Der Elitesoldat Nikolas Galanis fällt nach einem schweren Unfall in ein mentales Loch. Einzig die hinreißende Krankenschwester Leilani Keona schafft es mit ihrem lockeren Mundwerk und ihrem sonnigen Gemüt, ihn aus seiner Lethargie zu reißen. Lange verleugnet er seine Gefühle für die Hawaiianerin und versteckt sie hinter seinem raubeinigen Benehmen. Als Leilani, die nebenbei in einer Band singt, von einem Fan massiv belästigt wird, erwacht Nikos Beschützerinstinkt, und er nimmt sich den aufdringlichen Kerl vor. Doch der Stalker ist besessen von Leilani und entschlossen, jeden zu beseitigen, der sich ihm in den Weg stellt.

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ISBN: 978-9963-53-757-0

Seiten: 245

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Romina Gold

Romina Gold
Romina Gold fand bereits als Jugendliche ihre selbst erschaffene Fantasiewelt spannender als das reale Leben. Damals begann sie, ihre Lieblingsgeschichten aufzuschreiben. Ihre Träume hat sie sich bis heute ebenso bewahrt wie die Leidenschaft fürs Schreiben. Rominas Bücher sind eine Mischung aus Romantik und Abenteuer, mit denen sie ihren Lesern eine unterhaltsame Auszeit schenken möchte. Ihre schriftstellerische Bandbreite reicht von rasanten Thrillern über dramatische Beziehungsromane bis hin zu zauberhafter Fantasy, jedoch immer garniert mit einer wundervollen Liebesgeschichte. Die freiberufliche Autorin und Lektorin lebt mit Mann und Hund im sonnigen Südwesten Deutschlands. Ihr Erlebnishunger sowie ihr Faible für fremde Länder finden sich in ihren Romanen ebenso wieder wie ihr Glaube an die wahre Liebe.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Nassau, Bahamas

»Du bist der größte Dickschädel, den ich kenne, Nikolas Galanis!« Leilani stand mit in die Seiten gestemmten Fäusten vor seinem Krankenbett und funkelte ihn an.
   Niko starrte ebenso verärgert zurück. Diese Frau trieb ihn noch in den Wahnsinn. Es war schon schlimm genug, dass er hier praktisch bewegungslos herumliegen musste, und sie hatte nichts Besseres zu tun, als ihm mit ihrer penetranten Anwesenheit, dem ewigen Geplapper und der sonnigen Laune gehörig auf die Nerven zu gehen. Normal war dieses Verhalten für eine Krankenschwester nicht.
   »Lass mich einfach in Ruhe, Laini«, brummte er.
   »Erst, wenn du gefrühstückt hast.«
   »Ich bin fertig.«
   »Du hast doch kaum etwas gegessen.« Sie streckte einen Arm aus und deutete auf die fast unberührten Leckereien. »Du bist hier in der besten Privatklinik weit und breit, bekommst das tollste Essen und benimmst dich wie ein verwöhnter Fatzke.«
   »Wie bitte? Sag mal, sind die Beschimpfungen eigentlich im Preis mit drin?«
   »Nein, die gibt es gratis und exklusiv für dich.«
   »Dann spar sie dir zukünftig.«
   Sie starrte ihn verblüfft an und hielt für ganze zehn Sekunden den Mund … die leider viel zu schnell vorbei waren.
   »Ich bin ja einiges gewohnt von meinen Patienten, aber jemand wie du ist mir bisher nicht untergekommen. Hast du deine Manieren in der Wildnis verloren?« Die Zornesröte, die ihre goldbraunen Wangen färbte, stand ihr ausgezeichnet.
   Er verkniff sich ein Grinsen. Sie war so leicht in Rage zu bringen. »Ich halte mich üblicherweise nicht lange in unzivilisierten Gegenden auf.«
   »Umso schlimmer! Du benimmst dich wie ein Höhlenmensch.« Mit einer unwirschen Handbewegung zeigte sie erneut auf das Tablett. »Also, zum letzten Mal. Iss dein Frühstück auf.«
   Er schnaubte. »Ich habe keinen Hunger, verdammt!«
   Das Funkeln in ihren samtbraunen Augen steigerte sich zu einem Glühen. »Dann liegt ein medizinischer Notfall vor. Ich werde Mia informieren, damit sie dir eine Magensonde legt.«
   Für einen Moment verschlug es ihm die Sprache. »Ist das wieder einer deiner dämlichen Scherze?«
   »Im Gegenteil. Ich meine es verflucht ernst.«
   »Das traust du dich nicht. Und außerdem habe ich da noch ein Wörtchen mitzureden«, knurrte er.
   Ihr Gesichtsausdruck änderte sich auf subtile Weise. Das Blitzen in ihren Augen erlosch, sie reckte ihre süße Nase in die Luft, drehte sich langsam um und steuerte auf die Tür zu.
   »Wo gehst du hin?«, rief er ihr nach.
   »Ich hole Mia.«
   »Das lässt du mal schön bleiben.«
   Sie warf ihm über die Schulter einen Blick zu. »Das hast du nicht zu entscheiden.«
   »Laini …«
   »Du wirst gleich sehen, wie ernst es mir ist.« Leilani rauschte aus dem Krankenzimmer.
   Nikolas starrte ihr hinterher und verfluchte einmal mehr sein gebrochenes Bein, das ihn zur Untätigkeit verdammte. Seit Tagen war er ans Bett gefesselt, und sie tanzte ihm auf der Nase herum. Am liebsten wäre er aufgesprungen und ihr hinterhergerannt, um sie mal ordentlich … ja, was denn? Durchzuschütteln? Zu küssen?
   Zähneknirschend lehnte er sich in die Kissen zurück. Dieses winzige Persönchen besaß einen unglaublichen Starrsinn … Die Erinnerung an die Verfolgungsjagd stieg in ihm auf. Leilanis Eigenmächtigkeit war es zu verdanken gewesen, dass er, sein Bruder Yannis und Tyler Hanson dessen Schwester Mia aus den Fängen einer Drogendealerin befreien konnten. Und dass er um sein Leben gekämpft hatte. Leilani war die ganze Zeit an seiner Seite geblieben, hatte ihn mit ihrer Anwesenheit beruhigt, ihn getröstet und ihm Mut zugesprochen. Zuerst auf ihrer halb zerstörten Jacht und dann in dem Helikopter, mit dem er nach Nassau ausgeflogen worden war. Am Zugang zum OP-Bereich hatte man sie fast gewaltsam von ihm trennen müssen. Was für eine Frau! Die sich, seit er sich in ihrer Obhut befand, als fürchterliche Nervensäge entpuppt hatte. Er wünschte, er könnte das Krankenhaus endlich verlassen.

*

Im Flur lehnte sich Leilani an die Wand neben der Zimmertür und presste die Hand auf den Mund, um nicht laut herauszulachen. Nikos fassungsloses Gesicht war Gold wert gewesen.
   »Alles okay?«, fragte Mia, die gerade aus dem Nachbarraum kam.
   Leilani giggelte.
   »Lass mich raten. Du hast Niko wieder geärgert?«
   »Ich ärgere ihn nicht, er regt sich grundsätzlich über jede Kleinigkeit auf.« Ein weiteres Kichern stieg in ihr hoch, doch sie riss sich zusammen. »Ich habe ihm nur gesagt, dass du ihm eine Magensonde legen wirst, wenn er sein Essen noch einmal stehen lässt.«
   »Du mit deinen verrückten Ideen.«
   »Spielst du mit?«
   Mia runzelte die blonden Augenbrauen.
   »Nur, falls er dich darauf ansprechen sollte. Dann sag einfach, er müsse zwangsernährt werden, und hau ihm ein paar Fachbegriffe um die Ohren. Dir als seiner behandelnden Ärztin glaubt er das eher als mir.«
   »Laini, ich kann nicht …«
   »Ach, komm. Mach doch ausnahmsweise mal bei einem Spaß mit. Du bist immer total steif, sobald du in deinen Arztkittel schlüpfst.«
   »Bin ich nicht!«
   »Bist du. Wenn wir nicht seit einer Ewigkeit befreundet wären, würde ich mich kaum trauen, dich anzusprechen.«
   »Du und dich nicht trauen? Das ist ja was ganz Neues.«
   Leilani knuffte Mia kumpelhaft in die Seite. »Habe ich dir schon gesagt, dass die meisten in Deckung gehen, sobald du deinen Frau-Doktor-Blick aufsetzt?«
   »Jetzt übertreibst du aber gewaltig.«
   »Nur ein bisschen.«
   Mia verzog das Gesicht. »Ein wenig kann ich verstehen, wie sich Niko in deiner Gegenwart fühlen muss.«
   »Stichwort Niko«, kam Leilani auf das eigentliche Thema zurück. »Sprichst du ihn an wegen der Magensonde?«
   »Nein.«
   »Gib’s zu, du hast Angst, dass er sich bei Yannis über deine Behandlungsmethoden beschwert«, stichelte sie weiter.
   »Niko wird sich hüten, bei seinem Bruder etwas über mich zu sagen. Der würde ihn nur auslachen.« Mia warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Ich sehe besser mal nach ihm, bevor er an seinem Zorn erstickt.«
   »Ja, mach das.« Leilanis gute Laune verflüchtigte sich schlagartig. Seit Nikolas bei einer Explosion verletzt worden war und Hilfe benötigte, benahm er sich Tag für Tag unleidlicher. Sie konnte seine Unzufriedenheit ein Stück weit nachvollziehen. Er war es nicht gewohnt, auf jemanden angewiesen zu sein, und er hasste dieses Gefühl der Hilflosigkeit. Mit ihrer provokanten Art gelang es ihr wenigstens ab und zu, ihn aus seiner Lethargie zu reißen. »Er tut sich wirklich schwer mit der Situation«, murmelte sie.
   Mia sah auf Leilani herunter, Kummer lag in ihrem Blick. »Ich hoffe, dass er schnell auf die Beine kommt und wieder ganz gesund wird.«
   »Ja, das wünsche ich mir auch.« Sie nickte Mia kurz zu, stieß sich von der Wand ab und eilte Richtung Stationszimmer. Ihre Freundin brauchte nicht zu wissen, wie sehr sie Nikolas’ Zustand belastete. Mia machte sich schon genug Vorwürfe, weil sie Niko, ihren Lebensgefährten Yannis und ihren Bruder Tyler mit ihrem unüberlegten Verhalten in Gefahr gebracht hatte.
   Zum Glück war der Raum leer, als Leilani ihn betrat. Am Wasserspender füllte sie einen Plastikbecher und trank einige Schlucke. Das kühle Nass spülte den Kloß hinunter, der in ihrer Kehle festzustecken schien. Sie durfte Nikolas’ Schicksal nicht zu nahe an sich heranlassen. Wo war ihre Professionalität geblieben? Seit Jahren kümmerte sie sich um schwerkranke Menschen, doch nie zuvor war ihr ein Patient so unter die Haut gegangen. Gereizt pfefferte sie den Becher in den Mülleimer, suchte Nikos Krankenakte aus dem Hängeregisterschrank und verließ den Raum.

*

Mia straffte die Schultern und setzte ihr professionelles Arztlächeln auf. Noch immer plagte sie ihr schlechtes Gewissen, denn sie war schuld an Nikos Verletzung.
   Als Elitesoldat der Delta Force fiel es ihm besonders schwer, zu akzeptieren, dass sein Körper ihn im Stich ließ, doch der Trümmerbruch im Oberschenkel verdammte ihn zur Unbeweglichkeit und das machte ihn wütend. Ebenso wie die Tatsache, dass er sich von fremden Menschen versorgen lassen musste. Vor allem vor Leilani hätte er gern stark und vital gewirkt. Stattdessen lag er wie ein angeschossener Bär im Bett und brauchte bei jedem Handgriff Unterstützung.
   Mia öffnete die Tür und betrat das Krankenzimmer. Nikolas funkelte sie ärgerlich an.
   »Ich will eine andere Krankenschwester«, polterte er.
   »Guten Morgen, Niko«, begrüßte sie ihn. »Wieso bist du so schlecht gelaunt? Fühlst du dich nicht gut versorgt?«
   Er schnaubte. »Laini ist … ach, vergiss es.«
   »Eine sehr engagierte Schwester und eine Seele von Mensch«, beendete sie seinen Satz. »Oder hast du eine konkrete Beschwerde?«
   Sein rebellischer Gesichtsausdruck verschwand, und der rauchgraue Schimmer in seinen grünen Augen erlosch. »Sie geht mir auf die Nerven mit ihrer übertriebenen Fürsorglichkeit.«
   Mia lächelte. »Du bist der erste Mann, der sich bei mir beschwert, weil ihn eine Frau umsorgt. Eine besonders hübsche noch dazu, wohlbemerkt.«
   Er brummelte etwas Unverständliches, das Mia ignorierte. Sie betrachtete sein verletztes Bein und tastete den geschwollenen Unterschenkel ab. Nikolas biss die Zähne zusammen, trotzdem entschlüpfte ihm ein schmerzhafter Zischlaut.
   »Morgen beginnen wir mit der Physiotherapie«, informierte sie ihn. »Ich habe mit dem Therapeuten bereits gesprochen, er wird sich nachher bei dir vorstellen.«
   »Gott sei Dank! Ich will endlich raus aus dem Bett.«
   »Ich weiß.« Sie drückte seinen Arm. »Falls die Wundheilung weiterhin so gut voranschreitet und sobald du einigermaßen gehen kannst, werden wir dich entlassen.«
   Die Tür öffnete sich und Leilani kam herein. Sie musterte kopfschüttelnd das halb aufgegessene Frühstück auf dem Tablett und legte demonstrativ die Stirn in Falten. »Dr. Hanson, was halten Sie von einer Magensonde?«, wandte sie sich mit professionellem Tonfall an Mia.
   »Ich denke, Schwester Leilani, unser Patient ist vernünftig genug, um einzusehen, dass er besser seinen Teller leer isst.«
   Nikolas schnaufte genervt.
   »Nicht wahr, Mr. Galanis?«
   Er warf Mia einen vernichtenden Blick zu, sparte sich jedoch einen Kommentar. Sie lächelte ihn an und verzog sich eilig, bevor sie zwischen die Fronten geriet.
   »Siehst du, ich hatte recht. Mia ist meiner Meinung«, vernahm sie Leilanis Stimme beim Hinausgehen.
   »Das hat sich für mich aber anders angehört.«
   »Du hörst ja auch grundsätzlich nur das, was dir in den Kram passt.«
   »Dir gehen wohl nie die Worte aus.«
   »Richtig erkannt. Das gehört zum Entertainmentpaket. Andere zahlen Geld dafür.«
   »Du bist so eine …«
   Mia schloss die Tür hinter sich und sperrte den Rest von Nikos Entgegnung im Zimmer ein. Auf dem Flur blieb sie schmunzelnd stehen. Die beiden waren ein eigenwilliges Gespann. Kurz kam ihr der Gedanke, dass nur jemand wie Leilani es schaffen konnte, diesen unbändigen Mann zu zähmen. Vielleicht wurde aus ihnen ja ein Paar. Die gegenseitige Anziehungskraft war nicht zu übersehen, obwohl ihre Wortgeplänkel das Gegenteil vermuten ließen. Die nächste Zeit versprach interessant und kurzweilig zu werden.

*

»Wenn du weiterhin so wenig isst, werden sich deine entzückenden Muskeln allesamt in Luft auflösen«, flötete Leilani liebenswürdig, sobald sie allein waren. »Und dann siehst du bald aus wie ein Klappergestell.«
   »Was du alles weißt.«
   Ihr Blick glitt über seine Arme, die nur unzureichend von dem Krankenhausnachthemd bedeckt wurden. Von dem ausgeprägten Bizeps hinunter zu seinen kräftigen Händen. Sie kannte auch den Rest seines sehnigen, durchtrainierten Körpers, und allein der Gedanke daran bescherte ihr ein wohliges Kribbeln. Dieser Mann erinnerte an eine gefährliche Raubkatze: geschmeidig, schnell, tödlich, mit faszinierenden Augen.
   Um sich abzulenken, sah sie sich in seinem Zimmer um. Die beiden Zeitschriften, die sie ihm am Vortag gebracht hatte, erregten ihre Aufmerksamkeit. »Hast du die gelesen?«, fragte sie, griff nach den Magazinen und wedelte ihm damit vor der Nase herum.
   »Nein.«
   »Ich habe sie dir extra gegen deine Langeweile besorgt.«
   »Welche Langeweile? Ich amüsiere mich hier glänzend«, fauchte er.
    Sie blätterte die ersten Seiten um. »Nicht mal die Rätsel hast du gemacht.« Anklagend sah sie in sein markantes Gesicht.
   Er starrte trotzig zurück. »Die habe ich im Kopf gelöst.«
   »Klar, du Intelligenzbestie.« Dieser Superheld hatte doch grundsätzlich auf alles eine Antwort. Um ihre Erheiterung vor ihm zu verbergen, legte sie die Zeitschriften beiseite, schlug seine Krankenakte auf, die sie aus dem Stationszimmer mitgebracht hatte, und übertrug die Werte von ihrem Notizzettel in die Liste. Ihr Blick glitt über die bisherigen Eintragungen und blieb an seinem Geburtsjahr hängen. Mit seinen dreiunddreißig war er zwei Jahre älter als sie. Er maß einen Meter zweiundachtzig und wog achtzig Kilogramm. Perfekt durchtrainierte achtzig Kilogramm. Sie schloss kurz die Augen und atmete tief ein. Das sehnsüchtige Seufzen, das in ihr aufstieg, konnte sie im letzten Moment unterdrücken. Bereits der erste Kontakt mit Nikolas Galanis hatte eine Saite in ihr zum Klingen gebracht. Sie erinnerte sich an seinen Anruf in der Nacht von Mias Entführung, an seine dunkle, raue Stimme. Als sie ihn am Tag darauf nur in einer Badehose zu Gesicht bekommen hatte, war es endgültig um sie geschehen gewesen. Glatte, gebräunte Haut über wohlgeformten Muskeln, schwarze Haare und dazu die markanten Züge, die seine griechische Herkunft verrieten. Die kleine Narbe oberhalb seiner linken Braue verlieh ihm einen Hauch Verwegenheit. Am liebsten hätte sie sofort einen Flirtversuch gestartet, doch sie befanden sich auf Mias Rettungsmission, und die Sorge um ihre Freundin hatte für andere Gefühle keinen Raum gelassen.

*

Wieso starrte sie so lange in seine Krankenakte? Plante sie etwas Neues, um ihn zu nerven? Ärgerlich wollte Nikolas Leilani wegschicken. »Schreibst du einen Roman über mich?«, hörte er sich stattdessen sagen.
   »Wir dokumentieren den psychischen Zustand unserer Patienten«, antwortete sie im Plauderton. »Jedes von der Norm abweichende Verhalten wird notiert.« Sie blickte von dem Datenblatt auf, sah ihm in die Augen und verzog das Gesicht. »In deinem Fall gibt es eine Menge aufzuschreiben.«
   »Du nimmst mich auf den Arm?«
   »Soll ich es dir zeigen?« Sie hob die Akte an und wollte sie ihm reichen, doch er winkte ab.
   »Nein danke, ich will diesen Blödsinn gar nicht wissen.«
   »Das ist kein Blödsinn«, brauste sie auf.
   »Ach! Schwachsinn ist das.«
   »Du bist ungezogen!«
   »Ich nenne die Dinge nur beim Namen.«
   »Dann arbeite gefälligst an deinem Vokabular.«
   »Daran arbeite ich permanent, Prinzessin.« Er grinste.
   »Und das mit der Prinzessin kannst du dir auch sparen.«
   Wie erwartet sprang sie sofort darauf an. »Okay, wäre dir Gewitterziege lieber? Oder Teufelsbraten?«
   »Bei dir ist echt eine Schraube locker.« Sie tippte sich an die Stirn, schlug die Akte zu und klemmte sie unter ihren Arm, bevor sie ärgerlich das Tablett mit den Überresten seines Frühstücks ergriff und das Zimmer verließ. Schade, es hatte gerade angefangen, ihm Spaß zu machen.
   Er sah ihr nach. Das schwarze Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten, der fast bis zu ihrem Hintern reichte. Einem sehr reizvollen Hintern, wie er einmal mehr feststellte.
   Niko schloss die Augen. Ein Hauch des Frangipaniduftes, der sie immer umgab, hing noch im Raum, stieg ihm in die Nase und entlockte ihm ein Seufzen. Er musste sich Leilani Keona aus dem Kopf schlagen. Er taugte nicht für eine Partnerschaft, und er suchte auch keine. Frauen lenkten nur vom Wesentlichen ab. Sein Beruf zwang ihm ein Einsiedlerleben auf. Die Missionen waren gefährlich, und jede einzelne konnte ihn das Leben kosten. Außerdem unterlag er der Geheimhaltung. Er müsste seine Partnerin anlügen, sie tage- oder wochenlang im Ungewissen über sein Schicksal lassen. Eine Beziehung auf einer solchen Basis wäre zum Scheitern verurteilt. Bereits vor langer Zeit hatte er entschieden, allein zu bleiben. Dass er sich von dieser elfenhaften Hawaiianerin mit ihrem losen Mundwerk so angezogen fühlte, lag nur an der aktuellen Situation.
   Er öffnete die Augen wieder, und sein Blick fiel auf das kunterbunte, abstrakte Bild an der Wand gegenüber. Ein Kunstdruck von Wassily Kandinsky, wie ihm Leilani erklärt hatte, nachdem er sich über die wilden Formen und schrillen Farben beklagt hatte. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, als er sich daran erinnerte, wie sie ihm mit einem süffisanten Grinsen unter die Nase gerieben hatte, dass der Druck den Titel »Komposition Zwecklos« trug und wundervoll zu ihm passte.

*

Die Mittagssonne brannte von einem fast wolkenlosen Himmel herab. Yannis parkte seinen BMW M6 im Schatten einiger Palmen und überquerte mit schnellen Schritten den Besucherparkplatz des Krankenhauses. Er wollte eigentlich schon vor einer Stunde hierherkommen, doch die Reparatur an Mias Powerboat hatte ihn aufgehalten. Er war in der vergangenen Woche mit dem Formula 353 FasTec in einen Kugelhagel geraten, der den Bootsrumpf schwer beschädigt und einen der Motoren zerstört hatte. Zum Glück war Leilani rechtzeitig zur Stelle gewesen, um ihn zu retten. Der Motorraum hatte Feuer gefangen, und das Boot drohte zu explodieren.
   Seine Gedanken schweiften zurück zu Mias Entführung und der Verfolgungsjagd durch die Exuma Cays. Um ein Haar hätte er sie verloren, als die Jacht ihrer Entführerin in die Luft geflogen war. Er spürte den eiskalten Schauder, der ihm jedes Mal über den Rücken lief, sobald er sich an den Vorfall erinnerte. Das Verlangen, Mia in die Arme zu nehmen, sie zu fühlen und ihr liebevolles Lächeln zu sehen, wurde plötzlich übermächtig.
   Yannis betrat ihre Station, auf der auch sein Bruder lag. Er wusste, dass sich Niko langweilte und auf seinen Besuch wartete, doch bevor er ihn aufsuchte, unternahm er einen kurzen Abstecher ins Dienstzimmer, in der Hoffnung, Mia dort anzutreffen. Er hatte Glück, sie saß am Computer und tippte konzentriert.
   »Dr. Hanson?«
   Sie drehte sich um, und ihre Augen begannen zu leuchten. »Yannis!« Sie sprang auf. »Du bist aber förmlich heute.« Lachend fiel sie ihm um den Hals, und er küsste sie.
   »Ich wollte dich sehen, bevor ich Niko besuche.«
   »Das freut mich.« Sie stahl sich einen weiteren Kuss von ihm.
   »Wie geht es dem alten Miesepeter?«
   »Der Heilungsprozess verläuft überraschend gut. Wir werden morgen mit der Physiotherapie anfangen. Nur seine Laune …« Sie seufzte.
   »Hat er Laini wieder geärgert?«
   »Ach, die beiden ärgern sich gegenseitig. Wobei das noch das Einzige zu sein scheint, was ihn aufmuntert.« Ein trauriger Zug legte sich auf Mias Gesicht. »Ich mache mir Sorgen, Yannis. Niko wirkt so bedrückt. Ich bin wirklich froh, dass Laini ihn ab und zu auf die Palme bringt, das reißt ihn ein wenig aus seiner Lethargie.«
   »Er ist es nicht gewohnt, von jemandem abhängig zu sein, und es ist ihm unangenehm, dass er für jeden Handgriff um Hilfe bitten muss.«
   »Ich weiß. Vielleicht bessert sich seine Stimmung, wenn er aus dem Bett darf.«
   »Er hatte noch nie viel Geduld. Schon als Kind hat er immer versucht, mir nachzueifern, und obwohl er drei Jahre jünger ist, hat er es oft geschafft, mich zu übertrumpfen.«
   »Ein nerviger kleiner Bruder.« Sie grinste, und er nickte zustimmend.
   »Wir kommen gut voran mit der Blue Horizon«, wechselte er das Thema. »Morgen wird der Motor geliefert.«
   »Dann können wir bald eine Tour machen. Der neue Motor muss schließlich eingefahren werden. Ich wüsste auch schon ein interessantes Ziel.« Sie zwinkerte ihm zu und ihm war klar, woran sie dachte.
   »Du willst nach Cat Island?« Ihr Bruder Tyler besaß ein Strandhaus in einer der romantischsten Buchten der Insel. Durch seine einsame Lage direkt am Meer eignete es sich hervorragend als Liebesnest.
   »Ein Wochenende nur für uns. Ruhe, Strand und du.« Mit einem Zeigefinger fuhr Mia über seine Brust bis hinunter zum Bund seiner Jeans.
   Er nahm sie in die Arme. »Mir gefallen deine Ideen«, raunte er und schmiegte kurz seine Wange an ihre. »Und jetzt wage ich mich mal in die Höhle des Löwen.«
   Wenig später betrat Yannis das Krankenzimmer seines Bruders. »Hey Niko.«
   »Hey Yanni.«
   »Wie geht es dir?«
   »Wie soll’s mir gehen? Ich liege auf dem Rücken und starre an die Decke. Nutzlos. Wie ein scheiß Käfer!«
   Yannis unterdrückte ein Seufzen. »Ich habe gerade mit Mia gesprochen, sie sagt, morgen beginnen sie mit der Krankengymnastik.«
   »Wird auch Zeit«, knurrte Niko.
   »Sei doch nicht ständig so gereizt, Mia macht sich schon genug Vorwürfe. Sie gibt sich die Schuld an allem.«
   »Ich weiß. Zu ihr bin ich ja freundlich. Und schuldig braucht sie sich keinesfalls zu fühlen, es war meine Entscheidung, dieses Risiko einzugehen.« Er schnaubte. »Mich nerven die Krankenschwestern.«
   »Eine spezielle, nehme ich an.«
   »Die ganz besonders.«
   Yannis grinste, zog sich einen Stuhl neben das Bett und nahm Platz. »Erzähl mir doch mal, warum sie dich so nervt.«
   Nikos Augen sprühten grüne Blitze. »Lass mich mit diesem Thema in Ruhe.«
   »Ach, so schlimm ist es.«
   »Yannis!«
   Grinsend lehnte er sich zurück und streckte die Beine von sich. »Die Reparaturen an der Blue Horizon machen Fortschritte«, sagte er und berichtete im Detail von den Arbeiten.
   Nikolas hörte interessiert zu. »Ich hätte für das Boot keine fünf Cent mehr gegeben«, äußerte er, als Yannis geendet hatte.
   »Ich auch nicht, aber ich bin froh, dass es noch zu reparieren ging.«
   »Mia hätte dir sonst die Hölle heißgemacht.«
   »Nun, ein Stück weit hätte ich es verdient.«
   »Du hast getan, was nötig war.«
   Yannis zuckte mit den Schultern. Er sah die Sache inzwischen anders. Als er mit seiner Undercovertätigkeit begonnen hatte, war es ihm richtig vorgekommen, Mia im Unklaren zu lassen und sie stattdessen anzuschwindeln. Doch damit hatte er nur ihr Misstrauen geweckt und alles noch schlimmer gemacht. Was darin gipfelte, dass sie bei dem Versuch, ihm wegen seiner vermeintlichen Untreue auf die Schliche zu kommen, in tödliche Gefahr geraten war.
   »Ich weiß, du willst nichts mehr davon hören, aber es war vernünftig, Mia aus der Geschichte rauszuhalten«, fuhr Nikolas fort.
   »Du hast recht, ich will tatsächlich nichts mehr davon hören. Erzähl mir lieber, ob du dir bereits Gedanken darüber gemacht hast, wie es nach deiner Entlassung weitergehen soll.«
   Niko sah ihn forschend an. »Ich habe gestern mit meinem Vorgesetzten telefoniert, und er hat mir angeboten, dass ich zu meiner Einheit zurückkehren und dort an einer Rehamaßnahme teilnehmen kann. Die bringen mich schnell wieder auf die Beine.«
   »Hast du es so eilig, von hier wegzukommen? Wieso bleibst du nicht noch eine Weile? Du könntest deine Reha doch auch in Nassau machen, oder?«
   »Das wäre möglich. Mia hat mir ohnehin vom Fliegen abgeraten.«
   »Dann hör auf sie. Du kannst in meinem Apartment wohnen, ich bin ja die meiste Zeit bei ihr.«
   »Und was soll ich den ganzen Tag treiben? Dämliche Talkshows gucken? Nein, ich will zurück in den Dienst, und wenn ich nur in der Schreibstube sitze oder den theoretischen Teil der Ausbildung übernehme.«
   Yannis blickte ihn ernst an. »Dir ist klar, dass es lange dauern wird, bis du wieder voll einsatzfähig bist?« Er behielt seine Bedenken, dass Niko seine alte Form vielleicht niemals mehr erreichen würde, für sich.
   »Ach, bist du plötzlich unter die Mediziner gegangen? Seit wann kannst du hellsehen?« Nikolas reagierte wie erwartet.
    »Ich habe mit Mia über deine Heilungsaussichten gesprochen. Wir machen uns beide unsere Gedanken um dich.«
   »Tut mir leid«, brummelte Niko. »Ich wollte dich nicht anschnauzen, ich habe das alles nur so satt!«
   Yannis nickte knapp. »Überlege es dir noch einmal wegen der Reha. Wir hätten dich wirklich gern hier bei uns. Mein Apartment ist ebenerdig, Tyler und Stella wohnen direkt daneben und Mia und ich sind nur ein paar Fahrminuten entfernt. Ich besorge dir jemanden, der dir in der ersten Zeit zur Hand geht, und zum Dank beglückst du uns mit deiner Anwesenheit.«
   Niko zog eine dunkle Braue hoch. »Deinen Zynismus habe ich wohl verdient.«
   Yannis grinste.
   »Na gut, ich denke darüber nach.«
   Die Tür öffnete sich und Leilani trat ein. Auf einer Handfläche balancierte sie ein kleines Tablett.
   »Hallo Yannis.« Sie strahlte ihn an. »Wie geht es dir?«
   »Danke, gut. Und selbst?«
   Leilani stellte das Tablett auf dem Nachttisch ab. »Ich bin heute etwas genervt von gewissen Patienten, die meinen, mir unnötig Arbeit machen zu müssen.«
   »Ach, dann gibt es außer mir noch andere Nervensägen?«, mischte sich Nikolas ein.
   »Allerdings, aber du bist mit Abstand die Größte. Wenn du entlassen wirst, bekommst du einen Pokal. Im Stationszimmer basteln wir bereits daran.«
   Yannis Blick flog von Leilani zu Niko, und er brach in Gelächter aus, als er das grimmige Gesicht seines Bruders sah. Nikolas war schon immer leicht reizbar gewesen, und Leilani wusste genau, auf welchen wunden Punkt sie bei ihm den Finger legen musste.
   »Na warte, Prinzessin, sobald ich aus diesem Bett raus bin, kannst du dich auf etwas gefasst machen.«
   »Alles nur leere Drohungen«, winkte sie ab, bevor sie Yannis anlächelte. »Wie hast du es nur jahrelang mit ihm ausgehalten?«
   »Er benimmt sich erst so, seit er dich kennt.« Yannis zwinkerte Nikolas zu.
   »Was soll das heißen?« Leilani stemmte die Hände in die Taille und sah ihn herausfordernd an.
   Yannis zog es vor, sich nicht näher zu äußern, und auch Niko schwieg.
   »Ihr seid tatsächlich Brüder. Zwei sturköpfige Muskelprotze mit Machoallüren!« Resolut wandte sie sich dem Tablett zu und griff nach einem kleinen Plastikbecher, der Nikos Medikamente enthielt. Sie reichte ihm ein Glas Wasser, wartete, bis er die beiden Kapseln geschluckt hatte, und verließ wortlos das Zimmer.
   »Du hast Silvermist vertrieben«, beklagte sich Nikolas gespielt traurig und Yannis lachte. Seit er Niko gegenüber geäußert hatte, Leilani würde wie die Fee Silvermist aus Walt Disneys Tinkerbell aussehen, zog ihn sein Bruder gnadenlos damit auf.
   »Sie ist aber leicht zu ärgern.«
   Niko zuckte mit den Schultern. »Das wird nicht lange anhalten. Sie denkt sich jetzt eine neue Quälerei aus und steht bald wieder auf der Matte.« Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er nicht wirklich etwas dagegen hatte.
   Yannis blickte auf seine Uhr. »Ich muss gleich los. Tyler hat eine passende Immobilie für seine Kampfsportschule gefunden und ich will mir die Räumlichkeiten mit ihm zusammen ansehen.«
   »Dann wirst du also tatsächlich als Teilhaber bei ihm einsteigen?«
   »Ja. Ich war lange genug Bodyguard und habe keine Lust mehr, meinen Kopf für andere hinzuhalten.« Den wahren Beweggrund behielt er für sich. Er wollte so viel Zeit wie möglich mit Mia verbringen. Seine Arbeitszeiten ihrem Dienstplan anpassen können. Da war ihm Tylers Angebot, als Trainer in dessen Kampfsportschule zu arbeiten, gerade recht gekommen.
   Yannis stand auf und legte Nikolas eine Hand auf die Schulter. »Ich komme morgen wieder vorbei.«
   »Okay. Grüß Tyler von mir. Und Stella, falls du sie siehst.«

Kapitel 2

eilani verließ das Krankenhaus durch den Personaleingang. Die warme Brise, die vom Meer hereinwehte, strich nach den Stunden in den klimatisierten Räumen wohltuend über ihre Haut und spielte mit den Strähnen, die aus ihrem Zopf gerutscht waren. Für einen Moment blieb sie stehen, legte den Kopf in den Nacken und genoss die Nachmittagssonne auf ihrem Gesicht. Wie gern hätte sie den Rest des Tages auf ihrer Jacht verbracht, sich in einen Liegestuhl auf dem Sonnendeck gelümmelt und den Schäfchenwolken bei ihrer Wanderung über den azurblauen Himmel zugesehen, doch sie musste zur Bandprobe.
   Im Laufschritt eilte sie auf ihren feuerroten Jeep Renegade zu, warf ihre Tasche auf den Beifahrersitz und fuhr los. Rasant schoss sie aus der Parklücke und bog in die Hauptverkehrsstraße ein. Ein Auto hupte hinter ihr, und sie war versucht, dem Fahrer den Finger zu zeigen, aber sie freute sich viel zu sehr auf den bevorstehenden Abend, um sich zu ärgern.
   Leilani wählte am Autoradio die Bluetooth-Verbindung aus und spielte die Aufnahme der letzten Probe ab. Sie klang gut, fast schon perfekt. Melodisch und rockig. Bei dem Gedanken an ihre drei Musikerfreundinnen stieg ein Lächeln in ihr auf. Mit Vanessa hatte sie vor zwei Jahren Four 4ever gegründet, kurz darauf komplettierten Jennifer und Alicia die Band. Auf der Bühne waren sie ein eingeschworenes Team, und privat verstanden sie sich glänzend. Vergnügt sang Leilani den Refrain mit und beschleunigte noch etwas mehr.
   In Rekordzeit schaffte sie es zum Proberaum, der sich in einem Anbau neben Vanessas Haus befand. Jennifer saß bereits hinter ihrer Schießbude und ließ die Trommelstöcke als Lockerungsübung um ihre Finger rotieren.
   »Hey Jenny!«
   Anstelle einer Antwort begrüßte Jennifer sie mit einem Trommelwirbel. Leilani verbeugte sich lachend.
   »Wie geht’s deinem flügellahmen Helden?«
   Leilani rollte mit den Augen. »Er zerfließt fast vor Selbstmitleid. Morgen beginnt seine Physio. Ich hoffe, dass sich seine Laune dadurch etwas bessert.«
   Jennifer grinste vielsagend.
   Die Tür zum Proberaum flog auf, und Alicia und Vanessa stürmten vergnügt herein.
   »Okay, Ladys, dann mal los!« Vanessa, die wie immer vor Energie sprühte, griff nach ihrer Gitarre, hängte sie sich um und schaltete den Verstärker ein. Alicia, die Bassistin, tat es ihr gleich.
   »Ich habe mir unsere letzte Aufnahme auf der Fahrt hierher noch einmal angehört«, sagte Leilani. »Das ist schon fast bühnenreif.«
   Vanessa nickte ihr zu. »Ja, die neuen Songs sind gut. Und jetzt spielen wir Someone Like You zum Aufwärmen, danach proben wir Steal Your Fire.«
   Alle stöhnten wie auf Kommando.
   »Ruhe. Wir haben am Samstag einen Gig, und bis dahin muss jeder Takt sitzen.«
   »Samstag?«, fragte Jennifer. »Das ist aber kurzfristig.«
   »Gerade eben klargemacht.«
   »Und wo?«, wollte Leilani wissen.
   »In Jacks Klub.«
   »Okay.« Bei Jack traten sie regelmäßig auf und hatten inzwischen eine Fangemeinde, wenn sie auch größtenteils aus Männern bestand. Leilani hegte den Verdacht, dass die meisten Typen mehr wegen ihr und ihren Bandkolleginnen dort abhingen als wegen der Musik. Aber es sollte ihr recht sein. Hauptsache, sie wurden bekannt.
   Sie griff nach dem Mikrofon, Jennifer schlug die ersten Takte an, Alicia und Vanessa setzten gleichzeitig ein. Sie spielten Someone Like You, eine Ballade, an der Leilani ihre Stimme aufwärmen konnte, direkt gefolgt von Steal Your Fire, einem Coversong der Band Gun. Dieses Lied war rockiger, mit treibenden Beats und einem wilden Gitarrensolo. Leilani beobachtete Vanessa, wie sie virtuos die Finger über ihre heiß geliebte rote Fender Stratocaster gleiten ließ und dem Instrument einige schrille Akkorde entlockte. Nach dem Solo röhrte Leilani den Refrain in bester Rockstarmanier herunter.
   »Wow!« Alicia riss die Hand hoch, und Leilani klatschte mit ihr ab.
   »Perfekt. Das war fehlerfrei. Habt ihr heimlich ohne mich geübt?«
   »Nun, du warst ja mit deinem neuen Lieblingspatienten beschäftigt«, zog Vanessa sie auf, und Leilani spürte, wie ihre Wangen zu glühen begannen.
   »So schlimm ist es?« Vanessa warf lachend die dunkelbraunen Locken über die Schultern zurück, ihre blauen Augen blitzten amüsiert.
   »Er nervt mich, das ist alles.«
   »Und deswegen läufst du rot an?«
   »Ja! Weil ich wütend auf ihn bin.«
   Jennifer begleitete ihren Lachanfall mit einem Trommelwirbel. »Ladys, unsere Laini ist verliebt.«
   »Bin ich nicht!«
   »Wann können wir deinen Süßen denn mal kennenlernen?«, warf Alicia ein.
   »Gar nicht. Wenn er aus dem Krankenhaus raus ist, war’s das.«
   »Okay, dann werden wir ihn besuchen, solange er wehrlos im Bett liegt«, giggelte Vanessa, und die beiden anderen fielen mit ein.
   »Ihr seid so was von doof!«
   Vanessa trat zu ihr und schlang Leilani einen Arm um den Hals. »Lass uns doch den Spaß. Wir freuen uns, dass du endlich jemanden gefunden hast, der dir unter die Haut geht. Also schnapp ihn dir. Du warst lange genug allein.«
   »Und das werde ich auch bleiben.«
   »Wieso? Ich dachte, er ist an dir interessiert.« Vanessa ließ sie los und sah sie ernst an. »Zumindest hat sich das für mich so angehört.«
   Leilani verzog das Gesicht. »Es ist kompliziert«, seufzte sie und sank auf die Gartenbank aus Holz, die ihnen als Sitzgelegenheit diente. Ein verrücktes Huhn hatte sie während eines kreativen Anfalls pink angemalt und mit bunten Blumenstickern beklebt.
   »Wo liegt das Problem?«, fragte Alicia und setzte sich neben sie.
   »Probleme. Mehrzahl. Erstens: Er lebt nicht hier, sondern in North Carolina auf dem Militärstützpunkt Fort Bragg. Zweitens: Er ist bei einer Spezialeinheit. Alles streng geheim. Nie weiß er, wo sein nächster Einsatz stattfinden und wie lange er dauern wird. Diese Tatsache benutzt er als Begründung, warum er keine Beziehung eingehen will. Und drittens: Er ist der totale Macho. Hält sich für toll, weil er mit Waffen umgehen kann und irgendwelchen Nahkampfschnickschnack beherrscht.« Und weil er aussieht wie ein griechischer Gott.
   »Da findet sich doch bestimmt eine Lösung. Einer von euch müsste umziehen, oder ihr lebt in einer Fernbeziehung. Und das Machogetue wirst du ihm schon abgewöhnen können, du bist schließlich nicht auf den Mund gefallen.« Vanessa lächelte. »Wenn er ernsthaft in dich verliebt ist, wird er auch bereit sein, Kompromisse einzugehen.«
   Leilani sah zu ihr hoch und zuckte mit den Schultern. »Mia sagt, er wäre in mich verliebt. Wenn ich dienstfrei habe, ist er angeblich noch grantiger als sonst.«
   »Noch grantiger? Geht das überhaupt?« Alicia zwinkerte belustigt.
   »Egal, ich mag nicht weiter über ihn reden. Hast du die Playlist für Samstag zusammengestellt?«, wandte sich Leilani an Vanessa. »Die sollten wir durchspielen.«
   »Na gut, zurück zum Geschäft.« Alicia stand auf.
   »Aber zuerst etwas für unsere Laini zum Runterkommen.« Grinsend schlug Vanessa die Akkorde von Lenny Kravitz’ Stillness Of Heart an.
   »Eine Schnulze. Das hat mir gerade noch gefehlt.« Leilani rollte mit den Augen, ließ sich jedoch auf die sanften Klänge ein.

Gegen Mitternacht parkte sie ihren Wagen in der Einfahrt vor dem kleinen Häuschen im Kolonialstil, das ihren Eltern gehörte. Diese waren vor einigen Monaten nach Hawaii zurückgekehrt, wo ihr Vater als Arzt praktizierte.
   Die Außenbeleuchtung flammte auf, strahlte den rosafarbenen Anstrich, die weiß gestrichenen Gauben sowie das ebenfalls weiße Verandageländer an und reflektierte sich in den Scheiben der Sprossenfenster. Doch Leilani nahm das hübsche Zuckerbäckerhäuschen kaum wahr. Nachdenklich saß sie hinter dem Steuer, während ihre Gedanken um Nikolas kreisten. Obwohl ihre Bandkolleginnen das Thema den restlichen Abend über vermieden hatten, bekam sie Niko nicht aus dem Kopf. Sie war wohl tatsächlich in diesen miesepetrigen, grünäugigen Teufel verliebt. Verdammt! Zornig schlug sie aufs Lenkrad. Wieso pickte sie sich immer die kompliziertesten Typen heraus? Was sollte sie mit einem Soldaten, der regelmäßig seinen Hintern für sein Vaterland riskierte? Sie wollte zwar keinen langweiligen, popcornfressenden Fernsehjunkie, aber Rambo musste es auch nicht gerade sein.
   Eine fast schmerzhafte Sehnsucht nach seiner Nähe packte sie, und wütend zog sie den Zündschlüssel ab, stieß die Autotür auf und sprang aus dem Wagen. Am liebsten hätte sie irgendwo dagegen getreten. Sie zerrte ihre Handtasche vom Beifahrersitz, knallte die Tür zu und stürmte die Treppenstufen zum Haus hinauf. Eine kalte Dusche würde sie hoffentlich wieder runterbringen. In diesem Moment war sie froh, dass sie allein lebte und keine Fragen zu ihrer miserablen Laune über sich ergehen lassen musste.

Nach einer unruhigen Nacht betrat sie am nächsten Morgen viel zu früh die Privatklinik. Die Nachtschwester erwiderte ihren Gruß mit einem neugierigen Blick, und Leilani verzog sich eilig in den Aufenthaltsraum. Das fehlte ihr gerade noch, dass die Kolleginnen der anderen Schicht zu tratschen anfingen. Wahrscheinlich pfiffen es bereits die Vögel von den Dächern, was mit ihr los war. Sie wollte sich einen Kaffee eingießen, entschied sich dann aber für Tee. Sie war schon flatterig genug, da musste sie nicht zusätzlich Koffein daraufkippen.
   Bis zum offiziellen Dienstbeginn hatte sie sich wieder gefangen. Sie straffte die Schultern, setzte einen professionellen Gesichtsausdruck auf und betrat Nikos Zimmer. Zu ihrem Erstaunen schlief er. Üblicherweise starrte er ihr um diese Uhrzeit bereits finster entgegen. Vermutlich hatte er die Nachtschwester dermaßen genervt, dass sie ihm ein Schlafmittel untergejubelt hatte.
   Leilani drückte auf einen Knopf, und die Jalousien öffneten sich langsam. Als sie sich dem Bett zuwandte, blickte sie direkt in seine Augen. Eben hatte er noch geschlafen, und eine Sekunde später war er hellwach. Wie ein Raubtier … oder ein Krieger.
   »Guten Morgen Nikolas«, kiekste sie.
   »Hallo Laini«, erwiderte er. »Was ist mit deiner Stimme?«
   »Ich habe mich bei der Probe überanstrengt«, schwindelte sie spontan.
   »Dann musst du deine Stimmbänder schonen?«
   Sie nickte, und auf seinem Gesicht erschien ein Strahlen. »Yeah! Himmlische Ruhe. Endlich!«
   »Du bist so ein hinterlistiger Stinkstiefel, Galanis«, fuhr sie ihn an und vergaß ganz, dass sie Heiserkeit vorgeschoben hatte.
   Er grinste schäbig. »Oh, eine Wunderheilung. Bringst du das auch bei mir fertig?«
   Sie hielt ihm drohend den Zeigefinger unter die Nase. »Noch einen Ton und ich verpasse dir einen …«
   Seine Finger schlossen sich um ihr Handgelenk, und ihr blieb das Ende des Satzes im Hals stecken. Die Hitze, die von ihm ausströmte, jagte wie ein Stromstoß ihren Arm hinauf.
   »Was verpasst du mir, Laini?« Sein seidenweiches Timbre gab ihr den Rest. Sie schwankte und stützte sich Halt suchend auf dem Bett ab. Seine andere Hand schoß vor und packte sie bei der Taille. »Geht’s dir nicht gut?« Er klang besorgt.
   Sie riss sich zusammen, befreite sich mit einer unwilligen Geste aus seinem Griff und wich einen Schritt zurück. »Kreislauf«, murmelte sie und floh regelrecht aus dem Zimmer. Wie am Vortag lehnte sie sich gegen die Wand neben der Tür, nur dieses Mal, weil sie unbedingt etwas Stabiles im Rücken spüren musste. Verflucht noch mal! Er aß seinen Teller nicht leer, war ständig auf eine helfende Hand angewiesen, und trotzdem schaffte er es, sie mit einer harmlosen Berührung zum Glühen zu bringen. Es war höchste Zeit, dass er das Krankenhaus verließ, bevor sie in seiner Gegenwart endgültig zerfloss.
   Eine Kollegin kam aus dem Stationszimmer. »Alles in Ordnung bei dir?«, fragte sie im Vorbeigehen.
   »Ja.« Leilani löste sich von der Wand und betrat das benachbarte Zimmer.

Kapitel 3

Mia nuschelte etwas gegen Yannis’ nackte Brust, das verdächtig nach »Blöder Wecker« klang. Lächelnd küsste er sie auf die Stirn, ihre wilden blonden Locken kitzelten ihn an der Nase.
   Sie hob den Kopf und sah ihn an. »Ich mag nicht aufstehen.«
   »Oh, was ist denn aus der gewissenhaften Ärztin geworden?«
   »Die hat gestern beim Feiern übertrieben.«
   Nachdem Yannis und Tyler die Räumlichkeiten für die Kampfsportschule besichtigt und den Mietvertrag unterschrieben hatten, waren sie mit ihren Frauen in ein schickes Restaurant eingekehrt und erst gegen Mitternacht nach Hause gekommen. Mia hatte offensichtlich ein Glas Sekt zu viel getrunken.
   »Ihr könnt alle ausschlafen, nur ich muss raus«, beklagte sie sich.
   »Das wusstest du aber gestern schon.«
   »Mhm.« Sie knuffte ihn zärtlich. »Du machst dich lustig über mich.«
   Er küsste sie erneut, warf die Bettdecke zur Seite und setzte sich auf. »Los, hoch mit dir. Während du im Bad bist, kümmere ich mich ums Frühstück. Ich habe heute auch volles Programm. Am Morgen treffe ich mich mit dem Bootsbauer, am Nachmittag mit Tyler, und zwischendurch will ich Niko besuchen.«
   Missgelaunt blickte sie ihn an. »Warum hast du keinen dicken Kopf?«
   »Weil ich nicht alles durcheinandergetrunken habe.«
   »Von Sekt und Wein bekommt man doch keinen Affen.«
   Er grinste. »Manchmal schon. Wenn man erschöpft ist, zum Beispiel. Aber du kennst garantiert ein Mittelchen dagegen, oder?«
   »Wieso meint jeder, ich wäre eine Wunderheilerin?«
   Er musterte sie, bemerkte ihre bedrückte Miene und beugte sich zu ihr hinab. »Du bist nicht gut drauf heute. Was ist los?«
   Mia kuschelte sich an ihn. »Ach … ich habe Mist geträumt, und mir geht vieles durch den Kopf. Was, wenn Niko nie wieder der Alte wird? Er sieht mich immer hoffnungsvoll an, und ich weiß dann nie, was ich zu ihm sagen soll.« Sie seufzte. »Ich kann im Moment keine Prognose abgeben.«
   »Das erwartet er auch nicht von dir.«
   »Doch, irgendwie schon. Er fragt zwar nicht direkt danach …«
   »Mia, du hast alles Menschenmögliche für ihn getan. Ohne dich wäre er nicht mehr am Leben.«
   »Ohne mich wäre er erst gar nicht verletzt worden!«
   Yannis drückte sie an sich und streichelte über ihr Haar. Einen Kommentar sparte er sich. Oft genug hatten sie dieses Thema durchdiskutiert. Er konnte Mia die Last der Schuld nicht abnehmen, daher beschränkte er sich darauf, sie tröstend in seinen Armen zu halten.
   Nach einer Weile löste sie sich von ihm. »Wir müssen aufstehen.«
   Er blickte ihr hinterher, bis sie im Badezimmer verschwunden war, stand ebenfalls auf und kümmerte sich um das Frühstück.

Um die Mittagszeit traf er im Krankenhaus ein und sah gerade noch, wie Leilani mit einem Tablett Nikos Zimmer betrat. Zögernd blieb er stehen und beschloss, Mia auf einen Kaffee in die Klinikcafeteria zu entführen, doch als er kehrtmachen wollte, fiel ihm ein, dass sie von einer größeren Operation gesprochen hatte, die heute auf ihrem Terminplan stand. Dann würde er eben seinem Bruder beim Mittagessen Gesellschaft leisten.
   Er klopfte an und öffnete die Tür. Niko lehnte in den Kissen. Auf seinem Gesicht klebte ein breites Grinsen, er lauschte Leilanis Gesang und wirkte entspannt. Yannis horchte auf. Für so ein zierliches Persönchen hatte sie eine erstaunlich kräftige, tragende Stimme.
   Leilani unterbrach sich bei Yannis’ Anblick, begrüßte ihn mit einem strahlenden »Hallo«, und verbeugte sich übertrieben.
   Amüsiert sah er von Niko zu ihr. »Hey Laini. Was ist denn das für eine Therapie?«
   Sie lachte. »Eine neue Art der Folter.«
   »Das sieht dir ähnlich.«
   »Was willst du hier, Yanni?«, knurrte Nikolas, der sich eindeutig von ihm gestört fühlte.
   »Ich bin zu deiner Rettung geeilt. Ich habe Laini in dein Zimmer gehen sehen und dachte, sie würde dich wieder quälen.«
   »Das ist aber nicht nett von dir.« Leilani zog einen Flunsch. »Niko wollte wissen, welche Art Musik meine Band macht.«
   »Dann war das eine Kostprobe?«
   »Ja.«
   »Du hast eine tolle Stimme«, wandte sich Nikolas an sie.
   Leilani warf ihm eine Kusshand zu. »Solch ein Lob aus deinem Mund … den Tag muss ich mir im Kalender anstreichen.«
   Yannis lächelte. So locker gefielen ihm die beiden viel besser.
   »Hattest du schon Krankengymnastik?«, erkundigte er sich.
   »Ja, gleich heute Morgen. Endlich konnte ich mal raus aus dem Bett.« Nikolas schlug mit der Faust auf die Matratze. »An dem Tag, an dem ich entlassen werde, fackle ich das Teil eigenhändig ab.«
   »Untersteh dich, du grober Klotz.« Leilani hielt ihm drohend einen Finger unter die Nase. »Männer!«, schimpfte sie. »Immer mit der Keule unterwegs.«
   Yannis und Niko wechselten einen Blick und brachen in Gelächter aus.
   »Keine Sorge, Prinzessin, ich mache schon nichts kaputt.«
   »Das glaube ich erst, wenn zwischen dir und der Klinik mindestens eine Meile Abstand liegt.«
   Nikolas schenkte ihr ein träges Lächeln, äußerte sich jedoch nicht dazu. Yannis beobachtete die Szene belustigt.
   »Ich muss weiter, ich habe noch andere Patienten außer deinem verwöhnten Bruder.« Leilani zwinkerte ihm zu. »Du kannst ihm mit dem Essen helfen.«
   Er sah ihr hinterher, wie sie leichtfüßig aus dem Zimmer lief. »Sie ist niedlich«, bemerkte er, als die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war.
   »Ja, wie ein Goldhamster.« Nikolas runzelte die Stirn, und seine entspannte Miene verdüsterte sich.
   »Was ist los? Hast du etwa schon wieder etwas an ihr auszusetzen?«
   »Wusstest du, dass Laini in einer Mädchenband singt?«
   »Ist das ein Problem?«
   Die Furchen auf Nikos Stirn wurden tiefer. »Mir gefällt das nicht. Eine Girlband zieht nur lüsterne Kerle an.«
   »Jetzt übertreibst du aber. Vielleicht kommen manche Typen tatsächlich wegen der Frauen zu den Auftritten. Doch die meisten Besucher wollen einfach nur Musik hören und gut unterhalten werden.«
   »Trotzdem, mir gefällt das nicht«, wiederholte Nikolas. »Wie ich Laini verstanden habe, gehen sie ohne Begleitung in die Klubs. Nur eine von ihnen hat einen festen Freund, und der kommt so gut wie nie mit.«
   »Du tust ja gerade, als wären sie in Lebensgefahr.« Yannis unterdrückte den Wunsch, den Kopf zu schütteln. Seit wann war sein Bruder so gluckenhaft?
   Nikolas wollte etwas entgegnen, als es klopfte, die Tür aufging und Stella hereinspähte.
   »Hey Niko. Yannis.« Sie betrat das Zimmer, gefolgt von Tyler, steuerte auf das Bett zu, beugte sich zu Nikolas hinunter und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. »Ich hoffe, wir kommen nicht ungelegen. Wir hatten in der Nähe einiges zu erledigen.« Sie richtete sich auf und musterte ihn. »Wie geht es dir?«
   »Gleich besser bei deinem Anblick.«
   »So würde ich auch gern mal begrüßt werden«, warf Yannis ein und Stella lächelte ihn an.
   »Diese Sonderbehandlung steht nur bettlägerigen Patienten zu.«
   »Die sich nicht wehren können«, neckte er sie. Sein Blick glitt von ihrem Gesicht hinab zu ihrem Babybauch.
   »Alles klar bei dir und dem Baby?«, mischte sich Niko ein.
   »Uns geht es sehr gut.« Sie streichelte über die Wölbung. »Eins weiß ich jetzt schon, dieses Kind wird ein Kampfsportchampion. Leberhaken beherrscht es bereits perfekt.«
   Die Männer lachten.
   »Da hast du ganze Arbeit geleistet«, wandte sich Nikolas an Tyler.
   Dieser legte einen Arm um seine Frau. »Und ich hatte eine Menge Spaß dabei.«
   Stella knuffte ihn in die Seite. »Musst du immer alles rausplappern?«
   »Soll ich mich lieber beschweren, wie viel Mühe das war?«
   »Nein, du darfst gern bei der Wahrheit bleiben.«
   Sie lächelte in die Runde und hielt Yannis’ Blick fest. Obwohl sie in etwa drei Monaten Mutter werden würde, hatte er sich noch nicht ganz an den Gedanken gewöhnt, dass sie verheiratet war. Zu lange hatte sie unter seinem Schutz gestanden, hatte er als ihr Bodyguard jeden ihrer Schritte begleitet. Doch Tyler war ein würdiger Nachfolger für ihn. Er trug seine Frau auf Händen und passte wie ein Wachhund auf sie auf.
   »Weißt du bereits, wann du entlassen wirst?«, wandte sich Stella an Nikolas und lenkte so von ihrer Person ab.
   »Sobald ich mit Krücken einigermaßen laufen kann. Heute durfte ich zum ersten Mal raus aus dem Bett.«
   »Du hast dich hoffentlich nicht flachgelegt.« Tyler grinste.
   »Das hättest du wohl gern, Hanson.« Niko versuchte, ein grimmiges Gesicht aufzusetzen. Die beiden nahmen sich bei jeder Gelegenheit gegenseitig auf den Arm und hatten unübersehbar ihre Freude daran.
   »Ich bin ziemlich wacklig auf den Beinen«, gab Nikolas zu. »Was so ein paar Tage faules Herumliegen doch ausmachen.«
   »Lass das bloß nicht Laini hören«, bemerkte Yannis.
   Wie auf Kommando rollte Niko mit den Augen.
   »Was hast du für ein Problem mit ihr?«, fragte Stella. »Ich habe sie als sehr nette und sympathische Person kennengelernt.«
   »Ist sie ja auch. Nur erdrückt sie mich regelrecht mit ihrer Fürsorge.« Er seufzte. »Ich bin es nicht gewohnt, dass sich jemand um mich kümmert.«
   »Dann genieße es doch. Tyler freut sich über jede Streicheleinheit.« Verliebt sah sie ihren Mann an.
   »Musst du immer alles rausplappern?«, wiederholte er grinsend ihre Bemerkung.
   Nikos sanfte Worte in Bezug auf Leilani wunderten Yannis. Bisher hatte er mit Äußerungen wie Nervensäge und Ähnlichem nicht hinter dem Berg gehalten. Sollte sich seine Einstellung ihr gegenüber geändert haben? Yannis beschloss, ihn zu fragen, sobald sie wieder allein waren.
   Wie aufs Stichwort öffnete sich die Tür und Leilani kam herein. »Oh, so viel Besuch? Für einen Miesepeter wie dich?«
   Sie trat ans Bett und warf stirnrunzelnd einen Blick auf das unberührte Essen. »Wolltest du ihm nicht dabei helfen?«, fragte sie Yannis vorwurfsvoll.
   »Ich hatte noch keine Zeit dafür«, äußerte Nikolas.
   »Schmeckt es dir kalt besser?«
   »Das ist doch egal. Was meinst du, was ich schon alles gegessen habe?«
   In ihren Mandelaugen zeigte sich ein ärgerliches Funkeln. »Wir sind hier nicht im Busch, du musst weder nach Wurzeln graben noch Insekten fangen. Diese Klinik leistet sich einen teuren Koch, und seine Mahlzeiten sind absolute Spitzenklasse. Das solltest du würdigen.«
   »Ich esse ja gleich. Reg dich ab.«
   »Ich rege mich so lange auf, wie es mir passt.«
   »Hast du sonst keine Hobbys?«
   Tyler gluckste amüsiert, und Leilani warf ihm einen scharfen Blick zu. »Was gibt’s da zu lachen? Mia wollte ihm schon eine Magensonde legen.«
   »So ein Quatsch! Das war doch nur ein Scherz.«
   Sie fuhr zu Nikolas herum. »Das Thema ist noch nicht vom Tisch.«
   »Ach, vergiss es! Yanni, schieb mir das dämliche Tablett rüber, sonst habe ich niemals Ruhe.«
   Yannis stieß einen leisen Pfiff aus. »Mein lieber Mann, du hast aber eine kurze Lunte entwickelt in den letzten Tagen.«
   Tyler gluckste erneut, und auch Stella kicherte.
   Leilani nahm die Haube vom Teller und rückte den Nachtschrank zurecht, sodass Nikolas bequem an das Essen herankam.
   »Wir gehen wieder«, bemerkte Tyler. »Wir wollten nur schnell mal nach dir sehen.« Er wandte sich an Yannis. »Ich bringe Stella zu ihrem Vater und fahre anschließend weiter zum Gym. Wann kommst du?«
   »Ich bin in einer Stunde da.«
   »Okay, bis nachher.« Tyler schlug Nikolas kumpelhaft auf die Schulter, und Stella umarmte ihn.
   Sekunden später waren Yannis, Niko und Leilani allein.
   »Du hast sie vertrieben«, beklagte sich Nikolas bei ihr.
   »Red keinen Stuss. Was schneien sie auch um die Mittagszeit hier herein?«
   »Schmeißt du mich ebenfalls raus?«, fragte Yannis.
   Sie sah zu ihm hoch. »Ich denke darüber nach. Solange Niko isst, kannst du bleiben.«
   »Das ist ja wie im Kindergarten«, schimpfte Nikolas.
   »Ja, weil du dich so benimmst.«
   Leilani wandte sich an Yannis. »Kümmerst du dich um ihn? Meine Patienten warten.«
   »Gott sei Dank«, kam es von Niko.
   »Ja. Gott sei Dank sind nicht alle solche Stinkstiefel.« Sie funkelte ihn giftig an und rauschte aus dem Zimmer, begleitet von ihrem Gelächter.
   »Bei einer Krankenschwester wie ihr beeilt man sich mit dem Gesundwerden«, seufzte Nikolas.
   Yannis grinste. »Gib’s zu, dir macht es doch einen Höllenspaß, sie zu ärgern.«
   »Yep, ihr aber auch.«
   »Dann ist das ein Spielchen zwischen euch mit dem Essen? Ich kenne dich gar nicht mäkelig.«
   Niko schwieg einen Moment. »Ich habe keinen Appetit«, erwiderte er leise. »Der Unfall ist mir auf den Magen geschlagen, und solange ich nicht weiß, ob ich jemals wieder richtig gehen kann …« Er verstummte.
   Yannis nickte. Er ahnte, was seinen Bruder quälte. Ihn beschäftigten die gleichen Gedanken.
   »Sag jetzt nicht, das wird schon«, brummelte Nikolas.
   »Schätze, das hast du oft genug gehört.«
   »Mhm … wenn ich jedes Mal einen Dollar dafür bekommen würde, dann könnte ich meinen Job an den Nagel hängen.«
   »Das kannst du auch so. Hast du mal darüber nachgedacht, dir etwas anderes zu suchen?«
   »Und was? Ich bin Soldat.«
   »Ja. Mit besonderen Fähigkeiten. Du solltest dich auf deine Stärken besinnen.«
   »Für eine solche Entscheidung ist es noch zu früh«, wiegelte Nikolas ab, und Yannis verstand, dass er sich nicht weiter mit dem Thema auseinandersetzen wollte. »Was haben Tyler und du heute vor?«
   Yannis ging auf den Ablenkungsversuch ein. »Wir wollen die Einrichtung des Gyms besprechen. Momentan ist es eine riesige Halle. Die muss in verschiedene Bereiche unterteilt werden. Wir planen einen Raum für Geräte- und Hanteltraining, einen Kampfsportbereich und mehrere Kursräume.«
   »Klingt nach einem großen Projekt.«
   »Das ist es. Und ich freue mich total darauf, mich da reinzustürzen.«
   »Falls ihr Tipps braucht …«
   »Fragen wir dich. Ich bringe die Pläne beim nächsten Besuch mit, dann kannst du deinen Senf dazugeben.«
   »Okay.«
   Sie wechselten einen Blick.
   »Aber jetzt solltest du wirklich aufessen, sonst bekommst du Ärger mit Silvermist.« Grinsend stand Yannis auf, klopfte einmal gegen das Bettgestell und verließ das Zimmer.

Kapitel 1

Am Samstagnachmittag betraten Leilani und Vanessa Jacks Klub durch den Hintereingang. Noch war die Bar geschlossen, sodass sie in Ruhe ihre Instrumente und Verstärker aufbauen konnten. Jennifer und Alicia hatten bereits einen Teil des Equipments hereingetragen und schraubten gerade das Schlagzeug zusammen.
   Nach der Begrüßung ließ Leilani den Blick über die Bühne schweifen, während Vanessa ihre Gitarre aus dem Koffer nahm.
   »Was kann ich helfen?«, fragte sie.
   »Der Rest der Backline ist noch im Bus«, antwortete Jennifer. »Holst du die bitte?«
   Leilani machte kehrt und verließ das Gebäude. Der Bandbus parkte neben dem Hintereingang. Geblendet durch das grelle Nachmittagslicht sah sie den riesigen Kerl, der im Schatten des Fahrzeugs stand, erst, als sie den Bus erreichte.
   »Hey«, grüßte sie, wobei sie überlegte, woher sie ihn kannte. Sie meinte, ihn schon einmal gesehen zu haben, konnte sich aber nicht erinnern, wo. Vermutlich gehörte er zu Jacks Personal.
   Der Typ starrte sie einen Moment lang an, nickte ihr knapp zu und wollte sich abwenden.
   »Suchen Sie etwas?«
   Er senkte seinen durchdringenden Blick auf sie. »Nein.«
   Leilani lächelte ihn an und kletterte in den Bus.
   »Soll ich Ihnen helfen?«, fragte er.
   Sie drehte sich um und sah, dass er den Kopf in den Laderaum des Fahrzeugs streckte. Ein ungutes Gefühl stieg in ihr auf. »Danke, nicht nötig«, versuchte sie, ihn abzuwimmeln.
   Trotzdem setzte er den Fuß auf die Trittstufe und machte Anstalten, den Bandbus zu betreten.
   Ihr mulmiges Gefühl verstärkte sich. »Ich habe doch gesagt, ich komme zurecht.«
   »He! Was tun Sie da?«, hörte sie in diesem Moment Vanessa rufen.
   Der Typ hielt in der Bewegung inne und fuhr herum. Leilani stieß den angehaltenen Atem aus.
   »Ich wollte nur helfen«, brummte er.
   »Helfen. Klar! Du machst besser die Fliege, aber zackig!«
   »Ist ja schon gut.«
   »Und wenn ich dich noch mal an unserem Bus herumlungern sehe, ist der Teufel los!«
   Leilani hörte amüsiert zu. Vanessa war für ihr aufbrausendes Temperament und ihre deutlichen Worte bekannt.
   Der Mann trollte sich, und die Freundin nahm seinen Platz ein. »Alles klar bei dir?«
   »Ja.«
   »Er hat dich nicht belästigt?«
   »Nein. Er hatte tatsächlich seine Hilfe angeboten.«
   Vanessa stieg in den Bandbus. »Du bist immer so gutgläubig, Süße. Entweder wollte er klauen oder er ist einer dieser Lustmolche, die angeblich auf unsere Musik stehen.«
   »Und du hast ihn garantiert für alle Zeiten verscheucht.« Leilani grinste.
   »War mir ein Vergnügen.« Vanessa grinste zurück. »Du hättest mal sein Gesicht sehen sollen.« Sie schnappte sich einen Verstärker und sprang aus dem Bus. Leilani folgte ihr mit einem Koffer voller Kabel.
   Nach dem Soundcheck versammelten sie sich in dem kleinen Nebenraum, der ihnen als Umkleide diente. Jack hatte für sie Hamburger zubereitet, die sie sich schmecken ließen, während sich der Klub allmählich füllte.
   »Ich gehe noch eine rauchen«, kündigte Alicia an.
   »Ich komme mit, ich muss telefonieren.« Leilani stand auf, und zusammen traten sie durch die Hintertür.
   Leilani entfernte sich ein Stück von ihrer Bandkollegin und wählte Mias Nummer. Sie fühlte sich ruhelos und musste wissen, wie es Nikolas ging. Ihre Freundin hatte an diesem Wochenende Bereitschaft.
   »Hey Laini«, drang Mias Stimme an ihr Ohr.
   »Hallo Mia.«
   »Was ist los? Ist euer Auftritt ausgefallen?«
   »Äh, nein. Ich wollte nur mal hören, ob bei dir alles in Ordnung ist.«
   Mia schwieg sekundenlang. »Wenn ich das richtig übersetze, heißt das vermutlich: Wie geht es Niko?«
   »Okay, du hast mich durchschaut.«
   Mia kicherte. »Ihm geht’s bestens. Als ich vorhin nach ihm gesehen habe, war er in ein Buch vertieft. Ich kam mir vor wie ein Störenfried.«
   Leilani stieß einen leisen Pfiff aus. Sie hatte ihm am Nachmittag drei Romane gebracht, doch er hatte kein Interesse an den Thrillern gezeigt. Und nun schmökerte er darin. Nach außen hin markierte er den rauen Kerl, und sobald er allein war, kam seine kultivierte Seite durch. Nun, den Zahn würde sie ihm noch ziehen. Es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass dieser Mann zu ihrer Lebensaufgabe werden würde.
   »Dann geht es ihm gut? Hat er gegessen?«
   »Ich denke schon. Da müsste ich die Schwester fragen. Aber außer dir beklagt sich niemand über sein Verhalten.«
   »Er zickt auch nur bei mir so herum.«
   »Woran das wohl liegen mag?«
   Der süffisante Tonfall reizte sie zum Widerspruch, doch sie unterdrückte das Bedürfnis. Mia hatte recht. Ihr Benehmen Niko gegenüber war alles andere als professionell.
   »Ich muss Schluss machen, unser Auftritt beginnt gleich.«
   »Dann wünsche ich dir viel Spaß.«
   »Den werde ich haben.« Kurz war sie versucht, Nikolas einen Gruß ausrichten zu lassen, aber sie verkniff es sich. Er war schon eingebildet genug.
   Leilani drückte das Gespräch weg und ging zu Alicia, die an der Backsteinmauer neben der Hintertür lehnte. Diese nahm einen letzten Zug, ließ die Zigarette auf den Boden fallen und trat sie aus. »Alles in Ordnung?«, erkundigte sie sich.
   »Ja.«
   »Dann können wir ja den Laden rocken.«
   Sie betraten das Gebäude, warfen einen kurzen Blick in den Gastraum, in dem sich bereits das Publikum drängte, und kehrten in die Garderobe zurück.
   »Voll ist es«, informierte Alicia Vanessa und Jennifer.
   »Cool.« Jenny reckte einen Daumen in die Luft.
   Alicia trat vor den Spiegel neben der Tür und fuhr mit beiden Händen durch ihre kupferroten Locken.
   »Du siehst gut aus.« Vanessa schob sie zur Seite, betrachtete sich prüfend und zog das royalblaue Top mit den funkelnden Pailletten zurecht.
   »Ihr seht alle gut aus.« Leilani ließ den Blick über ihre Bandkolleginnen schweifen. Jennifer trug schwarze Lederhosen und ein bauchfreies Oberteil aus dem gleichen Material. Die kurz geschnittenen hellblonden Haare standen wild von ihrem Kopf ab.
   Vanessa hatte das blaue Top mit einer weißen Satinhose kombiniert, die die Form ihrer schlanken Beine betonte, und Alicia war in ein hautenges, silbrig glitzerndes Minikleid geschlüpft, das wunderbar zu ihrer roten Mähne passte. Leilani trug einen Minirock mit Leoprint und ein Lederbustier. Ihre langen Haare umhüllten sie wie ein seidiger schwarzer Umhang.
   »Wir hätten uns doch Beautyqueens nennen sollen«, witzelte Vanessa.
   »Oder Tinkerbell and Friends«, rutschte es Leilani heraus.
   »Wie kommst du denn auf so einen Quatsch?« Jennifer zog amüsiert die Nase kraus.
   Leilani spürte Verlegenheit in sich aufsteigen. Sie hätte besser ihren Mund gehalten. »Niko behauptet, ich würde aussehen wie die Fee Silvermist.« Sie zuckte mit den Schultern. »Anscheinend steht er auf Walt Disney-Filme.«
   »Ernsthaft?«
   Ihre Bandkolleginnen begannen zu kichern.
   »Ich stelle mir gerade vor, wie er in seinem Kampfanzug und mit Tarnschminke vorm Fernseher sitzt und Zeichentrickfilme guckt.« Alicia prustete los.
   »Doofe Nuss«, schimpfte Leilani.
   »Wahrscheinlich hat er auch eine durchgeladene Knarre dabei, um Silvermist zu beschützen«, setzte Jennifer drauf.
   »Noch einen Ton, und du frisst deine Sticks, Jenny!« Die Drohung verpuffte, da Leilani selbst kichern musste.
   »Es ist Zeit für unseren Auftritt«, äußerte Vanessa, nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatte. »Also, Ladys, Konzentration.«
   Das letzte Gekicher verstummte, Jennifer wischte sich verstohlen die Lachtränen aus den Augenwinkeln und Leilani trällerte eine Melodie, um ihre Stimme aufzuwärmen.
   Wenige Minuten später betraten sie die Bühne. Die Scheinwerfer flammten auf, und sie begannen mit ihrem Programm. Es würde ein gelungener Abend werden, das spürte Leilani. Ihre Freundinnen waren gut drauf, und das Publikum ging von Anfang an mit. Einige Zuschauer sangen sogar ihre Lieder, ein Zeichen dafür, dass sie sich mittlerweile eine Fangemeinde aufgebaut hatten, die ihnen durch die Klubs folgte. Nach der Hälfte der Spielzeit legten sie eine Pause ein, um an der Bar etwas zu trinken.
   Jack schob Leilani ihr Getränk hin und stellte ein Glas Sekt daneben. »Du hast einen Verehrer«, raunte er ihr zu und zeigte mit dem Kopf auf einen Mann, der etwa einen Meter von ihr entfernt an der Theke lehnte. Leilani sah ihn an. Es war der Typ, der sich am Bandbus herumgetrieben hatte. Sobald er Leilanis Blick bemerkte, hob er seinen Bierkrug und prostete ihr zu. Verwirrt griff sie nach dem Sektglas und nahm einen Schluck.
   »Das ist doch dieser Freak von vorhin«, regte sich Vanessa auf. »Ich war wohl nicht deutlich genug.«
   »Du warst viel zu höflich zu ihm.« Leilani feixte.
   Vanessa stieß einen sonderbaren Laut aus.
   »Was war denn los?«, mischte sich Jennifer ein.
   »Ach, ich musste einen aufdringlichen Fan vertreiben, der Laini in den Bus nachsteigen wollte.«
   »Warum hast du uns nichts davon erzählt?«, fragte Alicia.
   »Es ist ja nichts passiert. Vanessa übertreibt mal wieder.« Leilani spielte die Angelegenheit herunter. Sie hatte ihren Mädels für heute genug Zündstoff geliefert.
   »Ich finde es ziemlich dreist, um den Bandbus herumzuschleichen und eine von uns abzupassen. Und jetzt spendiert er dir einen Drink. Was für ein aufdringlicher Kerl.« Vanessa klang ärgerlich.
   »Vermutlich will er nur nett sein, weil er mich vorhin erschreckt hat.«
   »Kennst du den Typen?«, wollte Jennifer wissen.
   »Nein. Er kam mir im ersten Moment bekannt vor. Ich dachte, er gehört zu Jacks Leuten.«
   »Bestimmt war er bei anderen Gigs anwesend und du hast ihn im Publikum gesehen.«
   Alicia sah über Leilanis Kopf in seine Richtung. »Was für ein hässlicher Vogel.« Sie schüttelte sich übertrieben.
   »Dafür kann er nichts«, äußerte Leilani, und ihre Bandkolleginnen lachten.
   »Wenn du ihn weiterhin so eifrig verteidigst, wächst ihm noch ein Heiligenschein.«
   Leilani zwinkerte Vanessa zu. »Du musst nicht neidisch sein. Ich gebe dir auch gern was von meinem Sekt ab.«
   »Nein, danke.« Vanessa verzog das Gesicht. »In fünf Minuten müssen wir wieder auf die Bühne«, wechselte sie das Thema.

Den zweiten Teil ihres Auftritts absolvierten sie ebenso souverän. Leilanis unbekannter Gönner stand am Bühnenrand und sah sie unentwegt an, doch im Gegensatz zu den meisten anderen Besuchern tanzte oder sang er nicht. Sie fühlte sich unangenehm berührt durch sein Starren und vermied es nach Möglichkeit, in seine Richtung zu schauen. Die wenigen Male, die sich ihre Blicke trotzdem kreuzten, lächelte er sie an.
   Das Publikum applaudierte begeistert und verlangte Zugaben. Sie spielten eine weitere halbe Stunde, zogen sich dann jedoch in die Garderobe zurück, wo sie, höchst zufrieden mit dem erfolgreichen Gig, eine Flasche Sekt leerten, die Leilani spendierte. Anschließend bauten sie ihr Equipment ab und verluden es im Bandbus. Als Jennifer auf der Fahrerseite einsteigen wollte, bemerkte sie die Rose, die unter dem Scheibenwischer klemmte. Fluchend sprang sie aus dem Fahrzeug und griff danach. »Was soll der Quatsch?«
   »Was ist denn los?« Alicia trat neben sie. »Oh, hast du auch einen Verehrer?«
   »Wieso ich?« Jennifer hielt die Blume mit spitzen Fingern von sich weg. »Wer außer uns weiß, dass der Bus mir gehört? Nein, das Teil kann für jede von uns bestimmt sein.«
   »War sonst noch etwas dabei, eine Notiz vielleicht?« Alicia reckte sich und klappte den Scheibenwischer hoch, während Jennifer Leilani die Rose reichte. »Vermutlich für dich. Das würde zu dem Sekt-Freak passen.«
   Mechanisch nahm sie die Blume entgegen, obwohl sich alles in ihr dagegen sträubte. Der seltsame Gast kam ihr in den Sinn, und erneut verspürte sie das beklemmende Gefühl, das sein gieriges Starren ausgelöst hatte. »Wir sollten los, es ist schon spät«, lenkte sie ab. »Gute Nacht.« Sie winkte Jennifer und Alicia zu.
   »Wir sehen uns nächste Woche zur Probe«, verabschiedete sich Vanessa und folgte Leilani zu ihrem Wagen.
   Leilani betrachtete die Rose, die in dem diffusen Licht des Hinterhofs fast schwarz aussah, noch einmal und ließ sie fallen. Vanessa nickte zustimmend.
   Während der Heimfahrt sprachen sie über den Auftritt. Vanessa war eine Perfektionistin und hatte sich jeden kleinen Patzer gemerkt. Leilani ahnte, dass die Proben in der kommenden Woche länger dauern würden.
   Sie setzte ihre Freundin zu Hause ab, schaltete das Radio ein und fuhr singend weiter. Als sie in die ruhige Straße einbog, in der sie wohnte, bemerkte sie im Rückspiegel die Scheinwerfer eines Autos. Gewöhnlich herrschte in diesem Viertel nachts kein Verkehr.
   Leilani stoppte in der Einfahrt und kramte den Haustürschlüssel aus ihrer Handtasche. Als sie ausstieg, stand der Wagen am Straßenrand, genau auf der Höhe ihrer Zufahrt. Ein mulmiges Gefühl beschlich sie. Was wollte der hier? Um diese Uhrzeit? Sie versuchte, die Person hinter dem Steuer zu erkennen, doch die Straßenbeleuchtung reflektierte sich in den Autoscheiben. Während sie noch überlegte, ob sie den Fahrer ansprechen oder lieber im Haus verschwinden sollte, beschleunigte das Auto und brauste davon. Sie sah dem Fahrzeug hinterher, bis es an der nächsten Ecke abbog. Es war ein älteres Ford-Modell in Schwarz oder Dunkelblau.
   Müde stieg sie die Verandastufen hinauf und schloss die Haustür auf. Sie brauchte dringend eine Dusche, und danach wollte sie nur noch ins Bett. Nachdem sie sich in der Küche eine eisgekühlte Coke geholt hatte, ging sie in den ersten Stock. Im Schlafzimmer zog sie sich aus, holte ein Nachthemd aus der Wäschekommode und betrat das Badezimmer. Sie nahm einen Schluck und stellte die Flasche auf den kleinen Schrank, der unter dem Fenster stand. Dabei fiel ihr das Auto auf, das vor dem Nachbargrundstück parkte. War das nicht der Ford, der eben hinter ihr hergefahren war? Leilani lehnte sich nach vorn und drückte die Nase an die Scheibe, um besser sehen zu können. Doch der Wagen wurde teilweise von den ausladenden Wedeln der Palmen verdeckt, die den Straßenrand säumten, und das Licht der Straßenlaternen war zu schwach, um die Schatten zu durchdringen.
   »Du siehst Gespenster, Süße«, sagte sie zu sich selbst, indem sie Vanessas Tonfall imitierte. Entschlossen wandte sie sich ab und betrat die Duschkabine.
   Das warme Wasser rann wie Balsam über ihre Haut. Entspannung breitete sich in ihr aus. Der Tag war anstrengend gewesen. Morgens hatte sie sich um ihren Haushalt gekümmert, der die ganze Woche zu kurz gekommen war, während sich ihre Gedanken bereits mit dem Auftritt am Abend beschäftigten. Das Lampenfieber vor einem Gig zehrte regelmäßig an ihr, denn ihre lebhafte Fantasie malte ihr in schillernden Farben alle möglichen Pannen aus. Auf- und Abbau des Equipments kosteten ebenfalls Kraft. Der unheimliche Typ kam ihr in den Sinn. Vermutlich hatte er tatsächlich nur helfen wollen, und Vanessa hatte ihn vertrieben. Ihre Freundin war übervorsichtig und witterte hinter jeder Nettigkeit eine böse Absicht. Leilani konnte es ihr nicht verdenken. Vanessa war vor Jahren von einem Fan massiv belästigt worden. Damals hatte sie in einer anderen Band gespielt, die wesentlich populärer gewesen war als die Four 4ever. Der Typ war ihr sogar bis in die Wohnung gefolgt, hatte ihr Schlafzimmer durchwühlt und ihr einen perversen Brief aufs Kopfkissen gelegt. Leilani lief bei der Vorstellung ein eisiger Schauder über den Rücken, trotz des warmen Wasserstrahls, und erneut schlich sich der Fremde mit dem starren Blick in ihre Gedanken.
   Sie schrak zusammen, als es plötzlich rumpelte, stellte hastig das Wasser ab, schob die Tür der Kabine auf und lauschte angespannt. Im Haus schien alles ruhig. Das Geräusch musste von draußen gekommen sein. Sofort fiel ihr das unbekannte Fahrzeug ein und das seltsame Verhalten des Fahrers. Sie wartete einen Augenblick, doch das Geräusch wiederholte sich nicht. Vermutlich irgendwelche Tiere, die um die Mülltonnen herumschlichen, beruhigte sie sich. Trotzdem schlang sie sich ein Frotteetuch um den Körper, verließ das Badezimmer und trat auf den Treppenabsatz, wo sie erneut horchte.
   Sie meinte, die Dielen der Veranda knarzen zu hören. Da draußen war jemand!
   »Schau nach, ruf die Polizei oder hör auf zu spinnen«, sprach sie sich Mut zu. Zum ersten Mal, seit ihre Eltern weggezogen waren, fühlte sie sich unwohl in dem Haus. Hatte sie die Alarmanlage eingeschaltet? Sie konnte sich nicht daran erinnern, aber so nachlässig, wie sie üblicherweise war, vermutlich nicht.
   Leilani stieg Stufe um Stufe die Treppe hinab, spähte zwischen den gedrechselten Holzstäben des Geländers nach unten in den Eingangsbereich und lauschte weiterhin auf ungewöhnliche Geräusche. Schließlich erreichte sie das Erdgeschoss. Sie warf einen Blick durch die Buntglasscheibe in der oberen Hälfte der Haustür. Veranda, Eingangstreppe und die Auffahrt zum Haus lagen im Dunkeln. Plötzlich fiel ihr ein, dass die Außenbeleuchtung brennen müsste, sollte sich jemand auf dem Gelände aufhalten. Der Bewegungsmelder reagierte sehr sensibel. Hier schlich definitiv niemand herum. Bei dem Gedanken bekam sie vor Erleichterung weiche Knie. Wieso war sie da nicht gleich drauf gekommen?
   Leilani schaltete die Alarmanlage ein, die sie tatsächlich vergessen hatte zu aktivieren, und ging wieder nach oben. Bald darauf lag sie im Bett, doch sie fand trotz ihrer Erschöpfung keine Ruhe. Vielleicht sollte sie sich einen Hund zulegen, am besten einen großen, bösartigen. Oder sich eine Mitbewohnerin suchen. Sie könnte das Gästezimmer vermieten, dann wäre sie nicht allein. Erst in den frühen Morgenstunden übermannte sie der Schlaf.

Kapitel 5

Als Leilani am Montagmorgen Nikolas’ Zimmer betrat, befand sich seine Laune auf dem Tiefpunkt. Am Wochenende hatten keine Behandlungen stattgefunden, und er brannte darauf, mit der Physiotherapie weiterzumachen. Außerdem hatte er Leilani vermisst, eine Erkenntnis, die ihn überraschte und ihn zum Nachdenken brachte.
   »Guten Morgen, Niko«, begrüßte sie ihn und schenkte ihm ihr sonniges Lächeln, das wie immer das Krankenzimmer erhellte.
   Er antwortete mit einem undefinierbaren Grunzen, was sie nicht davon abhielt, näher an sein Bett zu treten und nach seinem Arm zu greifen. Routiniert fühlte sie den Puls.
   »Leicht erhöht. Bist du wegen irgendetwas aufgeregt?«
   Er schnaubte.
   »Ach, du hast eine Erkältung? Dann messen wir gleich mal Fieber.«
   »Laini, treib es nicht zu weit.«
   Sie ließ sein Handgelenk los und sah ernst auf ihn herunter. »Allmählich bin ich es leid«, sagte sie leise. »Ich gebe mir die größte Mühe, um dich aufzumuntern und dir die Zeit bei uns so angenehm wie möglich zu machen, doch wie sehr ich mich auch anstrenge, du bist einfach immer mies gelaunt. Am liebsten würde ich gar nicht mehr in dein Zimmer kommen, aber ich habe dich nun mal an der Backe.«
   Ihre deutlichen Worte trafen ihn mitten ins Herz und verschlugen ihm die Sprache. Schweigend starrte er sie an.
   »Was ist? Willst du dich über mich beschweren? Dann tu das. Ist mir egal.«
   Sie wollte sich abwenden, doch er griff nach ihrem Handgelenk und hielt sie zurück. »Laini.« Ein Kloß saß in seinem Hals, und er hustete kurz. »Lauf nicht weg.«
   »Ich hole dir Wasser.«
   »Nein, verdammt! Ich brauche kein beschissenes Wasser!« Er zog sie zu sich heran, bis sie mit den Beinen gegen die Bettkante stieß. »Setz dich.«
   »Was soll das? Lass mich los.«
   »Setz dich!«
   Sie fluchte in einer Sprache, die er nicht verstand, setzte sich aber wie befohlen aufs Bett.
   »Es tut mir leid, dass ich so unleidlich bin. Ich komme mit dieser Situation nur schwer klar. Ich bin es nicht gewohnt, herumzuliegen und von jemandem abhängig zu sein. Außerdem bewege ich mich üblicherweise den ganzen Tag. Die aufgezwungene Untätigkeit macht mich total bekloppt.«
   Sie sah ihn an, und er bemerkte, wie das ärgerliche Glitzern in ihren Augen verblasste und stattdessen ein warmer Schimmer darin aufglomm. »Ich weiß, wie sehr dich die Sache nervt und wie unangenehm es dir ist, dich von Fremden versorgen zu lassen. Das gibt dir jedoch nicht das Recht, deine schlechte Laune an allen auszuleben.«
   »Ich sagte doch schon, dass es mir leidtut.« Er hörte den ungeduldigen Klang, der in seiner Stimme mitschwang. Das ärgerte ihn, aber er kam nicht dagegen an. Er stand unter einer Spannung, die es ihm schwermachte, ruhig zu bleiben, und Leilanis Nähe trug wenig zu seiner Beruhigung bei.
   Sie löste seine Finger von ihrem Handgelenk und umschloss seine Hand mit der ihren. »Du hast das Schlimmste hinter dir, bist auf dem Weg der Besserung. Nach dem Frühstück kommt dein Physiotherapeut. Wenn es gut läuft, wirst du vielleicht am Ende der Woche entlassen.«
   Um dann wie ein Krüppel mit Krücken herumzustolpern, schoss es ihm durch den Kopf. Er behielt diesen Gedanken für sich. »Das sind ja tolle Aussichten, dafür lohnt es sich zu leben«, polterte er.
   »Ungeduld ist wohl dein zweiter Vorname. Kaum zu glauben, dass du und Yannis Brüder seid. Er ist so ein umgänglicher Mensch.«
   »Na, danke.«
   Sie streichelte seine Hand. Die Berührung jagte wie ein Feuerstoß seinen Arm hinauf und lief in heißen Wellen über seinen Körper. Nur mit Mühe unterdrückte er ein Stöhnen.
   »Wie wär’s mit einer Wette?«, bot sie ihm an. »Wir schließen für diese Woche einen Waffenstillstand. Falls ich mich irren sollte und du länger hierbleiben musst, darfst du mich wieder schikanieren. Ansonsten …«
   »Wie bitte?«
   »Ansonsten habe ich was gut bei dir«, fuhr sie unbeirrt fort.
   »Mich für immer zum Teufel wünschen?«, schlug er vor und sie giggelte.
   »Super Idee, aber nicht einmal der wird dich nehmen, so giftig, wie du bist. Nein, du wirst etwas für mich tun. Was, das überlege ich mir noch.«
   »Dann gehst du also fest davon aus, dass ich diese Woche entlassen werde?«
   Sie nickte. »Das ist mein Ziel.«
   Er musterte sie, während es hinter seiner Stirn arbeitete. »Einverstanden«, sagte er nach einem Moment.
   Sie streckte ihm die rechte Hand hin. »Deal!«
   Am liebsten hätte er sie an sich gezogen und ihr Abkommen auf andere Art besiegelt, aber er nahm nur ihre Hand und drückte sie.
   »Ich hole dein Frühstück.« Sie sprang auf und lief aus dem Zimmer.
   Als die Tür hinter ihr zugefallen war, blickte er aus dem Fenster, doch heute gelangen es dem azurblauen Himmel und der goldenen Morgensonne nicht, ihn zu besänftigen. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen, und in seiner Brust hatte sich ein sehnsuchtsvolles Ziehen breitgemacht.

Am Nachmittag besuchte ihn Yannis. Er hatte einige Skizzen dabei, die die vorläufige Raumplanung der Kampfsportschule zeigten. Nikolas stürzte sich interessiert darauf, froh über die Ablenkung.
   »Hier habe ich Fotos.« Yannis zog das Smartphone aus der Tasche seiner Jeans und scrollte durch das Menü, bevor er ihm das Telefon reichte.
   Niko vertiefte sich in die Bilder und die Pläne. »Gefällt mir«, sagte er nach einer Weile. »Das Konzept ist gut durchdacht.«
   »Die meisten Ideen waren von Tyler. Er hat vieles von seiner ehemaligen Boxschule in Miami übernommen.«
   »Sobald ich hier raus bin, will ich den Laden sehen.«
   »Hast du schon einen konkreten Entlassungstermin?«
   »Nein, aber ich habe mit Laini eine Wette abgeschlossen, die ich unbedingt gewinnen muss.«
   Yannis grinste. »Um was geht es denn?«
   »Sie behauptet, man würde mich diese Woche bereits entlassen. Falls sie recht hat, erwartet sie, dass ich ihr einen Wunsch erfülle.«
   »Und darauf hast du dich eingelassen?«
   »Yep. Erstens, weil ich hier raus will und zweitens, weil ich wissen will, welchen Gefallen ich ihr tun kann.«
   »Vermutlich sollst du dich zum Teufel scheren.«
   Nikolas brach in Gelächter aus, als Yannis das aussprach, was er selbst heute Morgen zu Leilani gesagt hatte.
   »Dann machst du deine Reha in Nassau?«
   Soweit hatte Niko noch gar nicht gedacht, doch bei Yannis’ Frage nickte er spontan.
   »Freut mich, dass du bleiben willst. Ich werde meine Wohnung umräumen und dir eine Haushaltshilfe besorgen.«
   »Lass mal gut sein. Ich brauche niemanden.«
   »Ach, halt die Klappe. Du wirst gefälligst meine Hilfe annehmen. Ich schulde dir etwas.«
   »Tust du nicht.« Nikolas schnaubte. »Warum meinen alle, sich bei mir bedanken zu müssen?«
   »Weil wir ohne dich ziemlich trüb aus der Wäsche geschaut hätten.«
   »Ich habe lediglich meine antrainierten Fähigkeiten eingesetzt, wie ich es auch in meinem Job tun würde.«
   Yannis berührte kurz seinen Arm. »Das war mehr als ein Job. Du hast Mia das Leben gerettet.«
   »Das war Teamwork. Und wenn Laini uns nicht gefolgt wäre, dann hätte es für uns alle schlecht ausgesehen.«
   »Ja, das stimmt.« Yannis stand auf und sammelte die Skizzenblätter ein. »Wo steckt sie überhaupt?«
   »Wahrscheinlich brütet sie neue Gemeinheiten aus.«
   »Ganz bestimmt. Extra für dich.«
   »Mein persönlicher Quälgeist. Ich fühle mich geschmeichelt.« Nikolas rollte mit den Augen, und Yannis feixte.
   »Ich muss los, ich habe noch etwas zu erledigen, bevor Mia nach Hause kommt.«
   Niko lächelte ihm zu. »Danke für alles.«

Nikolas wurde tatsächlich am Freitagmorgen aus dem Krankenhaus entlassen. Yannis war gekommen, um ihn abzuholen und in seine Wohnung zu bringen. Ein Pfleger half ihm in den Rollstuhl, während Leilani und Yannis um ihn herumstanden. Niko spürte, wie Ärger in ihm aufwallte, als dieser Typ, der gerade mal halb so breit war wie er, ihn am Arm fasste und stützte wie einen alten Mann. Beinahe hätte er ihn angefahren, doch er riss sich zusammen und rief sich ins Gedächtnis, dass man ihm nur helfen wollte.
   Yannis schien zu ahnen, was in ihm vorging. »Ich übernehme ab hier«, mischte er sich ein.
   Der Krankenpfleger wich einen Schritt zurück. Kein Wunder, Yannis wirkte mit seinen über einen Meter neunzig und der durchtrainierten Figur beeindruckend und auch ein Stück weit bedrohlich. Niko warf seinem Bruder einen Blick zu und bemerkte dessen Zwinkern.
   Leilani streckte ihm die Hand hin. »Ich wünsche dir alles Gute«, sagte sie steif.
   Er nahm ihre Hand, die sich kühl anfühlte. »Warum so förmlich, Laini?«
   Sie schluckte.
   »Du hast deine Wette gewonnen und einen Wunsch frei. Schon vergessen?« Er grinste sie an und sah, wie eine zarte Röte in ihre Wangen stieg.
   »Ja. Demnächst. Sobald du gesund bist.«
   »So lange will ich aber nicht warten. Ich rufe dich an. Denk dir in der Zwischenzeit etwas aus.« Er ließ ihre Hand los und gab Yannis einen Wink.
   Dieser schob den Rollstuhl aus dem Zimmer und durch den Flur bis zum Ausgang. Neben der Rampe parkte ein schwarzer Jeep Cherokee.
   »Wieso bist du mit Tylers Wagen hier?«
   »Darin kann ich dich besser transportieren als in meinem BMW.«
   »Transportieren«, grollte Niko. »Wie eine Rinderhälfte oder was?«
   »Eher wie ein schlecht gelauntes Wildschwein.«
   »Fängst du jetzt an wie Laini?«
   »Mhm … das scheint dir ja Spaß zu machen.«
   Yannis arretierte die Bremsen des Rollstuhls und öffnete die Beifahrertür. Nikolas stellte die Krücken auf den Boden und stemmte sich in die Höhe. Schmerz schoss durch sein verletztes Bein, und selbst die wenigen Schritte bis zum Auto trieben ihm Schweißperlen auf die Stirn. Stöhnend sank er in den Sitz, Yannis nahm ihm die Gehhilfen ab und verstaute sie auf dem Rücksitz.
   »Bin gleich wieder da«, sagte er.
   Nikolas sah ihm zu, wie er den Rollstuhl die Rampe hinauffuhr und im Eingangsbereich einer Schwester überließ, die diensteifrig herbeieilte. Ums Haar wäre er für immer in einem solchen Ding gelandet. Die Trümmerteile der explodierenden Jacht hätten ihm anstatt des Beins ebenso gut das Rückgrat brechen können. Er verdrängte den Gedanken, der ihn während seines Krankenhausaufenthaltes oft genug beschäftigt hatte. Jetzt galt es erst einmal, ganz gesund zu werden, damit er baldmöglichst wieder zu seiner Einheit zurückkehren konnte.
   Yannis öffnete die Fahrertür und riss ihn aus seinen Überlegungen. »Alles okay? Sitzt du gut?«
   »Frag nicht so blöd. Ich bin doch kein Tattergreis.«
   »Manchmal benimmst du dich aber so.« Yannis funkelte ihn an. »Wie ein stinkiger, alter Sack.«
   »Jetzt mach mal halblang …«
   »Es reicht, Niko«, fiel ihm sein Bruder ins Wort. »Dein Guthaben an mieser Laune ist aufgebraucht, ebenso wie mein Vorrat an Geduld. Ich habe keine Lust mehr auf deine Stänkereien. Nimm dich zusammen, oder du fängst dir ein paar. Verdient hättest du es schon lange.«
   Das war ja mal eine Ansage. Nikos rebellische Stimmung verflog, und er senkte den Kopf. »Tut mir leid«, brummelte er.
   »Wird auch Zeit.« Yannis starrte Nikolas an, bis er den Blick erwiderte. »Stella wartet auf uns. Sie freut sich, dass du in meine Wohnung ziehen wirst, und sie hat einen kleinen Empfang für dich vorbereitet. Tu mir den Gefallen und sei nett zu ihr.«
   »Keine Sorge.« Niko lächelte, als er an Stella dachte. Yannis’ ehemaliger Schützling lag ihm ebenfalls am Herzen. Er hatte sie kennengelernt, kurz nachdem sein Bruder von ihrem Vater, dem millionenschweren Reeder Alexandros Korres, als Bodyguard eingestellt worden war. Damals hatte er sich Hals über Kopf in die rassige junge Frau verliebt, sich sein Interesse an ihr aber niemals anmerken lassen. Er durchlief zu der Zeit gerade eine Spezialausbildung und schmiedete Pläne für eine Militärkarriere.
   Yannis startete den Wagen und fuhr langsam vom Krankenhausgelände. Nikolas ließ die Fensterscheibe herunter, genoss den warmen Fahrtwind und die Geräusche der Stadt. Zwischen den Häusern blitzte immer mal wieder das neonblaue Meer auf, und als sie an der Marina vorbeikamen, betrachtete er sehnsüchtig die dort vertäuten Jachten und Segelboote, deren Masten sich im gleichmäßigen Takt der Dünung wiegten. Wie gern würde er sich jetzt die frische Seeluft um die Nase wehen lassen. Mias Powerboat fiel ihm ein. »Ist die Blue Horizon inzwischen repariert?«, fragte er.
   »Ja, alles fertig. Sie sieht aus wie neu.«
   »Das freut mich.«
   »Mich auch.«
   »Da hast du aber Punkte gemacht bei Mia.«
   Yannis warf ihm einen konsternierten Blick zu. »Wie meinst du das?«
   »Nun …« Niko wackelte vielsagend mit dem Kopf und Yannis schnaubte. »Dir geht’s anscheinend zu gut.«
   »Ach, lass mir doch meinen Spaß. Ich bin froh, dass ich endlich aus dem ätzenden Krankenhaus raus bin.«
   »Ich verstehe. Zu viel Sonne und Frischluft.«
   »Musst du dich nicht auf den Verkehr konzentrieren?«
   »Du mich auch, Bruderherz.«
   Sie lachten dröhnend, und Niko fühlte sich seit Tagen zum ersten Mal rundum zufrieden.

*

Yannis parkte vor dem Gebäudekomplex, der aus Stellas Galerie mit der darüberliegenden Wohnung sowie seinem Apartment im Erdgeschoss bestand. Tyler und Stella wohnten in dem Penthouse und konnten Nikolas jederzeit behilflich sein, sollte er Unterstützung benötigen.
   Er war gerade ausgestiegen, als die Tür der Galerie aufging und Stella herauskam. »Endlich seid ihr da. Ich hatte mir schon Gedanken gemacht. Alles klar mit Niko?«
   Yannis nickte. »Ich helfe ihm beim Aussteigen. Bist du so lieb und schließt auf?« Er reichte ihr seinen Hausschlüssel, und sie öffnete die Tür des Apartments.
   Yannis holte die Krücken von der Rückbank und ging Nikolas zur Hand. Tapfer humpelte er in die Wohnung.
   »Hallo Niko.« Stella zog einen Stuhl unter dem kleinen Esstisch hervor und platzierte ihn so, dass er sich bequem setzen konnte. Mit einem unterdrückten Stöhnen sank er darauf. Trotz seiner Bräune war er blass um die Nase. Die Fahrt und die paar Schritte mussten eine gewaltige Anstrengung für ihn gewesen sein.
   Stella lächelte Nikolas an. »Magst du einen Kaffee? Oder lieber etwas anderes?«
   »Im Moment gar nichts, danke.«
   »Ich hole deine Sachen«, äußerte Yannis und verließ den Raum. Er hob die Reisetasche und die Papiertüte mit den Medikamenten, die ihm Mia mitgegeben hatte, aus dem Cherokee und kehrte in sein Apartment zurück. »Brauchst du ein Schmerzmittel?« Er stellte die Tüte auf den Tisch. »Mia hat die halbe Krankenhausapotheke eingepackt.«
   »Nein. Die Schmerzen sind erträglich, mir ist nur schwindlig.«
   »Kein Wunder, du hast tagelang gelegen.« Stella berührte Nikos Arm, Besorgnis lag in ihrem Blick. »Vielleicht solltest du lieber nicht allein hier wohnen.«
   »Wenn ich umkippe, falle ich weich.« Nikolas klopfte mit einer Krücke auf den Teppichboden.
   »Das ist nicht witzig.«
   »Mach dir keine Sorgen. Ich kann gut auf mich aufpassen.« Er lächelte sie an. »Tut mir leid, das war ein dummer Spruch.«
   Sie nahm seine Entschuldigung mit einem knappen Nicken an. »Gefällt es dir hier? Ich habe den Raum umgestalten und für deine Bedürfnisse einrichten lassen.«
   Nikolas betrachtete das Krankenbett, das an einer Wand stand. Es war elektrisch verstellbar, sodass er bequem aufstehen konnte. »Danke, Stella, ich weiß zu schätzen, was ihr alle für mich tut.«
   »Das ist selbstverständlich. Du hast Mia das Leben gerettet.«
   »Jetzt übertreibst du aber. Allein hätte ich das nicht geschafft.«
   »Und ohne dich wäre die Aktion garantiert in die Hose gegangen.«
   Er grinste über ihre Ausdrucksweise. Tylers salopper Stil hatte bereits auf das wohlbehütete Millionärstöchterchen abgefärbt.
   Die Klingel unterbrach sie, Yannis öffnete und ließ Tyler herein.
   »Hey Niko!« Strahlend kam er auf Nikolas zu und klopfte ihm auf den Oberarm. »Cool, dass du hier bist.«
   »Yeah, ich freue mich auch, dich zu sehen.«
   Tyler schüttelte seine langen blonden Haare über die Schultern zurück. »Wie meinst du das?«
   Nikolas rollte mit den Augen. »Du bist nach Laini die größte Nervensäge, die ich kenne, und trotzdem freue ich mich über deine Anwesenheit.«
   »Na, dann hoffe ich nur, dass du in mich nicht ebenfalls verknallt bist.« Tyler feixte frech, und Yannis und Stella lachten.
   »Kaum bist du hier, Hanson, gehst du mir schon tierisch auf die Eier«, knurrte Niko, konnte aber das belustigte Zucken um seine Mundwinkel nicht unterdrücken. »Ich bereue es bis heute, dass ich dich nicht auf Noras Insel k. o. geschlagen und dortgelassen habe.«
   »Damals wusstest du meine Qualitäten zu schätzen.«
   »Wie wäre es mit einem Kaffee?«, bot Stella an. »Bevor euer Gesäusel noch weiter ausartet.«
   »Och, es fängt gerade an, mir Spaß zu machen.« Tyler grinste Niko an und küsste seine Frau auf die Wange.
   Eine Weile später saßen sie in gemütlicher Runde zusammen. Yannis bemerkte, wie sich Nikolas allmählich entspannte. Tylers Geplauder über die Kampfsportschule trug einen Großteil dazu bei. Ihm konnte es nicht schnell genug gehen mit der Eröffnung. Er hatte bereits heute Morgen die ersten Handwerker mit den Umbaumaßnahmen beauftragt und diverse Angebote für Einrichtung und Trainingsgeräte eingeholt.
   Es klingelte erneut, und Yannis öffnete Nikos Physiotherapeuten die Tür.
   »Dann lassen wir dich jetzt allein«, sagte Stella. »Wenn du etwas brauchst, ruf an. Tyler oder ich sind sofort bei dir.«
   »Danke.« Nikolas lächelte sie an.
   »Das Gleiche gilt für Mia und mich«, bemerkte Yannis. »Du kannst jederzeit bei uns anrufen, egal, wie spät es ist.«
   »Okay, aber ich denke, ich komme klar.«
   »Viel Spaß in deiner Sportstunde.« Yannis nickte dem Physiotherapeuten zu und verließ das Apartment.

Kapitel 6

Leilanis Unkonzentriertheit während der Probe blieb ihren Bandkolleginnen nicht verborgen.
   »Hast du andere Noten als ich?«, erkundigte sich Vanessa süffisant, nachdem sie zum wiederholten Mal ihren Einsatz verpatzt hatte.
   »Sorry, ich weiß, dass ich nur Mist baue.« Leilani strich sich fahrig die Haare aus dem Gesicht.
   »Was ist denn los?«
   »Ach … Niko ist am Vormittag entlassen worden.«
   »Und das ist ein Grund, um falsch zu singen?«
   »Ich habe mich bereits dafür entschuldigt.« Vanessas gutmütige Neckerei kam bei Leilani nicht an.
   »Wir sollten Schluss machen und Essen gehen«, schlug Alicia vor. »Ich hätte Lust auf Pizza.«
   »Na gut«, gab Vanessa nach. »Wir spielen Restless, damit wir wenigstens ein Erfolgserlebnis haben, danach ist Ende. Einverstanden?« Sie lächelte.
   Leilani fühlte sich erleichtert. Üblicherweise war Musik ihr Allheilmittel, aber dieses Mal half selbst das nicht. Sie vermisste diesen grünäugigen Miesepeter.

Eine halbe Stunde später fuhr sie Richtung Innenstadt. Kaum waren sie in der Pizzeria eingetroffen, hatten ihre Freundinnen sie überredet, Nikolas zu besuchen, und kurzerhand eine Pizza zum Mitnehmen bestellt. Leilani verspürte ein gewisses Unbehagen. Einfach so bei ihm hereinzuplatzen war eigentlich nicht ihre Art.
   Sie stellte ihren Wagen auf dem Kundenparkplatz vor der Galerie ab, nahm den Pizzakarton vom Beifahrersitz, stieg aus und ging auf das Apartment zu. Nachdem sie geklingelt hatte, dauerte es eine Weile, bis sie von drinnen Geräusche vernahm. Schließlich wurde die Tür langsam aufgezogen. Nikolas, gestützt auf zwei Krücken, sah ihr entgegen.
   »Laini.« Sein Lächeln war echt und erzeugte ein wohliges Kribbeln in ihrem Bauch.
   »Hey Niko. Wie geht es dir?« Sie trat einen Schritt vor, und er machte ihr Platz.
   »Anstrengender Tag«, antwortete er und humpelte hinter ihr her zum Esstisch.
   »Ich habe uns Pizza mitgebracht, ich hoffe, du magst Pepperoniwurst mit extra Käse.«
   »Du weißt doch, dass ich alles esse, was du mir vorsetzt. Immerhin hast du mir oft genug gedroht.« Er grinste auf sie herunter, und sie spürte Wärme in ihre Wangen steigen.
   Er sah so verdammt verführerisch aus mit diesem schiefen Lächeln und dem amüsierten Funkeln in seinem Blick.
   »Du reagierst ja nur auf Befehle«, gab sie zurück.
   »Für die meisten Frauen wäre ich der Traummann.«
   Sie konnte dem Drang, mit den Augen zu rollen, nicht widerstehen. »Das glaubst auch nur du.«
   »Ich weiß es, Schätzchen.«
   Sein dunkles Raunen hallte in ihrem Bauch wider, und hastig wandte sie sich ab. »Wir sollten essen, bevor die Pizza kalt wird.«
   Er setzte sich auf einen Stuhl. »Ich bin ein schlechter Gastgeber. Schau einfach, was du brauchst.« Mit einer Geste deutete er auf die Kochnische.
   Leilani riss zwei Blätter von der Küchenrolle und warf einen Blick in den Kühlschrank. »Was willst du trinken?«
   »Am liebsten wäre mir ein Bier.«
   Sie schüttelte den Kopf. »Solange du Medikamente nimmst, lässt du das schön bleiben. Hier sind Coke und Ginger Ale.«
   »Zur Pizza?« Nikolas verzog das Gesicht.
   »Dann eben Wasser.« Sie kehrte zum Tisch zurück und klappte die Verpackung auf. Die Pizza dampfte noch und verströmte ihr appetitliches Aroma. »Greif zu.« Sie schob den Karton in seine Richtung und setzte sich auf den freien Stuhl.
   Schweigend genossen sie das erste Stück.
   »Was verschafft mir die Ehre deines Besuchs?«, fragte Nikolas.
   »Ich wollte sehen, wie es dir geht und wie du allein zurechtkommst.«
   »Gut. Ich hatte Krankengymnastik, danach habe ich geschlafen und am frühen Abend war Mia hier und hat sich das Bein angesehen. Stella bringt mir nachher etwas zu Essen.«
   »Du bist wirklich bestens versorgt.«
   »Allerdings.« Sein warmer Blick traf sie. »Sogar du sorgst dich um mich.«
   »Ist das ironisch gemeint?«
   »Keineswegs.« Er wirkte so herzerfrischend ehrlich, dass sie einen Hauch schlechten Gewissens verspürte.
   »Du solltest Stella anrufen und ihr absagen«, wechselte sie das Thema.
   »Ja, du hast recht.« Er griff nach dem Smartphone, das auf dem Tisch lag, und sprach kurz mit Tylers Frau. »Sie lässt dich grüßen«, sagte er im Anschluss.
   »Was machen wir mit dem angebrochenen Abend?«, fragte Leilani.
   »Schlag was vor.«
   »Wir können einen Walt Disney Film ansehen.«
   Nikolas machte ein Gesicht, als hätte er in ein Stück Seife gebissen. »Wie bist du denn drauf?«
   »Ich? Du stehst doch auf diesen Kram.«
   Energisch schüttelte er den Kopf. »Niemals!«
   »Ach? Und wieso behauptest du dann, dass ich wie Silvermist aussehe?« Sie feixte. »Du musst mir gegenüber nicht den harten Kerl raushängen. Ich liebe Schnulzen.«
   »Der Quatsch kam von Yannis. Ich hatte den Namen nie zuvor gehört.«
   »Ach so, ich dachte schon, mit dir stimmt etwas nicht.«
   »Bist du jetzt erleichtert?«
   »Und wie.« Sie legte den Kopf schief. »Also, was machen wir mit dem angebrochenen Abend?«
   Er nahm sich ein weiteres Stück Pizza. »Erzähl mir von dir. Wie bist du auf die Idee gekommen, in einer Band zu singen?«
   »Die Musik liegt mir im Blut. Ein Erbe meiner hawaiianischen Vorfahren. Bereits als kleines Mädchen hatte ich Klavierunterricht, später habe ich zum Keyboard gewechselt. Auf dem College lernte ich Vanessa kennen, das ist unsere Gitarristin. Sie war damals in einer Girlband, die eine Keyboarderin suchte. Ich meldete mich für den Posten, doch schnell stellte sich heraus, dass ich besser singen konnte als die Sängerin.« Sie zuckte mit den Schultern. »So bin ich am Mikro gelandet.«
   »Und seitdem spielt ihr zusammen?«
   »Vanessa und ich ja. Die anderen Mitglieder wechselten immer mal. Vor etwa zwei Jahren haben wir unsere eigene Band gegründet mit Alicia am Bass und Jennifer an den Drums. Musikalisch liegen wir auf der gleichen Wellenlänge, und wir verstehen uns auch privat sehr gut.«
   »Kommt daher der Bandname?«
   »Ja. Four 4ever. Das war Vanessas Idee.«
   »Und was spielt ihr? Cover?«
   »Zum Teil, die meisten Songs schreiben wir selbst.«
   »Cool. Wann ist euer nächster Auftritt?«
   »Morgen Abend, im Rocking Horse.«
   »Das höre ich mir an.«
   Sie zog die Augenbrauen hoch. »Das halte ich für keine gute Idee«, äußerte sie vorsichtig.
   »Wieso?«
   Ihr Blick fiel auf seine Krücken.
   »Keine Sorge, ich habe nicht vor, zu tanzen.«
   »Ich mache mir eher Gedanken, dass du dich überanstrengst.«
   »Meinen Ohren geht es gut.«
   Er verstand sie absichtlich falsch. Leilani ließ das Thema auf sich beruhen, sie hatte keine Lust, die angenehme Atmosphäre mit einer Diskussion zu verderben. Außerdem war er alt genug, um zu entscheiden, was er sich zutrauen konnte.
   »Isst du das noch?« Sie deutete auf den Rest Pizza.
   »Ja.« Er griff nach dem letzten Stück.

Bald darauf verabschiedete sich Leilani. Sie wäre gern länger geblieben, doch Nikolas sah erschöpft aus und brauchte zweifellos Ruhe.
   »Wir sehen uns morgen Abend«, sagte er.
   Sie beugte sich zu ihm hinunter und umarmte ihn rasch. »Du solltest mit dem Ausgehen warten, bis du wieder richtig fit bist.«
   Er legte seine Hand auf ihre Taille. »Dann bin ich nicht mehr hier.«
   Sie richtete sich auf. Die Erkenntnis, dass er Nassau verlassen würde, sobald er gesund war, traf sie wie ein Schlag ins Genick.
   Er schien ihr anzusehen, was ihr durch den Kopf ging. »Eine Weile bin ich ja noch da, und ich werde erst gehen, wenn ich dir deinen Wunsch erfüllt habe.«
   Verwirrt fragte sie. »Was für einen Wunsch?«
   »Hast du unsere Wette vergessen?«
   »Nein.« Sie trat einen Schritt zurück und seine Hand glitt von ihrer Taille. »Dann muss ich mir sehr genau überlegen, was ich von dir möchte.« Ernst sah sie ihn an.
   »Tu das, aber denk dran, ich bin kein Flaschengeist. Ich erfülle also nur einen Wunsch.«
   »Für mich bist du der Zauberer von Oz.« Lachend warf sie ihm eine Kusshand zu und tänzelte zur Tür, wobei sie die Melodie von Somewhere Over The Rainbow trällerte.
   Kaum war die Tür hinter Leilani ins Schloss gefallen, verflog ihre gute Laune. Seine Bemerkung, er würde Nassau verlassen, sobald er gesund war, hatte sie mitten ins Herz getroffen. Sie wollte nicht, dass er ging. Er hatte ihr heute schon gefehlt in den wenigen Stunden zwischen seiner Entlassung und ihrem Wiedersehen. Frustriert öffnete sie die Autotür und glitt auf den Fahrersitz. Wieso musste er unbedingt zum Militär zurück? Was gab ihm das, sein Leben für andere zu riskieren? Nervenkitzel konnte er auch bei ihr haben. Sie seufzte, startete den Wagen, schob eine CD in den Player und drehte die Lautstärke auf. Zu dem Song Living On The Run brauste sie nach Hause. Der Text passte perfekt zu ihrer momentanen Gefühlslage, und als sie beim Refrain mitsingen wollte, spürte sie, wie ihr plötzlich die Tränen kamen. Sie brauchte sich nicht länger etwas vorzumachen, sie hatte sich heftig in Nikolas Galanis verliebt.

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