Ausgerechnet während seines Urlaubs wird der FBI-Agent Daniel Hanson mit der brutalen Seite seines Jobs konfrontiert. Zusammen mit der eigensinnigen Vanessa, die von seinen Feinden irrtümlich für seine Freundin gehalten wird und deshalb in Lebensgefahr schwebt, begibt er sich auf eine nervenzerreißende Flucht. Zu seinem Erstaunen entpuppt sich Vanessa als unerschrockene Frau, die keine Lust auf die Opferrolle hat und nur zu gern den Spieß umdreht. Sie geraten in einen Strudel aus Intrigen und Verrat, und erst, als es fast zu spät ist, erkennt Daniel, wie viel Vanessa ihm bedeutet.

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ISBN: 978-9925-33-035-5

Seiten: 240

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Romina Gold

Romina Gold
Romina Gold fand bereits als Jugendliche ihre selbst erschaffene Fantasiewelt spannender als das reale Leben. Damals begann sie, ihre Lieblingsgeschichten aufzuschreiben. Ihre Träume hat sie sich bis heute ebenso bewahrt wie die Leidenschaft fürs Schreiben. Rominas Bücher sind eine Mischung aus Romantik und Abenteuer, mit denen sie ihren Lesern eine unterhaltsame Auszeit schenken möchte. Ihre schriftstellerische Bandbreite reicht von rasanten Thrillern über dramatische Beziehungsromane bis hin zu zauberhafter Fantasy, jedoch immer garniert mit einer wundervollen Liebesgeschichte. Die freiberufliche Autorin und Lektorin lebt mit Mann und Hund im sonnigen Südwesten Deutschlands. Ihr Erlebnishunger sowie ihr Faible für fremde Länder finden sich in ihren Romanen ebenso wieder wie ihr Glaube an die wahre Liebe.

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Kapitel 1
Nassau, Bahamas

»Eine Doppelhochzeit?« Vanessa sah ihre beste Freundin erstaunt an. »Niko hat dir tatsächlich einen Antrag gemacht?«
   »Wenn ich nicht wüsste, wie du es meinst, wäre ich zu Tode beleidigt«, brummelte Leilani. »Ja, er hat mich gefragt, gleich nachdem Mia und Yannis ihre Hochzeitspläne bekannt gegeben hatten.«
   »Das ist so cool. Ich freu mich total für euch. Das hätte ich Niko nicht zugetraut. Hat er auf den Knien vor dir gelegen und um deine Hand angehalten?«
   »Mhm … Vor mir gekniet hat er schon.« Ein verschmitztes Lächeln umspielte Leilanis Lippen.
   »Oh, bitte! Verschone mich mit den Details.« Vanessa presste sich mit einer übertriebenen Geste die Hände auf die Ohren, bevor sie Leilani umarmte. »Plant ihr eine große Feier?«
   »Natürlich. Man heiratet schließlich nur einmal.«
   »Ich will dir ja nicht deine romantischen Illusionen nehmen, doch heutzutage gehört es zum guten Ton, mindestens ein Mal geschieden zu sein.«
   Leilani sprang auf Vanessas Neckerei nicht an. »Niko ist mein Traummann. Unsere Liebe ist für die Ewigkeit.«
   »War nur Spaß, Süße. Ich wünsche dir von Herzen, dass ihr euer Leben lang glücklich miteinander seid.«
   »Das weiß ich doch.« Leilani berührte Vanessas Arm. »Mia würde gern auf Cat Island heiraten«, griff sie das eigentliche Thema wieder auf. »Im Strandhaus ihrer Familie. Die Location ist perfekt dafür.«
   Vanessa erinnerte sich an die Fotos vom Ferienhaus der Hansons, das – nur durch einen Strand vom Meer getrennt – in einer romantischen Bucht lag. Leilani hatte sich dort im vergangenen Jahr versteckt, nachdem der Stalker, der in ihre Wohnung eingedrungen war, aus der Untersuchungshaft fliehen konnte. Auf Cat Island waren sie und Nikolas Galanis sich nähergekommen und seitdem das glücklichste Liebespaar, das Vanessa kannte.
   »Das wird bestimmt wunderschön.« Sie seufzte. »So stelle ich mir eine Traumhochzeit vor.«
   »Du kommst doch, oder? Trotz der weiten Anreise?«
   »Was denkst du denn? Für deine Hochzeit würde ich bis zum Nordpol fahren.«
   »Würdest du auch meine Brautjungfer sein?«
   Vanessa schluckte, als sie den erwartungsvollen Schimmer in Leilanis Augen bemerkte. »Ich in einem Kleid? Womöglich noch in einer Pastellfarbe?«
   »Super Idee. Wie wär’s mit rosa?«
   »Warum nicht gleich flieder? Ich färbe mir die Haare passend dazu und leihe mir Mrs. Snyders Pudel.« Vanessas exzentrische Nachbarin beglückte ihre Zwergpudeldame regelmäßig mit absonderlichen Fellfarben.
   »O nein! Das geht überhaupt nicht. Damit würdest du Mia und mir die Show stehlen.« Leilani kicherte. »Keine Sorge. Die Hochzeit findet am Strand statt. Alles ganz lässig. Niko bekomme ich ohnehin niemals in einen Anzug, es war schon schwer genug, ihn zu überreden, wenigstens an diesem Tag auf seine heiß geliebten Tarnhosen zu verzichten.«
   »Das wäre doch mal etwas Neues.«
   Auf Leilanis Gesicht zeigte sich ein verträumter Ausdruck. »Ich habe mir immer eine hawaiianische Hochzeitszeremonie gewünscht, und wir werden zumindest einige Elemente davon übernehmen.« Ihre Vorfahren stammten von Hawaii, und sie fühlte sich den Inseln verbunden, obwohl sie den Großteil ihres Lebens auf den Bahamas verbracht hatte.
   »Das passt zu dir.« Vanessas Blick schweifte über Leilanis zierliche Gestalt mit den langen lackschwarzen Haaren und den Mandelaugen. »Ein schulterfreies Spitzenkleid und ein bunter Blumenkranz anstelle eines Schleiers«, sinnierte sie.
   »Gute Idee, ich denke darüber nach.«
   »Weißt du, was Mia und Yannis für ihre Zeremonie geplant haben?«
   »Nein, Mia tut sehr geheimnisvoll.«
   Vanessa lächelte. Sie mochte Mia Hanson, die als Ärztin im selben Krankenhaus arbeitete wie Leilani und mit Nikos Bruder Yannis Galanis zusammenlebte. Die vier waren eng befreundet und verbrachten einen Großteil ihrer Freizeit miteinander. Die Doppelhochzeit würde die Verbindung der Paare ebenso besiegeln wie ihre Freundschaft. »Wann findet das Event statt?«
   »In rund drei Monaten. Am dritten Wochenende im Juli, um genau zu sein. Ach, ich bin so aufgeregt!« Leilani kicherte schon wieder. Vanessa amüsierte sich über ihre aufgedrehte Freundin.
   Ein Auto fuhr auf die Parkfläche vor Vanessas Haus. »Jenny und Alicia sind da. Die werden staunen.« Sie lief zur Eingangstür und öffnete, bevor ihre Freundinnen klingeln konnten. »Kommt rein, Laini hat euch was zu sagen«, sprudelte sie heraus.
   Die beiden betraten die Küche, wo Leilani an der Kochinsel lehnte.
   »Hey, Laini, was gibts denn Aufregendes?«, fragte Alicia.
   »Hi, ihr Süßen. Ratet mal.«
   »Ihr zieht weg«, sagte Jennifer. »Nach Montana, in eine Hütte im Wald.«
   »Du redest vielleicht einen Quatsch.«
   »Tu ich nicht. Bei Niko muss man jederzeit auf das Schlimmste gefasst sein. Für mein Empfinden ist er schon viel zu lange friedlich.« Jennifer grinste, und Leilani tippte sich an die Stirn.
   Zusammen mit seiner Karriere bei der Delta Force hatte Nikolas auch seine abenteuerlustige Ader an den Nagel gehängt und ebenso seine raubeinige Art abgelegt. Er verhielt sich allen Frauen gegenüber charmant und behandelte Leilani wie eine Prinzessin.
   »Du bist schwanger«, vermutete Alicia.
   »Ihr habt wirklich eine rege Fantasie.« Kopfschüttelnd sah Leilani in die Runde. »Nein, bei uns geht es total bieder zu. Niko und ich werden heiraten, am gleichen Tag wie Mia und Yannis.«
   »Echt? Wow!« Alicia fiel ihr um den Hals. »Herzlichen Glückwunsch, Liebes. Das mit der Doppelhochzeit ist der Knaller.«
   »Gratulation.« Jennifer umarmte sie ebenfalls. »Diesen Schritt hätte ich von Niko niemals erwartet.«
   »Vanessa war auch total platt. Aber warum seid ihr so überrascht? Niko ist nicht so unzivilisiert wie ihr denkt.«
   »Stimmt. Er hat sich wirklich sehr gebessert in den letzten Monaten. Wenn ich an eure Anfangszeit zurückdenke …«
   »Das ist gemein, Jenny.«
   »Wieso? Eigentlich wollte ich dir damit ein Kompliment machen.«
   Leilani verschränkte die Arme vor der Brust und kniff ihre samtbraunen Augen zusammen. »Echt ein tolles Kompliment!«
   »Sei doch nicht eingeschnappt. Niko ist ein super Typ.«
   »Ganz meine Meinung«, mischte sich Vanessa ein. »Und nun sollten wir uns mit Laini freuen.«
   »Hast du Sekt da?«, wandte sich Alicia an sie und wechselte auf diese Weise das Thema. »Das muss gefeiert werden.«
   »Apropos feiern. Was habt ihr geplant?« Jennifer sah Leilani neugierig an. Sie wiederholte, was sie Vanessa Minuten zuvor erzählt hatte.
   »Ihr kommt nach Cat Island?«, schloss sie.
   »Klar. Ehrensache! Übrigens eine geniale Idee, auf der Insel zu heiraten. Falls einer der Herren in letzter Sekunde kalte Füße kriegt, kann er von dort nicht so einfach fliehen.« Jennifer feixte, und Leilani rollte mit den Augen.
   »Für heute habe ich echt genug von deinen Sprüchen.«
   »Lass mir doch den Spaß.« Jennifer schlang einen Arm um Leilanis Hals und diese knuffte sie in die Seite.
   »Habt ihr überhaupt Lust auf Probe oder wollt ihr lieber feiern?«, fragte Vanessa.
   »Erst Probe, danach feiern«, schlug Leilani vor. »Ich lade euch ein, aber wir müssen die neuen Stücke für den Gig am Samstag noch mal durchspielen.«
   »Okay, dann gehen wir rüber.«
   Der Proberaum der Four 4ever befand sich in einem Anbau neben Vanessas Wohnhaus. Die Frauen spielten seit rund drei Jahren zusammen, die Band war in der Hauptstadt und auf Paradise Island bekannt und beliebt. Kaum ein Wochenende verging, an dem sie keinen Auftritt hatten.
   Jennifer nahm hinter dem Schlagzeug Platz, Alicia und Vanessa hängten sich ihre Gitarren um, schalteten die Verstärker ein und Leilani ergriff das Mikrofon. »Wir fangen mit Wish You Were Here an.«
   Jennifer zählte die Takte, und sie begannen zu spielen.

»Hast du dir schon ein Kleid ausgesucht?«, fragte Alicia Leilani, als sie zwei Stunden später in einer Bar saßen.
   »Nein. Ich will nächste Woche mit Mia einkaufen gehen.«
   »Falls ihr eine Beratung braucht, begleite ich euch gern.« Alicia, die ein Faible für Mode hatte, kümmerte sich seit den Anfangstagen der Band voller Begeisterung um ihre Bühnenoutfits.
   »Danke für das Angebot, ich rede mit Mia darüber. Ich denke, es ist ihr ganz recht, wenn du mitkommst. Wir sind beide keine Fashion-Queens.«
   »Laini wollte mir ein Brautjungfernkleid in Rosa verpassen«, warf Vanessa ein.
   »Rosa? Uuh …« Alicia riss gespielt entsetzt die Augen auf. »Niemals. Zu dir passen Grün- oder Blautöne viel besser. Ich würde dich allerdings wirklich gern mal in einem Kleid sehen. Du hast tolle Beine, ich verstehe nicht, warum du die ständig in Hosen versteckst.«
   Vanessa winkte ab. »Kommt, noch eine Runde, dann fahren wir. Ich muss morgen früh raus.«
   »Ja, ich auch.« Alicia sprang auf ihr Ablenkungsmanöver an. Vanessa atmete auf. Sie hasste Kleider. Seit dieser Nacht vor fünf Jahren …

Eine knappe Stunde später stoppte Vanessa in ihrer Einfahrt, holte ihr Smartphone aus der Handtasche und rief die Smarthome-App auf. Die Überwachungssoftware meldete keine besonderen Vorkommnisse. Niemand hatte sich an Fenstern oder Türen zu schaffen gemacht. Mit dem Handy öffnete sie das Garagentor, das langsam nach oben glitt. Gleichzeitig flammten im Gebäude sämtliche Lichter auf und starke Scheinwerfer erhellten jeden Winkel des Grundstücks. Für einen Außenstehenden musste sie paranoid wirken, doch die Vorsichtsmaßnahmen waren ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Nachdem Leilanis Stalker auf der Suche nach ihr in Vanessas Haus eingedrungen war, hatte sie das Anwesen sicherheitstechnisch auf den modernsten Stand bringen lassen. Vier Jahre zuvor war sie schon einmal von einem aufdringlichen Fan angegriffen worden, seitdem trug sie stets eine Waffe bei sich. Zusätzlich ging sie regelmäßig ins Karatetraining und gehörte mittlerweile zu den Schwarzgurten. Niemals mehr würde sie in die Opferrolle geraten.
   Müde sank Vanessa auf die Couch, streifte die Sandaletten ab und zog die Beine auf den Sitz. Leilani und Niko heirateten! Obwohl sich die Gesprächsthemen in den vergangenen Stunden größtenteils um die Hochzeit gedreht hatten, war sie noch immer überrascht über Nikos spontanen Heiratsantrag. Lächelnd erinnerte sie sich an die Anfangszeit der beiden und an das Gefühlschaos, das Leilani durchleben musste, bis Nikolas klar geworden war, wo die Prioritäten in seinem Leben lagen. Dass sein Bruder Yannis am gleichen Tag seine Freundin Mia zur Frau nahm, freute Vanessa ebenfalls sehr. Mia Hanson hatte eine schlimme Zeit hinter sich und verdiente einen liebevollen Mann, der sie auf Händen trug.
   Die Hochzeit am Strand würde gewiss traumhaft werden, denn für Leilanis Wunsch nach einer hawaiianischen Zeremonie bot Cat Island die perfekte Kulisse. Neugierig schaltete Vanessa ihr Smartphone ein und betrachtete sich Fotos in der Google-Bildersuche. Der Anblick der paradiesischen Insel weckte ihre Sehnsucht. Spontan beschloss sie, die Hochzeitsfeier mit einem Kurzurlaub zu verbinden.
   Gähnend legte sie ihr Handy beiseite. Es war höchste Zeit fürs Bett, morgen stand eine Menge Arbeit an. Zwar konnte sie sich als freiberufliche Webdesignerin und App-Entwicklerin ihre Arbeitszeiten einteilen, doch sie musste eine Terminarbeit zu Ende bringen, und dafür brauchte sie einen ausgeschlafenen Kopf. Vanessa überprüfte noch einmal, ob die Alarmanlage eingeschaltet war. Anschließend stieg sie die Treppe zum ersten Stockwerk hinauf, wo sich die Schlafzimmer befanden.

Kapitel 2

Das Quietschen der Briefkastenklappe drang durch das offene Fenster und riss Vanessa aus ihrer ohnehin kaum vorhandenen Konzentration. Seit Leilani in der vergangenen Woche über ihre Hochzeitspläne gesprochen hatte, ging ihr das neue Webseitenprojekt nur zäh von der Hand. Mittlerweile nervte sie die Arbeit, die sie üblicherweise gern verrichtete. Ständig kreisten ihre Gedanken um Leilani und Nikolas oder schweiften zurück zu der Zeit, in der sie ebenfalls mit einem Mann glücklich gewesen war.
   Frustriert speicherte sie die Grafik, an der sie arbeitete, und lief hinaus zum Briefkasten. Ein einzelner Umschlag lag darin, ein cremefarbenes Kuvert, auf das Leilani in ihrer schnörkeligen Handschrift Vanessas Adresse geschrieben hatte. Als sie ihren Namen las, verspürte sie einen Stich. Vanessa Ireland. Obwohl sie sich seit mehreren Jahren so nannte, war sie noch immer nicht vollständig eins damit geworden. Ob das je der Fall sein würde? Sie hatte ihr altes Leben komplett hinter sich gelassen und war in eine neue Identität geschlüpft. Rasch verdrängte Vanessa die bedrückenden Erinnerungen, die sich in ihrem Kopf ausbreiten wollten. In ihrem Arbeitszimmer öffnete sie den Brief. Wie erwartet war es die offizielle Einladung zur Hochzeit. Leilani hatte am unteren Rand vermerkt, wie sehr Niko und sie sich darüber freuten, dass Vanessa ihre Trauzeugin sein würde.
   Langsam ließ sie die Karte sinken, erneut von zwiespältigen Gefühlen übermannt. So gern sie ihrer liebsten Freundin diesen Wunsch erfüllte, so unwohl fühlte sie sich dabei. Vanessa mochte es nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Im Grunde war sie menschenscheu, obwohl sie regelmäßig vor Publikum auftrat. Sobald sie Gitarre spielte, befand sie sich jedoch in einer anderen Welt und konnte die Zuhörer ausblenden. Auf der Bühne hielt sie sich im Hintergrund und überließ Leilani und Alicia, die den Kontakt zu ihren Fans liebten, die Show.
   Um nicht weiter darüber nachdenken zu müssen, wandte sie sich erneut ihrem Notebook mit dem nervigen Projekt zu. Sie würde die paar Minuten neben dem Friedensrichter überleben, und die Hochzeitsgäste achteten ohnehin nur auf das Brautpaar.

Am nächsten Morgen traf sich Vanessa mit Alicia, Leilani und Mia zum Frühstück im Louis & Steen’s New Orleans Coffeehouse, das direkt am Meer lag. Sie saßen an einem der bunten Holztische unter den ausladenden Sonnenschirmen, ließen sich von der Morgenbrise die Haare zerzausen und genossen den frisch gerösteten Kaffee und die aufgetischten Köstlichkeiten. Im Anschluss würden sie ihre Kleider für die Hochzeit aussuchen. Mia und Leilani hatten Alicias Vorschlag, sie zu beraten, gern angenommen. Mia Hanson war genau wie Vanessa eher der praktische Typ, der sich in Jeans und T-Shirt am wohlsten fühlte.
   »Wer ist eigentlich euer Trauzeuge?«, wandte sich Vanessa an Mia.
   »Mein Bruder Tyler.« Sie schmunzelte. »Wie erwartet, war er zuerst alles andere als begeistert davon, doch Stella hat ihn so lange bearbeitet, bis ihm keine Ausreden mehr eingefallen sind.«
   Vanessa gab Mias Lächeln zurück. Sie kannte Tyler Hanson und dessen Frau Stella, seit sie mit ihrer Band bei der Eröffnungsparty seiner Kampfsportschule aufgetreten war, und hatte das sympathische Pärchen sofort ins Herz geschlossen. Tyler besaß einen unwiderstehlichen Charme und ein flottes Mundwerk, mit dem er jeden innerhalb kürzester Zeit entweder zum Lachen oder zur Weißglut brachte. Ebenso wie Mia war er hochgewachsen, blond und blauäugig.
   »Wir müssen uns auf Cat Island eine Unterkunft besorgen«, warf Alicia ein. »Kannst du etwas empfehlen?« Fragend sah sie Mia an.
   »Ich habe mir im Fernandez Bay Village Optionen auf die freien Betten geben lassen. Das Ferienresort liegt nicht weit von unserem Haus entfernt.« Mia zog ein Prospekt aus ihrer Handtasche und reichte es Alicia. »Ihr müsst die Buchungen nur rechtzeitig bestätigen, falls euch die Anlage zusagt. Selbstverständlich könnt ihr auch woanders buchen, es gibt mehrere kleine Hotels auf der Insel. Das Strandhaus ist leider voll belegt, dort sind die Brautpaare und Brauteltern untergebracht. Die meisten Gäste werden auf ihren Booten übernachten.«
   »Auf der Kalea sind Schlafplätze frei«, mischte sich Leilani ein. »Niko und ich fahren mit der Jacht nach Cat Island, schlafen aber im Haus.«
   Alicia studierte die Broschüre und schob sie anschließend Vanessa hin.
   »Sollen wir los?«, fragte Leilani. »Ich will endlich mein Hochzeitskleid aussuchen.«
   Vanessa lächelte. Leilanis Begeisterung und ihre Freude auf die kommenden Stunden wirkten ansteckend.
   »Bis zu unserem Termin ist noch genügend Zeit«, äußerte Mia, die die Angelegenheit wesentlich lässiger nahm, unaufgeregt.
   »Wir dürfen bestimmt früher rein, wir sind die ersten Kunden.«
   Alicia lachte. »Lasst uns gehen, bevor Laini komplett die Nerven verliert.«
   Bald darauf betraten sie das exklusive Brautmodengeschäft, wo sie von der Inhaberin empfangen und zu einer Sitzgruppe geführt wurden. Während Leilani ihre Vorstellungen schilderte, sahen sich Mia und Vanessa um.
   »Ich trage selten Kleider«, sagte Mia. »Das letzte Mal war bei Tylers und Stellas Hochzeit.«
   »Ich ziehe auch lieber Hosen an«, stimmte Vanessa zu. »Aber als Braut darf man sich herausputzen und du mit deiner super Figur wirst in jedem Hochzeitskleid wunderbar aussehen.«
   Mia wiegte den Kopf. »Ich mag keine Rüschen, voluminösen Röcke und Glitzerkram.« Mit einer Geste umfasste sie die Kleider, die auf Modepuppen ausgestellt waren.
   »Es gibt sehr schöne schlichte Modelle. Du solltest etwas Figurnahes wählen.«
   »Das ist eine gute Idee.«
   Leilani begann mit der Anprobe, Vanessa und Mia nahmen in den Sesseln Platz und kommentierten ebenso wie Alicia die einzelnen Kreationen. Schließlich hatte Leilani ein Kleid gefunden, das zu ihrer Vorstellung von einer hawaiianischen Hochzeit passte.
   Anschließend traf Mia ihre Wahl. Sie entschied sich für ein schulterfreies, bodenlanges Modell aus Spitze, das ihre gertenschlanke Figur wie eine zweite Haut umhüllte. Den angebotenen Schleier lehnte sie ab, stattdessen wählte sie ein schmales Strassdiadem, das ihre Lockenmähne aus der Stirn halten würde.
   »Fehlt nur noch dein Brautjungfernkleid«, sagte Alicia zu Vanessa.
   Sie nickte knapp und folgte der Verkäuferin zu einem Ständer, auf dem lange Kleider in zarten Farben hingen.
   »Ich hab’s ja schon mal gesagt, an deiner Stelle würde ich blau oder grün nehmen«, schlug Alicia vor, die neben ihr auftauchte. »Das passt am besten zu deinem Hautton und zu deiner Augenfarbe.«
   Vanessa war das im Grunde egal, doch sie schwieg, da sie Alicias Enthusiasmus keinen Dämpfer versetzen wollte. Ihre Freundin meinte es gut. Nachdem sie mehrere Modelle anprobiert hatte, entschied sie sich für ein ärmelloses türkisblaues Kleid, das ihren Körper locker umspielte. Ein breites Satinband betonte die Taille und der weite Rock fiel bis zu ihren Knöcheln hinab. Es saß perfekt, sodass sie es sofort mitnehmen konnte, während die Brautkleider geändert werden mussten.

Gegen Mittag verließen sie das Geschäft. Vorm Eingang wartete Nikolas, der an Leilanis Jeep Renegade lehnte. Beim Anblick seiner zukünftigen Frau begannen die hellgrünen Augen in seinem gebräunten Gesicht zu strahlen.
   »Niko!« Leilani flog auf ihn zu, er zog sie in seine Arme und küsste sie, als hätten sie sich wochenlang nicht gesehen.
   Alicia und Vanessa schauten sich an und Alicia seufzte übertrieben laut. Nikolas zwinkerte ihnen über Leilanis Schulter durchtrieben zu.
   »Hi, Ladys«, begrüßte er sie.
   »Hi, Niko.«
   Leilani drehte sich zu ihnen um. »Danke, dass ihr mitgekommen seid. Ohne euch wäre ich total aufgeschmissen gewesen.« Sie umarmte zuerst Alicia und anschließend Vanessa. »Wir sehen uns morgen Abend beim Auftritt.«
   »Es hat mir Spaß gemacht, obwohl du so nervös warst«, sagte Alicia.
   »Ich war überhaupt nicht nervös.«
   Nikolas umfasste lachend ihr Handgelenk. »Wenn ich geahnt hätte, was mein Antrag auslöst, dann hätte ich dich nach Las Vegas entführt, ein Elviskostüm angezogen und dich in eine der Wedding Chapels geschleppt.«
   »Das hätte dir nichts genutzt, mein Lieber. Auf die große Feier hätte ich auf jeden Fall bestanden.«
   »Du bekommst alles von mir, was du dir wünschst«, raunte er mit einem glutvollen Blick, der Vanessa die Hitze in die Wangen trieb.
   »Okay, bevor das hier noch weiter ausartet, fahren wir besser.« Mia legte Niko eine Hand auf die Schulter, und er grinste sie an.
   »Danke für eure Unterstützung«, wandte sich Mia an Vanessa und Alicia. »Es war ein schöner Tag.«
   »Das finde ich auch«, erwiderte Vanessa. »Wir sollten uns bald wieder treffen.«
   »Das machen wir.«
   »Bis dann.« Nikolas hielt die Wagentür auf, Mia und Leilani stiegen ein.
   »Ach ja«, säuselte Alicia, als der Jeep losgefahren war. »Wieso wächst diese Sorte Männer nicht auf Bäumen?«
   »Was beklagst du dich? Dir ist es doch noch nie schwergefallen, einen kennenzulernen.«
   »Das nicht, aber die meisten Typen sind die totalen Pfeifen. Jemanden wie Niko, Yannis oder Tyler findet man selten. Fürsorglich, sympathisch, zielstrebig, umwerfend gut aussehend und trotzdem treu wie Gold.«
   Vanessa zuckte mit den Schultern. Sie hatte die Hoffnung, einen solchen Partner zu finden, bereits vor langer Zeit aufgegeben. »Komm, ich fahre dich heim.«

Zu Hause angekommen trug sie das Kleid ins Schlafzimmer, nahm es aus der Schutzhülle und hängte es an eine der Schranktüren. Nachdenklich ließ sie den weichen Tüll durch ihre Finger gleiten. Obwohl sie erst überhaupt keine Lust auf diesen Tag gehabt hatte, musste sie sich im Nachhinein eingestehen, dass die Stunden mit Leilani, Mia und Alicia unterhaltsam gewesen waren. Plötzlich freute sich Vanessa auf die Feier und die Urlaubstage auf Cat Island. Sie kannte einen Teil der Anwesenden und fühlte sich sicher auf einer Hochzeit. Ja, sie würde die Zeit und die festliche Stimmung im Kreis ihrer Freundinnen genießen. Es war schon viel zu lange her, seit sie an einem großen Familienfest teilgenommen hatte.

Kapitel 3
Cat Island, 11 Wochen später

Die Sonne meinte es gut mit der Hochzeitsgesellschaft. Sie brannte seit Stunden auf die Insel herunter und heizte die perlweiß schimmernden Sandstrände auf. Zwar sorgte die Brise, die vom Meer hereinwehte, für eine leichte Abkühlung, trotzdem war Vanessa froh um den Hut aus geflochtenen Palmenblättern, der auf ihren Locken saß.
   Gemeinsam mit Alicia und Jennifer war sie am Vortag nach Cat Island geflogen, wo im Ferienresort Fernandez Bay Village zwei gemütliche Cottages auf sie warteten. Mias Bruder Tyler hatte sie vor einigen Minuten abgeholt und parkte nun vor dem Strandhaus, wo die Trauungen und die anschließende Feier stattfinden würden.
   Sie betraten die Veranda und begrüßten Stella, Yannis und Nikolas, die in der Loungeecke saßen. Die Galanis-Brüder trugen bereits ihre Hochzeitskleidung: Beigefarbene Hosen und luftige Hemden, deren oberste Knöpfe offenstanden. Der helle Baumwollstoff betonte ihre Bräune und das schimmernde Schwarz ihrer Haare.
   »Seid ihr mit eurer Unterkunft zufrieden?«, fragte Yannis.
   »Das Resort ist herrlich«, antwortete Alicia. »Noch viel schöner als im Prospekt. Vor allem der Privatstrand hat es mir angetan.«
   »Ich wusste, dass es euch gefallen wird«, warf sich Tyler in die Brust. »Es war meine Idee, die Cottages zu reservieren.«
   Nikolas schnaubte. »Du bist mal wieder äußerst bescheiden, Hanson.«
   »Im Gegensatz zu dir biete ich den Damen etwas. Du Partylöwe hättest sie in einem Zelt am Strand einquartiert.«
   »Wirklich erstaunlich, was du über mich weißt.«
   »Tja, ich kenne dich in- und auswendig.« Tyler zwinkerte Niko zu.
   »Spar dir das Gesäusel, sonst glauben die Gäste, du wärst meine Braut.«
   »Könnt ihr nicht wenigstens an meinem Hochzeitstag mal Ruhe geben?«, beschwerte sich Yannis.
   »Sag das Blondie«, grummelte Nikolas. »Außerdem ist es auch mein Hochzeitstag.«
   »Dafür bist du aber ziemlich mies drauf.«
   »Bin ich nicht!«
   »Ach komm, Mann«, mischte sich Tyler ein. »Wie wär’s mit einem Drink? Gegen deine Nervosität.«
   Nikolas schoss einen tödlichen Blick auf ihn ab, stemmte sich hoch und verschwand im Haus. Yannis sah ihm kopfschüttelnd hinterher, murmelte eine Entschuldigung und folgte ihm.
   Mit einem Schulterzucken wandte sich Tyler an Vanessa, Alicia und Jennifer. »Was wollt ihr trinken? Ich hätte einen Hochzeitscocktail anzubieten.«
   »Ein bisschen früh für Alkohol«, äußerte Alicia mit hochgezogenen Brauen.
   »Du bist vielleicht langweilig. Immerhin feiern wir eine Doppelhochzeit.«
   »Eben. Davon möchte ich etwas mitbekommen.«
   Tyler sah von Jennifer zu Vanessa. »Seid ihr auch solche Weicheier?«
   »Gib’s zu, du willst dir Mut antrinken«, neckte Vanessa ihn. Sie spielte auf seine bevorstehende Aufgabe als Trauzeuge an.
   Sein freches Grinsen verblasste. »Kann doch nicht schaden, oder?«
   Er wirkte tatsächlich, als hätte er Lampenfieber. »Okay, damit du nicht als einziger beschwipst bist, erbarme ich mich.«
   »Ich mich auch.« Jennifer ließ sich auf die Schaukelbank aus Teakholz fallen, sodass die Ketten klirrten, an denen sie befestigt war.
   »Also zwei Mal etwas Prickelndes mit Schirmchen?«, fragte Tyler.
   »Mach einfach.« Alicia verscheuchte ihn mit einer Handbewegung, und er verschwand im Haus. »Er ist ja hochgradig nervös«, bemerkte sie an Vanessa gewandt.
   »Das bin ich ebenfalls. Ich war niemals zuvor Trauzeugin.«
   »Das packst du. Sind doch nur ein paar Minuten.« Alicia setzte sich neben Jennifer.
   »Unsere Laini heiratet«, sagte Jenny mit einem versonnenen Lächeln. »Ich kann es noch immer nicht fassen, wie schnell das ging.«
   »Ich war auch total überrascht. Niko und sie kennen sich gerade mal ein Jahr.«
   »Tja, der wahren Liebe ist die Zeit egal.« Jennifer versetzte die Schaukel in Schwung.
   »Du bist heute aber poetisch drauf, daraus könnte man glatt einen Songtext machen.« Alicia begann, eine Melodie zu summen.
   Das Dröhnen starker Motoren lenkte Vanessa von dem Gerede ihrer Freundinnen ab. Sie beschattete die Augen mit einer Hand und sah über die weißen Partyzelte und Baldachine, die auf dem Strand aufgebaut worden waren, hinaus aufs Meer. Ein Offshore-Powerboat raste auf die Insel zu, beschrieb einen eleganten Bogen, wobei der silberne Rumpf im Sonnenlicht aufblitzte, und schwenkte in Richtung Landungssteg. Der Skipper drosselte die Geschwindigkeit und suchte nach einem freien Platz zwischen den Jachten der Hochzeitsgäste. Gleich darauf ging ein hochgewachsener Mann von Bord, vertäute das Boot am Anleger, schulterte einen Rucksack und setzte sich in Bewegung.
   »Das ist Daniel Hanson«, sagte Alicia, die den Neuankömmling interessiert beobachtete.
   »Woher kennst du ihn?«, fragte Jennifer.
   »Wir haben ihn im vergangenen Jahr kennengelernt, als wir bei der Eröffnung von Tylers Kampfsportschule aufgetreten sind. Erinnerst du dich nicht mehr?«
   »Klar erinnere ich mich an den Gig, aber nicht an ihn. Da waren so viele Leute an diesem Tag.«
   »Also ich habe den süßen Danny nicht vergessen.« Alicia verdrehte verzückt die Augen. »Er ist eine echte Sahneschnitte.«
   Daniel Hanson war Vanessa ebenfalls im Gedächtnis geblieben. Insgeheim gab sie Alicia recht. Er war ein attraktiver Mann. Mindestens einen Meter neunzig groß, blond, und mit einem sündhaft athletischen Körper gesegnet. Er arbeitete für das FBI und hatte Yannis und Niko geholfen, die Wohnadresse von Leilanis Stalker herauszufinden, doch als die Brüder dem Kerl einen Besuch abstatten wollten, war dieser bereits untergetaucht gewesen.
   »Wisst ihr noch, der Showkampf, den er mit dieser MMA-Kämpferin vorgeführt hat?«, fuhr Alicia fort. »Hieß sie nicht Julia?«
   »Julia Carpenter«, mischte sich Vanessa ein. »Sie unterrichtet in einer Boxschule.« Vanessa hatte an einem von Julias Selbstverteidigungsseminaren für Frauen teilgenommen, kurz nachdem sie sich in Tylers Kampfsportschule kennengelernt hatten.
   Soeben sprang Daniel vom Steg und steuerte auf das Haus zu. Vanessa betrachtete ihn verstohlen. Er trug dunkelblaue Shorts und ein weißes Shirt, das sich an die Konturen seines Oberkörpers schmiegte, die breiten Schultern und den massiven Brustkorb betonte. Sekunden später stieg er die Verandatreppe herauf. Als er sie bemerkte, blieb er stehen und nahm seine Sonnenbrille ab.
   »Hallo, die Damen.« Seine saphirblauen Augen funkelten bei Alicias Anblick. Kein Wunder, sie war eine hübsche Frau, und ihre langen kupferroten Haare, die ihr lockig über den Rücken fielen, waren ein echter Hingucker. »Ihr seid doch Lainis Bandkolleginnen?«
   »Ja. Wir haben uns im vergangenen Jahr kennengelernt«, antwortete Alicia.
   »Im Gym, bei der Eröffnung. Ich erinnere mich.« Er lächelte, und Vanessa verschlug es für einen Moment den Atem.
   »Das sind Jennifer und Vanessa.« Alicia deutete auf sie. »Und ich bin Alicia.«
   Er nickte in die Runde. »Daniel, oder lieber Dan«, stellte er sich vor. »Mias und Tylers Cousin.«
   »Das weiß ich«, erwiderte Alicia keck. »Wir Frauen sind für unser Langzeitgedächtnis bekannt.«
   Er zog eine Braue hoch. »Und ich wollte mir gerade etwas darauf einbilden, weil ich euch wegen meiner überragenden sportlichen Leistung im Gedächtnis geblieben bin.«
   Sie lachten.
   »Hey, Dan!« Tyler und Stella erschienen auf der Veranda.
   Stella umarmte ihn, und er küsste sie auf die Wange. »Du hast es ja noch geschafft.«
   »Auf den letzten Drücker. Zum Glück konnte ich Mias Boot nehmen, mein Anschlussflug war bereits weg, als ich in Nassau ankam.«
   »Dein Job mal wieder?«
   »Jepp.«
   Tyler reichte Vanessa und Jennifer zwei Cocktailgläser. »Hier, ein Honeymoon, habe ich selbst kreiert. Extra für die Hochzeit.«
   »Danke.« Vanessa sog an dem Strohhalm, der in der milchig-weißen Flüssigkeit steckte. »Schmeckt original wie eine Piña Colada«, stellte sie fest.
   »Du merkst echt alles«, maulte Tyler. »Willst du auch einen Hochzeitscocktail?«, wandte er sich an seinen Cousin.
   »Später vielleicht. Lieber erst mal ein Bier.«
   »Du kannst ein Kalik haben.«
   »Schon überredet.« Daniel lächelte noch einmal in die Runde und folgte Tyler und Stella ins Haus.
   »Ist dir aufgefallen, wie er dich angesehen hat?«, fragte Jennifer Alicia.
   »Vermutlich macht er das bei jeder Frau.« Alicia tat die Äußerung lässig ab, aber Vanessa merkte ihr an, wie geschmeichelt sie sich fühlte.
   »Ach was, der hat dich ja förmlich aufgefressen. Ich an deiner Stelle würde mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen.«
   »Das habe ich auch nicht vor. Obwohl er ein Ladykiller ist.«
   »Ladykiller? Wie kommst du darauf?«
   »Hast du keine Augen im Kopf, Jenny? Er ist viel zu schön für diese Welt.«
   Vanessa stieß heftig die Luft aus. »Ihr habt Probleme.«
   »Ooh … Ich würde Daniel Hanson nicht als Problem bezeichnen.« Alicia blinzelte übertrieben.
   »Da gebe ich dir recht, aber es kann ja nicht jede so eine eiserne Jungfrau sein wie unsere Vanessa.« Jennifer grinste breit.
   Die scherzhafte Bemerkung traf Vanessa bis ins Mark, doch sie überspielte die Kränkung, indem sie an ihrem Cocktail nippte. Jenny wusste nicht, warum sie sich seit Jahren von Männern fernhielt, und sie hatte keine Lust auf eine Erklärung. »Meine Ruhe ist mir heilig«, entgegnete sie lapidar, drehte ihren Bandkolleginnen den Rücken zu und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die in der Mittagssonne glitzernde Wasserfläche.
   Alicia und Jennifer blieben noch eine Weile beim Thema Daniel Hanson, aber Vanessa hörte nur mit halbem Ohr zu. Während sie aufs Meer hinausstarrte, versuchte sie, die bitteren Erinnerungen zu verdrängen, die Jennifers Bemerkung heraufbeschworen hatten, indem sie sich zwang, den Ablauf der bevorstehenden Trauung ein weiteres Mal gedanklich durchzugehen. Sie sollte in der Nähe des Friedensrichters stehen und die Ringe für Leilani und Nikolas bereithalten.
   Bisher hatte Vanessa die Bräute nicht zu Gesicht bekommen, und sie platzte fast vor Neugier. Obwohl sie die Kleider kannte, die Leilani und Mia tragen würden, war sie gespannt auf deren Gesamterscheinung mit Kopfschmuck und Brautstrauß.
   »Da seid ihr ja!« Leilanis Ruf riss Vanessa aus ihrem Sinnieren.
   »Hallo, Laini.« Sie umarmte ihre Freundin.
   »Ich freu mich so, dass ihr hier seid.«
   »Wie geht es dir?«, fragte Alicia. »Bist du sehr aufgeregt?«
   »Und wie. Ich war die ganze Nacht hellwach.«
   »Woran das wohl gelegen haben mag?«
   »Ach, Jenny! Du bist unmöglich.«
   »Erzähl mir was Neues.«
   »Kann ich dir helfen?«, bot Vanessa Leilani an.
   »Das ist lieb, aber meine Mom hilft mir beim Ankleiden, und Stella hat ihre Stylistin einfliegen lassen. Sie kümmert sich um unsere Haare und das Make-up. Genießt die Zeit, bis es losgeht. Kaio ist übrigens auch hier, er hat auf der Kalea geschlafen und wird sicher gleich rüberkommen.« Sie bedachte Vanessa mit einem vielsagenden Lächeln.
   Leilani probierte seit über zwei Jahren, Vanessa mit ihrem Bruder Makaio zu verkuppeln. Sie mochte den gut aussehenden Hawaiianer, doch zu mehr als Freundschaft war sie nicht bereit. Makaio schien ebenfalls kein Interesse an ihr zu haben. Er war ein Computerfreak, der in seiner Freizeit Keyboard spielte und ab und zu mit den Four 4ever auftrat.
   »Ich muss wieder rein, mich aufbrezeln lassen. Ich wollte euch nur schnell Hallo sagen.« Leilani wirbelte herum und verschwand im Haus.
   »Das war eine echt kurze Begrüßung«, stellte Jennifer fest.
   »Sie ist total nervös«, nahm Vanessa die Freundin in Schutz.
   »Das sind heute wohl alle. Wird Zeit, dass die Show beginnt, damit wir endlich feiern können.« Jennifer leerte ihr Glas, und Alicia schüttelte den Kopf.
   »Du solltest das Ganze etwas ernster nehmen.«
   »Tu ich doch. Ich überlege ernsthaft, ob ich noch einen Cocktail trinke, bevor es losgeht.«
   »Du hast ja jetzt schon einen sitzen.«
   Jennifer zuckte mit den Schultern und ließ sich wieder auf die Schaukelbank fallen.
   

*

Daniel stand hinter der letzten Stuhlreihe, die unter den schattenspendenden Baldachinen am Strand aufgebaut worden war und verfolgte über die Köpfe der Hochzeitsgäste hinweg die Trauungen. Mia und Yannis hatten sich vor wenigen Minuten das Jawort gegeben. Nun schritt Leilani am Arm ihres Vaters den mit bunten Blüten bestreuten Sand entlang auf das Podest zu, auf dem die Feierlichkeiten abgehalten wurden. Neben dem Friedensrichter warteten Nikolas und Vanessa. Daniels Blick blieb an der hochgewachsenen Frau hängen, deren schokoladenbraune Locken bis zu ihrer Taille reichten. Mit wachsender Faszination betrachtete er sie und bekam die Zeremonie nur am Rande mit. Soeben trat sie vor und hielt Niko und Leilani das kleine Kissen hin, auf dem die Trauringe lagen. Das türkisblaue Maxikleid mit den schmalen Trägern verlieh ihr eine jugendliche Anmut. Gewöhnlich übten Rothaarige wie Alicia einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn aus, doch Vanessa berührte eine unbekannte Saite in ihm. Ihre zurückhaltende Art hatte bereits bei seiner Ankunft sein Interesse geweckt. Eigentlich schon damals, als sie bei der Eröffnung von Tylers Kampfsportschule mit ihrer Band aufgetreten war. Aus ihren tintenblauen Augen sprachen Intelligenz und Wissbegierde, gleichzeitig wirkte sie, als würde sie einen unsichtbaren Schutzschild vor sich hertragen. Obwohl sich Daniel einiges auf seine gute Menschenkenntnis einbildete, blieb sie für ihn undurchschaubar, und das weckte seine Neugier.
   Das Wochenende auf Cat Island versprach kurzweilig zu werden, denn außer ihr und Alicia, die seit seiner Ankunft seine Nähe suchte, gab es noch weitere attraktive Frauen unter den Hochzeitsgästen. Daniel tanzte und flirtete gern. In den nächsten Stunden wollte er sich ganz seinem Vergnügen hingeben. Die letzten Wochen waren anstrengend gewesen, und die Ablenkung würde ihm guttun.
   Die Trauungszeremonie kam zum Ende, Nikolas küsste Leilani. Anschließend beglückwünschten die Gäste die frischgebackenen Ehepaare. Daniel schloss sich an. Er mochte die Galanis-Brüder, und es freute ihn sehr, dass seine Cousine einen liebevollen und fürsorglichen Mann wie Yannis gefunden hatte.

Beim darauffolgenden Essen saß er zwischen Alicia und Vanessa. Mia war ein Goldstück. Sie kannte seine Vorlieben und hatte ihn perfekt platziert. Daniel achtete darauf, seinen Charme gleichmäßig auf beide Tischdamen zu verteilen, doch während Alicia sich davon einwickeln ließ, blieb Vanessa freundlich, aber distanziert. Er akzeptierte ihre Reserviertheit und hielt sich höflich zurück.
   Leilani trat zu ihnen an den Tisch. Sie trug ein weißes bodenlanges Kleid aus fließendem Stoff, das ihre goldbraunen Arme und Schultern freiließ, um ihren Hals lag eine roséfarben schimmernde Perlenkette und die schwarzen Haare zierte ein Kranz aus weißen, gelben und pinkfarbenen Frangipaniblüten. Die Blume der ewigen Liebe, wie sie ihm erklärt hatte, als sie ihm zu Beginn der Trauung einen Lei in den gleichen Farben umhängte. Sie sah bezaubernd aus und erinnerte ihn an eine hawaiianische Prinzessin.
   »Alles okay bei euch?«, fragte sie und setzte sich neben Vanessa.
   »Perfekt«, antwortete Alicia. »Die Zeremonie war wunderschön, und die Feier ist toll.«
   Während sie sprach, strahlte sie Daniel an. Er kannte solche Blicke, da die meisten Frauen in dieser Weise auf ihn reagierten.
   »Das freut mich.« Leilani prostete ihnen mit ihrem Champagnerglas zu. »Ich bin so glücklich, dass ihr diesen besonderen Tag mit uns verbringt. Es war Nikos und mein größter Wunsch, dass alle unsere Freunde mit uns feiern.«
   Vanessa lächelte. »Wo steckt dein Held?«
   »Er ist da drüben.« Sie deutete hinter sich. »Wir machen gerade unsere Verabschiedungsrunde. Wir werden gleich nach Nassau zurückfliegen und weiter nach Honolulu in die Flitterwochen.«
   »Wow. Das war also die Überraschung, von der Nikolas gesprochen hatte?«
   »Ja.«
   »Wann warst du das letzte Mal auf Hawaii?«, fragte Daniel.
   »Ist schon ewig her. Über fünf Jahre. Niko war noch nie dort. Ach, ich freu mich so darauf, ihm meine Heimat zu zeigen.«
   Ihr liebreizendes Gesicht leuchtete vor Glück, und er freute sich mit ihr. »Dann wünsche ich euch viel Spaß.«
   »Den werden wir haben.« Leilani erwiderte sein Lächeln mit einem vergnügten Zwinkern.
   »Wo verbringen Mia und Yannis ihre Flitterwochen?«, wollte Alicia wissen.
   »Sie bleiben hier.«
   »Im Strandhaus?«
   Leilani nickte. »Wieso denn nicht? Cat Island ist das perfekte Flitterwochenparadies.«
   »Da hast du recht. Das Haus und die Bucht sind traumhaft.«
   »Die Insel ist wundervoll«, warf Vanessa ein. »Zumindest das, was ich bisher davon gesehen habe.«
   Daniel war der gleichen Meinung, weswegen er Urlaub genommen hatte und im Anschluss an die Hochzeitsfeier einige Tage hier verbringen würde.
   Er wollte tauchen gehen, den Strand und die entspannte Atmosphäre genießen, die auf Cat Island herrschte und den Lebensrhythmus der Einheimischen bestimmte.
   »Da bist du.« Nikolas küsste seine Frau auf die Wange. »Wir müssen allmählich los, Sweetheart.«
   »Ich weiß.« Leilani stand auf. »Danke, dass ihr gekommen seid.« Sie legte Vanessa eine Hand auf die Schulter. »Und dir danke ich von ganzem Herzen, dass du meine Trauzeugin warst. Das bedeutet mir sehr viel.«
   »Es war ein besonderes Erlebnis für mich.« Vanessa umarmte zuerst Leilani und anschließend Nikolas. »Genießt eure Flitterwochen. Einen guten Flug und eine tolle Zeit wünsche ich euch.«
   »Feiert noch schön.« Leilani winkte zum Abschied.
   »Stop«, meldete sich Jennifer. »Nicht so eilig, Süße. Du hast etwas vergessen.«
   »Ach ja, ihr wollt meinen Brautstrauß.« Lachend hielt Leilani das Gebinde aus Frangipaniblüten und Orchideenrispen hoch.
   »Okay, alle unverheirateten Ladys bitte hierher«, rief Nikolas, ergriff den Strauß und schwenkte ihn über seinem Kopf.
   Amüsiert beobachtete Daniel, wie sich mehrere junge Frauen um Leilani scharten. Auch Alicia, Jennifer und Vanessa mischten sich unter die Gruppe, aufgeregte Stimmen schwirrten durcheinander.
   »Du musst die Augen schließen, Laini!«
   »Nein, sie muss sich mit dem Rücken vor uns stellen und den Strauß werfen.«
   »Ich werfe den Strauß über die Schulter«, entschied Leilani, nahm ihn Nikolas ab und zog eine gelbe Frangipaniblüte heraus, die sie ihm reichte. »Die Blume der ewigen Liebe für die Liebe meines Lebens«, sagte sie und küsste ihn.
   »Mach schon.« Eine junge Blondine klatschte aufgeregt in die Hände. »Dafür habt ihr später genug Zeit.«
   Leilani löste sich aus der Gruppe, stellte sich in Position und die Frauen reihten sich hinter ihr auf. Sekunden danach flog der Brautstrauß in die Luft, Arme reckten sich und die erfolgreiche Fängerin stieß einen Jubelschrei aus. Es war Alicia. Strahlend fiel sie Vanessa und Jennifer um den Hals und umarmte anschließend Leilani.
   »Jetzt sind die Männer dran«, rief Stella und trat zu Niko.
   »Ich habe meine Wurfsterne nicht dabei«, sagte dieser.
   »Laini?« Stella flüsterte ihr etwas ins Ohr, Leilani kicherte und hob ihren Rock an. Gleich darauf hielt Nikolas ein hellblaues, spitzenbesetztes Strumpfband hoch.
   »Die unverheirateten Herren bitte!«
   »Na los!« Alicia, die neben Daniel aufgetaucht war, stupste ihn gegen die Schulter. Nach kurzem Zögern ging er zu den Junggesellen hinüber.
   »Werfen ist öde«, äußerte Niko. »Ihr solltet um das Teil kämpfen.«
   »Wenn du noch lange laberst, verpasst du deine Flitterwochen, Galanis!«
   Lachend drehte er sich um und warf das Strumpfband. Daniel hatte nicht wirklich vorgehabt, es zu fangen, doch es traf ihn an der Brust und fiel ihm förmlich in die Hände. Um den Spaß nicht zu verderben, schwenkte er es gut sichtbar für alle durch die Luft.
   »Haha, … Dan! Hast du nicht schon genug von den Dingern?«, erklang Tylers Stimme.
   Er ließ das Strumpfband um seinen Zeigefinger kreisen. »Ein blaues fehlt noch in meiner Sammlung.«
   »Du bekommst den Hals einfach nicht voll«, zog Nikolas ihn auf.
   Leilani erschien an seiner Seite. »Du weißt über die Bedeutung Bescheid? Wer den Brautstrauß oder das Strumpfband fängt, heiratet demnächst.«
   »Alles nur Aberglaube.« Flugs steckte Daniel das Wäschestück in seine Hosentasche.
   »Wir müssen los.« Nikolas nahm die Hand seiner Frau, sie winkten ein letztes Mal in die Runde und liefen den Strand hinauf in Richtung Haus.
   Daniel setzte sich wieder auf seinen Platz zwischen Alicia und Vanessa. Halbwegs rechnete er mit einer anzüglichen Bemerkung, doch Alicia stützte mit einem verträumten Gesichtsausdruck den Kopf in ihre Hände. »Hawaii, da wäre ich auch gern.«
   »Frag sie, ob du mitkommen kannst. Sie sind definitiv scharf auf eine Anstandsdame.«
   Vanessas Äußerung entlockte Daniel ein Schmunzeln.
   »Lass mal gut sein.« Alicia winkte ab. »Als Flitterwochenparadies finde ich Hawaii cool. Sobald ich den richtigen Typen gefunden habe, werde ich Lainis und Nikos Beispiel folgen.«
   »Um nach Hawaii zu reisen, brauchst du doch keinen Kerl!«
   Unangenehm berührt von Vanessas Worten und dem abfälligen Ton warf Daniel ihr einen Blick zu. Sie klang, als hätte sie eine Abneigung gegen Männer. Die Vorstellung missfiel ihm. Erstaunt über seine Reaktion horchte er in sich hinein. Wieso interessierte es ihn plötzlich, was Leilanis Bandkollegin dachte? Sie passte nicht in sein bevorzugtes Beuteschema, und üblicherweise mühte er sich auch nicht mit unnahbaren Frauen ab. Es gab genug, die es ihm leichtmachten.

Nachdem die Sonne untergegangen war, entzündeten zwei Mitarbeiter des Partyservice die Windlichter auf den Tischen sowie die ausladenden Flammschalen, die sie entlang der Wasserkante aufgestellt und über den Strand verteilt hatten. Von den Trägerbalken des Balkons hingen bunte Lampions herab, die in der milden Abendbrise hin- und herschwangen. Funkelnde Lichterketten schlängelten sich um die Geländer und die Handläufe zu beiden Seiten der Verandatreppe. Selbst in den Büschen und Bäumen nahe beim Haus leuchteten farbige Laternen. Die Loungemusik, die im Anschluss an die Trauungen die Feier untermalt hatte, wechselte zu flottem Pop, erste Tanzpaare fanden sich.
   »Wie wär’s?«, fragte Alicia Daniel mit einer Kopfbewegung in Richtung der Tanzenden.
   Sie betraten das Podest, auf dem die Zeremonien stattgefunden hatten und das nun als Tanzfläche diente.
   Eine Weile vergnügte er sich mit Alicia, wirbelte sie herum und flirtete mit ihr, er war jedoch nicht voll bei der Sache. Immer wieder glitten seine Blicke zu Vanessa, die sich mit Leilanis Bruder unterhielt. Die zuckenden Flammen malten dunkelrote Lichter in die schimmernde Flut ihrer Haare. Daniel fühlte sich magisch davon angezogen.
   »Ich möchte etwas trinken«, riss ihn Alicia aus seinen Gedanken.
   Er bot ihr galant den Arm, führte sie die Stufen hinab und nahm zwei Champagnergläser vom Tablett einer Servicekraft. Langsam schlenderten sie zu ihren Sitzplätzen zurück. Vanessa und Makaio unterbrachen ihr Gespräch, er stand auf und verbeugte sich übertrieben vor Alicia.
   »Darf ich bitten?«, fragte er.
   »Seit wann bittest du um etwas?« Lachend leerte sie ihr Glas und stellte es auf dem Tisch ab, anschließend fasste sie nach Makaios ausgestreckter Hand und lief mit ihm zur Tanzfläche.
   Daniel nutzte die Chance. »Magst du tanzen?«
   Im ersten Moment wirkte Vanessa erstaunt, dann jedoch stahl sich ein Schmunzeln in ihre Mundwinkel. »Du weißt nicht, worauf du dich einlässt. Ich bin ziemlich ungeschickt.«
   »Eine Musikerin ohne Taktgefühl? Das kann ich mir nicht vorstellen.« Er setzte sein charmantestes Lächeln auf. »Lass es uns einfach probieren.«
   Zögernd stand Vanessa auf, Daniel nahm ihre Hand. Kaum hatten sie die Tanzfläche betreten, endete die lebhafte Melodie und die ersten Takte einer Ballade erklangen. Daniel zog sie an sich, schlang einen Arm um ihre Taille und wiegte sich mit ihr zur Musik. Vanessa passte sich seinem Rhythmus an, ihr Körper war jedoch angespannt, daher lockerte er seinen Griff. Sofort rückte sie von ihm ab. Er überspielte ihre Reaktion und das Gefühl der Leere, das ihr Zurückweichen bei ihm auslöste, mit einem Scherz. »Wenn ich gewusst hätte, dass die Seniorenrunde eröffnet wird, hätte ich dich nicht aufgefordert.«
   »Sei froh, bei einem schnelleren Song würde ich dich dauernd treten.«
   Er schmunzelte. »So schlecht, wie du mir einreden wolltest, tanzt du nicht.«
   »Das kannst du nach einer Minute bereits beurteilen?«
   »Jepp, kann ich.«
   »Klingt ziemlich angeberisch.«
   »Ich bin Profiler, ich weiß gleich, woran ich mit meinem Gegenüber bin.«
   »Wieso laufen dann so viele Verbrecher noch frei herum?«
   Daniel fiel in ihr Lachen mit ein. »Gute Frage. Vielleicht sollte ich mir mehr Mühe geben.«
   »Mhm. Alles heiße Luft, wie bei den meisten Kerlen.« Sie nahm die Hand von seiner Schulter und tippte ihm an die Brust. »Immerhin verpackst du es sehr charmant.«
   Er versuchte, ihren Blick festzuhalten, doch sie senkte rasch die Lider und ihr Körper spannte sich erneut an. Der lockere Moment war vorbei. Daniel unterdrückte den frustrierten Laut, der ihm in der Kehle hing. Die nächtliche Brise fuhr durch ihr Haar, ihr Duft stieg ihm in die Nase und erinnerte ihn an Vanille und Honig.
   Bis zum Ende des Lieds tanzten sie schweigend, dann löste sich Vanessa aus seinen Armen.
   »Danke«, sagte sie. »Sei mir nicht böse, aber mir reicht es. Ich tanze sonst nie.« Sie wandte sich hastig ab, sodass der weite Rock ihres Kleides um ihre Beine schwang, und lief die Treppe hinunter. Daniel folgte ihr langsam. Er wurde einfach nicht schlau aus ihr.

Gegen Mitternacht endete die Feier allmählich.
   »Den Schlüssel für dein Cottage habe ich mir geben lassen, als ich Lainis Freundinnen abgeholt habe«, sagte Tyler zu Daniel und drückte ihm zusammen mit dem Autoschlüssel einen Haustürschlüssel in die Hand. »Du kannst meinen Wagen nehmen.«
   Daniel hatte im Fernandez Bay Village ein Ferienhäuschen reserviert. Das exklusive Resort besaß ein rundes Dutzend freistehender Unterkünfte, die sich an einem traumhaften Privatstrand entlangzogen und von Kokospalmen und Kasuarinenbäumen beschattet wurden.
   »Und die Damen chauffieren.« Er wusste von Alicia, dass sie und ihre Bandkolleginnen ebenfalls in dem Resort übernachteten. Im Laufe des Abends hatte sie ihr Interesse an ihm immer deutlicher gezeigt und mehrmals anzügliche Bemerkungen über das Strumpfband gemacht, das in seiner Hosentasche steckte. Er war nicht abgeneigt, die Feier im privaten Rahmen fortzusetzen. In einem äußerst privaten Rahmen …
   Tyler, dem sein Gesichtsausdruck nicht entgangen war, zog die Brauen hoch. »Was hast du vor?«
   »Das werde ich dir gerade auf die Nase binden.«
   »Okay, dann erzähl’s mir anschließend.« Feixend boxte er Daniel auf den Oberarm.
   Minuten später saßen Alicia, Jennifer und Vanessa in Tylers Pick-up. Während der Fahrt bestritt Alicia den Großteil des Gesprächs. Trotz der fortgeschrittenen Stunde war sie voller Elan. Schließlich stoppte Daniel auf dem Parkplatz der Ferienanlage und sie stiegen aus.
   »Wo müsst ihr hin?«, fragte er.
   »Jenny und ich wohnen im Travellers Palm Cottage«, sagte Alicia. »Da drüben.« Sie deutete in die Richtung.
   »Und du?«, wandte er sich an Vanessa.
   »Ich finde den Weg allein. Gute Nacht.« Sie nickte ihren Freundinnen zu. »Wir sehen uns beim Frühstück.«
   »Die Betonung liegt auf früh«, bemerkte Jennifer. »Denk daran, dass wir zeitig zum Flugplatz müssen.«
   »Ja, ich weiß.«
   Daniel seufzte innerlich. Zu schade. Da ging sie hin, seine Chance auf ein romantisches Wochenende. Kurz spielte er mit dem Gedanken, Alicia für heute Nacht in sein Ferienhäuschen einzuladen, aber vor Jenny und Vanessa wollte er nicht so dreist sein. Außerdem ahnte er, dass sie ablehnen würde, wenn auch nur, um ihr Gesicht zu wahren.
   »Dann schlaft gut.« Er lächelte den Frauen zu und schlug den Weg zu seinem Cottage ein. Er hatte schon mehrmals im Fernandez Bay Village seinen Urlaub verbracht und buchte grundsätzlich Shane’s Shack, den kleinen Bungalow, der dem Strand am Nächsten lag. Vanessa folgte ihm. Erstaunt blieb er stehen. »Ist noch was?«
   »Ich muss in diese Richtung.«
   »Hast du denn kein Haus in der Nähe deiner Freundinnen gemietet?«
   »Für einen längeren Aufenthalt war nur das Seabreeze Palm frei. Ich bleibe einige Tage.«
   »Ich auch.«
   »In welchem Cottage wohnst du?«
   »Ich finde den Weg allein.« Er konnte es sich nicht verkneifen, Vanessa ihr unhöfliches Benehmen unter die Nase zu reiben.
   »Tut mir leid, das war ungezogen von mir. Ich hab es nicht so drauf mit Small Talk. Ich sage üblicherweise, was ich denke.«
   Ihre offenen Worte beeindruckten ihn. »Nicht die schlechteste Eigenschaft, da weiß man wenigstens sofort, woran man bei dir ist. Ich entschuldige mich ebenfalls, meine Äußerung war alles andere als gentlemanlike.«
   »Das stimmt allerdings.« Sie lächelte ihn an. Die gedämpfte Nachtbeleuchtung schmeichelte ihren ebenmäßigen Zügen und erneut verspürte er die Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte. »Müssen wir denn in dieselbe Richtung?«
   »Ja.«
   Vanessa setzte sich in Bewegung.
   »Darf ich dich fragen, wie lange du bleibst oder bekomme ich wieder eine auf den Deckel?«, wagte er sich vor.
   Ihr leises Lachen klang an seine Ohren. »Ich kann mich beherrschen«, scherzte sie. »Ich habe vier Übernachtungen gebucht. Und du?«
   »Ich bin bis nächsten Samstag hier. Ich brauche dringend Urlaub, außerdem will ich endlich mal meine Überstunden abfeiern.«
   »Macht dir der Job beim FBI Spaß?«
   »Spaß im Sinne von unterhaltsam, oder wie meinst du das?«
   »Ich meinte die Herausforderung.«
   »Ja, die liebe ich an meiner Arbeit. Ich muss mich immer wieder auf neue Situationen einstellen, auf andere raffinierte Verbrechen. Wir versuchen, den Tätern ständig einen Schritt voraus zu sein.«
   »Was sicher nicht einfach ist. Laini hat mir von dieser Geschichte mit der Drogendealerin erzählt, bei der Niko verletzt wurde. An der Festnahme warst du doch beteiligt?«
   Er neigte zustimmend den Kopf, während sich die Ereignisse vom vergangenen Jahr in seine Erinnerung drängten. Dank Yannis’ Unterstützung als verdeckter Ermittler und in Zusammenarbeit mit der Drogenvollzugsbehörde war es seinem Team gelungen, einen internationalen Drogenring hochzunehmen.
   Vanessa blieb vor ihrem Cottage stehen. »Schlaf gut, Dan.«
   »Du auch. Wir sehen uns sicher noch öfter in den kommenden Tagen.« Daniel trabte weiter zu seiner Unterkunft, die unterhalb von Vanessas lag.
   Sanftes Meeresrauschen hieß ihn willkommen und gab ihm das Gefühl, zu Hause zu sein. Er liebte dieses Cottage, dessen großflächige Fensterfronten einen einmaligen Panoramablick auf den Strand und den Ozean boten. Von der Terrasse aus konnte man die schönsten Sonnenuntergänge beobachten.
   Müde streckte er sich Minuten später auf dem Queensize-Bett aus. Anstrengende Wochen lagen hinter ihm, denn Überstunden und Wochenenddienst waren während einer Ermittlung an der Tagesordnung. In diesen Phasen begrüßte er die ständige Anspannung, die ihn zu Höchstleistungen antrieb, doch nach Abschluss eines Falls fühlte er sich immer öfter ausgebrannt. Er war im April siebenunddreißig geworden. Ob er langsam zu alt wurde für diesen Job? Bei dem Gedanken stieß er heftig den Atem aus. In den nächsten Tagen würde er sich beweisen, dass er sich in der besten Form seines Lebens befand.

Kapitel 4

Vanessa betrat die Terrasse des Klubhauses, wo das Frühstücksbüffet auf die Gäste wartete. Jennifer und Alicia waren soeben in ein Taxi gestiegen, das sie zum Flugplatz brachte, und sie hatte die beiden verabschiedet. Am Büffet füllte sie ein Glas mit Fruchtsaft und nahm sich ein kleine Schale Obstsalat. Nach dem üppigen Hochzeitsessen vom Vortag verspürte sie heute kaum Hunger. Sie setzte sich an einen freien Tisch und schaute übers Meer. Es würde ein warmer Tag werden. Bereits jetzt strahlte die Sonne von einem azurblauen Himmel herab, an dem träge vereinzelte Wölkchen entlangzogen. Vanessa beschloss, den geplanten Strandspaziergang gleich im Anschluss an das Frühstück zu unternehmen, bevor es zu heiß wurde.
   »Guten Morgen.« Die sonore Männerstimme riss sie aus ihren Überlegungen.
   Sie sah auf, und Daniels hübsches Lächeln raubte ihr für einen Moment den Atem. »Hallo, Daniel.«
   »Sag lieber Dan, so nennen mich außer meiner Mom alle.«
   »Okay.«
   »Darf ich dir Gesellschaft leisten?«
   »Bitte.« Sie deutete auf die freien Stühle, er stellte seinen Teller und die Kaffeetasse ab und setzte sich.
   »Sind deine Freundinnen schon abgereist?«
   »Vor fünf Minuten kam das Taxi. Du hast Alicia knapp verpasst.«
   Fragend zog er eine Braue hoch, kommentierte ihre Äußerung jedoch nicht. Stattdessen biss er herzhaft in einen Muffin.
   Vanessa betrachtete kopfschüttelnd die Muffins und Kuchenstücke, die sich auf seinem Teller türmten. »Du bist offensichtlich der totale Zuckerjunkie.«
   »Ich steh auf süße Sachen.« Er zwinkerte ihr zu.
   Seine zweideutige Bemerkung bescherte ihr einen Anflug von Verlegenheit. Sie konzentrierte sich auf das Schüsselchen in ihrer Hand, spießte ein Stück Mango auf und schob es sich in den Mund.
   »Du ernährst dich von Obst?«
   »Ich habe kaum Hunger. Ich hatte gestern zu viel Torte, Cocktails und Hochzeitsbüffet.«
   »Die Feier war vom Feinsten.«
   »Finde ich auch. Die Paare sahen traumhaft aus.«
   Mit einem zustimmenden Laut widmete er sich seinem Kuchen. »Was hast du heute vor?«, erkundigte er sich zwischen zwei Bissen.
   Kurz zögerte sie, unsicher, was er mit seiner Frage bezweckte. Hatte er sie aus reiner Höflichkeit gestellt oder suchte er Gesellschaft?
   »Ich bin zum Entspannen hergekommen. Strandspaziergänge, schwimmen, faulenzen. Ich brauche ein paar Tage Ruhe, in den vergangenen Wochen habe ich nur gearbeitet.«
   »Ich auch. Mein Team ist seit Monaten an einem komplexen Fall dran. Zur Abwechslung will ich mir mal nicht den Kopf darüber zerbrechen müssen, was in kranken Verbrechergehirnen vor sich geht.«
   »Dein Job wäre nichts für mich«, rutschte es ihr heraus.
   Er sah von seinem Teller hoch und wischte sich mit einer Serviette die Kuchenkrümel von den Fingern. »Was machst du beruflich?«
   »Ich gestalte Webseiten für Privatleute und Unternehmen, biete Betreuung von Internetauftritten an, außerdem entwickle ich Apps.«
   »Für welche Firma arbeitest du?«
   »Ich bin selbstständig.«
   »Davon kannst du leben?«
   Verärgert stieß sie die Luft aus. »Wonach siehts denn aus?«
   Er grinste. »Sorry, so meinte ich das nicht. Ich kenne leider zwei Fälle, die es als Freiberufler in der IT-Branche probiert haben und gescheitert sind.«
   »Ich war jahrelang als Software-Entwicklerin tätig, bevor ich mich selbstständig gemacht habe. In meiner Freizeit spiele ich in einer Rockband, mein zweites Standbein sozusagen.«
   »Eure Musik gefällt mir. Gibts die auch zu kaufen?«
   »Nein. Ein paar Konzertmitschnitte findest du auf Youtube. Wir sind eine reine Liveband und treten fast jedes Wochenende auf. In Rockklubs in Nassau, auf Veranstaltungen und manchmal werden wir von Privatleuten für Partys gebucht. Sobald Laini aus den Flitterwochen zurück ist, geht es wieder los. Du kannst dir ja mal unsere Webseite ansehen, dort stehen die Auftrittstermine. Die Band heißt Four 4ever.«
   »Ich weiß.«
   »Das hast du dir gemerkt?«
   »Ich bin Ermittler, ich vergesse nie etwas.«
   »Ganz schön eingebildet.« Lachend prostete sie ihm mit ihrem Saftglas zu. Er erwiderte die Geste mit seiner Kaffeetasse und einem amüsierten Funkeln seiner Saphiraugen.
   »Für die meisten Frauen wäre ich ein Traummann, denn ich würde immer an den Hochzeitstag denken.«
   Seine Äußerung berührte Vanessa eigenartig. Sie passte nicht zu seinem Image als oberflächlicher Frauenheld. »Was hast du in deinem Urlaub vor?«, wechselte sie das Thema.
   »Das Gleiche wie du. Entspannen und die Natur genießen. Außerdem will ich tauchen gehen, die Unterwasserwelt hier ist fantastisch.«
   »Davon habe ich gehört.«
   »Tauchst du auch?«
   »Nein.«
   »Ehrlich nicht? Obwohl du das Meer direkt vor der Nase hast?«
   »Man muss doch nicht alles mitmachen, nur weil es sich anbietet, oder?« Sie sah ihm an, dass er den provokanten Unterton in ihrer Stimme bemerkt hatte.
   »Ab und zu ein Abenteuer macht das Leben spannender und abwechslungsreicher.«
   »Danke, darauf kann ich verzichten.«
   »Ich nicht.« Ein durchtriebenes Lächeln blitzte auf, das seine markante Kinnlinie hervorhob, seine Augen zum Strahlen brachte, ihr unter die Haut ging und einen Ärger in ihr schürte, für den sie keine Erklärung fand.
   Vanessa leerte ihr Glas und stand auf. »Ich will los, sonst wird es zu heiß. Ich wünsch dir einen schönen Tag und viel Spaß bei deinen Abenteuern.«
   Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Ebenso.«
   Ihr Blick wanderte von seinem anziehenden Gesicht zu seinem Brustkorb, über dem sich das Shirt spannte. Hastig drehte sie sich um und lief die Terrassenstufen zum Strand hinunter. Dort schlüpfte sie aus den Sandalen und ging durch den feinkörnigen puderweißen Sand zu ihrem Cottage hinüber. Sie kam an mehreren Kokospalmen vorbei, um deren Stämme die dekorativen Gehäuse der Fechterschnecke arrangiert worden waren. Kleine, liebevolle Details wie diese unterstrichen das Flair der Insel und bildeten das Sahnehäubchen auf ihrem Urlaub.
   Vanessa packte eine Flasche Wasser und ein Badetuch in eine Tasche, setzte Sonnenbrille und Hut auf und spazierte hinunter zum Strand. Die Umgebung erinnerte sie an die Bucht, in der Tylers Ferienhaus lag, nur dass hier neben Palmen hauptsächlich Kasuarinenbäume wuchsen. Sollte es ihr unterwegs zu heiß werden, konnte sie im Schatten der Bäume ihren Weg fortsetzen, doch momentan lief sie lieber an der Brandungslinie entlang und genoss die kleinen Wellen, die ihre Füße umspülten. Sobald sie weit genug vom Resort entfernt wäre, würde sie schwimmen gehen.
   Ihre Gedanken schweiften zur Hochzeitsfeier. Ein bittersüßes Gefühl überkam sie. Leilanis und Nikolas’ Glück war förmlich greifbar gewesen und hatte an einer totgeglaubten Saite gerührt. Zu gern würde sie ihr Herz einem liebevollen Mann schenken, doch es gelang ihr nicht, sich zu öffnen. Nicht mehr … Dabei sehnte sie sich nach einem Menschen, der sein Leben mir ihr teilen wollte, nach starken Armen, in die sie sich vertrauensvoll hineinschmiegen konnte. Vanessa stiegen Tränen in die Augen. Verärgert drängte sie dieses Zeichen der Schwäche zurück und konzentrierte sich auf den vor ihr liegenden Weg.

*

Daniel schob nachdenklich die leere Kaffeetasse auf dem Tisch hin und her, während er sich fragte, was mit Vanessa los war. Nur selten verfehlte sein Charme seine Wirkung bei den Frauen. Gewöhnlich tauten selbst die schüchternen relativ schnell auf, aber bei ihr biss er echt auf Granit. Als Musikerin, die regelmäßig auf der Bühne stand, müsste sie eigentlich offener und lockerer sein, so wie Leilani oder Alicia. Alicia … In Vanessas Gegenwart hatte er nicht eine Sekunde an die rothaarige Schönheit gedacht. Was war nur los mit ihm?
   Vanessas abfällige Äußerung über Männer kam ihm in den Sinn. Grüblerisch starrte er auf die glitzernde Wasserfläche. Vermutlich konnte er sich seine Flirtversuche bei ihr sparen. Er verstand ohnehin nicht, warum er so wild darauf war, von ihr gemocht zu werden. Sie war attraktiv, aber schöne Frauen gab es genug. Hübsch, mit weiblichen Kurven und leicht herumzukriegen, so mochte er die Damen am liebsten. Besser, er vergaß sie möglichst schnell wieder und suchte sich eine andere Zerstreuung. Daniel aß das letzte Stück Kuchen.

Gegen Mittag fuhr er zu Tylers Strandhaus. Er parkte vor der Haustür, stieg die Stufen zur Veranda hinauf, die sich rings ums Haus zog, und folgte dem Stimmengemurmel, das sich mit dem Meeresrauschen mischte. Der Großteil der Hochzeitsgäste war bereits abgereist, nur Tyler und Stella mit ihrem Töchterchen Sophia sowie Mias und Tylers Eltern waren noch anwesend. Sie saßen in der Loungeecke über einem späten Frühstück. Daniel grüßte in die Runde.
   »Willst du etwas essen?«, fragte Mia.
   »Nein, ich habe reichlich gefrühstückt, aber wenn du einen Kaffee für mich übrig hättest …«
   »Ich bringe dir einen.« Sie betrat das Haus.
   »Anschließend sollten wir fahren, damit wir rechtzeitig am Flugplatz sind«, sprach sein Onkel Devon ihn an. »Mit dem Autovermieter habe ich bereits telefoniert, du kannst meinen Wagen übernehmen.«
   »Danke, dass du dich darum gekümmert hast.« Durch seinen verspäteten Abflug von Miami war Daniels Urlaubsplanung komplett durcheinandergeworfen worden. Er hatte den Anschlussflug nach Cat Island verpasst und ebenso die Buchung eines Mietwagens für die Zeit seines Aufenthalts.
   »Konntest du die Damen zufriedenstellen … mit deinem Fahrservice?«, riss ihn Tylers süffisante Bemerkung aus seinen Überlegungen.
   Daniel wusste, worauf sein Cousin hinauswollte, er hielt sich jedoch in Gegenwart der anderen bedeckt. Es gab ohnehin nichts zu berichten, außer seinem verwirrenden Interesse an Vanessa. »Alles bestens. Alicia und Jennifer sind heute Morgen nach Hause geflogen.«
   »Und Vanessa?«, warf Stella ein.
   »Sie bleibt ein paar Tage.«
   »Dann kannst du mit ihr deinen Urlaub verbringen.« Tylers dreistes Grinsen wurde noch eine Spur breiter.
   »Wohl eher nicht.« Er nahm die Tasse aus Mias Hand. »Danke.« Tief atmete er das würzige Aroma ein. Sein Onkel besaß eine Rösterei und er liebte dessen Kaffee.
   »Wieso? Was ist mit Vanessa?«, fragte Mia und setzte sich neben Yannis.
   Daniel zuckte mit den Schultern. »Sieht aus, als wollte sie ihre Ruhe haben.«
   »Vor dir?«
   »Jepp.«
   »Das ist nicht dein Ernst?«
   Anstelle einer Antwort nickte er knapp.
   Mia feixte ebenso breit wie Tyler. »Es soll vorkommen, mein Lieber, dass Frauen auf deine blauen Augen nicht hereinfallen.«
   Wider Willen musste er lächeln. »Damit konnte ich bisher gut leben.«
   Seine Tante Carine schüttelte den Kopf. »Du mit deinen ewigen Frauengeschichten. Sieh dir deinen Bruder an. Vince ist so solide, im Gegensatz zu dir.«
   »Einer muss ja das schwarze Schaf in der Familie sein«, konterte Daniel.
   »Und du übernimmst diese Rolle nur zu gern«, ergänzte Stella spöttisch.
   Die Selbstverständlichkeit, mit der sie die Worte aussprach, berührte ihn unangenehm. Überrascht horchte er in sich hinein. Bisher war ihm sein Ruf herzlich egal gewesen. Er trank einen Schluck Kaffee und schwieg.
   Devon stand auf. »Ich lade unser Gepäck in den Wagen. Trink du in Ruhe aus.« Im Vorbeigehen legte er Daniel eine Hand auf die Schulter.
   Carine folgte ihrem Mann. »Ich komme besser mit, bevor du wieder die Hälfte vergisst.«
   »Mach dir nichts daraus«, sagte Mia, sobald sie allein waren. »Mom ist etwas altmodisch unterwegs.«
   »Mir hat sie ebenfalls jahrelang wegen meines Lebenswandels in den Ohren gelegen«, ergänzte Tyler. »Aber wie du siehst, wenn die Richtige kommt, wird jeder Hanson zahm.«
   Stella und Yannis lachten, und Daniel fiel mit ein. »Die Frau, die mich auf Dauer erträgt, muss erst noch erschaffen werden.«
   »Stella erträgt mich ja auch.« Tyler legte einen Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. Dabei erwachte Sophia, die auf Stellas Schoß saß und sich in ihre Arme gekuschelt hatte.
   »Was bleibt mir sonst übrig? Ich bin nun mal auf deine blauen Augen hereingefallen«, griff Stella Mias Bemerkung auf.
   »Da habe ich ja Glück gehabt.« Tyler küsste sie auf die Wange und hob Sophia, die die Ärmchen nach ihm ausstreckte, zu sich herüber.
   »Mittlerweile habe ich auch deine anderen Qualitäten zu schätzen gelernt.«
   »Erspare uns bitte die Details«, warf Yannis hastig ein.
   »Du sprichst mir aus der Seele.« Daniel stellte seine Tasse auf dem niedrigen Tisch ab. »Ich muss los, sonst verpassen Onkel Devon und Tante Carine ihren Flug. Sehen wir uns noch einmal vor eurer Abreise?«, wandte er sich an Tyler und Stella.
   »Nein, wir brechen auch gleich auf, damit wir noch ein paar Stunden segeln können.« Die beiden wollten mit ihrem Katamaran nach Nassau zurück.
   »Dann wünsche ich euch eine gute Heimfahrt.« Daniel umarmte Stella, klopfte Tyler auf die Schulter und streichelte Sophia über die zarte Wange. Die Kleine gluckste vergnügt.
   »Komm doch an einem der nächsten Abende zum Grillen vorbei«, lud Yannis ihn ein.
   »Was ist mit euren Flitterwochen?«
   Mia lachte. »Keine Sorge, du störst uns nicht. Ich sehe dich selten genug.«
   »In diesem Fall nehme ich die Einladung gern an.«
   »Wir telefonieren.«
   »Okay.« Er betrat das Wohnzimmer. »Seid ihr so weit?«, fragte er seine Tante.
   »Wir können sofort los. Wir wollen uns nur noch verabschieden.«

Minuten später fuhren sie in Richtung Arthur’s Town, dem Hauptort der Insel.
   »Ich bin dir wirklich dankbar, dass du die Sache mit dem Mietwagen für mich geregelt hast«, sagte Daniel zu seinem Onkel. »Bei mir ging mal wieder alles drunter und drüber.«
   »Das ist doch kein Thema. Ich habe dich einfach als weiteren Fahrer eintragen lassen, die Abrechnung läuft über meine Kreditkarte. Genieß deinen Urlaub, der Job fordert dich zur Genüge.«
   »Devon hat recht, du siehst erschöpft aus«, meldete sich seine Tante vom Rücksitz. »Du solltest deine freien Tage zum Entspannen nutzen.«
   »Deswegen bin ich hier.«
   Bald darauf verabschiedete er sich von Mias und Tylers Eltern und fuhr zum Ferienresort zurück.

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