Die Geschichte über die Menschen in St. Elwine geht weiter ...
Als sich Charlotte und Tyler zum ersten Mal begegnen, stehen beide unter Stress. Sie kehrt nach langer Tätigkeit in der Entwicklungshilfe heim und fühlt sich von der Menschenmenge auf dem Flughafen erschlagen. Er ist Rocksänger, hat eine kräftezehrende Tournee hinter sich und kämpft mit einem Jetlag. Daher hält sie ihn für einen enthusiastischen Fan und er sie für eine zickige Touristin. Was als Verwechslungskomödie beginnt, entwickelt sich allmählich zu einem mysteriösen Versteckspiel. Tyler erhält anonyme Anrufe und Drohbriefe. Wer ist der Stalker? Immer wieder kommt es zu überraschenden Wendungen, und plötzlich spitzt sich die Lage dramatisch zu.
Eine furiose Liebesgeschichte, deren Spannungsbogen bis zur letzten Seite reicht. Liebhaber von Romanen im Patchworkmillieu kommen auf ihre Kosten und treffen auf alte Bekannte aus Band eins.

Alle Titel der Reihe!

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ISBN: 978-9963-724-98-7

Seiten: 500

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Britta Orlowski

Britta Orlowski
Britta Orlowski wurde im Jahr 1966 geboren – eine Schnapszahl, ich weiß, meine Eltern hätten gleich stutzig werden sollen. Stattdessen zogen sie mich mit viel Liebe, Wärme und schönen Geschichten auf. Sie nahmen meine zahlreichen kreativen Experimente gelassen hin und nährten meine ohnehin uferlose Fantasie noch mit zauberhaften Erzählungen über Spielzeug, welches zum Leben erwacht, sobald ich des abends eingeschlafen sei. So wuchs ich also in meiner Geburtsstadt Rathenow auf, absolvierte die zehnklassige polytechnische Oberschule und erlernte den Beruf der stomatologischen Schwester in der Kreispoliklinik. Ich angelte mir einen netten Mann, dem ich sage und schreibe im taufrischen Alter von fünf Jahren zum ersten Mal begegnete und ihn sogleich aus tiefstem Herzen verabscheute. Zum Glück änderte ich später meine Meinung - wir heirateten und gründeten eine Familie. Ihm verdanke ich meine lieben Söhne, die überhaupt die schönsten Babys der Welt waren. Im Erziehungsurlaub wurde mir rasch langweilig. Beim Aufräumen stieß ich auf die Manuskripte aus meiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit. Ich begann erneut, Geschichten zu schreiben - nur so für mich. Wenige Jahre später infizierte ich mich mit dem Patchworkvirus und hänge seitdem an der Nadel. Doch auch das Schreiben ließ mich nicht mehr los. Nach einigen Überlegungen kam ich zu dem Schluss, dass es bestimmt einen Weg gibt, beide Hobbies zu verbinden. So entstand mein erster Roman „Rückkehr nach St. Elwine“. Da mir der Abschied von meinen Hauptfiguren am Ende so schwer fiel, war die Idee geboren, daraus mehr zu machen. Eine lockere Serie mit in sich abgeschlossenen Geschichten, die stets am gleichen Ort, dem fiktiven Küstenstädtchen in der Chesapeake Bay, spielen. Nach langem Suchen habe ich ein begeisterungsfähiges Verlagsteam gefunden.

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Leseprobe

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1. Kapitel

Die Beleuchter blendeten die Scheinwerfer ab und Tausende Fans schwenkten ihre Feuerzeuge hin und her. Die Töne waren verklungen, für einen Augenblick herrschte absolute Stille.
    Tyler lächelte und winkte der Menschenmenge von der Bühne aus zu, doch mit seinen Gedanken war er ganz woanders. Vor dem Konzert hatte er das Gefühl gehabt, im Hotel wäre jemand an seinen persönlichen Sachen gewesen. Es fehlte zwar nichts, dennoch blieb das ungute Gefühl.
   Vielleicht war er einfach nur zu erschöpft. Seit Tagen fühlte er sich wie ausgebrannt. Er würde noch heute mit Norman reden und das Gespräch nicht länger hinausschieben.
   Die Musik erklang wieder, die Spots flammten auf, und er sang noch einmal den Refrain in das Mikrofon. Es war das Lied, das stets den Schluss seiner Konzerte signalisierte. Seine Stimme veränderte sich, er hauchte die letzten Worte, bis sein heiseres Flüstern gänzlich verstummte. Die Streicher vollführten eine abschließende, schwungvolle Bewegung mit ihren Bögen und das Publikum brach in frenetischen Beifall aus.
   Die Fans kreischten wie Teenager, und all die Jubelrufe galten ihm. Es war überwältigend.
   »Ich danke euch, ihr seid ein wunderbares Publikum. Kommt sicher nach Hause und schlaft gut!« Mit diesen Worten verabschiedete er sich und verließ die Bühne.
   Die nicht nachlassenden Begeisterungsrufe begleiteten ihn auf dem Weg zur Garderobe. Irgendjemand warf ihm ein Handtuch zu. Tyler griff danach und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
   »Erstklassige Vorstellung.« Norman McKee klopfte ihm auf die Schulter. »Was habe ich dir gesagt, Tyler? Bereits letzten Sommer, erinnerst du dich? Du bist reif für Europa, aber du wolltest nichts davon hören. Siehst du nun, dass ich recht hatte?«
   Tyler grinste ihn an.
   »Gib’s schon zu!«
   »Okay, du hattest recht, Norman.«
   »Du könntest ruhig etwas dankbarer klingen.«
   Tyler, der schon fast an ihm vorbei war, blieb stehen. »Ich bin dir dankbar, Norman. Die Tournee ist ein Riesenerfolg. Aber vergiss nicht, wer daran einen beträchtlichen Anteil hat.«
   Norman schob in einer unbewussten Geste seine Brille zurecht und hob beschwichtigend die Hände. »Okay, okay. Sei nicht gleich beleidigt. Wir Iren müssen schließlich zusammenhalten. Das ganze Team hat sein Bestes gegeben.«
   »Yep.« Tyler war kein Freund großer und vor allem vieler Worte.
   Er kannte Norman schon seit einigen Jahren. Norman hatte ihn Schritt für Schritt aufgebaut, ihn zu dem gemacht, was er war – ein umjubelter Rockstar. Das Fingerspitzengefühl und die unermessliche Geduld seines Managers hatten sich letzten Endes ausgezahlt. Tylers Erfolg schlug sich allerdings auch in barer Münze auf Norman McKees Konto nieder.
   Tyler war weitergegangen und betrat seine Garderobe. Norman folgte ihm und lehnte sich von innen an die Tür. »Sag mir nicht, dass du dich vor dem heutigen Abend drücken willst. Die größte After-Show-Party, die London je gesehen hat. Dies war das Abschlusskonzert. Das bist du dem Team einfach schuldig.«
   Typisch Norman! McKees Agentur betreute viele Stars. Um Tyler allerdings kümmerte er sich stets persönlich. Tyler konnte nicht mit Sicherheit sagen, warum. McKee war erst heute in den frühen Morgenstunden in London gelandet, um das Abschlusskonzert mitzuerleben.
   »Ist mir klar.« Tyler zog sich ein frisches Hemd über.
   »In all den Jahren, die ich als Manager arbeite, habe ich nie jemanden kennengelernt, der so wenig für wilde Partys übrig hat wie du, Mr. O’Brian.«
   Natürlich wusste Tyler, dass all die Menschen, die zum Team gehörten und letztlich zum Erfolg der Tournee beigetragen hatten, erwarteten, dass er mit ihnen feierte. Er nahm ein Haarband vom Frisiertisch und band seine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. »Die Leute haben sich die Feier wirklich verdient.«
   »So ist es. Und du auch, Tyler.«
   »Die Tournee war aufregend, aber auch anstrengend. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass sie zu Ende ist. Nach dem Rückflug werde ich mir eine Auszeit gönnen.«
   Normans Gesichtsausdruck signalisierte umgehend Alarmbereitschaft, doch er kannte Tyler gut genug und zwang sich, ruhig zu bleiben. »Das scheint mir nicht besonders klug. Du stehst jetzt ganz oben, Junge, im Zenit deiner Karriere. Davon träumen andere ihr Leben lang.«
   »Ich brauche trotzdem eine Auszeit. Ich bin erschöpft, und ich suche nach einem …« Er zögerte. »Nach einem neuen Ziel in meinem Leben.«
   »Was für ein Ziel, verdammt? Du bist ganz oben! Was willst du noch?«
   »Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich ein Star. Wir beide wissen, dass ich zurzeit gefragt bin wie noch nie. Aber …«
   »Aber was?«
   »Was, wenn sich das ändert? Was, wenn die Tourneen beendet sind und die Auftritte hinter mir liegen? Ich ziehe von Hotel zu Hotel, lebe ständig aus dem Koffer. Ich habe mir das früher als eine Art Abenteuer vorgestellt, aber das ist es nicht. Ich möchte für den Rest meines Lebens kein umherziehender Wanderer sein. Jeder Mann, der einen anständigen Job hat, geht nach getaner Arbeit nach Hause. Doch ich? Wohin soll ich gehen?«
   Norman sah ihn entgeistert an. »Du willst ein Heim? Mit Haus und Gartenzaun, oder was gehört deiner Meinung nach dazu?«
   »Ich habe keine konkreten Vorstellungen. Vielleicht eine Art Ranch mit Pferden. Vielleicht auch das Meer in der Nähe. Ein Stück Land, etwas außerhalb, wo mich Fans und Presse nicht so schnell aufspüren können.«
   Norman runzelte die Stirn, als überlegte er bereits, wie er einen Kompromiss finden könnte. Wahrscheinlich dachte er an das Benefizkonzert im New Yorker Central Park, das in einer Woche stattfand. Anschließend, so hatte er einigen wichtigen Leuten versprochen, wollte er ein paar Gastauftritte mit Tyler in Fernsehshows organisieren. Außerdem löcherte ihn der örtliche Radiosender von Jonesville in Louisiana seit geraumer Zeit wegen eines Liveinterviews. In dieser Stadt war Tyler aufgewachsen.
   Er hatte Norman bereits gesagt, dass er den Sender abwimmeln sollte. Wie immer würde er einen großen Bogen um den Ort seiner Kindheit machen. Norman hatte ihn nie danach gefragt, aber wahrscheinlich vermutete er irgendein dunkles Geheimnis in Tylers Vergangenheit. Was immer er glaubte, er hatte ohne Weiteres und äußerst gekonnt eine Biografie für Tyler zusammengebastelt, diese mit einigen tatsächlichen Daten und Fakten versehen, um sie anschließend mit zahlreichen erfundenen Details auszuschmücken. Die Fans, die Presse und letztlich Tyler selbst zeigten sich damit zufrieden. Außerdem nutzte Norman Tylers – so wörtlich – »geheimnisvolle Ausstrahlung eines dunklen Rebellen« aus, um dieses Image weiter auszubauen. Es funktionierte.
   Junge Männer erkannten sich in den Liedern wieder, die Tyler sang, und konnten sich mit den Problemen, die er ansprach, identifizieren. Frauen beteten ihn an. Doch es war seine Musik, die sie alle vereinte. Das war unverfälschter Rock ’n’ Roll, mal laut, mal leise, mit unverkennbar irischen Einflüssen.
   »An welche Himmelsrichtung hast du denn gedacht? Amerika ist groß.«
   »Alles bis auf Louisiana. Aber mach dir keine Mühe, Norman. Ich möchte mich selbst auf die Suche begeben.«
   »Wie stellst du dir das vor? Du kannst nicht einfach losmarschieren, ein Plakat in der Hand, mit der Aufschrift: Häuschen im Grünen gesucht.« Norman zupfte mit fahrigen Bewegungen an seinem Hemdkragen herum.
   »Wir reden später.« Tyler wurde langsam ärgerlich. Er war verschwitzt und wollte endlich ins Hotel und unter die Dusche. »Vergiss nicht, Norman, ich bin achtunddreißig Jahre alt.«
   Wie nicht anders erwartet, wedelte sein Manager aufgeregt mit den Händen. »Nicht so laut, Tyler, um Gottes willen. Sonst kannst du dein wahres Alter gleich in der Times veröffentlichen.«
   »Warum auch nicht? Ich habe kein Problem damit.«
   Sie wussten beide, dass dies der einzige Fakt der zusammengestellten Biografie war, mit dem Tyler nicht einverstanden gewesen war. Er sah wesentlich jünger aus und Norman hatte ihn schließlich dazu gebracht, in diesem Punkt nachzugeben.
   Junge, schöne Rebellen ließen sich einfach besser verkaufen als Helden, die langsam in die Jahre kamen.

Medizinische Station, ehemalige Missionsstation
Hunderte Kilometer von Mombasa

Charlotte saß in dem spärlich eingerichteten Raum, in dem sie die meisten Nächte der vergangenen zehn Jahre verbracht hatte. Sie lümmelte auf dem schmalen Bett und nahm noch einmal den Brief ihres Großvaters zur Hand. In den letzten Wochen hatte sie ihn so oft gelesen, dass sie die Worte inzwischen aus dem Gedächtnis aufsagen konnte.

Meine liebe Charly,

zunächst möchte ich dir mein Beileid zum Tod deiner Mutter und deines Stiefvaters aussprechen. Welch herber Verlust für dich. Ich weiß nicht, wie es dir jetzt geht und ob du dich überhaupt noch an mich erinnerst. Vor vielen Jahren musste ich deiner Mutter das Versprechen geben, mich von dir fernzuhalten. Jetzt, nach ihrem Tod, fühle ich mich nicht mehr daran gebunden. Inzwischen bin ich ein alter Mann, der viele Menschen verloren hat, die er liebte. Ich habe deinen Weg trotz allem im Auge behalten und weiß, dass du denselben Beruf ergriffen hast wie ich. Vielleicht bist du an einem Punkt in deinem Leben angelangt, an dem du erkennst, dass du noch etwas anderes möchtest.
   Wenn du einen Teil deiner Wurzeln kennenlernen willst, dann komm zu mir. Meine alte Praxis wartet noch auf einen Nachfolger. Ich habe stets gezaudert, sie jemandem anzubieten. Vielleicht, weil ich davon geträumt habe, dass du sie eines Tages übernehmen wirst. Ich wohne noch immer in dem schönen Haus in St. Elwine, das du als Kind so geliebt hast. Oder hast du es vergessen?

Wie könnte sie das je vergessen? Die Erinnerung an die frühesten Jahre ihrer Kindheit hütete sie wie einen kostbaren Schatz.
   Grandpa. Woher wollte er wissen, dass sich jetzt, wo ihre Mutter nicht mehr lebte, alles geändert hatte? Er hatte Charly verstanden, damals. Wäre das heute auch noch so?

Seit deine Großmutter vor sechs Jahren starb, ist es nicht mehr dasselbe für mich. Fühlst du dich auch so allein wie ich? Ohne eine richtige Familie? Komm zu mir! Egal, für wie lange, egal wann. Komm einfach! Ich werde auf dich warten.

Immer dein Großvater
Johann Svenson


Charlotte schloss für einen Moment die Augen.
   Als dieser Brief sie vor exakt vierzig Tagen erreichte, hatte sie gleich dieses kribbelnde Gefühl in den Beinen gespürt. Sie musste lächeln, als sie sich an das alte Spiel mit Grandpa erinnerte. Charly, mein Liebling. Du musst hüpfen! Spürst du es? Hüpf auf und nieder, von einem Bein aufs andere. Es verscheucht die bösen Gedanken und wärmt dich auf, hatte er zu ihr gesagt, wann immer sie traurig oder ängstlich war. Sie war gehüpft und gehüpft, so lange, bis sie sich beide die Bäuche vor Lachen gehalten hatten.
   Charlotte stand auf und stellte sich auf die Zehenspitzen. Sie bewegte federnd die Knöchel, bis sie schließlich auf und nieder hüpfte.
   »Was treibst du denn da?«
   Sie hatte nicht gehört, dass Konesha ins Zimmer getreten war.
   »Das Flugzeug wird in zehn Minuten starten. Der Pilot setzt dich in Mombasa ab.«
   »In Ordnung, ich bin so weit.« Charlotte ließ ein letztes Mal den Blick durch den Raum schweifen, nahm ihren Koffer und ging mit Konesha hinaus in die Hitze Afrikas.
   »Tja, es bleibt mir nicht mehr viel zu sagen, Charly. Ich erinnere mich, wie du vor zehn Jahren hier aufgetaucht bist. Ich dachte, das kann doch nicht wahr sein. Sie schicken mir ein Modepüppchen statt eines kräftig zupackenden Zahnarztes. Drei Monate gab ich dir höchstens, nach denen du freiwillig heim zu Mama und Papa wollen würdest. Ich habe mich geirrt. Übrigens der beste Irrtum meines Lebens. So lange wie du hat es noch keiner hier ausgehalten.« Die schwarze Ärztin zog Charlotte an ihre Brust.
   »Konesha, du wirst mir fehlen. Aber ich muss fort.«
   »Ich weiß, mein Kleines. Du hast nie hierher gehört. Es ist nicht deine Bestimmung, aber du hast den Menschen meines Volkes unendlich viel Gutes gegeben. Ich danke dir an ihrer statt.«
   Aus den Augenwinkeln beobachtete Charlotte, wie der Pilot auf seine Armbanduhr sah.
   Es war Zeit zum Aufbruch.

Die stickige Luft und die ungeheure Menschenmasse am John F. Kennedy International Airport in New York trafen Charlotte wie ein Schlag in die Magengrube. Sie war verschwitzt, ihre Hände fühlten sich klebrig an und ihr Koffer war nicht auffindbar gewesen, sodass sie noch beinahe eine Stunde in der Schlange am Reklamationsschalter gestanden hatte.
   Sie brauchte Luft, und wenn es nur die von Abgasen verpestete Großstadtbrühe wäre. Die Schiebetüren zum öffentlichen Bereich des Terminals glitten auseinander und ein wildes Kreischen und Johlen aus Hunderten Kehlen brandete auf.
   Charly blieb abrupt stehen. Himmel, was war denn hier los? Sie erkannte schnell, dass es sich nicht um Angstschreie oder eine Massenpanik handelte. Vorrangig waren es Frauen, die wie Groupies auf einem Konzert kreischten und mit den Armen in der Luft fuchtelten.
   Und da musste sie mitten hindurch. O Gott.
   Charly holte tief Luft und zog sich einige Meter bis hinter die nächste Gangbiegung zurück. Sie lehnte sich an einen Betonpfeiler. Wie von allein tastete ihre Hand im Rucksack nach dem Handy und tippte eine Nummer ein. Am anderen Ende nahm jemand ab.
   »Hallo?« Die warme Bassstimme ihres Großvaters. Ihn jetzt wahrhaftig zu hören, verschlug ihr schier die Sprache.
   »Hallo, Dr. Svenson hier. Wer ist da bitte?« Pause. »Charly – bist du es? Charly?«
   Sie war plötzlich nicht mehr in der Lage, zu antworten und legte rasch auf. Später, wenn sie sich besser mental darauf vorbereitet hatte, würde sie mit ihm telefonieren.
   Charlotte warf einen Blick um die Ecke. Immer wieder gingen Passagiere auf den Ausgang zu, die Schiebetüren schoben sich auseinander und schlossen sich wieder. Das Kreischen hallte bis zu ihr herüber.
   Sie atmete tief durch. Wenn sie nicht auf dem Flughafen übernachten wollte, würde sie sich einen Ruck geben müssen. Sie stieß sich von dem Betonpfeiler ab und bog um die Ecke. Prompt krachte sie gegen einen unnachgiebigen Oberkörper.
   Durch den heftigen Zusammenprall fiel etwas auf den Boden und landete auf ihrem Schuh.
   Charly bückte sich instinktiv nach der Sonnenbrille, ehe sie noch darauf trat. Gleichzeitig, und unschöne Flüche murmelnd, bückte sich auch ihr Kollisionspartner. Um ein Haar wären sie auch noch mit den Köpfen zusammengestoßen.
   Während sie ein schuldbewusstes »Sorry« hervorbrachte, murmelte der Typ irgendetwas von einem Autogramm.
   Charly musste trotz ihrer miserablen Laune lachen, aber es klang eher bissig. »Tja, Mister. Ich fürchte, Sie haben Ihr Idol verpasst.« Sie bekam die Sonnenbrille zu fassen und hob sie auf.
   »Wen verpasst?« Der Blick des Unbekannten bohrte sich in ihren.
   Sie hielt ihm die Brille entgegen. Wow – was für ein Gesicht. Einfach zu schön, um wahr zu sein. Nimm dich zusammen, Charlotte Svenson! Anscheinend war sie um einige Zeit zu lange im Dschungel gewesen. Aber diese Augen! Wie konnte jemand so traurige Augen haben? Sie riefen ein Gefühl in ihr hervor, als hätte sie ein Küken vor sich, das aus dem Nest gefallen war.
   »Ich fürchte, Lady, Sie haben vor sich hingeträumt.« Entrüstet schnappte sie nach Luft. Der Kerl besaß die Unverfrorenheit, ihr die Schuld an dem Zusammenstoß zu geben?
   »Also wirklich. Was …?« Mehr brachte sie nicht heraus.

*

Tyler musterte die Frau genauer. Klein und blond, jedoch nicht blauäugig. Sie passte nicht ganz in das Blondinen-klischee. Ihre Augen waren von einem helleren Braun als seine eigenen und erinnerten ihn an schmelzende Milchschokolade. Sie trug enge Jeans und eine weite, unförmige Bluse – zu schade. Ihre Wangen waren gerötet, sie roch ein bisschen nach Schweiß, aber keineswegs unangenehm. Da war noch ein anderer Duft, ein kräftiger, der alles überlagerte. Sie roch nach Früchten, nach Grapefruit, mit Pfefferminz gemixt, wenn er sich nicht täuschte. Tyler ermahnte sich gerade noch rechtzeitig, um nicht wie ein Hund an ihr herumzuschnuppern. O Gott, hatte er den Verstand verloren?
   »Schon gut. Anscheinend mögen Sie keine Rockmusik, Lady.«
   »Nein, ich bevorzuge Klassik.«
   Tyler war erleichtert und doch insgeheim auch ein klein wenig enttäuscht, dass die Frau kein Fan war. »Auch okay, Lady. Meinen Sie im Ernst, ich hab ihn verpasst?« Er hatte plötzlich Lust, sie ein wenig an der Nase herumzuführen.
   »Was?«
   »Tyler O’Brian. Der soll gerade gelandet sein.« Er deutete auf die Menschenmenge, die gebannt die Schiebetüren beobachtete und kollektiv aufkreischte, sobald das Glas auseinanderfuhr.
   »Nun, ich kann Ihnen leider nicht weiterhelfen. Der Name sagt mir nichts.«
   »Tja, da kann man wohl nichts machen. Herrje, wäre ich bloß nicht aufs Klo gegangen. Dann hätte ich ihn bestimmt noch erwischt. Diese verdammte schwache Blase.«
   Angewidert verzog die Blondine das Gesicht.
   Tyler verkniff sich ein Lachen. Er schüttelte scheinbar ungläubig den Kopf. »Alles umsonst. Sie müssen wissen, Lady, ich warte hier schon seit zwei Tagen, nur um ein Autogramm zu ergattern«, fügte er in seinem breitesten Südstaatenakzent hinzu.
   Sie holte tief Luft und lächelte ihn zuckersüß an. »Das … ähm … tut mir schrecklich leid. Suchen Sie doch mal einen Urologen auf, der wird Ihnen bei Ihrem Problem sicher weiterhelfen können.«
   Tyler biss sich auf die Lippen, um nicht loszuprusten. »Wirklich, Ma’am? Können Sie mir jemanden empfehlen?«
   Die Kleine verdrehte die Augen. Leider ersparte ihr das Läuten seines Handys eine Antwort.
   »Sorry.« Er drehte sich zur Seite.
   »Tyler, wo zum Kuckuck stecken Sie? Die Presseleute warten.« Normans Assistentin, die für die PR verantwortlich war, wirkte wie immer gehetzt.
   »Ich bin auf dem Flughafen aufgehalten worden. Immer mit der Ruhe. Spielen Sie denen doch meine neueste CD vor. Bis gleich.« Er beendete das Gespräch und drehte sich um.
   Die Blondine mit dem Pampelmusenduft war verschwunden. Mist!
   Tyler nickte Jerry und seinem Kollegen in ihren schwarzen korrekten Armani-Anzügen zu und wies auf den Ausgang. Die Bodyguards folgten ihm in angemessenem Abstand.

*

Charlotte konnte nicht umhin, zu bemerken, wie knackig sein Hintern in den engen Jeans saß. Kurz schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, was für eine Verschwendung es doch war, diesem Spatzenhirn einen derart wunderbaren Körper als Heim zu geben.
   Die blanke Ungerechtigkeit.
   Herrgott, wie beschränkt musste jemand sein, um an einem Flughafen wegen eines Autogramms auszuharren. Na ja, ein Mann mit einem so schönen Gesicht konnte gewiss einen Sprung in der Schüssel haben. Dies schien ein gerechter Ausgleich für die Laune der Natur zu sein.

Charlotte trat an die Rezeption im Plaza-Hotel. »Mein Name ist Charlotte Svenson. Ich bin mit Miss Faye Carrington verabredet.«
   Die Dame am Empfang blickte auf. »Entschuldigen Sie, wir haben heute etwas viel Trubel im Haus.«
   O nein, nicht schon wieder! »Sagen Sie jetzt bitte nicht den Namen Tyler O’Brian.« Das sollte ein Witz sein.
   »Ja, er ist aufregend, nicht wahr? Ich liebe seine Songs.«
   Schmerz, lass nach! Charlotte gab sich die größte Mühe, sich nichts anmerken zu lassen.
   »Faye erwartet Sie bereits, Dr. Svenson.« Sie winkte einen Pagen heran. »Bringen Sie die Dame bitte zu Miss Carrington.«
   »Haben Sie Gepäck, Madam?«
   »Nein, kein Gepäck. Mein Koffer ist abhandengekommen. Die Fluggesellschaft wird ihn mir nachsenden.«
   »Natürlich, wir werden Sie sofort benachrichtigen, wenn das Gepäckstück eintrifft.«
   »Vielen Dank.« Erleichtert folgte Charlotte dem jungen Pagen zum Lift.
   »Herein«, rief Faye nach dem Klopfen. »Charly, wie schön, dass du da bist. Dich schickt mir der Himmel.« Ihre Freundin saß mit einem Gipsbein auf dem Sofa.
   »Was ist passiert?« Charlotte sah sie entgeistert an.
   »Gestern Abend – ich bin über die Teppichkante gestolpert und umgeknickt. So ein Pech. Gerade jetzt, wo ich meinen Onkel so weit hatte, dass er mir die Stelle der VIP-Betreuerin in diesem Hotel übertragen hat. Ich könnte endlich einen Superstar betreuen, sozusagen als Feuertaufe. Ich weiß, dass ich das Zeug dazu habe, die Wünsche unserer ganz besonderen Gäste zu erfüllen.« Sie fuhr sich durch ihr welliges Haar. »Ich wollte es meinem Onkel beweisen, dass ich nicht nur auf die kulturellen Wünsche der normalen Gäste eingehen kann, wenn sie Tickets für den Broadway oder sonst was wollen. Und nun das.« Sie klopfte gegen den Gips um ihren linken Knöchel.
   »Oje. Dein lang gehegter Traum.«
   Faye nickte niedergeschlagen.
   »Lass mal Tante Charly überlegen. Du brauchst jemanden, der dich bei dieser Berühmtheit vertritt.«
   »Aber mein Onkel …«
   »Der muss das doch nicht erfahren. Wohnt er im Hotel?«
   »Normalerweise schon. Momentan ist er allerdings für einen Monat im Plaza in Kalifornien.«
   »Na bitte. Denk nach, wer könnte für die Aufgabe infrage kommen?«
   »Ich weiß nicht recht. Wenn ich es genau betrachte, eigentlich nur du, Charly.«
   »Ich?« Entgeistert fuhr sie herum. »Ich bin gerade aus Afrika gekommen. Meine paar Klamotten sind in meinem Koffer und der ist weg. Sieh mich an, wie ich aussehe! Ich bin hundemüde und hungrig und mit derlei Aufgaben nicht vertraut.«
   Faye musterte Charly und klopfte auf das Sofa, auf den Platz neben sich. »Komm, setz dich erst einmal. Mein Gott, es ist furchtbar lange her, seit wir so zusammensitzen konnten.«
   »Drei Jahre, seit meinem letzten Urlaub.«
   »Lass dich einfach mal drücken! Immer nur Briefe und Telefonate …«
   Charly seufzte. »Du hast recht. Das ist nicht dasselbe.«
   »Die Sache mit deinen Eltern tut mir leid.«
   »Danke.«
   »Wie geht es dir? Kommst du klar?« Faye streichelte ihr über den Arm.
   »Du weißt doch, was ich für ein Verhältnis zu meiner Mutter hatte.« Charly rieb sich die Stirn. »Ich empfinde keinen Schmerz. Nicht den leisesten Hauch. Vielleicht bin ich zu kaltherzig.«
   »Du weißt genau, dass das nicht zutrifft.«
   Wirklich? Charly wusste nicht, ob sie tatsächlich daran glauben sollte.
   »Und dein Großvater? Hast du schon mit ihm gesprochen?«
   »Ich konnte noch nicht.«
   »Ich mache dir einen Vorschlag. Du gehst jetzt erst einmal duschen und ich lasse in der Zeit etwas zu Essen bringen. Im Kleiderschrank findest du, was du brauchst. Sieht so aus, als hätten wir noch immer dieselbe Größe.«
   »Nicht, was meine verflixte Oberweite anbelangt.« Charly rollte mit den Augen und seufzte.
   »Ich wünschte, ich hätte so einen vollen Busen.«
   »Ich geb dir gern etwas ab. Hoffentlich hast du eine weite Bluse.«
   »Wie hätten Sie es gern, Dr. Svenson? Klassisches Rot oder etwas Ausgefallenes?«
   »Eine French-Maniküre.« Charlotte linste auf das Namensschild der jungen Frau, die ihr gegenübersaß.
   Sie hatte wunderbar geschlafen und anschließend gefrühstückt. Jetzt saß sie im Beautysalon des Plaza und ließ sich verwöhnen. Das war es, was sie in Afrika am meisten vermisst hatte. Obgleich dieser Genuss einen nicht gerade kleinen Haken hatte. Faye Carrington, dieses gerissene Biest, hatte es tatsächlich geschafft, sie zu überreden, ihre Vertretung zu übernehmen.
   Charly als VIP-Betreuerin. Einfach lächerlich.
   Aber Faye hatte ihr in aller Logik sämtliche Vorteile aufgelistet.
   Charlotte war es gelungen, sie fast alle zu widerlegen – bis auf einen. Nämlich, dass Faye Charly in dieser Sache absolut vertrauen konnte. Was blieb ihr, als händeringend nachzugeben? Die Vorteile waren nicht von der Hand zu weisen. Charlotte durfte in den Räumen ihrer Freundin wohnen, Kost und Logis frei – verstand sich. Als Bonus konnte sie sämtliche Leistungen des Hotels kostenlos in Anspruch nehmen. Was sie auch ausgiebig zu tun gedachte.
   »Hallo Liebes.« Faye ließ sich auf den Stuhl neben sie plumpsen und lehnte die Krücken an die Wand. »Ich hoffe, du bist zufrieden mit allem.«
   »Mehr als das.«
   »Du hast so friedlich geschlafen, ich wollte dich nicht wecken.«
   »Wann geht mein Einsatz los?« Sally hatte gestern Abend mitgeteilt, dass der VIP-Gast zu müde für eine Unternehmung sei und früh zu Bett gehen wolle. So hatten sie ein bisschen Zeit gewonnen und Faye konnte sie besser einweisen. Frisur, Make-up und Klamotten mussten natürlich dem Stil des Hauses entsprechen. Elegant, teuer, aber unaufdringlich. Also hatte Faye flugs alles mit Grace und der Friseuse besprochen und für Charly den Termin bei der Nageldesignerin vereinbart.
   »Wahrscheinlich am frühen Nachmittag. Erst gehen wir gleich in die Boutique und suchen dir neue Kleider aus.«
   Charly verdrehte die Augen. Wie hatte sie sich nur zu dieser Sache hinreißen lassen? Sie musste vorübergehend geistig umnachtet gewesen sein. Das konnte niemals gut gehen. Vielleicht sollte sie die ganze Angelegenheit als eine Art Urlaubsgag betrachten. Sie nahm rasch einen großen Schluck Orangensaft. »Willst du mir nicht endlich verraten, wer dein VIP-Gast ist?«
   »Habe ich das noch nicht getan? Ich dachte, du wüsstest es.« Faye trällerte beinahe. »Tyler O’Brian natürlich.«
   Charlotte verschluckte sich fast an ihrem Saft. »Das ist nicht dein Ernst.«
   »Wieso, kennst du ihn?«
   »Nein. Aber der Kerl war verantwortlich für das Chaos auf dem Flughafen.«
   »Dafür kann er schließlich nichts.«
   »Hmpf.«
   »Er sieht unglaublich gut aus. Der Typ gefährlicher, doch zutiefst verletzter Rebell«, sagte Faye.
   »Garantiert alles nur Show. Sein Management wird sein Image passend zu seinem Aussehen aufgebaut haben.«
   »Garantiert. Er ist der Johnny Depp Typ der Rockmusik. Ich finde, es besteht sogar eine große Ähnlichkeit zwischen den beiden. Meinst du nicht?«
   »Faye, du weißt doch, dass ich klassische Musik über alles liebe. Ich kenne weder seine Songs noch habe ich bis gestern überhaupt je seinen Namen gehört. Seitdem allerdings öfter, als mir lieb ist.«
   »Charly, ich liebe dich. Aber manchmal klingst du wie ein Snob. Ich wette, das ist der Teil deiner DNS, den deine Mutter dir vererbt hat. Es gibt so viele schöne Arten von Musik. Jede hat ihren besonderen Reiz.«
   »Ph …« Beleidigt wandte sich Charly ab.

»Super – einfach perfekt. Ein wenig flippig, aber nicht zu gewagt. Du siehst aus wie Britney Spears große Schwester«, rief Faye begeistert.
   »Wer ist Britney Spears?«
   »Ach, vergiss es!« Faye verdrehte die Augen.
   »Lass das, ja? Oder ich überlege mir alles im letzten Moment anders.«
   »Schon gut, schon gut. Hier. Das Handy habe ich extra aufgeladen, für eventuelle Hilferufe. Ich werde den ganzen Abend für dich erreichbar sein.«
   »Ich kann unmöglich diesen knappen Fummel anbehalten. Meine Brüste kommen darin viel zu sehr zur Geltung und der Ausschnitt reicht ja fast bis zum Bauchnabel.« Charlotte zupfte an ihrem Oberteil herum.
   »Unsinn, es ist perfekt.«
   »In welche Diskothek soll ich denn mit diesem Typen gehen?«
   »Hier ist eine Liste der angesagtesten Lokalitäten. Frag ihn einfach. Was immer er möchte, das Plaza erfüllt seine Wünsche.«
   »Ähm … Faye … nur für den Fall. Was mache ich, wenn er später noch einen Schlummertrunk in seiner Suite mit mir einnehmen möchte? Du verstehst schon.«
   »Verlass dich einfach auf dein Gefühl. Entscheide aus dem Bauch heraus.«
   »Soll das heißen, du würdest mit ihm ins Bett gehen, wenn die Situation es erfordert?«
   Faye zuckte mit den Schultern. »Was weiß denn ich.«
   »Das kommt für mich nicht infrage. Ist das klar?«
   »Selbstverständlich. Niemand verlangt das von dir, Charly. Das wäre rein privat und nichts, was das Hotel anbietet.«
   Es klopfte an der Tür.
   »Der Page bringt dich zu O’Brians Suite. Also los – alles wie besprochen. Du stellst dich ihm vor, mit meinem Namen, nicht vergessen! Und denk dran, das Plaza oft genug zu erwähnen. Es kann gar nichts schief gehen.« Faye küsste sie auf die Wange und schob sie auf den Gang hinaus.

Auf das Klopfen des Pagen öffnete niemand.
   »Gehen Sie nur rein, er erwartet Sie«, forderte der junge Hotelangestellte Charly auf.
   »Sind Sie sicher?«
   Er nickte und komplimentierte sie in die Suite hinein.
   Im Wohnzimmer war keine Menschenseele. Sie hörte schwache Geräusche. »Hallo Mr. O’Brian?«, rief sie und machte ein paar Schritte vorwärts.
   »Sind Sie die VIP-Betreuerin?«
   Er schien im Badezimmer zu sein, denn sie hörte kurz Wasser fließen. »Ja, Sir, Cha … Faye Carrington vom Plaza New York. Sie hatten mich angefordert.«
   »Einen Augenblick. Tut mir leid, ich bin etwas eingenickt, aber gleich bei Ihnen.«
   Eingenickt – so viel zu dem Rebellenimage. Alles Lüge.
   Charly sah sich um. Auf dem Sofa lagen eine zerwühlte Decke und ein Buch. Ordnungsliebend, wie sie war, wollte sie schon die Decke zusammenlegen, konnte sich aber im letzten Moment bremsen. Stattdessen nahm sie das Buch zur Hand. Ein Gedichtband, na so was. Gehörte sicher zur Grundausstattung dieser Luxussuite. Schließlich waren hier oft genug gekrönte Häupter aus aller Welt zu Gast. Ein Rockstar freilich schlief gelangweilt bei solchen literarischen Leckerbissen ein.
   »Entschuldigen Sie, es ist sonst nicht meine Art, Termine zu verschlafen. Ich war für einige Monate in Europa und habe noch ein wenig mit der Zeitverschiebung zu kämpfen. Bin gestern erst zurückgekommen.«
   Charlotte setzte ein professionelles Lächeln auf. Jedenfalls hoffte sie, dass es halbwegs danach aussah, und wandte sich um. Sie riss die Augen auf, ihr Lächeln erstarrte zu einer Maske.
   Vor ihr stand der Typ vom Flughafen, der sie fast über den Haufen gerannt hatte.
   Er trug eine elegante schwarze Hose, teure Schuhe von Gucci und ein weißes Hemd, das er gerade erst zuknöpfte. Auf seiner breiten Brust erkannte sie ein Tattoo. Sein dunkles schulterlanges Haar trug er offen.
   Nicht gerade unauffällig blieb sein Blick an ihrem Busen hängen. Er musste schlucken. Charly registrierte das sehr wohl und verfluchte ihre Freundin im Stillen. Dennoch war sie froh, dass er sie nicht wiederzuerkennen schien.
   Sie atmete tief durch. »Mr. O’Brian, wie möchten Sie den heutigen Abend verbringen? Das Plaza scheut keine Mühen, Ihnen bei der Erfüllung Ihrer Wünsche behilflich zu sein. Das kann ich Ihnen versichern.«
   Er starrte immer noch auf ihre Brüste. »Tatsächlich?«

*

Verunsichert trat sie einen Schritt rückwärts. Bei der sanften Bewegung verströmte sie einen Duft nach frischen Früchten mit Pfefferminz gemixt.
   Tyler kannte diesen Geruch.
   Natürlich – die Pampelmusenlady vom Flughafen. Er musterte sie genauer. In den knallengen Klamotten kam ihre kleine, aber bestens geformte Figur ausgezeichnet zum Ausdruck. Diese sagenhaften Brüste hatten ihn vorübergehend zu sehr abgelenkt, aber er war jetzt sicher. Sie war eindeutig die Frau vom Flughafen.
   Sie schien zu bemerken, dass er sie wiedererkannte. Ihr Blick glitt zu Boden. Was verbarg die Kleine? Sie wirkte viel zu unsicher für ihren Job.
   »Sie sind sicher, dass Sie VIP-Betreuerin sind?« Die Leitung vom Plaza hatte ihre Angestellte zum Girly-Groupie-Typ aufgepeppt. Warum dachten die Leute nur immer, Rockstars würden so etwas mögen? Sie wirkte ungeheuer jung für eine Angestellte mit dieser Verantwortung. Ihr Gesicht war mit allzu viel Make-up zugekleistert. Sie starrte ihn an wie ein verschrecktes Kaninchen.
   »Mhm.«
   »Wie passt es dann zusammen, dass Sie einen Prominenten nicht erkennen, wenn Sie mit der Nase darauf stoßen? Bei Ihrer Tätigkeit ein wenig ungewöhnlich. Das müssen Sie zugeben.«
   »Ähm – ja, Sie haben recht. Ich bin ebenfalls erst gestern angekommen. Die letzten zehn Jahre habe ich in Afrika verbracht.«
   »In Afrika, soso.« Er glaubte ihr kein Wort.
   »Also, das ist nämlich so – ähm … vielleicht ist es besser, ich fange ganz von vorn an.«
   »Oh, ich bitte darum, Miss. Ich habe nämlich mitunter Schwierigkeiten, etwas zu begreifen.«
   »Ja, ja – ich weiß«, antwortete sie prompt.
   Er fuhr herum und verzog den Mund zu einem breiten, frechen Grinsen.
   Die Wangen der Kleinen liefen feuerrot an. Sie starrte ihm erschrocken ins Gesicht. Offenbar ging ihr auf, dass er sie durchschaut hatte. Sie hielt ihn für einen absoluten Trottel. »Warum setzen wir uns nicht und Sie erklären mir alles in Ruhe? Möchten Sie etwas zu trinken?«
   »Da gibt es nicht viel zu erklären.« Sie versank in den weichen Polstern des Sofas. »Einen Orangensaft, bitte.«
   Er schlenderte zur Minibar und lauschte ihrem Kurzbericht. »Dann sitzt die wahre Faye Carrington oben mit einem Gipsbein, wenn ich Sie richtig verstanden habe?«
   Sie nickte.
   »Und wie heißen Sie wirklich?«
   »Emma Woods.« Sie schlug die Beine übereinander. Der knappe Stretch Minirock rutschte einige Zentimeter höher und Emma zupfte rasch am Saum herum. Ihren Blick richtete sie starr auf die mörderischen Plateausandalen an ihren Füßen, die aussahen, als würden sie eine Tonne wiegen.
   »Was haben Sie all die Jahre in Afrika gemacht?«, fragte er, um die etwas zu lange, beinahe peinliche Stille zu beenden.
   »Ich war … in der Entwicklungshilfe tätig«, kam ihre Antwort etwas stockend.
   »Interessant. Was genau haben Sie gemacht, Miss Woods?«
   »Aufbau von Verwaltungsstrukturen.«
   »Klingt interessant, aber langweilig.«
   »Genauso ist es.«
   »Afrika ist groß. Waren Sie in verschiedenen Ländern?«
   »Nein. Ich habe ausschließlich in Kenia gearbeitet.« Sie zerrte wieder an ihrem Rocksaum, obwohl Tyler beim besten Willen nicht feststellen konnte, dass etwas mit ihren Beinen nicht stimmte.
   »Sind Sie jetzt fertig mit Ihrem Kreuzverhör, Sir?«
   Abrupt hob er den Kopf. »Sicher, Miss Woods. Schließlich sind Sie ja hier, um mich …«
   »Zu begleiten«, unterbrach sie ihn rasch.
   »Genau. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären. Ich würde gern einen einfachen Spaziergang an der frischen Luft machen. Durch den Central Park? Hätten Sie etwas dagegen, mich dabei zu begleiten?«
   »Durchaus nicht. Sie wollen nicht in eine Disco?«
   »Nein.«
   »Hm.« Der Blick, mit dem sie an sich hinuntersah, amüsierte ihn. Er spürte ihr Unbehagen. Für einen normalen Spaziergang war sie nicht richtig angezogen. Selbst schuld, wenn man sich anmaßte, Menschen in bestimmte Schubfächer einzuordnen. Rockstars gehörten eben in laute Discoschuppen. Doch er hatte Erbarmen mit Emma Woods. »Ihre Freundin Faye war es wohl auch, die Sie hinsichtlich Ihrer … Kleiderordnung beraten hat?«
   Sie biss sich auf die Unterlippe.
   »Wenn es Ihnen lieber ist, Emma, ziehen Sie sich doch einfach um. Ich habe keine Eile.«
   Ihr Gesicht hellte sich augenblicklich auf. Abrupt stand sie auf und stapfte zur Tür. Um ein Haar wäre sie gestolpert. Tyler bemerkte, dass ihre Knie kurz wankten.
   »Ich bin gleich wieder da. Es dauert nicht lange.«
   Der dicke Teppich verschluckte das Klackern ihrer Plateausohlen.

*

»Hier wird morgen die Hölle los sein«, sagte Tyler.
   Charly beobachtete, wie die Bühnentechniker letzte Vorbereitungen für das Benefizkonzert trafen. Es wurden Kabeltrommeln geschleppt, riesige Lautsprecherboxen miteinander verbunden und Planen festgezurrt.
   An Tylers Seite betrat sie die Bühne.
   »Hey Ty, du hast es gut. Machst dir einen netten Abend, wie ich sehe.« Ein Mann mit kariertem Arbeitshemd und einem verschwitzten Stirnband deutete grinsend auf Charly.
   »Ich zeige Miss Woods, was alles zu einem solchen Konzert dazugehört.« Tyler wandte sich an Charly. »Emma, darf ich vorstellen? Jason Leary, der beste Toningenieur, den ich je hatte.«
   »Übertreib nicht, Ty!« Grinsend tippte sich Jason an die Stirn und stapfte davon.
   »Müssen Sie sich nicht auf so ein Konzert vorbereiten?«
   »Doch, natürlich. Ich war heute Morgen bereits zur Probe.«
   »Aha.«
   »Wenn Sie wollen, ich habe noch eine Freikarte für das Konzert.«
   »Vielen Dank, aber …«
   »Stimmt, Sie mögen ja keine Rockmusik.«
   »Oh, ich wollte Sie keineswegs beleidigen«, sagte Charlotte rasch, als sie seinen zerknirschten Gesichtsausdruck bemerkte. »Es hat nichts mit Ihnen zu tun. Ich bin einfach nur mit viel klassischer Musik aufgewachsen. Meine Erziehung …« Selbst in ihren Ohren hörte sich das total versnobt an und so sprach sie den Satz nicht zu Ende.
   O’Brian sah sie durchdringend an und wieder musste Charlotte feststellen, dass sie noch niemals traurigere Augen gesehen hatte. Sie verspürte den irrationalen Drang, ihn zu trösten.
   »Es wird viel Prominenz da sein. Natürlich auch die Stars, die als meine Gäste morgen auftreten werden. Bryan Adams zum Beispiel, Bono mit U2, Tom Jones, Anni Lennox …«
   Charly versuchte, einen höflichen Gesichtsausdruck zu bewahren, denn keiner dieser Namen sagte ihr etwas.
   »Meat Loaf, George Michael, Christina Aguilera …«
   Charly erkannte, wie bestürzt er war. »Es ist nicht so, dass ich keinen einzigen Rockstar kenne. Nein, wirklich.« Sie durchforstete ihr Gehirn nach einem passenden Namen.
   »Tatsächlich? Nennen Sie mir auf Anhieb drei!«, forderte er sie heraus.
   »Äh … da wäre … Madonna. Die kenne ich und die Beatles, ja, und die Rolling Stones … natürlich.«
   »Natürlich.« Amüsiert sah er sie an.
   Er besaß die Frechheit, sich über sie lustig zu machen. Dieser … dieser hergelaufene Rock ’n ’ Roll-Rebell. »An klassischer Musik gibt es ja wohl nichts auszusetzen.« »Absolut nicht.« O’Brian grinste immer noch.
   »Ich wette, Sie wissen nicht, aus welchem Stück der Gefangenenchor stammt. Wenn Sie überhaupt je davon gehört haben.«
   »Sie meinen das Stück aus Nabucco von Giuseppe Verdi?« O’Brians unverschämtes Lächeln wurde noch breiter.
   »Jede Wette, der löst Kreuzworträtsel«, murmelte sie vor sich hin.
   »Wie bitte?«
   »Nichts.« Charlotte zog ein argloses Gesicht. »Wem kommt eigentlich der Erlös des Benefizkonzerts zugute?«
   »Verschiedenen sozialen Einrichtungen, einigen Stiftungen. Mein Manager weiß darüber mehr als ich.«

*

Das war eine glatte Lüge, und sie kam ihm ohne Skrupel über die Lippen. Tyler wusste über den Verbleib jedes einzelnen Pennys bestens Bescheid. Er hatte diese Stiftungen gegründet. Allerdings gehörte das zu seinen Geheimnissen. Er war nicht der Typ, der sich mit solchen Hilfsprogrammen brüstete.
   Nach einem langen, aber kurzweiligen Spaziergang, saßen sie sich in einem Bistro gegenüber. Eher unfreiwillig, denn hierher hatte es sie auf der Flucht vor einem Paparazzo verschlagen.
   Tylers Handy klingelte und er lächelte Emma entschuldigend an.
   »T. J., wo bist du?«
   Das Blut stockte ihm in den Adern. Es war die hohe Stimme eines ängstlichen Kindes.
   »Geh nicht weg, T. J.! Hilf mir! Lass mich nicht allein!«
   Es gab nur zwei Menschen auf der Welt, die ihn je T. J. genannt hatten. Der eine war seine Mutter und sie lebte nicht mehr. Der andere war sein kleiner Bruder. Auch er war fort. Über seinen Verbleib wusste Tyler so gut wie nichts. Aber, diese Stimme … Er hätte schwören können, dass es sich um die Stimme seines Bruders handelte, doch der war längst erwachsen.
   Tyler fühlte sich in die späteren Jahre seiner Kindheit zurückversetzt. Sein schlimmster Albtraum war die Vergangenheit. Die Erinnerung überwältigte ihn und hielt ihn gefangen. Angst kroch in ihm hoch wie eine Schlange, die sich langsam um einen Ast wand.
   Er hatte geglaubt, er wäre darüber hinweg.
   Die Träume hatten vor Jahren aufgehört. Er hatte es sogar geschafft, die schrecklichen Bilder in einen Winkel seines Gehirns zu drängen, den nicht einmal er selbst kannte. Und plötzlich war da wieder die Stimme seines Bruders, die ihn anflehte, ihm zu helfen.
   Seine Hände wurden feucht, das Lächeln auf seinem Gesicht war längst eingefroren. Aus seinem Handy klang ein Signalton, der das Ende des Gesprächs anzeigte. Langsam ließ Tyler den Arm sinken.
   »Ist etwas passiert?«, flüsterte Emma verunsichert.
   Ihre Stimme holte ihn zurück aus einer fremden Welt, weit fort von hier. Sein Blick klärte sich. »Nein, alles okay«, presste er durch seine viel zu enge Kehle. »Möchten Sie einen Cappuccino, Miss Woods?« Tyler hatte sich fast wieder im Griff.

*

»Nein danke, ich trinke keinen Kaffee.«
   Tyler nickte. »Keinen Kaffee, keine Rockmusik, ganz solide. Ich könnte weder ohne das eine noch ohne das andere über den Tag kommen. Wie schaffen Sie das nur?«
   Er gab ihr das Gefühl, eine biedere Gouvernante zu sein. »Ich nehme eins dieser fruchtig bunten Mixgetränke. Die schmecken herrlich tropisch, wie frisch gepresster Saft. Möchten Sie nicht auch einen probieren?«
   »Danke, ich trinke keinen Alkohol.«
   Oh – jetzt klang er aber spießig. »Ein Rockstar und kein noch so klitzekleines Alkoholexzesschen? Ich dachte immer, das gehört dazu.«
   »So kann man sich irren, Miss Woods. Ich habe morgen einen harten Tag vor mir.«
   »Meinen Sie etwa das neunzigminütige Konzert am Abend?« Charlotte war ehrlich verblüfft. »Da müssen Sie erst mal sechzig bis siebzig Patienten an einem Tag durchziehen, dann wissen Sie, was harte Arbeit ist.«
   Ein halbes Dutzend kleiner, gegenseitiger Spitzen später zahlte O’Brian die astronomisch hohe Rechnung, ohne mit der Wimper zu zucken. Teurer Spaß, so ein paar Drinks.
   Beim Hinausgehen hielt er ihr die Tür auf.
   Charly atmete tief durch. Die frische Abendluft war nur in den ersten Momenten angenehm. Plötzlich hatte sie einige Mühe mit dem Laufen. Ihr Magen rebellierte. Statt der Drinks hätte sie wohl eher etwas essen sollen.
   Tyler umfasste ihre Taille, rief ein Taxi und half ihr auf den Rücksitz.
   »Sind Sie sicher, Sir, dass die Lady alles bei sich behält?«, fragte der Fahrer. »Hab gestern erst die Bezüge reinigen lassen. Das kann Sie teuer zu stehen kommen.«
   »Hoffen wir das Beste«, erwiderte O’Brian.
   Charlotte lehnte den Kopf an die Stütze zurück und versuchte, ihren Schwindel in den Griff zu bekommen. Blamiert hatte sie sich ohnehin genug, es fehlte gerade noch, dass sie der Befürchtung des Fahrers nachkam.
   »Wohnen Sie in den Räumen ihrer Freundin, Emma?«, wollte Tyler wissen, als sie die Lobby des Plaza betraten. Zum Glück hatte sich ihr Magen beruhigt und sie schaffte es, einen Fuß vor den anderen zu setzen, ohne zu schwanken.
   »Ja.«
   »In welcher Etage? Ich setze Sie dort ab.«
   »Danke, aber das müssen Sie wirklich nicht«, sagte sie.
   »Seien Sie nicht albern.«
   »Nein, nein. Machen Sie sich keine Umstände.«
   Es herrschte noch ziemlicher Betrieb im Hotel. Nun ja, es war schließlich Freitagabend.
   Charlotte spürte, wie sich die Blicke der anderen Gäste auf O’Brian und sie richteten. Er zog sie kurzerhand in den Lift, gerade rechtzeitig, bevor jemand auf den Auslöser seiner Digitalkamera drücken konnte. Sie konnte sich gut vorstellen, wie lästig das für ihn sein musste. Auch ihre Mutter und Maxwell waren als schillerndes Diplomatenpaar oft dem Blitzlichtgewitter ausgesetzt gewesen. Allerdings hatte Celina es genossen.
   »Ein Königreich für ein Glas Wasser.«
   O’Brian schmunzelte. Dieses feine Lächeln stand ihm gut und vertrieb sogar für einen Atemzug seinen traurigen Gesichtsausdruck. Seine dunklen, braunen Augen bargen eine Verletzlichkeit in sich, als hätten sie bereits das Schlimmste gesehen. Sie passten nicht zu seinem Jungengesicht.
   »Welche Etage?«, fragte er.
   »Eigentlich ist es meine Aufgabe, Sie zu begleiten, schon vergessen?«
   »Stimmt, Sie sind die VIP-Betreuerin des Plaza.«
   »Ganz genau, und ich habe eine klar formulierte Aufgabe erhalten. Wenn Sie also nichts dagegen haben, bringe ich Sie zu Ihrer Suite.«
   Er schien sich immerhin zu amüsieren und drückte, statt zu antworten, auf den Etagenknopf. Kaum hatten sie den Lift verlassen, klickte bereits wieder eine Kamera.
   Blitzschnell öffnete er mit dem Plastikchip seine Tür und zog sie mit hinein. »Verzeihen Sie, aber …«
   »Schon gut. Diese Fotojäger würden mir auch auf den Zeiger gehen.«
   »Wenn Sie schon mal als VIP-Betreuerin fungieren, darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«
   Sie war wirklich fast am Verdursten und nickte dankbar. »Unter einer Bedingung.«
   »Oho. Die da wäre?«, fragte er.
   »Ich übernehme die Aufgabe der Gastgeberin, gehört ja gewissermaßen zu meinem Job.«
   »Bitte sehr.« Er wies auf die Minibar.
   »Was darf ich Ihnen bringen?«
   »Auch ein Wasser, bitte.«
   Charlotte kam ins Stolpern und verschüttete den Inhalt des Glases über sein Hemd. Mit Fayes hohen Absätzen kam sie einfach nicht klar. »Verzeihen Sie!«
   »Kein Problem.« Tyler zerrte sein Hemd aus dem Hosenbund und zog es aus. Quer über der Brust prangte sein Tattoo.
   »Sie sollten sich für die Wahl des neuen Coca-Cola-Mannes zur Verfügung stellen.«
   »Aha, Werbespots gibt es also auch in Kenia.«
   »Wenn Sie so singen, wie Sie aussehen, O’Brian, kriegen die Leute was Ordentliches für ihr Geld.«
   »Vielen Dank, Miss Woods.«
   Für einen Moment stand Tyler ihr dicht gegenüber. Er sah aus, als wollte er sie küssen. Oder bildete sie sich das nur ein? Sie richtete ihren Blick auf seinen Mund. Für den Bruchteil einer Sekunde bedauerte sie, dass dem offensichtlich nicht so war. Sie räusperte sich. »Keine Ursache.«

*

Ihr Grapefruitduft stieg verlockend in seine Nase. Ob sie wohl so schmeckte, wie sie roch? Er ertappte sich bei dem Gedanken, sachte seine Lippen auf ihren Mund zu legen, aber natürlich tat er nichts dergleichen.
   »Danke für den schönen Abend«, sagte er leise.
   Ihr Blick huschte wie der eines verschüchterten Rehs über sein Gesicht. Sie senkte den Kopf. »Es tut mir leid wegen …«
   »Schscht, schon gut.« Er legte einen Finger an ihr Kinn und hob es an, bis sich ihre Blicke begegneten. Er schluckte. Um ein Haar hätte er alles andere vergessen, nur um von diesen weichen Lippen zu kosten, doch in den prickelnden Vorgeschmack mischte sich ein bitteres Aroma. Der Anruf saß ihm wie ein Stachel im Fleisch. »Wir sehen uns morgen und ich freue mich darauf, okay?«
   Sie nickte. »Danke«, flüsterte sie und verließ die Suite.
   Noch einige Sekunden blickte er auf die geschlossene Zimmertür.

Tyler trat nackt aus dem Bad und löschte das Licht im Schlafzimmer. Im Dunkeln tastete er nach seinen Shorts, streifte sie über und schob sich zwischen die Decken.
   Die Träume waren zurückgekehrt und mit ihnen das Grauen.

Eine kleine Gestalt schlüpfte in sein Bett. »T. J., er tut Mommy weh. Ich habe Angst.«
   Verschlafen richtete sich Tyler auf und hörte das leise Wimmern seiner Mutter. »Dieses Schwein!« Er sprang auf.
   Rodney verkroch sich tiefer in die Kissen.
   Tyler riss die Tür zur Küche auf. Seine Mutter stand vor der Spüle und ließ Wasser auf einen Lappen laufen. Anschließend presste sie ihn sich gegen das Gesicht. Die linke Schläfe begann bereits, anzuschwellen.
   Zwei starke Arme packten Tyler von hinten, umklammerten ihn, und ehe er sich versah, krachte er gegen die Wand.
   Seine Nase blutete und jemand zerrte seine Pyjamahose hinunter. Dann spürte er einen bohrenden, abscheulichen Schmerz und schrie.

Tyler erwachte schweißgebadet. Sein Atem ging stoßweise, beruhigte sich aber langsam wieder. Er knipste die Nachttischlampe an, stützte das Gesicht in seine Hände und holte tief Luft. Die Leuchtziffern auf dem Wecker sagten ihm, dass es drei Uhr morgens war.
   Er vermisste Emma.

2. Kapitel

Das Ortsschild von St. Elwine huschte vorüber. Charlotte war endlich am Ziel ihrer langen Reise. Die kleine Stadt hieß sie willkommen. Alles schien noch genauso auszusehen wie in ihrer Erinnerung und doch war es anders.
   Während der Busfahrt war Charlys innere Anspannung stetig gewachsen. Zwischen ihren Schulterblättern ballten sich die Muskeln und Sehnen zu einem Knoten. Dafür lag wenigstens die Episode mit Tyler O’Brian hinter ihr. Noch immer war ihr der Abend peinlich, doch zum Glück würde sie diesen Mann nie wiedersehen. Weiß der Teufel – sie wusste nicht, warum sie ihm ihren richtigen Namen nicht hatte sagen wollen.
   Das Gespräch mit Faye, als Charly – noch immer leicht beschwipst – die Suite betreten hatte, ging ihr durch den Kopf.
    »Wo warst du nur so lange? Ich habe mir bereits Sorgen gemacht.«
    Charlotte blieb halbwegs bei der Wahrheit.

Am nächsten Tag hatte Faye in ihrem Fach eine Mitteilung gefunden, dass Mr. O’Brian keine Betreuerin mehr für den Rest seines Aufenthaltes benötige, weil er die Stadt in Kürze verlassen werde.
   Diese Tatsache hätte Charly zutiefst beunruhigt, wenn da nicht neben der Notiz noch Tickets für das Benefizkonzert am Abend gesteckt hätten. Faye war ganz aus dem Häuschen und Charly tat ihr den Gefallen, sie zu begleiten. Obwohl sie sich anfangs sträubte, musste sich Charlotte widerwillig eingestehen, dass ihr das Konzert gefiel. Weil sie keine Rockmusik mochte, hatte sie mehr auf andere Dinge geachtet. Ihr gefielen beispielsweise die Wahl der Gaststars und das Konzept der Show. Alles schien gut durchdacht und die Liveatmosphäre tat ihr Übriges, um die Zuhörer zu wahren Begeisterungsstürmen hinzureißen.
   Und dann kam er.
   Seine Band begann langsam und eindringlich. Sie spielten mit Gitarren und einer Mundharmonika. Tyler zog das Publikum in seinen Bann. Selbst Charly hatte sich dem nicht entziehen können. Als er leise zu singen begann, schien seine Stimme sie zu liebkosen.
   Liebe hätte sie vielleicht retten können. Ich sah schon lange die Schatten, schon, als sie noch lächeln konnte. Sie war nicht stark genug für diese Welt. Doch Liebe hätte sie vielleicht retten können.
   Bei seinen Worten lief ihr ein Schauder über den Rücken, Schwermut erfasste sie. Nur mit Mühe gelang es ihr, die Gefühle in den Griff zu bekommen, und das allein deshalb, weil sie sich auf das Zupfen der Gitarrensaiten und die eindringlichen, gospelartigen Soul-Stimmen der Chorsängerinnen im Hintergrund konzentrierte. Dann war ein gefühlvolles Schallala gefolgt, das sich wie der Hauch einer Berührung über sie gelegt hatte.
   Mit dem Song Desire war es rockig geworden auf der Bühne. Charly kam es fast so vor, als würde er nur für sie singen. Was natürlich völliger Blödsinn war, denn Faye und die anderen nahmen ebenfalls für sich in Anspruch, dass er allein sie meinen könnte.

Der Bus stoppte. Charly erhob sich und stieg aus.
   Mühelos fand sie das Haus ihres Großvaters. An der Pforte prangte noch immer das Schild Dr. Johann Svenson – Zahnarzt. Es folgten die Sprechzeiten und der Hinweis Auf Wunsch auch nach Vereinbarung. Das Schild war bereits ein bisschen verwittert.
   Charlotte ging die Auffahrt entlang. Hinter dem Fenster machte sie eine Bewegung aus und blieb zögernd stehen. Die Tür wurde aufgerissen und dann stand er da und lächelte sie an.
   Sie flog in seine Arme, als wäre sie wieder ein kleines Mädchen.
   Grandpa drückte sie fest an sich, während Tränen über seine Wangen liefen. »Du bist wirklich und wahrhaftig gekommen, mein Kind. Ich kann es kaum glauben. All die langen Jahre, in denen ich mich Tag für Tag gefragt habe, wie es dir wohl geht. Lass dich anschauen, Charly!« Er hielt sie auf Armeslänge von sich, strich durch ihr Haar, fuhr mit einem Finger sachte über ihre Wange. »Du hast keine Stupsnase mehr.«
   Sie lächelte. »Zum Glück. Ich bin mittlerweile sechsunddreißig. Wie würde ich wohl damit aussehen?«
   »Du siehst zauberhaft aus. Viel hübscher, als ich es mir immer vorgestellt habe. Aber ich sage dir, du siehst keinen Tag älter aus als zwanzig.«
   »Du bist noch immer ein Schmeichler, Grandpa.«
   Eine kräftige Frau mit einer Schürze um den Bauch trat zu ihnen. Sie wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. »Jetzt lassen Sie das Kind doch nicht vor der Tür stehen, Dr. Svenson! Kommen Sie rein, meine Liebe! Hier ist es kühler. Ich habe bereits Zitronenlimonade gemacht, oder ist Ihnen Eistee lieber?« Eilfertig wies sie in das Innere des Hauses. »Sie möchten sich sicher frisch machen und ein wenig ausruhen. Ich habe Ihr altes Zimmer hergerichtet.« Sie wischte sich ihre Rechte an der Schürze ab. »Ach, wie unhöflich von mir. Bertha Chappell.«
   »Die Bertha, die die besten Schokoladenplätzchen in ganz St. Elwine gemacht hat? Und außerdem noch in Grandpas Praxis assistierte? Die den Patienten tröstend die Hand hielt oder resolut mit der Zahnbürste wedelte?« Charlotte erinnerte sich lebhaft.
   »Oh, Dr. Svenson, sie weiß es noch.« Gerührt zog die ältere Frau ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich.
   »Natürlich, wie könnte ich mich nicht an dich erinnern.«
   Bertha zog sie in ihre Arme. »Ach, Charly, mein Kind. Wie schön, dass du wieder da bist. Du weißt gar nicht, wie glücklich du deinen Großvater machst. Wirst du bleiben und seine Praxis übernehmen? Wirst du hierbleiben, Charly?«
   »Bertha! Warum müssen Sie immer gleich mit der Tür ins Haus fallen?«
   »Papperlapapp! Sie reden doch seit Wochen von nichts anderem. Bertha, was glauben Sie, wird meine Charly bei mir bleiben? Wird Sie hier leben und arbeiten wollen? Was denken Sie? Und jetzt darf ich mal wieder meine Meinung für mich behalten, wie?«
   Charlotte lachte und hakte sich bei beiden unter. »Ich bin hergekommen, um mich in St. Elwine niederzulassen und die Praxis zu übernehmen. Hier ist mein Zuhause – ist es immer gewesen.« Jetzt, wo sie die Worte ausgesprochen hatte, begriff sie erst, dass sie der Wahrheit entsprachen. Charly schmiegte sich an Grandpa. »Celina wollte dich mir wegnehmen. Aber sie hat es nie geschafft, nie.«
   »Ich weiß, mein Herz.«

Charly erwachte schon früh am Morgen. Sie lag in ihrem alten Zimmer in der oberen Etage. Es sah noch fast genauso aus wie damals. Zarte, pastellfarbene Tapete mit einer Bordüre aus Früchten, luftige Gardinen, ebenfalls mit kleinen Obstmotiven. Bis auf eine große Stoffpuppe, die damals ihre Lieblingspuppe gewesen war, war das Spielzeug fortgeräumt worden. Die Puppe hieß Mopsi, wie sich Charly erinnerte. Sie trug ein hübsches blaues Kleid mit einer Schürze, auf die Grandma ein Mädchen und einen Jungen sowie einen Apfelbaum mit großen roten Äpfeln aufgenäht hatte. Mopsis langes helles Wollhaar steckte unter einem hübschen, breitkrempigen Hut, dessen vorderer Teil hochgesteckt war. An diesem Krempenstück prangten ebenfalls Äpfel, Birnen, Kirschen und Erdbeeren, die ihre Großmutter aus Stoff gefertigt hatte. Über der Puppe hing ein kleiner Wandquilt mit den gleichen Applikationen wie auf der Schürze. Mopsi and her Quilt hatte Großmutter ihre Kreation genannt. Charly strich liebevoll darüber.
   Sie tappte ins angrenzende, kleine Bad. Es war ebenfalls in Gelb gehalten und typisch schwedisch, mit weißen Holzschränkchen, eingerichtet. Auf dem Waschtisch stand ein Glasteller mit Seifenstückchen, die wie ein Obstsalat mit winzigen Sonnenblumen arrangiert waren. Charlotte hegte von klein auf eine Vorliebe für Obst-, Gemüse- oder Blumenmotive. Ihre Großeltern hatten diese Macke geteilt, wenn nicht erst ausgelöst.
   Charly stellte sich unter die Dusche und nahm eine Handvoll Showergel mit Erdbeerduft.
   Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Bertha und Grandpa sah sie sich in Ruhe das ganze Haus an. Im oberen Stockwerk befanden sich neben ihrem Zimmer noch die Räume, die früher ihren Eltern gehört hatten. Bertha bewohnte sie schon seit Jahren. An Charlys Zimmer grenzten zwei weitere, die früher als zusätzliche Kinderzimmer vorgesehen waren, aber sie war ein Einzelkind geblieben. So hatte ihre Großmutter die Räume zum Nähen und Lagern ihrer zahlreichen Stoffe genutzt.
   Die Möbel waren mit Laken abgedeckt.
   Charly würde Grandpa fragen, ob sie diese Räume mitbenutzen dürfte.
   In der unteren Etage befanden sich auf der einen Seite die große Küche und die Räume ihres Großvaters, auf der anderen Seite die Praxis. Der Haupteingang zum Haus führte über eine kleine Treppe, ein Seiteneingang zur Praxis.
   Die hintere Hausfront war mit einer offenen Veranda versehen, auf der gemütliche Holzsessel zum Verweilen einluden. Die Polster und Kissen hatte noch Grandma genäht, in fröhlichen blaugelben Stoffen. Im Garten duftete es nach Blumen. Charly erinnerte sich an die zahlreichen Rosenstöcke. Grandpa war leidenschaftlicher Hobbygärtner. Der Garten war noch genauso zauberhaft wie in ihren Erinnerungen, nur dass sie ihn jetzt nicht mehr als selbstverständlich ansah. Da blühten Lavendel, Rittersporn, Gladiolen, Margeriten. Im Spätsommer würden Sonnenblumen, Dahlien und noch mehr Rosen aufblühen.
   Charlotte ging den schmalen, gewundenen Pfad entlang, den sie als kleines Mädchen unzählige Male passiert hatte. Da stand der hölzerne Pavillon, in dessen Innerem sie oft mit ihren Puppen gespielt hatte. Sie hatte dort Teepartys mit ihren Cousinen Angelina und Victoria veranstaltet. Ob die beiden noch immer in St. Elwine lebten? Charlotte würde sie liebend gern wiedersehen.
   Sie sah Angie und Vicky vor sich, wie sie eines Tages mit ihren Eltern und ihrem neugeborenen Brüderchen zu Besuch gekommen waren. Abwechselnd durften sie ihn im Kinderwagen durch den Garten schieben. Vicky war erst drei und noch ein bisschen zu klein, um mit dem Wagen zurechtzukommen. Angie und Charly jedoch fühlten sich mit ihren fünf Jahren ungeheuer erwachsen und unterhielten sich kichernd über das wunderschöne Baby. Sie überlegte, doch der Name ihres kleinen Cousins wollte ihr nicht einfallen.
   Sie stand vor dem kleinen, in strahlendem Gelb gestrichenen Holzhaus, das ihr Großvater stets liebevoll das Schwedenhäuschen nannte. Er hatte es nach seinen Vorstellungen bauen lassen. An einer kleinen Fahnenstange hing ein Flaggenwimpel seiner Heimat in leuchtendem Blaugelb. Fenster und Türen waren weiß abgesetzt.
   Johann Svenson stammte aus Schweden und war als junger Mann Grandma in ihre Heimat gefolgt, die ihre Sommerferien als Achtzehnjährige in Schweden verbracht hatte. Auch wenn das Heimweh ihn hin und wieder plagte, hatte Grandpa diesen Schritt nie bereut.
   Eine Holztreppe führte zu einer Veranda, auf der ein Schaukelstuhl stand. Das Häuschen diente als Gästehaus. Es beherbergte zwei kleine Schlafzimmer, eine Wohnküche und ein Badezimmer. Charly wandte sich ab, als sie bemerkte, dass die Tür verschlossen war.
   Der Wind frischte auf und trug deutlich die Meeresluft mit sich.
   Charly ging zurück zum Wohnhaus. Die Tür, die zur Praxis führte, war ebenfalls verschlossen. Man kam allerdings auch von der Diele aus in die Praxisräume.
   »Charly, dein Großvater ist auf dem Markt. Wenn du irgendetwas brauchst, sagst du mir Bescheid, nicht wahr?«, rief Bertha aus der Küche.
   »Danke, ich komme schon klar. Ich würde mir gern die Praxisräume ansehen.«
   »Nur zu! Ich halte alles noch sauber. Hin und wieder kommen Freunde des Doktors, um sich einen letzten, alten Backenzahn von ihm ziehen zu lassen. Er hat stets noch ein paar Lidocain-Ampullen vorrätig und steril eingeschweißte Instrumente. Manchmal beseitigt er auch störende Prothesenränder oder so etwas in der Art.«
   »Er hat sich mit dem Rentnerdasein wohl nie ganz abfinden können.« Charly lächelte.
   Bertha stand mit in die Hüften gestemmten Händen im Türrahmen und sah zu ihr herüber. »Du kennst deinen Großvater gut, mein Kind.«
   Charly betrat das Allerheiligste des Johann Svenson. Als Kind hatten die Praxisräume mit den dunklen Holzvertäfelungen und den schweren Eichenmöbeln im Wartezimmer sie stets eingeschüchtert.
   »Gütiger Himmel.« Sie lief von einem Raum in den anderen. Zur Praxis gehörten zwei Sprechzimmer, ein Warteraum, ein Büro, ein Personalraum sowie eine große Abstellkammer. Die beklemmende Atmosphäre ließ sich Charly fast wie in einer alten Folterkammer vorkommen. Selbst ihr Dent-Mobil, in dem sie ihre Sprechstunde in Afrika abgehalten hatte, war moderner eingerichtet gewesen.
   Dass es hier, wie auch in Kenia, keinen PC, sondern Karteikarten gab, war klar. Aber die zahnärztlichen Arbeitseinheiten ihres Großvaters verfügten noch über ein Doriotgestänge, einen über eine Schnur angetriebenen Bohrer. Sie kannte solche Dinger nur aus dem Museum. Der Patientenstuhl mit seinen bizarren, runden Polstern für den Kopf sah ebenfalls Furcht einflößend aus.
   Bertha war ihr in die Praxis gefolgt. »Tja, dein Großvater ist kein Freund von Veränderungen oder Neuerungen, selbst wenn sie eine große Arbeitserleichterung gebracht hätten.«
   Charly strich im Vorbeigehen langsam über einen Stapel Zeitschriften auf dem Schreibtisch im Büro.
   »Er hat sie mir zuliebe abonniert und liest die medizinischen Artikel, lässt aber keinen Zweifel daran, dass er alles für neumodischen Schnickschnack hält.«
   Charlotte lachte. »Nun, er ist seit fast zwanzig Jahren pensioniert. Überleg dir nur mal, wann er diese Praxis eingerichtet hat: gleich, nachdem er Grandma geheiratet hat und die beiden in dieses Haus eingezogen sind.«
   »Und seitdem ist alles in seinem Urzustand. Er wollte nichts davon hören, einen Haufen Geld für neue Technik auszugeben, weil angeblich zu viel kaputtgehen könnte. Bis auf das Folienschweißgerät, da konnte ich mich durchsetzen.« Bertha schüttelte den Kopf.
   »Und das hat funktioniert?«
   »Du glaubst nicht, wie wütend ich an diesem Tag war.« Bertha setzte ihren Jeder-hört-auf-mein-Kommando-Blick auf. »Ich nehme an, du willst alles von Grund auf ändern.«
   Charlotte nickte. »Ich werde diese Folterkammer in eine freundliche, helle Zahnarztpraxis umwandeln. Mein Arbeitsstart schiebt sich damit länger hinaus, als ich dachte. Aber ich habe keine Eile. Ich möchte diese Praxis nach meinen Vorstellungen führen.«
   »Kindchen, du wirst deinen Großvater schon überzeugen. Du ganz sicher.« Bertha kicherte.
   »Ich liebe Herausforderungen, habe ich das schon erwähnt?«
   »Nicht direkt. Aber ich dachte es mir. Komm, lass uns eine Erfrischung zu uns nehmen. Wie wäre es mit Obstsalat? Erzähl mir von Afrika, von deiner Arbeit! Wie hat dein Tag ausgesehen?«

*

Die vergangenen beiden Wochen waren wie im Flug vergangen. Charly saß endlose Stunden im Praxisbüro und stellte Listen auf, um sich einen Überblick darüber zu verschaffen, was sie alles bedenken musste. Sie hatte es tatsächlich geschafft, Grandpa seine Einwilligung zum Umbau abzuringen, wenn auch brummelnd. Sie lächelte. Seinen abschließend gemurmelten Kommentar hatte sie genau gehört. »Es ist aber noch alles in gutem Zustand und voll funktionstüchtig.«
   Sie widmete sich wieder ihren Listen.
   Fachzeitschriften bestellen, Auswahl Praxissoftware, Praxiseinrichtung, Kostenvoranschläge. Bauliche Veränderungen. Wenn sie das Lager durch eine Wand teilten, würde ein kleiner Röntgenraum entstehen. Die Grundausstattung der Instrumente musste überprüft werden, die Finanzen waren abzuklären – fast das Wichtigste.
   Ihre Erbschaft würde nicht unbeträchtlich sein und Charly hatte selbst einiges gespart. In Kenia hatte sie nur wenig gebraucht. Trotzdem würde ein Kredit unumgänglich sein. Ferner brauchte sie einen Steuerberater und einen Anwalt für die juristischen Fragen hinsichtlich ihrer Niederlassung.
   Charly richtete sich auf und streckte den Rücken durch. Es war Zeit, aufzubrechen. Sie würde einfach ihre Tante darauf ansprechen, die Charly zum Kaffeetrinken eingeladen hatte. Den Tanners gehörte nahezu die Hälfte der Stadt und ihr Unternehmen war das Größte in der Umgebung.
   Mit dem kleinen Gebrauchtwagen, den sie sich vor zwei Tagen zugelegt hatte, fuhr sie hinaus nach Tanner House. Dank Berthas gezielter Beschreibung fand sie das Anwesen mühelos und stoppte vor dem großen, schmiedeeisernen Tor, in dessen Mitte das Familienwappen eingearbeitet war.
   Ihre Mutter war stets neidisch gewesen, dass ihre Schwester Olivia durch die Heirat mit Peter Tanner zu Reichtum gelangt war. Schließlich brach sie mit allen gesellschaftlichen Schranken, verließ ihren jungen Ehemann Nathan Svenson und brannte mit Maxwell Sinclair durch. Ein Diplomat, dem sie ausgerechnet bei einem Ball auf Tanner House begegnet war. Sie hatte Charly ihrem Vater, ihren Großeltern und der gesamten übrigen Familie einfach entrissen und den Kontakt rigoros abgebrochen. Charlotte seufzte leise, sie wollte jetzt nicht in Trübsal versinken.
   Sie rief ihren Namen in die Sprechanlage und wie durch Zauberhand öffnete sich das Tor.
   Die Auffahrt wand sich lang hin und war gesäumt von großen, alten Platanen.
   Bereits aus einiger Entfernung leuchteten Charly die roten Dachziegel entgegen. Das Haus hatte etwas von einem Dornröschenschloss. Sie fuhr vorbei an wunderschönen Blumenbeeten mit Staudenpflanzen in allen erdenklichen Farben. Schließlich lenkte sie ihren Toyota auf einen Parkplatz. Das Hauptportal öffnete sich, noch während Charly über den knirschenden Kies zum Haus schritt.
   »Ich freue mich, dass du die Einladung angenommen hast, liebe Charly.« Olivia breitete die Arme aus.
   Charlotte betrachtete die schlanke Figur ihrer Tante. Groß und dunkelhaarig wirkte sie in ihrem leichten, schlichten Kleid äußerst elegant. Olivia erkannte sie auf Anhieb wieder, trotz der vielen vergangenen Jahre und der verwaschenen Kindheitserinnerung.
   »Tante Olivia, danke für deine Einladung.« Charlotte überreichte ihr einen Strauß Rosen, den Grandpa eigens zusammengestellt hatte.
   Neben Olivia kam sich Charly underdressed vor. Sie trug ebenfalls ein einfaches, in blassem Orange gehaltenes Kleid. Sie hatte es selten getragen und nun musste sie feststellen, dass es dank ihrer Oberweite etwas zu eng anlag. Im Gegensatz zu der makellosen Frisur ihrer Tante, bei der jedes Härchen seinen perfekten Sitz hatte, trug Charly ihr Haar offen und es fiel ihr bis über die Schultern. In Kenia hatte sie nicht viel auf Äußerlichkeiten gegeben. Das würde sie jetzt ändern müssen, wenn sie in einer Kleinstadt wie dieser eine Praxis eröffnen wollte. Insgeheim fügte sie eine neue Liste zu ihren zahlreichen anderen hinzu: Friseur, Kosmetiksalon, Boutiquen.
   »Komm, lass uns auf die Terrasse gehen. Was möchtest du trinken? Mit dem Kuchen warten wir noch ein bisschen. Als ich Angelina sagte, wer heute mein Gast ist, war sie total aus dem Häuschen. Sie kommt in etwa einer Stunde aus dem Büro. Du erinnerst dich sicher noch an deine Cousine?«
   »Aber ja. Ich habe kaum etwas vergessen von damals.«
   »Ich habe dir noch gar nicht gesagt, wie leid es mir tut, dass deine Mutter gestorben ist.« Olivia nahm ihre Hand.
   »Und du hast deine Schwester verloren. Aber vielleicht weißt du nicht, dass Mutter und ich nie gut miteinander auskamen. Versteh mich bitte nicht falsch. Es tut mir leid, dass sie so jung sterben musste. Sie war voller Lebenslust. Aber ich habe sie bereits vor langer Zeit verloren.«
   »Ich weiß genau, was du meinst.« Olivia sah ihr in die Augen. »Mir geht es genauso. Es schmerzt, wenn ich daran denke, was hätte sein können. Celina war so ganz anders als ich, verstanden habe ich sie nie. Ich hoffe, dass wir beide Freundschaft schließen können. Dein Großvater ist überglücklich, dass du zu ihm zurückgekehrt bist.«
   »Ich weiß. Ich bin es auch.«
   »Grandma, ich bin wieder zu Hause.«
   Charly drehte sich zu der hellen Kinderstimme um.
   »Da kommt sie ja, meine kleine Leah.« Olivia breitete die Arme aus. »Meine Enkelin«, fügte sie an Charly gewandt hinzu.
   Leah stürmte über die Terrasse, dahinter folgte ihre Mutter.
   »Angelina!«, rief Charly und sprang auf.
   Sie fielen sich in die Arme und erst nach einer ganzen Weile, als sich Charlys Blick wieder klärte und sie die Tränen fortgewischt hatte, sahen sie sich in die Augen. Sie erkannte die alte Vertrautheit zwischen ihnen, als wären all die vergangenen Jahre wie ausgelöscht.
   »Meine Güte, siehst du gut aus.« Angelina nahm eine Strähne von Charlottes Haar und wickelte sie sich um den Finger. »Echtes blond. Ganz anders als die Mitglieder der Familie Conroy. Du schlägst eindeutig nach den Schweden, wie dein Vater.«
   »Tja, in manchen Familien gibt es das schwarze Schaf und ich bin eben das blonde.«
   Sie lachten und Angelina wies auf ihre Tochter. »Darf ich dir meinen kleinen Wildfang vorstellen?«
   Leah hüpfte um sie beide herum und stürmte in den Garten.
   »Und bald gesellt sich noch ein Geschwisterchen dazu.« Charly nickte in Richtung des vorgewölbten Bauchs ihrer Cousine. »Wie ich sehe, hast du ein ausgefülltes Leben.«
   Angelina prustete. »Wohl wahr. Und was ist mit dir? Kein Mann an deiner Seite?«
   »Im Dschungel hatte ich nicht allzu viele Gelegenheiten. Vielleicht treffe ich meinen Traumprinzen ja hier, wer weiß das schon. Ein möglicher Kandidat ist mir immerhin seit der Landung schon begegnet.« Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung wahr und wandte den Kopf. »Oh! Da kommt der zweite. Ich hätte früher zurückkehren sollen«, flüsterte sie Angelina ins Ohr. »So was läuft in St. Elwine frei herum? Oder ist das eine Fata Morgana?«
   Während der Mann näher kam, starrte Charly ihn unverhohlen an. Seine Kopfhaltung hatte etwas von einem stolzen Indianerhäuptling, seine fließenden Bewegungen glichen einer Raubkatze. Der Mann war fast zwei Meter groß, schätzte sie. Tiefschwarzes Haar umrahmte ein makelloses Gesicht mit einem dunklen Teint. Keine Spur von traurigen Augen wie bei Tyler O’Brian. Ups, was hatte sie da eben gedacht? Sie war doch nicht wirklich im Begriff, O’Brian und seine dunkle Rebellenausstrahlung mit diesem Bild von einem Mann zu vergleichen? Was war nur in sie gefahren? Amerika schien einen schlechten Einfluss auf sie auszuüben.
   »Pech für dich«, flüsterte Angelina. »Der ist seit nahezu zwei Jahren vergeben. Darf ich vorstellen? Mein kleiner Bruder Joshua.«
   Charly brauchte eine Weile, bis sie verstand. Natürlich, Joshua war der Name dieses wunderschönen Babys im Kinderwagen gewesen. Kein Wunder, dass ein solches Prachtexemplar daraus geworden war.
   »Ach, wie schade.«
   Angelina und Tante Olivia lachten.
   »Sei nur nicht geknickt«, gluckste ihre Tante. »Diese Wirkung hat er auf fast alle Frauen, außer auf uns und seine Ehefrau.«
   Er reichte ihr die Hand. »Du musst Charlotte sein, meine verloren geglaubte Cousine. Freut mich, dich kennenzulernen. Ihr scheint euch ja bereits prächtig zu amüsieren.«
   »Hi Joshua.«
   Angelina wies auf die Stühle. »Setzt euch. Soll ich frischen Orangensaft holen?«
   »Sehr gern«, antwortete Charly, trank den letzten Schluck aus ihrem Glas und reichte es Angelina.
   »Wie ich hörte, hast du vor, die Praxis deines Großvaters zu übernehmen. Um ehrlich zu sein, ich habe mir eine Zahnärztin ganz anders vorgestellt.«
   »Oh, wie denn?«
   Sein Blick studierte ihr Gesicht, gerade so lange, um nicht als unhöflich zu gelten. Dann wanderte er tiefer, um schließlich an ihrem Busen hängen zu bleiben, was ihre Tante zu einem leisen Räuspern veranlasste. Joshua störte sich daran keineswegs, sein Mund deutete einen anerkennenden Pfiff an, doch es kam kein Laut über seine Lippen. »Du siehst eher wie ein Model aus, eines, das für Unterwäsche wirbt.« Er lachte leise, um ihr anschließend ein hinreißendes Lächeln zu schenken.
   Charlotte war sich nicht sicher, ob sie sich geschmeichelt fühlen sollte, auch wenn sie meinte, aus seinem Tonfall durchaus Wohlwollen herausgehört zu haben.
   »Krieg dich lieber wieder ein, Tanner!« In der Stimme der Unbekannten schwang ein wenig Schärfe mit.
   Charlottes Kopf fuhr herum. Unbemerkt hatte sich noch jemand zu ihnen auf die Terrasse begeben.
   »Hallo, wir kennen uns noch nicht. Ich bin Elizabeth, Joshuas Frau. Und das hier«, sie küsste die Nasenspitze des kleinen Jungen auf ihrem Arm, »ist Lucas.«
   Charly wand sich auf ihrem Stuhl. Sie sah Elizabeth an, dass es ihr einen Stich versetzt hatte. Ein Hauch von Angst durchzuckte ihren Blick. Sie hatte genau bemerkt, wie ihr Mann auf Charlys Brüste gestarrt hatte. »Charlotte Svenson, die Cousine …«
   »Ich habe schon von Ihnen gehört.« Liz setzte sich zu ihnen.
   Charly war nach St. Elwine zurückgekehrt, um eine Heimat zu finden, nicht, um in ihrer lange entbehrten Familie für Unfrieden zu sorgen. Ihr Blick verharrte auf Liz’ abweisender Miene und sie setzte ein scheues Lächeln auf.
   Elizabeth erwiderte dieses Lächeln, zaghaft zwar, aber immerhin. Das Baby auf ihrem Schoß brach mit seinem fröhlichen Krähen das Eis. Es streckte die Ärmchen nach Joshua aus.
   Lucas sah aus wie sein Daddy, bis auf die Locken in seinem pechschwarzen Haar und die hellen, bernsteinfarbenen Augen, die seine Mama ihm vererbt hatte. Der Kleine strampelte mit seinen pummeligen Beinchen. Ein göttliches Kerlchen, das Charly mit einem ganz und gar unschuldigen Lächeln bedachte.
   Während sie den von Olivia servierten Kuchen aßen, kam Angelina auf ihre vorherige Unterhaltung zurück. »Und verrätst du mir, wer der erste Mann in Amerika war, der dich umgehauen hat?«
   »Hm? Ach so, das war noch in New York«, antwortete Charlotte. »Im Plaza-Hotel. Ich habe dort meine Freundin Faye besucht. Ihrem Onkel gehört das Haus. Nun, jedenfalls bin ich dort Tyler O’Brian begegnet.«
   Angelinas Kuchengabel verharrte mitten in der Luft. »Was?«
   »Unglaublich.« Selbst Elizabeth schenkte ihr jetzt ihre volle Aufmerksamkeit.
   »Seine Musik ist einfach super«, sagte Joshua. »Ich habe vergeblich versucht, Tickets für das Benefizkonzert zu ergattern.«
   »Tatsächlich? Davon weiß ich ja nichts, Tanner.«
   »Sollte auch eine Überraschung werden, Doc. Hat nur leider nicht geklappt.«
   »Ich war auf dem Konzert. Tyler hat mir ein Freiticket geschenkt.«
   Einen Moment lang starrten sie alle verblüfft an.
   »Was musstest du denn dafür anstellen, Cousinchen?«, scherzte Joshua, woraufhin Elizabeth ihm mit dem Ellbogen in die Seite knuffte. Versöhnlich küsste er sie auf die Nasenspitze. Über ihr Gesicht huschte ein Lächeln, Liz’ Augen strahlten ihn an.
   Charly erhaschte eine kleine Ahnung davon, wie sehr sich die beiden liebten.
   Sie begann, diesen Nachmittag zu genießen. Es war heiß, doch bei Weitem nicht so schlimm wie in Afrika. Der Kuchen schmeckte köstlich, sie mochte diese Menschen und offensichtlich freuten sich die anderen, sie bei sich zu haben. In Charlys Innerem löste sich eine Anspannung, von deren Existenz sie bis zum jetzigen Zeitpunkt nichts gewusst hatte. Sie wollte unbedingt mehr über ihre neu gewonnene Familie erfahren.
   Sie wandte sich an Elizabeth. »Dein Mann nannte dich Doc. Bist du Ärztin?«
   »Chirurgin.«
   »Tatsächlich? Kein leichter Job für eine Frau, wenn du mich fragst. Unsere Teams in Kenia haben eng zusammengearbeitet.«
   Liz lächelte zurückhaltend und blies sich eine vorwitzige Locke aus dem Gesicht. »Du hast recht. Aber es ist auf keinen Fall langweilig und man erlebt einiges.« Sie grinste zu Josh, der sofort zu hüsteln begann.
   »Charly«, rief Angelina dazwischen. »Ich muss unbedingt mehr über Tyler O’Brian erfahren.«

*

Durch die Hilfsbereitschaft der Tanners hatte Charlotte jetzt einen Anwalt und auch einen Steuerberater. Joshua hatte ihr zugesichert, den Umbau ihrer Praxisräume zu übernehmen. Nach endlosem Wälzen von Katalogen und Prospekten war es ihr schließlich gelungen, sich für ein Modell ihrer zahnärztlichen Arbeitseinheit zu entscheiden. Mit der Ausstattungsfirma war sie bereits in Kontakt getreten. Vor der Lieferung mussten allerdings neue Wasser- und Stromzuleitungen verlegt werden. Zu diesem Zweck erwartete sie heute eine vor Ort Besichtigung mit Marc Cumberland, Joshuas Freund und Geschäftspartner. Der Projektant war genau der richtige Mann für solche Angelegenheiten, wie ihr Cousin versichert hatte. Er war erst vor zwei Tagen aus seinem Hawaii-Urlaub zurückgekehrt.
   Ein echtes Sportass, hatte Josh erklärt. Hauptsächlich Wassersport. Segeln, Surfen, Wasserski, hin und wieder auch Beachball oder Rollerskating. Jedenfalls verbringt er seine komplette Freizeit mit körperlicher Ertüchtigung.
   Bis zu dem Termin blieben ihr noch ein paar Minuten Zeit. Charlotte überprüfte noch einmal ihre Listen und versuchte, eine erste vorsichtige Hochrechnung anzustellen. Standen die Summen erst fest, würde sie sich mit dem Steuerberater Robert Ganderton treffen. Erst danach konnte sie sich an die Bank wenden. Langsam rauchte ihr der Kopf vor lauter Zahlen.
   Es klingelte an der Haustür und sie stand auf, um zu öffnen.
   Adonis persönlich. Er war nur unwesentlich kleiner als ihr Cousin, jedoch blond.
   Marc Cumberland lächelte sie an. »Hallo Dr. Svenson.« Sein Blick wanderte geübt über sie hinweg und kehrte rasch zu ihrer Oberweite zurück.
   Charly musterte ihrerseits seinen von der Sonne gebräunten, durchtrainierten Körper. Sein Haar war windzerzaust und kringelte sich an den Haarspitzen. Zudem hatte die Sonne für eine natürliche Tönung ganz unterschiedlicher Strähnen gesorgt.
   »Hier muss irgendwo ein Nest sein«, murmelte sie mehr zu sich selbst.
   »Wie bitte?«
   »Oh, nichts.« Sie lächelte. »Kommen Sie rein und folgen Sie mir einfach.«
   Während des Gesprächs versuchte sie, ihm ihre Wünsche begreiflich zu machen und reichte ihm den Prospekt für die Behandlungseinheit.
   Marc sah sich ihre Unterlagen sorgfältig an und hörte ihr aufmerksam zu. Hin und wieder stellte er ihr eine Frage, nickte zu ihren Ausführungen und tippte etwas in seinen Laptop. Zu ihrer Beruhigung machte er tatsächlich einen kompetenten Eindruck. Die Anspannung fiel von ihr ab.

Den Nachmittag nahm sie sich frei. Sie wollte in aller Ruhe durch die Stadt bummeln und bei der Gelegenheit einige Einkäufe tätigen.
   Durch Zufall entdeckte sie ein faszinierendes Geschäft namens Schatztruhe und verbrachte darin geraume Zeit, um zu stöbern. Wie sich herausstellte, war Rachel Ganderton, die Inhaberin, Elizabeth Tanners Freundin.
   Mit vollen Tüten verließ Charlotte den Laden und schlenderte beschwingt weiter. Ein Schaufenster erweckte ihre Aufmerksamkeit. Nora’s Patchworkgeschäft stand in leuchtenden roten Buchstaben darüber.
   Als Charly neugierig eintrat, erklang ein hübscher, altmodischer Türgong. Die reichhaltige Auswahl an bunten Stoffen faszinierte sie. Die Regale waren liebevoll mit hübschem Nähzubehör dekoriert.
   »Guten Tag, was kann ich für Sie tun?« Eine ältere Frau trat auf sie zu.
   »Oh … ich möchte eigentlich gar nichts kaufen«, antwortete Charlotte unbehaglich. »Ich kann keine Handarbeiten, wissen Sie? Aber ich würde es sehr gern lernen. Geben Sie auch Kurse?«
   »Selbstverständlich.« Die Frau lächelte noch immer. »Es gibt hier im Ort auch eine Gruppe von Frauen, die sich einmal im Monat zum Nähen und Quilten treffen. Neulinge sind jederzeit willkommen. Ich nehme an, Sie sind keine Touristin.«
   »Richtig, Charlotte Svenson ist mein Name.« Sie gab der älteren Frau die Hand.
   »Ah, dann sind Sie die Enkelin des alten Doc und der netten Mrs. Svenson. Sie war eine meiner besten Kundinnen.«
   »Das glaube ich gern. Das Nähzimmer meiner Großmutter ist voller Stoffe«, antwortete Charlotte. »Deshalb denke ich, brauche ich zunächst gar nichts zu kaufen.«
   »Überhaupt kein Problem«, sagte die Frau. »Wie haben Sie Zeit? Ich gebe Ihnen gern Unterricht.«
   »Wie viel würde das denn kosten?«, fragte Charly, stets ans Praktische denkend.
   »Wir werden uns schon einigen. Am besten, Sie bringen Ihre Stoffe mit, dann brauche ich kein Material zu berechnen.«
   »Einverstanden.«
3. Kapitel

»Nein, Norman, dieses Mal gebe ich nicht nach. Schlag dir das aus dem Kopf. Vor Wochen schon habe ich dir gesagt, dass ich eine Aus-
   zeit brauche.«
   »Na schön, Tyler. Du hast gewonnen. Darf ich fragen, wo du hinwillst?«
   »In zwei Stunden geht mein Flugzeug nach New York. Ich miete mir einen Wagen und fahre einfach los. Irgendwohin – ohne Ziel.«
   Norman seufzte resigniert. »Es bereitet mir Sorgen, dass du ohne Bodyguards losziehen willst.«
   »Du meinst, deinem besten Pferd im Stall könnte etwas zustoßen und dann würde das erhebliche finanzielle Einbußen für dich mit sich bringen.«
   Normans Blick suchte den seinen. Hinter den Brillengläsern verengten sich die Augen zu schmalen Schlitzen. An seiner Wange zuckte ein Muskel. »Tyler, du tust mir leid, wenn du so denkst. Ich für meinen Teil hatte angenommen, dass uns eine Freundschaft verbindet.« Es folgte ein kurzes Schweigen. »Vielleicht liegt es daran, dass ich nie ausgesprochen habe, wie sehr ich dich mag, Tyler.«
   Einen Herzschlag lang hielt ein Anflug von Panik seinen Körper fest umklammert. Es waren weniger Normans Worte, die ihn in Alarmbereitschaft versetzten als vielmehr die sanfte Betonung, mit der sein Manager diese hervorbrachte. Sein Instinkt riet ihm, fluchtartig das Zimmer zu verlassen.
   In Normans blassblauen Augen entdeckte Tyler ein kurzes Aufflackern von Schmerz und er verharrte deshalb schweigend. Sollte sein Manager etwa …? »Tut mir leid, Norman. Manchmal rede ich dummes Zeug.« Warum hatte er sich zu so einer blöden Aussage hinreißen lassen? »Natürlich sind wir Freunde. Wenn es dich so sehr beunruhigt, dass ich allein losziehen will, dann komm doch einfach mit. Täte dir auch mal ganz gut.«
   Norman rückte überrascht seine Brille zurecht.
   »Ich verstehe schon«, sagte Tyler. »Zu viele Termine.«
   »Wer sagt, dass man die nicht verschieben kann?«
   »Was, du willst wirklich mitkommen?«
   »Worauf du dich verlassen kannst, mein Junge.«
   Tyler erwiderte Normans verschmitztes Lächeln, das wirkte, als ob sie dabei wären, irgendwelche Lausbubenstreiche auszuhecken.

Die Tage vergingen herrlich unbeschwert.
   Ohne Bodyguards und den ganzen lästigen Rummel der Leute fiel Tyler nicht weiter auf. Er trug abgewetzte Jeans und T-Shirts, und Norman hatte ebenfalls seine eleganten Anzüge zu Hause gelassen.
   Sie fuhren die Ostküste entlang, von Kleinstadt zu Kleinstadt und genossen die herrliche Landschaft. Hin und wieder gingen sie ins Kino oder in eine Bar. Den letzten Abend hatten sie auf der Bowlingbahn verbracht. Tyler versuchte, sich vorzustellen, dass so seine Teenagerzeit hätte aussehen können. Hastig schob er die Erinnerungen beiseite.
   Heute steuerte Norman den Wagen den Beltway entlang und so hatte Tyler seinen Sitz in die hinterste Stellung gebracht, um seine Beine auszustrecken. Bereits kurz nach dem Aufstehen war es ziemlich heiß gewesen.
   Aus dem Radio tönte Rockmusik, die durch flotte Sprüche oder informative Kommentare kurz unterbrochen wurde. Norman prustete hin und wieder leise.
   Tyler döste vor sich hin, bis der Wagen stoppte und das Motorengeräusch erstarb. »Was ist los?« Er öffnete blinzelnd die Augen.
   »Ich brauche unbedingt einen Kaffee.«
   »Schon wieder? Das Frühstück im Motel liegt gerade mal zwei Stunden zurück.«
   »Dieses grässliche Gebräu nennst du Kaffee? Ich hole mir jetzt einen anständigen. Was möchtest du?«
   »Ein Gaterade, eisgekühlt. Was hältst du davon, wenn wir im nächsten Ort zum Meer fahren? Ich hätte Lust auf weißen Strand, Schwimmen und Faulenzen.«
   »Was bitte, hast du denn in den vergangenen Tagen anderes gemacht?«
   »Strand und schwimmen war jedenfalls noch nicht dabei.«
   Norman schüttelte schmunzelnd den Kopf.

Drei Stunden später erreichten sie den nächsten Ort. Welcome to St. Elwine stand auf dem Ortseingangsschild.
   »Nette, kleine Stadt. Scheint nicht so ein verlassenes Kaff zu sein. Sieh mal, hier gibt es sogar einen Hafen!« Norman wies auf die Hinweisschilder am Straßenrand.
   Tyler rieb sich die rechte Wange. Ein unangenehmes Ziehen schmerzte bis zu seinem Ohr. Vielleicht lag es am Fahrtwind, überlegte er und betätigte den elektrischen Fensterheber. »Lass uns den Ort erkunden«, schlug er vor. »Aber nimm besser die Kamera mit. Wie es aussieht, wimmelt es hier von Touristen. Ich möchte nicht auffallen.«
   Sie schlenderten zum Hafen und setzten sich auf eine Bank. Er genoss den herrlichen Ausblick auf das Meer und auf den Stadtrand mit seinen hübschen, kleinen Häusern. Niemand schien es hier eilig zu haben. Die Möwen kreischten und hin und wieder schwebten die Töne von Schiffshörnern über das Wasser, wenn eines der Boote ein Signal abgab.
   »Hübscher Ort«, murmelte Tyler und presste abermals eine Hand an seine Wange.
   »Ist etwas nicht in Ordnung?«
   »Ich weiß nicht. Möglicherweise habe ich Zahnschmerzen.«
   »Was soll das heißen, möglicherweise?«
   »Ich bin mir nicht sicher, weil ich noch nie Zahnschmerzen hatte. Es zieht bis zum Ohr, verdammt.«
   »Ich hole dir etwas zum Kühlen. Da vorn ist eine Pizzeria.«
   Norman kam mit einer eisgekühlten Dose Coke zurück und Tyler presste sie an seine rechte Wange. Er fühlte sich sofort etwas besser. Eine halbe Stunde später war bereits nichts mehr zu spüren. Der Schmerz schien wie weggeblasen.
   Sie schlenderten die Strandpromenade entlang. Für eine Kleinstadt beherbergte der Ort jede Menge hübscher, kleiner Läden. Norman und er wanderten ziellos weiter und erreichten schließlich den Stadtkern. Hier waren weniger Menschen unterwegs als in Hafennähe, aber immer noch genug, um auf einen florierenden Touristenort hinzudeuten. Obwohl es unwahrscheinlich war, dass ihn hier jemand erkannte, behielt er lieber seine Sonnenbrille auf. Schließlich wussten die Leute nicht, dass ein Rockstar durch die Straßen von St. Elwine marschierte.
   Plötzlich erregte etwas Tylers Aufmerksamkeit. Sie standen vor dem flachen Bürogebäude einer Immobilienfirma. Im Schaukasten entdeckte er Fotos zu verkaufender Objekte. Er trat näher heran. Wie gebannt starrte er auf das Foto eines alten Wohnhauses neben einer riesigen Scheune. Er überflog die Informationen: 5000 Quadratmeter Land, östliche Grenze das Meer, fruchtbares Weideland, alte Farm, besonders geeignet zur Aufzucht von Pferden, voll erschlossen, sehr günstiger Kaufpreis.
   Das ist es, schien ihm eine kleine Stimme ins Ohr zu flüstern. Das ist es tatsächlich! Er blinzelte und las noch einmal die Fakten.
   »Norman«, rief er seinem Freund zu, der bereits weitergegangen war.
   Alarmiert von der Unruhe in Tylers Stimme, lief er hastig zurück. »Da rede ich und rede und du hast mir gar nicht zugehört.«
   »Sieh dir das an! Norman, ich habe ein ganz merkwürdiges Gefühl.«
   Sein Manager tippte gegen die Glasscheibe. »Das ist ein abrissreifes Haus und eine alte Scheune. Kein Wunder, dass dich ein merkwürdiges Gefühl überfällt.«
   »Irrtum, du siehst meine zukünftige Ranch vor dir.«
   »Bist du übergeschnappt? Da gibt es doch sicher Besseres, gleich mit einem hübschen Wohnhaus dazu.«
   Ungeduldig schüttelte Tyler den Kopf. »Lies mal den Text. Das Land grenzt ans Meer, 5000 Quadratmeter, außerhalb der Stadt gelegen. Ich kann ein Haus nach meinen eigenen Vorstellungen errichten. Es ist perfekt! Genau so, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Lass uns in das Büro gehen.«
   »Warte einen Moment! Du hast keinerlei Erfahrungen auf diesem Gebiet. Mach jetzt nur keine unüberlegten Sachen. Es ist in jedem Falle besser, sich das Gelände erst einmal anzusehen.«
   »Bleib locker, Norman. Schließlich ist es mein Geld, das ich, rein hypothetisch, aus dem Fenster werfe.« Tyler schmunzelte und nahm bereits das Bürogebäude in Augenschein. Rickman Immobilien stand auf dem Schild neben dem Eingang.
   Norman seufzte und folgte Tyler. Er drückte bereits die Türklinke hinunter.

*

Angelina telefonierte gerade, als zwei Männer das Büro betraten. Sie überflog deren Erscheinung. Einer in abgewetzten, aber sauberen Jeansklamotten; sicher der Jüngere. Er trug einen Dreitagebart und schulterlanges Haar, das er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Außerdem saß eine Sonnenbrille auf seiner Nase. Der ältere, kleinere Mann war kräftiger gebaut, dafür glatt rasiert. Er trug khakifarbene Baumwollhosen und ein buntes Hemd.
   Sie bedeutete ihnen, Platz zu nehmen. Nach dem Ende ihres Telefonats erhob sie sich und ging auf die beiden Männer zu.
   »Guten Tag, ich bin Angelina Rickman. Darf ich Ihnen helfen, meine Herren?«
   »Ich habe draußen ein Angebot über eine alte Farm mit einer Scheune gelesen.«
   Die warme, angenehme Stimme passte kaum zu dem rauen Aussehen des jüngeren Mannes. Außerdem missfiel Angelina, dass er noch immer seine Sonnenbrille trug. Das sah ein wenig albern aus in einem Büro. Möchtegernmachos lagen ihr nicht besonders. Sie bevorzugte es, ihren Gesprächspartnern in die Augen zu blicken. Ihren Anflug von Ärger ignorierend, spürte sie ein allzu vertrautes Kribbeln, das sich stets dann einstellte, wenn sie ein gutes Geschäft witterte. Ihr untrüglicher Instinkt log selten. Bereits seit zwei Jahren stand die alte Farm zum Verkauf. Blieb zu hoffen, dass der Mann sich noch immer dafür interessierte, wenn sie erst einen Besichtigungstermin arrangiert hatte. Da er ihr unbekannt war, ging sie davon aus, dass es sich um einen Touristen handelte, dafür sprach auch die Kamera.
   Die Männer hielten sich also eher zufällig in der Stadt auf. Einmal mehr wünschte sie sich, ihnen die alte Farm schmackhaft machen zu können. Es war wichtig, den Leuten glaubhaft zu machen, dass es noch weitere Interessenten für das Grundstück gab. Ihr Trick, sie auf ein vermeintlich anderes Objekt aufmerksam machen zu wollen, funktionierte fast immer. Die Männer machten auf sie allerdings den Eindruck, als könnten sie für keines ihrer Angebote einen angemessenen Preis zahlen. Da konnte man sich allerdings täuschen. Auf jeden Fall würde sie ihnen preislich sogar entgegenkommen, wenn sie dafür nur endlich diese heruntergekommene Ranch los wäre.
   »Ich weiß, welches Angebot Sie meinen, Sir.« Angelina setzte ihren Entschluss um. »Ich fürchte allerdings, Sie kommen zu spät. Erst gestern hat sich jemand das Land angesehen und mich um Bedenkzeit gebeten. Unter keinen Umständen kann ich Ihnen das Grundstück heute verkaufen. Sie verstehen sicher.« Sie setzte eine bedauernde Miene auf.
   »Sie haben aber noch keine definitive Zusage Ihres Klienten, oder?«
   »Das ist richtig. Wir können auch gern hinausfahren und ich zeige Ihnen alles.« Angelina warf ihren Köder aus.
   Der Ältere kniff die Augen zusammen. Er durchschaute sie, obgleich sein freundliches Lächeln fast als natürlich durchgehen konnte. Dennoch sollte sie vorsichtig ans Werk gehen.
   Sie ging geschäftsmäßig zum Aktenschrank und zog eine graue Mappe hervor. »Hier haben wir alles.« Sie schlug den Deckel auf. »Es gibt zwar ein Wohnhaus, aber das kann man nur noch abreißen. Beim letzten Herbststurm ist das Dach abgehoben worden.«
   Mit einem Seitenblick auf den älteren Mann stellte sie fest, dass die ungeschminkte Wahrheit ihr wieder Pluspunkte einbrachte. »Die Scheune und die Nebengebäude sind allerdings noch in gutem Zustand. Vor etlichen Jahren wurde ein Teil des Dachgeschosses der Scheune zu einer kleinen Wohnung ausgebaut. Genauer gesagt befindet sich dort ein einziges Zimmer. Möglicherweise wurde es von einem Stallburschen bewohnt.«
   Der Jüngere versuchte, einen Blick in die Mappe zu erhaschen. Er nahm seine Sonnenbrille ab.
   »Das Anwesen liegt ziemlich weit draußen, ein paar Meilen außerhalb der Stadt. Im Winter ist es dort wahrscheinlich recht einsam. Der Vorteil ist, dass sich dorthin sicher keine Touristen verlaufen werden. Und mit dem Wagen ist man ja schnell in der City oder am Hafen. Die Verkehrsanbindung an St. Elwine ist sehr gut. Der Beltway kreuzt die Landstraße.« Angelina sah auf und starrte den Mann an, der die Sonnenbrille abgesetzt hatte.
   Diese Augen hätte sie überall erkannt. Egal, ob das dazugehörige Gesicht frisch rasiert war oder nicht, der Mann das Haar offen trug oder es zu einem Pferdeschwanz zusammenband. Diese Augen gehörten Tyler O’Brian, dessen Musik sie bereits seit Jahren fesselte. Kaum zu glauben, dass er leibhaftig mal eben so in ihr Büro marschiert war. Sie konnte ihn jedoch nicht länger anstarren, ohne ein Wort zu sagen. »Entschuldigung, Sir.« Sie hatte sich wieder im Griff. »Ich habe vorhin Ihren Namen nicht verstanden.«
   »Liegt sicher daran, dass ich ihn nicht genannt habe.«
   Selbst beim Sprechen hatte seine Stimme diesen besonderen Klang. Sie war warm und rau zugleich. Er lächelte sie an. »Ich denke, Sie wissen bereits, wer ich bin. Tyler O’Brian.« Er streckte ihr seine Hand hin.
   Angelina wagte es kaum, sie zu berühren. »Ich glaube, ich weiß, warum Sie sich für die alte Ranch interessieren«, sagte sie. »Dort können Sie sich ein hübsches Haus hinstellen lassen und ziemlich ungestört sein. Das ist es, was Sie wollen, nicht wahr?«
   »Richtig«, antwortete er in breitem Südstaatenakzent.
   Angelina konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Dann lassen Sie uns hinausfahren!« Sie griff nach ihrer Handtasche.

*

Perfekt! Das war alles, was Tyler bei dem Anblick durch den Kopf ging. Hätte er es nicht vorher bereits geahnt, jetzt wüsste er es mit absoluter Sicherheit. Dies also war das eigentliche Ziel seines Urlaubs.
   Die Maklerin räusperte sich.
   Tyler verharrte minutenlang bewegungslos und hielt die Augen geschlossen. Er drehte sich zu ihr um. »Was ist mit dem anderen Interessenten, Mrs. Rickman?«
   »Also, wenn ich ehrlich bin …«
   »Jede Wette, es hat nie einen gegeben«, schaltete sich Norman ein.
   Ihrem betretenen Gesichtsausdruck nach lag sein Freund damit genau richtig.
   »Na schön, ich gebe es zu.«
   Tyler verzog den Mund zu einem Lächeln. »Das Land ist gekauft. Gibt es ortsansässige Baufirmen, die in der Lage sind, hier ein ordentliches Haus zu errichten?«
   »Allerdings. Rickman Immobilien arbeitet nahezu ausschließlich mit Tanner Construction zusammen. Beratung, Planung, Bau, Innenausstattung, alles unter einem Dach. Die Firma gehört meinem Bruder«, fügte die Maklerin nicht ohne Stolz hinzu.
   »Geschäftstüchtige Familie«, murmelte Norman.
   Tyler schmunzelte.
   »Ich setze einen Vorvertrag auf«, sagte Mrs. Rickman. »Können Sie umgehend eine Anzahlung leisten?«
   »Natürlich«, antwortete Norman.
   »Ich hoffe, Sie akzeptieren einen Scheck. So viel Bargeld habe ich nicht bei mir.«
   »Selbstverständlich. Ich mache noch in dieser Woche alle Papiere fertig und kümmere mich um die notariellen Angelegenheiten. Ich melde mich bei Ihnen, sobald alles erledigt ist. In welchem Hotel erreiche ich Sie?«
   »Sie finden mich auf der Ranch, Mrs. Rickman. Hier ist die Nummer meines Mobiltelefons. Bitte behandeln Sie die Zusammenarbeit vertraulich.«
   Ihr Kopf fuhr hoch. »Sein Sie versichert, wir gehen in unseren Geschäftsangelegenheiten sehr diskret vor.«
   Nach dem Geschäftsabschluss aßen Norman und Tyler in einem kleinen Restaurant am Hafen zu Mittag.
   Norman versuchte immer wieder, ihm auszureden, die kommenden Nächte auf der Ranch zu verbringen.
   »Gib’s auf. Es ist zwecklos«, sagte Tyler und grinste.
   Letztlich gab Norman nach.
   Nach dem Essen fuhren sie in einen Baumarkt mit erstaunlich gut sortiertem Camping- und Freizeitangebot. Tyler suchte allerhand Nützliches zusammen, das seiner Meinung nach notwendig war, um auf einer Farm wie dieser ein neues Leben zu beginnen. In einem anderen Geschäft erstand er Kopfkissen, Decken und Handtücher. Den Rest besorgten sie in einem Supermarkt.
   Seine rasch in Gedanken angefertigte Einkaufsliste war sicher noch nicht vollständig, doch für den Anfang würde es reichen.
   Sie fuhren zur Ranch zurück und nach einem ausgiebigen Bad im Meer weihte Tyler seine neu erstandene Wäscheleine ein. Dann schichtete er Holzkohle in den Grill, um Steaks zuzubereiten.
   Währenddessen hatte Norman sich daran gemacht, unter dem Dachvorstand der Scheune den Campingtisch und die beiden Stühle aufzustellen. Er deckte den Tisch mit dem Plastikgeschirr aus dem Supermarkt. In einem alten Eimer holte er Wasser vom Meer, um die Getränke zu kühlen. Zur Feier des Tages gab es ein Glas Wein.
   Als Norman in den Kartons herumgekramt hatte, war ihm aufgefallen, dass Tyler sogar an Mülltüten gedacht hatte. Er hatte ihn deswegen aufgezogen. »Wo ist eigentlich das stille Wasser zum Zähneputzen?«
   »Augen auf. In irgendeinem Karton.« Wegen des Trinkwassers würde sich Tyler etwas einfallen lassen müssen. Im Hof hatte er zwar eine alte Pumpe entdeckt, doch es war fraglich, ob sie noch funktionierte. Er würde das morgen überprüfen.
   »Aber eines hast du nicht bedacht«, sagte Norman.
   »Und das wäre, du alter Nörgler?«
   »Ein Klo. Verrat mir mal, wo ich mein äh – Geschäft erledigen soll.«
   »In Gottes freier Natur ist weit und breit genug Platz für dich.« Er ahmte die salbungsvolle Stimme eines Priesters nach.
   Norman verzog das Gesicht.
   Die Sache mit dem Klo war tatsächlich ein Problem, das er nicht bedacht hatte. Er würde eine dieser chemischen Toiletten auftreiben müssen – morgen.
   Einige Zeit später lag er müde in seiner Scheune und spürte, wie der Schlaf sich seiner annahm. Unter seine verschwindenden, wachen Gedanken mischte sich ein tiefes Glücksgefühl. Der Augenblick der Stille und des inneren Friedens stellte sogar die Gefühle in den Schatten, die sein musikalischer Durchbruch hervorgerufen hatte. Er wünschte, er könnte diesen Moment festhalten, um ihn so lange wie möglich auszukosten. Die schönen Zeiten im Leben waren oft nur von trügerisch kurzer Dauer.
   »Ich glaube das einfach nicht. Wie zum Teufel habe ich mich nur auf diesen Wahnsinn einlassen können?«
   Tyler grinste im Dunkeln vor sich hin. »Weil du mein Freund bist?«
   »Tja, so muss es wohl sein.« Norman klang resigniert. »Das alte Stroh pikt und zerkratzt meinen Rücken.« Er stöhnte.
   »Ich liege gut. Wollen wir die Plätze tauschen?«
   Jetzt musste auch Norman lachen. »Schon gut, schon gut. Ich hoffe nur, es gibt hier keine Ratten oder anderes Ungeziefer.«
   »Ich sollte mir eine Katze zulegen.«
   »Gute Idee«, sagte Norman, als leise, raschelnde Geräusche erklangen.
   Für eine Weile hing Tyler seinen Gedanken nach.
   Dann begann Norman von Neuem. »Ich glaube nicht, dass ich hier ein Auge zutun kann.«
   »Stadtmensch.«
   »Ach, du bist wohl ein kleiner Landjunge?«
   »Sagen wir, fast.« Bevor es Norman noch gelang, Näheres aus Tylers früherem Leben in Erfahrung zu bringen, lenkte er das Gespräch in eine andere Richtung. »Wie gefällt es dir, Norman? Ich für meinen Teil halte den Ort für den schönsten überhaupt.«
   »Man könnte fast glauben, dass du nicht diesen Flecken Erde meinst, sondern eine Frau, in die du dich schwer verliebt hast.«
   »Ein guter Vergleich.« Tyler schloss die Augen, aber er kam noch immer nicht zur Ruhe. Die Ereignisse des Tages hatten ihn zu sehr aufgewühlt.
   Kurz darauf lauschte er auf Normans leises Schnarchen. Ein Lächeln huschte über seine Züge, dann endlich glitten auch seine Gedanken immer tiefer in den Schlaf hinab.

Als er am Morgen erwachte, quälten ihn Zahnschmerzen. »Verdammter Mist.«
   »Was ist? Ich denke, du fühlst dich hier in deinem Reich, wie in Abrahams Schoß?«
   »So wäre es, wenn ich keine Zahnschmerzen hätte.«
   »Zahnarzt?«
   »Ich will erst noch einige Erledigungen machen.«
   »Sei mir nicht böse, Tyler, aber für die kommenden Nächte miete ich mir ein Hotelzimmer. Ich brauche ein weiches Bett, eine ordentliche Dusche und vor allem ein anständiges Klo.« Verdrießlich machte sich Norman, bewaffnet mit einer Packung Papiertaschentücher, auf die Suche nach einem stillen Örtchen. »Bleib so lange hier drin!«, rief er beim Öffnen des Tores.
   »Keine Sorge. Ich rühre mich nicht von der Stelle.«
   Nach einem raschen Frühstück, das bei Tyler lediglich aus ein paar Schlucken Wasser bestand, fuhren sie in die Stadt. Als Erstes steuerten sie eine Apotheke an.
   Nachdem sich der Schmerz dank der Tabletten verflüchtigt hatte, mietete sich Norman ein Zimmer in einem hübschen, kleinen Hotel an der Strandpromenade. Dort frühstückten sie ausgiebig.
   Tyler telefonierte mit der Baufirma und vereinbarte einen Termin. Danach durchstöberte er die Kleinanzeigen der Tageszeitung und erstand einen noch zugelassenen, tadellos gepflegten Pick-up in Knallrot von einer alten Lady. Die Ladefläche war bald gefüllt mit Farbeimern, Pinseln, einer Chemietoilette, diversen Reinigungsmitteln, Putzlappen, Eimer, Schrubber, Besen und einem Campingkocher.
   Wieder auf der Ranch besah sich Tyler das kleine Zimmer im Dachgeschoss der Scheune genauer. Zunächst schob er das Fenster auf und ließ frische Luft herein. Der Holzrahmen klemmte, was möglicherweise daran lag, dass es lange nicht benutzt worden war.
   »Die reinste Luxussuite.«
   Tyler überhörte Normans Einwurf. Nichts und niemand sollte ihm die Freude über sein Heim trüben.
   »Auf geht’s! Mit ein bisschen Farbe wird der Raum hier gleich ganz anders aussehen. Hilfst du mir?«
   »Was bleibt mir anderes übrig …«
   Sie befreiten Wände und Fußboden von Spinnweben und Schmutz, bevor sie lospinselten. Tyler sang während der Arbeit und Norman pfiff die Melodie. Sein Freund hätte um nichts auf der Welt zugegeben, wie viel Spaß ihm die körperliche Betätigung machte. Tyler ließ sich allerdings nicht täuschen. Er nahm das fröhliche Aufblitzen in den Augen hinter Normans Brillengläsern sehr wohl wahr.

*

Norman freute sich, Tyler so ausgelassen zu erleben. Viel zu oft zeigte sein Schützling einen beinahe panischen Ausdruck, und Norman fragte sich wohl zum hundertsten Mal, welche Last er nur mit sich herumtrug. Die anderen Bandmitglieder ließen es bei jeder Gelegenheit richtig krachen, während sich Tyler oft in sich zurückzog. Die Boulevardblätter waren zwar voll von amourösen Berichten, aber Norman wusste es besser. Nur ihm fiel auf, wie wenige Frauen Ty in seine Nähe ließ, obwohl sie ihm zu Füßen lagen, was natürlich zum Teil an seinem unverschämt guten Aussehen lag, vor allem aber an der dunklen, sexy Aura, die ihn stets wie ein Schatten umgab und daher angeboren schien. Wie stellte der Bursche es nur an, seine sexuellen Energien derart oft zu unterdrücken? Sicher, Ty hatte seine Musik, um vieles auszuleben. Aber konnte das einem Mann reichen?
   Tyler hatte nicht nur ein schönes Gesicht, aufgrund dessen Norman ihn gern hinter dem Mikrofon platzierte, sondern er war auch ein hervorragender Musiker. Er komponierte die Songs selbst und schrieb auch die meisten Texte dazu. Sang er, vollführte er meisterhaft den Balanceakt zwischen gefühlvoller Ballade und Protestschrei. Seine einzigartige Stimme vibrierte rau und dunkel, und berührte alte Wunden tief in der Seele eines jeden Menschen.
   Am frühen Nachmittag trübte sich Tylers Hochstimmung durch ein neuerliches Aufflackern der Zahnschmerzen. Er nahm eine weitere Tablette.
   Sie machten sich daran, den Teil der Scheune auszufegen, der früher als Stall genutzt worden war. Gleich in der ersten Pferdebox stellte Tyler die Chemietoilette auf. Nebenbei entdeckten sie gut erhaltene Werkzeuge und Gartengeräte.
   Die Schwengelpumpe auf dem Hof funktionierte noch, es musste nur erst einmal Wasser angesaugt werden, weil sie lange nicht benutzt worden war. Nach der ersten braunen Brühe, die spärlich herausfloss, kam ein annehmbarer Wasserstrahl.
   »Mach mal ’ne Pause und iss etwas!« Norman nahm sich eines der mitgebrachten Sandwiches.
   Tyler setzte sich zwar gehorsam auf den Campingstuhl, rieb sich aber abwesend die Wange.
   »Hat die Tablette nicht geholfen?«
   »Schon, aber …«
   Norman zog aus den Lebensmittelvorräten eine Whiskyflasche hervor und reichte sie ihm. »Ist zwar eine elende Verschwendung, wenn du mich fragst, aber im Notfall … Spül kräftig deinen Mund damit aus.«
   Wenig überzeugt verzog Tyler das Gesicht, nahm den Vorschlag aber dennoch an.

*

Tyler spülte mehrmals kräftig. Seine gesamte Mundhöhle fühlte sich heiß an.
   Um sich abzulenken, nahm er ein Notizheft zur Hand und hielt fest, was als Nächstes erledigt werden musste. Oberste Priorität besaßen Wasser- und Stromleitungen sowie ein Notstromaggregat. Schließlich konnte man nie wissen. Weiterhin musste er das Zimmer möblieren. Er brauchte ein Bett und einen Schrank und natürlich eine Lampe. Eine kleine Musikanlage wäre nicht schlecht. Ohne Musik die Tage zu verbringen, war einfach undenkbar. Er würde veranlassen, dass seine Post hergebracht und der Müll abgefahren wurde. Sein Apartment in New York würde er auflösen. Dort hatte er ohnehin nur einen Teil seiner Garderobe untergebracht.
   Er hatte nie viel für sich gebraucht. Das würde wohl von jetzt an anders werden.
   Als es Abend wurde, verabschiedete sich Norman, um ins Hotel zu fahren.
   Tyler nahm ein Bad im Meer. Anschließend rasierte er sich vor dem Außenspiegel des Pick-ups, was sich als ziemlich umständlich herausstellte. Auch das würde er in Zukunft anders regeln. Er fragte sich kurz, wie viele seiner Tätigkeiten dies noch betreffen würde.
   Das Hämmern in seinem Kiefer wurde schlimmer, was ihn dazu veranlasste, eine weitere Tablette zu schlucken. Nur zur Sicherheit für die Nacht schob er noch eine zweite hinterher. Anschließend spülte er sich mit einem großen Schluck Whisky den Mund aus, ohne den edlen Tropfen zu schlucken. Was tatsächlich eine Verschwendung war, wie er feststellte, als er auf das Preisetikett blinzelte.
   Nach Abendessen stand ihm nicht der Sinn. Er kramte nach der Taschenlampe und nahm sich ein Buch, das er im Supermarkt eingepackt hatte. Tyler entfernte vorsichtig und geübt seine Kontaktlinsen und rieb sich die Augen. Die Schriftgröße in dem Buch kam ihm jetzt winzig vor und er hegte fast den Verdacht, dass die verdammten Zahnschmerzen sogar seine Sehkraft beeinträchtigten. Resigniert stand er auf und suchte in der Tasche nach seiner Brille.
   »Na bitte, geht doch.« Er begriff nicht, warum Norman ihm strikt verbot, in der Öffentlichkeit seine Brille zu tragen. Wahrscheinlich war es an der Zeit, einiges zu ändern. Norman würde nicht unbedingt erfreut darüber sein.
   Das Pochen in seiner Wange wurde endlich schwächer und ihm fielen die Augen zu.
   Keine zwei Stunden später ließ ihn heftiges Reißen hochfahren. Er blinzelte angestrengt auf seine Uhr. Es war kurz nach elf.
   »Verdammter Mist!« Er tastete nach seiner Wange und fand seinen Verdacht bestätigt. Sie war hart und geschwollen. Er schluckte die restlichen zwei Tabletten, in seiner Verzweiflung sogar mit dem Whisky. Nach weiteren zehn Minuten, die ihm wie eine Ewigkeit erschienen, gab er auf. Er rief Norman an.
   »Ich brauche einen Zahnarzt, sonst gehe ich die Wände hoch. Kannst du jemanden für mich ausfindig machen?«
   »Ich frage sofort an der Rezeption nach. Kannst du zum Hotel kommen? Ich regele alles andere.«

*

Charlotte hörte das Telefon im Erdgeschoss läuten. Bertha kam ihr zuvor und eilte flugs die Treppe hinunter. Kurz darauf klopfte sie an Charlys Zimmertür.
   »Komm rein.«
   »Ich hoffe, du bist mir nicht böse. Aber es hat jemand ganz verzweifelt angerufen. Sein Freund habe fürchterliche Schmerzen und brauche dringend einen Zahnarzt. Ich werde dir assistieren.«
   »Das geht nicht. Ich bin doch mitten im Umbau …«
   »Der Mann klang aber verzweifelt. In den Sprechzimmern ist doch noch alles beim Alten. Vielleicht leistet dir dein Röntgenraum heute bereits gute Dienste.«
   Charly schlüpfte in ihre Hose und einen weißen Kittel, der erst gestern per Paketdienst geliefert worden war. Sie ging hinunter in die Praxis und knipste das Licht an.
   Bertha zog die grünen Abdecktücher von den Geräten. In dem alten Glasschrank befanden sich steril eingeschweißte Instrumente und Tupfer. Vielleicht brauchte sie den Zahn nur zu trepanieren. Er würde für ein paar Tage offen bleiben und die Gase des zerfallenden Nervs konnten ungehindert entweichen. Somit war dem Patienten zunächst schnell geholfen, auch wenn sich natürlich eine weitere Behandlung anschließen musste.
   Es läutete am Seiteneingang. Bertha ging, um zu öffnen.
   »Oh, junger Mann, Sie sehen ja furchtbar aus. Kommen Sie nur herein. Wir werden Ihnen rasch helfen.«

*

Tyler betrat hinter Norman das Haus. Ihn quälten nicht nur diese furchtbaren Schmerzen, die mittlerweile auf seine gesamte rechte Kopfhälfte ausstrahlten, er war auch noch stinkwütend, denn Norman hatte ihm auf der Fahrt hierher gestanden, dass ein wichtiges Fotoshooting anstand. Bereits in zwei Tagen. Er würde hinfliegen müssen, nur um für ein, zwei Stunden in eine Kamera zu lächeln. Ein Termin, der sich erst ergeben hatte, kurz bevor sie gemeinsam in den Urlaub gefahren waren. Zu allem Unglück hatte sich Tyler im Autospiegel seine Wange angesehen und war entsetzt zurückgeschreckt. Im Geiste sah er sich bereits, aufgeblasen wie ein Luftballon, auf der Titelseite einer Teeniezeitschrift.
   Die mütterliche ältere Dame führte ihn in ein Sprechzimmer und wies Norman an, im Warteraum Platz zu nehmen.
   Tyler hob den Blick und blieb abrupt stehen. Es sah hier aus wie in einem bizarren Dominastudio oder einer Folterkammer der Inquisition. Nicht, dass er je persönlich in einer dieser Einrichtungen gewesen wäre, dennoch … was sollte er nur tun?
   »Keine Angst, junger Mann. Kommen Sie!« Bertha schob ihn sanft vorwärts.
   »Langsam, Bertha. Er muss sich erst an unsere museumsreife Einrichtung gewöhnen. Ging mir anfangs auch so, Sir. Machen Sie sich nur nichts draus. Ich brauche Ihren Namen, bitte.« Die Ärztin, die ihm mit dem Rücken zugewandt an einem kleinen Tisch saß, drehte sich um. Ungläubig riss sie die Augen auf, der Kugelschreiber fiel ihr aus der Hand.
   »Tyler O’Brian«, murmelten sie gleichzeitig.
   »Emma, was zum Kuckuck haben Sie sich jetzt wieder ausgedacht?« Seine Verblüffung war so groß, dass er für einen Moment seine Zahnschmerzen vergaß.
   Die Assistentin blinzelte von einem zum anderen. »Emma?«
   »Das tut jetzt nichts zur Sache.« Charly nahm den Kugelschreiber wieder auf und deutete auf den Behandlungsstuhl. »Nehmen Sie bitte Platz.«
   »Ich bin doch nicht verrückt«, stieß er hervor. Er zögerte. »Ich weiß nicht, welche krankhafte Persönlichkeit Ihnen Ihre reichhaltige Fantasie jetzt vorgaukelt …«
   »Fehlt Ihnen vielleicht noch etwas anderes?«, unterbrach ihn die ältere Frau.
   Tylers Kopf schoss herum. Augenblicklich verzog er das Gesicht, weil eine neuerliche Schmerzattacke ihn unvorbereitet traf. Er atmete tief durch und schloss die Augen. »Ich suche einen Zahnarzt. Ich glaubte, mein Manager hätte sich verständlich ausgedrückt.«
   »Aber Dr. Charlotte Svenson ist promovierte Zahnärztin«, warf die Assistentin ein. Sie klang ziemlich verwirrt.
   In Tylers Wange rumorte ein Krieg. Er hatte nicht den Nerv für solche Diskussionen.
   »Stimmt das?« Er sah Charlotte an.
   Sie nickte. »Ich habe in Afrika Entwicklungshilfe geleistet, als Zahnärztin. Letztens in New York nahm ich an, dass Sie mir das nicht glauben würden.« Sie lächelte ihm besänftigend zu. »Ich habe gerade die Praxis meines Großvaters übernommen. Bin noch mitten im Umbau, wie man sieht.«
   Er brachte nur ein leises Stöhnen heraus.
   »Sie werden in dieser Gegend kaum jemanden finden, der Ihnen um diese Uhrzeit helfen kann. Lassen Sie mich nachschauen.«
   Tyler spürte, dass die Grenze dessen, was er aushalten konnte, bedenklich nahe gekommen war. Er seufzte und setzte sich auf den Behandlungsstuhl.
   Charlotte streifte sich Untersuchungshandschuhe über und inspizierte mithilfe von Mundspiegel und Sonde die Ursache seines Kummers. Bertha hantierte in seinem Nacken an der Kopfstütze herum. Schließlich legte sie sanft ihre Hände links und rechts gegen seine Schläfen.
   Er mochte den Geruch nach Kampfer und Menthol, der in dem Raum schwebte, nicht.
   Charlotte lächelte ihn besänftigend an. Ihre Hände begannen, vorsichtig die Schwellung abzutasten. »Noch sehe ich keine Karies«, erklärte sie ruhig und begann rhythmisch, die infrage kommenden Zähne abzuklopfen.
   Beim hinteren Backenzahn des Unterkiefers reagierte er heftig.
   »Der Weisheitszahn«, sagte sie und wandte sich an ihre Assistentin. »Ich brauche von 48 eine Röntgenaufnahme.«
   Tyler folgte Bertha in den Röntgenraum, wo sie ihm eine Bleischürze umhing und den kleinen Film in seinem Mund positionierte. Sein Würgreflex meldete sich bedenklich.
   »Ich weiß, es ist ein bisschen arg weit hinten.« Bertha lächelte verständnisvoll.
   Kaum fünf Minuten später hielt Charlotte die Aufnahme in das Licht.
   »Sehen Sie!« Sie deutete mit der spitzen Sonde auf eine dunkle Stelle an der Zahnwurzel. »Von oben ist der Zahn intakt. Aber hier haben wir eine weit ausgebreitete Wurzelkaries. Es hat sich ein Abszess gebildet, deshalb die Schwellung Ihrer Wange.«
   »Was heißt das?« Tyler bemerkte, dass sich seine Augen genau in Höhe ihrer Brüste befanden. Diese Tatsache ließ den Moment merkwürdig unreal erscheinen.
   »Es hat sich Eiter angesammelt, die Weichteile sind entzündet. Ich kann Folgendes tun«, erklärte sie. »Die langsamere Methode ist, einen kleinen Schnitt zu setzen, sodass Eiter und Wundsekret ablaufen können und Ihre Wange abschwillt.«
   »Einen Schnitt.«
   »Ja, um den Zahn in ein oder zwei Tagen ziehen zu können. Oder aber, ich ziehe ihn sofort. Dann kann der Eiter über diese Öffnung entweichen und die Heilung verläuft rascher.«
   »Ich verstehe. Der Zahn ist in keinem Fall zu retten?«
   »Nein, tut mir leid.«
   »Ich habe in zwei Tagen einen wichtigen Fototermin. Bis dahin muss mein Gesicht wieder halbwegs in Ordnung sein. Daher wäre es wahrscheinlich besser, den Zahn zu ziehen. Und um ehrlich zu sein: Die Sache mit dem Schnitt gefällt mir nicht sonderlich.«
   »Ich würde es vorziehen, zu schneiden. Es ist sanfter.«
   »Sanfter – schneiden?« Tyler sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren.
   Charlotte nickte.
   »Ich möchte, dass Sie den Zahn ziehen.«
   »Schön, wie Sie wollen.«
   Charly ließ ihn eine Einverständniserklärung unterschreiben. Die Assistentin hatte bereits eine Injektionsspritze aus Glas aufgezogen, setzte eine Kanüle darauf und reichte sie Charlotte. Anschließend legte sie ihm eine blütenweiße Serviette um, lagerte seinen Kopf zurück auf die Nackenstütze und legte ihm beruhigend die Hände auf die Schläfen.
   Er sah den großen Glasgriff der Spritze in Charlottes Hand und schluckte.
   Sie trat näher an ihn heran. »Wie viel Alkohol haben Sie zu sich genommen? Ich dachte, Sie trinken nicht.«
   »Das tue ich auch nicht. Bis auf einen Schluck habe ich nur den Mund damit ausgespült. Es erwies sich allerdings als sinnlos.«
   Tyler sah ihr an, dass sie ihm keineswegs glaubte.
   Die Nadel kam näher, er öffnete den Mund, kniff aber vorsichtshalber die Augen zu. Die Finger der Assistentin strichen sanft über sein Gesicht. Er spürte den Einstich kaum und entspannte sich etwas.
   Während die Betäubung zu wirken begann, klimperte Charlotte mit ihren Instrumenten. Tyler wollte die Folterwerkzeuge nicht sehen und hielt die Augen geschlossen.
   »Ich teste die Tiefe der Betäubung.«
   Er spürte nichts, doch als sie ihren Hebel ansetzte, musste er die Armstützen umklammern.
   Charlotte legte eine Zange an und führte leichte Drehbewegungen aus. Ein hässliches Knirschen erklang.
   »Keine Angst, die Krone ist frakturiert. Bertha, ich brauche mehr Tupfer und ein Bajonett.«
   Bajonett – das hörte sich absolut gut an, überlegte Tyler und blinzelte in das große, runde Licht über seinem Kopf.
   Charlotte startete einen zweiten Angriff auf den Übeltäter, nachdem die Assistentin das Blut abgetupft hatte. Wieder hörte er dieses hässliche Knirschen.
   »Ich brauche eine Knochenfräse mit einem passenden Winkelstück.«
   Knochenfräse klang noch unheimlicher als Bajonett. Tyler machte sich innerlich bereit, sich in das Unvermeidliche zu fügen.
   Das enervierende Brummen des Bohrers drang durch jeden Winkel seines Schädels und eine Gänsehaut überzog seinen Oberkörper.
   Als Tyler leise stöhnte, hielt Charlotte kurz inne und gab ihm einen Moment Zeit, ehe sie mit ihrer Behandlung fortfuhr.
   Tyler schwitzte und fror gleichermaßen. Es war, als würde sie seinen Kiefer bei vollem Bewusstsein in Stücke sägen. Ihm entfuhren weitere Schmerzenslaute und die Assistentin strich wieder sanft über sein Gesicht. Sie hatte die Hände eines Engels.
   Lieber Gott, steh mir bei.
   Es knirschte und knackte erneut. Die Assistentin hielt seinen Kopf jetzt fest wie in einer Schraubzwinge und er musste den heftigen Impuls unterdrücken, sich freizustrampeln. Sein Körper war angespannt wie ein Flitzebogen.
   »Schön langsam Luft holen, Jungchen.«
   Es war ihm nicht bewusst gewesen, dass er den Atem angehalten hatte. Der metallische Geschmack des Bluts verursachte ein flaues Gefühl in seinem Magen.
   »Eine Wurzel habe ich«, sagte Charlotte.
   Eine? O Gott, wie viele mochte dieser Zahn denn haben?
   Tyler verlor jedes Zeitgefühl. Er glaubte, bereits seit einer halben Ewigkeit auf diesem Stuhl festgenagelt zu sein.
   Charlotte nahm wieder diesen furchtbaren Hebel und werkelte weiter. Die Geräusche und der bittere Geschmack in seinem Mund setzten ihm mehr und mehr zu.
   Tyler schrie auf.
   Charlotte hielt sofort inne und betrachtete sein Gesicht.
   Aus seinem rechten Augenwinkel löste sich eine Träne. Seine Brust hob und senkte sich in rascher Folge. Er versuchte, sich zusammenzureißen.
   »Na, na, Jungchen«, sagte die Assistentin. »Wir halten am besten ein kurzes Päuschen, nicht wahr?« Mit einem kühlen Tuch wischte sie ihm behutsam das Gesicht ab.
   »Die Betäubung«, sagte er rau. »Es … es tut höllisch weh. Geben Sie mir noch etwas davon? Bitte!«
   Charlotte nickte und auf ihr Zeichen hin ging die Assistentin zum Schrank und zog eine weitere Spritze auf.
   »So komme ich nicht weiter«, sagte Charlotte. »Ich mache eine Aufklappung.«
   Tyler spürte, wie ihm die Knie weich wurden. Er sah Charlotte Svenson an. »Machen Sie jetzt doch einen Schnitt?«
   »Ja.«
   Er starrte auf das Skalpell in ihrer Hand und presste instinktiv die Lippen zusammen.
   »Schön weit aufmachen«, befahl Charlotte.
   Er schluckte schwer. Sein Mund schien wie verriegelt. Er bemühte sich, einen Anflug von Panik niederzukämpfen.
   Die Assistentin beugte sich über ihn. »Es wird nicht mehr lange dauern. Das Schlimmste ist bereits geschafft.« Fast liebevoll strich sie über seine lädierte Wange.
   Tyler glaubte ihr nicht. Schon gar nicht, da Charlotte mit dem Messer vor seinem Gesicht herumwedelte. Doch sie nickte nur.
   »Ich habe eine Scheißangst«, brachte er mühsam hervor und wich ihrem Blick aus. Er starrte geradeaus.
   »Natürlich, Jungchen, das verstehen wir doch.« Begütigend nahm die Assistentin für einen Augenblick seine Hand und streichelte sie.
   Tyler gab seinen Widerstand auf, öffnete den Mund, kniff aber fest seine Augen zu. Den Schnitt spürte er nicht, schmeckte aber das Blut. Es würgte ihn fast, doch er riss sich zusammen. Wieder brummte die Knochenfräse in seinem Schädel und ließ seine zum Zerreißen gespannten Nerven vibrieren.
   »Geschafft«, hörte er Charlotte sagen. »Ich spüle jetzt die Wunde aus und nähe sie mit drei kleinen Stichen.«
   Seine Erleichterung war grenzenlos, er blinzelte sie ungläubig an. Er spürte nicht mal die Einstiche der chirurgischen Nadel. Die Assistentin betupfte mit einem feuchten Tuch sein Gesicht. Charlotte zog sich die Handschuhe von den Fingern und warf sie in einen Mülleimer. »Morgen möchte ich mir die Wunde noch einmal ansehen. Alles in Ordnung?« Sie musterte ihn.
   Tyler nickte, stand auf und machte ein paar Schritte in Richtung Tür. Das verschwitzte Hemd klebte ihm am Rücken. Seine Knie gaben so plötzlich nach, dass er keine Chance hatte, zu reagieren. Ihm wurde schwarz vor Augen.

*

Tyler O’Brian knallte ungebremst auf den Boden. Sein Hinterkopf schlug hart auf.
   »Ach du liebe Zeit.« Bertha ließ die Instrumente liegen und lief zu ihm.
   Charlotte hatte sich bereits hingehockt und bettete seinen Kopf in ihren Schoß. Sie fühlte einen verlangsamten Pulsschlag.
   Bertha kam mit dem Blutdruckmessgerät. Kopfschüttelnd registrierte sie die Werte. »Der ist ja total im Keller, kein Wunder. Der Ärmste!« Sie nahm ein nasses Tuch und wischte ihm über die Stirn.
   Seine Lider begannen zu flattern und er schlug die Augen wieder auf.
   »Emma.«
   »Psst.« Charlotte legte ihm sacht einen Zeigefinger auf die Lippen. »Haben Sie heute schon etwas gegessen?«
   »Frühstück. Tagsüber hatte ich keinen Hunger.«
   »Wie viele Tabletten haben Sie geschluckt?«
   »Alle. Aber nicht auf einmal, natürlich.«
   Auf ein Zeichen von Charlotte rief Bertha nach dem Mann im Wartezimmer.
   »Gütiger Himmel – Tyler. Kann ich etwas tun?« Sein Begleiter klang ehrlich besorgt.
   »Im Augenblick nicht viel, Sir«, antwortete Charlotte. »In welchem Hotel wohnen Sie?«
   »Inselzauber. Aber was hat das …? Oh, warten Sie! Er nicht. Er wohnt auf einer alten Ranch außerhalb der Stadt.«
   »Ich dachte, die alte Landes-Farm ist nicht bewohnbar? Wo schlafen Sie denn?«, fragte Bertha ungeniert.
   Tyler öffnete den Mund, doch sein Begleiter kam ihm zuvor. »In der Scheune.«
   »Da können Sie in Ihrem Zustand jetzt nicht hin. Ein Hotel scheint mir allerdings ebenfalls nicht geeignet. Es kann gut sein, dass Sie sich eine Gehirnerschütterung zugezogen haben. Das sollte beobachtet werden.« Sie warf einen Blick auf Tylers Freund.
   »Meinen Sie, er muss in ein Krankenhaus?«
   Leicht verärgert schaltete sich Tyler ein. »Es geht mir schon besser. Ich brauche einfach nur Schlaf. Dann bin ich wieder okay.«
   Charlotte überlegte kurz. »Am besten bleiben Sie heute Nacht hier.«
   »Ich habe von heute Mittag noch etwas Hühnerbrühe übrig. Die sollte eigentlich für deinen Großvater sein, aber der junge Mann kann sie zurzeit besser gebrauchen.« Bertha wieselte davon. »Ich mache sie rasch warm.« Für ihre Körperfülle bewegte sie sich bemerkenswert flink.
   Sein Begleiter und Charlotte halfen Tyler auf.
   Ihm war die Situation sichtlich peinlich. »Das ist wirklich nicht nötig.«
   »O doch, das ist es.«
   »Sie hat recht, Tyler.«
   O’Brian gab sich geschlagen. Sie führten ihn nach oben in den Raum neben Charlottes Schlafzimmer.
   Charly betrachtete ihn. Er sah zutiefst resigniert aus. Es war fast unglaublich, wie sehr sich dieser Mann zusammennehmen konnte. Sie begriff, wie hilflos er sich vorkam. Er hasste es, ihr auf diese Weise ausgeliefert zu sein. Längst war nichts mehr vom gefeierten Rockstar an ihm. Er rührte an ihr Herz.
   Charly holte frisches Bettzeug und Tylers Begleiter fand es an der Zeit, sich zu verabschieden.
   »Meine Visitenkarte«, sagte er und reichte sie ihr. »Bitte unterrichten Sie mich sofort …«
   »Natürlich, Mr. McKee«, sagte Charly und begleitete ihn zur Tür.
   Bertha kam ihnen mit einem Tablett in den Händen entgegen. Aus der Schale stiegen kleine Dampfwolken. Sie hatte sogar einen Tee zubereitet.
   »So, Jungchen, jetzt wird erst mal aufgetankt.« Bertha stellte das Tablett ab. »Husch unter die Decke! Aber ziehen Sie Ihre Schuhe und die Jeans aus. Es macht Ihnen hoffentlich nichts aus. Wäre ja auch gelacht, bei einer alten Frau wie mir, nicht wahr?«
   Charlotte verkniff sich ein Lachen.
   »Und du gehst rasch vor die Tür.«
   »Sei nicht albern! Der Anblick eines Mannes in Unterhosen wird mich nicht gleich umhauen.« Sie zwinkerte ihrem Patienten aufmunternd zu.
   »Das kann man nie wissen, Schätzchen«, sagte Bertha in einem Tonfall, der höchst zweideutig klang.

Als Charly zum Frühstück die Küche betrat, hatte Bertha bereits den Tisch gedeckt.
   »Hallo Kleines, gut geschlafen?«
   Sie nickte und rieb sich ihre verspannten Nackenmuskeln. »Wie geht’s unserem Patienten?«
   »Oh.« Bertha lächelte zufrieden. »Der schläft wie ein Murmeltier. Ich habe bereits zweimal nachgesehen. Er rührt sich nicht.« Sie reichte Charlotte die Kanne mit dem Früchtetee. »Seid ihr miteinander bekannt? Ich habe allerdings auch so ein merkwürdiges Gefühl, ihn irgendwoher zu kennen, aber es will mir nicht einfallen.«
   Charly löffelte ihre Cornflakes. »Er ist Rocksänger. Vielleicht kennst du es deshalb.«
   »Natürlich.« Bertha schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Tyler O’Brian, warum bin ich nicht gleich darauf gekommen? Ich fürchte, ich werde alt. Seine Musik ist klasse«, fügte sie nach einer kurzen Pause mit funkelnden Augen hinzu.
   »Du stehst auf Rockmusik?«
   »Ja. Du etwa nicht?«
   Charly schüttelte den Kopf.
   »Ein Rockstar also. Umso brennender interessiert es mich, wo du ihm schon mal begegnet bist. So was passiert schließlich nicht alle Tage. Und wieso nannte er dich Emma?«
   Jetzt grinste Charly. »Das ist nicht so schnell erzählt.«
   »Mach nur! Disponiere ich meinen Tagesablauf eben um. Und lass ja nichts weg. Möchtest du noch einen Tee?«
   Charly lehnte dankend ab und begann zu berichten. Hin und wieder lachte Bertha schallend.

*

Das Läuten seines Mobiltelefons riss Tyler aus dem Schlaf. Es kostete ihn ein wenig Mühe, seinen Aufenthaltsort zu ermitteln. Er sah sich stirnrunzelnd um und entdeckte seine Sachen. Es war bereits heller Tag. Endlich griff er zur Gürteltasche seiner Jeans.
   »Ja?«
   »T. J. – lass mich nicht im Stich!«
   Tyler erstarrte und stolperte über einen Hocker.
   »Hallo, wer sind Sie?«
   Aufgelegt.
   Mit ein paar Schritten war er am Fenster und spähte hinaus. Lediglich einige Autos fuhren vorbei. Der übliche Kleinstadtverkehr, nichts Besonderes. Niemand stand dort unten oder sah zu ihm herauf. Was sollte das auch? Wahrscheinlich erlaubte sich ein harmloser Spinner einen Scherz mit ihm. Dennoch – ein Frösteln überlief ihn.

*

Am anderen Ende rieb sich jemand die Hände und lachte vor sich hin.
   »Habe ich dich etwa erschreckt? Huuh.«
   Du wirst schon sehen, Tyler O’Brian, du wirst schon sehen. Niemand darf so mit mir umgehen – niemand. Aber euereins kommt immer davon. Nicht mit mir – oh nein.

*

Es klopfte an der Tür. Als Tyler nicht reagierte, trat Charlotte ungebeten herein. »Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen.«
   Er fuhr herum, sein Mund verzog sich zu einem Lächeln.
   »Das Badezimmer befindet sich eine Tür weiter. Ich habe frische Handtücher bereitgelegt.«
   »Danke für Ihre Hilfe.«
   Sie nickte. »Eine frische Zahnbürste finden Sie ebenfalls im Bad. Ich habe immer welche in Reserve – Berufskrankheit.«
   Ihr Lächeln wärmte ihn. Wie alt sie wohl sein mochte? Jedes Mal, wenn er ihr begegnete, sah sie anders aus. Er wusste nicht, was er von ihr halten sollte.
   »Ich verschwinde sofort nach der Dusche.«
   »Nichts da, Mr. O’Brian. Erst sehe ich mir noch einmal die Wunde an. Übrigens würden Sie Bertha das Herz brechen, wenn Sie nicht noch einen Happen essen.«
   »Ich möchte Ihnen keine Mühe machen.«
   »Das tun Sie nicht.«

Als Tyler zögernd die Küche betrat, roch er ein bisschen wie ein Erdbeertörtchen.
   Bertha lächelte ihn an. »Wie geht es Ihnen? Sie sehen wesentlich besser aus als gestern Abend. Ich mache Ihnen gleich frische Pfannkuchen. Gehen Sie währenddessen in die Praxis.« Sie wies nach links. »Charly wartet bereits auf Sie.«
   Was blieb ihm anderes übrig, als zu gehorchen.
   »Setzen Sie sich, bitte.« Charlotte zeigte auf den Behandlungsstuhl. Sie griff zum Mundspiegel. »Es sieht bereits sehr gut aus. Ich spüle mit etwas Wasserstoff und ansonsten lassen wir alles in Ruhe verheilen. In einer Woche sollten die Fäden gezogen werden. Sind Sie dann noch in St. Elwine?«
   »Ich habe die alte Ranch gekauft und werde hier wohnen.«
   »Tatsächlich? Nun, schön ist es hier, ohne Zweifel.« Sie tastete seine Wange ab. »Die Schwellung ist bereits fast abgeklungen. Sie sollten Ihre Wange heute noch gut kühlen, dann steht Ihrem Fototermin morgen nichts mehr im Weg. Was macht Ihr Kopf?« Schon fuhr sie mit den Fingern durch sein Haar und ertastete eine Beule.
   »Ist nicht sehr groß.«
   »Ja, Sie haben Glück gehabt.« Charlotte kritzelte etwas auf einen Zettel. »Hier ist meine Telefonnummer. Rufen Sie mich in einer Woche an.«
   »Was habe ich zu bezahlen?«
   »Ich mache Ihnen die Rechnung zur nächsten Woche fertig. Es reicht, wenn Sie sie dann begleichen.«
   »Danke.«

»Hier sind die besten Pfannkuchen, die Sie je gegessen haben. Und Kräutertee. Der ist gesund und bringt Sie wieder in Schwung.« Bertha lachte, sodass ihr mächtiger Busen zu wogen begann.
   »Vielen Dank, Mrs. …«
   »Bertha – sagen Sie einfach Bertha.«
   »Gut, aber dann müssen Sie mich Tyler nennen.« Er lächelte. »Nett, dass Sie mir gestern Abend die Hand gehalten haben.«
   »Papperlapapp, das gehört schließlich dazu. Nun essen Sie mal, sonst wird alles kalt.«
   Er kaute vorsichtig, doch es ging besser, als er gedacht hatte.
   »Stimmt. Es sind die besten Pfannkuchen, die ich je gegessen habe. Wirklich ausgezeichnet. Nochmals danke.«
   »Nun, wenn ich es recht bedenke, war ich nicht ganz uneigennützig in dieser Sache, mein Lieber. Wäre es wohl zu viel verlangt, wenn Sie mir ein Autogramm geben?« Die Assistentin sah ein bisschen verlegen aus.
   Tyler hätte prustend losgelacht, wenn nicht seine lädierte Wange dies verhindert hätte. So brachte er nur ein unterdrücktes Schnauben heraus.
   »Sie kriegen Ihr Autogramm. Verlassen Sie sich drauf. Ich habe nur im Augenblick keine Karte bei mir.«
   »Ach, das hat Zeit.« Sie winkte ab.
   Er stand auf und verabschiedete sich. Beim Hinausgehen küsste er flüchtig ihre Wange.
   Sie lief knallrot an und wedelte sich Luft zu. »Sie brechen mir das Herz, Tyler.«
   Er zwinkerte ihr zu und war schon zur Tür hinaus.

*

Charly hörte die Haustür zuschlagen und linste hinter den Gardinen auf die Auffahrt. Tyler O’Brian ging mit langen Schritten davon. Aus einem nicht näher zu bezeichnenden Grund fühlte sie sich erleichtert. Wie verloren er oben am Fenster gestanden hatte. Zum ersten Mal hatte sein Lächeln aufgesetzt gewirkt.
   In zehn Minuten war sie mit Nora im Patchworkgeschäft verabredet. Da sie nicht wusste, was sie alles benötigte, packte sie eine Unmenge Stoffe in einen Weidenkorb. Nachdem sie diesen im Auto verstaut hatte, schleppte sie noch die Nähmaschine die Treppe hinunter. Bewaffnet mit einem Apfel aus der Obstschale auf dem Küchentisch, zuckelte sie davon.
   Nora freute sich, sie wiederzusehen. Im Laden war kein Kunde. Sie führte Charly nach nebenan, in den Kursraum und Treffpunkt der Quiltgruppe, wie sie erklärte.
   Das Zimmer war geräumig, in seiner Mitte stand ein großer Tisch und an der Fensterseite fanden drei kleinere Platz. In einer Ecke stand ein Bügelbrett. Auf dem großen Mitteltisch lagen eine Schneidematte von beträchtlichem Ausmaß, ein Rollschneider sowie verschiedene Lineale, deren Verwendungszweck ihr noch schleierhaft war.
   Nora lächelte sie an und begann, ihr Wissenswertes über Stoffe im Allgemeinen zu berichten. Dann zeigte sie ihr am praktischen Beispiel das richtige Bügeln von Patchworkstoffen.
   »Learning by doing ist immer die beste Methode. Nehmen Sie zwei Ihrer mitgebrachten Stoffe. Wir brauchen einen hellen und einen dunklen. Für Anfänger eignet sich stets ein überschaubares Projekt. Wie wäre es mit einer Kissenhülle?«
   In Ermangelung irgendwelcher Kenntnisse stimmte Charly zu.
   »Ein solides Fundament beim Patchwork bilden die Streifentechniken. Zum Beispiel für den Four Patch Block. Wie sein Name verrät, besteht er aus vier gleich großen Quadraten. Zwei hellen und zwei dunklen, die versetzt aneinandergenäht werden.«
   Sie nahmen Charlys Stoffe und bügelten sie gemeinsam. Anschließend schnitt Nora von jedem Stück zwei schmale Streifen ab. Ein heller und ein dunkler wurden in der Länge zu einer Einheit genäht. Dazu legte sie die Streifen exakt übereinander und schob sie in Füßchenbreite unter den Nähfuß von Charlottes Maschine. Nach dem Bügeln der Nahtzugabe wurde die Streifeneinheit quer zu Rechtecken geschnitten. Je zwei der entstandenen Rechtecke nähte Charly versetzt aneinander und erhielt den gewünschten Viererblock.
   Sie lachte und freute sich riesig, wie sie verblüfft feststellte. Voller Eifer nähte sie acht weitere Four Patch Blöcke und fügte sie zu einem Teil zusammen.
   Nora lobte sie und Charly empfand fast kindlichen Stolz.
   Der Nachmittag verging viel zu schnell. Ungläubig blickte Charly auf ihre Uhr. »Himmel, ich habe versprochen, meinen Großvater abzuholen.«
   »Wenn du Lust hast, komm doch heute Abend zum Treff. Da kannst du vielleicht dein Kissen fertig nähen. Übrigens wir Quilterinnen duzen uns alle.«
   »Okay, ich komme sehr gern.«
   Nora nickte ihr zu und lächelte. »Willkommen bei den verrückten Quiltweibern.«
   Als Charly den Laden verließ, klang der gemütliche Türgong in ihren Ohren nach.

»Guten Abend, Ladys«, trällerte Nora später fröhlich in die Runde. »St. Elwine ist um eine Quilterin reicher. Darf ich euch Charlotte vorstellen? Sie ist ab heute unser neues Küken und ich hoffe, dass ihr sie alle mit Rat und Tat unterstützen werdet.«
   »Überflüssig, das zu erwähnen.« Die piepsige Stimme kam von Bonny Sue Parker, der Besitzerin des Schönheitssalons.
   Charly war bereits dort gewesen. Sie sah sich um. Die Frauen lächelten ihr zu, nahmen aber ansonsten kaum Notiz von ihr. Charlotte entdeckte Rachel Ganderton von der Schatztruhe. Neben ihr saß Elizabeth Tanner. Als sich ihre Blicke trafen, nickte sie ihr kurz zu. Die anderen waren ihr fremd, aber sie würde sie schon noch kennenlernen. Charly ging zu ihren Sachen und setzte sich.
   »Also, Ladys, was gibt es Neues? Wart ihr fleißig in der letzten Zeit? Zeigt mal eure Arbeiten«, forderte Nora sie auf.
   Charly bekam den Mund kaum noch zu vor Bewunderung. Sie hatte noch nie so einen zauberhaften Quilt gesehen. Die Frau, die ihn genäht hatte, lächelte bescheiden. Es schien Charlotte, als wäre sie die älteste der Anwesenden.
   Eigentlich hatte sie vorgehabt, eiligst an ihrem Kissen weiterzumachen, doch jetzt hatte sie nur damit zu tun, die Entwürfe der anderen zu bestaunen und ihren Gesprächen zu folgen.
   Die Frau mit den aschblonden Haaren, Kate, schien eine Meisterin zu sein, was ihre Kunstfertigkeit beim Quilten anbelangte. Wie Charly mitbekam, führte sie den Haushalt der Gandertons und betreute deren drei Töchter.
   Bonny Sue arbeitete gerade an einem Herbstquilt. »Natürlich geht gerade mal der Sommer los. Aber es braucht ja auch einige Zeit, bis er fertig ist. Er soll später im Wellnessbereich des Salons aufgehängt werden.«
   Charly nickte ihr zu, da sie das Gefühl hatte, dass das von ihr erwartet wurde. Bonny Sue zwinkerte sie daraufhin fröhlich an und begann, ihre Nähutensilien vor sich hin zu stapeln. Bei jeder Bewegung ihres Kopfes wippte eine pinkfarbene Haarspange hin und her.
   »Lizzy, meine Kleine, zeig doch unserem Neuzugang mal deine Topflappen. Die sind gut geeignet als Anfängerprojekt.« Die Frau, die Charlotte für die älteste hielt, sprach zu Elizabeth Tanner.
   »Doris, die sind nun wirklich nichts Besonderes«, erwiderte Liz.
   »Nun mach schon, zier dich nicht so, mein Mädchen!« Doris zog die Stirn kraus.
   Seufzend legte Liz die Topflappen auf den Tisch. Sie waren tatsächlich sehr hübsch und aus blau gemusterten Streifeneinheiten zusammengesetzt.
   »Gib nur nicht so an, Elizabeth. Ich habe dir verraten, wie man sie näht.« Die schlanke Frau, die grinsend zu ihnen sah, rückte ihre Brille zurecht. »Hallo, wir haben uns noch nicht vorgestellt. Ich bin Cybill Barlow und arbeite in einem Versicherungsbüro. Du brauchst nicht zufällig ein neues Versicherungskonzept?«
   »Jetzt geht das wieder los«, meldete sich Liz Tanner zu Wort.
   »Wieso, man wird ja wohl noch fragen dürfen, oder?«
   »Da hätte ich tatsächlich einiges mit dir zu besprechen. Ich habe nämlich gerade die Praxis meines Großvaters übernommen.«
   »Klingt interessant, welche Branche?«
   »Ich bin Zahnärztin.« Charlotte genoss jetzt die Aufmerksamkeit aller.
   »Ist die Praxis hier in der Stadt?«
   »Ja, in der Lincoln Street.«
   »Das ist ja nicht mal weit vom Zentrum entfernt.« Cybill überlegte. »Ich sterbe fast vor Angst, wenn ich zum Zahnarzt muss. Es ist jedes Mal die Hölle.«
   Charly war an diese Art Reaktionen gewöhnt und hielt sich mit einem Kommentar zurück.
   Eine Frau namens Allison wandte sich an Cybill. »Ich habe dich kürzlich jemandem empfohlen. Er hat meinen Pick-up gekauft und ich habe ihn gebeten, die Versicherung bei dir zu verlängern.«
   Charlotte lauschte den verschiedenen Gesprächen. Es gab noch Irene, die Schwester des Sheriffs, die angeblich ständig versuchte, ihn zu verkuppeln. Leslie, die in der Notaufnahme als Krankenschwester arbeitete und sich als Erste verabschiedete, weil sie ihren Dienst antreten musste.
   Charlotte schnitt gerade die Randstreifen für die Einfassung ihrer Patchworkblöcke zu. Ungeschickterweise legte sie ihren Finger dabei vor das Lineal und fuhr mit dem scharfen Rollschneider tief in ihr Fleisch hinein.
   »Scheiße«, stieß sie aus und versuchte, ihre Stoffe vor dem wahren Sturzbach von Blut zu schützen, ohne Aufsehen zu erregen. Es hatte nicht mal wehgetan, so schnell war es gegangen. Jetzt allerdings begann der Finger, mächtig zu pochen. Gerade in diesem Augenblick klopfte es an die Tür.
   Joshua Tanner und ein ihr fremder Mann in Uniform betraten den Raum. Offensichtlich handelte es sich um den Sheriff. Ausgerechnet jetzt, wo sie sich so ungeschickt angestellt hatte. Mit der unverletzten Hand umfasste sie den lädierten Finger, das Blut lief ungehindert hindurch.
   Liz sah auf, als sich die Tür öffnete. Dann wurde sie auf Charlotte aufmerksam. Sie lief sofort zu ihr.
   Charly war es unangenehm, plötzlich im Mittelpunkt zu stehen.
   »Josh«, befahl Liz kurz. »Hol den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Wagen.«
   Ihr Mann erblasste, als er das viele Blut registrierte.
   Liz öffnete den Kasten und entnahm ihm ein Verbandspäckchen. Sie riss es auf und presste es mit aller Kraft gegen den verletzten Finger.
   »Aua«, entfuhr es Charlotte. Sie hielt trotzdem still.
   Joshua stand stocksteif und rührte sich nicht von der Stelle.
   »Fahr uns in die Notaufnahme. Das muss genäht werden.«
   »Aber meine Sachen, mein Auto«, jammerte Charly.
   »Ich werde mich um alles kümmern, Miss.« Der Sheriff lächelte sie beruhigend an.
   Bevor sie reagieren konnte, schob Elizabeth sie vorwärts. Innerhalb kurzer Zeit erreichten sie das Krankenhaus.
   Liz dirigierte sie in die Notaufnahme. »Leg dich dort hin, bitte.« Sie wies auf die Liege.
   »Also wirklich, ich glaube nicht …«
   Liz zog sich Untersuchungshandschuhe über und spülte die Wunde aus.
   Leslie erschien in der Tür. »Was ist passiert?«
   »Der Rollschneider«, antwortete Liz und bat um eine Lidocainampulle und Nahtmaterial.
   Leslie bereitete alles vor. »Jeder zahlt Lehrgeld.« Sie zwinkerte Charlotte zu.
   Liz knipste die Lampe an und richtete den Lichtstrahl auf die verletzte Hand.
   »Der Einstich ist etwas schmerzhaft.« Liz nahm die Spritze und schob die Kanüle in den verletzten Finger.
   Charly biss sich auf die Lippen.
   »Schon vorbei«, murmelte Liz sanft und sah auf. Sie griff zum Nadelhalter und verschloss den Schnitt mit drei grazilen Nähten.