Während einer Hochzeitsfeier auf der paradiesischen Bahamasinsel Cat Island verliebt sich Mia in den charismatischen Bodyguard Yannis Galanis, doch bereits nach kurzer Zeit legen sich dunkle Wolken über ihr junges Glück. Yannis’ Verhalten gegenüber Mia ändert sich, bald nachdem er einen neuen Job angenommen hat. Sie ertappt ihn mehrmals beim Schwindeln, was in ihr den Verdacht weckt, dass er sie mit der attraktiven Schauspielerin betrügt, für die er arbeitet. Auf der Suche nach Beweisen für seine Untreue spioniert sie ihm hinterher, tritt dabei einer mächtigen Frau auf die Füße und gerät in den Fokus eines Drogensyndikats. Plötzlich befinden sich Mia und Yannis mitten in einer abenteuerlichen Verfolgungsjagd durch die exotische Inselwelt der Bahamas.

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ISBN: 978-9963-53-703-7

Seiten: 242

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Romina Gold

Romina Gold
Romina Gold fand bereits als Jugendliche ihre selbst erschaffene Fantasiewelt spannender als das reale Leben. Damals begann sie, ihre Lieblingsgeschichten aufzuschreiben. Ihre Träume hat sie sich bis heute ebenso bewahrt wie die Leidenschaft fürs Schreiben. Rominas Bücher sind eine Mischung aus Romantik und Abenteuer, mit denen sie ihren Lesern eine unterhaltsame Auszeit schenken möchte. Ihre schriftstellerische Bandbreite reicht von rasanten Thrillern über dramatische Beziehungsromane bis hin zu zauberhafter Fantasy, jedoch immer garniert mit einer wundervollen Liebesgeschichte. Die freiberufliche Autorin und Lektorin lebt mit Mann und Hund im sonnigen Südwesten Deutschlands. Ihr Erlebnishunger sowie ihr Faible für fremde Länder finden sich in ihren Romanen ebenso wieder wie ihr Glaube an die wahre Liebe.

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Kapitel 1
Cat Island, Bahamas

Mia lehnte sich gegen den Stamm einer Kokospalme und sah zum nachtblauen Himmel hinauf, an dem unzählige Sterne wie Diamantsplitter glitzerten. Eine leichte Brise trug die Klänge einer Rockballade zu ihr, kühlte ihren vom Tanzen erhitzten Körper und spielte mit ihren Haaren. Lächelnd ließ sie die vergangenen Stunden Revue passieren.
   Tyler und Stella hatten heute Hochzeit gefeiert. Nach den nervenaufreibenden Ereignissen der letzten Monate konnten die beiden endlich ihre Zweisamkeit genießen.
   Die feierliche Zeremonie fand am Strand statt, unter einem mit gelben Trompetenblumen und pinkfarbenen Hibiskusblüten geschmückten Baldachin, und war recht schnell in eine ausgelassene Party übergegangen, die trotz der späten Stunde andauerte. Fast alle Freunde und Verwandten waren gekommen, ungeachtet der weiten Anreise nach Cat Island. Mia hatte den Tag genossen, aber ihr war auch bewusst geworden, wie sehr sie ihre sozialen Kontakte in letzter Zeit vernachlässigt hatte. Sie sollte öfter ein Wochenende freinehmen, um Bekannte und Freunde zu treffen.
   »Hier steckst du.« Yannis’ dunkle Stimme drang an ihre Ohren, während er aus den Schatten der Kaskarillabäume hervortrat.
   Ihr Herz machte einen Sprung. Er war den ganzen Tag nicht von ihrer Seite gewichen, und sie hatte jede Sekunde mit ihm genossen. »Ich brauchte mal eine Pause.«
   »Von mir?«
   »Nein. Vom Tanzen … und vom Champagner.«
   Er lehnte sich mit der Schulter an den Stamm der benachbarten Palme und lächelte auf sie herunter. »Sag bloß, du bist betrunken.«
   »Das hättest du wohl gern«, neckte sie ihn.
   »Mhm. Willenlose Frauen haben einen gewissen Reiz.«
   Mia lachte. »Willenlos werde ich in deiner Gegenwart auch ohne Alkohol.«

*

Er sog heftig die Luft ein. Ihr Eingeständnis verblüffte ihn. Seit ihrem Kennenlernen vor einigen Monaten bekam Yannis Mia nicht mehr aus dem Kopf, und auch sie schien anfangs an ihm interessiert gewesen zu sein. Doch dann meldete sie sich immer seltener, und wenn sie telefonierten, wirkte sie ständig gehetzt. Irgendwann hatte er es akzeptiert, dass sie in ihrem Job als Ärztin aufging und dieser Berufung ihr Privatleben opferte. Sie war ehrgeizig und arbeitete zielstrebig an ihrer Karriere. Als sie eine neue Stelle als Notfallmedizinerin angetreten hatte, war ihr Kontakt vollständig eingeschlafen.
   Mias freimütige Worte machten ihm Mut. Er nutzte die Gelegenheit, rückte näher und strich ihr eine blonde Locke aus dem Gesicht. Dabei streiften seine Fingerspitzen ihre Wange und die Berührung ihrer samtigen Haut jagte ein Prickeln seinen Arm hinauf. »Das sollte ich ausnutzen«, raunte er.
   »Nur zu.«
   Im fahlen Mondlicht sah er sie lächeln, legte die Hände auf ihre bloßen Schultern und ließ seine Finger langsam an ihren Oberarmen hinabgleiten.
   Mia hob das Kinn, er nahm die Einladung an und küsste sie. Genoss das verlockende Gefühl ihrer Lippen auf seinem Mund. Erinnerungen an ihren ersten Kuss stürzten auf ihn ein. Hier auf Cat Island war es passiert, in einer zauberhaften Tropennacht wie dieser. Schon damals hatte sie sich in sein Herz geschlichen, obwohl er sie kaum kannte.
   Sie schlang ihm die Arme um den Hals und schmiegte sich an ihn. Yannis hielt sie sekundenlang fest, doch bevor sie den Kuss vertiefen konnte, richtete er sich auf und trat einen Schritt zurück. »Was willst du wirklich, Mia?«

*

Sie empfand eine plötzliche Leere, als er sie freigab. »Wovon redest du?«
   »Eigentlich dachte ich, wir würden uns öfter sehen, aber du hast dich immer seltener gemeldet. Ich war es, der jedes Mal die Initiative ergriffen hat, ich habe angerufen oder gemailt.«
   Prompt verspürte sie einen Anflug schlechten Gewissens. »Ich weiß. Es tut mir leid, ich hatte viel um die Ohren in letzter Zeit.«
   »Ich habe den Kontakt zu dir nicht abgebrochen, weil ich kein Interesse an dir hätte«, fuhr er fort. »Ich wollte dir nur nie zu nahe treten oder dir lästig sein.«
   Ihr Puls beschleunigte sich, als er so offen aussprach, was sie bereits geahnt und insgeheim gehofft hatte. »Du bist mir auch nicht gleichgültig, Yannis«, sagte sie leise.
   Er öffnete den Mund, doch sie legte einen Finger auf seine Lippen.
   »Hast du dich mal gefragt, wie das funktionieren soll mit uns?«, redete sie weiter. »Du arbeitest für Stella, wohnst in Nassau. Ich lebe in Miami und bin fast nur im Krankenhaus. Dieses Wochenende ist mein erstes freies seit Langem.«
   »Und das spricht gegen eine Freundschaft? Oder mehr?«
   Oder mehr? Ihr Herz setzte einen Takt aus bei seiner Andeutung. Äußerlich gelassen zuckte sie mit den Schultern und antwortete. »Es macht sie zumindest schwierig.«
   »Das sind faule Ausreden. Ich denke, dir fehlt einfach der Mut, dich auf mich einzulassen.« Er trat erneut zu ihr und legte seine Hände auf ihre Oberarme. Mia erschauderte. Der Zauber, den sie vom ersten Moment an in seiner Nähe verspürt hatte, wirkte auch jetzt. Die romantische Atmosphäre dieser sternenklaren Nacht, die vom Rauschen der Wellen untermalt wurde, trug zusätzlich ihren Teil dazu bei. »Wie wäre es, wenn wir das auf der Blue Horizon besprechen?«, sagte sie, bevor sie das letzte bisschen Verstand verlor.
   »Von mir aus.«
   Sie drehte sich hastig um, sodass er sie loslassen musste, und strebte auf den Bootssteg zu, an dem die Jachten der Hochzeitsgäste lagen. Vom Haus wehten Musik, Lachen und Gesprächsfetzen herüber. Die Feier war immer noch in vollem Gang. Mia warf einen Blick auf die Szenerie, die von flackernden Partyfackeln und Flammschalen erhellt wurde. Bunte Lichterketten schlängelten sich um das Geländer des umlaufenden Balkons, flossen an den Pfosten hinab und setzten ihren Weg am Verandageländer fort.
   Die Blue Horizon, ein Formula 353 FasTech Offshore-Powerboat, dümpelte in der Dünung am Ende des Stegs. Ihr silberfarbener Rumpf schimmerte im Mondlicht. Mia sprang an Bord, und Yannis folgte. Sie nahm auf der Sitzbank Platz, er lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen gegen die Bordwand. Nach dem offiziellen Teil der Trauung hatte er Jackett, Hemd und Schuhe abgelegt und lief seitdem in einem weißen Shirt, das seinen muskulösen Oberkörper umspannte, und einer hellgrauen Baumwollhose herum. Mit den vom Wind zerzausten schwarzen Haaren sah er zum Anknabbern aus.
   Bei diesem Anblick fragte sich Mia, wieso sie sich so sehr dagegen sträubte, mit ihm eine Beziehung einzugehen. Allein sein Äußeres war eine Sünde wert. Zudem hatte er sein Leben riskiert, um Stella aus den Händen ihres Entführers zu befreien. Ein Traummann, den neunundneunzig Prozent aller Frauen mit Handkuss nehmen würden.
   »Ich warte noch immer auf deine Antwort«, riss Yannis sie aus ihren Gedanken.
   »Ich hab’s doch schon gesagt. Die Entfernung und unsere Arbeitszeiten.«
   »Wenn das deine einzigen Bedenken sind … Dafür gibt es eine Lösung«, fiel er ihr ins Wort. »Ich arbeite nicht länger für Stella.«
   »Du hast aufgehört? Wieso?«
   »Sie meinte, Tyler würde auf sie aufpassen, und sie brauche keinen Bodyguard mehr.«
   Mia lächelte. Ihr Bruder passte tatsächlich wie ein Habicht auf seine schwangere Frau auf. »Heißt das, sie hat dich entlassen?«
   »Nein. Ich wäre in Korres’ Reederei untergekommen. Stellas Vater hätte mich als Wachmann weiterbeschäftigt, aber das ist mir echt zu langweilig.« Er grinste. »Zufällig bekam ich ein gutes Angebot von einem Securityunternehmen in Nassau. Die Firma hat übrigens auch eine Niederlassung in Miami.«
   Mias Augen weiteten sich, als ihr die tiefere Bedeutung seiner Worte bewusst wurde. »Dann wirst du bald in Miami leben?«
   »Weiß ich noch nicht. Das kommt auf die Umstände an.« Sein anziehendes Lächeln blitzte auf.
   »Meinst du mich mit Umstände?« Ihr pikierter Ton entlockte ihm ein leises Lachen. Mia seufzte. Jeder Laut von ihm, sein Duft, die Art, wie er sich bewegte … Ihre Sinne sprangen auf sämtliche Signale von ihm an.
   Yannis setzte sich neben sie auf die Bank, schlang einen Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. Seine Lippen suchten die ihren.
   »Yannis, nicht …« Ein letzter schwacher Versuch, ihm zu widerstehen, doch ihr sehnsuchtsvoller Tonfall verriet sie.
   »Zu spät«, murmelte er. Sein Atem streifte ihr Gesicht und ihren Hals und jagte ein Kribbeln bis zu ihren Brüsten hinab. Er schmiegte seine Wange an ihre, umfasste ihr Kinn mit seinen kräftigen Fingern und küsste sie. Die Berührung seiner Lippen sandte wohlige Schauder über ihre Haut. Sie lehnte sich nach hinten, bis ihr Rücken die gepolsterte Sitzbank berührte, und zog ihn zu sich herab. Sein schwerer Körper drückte sie gegen die Unterlage. Er legte eine Hand auf ihr Knie und tastete sich an ihrem Schenkel hinauf. Mia versank in einem lustvollen Taumel.
   »Wo schläfst du heute Nacht?«, fragte sie einige Minuten später. Es war ihr gelungen, ihn von sich zu schieben, ehe sie tatsächlich willenlos wurde. Hastig hatte sie ihr Kleid zurechtgezogen und sich eine Dose Coke geholt. Eine pure Verlegenheitsgeste. Nun saßen sie dicht nebeneinander auf der Bank und teilten sich das eisgekühlte Getränk.
   »Tyler hat mir die Couch angeboten, die Gästezimmer sind alle belegt.«
   »Dann solltest du rübergehen.«
   »Ich würde lieber hierbleiben.«
   »Das ist, glaube ich, keine gute Idee.«

*

Yannis stieß einen frustrierten Laut aus. Wieso schickte sie ihn plötzlich weg, nachdem sie sich zuerst wie eine Katze unter seinen streichelnden Händen gerekelt und seine Berührungen offensichtlich genossen hatte?
   Seit sie ihm am Morgen in dem Brautjungfernkleid, dessen Schnitt ihre schlanke, hochgewachsene Figur betonte, über den Weg gelaufen war, brannte er darauf, ihr das Teil auszuziehen. »Mia …«
   Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen. »Wenn du nicht gehst, kann ich für nichts garantieren.«
   Er lächelte. »Was würdest du mir denn Schlimmes antun?«
   Ihr Finger glitt an seiner Unterlippe entlang. »Ich könnte dir das Herz brechen«, raunte sie.
   »Das gehört dir schon lang«, gab er ebenso leise zurück. Er fühlte, wie sie in seinen Armen erstarrte, spürbar überrascht von den aufrichtigen Worten.
   »Das wird niemals funktionieren«, murmelte sie. »Selbst wenn du nach Miami ziehen würdest. Und was willst du überhaupt mit einer Bohnenstange wie mir? Ich bin zu viel zu groß und dünn, meine Haare sind ein Vogelnest …«
   »Pst«, unterbrach er sie. Am liebsten hätte er laut geschnaubt. War dies nur eine weitere ihrer lahmen Ausreden oder sollte ihr tatsächlich nicht bewusst sein, dass sie allein mit ihrem Aussehen die meisten Männer um den Verstand brachte? Sein Herz allerdings hatte sie mit ihrem klugen Kopf, ihrer Willensstärke und mit ihrem selbstlosen Einsatz für Stellas Wohlergehen erobert. »Ich habe genug von deinen Ausflüchten.«
   Yannis zog sie an sich und legte all seine Leidenschaft in den Kuss. Er würde ihr die Hirngespinste wegküssen und ihr beweisen, wie begehrenswert sie war.

Kapitel 2

»Guten Morgen«, grüßte Mia in die Runde der Hochzeitsgäste, die unter den Baldachinen am Strand saßen und frühstückten. Ihr Blick schweifte über die Gruppe auf der Suche nach Yannis. Es war ihr tatsächlich gelungen, ihn in der Nacht wegzuschicken, bevor sie endgültig die Kontrolle verloren hatte.
   »Mia, komm, hier ist noch Platz.«
   Julia winkte ihr zu, und Mia setzte sich neben sie. Julia Carpenter leitete zusammen mit Tyler und dem dritten Teilhaber, Dean Morrison, eine Thaiboxschule in Miami. Mia mochte die lebhafte Rothaarige mit dem drahtigen Körper, der von jahrelangem, diszipliniertem Training zeugte.
   »Wolltest du nicht mal in der Boxschule vorbeischauen?«, fragte Julia, und ein leiser Tadel schwang in ihrer Stimme mit.
   »Tut mir leid. Ich weiß, ich hatte es versprochen, aber unsere Personaldecke im Krankenhaus ist so dünn, ich schiebe seit Wochen Sonderschichten.«
   »Tyler hat mir erzählt, dass du in die Notaufnahme gewechselt hast.«
   »Ja, vor zwei Monaten.«
   Julia sah sie ernst an. »Und seitdem frisst der Job dich auf. Die Augenringe hattest du vorher nicht.«
   Mia behielt den Grund für ihr übernächtigtes Aussehen für sich. »Mir war klar, dass die Arbeit in der Notfallambulanz anders sein würde als auf Station, das habe ich schon während der Weiterbildung mitbekommen. Aber dass es so stressig werden würde …« Sie zögerte. »Ich liebe meinen Job, doch du hast recht, er frisst mich allmählich auf. An den freien Tagen schlafe ich fast nur oder hänge in meiner Wohnung ab. Mir fehlt einfach die Energie für Unternehmungen.«
   »Dann such dir etwas anderes. Es gibt genug kleinere Krankenhäuser, wo es ruhiger zugeht.«
   Mia zog die Thermoskanne zu sich heran und goss Kaffee in ihre Tasse. »Der Gedanke ist mir auch schon gekommen, aber ich bin gern in der Klinik. Sie ist technisch gesehen auf dem neusten Stand, die Kollegen sind echt okay, und ich habe dort die Chance, weiterzukommen. Die Ausbildung zur Notfallmedizinerin war der erste Schritt in diese Richtung.«
   Julia lächelte sie an. »Du willst Karriere machen.«
   »Vor allem will ich eine gute Ärztin sein, die ihr Handwerk versteht.«
   Mia bemerkte, wie Julias Blick abschweifte und ein interessiertes Funkeln in ihren Augen aufleuchtete. Sie wandte den Kopf und entdeckte ihren Cousin Daniel, der gerade die Verandatreppe herunterkam. Auf der untersten Stufe blieb er stehen und sah sich um. Seine Miene hellte sich auf bei Julias Anblick. Mit langen Schritten steuerte er auf die Frauen zu. Wie alle Männer der Hanson-Familie war auch er sündhaft attraktiv. Über einen Meter neunzig groß, mit athletischem Körperbau und einem hinreißenden Lächeln. Die Morgensonne malte goldene Lichter in sein blondes Haar und hob die Konturen seines Gesichts hervor.
   Auf Julias Wangen hatte sich ein rosiger Hauch gelegt.
   »Er steht auf Rothaarige«, wisperte Mia ihr zu, und Julias Röte vertiefte sich wie auf Kommando.
   »Hi Danny«, begrüßte Mia ihn und stand auf. »Du kannst meinen Platz haben, ich wollte gerade gehen.«
   »Nett von dir.« Er zwinkerte ihr zu, ließ sich auf den freien Stuhl fallen und richtete seine Aufmerksamkeit auf Julia.
   Während sich Mia entfernte, hörte sie, wie er sein Flirtprogramm abzuspulen begann. Amüsiert betrat sie das Haus. Daniel hatte sich noch nie lange mit Geplänkel aufgehalten. Er wechselte die Freundinnen schneller, als Mia sich deren Namen merken konnte. Sie beschloss, Julia bei der nächsten Gelegenheit vor ihm zu warnen, bevor sich diese ernsthaft in ihn verliebte.
   In der Küche traf sie auf Tyler und Yannis, die zu beiden Seiten des Vollautomaten an der Arbeitsplatte lehnten, Kaffee tranken und sich unterhielten. Für einen Moment genoss sie Yannis’ Anblick. Er war so groß wie Tyler, aber etwas muskulöser, und sein markantes Profil verriet seine griechische Herkunft.
   Er bemerkte sie zuerst. »Mia.« Seine strahlenden Augen verursachten ihr weiche Knie und die Erinnerung an die vor wenigen Stunden getauschten Zärtlichkeiten überrollte sie.
   »Hi Jungs«, grüßte sie. »Ich will auch eine Tasse Luxuskaffee. Der vom Cateringservice ist nicht so der Bringer.«
   Tyler zog die Brauen hoch. Er hatte die Organisation der Feier einer Hochzeitsplanerin überlassen und erwartete perfekten Service.
   Mia legte ihm eine Hand auf den Arm. »War nur Spaß«, meinte sie. »Der Kaffee ist gut. Ich wollte eigentlich nach Stella sehen.« Nach Yannis, du Lügnerin.
   »Sie schläft noch. Es war etwas viel für sie gestern.«
   »Das ist normal am Anfang einer Schwangerschaft. Ihr Körper muss sich auf die neuen Umstände einstellen, und das kostet Kraft.«
   »Ich glaube, meiner stellt sich auch gerade um.« Tyler grinste. »Ich habe die komischsten Gelüste.«
   »Saure Gurken mit Vanillepudding?«, schlug Mia vor.
   Yannis schüttelte sich.
   »Das ist wohl der Klassiker«, sagte Tyler. »Nein. Ich sehe ein riesiges Steak vor mir.«
   »Zum Frühstück? Wie eklig. Zieh mal deinen Kopf ein.« Sie schob ihn zur Seite, nahm eine Kaffeetasse aus dem Hängeschrank und platzierte sie unter dem Auslauf des Automaten.
   »Tyler? Kommst du bitte?«
   Er fuhr zusammen bei Stellas Ruf und verschüttete ein wenig von seinem Kaffee. Achtlos knallte er den Keramikbecher auf die Arbeitsplatte, wirbelte herum und schoss ins Schlafzimmer.
   »Wow, er ist ja jetzt schon hochgradig nervös«, bemerkte Mia amüsiert, während sie ein Stück von der Küchenrolle herunterriss und die Tropfen aufwischte. »Das kann was geben die nächsten Monate.« Sie richtete sich auf und sah in Yannis’ dunkelbraune Augen. Die Sehnsucht darin traf sie mitten ins Herz, und sein verliebtes Lächeln ging ihr einmal mehr unter die Haut. Das Bedürfnis, in seine Arme zu sinken, wurde übermächtig. Achtlos ließ sie das feuchte Papier fallen.
   Sein Kuss war heiß, seine Hände auf ihrem Körper fordernd. Mia drängte sich an ihn und ergab sich dem leidenschaftlichen Ansturm.
   »Mia, Stella braucht dich!«
   Tylers Ruf drang durch ihren sinnlichen Rausch und versetzte sie in Alarmbereitschaft. Sie löste sich von Yannis und ging ins Schlafzimmer. Stella lag im Bett, ihre sonnengeküsste Haut hatte die Farbe des weißen Kissenbezugs angenommen.
   »Mach was«, drängte Tyler. »Ihr geht’s nicht gut.«
   »Lass uns mal kurz allein.« Sie nahm ihn am Ellenbogen und zog ihn Richtung Tür. Nur widerwillig verschwand er.
   »Mit mir ist alles in Ordnung«, sagte Stella, sobald Mia die Schlafzimmertür ins Schloss gedrückt hatte. »Das ist nur die Morgenübelkeit.«
   Mia setzte sich zu ihrer Schwägerin auf die Bettkante und fühlte den Puls. »Du weißt, dass die Übelkeit in dieser Phase der Schwangerschaft normal ist.«
   Stella rollte mit den Augen. »Ich weiß das, aber mein Mann will bei jedem Mucks, den ich von mir gebe, den Notarzt rufen.«
   »Lass ihm Zeit, es ist sein erstes Kind.« Mia schmunzelte.
   »Meins auch, und ich stelle mich nicht so an!« Stellas Empörung trieb ein wenig Farbe in ihre blassen Wangen.
   »Dir wird’s gleich besser gehen«, prophezeite Mia.
   »Ja, ich merke es schon.« Stella lachte. »Das hast du absichtlich gemacht.«
   »Sich über seinen Partner aufzuregen, ist eines der besten Mittel, um den Blutdruck in die Höhe zu treiben.«
   »Okay, Frau Wunderdoktor, dann schick ihn wieder rein, bevor er einen Herzinfarkt bekommt.«
   Mia verließ das Schlafzimmer, vor dem Tyler wie ein Elitesoldat Wache stand. »Stella geht’s gut. Sie leidet unter Morgenübelkeit, das ist ganz normal in dieser Phase der Schwangerschaft«, informierte sie ihn. »Du kannst ihr nachher einen trockenen Toast und Tee bringen. Das wird sie bestimmt bei sich behalten.«
   »Danke, Schwesterherz«, stieß er erleichtert hervor. »Mich macht diese Schwangerschaftsgeschichte total fertig. Kannst du nicht bei uns einziehen, bis das Baby auf der Welt ist?«
   Sie lachte. »Und so lange bei euch bleiben, bis das Kind volljährig ist?«
   »Super Idee.« Er tätschelte ihr kumpelhaft den Arm und verschwand im Schlafzimmer.
   »Bekomme ich endlich meinen Kaffee?« Mia trat zu Yannis, der noch immer an der Küchenzeile lehnte, und füllte eine Tasse.
   »Wie lange bleibst du auf Cat Island?«, fragte er.
   »Ich fahre am Nachmittag zurück nach Nassau, übernachte im Apartment unserer Eltern und fliege morgen früh weiter in die Staaten. Ich wäre gern länger geblieben, aber ich habe Dienst.« Sie sah die Enttäuschung in seiner Miene.
   »Schade, ich dachte, wir hätten noch ein paar gemeinsame Tage.«
   Mia verspürte die gleiche Wehmut. »Kommst du nachher mit zum Schwimmen? Ich kenne eine kleine Bucht, wo uns die Hochzeitsgäste nicht stören.«
   Er umfasste ihre Taille und zog sie an sich. »Wieso nachher? Worauf warten wir?«, raunte er.
   Sie lächelte. »Lass mich noch schnell meinen Kaffee trinken, dann können wir los.«

*

Mit der Blue Horizon jagten sie die Küste entlang und Yannis genoss den Blick auf die Insel mit ihrer dichten Vegetation und den fast menschenleeren Sandstränden. Das Leben verlief gemächlich auf den abgelegenen Out Islands. Was für ein Unterschied zu der quirligen Hauptstadt Nassau, die täglich von Touristen überschwemmt wurde.
   »Wie seid ihr auf die Idee gekommen, hier ein Haus zu bauen? Cat Island ist total ab vom Schuss«, rief er, um sich über den Fahrtwind und das Dröhnen der Motoren hinweg verständlich zu machen.
   »Das war der Alterssitz meiner Großeltern. Nachdem sie ihre Firma an Dad übergeben hatten, wollten sie ein geruhsames Leben führen. Sie sind gern gesegelt. Die Solitaire, Tylers Katamaran, gehörte ursprünglich ihnen.« Ein Schatten huschte über Mias Gesicht. »Nach ihrem Tod stand das Haus eine Weile leer. Tyler hat es renoviert und nutzt es nun als Strandhaus. Ich bin froh, dass er es nicht verkauft hat. Es hängen für mich eine Menge Kindheitserinnerungen daran.«
   »Du hättest es doch übernehmen können.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Mir fehlt die Zeit für ein solches Objekt. Meine Großeltern wussten das. Tyler war zu ihren Lebzeiten von der Idee besessen, auf Cat Island eine Tauchschule zu eröffnen. Er hat jede freie Minute bei Ihnen verbracht, und war ständig draußen, um zu tauchen und zu segeln. Deshalb haben sie ihm das Gebäude und den Katamaran vermacht. Leider ist aus seinem Vorhaben nichts geworden. Dabei ist das hier eine tolle Gegend für Wassersport.« Mia lächelte. »Tyler hatte den Kopf schon immer voller Pläne, er ist aber auch recht sprunghaft. Kurz darauf hat er sich in Miami in die Kampfsportschule eingekauft. Ich habe von meinen Großeltern Geld geerbt, weil ich von einer eigenen Praxis träumte.«
   »Wirst du dir den Traum eines Tages erfüllen?«
   »Wenn ich älter bin vielleicht. Ich möchte zuerst Berufserfahrung sammeln. Aus diesem Grund habe ich auch die Weiterbildung zur Notfallmedizinerin gemacht.«
   Ihre Zielstrebigkeit und ihre klaren Vorstellungen gefielen ihm. Mit ihren zweiunddreißig Jahren hatte sie es als Ärztin bereits weit gebracht.
   »Den einzigen Luxus, den ich mir von meinem Erbe gegönnt habe, ist die Blue Horizon. Na ja, genau genommen, hatten Dad und ich sie zusammen gekauft. Deswegen liegt sie in Nassau und nicht in Miami. Er fährt sie öfter als ich, obwohl er beruflich auch eingespannt ist.«
   Mia drosselte den Schub und schwenkte in eine Bucht ein. »Wir sind da.«
   Sie breiteten ihre Strandtücher unter einigen Palmen aus, deren filigrane Wedel sich anmutig vor der Brise verneigten und tanzende Schatten warfen. Der Sand schimmerte in der Mittagssonne wie Perlmutt, das türkisfarbene Meer funkelte, und kleine Wellen brachen sich und rauschten an den Strand.
   Mia zog das Shirtkleid über den Kopf. Darunter trug sie einen azurblauen Bikini, der ihre Augenfarbe betonte. Yannis bemühte sich, sie nicht allzu offensichtlich anzugaffen. Sie war schlank, mit sanften Rundungen an den richtigen Stellen und sensationellen Beinen. In einem Cocktailkleid und mit High Heels würde sie eine Wahnsinnsfigur abgeben.
   »Was ist los?«, riss ihn Mias Stimme aus seinem Tagtraum. »Traust du dich nicht? Runter mit den Klamotten.« Mit in die Seiten gestemmten Händen lachte sie ihn an.

*

Das begehrliche Leuchten seiner Augen ließ sie verstummen und ihre Knie weich werden. Yannis knöpfte das Hemd auf, das er lässig über den Shorts trug, und schlüpfte aus seiner Kleidung. Mias Blick klebte an ihm. Was sie bisher nur gefühlt hatte, sah sie nun zum ersten Mal bei Tageslicht. Die breite Brust, den trainierten Bauch, kraftvolle Schultern und Arme, muskulöse Beine. Eine schwarze Badeshorts saß auf seinen Hüften.
   »Wollen wir?« Er streckte ihr die Hand hin, und Mia riss den Blick von ihm los. Sein selbstgefälliges Grinsen bewies, dass er genau wusste, was in ihr vorging. Sie schob ihre Hand in seine, und zusammen rannten sie ins Meer. Das Wasser spritzte und erfrischende Tropfen trafen auf ihre erhitzte Haut. Mit einem Schrei stürzte sich Yannis in die Fluten. Als er auftauchte, glänzte sein Haar wie Onyx, Wassertropfen perlten über seine gebräunten Schultern und rannen an seinem Körper hinab. Er erinnerte Mia an einen griechischen Gott. Lässig strich er sich eine Strähne aus der Stirn. Eine sexy Geste, die ihr fast den Boden unter den Füßen wegzog. Jetzt kam er auch noch auf sie zu. Seine Badehose war ein wenig verrutscht und ließ einen weißen Streifen Haut sehen. Sie stellte sich ihn vor, wie er in diesem Aufzug am Strand herumlief oder auf Stellas Jacht. Du lieber Himmel! Sie musste aufhören, ihn anzustarren, sonst würde sie vor Verlangen in Flammen aufgehen. Mühsam wandte sie den Blick ab und zwang sich, an etwas anderes zu denken. Die Blue Horizon dümpelte in der Nähe auf den Wellen. Sie durfte nicht vergessen, noch Frischwasser zu bunkern, bevor sie nach Nassau zurückfuhr. Und sie brauchte … Yannis’ Hände auf ihren Hüften entlockten ihr ein Keuchen. Er stand hinter ihr und zog sie an sich, bis sie mit dem Rücken an seiner Brust lehnte.
   »Warum schaust du weg?«, murmelte er dicht an ihrem Ohr.
   »Weil ich sonst in Ohnmacht fallen und vermutlich ertrinken würde.«
   »Sehe ich so gruslig aus?«
   Sie drehte sich in seinen Armen um und blickte zu ihm hoch. »Verdammt, Yannis Galanis, hast du mal in einen Spiegel geschaut?«
   »Ab und zu mache ich das tatsächlich.« Die Lachfältchen in seinen Augenwinkeln verrieten, wie sehr er sich amüsierte. Mit einem Finger folgte er dem Wassertropfen, der aus seinem Haar gefallen war und über Mias Dekolleté lief. Sie erschauderte unter der Berührung. Dieser Mann war Leidenschaft pur. Sie legte die Arme um seinen Hals, Yannis senkte den Kopf und küsste sie.

»Wir müssen bald los«, sagte Mia geraume Zeit später. »Ich will noch bei Tageslicht in Nassau ankommen.«
   Yannis brummelte etwas Unverständliches und zog sie enger an sich. Nach dem Bad hatten sie sich auf den Strandlaken ausgestreckt und von der milden Brise trocknen lassen.
   »Ich habe von der Frucht der Verführung nicht kosten dürfen und werde trotzdem aus dem Paradies verjagt«, beklagte er sich.
   Sie kicherte. »Du redest vielleicht einen Stuss. Wie kommst du denn auf so etwas?«
   »Ich lese viel. Bodyguard ist im Grunde ein langweiliger Job.«
   »Von dem man eine Menge Muskeln bekommt.« Sie streichelte über seine Brust und schmiegte noch einmal ihre Wange an seine warme Haut. Sie würde ihn vermissen.

Während des Heimflugs verweilten Mias Gedanken bei dem vergangenen Wochenende und bei Yannis. Seit er und Tyler vor einigen Monaten Stella aus den Fängen des durchgeknallten Drogenbosses Ricardo Garcia befreit hatten, war viel geschehen. Tyler hatte seinen Job bei der Coast Guard in Miami aufgegeben und war zu Stella nach Nassau gezogen, wo sie eine Galerie führte. Die Boxschule in Miami leiteten Julia und Dean, Tyler blieb als stiller Teilhaber in den Büchern. Aktuell suchte er ein geeignetes Gebäude in der bahamaischen Hauptstadt, um eine Kampfsportschule zu eröffnen.
   Yannis trat zum Monatsanfang die neue Stelle bei Dragon-Bahamas-Security an. Das Sicherheitsunternehmen vermittelte hauptsächlich Bodyguards an Prominente, übernahm den Wachdienst für Firmen sowie Werttransporte. Die Inhaberin, Nora Vision, hatte ihm versichert, dass es sich um einen ruhigen Job mit moderaten Arbeitszeiten handeln würde.
   Mia lächelte bei der Erinnerung an ihn und die wundervollen, gemeinsam verbrachten Stunden. Yannis wollte sie am nächsten Wochenende besuchen kommen. Allein das Wissen jagte ein Prickeln über ihre Haut und brachte ihr Herz zum Tanzen. Sie vermisste ihn jetzt schon und verfluchte die Tage bis zum Wiedersehen.

Kapitel 3

Müde und lustlos trat Mia am nächsten Morgen ihren Dienst an. Das lange Wochenende auf Cat Island und der Kontakt mit Familie und Freunden hatten ihr bewusst gemacht, wie stressig ihr Job war und wie wenig Zeit ihr für private Dinge blieb. Doch sie hatte sich diesen Beruf ausgesucht. Das Gefühl, helfen zu können und Leid zu lindern, wog den manchmal übermenschlich scheinenden Einsatz auf.
   »Wie war’s auf der Insel?«, begrüßte sie ihr Kollege Jeremy, als sie die Notaufnahme betrat.
   »Guten Morgen, Dr. Young«, neckte sie ihn. »Einfach traumhaft. Die Feier war perfekt und ich habe seit Wochen endlich mal wieder die Sonne gesehen.« Sie seufzte. »Am liebsten hätte ich noch ein paar Tage drangehängt, aber das ging ja leider nicht.«
   Jeremy nickte. »Diese dämlichen Überstunden«, griff er ihre Andeutung auf. »Ich bin extra wegen Meer und Strand hierher gezogen und hocke nur in diesem verfluchten Kasten mit Klimaanlage und Kunstlicht. Ich komme mir vor wie eine Laborratte.«
   »Dann such dir einen Job als Bademeister«, zog sie ihn auf. »Am besten am Miami Beach. Da sitzt du den ganzen Tag in deinem Holzhäuschen und siehst halb nackten Frauen beim Sonnenbaden zu.«
   Er feixte. »Was für herrliche Aussichten, aber bei meinem Pech säuft garantiert der widerlichste Typ ab und ich muss ihn reanimieren.«
   Mia kicherte. »Das solltest du dir nicht entgehen lassen.«
   Jeremy zog gespielt empört die Brauen hoch. »Du bist ja echt gut drauf. Ich hoffe, deine sonnige Laune hält an. Vor ein paar Minuten ist ein Autounfall reingekommen. Ziemlich blutig, der dürfte nach deinem Geschmack sein.«
   »Hach, du weißt, wie man eine Frau glücklich macht.«
   Er zwinkerte ihr zu. »Gern geschehen.«

In der Notfallambulanz herrschte Hektik, wie so oft an sonnigen, heißen Tagen. Die Menschen hielten sich im Freien auf, feierten, tranken zu viel, bekamen Sonnenstiche und Hitzschläge, stritten sich, übertrieben es beim Sport.
   Mia fixierte gerade einen Verband, als aufgeregte Stimmen erklangen. Sie hob den Kopf und erblickte einen Mann, der mit einem Verletzten auf den Armen durch die Tür wankte. Sein Shirt war blutdurchtränkt. Dicke rote Tropfen landeten auf dem hellen Boden.
   Mia stürzte auf die beiden zu und rief gleichzeitig nach einer Krankenliege. Zwei Schwestern eilten herbei und halfen, den Verwundeten auf die Liege zu betten. Mia beugte sich über ihn. Ein Blick in seine starren Augen verriet ihr, dass jede Hilfe zu spät kam. Trotzdem legte sie die Finger auf den Puls an seinem Hals. Sekunden danach richtete sie sich langsam auf.
   Der Stoß gegen ihren Rücken brachte sie aus dem Gleichgewicht, und beinahe wäre sie auf den Toten gestürzt. Sie schaffte es gerade noch, sich am Rand der Krankenliege abzufangen. Ärgerlich fuhr sie herum. Hektik hin oder her, das konnte sie nicht durchgehen lassen.
   Sie sah sich dem blutverschmierten Begleiter des Verstorbenen gegenüber, der einen Schwall spanischer Worte über ihr ausschüttete. Sie wich zurück. Er setzte nach, packte sie am Arm und zerrte sie zu der Liege. Zornig deutete er auf den Mann.
   Mia schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, aber Ihr Freund ist tot«, sagte sie.
   Der Kerl schien sie nicht zu verstehen. Seine Pranken fielen auf ihre Schultern und er redete auf sie ein. Sie versuchte, ihn abzuwehren, doch seine Finger gruben sich schmerzhaft in ihr Fleisch. Ärgerlich stieß sie ihn vor die Brust und bemerkte dabei seine erweiterten Pupillen, ein Hinweis auf Drogenkonsum. Irrsinn loderte in seinem Blick, eine Hand fuhr zu seiner Hüfte, und plötzlich fühlte Mia die kalte Klinge eines Messers am Hals. Sie erstarrte mitten in der Bewegung.
   Eine Frau schrie, danach wurde es schlagartig still in dem üblicherweise emsig summenden Raum. Nur die Stimme ihres Peinigers dröhnte in ihren Ohren. Mia verharrte. Die kleinste Regung könnte ihn zu einer Kurzschlussreaktion veranlassen.
   Schwester Teresa näherte sich langsam. Sie war kreidebleich, doch sie schaffte es »Muerto« zu stammeln.
   Der Blick des Mannes huschte zu der Mexikanerin, er starrte sie einen Augenblick an, dann brüllte er Schmerz und Wut heraus. Der Druck der Klinge an Mias Kehlkopf verstärkte sich. Sie versuchte auszuweichen, wagte es jedoch nicht, eine Hand zu heben. Der Typ könnte die Geste falsch interpretieren und ihr den Hals durchschneiden. Sie verfluchte sich, weil sie nie auf Tyler gehört und einen Selbstverteidigungskurs besucht hatte. Oft genug hatte er darüber gesprochen, sie immer gewarnt … nun war es zu spät für Vorwürfe.
   Noch einmal probierte Mia, mit ruhigen Worten zu dem Mann durchzudringen, doch er schrie auf sie ein, schleuderte ihr Sätze entgegen, die sie nicht verstand. Sein Blick wirkte unfokussiert und er schwankte, was ihren Verdacht, dass er unter Drogeneinfluss stand, untermauerte.
   »Der Tote ist sein Bruder«, dolmetschte Teresa.
   »Kannst du ihn beruhigen?« Mias Stimme bebte.
   Die Schwester kam näher, hob die Hände in einer beschwichtigenden Geste und sprach auf den Mann ein. Er starrte sie sekundenlang an, der Druck der Klinge gegen Mias Kehle wurde schwächer. Plötzlich stieß er sie zur Seite, stürzte sich auf Teresa und rammte ihr das Messer in den Hals. Sie brach zusammen, ein beherzter Pfleger sprang den Täter an, die beiden gingen zu Boden und rangen miteinander.
   Mia, die hart auf den Knien gelandet war, handelte instinktiv. Sie kroch zu Teresa und drückte ihre Hände auf die blutende Wunde. Hilferufe quollen aus ihrem Mund und vermischten sich mit ihrem Schluchzen. Zwei Ärzte eilten herbei, einer schob Mia zur Seite. Sie sah noch, wie Teresas Beine zuckten, dann wurde es schwarz um sie herum.

*

»Yannis, kannst du dich um Stella kümmern? Ich muss dringend nach Miami.«
   Tylers Stimme klang panisch durchs Telefon. Yannis, der auf der Couch eingedöst war, schoss hellwach in die Höhe. »Was ist passiert?«
   »Es gab einen Zwischenfall im Krankenhaus. Mia braucht meine Hilfe.«
   Im Hintergrund hörte er Stella zetern, Tyler widersprach ihr, doch sie fuhr ihm über den Mund. Wäre Yannis nicht so erschrocken, hätte er sich glänzend amüsiert. Sein ehemaliger Schützling hatte ihren Mann gut im Griff.
   »Ich brauche keinen Aufpasser, ich fliege ebenfalls nach Miami.« Stellas Stimme drang an sein Ohr. Sie hatte das Smartphone in ihre Gewalt gebracht.
   »Stella, was zum Teufel ist bei euch los?«
   »Mia wurde angegriffen. In der Notaufnahme.«
   »Angegriffen?«
   »Ein Typ ist durchgedreht. Angeblich war er auf Drogen.«
   Yannis’ Herz setzte einen Takt aus. »Ist Mia verletzt?«
   »Ihr Kollege sagt Nein. Aber sie hätte mit ansehen müssen, wie eine Schwester niedergestochen wurde. Sie steht unter Schock.«
   Ihm lief es eiskalt den Rücken hinunter bei Stellas Worten. »Ich komme mit euch.«
   »Das dachte ich mir.«
   »Bis gleich am Auto.«
   »Okay.«
   Stella drückte das Gespräch weg, und Yannis sackte mit weichen Knien auf die Couch. Übelkeit stieg in ihm hoch bei dem Gedanken, dass es auch Mia hätte treffen können. Er gönnte sich einen Moment des Durchatmens, bevor er die Schuhe anzog und nach Brieftasche und Autoschlüssel griff.

Kapitel 4

Sie hörten Mia schon im Krankenhausflur lamentieren. Tyler stieß die Tür zum Ärztezimmer auf, ohne anzuklopfen. Seine Schwester saß auf einer Couch, mit zornig geröteten Wangen und blitzenden Augen. Ihre blonden Locken standen wild in alle Richtungen und unterstrichen ihre Wut. Der Arzt, mit dem sie stritt, fuhr herum. Es war Jeremy Young. Erleichterung malte sich auf sein Gesicht, als er Tyler erblickte.
   »Endlich kommt die Verstärkung«, platzte er heraus.
   »Hey Jerry«, sagte Tyler und schlug ihm auf die Schulter. Er kannte Jeremy von diversen Rettungseinsätzen, bei denen dieser als Notarzt mitgeflogen war. Tyler ging vor Mia in die Hocke und fasste nach ihren eiskalten Händen. »Wie geht es dir? Ist dir wirklich nichts passiert?«
   »Mir geht’s gut. Aber der da verlangt, dass ich für heute Schluss mache.« Sie zeigte anklagend auf Jeremy.
   »Der da wird schon seine Gründe dafür haben«, tadelte er.
   Stella trat neben Tyler, beugte sich vor und umarmte Mia. »Alles okay bei dir?«
   Tyler richtete sich auf. Seine Frau wirkte erschrocken. Kein Wunder, vor wenigen Monaten hatte sie selbst verletzt und verzweifelt in diesem Krankenhaus gelegen.
   »Mir ist nichts passiert.«
   Stella machte Platz für Yannis, der sich zu Mia auf die Couch setzte und sie in die Arme schloss.
   »Yannis«, stieß sie hervor. »Was machst du denn hier?«
   »Ich musste mich persönlich davon überzeugen, dass mit dir alles in Ordnung ist.«
    Mia schmiegte sich seufzend an ihn und drückte ihr Gesicht gegen seine Brust. Sie wirkte verstört. Die selbstsichere Fassade, die sie in der Klinik üblicherweise zur Schau trug, hatte sich in Luft aufgelöst, und Yannis sah man seine Erschütterung ebenfalls deutlich an.

*

Mia hätte nie damit gerechnet, dass Yannis hier auftauchen würde. Umso mehr freute sie sich über seine Anwesenheit. Er strahlte eine beruhigende Souveränität aus. Bei ihm fühlte sie sich geborgen und beschützt. Während sie sich an ihn lehnte, spürte sie, wie sich ihre Anspannung zu lösen begann.
   »Was ist denn genau vorgefallen?«, fragte Tyler.
   »Es gab eine Messerstecherei in der Notaufnahme. Der Typ war auf Drogen«, berichtete Jeremy. »Er hatte seinen angeschossenen Bruder eingeliefert, Mia konnte jedoch nur noch dessen Tod feststellen. Der Kerl ist daraufhin komplett ausgeflippt. Er hat Mia bedroht und eine Schwester niedergestochen, die vermitteln wollte.«
   »Ist Mia verletzt?«
   »Nein. Sie musste allerdings den Angriff aus nächster Nähe mit ansehen. Der Mistkerl hat Teresa Gonzales in den Hals gestochen.« Jeremy verstummte und presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen.
   »Ich bin an allem schuld«, mischte sich Mia ein. »Ich habe Teresa vorgeschickt. Ihr wäre nichts passiert, wenn …« Unversehens stiegen ihr Tränen in die Augen.
   »Pst.« Yannis streichelte über ihr Haar.
   »Er hat zuerst mir das Messer an die Kehle gehalten. Ich habe seine Aufmerksamkeit auf Teresa gelenkt.«
   Yannis erstarrte bei ihren Worten.
   »Du hast sie um Hilfe gebeten, weil sie spanisch spricht«, entgegnete Jeremy.
   »Aber ich wusste, dass der Typ etwas eingeworfen hatte. Ich stand vor ihm und konnte ihm in die Augen sehen. Er war irre! Ich hätte das Personal wegschicken müssen, stattdessen habe ich Teresa in Gefahr gebracht.«
   Tyler setzte sich auf die Armlehne und legte eine Hand auf ihre Schulter. »Hör auf mit den Selbstvorwürfen. Es hätte jeden treffen können.«
   »Es sollte mich treffen«, begehrte sie auf.
   »Wie geht es der Schwester?«, fragte Stella.
   Jeremy wiegte bedenklich den Kopf. »Sie lebt, ist jedoch schwer verletzt. Das Messer hat die Halsschlagader nur knapp verfehlt.«
   Mia wischte sich eine Träne von der Wange. »Ich will zu Teresa, aber man lässt mich nicht.«
   »Du weißt, dass sie operiert wurde und Ruhe braucht«, sagte Jeremy.
   »Deswegen darf ich sie trotzdem sehen. Oder verheimlichst du mir etwas?«
   »Mia, du bist nicht in der Verfassung, um sie zu besuchen.«
   »Du meinst, weil ich mich nicht zusammennehmen kann?«
   »Du warst ziemlich aufgelöst, das musst du zugeben.«
   »Das ist schon Stunden her!«
   Jeremy zog es vor, zu schweigen.
   »Er hat recht«, mischte sich Yannis ein. »Du möchtest dein Gewissen erleichtern, aber du wartest besser noch ein paar Tage, bevor du mit der Schwester sprichst.«
   »Ich will mich entschuldigen.«
   »Das hat Zeit.«
   Mia erkannte die Sorge in seinem Blick, obwohl seine Stimme ruhig und fest klang. Weitere Tränen stiegen in ihre Augen, und erschöpft sank sie gegen ihn. Er zog sie erneut an sich, und sie schmiegte sich in die beruhigende Wärme seiner Arme.
   Stella beugte sich zu Tyler hinab. »Sie muss hier raus«, murmelte sie.
   Dieser wandte sich an Jeremy. »Du wolltest Mia nach Hause schicken?«
   »Ja. Sie braucht Ruhe. Sie war kurze Zeit ohnmächtig. Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass sie die kommenden Tage nicht allein bleiben sollte, aber Frau Dr. Hanson weiß mal wieder alles besser.« Ein ärgerlicher Unterton schwang in seiner Stimme mit.
   »Wir sind total unterbesetzt. Hast du das vergessen?«, gab Mia Kontra.
   »Niemand verlangt von dir, dass du nach diesem Erlebnis weiterarbeitest. Wir schaffen das schon.«
   Finster starrte sie ihn an.
   Tyler berührte ihren Arm. »Was hältst du davon, für eine Weile mit zu uns zu kommen?«
   »Gute Idee«, warf Jeremy ein, bevor Mia reagieren konnte. »Nimm dir ein paar Tage frei.«
   Sie sah von ihm zu ihrem Bruder, neue Tränen liefen ihr über die Wangen, und ärgerlich wischte sie mit den Handrücken darüber.
   Yannis zog ein blütenweißes Stofftaschentuch aus seinem Jackett und reichte es ihr. Offensichtlich war er auf weinende Frauen eingestellt. »War die Polizei schon da?«, wandte er sich anschließend an Jeremy. »Mia ist Opfer und Zeugin. Sie wird auf jeden Fall aussagen müssen.«
   »Das ist erledigt.« Mia schluckte bei der Erinnerung an die Befragung. Einer der Beamten hatte erwähnt, dass ihr Angreifer ein polizeibekannter Drogendealer war. Wieso lief so jemand frei herum?

Während des Flugs beruhigte sich Mia allmählich. Je mehr Abstand sie zu dem Krankenhaus bekam, desto erleichterter fühlte sie sich. Nach der Landung war sie wieder fähig, mit Tyler herumzudiskutieren.
   »Jeremy sagte, du sollst nicht allein bleiben. Ich habe ihm versprochen, dass ich auf dich aufpasse.«
   »Mensch, Tyler. Ich bin weder verletzt noch selbstmordgefährdet. Ich werde im Apartment wohnen. Wieso soll ich euer Gästezimmer belagern, wenn unsere Wohnung leer steht?« Mias und Tylers Eltern besaßen ein Ferienapartment in Nassau, in der Nähe der Bayshore Marina.
   »Bleib wenigstens die erste Nacht bei uns«, bat Stella.
   »Das ist lieb gemeint, aber wirklich nicht nötig. Ich bin okay.« Sie zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht. »Und ich hätte, ehrlich gesagt, gern meine Ruhe.«
   »Wir sind nur ein paar Minuten von dir entfernt«, warf Yannis ein.
   Stella und Tyler wohnten im Penthouse über der Galerie, und seine kleine Wohnung schloss sich an den Ausstellungsraum an.
   »Wenn ich Lust auf Gesellschaft bekomme, melde ich mich. Könnt ihr damit leben?« Der lockere Tonfall gelang Mia nicht so recht.
   »Na gut, aber du rufst an, falls du dich schlecht fühlst. Auch mitten in der Nacht«, verlangte Tyler.
   »Versprochen. Können wir jetzt fahren?«

Yannis parkte seinen BMW M6 vor dem Apartmenthaus und trug Mias Koffer hinein. Tyler und Stella folgten ihnen.
   »Brauchst du Hilfe beim Auspacken?«, fragte Stella.
   »Danke, das schaffe ich schon.«
   »Ist überhaupt etwas zum Beißen da?« Tyler betrat die Küche und öffnete die Kühlschranktür. »Ich kaufe für dich ein«, bot er an, als er in den fast leeren Innenraum starrte.
   Mia seufzte laut. »Ich mag euch wirklich sehr, aber ich hätte gern mal für eine Weile meine Ruhe. Wie wär’s, wenn wir heute Abend zusammen Essen gehen?«
   Zögernd sahen die drei sie an. Yannis war der Erste, der nickte. »Wir holen dich ab. Ist sieben Uhr okay?«
   »Ja, das passt. Danke, dass ihr mich herbegleitet habt.«
   Sobald Mia allein war, ließ sie sich in einen Sessel fallen. Obwohl sie Tylers, Stellas und Yannis’ Fürsorge rührend fand, war sie gleichzeitig genervt davon. Sie wollte ihre Ruhe haben. Seufzend schloss sie die Augen und lehnte den Kopf zurück. Die Erinnerung an den Angriff schlich sich in ihre Gedanken. Das Entsetzen und die Todesangst in Teresas Gesicht hatten sich regelrecht auf ihrer Netzhaut eingebrannt. Immer wieder durchlebte sie die Szene, wie der Mann Teresa das Messer in den Hals rammte. Mias Pulsschlag beschleunigte sich und kalter Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn. Um sich aus dem Bann zu befreien, stand sie auf, überquerte den Flur, betrat die Küche und trank ein Glas Wasser. Anschließend hielt sie die Hände unter den erfrischenden Wasserstrahl.
   Ihr Puls beruhigte sich allmählich, aber die Sorge um Teresa ließ sie nicht los. Sie kehrte ins Wohnzimmer zurück, setzte sich auf die Couch und rief in der Klinik an. Der Zustand der Krankenschwester war unverändert. Sie hatte die Attacke überlebt, doch für weitere Prognosen war es zu früh. Mia bedankte sich und drückte das Gespräch weg. Lange saß sie unbewegt da und starrte ins Leere. Sie fühlte sich ausgebrannt. In ihrem Kopf hämmerte es wie in einer Endlosschleife »Du bist schuld«.

*

»Mir gefällt es nicht, dass sie allein sein will«, äußerte Tyler während der Heimfahrt.
   »Ich hätte sie auch lieber bei uns«, stimmte Stella zu.
   Yannis schwieg. Er teilte Stellas Meinung, verstand aber ebenso Mias Bedürfnis nach Ruhe. Sie war eine starke Persönlichkeit und würde dieses Erlebnis verkraften, doch dafür brauchte sie Zeit. Zum Glück musste er erst zum Monatsanfang seinen neuen Job antreten. Falls Mia es zuließ, könnte er die restlichen Tage mit ihr verbringen, sie vom Grübeln abhalten oder ihr einfach nur zuhören. »Ich kann mich um sie kümmern«, bot er an. Im Rückspiegel sah er, wie sich Tyler und Stella anblickten und wie sie verschmitzt zwinkerte.
   »Gute Idee. Du bist wahrscheinlich eine bessere Ablenkung als wir beide zusammen.«
   Yannis fühlte plötzliche Verlegenheit in sich aufsteigen. Gleichzeitig machte sich ein sehnsuchtsvolles Ziehen in seiner Brust breit.
   Sie erreichten die Galerie und blieben im Eingangsbereich stehen.
   »Mia könnte heute Abend zu uns kommen«, schlug Stella vor. »Sie sah so geschafft aus, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie tatsächlich Lust auf einen Restaurantbesuch verspürt.«
   »Ich glaube, das hat sie nur gesagt, um uns loszuwerden«, warf Tyler ein.
   »Schon möglich, aber Mia soll das entscheiden.« Yannis nickte Stella zu und schloss die Tür seines Apartments auf. »Ruf sie an, und sag mir Bescheid. Ich hole sie auf jeden Fall ab.«

*

Stella und Tyler stiegen die Treppe zum Penthouse hinauf. Mit einem schmerzhaften Laut streifte sie die Schuhe von den Füßen. Obwohl sie erst am Anfang der Schwangerschaft stand, spürte sie bereits die Veränderungen ihres Körpers. Sie nahm auf der Couch Platz und legte die Beine hoch. Tyler verschwand in der Küche und kehrte gleich darauf mit zwei Gläsern Ginger Ale zurück. Stella lächelte ihm entgegen. Er kannte ihre Gelüste, die in den letzten Wochen seltsame Ausmaße angenommen hatten, und sorgte dafür, dass sich immer ein Vorrat im Haus befand. Er reichte ihr ein Glas, setzte sich zu ihr und hob ihre Füße auf seinen Schoß. Stella schloss unter der wohltuenden Massage die Augen. »Was für ein Tag«, seufzte sie.
   »Du wärst besser hiergeblieben. Das war viel zu anstrengend für dich.«
   Sie öffnete die Lider und funkelte ihn an. »Tyler Hanson, wie oft muss ich dir noch sagen, dass ich schwanger bin und nicht krank. Du behandelst mich seit Wochen wie ein rohes Ei. Allmählich nervt das.«
   Er sah sie mit einem Blick voller Liebe an. »Diese sprunghaften Launen, sind die auch hormongesteuert?«
   Stella gluckste, wurde aber rasch wieder ernst. »Ich musste Mia sehen. Mich selbst davon überzeugen, dass ihr nichts passiert ist. Wenn ich mir vorstelle, was sie erlebt hat …«
   Tylers sanfte Finger streichelten ihre Beine. »Die Klinik ist Gift für sie«, sagte er. »Seit sie in der Notaufnahme arbeitet, sieht sie aus wie ein Gespenst.«
   »Das war auch mein erster Gedanke, als ich sie auf Cat Island wiedergesehen habe.« Stella dachte an ihre Hochzeitsfeier zurück. Wie Mia trotz ihrer offensichtlichen Erschöpfung in Yannis’ Gegenwart aufgeblüht war und an das spürbare Knistern zwischen den beiden. Ob sich daraus etwas Ernstes entwickeln würde? Die Vorstellung, dass ihr langjähriger Bodyguard und ihre Schwägerin ein Paar werden könnten, erfüllte sie mit Freude.

Kapitel 5

Mia erwachte vom Klingeln des Smartphones und wusste im ersten Moment nicht, wo sie sich befand. Eine bleierne Müdigkeit hielt sie fest im Griff. »Hallo«, meldete sie sich.
   »Hallo Mia, hast du Lust auf Pizza heute Abend?«, fragte Stella. »Wir würden bestellen. Ich bin zu müde zum Ausgehen.«
   »Ja, ist mir recht.«
   »Alles in Ordnung bei dir? Kommst du allein klar oder hättest du lieber Gesellschaft?« Besorgnis schwang in Stellas Stimme mit.
   »Mir geht es gut.«
   »Du hörst dich so bedrückt an.«
   »Ich habe geschlafen.«
   »Oh, sorry. Ich wollte dich nicht wecken. Yannis kann dich nachher abholen.«
   »Er muss nicht extra herkommen, ich nehme mir ein Taxi.«
   »Das ist Quatsch. Außerdem fiebert er regelrecht darauf, dich zu chauffieren.« Stella gluckste.
   Bei dem Gedanken, Yannis bald wiederzusehen, wurde es Mia warm ums Herz. »Na gut, dann soll er vorbeikommen.«
   »Bleibt es bei sieben Uhr?«
   »Ja, wie ausgemacht. Ich freu mich. Bis später.« Mia legte das Handy beiseite und schloss erneut die Augen. Sie fühlte sich ausgebrannt und schwach. Empfindungen, die ihr unbekannt waren und mit denen sie nicht zurechtkam. Bisher war sie immer voller Elan gewesen und selbst stressige Tage im Krankenhaus hatten sie emotional nicht so ausgelaugt wie dieses Erlebnis. Aufs Neue setzte ihr Gedankenkarussell ein, und sie durchlebte ein weiteres Mal den Angriff auf Teresa Gonzales.

*

Yannis musste mehrmals klingeln, bevor Mia öffnete. Kurz war er versucht, den Wohnungsschlüssel, den ihm Tyler mitgegeben hatte, zu benutzen, doch er wollte Mia nicht das Gefühl vermitteln, er würde in ihre Privatsphäre eindringen.
   »Tut mir leid, ich bin eingeschlafen«, entschuldigte sie sich, nachdem er sie mit einem Kuss auf die Wange begrüßt hatte.
   »Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich bei dir geblieben«, scherzte er.
   »Um was zu tun?«
   Er sah sie sekundenlang an und dabei ging ihm das Herz auf. Ihr war offensichtlich nicht bewusst, wie anziehend sie wirkte mit ihrem engelsgleichen Gesicht und den zerzausten Locken. »Och, mir wäre schon etwas eingefallen.«
   »Na klar.« Mia legte die Arme um seine Mitte und kuschelte sich an ihn. Ihre Nähe erzeugte eine wohlige Wärme in seinem Inneren.
   »Ich wollte eigentlich noch duschen, bevor wir fahren«, sagte sie. »An mir hängt der Krankenhausmief. Blöd, dass ich eingepennt bin.«
   »Dann mach das in Ruhe. Wir bestellen Pizza, wenn wir bei Tyler und Stella sind.«
   »Ich weiß. Stella hat mich vorhin angerufen.« Mia trottete mit hängenden Schultern über den Flur ins Badezimmer.
   Yannis sah ihr besorgt hinterher. Er hatte sie voller Lebensfreude und sprühend vor Energie kennengelernt. Wo war die temperamentvolle, selbstbewusste Frau geblieben, die ihm die Stirn geboten und ihre Haut für Stella riskiert hatte? Der Angriff musste sie vollständig aus der Bahn geworfen haben. Er konnte nur hoffen, dass sie schnell darüber hinweg kam. Eine rasende Wut auf den Angreifer packte ihn, doch er zwang sich, diesem Gefühl keinen Raum zu lassen.
   Als sie das Wohnzimmer erneut betrat, wirkte sie etwas lebhafter und sie schaffte es sogar, für ihn ein Lächeln auf ihr angespanntes Gesicht zu zaubern.
   »Wollen wir los?«, fragte er.
   Mia nickte knapp. Yannis ahnte, dass ihr der Sinn momentan nicht nach Gesellschaft stand, doch sich in der Wohnung zu verkriechen, war auch keine Lösung.

Er hielt ihr die Autotür auf und sie nahm auf dem komfortablen Ledersitz Platz.
   »Du fährst Stellas Wagen«, stellte sie fest.
   »Meinen ehemaligen Dienstwagen«, korrigierte er. »Sie hat mir das Auto überlassen. Als Abschiedsgeschenk.«
   »Das ist eine nette Geste.«
   »Und eine sehr großzügige. Ich hätte mich auch ungern von der Kiste getrennt. Sie ist mir ans Herz gewachsen, und ich kenne alle ihre Marotten.«
   »Wie bei einem alten Ehepaar.«
   Er lachte, startete den Motor und reihte sich in den fließenden Verkehr ein.
   »Dann bist du ja gut gerüstet für deinen neuen Job«, bemerkte Mia.
   »Dragon-Bahamas-Security unterhält einen eigenen Fuhrpark. Während der Arbeit nutze ich meinen Privatwagen nicht.«
   »Ach so.« Sie schwieg einen Moment. »Du hast gesagt, die Firma vermittelt Bodyguards an Promis. Was sind das für Leute? Schauspieler? Musiker?«
   Er warf ihr einen Blick zu, bevor er wieder auf die Straße sah. Es freute ihn, dass sie trotz des schockierenden Erlebnisses Interesse an alltäglichen Dingen zeigte. »Es handelt sich um Kunden, die Begleitschutz bei einem Event brauchen«, antwortete er. »Auftritte, Signierstunden und so weiter. Nicht alle reisen mit einem Leibwächter. In solchen Fällen stellt Dragon-Bahamas-Security den Personenschutz vor Ort. Meine Einsatzgebiete sind Nassau und Paradise Island.«
   »Dann kommst du bestimmt öfter ins Atlantis.« Mia sprach von dem imposanten Hotelkomplex auf Paradise Island. »Das klingt super. Du kennst dich hier aus und die Arbeitszeiten sind überschaubar.«
   »Ob der Job so lässig ist, wird sich zeigen. Ich muss mich im Grunde ständig auf eine neue Person einstellen. Bei Stella wusste ich, woran ich war.«
   Mia sah ihn an. »Du hast gern für sie gearbeitet.«
   »Mhm …, ein wenig tut es mir schon leid, dass sie mich nicht mehr braucht. Aber ich kann es verstehen.«
   »Spätestens wenn das Kind auf der Welt ist, bist du wieder gefragt.« Sie gluckste.
   Er schielte zu ihr hinüber. »Was ist daran so lustig?«
   »Ich stelle mir dich gerade als Babysitter vor.«
   Ihm drohten die Gesichtszüge zu entgleisen, und schnell kehrte er zum eigentlichen Thema zurück, bevor sie den Gedanken weiter ausschmücken konnte. »Die meiste Zeit wird man mich vermutlich als Begleiter für Werttransporte einsetzen. Zu den Auftraggebern von Dragon-Bahamas-Security gehören auch Banken.«
   »Ist das nicht gefährlich?«
   »Gefährlich ist relativ. In diesem Job geht es um Prävention. Wenn ein Wachmann in eine riskante Situation gerät, war er höchstwahrscheinlich zu nachlässig oder hat im Vorfeld einen Fehler gemacht.«
   Sie runzelte die Stirn. »Ich glaube, deine Arbeit bei Stella hat mir besser gefallen.«
   »Jeder Job hat seine Vor- und Nachteile.« Yannis’ Loyalität der Familie Korres gegenüber verbot es ihm, ins Detail zu gehen. Es hatte Zeiten gegeben, in denen ihn Stellas Eskapaden den letzten Nerv gekostet hatten. »Wir sind da.« Er fuhr auf den reservierten Parkplatz.

*

Die angenehme Stimmung an diesem Abend wirkte beruhigend auf Mia. Sie saßen im Wohnzimmer bei Pizza, Wein und Eistee und unterhielten sich. Tyler erzählte von seiner Suche nach geeigneten Räumlichkeiten für die Kampfsportschule, die er eröffnen wollte. Ein Makler hatte versucht, ihm ein baufälliges Gebäude schmackhaft zu machen, und er konnte sich immer noch darüber aufregen. »Ein anständiger Tritt gegen den Sandsack und die Decke wäre heruntergekommen«, schimpfte er.
   »Das nennt man Unterricht mit Nervenkitzel.« Stella grinste.
   Mia versuchte, sich auf das Geplauder zu konzentrieren, doch ihre Gedanken schweiften ab. Sie sah Teresa vor sich, die wutverzerrte Miene des Angreifers und die brutale Attacke. Glücklicherweise war der Sicherheitsdienst rasch zur Stelle gewesen und hatte den Typen überwältigt, nachdem ein beherzter Pfleger ihn zu Boden gerissen hatte. Trotzdem hätte das nicht passieren dürfen, sie hätte Teresa nicht in Gefahr bringen dürfen … Ihre Atmung beschleunigte sich und sie spürte erneut dieses beklemmende Gefühl, das ihr den Brustkorb einschnürte.
   »Mia, alles okay?« Stellas Stimme drang in ihr düsteres Sinnieren.
   Sie zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht. »Ja. Keine Sorge. Ich bin nur furchtbar müde.«
   »Soll ich dich heimfahren?«, fragte Yannis.
   Mia warf einen Blick auf die Wanduhr. Es war noch früh, trotzdem fühlte sie sich zu Tode erschöpft. Sie nickte ihm zu. »Tut mir leid, wenn ich heute nicht besonders unterhaltsam bin«, entschuldigte sie sich in die Runde.
   »Das ist doch verständlich nach so einem Erlebnis.« Tyler legte einen Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. »Du solltest viel öfter vorbeikommen.«
   »Würde ich gern, aber du weißt …«
   »Dein Job.« Er stöhnte. »Manchmal kommt es mir vor, als wärst du mit dem Krankenhaus verheiratet.«
   »Fängst du schon wieder damit an? Ärztin zu sein, ist mein Traumberuf. Ich wollte nie etwas anderes werden. Und in dem Job gibt es nun mal keine normalen Acht-Stunden-Tage.« Mia bremste sich. Diese Diskussion führte sie mit Tyler in schöner Regelmäßigkeit. Seiner Meinung nach engagierte sie sich über ein gesundes Maß hinaus und kam dabei selbst zu kurz.
   »Ich bin ja noch eine Weile in Nassau.« Mia stand auf. »Wir sehen uns morgen.« Sie umarmte Stella zum Abschied und verließ zusammen mit Yannis das Penthouse.

Schweigend fuhren sie zu ihrem Apartment, wo Yannis den Wagen auf dem Parkplatz stoppte. Sie griff nach ihrer Tasche, die sie im Fußraum abgestellt hatte.
   »Soll ich mit raufkommen? Nachsehen, ob alles in Ordnung ist?«, fragte er, als sie die Autotür öffnen wollte.
   Sie lächelte. »Du bist wohl rund um die Uhr im Bodyguard-Modus?«
   Belustigt zog er die dunklen Brauen hoch.
   »Du kannst gern noch auf ein Glas Wein oder ein Bier mit reinkommen. Du hast den ganzen Abend keinen Schluck getrunken.«
   »Ich trinke nie, wenn ich fahre.«
   »Oh, ein Mann mit festen Prinzipien. Ich mag das.« Mia berührte seinen Arm. »Soll ich dir einen Kaffee machen?«
   Er nickte und schaltete den Motor aus. Sie las in seiner Miene, dass er nicht wegen des Kaffees mitkam.

*

Im Apartment stellte Mia ihre Tasche an der Garderobe ab und betrat die Küche. Yannis verharrte für einen Moment im Flur. Die Erinnerung an die Auseinandersetzung vor einigen Monaten stieg in ihm hoch. Als Mia ihn verdächtigt hatte, Stellas Versteck an ihren Entführer verraten zu haben. Wie eine Furie war sie damals auf ihn losgegangen.
   Mias blonder Lockenkopf erschien im Türrahmen. »Was ist los? Traust du dich nicht rein?«
   Er setzte sich in Bewegung. »Ich musste gerade an unseren Streit denken.«
   »Ah ja …, das war heftig.« Sie verzog das Gesicht bei der Erinnerung daran. »Ich war so wütend, ich hätte dich am liebsten verprügelt«, bemerkte sie über das Geräusch des Mahlwerks hinweg.
   Yannis lehnte sich gegen die Küchenzeile und runzelte die Stirn. Fast wäre es damals zu einem Bruch zwischen Tyler, Mia und ihm gekommen. »Und ich hätte dich am liebsten übers Knie gelegt und dir diesen verfluchten Starrsinn ausgetrieben.«
   Ein Funkeln glomm in ihren Augen auf. »So etwas traust du dich nicht. Niemals!«
   »An deiner Stelle würde ich es nicht darauf anlegen.« Es gelang ihm nur mit Mühe, ernst zu bleiben.
   Drohend hielt sie ihm einen Finger unter die Nase. »Denk daran, ich besitze ein Skalpell.«
   Er grinste, als sie den alten Scherz aufleben ließ, der ihn an den Beginn ihrer Bekanntschaft erinnerte. »Okay. Ich gebe auf. Du hast mich durchschaut.«
   »Das ist ja auch nicht sonderlich schwer bei Männern.«
   Er schloss die Lücke zwischen ihnen und sah auf sie hinunter. »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein vorlautes Mundwerk hast?«
   Sie legte den Kopf in den Nacken, erwiderte seinen Blick und stützte kokett eine Hand auf die Hüfte. »Und was gedenkst du dagegen zu tun?«
   Sie wirkte so aufreizend frech, dass Yannis sie kurzerhand an sich zog. Der Kontakt mit ihrem Körper sandte prickelnde Schauder über seinen Rücken. Er beugte sich vor, seine Lippen berührten ihre und Mia bog sich ihm entgegen, verlangte nach mehr. Er vertiefte den Kuss und schob beide Hände unter ihr Shirt. Ihre seidige Haut brachte sein Blut zum Kochen. Ungestüm drängte er sie gegen die Küchenzeile und – gefangen zwischen einem Schrank und seiner massiven Gestalt – ergab sie sich seinem Ansturm.
   Mias Entgegenkommen wirkte berauschend und schürte Yannis’ Leidenschaft. Seit Monaten sehnte er sich nach ihr. In seiner Fantasie hatte er unzählige Verführungsvarianten durchgespielt, und nun befand er sich plötzlich kurz vorm Ziel. Das Tempo, mit dem sie vorpreschten, überraschte ihn, aber es fühlte sich richtig an. Und er wollte mehr! Mehr als küssen und umarmen. Er zog ihr das Shirt über den Kopf und machte sich an dem BH-Verschluss zu schaffen.
   Mia knöpfte sein Hemd auf und zerrte es aus dem Hosenbund. Ihre Hände glitten über seine muskulöse Brust, hinauf zu seinen Schultern. Mit einem Achselzucken entledigte er sich des Kleidungsstückes. Sie starrte ihn an. In ihren meerblauen Augen erkannte er Begehren und leidenschaftliches Feuer. Stöhnend zog er sie erneut an sich, spürte ihre nackte Haut an seiner. Kurzerhand hob er sie auf die Arme und wandte sich dem Schlafzimmer zu. Mia lehnte den Kopf gegen seinen Hals und seufzte. Der sehnsuchtsvolle Laut jagte ein lustvolles Prickeln durch seinen Körper.

*

Auf der Bettdecke aus Satin legte er sie ab. Sie erschauderte, als sie den kühlen Stoff an ihrem Rücken fühlte.
   Yannis sah sie an. Eine Frage lag in seinem Blick. Mia streckte die Hand aus und berührte ihn am Oberschenkel. Eine Einladung. Er sank neben ihr auf die Matratze, seine Finger umfassten besitzergreifend ihre Taille und seine Lippen schlossen sich um ihre verlockende Brustspitze.
   Mia keuchte, als heiße Lust sie durchfuhr. Sie wollte ihn. Sofort! Sie öffnete den Knopf ihrer Hose und zerrte sie sich über die Hüften. Yannis griff danach, streifte sie weiter hinab und bedeckte die bloße Haut mit federleichten Küssen. Mia stand kurz vorm Schmelzen. Sein Blick ruhte einen Moment auf ihr, und sie war sich ihrer Nacktheit nur zu bewusst. Rasch erhob er sich und zog sich aus. Die Matratze senkte sich unter seinem Gewicht, als er sich neben ihr ausstreckte. Er schob ein Bein über ihre Schenkel, sein Knie drängte sich dazwischen. Mia schlang die Arme um seinen Hals, zog ihn zu sich herunter und bog ihm ihren Körper entgegen. Die pulsierende Energie, die er ausstrahlte, überflutete ihre Sinne und ließ keinen Raum mehr für trübe Gedanken.

Kapitel 6

»Du gehst schon?« Schlaftrunken hob Mia den Kopf und sah Yannis dabei zu, wie er in seine Hose schlüpfte.
   »Glaub mir, ich würde lieber hierbleiben, aber ich muss los.« Er beugte sich zu ihr hinab und gab ihr einen Kuss. »Ich habe heute Morgen einen Termin mit meiner neuen Chefin, sie will mir die Firma zeigen und mir meine zukünftigen Kollegen vorstellen.«
   Mia zog einen Schmollmund. »Ich dachte, du fängst erst nächsten Monat dort an.«
   Yannis setzte sich auf die Bettkante, sie rückte zu ihm und lehnte die Stirn gegen seine nackte Brust. Tief sog sie seinen Duft ein, der Erinnerungen an die leidenschaftliche Nacht in ihr weckte. Sofort stand ihr Körper in Flammen. »Reicht es noch für einen Quickie?«
   Ihr hoffnungsvoller Tonfall entlockte ihm ein Lächeln. »Bleib doch einfach im Bett, bis ich zurück bin.«
   Sie umkreiste mit einem Finger seinen Bauchnabel und brachte damit seine Vorsätze ins Wanken.
   »Mia …«
   Ihr Finger glitt über den Reißverschluss seiner Hose. »Zu schade, dass du so unflexibel bist, sonst …« Den Rest des Satzes erstickte er mit einem Kuss.

»Jetzt musst du dich aber wirklich beeilen.« Ihr schelmischer Blick traf ihn.
   Er grinste. »Ich kann ja sagen, ich wäre im Verkehr stecken geblieben.«
   Mia prustete los und verpasste ihm einen Klaps auf den Oberarm. Yannis schwang die Beine aus dem Bett und stand auf. Zum zweiten Mal an diesem Morgen schlüpfte er in die Hose. Sie sah ihm beim Ankleiden zu und saugte den Anblick seiner perfekten Figur in sich auf. Er bewegte sich geschmeidig und gleichzeitig kraftvoll. Sie seufzte bei der Erinnerung daran, was er in der vergangenen Nacht mit diesem wundervollen Körper angestellt hatte, und die Erkenntnis, dass sie ihn jederzeit anfassen und seine Zärtlichkeiten genießen konnte, brachte die Schmetterlinge in ihrem Bauch zum Flattern.
   »Bist du noch im Bett, wenn ich wiederkomme?«, fragte er.
   Mia schüttelte lächelnd den Kopf. »Schön wär’s. Ich habe heute ein paar Dinge zu erledigen, und mit Tyler und Stella wollte ich mich auch treffen.«
   »Okay, ich rufe dich an, sobald ich bei Dragon-Bahamas-Security fertig bin. Vielleicht schaffe ich es bis Mittag, dann könnten wir Essen gehen.«
   »Gute Idee.«
   Sie begleitete ihn bis zur Wohnungstür, umarmte und küsste ihn. Nur widerwillig löste er sich von ihr, in seinem Blick lagen Sehnsucht und Verlangen.
   Mia drückte die Tür ins Schloss und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Yannis’ Nähe hatte ihr geholfen, das schreckliche Erlebnis für eine Weile zu verdrängen. Nun stieg die Erinnerung erneut in ihr hoch. Sie wählte die Nummer der Klinik, um sich nach Teresas Zustand zu erkundigen. Erleichtert legte sie wenige Minuten später auf. Die Schwester war auf dem Weg der Besserung, und die Chancen auf eine vollständige Genesung standen gut. Jeremy hatte allerdings gehetzt geklungen. Durch ihren Ausfall war die Personaldecke noch dünner als sonst. Mias schlechtes Gewissen meldete sich. Sie saß hier herum, obwohl ihr nichts fehlte, während ihre Kollegen in Arbeit ertranken. Spontan beschloss sie, am nächsten Tag nach Miami zu fliegen und ihren Dienst wieder aufzunehmen.
   Sie ging ins Bad, stellte sich unter die Dusche und brachte die Wohnung in Ordnung. Anschließend telefonierte sie mit Tyler.
   »Du klingst viel besser als gestern«, bemerkte er.
   »Ich habe gut geschlafen.« So gern sie ihren Bruder auch mochte, verschwieg sie ihm trotzdem den wahren Grund dafür. Tyler war extrem neugierig, und sie würde sich hüten, ihm Zündstoff zu geben.
   »Was machst du heute?«, erkundigte er sich.
   »Ich werde mit der Blue Horizon rausfahren. Es ist tolles Wetter. Wollt ihr mitkommen?«
   »Nein. Stella geht es nicht gut, sie hat sich am Morgen übergeben müssen.«
   »Das ist normal in dieser Phase.«
   Tyler stöhnte. »Bei dir klingt das alles so lässig. Ich glaube, daran gewöhne ich mich nie.«
   Mia lachte. »Spätestens beim dritten Baby hast du Routine.«
   »Wir bringen erst mal das auf die Welt.« Er klang leidend.
   Sie ging lächelnd darüber hinweg. Er beherrschte es perfekt, sich seine Streicheleinheiten abzuholen. Seine Frau hatte er mit dieser Masche auch schon eingewickelt. »Ich rufe später vielleicht noch mal an, wenn ich zurück bin.«
   »Dann viel Spaß.«
   »Den werde ich haben. Sag liebe Grüße an Stella.«

Mia packte eine Tasche und spazierte zur Marina. Ein wenig bedauerte sie, dass Yannis sie nicht begleiten konnte. Die Fahrt mit dem Powerboat hätte mit ihm zusammen noch mehr Freude gemacht. Obwohl er vor kaum einer Stunde gegangen war, vermisste Mia ihn bereits schmerzlich. Sie erinnerte sich an ihre erste gemeinsame Tour von Nassau nach Cat Island vor einigen Monaten. Schon damals hatte sie seine Nähe genossen, wenngleich er zu diesem Zeitpunkt ein Fremder für sie gewesen war.
   Im Jachthafen betrat sie den Bootssteg, an dem die Blue Horizon lag. Vorfreude ergriff sie beim Anblick des azurblauen, mit Schäfchenwolken getupften Himmels und der leichten Dünung. Ein perfekter Tag für eine Runde mit dem PS-starken Boot.
   Sie wollte gerade die Cockpitpersenning entfernen, als sie ihren Namen hörte.
   »Mia Hanson? Verdammt, du bist es wirklich!«
   Sie drehte sich um. »Leilani Keona.« Erstaunt musterte sie die Freundin aus Jugendtagen, die sie vor Jahren aus den Augen verloren hatte.
   »Nicht so förmlich. Du darfst mich weiterhin Laini nennen.« Das zarte Persönchen verbeugte sich übertrieben, brach in Gelächter aus und umarmte Mia.
   »Du siehst gut aus.« Mit einem Blick umfasste Mia Leilanis Gestalt mit den lackschwarzen Haaren und den schokoladenbraunen Mandelaugen. Ihre Vorfahren stammten von Hawaii, und sie konnte ihre exotische Herkunft nicht verleugnen.
   »Du auch, du Bohnenstange.«
   Sie lachten bei der Erinnerung an die Zeit, in der Mia in die Höhe geschossen war, während Leilani klein und filigran blieb.
   »Wie schön, dass wir uns treffen. Ich dachte, ich sehe dich nie wieder. Was machst du hier?«
   Mia zögerte. Sie wollte die Freundin auf keinen Fall mit dem Horror konfrontieren, der ihr widerfahren war. »Ich war am Wochenende auf Cat Island. Tyler hat dort seine Hochzeit gefeiert.«
   »Dann gibt es tatsächlich eine Frau, die ihn länger als zwei Wochen fesseln konnte?« Leilani grinste. »Die eigentliche Trauung ist doch schon eine Weile her, oder? Ich kann mich an eine riesige Anzeige in der Zeitung erinnern.«
   »Das stimmt. Es war eine spontane Heirat.« Mia sah ihre Jugendfreundin zerknirscht an. »Tyler hätte dich zu der Feier einladen sollen.«
   Leilani winkte ab. »Ist okay. Er hat mir bis heute nicht verziehen, dass ich resistent gegen seinen Charme war.«
   »Ach was, das ist doch schon ewig her.« Mia schüttelte lächelnd den Kopf, als sie sich an Tylers unbeholfene Annäherungsversuche erinnerte. Sie waren damals Teenager gewesen, und Leilani hatte ihn abblitzen lassen.
   »War nur Spaß. Ich habe ihn genauso aus den Augen verloren wie dich, wieso hätte er mich also einladen sollen?« Leilani deutete auf das Rennboot. »Fährst du raus?«
   »Ja. Willst du mit?«
   »Komm lieber auf meine Jacht, es gibt auch einen Kona Kaffee.«
   »Schon überredet.« Mia liebte diese hawaiianische Rarität, die aus dem Kaffeegarten von Leilanis Onkel stammte, und folgte ihr zu der Motorjacht am benachbarten Liegeplatz. »Ihr habt ja immer noch den gleichen Platz«, stellte sie fest. Die Jacht der Keonas lag seit über zwanzig Jahren neben der der Hansons.
   »Ja, obwohl meine Eltern die Kalea fast nicht mehr nutzen.« Leilani grinste. »Ein Glück für mich. Dad bezahlt, und ich habe den Spaß.«
   »Geht mir genauso. Aber das Boot muss ja schließlich bewegt werden.« Sie zwinkerte Leilani zu.
   Kurz darauf saßen sie plaudernd auf dem Sonnendeck und genossen die warme Brise, die über ihre Haut strich.
   »Ein bisschen sauer bin ich ja auf dich«, bemerkte Leilani. »Wir wollten eigentlich in Kontakt bleiben. Wenn unsere Eltern sich nicht ab und zu treffen würden, wüsste ich noch nicht einmal, was aus dir geworden ist.«
   »Du hast recht, ich hätte mich rühren sollen. Tut mir leid. Ich war so beschäftigt mit meinem Studium, und seit ich im Krankenhaus arbeite, habe ich gar keine Zeit mehr für Privates. Durch den Personalmangel bei uns mache ich dauernd Überstunden.«
   »Wie ist es denn so in dieser riesigen Klinik?«
   Mia erzählte von ihrem Tagesablauf, den Doppelschichten und den nervenaufreibenden Einsätzen in der Notaufnahme. Bevor sie sich bremsen konnte, sprudelte die Messerattacke auf Teresa Gonzales aus ihr heraus.
   Leilani gab einen entsetzten Laut von sich. »Das ist ja schrecklich. Ich hoffe, du gehst da nie mehr hin«, stieß sie hervor.
   Mia zog unangenehm berührt die Schultern hoch. Die Vorstellung, wieder in die Notfallambulanz zu müssen, jagte ihr frostige Schauder über den Rücken. »Ich wollte morgen zurückfliegen«, hörte sie sich sagen.
   »Du bist echt bekloppt.«
   »Ich kann doch nicht alles hinschmeißen, nur wegen so eines Vorfalls. In einer anderen Klinik könnte mir das Gleiche passieren. Außerdem braucht man mich.«
   »Die Gefahr, dass so etwas in Miami wieder passiert, ist wesentlich größer als in einem Provinzkrankenhaus.«
   Mia schob die Unterlippe vor, und Leilani rollte wie auf Kommando mit den Augen. »Den alten Hanson-Dickkopf gibt es also immer noch. Ich dachte, der hätte sich verwachsen.«
   Wider Willen musste Mia lachen. »Und du plapperst immer noch frei Schnauze«, gab sie zurück.
   Leilani legte ihre Hand auf Mias Arm. »Warum kommst du nicht zu uns? Ich arbeite hier in Nassau als Krankenschwester in einer Privatklinik. Wir können uns die Patienten aussuchen. Da laufen keine Zugedröhnten mit Waffen herum. Ich höre gern mal nach, ob man eine Stelle für dich hat.«
   Mia überlegte einen Moment. Das Angebot klang verlockend. »Das ist lieb gemeint, aber lass mal. Ich gebe so schnell nicht auf«, sagte sie.
   Leilani zog skeptisch die Augenbrauen hoch, ließ das Thema jedoch fallen. »Erzähl mir von Tylers Hochzeit«, bat sie stattdessen. »Ich habe gehört, er hat sich eine Millionärstochter an Land gezogen.«
   Schmunzelnd bestätigte Mia. »Das ist richtig. Stella Korres, ihr Vater besitzt eine Reederei.«
   Sie erzählte, unter welch dramatischen Umständen sich Stella und Tyler kennengelernt hatten. Leilani lauschte gebannt ihren Worten.
   Das Klingeln des Smartphones unterbrach sie. Es war Yannis.
   »Ich bin gerade raus«, meldete er sich.
   »Wie war’s denn? Gefällt es dir dort? Und hast du deine zukünftigen Kollegen kennengelernt?« Mia hörte sein dunkles Lachen und schloss für eine Sekunde die Augen.
   »Das erzähle ich dir lieber persönlich. Sollen wir uns irgendwo treffen?«
   »Komm zur Marina, ich wollte eine Runde mit dem Boot drehen.«
   »Okay, ich fahre kurz in meiner Wohnung vorbei und ziehe mir etwas Passendes an.«
   »Du findest mich auf der Kalea. Das ist eine Motorjacht, sie liegt neben der Blue Horizon.«
   »Dann bis gleich.«
   Lächelnd drückte Mia das Gespräch weg und begegnete Leilanis neugierigem Blick. »Du strahlst wie eine Flutlichtanlage. War das dein Freund?«
   »Freund …, ich weiß nicht.« Mias musste grinsen. »Wir haben die Nacht zusammen verbracht, aber … keine Ahnung, ob daraus etwas Festes wird.«
   Leilani pfiff durch die Zähne. »Da bin ich ja mal gespannt auf den Mann, den du erhört hast.«

Yannis betrat den Bootssteg. Er trug ein farbenfrohes Freizeithemd, das locker über die hellen Bermudashorts fiel, und weiße Sneakers. Die kurze Hose betonte seine kräftigen, gebräunten Beine. Obwohl Mia kaum die Augen von ihm nehmen konnte, bemerkte sie, wie Leilani ihn fasziniert angaffte.
   »Mach den Mund zu«, raunte Mia, bevor sie Yannis zuwinkte. Er kam an Bord der Kalea und Mia stellte die beiden einander vor. »Leilani Keona, eine Jugendfreundin von mir.«
   »Das ist hawaiianisch und bedeutet Blume des Himmels«, setzte Leilani hinzu. »Mein Rufname ist Laini.«
   »Ein schöner Name und absolut passend. Es freut mich, dich kennenzulernen.« Yannis lächelte sie an. »Als gute Freundin von Mia kannst du mir bestimmt einiges über sie verraten.«
   »Ich denke, das findest du am besten selbst heraus.« Leilani zwinkerte. »Woher kennt ihr euch?«, fragte sie in ihrer typisch direkten Art, sobald Yannis ebenfalls eine Tasse Hawaii Kona in den Händen hielt.
   »Ich habe für Tylers Frau Stella gearbeitet.«
   »Als Gärtner?«
   Amüsiert zog er die Brauen hoch, und sein Gesichtsausdruck verriet, dass ihm Leilanis pfiffiges Mundwerk gefiel. »Nein, als Bodyguard.«
   Interesse blitzte in ihren Augen auf, und sie scannte unverhohlen seine Figur. »Darauf hätte ich gleich kommen können.« In ihrer Stimme schwang ein Hauch Bewunderung mit. »Wie alt bist du eigentlich?«
   Yannis grinste. »Ich bin sechsunddreißig.«
   Mia folgte der Unterhaltung mit sinkender Laune. Er fühlte sich offensichtlich geschmeichelt von Leilanis Worten und den anerkennenden Blicken, die sie ihm zuwarf. Der Stich Eifersucht traf Mia unerwartet. »Wenn wir noch rausfahren wollen, sollten wir bald los. Sonst wird es zu spät«, sagte sie ohne Überleitung.
   »Dann machen wir das doch.« Yannis lächelte sie an und leerte seine Tasse.
   Mia umarmte Leilani zum Abschied und versprach, von Miami aus anzurufen.
   »Deine Freundin ist sehr nett«, äußerte er auf dem Weg zur Blue Horizon.
   »Wir kennen uns von Kindheit an. Leider ist der Kontakt eingeschlafen, als ich zum Studieren in die USA gegangen bin. Es war Zufall, dass wir uns heute hier getroffen haben.«
   »Du hast dich ziemlich abgekapselt, seit du Ärztin bist«, stellte er fest.
   Sie blieb stehen und sah zu ihm hoch. Er nahm Bezug auf ihren kleinen Disput mit Tyler am vergangenen Abend. »Eigentlich vorher schon. Während des Studiums. Ich war voller Ehrgeiz. Habe meine Nase nur in Bücher gesteckt. Ich glaube, ich war nicht einmal betrunken in der ganzen Zeit.«
   »Das ist aber schwach«, neckte er sie. »Gab es sonst irgendwelche Ausrutscher?«
   »Du meinst Drogen?«
   »Ich dachte eher an Sexorgien.« Sein glühender Blick traf sie und jagte ein wohliges Prickeln durch ihren Körper. Dieser Mann war magisch. Er brauchte sie nur anzusehen, und sie verlor den Boden unter den Füßen. »Nichts davon«, murmelte sie.
   »Dann musst du einen riesigen Nachholbedarf haben.« Er fasste sie um die Taille und überrumpelte sie mit einem leidenschaftlichen Kuss. Mia seufzte an seinem Mund.
   »Willst du wirklich noch auf dieses dusselige Boot?«, raunte er.
   Sie konnte nur den Kopf schütteln. Da nahm er ihre Hand, und sie verließen im Laufschritt den Anleger. Als sie an der Kalea vorbeikamen, registrierte Mia, wie Leilani sie belustigt beobachtete, und winkte ihr lachend zu.

*

Am Abend kamen Stella und Tyler zum Dinner vorbei. Sie brachten aus einem nahegelegenen Restaurant Delikatessen mit, darunter Conch-Salat, gegrillte Mahi Mahi Steaks und zum Nachtisch einen Obstsalat mit Mango, Ananas und Papaya.
   Tyler betrachtete Mia. Sie wirkte nicht mehr so blass wie am Vortag, und der fiebrige Glanz in ihren Augen war vermutlich Yannis’ Gegenwart zu verdanken. »Wie geht es dir?«, fragte er.
   »Schon viel besser. Den ersten Schock habe ich verdaut.«
   »Weißt du, wie es der verletzten Schwester geht?«, warf Stella ein.
   »Teresa ist auf dem Weg der Besserung. Jerry meint, sie wird wieder ganz gesund.«
   »Gott sei Dank.« Tyler fiel ein Stein vom Herzen, auch wegen Mia, die sich sonst vor Selbstvorwürfen zerfleischt hätte.
   »Ich fliege morgen nach Miami zurück«, informierte sie ihn.
   Er zog die Brauen zusammen. »Das halte ich für keine gute Idee.«
   »Das war mir klar. Aber ich werde gebraucht. Außerdem möchte ich Teresa besuchen.«
   »Ich bin Tylers Meinung«, mischte sich Yannis ein. »Du solltest dir noch ein paar Tage Auszeit gönnen.«
   Sie schüttelte den Kopf, und ein trotziger Zug legte sich um ihren Mund. »Mir geht es gut, und ich will arbeiten. Ende der Diskussion.«
   Tyler sparte sich weitere Worte. Er kannte seine Schwester lange genug, um zu wissen, wann er gegen ihren Starrsinn verloren hatte.
   »Lasst Mia doch in Ruhe«, mischte sich Stella ein.
   »Ich meine es nur gut«, brummte Tyler.
   Sie legte ihm eine Hand auf den Oberarm. »Ich weiß. Und Mia weiß das auch. Und jetzt kommt essen.«

*

Sobald Stella und Tyler gegangen waren, zog Yannis Mia in die Arme. »Überleg es dir noch einmal mit Miami«, bat er. »Bist du dir denn sicher, dass du das packst?«
   Sie schmiegte sich mit einem sehnlichen Laut an ihn. »Glaub mir, ich würde lieber hierbleiben, aber ich kann meine Kollegen nicht hängen lassen. Die gehen auf dem Zahnfleisch.«
   »Bleib wenigstens noch einen Tag«, bettelte er und knabberte an ihrem Ohr.
   Hitze durchströmte sie, doch sie schüttelte den Kopf. »Ich komme zurück, sobald es der Dienstplan zulässt.«
   Er seufzte. »Dann brauche ich aber ein paar extra Streicheleinheiten auf Vorrat.«
   »Die kannst du haben.« Sie setzte sich auf seinen Schoß und schob die Hände unter sein Hemd. Die anziehende Wärme seines Körpers und sein glutvoller Kuss hätten sie ihr Vorhaben beinahe über Bord werfen lassen.

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