russland.«
   Caro nickt. »Ich finde ihre Art, zu schreiben, vergleichsweise einfach. Sie wirkt wie eine recht naive junge Frau, vermutlich aus ärmlichen Verhältnissen und irgendwie in Schwierigkeiten.«
   Ich blättere einige Seiten nach hinten, lese hier und da einen Satz.
   Es wird nicht besser. Ich habe mich so auf die Zukunft gefreut, doch Sebastians Mutter Agnes macht mir das Leben schwer. Sie ist mit nichts zufrieden, egal, wie sehr ich mich anstrenge.
   »Offensichtlich hat Nadja keinen leichten Stand gehabt bei ihrem Job«, sage ich mehr zu mir selbst und blättere weiter.
   Sebastian ist mein einziger Halt. Er ist so lieb. Gestern hat er mir ein rotes Kleid geschenkt, aber ich kann es im Moment nicht tragen. Es ist zu kalt draußen, obwohl es noch Spätsommer ist.
   Erneut blättere ich weiter.
   Sebastian hat mir Blumen mitgebracht. Ich weiß, sie sind aus seinem Garten, aber ist es nicht viel schöner, dass er sie eigenhändig gepflückt hat anstatt lieblos einen gebundenen Strauß zu kaufen? Für seine Aufmerksamkeiten möchte ich ihm auf Knien danken.
   Wie arm muss diese Frau drangewesen sein, sich über so einfache Dinge zu freuen. Natürlich ist es schön, wenn der Freund einen mit Aufmerksamkeiten bedenkt, doch die Freude, die aus den Zeilen hervorspringt, wirkt zu groß, zu naiv. Mir hat Luka nie Geschenke gemacht, aber wenn, wäre ich nicht vor ihm auf die Knie gefallen.
   Ein Verdacht, den ich eben erst beiseitegeschoben habe, verdichtet sich. Ich schnappe mir eine der weißen Servietten aus dem Ständer, gleichzeitig kramt Caro nach einem Kuli in ihrer Handtasche.
   »Was haben wir bis jetzt?« Sofort notiere ich: »Name: Nadja. Alter: vermutlich maximal Mitte zwanzig. Wenn sie tatsächlich in so eine Menschenhändlergruppe geraten ist, die Frauen aus dem Osten zur Prostitution zwingen, kann sie kaum älter sein, oder?«
   Caros Gesichtsausdruck ist auf einmal sehr ernst. »Wahrscheinlich nicht. Aber das sind doch jetzt nur alles Spekulationen, und wenn nicht, stell dir doch mal ehrlich die Frage … willst du dich wirklich auf eine so gefährliche Sache einlassen? Ich denke, es ist besser, wir liefern Handy und Tagebuch bei der Polizei ab. Dort muss erst mal festgestellt werden, ob die beiden Sachen hier überhaupt zusammengehören.«
   Nachdenklich erwidere ich Caros Blick. »Aber es spricht doch nichts dagegen, vorher noch ein paar Informationen zu sammeln oder zusammenzutragen. Vielleicht finden wir entscheidende Hinweise. Wenn das Handy aufgeladen ist.«
   »Oder wir verzögern die Polizeiarbeit und es vergeht wertvolle Zeit.«
   »Du hast recht«, sage ich. Enttäuschung durchwabert für einen Moment meine Gefühle, aber natürlich ist die ganze Sache so merkwürdig, dass durchaus auch ein Verbrechen passiert sein könnte. Es wäre fatal, in diesem Zusammenhang eventuelle Ermittlungen zu be- oder verhindern. »Gut, dann gehen wir gleich nach dem Essen zur Polizei.«
   Caro nickt, und in diesem Moment wird unser Essen serviert. Auf eine halbe Stunde mehr oder weniger kommt es nicht an, oder? Dennoch habe ich ein mulmiges Gefühl im Magen und das Essen will mir einfach nicht schmecken, obwohl es köstlich riecht und appetitlich angerichtet ist. Irgendwie treibt mich plötzlich regelrechte Panik, wir könnten zu spät sein. »Es wäre meine Schuld, immerhin habe ich das Handy und das Tagebuch bereits gestern gefunden.«
   »Mach dich nicht verrückt.« Obwohl ich den Satz aus meinen Gedanken heraus vor mich hingemurmelt habe, versteht Caro, was ich meine. Sie greift nach meiner Hand. »Auf dem Schiff wäre sowieso erst mal nichts mit den Sachen passiert, und wer weiß, ob es da nicht einfach im Fundbüro verschüttgegangen wäre. Sicher wären die nicht auf die Idee gekommen, die Polizei zu informieren, weil niemand in das Tagebuch hineingelesen hätte.«
   »Ja, vielleicht.« Mir geht es durch Caros Worte trotzdem noch nicht besser.
   Nach dem Essen haben wir es eilig und warten nicht, bis der Kellner mit der Rechnung kommt. Wir stehen auf und gehen an die Theke, um zu bezahlen. Dabei fällt mein Blick auf einen Fernseher, der oben in der Ecke zwischen zwei Flaschenregalen hängt. Es laufen Nachrichten mit englischen Untertiteln.
   Schlagartig erwacht mein Interesse, als ich die Schlagzeile lese.
   Dead woman found by some fishermen near Kiel harbor!
   Ich stoße Caro an, die gerade das Wechselgeld entgegennimmt. »Caro!« Meine Stimme quietscht vor Aufregung. Irgendwie habe ich das unumstößliche Gefühl, das hier ist wichtig.
   Sie folgt meinem Blick und richtet ihre Aufmerksamkeit auf den Fernseher.
   Der Nachrichtensprecher im Studio kündigt ein Gespräch mit einem Reporter an, der vor Ort in der Nähe des Kieler Hafens auf die Moderation wartet. Ringsum sehe ich Spezialisten der Kriminalpolizei in ihren weißen Anzügen. Vor dem Absperrband, wo auch das Journalisten-Team steht, drängeln sich Schaulustige, hier und da winken sie ins Bild der Kamera.
   Sicherheitsleute drängen die Personen aus dem Übertragungsbereich des Reporters, dessen Gesicht ernst in die Kamera blickt.
   »Herr Niedernhagen, Sie stehen ganz in der Nähe des Auffindeortes der Frauenleiche. Können Sie uns bitte über die Geschehnisse der letzten Stunden berichten?«
   Der Reporter erscheint im Großbild. »Gestern Nacht wurde die Leiche einer jungen Frau, geschätzt auf Mitte zwanzig, lange schwarze Haare, schlank, von Fischern im Meer nahe Kiel gefunden. Über die Identität und Herkunft der Frau ist noch nichts bekannt. Die Leiche ist mit einem roten Sommerkleid bekleidet und trug weder Schuhe noch Mantel. Die Identifikation wird sich nach Angaben der Polizei aufgrund der Verletzungen vermutlich als sehr schwierig erweisen. Auch wird vermutet, dass die Frau schon Tage im Meer gelegen haben muss. Die Polizei hat eine Pressekonferenz angekündigt, sobald die Gerichtsmediziner nähere Angaben machen können. Es wird jedoch bereits jetzt um Mithilfe der Bevölkerung gebeten.«
   Das Bild wechselt zum Nachrichtensprecher. »Das ist ein entsetzliches Drama. Das Mitgefühl unserer gesamten Redaktion gehört den Angehörigen. Falls Sie, meine Damen und Herren, eine Frau vermissen, auf die die bisher vorliegende, leider sehr magere, Beschreibung passt, melden Sie sich bitte bei Ihrer zuständigen Polizeidienststelle. Die Frau wird auf Mitte zwanzig geschätzt, hat lange schwarze Haare und trug ein rotes Sommerkleid. Vielen Dank, Herr Niedernhagen.«
    Im Hintergrund wechselt das Bild zu einem ankernden Kutter. Reporter umringen einen Mann auf der Kaimauer, und ein weiterer Korrespondent erscheint in Großaufnahme.
   Er stellt kurz den Fischer vor, der die Leiche aus dem Meer gezogen hat. »Sie haben den grausigen Fund in der Nacht gemacht. Wie kam es dazu?« Der Reporter streckt dem älteren Mann ein Mikrofon entgegen.
   Unwirsch blickt der Fischer in die Kamera, das Gesicht gefurcht von Wind und Wetter, aber ebenso von dem erlebten Schrecken. Er strafft die Schultern, und nur zu deutlich ist ihm anzusehen, wie sehr er sich zusammenreißen muss, um das Erlebte wiederzugeben. »Sie hing im Netz. Einfach so.« Er gräbt in seiner Tasche und zieht eine Zigarette hervor, die er anzündet und den ersten Zug tief inhaliert. Der Rauch vernebelt für einen Augenblick das Bild.
   »Sie haben die Leiche also auf dem offenen Meer gefunden. Können Sie anhand von Strömungen oder Ähnlichem eine Vermutung anstellen, wie die Leiche an diese Stelle gekommen sein könnte?«
   Der Fischer zieht an seiner Zigarette und schaut perplex in die Kamera.
   Ich schüttele fassungslos den Kopf. Was für eine blöde Frage ist das denn? Spekulationen und Gelaber, wie immer. Das in allen Unglücksfällen stattfindende Gerede von Spezialisten und solchen, die es gern sein wollen sowie deren unendliche Mutmaßungen sind etwas, das mir vollkommen auf den Geist geht. Wie Fußballexperten, die nach einem Spiel jede Spielerbewegung auseinanderpflücken, nur, dass sie wenigstens eine Grundlage haben und nicht nur herumraten und tonnenweise Vermutungen und Annahmen diskutieren.
   »Vom Boot gefallen, was weiß ich.« Er zieht erneut an seiner Zigarette. Der Mann ist älter und hat vermutlich einiges gesehen und erlebt in seiner beruflichen Laufbahn. Zumindest ist ihm der Fernsehauftritt sichtlich zuwider. »Es war dunkel«, fügt er noch an, und seinem Gesichtsausdruck entnehme ich, dass er weitere Fragen und Antworten für überflüssig hält.
   Ich auch. Was soll der Fischer denn rumspekulieren? Aber die Medien brauchen Futter, um die Sensationslust der Zuschauer aufrecht zu erhalten.
   Die Kamera schwenkt hinüber zu dem leeren Schleppnetz, das am Mast des Schiffes hängt. Mitarbeiter der Spurensuche machen sich noch daran zu schaffen, und auch hier umringen Schaulustige die abgesperrte Zone.
   Der Nachrichtensprecher erscheint wieder im Vordergrund. »Wir berichten weiter, sobald sich Neues ergibt. Das war von hier aus Kiel, zurück ins Studio nach Köln.«
   Weitere Nachrichten aus aller Welt folgen, und ich stehe da und kann nicht fassen, was ich gerade gehört und gesehen habe. Eine junge Frau wurde aus dem Meer gefischt, die tagelang dort getrieben war. Mein Gott, wie grauenvoll.
   Ich atme tief durch, und ein kalter Schauder läuft mir über den Rücken. Beinahe wie von allein krallen sich meine Finger um Caros Arm. Mit bleibt die Luft weg, meine Knie fühlen sich an wie Pudding und Hitze steigt mir ins Gesicht. »Caro!« Ich umklammere ihren Arm noch fester und ziehe sie von der Theke weg zu einem freien Tisch schräg gegenüber. Ich schiebe sie auf die Bank und lasse mich daneben auf den Sitz fallen. »Das ist die Frau, der das Tagebuch gehört!«
   Caro bleibt gelassen und sieht mich mit kritischem Blick an. »Was? Wie kommst du darauf?«
   »Das rote Kleid!«, platze ich heraus. Umgehend fummle ich das Tagebuch aus meinem Rucksack und blättere die hinteren Seiten durch. »Da!«, schreie ich, sehe mich erschrocken über meine Lautstärke um, doch niemand beachtet uns. »Hier, lies selbst«, sage ich leise und zeige Caro die Stelle mit dem roten Kleid. »Das kann doch kein Zufall sein. Ich wette, Nadja war auf dieser Fähre. Und dann ist sie ins Wasser gestürzt.«
   »Du meinst, sie könnte sich das Leben genommen haben?«
   Die Frage stelle ich mir schon die ganze Zeit. Warum musste die Frau sterben? Hat sie jemand über Bord geworfen, gab es ein Handgemenge? War sie einfach nur unvorsichtig? Oder zu verzweifelt, um weiter am Leben festzuhalten?
   Brrr, ist das gruselig. Ich ringe mir ein Schulterzucken ab. Mir schwirrt der Kopf, und Caros Gesichtsausdruck macht es auch nicht besser.
   Während um uns herum der normale Betrieb weiterläuft, ist es für mich, als würde alles in Zeitlupe ablaufen. Mann, was soll ich tun? Wir müssten sofort zur Polizei, denn meine Fundstücke könnten dazu beitragen, die Identität der Toten zu klären. Und wer weiß, was noch …
   Immer, wenn ich in Panik gerate oder sich Chaos anbahnt, melden sich zwei Stimmen in meinem Gewissen. Engel und Teufel. Die beiden spielen in meinem Leben schon immer eine Rolle, und mit der Zeit habe ich mich an sie gewöhnt. Manchmal höre ich sogar auf den einen oder anderen. Bauchgefühl könnte man es auch nennen. Und auch jetzt strapazieren die beiden auf meinen Schultern sitzend meine Nerven.
   »Du musst!«
   »Nein! Ich will aber nicht!«
   »Maike?« Caro schnippt mit ihren Fingern vor meiner Nase herum.
   »Was?«
   »Sollen wir sofort zur Polizei fahren?«
   Ich schlucke. Engelchen oder Teufelchen? »Nein!« Es ist beinahe, als müsste ich das Wort hervorwürgen, so plagt mich mein Gewissen. Immerhin, so beruhige ich mich, ist es ja überhaupt noch nicht sicher, ob es sich bei dem Tagebuch und möglicherweise dem Handy tatsächlich um die Besitzstücke der toten Frau handelt. »Ich würde gern erst das Tagebuch komplett lesen und versuchen, das Handy zu inspizieren. Wie wäre es, wenn wir die Fundstücke erst vor unserer Abreise abgeben?«
   Ich sehe, wie es in Caro arbeitet. Wahrscheinlich wägt sie ab, ob es uns jemand zum Nachteil auslegen kann, es nicht sofort zu tun, aber wer will uns nachweisen, dass uns ein Zusammenhang überhaupt bewusst gewesen ist? Schließlich können wir einfach sagen, dass wir nie in dem Tagebuch gelesen haben.
   »Okay«, sagt Caro langsam und gedehnt. »Lass uns erst mal den Termin morgen abhandeln, und dann sehen wir weiter.« Sie steht auf, zwingt mich dabei, mich ebenfalls zu erheben, und schiebt mich in Richtung Ausgang.
   Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Frau. Der Satz mit dem roten Kleid geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Es muss einen Zusammenhang geben, das sagt mir mein Gespür.

Kapitel 3

Auf der Rückfahrt zu der Immobilie schweigen wir. Ich bin mir sicher, dass Caro mir die Bilanz ihrer Gedanken präsentieren wird, sobald wir zurück sind. Sie ist die Überlegtere, kühler Handelnde von uns. Ich bin meist viel zu impulsiv. Wären wir tatsächlich Detektivinnen, müsste sie mich wahrscheinlich mehr als einmal zurückhalten und mich davor bewahren, sehenden Auges ins Unglück zu rennen.
   »Ich denke, wir können uns noch zwei Tage Zeit lassen«, meint Caro und zieht den Zündschlüssel ab.
   Dass wir bereits angekommen sind, ist mir entgangen. »Du glaubst also auch, dass wir durch das Zurückbehalten zum jetzigen Zeitpunkt die Ermittlungen nicht behindern?«
   Caro blickt mich fragend an. »Nö.«
   »Ähm …?«
   »Da kann alles Mögliche passiert sein. Die Frau kann Selbstmord begangen haben, oder es war ein Unfall, oder …«, sie sieht mich durchdringend an, »es war vielleicht Mord. Totschlag, was weiß ich. Und möglicherweise geben das Tagebuch oder das Handy der Polizei entscheidende Hinweise.«
   Mir ist ganz schlecht. Also wäre es doch das Beste, die Fundstücke sofort abzugeben.
   »Aber …«, sagt Caro in einem Ton, der mich aufhorchen lässt, »ich glaube, ich kann es mit meinem Gewissen vereinbaren, bis zu unserer Abreise zu warten, ehe wir zur Polizei gehen. Das Leben der Frau können wir nicht mehr retten, und eine Spur zu einem Täter – wenn es denn einen gibt – kann die Polizei auch in drei Tagen noch aufnehmen. Zumal wir einfach sagen werden, dass wir keinen Zusammenhang erkannt haben.«
   »Dieser Sebastian war offensichtlich ihr Freund.«
   Caro versteht den Zusammenhang natürlich nicht ohne weitere Erklärung, aber sie fragt nicht nach, sondern sieht mich nur an.
   »Wenn er die Nachrichten gesehen hat, ist er ja vielleicht schon zur Polizei gegangen.« Diesen Gedanken hege ich, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, und es hilft. Auf zwei, drei Tage kommt es nicht an.
   »Vielleicht auch nicht«, meint Caro ernst. »Vielleicht liegen wir mit dem Verdacht von Mädchenhandel und Prostitution nicht falsch, und er hat Mädchen oder Frauen aus ärmlichen Verhältnissen geholt, um sie an Leute zu verschachern, die Geld haben?«
   »Vielleicht«, spinne ich den Faden zu einem Ende, »ist alles aber auch nur ein Hirngespinst, das wir uns zusammenreimen.« Gerade ich glaube nicht daran, aber wir müssen uns den Ball gegenseitig hin und her spielen, und da muss ich auch Überlegungen anstellen, die einfach nur dazu da sind, Caros Gedanken zu widerlegen, auch, wenn es sich nicht um meine Überzeugung handelt. Mit diesem Schema kommen wir am weitesten.
   Caro öffnet die Fahrertür. Ich stapfe hinter ihr her zum Haus.
   »Selbstmord?«, fragt Caro. »Hätte sie dann nicht einen Abschiedsbrief außer dem Handy und Tagebuch hinterlassen?«
   »Vielleicht finden wir noch etwas Derartiges unter den letzten Einträgen.«
   »Unfall?«
   »Leute fallen nicht einfach so von Schiffen. Da frage ich mich doch, warum sieht das keiner und ruft Frau über Bord oder so was in der Art?«
   »Könnte in der Nacht gewesen sein. Unfälle passieren auch im Dunkeln, weißt du?«
   Ich gebe Caro einen Knuff in die Seite. »Okay, ausschließen können wir beides bisher nicht.«
   »Was, wenn dieser Sebastian am Tod der Frau beteiligt war?«, frage ich und krame das Tagebuch aus meiner Tasche hervor, während Caro die Haustür aufschließt.
   »Dann ist er sicherlich nicht zur Polizei gegangen.« Caro zuckt mit den Schultern. »Aber du guckst zu viele Filme.«
   Wir gehen ins Wohnzimmer und plumpsen auf die Sofas. Caro streift ihre High Heels ab und legt die Beine auf die Armlehne.
   Ich blättere im Tagebuch. Was ich dort zu finden erhoffe, weiß ich nicht. Im Moment verlässt mich der Elan. Da fällt mir das Handy ein. Ich springe auf und flitze zu der Steckdose, vor der das Gerät am Ladekabel auf dem Boden liegt. Es müsste mittlerweile voll sein, doch als ich versuche, es einzuschalten, bleibt das Display schwarz. »Scheiße!«
   Caro tadelt mich mit ihrem Blick, und ich deute auf das Handy. »Tot!« Bei dem Wort wird mir heiß und kalt zugleich.
   Ich knöpfe mir das Tagebuch noch einmal vor, und auch Caro streckt ihren Kopf vor, um mitzulesen.
   Hallo Jorge.
   Einen schönen Garten haben sie hier, du müsstest ihn einmal sehen. Sehr schöne Blumenbeete gibt es vor dem Haus. Rosen, Lilien, ach, du weißt, wie sehr ich Blumen liebe. Es duftet hier so gut, und man fühlt sich so frei. Hinten im Garten gibt es einen Kräutergarten, Tomatenhügel und Salatfelder. Alles ist so gut gepflegt. Oleander gibt es hier in einem großen Gewächshaus, alles ist wunderschön.
   Nur der Gärtner, Johan, macht mir Angst, er hat eine große Narbe quer über seinem Gesicht. Er verfolgt mich, ist immer da, wo ich bin. Er beobachtet mich. Meine Chefin hat mir gesagt, ich soll ihn ja nicht so anstarren, wenn ich ihm begegne. Und ich solle mich nicht wagen, zu fragen, woher er diese Narbe im Gesicht hat.
   Caro hat einen Notizblock aus ihrer Handtasche hervorgezogen, und während ich gelesen habe, die Notizen von meiner Serviette übertragen. »Scheint, als hätte sie als Hausmädchen gearbeitet. Die Theorie von Mädchenhandel und Prostitution können wir wohl streichen.« Sie seufzt, und es klingt irgendwie erleichtert.
   Jorge!
   Johan hat schrecklich böse Augen, dass rechte, in dem sich die Narbe kreuzt, ist völlig grau und starr. Seine Haare stehen vom Kopf ab, als hätte er mit einer Stromleitung gekämpft. Bitte Jorge, beschütze mich vor diesem Mann. 
   »Ich kriege Gänsehaut«, sage ich und fahre mir prompt über die Arme. »Auch, wenn die Zeilen mir irgendwie sagen, dass Nadja eine eher einfache Frau gewesen sein muss …«
   »Vielleicht ist sie es noch«, unterbricht mich Caro. »Noch können wir nicht sicher davon ausgehen, dass es die tote Frau aus Kiel ist.«
   »Ich würde es mir wünschen. Und ihr.«
   Jorge.
   Ich werde wenig Zeit haben, dir zu schreiben, meine Aufgaben im Hause Boldt sind groß, ich habe vom frühen Morgen bis spät abends meine Pflichten hier.
   »Boldt! Hast du das?«
   Caro legt schon den Kugelschreiber wieder beiseite. Sie ist schneller gewesen als ich. »Damit kennen wir ihren Arbeitgeber, und den Ort, in dem sie gearbeitet hat, wissen wir auch.« Es fühlt sich an wie ein kleiner innerer Freudentanz.
   Es ist ein sehr großes, wundervolles Haus mit einer Terrasse und einem Wintergarten. Mein Zimmer ist unterm Dach, und es ist dreimal größer als das Zimmer, das ich davor hatte in meinem alten Job. Ich helfe viel in der Küche. Helfe der alten Frau, das Essen zuzubereiten. Sie ist seltsam, Jorge, sie lächelt immer vor sich hin, sieht mich dabei aber an, als wollte sie mir gleich die Augen auskratzen. Sie schickt mich immer in den Garten zu Johan. Er tut Dinge mit mir, die ich nicht sagen kann. Ich schäme mich so, Jorge. Er tut mir weh, wenn ich mich wehre.
   »Ach du scheiße! Denkst du, es ist das, was ich glaube?« Ich fahre mir über die Augen, will nicht sehen, was sich an Bildern hinter meinen geschlossenen Lidern abzeichnet.
   Ich spüre Caros Nicken, weiß, dass ihr der Kloß im Hals genauso fest sitzt wie meiner.
   Die Alte weiß es, sie hat uns gesehen, aber sie schweigt.
   »Fragt sich, wen Nadja mit die Alte meint«, sagt Caro.
   »Ich weiß es!« Ich blättere, bis ich die Stelle gefunden habe. »Hier, lies das noch mal.«
   Es wird nicht besser. Ich habe mich so auf die Zukunft gefreut, doch Sebastians Mutter Agnes macht mir das Leben schwer. Sie ist mit nichts zufrieden, egal, wie sehr ich mich anstrenge.
   Die nächsten Zeilen an der Stelle, an der wir zu lesen aufgehört haben, bestätigen meinen Verdacht.
   Ständig mäkelt sie an mir herum, lässt gegenüber ihrem Sohn kein gutes Haar an meiner Arbeit. Sebastian meint, ich solle Nachsicht mit seiner Mutter haben, weil sie alt und schon etwas senil sei. Aber wie soll ich das tun, wenn sie mich ständig bedroht? Mir sogar andeutet, mir Schreckliches anzutun, falls ich gehen sollte?
   »Agnes Boldt. Die Mutter von Sebastian Boldt«, sage ich, während Caro schreibt.
   »Er war also nicht nur ihr Freund, sondern auch der Arbeitgeber.«
   »… oder ist es noch«, korrigiere ich diesmal Caro, die mir vorhin zu verstehen gegeben hat, dass die Besitzerin des Tagebuchs nicht die Tote im roten Kleid sein muss, doch eine tiefe Traurigkeit sagt mir, dass ich vergebens hoffe. Wir lesen weiter.
   Sie ist kleinlich vom Aufhängen der Wäsche bis zu den Zimmerdekorationen. Einmal habe ich eine Bluse falsch herum auf den Bügel gehängt. Du weißt schon, Jorge – mit dieser gebogenen Seite nach vorn anstatt zum Rücken hin. Sie hat den ganzen Kleiderschrank leer geräumt, die Sachen auf den Boden geschmissen, und ich musste vieles neu waschen und bügeln, ehe ich alles wieder in Ordnung hatte. Bei der Zimmerdeko ist sie ebenso pingelig. Oleander sind ihre Lieblingsblumen, sie stehen im ganzen Haus in Vasen verteilt, aber ich darf sie nicht mal berühren oder umstellen, sonst meckert sie mich aus.
   Jedes Mal, wenn eine verblüht ist, kommt Johan ins Haus und tauscht sie gegen frische aus. Ich bekomme Gänsehaut, wenn er auftaucht, weil er wie ein Geist kommt und geht und lautlos plötzlich hinter mir steht.
   »Was für eine widerliche Hexe!«, flucht Caro.
   »Vielleicht ist es nicht dieser Sebastian, der hinter Menschenhandel und Prostitution steckt, sondern es sind seine Mutter und dieser Gärtner? Ich denke, wir können diesen Verdacht noch immer nicht fallen lassen.«
   »Im Gegenteil. Ich glaube, er verstärkt sich. Nadja hat schließlich geschrieben, dass die Alte davon wusste und nichts gesagt hat. Das muss einen Grund haben. Jeder normale Mensch hätte der jungen Frau geholfen und den Kerl gefeuert und angezeigt.«
   »Anscheinend haben wir es hier aber nicht mit normalen Menschen zu tun, jedenfalls nicht, was die Alte und den Gärtner angeht. Ich bin gespannt, als was sich dieser Sebastian letztlich entpuppt«, sage ich.
   Hallo Jorge.
   Meine Pflichten erledige ich sehr gut, Sebastian, mein Chef ist sehr nett zu mir.
   »Da haben wir unsere Bestätigung«, murmele ich unnötigerweise, denn Caro stupst mich an und zischt ein »Pst!«
   Immer wenn er von einer Reise zurückkommt, bringt er mir etwas mit. Heute hat er mir ein wunderschönes Halstuch geschenkt. Rot, meine Lieblingsfarbe. Er hat mir das Du angeboten. Jorge, wir haben es mit einem Glas Wein besiegelt, und er küsste mich auf die Wange.
   Sebastian ist so lieb zu mir wie kein anderer Chef, ich fühle, dass da mehr ist, ich möchte nur nichts überstürzen. Jorge, glaubst du, Sebastian liebt mich? Sei mir nicht böse, wenn ich dich das frage, aber du bist mein Freund. Immerhin kanntest du mich besser als alle anderen Menschen auf dieser Welt. Und wenn du nicht gegangen wärst, wären wir sicher noch zusammen.
   Ich überlege, ob ich Sebastian von Johan erzählen soll, über das, was er mir angetan hat.

Ach Jorge.
   Es tut mir so leid, dass ich für dich so wenig Zeit gefunden habe, ich verlebe hier eine arbeitsreiche Zeit. Die Alte sorgt ständig dafür, dass ich nicht zu wenig tue.
   Abends, wenn Sebastian nach Hause kommt, sitzen wir gemeinsam auf der Terrasse oder im Kaminzimmer und trinken Wein. Er lacht mit mir und lässt mich an seinem Tag teilhaben.
   Nur seine Mutter steht meist unverhofft im Türrahmen und sieht mich böse an. Das tut sie nur, wenn Sebastian es nicht sehen kann, ich spüre ihre Wut. Ich glaube, sie wäre froh, wenn ich nicht hier wäre. Sebastian dagegen ist so lieb zu mir.

Ach Jorge.
   Ich glaube, ich bin verliebt. Gestern waren wir Essen, Sebastian und ich. Es war sehr nett, doch als wir nach Hause kamen, hat mich die Alte sehr, sehr schlecht behandelt. Sie trug mir Extraaufgaben auf, ließ mich alle Fenster im Haus putzen.
   Als ich fertig war, sah ich, dass jemand die schon geputzten Fenster im unteren Stockwerk mit Fett beschmiert hatte. So musste ich alle unteren Fenster noch einmal putzen. Deshalb bin ich etwas schreibfaul heute, mir tun die Arme weh. Zum Glück darf Johan nicht zu mir. Die Alte hat es ihm verboten. Ich kann hier nicht weggehen, Jorge, ich schulde Sebastian eine Menge Geld. Er hat in Russland alle Schulden bezahlt, sonst hätte ich nicht ausreisen dürfen. Er hat auch noch Geld dagelassen, mit denen meine Eltern und Großmutter einige Wochen über die Runden kommen konnten, ehe ich ihnen das erste selbst verdiente Geld überweisen konnte. Ich muss es ertragen, bis die Schulden abbezahlt sind.
   Caros Kopf schießt in die Höhe. Und ich weiß, was sie sagen will. »Der hat sie gekauft, hat ihre Schulden bezahlt, und sie so an sich gebunden!«
   Ich nicke. »Von so einer Taktik habe ich schon gehört«, meine ich aufgeregt. »Solche Typen holen die Leute genau mit dieser Masche aus den ärmlichen Verhältnissen heraus, versprechen ihnen Arbeit, vermitteln sie weiter, und wenn sie nicht spuren, gibt es Dresche. Oder Schlimmeres.«
   Caro nickt. »Wie bei den sogenannten Drückerkolonnen. Der Bericht im Fernsehen letzte Woche war erschreckend.«
   Hallo Jorge!
   Gestern war Sebastian verändert, seine Frau war da.
   »Hoppla!« Caro und ich sehen uns an.
   »Arschloch!«, sagt meine Freundin unverblümt. Sie ist eine Frau, die ihr Leben in vollen Zügen genießt und attraktive Männer nicht von der Bettkante schubsen würde, aber verheiratet? Ein absolutes No-Go.
   Leider wollte sie mich nicht sehen, weil ich mit einer Magenverstimmung im Bett lag und sie sich nicht anstecken wollte.
   Ich war entsetzt, Jorge. Sebastian hat nie von einer Frau gesprochen, ich wusste nichts von ihrer Gegenwart. Kann ich denn so dumm gewesen sein? Die Mutter von Sebastian, die alte Hexe, nahm mich beiseite und sagte gehässig zu mir: »Du wirst hier nicht mehr lange bleiben.«
   Jorge, ich weiß nicht, was mich mehr verletzt hat, dass er mir verschwiegen hat, dass er eine Frau hat, oder dass die Alte so gemein zu mir war in diesem Moment.
   »Von mir hätte er gleich die Fahrkarte nach Wo-der-Pfeffer-Wächst bekommen«, sage ich und muss für eine Sekunde an Luka denken.
   »Aber so was von!«, bekräftigt Caro.
   Hallo Jorge!
   Seit ein paar Tagen geht es mir nicht gut. Ich muss mich viel übergeben, und ich fühle mich immer so schwach. Die Alte bringt mir jeden Tag frischen Tee, damit mir es wieder bessergeht. Aber es wird nicht besser, danach fühle ich mich nur noch schlimmer.
   Ines Boldt ist vor ein paar Tagen abgereist, zurück nach Afrika. Dort hat sie ein Projekt, das sie leitet. Sie ist fast nie zu Hause, und Sebastian hat mir gesagt, die Ehe sei seit Langem zerrüttet. Ich weiß dennoch nicht genau, was ich glauben soll. Er ist für einige Tage nach Hamburg gefahren, ich glaube, er will mich nicht mehr sehen. Er hat nur gesagt, wenn er wieder zurück sei, müsse er mit mir reden.
   Caro lehnt sich zurück. »Ich weiß nicht.« Sie grübelt vor sich hin.
   »Was denn?«, dränge ich, obwohl auch ich mir schon einige Gedanken gemacht habe. Ob wir in die gleiche Richtung tendieren?
   »Mir scheint, hier spielt sich irgendein Familiendrama ab. Machtspielchen, Eifersucht. Vielleicht ist schon Sebastians Ehefrau … wie heißt sie noch gleich?«
   »Ines«, helfe ich aus.
   »Also vielleicht ist Ines deshalb schon nach Afrika geflüchtet. Um dem Schwiegerdrachen zu entgehen.«
   Caro denkt nicht das gleiche wie ich. »Ich bin noch immer gedanklich bei der Menschenhandelsache, wobei ich gerade Zweifel daran hege, ob Sebastian Boldt nicht doch mit drinsteckt.«
   Meine Freundin zieht die Augenbrauen hoch, ein Zeichen, mit dem sie mich zum Weitersprechen auffordert.
   »Nun ja. Jetzt, wo wir wissen, dass Sebastian Boldt ihre Schulden gezahlt hat. Wer weiß. Spinnen wir den Faden doch mal weiter. Er bietet Frauen, die in Russland oder anderswo in ärmlichen Verhältnissen leben, einen lukrativen Job in seinem Haushalt an. Er sorgt mit seinen Geschenken und Aufmerksamkeiten dafür, dass sich die Frauen in ihn verlieben, und der Gärtner macht sie erst mal durch Vergewaltigung gefügig. Die Mutter letztlich sorgt dafür, dass die Frauen in Angst und Schrecken verfallen – und am Ende kommt Sebastian als Retter in der Not, der verspricht, die Frau an einem sicheren Ort unterzubringen. Und schwups, landen sie in irgendeinem Bordell.«
   Caro schweigt und reibt sich die Stirn. »Klingt wie Geschichten, die man in der Boulevardpresse aus dem Rotlichtmilieu so mitbekommt – und ganz abwegig sind deine Gedanken sicherlich nicht. Ich frage mich nur, wozu diese Umstände. Wenn die Frauen erst mal aus ihrer Heimat gelockt und in Deutschland angekommen sind, könnten sie auch direkt in Bordelle gebracht werden, oder? Wozu erst der Aufenthalt in Sebastian Boldts Haus? Würde er nicht viel zu viel riskieren, wenn eines Tages mal eine Frau flüchten und ihn sowohl identifizieren als auch seinen Wohnort benennen kann?«
   »Ja, schon«, muss ich zugeben. »Unsere Vermutungen sind noch nicht rund, die Puzzlesteinchen wollen noch nicht richtig zusammenpassen.«
   Aber vielleicht ist es ja gerade diese Taktik, die zum Erfolg führt, dass Frauen lieber freiwillig ihre Arbeitsstelle wechseln wollen und gar nicht wissen, worauf sie sich einlassen, höre ich den Engel auf meiner Schulter flüstern.

Jorge!
   Heute geht es mir seit Tagen wieder besser. Kein Essen konnte ich bei mir behalten, nicht einmal den Tee, den die Alte mir gebracht hatte. Als Sebastian früher als erwartet von seiner Reise zurückkam, rief er einen Arzt, weil er sich um mich sorgte. Warum hat die Alte keinen gerufen? Sie hat doch gesehen, dass es mir nicht gut geht. Immer dieser schreckliche Tee. Der hat es nur noch schlimmer gemacht. Aber der Arzt hat mir ein Medikament gegeben, und jetzt geht es aufwärts. Er meinte, ich brauchte mir keine Sorgen zu machen, so ein Virus ginge gerade um und fast jeder hätte so mit sich zu schaffen wie ich gerade.
   »Pft! Klingt beinahe, als wollte der Schwiegerdrachen Nadja vergiften.«
   »Deine Fantasie mal wieder.« Caro schüttelt den Kopf und liest weiter.

Ach, Jorge.
   Heute habe ich gehört, dass Sebastian mich auf eine Reise schicken will. Ich darf verreisen, Jorge, er hat zu der Alten gesagt, noch eine Arbeitskraft möchte er nicht verlieren, und nachdem es mir so schlecht ginge, wäre er bereit, mich auf Urlaub zu schicken.
   »Halt!«, rufe ich. »Pass auf! Jetzt geht’s in den Puff!«
   Caro schüttelt den Kopf. »Was mich viel mehr beunruhigt, ist dieser Satz.« Sie tippt mit dem Kugelschreiber auf ein paar Worte. »Noch eine Arbeitskraft verlieren? Wie ist das gemeint?«
   »Na ja, könnte ja sein, dass die vorherige Haushaltshilfe auf und davon ist. Gekündigt. Geflohen vor der Hexe.«
   »Oder …«, Caro zieht ihren Gedanken in die Länge, um mich auf die Folter zu spannen, »falls die Tote im roten Kleid tatsächlich Nadja ist, liegen in Boldts Garten vielleicht vergiftete Haushälterinnen begraben.«
   Ich lache auf und tippe mir an die Stirn. »Jetzt drehst du aber ab.«
   Caro blättert die Seite um.
   Er hat mir im Vertrauen gesagt, dass er mit auf das Schiff kommen würde, und dass er seiner Mutter kein Wort darüber sagen wolle. Er liebt mich doch, Jorge. Ich soll eine Schiffsreise machen. Stell dir vor, Jorge, er und ich, allein auf einem Schiff. Ach, das wäre schön. Aber wohin es geht, sagte er mir nicht, es soll eine Überraschung sein.
   Damit enden die Tagebucheinträge.
   »Was für ein seltsamer Zufall, dass wir in derselben Kabine gelandet sind wie diese junge Frau.«
   »Schicksal«, meint Caro und erinnert mich an ihre esoterische Ader, die in den Augen meiner Freundin schon mehr als einmal bewiesen hat, dass alles im Leben vorherbestimmt ist. Auf die Frage »Von wem?« habe ich allerdings noch keine befriedigende Antwort erhalten.
   »Wir haben genug Hinweise, die wir der Polizei direkt angeben können. Dass sie bei Sebastian Boldt in der Ortschaft Wiehl arbeitete, ist denke ich ein ausschlaggebender Hinweis, den wir nicht mehr lange für uns behalten dürfen.« Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich sofort zur Polizei gehen will und ich dem Teufelchen kräftig Paroli biete, doch Caro gähnt ausgiebig. Erschreckt stelle ich fest, dass es bereits stockdunkel geworden ist. Ich habe überhaupt nicht bemerkt, dass Caro das Licht angeschaltet hat, und mein Blick klebt verwundert an der Deckenlampe.
   Caro lacht. »Automatisch!« Sie nickt hinüber zu den geschlossenen Rollläden, die geräuschlos heruntergefahren sein müssen. »Genau wie die. Morgen früh bringe ich den Verkauf über die Bühne, und gleich darauf fahren wir zur Polizei.«
   »Ja, das ist das beste. Ich habe nämlich schon ein schlechtes Gewissen.«
   »Du weißt ja, ich glaube daran, dass es keine Zufälle im Leben gibt.«
   »Vielleicht hat die Familie Boldt Nadja ja längst als vermisst gemeldet.«
   »Falls sie nichts mit ihrem Verschwinden zu tun haben, sollte man das annehmen.«
   Caro streckt sich und steht auf. »Wir haben zwar nur zu Mittag gegessen, aber ich habe keinen Hunger und bin hundemüde. Schlafen?«
   »Jepp.« Bevor ich mich in das Schlafzimmer begebe, das ich mir ausgesucht habe, prüfe ich noch einmal das Handy. Tot.

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