Die Welt um Maike herum könnte so friedlich sein. Die Betonung liegt bei ‚könnte‘! Wäre da nicht Tekla, Maikes mittlerweile leicht verwirrte Tante, die zu Besuch kommen möchte. Einst eine stolze, modebewusste Frau, die Maike am liebsten zu einem Modepüppchen erzogen hätte, hat Tekla einen Auftrag für sie. Maike soll den Hausmeister Theo Lang finden, da dieser Tekla angeblich eine wertvolle Uhr gestohlen haben soll. Maike bittet ihren Schwager Karsten um Hilfe, der nur unter der Bedingung einwilligt, dass er einen ganz besonderen Preis für seine Dienste bekommt: Er will ein Date mit ihrer Freundin Caro. Seit seine Frau Tamara bei der Geburt ihres Sohnes Kevin starb, sehnt er sich nach Zweisamkeit. Demnach muss Maike ihre Freundin auf diese Aufgabe ansetzen, was gar nicht so leicht ist, denn Caro sträubt sich. Noch dazu gestaltet sich der Fall „Theo Lang“ schwerer als gedacht, weil dieser von einem auf den anderen Tag verschwunden ist.

Alle Titel der Serie!

E-Book: 3,99 €

ePub: 978-9963-53-994-9
Kindle: 978-9963-53-995-6
pdf: 978-9963-53-993-2

Zeichen: 366.417

Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-53-992-5

Seiten: 234

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Katharina E. Georgi

Katharina Georgi, geboren 1966 in Baden-Württemberg. Seit ihrem dritten Lebensjahr wohnt sie in Fürth im Odenwald. Sie ist ein Odenwälder Mädel und genau so ist ihr auch der Schnabel gewachsen. In Fürth ist sie zur Schule gegangen, lebt und arbeitet dort als Autorin. Seit 2010 schreibt sie an mehreren Büchern, die sie im Laufe der Zeit veröffentlichen möchte. Hauptsächlich schreibt Katharina Krimis mit Humor. So auch ihr jüngster Roman. Binnen kurzer Zeit hatte sie eine Person erschaffen, die einfach nicht mehr wegzudenken war. Maike, eine Möchtegern-Detektivin, Traumtänzerin, Chaotin und einfach treu in dem, was sie tut. Das erste Buch mit der Protagonistin Maike ist fertig, aber es sollen noch einige Fortsetzungen folgen.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter, oder klicken Sie auf das Buchsymbol, um sich online unser FlippingBook anzusehen.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei FlippingBook

... oder sofort „hineinschnuppern“

1
Geschwister

»Denise, scher’ dich aus meiner Wohnung. Dir ist nicht mehr zu helfen. Du hast den Bogen überspannt!« Theo stand im Wohnzimmer seiner Wohnung und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger zur Tür.
   »Alter Mann! Du musst mir helfen. Du bist mein Bruder. Ich weiß, du hast etwas gebunkert, ich kenne dich.« Denise blickte Theo aus trüben Augen leidlich an, der sich ganz und gar nicht davon erweichen ließ. Schon in seiner Kindheit musste er unter seiner Schwester leiden, und nun war ein für alle Mal Schluss damit.
   »Und wenn es so wäre, ginge es dich nichts an«, blaffte er.
   »Ich wette, wenn Tekla erfahren würde, warum du ihr ihre Uhr gestohlen hast, dann …«
   Theo fuhr ruckartig zu seiner Schwester herum. »Schweig! Du weißt von nichts. Versuch nicht, mich zu erpressen.«
   Denise seufzte. »Theo, mein Haus ist abgebrannt! Du hast ein Dach über dem Kopf und wahrlich genug Platz für uns beide! Ich schlafe seither unter Brücken und das in meinem Alter.«
   »Deine Schuld, du Feuerteufel.« Theo wandte sich zum Fenster und sah hinaus auf die Straße. »Genauso wie unser Elternhaus. Dich kann man nicht allein lassen. Du hast dich nicht unter Kontrolle. Man sollte dich einsperren, du alte Schabracke.«
   »Gib mir wenigstens den Schlüssel für den Garten«, meinte Denise, ohne auf Theos Anschuldigungen zu reagieren.
   Theo verschränkte die Arme vor der Brust. »Nein! Dem bleibst du fern.«
   »Der gehört uns beiden.«
   »Nur noch auf dem Papier.«
   »Du hilfst mir also nicht? Was ist mit unserer Abmachung, zu teilen? Du weißt, wovon ich rede. Nellis Neffe, du und ich …«
   Weiter kam Denise nicht, denn Theo fuhr zu ihr herum und schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab.
   »Nein ich helfe dir diesmal nicht mehr. Und komm nicht auf die Idee, Nellis Neffen um Hilfe zu bitten, da stößt du auf Granit, ich werde ihn über dich in Kenntnis setzen.«
    Denise starrte ihren Bruder mit großen Augen an und schnappte hörbar nach Luft. »Das wirst du bereuen, das schwöre ich dir! Ich finde heraus, wo du die Uhr versteckt hast! Und dann kannst du zusehen, wie die Polizei es einsammelt! Alles, was du dir aufgebaut hast. Ja, und Lorenzo mache ich das Leben zur Hölle, sollte er nicht auf meiner Seite stehen! Ich kann genauso gut allein mit ihm teilen.«
   Er fuhr zu ihr herum. »Du …! Du dämliche alte Frau! Du gehst jetzt besser.« Theo hustete rau.
   Denise sah ihn durchdringend an und nickte wissend. »Ich denke, es hat sich so oder so bald alles erledigt! Deine rege Vergangenheit hat dich längst eingeholt.«
   »Raus«, brüllte Theo und unterdrückte einen erneuten Hustenanfall.
   Denise verließ fluchend die Wohnung.
   Kurz darauf schnappte sich Theo das Telefon und wählte eine Nummer. »Lorenzo.« Theo hustete wieder. »Denise wird mir zu gierig. Ich denke, es wird Zeit, sich zu unterhalten. Allein, bei den Gärten, hast du mich verstanden?«

2

Als Tochter einer perfekten Hausfrau musste ich einsehen, dass ich nicht in der Lage war, zu kochen oder einen halbwegs normalen, unfallfreien Haushalt zu führen. Das bedeutete nicht, dass ich nicht wollte. Ich versuchte ernsthaft, mir Mühe zu geben, aber mir fehlte die nötige Motivation, wenigstens ein wenig Ordnung zu halten.
   Genau diesen Vorwurf musste ich mir von meiner Mum in letzter Zeit ziemlich oft anhören. Denn auch sie war seit Tagen dabei, alles zu schrubben, was sich in ihrer Wohnung befand. Langsam wurde mir klar, dass dieses »Du musst endlich lernen, wie man einen Haushalt führt«-Gerede einen Grund hatte. Die schlimmsten Befürchtungen, die meine Mum all die Jahre verdrängt hatte, waren nun wahr geworden. Die Ordnungspolizei in Form meiner Tante Tekla hatte sich für einen längeren Besuch bei uns angekündigt.
   Meine Tante war eine der ordentlichsten Menschen, die ich kannte. Schmutz in jeglicher Form war ein Feind und musste mit allen Mitteln, die der Verbrauchermarkt zu bieten hatte, beseitigt werden. Und meine Mum musste zugeben, dass ihre Schwägerin damals recht hatte mit ihrer Vermutung, man könne aus mir keine ordentliche Hausfrau machen.
   Jetzt, da ich Tekla seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, weil sie beinahe meiner Mum die Verwandtschaft kündigte, als sie erfuhr, dass ich meinen Beruf als Erzieherin an den Nagel hing, war ich bereit ihr zu beweisen, dass ich Beruf und Familie locker stemmen konnte. Obwohl, die Startschwierigkeiten, die ich als Schnüfflerin und Hausfrau zugleich hatte, machten nicht nur mir zu schaffen. Jeder in meiner Familie hatte in irgendeiner Form darunter zu leiden. Deshalb nahm ich seit Monaten an etlichen Kochkursen teil, die man in meiner Umgebung anbot. Aber nicht nur wegen Tantchen, nein, ich tat es hauptsächlich meiner Familie zuliebe, die mir dankbar dafür wäre, ihnen endlich ohne fremde Hilfe ein ordentliches Essen zu zaubern.
   Es hätte auch fast geklappt, wenn da nicht diese eine ‚Kleinigkeit‘ gewesen wäre. Hier und da ließ man mich nämlich mittlerweile spüren, dass ich in diversen Kochstunden nicht willkommen war, indem man schon bei der Anmeldung energisch mit dem Kopf schüttelte und mir unmissverständlich zu verstehen gab, dass die Versicherungen zu teuer seien, um mich hier zu unterrichten.
   Es hatte sich also bereits herumgesprochen, dass meinetwegen schon die eine oder andere Fritteuse einen kleineren Zimmerbrand auslöste.
   Die Kurse führten zu nichts, und ich gab es auf. Ich wusste, wie man diese Dinger, die sich Fritteuse nannten, benutzte. Einschalten und Vollgas. Was man allerdings nicht sollte, war, angetautes Geflügel direkt von der Verpackung aus, sprich Tüte, in den Frittierkorb kippen. Wasser und blubberndes Frittierfett sind Naturfeinde. Ebenso sollte man auch keinen Schnellkochtopf, der unter Druck steht, mit einem Ruck öffnen.
   Langsam dachte ich selbst, war es völlig daneben von mir, zu glauben, ich könnte jemals kochen wie Johan Laber oder so durch die Wohnung wirbeln wie Meister ‚General’ aus der Werbung.
   Nun musste ich noch erklären, wer hier hinter diesem ganzen Chaos steckte. Ich hieß Maike Stein. Ich war Privatermittlerin, verheiratet und wohnte mit meinem Mann und meinen beiden Kindern im Haus meiner Mutter in Frankfurt.
   Mein Schwager war Polizist, und auch er hatte anfangs, genau wie der Rest meiner Familie seine Schwierigkeiten, mir diesen Beruf zuzutrauen. Es war nicht einfach, aber ich hielt mich tapfer. Meinem Mann Mark gefiel die Vorstellung eher weniger, da er manchmal Angst hatte, dass er eines Tages unseren Zwillingen Shiva und Josef erklären musste, warum Mama nicht mehr heimkam.
   Nun, so schlimm war es zum Glück bis heute noch nicht geworden. Ich liebte meinen Beruf, der sich hervorragend mit meiner Neugier ergänzte. Bis jetzt war ich immer mehr oder weniger gesund aus meinen Aufträgen herausgekommen, denn ich musste gestehen, man hatte mich schon des Öfteren mit einer Waffe bedroht. Und nicht nur mich, auch Mark und meinen beiden Freundinnen Melissa und Caro, die mit aller Kraft hinter mir standen, wenn es hieß: ‚Die bösen Jungs zur Strecke zu bringen.’

3

Mir schwante nichts Gutes, als Caro mich mit ihrem Anruf heute Morgen unter der Dusche hervorjagte und mich mies gelaunt in unser Büro zitierte.
   Wenn Caro miese Laune hatte, war es besser, ihr nicht ohne eine Süßspeise wie zum Beispiel einen Donut oder wenigstens einer Tüte Gummibärchen zu begegnen. Solche Kleinigkeiten verbesserten ihre Laune um einiges. Ich kannte das schon, denn sie war meine beste Freundin, seit ich denken konnte.

Ich lugte, bevor ich unser Büro betrat, vorsichtig durch die Tür, und sah Caro an ihrem Schreibtisch sitzen. Sie trug ein blaues Jeanshemd, und sie hatte ihre blonden Haare streng zu einem Knoten nach oben gebunden. So aufgedonnert sah sie aus wie eine Direktorin, die gleich die gesamte Belegschaft zur Schnecke machen wollte. Und nicht nur ihre Frisur machte den Eindruck, nein, selbst ihr Gesichtsausdruck sagte klar und deutlich ‚Leg dich nicht mit mir an’.
   Sie starrte in ihren Monitor und spielte mit der Halskette, die sie sich nachdenklich um einen ihrer Finger wickelte.
   Ich hasste dieses Ding, sie sah aus, als käme sie direkt aus der ‚Such dir was raus‘-Kiste beim Zahnarzt. Auch ich war immer auf diese Kiste reingefallen. Es war eine Kiste der Täuschung, jawohl, denn kaum war man zu Hause, die Schmerzen, die der Peiniger in Weiß einem mit seinem Bohrhammer zugefügt hatte, gerade so am Abklingen, zerfielen diese Geschenke meist in ihre Einzelteile.
   »Du kannst auch reinkommen, ich hab’ dich so oder so schon gesehen«, sagte Caro, ohne mich dabei anzusehen.
   Ich blickte meine Freundin über den Schreibtisch hinweg an und versuchte, keine Miene zu verziehen. »Was ist denn so dringend, dass du mir hundertmal auf meinen Anrufbeantworter sprechen musst und mich sogar von Mark unter der Dusche hervorholen lässt?«
   Caro sah mich mit ihrem ‚Jetzt übertreib mal nicht so’-Blick an. »Ich habe genau zweimal darauf gesprochen. Und ich habe Mark nur gesagt, als er sich beim x-ten Versuch dich zu erreichen, am Telefon meldete, er solle dich doch bitte holen, weil ich dir etwas Dringendes mitzuteilen hätte, und zwar persönlich.« Ohne mich zu Wort kommen zu lassen, fuhr sie fort. »Ich habe einen Auftrag für dich von Karsten bekommen. Eine Frau hat sich gestern bei ihm gemeldet. Sie behauptete, du seist ihre Nichte, und du hättest gesagt, du würdest für das Polizeibüro arbeiten.«
   Erstaunt schob ich meinen Kopf zurück und zog die Augenbrauen nach oben. »Wem sollte ich das denn gesagt haben?«
   Caro zuckte mit den Schultern. »Die Frau jedenfalls beteuert dies.«
   Um alles etwas abzuflachen und nicht noch ein Streitgespräch mit ihr anzufangen, vermied ich es, zu fragen, warum Karsten mit seinem Anliegen nicht zu mir, sondern zu ihr kam. Denn den Grund dafür konnte ich mir bereits denken. Karsten wollte sich ins Gespräch bei ihr bringen. Seit meine Schwägerin Tamara bei der Geburt von Kevin von uns ging, fühlte sich Karsten sehr allein. Und in Caro sah er seine tröstende Person. Ich sehe es noch wie heute. Wir saßen beim Grillen zusammen und feierten Kevins Geburt. Wir, Mark, Caro und ich wollten an diesem Nachmittag zur glücklichen Familie ins Krankenhaus fahren. Es war für uns alle ein Schlag, als wir realisierten, was uns da eine Stunde später nach der Geburt für eine schlimme Nachricht mitgeteilt wurde.
   »Es gab Komplikationen«, teilte uns Karsten mit. »Die Ärzte versuchten alles, um Tamaras Leben zu retten. Doch konnten sie die Blutungen nicht mehr stoppen.«
   Mir schnürt es heute noch die Kehle zu, wenn ich an das alles zurückdenke. Das ganze Chaos davor. Wie erleichtert ich war, als sich die beiden nach ihrem Streit davor ausgesprochen hatten, dass Tamara am Ende doch noch zugestimmt hatte, die Familie zu vergrößern. Die neun Monate Glück, die die beiden hatten. Sogar die Geburt selbst …
   »Eine Bilderbuchgeburt«, teilte Karsten uns stolz am Telefon mit. Und dann, eine Stunde später kam der Anruf, »es hat Komplikationen gegeben.«
   Gemeinsam fuhren wir zu ihm ins Krankenhaus. Wir fanden Karsten im Wartezimmer, seinen Sohn auf dem Arm haltend, Tränen in den Augen.
   Als er uns sah, weinte er und sackte im Sessel zusammen. »Bitte geht, es ist lieb, dass ihr hier seid, danke, aber ich kann nicht mit euch reden. Noch nicht.«
   Als wir uns zum Gehen wandten, rief er jedoch Caro zu sich, und bat sie, zu bleiben. Seit der Zeit hilft und macht sie alles für Karsten und Kevin.
   Ich legte meiner Freundin schweigend die Tüte Gummibärchen, die ich unterwegs noch für sie besorgt hatte, auf den Schreibtisch.
   »Was hat Karsten denn nun genauer gewollt?«, fragte ich so einfühlsam, wie ich nur konnte.
   Caro besah sich die Gummibären und fing an, zu lächeln. Wusste ich es doch. So nahm man ihr den Wind aus den Segeln.
   Sie öffnete die Tüte, stopfte sich einen der Bären in den Mund und sah mich aufmerksam an. »Ganz genau weiß ich es nicht. Karsten hat mir mehr andere Dinge ins Ohr gesäuselt, als das, was von Wichtigkeit gewesen wäre. Aber so viel ich verstanden habe, sollst du dich auf die Suche nach einem gewissen Theo Lang machen, der deine angebliche Tante bestohlen haben soll.«
   »Ich?« Erstaunt blickte ich Caro an und setzte mich an meinen Schreibtisch.
   »Wer denn sonst? Du bist die Spürnase! Nicht ich, oder Melissa. Du suchst, du gibst uns Kommandos. Basta.« Caro verschränkte ihre Arme vor der Brust und starrte mich an, als wollte sie sagen, dass sie keine Widerreden haben wollte. Mann, die hatte aber wirklich miese Laune.
   »Was ist eigentlich mit dir los?«, fragte ich, denn da war doch was im Busch, das spürte ich doch.
   Seit der erneuten und nun endgültigen Trennung von Hank hatte sich Caro eine harte Schale zugelegt, und diese Schale gefiel mir nicht.
   Meine Freundin blickte mich verlegen an und seufzte. »Karsten macht mir den Hof. Ich meine, ich mag ihn, ich mag ihn wirklich. Aber ich kann nicht mit ihm ausgehen. Tu mir den Gefallen, spüre diesen Theo Lang auf und schaffe dessen Hintern zu Karsten. Dann ruft er hier nicht ständig an und fragt mich, wo du steckst.«
   »Allein?«, meinte ich spitz.
   »Allein, was?«, erwiderte Caro perplex.
   »Soll ich diesen Theo Lang allein suchen, oder was?«
   Caro starrte mich mit offenem Mund an. »Nimm Melissa mit, wenn sie mit ihrem Job im Kaufhaus fertig ist. Stell dich doch nicht so an. Herrje, Maike, du bist doch sonst nicht so lahm.«
   Seufzend verdrehte sie die Augen. Was mich wiederum nervte. Wenn sich meine Freundin jetzt nicht bald wieder fangen würde, würde ich drastische Maßnahmen ergreifen müssen. Noch war sie bei mir und Melissa in der Schonzeit, doch diese würde sicher nicht mehr lange andauern. Mein Blick schweifte hinüber zu Melissas Schreibtisch. Melissa hatte seit drei Wochen im Kaufhaus zu tun, weil dort irgendwelche Jugendlichen ihre Diebeszüge vollzogen. Die Firma hatte daraufhin auf den Rat von Karsten kurzerhand bei uns angerufen und sich Melissa ausgeliehen. Ich hatte sie seit Tagen kaum noch zu Gesicht bekommen, es sei denn, sie schrieb gerade ihre Berichte zum Tagesgeschehen. Melissa kam vor Kurzem zu uns, denn sie hatten wir bei einem Fall kennengelernt, bei dem ich den Mörder ihres Bruders ausfindig machen sollte, und seitdem war sie für mich und Caro eine liebe Freundin geworden.
   Ihre Fähigkeiten, mit Verstorbenen zu reden, blieb jedoch unser Geheimnis, von dem nur Caro, Karsten, Mark und ich etwas davon wussten, denn nicht jeder hatte dafür Verständnis, wenn sie auf einmal anfing, ins Leere zu reden. Das war allein schon für uns ein überaus seltsames Erlebnis.
   »Wo steckt die denn?«, meinte ich und nickte in Richtung Melissas Schreibtisch.
   Caro zuckte mit den Schultern und mampfte erneut ein Gummibärchen.
   Da ich nun nicht wusste, ob Melissa wieder frei war, fragte ich Caro, ob sie mir eventuell dabei helfen wolle, diesen Theo Lang zu finden.
   »Nee«, antwortete Caro.
   »Okay«, sagte ich gedehnt. »Liegt es an Karsten?«
   Genervt schnaubte Caro durch die Nase. »Nein. Ich habe genug um die Ohren. Ich brauche einen neuen Assistenten, der für mich die Auslandsimmobilien besichtigen kann, wenn ich keine Zeit habe. Ich würde auch viel lieber mit dir und Melissa Leute beschatten und verfolgen, aber ich kann meine Firma hier nicht untergehen lassen, denn diese rettet uns so ab und zu über die Runden, wenn der Schnüffler-Job nicht genug für die Miete abwirft.«
   Caro hatte recht, und ich fing an, Hank zu hassen. Dieser Mistkerl hatte sich abgesetzt, einfach so.
   »Caro …«
   Doch weiter kam ich nicht, denn diese zeigte abrupt mit ausgestrecktem Zeigefinger wortlos zur Tür, und rammte sich dabei ein Stück Fingernagel am Monitor ab, an dem sie hängen blieb. Dieses Thema war für Caro ein für alle Mal beendet.
   Es brachte mir nichts, noch länger im Büro herumzuhocken und Caros miese Laune zu ertragen, ich fuhr allein zu Karsten. Unterwegs rief ich Melissa an, die ich aber nicht erreichte.

Karsten saß in seinem Büro und tippte auf der Tastatur herum. Seine Laune schien nicht besser zu sein als die von Caro, denn er feuerte gerade etwas, was ich nicht ausmachen konnte, missmutig in die Schreibtischschublade, und knallte Selbige mit einem Wumms zu. Er war abgemagert. Seit seine Frau von uns gegangen war, aß er nur noch sehr wenig, er schlief kaum noch und er hatte sich einen Vollbart stehen lassen, der ihn um Jahre älter machte.
   Als Karsten mich sah, lächelte er und kam auch ohne Umschweife sofort zum Thema. »Hey, ich hatte heute Besuch von einer älteren Dame, die behauptete, dich zu kennen. Sie meinte, sie wäre Tekla und fragte nach, wo denn nun dein Büro sei.«
   Tekla? Mein Gehirn ratterte auf Hochtouren. Tekla? Oje, die schlimmsten Befürchtungen meiner Mum waren wahr geworden. Tantchen/Ordnungspolizei war in der Stadt. Aber wann sollte ich je meiner Tante gegenüber erwähnt haben, ich würde bei der Polizei arbeiten?
   Ich setzte mich auf den Stuhl gegenüber von Karstens Schreibtisch und nuschelte. »Das war sicher meine Tante«, mehr fiel mir gerade nicht dazu ein.
   »Deine Tante also.« Karsten nickte mir zu. »Ich habe ihr gesagt, dass du gerade nicht hier seist, ich dir aber liebend gern ausrichten würde, dass sie hier war, um dich zu suchen.«
   »Oh«, meinte ich erstaunt. Warum sucht die mich?, fragte ich mich und bekam Horrorvisionen von Unmengen von Klamotten und Schuhe, die sie mir aufzudrücken versuchte.
   »Ich dachte mir«, fuhr Karsten fort, »spiel das Spiel mit und binde ihr nicht gleich auf die Nase, dass du hier gar kein Büro hast. Könnte ja sein, dass du Gründe, von denen ich nichts wissen soll, hattest, dies deiner Tante gegenüber zu behaupten. Außerdem machte sie auf mich den Eindruck, dass sie etwas neben der Spur läuft.« Karsten lehnte sich zu mir nach vorn und schnippte mit den Fingern. »Hörst du mir überhaupt zu?«
   »Oh«, erwiderte ich betreten. In meinem Gehirn suchte ich währenddessen nach einer Antwort, die ich Karsten sicher gleich geben sollte, ich aber nicht konnte.
   Karsten lächelte. »Ist ‚Oh‘ heute deine Standardantwort zu allem?«
   Ich schüttelte meinen Kopf und starrte die Box mit den Kugelschreibern an, die vor mir auf dem Schreibtisch stand. Ich wollte, bevor ich etwas sagte, erst einmal herausfinden, wie Karsten heute drauf war. Bei ihm musste man sehr vorsichtig sein in letzter Zeit. Er war entweder sehr nah am Wasser gebaut oder er ging los wie Raketen in der Silvesternacht. Und meine Tante konnte, ohne mit der Wimper zu zucken, locker das Feuerzeug zum Zünden der Lunte aller Probleme sein.
   »Deine Tante sucht einen Dieb«, half mir Karsten weiter, da ich seiner Meinung nach wohl zu lange brauchte, um zu fragen, was sie hier wollte.
   Ich blickte auf. »Wofür braucht Tantchen einen Dieb?«
   Karsten lachte. »Sie braucht ihn nicht, sie sucht ihn.«
   Das hatte ich verstanden, doch die Ironie in meiner Frage hatte Karsten wohl nicht erreicht. So jedenfalls sah er mich auch an.
   »Man hat ihr vor einigen Tagen eine alte Tischuhr aus ihrer Wohnung gestohlen. Und sie verdächtigt den Hausmeister, den man Wochen zuvor gekündigt hatte. Sie meinte ernsthaft, der Einbruch wäre Rache gewesen.«
   Was hatte Tante Tekla nur getan, dass man sich an ihr rächen musste?, überlegte ich, während ich Karsten ansah, der von mir etwas mehr Gesprächigkeit erwartete.
   »Und weil ich nicht da war, hat sie gleich mit dir den Fall besprochen, anstatt auf mich zu warten?«, gab ich kleinlaut zur Antwort.
   Karsten nickte. »Und nun gebe ich den Auftrag an dich weiter.«
   Erfreut darüber blickte ich meinen Schwager an. Doch bezweifelte ich ein wenig, dass bei meiner Tante eingebrochen wurde, sie verlegte gern mal Dinge und fand sie erst Monate später wieder, wenn überhaupt.
   Während Karsten sprach, holte er eine Akte aus seiner Schublade am Schreibtisch hervor und legte diese vor mir auf die Tischplatte. »Was mich letztendlich dazu veranlasste, ihr Anliegen anzuhören, war der Name des Hausmeisters, den sie mir nannte. Da klingelte etwas bei mir, und ich habe mich an einen früheren Fall erinnert, an dem ich arbeitete, als ich noch nicht bei der Mordkommission tätig war. Ich habe deiner Tante die Verbrecherkartei gezeigt, und tatsächlich, auf den Fotos hat sie ihn erkannt.«
   Jetzt zweifelte auch ich nicht mehr an dem Einbruch.
   Karsten tippte mit dem Finger auf das Foto in der Akte. »Theo Lang. Er hat vor gut zwanzig Jahren mit Drogen gedealt. Schmuck und was auch immer aussieht, als wäre es wertvoll, hat er mitgehen lassen. Die Elster nannte man ihn früher in Fachkreisen. Aber es ist still um ihn geworden, seit Jahren habe ich nichts mehr von oder über ihn gehört. Er und seine Schwester haben bewegte Zeiten hinter sich. Seine Schwester Denise hat ihr Elternhaus angezündet … als Vierjährige«, setzte er besorgt nach. »Als sie zwölf war, brannte ihre Schule bis fast auf die Grundmauern nieder. Einer der Schüler hatte damals ausgesagt, er habe sie gesehen, kurz bevor das Feuer ausbrach. Sie wäre angeblich Minuten davor, wie vom Teufel gejagt, schreiend aus den Kellerräumen gerannt. Daraufhin konnte man ohne Zweifel beweisen, dass Denise das Feuer gelegt hatte.«
   »Wie beweist man, wenn jemand schreiend aus einem Raum rennt, dass derjenige dort ein Feuer gelegt haben soll? Das kann doch auch andere Gründe gehabt haben.«
   Karsten lachte. »Sie hatte einen leeren Kanister Benzin dabei und schrie »Brenne, Rom! Brenne«. Der Geschichtsunterricht muss damals noch sehr lebhaft gewesen sein. Der Lehrer hätte vielleicht besser diesen berühmten Satz anbringen müssen, von dem man immer sagt, wenn man ihn hört, dass das ja wohl selbstverständlich sei. ‚Und bitte nicht nachmachen liebe Kinder’.«
   Ich glotzte Karsten sprachlos an.
   »Jedenfalls wurde Denise danach intensiv wegen ihrer Verhaltensstörung betreut.« Karsten schüttelte fassungslos den Kopf. »Die Schwester ein Feuerteufel, der Bruder ein Dieb und bereits mit jungen Jahren schon verurteilt wegen Totschlags. Deren Eltern haben leider schon sehr früh versäumt, ihre Kinder in die richtige Spur zu führen.«
   Mit den Worten »Deine Familie braucht dich«, schob mir Karsten die Akte über den Schreibtisch entgegen.
   Oh. Da musste ich zur Abwechslung wirklich einmal einen schweren Braten fangen. Ich wurde von meiner Familie gebraucht, was mich schon etwas stolz machte. Zuerst war es mein Bruder, dem ich geholfen hatte, zu beweisen, dass er unschuldig war und den ich vor seinem Entführer retten musste. Und jetzt brauchte mich mein Tantchen, von der ich nie gedacht hätte, dass diese mich je noch einmal in meinem Leben um etwas bitten würde. Sie war von Anfang an dagegen, dass ich diesen Job ausübte.
   »Maike?«, unterbrach Karsten meine Gedanken, legte seinen Kopf schief. »Wieso erzählst du deiner Tante, du würdest hier arbeiten? Hat das einen Grund, dass du das deinen Verwandten gegenüber erwähnst? Ich meine, es ist ja nicht schlimm, aber es stimmt eben nun mal nicht.«
   Ich schluckte trocken, denn mir fiel dazu gerade nichts ein. Karsten zog die Augenbraue fragend nach oben und wartete in dieser Haltung abwartend geduldig auf die Antwort, die ich ihm schuldig war. Er machte auf mich den Eindruck, als hätte er Angst, dass bald sämtliche Tanten, Onkel und deren Anhang das Revier stürmen könnten.
   Ich blinzelte ihn an und überlegte. Die Einzige, die meine Tante auf diese Idee bringen könnte, war meine Mum. Sie hatte mit ihr vor wenigen Wochen gesprochen. Und da es offenbar nicht reichte, zu sagen, dass ich in Anführungsstrichen nur eine Privatermittlerin bin, musste sie meinen Arbeitsplatz gleich zu Karsten auf das Revier verlegen?
   Karsten schob fordernd den Kopf nach vorn und räusperte sich.
   »Entschuldige, Karsten«, meinte ich, »aber da hat meine Tante wohl etwas von Anfang an falsch verstanden. Meine Mum hat ihr erzählt, was ich tue. Und Tantchen war dermaßen empört darüber, dass ich seit einer Ewigkeit keinen Kontakt zu ihr habe. Ich denke, da hat meine Mum eventuell ein klein wenig übertrieben, um Tekla zu besänftigen. Wer rechnete schon damit, dass gerade sie einen Privatermittler brauchen würde.« Ich räusperte mich, Tante Tekla hatte offenbar ein wirkliches Problem, sonst würde sie mich niemals aufsuchen, und es war besser für uns alle, sie im Glauben zu lassen, dass ich hier ein Büro hatte. Bittend sah ich Karsten an. »Tu mir bitte einen Gefallen, behaupte ihr gegenüber, solange sie hier herumschwirrt, nicht das Gegenteil. Sie war schon immer etwas verdreht, ich will erst herausfinden, was an der Behauptung dran ist, bevor ich ihr mitteile, wo mein Büro wirklich ist.«
   Karsten grinste leicht, was ich mit einem verlegenen Schulterzucken kommentierte.
   Er nickte, als müsste er das auch noch überdenken. »Ich werde tun, was ich kann.«
   Erleichtert blickte ich ihn an, doch sein Gesichtsausdruck vermittelte mir deutlich, dass er noch nicht ganz fertig war. Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, kam es schon, dieses allzeit vernichtende ‚Aber’.
   »Aber dafür musst du mir bei Caro helfen.«
   Das war mit dem Hammer voll auf die Birne. Mann, was sollte ich nur tun? Ich wusste, dass er schon seit einiger Zeit auf Caro stand und ich wusste auch, wie schlimm es für uns alle war, dass Tamara nicht mehr bei uns war, aber ich konnte meine Freundin doch nicht dazu zwingen, mit ihm auszugehen.
   »Maike?« Karsten sah mich bittend an, als ich ihm nicht sofort darauf antwortete.
   Ich verdrehte innerlich die Augen so weit nach oben, dass ich zum Hinterkopf wieder hätte hinausschauen können. »Och Karsten, ich tu, was ich kann«, sagte ich genervt und bereute es Sekunden darauf wieder, denn dies hätte ich besser nicht in diesem Ton gesagt. Diesmal blieben die Silvesterraketen im Schrank und das Wasserwerk wurde aktiviert.
   »Ich weiß, ich weiß«, sagte er mit zitternder Stimme.
   Ich stand seufzend auf, lief auf ihn zu und drückte ihn fest, bis er sich ein wenig beruhigte. Karsten putzte sich die Nase und entschuldigte sich bei mir für seinen Ausbruch der Gefühle. »Es ist jetzt über ein Jahr her, seit Tamara von uns gegangen ist. Kevin und ich sind einsam, und Caro war schon immer eine gute Seele. Ich mochte sie schon, seit ich sie das erste Mal gesehen habe.«
   Das wusste ich. Caro hat sich von der ersten Minute an um Karstens Sohn gekümmert. Das hatte zufolge, dass sich ihr Verlobter Hank vernachlässigt fühlte und Caro den Laufpass gab. Es spielten wohl noch andere Faktoren dazu eine Rolle, doch darüber redete sie nicht. Auch nicht mit mir.
   Karsten räusperte sich und straffte die Schultern.
   »Also! Dein Auftrag lautet: Bringe mir Theo Lang. Spüre ihn auf.« Karsten schob mir den Heftordner zu, in dem Langs Adresse stand, bei der er zuletzt gewohnt hatte.
   »Hat er wirklich schon Leute umgebracht?«, fragte ich vorsichtig, als ich mir das Foto ansah. Dreitagebart, faltige Haut, gemeine Augen. Eins davon war grün, das andere braun.
   Karsten schnaufte. »Früher, in jungen Jahren, hat er eingesessen, weil er jemanden einfach so über den Haufen gefahren hat. Lang behauptete, dass der Typ einfach so vor sein Auto gelaufen sei. Nur das der Typ auf einer Fußgängerbrücke ums Leben kam, machte Lang nicht gerade glaubwürdig. Jetzt ist er alt, krank und harmlos.«
   »Wie alt ist er denn?«
   »Na ja, so Ende sechzig.«
   Ich nickte und besah mir das Foto. »Warum fährt einer mit dem Auto eine Fußgängerbrücke hoch?«
   Karsten sah mich eine Weile schweigend und nachdenklich an. »Hm, ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, seiner Aussage nach zufolge, wollte er den Kerl nur etwas fragen, und er wäre ihm ständig entwischt, da blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn an einer Stelle zu erwischen, an der er sich sicher fühlte. Lang ist nicht gut zu Fuß, das wusste der Kerl offenbar. Leider hat er nicht mehr ausweichen können, als Lang diesen breiten Aufgang mit Vollgas hochschoss.«
   »Und so einen Bekloppten soll ich jetzt fangen?«, meinte ich unsicher.
   »Ich hätte den Auftrag auch an Melissa übergeben können, doch ich dachte mir, dass du eventuell mehr Lust dazu hättest. Es ist ja schließlich deine Tante, um die es hier geht.«
   Toller Plan, Karsten, du könntest Melissa so oder so nicht mit einbeziehen. Und das weißt du. Du selbst hast die Firma dazu auf die Idee gebracht, dass sich Melissa im Kaufhaus als Detektivin einsetzen könnte. Das hast du nur getan, weil ich Caro noch als Ersatz habe. Da muss ich dich aber enttäuschen, sie hat keine Zeit.
   Karsten sah mich abwartend an, während ich mir ein Gedankenduell lieferte, ob ich es laut aussprechen sollte, oder besser nicht.
    Sag besser nichts, das geht los wie eine Silvesterrakete im engsten Raum, warnte mich das Engelchen auf meiner Schulter.
   Das Teufelchen jedoch spielte schon mit einem Zippo-Feuerzeug und hielt mir eine Lunte entgegen, die an einer besonders großen Rakete hing.
   »Fahr’ zu dem Haus, in dem er jetzt wohnt, und erkundige dich, wo der Kerl abgeblieben ist«, unterbrach mich Karsten in meinen Gedankengängen. »Wir telefonieren die Tage noch einmal miteinander.«
   Ich schnappte mir den Ordner mit der Adresse darin, den Karsten mir entgegenhielt, verabschiedete mich von ihm und machte mich auf zu unserem Büro. Ich hoffte, dass Melissa mir bei dieser Aktion unter die Arme greifen würde.
   Als ich mit dem Ordner das Büro betrat, saß Melissa an ihrem Schreibtisch und grinste mich schelmisch an.
   »Na, Arbeit von Karsten bekommen?«
   Ich nickte und schmiss den Heftordner auf ihren Schreibtisch. »Ich soll den Kerl da finden, er hat angeblich meine Tante beklaut.«
   »Eine Vendetta?« Caro lachte.
   Sie hatte ich überhaupt nicht gesehen, denn diese krabbelte gerade unter ihrem Schreibtisch herum.
   »Nein«, sagte ich und lachte ebenfalls, »was machst du denn da unten?«
   Caro schnaufte. »Mir ist mein Handy runtergefallen und nun suche ich die Einzelteile.«
   Melissa schüttelte den Kopf und sah mich amüsiert an. Da Caro sie nicht sehen konnte, machte Melissa mir per Zeichensprache vor, warum Caros Handy runtergefallen war. Melissa hielt einen Radiergummi, der offenbar Caros Handy symbolisieren sollte an ihr Ohr, tat, als würde sie schreien, und warf diesen mit Wucht auf den Schreibtisch. Der Radiergummi sprang wie ein Flummi von der Tischplatte ab und traf mich voll am linken Auge.
   »Aua«, jammerte ich, Melissa kicherte, und Caro schoss unter ihrem Schreibtisch hervor, um zu sehen, was es da zu kichern gab. Caro guckte mich schräg an, dann linste sie zu Melissa, die unschuldig in die Luft guckte.
   »Macht ihr euch etwa gerade lustig über mich?«
   »Nö«, antworteten Melissa und ich gleichzeitig wie aus der Pistole geschossen.
   Caro grunzte etwas Unverständliches und tauchte wieder unter ihrem Schreibtisch ab.
   Melissa sah mich an, hob ihren Daumen ans Ohr, spreizte dabei den kleinen Finger ab, tat, als würde sie telefonieren. »Hank«, meinte sie lautlos.
   Gut, das hätte ich schon beim ersten Mal verstanden, hätte sie das Zeichen gleich gemacht, würde mir nicht das Auge tränen.
   »Was hast du von Karsten erfahren?«, meinte Melissa.
   »Ich soll zu diesem Theo Lang fahren, weil dieser angeblich meiner Tante eine Uhr gestohlen haben soll.« Ich blickte Melissa an. »Und du fährst mit.«
   »Ist es denn bewiesen, dass er es war?«, fragte Melissa unsicher.
   »Ja, wenn dies bewiesen wäre, würde ich mir dann die Mühe machen, den Kerl zu suchen? Der säße doch schon längst im Knast. Natürlich ist das nicht bewiesen.«
   Melissa fläzte sich in den Kunstledersessel, auf dem sie gerade saß, und sah mich betroffen an. »Ich hab’ doch nur gefragt.«
   »Ich weiß. Ich will diesen Auftrag nicht übernehmen«, jammerte ich. »Es geht um meine Tante Tekla.«
   Bumm. Caro kam unter dem Schreibtisch hervor und stieß sich ihren Kopf dabei. »Tantchen Tekla? Und sie ist hier?« Sie sah panisch zur Tür.
   Ich nickte. »Sie ist hier. Irgendwo in der Stadt.«
   »Ich muss zum Friseur, und ich muss mir die Nägel machen lassen.« Caro klopfte sich imaginären Staub von der Hose.
   Melissa starrte Caro erstaunt an. »Wieso?«
   »Weil sie sehr eigen ist, und sie liebt gepflegte Menschen mehr als ihr eigenes Kind.«
   Ich grinste. »Ja, das tut sie, ich putze seit drei Tagen meine Wohnung, weil meine Mum mir angedeutet hatte, dass sie kommen würde, nun ist der Albtraum wahr geworden.«
   »Ich würde dir ja gern dabei helfen, den Kerl hinter Gittern zu bringen«, sagte Caro. »Schade nur, dass ich diesen Befehlston von ihr einfach nicht abkann. Da kriege ich das kalte Grauen. Außerdem habe ich wirklich noch viel zu viel zu tun hier im Büro. Da muss Melissa ran.«
   Melissa nickte und meinte, dass sie nur noch sporadisch in das Einkaufcenter müsse, und die freie Zeit dazwischen nutzen wolle, mit mir den Dieb zu fassen.
   »Ich weiß nicht, ob sie wirklich noch so streng ist wie damals. Sie war lange krank«, sagte ich an Caro gewandt.
   »Na gut«, sagte Caro. »Dann bin ich dabei, so lange es mir die Zeit erlaubt. Wenn sie mich aber wieder mit der Bürste und der Nagelfeile verfolgt, so, wie sie es damals tat, als sie bei euch zu Besuch war, werde ich mich zu wehren wissen. Ich kam damals mit euch aus dem Waldversteck, da ist man nicht gerade aufgebrezelt.«
   Dass Tekla damals meine Freundin Caro verfolgt hatte, war aber auch ihre eigene Schuld. Caro hatte ihr damals eine große Klappe angehängt und sie aufgefordert, es doch zu versuchen, sie zu fangen. Was Caro nicht wusste, Tante Tekla war in ihrer Jugendzeit Meisterin im Staffellauf ihrer Sporttruppe gewesen. Und sie hatte sie erwischt.
   Ich nickte Caro zu und versicherte ihr, dass ich ihr dann freien Lauf ermöglichen und mich todesmutig Tekla in den Weg werfen würde.
   Caro lachte. »Aber zur Sicherheit gehen wir vielleicht doch alle vorher zum Friseur.
   »Alle?«, wollte Melissa wissen, und als Caro nickte, holte Melissa seufzend ihre Handtasche aus der untersten Schreibtischschublade hervor.
   »Wie du willst, aber ich lasse mir nicht die Haare kürzen. Und wenn wir schon dabei sind, könnten wir uns gleich etwas Modisches zum Anziehen kaufen.«
   Caro klatschte begeistert in die Hände, während ich unauffällig an mir heruntersah. Einkaufen war okay, aber nicht mit Melissa. Sie war Miss Markenname schlechthin.
   Ich dagegen trug einfache Jeans und T-Shirts. Jedenfalls nichts Überteuertes, wenn zu Hause zwei Racker auf einen warteten, deren Münder die meiste Zeit marmeladenverschmiert waren.

4
Tante Tekla

Mit neuer Frisur und teuren Klamotten, die ich dank Melissas Treuerabatt günstiger bekam, kam ich gut gelaunt in den Hausflur. Gut gelaunt so lange, bis mich diese kratzige Stimme aus dem Hausflur empfing.
   »Maike! Meine Maike«, kreischte es mir herzergreifend vom oberen Treppenabsatz entgegen.
   Oh, oh. Tantchen war schon da. Ich war mir sicher, sie würde kommen, doch musste es jetzt schon sein? Und warum hatte meine Mum mich nicht gewarnt? Ich hätte locker noch einen Flug zu einer einsamen Insel irgendwo auf der Welt buchen können.
   Ich drückte mir ein Lächeln heraus, redete mir zu, das es nicht schlimm werden würde, drehte mich langsam zur Treppe um und sah nach oben. »Tantchen«, rief ich und hoffte, es klang annähernd freudig. Zum Glück war ich noch voll gestylt und hatte auf Melissas Rat gehört, die neuen Klamotten gleich anzubehalten. In Gedanken bedankte ich mich dafür bei ihr, warf die Tüte mit der alten Jeans und dem abgetragenen T-Shirt in meine Wohnung und zog fest die Tür wieder zu. Weiter lächelnd stieg ich die Treppe hinauf, auf der Tantchen schon mit ausgebreiteten Armen lachend stand und mich gleich darauf umarmte. Dann schob sie mich eine Armlänge von sich weg und strahlte mich an. Dabei wäre ich fast nach hinten weggekippt.
   »Maike, auf dich habe ich gewartet. Hach, du bist eine richtige Dame geworden! Sieh dich nur an«, flötete sie mir entgegen.
   Ich weiß, wie ich aussehe!, kreisten mir die Worte im Kopf herum und bahnten sich langsam den Weg hinaus in die Freiheit. Ich biss mir innen auf die Wangen, damit ich ja nicht in Versuchung kam, diese Gedanken wirklich laut auszusprechen, und lächelte Tantchen schräg dabei an. Anstatt mit mir in die Wohnung meiner Mum zu gehen, faselte Tantchen bereits auf der Treppe etwas von Dieb, Uhr und unerhört. Ich hätte besser nicht sofort nachgefragt, welchen Grund es für ihren Besuch bei uns gab, denn ich hatte meinen Satz kaum beendet, da legte sie schon los.
   »Ich war im Hotel, um mich mal so richtig verwöhnen zu lassen. Und als ich nach fünf Tagen zurück in meine Wohnung kam, fiel mir auf, dass nur noch eine feine Staubschicht da lag, wo einst meine Tischuhr stand. Es war die Uhr von Nelli, du erinnerst dich?«
   Ich versuchte es, doch ich kam nicht drauf.
   Tekla seufzte. »Die alte Dame, sie wohnte in der Wohnung unter mir«, half sie mir auf die Sprünge.
   Ich nickte zur Bestätigung, wusste aber immer noch nicht, wen sie meinte. In diesem Haus wohnten viele alte Damen unter ihr. Und ich hatte meine Tante dort nie besucht.
   Mein Nicken schien meiner Tante auszureichen.
   »Ich wollte die Uhr deiner Mum schenken. Irgendwann einmal. Aber dieser Kerl hat sie gestohlen, als ich nicht zu Hause war, da bin ich mir sicher.« Bestürzt ließ sie die Arme sinken.
   »Tantchen«, sagte ich und lächelte sie weiterhin freundlich an, »lass uns doch erst einmal reingehen, dann reden wir in aller Ruhe über dein Problem.«
   Tekla nickte, murmelte etwas von »Du hast recht«, nahm mich bei der Hand und zog mich die Treppe hoch zu der Wohnung meiner Mum. Mein Stiefvater Georg stand im Flur und sah mich mitleidig über den Kopf von Tekla hinweg an. Er war gerade im Begriff zu gehen und tätschelte mir die Schulter. Ich konnte ihm deutlich ansehen, was er gerade dachte. »Viel Spaß mit der Tante. Ich bin dann mal ’ne Weile unterwegs.«
   Tekla zog mich noch bis ins Wohnzimmer, in dem meine Mum, vor ihr eine Flasche Likör aus unserer alten Heimat, saß. Meine Mum war zufrieden, sie grinste mir schelmisch zu und bot mir ebenfalls ein Glas an.
   »Setz dich und hör dir an, was deine Tante zu erzählen hat.«
   Kaum saß ich, plapperte Tantchen auch schon erneut ununterbrochen los. »Als deine Mutter mir mitgeteilt hatte, was du beruflich tust, war ich zuerst entsetzt.« Tekla sah mich kopfschüttelnd an. »Was ist nur aus deinem Kindheitstraum geworden? Du warst doch so eine gute Erzieherin.«
   Erzieherin war nie mein Kindheitstraum gewesen, aber dies konnte ich nicht richtigstellen. Denn so, wie mich meine Tante ansah, konnte ich mir keine Diskussionen darüber leisten.
   Tekla seufzte, als ich ihr nicht antwortete, und blickte meine Mutter enttäuscht an, als wäre diese schuld daran. »Na ja«, sie schaute wieder mich an, »aber jetzt kommt uns deine Spinnerei doch noch zugute.« Energisch tätschelte sie mir das Bein und meine Mutter schnappte hörbar nach Luft. Unsere Blicke trafen sich. Ich wusste auch ohne ihre Tritte unter dem Tisch, dass ich besser nichts darauf erwähnen sollte. Tekla war immer im Recht, diese Erkenntnis mussten wir alle schon frühzeitig in unserer Familie des Friedens willen akzeptieren.
    »Womit kann ich dir nun helfen?«, fragte ich und sah Tantchen geschäftlich an.
   »Finde meine Uhr«, meinte sie nur knapp, da ich sie unterbrochen hatte.
   »Erzähl mir mehr darüber«, bat ich sie.
   »Dieser Hausmeister, der in unserer Wohnanlage arbeitete, ist ein Dieb. Er hat mir, nachdem er entlassen wurde, meine kostbare Uhr gestohlen. Die schöne, kleine Tischuhr«, seufzte sie.
   »Woher willst du wissen, dass er der Dieb war?«
   Tekla schreckte vom Tisch zurück, als hätte ich sie gefragt, ob die Uhr eventuell nur eine Einbildung von ihr gewesen sei. Dabei sah sie mich mit zusammengezogenen Augen warnend an. »Ich weiß es einfach. Sybille, meine Freundin, die mit ihrer Freundin Lottchen gegenüber wohnt, hat ihn an meiner Wohnungstür gesehen. Sie sagte mir, er wäre dort herumgeschlichen. Ich sage dir, das war Rache. Er hat uns übel genommen, dass wir seine Entlassung forderten. Wir wollten uns bloß schützen und traten an die Verwaltung unseres Wohnblocks heran, mit der Bitte, einen anderen Hausmeister zu organisieren, weil wir herausgefunden hatten, das Lang wegen Diebstähle und Mord schon eingesessen hatte.«
   Bei dem Wort ‚Mord‘ schreckte meine Mum zurück und sah mich mit der Hand vor dem Mund erschrocken an.
   Tekla nickte meiner Mum zu. »Ja, er hat einen Mann auf einer Fußgängerbrücke einfach umgefahren! Mit dem Auto, einfach drüber.« Sie fuchtelte mit dem Finger zur Bestätigung in der Luft und machte mit der flachen Hand eine eindeutige Geste. »Wams, drüber! Schrecklich, oder?«
   Meine Mum holte erschrocken Luft und sah mich fassungslos dabei an.
   »Es war nicht Mord, sondern …« Ich überlegte, was es war, das berechtigt, dass man einem Menschen auf einer Fußgängerbrücke über den Haufen fuhr. »Es war Dummheit mit Todesfolge, oder so.«
   »Mord! Sage ich«, meinte sie stur und sah meine Mum an, als forderte sie eine Reaktion von ihr, die meine Tante in ihrer Meinung unterstützen sollte.
   Die Antwort meiner Mum allerdings blieb aus, sie schenkte sich stattdessen einen Schluck Likör nach und nippte am Glas, ohne uns dabei anzusehen.
   Tekla schnaubte. »Na ja, er ist im Krankenhaus gestorben. Kann man das als Mord geltend machen?« Sie verzog den Mund, als hätte sie gerade ein schlechtes Gewissen bekommen.
   »Hat es geklappt? Ich meine, habt ihr erreicht, dass er entlassen wurde?«, lenkte ich sie ab. Zurück zum Thema Entlassung von Lang als Hausmeister.
   Tekla nickte. »Sagte ich doch bereits, hörst du mir nicht zu? Als ich aus dem Urlaub kam, hatte man ihn bereits entlassen und meine Uhr war verschwunden. Er ist so ein netter Mann, wer hätte gedacht, dass er in Wahrheit so ein Schlawiner ist?« Dann zeigte sie auf mich. »Und wenn du das nicht für mich tust, finde ich heraus, wo er die Uhr versteckt hat.«
   Ich warf einen Seitenblick auf meine Mum, die unauffällig mit dem Kopf auf eine kleine Schachtel mit Medikamenten nickte, die Tekla gehörte. Offenbar war meine Tante gesundheitlich gerade nicht auf der Höhe.
   »Fehlt denn bei den anderen Mietern auch etwas?«, fragte ich mit Blick auf diese Medikamentenschachtel, konnte aber nicht ausmachen, für welches Leiden die Tabletten gut waren.
   »Nein, nicht dass ich wüsste. Ein Einbruch reicht doch auch. Findest du nicht?« Tekla schaute erst mich an, und dann folgte sie meinem Blick zu den Tabletten, die vor uns auf dem Tisch lagen.
   »Der eine Einbruch ist schon zu viel«, sagte ich beruhigend, denn bei meiner Tante blähten sich schon die Nasenflügel. Kein gutes Zeichen.
   Tekla verschränkte ihre Arme vor der Brust. »Was meinst du, soll ich mich mit ihm treffen? Ich könnte ihn einmal zu seiner Vergangenheit befragen. Er findet ältere Damen attraktiv. Er hat sich ja auch an Nelli rangemacht, und die war nur zwei Jahre älter als ich. Ich war schon mal mit ihm aus. Wäre das nicht eine gute Idee für den Anfang?«
   Genau das hielt ich eben nicht für eine gute Idee. »Du kannst nicht mit ihm ausgehen. Er denkt doch sicher, dass du auch dabei warst, um für seine Entlassung zu sorgen«, erwiderte ich ruhig.
   »War ich eben nicht! Ich war im Urlaub«, meinte Tekla energisch. »Als Theo bei unserem ersten Abend erfuhr, dass Nelli mir ihre Uhr schenkte, war er sehr interessiert daran.« Verschwörerisch nickte Tekla nun mir und meiner Mutter zu. »Ja. Sehr interessiert war er.«
   »Das heißt aber nicht, dass er sie auch gestohlen hat.«
   Genervt hob Tekla ihre Hände in die Luft. »Lang wusste, dass Nelli mir die Uhr kurz vor ihrem Ableben vermachte, und nun ist die Uhr weg! Das ist doch kein Zufall! Ich sage, Lang hat sie sich in der Zeit meiner Abwesenheit geholt. Sybille hat ihn gesehen.«
   Tantchen atmete angestrengt ein und aus. Sogar meine Mum signalisierte mir, ich sollte besser jetzt still sein.
   Wie soll ich hier denn meine Arbeit machen, wenn ich noch nicht einmal nachfragen darf? Ich sah meine Mum energisch an.
   »Beruhige dich erst einmal, Tekla«, sagte meine Mum mit Blick auf mich, und stellte anschließend Tantchen ein volles Glas mit Likör vor die Nase. Tekla hob es an und trank es in einem Zug leer.
   Holla, kicherte es neben mir auf meiner Schulter.
   »Sei still«, raunte ich dem Teufelchen zu, »sonst ertränke ich dich im Likör, ich schwöre es dir.«
   Tekla lächelte meine Mum an, und diese schenkte noch einmal nach. Auch dieser Inhalt blieb nicht lange im Glas. Das wiederholte sich noch dreimal, dann meinte Tekla, sie sei müde und müsse sich hinlegen. Sie schnappte sich die Tablettenschachtel. »Die Tabletten brauche ich, weil ich nicht auf die Toilette kann, falls du dich fragst, was die alte Tante da einnehmen muss.«
   Meine Mum sah mich an, schüttelte den Kopf. »Sie wird gaga, und die Tabletten sollen sie beruhigen. Die Sache mit ihrer Uhr macht die Situation auch nicht gerade besser«, meinte sie, als Tekla außer Hörweite war.
   »Du meinst, sie spinnt?«, fragte ich amüsiert.
   »Sie ist alt! Deswegen muss sie diese Tabletten regelmäßig einnehmen«, mahnte mich meine Mutter streng. »Doch dieser Einbruch hat ihr völlig den Verstand verdreht. Maike, ich bitte dich, kläre das mit der Uhr, sonst werde ich auch bald diese Tabletten brauchen.«

5
Theo Lang

Es waren bereits fünf Tage vergangen, und meine Tante wohnte immer noch bei meiner Mum. Tekla ließ mir ausrichten, ich brauchte mich nicht vor ihr verstecken, denn sie würde erst wieder hier ausziehen, wenn ich erfolgreich gewesen sei. Das bedeutete für mich, dass mir meine Mum Feuer unter dem Hintern machte, und mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit daran erinnerte, mit Karsten zu reden.
   Gut, ich verbrachte die meiste Zeit in unserem Büro, damit ich meiner Tante nicht über den Weg laufen musste. Selbst Mark und die Kids hielten sich öfter bei uns auf als sonst, sodass Caro schon fast daran verzweifelte. Unser Büro glich beinahe schon einem Kindergarten, überall lag Spielzeug herum. Melissa gefiel dies, denn wenn sie nicht gerade unterwegs war, oder die Ablage ordnete, spielte sie mit den Kindern.
   »Wohnt Tekla noch bei euch?«, fragte Caro und räumte schon zum x-ten Mal in dieser Woche die Bauklötze zur Seite.
   Ich nickte. »Und so lange ich diese Uhr nicht finde, wird sich wohl auch nichts daran ändern.«
   »Dann ran an den Fall.« Sie grinste und scheuchte mich zur Tür. »Geh zu Karsten und versuche, dort etwas rauszufinden.«
   »Super! Du scheuchst mich zu meinem Schwager, mein Schwager scheucht mich auf die Straße, um etwas über Lang herauszufinden. Tekla nervt meine Mum, meine Mum nervt mich, ich solle mich mit Karsten zusammentun. Das ist ein einziger Kreislauf. Ich hänge fest.«
   »Schnapp dir Melissa und fahre zu diesem Lang nach Hause! Was ist daran denn so schwer?« Caro lachte, setzte sich auf ihren Schreibtischstuhl und schlug einen Ordner auf, der vor ihr auf dem Tisch lag.
   Ich sah meine Freundin mit offenem Mund an und überlegte, was ich dazu noch sagen könnte. Logo musste ich zu Langs Wohnung fahren. Was sonst blieb mir anderes übrig? Kaum wollte ich gehen, kamen mein Mann, die Kids und Melissa gut gelaunt zu uns ins Büro herein.
   »Ich habe gerade hier aufgeräumt! Habt ihr denn kein Zuhause?«, fragte Caro kopfschüttelnd.
   Mark küsste mich zur Begrüßung. Melissa schüttete die Kiste mit den Bauklötzen aus, die Caro gerade erst eingeräumt hatte, und machte sich mit meinen beiden Rackern darüber her.
   »Hallo?«, fragte Caro gespielt empört, als wir alle sie komplett ignorierten.
   Außer Shiva, meiner Tochter, denn sie lief zu Caro und umarmte sie fest. »Wir sind gern bei dir, Tante Caro, hier ist immer was los.«
   Caro knuddelte sie und sah mich dabei amüsiert an. »Du hast deine Kinder gut abgerichtet«, meinte sie grinsend. Dann schob sie Shiva sanft zurück zu Melissa, die meine Tochter sofort durchkitzelte.
   Mark sah mich liebevoll an. »Wann, glaubst du, kehrt deine Tante wieder in ihre eigene Wohnung zurück?«
   Ratlos blickte ich ihn an. Er hatte bereits das Vergnügen mit Tekla, und das erste Zusammentreffen war auch eindeutig das letzte freiwillige Treffen für Mark. Was sollte ich sagen? Beide hatten wohl keinen guten Start. Mark kam gerade von der Arbeit und hatte weiß Gott nicht die beste Laune. Tantchen fegte zu diesem Zeitpunkt schlecht gelaunt das Treppenhaus.
   Tekla meinte später zu meiner Mum, Mark wäre ein Stoffel, weil er noch nicht einmal richtig Guten Tag sagen könne, wie es sich gehörte. Mark meinte zu seiner Verteidigung, dass er es nicht mochte, gleich an der Haustür zum Flur, darauf hingewiesen zu werden, dass er gefälligst nicht so viel Schmutz mit in die Wohnung schleifen solle. Wie gesagt, Mark kam gerade vom Bau, da staubt man schon einmal. Besonders dann, wenn so ein Hirni von Arbeitskollege glaubt, einen vollen Sack Mörtel aus dem ersten Stockwerk der Baustelle herunterzuwerfen, und ernsthaft denkt, dieser Sack würde unversehrt unten ankommen.
   »Ich weiß es nicht«, meinte ich nachdenklich, »ich muss ihren Fall klären, dann wird sie sich wieder von dannen machen.«
   »Sorge dafür, dass Maike zu Karsten geht«, meinte Caro bestimmend zu Mark, ohne dabei von ihrem Ordner aufzublicken, »sonst wird das nie etwas mit dem Klären.« Sie schrieb mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft und nickte dabei auffordernd.
   Mark drehte mich sanft zur Tür. »Los, kläre«, meinte er grinsend.

Als ich nach dem Besuch bei Karsten, der übrigens nicht sehr viel gebracht hatte, außer dass ich von ihm erfuhr, dass Lang wohl immer noch arbeitslos war, zu Hause ankam, war in unserer Wohnung alles still. Mark war wohl noch mit den Kindern unterwegs. Also lief ich, nicht gerade lustvoll hoch zu meiner Mum, die mit Tekla in der Küche saß, als ich hereinkam.
    Tekla sah mich mürrisch an und beim genaueren Hinsehen wusste ich auch, warum meine Tante so sauer dreinblickte. Irgendetwas war mit ihren Haaren geschehen, denn sie standen ihr zu Berge, sodass sie aussah, wie einer dieser kleinen Kobolde, die es damals in den Achtzigern zu kaufen gab. Sogar die Haarfarbe stimmte. Teklas einst schlohweißes Haar leuchtete nun in der Farbe Hellgrün, und das grelle Licht der Küchenlampe, die über dem Esstisch hing, unterstützte diese frische Farbgebung noch um einiges.
   »Ist das jetzt modern?«, fragte ich sie und konnte mir ein Grinsen kaum unterdrücken.
   »Nein, das ist es nicht.« Tekla drehte sich zu mir um und verzog genervt ihren Mund. »Ich war schwimmen, mit Sybille und Lottchen, ich hätte auf die beiden hören und mir eine Badehaube aufsetzen sollen. Das Wasser war zu stark gechlort, dadurch habe ich jetzt diese … diese grässliche grünliche Farbe.« Tekla deutete auf ihren Kopf. »Ich sehe aus wie die Mutter von Kermit der Frosch! Wie soll ich nur unter die Leute gehen? Geschweige denn mich mit Lang verabreden?« Ihre Stimme überschlug sich fast. Dann schniefte sie und drehte sich seufzend um.
   Ich blickte zu meiner Mum, die mit genervtem Blick am Küchentisch saß und Kartoffeln schälte.
   »Tantchen«, versuchte ich, sie zu beruhigen und lächelte, »du musst nicht mit Lang ausgehen, ich bin an der Sache dran.«
    »Wenn du das sagst. Hast du etwas Neues herausgefunden?«
    »Nicht viel, aber wenn es etwas gibt, das du wissen musst, werde ich sofort zu dir eilen.«
   »Eilen?«, meinte Tekla und schüttelte den Kopf. »Du eilst schon seit fast einer Woche nicht.«
   Dazu verkniff ich mir die Antwort.
   »Jetzt kannst du dir Zeitlassen mit dem Eilen! So kann ich nämlich nicht aus dem Haus, falls du eine Gegenüberstellung brauchst.« Tekla deutete schwungvoll auf ihr Haar und sah mich herausfordernd dabei an.
   »Das mit der grünen Farbe ist nicht so schlimm. Das bekommt man mit ein paar Aspirin wieder weg«, sagte ich so einfühlsam, wie ich nur konnte und ignorierte ihren Einwand mit der Gegenüberstellung.
   »Was?« Tekla sah mich komisch an. »Ich habe keine Kopfschmerzen! Ich habe grüne Haare! Wie ein Frosch mit Locken schau ich aus.« Sie schnaubte mich an wie ein Walross nach dem Tauchgang.
    Jetzt musste ich doch lachen, obwohl ich so sehr versucht hatte, mir dies zu verkneifen.
   Das wiederum nahm mir meine Tante übel und ratschte den Stuhl, auf dem sie saß, über den PVC-Boden nach hinten, stand auf und verließ den Raum. »Hier wird man nicht eine Sekunde lang ernst genommen.«
   Meine Mum warf mir, ohne etwas dazu zu sagen, einen schiefen Blick zu und seufzte. Mir war nicht entgangen, dass sie erst zur Uhr und dann zum Schrank der Verzweiflung schielte. Ich grinste schief, ließ meine Mum allein in der Küche zurück, folgte meiner Tante ins Wohnzimmer, setzte mich neben sie auf das Sofa und erklärte ihr, dass diese Acetylen-Salicylat-Säure, die diese Tabletten enthalten, ein gutes Mittel gegen solche Verfärbungen sei.
   Ich verdonnerte Tantchen mit dieser Aspirin-Brühe, mindestens eine Stunde lang mit dem Handtuch auf dem Kopf auszuharren, damit die angerührte Tinktur auch seine ganze Wirkung entfalten konnte.
   Das verschaffte mir gleichzeitig noch die Zeit, bei der Wohnung von Lang vorbeizuschauen, mit der Gewissheit, dass mir Tantchen dort nicht über den Weg lief und mir meine Observation versaute.

»Wo fahren wir überhaupt hin?«, fragte Melissa und ließ sich neben mir in den Beifahrersitz meines Sportwagens nieder.
   »Wir fahren zu Theo Lang. Dort sehen wir uns einmal genauer um.«
   »Trifft er sich wirklich mit deiner Tante?«
   Ich verdrehte die Augen in Richtung Wagendach. Ich hätte Melissa besser nichts davon erzählt, dass Tantchen selbst versuchte, etwas aus Lang herauszubekommen. Wenn er wirklich so ein gerissener Kerl war, wie man es ihm nachsagte, würde er wohl kaum meiner Tante erzählen, was er für eine Vergangenheit hinter sich hatte.
   »Sie hat ihn vor zwei Wochen gefragt und anschließend sind sie Pizza essen gegangen, mehr war nicht, das kann man nicht als Treffen bezeichnen«, meinte ich zuversichtlich und fädelte mich in den Verkehr ein.
   »Glaubst du, dass er deine Tante wirklich beklaut hat?«
   »Ich weiß es nicht, ich kann es mir nicht vorstellen, warum man eine alte Tischuhr klauen sollte.«
   »Was ist, wenn sich deine Tante in ihn verliebt?« Melissa kicherte. »Ich meine, so was kommt vor, Liebe und Hass liegen dicht beieinander.«
   Verdattert sah ich zu Melissa und wäre beinahe von der Fahrbahn abgekommen. »Denk nicht mal daran! Ich kann keinen Langfinger in der Familie gebrauchen.«
   »Man wird doch noch mal fragen dürfen. Außerdem ist es ja längst noch nicht bewiesen, dass er der Langfinger war.«
   »Er hat eine rege Vergangenheit, das allein reicht schon aus.«
   Ich wollte Melissa, nachdem ich mich mit Karsten intensiver über Theo Lang unterhalten hatte, nicht alles erzählen, was ich bereits über ihn wusste, und drehte die Musik am Radio lauter. Den Rest der Strecke fuhren wir schweigend und mit dem Kopf zur Musik nickend, bis wir am Haus, in dem Lang wohnte, ankamen.
   Ich parkte am Straßenrand gegenüber der Wohnung, drehte die Musik leiser und besah mir das Haus, dessen Tür offenstand, erst einmal genauer. Lang wohnte in einem großen Mietshaus. Graffiti zierte an der gesamten Hauslänge die Wände. Auch passte sich der Vorgarten hervorragend dem Gesamtbild der Umgebung an, in der man nicht allein bei Dunkelheit durch die Straßen laufen sollte. Und wenn ich ehrlich bin, sollte man auch nicht am Tag hier allein herumlaufen.
   Der Vorgarten glich einer Müllhalde. Ein Berg Gerümpel lag aufgeschichtet unter einer Wohnung, deren Fenster notdürftig mit einer Spanplatte vernagelt wurde. Anscheinend waren die Scheiben dahinter kaputt, denn die Scheibe daneben hatte einen großen Riss.
   Seufzend schnallte ich mich ab.
   »Los, auf ins Chaos«, raunte ich Melissa zu, und wir gingen, nicht, ohne uns vorher genauer umzusehen, ob hier eventuell etwas lauerte, was uns Ärger bereiten könnte, hinüber zur Haustür.
   »Du gehst vor und siehst nach, ob er da ist«, bestimmte Melissa, die hinter mir auf der Treppenstufe stand und sich zierte, in den dunklen Hausflur zu gehen. »Wenn sich herausstellt, dass er nicht da ist, sagst du mir Bescheid. Ich halte hier so lange Ausschau, ob alles ruhig bleibt.«
   »Von wegen Ausschau! Du kommst schön mit rein, von drinnen kannst du dann noch genügend Ausschau halten«, erwiderte ich streng.
   »Hm«, murrte sie und streckte ihre Unterlippe vor. »Ich würde aber lieber hier warten. Vielleicht hat er eine Waffe? Ich habe Angst. Ich will das nicht, das hatten wir schon! Ich sage nur Felia Burg. Ich bin der Meinung, dass es besser wäre, wenn ich mir dein Treiben aus der Ferne anschaue. Ich rufe auch gleich Karsten an, wenn es brenzlig wird.«
   Die Frau meinte das wirklich ernst. Das glaubte ich ja nicht. Ich schüttelte den Kopf. »Du kommst mit! Der ballert nicht gleich hier herum, hier wohnen Leute.« Ich zog Melissa am Ärmel mit in Richtung Tür. »Erwähne bitte nie mehr Felias Namen, das war schwer für mich, diesen schlimmen Vorfall zu verarbeiten. Immerhin wird nicht jeden Tag ein Mensch vor unseren Augen erschossen, das muss man erst einmal verdauen.« Und das geht nicht, wenn man dies ständig bei jedem neuen Auftrag, der etwas heikel werden könnte, unter die Nase gerieben bekommt.
   Langsam und nach allen Seiten Ausschau haltend, gingen wir in den Hausflur. Auch hier zogen sich einige bunte Graffitigemälde an der Wand entlang bis hin zum Ende des Korridors, in dem es bestialisch nach Urin roch. Beim Umsehen trat Melissa, die hinter mir herlief, versehentlich auf einen leeren Plastikbecher, der achtlos weggeworfen worden war. Durch das laute Krachen, das durch den Flur hallte, kreischte sie auf, und das löste auch in mir einen Schrei aus, sodass wir erst einmal still dastanden und uns ängstlich die Hand ans Herz hielten.
   »Was blökst du denn hier herum?«, meinte ich erschrocken und versuchte, meinen Puls unter Kontrolle zu halten.
   Melissa schüttelte nur genervt den Kopf und trat den platt getretenen Becher zur Seite. »Hier sieht es aus wie auf einer Müllhalde.«
   »Du, es riecht auch so.«
   Langs Wohnungstür lag auf der rechten Seite. Ich betrachtete die Klingel, auf der der Name T. Lang mit roten Druckbuchstaben aufgeklebt war, und schob Melissa ein wenig zur Seite.
   »Stell’ dich neben die Wohnungstür, da sieht er dich nicht gleich auf Anhieb. Nur für den Fall, dass er wirklich eine Knarre hat, kannst du ihm diese ja aus der Hand treten, während er sich nur auf mich fixiert. Du sorgst dann für ein hübsches Überraschungsmoment«, meinte ich kichernd.
   Doch Melissa schnappte meinen Witz nicht als solchen auf. Maulend stand sie hinter mir, schnappte empört nach Luft und stemmte ihre Hände in die Hüften. »Bin ich Karate Joe oder was?«
   Ich grinste. »Nee, sicher nicht.«
   Dann zog ich Melissa wieder neben mich, doch diese trat in die Bremse. »Mann, warum sagst du nur immer solche Sachen?«
   »Vergiss, dass ich gesagt habe, du könntest jemanden unverhofft eine Waffe aus der Hand treten. So hoch kommst du nicht mit deinem Bein. Bleibe einfach hier neben mir stehen und sag am besten nichts.«
   »Nein, ich will hier nicht stehen, er soll mich nicht sehen«, jammerte sie und blickte sich nach einem Fluchtweg um.
   Ich seufzte. »Na gut, dann stelle dich etwas abseits weg vom Türrahmen.«
   »Gute Idee«, meinte Melissa und trat noch ein Stück mehr zur Seite. Ich wollte gerade die Klingel betätigen, als Melissa ihr Bein anhob und vorsichtig in Richtung Tür trat.
   »Was wird das denn?«, fragte ich und grinste dabei.
   »Ich übe«, flüsterte sie und versuchte es mit dem anderen Bein erneut. »Schau, ich käme sehr wohl so hoch.«
   »Hast du’s jetzt?«
   Melissa versuchte zur Sicherheit noch einen Seitentritt und traf voll den Türrahmen. Wumms. »Scheiße.« Sie zuckte zusammen und schlug sich die Hand vor den Mund.
   Ich sah Melissa an und grinste erneut. »Spätestens jetzt weiß er, dass jemand vor seiner Tür steht.« Kopfschüttelnd drückte ich auf die Klingel und wartete auf eine Reaktion. Es kam keine. Ich schellte ein zweites Mal. »Herr Lang?«, rief ich und klopfte mehrmals heftig an seine Tür.
   Die Tür zur Nachbarwohnung gegenüber ging auf, und eine junge Frau steckte den Kopf durch den Spalt hindurch. Sie war angezogen wie ein fünfzehnjähriges Schulmädchen aus einem Landschulheim. Ihr langes braunes Haar hatte sie zu Zöpfen gebunden und ihr kurzes, kariertes Kleid hörte weit oberhalb der Knie auf. Sie hatte eine Zigarette im Mundwinkel, kratzte sich im Schritt und blickte mich genervt an. Der Qualm zog zu uns herüber, und Melissa hustete. Die Frau blies uns noch eine Extrawolke herüber.
   »Was soll der Radau hier? Ich muss mich auf meine Arbeit konzentrieren und das geht nicht, wenn Sie hier herumklopfen.«
   Freundlich drehte ich mich zu der Frau herum und lächelte entschuldigend. »Ich wollte zu Herrn Lang.«
   Sie sah mich an, als wäre ich nicht ganz dicht. »Wer will schon zu dem?« Abwertend nickte sie gen Langs Wohnungstür.
   Hinter der Frau erschien ein nackter Mann und spähte ihr über die Schulter. »Kommst du rein? Wir müssten da noch etwas wegen deiner Noten besprechen«, hauchte er ihr entgegen und grinste mich und Melissa frech an.
   Melissa starrte auf die unteren Regionen des Mannes, ich auf meine Füße. Die Frau kicherte.
   »Ich komme gleich. Setz dich schon mal auf die Bank«, befahl sie ihm in einem strengen Ton. Dann sah sie uns an. »Macht nicht so ein Krach hier draußen, verstanden?«
   »Ganz bestimmt nicht, wir sind auch gleich wieder hier weg«, sagte Melissa.
   Die Frau schlug ihre Wohnungstür mit einem Wumms zu, der sich gewaschen hatte. Durch den entstandenen Luftzug öffnete sich die Tür zu Langs Wohnung einen Spalt. Holla! Siehe da, nicht nur ich hatte dieses Phänomen. Langsam ging ich auf die Wohnungstür zu.
   »Geh da bloß nicht rein«, flüsterte Melissa.
   »Warum denn nicht?«, flüsterte ich zurück.
   »Ich will nicht, dass er uns anzeigt, oder an Ort und Stelle erschießt.«
   Ich schüttelte den Kopf und seufzte. »Du immer mit deinem Erschießen.« Vorsichtig drückte ich die Wohnungstür auf und trat in den Flur.
   Hier roch es nicht besser als draußen vor der Tür. Zigarrenduft gepaart mit Käsefüßen. Der halbdunkle Flur zog sich eng bis hinten durch, rechts und links waren Zimmer, deren Türen allesamt geschlossen waren. Nur die Tür zum Raum am Ende des Flurs stand weit offen, und es drangen Gesprächsfetzen einer TV-Show zu mir herüber.
   »Herr Lang?«, rief ich und lauschte. Mir fiel der schmutzige Teppichboden auf, und ich bereute es, hier hereingegangen zu sein. »Hallo?«, fragte ich vorsichtig und ging noch ein Stück weiter in den Flur. Außer der Gesprächsfetzen hörte ich nichts.
   »Raus da! Was machst du denn nur?« Melissa lugte zur Tür herein.
   »Es ist keiner da, komm lass uns mal schauen.« Ich lief zurück zu Melissa und hielt ihr meine Hand entgegen.
   »Nee! Das kannste vergessen.« Melissa trat einen großen Schritt in den Außenflur zurück und stieß fast an die Tür der Nachbarin gegenüber.
   »Guck, es ist keiner da.« Ich schob Melissa vor mir her, wieder zurück in die Wohnung von Lang und rief erneut »Hallo«, dieses Mal nur etwas lauter, da ich mir sicher war, dass niemand hier war. Ich hatte vor, sämtliche Zimmer zu durchsuchen, da brauchte ich Melissa, damit es schneller ging. Wir tapsten bereits sicher zum hinteren Flur, als wir eine männliche Stimme im Raum, der im Halbdunklen vor uns lag, ziemlich sauer rufen hörten.
   »Verschwinden Sie! Sonst ballere ich ihnen die Rübe weg und rufe dann erst die Polizei.«
   Damit hatte ich nicht gerechnet. Erschrocken sah ich zu Melissa.
   »Siehste! Der hat ’ne Knarre! Los, weg da! Ich will hier raus, geh mir aus dem Weg!«
   Während ich noch völlig perplex in Langs Wohnung stand, rannte Melissa bereits in den Hausflur und brüllte panisch, dass sie jetzt genug hätte von Wegballern und heimlich in fremde Wohnungen gehen.
   Das rüttelte mich wach.
   Ich stolperte rückwärts aus der Wohnung, haute die Wohnungstür zu und rannte ebenfalls, so schnell ich konnte, aus dem Haus zum Auto und hoffte, dass uns keiner verfolgen würde.
   »Wie bescheuert war das denn?«, fragte mich Melissa, die atemlos am Wagen lehnte und sich dabei die Hand ans Herz hob.
   Auch ich atmete erst einmal tief durch, sah zum Haus hoch und drehte mich zu Melissa um. »Wir müssen da rein«, sagte ich atemlos und sah, wie Melissa ihre Augen aufriss und mir stumm den Vogel zeigte. »Melissa, der Typ ist da drinnen, und ich muss mit ihm reden.«
   »Ohne mich, meine Liebe. Ohne mich.« Sie hockte sich in den Sportwagen, schlug die Tür zu und verriegelte sie. »Du kannst da gern noch mal reingehen, ich warte hier so lange auf dich.« Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und sah mich herausfordernd an.
   »Es bringt dir nichts, die Tür zu verriegeln, das Dach ist offen«, rief ich grinsend zu ihr ins Auto und wuschelte ihr durchs Haar.
   »Ich hasse dieses Auto«, meckerte sie genervt.
   »Das werde ich dir verzeihen.« Ich lachte und wuschelte ihr erneut durch ihr Haar.
   »Mann, lass das! Geh rein und lass dich erschießen.« Melissa streckte mir die Zunge heraus.
   Genau dies tat ich auch sogleich. Ich musste da rein, zum einen, weil ich mir den Kerl, der angeblich meine Tante beklaute, vorknöpfen musste, zum anderen wollte ich nicht vor Melissa dastehen wie ein Feigling. Auch wenn mir mehr danach war, wegzufahren.
   Ich klingelte, und Lang öffnete mir die Tür.
   »Kommen Sie rein«, hörte ich ihn sagen, denn er steuerte bereits das hintere Zimmer an, und verschwand darin.
   Ich lehnte hinter mir die Tür nur an, falls ich schnell flüchten musste, und folgte ihm durch den düsteren Flur.
   »Ich zahle nicht für Dienste, die ich nicht beansprucht habe, Frau Nachbarin«, raunte es mir aus dem Raum, den ich ebenfalls betrat, entgegen.
   Es dauerte einen Augenblick, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, und ich konnte ausmachen, dass Lang bereits wieder auf dem Sofa saß, das längst die guten Zeiten überschritten hatte. Die Rollos waren halb heruntergezogen, und ein Fernseher der Größe XXL, auf dem ein nicht jugendfreier Film zu sehen war, flimmerte vor sich hin.
   Lang war ein drahtiger Mann mit grauen ziemlich zerzausten Haaren. Er trug ein schwarzes schmuddeliges T-Shirt und eine ausgeblichene, verschlissene Jeans. Seine Füße lagen auf dem Tisch, die dazugehörigen Socken lagen daneben. In der Hand hielt er eine Bierflasche und im Mundwinkel qualmte eine Zigarre.
   Ich musste grinsen bei diesem Anblick. Theo Lang legte seinen Kopf schräg und sah mich neugierig an.
   »Mein Name ist Maike Stein, und ich bin nicht ihre Nachbarin.«
   »Das sehe ich jetzt auch! Was genau machen sie hier? Wollen Sie was verkaufen? Ich kaufe nämlich nichts! Es sei denn, sie sind der Pizzabote, auf den ich schon seit über einer Stunde warte. Dann verzeihe ich Ihnen auch die Verspätung. Schönen Frauen muss man alles verzeihen. Obwohl Sie mir etwas zu jung wären.« Lang kicherte und fing an zu husten, da ihm der Qualm seiner Zigarre die Luft raubte. »Sie erinnern mich an jemanden, nur komme ich gerade nicht drauf. Kennen wir uns?«
   Ich schüttelte den Kopf.
   »Liefern Sie meine Pizza? Wo ist sie, ich sehe sie nirgends?«
   »Ich verkaufe und ich bringe nichts«, sagte ich ungeduldig.
   »Hat Sie meine Schwester geschickt? Wenn ja, sagen Sie ihr, sie kann hier nicht wohnen.«
   »Nein. Mich hat auch niemand aus Ihrer Verwandtschaft geschickt«, sagte ich und wollte erneut ansetzen zu erklären, warum ich eigentlich gekommen war.
   Lang zeigte mit der freien Hand zur Tür. »Dann gehen Sie wieder.«
   »Ich bin gekommen, weil ich Sie etwas fragen wollte.« Ich räusperte mich und hoffte, Lang würde dieses Ungetüm von Fernseher leiser schalten und mir zuhören. Doch weit gefehlt, Lang prustete verächtlich, drehte den Kasten lauter, rutschte tiefer in das verschlissene Sofa hinein, rülpste und paffte mit seiner Zigarre enorme Wolken um sich herum, als wollte er sich dadurch unsichtbar machen.
   »Hallo?« Ich winkte ihm zu und stellte mich vor den Fernseher, damit er mich beachtete. »Sie haben meiner Tante eine Uhr gestohlen.«
   Klack, der Fernseher war aus. Lang legte die Fernbedienung zur Seite, warf die Zigarre in den übervollen Aschenbecher vor sich und sah mich düster an. »Das ist ja eine unglaublich freche Beschuldigung.«
   »Tut mir leid, dass ich so anfangen musste, aber Sie zwingen mich ja förmlich dazu.«
   Lang blickte mich sauer an. »Hören Sie, junge Lady, ich habe nichts gestohlen, heute und auch damals nicht! Wer ist ihre Tante überhaupt?«
   »Wohnblock 17a, sagt Ihnen das etwas?«
   Lang nickte. »Dort wurde ich vor ein paar Wochen gefeuert, weil mir offenbar einige Bewohner dort, meine Vergangenheit zum Vorwurf machen mussten.« Er erhob sich mühsam vom Sofa und kam einen Schritt auf mich zu. »Ich habe meine Strafe damals unschuldig abgesessen, mein Kumpel hat den Bruch gemacht, und ich habe ihn nur zur Rede stellen wollen. Er ist abgehauen, und ich bin ihm nachgefahren, um mir Gehör zu verschaffen. Was kann ich dafür, er hat sich vor mein Auto geworfen! Und dann hat man mich nicht nur beschuldigt, einen Einbruch in eine Bankfiliale verübt zu haben, sondern auch, dass ich ihn umgebracht hätte, um ihn zum Schweigen zu bringen, weil er mich eventuell verpfeifen könnte.«
   Diese Story kannte ich ein wenig anders, Karsten hatte sie mir vor einigen Tagen erläutert. Was mich nun brennend interessierte, war, ob Theo Lang hier tatsächlich die Wahrheit sprach. Ich schüttelte ungläubig den Kopf. »Wer wirft sich denn freiwillig vor ein Auto, noch dazu auf einer Fußgängerbrücke? Und überhaupt, warum ist man so bescheuert und fährt da hoch?«
   Theo Lang stockte mitten in seiner Bewegung und schob sein Kinn fragend nach vorn. »Woher wissen Sie das mit der Brücke?«
   Eine Weile sahen wir uns nur stumm an. Während ich noch überlegte, ob ich ihn wissen lassen sollte, dass ich einen Blick in seine Akte geworfen hatte, winkte er bereits gelangweilt ab. »Ist auch egal, woher. Ich war jung, wütend, weil man mir seine Blödheit anhängte, und wie ihr jungen Leute, zu sagen pflegt, zugedröhnt! Sonst noch Vorwürfe wegen meiner Vergangenheit?«
   Nickend ging ich einen Schritt zurück, weil ich mir nun nicht mehr so sicher war, ob der Tisch, der mir zuvor einen sicheren Abstand gewährleistet hatte, noch ausreichen würde, nachdem ich ihm gleich seine Frage beantworten würde. Also nahm ich meinen Mut zusammen, räusperte mich und sah Lang aufmerksam an. »Warum hat man Sie des Überfalls beschuldigt und nicht Ihren Kumpel?«
   Er warf genervt seine Hände in die Luft. »Weil man bei ihm nichts fand. Man konnte ihm den Überfall auf den Transporter nicht beweisen. Mir lastete man es an, weil ich mit einem Schein meine Rechnung zahlte, der registriert war. Selbst der Versuch, mich zu erklären, dass ich das Geld von einem Kumpel bekam, der seine Schulden zahlen wollte, war umsonst. Und was soll ich sagen, auch bei mir konnte man keinen Hinweis darauf finden, dass ich den Bruch gemacht hätte. Keiner konnte herausfinden, wo das ganze Geld abgeblieben war.« Lang grinste geheimnisvoll. »Ich saß dafür ein, dass ich den Idioten auf der Brücke zur Rede stellen wollte. Noch Fragen, oder war’s das?«
   »Haben Sie meiner Tante die Uhr gestohlen, oder nicht?«
   Lang klappte den Mund auf und wieder zu, dann sagte er sauer. »Gehen Sie, sofort. Richten Sie Ihrer Tante aus, dass sie ein böser Mensch sei, zu behaupten, ich hätte etwas gestohlen, das ihr gehöre.« Theo Lang kniff die Augen zusammen und schien zu überlegen, dann deutete er auf mich und schüttelte mitleidig seinen Kopf. »Jetzt weiß ich auch, an wen Sie mich erinnern. Tekla, nicht wahr? Ihre Tante.« Er machte eine Pause, dann meinte er trocken. »Sie tun mir leid Mädchen, wirklich. Und richten Sie Ihrer Tante aus, dass ich nicht noch einmal mit ihr ausgehen werde.«
   Er drehte sich zum Fernseher um und schaltete ihn wieder ein.
   »Aber …«, versuchte ich erneut, mir Gehör zu verschaffen, doch Lang hob die Hand und gebot mir somit Einhalt.
   »Sie haben ja keine Ahnung. Ich habe meine Schuld damals abgesessen und habe mir seither nichts mehr zuschulden kommen lassen. Und dann kommen die alten Schrullen und halten mir meine Vergangenheit unter die Nase! Wer zum Geier sind Sie, dass Sie hierherkommen und mich des Diebstahls beschuldigen? Ganz schnell raus hier, bevor ich mich vergesse.«
   Lang fing an zu husten, dann hielt er sich mit beiden Händen den Kopf, als hätte er wahnsinnige Schmerzen. Langsam ließ er sich zurück ins Sofa fallen und deutete nur noch gen Ausgang.
   Okay, er wusste nicht genau, wer ich war und wo ich wohnte, und wenn ich mich hier schnell verdrückte, würde er es auch nicht erfahren. Ich lächelte und trat langsam rückwärts in den Flur, nicht, ohne Lang aus den Augen zu lassen, bis ich mit jemandem von hinten zusammenstieß.
   »Sie ist Privatermittlerin, und sie weiß, was es für ein Gefühl ist, wenn man für etwas, das man nicht getan hat, beschuldigt wird«, schallte es hinter mir.
   Melissa war mir doch gefolgt, da ihr es offenbar unten auf der Straße zu langweilig wurde. Ich fuhr zu ihr herum und sah sie knurrend an.
   Langs Kopf schoss zu mir herum, er schnellte vom Sofa hoch und keifte mich an. »Was! Sie sind eine miese Schnüfflerin? Das gibt es doch nicht, jetzt hängt man mir auch noch eine Schnüfflerin an die Fersen.«
   Bedrohlich langsam kam er auf uns zu, und Melissa schob sich ängstlich hinter mich.
   »Lass das«, zischte ich ihr zu.
   »Sie gehen besser. Alle beide, sonst werde ich ungemütlich.« Lang hielt sich die linke Schläfe und stöhnte leise.
   »Aber wir wollten doch nur fragen …«, fing Melissa hinter mir an zu reden, wurde aber von Lang unterbrochen.
   Er streckte den Arm aus und deutete zur Tür. Ich fasste in meine Hosentasche, zerrte eine von meinen Visitenkarten heraus, die ich immer bei mir trug, und warf sie mitten in den Raum. »Rufen Sie an, wenn Sie reden wollen.«
   Melissa schnappte mich an der Hand und zerrte mich aus dem Wohnzimmer hinaus. Mir wurde erst hinterher bewusst, was ich da eben getan hatte, ich Trottel. Auf der Visitenkarte stand nicht nur meine Telefonnummer, sondern auch die vollständige Adresse unseres Büros. Nicht genug, dass ich so blöde war, ihm zu verraten, wo er mich finden konnte. Melissa schob mich durch ihren Fluchtversuch voll gegen den Türpfosten, und ich knallte mir so sehr die Schulter an, dass ich für einige Sekunden sogar winzig kleine, grelle Sterne vor meinen Augen tanzen sah. Hinter uns kreischte Lang, wir sollten endlich verschwinden, sonst würde er uns erschießen.
   »Bist du bescheuert? Hast du was gekifft da draußen?«, keifte ich meiner Freundin entgegen, als wir draußen auf dem Gehweg standen. »Meine Schulter, die wäre mir beinahe hinten durchs Shirt geflogen. Aua, das tut voll weh.«
   Melissa sah mich beleidigt an. »Mir war langweilig, und ich dachte, vielleicht brauchst du Unterstützung. Und latsch mir halt nicht im Weg herum! Du hast doch gewusst, dass ich es eilig hatte.«
   Sauer sah ich zu ihr. »Auf deine Hilfe hätte ich verzichten können! Plapperst einfach drauf los! Der hätte uns ja beinahe gekillt.«
   »Aber du«, moserte sie zurück. »Rufen Sie an, wenn Sie reden wollen«, äffte sie mich gekonnt nach und wackelte blöd mit ihrem Kopf hin und her.
   Das saß, ich gab es auf. Ja, ich konnte mir auch so denken, dass Lang die Karte als Anzünder für seine Zigarren benutzen würde. Ich hoffte es sogar. Denn von ihm wollte ich sicher nicht in der Nacht unverhofften Besuch bekommen.
   Wir stiegen in den Wagen und beobachteten schweigend das Haus, bereit, sofort die Flucht anzutreten, sollte Lang gleich durch die Tür treten.
   »Glaubst du, er würde uns wirklich erschießen wollen?«, fragte Melissa leise mit Blick zur Tür.
   »Ich denke nicht. Sonst wäre der schon längst hier. Aber wir sollten uns mit dem nächsten Versuch, ihn nach der Uhr zu fragen, doch noch etwas Zeit lassen. Wer weiß, ob wir ihn aufgeschreckt haben. So blöd das auch klingt, wir müssen ihn ab jetzt wohl doppelt so gut im Auge behalten. Er ist gewarnt.«
   Melissa seufzte. »Lass uns erst einmal zurück ins Büro fahren und vielleicht heute Nacht noch einmal hier vorbeischauen.«

Meine Tante hockte auf der Treppe im Treppenhaus, als ich zur Tür hereinkam. Ihre Haare hatten jetzt nur noch einen ganz leichten Grünstich.
   »Na, etwas erreicht?«, fragte sie mich eifrig.
   Ich wusste, was sie wollte und fragte erst gar nicht nach. »Nein.«
   Tekla verdrehte die Augen. »Ich hätte es mir denken können. Ich habe Sybille und Lottchen zur Verstärkung gerufen. Die beiden bekommen sicher heraus, wo der Kerl meine Uhr versteckt hat.« Tekla stand auf und schlurfte wortlos hinauf zur Wohnung meiner Mum.
   Ich wusste, ich sollte ihr folgen, doch ich hatte keine Lust dazu. Auch wollte ich nicht wissen, wer Sybille und Lottchen überhaupt waren. Ich wusste nur, dass diese beiden Freundinnen von meiner Tante waren. Seufzend schloss ich die Tür zu meiner Wohnung auf, ließ sie mit einem Stoß hinter mir zufallen, und lehnte mich müde gegen den Türrahmen. Mein Blick fiel auf das Sideboard, auf dem das Telefon stand.
   Der Anrufbeantworter blinkte.
   Ich stieß mich von der Tür ab und schlurfte zum Telefon. Zwei Anrufe wurden mir angezeigt. Die eine Nummer kannte ich, die andere konnte ich nicht sehen, da diese unterdrückt war.
   Ich drückte auf Anhören. »Maike, ich bin es, Caro. Karsten ist ja ganz lieb, aber … Und Hank hat angerufen, und …«
   Ich spulte das Band vor, denn alles, was ich da hörte, kannte ich bereits aus Livegesprächen. Alter! Ich wunderte mich, wie lange meine Freundin reden konnte, ohne wirklich einen Gesprächspartner in der Leitung zu haben. Fast endlos spulte ich das Band vor.
   »Lass uns mal wieder bei Gino vorbeischauen! … Maike, ich bin mir nicht mehr meiner Gefühle sicher …«, hörte ich sie plappern.
   Noch mal spulte ich das Band des altmodischen Kastens vor. Ganz ehrlich, die nächste Anschaffung würde ein digitaler Anrufbeantworter. Dann endlich war das Gespräch vorbei. Der zweite Anruf jedoch interessierte mich umso mehr.
   »Maike. Sind Sie da? … Hallo?«, flüsterte es. »Ich brauche offenbar doch Ihre Hilfe. Jetzt ist sie hinter mir her, ich kann nicht mehr in meine Wohnung zurück. Sie finden mich im Garten. Mein Freund wird sich mit Ihnen treffen. Loren…« Klack. Piep.
   Das war alles, mehr war nicht auf den Band, da Caro mir zuvor schon den Anrufbeantworter mit ihren Sorgen zugequatscht hatte. Mist, wer war das denn und wer hat hier wen gefunden? Wen finde ich wo im Garten? Mann!
   Ich löschte das Gequake von Caro und hoffte, dass sich der unbekannte Anrufer noch einmal melden würde.
   Seufzend, da ich nichts an diesem Tag erreicht hatte, außer dass man mich am liebsten durch eine Wand gefeuert hätte, anstatt mich zu bitten, durch die Haustür zu verschwinden, ließ ich mich auf das Sofa fallen. Ich kramte mein Handy aus der Tasche und stellte fest, dass der Akku schon wieder leer war. Beim Aufladen schaltete sich das Display ein und zeigte mir fünfzehn verpasste Anrufe mit unbekannter Nummer. Jetzt war ich neugierig. Doch leider waren es nur die Hinweise auf die verpassten Anrufe.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.