Larissa ist mit Leib und Seele Bankerin und kann sich ein Leben außerhalb der Großstadt nicht vorstellen. Kurz vor dem Tod ihrer Mutter erfährt sie, dass sie adoptiert wurde. Ihre leibliche Mutter soll aus der Bretagne stammen? Neugierig geworden, macht sie sich dort auf die Suche nach ihren Wurzeln. Schon bald erkennt Larissa, dass die Vergangenheit ihr eigenes Leben nicht unberührt lässt. Was bringt eine Frau dazu, ihr eigenes Kind wegzugeben? Diese Frage lässt Larissa nicht los. Ihre Nachforschungen nach ihren leiblichen Eltern führen sie zu einem alten Haus, das stärker mit ihrem Schicksal verwoben ist, als sie zunächst ahnt. Kann sie das dunkle Geheimnis lüften, das auf dem Leben ihrer Familie lastet? Langsam beginnt sie, ihr eigenes Leben zu entdecken und ihr Herz zu öffnen für das Wagnis, das man Liebe nennt ... Ein berührender Roman über Vertrauen und Freundschaft

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ISBN: 978-9963-53-577-4

Seiten: 351

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Christine Lawens

Christine Lawens
© plb photo&layout becker
Christine Lawens wurde 1964 in Saarlouis geboren. Sie arbeitete fünfzehn Jahre bei einem Kommunikationsunternehmen, danach folgte die Mitarbeit bei verschiedenen Tageszeitungen als freie Mitarbeiterin, PR-Assistentin und PR-Texterin. Seit 2012 veröffentlicht sie Romane und Kurzgeschichten. Sie lebt im Saarland und in der Bretagne. Bei bookshouse erschienen „Zwischen uns der Atlantik„“ im Januar 2017 und „Gebrochene Herzen schlagen noch“ im Juli 2017.

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Leseprobe

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Prolog


Larissas Finger waren blau vor Kälte.
   Sie stand auf der Dachterrasse ihres Penthouses, umklammerte das Geländer und starrte über die Stadt. Ihre Stadt, ihre Bank. Es war halb zehn und finster. Der Regen, der seit gestern unablässig die Luft mit einem feuchten Schleier und den Asphalt mit ölig leuchtenden Schlieren überzog, peitschte in ihr Gesicht. Der Wind riss ihr die Haare über die Augen. Sie ließ es geschehen, reglos wie die beleuchteten Türme, die den Horizont erhellten. Die Schärfe der Böen hatte die Temperaturen sinken lassen. Das scharlachrote Laub der Jungfernrebe, die sich über die Pergola rankte, flatterte und wurde gegen die Hauswand geschlagen wie eine Schar gefesselter blutiger Vögel.
   Larissa trug dasselbe Seidenkostüm, in dem sie das Büro verlassen hatte. Es stand am Hals offen und ließ den Spitzeneinsatz des Tops sehen, das sie statt einer Bluse darunter anhatte. Sie trug weder Jacke noch Mantel gegen die Kälte.
   Ihr Körper war eisig bis ins Mark, aber sie fühlte kaum etwas. Sie blinzelte in den strömenden Regen, der ihr über die Stirn und in die Augen lief, und sie konnte immer nur denken: Die Regeln gebrochen.
   Weiter kam sie nicht. Ein ziehender Schmerz kroch ihre Schenkel hoch, setzte sich in ihrem Unterleib und tief im Kreuz fest. Sie ignorierte den Schmerz ebenso wie den Regen und die Kälte.
   Begleitet von einer Kakophonie des Donners fuhr eine Serie gezackter Blitze hinter dem Messeturm nieder und ließ die Silhouette des Gebäudes aufleuchten wie ein modernes Spukschloss. Die offene Terrassentür schlug mit harter Regelmäßigkeit gegen eines der Schiebeelemente, gefolgt von einem schwachen Klingeln. Larissa hörte es am Rande ihrer Wahrnehmung, ohne auch nur die leiseste Regung zu verspüren, ihren Platz an der Brüstung zu verlassen.
   Im Wohnzimmer klingelte das Telefon. Es klingelte zum vierten Mal innerhalb der letzten halben Stunde. Ab und zu klingelte es auch an der Wohnungstür. Jemand versuchte dringend, sie zu erreichen.
   Irgendwann hörte das Klingeln auf.
   Sie legte den Kopf zurück, die Augen geschlossen. Wasser lief ihr in die Nase. Ihre Kleidung tropfte vor Nässe.
   »Larissa!«
   Die Stimme drang schwach an ihr Ohr, zerrissen vom Heulen des Windes.
   »Herrgott noch mal, ich weiß, dass du da oben bist! Ich sehe dich doch! Mach auf! Bitte mach mir auf!«
   Sie öffnete langsam die Augen und starrte in die Dunkelheit, bis sie von einem in der Nähe niedergehenden Blitz geblendet wurde. Einen Lidschlag lang sah sie im Aufleuchten des Blitzes die Gestalt auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
   »Melanie«, flüsterte sie mit kalten Lippen. Sie stieß sich von der Brüstung ab und ging ins Penthouse, taumelte durch das Wohnzimmer, den Flur. Sie drückte sekundenlang den Türsummer, ohne loszulassen, öffnete die Wohnungstür und lauschte, bis sie klappernde Schritte unten im Treppenhaus wahrnahm. Sie war im Haus.

*

Melanie fasste Larissa an beiden Schultern. »Was ist mit dir los?«
   »Man … man«, Larissa versuchte offensichtlich, sich auf ihre Worte zu konzentrieren. Es gelang ihr nicht.
   »Komm, setz dich erst mal.« Melanie führte ihre Freundin zum Sofa und platzierte sie behutsam. Larissa zitterte immer noch.
   Melanie wartete, bis sich Larissa einigermaßen gefasst hatte.
   »Mein Job …«, versuchte Larissa erneut die Situation zu erklären, »mein Job ist futsch, weg. Ich bin arbeitslos.«
   »Was?«
   »Genau so habe ich auch diese Frage gestellt.« Larissa schniefte.
   »Du? Ausgerechnet du?« Melanie wusste, dass dies kein Scherz war. Larissa lebte für diesen Beruf und die Institution Bank.
   »Heute Morgen hielten sich die Herrschaften noch bedeckt, und am Nachmittag ließen sie die Bombe platzen. Insolvenz und das ganze Theater drum herum. Hunderte von Mitarbeitern sitzen auf der Straße und …« Larissa brach ab und fing an zu weinen. Ihr ganzer Körper schüttelte sich.
   Melanie nahm sie in die Arme. Dann schob sie sie von sich und sah Larissa mitfühlend an. Ihre Freundin zitterte wie Espenlaub. »Komm, ich lass dir erst einmal ein Bad ein, damit du wieder zu dir kommst. Du bist total verfroren und nass.« Melanie ging ins Bad und ließ heißes Wasser in die Wanne laufen. Sie kam mit Larissas Bademantel zurück und führte ihre Freundin ins Schlafzimmer. »Zieh erst mal deine nassen Sachen aus, und dann ab in die Badewanne.«
   Larissa entkleidete sich wie in Trance, ohne ein Wort zu sagen. Sie ließ sich von Melanie ins Badezimmer führen, und erst als sie in das warme Wasser eintauchte und der Sandelholzduft ihr in die Nase stieg, wurde sie wieder lebendig.
   Melanie verschwand kurz, und als sie zurückkam, trug sie zwei Gläser Rotwein in den Händen. Sie reichte eines Larissa, die es dankend annahm, und setzte sich auf den Wannenrand. »Meinst du, das hat mit der weltweiten Finanzkrise zu tun?«
   »Sicher. Wir wollten es nur nicht wahrhaben, dass es uns so schnell trifft. Die graue Eminenz hat sich erst noch ein zusätzliches goldenes Näschen verdient. Die Gier …« Sie räusperte sich. »Ich habe immer gewusst, dass uns das alles eines Tages um die Ohren fliegen wird. Nur hat mir keiner geglaubt.«
   »Und wie geht es jetzt weiter? Was willst du tun?«
   »Keine Ahnung. Ich werde wohl genug Angebote bekommen. Aber es schmerzt schon sehr. Ich war bereit, für diese Bank mein Leben aufzugeben. Und ich habe gewusst, auf was ich mich da einlasse.«
   Melanie starrte sie an. »Ich würde sagen, komm zurück in das echte Leben.«
   »Melanie, versprich mir, dass meine Mutter davon nichts erfährt. Ihr geht es immer schlechter, und diese Nachricht würde sie aus der Bahn werfen.«
   »Selbstverständlich werde ich nichts sagen.« Melanie nahm einen kräftigen Schluck. »Ich werde heute Nacht hierbleiben. Oder möchtest du mit zu mir kommen? Auf jeden Fall lass ich dich nicht allein.« Melanie sah Larissa energisch an, Widerrede zwecklos.
   »Wäre schön, wenn du bleiben könntest.«
   »Morgen sieht alles ganz anders aus.«
   »Wo holst du nur diesen Optimismus her?« Larissa tauchte ins Wasser und hielt nur noch die Hand mit dem Weinglas aus dem Wasser.
   Ihre Freundin. Ihr glänzendes kastanienbraunes Haar, ihre Grübchen, ihre wunderschönen blauen Augen. Ihr kräftiger, athletischer Körper. Larissa war einen Kopf kleiner als Melanie.
   Vom ersten Moment an, als Melanie sie vor sich gesehen hatte, wusste sie, dass Larissa etwas bedrückte. Die Tatsache, dass Melanie da war, einfach neben ihr saß, sodass sich ihre Schultern berührten, beruhigte Larissa.
   Sobald sie in der Küche am Tisch saßen und Melanie Rotwein nachgeschenkt hatte, sprudelte die Geschichte aus ihr heraus.
   Sie erzählte Einzelheiten aus ihrem Berufsleben, über die sie früher nie gesprochen hatte.
   Melanie biss vor Entsetzen in ihre Unterlippe. Das Weinglas blieb unberührt. Sie presste die Finger gegen den Mund und schüttelte den Kopf.
   Larissa erzählte weiter.
   »O mein Gott.« Hastig trank Melanie einen Schluck Wein.

Kapitel 1
Einen Tag zuvor


»Dann beenden wir für heute die Sitzung und sehen uns morgen wieder. Sie können für heute Schluss machen«, schlug Larissa vor.
   Ihre Assistentin Sandra nickte. »Klingt gut. Wollen wir im Baker Street noch einen Kaffee trinken?«
   »Heute nicht, danke«, murmelte Larissa. »Ich habe noch zu arbeiten.« Sie wollte allein sein. Nicht einmal Sandras Gesellschaft, mit der sie seit drei Jahren zusammenarbeitete, war ihr im Augenblick willkommen. Das Verlustgeschäft deprimierte sie, und sie wusste nicht einmal aus welchem Grund.
   Sie war gut in ihrem Job, sogar sehr gut, daran gab es keinen Zweifel. Seit vierzehn Jahren arbeitete sie für dieses Geldinstitut. Es gab nur Lob und Anerkennung. Sie bewahrte in allen Situationen ihre Fassung. Sie war eine gute Bankerin, ihre Karriere bestätigte das. Nur hatte Larissa nicht das Gefühl, etwas zu erreichen. Was bewirkte es schon, mit Zahlen zu jonglieren, die Märkte zu beobachten, zu analysieren und riskante Geschäfte zu tätigen? Sie hatte immer mehr das Gefühl, dass nichts, was sie tat, auf Dauer von Bedeutung war.
   Aber so war das nun einmal in der Finanzbranche. Der Börsenkurs am Morgen war am Abend bereits uninteressant. Es war wie mit dem frischen Brot vom Bäcker – wenn man es nicht jeden Tag frisch holte, vertrocknete es.
   Während ihr dieser Gedanke durch den Sinn ging, schüttelte Larissa den Kopf und knirschte mit den Zähnen. Sie würde ihren Weg finden, ihr Schicksal selbst bestimmen. In der Zwischenzeit sollte sie besser dieser Depression auf den Grund gehen, die sie immer überfiel, wenn sie die Börsennachrichten überflog. Es war der Teil ihrer Arbeit, der ihr am meisten lag – warum war sie auf einmal nicht mehr glücklich damit? Warum hatte sie das Gefühl, dass ihr Leben wie der Dax zum Tode verurteilt worden war und nur noch auf den Absturz wartete?
   Sie konnte so nicht weitermachen. Sie empfand keine Begeisterung mehr für ihre Arbeit, und früher oder später würde sich das unweigerlich bemerkbar machen.
   Larissa beobachtete, wie Sandra in den Aufzug stieg und die Tür sich schloss. Vielleicht sollte sie doch ins Baker Street gehen. Es könnte ihr guttun, in diesem überfüllten kleinen Szenecafé zu sitzen, einen Cappuccino zu trinken und zu versuchen, ihre Gefühle zu ordnen. Ihre Arbeit war erledigt. Sie musste sich zwar noch um die Bearbeitung eines Kursunternehmens kümmern, aber das würde kaum länger als eine Stunde dauern. Es wäre also durchaus möglich, etwas Zeit abzuzwacken.
   Sie nahm ihre Puderdose und betrachtete sich in dem kleinen Spiegel. Für ihre dreiundvierzig Jahre war ihr Aussehen ganz passabel. Die Leute sagten immer, sie würde viel jünger wirken und hätte das perfekte »Image« für die Bank. Eine gesunde, natürliche Sportlichkeit, nahm sie an – dunkelblonde Haare, grau-grüne Augen, kaum Falten. Eine vielversprechende Zukunft lag vor ihr. Und sie hatte sich wie Melanie Weiß, ihre beste Freundin aus Kindestagen, es ausgedrückt hatte, ihren Traum erfüllt. Was war also los mit ihr?
   Melanie hätte sich natürlich über ihre Depressionen lustig gemacht, so sicher, wie ihre Mutter ihr geraten hätte, zu malen. Melanie war eine ausgesprochene Optimistin, die Art von Mensch, die morgens fröhlich aufstand und sich auf die wundervollen Ereignisse des Tages freute. Melanie war Psychologin mit einer blühenden Privatpraxis, und Larissa fragte sich im Stillen, wie sie als Therapeutin effektiv arbeiten konnte, wenn sie ihren Klienten ständig mit ihrer übersprudelnden Fröhlichkeit begegnete.
   Sie hätte ihren Zustand Melanie oder ihrer Mutter nicht erklären können. Sie fühlte sich einfach … na ja, festgefahren. Sicher, sie war erfolgreich, aber alles, ihr Job, ihr Leben, erschien ihr so vorhersehbar. Ihre Gefühle ließen sich vielleicht in einem Satz zusammenfassen. Sie wollte, dass etwas passierte.
   Irgendetwas.
   Aber hier auf dem Willy-Brand-Platz an einem ungewöhnlich kalten Märznachmittag würde es bestimmt nicht passieren. Am besten schüttelte sie die Niedergeschlagenheit ab und widmete sich wieder ihrer Arbeit.

*

Ausnahmsweise war das Baker Street fast leer. Larissa saß an einem kleinen Ecktisch, trank einen Kaffee und machte sich Notizen. Auf der anderen Seite des kleinen Cafés saß ein Mann mit einem Pferdeschwanz und drei goldenen Ohrringen. Er malte eifrig in einem Skizzenblock herum und sah immer wieder zu ihr her.
   Sie saß bereits seit einer Stunde dort. Die erste Seite ihres Notizblocks hatte sie mit ihren Tageserlebnissen gefüllt, eine Gewohnheit, die sie seit dem Teenageralter pflegte, als sie noch vorgehabt hatte, nach New York zu gehen und dort die Bankwelt im Sturm zu erobern. Doch an diesem Nachmittag hatte sie nichts Weltbewegendes notiert. Sie hatte versucht, ihrer Depression auf den Grund zu gehen, Strategien für die Zukunft zu entwerfen und eine Richtung zu finden.
   Larissa war eine Planerin. Früher hatte sie immer einen Weg der Hoffnung auswählen, einen Kurs entwerfen und ihm folgen können, doch heute schien nichts zu funktionieren. Sie schrieb und schrieb, drehte sich im Kreis und gab schließlich ihr Vorhaben auf. Eins war ihr jedoch klar geworden. Sie brauchte eine Veränderung, etwas, das ihr Interesse fesseln und ihrem Leben und ihrer Arbeit einen Sinn geben konnte.
   Aber sie wollte nichts zustande bringen. Sie konnte nicht einfach in das Büro des Aufsichtsratsvorsitzenden marschieren und verkünden, sie brauche bedeutungsvollere Aufgaben. So funktionierte das nicht. Ein Banker, ein guter jedenfalls, schuf sich sein eigenes Drama. Entdeckte die Geldanlagen, die das Herz seines Großkunden berühren würden.
   Larissa sah auf die Rechnung, die die Kellnerin auf den Tisch gelegt hatte. Zwei Euro und siebzig Cent. Nicht einmal hier tat sie etwas Gutes. Sie konnte genauso gut in die Bank zurückkehren, ihre Arbeit machen und dann so schnell wie möglich nach Hause gehen.
   Sie kramte in ihrer Ledertasche, die ihr gleichzeitig als Handtasche und als Aktentasche diente, suchte nach der Geldbörse. Bevor sie Gelegenheit hatte, ihre Rechnung zu bezahlen, klingelte ihr Handy.
   Eine Stunde später verließ sie die Bank für immer. Die Bankenpleite hatte auch vor ihr nicht haltgemacht. Nun hatte sie ihre Veränderung, ihr Drama. Sie war arbeitslos.

*

Larissa saß im Dunkeln auf ihrem Bett und starrte aus dem Fenster auf die bunten Lichter, die unter ihr funkelten. Melanie schlief nebenan.
   Manchmal war es abends schwer, die Sterne von den Lichtern der Stadt zu unterscheiden. Es war, als hätte man den gesamten Mitternachtshimmel als Decke über sich, unter sich und um sich herum.
   Sicherlich hatte ihr Job auch Vorteile gehabt. Zum Beispiel diese Wohnung am Mainhafen. Wenige Minuten von der Bank entfernt. Von hier hatte sie einen Fernblick auf die Stadt. Vier Schlafzimmer, ein Wohnzimmer mit hoher Decke und einer Glasfront mit Aussicht, eine hochmoderne Küche und ein Luxusbad. Der Kredit war zur Hälfte getilgt.
   Larissa lehnte sich seufzend an das Kopfteil ihres Bettes. Sie würde noch eine Weile nicht schlafen können. Vielleicht sollte sie sich noch einen Film ansehen. Wo hatte sie nur die Fernbedienung hingelegt?
   Aus den Augenwinkeln heraus entdeckte sie sie auf dem Nachttisch. Sie drehte sich um.
   Unvermittelt legte sie eine Hand auf ihre Stirn und kämpfte gegen das plötzliche Schwindelgefühl. Larissa knipste die Nachtischlampe an und starrte an die Wand. Gestern Nachmittag hatte sie sich noch ein Drama schaffen wollen. Jetzt hatte sie eins. Sie blickte wieder aus dem Fenster.
   Der Himmel hinter dem Westhafen Tower war schwarz. Das unentwegte Nieseln ging innerhalb von Sekunden in Platzregen über, der in Sturzbächen gegen die Scheiben schlug und eine undurchdringliche Wand bildete, die das Drinnen vom Draußen trennte. Ein Blitz ließ das wasserüberströmte Fenster grünlich aufleuchten wie das Glas eines angestrahlten Aquariums. Sekundenbruchteile später wurde die Luft von einem Donnerschlag zerrissen.
   
   Am Morgen schlüpfte sie in ihren Hausanzug. Melanie hatte ihr einen Zettel auf den Tisch gelegt: »Melde mich später.«
   Larissa bereitete sich in der selten benutzten Küche einen Imbiss zu. Toast, Eier und Käse. Sie aß im Wohnzimmer vor dem Kamin, in dem noch nie ein Feuer gelodert hatte. Mit dem Rest ihres Brotes ging sie auf die Dachterrasse, um es an die Tauben zu verfüttern.
   An der Holzpergola über einem Teil der Terrasse rankten Efeu und Wilder Wein, den Melanie gepflanzt hatte. Larissa ging zu der Balustrade und erinnerte sich, wie sie hier gestanden hatte und die Welt nicht mehr verstand, bis Melanie sie aus der Depression herausgezerrt hatte.
   Melanie Weiß, ihre beste Freundin seit der Schulzeit. Der wichtigste Mensch nach ihrer Mutter. Sie musste sie später noch anrufen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie würde ihrer kranken Mutter nichts von ihren Problemen erzählen. Sie würde es sowieso nicht verstehen, sie verstand es ja selbst nicht einmal.
   Larissa beugte sich vor und schaute nach unten. Der Main floss ruhig, und die Boote schaukelten leicht hin und her. Sie legte den Kopf zurück und betrachtete den Himmel, der sich hinter der Silhouette der Mainmetropole von der aufgehenden Sonne golden färbte. Der Wind kam aus der Innenstadt, brachte die Gerüche und Geräusche des anbrechenden Tages mit sich. Von Zeit zu Zeit war aus der Ferne der Widerhall eines Martinshorns zu hören.
   Larissa ging zurück ins Wohnzimmer. Es war eher ein Saal, ein quadratischer, fast fünfzig Quadratmeter großer, nahezu leerer Raum mit weiß getünchten Wänden, auf dessen Marmorboden die Schritte hallende Geräusche verursachten. Er wirkte kahl wie ein unbenutztes Museum. Sie wollte immer mehr Möbel haben, hauptsächlich antike Stücke, wertvolle Teppiche und Kunst an den Wänden. Aber die Bank ging immer vor. Als sie sich jetzt umsah, hatte sie das Gefühl, alles wäre hier in Auflösung begriffen wie ihr Leben.
   Sie legte sich auf die Couch und starrte auf die leere Stelle an der Wand über dem Kaminsims, wo sie sich immer vorstellte, dort einen Dalí zu platzieren. Jetzt hatte sie genügend Zeit, um sich in Kunstgalerien etwas Passendes anzuschaffen. Oder sie begann wieder zu malen.

Kapitel 2


Anne hatte sich seit Jahren auf diesen Augenblick vorbereitet, der sich, so sehr sie es sich auch wünschte, nicht vermeiden ließ. Sie musste ihrer Tochter die Wahrheit sagen.
   Es ging einzig und allein um Larissa. Um Larissa, der all ihr Mitleid galt. Ihre schöne, brillante Tochter, die ihr nie etwas anderes als eine Freude gewesen war. Auch wenn sie nicht ihre leibliche Mutter war.
   Ihr ganzer Stolz.
   Der Schmerz der Krankheit durchfloss sie wie ein giftiger Bach, aber sie biss die Zähne zusammen, denn sie wusste, gleich empfände sie noch einen viel größeren Schmerz, verursacht durch das, was vor all den Jahren geschehen war. Von ganzem Herzen wünschte sie, sie fände einen Weg, auf dem sich das bevorstehende Leid lindern ließ.
   Sie beobachtete Larissa, die mit schnellen, geschmeidigen Bewegungen, hinter denen sich eine mühsam gezügelte Energie verbarg, aus der Küche kam. Vielleicht hatte sich ihre leibliche Mutter genauso bewegt. Vielleicht hatte sie die Augen ihres Vaters geerbt. Das strahlende Gemisch aus Grau und Grün, klar, als spiegelte sich der Himmel im Atlantik. Das schimmernde dunkelblonde Haar war vielleicht auch von ihm. Die Form ihres Gesichts, die helle Haut und die vollen Lippen hatte sie allerdings von ihrer Mutter, was Anne von dem einzigen Foto in Erinnerung geblieben war.
   Aber es war Roman gewesen, ihr verstorbener Ehemann – Gott hab ihn selig –, von dem sie Entschlossenheit, Ehrgeiz und Selbstvertrauen gelernt hatte.
   Sie lächelte, als Larissa ihr mit einem feuchten Tuch über die verschwitzte Stirn fuhr. »Ich habe dir gar nicht oft genug gesagt, wie stolz du mich machst, Larissa.«
   »Natürlich hast du das.«
   »Nein, ich habe dich stets spüren lassen, wie enttäuscht ich war, weil du dich nicht für die Malerei entschieden hast. Das war egoistisch von mir. Dabei weiß ich besser als die meisten Menschen, dass eine Frau ihren eigenen Weg finden muss.«

*

»Du hast nie versucht, mir auszureden, nach New York, Hongkong oder in die Finanzbranche zu gehen. Außerdem male ich noch hin und wieder«, fügte Larissa mit einem ermutigenden Lächeln hinzu. »Im Augenblick bin ich mit einem kleinen Aquarell beschäftigt, das dir bestimmt gefallen wird.« Sie sah ihre Mutter an. Sie tat ihr so leid, und gleichzeitig bewunderte sie sie dafür, wie tapfer sie ihre Krankheit ertrug. Nie kam eine Klage über ihre Lippen. Aber man sah ihr an, wie sehr sie litt, und das machte Larissa traurig.
   Ihre Eltern hatten viel für sie getan, hatten ihr grenzenlose Liebe geschenkt, und nun saß sie da und konnte nur einen geringen Teil zurückgeben. Sie konnte bei ihrer Mutter sein und von ihrem angefangenen Aquarell erzählen. Tränen stiegen Larissa bei dem Gedanken in die Augen. Sie fühlte sich hilflos und ärgerte sich über sich selbst. Weshalb nur hatte sie ihre Skizzen nicht mitgebracht? Verdammt, warum hatte sie nicht daran gedacht? Dann hätte sie bei ihrer Mutter sitzen und ihr die Freude bereiten können. »Lass uns Musik hören«, schlug sie vor.
   »Das dort ist eines meiner Lieblingslieder.« Ihre Mutter wies auf das Plattenalbum im Regal an der gegenüberliegenden Wand. »Der dritte Song auf der ersten Seite.«
   »Auf den habt Vater und du immer gern getanzt«, sagte Larissa und lächelte. Sie legte das Tuch beiseite. »Und jedes Mal, wenn ich ihn gefragt habe, warum er so gern tanzt, hat er behauptet, die Bewegung täte ihm gut, ist raufgegangen und hat sich schlafen gelegt.«
   »Er hat mich immer zum Lachen gebracht. Ich vermisse ihn.« Ihre Mutter strich ihr über den Handrücken. »Und ich weiß, dass du ihn ebenfalls vermisst.«
   Larissa wollte sich umdrehen, um die Musik aufzulegen.
   »Bitte bleib hier und hör mich an. Versuch bitte, bitte, mich zu verstehen.«
   Eine neue Angst kroch ihr den Rücken hinunter. Was konnte schlimmer sein als der Tod? Und weshalb fürchtete sie sich vor dem, was ihrer Mutter offenbar so wichtig war?
   Sie nahm behutsam die Hand ihrer Mutter. »Du weißt, dass du dich nicht aufregen darfst.«
   »Und dass ich mir schöne Gedanken machen soll«, fügte sie, die Spur eines Lächelns auf den Lippen, hinzu.
   »Es kann funktionieren, dass der Geist über die Materie siegt. So vieles, was ich darüber gelesen habe.«
   »Ich weiß.« Die Spur des Lächelns hatte sich gelegt. »Als ich dreißig wurde, war deinem Vater und mir klar, dass wir keine Kinder haben werden.« Sie drehte den Kopf, um Larissa anzusehen. »Wir haben alles versucht. Und dann geschah ein Wunder. Du bist gekommen.«
   »Ich weiß.« Larissa unterbrach sich. »Tut mir leid. Sprich nur weiter.«
   »Du warst schon immer eine gute Zuhörerin. Das hast du von deinem Vater gelernt.« Sie machte eine Pause. »Wir haben damals eine Reise gemacht. Als es losging, war ich aufgeregt wie ein kleines Mädchen bei seinem ersten Treffen mit einem Jungen. Wir haben uns einen Wohnwagen gekauft und sind einfach der Landkarte gefolgt, Richtung Frankreich. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich richtig glücklich. Es fällt mir leicht, mich an alles zu erinnern«, stellte ihre Mutter fest. »Obwohl ich jede Erinnerung an diese Reise jahrelang unterdrückt habe, taucht alles so klar und rein wie Wasser vor meinem geistigen Auge auf. Dein Vater wollte unbedingt in die Bretagne. ‚Ich will hinfahren, genießen, empfinden. Vor allem die Natur. Bevor sie verschwunden ist und der Planet wieder zu Stein wird.‘
   Das Staunen beim Anblick der sanften Hügelketten, durch die man in Richtung der überwältigenden Klippen an der Côte de Granit Rose fuhr. Diese wunderschöne rosa Granitküste. Auf einer Felseninsel vor dem Strand von Poumanac’h steht das Château de Costaérès. Dort soll Henryk Sienkiewicz’ Roman Quo vadis entstanden sein. Und ein ehemaliger Zöllnerpfad führte zwischen rosafarbenen Felsblöcken hindurch, aus denen Wind, Regen und Wellen bizarre Skulpturen geschaffen haben, die die Fantasie der Betrachter anregen. Sie tragen Namen wie Schildkröte, Hundekopf oder auch Napoleons Hut. Der Kopf eines Pavians thronte oben auf den Felsen am Atlantik, und eine Schildkröte balancierte auf einem anderen Felsen.«
   Larissa musste lächeln, wie ihre Mutter das alles beschrieb.
   »Und dann«, fügte sie hinzu, »das unerwartete und niemals wieder empfundene Gefühl, nach Hause gekommen zu sein. Wir wollten so viel wie möglich sehen, und als wir ankamen, fanden wir einen kleinen reizenden Campingplatz mit Blick auf das Meer. Wir beschlossen, dass dies der perfekte Ausgangspunkt für eine Reihe von Tagesausflügen war. Wir fuhren nach St. Malo, nach Vannes, zum Strand der Côte Sauvage, und immer wieder tauchte abseits der Straßen unvermutet irgendein Kalvarienberg, eine Kapelle, ein malerisches Gehöft oder sonst etwas Interessantes auf.« Sie sah Larissa mit leuchtenden Augen an. »Oh, ich wünschte, du würdest dorthin reisen, würdest die Magie dieses Landes spüren, das Grün der Felder sehen, im weichen Regen stehen und im tosenden Sturm, der über den Atlantik braust. Und das Licht … alles ist wie in mit Gold bestäubtes Perlmutt getaucht.«
   Ihre Mutter musste eine überraschende Liebe und eine verwirrende Sehnsucht nach diesem Land empfinden. Erstaunlich, wie bildlich und schön sie diesen Teil von Frankreich beschrieb, sodass Larissa das Gefühl hatte, dabei gewesen zu sein. »Und trotzdem wart ihr nie wieder dort.«
   »Nein.« Ihre Mutter stieß einen Seufzer aus. »Hast du dich je gefragt, Liebling, wie es kommt, dass ein Mensch alles sorgfältig planen kann, dass er genau weiß, wie sein Leben am nächsten und am übernächsten Tag verlaufen soll – bis dann irgendetwas passiert, das auf den ersten Blick ohne große Bedeutung ist, wodurch aber alles verändert wird, sodass nichts bleibt, wie es vorher war?«
   Da dies weniger eine Frage als eine Feststellung war, wartete Larissa ab, dass ihre Mutter erzählte, welche Kleinigkeit ihr Leben so verändert hatte.
   Wieder gewann der heimtückische Schmerz die Oberhand, sodass ihre Mutter für einen Moment die Augen schloss. Larissa spürte es am Druck ihrer Finger, mit denen sie Larissas Hand fester umschloss.
   »Eines Morgens, wir waren inzwischen eine Woche in der Bretagne, fühlte sich Roman nicht wohl. Er beschloss, im Bett zu bleiben, ein bisschen zu lesen und es sich gemütlich zu machen, während ich das Gefühl hatte, dass es noch so viele Orte zu sehen gab, sodass ich das Fahrrad nahm und ziellos durch die Gegend fuhr, bis ich vor der Einfahrt eines alten Mühlenhauses landete. Als ich vom Rad stieg, hörte ich das Zwitschern der Vögel und das Rascheln des Grases im Wind. Die Luft war vom Geruch der Erde und des Regens erfüllt, und ich genoss die berauschende Gewalt der Natur.
   Dann sah ich einen Mann, der an einem kleinen See stand und einer Schafherde zusah, wie sie geschäftig Gras fraß. Er war allein, stand da mit hochgezogenen Schultern, eine tropfnasse Mütze ins Gesicht gezogen, drehte sich um und lächelte mich an. Es war, als hätte er nur auf mich gewartet.«
   Mit einem Mal wäre Larissa am liebsten aufgestanden und hätte ihrer Mutter gesagt, dass es Zeit für ein kurzes Schläfchen sei, damit sie nicht mehr zuhören musste. Ihre Linke hatte sie zur Faust geballt, und sie spürte, wie sich ihr furchtsam der Magen zusammenzog.
   »Er war nicht jung«, fuhr ihre Mutter leise fort. »Aber er sah sehr sympathisch aus, und seine Augen schauten irgendwie traurig und verloren drein. Er lächelte und sagte ‚Guten Morgen‘, und was für ein schöner Tag es doch sei, während uns Nieselregen und der Wind ins Gesicht schlugen. Ich lachte, denn irgendwie war es tatsächlich ein schöner Tag. Obgleich der melodiöse bretonische Tonfall inzwischen nichts Neues mehr für mich war, war ich von seiner Stimme wie gebannt. Also standen wir da und unterhielten uns über meine Reise, über Deutschland. Er sagte, er wäre Landwirt und Müller. Ein schlechter Landwirt, und das täte ihm leid, denn er hätte zwei Töchter, die es zu versorgen galt. Aber als er von den Mädchen sprach, verlor sein Gesicht alle Traurigkeit. Seine Denise und Isabelle nannte er sie. Seine Frau erwähnte er nicht. Dann kam die Sonne hervor.« Ihre Mutter stieß einen Seufzer aus. »Langsam und wunderbar, als strömte sie in kleinen goldenen Bächen zwischen den Wolken hindurch. Wir spazierten über das Gelände und unterhielten uns, als hätten wir uns bereits ein Leben lang gekannt. Er fragte mich, ob ich Kinder hätte.« Sie streckte zögernd ihre Linke nach Larissa aus. Die Rechte lag nach wie vor in Larissas Hand. Sie fühlte sich kalt und verschwitzt an. »Es hat mich beschämt. Doch ich sagte ihm, dass ich keine Kinder bekam, obwohl mein Mann und ich es uns so sehr wünschten.
   Ich war fasziniert von dem riesigen Gelände mit einem alten, großen Granithaus, einer Mühle, die von zwei Weihern betrieben wurde. Er erzählte mir, dass dieses Anwesen seit vielen Generationen in Familienbesitz sei. Er warte sehnsüchtig auf einen Nachfolger. Seine Tochter Denise sei zu jung zum Heiraten, und seine älteste Tochter sei für einige Zeit in Rennes und habe noch keinen geeigneten Ehemann gefunden.«
   Larissa drückte die Hand ihrer Mutter fester und versuchte, ihre Verwirrung nicht zu zeigen.
   »Dann fragte er mich ganz ohne Scheu«, fuhr sie fort, »ob wir schon einmal über eine Adoption nachgedacht hätten. Ich sah ihn an und verstand sofort: Seine Tochter Isabelle war ungewollt schwanger. Darum war sie in Rennes.« Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und zog an ihrem Strohhalm, als Larissa ihr wortlos das Glas hinhielt. »Ich wusste, was ich tat, Larissa. Eigentlich wurden wir mehr auf seine als auf unsere Initiative hin Eltern. Es ging alles sehr schnell. Du warst bereits seit zwei Tagen auf der Welt, und das mit der Adoption verlief unkompliziert.«
   Larissa schüttelte den Kopf. »Ihr habt was?« Wieder schüttelte sie den Kopf und versuchte, ihrer Mutter ihre Hand zu entziehen. »Nein«, weigerte sie sich, der grausamen Realität ins Auge zu sehen.
   »Ich war überglücklich von dem Moment an, als ich es erfuhr. Ich hätte nie gedacht, dass ich je ein Kind haben würde. Oh, ich wollte dich, liebte dich vom ersten Augenblick an, dankte Gott dafür. Die einzige Trauer, die ich empfand, war, dass wir versprechen mussten, niemals mit der Familie Kontakt aufzunehmen. Und auch deiner Mutter hat man nie erzählt, woher wir kamen, weder Adresse noch sonst einen Hinweis. Ich habe sie nie gesehen, nur auf dem Foto, das mir ihr Vater gezeigt hatte.« Sie unterbrach sich. »Dann kam eines Tages ein Brief. Ein Pfarrer, der damals in der Gemeinde war, schrieb mir, dass Isabelle nie aufgehört habe, nach dir zu suchen, und sie habe ihn am Sterbebett gebeten, dich zu finden. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Also schrieb ich ihm, wobei ich ihn in diesem Brief zum ersten und einzigen Mal belog, indem ich behauptete, ich hätte keine Ahnung, wo du jetzt leben würdest.«
   »Du bist müde.« Larissa ertrug das Geständnis ihrer Mutter nicht. Ihre Welt wurde auf den Kopf gestellt, und sie musste darum kämpfen, dass dies nicht geschah. Sie war adoptiert, und niemand hatte es ihr gesagt. Sie stand unter Schock. Wie in Trance sprach sie weiter. »Das Sprechen strengt dich zu sehr an. Es ist Zeit für deine Medizin.«
   »Isabelle hätte dich geliebt«, sagte ihre Mutter in leidenschaftlichem Ton. »Wenn sie die Chance bekommen hätte. Und in meinem Herzen weiß ich, sie hat dich geliebt, auch wenn sie dich niemals gesehen hat.«
   »Hör auf.« Larissa stand auf, entzog ihrer Mutter ihre Hand und trat vehement einen Schritt zurück. »Ich will das nicht hören. Ich muss das nicht hören.«
   »Oh doch. Es tut mir leid, dass es schmerzlich für dich ist, aber du musst wissen, wie es war«, sprach sie eilig weiter. »Du musst verstehen, dass wir dir nichts sagen konnten. Du hättest wissen wollen, wer sie ist. Und ich hatte Angst, dich zu verlieren. Doch eher wäre ich gestorben, als das zu tun. Du warst mein Kind, und du warst unser Kind.«
   Larissa hatte das Gefühl, als hätte ihr jemand den Kopf unter Wasser getaucht, als bekäme sie keine Luft. Nur allzu deutlich sah sie ihre Mutter vor sich, wie sie und ihr Vater alles getan hatten, um das Geheimnis zu wahren. »Wer ist mein Vater?«
   »Wir haben es nie erfahren.«
   Larissa wandte sich ab, um nach dem Medikamentenplan zu sehen. Abgesehen vom Wind, der an den Fensterläden rüttelte, herrschte Stille im Raum. Mit tränennassen Augen starrte sie auf die Tablettenpackungen. »Wie konntet ihr das so lange vor mir geheim halten? Vor allem vor euren Familien?«
   »Dein Vater war durch seine Arbeit auf der ganzen Welt unterwegs. Ich habe ihn begleitet. Dadurch hatten wir über ein Jahr keinen Kontakt zu unseren Eltern und auch nicht zu unseren Geschwistern. Als mein Vater starb und wir alle zusammenkamen, wunderte sich niemand, dass wir Nachwuchs hatten. Alle freuten sich mit uns und alle beneideten uns um unsere erfolgreiche Tochter, die uns immer so viel Freude machte.«
   Es klang romantisch und schön. Larissa atmete zitternd ein. Doch das war es nicht. Es war grauenhaft. »Ich nehme an, niemand wusste, dass du keine Kinder bekommen kannst.«
   Ihre Mutter fuhr wie unter einem Peitschenhieb zusammen. »Nein. Du warst da, und ob wir ein zweites Kind wollten, hat nie jemand gefragt.«
   »Du hast zugelassen, dass mein Leben aus einem Geflecht aus Lügen besteht?« Larissas Stimme klang kalt wie der Schauder, der ihr über den Rücken zog. »Obwohl du ahntest, dass es eine Frau gibt, die ihr Kind vermisste.« Und zwar mich. Sie war am Boden zerstört.
   »Ich habe es verdrängt«, sagte ihre Mutter vorsichtig, wandte sich ihr zu und weinte stumm. »Irgendwann habe ich mir untersagt, darüber nachzudenken.«
   »Und das ist dir einfach so gelungen?«
   »Vielleicht hätte ich Kontakt aufnehmen sollen.« Sie stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. »Ich war zu feige. So einfach war das.«
   Ihre Mutter weinte herzbewegend, doch Larissa wollte sich nicht von ihrer Wut abbringen lassen. Ihre Welt war nicht länger nur auf den Kopf gestellt. Anne hatte sie zerstört. »Wie kann es, bitte, so einfach gewesen sein?«
   »Es hat mich beschämt, als ich erkannte, dass ich es nicht ertragen könnte, dich mit einer anderen Frau zu teilen. Also war nun mal die einfachste Lösung, alles zu vergessen, was auch deinem Vater gelang. Wir liebten dich wie unser leibliches Kind, und das war das Wichtigste auf der Welt.« Die Spur eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. »Die Unterlagen sind in einem Umschlag. Er liegt in einer Schachtel im Schreibtisch deines Vaters.«
   »In Roman Awens Schreibtisch«, sagte Larissa in reglosem Ton. »Er war dein Ehemann, aber mein Vater war er nicht.«
   »O doch, das war er.« Zum ersten Mal enthielt die Stimme ihrer Mutter eine Spur von Zorn. »Behaupte nie wieder etwas anderes.«
   »Du hast mir doch selbst gerade etwas anderes erzählt, oder etwa nicht?«, erwiderte Larissa bitter.
   »Er hat dich bereits geliebt, noch ehe er dich auf seinem Arm hielt. Am Tag, als wir dich bekamen und ich ihn sah, wie er dich in seinen feingliederigen, unbeholfenen Händen hielt und dich voller Bewunderung und voller Stolz betrachtete, als ich die Liebe in seinen Augen sah, mit der er dich so vorsichtig, als wärst du aus Glas, hin und her zu wiegen begann, wusste ich, dass unsere Entscheidung richtig war. Und von dem Tag an bis heute habe ich ihn so geliebt, wie eine Frau einen Mann überhaupt nur lieben kann. Und er war dein Vater, so wie dein Erzeuger es hätte sein sollen, aber es nicht sein konnte, oder nichts davon wusste. Falls es für uns je irgendetwas zu bedauern gab, dann, dass wir nicht mehr Kinder haben konnten, um mit ihnen ebenso glücklich zu sein wie mit dir.«
   »Und das soll ich einfach so akzeptieren?« Sich an ihren Zorn zu klammern war weniger schmerzlich, als der Trauer nachzugeben, die sie ob der Lüge empfand, auf die ihr Leben gegründet war. Larissa starrte die Frau im Bett an, die nun eine Fremde für sie war, ebenso wie sie sich selbst als Fremde sah. »Ich soll weitermachen, als wäre nichts passiert?«
   »Ich möchte, dass du dir Zeit lässt, damit du es später einmal akzeptieren und vielleicht sogar verstehen kannst. Und ich möchte, dass du weißt, dass wir dich geliebt haben.«
   Larissa sah ihre Welt als einen großen Scherbenhaufen vor sich, und all ihre Erinnerungen, alles, woran sie geglaubt hatte, schien nichts weiter als spitze Splitter zu sein, an denen sie sich schmerzlich stach. »Akzeptieren? All die Lügen, die du mir mein Leben lang erzählt hast, all die Täuschung, all den Betrug?«
   »Du hast ein Recht darauf, wütend zu sein.«
   »Wütend? Denkst du, das, was ich empfinde, ist etwas so Farbloses wie Wut? Gott, wie konntest du das nur tun?« Entsetzt und verbittert wirbelte Larissa auf dem Absatz herum. »Wie konntet ihr mir das all die Jahre verschweigen, mich all die Jahrzehnte denken lassen, ich wäre jemand, der ich nicht bin?«
   »Du bist doch dieselbe, die du immer gewesen bist«, sagte ihre Mutter verzweifelt. »Roman und ich haben getan, was unserer Meinung nach das Beste für dich war. Wir waren uns nie sicher, wie wir es dir sagen sollten, oder wann.«
   »Ihr habt darüber gesprochen?« Von ihren Gefühlen überwältigt, fuhr Larissa wieder zu der gebrechlichen Frau auf dem Bett herum. Sie verspürte das grässliche, schockierende Bedürfnis, den zusammengesunkenen Körper zu packen und zu schütteln. »Ist heute der Tag, an dem wir Larissa erzählen, dass sie adoptiert wurde? Oder passt es morgen vielleicht besser?«
   »Du warst ein Geschenk. Du warst ein Wunder. Verdammt, Larissa!« Ihre Mutter rang nach Luft.
   Larissa legte ihr eine Hand unter den Kopf, schob ihr eine Pille zwischen die Lippen. »Trink ein bisschen Wasser«, sagte sie besänftigend. »Noch etwas. Ja, so ist’s gut. Jetzt leg dich hin und mach die Augen zu.«
   »Larissa.«
   Sie schob ihre Hand unter die tastenden Finger ihrer Mutter. »Ich bin bei dir. In einer Minute wird es dir besser gehen. Die Schmerzen werden sich legen, und dann schläfst du sicher ein.«
   »Hasse mich nicht«, murmelte sie, während ihre Augen zufielen. »Bitte hasse mich nicht.«
   In ihre Trauer gehüllt, saß Larissa noch lange da. Ihre Mutter wachte nicht noch einmal auf.

*

Die Beisetzung fand eine Woche später statt, am ersten Freitag im April. Das heftige Gewitter vom Tag vorher lastete immer noch schwer über der Stadt.
   Die Kapelle und später das Gräberfeld auf dem Frankfurter Hauptfriedhof waren schwarz von Menschen.
   Die Verwandten und Freunde ihrer Mutter gaben sich betont traurig, vermieden es sorgsam, über verbale Tretminen wie Liebe, Beziehungen, Hochzeiten oder Taufen zu sprechen. Und auch nicht über Larissa. Niemand fragte »Was hast du jetzt vor?« oder »Hast du irgendwelche Pläne?«
   Dabei war sie gewissermaßen bereit, solche Fragen zu beantworten.
   Ihre Tante kam dann und wann an Larissas Sessel vorbei und drückte ihren Arm. »Du bist so tapfer.«
   Was blieb ihr auch anderes übrig? Larissa litt mehr unter dem Gefühl der Entwurzelung als darunter, verlassen worden zu sein.
   Gegen Abend hatte sie genug vom Familientag und sehnte sich nach der stillen Einsamkeit ihres Penthouses. Sie wollte schlafen, und wenn sie aufwachte, wollte sie alles, was mit diesem Tag zusammenhing, hinter sich gelassen haben. Ihre Verwandtschaft hatte gute Arbeit geleistet, sie abgelenkt und auf andere Gedanken gebracht. Dafür war sie ihr dankbar.
   Sie verließ das Lokal, in dem man sich versammelt hatte, und fuhr mit heruntergelassenem Fenster nach Hause. Die warme, samtweiche Abendluft tat ihr gut.
   Ihr Handy summte. Eine SMS von Jens, ihrem Ex. Sie waren bereits seit drei Jahren getrennt, aber wie es schien, hatte er immer noch ein Gespür dafür, wenn es ihr nicht gut ging.
   Ich bin in Gedanken bei dir.
   Wenn alles so gekommen wäre, wie es geplant gewesen war, würde sie jetzt Ehefrau und Mutter sein. Er würde neben ihr sitzen und sie trösten.
   Der Gedanke machte Larissas Herz noch schwerer.
   Ihre Mutter war gestorben, hatte sie verlassen. Sie wollte sich damit auseinandersetzen, schaffte es aber nicht. Ihre Gedanken waren ein einziges Durcheinander.
   Ihre Mutter hatte diese Welt für immer verlassen, und dabei Larissas altes Leben mitgenommen.

Kapitel 3


Am nächsten Morgen war es kühl und klar. Larissa joggte ein paar Runden um den Hafen, lief hinunter zum Main und versuchte, mit Stretchübungen die negative Energie der Nacht aus ihrem Körper herauszubekommen. Ihr morgendliches Trainingsprogramm, das sie immer genoss, brachte ihr heute nicht den geringsten Erfolg. Sie war nicht in Form. Ihre Muskeln waren verspannt, ihr Kopf ein Chaos. Sie hatte, gequält von Albträumen, kaum geschlafen. Sie fühlte sich angeschlagen und kraftlos. Was in Zukunft auf sie wartete, würde erneut an ihrer Substanz zehren.
   Sie beschloss, sich auf Spurensuche zu begeben. Sie musste irgendwo anfangen.
   Gegen halb elf betrat sie die Altbauwohnung ihrer Eltern. Larissa hatte das Gefühl, als würde alle Kraft aus ihrem Körper strömen. Sie stand hinter Romans Schreibtischsessel, die Hände eiskalt.
   Sie war immer stolz gewesen, einen Vater zu haben, der Geige in einem Orchester spielte. Wie er nach seiner Pensionierung jeden Morgen an diesem Schreibtisch gesessen hatte. Die Post sortierte, beantwortete und seine vier verschiedenen Tageszeitungen las. Larissa bedauerte besonders heftig, dass sie ihn nicht oft besucht hatte, seit er zu Hause gewesen war. Hätte er ihr davon erzählt? Wollte er es ihr erzählen, nur der Tod kam ihm zuvor? Immer noch flößte ihr das Wissen, dass Roman und Anne Awen nicht ihre leiblichen Eltern waren, Schmerz ein. Eine winzige Träne zitterte in ihrem Augenwinkel. Larissa wischte sie weg. Sie fühlte ihr Herz dumpf und schwer gegen die Rippen schlagen, als sie sich hinsetzte und die mittlere Schublade aufzog.
   Gerade als sie die Schublade wieder schließen wollte, sah sie, dass eine dünne Holzplatte den eigentlichen Schubladenboden bedeckte. Larissa räumte alles aus, nahm den Brieföffner und setzte die Metallspitze am vorderen Rand an. Sie hob die Platte nach oben, und dort lag eine dünne Ledermappe.
   Ihr Blick glitt über das obenauf liegende Papier. Datiert vor einem halben Jahr von einer Privatdetektei aus Montreux. Larissas Mund wurde trocken, und ihre Hand zitterte.

Sehr geehrte Familie Awen,

wir wollten Ihnen mitteilen, dass Isabelle Dubois, geb. Crenn, in einem Hospiz in Morlaix ihrem letzten Lebensabschnitt entgegengeht. Auf Wunsch unserer Mandantin wurde ein ehemaliger Pfarrer Michael Beauvais beauftragt, durch uns Sie ausfindig zu machen. Auch wenn es gegen die Regeln des Adoptionsgesetzes verstoßen sollte, vorausgesetzt, Frau Larissa Awen weiß seit ihrem achtzehnten Lebensjahr von der Adoption. Madame Isabelle Dubois hat den Wunsch geäußert, ihre Tochter Loana noch einmal wiedersehen zu dürfen.

Sollten wir von Ihnen in den nächsten vierzehn Tagen keine Rückmeldung erhalten, wäre die Angelegenheit für uns erledigt.

Hochachtungsvoll Pierre Schumacher

Larissa las ungläubig den Brief nochmals. Dahinter war ein erneuter Brief mit dem gleichen Briefkopf, datiert drei Wochen später.

Sehr geehrte Familie Awen,

leider haben Sie auf unser Schreiben keine Reaktion gezeigt. Es tut uns leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Madame Isabelle Dubois vergangenen Sonntag nach schwerer Krankheit verstorben ist.

Hochachtungsvoll Pierre Schumacher

Sie starrte einige Zeit in den Raum. Sie hatten nichts unternommen. Anne hatte es einfach ignoriert.
   Stillschweigen.
   Sie griff zum Telefonhörer, rief die Nummer in Montreux an, gab einer freundlichen Frauenstimme in einwandfreiem Französisch die Daten durch und bat um ein persönliches Gespräch mit Herrn Schumacher.
   Sie wurde mit einer tiefen, baritonartigen Stimme verbunden.
   Als sie nach fünf Minuten auflegte, stützte sie den Kopf in die Hände. Sie hatte alles verstanden, was dieser Mann ihr erzählt hatte, nur begreifen konnte sie es nicht. Man hatte ihr ein Anwesen in der Bretagne hinterlassen, das von einem Michael Beauvais treuhändig verwaltet wurde. Sie könne sich zu jeder Zeit dieses Mühlengrundstück ansehen sowie dort wohnen oder es verkaufen.
   Was sollte das bedeuten? Wer war ihre Mutter Isabelle gewesen, wie hatte sie gelebt? Und warum vermachte man ihr dieses Haus?
   Larissa atmete tief durch. Das war fast unheimlich. Die Dinge in ihrem Leben nahmen einen beunruhigenden Verlauf.
   Sie musste dorthin. Sie hatte keine Adresse von diesem Pfarrer. Der Privatdetektiv hatte ihr erklärt, dass alles per Chiffre abgelaufen und er Herrn Beauvais niemals persönlich begegnet sei.
   Larissa würde versuchen, durch Nachforschungen bei diesem Michael Beauvais die Vergangenheit zu rekonstruieren, vielleicht sogar zu verstehen, warum ihre leibliche Mutter ihr einziges Kind weggegeben und warum sie nie versucht hatte, mit ihr Kontakt aufzunehmen.
   Larissas beschauliche Existenz gab es nicht mehr. An diesem grauen Tag, während sie am Schreibtisch ihres Vaters saß und die Schriftstücke anstarrte, die vor ihr lagen, fühlte sie eine schleichende Veränderung in der Welt um sich herum, als würden unbekannte Hände in ihrem Schicksal herumpfuschen.
   Sie ging nach Hause in ihre leere Wohnung und starrte die Wände an. Und ihre eigene Vergangenheit. Die Erinnerung kam wie eine gewaltige Lawine über sie. Schnell, unaufhaltsam, unausweichlich.
*

Es war ihr gemeinsamer Tisch. In der Ecke links, wenn man reinkam, vorbei an der im mediterraneren Stil gehaltenen Bistrobar und den getönten Spiegeln. Die L-förmige Sitzbank war mit bunten Stoffen bezogen. Larissa setzte sich und beobachtete die geschäftig hin und her eilenden Kellner in ihren langen weißen Schürzen. Einer brachte ihr einen Pastis. Es herrschte Betrieb. Jens hatte sie damals zu ihrem ersten Rendezvous hierhin ausgeführt.
   Es hatte sich seitdem nicht verändert. Dieselbe niedrige Decke, ockerfarbene Wände, matte Lampenkugeln, gestärkte Tischtücher. Die gleichen herzhaften Gerichte aus dem Picardi und der Provence, Jens’ Lieblingsküche. Als Larissa ihn kennenlernte, wohnte er in der nahe gelegenen Städlerstraße in einer idyllischen Mansardenwohnung, die für Larissa im Sommer unerträglich war. Sie, die in einer Altbauwohnung mit dicken Wänden groß geworden war, hatte sich gewundert, wie er das aushielt. Zu der Zeit wohnte Larissa noch in der Schweizerstraße bei ihren Eltern. Und ihr dunkles, riesiges Zimmer dort kam ihr während der schwülen Sommermonate wie ein Himmelreich vor.
   Ihr alter Tisch, hier hatte ihr Jens den Vorschlag gemacht, dass sie zusammenziehen sollten. Hier hatte sie ihm erzählt, dass sie die Wohnung am Mainhafen gekauft hatte.
   Nathalie.
   Nicht heute Abend. Nicht jetzt. Nathalie war vorbei.
   War sie es wirklich? Larissa musste zugeben, dass sie nicht sicher war. Aber im Moment wollte sie es nicht wissen, wollte es nicht herausfinden. Ein Baby war unterwegs. Ihr gemeinsames Kind. Damit konnte Nathalie nicht konkurrieren.
   Larissa lächelte bitter. Schloss die Augen. War das nicht eine oft weibliche Haltung? Die Augen verschließen vor den Seitensprüngen des Ehemanns oder Lebensgefährten. War sie dazu fähig?
   Sie hatte einen gewaltigen Streit vom Zaun gebrochen, als sie vor fünf Jahren zum ersten Mal entdeckte, dass er ihr untreu war. Sie hatten genau hier gesessen. Und sie hatte beschlossen, ihn hier und jetzt damit zu konfrontieren. Jens hatte nichts abgestritten. Er war ganz ruhig geblieben, gelassen, hatte ihr mit unter dem Kinn verschränkten Fingern zugehört. Kreditkartenbelege. Hotel Meerblick auf Sylt, Hotel in Venedig. Ein Beleg nach dem anderen.
   Er war nicht besonders vorsichtig gewesen. Weder mit den Belegen noch mit dem Parfümgeruch an ihm, an seinen Kleidern, seinem Haar. Chanel Nr. 5. Der schwerste, wuchtige, aufdringliche, unverkennbare Duft von Chanel. Es war nicht schwierig gewesen, herauszufinden, wer sie war. Tatsächlich kannte Larissa sie. Sie arbeitete in der Wertpapierabteilung.
   Geschieden. Zwei Kinder im Vorschulalter. Mitte dreißig, goldblond. Der Inbegriff der deutschen Vollkommenheit. Perfekter und absolut neuer modischer Look. Schlank, durchtrainiert. Die Handtasche farblich abgestimmt zu den Schuhen. Ein ausgezeichneter Job. Eine großzügige Wohnung mit Blick über den Taunus. Ein erlauchter, alter Adelsname, der nach historischer Geschichte klang. Ein Siegelring an der linken Hand.
   Nathalie.
   Jens hatte nie aufgehört, sie zu sehen. Er hatte nie aufgehört, mit ihr ins Bett zu steigen, trotz Beziehung und der Jahre, die vergingen. »Wir sind jetzt Freunde«, hatte er versprochen. »Einfach nur gute Freunde.«
   Nach dem Essen hatte sich Larissa im Wagen in eine Löwin mit entblößten Reißzähnen und ausgefahrenen Krallen verwandelt. Er war vermutlich geschmeichelt, hatte versprochen, sogar geschworen. Es gebe nur sie, ausschließlich sie, Larissa. Die andere sei nicht wichtig, nur eine flüchtige Laune, etwas Vorübergehendes. Und für eine gewisse Weile hatte Larissa ihm geglaubt.
   »Du bist naiv, wenn du ihm glaubst«, sagte ihre Mutter.
   »Frag ihn doch ganz direkt«, meinte Melanie.
   Keine Nathalie an diesem Abend, das war ihr fester Entschluss. Nur Jens und sie und die wunderbare Neuigkeit. Sie hielt sich an ihrem Glas mit Weinschorle fest. Sogar der Kellner lächelte sie an. Sie fühlte sich gut. Sie fühlte sich stark. Zur Hölle mit Nathalie. Jens war ihr Mann, ihr Lebensgefährte. Sie würde sein Kind bekommen.
   Das Restaurant war bis auf den letzten Platz voll. Larissa warf einen Blick über die besetzten Tische. Ein älteres Ehepaar aß Seite an Seite, beide beugten sich konzentriert über ihr Essen, redeten kein Wort. Eine kleine Gruppe junger Frauen, die sich vor lauter Kichern nicht einkriegten, und eine Dame, die allein nebenan saß und stirnrunzelnd zu ihnen hinüberschaute. Geschäftsleute, Banker, Manager in Einheitsanzügen gestikulierten durch die Luft. Touristen aus Schweden versuchten, die Speisekarte zu entziffern. Der Geräuschpegel war hoch. Der Rauschpegel auch. Aber es störte Larissa nicht. Sie war daran gewöhnt.
   Jens würde sich wie immer verspäten. Das machte nichts. Sie hatte Zeit gehabt, sich umzuziehen, die Haare nach oben zu stecken. Sie trug ein Kleid von Versace, das ihm so gut gefiel, und schlichten Schmuck. Larissa hatte in den Spiegel zu ihrer Rechten geschaut. Ihre Augen wirkten größer, leuchtender. Ihr Gesamtbild strahlte.
   Sie holte ihren Terminkalender aus der Tasche. Morgen früh musste sie als Erstes ihre Frauenärztin anrufen, Termine vereinbaren. Es war immerhin ihre erste Schwangerschaft.
   Auf einmal packte sie Panik. Würde sie es schaffen, das alles durchzustehen? Die Schwangerschaft, die Geburt, schlaflose Nächte, Schreien, alles mit ihrer Arbeit zu managen? Sicher würde sie das. Schließlich hatte sie sich ein Kind gewünscht, sich regelrecht danach gesehnt. Natürlich war sie bereit. Ebenso Jens.
   Während sie dasaß und auf ihn wartete, wuchs die Beklemmung. Larissa versuchte, sie zu ignorieren. Sie checkte ihr Smartphone und las die letzten erhaltenen Nachrichten, hörte nicht mehr das Stimmengewirr, das Lachen der Leute, das Stühlescharren, die eilenden Schritte der Kellner.
   Larissa schaute auf und sah Jens vor sich sitzen, der sie beobachtete. »Wie lange bist du schon hier?«
   Er lächelte, nahm ihre Hand in seine. »Lange genug. Du siehst wunderschön aus.« Er trug seinen dunklen Anzug.
   »Du auch.« Larissa wäre beinahe sofort damit herausgeplatzt. Sie stoppte sich, es war noch zu früh. Sie hielt sich nur mühsam zurück.
   Der Kellner brachte einen Campari für Jens.
   »Und?«, fragte er. »Warum sind wir hier, Liebling? Etwas Besonderes? Eine Überraschung?«
   »Ja«, sagte sie und erhob ihr Glas. »Eine ganz besondere Überraschung. Nimm dein Glas! Auf die Überraschung.«
   Ihre Gläser trafen sich.
   »Soll ich raten, was es ist?«
   Larissa fühlte sich wie ein kleines Mädchen. »Das errätst du nie! Never!«
   Er lachte amüsiert.
   Sie streckte den Arm aus und nahm seine Hand. Gepflegte, leicht gebräunte Haut. »Jens …«
   Die Bedienung stand wartend neben ihnen. Sie gaben ihre Bestellung auf. Larissa wartete, bis der Kellner in Richtung Küche verschwand, dann setzte sie an. Schnell, damit es ausgesprochen war. »Ich bekomme ein Baby. Unser Kind.« Sie beobachtete ihn, wartete sekundenlang, dass er die Mundwinkel hob und einen Freudenschrei von sich gab.
   In seinem Gesicht regte sich kein Muskel, starr wie eine Maske. Er sah sie nur mit flackernden Augen an. »Ein Kind?«
   Larissa drückte seine Hand. »Ist das nicht wunderbar? Jens, ich könnte die ganze Welt umarmen. Wundervoll, nicht wahr?«
   Er blieb stumm. Sie verstand das nicht.
   »Bist du dir sicher?«, fragte er schließlich.
   »Ja, natürlich«, stotterte Larissa, verstört durch seine kühle Haltung.
   Er rieb sich das Kinn, was er immer tat, wenn er müde war, oder verstimmt. Er sagte keinen Ton.
   Das Schweigen dehnte sich aus wie eine Nebelschwade. Larissa konnte es beinahe mit den Fingern greifen.
   Der Kellner brachte die Vorspeise. Keiner von ihnen rührte etwas auf dem Teller an.
   »Was ist denn?«, fragte sie, weil sie sein Schweigen nicht länger ertragen konnte.
   Er holte tief Luft, schüttelte den Kopf, rieb sich wieder das Kinn.
   »Ich dachte, du würdest begeistert sein …, ganz aus dem Häuschen …«, fuhr sie fort, während ihr Tränen in die Augen stiegen.
   Er stützte sein Kinn auf die Hand und sah sie ernst an. »Larissa, das ist der falsche Zeitpunkt. Schlechtes Timing, verstehst du?«
   »Was? Aber wir wollten doch ein Kind?«
   Sein Blick war emotionslos. Die Endgültigkeit darin gefiel Larissa nicht.
   »Was willst du mir zu verstehen geben? Sag es mir.«
   »Larissa. Wir sind Karrieremenschen, kurz davor, ganz oben mitzuspielen.«
   »Na und?« Ihre Wangen glühten.
   »Ich will keine Kinder«, sagte er ruhig. »Ich wollte noch nie …«
   Ihr blieben die Worte stecken, sie rang nach Luft, ihr Magen fühlte sich flau an.
   »Wir können das Baby nicht bekommen, Larissa«, sagte er sanft. »Wir haben ein anderes Leben. Unsere Arbeit ist unser Leben. Ein Baby würde nicht dazu passen.«
   Tränen liefen über ihr Gesicht und tropften auf ihr Essen. »Willst du damit sagen«, würgte sie hervor, »willst du damit sagen, dass ich es abtreiben soll?« Das ältere Paar am Nebentisch starrte offen zu ihnen herüber. Es scherte Larissa einen feuchten Dreck. »Eine Abtreibung, das ist nicht dein Ernst?« Ihre Stimme zitterte.
   Sein Gesicht war traurig. Zärtlich und traurig, trotz der harten Worte. Larissa hätte es am liebsten geschlagen. Aber sie konnte nicht, konnte nur in ihre Serviette weinen. Er streichelte über ihren Arm, murmelte immer wieder, dass er sie liebe.
   Larissa blendete seine Stimme und ihn komplett aus.
   Die darauffolgende Nacht war schrecklich. Larissa lag im Bett, starrte ins Dunkle und legte ihre Hand auf ihren Bauch. Stille Tränen flossen, durchweichten ihr Kopfkissen.
   Am nächsten Morgen sah ihr Gesicht verquollen aus. Jens verhielt sich lieb und sanft. Er sagte ihr, sie sollten noch mal über alles reden. Noch an diesem Abend. Er hatte das alles vollkommen ruhig gesagt und mit einer großen Sanftmütigkeit. Doch Larissa war klar, dass sein Entschluss feststand. Er wollte nicht, dass sie dieses Kind bekam, und nichts und niemand würde ihn dazu bringen, seine Meinung zu ändern.
   Larissa konnte sich noch nicht dazu überwinden, mit Melanie oder ihrer Mutter darüber zu reden. Jens’ Reaktion hatte sie so maßlos verstört, dass sie die Sache vorerst für sich behalten wollte.
   Sie kam an diesem Morgen nur schwer in Gang. Alles, was sie tat, bereitete ihr große Mühe. Jede Bewegung war die reinste Anstrengung. Immer wieder holten sie die Bilder vom vergangenen Abend ein. Das, was Jens gesagt hatte. Ihre einzige Möglichkeit war, sich in die Arbeit zu stürzen und Melanie aufzusuchen.
   »Ist das dein Ernst?« Melanies Stimme hallte in Larissas Ohren. »Das kann er nicht gesagt haben. Er kann dich nicht in eine solche Situation bringen. Dazu hat er kein Recht, dieses arrogante Arschloch.« Es war die Stimme der Psychologin, die Larissa hörte, die starke, durchgreifende Seelenklempnerin, die sich vor nichts und niemandem fürchtete.
   »Doch, das hat er«, erwiderte sie matt. »Er hat gesagt, das sei das Ende für uns, er werde mich verlassen, wenn ich das Kind behalte. Er fühle sich mit vierzig zu alt, werde nicht fertig mit einem Säugling, wolle kein alter Vater sein.«
   »Hat das irgendetwas mit dieser Affäre zu tun, mit der aufgetakelten Tussi?«, fragte Melanie. »Mir fällt ihr Name nicht mehr ein.«
   »Nein. Jens hat sie mit keinem Wort erwähnt.«
   »Lass dich nicht zu irgendwas erpressen, Larissa. Das ist auch dein Baby. Das kriegen wir schon hin, auch ohne Mann.«
   Den ganzen Tag hatte dieser Satz in Larissa nachgeklungen. Das ist auch dein Baby. Melanie stellte noch weitere Vermutungen an. Wie, er sei jetzt schon in der Midlife-Crisis? Das passiere den meisten Männern, aber erst, wenn sie auf die fünfzig zugingen. Bei Jens sei dies eben früher der Fall, aber das gebe ihm noch lange nicht das Recht, eine Abtreibung zu verlangen.
   Machte Jens wirklich eine Krise durch? Falls das so war, hatte sie es nicht kommen gesehen. Larissa hatte ihn für egoistisch gehalten und geglaubt, dass er wie üblich nur an sich selbst dachte. Das hatte sie ihm während ihrer Unterhaltung gesagt. Larissa hatte ihm alles gesagt, was ihr durch den Kopf ging. Wie konnte er ihr eine Abtreibung aufzwingen? Er wusste doch, dass sie Kinder haben wollte. Liebte er sie überhaupt?, hatte sie verzweifelt gefragt. Liebte er sie wirklich? Er hatte Larissa kopfschüttelnd angesehen. Natürlich liebe er sie. Wie könne sie so dumm sein, hatte er gesagt. Er liebte sie. Und Larissa hatte wieder seine gebrochene Stimme gehört, die gestelzte Art, mit der er seine Angst vorm Älterwerden gestanden hatte. Eine Midlife-Crisis. Vielleicht hatte Melanie recht. Und vielleicht hatte Larissa es nicht mitgekriegt, weil sie in den vergangenen Monaten so viele andere Dinge im Kopf gehabt hatte. Sie kam sich verloren vor. Unfähig, mit Jens und seinem Konflikt umzugehen.
   Sie ging zu ihrer Ärztin, um Tests zu machen und sich mit ihr über die Schwangerschaft zu beraten. »Wenn Sie gegen Ihren Willen abtreiben«, hatte die Medizinerin betont, »dann werden Sie ihm das nie verzeihen. Und wenn Sie es nicht tun, ist das für ihn eine unerträgliche Situation, wie er sagte. Das muss alles besprochen werden, und zwar schnell. Sie haben nur noch zwei Wochen Zeit.«
   Larissa verstand überhaupt nichts mehr. Ging es um Jens oder um sie? Nein, es ging um das Kind, das sie jetzt schon liebte. Sie würde es behalten, ganz gleich, was andere, geschweige denn Jens, von ihr verlangten.
   Larissa ging bei Melanie vorbei. Sie wohnte im Westend in einer schmucken Altbauvilla. Larissa konnte unmöglich zur Bank, in ihr Büro oder nach Hause gehen und auf Jens’ Rückkehr warten. Das würde sie nicht durchstehen.
   Melanie machte ihr einen Käsetoast und mischte einen einfachen, schmackhaften Salat zusammen. »Okay, meine Süße«, sagte sie, setzte sich gegenüber und pikste mit der Gabel ein Salatblatt auf. »Versuch, dir ein Leben ohne Jens vorzustellen. Stell es dir bildhaft vor. Die Trennung. Die Zeit danach. Wie würde euer Leben aussehen? Getrennte Wohnungen. Getrennte Leben. Euer Kind, das von dir zu ihm pendelt, wie ein Zeiger hin und her. Von ihm zu dir. Keine richtige Familie. Kein gemeinsames Frühstück. Kein gemeinsames Weihnachtsfest. Keine Ferien zusammen. Siehst du das? Kannst du dir das vorstellen?«
   Larissa starrte ihre Freundin an. Es schien undenkbar. Unmöglich. Und doch passierte es so oft.

Kapitel 4


Melanie füllte Kaffee in zwei Tassen und setzte sich zu Larissa an den Tisch in der Küche im Landhausstil. »Geht es dir einigermaßen gut?«
   »Ja. Ist ganz okay. Mir geht nur einiges ständig durch den Kopf. Was wäre gewesen, wenn die ganze Aktion damals aufgeflogen wäre?«
   »Was soll man darüber nachdenken? Die, die es interessieren würde, sind tot, und du bist die einzige Überlebende.«
   »Ja.« Larissa legte die Hände um die heiße Kaffeetasse und ließ sich Melanies Antwort durch den Kopf gehen. »Ich weiß nicht, ob ich das geschafft hätte. Ich glaube, ich hätte versucht, den Kontakt zur leiblichen Mutter aufrechtzuerhalten. Das wäre sicher schwierig gewesen, aber …« Larissa ließ das Ende des Satzes offen. »Ich glaube, ich werde in die Bretagne reisen und mich meiner Vergangenheit stellen.«
   »Hältst du das für klug? Du weißt nicht, was dich dort erwartet.«
   »Was habe ich zu verlieren? Und mir lässt die Frage keine Ruhe, was in dieser Familie schiefgelaufen ist, dass sie damals diese Entscheidung getroffen haben.«
   »Sie war jung, die Eltern vielleicht autoritär, oder nur der Vater. In den meisten Fällen, das weiß ich aus Erfahrung, wissen die Eltern nicht einmal, dass die Tochter bereits einen Freund hat. Die wiegen sich in dem Glauben, dass ihnen eine Jungfrau am Tisch gegenübersitzt. Wenn diese Jungfrau dann plötzlich schwanger ist …«
   »Und lenken die Eltern nach dem ersten Schock nicht wieder ein?«
   »Vielleicht ist sie damals vergewaltigt worden.«
   »Und du glaubst, das könnte sie ihren Eltern nicht sagen?«
   »Kommt darauf an, von wem sie missbraucht wurde. Die Täter sind bekanntlich gerade im Familienkreis zu finden. Nicht selten wird den Mädchen nicht geglaubt. Und noch in dieser Zeit und in einer ländlichen Gegend.«
   »Weißt du, dass ich mich schon gefragt habe, ob vielleicht ihr eigener Vater …« Larissa sah Melanie an, dass sie sich die Worte durch den Kopf gehen ließ.
   »Ausgeschlossen ist das nicht. Nur wie willst du das rauskriegen?«
   »Irgendjemand wird es doch noch geben aus dieser Familie, der mir etwas erzählen könnte.«
   »Täusch dich nicht, Larissa. Solche Familien sind oft Meister darin, nach außen hin eisern zu schweigen und eine Fassade aufrechtzuerhalten.«
   Eine Weile schwiegen sie, hingen ihren eigenen Gedanken nach.
   »Es gibt in diesem Zusammenhang immer noch ein paar Fragen, auf die ich keine Antwort weiß.«
   »Lass sie ruhen, Larissa.«
   »Wer ist mein Vater?«
   Melanie dachte darüber nach. »Und dann? Stellst du dich vor einen Greis und sagst: ‚Hallo, ich bin deine Tochter?‘«
   »Wenn er noch lebt, geschweige denn irgendjemand von dieser Familie noch lebt.«
   »Du ziehst doch nicht in Erwägung, sie ausfindig zu machen und sie vor nackte Tatsachen zu stellen, oder?« Melanie sah sie durchdringend an.
   Die Vorstellung war nicht abwegig. Larissa hatte genau das in ihrem Urlaub vorgehabt.
   »Vergiss es, Larissa! Solange nicht sicher ist, woran du da rührst, musst du behutsam an die Sache herangehen.«
   Larissa war längst wieder zu Hause, als sie immer noch über ihre leibliche Mutter nachdachte. Die Vorstellung, sie könnte entstanden sein, als ihre Mutter von einem Familienangehörigen oder Verwandten vergewaltigt wurde, hatte sich wie ein Stachel in ihr Fleisch gebohrt. Was, wenn es wirklich so gewesen war? Dann war nicht auszuschließen, dass niemand davon wusste, geschweige denn darüber reden würde.
   Diese Möglichkeit stimmte sie traurig. Sie war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, sich in das Privatleben dieser Menschen einzumischen oder ihr bisheriges Leben weiterzuleben und die Sache ruhen zu lassen. In den vergangenen Jahrzehnten konnte sich vieles geändert haben. Auch wenn es sich nicht um den Vater von Isabelle handelte, konnte der Erzeuger längst tot oder fortgezogen sein. Möglicherweise übertrieb ihre Fantasie, und alles war anders. In jedem Fall würde sie bei den Nachkommen der Crenns alte Wunden aufreißen. Durfte sie das?
   Larissa hatte noch Melanies Worte im Ohr: »Solange nicht sicher ist, woran du da rührst, musst du behutsam an die Sache herangehen!«
   Eine geschlagene Stunde dachte Larissa über diesen Satz nach. Dabei stellte sie sich ein neunzehnjähriges Mädchen vor, dem in seiner Not niemand half – aus Sorge, an etwas zu rühren, das nicht sicher war. Sie stellte sich Isabelle vor, wie sie es diesen Menschen später vorwarf, sie im Stich gelassen zu haben. Larissa versetzte sich in ihre Situation, hörte die Menschen von Zweifeln und Vorsicht reden und verurteilte sie anstelle des Mädchens für ihr Nichtstun.
   Noch immer hatte sie Zweifel, das Richtige zu tun. Larissa atmete tief durch, sie spürte, wie lang gehütete Vorstellungen ihr entglitten, sich plötzlich auflösten.
   
   Warum hatten ihre Eltern nie mehr Kontakt zu dieser Frau aufgenommen? Wussten oder wollten sie nicht wissen, dass sie in ihrem Elternhaus geblieben war? Warum durfte sie nicht wissen, wer ihre leibliche Mutter war? Hatte Roman es nicht gewollt, oder war es Anne gewesen, die nie Kontakt aufnehmen wollte?
   Dauernd stellte sie Fragen. Eine Menge Fragen. Was spielte es für eine Rolle? Was würde es ändern? Hatte sie ein Recht dazu, in anderer Menschen Leben herumzuschnüffeln?
   Habe ich, gab sie sich selbst zur Antwort. Weil jeder Mensch das Recht hatte, zu erfahren, wo er herkam, darum. Weil es sehr wohl eine Rolle spielte. Wenigstens wüsste sie dann genau, wer sie war. Anstatt sich isoliert zu fühlen, mutterlos, ohne Wurzeln. Wie Treibgut. Menschen, die ihre Eltern kannten, hatten keine Ahnung, was es für ein Gefühl war, dass einem etwas fehlte, das wurde ihr schmerzlich nach Annes Geständnis bewusst. Larissa schloss die Augen und wappnete sich innerlich für einen Spaziergang über die Straße der Erinnerung.

*

Sind Sie sich ganz sicher, Frau Awen?«, fragte die Ärztin. Sie schaute Larissa über den Rand ihrer Halbbrille an.
   »Nein«, erwiderte sie wahrheitsgemäß. »Aber zunächst muss ich diese Untersuchungen erst mal machen.«
   Sie ließ den Blick über Larissas Patientenakte schweifen. »Ich mache Ihnen gern diese Termine, aber ich bin nicht sicher, ob Sie sich mit Ihrer Entscheidung wirklich wohlfühlen.«
   Larissas Gedanken wanderten zum vergangenen Abend zurück. Jens war außergewöhnlich zärtlich und aufmerksam gewesen. Die ganze Nacht über hatte er Larissa in den Armen gehalten und ihr immer wieder gesagt, dass er sie liebe, dass er sie brauche, aber einfach nicht den Gedanken ertragen könne, doch noch Vater zu werden. Er habe das Gefühl, das Älterwerden würde sie beide näher zusammenbringen. Sie könnten öfter spontan verreisen. Oder vielleicht auch heiraten.
   Larissa hatte ihm zugehört, während ihr im Dunkeln die Tränen über das Gesicht liefen. Diese Ironie. Er sagte ihr Wort für Wort all das, was sie sich immer erträumt hatte, von ihm zu hören. Es war alles da, die Zärtlichkeit, die Hingabe, der Großmut. Der Haken war nur, dass sie ein Baby in sich trug, das er nicht wollte. Ihre letzte Chance vielleicht, endlich Mutter zu werden. Immer wieder musste sie daran denken, was Melanie gesagt hatte: »Das ist auch dein Kind.«
   In den vergangenen vier Jahren hatte sie sich aufs Sehnlichste gewünscht, Jens ein Kind schenken zu können. Die perfekte Frau an seiner Seite zu sein, die von der Gesellschaft bewundert und geachtet werden würde. Aber auf einmal wurde Larissa klar, dass sie das Kind für sich selbst wollte, ihr Baby. Sie sehnte sein Gewicht auf ihrem Arm herbei. Sie sehnte den milchigen, süßen Geruch seiner Haut herbei. Mein Baby. Jens war der Vater, aber das war ihr Kind. Ihr Fleisch und Blut. Larissa sehnte die Geburt herbei, den Moment, wenn sie den ersten Laut hören würde.
   Sie verließ die Arztpraxis und ging Richtung Sachsenhausen, wo sie sich mit ihrer Mutter im Café Imperial treffen wollte. Larissa hatte nicht vorgehabt, etwas zu verraten, aber Anne warf einen Blick auf ihr Gesicht und schnappte nach Luft. Also kam es raus. Anne teilte Larissas Meinung, dass das Baby das Wichtigste sei. Sie könne dieses Kind unmöglich nicht bekommen. Sie würde es ihr Leben lang bereuen.
   Langsam ging sie am Mainufer entlang, wich Joggern, Kinderwagen, älteren Leuten, Touristen, Liebespaaren, Teenagern, Fahrradfahrern aus. Die übliche Städter-Schar. Und so viele Babys. Natürlich musste Larissa bei jedem Säugling, den sie sah, an das winzige kleine Wesen denken, das sie unter ihrem Herzen trug.
   Vor dem Besuch bei der Ärztin hatte sie noch mit Melanie gesprochen. Sie hatte sie wie immer unterstützt. Die Entscheidung liege bei ihr allein, hatte sie betont, egal, mit wie vielen Leuten sie redete, ganz gleich, wessen Seite sie betrachtete, wessen Meinung sie prüfte. Es sei ihre Entscheidung. Basta. Aus.
   Als Larissa am frühen Abend zurückkam, fand sie es heiß und stickig in der Wohnung. Sie öffnete das Schiebeelement, ging auf die Terrasse und beugte sich hinaus zum Main. Es war eine seltsame Vorstellung, dass es in einigen Monaten eine Mitbewohnerin oder einen Mitbewohner geben würde.
   Larissa streifte die Sandalen ab und legte sich auf das Sofa. Wie Blei lastete die Fülle des Tages auf ihr. Sie schloss die Augen, wurde aber sofort durch das Klingeln ihres Handys zurück in die Wirklichkeit katapultiert. Es war Melanie, die gerade ihren letzten Patienten verabschiedet hatte. Larissa stellte sie sich hinter ihrem großen, überfüllten Schreibtisch vor, mit ihrer Lesebrille auf der Nasenspitze.
   In kurzen Worten erzählte Larissa ihr, dass sie das Kind auf jeden Fall behalten würde.
   »O mein Gott«, hauchte Melanie. »Du hast die richtige Entscheidung getroffen.«
   »Ich konnte nicht anders«, flüsterte Larissa. »Es wäre unmöglich.«
   Melanies Stimme war das Lächeln anzuhören, dieses breite, unwiderstehliche Lächeln. »Du mutiges, wunderbares Mädchen«, sagte sie. »Ich bin stolz auf dich, Süße.«
   »Jens weiß es noch nicht«, sagte Larissa. »Er kommt erst später am Abend zurück. Er denkt wahrscheinlich, dass ich mir einen Termin habe geben lassen.«
   »Du wirst aber nicht lange warten, um es ihm zu sagen, oder?«
   »Natürlich nicht. Je früher, umso besser.«
   Nach dem Gespräch mit ihrer Freundin lag Larissa lange Zeit auf der Couch, die Hände wie einen Schutzschild über dem Bauch gefaltet. Nach und nach spürte sie wieder Lebenskraft in sich hineinströmen. In diesem Moment hörte sie die Haustür zuschlagen und das Geräusch eines Schlüsselbundes, der auf die Kommode geworfen wurde.
   Jens betrat das Wohnzimmer. Er sah angespannt aus, blass, das Gesicht ausgezehrt. Er kam zu Larissa, nahm sie in die Arme. Er ließ sein Kinn auf ihrer Schulter ruhen.
   Larissa spürte, dass sie sofort mit ihm reden musste. »Ich werde das Kind behalten.«
   Er rührte sich nicht. »Ich weiß«, antwortete er. »Ich habe es dir heute Morgen angesehen.«
   Larissa löste sich von ihm. »Ich konnte es nicht, Jens.«
   Er lächelte, ein seltsames, verzweifeltes Lächeln. Er ging hinüber zum Tablett neben dem Fenster, auf dem eine Auswahl an Spirituosen stand, und schenkte sich einen Brandy ein.
   Larissa fiel auf, wie schnell er ihn trank, mit einem Ruck des Kopfes nach hinten. Die Bewegung stieß Larissa ab.
   »Was machen wir jetzt?«, fragte er, wobei er das Glas heftig absetzte.
   »Was machen wir jetzt?« Larissa versuchte zu lächeln, spürte aber, dass nur ein falsches, freudloses Lächeln dabei herauskam.
   Jens setzte sich aufs Sofa, lockerte die Krawatte, öffnete die obersten beiden Hemdknöpfe und atmete tief ein. »Ich kann mich mit dem Gedanken an dieses Kind nicht abfinden, Larissa. Das habe ich versucht, dir klarzumachen. Aber du hast nicht zugehört.« Etwas in seiner Stimme brachte Larissa dazu, ihn genauer anzusehen. Er wirkte verletzlich, angeschlagen. »Ich kann dich nicht davon abhalten, dieses Baby zu bekommen. Aber du musst wissen, dass ich es für mich nicht akzeptieren kann. Dieses Kind wird mich zerstören.«
   Larissa wollte Mitleid ausdrücken, er wirkte auf sie so verloren, wehrlos, doch stattdessen packte sie ein unerwartetes Gefühl von Unmut. »Dich zerstören?«
   Jens stand auf, schenkte sich einen weiteren Brandy ein.
   Larissa blickte weg, als er ihn runterkippte.
   »Schon mal was von Midlife-Crisis gehört, Liebling? Dieser Begriff kommt dir doch bekannt vor, hat bestimmt Melanie schon mal erwähnt. Nur du warst so sehr mit deiner Karriere beschäftigt, mit deiner Freundin, deiner Mutter, dass du überhaupt nicht mitgekriegt hast, was ich durchmache. Mal ehrlich, es ist dir auch völlig egal, oder?«
   Larissa blickte ihn entgeistert an.
   Er legte sich matt auf die Couch, sah an die Decke. Langsame, behutsame Bewegungen, die Larissa nie bei ihm gesehen hatte. Seine Gesichtshaut wirkte wie Pergamentpapier. Ganz plötzlich blickte sie auf einen gealterten Lebensgefährten. Verschwunden war der attraktive Jens. Er war immer dynamisch, stark, lebensbejahend gewesen. Einer dieser Sorte Mensch, die nie still sitzt, sondern immer in Bewegung, voller Schwung, Eifer und Ungeduld ist. Der Mann, den Larissa jetzt sah, war wie ein Geist seines früheren Ichs. Wann hatte diese Wandlung stattgefunden? Wie hatte ihr das entgehen können? Jens und sein mitreißendes Lachen. Seine Scherze. Seine Kühnheit. »Ist das dein Mann?«, hatten die Leute immer ehrfurchtsvoll und elektrisiert geflüstert. Jens bei Dinnerpartys, die Unterhaltung beherrschend, was nie jemanden störte, das intensive Blitzen seiner Augen und dieses leicht überhebliche Lächeln.
   Heute Abend war nichts Straffes, nichts Forsches an ihm. Er schien sich hängen zu lassen. Schlapp und schlaff lag er dort.
   Seine Augen blickten mutlos, seine Augenlider hingen herab. »Du hast überhaupt nicht gemerkt, was ich durchmache, oder?« Seine Stimme war flach, tonlos.
   Larissa setzte sich neben ihn und streichelte seine Hand. Wie konnte sie jemals zugeben, dass sie nichts gemerkt hatte? Wie konnte sie jemals erklären, was für ein schlechtes Gewissen sie hatte? »Warum hast du mir nichts gesagt, Jens?«
   Er verzog die Mundwinkel nach unten. »Ich habe es versucht. Es hat nicht funktioniert.«
   »Wieso?«
   Seine Miene wurde hart. Er stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus. »Du hörst mir nicht zu, Larissa.«
   Und sie wusste, dass er recht hatte. Dieser schreckliche Abend, als seine Stimme heiser geworden war. Als er ihr seine größte Angst offenbarte, seine Panik vor dem Älterwerden. Als sie merkte, wie schwach er war. Viel schwächer, als sie je gedacht hätte. Sie hatte weggesehen, weil es sie verstörte. Sie abstieß. Genau das hatte er gespürt, aber sich nicht getraut, ihr zu sagen, wie tief ihn ihre Ablehnung traf.
   Larissa sagte nichts, sie saß neben ihm und hielt seine Hand. Langsam ging ihr die Ironie von alldem auf. Ein depressiver Lebensgefährte. Eine scheiternde Beziehung. Ein Baby unterwegs. »Lass uns zu Tito oder zu Sergio gehen und einen Happen essen«, sagte sie sanft. »Dann können wir über alles reden.«
   Er richtete sich schwerfällig auf. »Ein anderes Mal vielleicht. Ich bin müde.«
   Nun fiel ihr auf, dass er in den vergangenen Monaten oft müde gewesen war. Zu müde, um ins Theater zu gehen, zu müde, um am Main entlangzujoggen, zu müde, um mit ihr eine Fahrradtour an einem Sonntag durch den Taunus zu machen. Zu müde, um mit ihr zu schlafen. Wann war das letzte Mal gewesen? Vor Wochen. Sie sah ihm zu, wie er sich durchs Zimmer schleppte, sein schwerfälliger Gang. Er hatte zugenommen. Auch das war ihr entgangen. Jens achtete so sehr auf sein Äußeres. »Du warst mit deiner Karriere beschäftigt, mit deiner Freundin, deiner Mutter, du hast nichts mitgekriegt. Du hörst mir nicht zu, Larissa.« Scham ergriff sie. Musste sie nicht der Wahrheit ins Auge sehen? Jens war in den vergangenen Wochen nicht Teil ihres Lebens gewesen. Auch wenn sie zusammen dasselbe Bett teilten, unter demselben Dach lebten. Sie hatte Jens, ohne es zu bemerken, aus ihrem Leben ausgeschlossen. Die Ironie war nur, dass sie sein Kind in sich trug.
   Larissa hörte ihn in der Küche den Kühlschrank öffnen, dann das Rascheln von Alufolie. Er kam ins Wohnzimmer zurück, in der einen Hand eine Hähnchenkeule, in der anderen die Folie. »Nur eins noch, Larissa.«
   »Ja?«
   »Als ich dir gesagt habe, dass ich mit diesem Kind nicht zurechtkomme, war das mein Ernst. Du hast deine Entscheidung getroffen. Schön. Und das hier ist meine Entscheidung – ich muss eine Weile allein sein. Ich brauche eine Auszeit. Danach werden wir sehen, wie sich alles entwickelt. Vielleicht kann ich mich bis dahin mit dieser Schwangerschaft abfinden. Wenn nicht, trennen wir uns.«
   Das war keine Überraschung. Sie hatte es schon lange erwartet. Sie stand auf, strich ihr Kleid glatt. »Wie du meinst. Du kennst meine Entscheidung«, antwortete sie ruhig.
   Er legte das Fleisch zurück in die Folie. »Warum bist du so hart, Larissa?« Es lag kein Sarkasmus in seinem Ton. Nur Bitterkeit. »Du klingst genau wie deine Mutter.«
   Larissa erwiderte nichts, sondern verließ das Zimmer. Sie ging ins Bad und drehte das Wasser auf. In dem Moment schoss ihr der Gedanke durch den Kopf. Hatte sie sich nicht längst entschieden, indem sie das Kind über Jens stellte? Sie hatte sich durch seine Sichtweise, seine inneren Ängste nicht erweichen lassen, und die Aussicht, dass er für ein paar Monate oder für eine unbestimmte Zeit auszog, hatte sie nicht abgeschreckt. Jens konnte nicht verschwinden. Er war der Vater des Kindes in ihr. Er konnte niemals ganz aus ihrem Leben verschwinden.
   Aber als sie sich im Spiegel betrachtete, während Dampf allmählich den Raum füllte und ihr Spiegelbild mit seinem nebeligen Atem auslöschte, spürte sie, dass sich alles drastisch verändert hatte. Liebte sie Jens noch? Brauchte sie ihn noch? Wie konnte sie sein Kind wollen, aber ihn nicht?
   Tränen schossen ihr in die Augen, und sie ließ sie laufen. Sie wusste, dass Jens sie schluchzen hörte. Aber er kam nicht zurück. Nie mehr.
   Einen Monat später hatte Larissa eine Fehlgeburt.

Kapitel 5


»Und du bist dir sicher, dass du dorthin willst? Meinst du nicht, dass das ein bisschen viel ist für dich? Einen alten Kasten bewohnen. Was willst du denn dort tun? Du kannst doch auch in einem Hotel wohnen.«
   »Entspann dich, Melanie.« Larissa lächelte ihre Freundin liebevoll an. »Du kannst ja mitkommen.«
   Melanie runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Nein, ich muss mich um meine Patienten kümmern. Ich wünsch dir trotzdem viel Spaß, aber um Gottes willen, überstürze nichts.«
   »Jahrelang musste ich mich Regeln und Gesetzen unterwerfen«, sagte sie unbekümmert. »Das Einzige, was ich jetzt wirklich wissen will, ist: Wer bin ich? Also, Melanie, sei keine Spielverderberin.«
   »Du bist hoffnungslos.« Melanie seufzte. »Ich freu mich schon darauf, alle Einzelheiten zu hören. Weißt du, wie du hinkommst?«
   »Das Navi wird mich hinführen, ansonsten habe ich das Kartenlesen nicht verlernt.« Larissa zwinkerte ihr zu.
   »Hast du keine Angst, dort allein in der Prärie? Mann, Larissa, überleg es dir noch mal. Du bist ein Stadtmensch, vergiss das nicht. Mir würde ja so etwas gefallen. Aber dir?« Melanie sah sie mit einem besorgten Gesichtsausdruck an.
   »Melanie, es ist gut. Ich melde mich heute Abend.« Larissa verfrachtete ihr Gepäck sorgsam in ihrem Wagen und fuhr zu ihrer eigenen Verwunderung voller Vorfreude los.
   Während der Fahrt liefen ihr Tränen über die Wangen. Hinter ihr lag ihre zerrüttete Gegenwart mit einer ungewissen Zukunft.
   Jetzt fuhr sie einer anderen Gegenwart entgegen, doch war sie auch bereit, den Nebel der Vergangenheit, der ihr Herkommen einfüllte, zu durchdringen?
   Sie war keineswegs immun gegen die Herrlichkeit der Landschaft nach Stunden unendlich scheinender Autobahnen.
   Malerische Dörfer, Felsküsten, Leuchttürme, Dolmen, Megalithen, umfriedete Pfarrbezirke, endlose Sandstrände und Inseln prägten die Bilder vor ihren Augen. Was sie sah, gefiel ihr, aber sofort kam ihr der Gedanke, hier niemals leben zu wollen. Sie sann darüber nach, während sie weiterfuhr, und war froh, dass Melanie nicht mitgekommen war, so gern sie ihre Freundin auch mochte. Alles, was Melanie gesagt hätte, hätte sie nur entmutigt. Obwohl sie häufig ihre Urlaube und freien Wochenenden zusammen verbrachten, waren sie beide ihren Ansichten immer treu geblieben. Sie würden nie ihre Freiheit aufgeben. Nur ein einziges Mal wäre Larissa dazu bereit gewesen. Wegen Jens, was sich aber als Irrtum herausgestellt hatte.
   Larissa schob die Gedanken an die Vergangenheit beiseite und konzentrierte sich auf das verwirrende Netzwerk von schmalen Straßen und Gassen, die das Hinterland zwischen St. Beriuc und Perros Guirec durchzogen. Sie war erleichtert, als das Schild Saint-Quay-Perros auftauchte. Drei Kilometer weiter bog sie in eine enge Straße ab und fuhr eine Allee entlang bis zu einer Toreinfahrt.
   Sie stieg aus, öffnete einen der beiden schmiedeeisernen Flügel, und ging zaghaft weiter. Larissa stieß einen verzückten Schrei aus und blieb einen Moment stehen, um das Bild in sich aufzunehmen. Das Wasser im Mühlenteich zitterte und glitzerte in der tief stehenden Sonne. Larissas Blick wanderte über das Gewässer, die Landschaft ihrer leiblichen Mutter. Die Bäume schienen in den Untiefen zu treiben, ringsherum sowie um das Haupthaus wuchsen riesige Hortensienbüsche in unterschiedlichen Farben.
   Larissa atmete tief ein. Sie ging eine kleine Böschung hinunter, immer noch den Mühlenteich im Blick, der eher einem kleinen See glich, bevor sie die Mühle erreichte. Es erinnerte sie sofort an Annes bildhafte Beschreibung von diesem Ort. Sie drehte sich um sich selbst. »Mein Gott, ist das schön hier.« Sie wollte schon ihr Handy aus der Tasche nehmen, um ihre Eindrücke bildlich festzuhalten und Melanie zu schicken, als sie ein Rufen vernahm.
   In der Tür des stattlichen Hauses stand eine zierliche ältere Frau und winkte Larissa zu. Nach kurzem Zögern erwiderte sie die Geste. Sie gingen aufeinander zu.
   »Mein Name ist Marchal«, sagte die Ältere und sah Larissa neugierig an.
   »Larissa Awen, angenehm.«
   Sie gaben sich die Hände und gingen gemeinsam zurück, um dort die Besichtigung zu beginnen.
   Es war Liebe auf den ersten Blick für dieses wunderschöne Anwesen, ganz benommen versuchte Larissa, all die Informationen in sich aufzunehmen, die die wortreiche Frau ihr ununterbrochen angedeihen ließ.
   Die Mühle, erzählte sie, als sie Larissa herumführte, hatte man gerade angefangen zu renovieren, als der Verwalter, ein ehemaliger Pfarrer, krank wurde.
   »Hier im Haus ist alles in Ordnung, nur wie gesagt, in der Mühle fehlt noch einiges.«
   Wasser und Strom seien gemacht worden, und ein neues Dach. Nur innen fehle noch die Aufteilung. Aus dem Grund sei dieses Haus im Mietvertrag zum Wohnen gedacht. Es sei natürlich etwas groß für eine Person.
   Larissa nickte gehorsam. »Es könnte sein, dass mich meine Freundin besuchen kommt.«
   »Platz genug ist ja.« Die Frau lächelte amüsiert. »Hier sind die Schlüssel. Sollten Sie noch Fragen haben, dort am Telefon liegen meine Nummer und meine Adresse. Ich wohne in der Ortsmitte, gegenüber der Kirche. Das Haus mit den blauen Fensterläden.«
   »Gut. Vielen Dank. Wissen Sie vielleicht, wo sich Pfarrer Beauvais zurzeit befindet?«, tastete sich Larissa vorsichtig heran. Sie wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen.
   »Warum wollen Sie das wissen?«
   »Ach, nur so. Es interessiert mich, wem so ein schönes Anwesen gehört.«
   Sie bekam keine Antwort. Sie war zu weit gegangen. Mist!
   »Hier sind die Schlüssel. Der ist für dieses Haus, der für die Garage, der für die Mühle und dieser hier für das Eisentor. Und bitte halten Sie das Tor stets geschlossen, sonst büxen Ihnen die Schafe aus.«
   »Vielen Dank, Madame Marchal. Was für Schafe?«
   »Auf dem Gelände befinden sich zirka zehn Schafe, die das Grundstück vor Wildwuchs bewahren. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.« Sie lächelte süffisant.
   »Aha! Ja, ich werde daran denken. Vielen Dank.« Larissa begriff, dass diese Frau keine Kenntnis davon hatte, wer der wahre Besitzer dieses Anwesens war.
   Marchal verabschiedete sich und fuhr davon.
   Als sich das Auto entfernte, schlenderte Larissa den schmalen Pfad entlang. Sie war hundemüde von der langen Fahrt, aber das hier war zu schön. Sie ging zur Mühle, sah sich die alte Steinmauer an, an der das Wasser gestaut wurde, das neue Schieferdach und das riesige, bewegungslose Rad. Das Gelände betrug vier Hektar und war komplett eingezäunt, wie sie aus den Unterlagen wusste. Sie konnte ein Stück vom Zaun erkennen, jenseits dessen sich ein Teppich aus Osterglocken unter den Obstbäumen ausbreitete. Hier sollte sie herstammen? Sie konnte es nicht glauben.
   Plötzlich hatte sie das Gefühl, als würde man sie beobachten. Als sie sich umdrehte, stand eine Gruppe zotteliger Schafe vor ihr. Sie schrie auf vor Schreck, und die gesamte Herde floh. Nach einigen Metern stoppten sie und drehten sich nach ihr um. Larissa musste lachen und war ganz entzückt von der Neugier dieser harmlosen Tiere.
   Nachdem sie ihren kleinen Spaziergang abgeschlossen hatte, betrat sie mit Herzklopfen das Haus und sah sich zögernd um. Das Erste, was ihr auffiel, war seine gemütliche Atmosphäre.
   Im Haupthaus gefiel ihr am meisten der Wohnraum. Dort befanden sich ein riesiger Kamin aus Granitstein und schöne bretonische Möbel, die sie auch dort lassen wollte. Im Entree trugen dunkle Holzbalken die Decke, eine breite Treppe führte in die obere Etage. Dieser Raum erschien Larissa einfach perfekt. In Gedanken stellte sie hier schon den antiken Schrank ihrer Eltern und den Bücherschrank auf. Sie war sicher, dass es das richtige Zimmer dafür war, ohne die anderen Räume überhaupt gesehen zu haben. Tief atmete sie den Geruch des Hauses ein, der ihr seltsam vertraut schien.
   Sie ging wieder hinunter, machte ein paar unsichere Schritte durch das Wohnzimmer, und blieb wie angewurzelt stehen. Eine mächtige Standuhr schlug fünf Mal, voll und tief erfüllte ihr Klang das Haus. Larissa drehte sich um, und da stand sie, die alte Uhr mit einem bemalten Pendel, dessen letzter Schlag noch melodisch nachhallte. Langsam löste sich Larissas Blick, glitt an der Uhr vorbei zu einem Sideboard. Fotos in goldenen Rahmen waren darauf in loser Reihe gruppiert. Eines zeigte zwei junge Mädchen, die sich sehr zu mögen schienen. Ihre Gesichter sahen glücklich aus. Das mussten Isabelle und ihre Schwester Denise gewesen sein. Daneben stand ein Hochzeitfoto. Isabelle und ihr Ehemann? Oder war es ihre Schwester, Denise? Zögernd griff sie nach dem letzten Bild. Es zeigte ein schönes Paar, die junge Frau hatte sich bei dem Mann eingehängt, die Gesichter waren einander zugewandt. Im ersten Moment dachte Larissa, das sei Isabelle und auf dem anderen Foto vielleicht ihre Schwester. Das zarte Gesicht, die großen Augen, die vollen Lippen. Doch dazu wirkte das Foto zu alt. Das Kleid der Frau entsprach der Mode der frühen Vierzigerjahre. Es konnten nur ihre Großeltern sein. Odette und Joseph Crenn. Larissa war so in den Anblick vertieft, dass sie das Klingeln ihres Handys zuerst kaum wahrnahm. Sie ließ es lange läuten, bis sie es langsam, fast genervt aus ihrer Tasche zog. Es war Melanie.
   Larissa ging nach oben, ließ sich auf das Bett fallen und hörte sich die Vorwürfe und Sorgen ihrer Freundin an.
   »Melanie«, unterbrach sie den Redeschwall. »Ich bin sehr müde von der langen Fahrt. Ich werde dich morgen anrufen und Bericht erstatten. Also bis morgen!« Larissa blieb auf dem Bett sitzen, horchte auf den Wind, der sich allmählich zu einem Sturm auswuchs, an den Fensterläden zerrte und den Regen gegen die Scheiben warf. Larissa dachte an ihre beiden Mütter, die in ihren einsamen Gräbern lagen.
   Tränen liefen über ihre Wangen, und sie wischte sie fort. Schnell, als hätten sie nichts zu bedeuten. Dennoch fühlte sie eine tiefe Traurigkeit aufsteigen, und so erhob sie sich mit einem Ruck, schlüpfte leise aus dem Zimmer, schlich zur Treppe und blieb an der ersten Tür stehen. Einen Moment verharrte sie. Dann drückte sie kurz entschlossen die Klinke hinunter und tastete im Dunkeln nach dem Schalter.
   Ein angenehmes Licht flammte auf, aber Larissa zögerte, das Zimmer zu betreten. Sie blieb auf der Schwelle stehen. Der Raum war groß, die Einrichtung in Weiß gehalten. Über das schmiedeeiserne Bett war eine weiße Tagesdecke aus grobem Leinen geworfen, die mit breiter Spitze besetzt war und bis zum polierten Holzboden hinabhing. Überall gab es weiße Kissen aus demselben groben Leinen. Ein hoher schmiedeeiserner Leuchter mit dicken weißen Kerzen stand neben einem Korbsofa, auf dem ebenfalls weiße Kissen lagen. Larissas Blick blieb an einem Gemälde hängen, dem Porträt eines Kindes. Sein dünnes Haar und seine kleinen Augen wurden durch eine kräftige Nase betont, die vollen Lippen schienen nur für die Malerin ein Lächeln anzudeuten. Lange sah Larissa dieses Bild an. War dies das Zimmer ihrer Mutter gewesen?
   Sie verließ den Raum. Zwei weitere Türen weckten Larissas Neugier. Sie öffnete eine nach der anderen und warf einen kurzen Blick dahinter. Ein Raum schien ein weiteres Gästezimmer zu sein. Der letzte, ein kleines Zimmer, beherbergte eine Bügelmaschine, davor standen zwei große leere Weidenkörbe. Larissa versuchte sich vorzustellen, wie Isabelle dort die Wäsche zusammengelegt haben musste. Schnell zog sie die Tür wieder zu und ging zur Treppe.
   Ihr Herz klopfte bis zum Hals, fast so, als hätte man sie bei einer verbotenen Handlung ertappt. Aber sie war fest entschlossen, alles über ihre Mutter herauszufinden.

*

Larissa konnte es nicht fassen. Von so einem Anwesen träumte man normalerweise nur. Oder man sah es in einem der Hochglanzmagazine für Schöneres Wohnen. Wenn sie in den letzten Tagen gezweifelt hatte, ob es richtig war, hierherzukommen, war jetzt alles wieder im Lot. Dieses Mühlenanwesen entschädigte für alles. Hier würde sie ihre Wurzeln finden und den Kopf freibekommen für ihre weitere Zukunft. Und vielleicht auch ihr Herz öffnen können für das Abenteuer, diesem Mann zu begegnen, der ihr Vater war. Noch immer war ihr nicht klar, ob sie ihn überhaupt kennenlernen wollte, sollte sie tatsächlich herausfinden, wer er war und ihn lebend antreffen. Aber in der Abgeschiedenheit dieses Hauses, an diesem wundervollen Ort, der sich anfühlte, als läge er am Ende der Welt, würde sie Zeit haben, sich zu überlegen, ob sie eine Begegnung herbeiführen wollte.
   Isabelle Dubois, geborene Crenn. In den ersten Tagen, nachdem sie auf so schmerzliche Weise erfahren hatte, dass ihre Eltern, die sie liebte und bewunderte, ihr verschwiegen hatten, dass sie sie adoptiert hatten, dass in Wahrheit eine Frau, die in der Bretagne lebte, ihre Mutter war, fühlte sich Larissa, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Drei Tage lang hatte sie sich vor Wut und Schmerz in ihrer Wohnung eingeschlossen. Noch versunken in der Trauer um ihre Mutter, hatte sie alle Unterlagen gelesen und daraus erfahren, was Anne erst in den letzten Stunden gewagt hatte, ihr zu erzählen. Ihr Leben lang hatten diese wunderbaren Menschen, die sie mit Liebe, Zärtlichkeit und Verständnis erzogen hatten, die ihr ein Elternhaus voller Geborgenheit geboten hatten, sie angelogen. Larissa war ins Straucheln gekommen. Hatte alles hinwerfen wollen, obwohl bereits alles in Scherben lag. Kein Job, keine Familie, keine Vergangenheit. Sie wollte weg. Raus aus diesem Leben, das so plötzlich nicht mehr ihres war.
   Wie bewusstlos hatte sie in ihrer Wohnung gelegen, hatte nicht einmal die Tür für Melanie aufgemacht. Hatte sich dann aber wieder beruhigt, und der Plan wurde immer deutlicher in ihrem Kopf. Sie wollte herausfinden, wer ihr Vater war, ob er noch lebte. Sie wollte ihm gegenüberstehen, ihn beobachten. Sich ihm nähern. Und dann erst entscheiden, ob sie ihm sagen würde, wer sie war. Vielleicht würde sie einfach wieder weggehen und ihn vergessen. Möglich war das, denn im Grunde brauchte sie ihn nicht. Ihre Eltern waren Anne und Roman Awen gewesen, die liebevollsten Eltern, die man sich vorstellen konnte. Larissa war ihnen auf ewig dankbar für das Leben, das sie ihr geschenkt hatten. Für all ihre Liebe. Nachdem sie begriffen hatte, dass sie ihr von der Adoption nur deswegen nichts gesagt hatten, weil sie nicht auch nur den Schatten eines Zweifels an ihrer Zusammengehörigkeit hatten aufkommen lassen wollen, hatte sie ihnen verziehen. Selbst wenn sie Isabelle wirklich begegnet wäre, oder ihrem Erzeuger gegenüberstehen würde, selbst wenn sie ihn vielleicht sogar sympathisch finden würde – an ihrem tiefen Gefühl für ihre verstorbenen Eltern würde das nichts ändern, dessen war sie sich inzwischen sicher.
   Die Wurzeln finden. Dass sie hierhergekommen war, um danach zu suchen, war das wirklich wichtig? War es das, was einen Menschen ausmachte? Die Frau, die sie auf die Welt gebracht hatte? Oder die zwei Menschen, die sie an die Hand genommen und ihr geholfen hatten, sich in dieser Welt zurechtzufinden? Es war sicher ein Zufall gewesen, aber sie hatte ihrer Mutter Anne doch sehr ähnlich gesehen. Sie hatten die gleiche Naturwelle im Haar, die gleiche Augenfarbe, die gleiche Gesichtsform. Niemals wäre Larissa auf die Idee gekommen, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen gewesen waren. Vom ersten Tag ihres Daseins war sie in ihrer Obhut gewesen. Ein geliebtes Kind, dem Anne und Roman auf unnachahmlich liebenswerte Weise alles nahegebracht hatten, was ihnen wichtig schien. Wenn sie sich heute an der Natur freute wie hier, war das ihrer beider Verdienst. Dass sie Musik liebte, vor allem die Klassiker, hatte damit zu tun, dass Roman im Orchester spielte. Dass sie eine mitfühlende Frau geworden war, hing mit der großen Empathie zusammen, mit der ihre Eltern auf alle Lebewesen zugegangen waren. Bessere Eltern, dessen war sich Larissa immer sicher gewesen, hätte sie nicht haben können. Was also würde sie dazugewinnen, wenn sie ihren leiblichen Vater fand? Einen Fremden, der sie nicht in seinem Leben gewollt hatte oder nicht mal wusste, dass sie existierte. Eigentlich müsste sie ihm dankbar sein für das Leben mit Anne und Roman. Sie fühlte sich wie in einer Sackgasse. Jetzt war sie hier. In dem Haus ihrer Mutter. Und sie wusste immer noch nicht, ob sie die ganze Wahrheit erfahren wollte.
   Das Blöken der Schafe holte sie aus ihren tiefen Gedankengängen heraus. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie am Fuße der Treppe stehen geblieben war. Sie lief zur Haustür und spähte hinaus. Ein Muttertier der Herde stand gefährlich nahe an der Böschung zum Weiher und gab herzzerreißende Laute von sich.
   Larissa befürchtete, das Tier würde jeden Moment ins Wasser stürzen. Sie lief über das frisch gemähte Gras, die Halme rutschten zwischen ihre Fußsohlen und die Ledersandalen, weich und glitschig wie Würmer.
   Ein zweiter wehklagender hoher Schrei ertönte.
   Das Lämmchen des Muttertiers war hinuntergefallen und versuchte verzweifelt, seinen Kopf über Wasser zu halten.
   Larissa legte sich flach auf den Bauch und kroch vorsichtig zur Kante der Böschung, streckte die Arme aus und versuchte, nach dem Kleinen zu greifen. Es fehlte noch ein kleines Stück. Larissa bekam es zu greifen, wirbelte es durch die Luft und legte es auf den Rasen. Es zitterte vor Angst und Erschöpfung. Seine schwarzen Augen waren weit geöffnet. War das ein sterbender Blick?
   Larissas Herz schlug heftig. Sie hockte sich einige Zentimeter neben das Lämmchen. Das kleine Wesen blinzelte, durch den dünnen Körper lief immer noch ein Zittern.
   Larissa saß da und spürte kaum, dass die Nässe des Rasens ihr Baumwollkleid durchdrang, dass überall an ihren Beinen abgemähte Grashalme klebten. Der Geruch von Erde und frisch geschnittener Kiefer wehte ihr in die Nase, vermischte sich mit dem intensiven Geruch der Hortensienblüten.
   Das Lämmchen und sie starrten sich an, vereint in Verwirrung und Schock. »Wie kann ich dir noch helfen?«
   Das kleine Lamm glotzte nur zurück. Larissa erinnerte sich, dass man ein junges Tier nie anfassen sollte, weil die anderen Tiere es dann meiden würden.
   »Also, ich werde dich nicht mehr anfassen. Das wird schon wieder.« Sie blickte zum Muttertier, das aus sicherer Entfernung zusah und hin und wieder blökte. Die anderen aus der Herde schien es weniger zu interessieren.
   Larissa betrachtete das Kleine genau. Nie zuvor war sie einem winzigen wilden Tier so nah gewesen. Auf der rechten Seite des Rückens standen ein paar Locken ab. Larissa hätte sie gern glatt gestrichen. Einige dunkle Fellhaare lagen deplatziert im Gras. Das Lämmchen sah sie an, als wüsste es, dass sie einmal zu ihm gehört hatten. Bei genauem Hinsehen wirkte das Fell unversehrt. Die Knopfaugen schimmerten abgrundtief.
   Larissa wartete. Sie wusste nicht, wie lange das Lämmchen und sie sich auf der feuchten Wiese beäugten, ab und zu blinzelten und über die merkwürdige Situation nachsannen. Jedenfalls klingelte irgendwann im Haus das Telefon. Larissa stand auf und entfernte sich von dem Tier. Als sie zurückschaute, sah sie, wie das Muttertier auf das Junge zulief, es mit der Schnauze beschnupperte und sich neben es legte. Mutter und Kind waren wieder vereint. Larissa durchdrang ein Glücksgefühl.
   Sie war schon fast in der Diele, als der Anruf zu ihrem Handy weitergeleitet wurde. Sie schnappte sich das Mobiltelefon vom Küchentisch. »Hallo.«
   Aufgelegt.

Kapitel 6


Larissa schlenderte über den kleinen Friedhof. Auf einem Grab verwelkten ein paar Grabkränze in der Sonne. »Für unseren Papa« stand auf einem, »Für meinen Sohn« auf einem anderen.
   Larissa trat näher an ein weiteres Grab heran, um den Namen auf dem Stein zu entziffern.
   Isabelle Dubois.
   Hier lag ihre Mutter. Aber von einem Ehemann war nichts auf dem Stein zu sehen. Sie drehte sich um, nichts. Nebenan lagen ihre Großeltern Odette und Joseph Crenn, die sie natürlich nicht gekannt hatte. Es war ein eigenartiges Gefühl. Zu ihren Füßen lagen die Überreste ihrer echten Familie, nur nicht die des Mannes, der sie gezeugt hatte. Oder etwa doch? Sie starrte auf den Namen Joseph Crenn. Ein Schauder lief ihr über den Rücken. Sie sah zu dem Grab von Isabelle, und ihr fiel auf, dass beide Gräber sehr gepflegt waren. Dann kam jemand hierher. Wer war das? Larissa war so aufgewühlt und von einer seltsamen, in ihrem Innersten verborgenen Traurigkeit erfüllt, dass sie beinahe geweint hätte. Sie wollte hinter das Geheimnis um ihre Herkunft kommen, auch wenn es schwer zu verkraften war. Und doch, als sie jetzt an diesem warmen Maitag auf dieses Grab blickte, traf es sie. Traf die ganze Wahrheit sie mit voller Wucht. Und sie wusste in diesem Augenblick, dass sie keine Ruhe, keinen Frieden finden würde, bis sie herausgefunden hatte, wer ihr leiblicher Vater war.

*

Es war drei Uhr nachmittags, die kleine Kirche Saint Quay dunkel und still. Larissa stand am Ende des Mittelschiffs und sah den Gang entlang zum Altar. Dahinter war auf einem kleinen Fenster eine biblische Szene dargestellt. Die Nachmittagssonne fiel durch das bunte Glas und flimmerte in tausend kleinen Strichen durch den Raum.
   Links von ihr hing das Kreuz mit Jesus Christus. Auf der rechten Seite des Kirchenschiffs waren Nischen in die Steinmauern eingelassen, in denen sicherlich Heiligenstatuen gestanden hatten. Doch als Gott verschwunden war, hatten die Heiligen dieses Kirchenschiff mit ihm verlassen. Die Nischen waren jetzt leer wie die Augenhöhlen eines Schädels.
   Larissa drehte sich wieder um und betrachtete Jesus am Kreuz. Die Dornenkrone, die Nägel durch die Hände, und die Lider vor Schmerz geschlossen. Der Körper verhöhnte sie mit seinem stummen Leiden. Egal, was Anne versucht hatte, ihr beizubringen, sie fand hier keine Gnade, keine Hoffnung, kein Ziel. Welche Absicht konnte in einem so grausamen Akt Gottes liegen?
   Die alte Feindschaft flammte wieder auf, ein Zorn, den sie längst verpufft geglaubt hatte. Sie spürte, wie ihr Herz zu klopfen begann, ihre Ohren zu rauschen. Und über den Lärm hinweg die geflüsterten Worte: »Kann ich Ihnen helfen?«
   Von ihrem Zorn auf Gott und dem Gefühl der Enttäuschung erfüllt, überlegte Larissa nicht, wer diese Frage gestellt haben könnte. Sie schüttelte den Kopf. »Dafür ist es zu spät. Vor langer Zeit hätte ich deine Hilfe gebraucht, wo warst du da? Du hast deine Chance verpasst.«
   »Verzeihung?«
   Dieses Mal erkannte Larissa, dass die Stimme aus dem Hintergrund von der Tür zur Sakristei kam. Alles Blut wich aus ihrem Gesicht, und als sie sich umdrehte, stand sie vor einem großen, schlanken Mann mit dunklem Haar und wässrigen grauen Augen.
   »Es tut mir leid – ich war …« Larissa brach ab. »Was sagten Sie?«
   »Ich habe gefragt, ob ich Ihnen helfen kann.«
   Larissa sah ihn an, dann blickte sie über die Schulter zurück auf das Kreuz. Sie schloss die Augen und stieß einen tiefen Seufzer aus.
   »Es ist in Ordnung«, sagte er. »Die Menschen kommen oft herein, um hier zu beten. Wenn ich Sie störe, gehe ich einfach in mein Büro zurück.«
   »Ich habe nicht …« Was konnte sie sagen? Dass sie nicht gebetet hatte? Aber sie hatte doch mit Gott gesprochen, nicht? Oder zumindest mit dem Schatten des Gottes, der vor so langer Zeit aus ihrem Leben verschwunden war. »Sind Sie der Pfarrer dieser Kirche?«
   Der Mann trat vor. »Ja. Ich bin Boris Gardet.« Er hielt ihr seine Hand hin und betrachtete sie eindringlich. Also war er nicht der Pastor, der Isabelle beerdigt hatte, schoss es Larissa durch den Kopf. »Und Sie sind die Deutsche, die das Mühlenanwesen gemietet hat?«
   Gemietet nahmen die Leute an. Vielleicht war es auch besser so, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. »Das bin ich. Schön, dass Sie mich erkannt haben.« Larissa entspannte sich. Jetzt begab sie sich auf bekanntes Terrain. Analysieren, wo ihre natürliche Freundlichkeit und ihre Menschenkenntnis sehr hilfreich waren. »Ich würde gern mit Ihnen sprechen.«
   »Mit mir?« Er zog die Augenbrauen in die Höhe. »Nun, ich fühle mich geschmeichelt. Kommen Sie doch mit in mein kleines, bescheidenes Büro.« Er ging den Flur entlang zu einem Raum, der mit Bücherregalen gesäumt war, und in dem ein kleiner Tisch stand, der als Schreibtisch diente.
   Hinter einem alten Drehstuhl war in einer Nische des Bücherregals ein Computerbildschirm zu sehen. Der Bildschirmschoner zeigte einen Bibelvers in Neongrün auf dunklem Hintergrund: Bittet, so wird euch gegeben.
   Larissa nahm auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz. Sie versuchte, sich so hinzusetzen, dass sie den Bildschirm nicht im Blickfeld hatte. Sie holte ihre Notizen heraus und sah ihn an. »Pfarrer Gardet …«
   »Nennen Sie mich doch Boris.«
   »Also dann, Boris. Ich würde gern mehr über das Anwesen und deren ehemalige Bewohner erfahren.«
   »Warum?«
   »Na«, Larissa machte eine diskrete Pause, »weil ich es vielleicht kaufen möchte.«
   »Ich wusste nicht, dass es zum Verkauf steht.« Der Pfarrer sah sie fragend an.
   Musste er sich jetzt von seiner hartnäckigen Seite zeigen? »Ich habe so was verlauten hören«, widersprach sie.
   »Ich muss zugeben, es wäre nicht ungewöhnlich. Man verkauft lieber an Deutsche oder Engländer. Die zahlen eben mehr.«
   »Kennen Sie den Kollegen, der hier 1967 die Pfarrgemeinde leitete?«, fraget Larissa schnell, um von dem Verkaufsgespräch abzulenken.
   Er runzelte die Stirn. »Kann mich nicht erinnern. Wie kommen Sie gerade auf diese Jahreszahl?«
   Larissa wurde langsam wütend. Warum musste er ständig ihre Fragen mit einer Gegenfrage beantworten?
   »Nun, natürlich war ich damals hier noch nicht Pfarrer. Ich bin Jahrgang 1975.« Er grinste und blinzelte ihr zu, als sollte Larissa diese Bemerkung lustig finden.
   Sie lächelte höflich. Während seiner Predigt muss er zum Totlachen sein, würde Melanie jetzt sagen.
   »Und um ehrlich zu sein, ich lebe noch nicht sehr lange in dieser Gegend – erst seit etwa vier Jahren. Aber ich glaube, mich an den Namen Beauvais zu erinnern. Ich bin kein Experte in der Geschichte dieses Ortes. Und die Kirchenbücher befinden sich in Nantes.«
   Für jemanden, der »kein Experte« war, hatte Pfarrer Boris Gardet jedoch viel zu sagen. Er redete wie ein Wasserfall über Kirchenwachstum und Entwicklung, das neue Bausparprogramm für den Kindergarten und die steigenden Kosten. Er fragte sogar, ob Larissa eine Gemeinde habe, in der sie sich zu Hause fühle, gab ihr ein Gebetsheft in die Hand und lud sie zum Gottesdienst ein.
   Unwahrscheinlich, vor allem, wenn seine Predigten ebenso langatmig waren. Sie verbrachte bereits mehr als eine Stunde in diesem Büro und bekam keine brauchbaren Informationen. Das war die reinste Zeitverschwendung. Ihr blieb nichts anders übrig, als nach Nantes zu fahren und es dort zu versuchen. Falls sie es schaffte, sich von diesem redseligen Pfarrer Gardet loszueisen.
   Schließlich unterbrach sie ihn, so höflich es ging. »Ich weiß es zu schätzen, dass Sie mir Ihre kostbare Zeit widmen, aber ich muss jetzt gehen.«
   Er erhob sich von seinem Stuhl und schüttelte ihr die Hand. »Vielen Dank, dass Sie vorbeigekommen sind. Wenn ich Ihnen weiterhelfen kann, sagen Sie Bescheid. Vielleicht möchten Sie eine Spende für die religiöse Gemeinde in Saint-Quay-Perros machen? Ich könnte …«
   »Ich werde daran denken.« Larissa suchte ihre Sachen zusammen und ging zur Tür.
   »Ach übrigens«, sagte Pfarrer Gardet, als sie gerade flüchten wollte. »Ich kenne jemanden, der Ihnen vielleicht weiterhelfen könnte.«
   Larissa drehte sich um.
   »Unser ältestes Mitglied, Clementine Beghin. Sie wohnt am Ende der Straße in dem Haus neben der ehemaligen Schule. Sie war hier Lehrerin. Sie ist schon weit über achtzig, aber ihr Verstand arbeitet noch messerscharf.« Er schrieb etwas auf einen Zettel und reichte ihn Larissa. »Das ist die Hausnummer. Clementine liebt Besucher.«

*

Larissa erschauderte, als sie das alte Haus erblickte. In Frankfurt würde man so eine Ruine abreißen. Alles war uralt, Fenster und Eingangstür mit Patina bedeckt. Die Scheiben milchig und verkratzt. Larissa straffte ihre Schultern und klopfte an die Holztür.
   Eine kleine Frau mit einem zaghaften Lächeln öffnete die Tür. Ihr weißes Haar war so dünn, dass die helle Kopfhaut durchschimmerte. Ihr Gesicht sah aus wie gefaltetes Pergamentpapier mit nur einigen kleinen roten Äderchen über den Nasenflügeln. Was auffiel, war die Lippenstiftfarbe. Ein kräftiges Rosarot. Sie lächelte und reichte Larissa eine knochige, mit Altersflecken übersäte Hand. »Hallo, schöne Frau«, meinte sie mit leiser Stimme.
   Nachdem Clementine Beghin sie hereingebeten hatte, glaubte Larissa, ihren Augen nicht zu trauen. Was außen so trostlos aussah, war innen die reinste Puppenstube.
   »Setzen Sie sich doch.«
   Larissa nahm auf einem knarrenden, kunstvoll gearbeiteten Stuhl Platz und lächelte, während Clementine noch immer ihre Hand hielt und ihre Finger tätschelte. »Mein Name ist Larissa Awen, Madame Beghin, und ich möchte gern mit Ihnen sprechen.«
   »Das ist schön, meine Liebe. Ich habe nachmittags gern Besuch.« Sie lächelte breit und ihre Zähne verrutschten etwas. »Sie sind neu hier im Ort?«
   »Eigentlich nicht«, korrigierte Larissa. »Ich komme ihretwegen.«
   »Meinetwegen?« Die alte Frau tätschelte auch weiterhin Larissas Hand, und einen Augenblick lang war Larissa wieder das zehnjährige Mädchen, das im Regen am Grab ihrer Großmutter stand und spürte, wie ihre Mutter und ihr Vater vergebens versuchten, ihr Trost zu geben.
   Sie schüttelte die Erinnerung ab und drückte sanft die knorrige Hand. »Pfarrer Gardet meinte, ich solle Sie besuchen. Ich recherchiere für eine Geschichte über die Familie Crenn, genauer um Isabelle. Ich versuche, herauszufinden, wer der damalige Pfarrer der Gemeinde war. Pfarrer Gardet meinte, Sie würden sich vielleicht erinnern.«
   »Ich erinnere mich an alle Crenns«, flüsterte Clementine. »Meine Erinnerungen sind alles, was mir geblieben ist. Alles andere, alle anderen, sind fort.« Tränen stiegen ihr in die grauen Augen und sie schüttelte den Kopf. »Es ist nicht richtig, die eigenen Schulkinder zu überleben, wissen Sie? Ich werde jetzt neunundachtzig. Keine Ahnung, warum der Herr mich nicht einfach zu sich holt.«
   »Dann waren Sie also während der Sechzigerjahre Lehrerin in diesem Ort?«
   Clementine nickte. »Ich bin hier aufgewachsen. Wurde hier getraut, meine Kinder wurden hier getauft.« Sie hielt inne und schluckte. »Auf dem Friedhof liegen mein Mann und meine Kinder begraben, obwohl sie keine Kinder mehr waren, als sie starben.«
   Larissa verspürte den Wunsch, die Zeit und ihre Recherche zu vergessen und der alten Frau einfach nur zuzuhören, wie sie über die Vergangenheit und die Menschen sprach, die sie als ihre Schützlinge bezeichnete. Aber die Bankerin in ihr mit dem analytischen Verstand konnte nicht erwarten, zu hören, was Clementine zu dem zu sagen hatte, was sie wissen wollte. »Erinnern Sie sich an die Tochter der Crenns, an Isabelle?«
   »Nettes Mädchen«, murmelte Clementine. »Joseph Crenn war ein sehr strenger Vater. Er hat Isabelle immer spüren lassen, dass sie nicht der Sohn war, den er sich gewünscht hatte. Und er war wie die ganze Familie sehr gläubig.«
   »Und der Pfarrer damals …«
   »Michael Beauvais? Der ging 1966 nach Afrika und ist so viel ich weiß nie mehr wiedergekommen.«
   »Aber da gab es doch noch eine Tochter. Und wo ist die jetzt?«
   Clementine runzelte die Stirn und sah Larissa in die Augen. »Sie sind alle tot.«
   »Alle tot?« Larissas Herz sank.
   »Aber ja, mein Kind. Die Menschen leben nicht ewig, wissen Sie?« Sie lächelte schelmisch. »Außer mir. Ich schätze, der Herr mag eine vertrocknete alte Frau wie mich nicht bei sich haben.«
   »Ich würde denken, der Herr möchte vor allem Sie bei sich haben«, widersprach Larissa. Es war ein seltsames Gefühl, so etwas zur dieser ihr völlig fremden Frau zu sagen, vor allem die Worte der Herr. Aber sie konnte nicht anders. Clementine war sehr sympathisch, und wenn Gott sie nicht wollte, dann war er selbst schuld.
   »Sie sind sehr nett, Kind«, murmelte Clementine.
   »Könnten Sie mir mehr von ihnen erzählen, den Crenns und von Isabelle, meine ich?«
   »Man munkelte, Isabelle sei schwanger gewesen, und ihr Vater hätte sie für die Zeit bis zur Niederkunft nach Rennes geschickt, damit niemand etwas mitbekam.«
   »Und das Kind?«
   »Es wurde nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Habe ich später gehört.«
   »Wusste man, wohin es gekommen war?«
   »Ich weiß es nicht. Ich wusste ja nicht einmal, dass Isabelle schwanger war.«
   »Das dachte ich mir«, sagte sie schnell, um sich von diesem Gedanken zu befreien.
   »Sie scheinen eine kluge Frau zu sein.« Clementine setzte sich neben Larissa in einen Armlehnstuhl und begann erneut, Larissas Hand zu tätscheln. Larissa schüttelte den Kopf. »Es muss Ihnen seltsam vorkommen, dass ich Sie über die Familie Crenn und vor allem über Isabelle so ausfrage.«
   »Sie werden Ihre Gründe haben. Und ich möchte Ihnen gern helfen.«
   »Das ist sehr nett von Ihnen, Madame Beghin.«
   »Nennen Sie mich Clementine.«
   »Was wissen Sie noch über Isabelle?«
   »Soviel ich weiß, hat sie zwei Jahre später geheiratet, aber der Mann muss einige Zeit später gestorben sein. Dann kam sie zurück und hat das Mühlenanwesen ihres Vaters übernommen, weil er sehr krank wurde und nicht mehr arbeiten konnte. Auch ist Isabelle nicht mehr zur Kirche gegangen, man hat sie kaum noch gesehen.«
   »Und niemand hat gewusst, dass sie eine Toch… ein Kind hatte?«
   »Nein. Isabelle verließ den Ort – zur Ausbildung, wie behauptet wurde. Die Bewohner fanden es schon seltsam.«
   »Was meinen Sie damit?«
   »Na ja, zum einen kam man aus einem Dorf, niemand hier hatte viel Geld und jede Arbeitskraft wurde gebraucht. Es war kaum genügend Geld zum Essen und ein Dach über dem Kopf vorhanden. Natürlich wohnten die Crenns in einem Haus direkt an der Mühle. Und sie mussten nicht hungern. Aber für eine Ausbildung nach Rennes?« Sie hielt inne und fuhr sich mit ihrer zitternden Hand über die Augen. »Aber da war noch etwas anderes.«
   Larissa merkte, dass die alte Frau müde wurde, aber sie drängte weiter. Sie musste einfach. »Was denn?«
   »Isabelle wusste nicht, wo ihr Baby hinkam.«
   »Ist das so ungewöhnlich bei einer Adoption?«
   Clementine lächelte und nickte. »Ein Kind gegen seinen Willen herzugeben, ich weiß nicht … Joseph Crenn hatte weitergelebt wie bisher, als wäre nichts passiert. Aber seine Frau trauerte, als hätte sie Isabelle verloren. Und Isabelle hat es nie überwunden. Und soweit ich weiß, hat niemand jemals wieder über dieses Kind gesprochen. Nie wurde sein Name genannt.«
   Larissa lehnte sich in ihrem knarrenden Stuhl zurück und dachte über Clementine Beghins Worte nach. Die alte Frau war tatsächlich noch sehr klar bei Verstand. Sie konnte sich an die Sechzigerjahre erinnern, als wäre es gestern gewesen. Und ihre Erinnerungen hatten Larissas Nachforschungen in einer Sackgasse enden lassen.
   Die Crenns waren tot. Isabelle war tot. Der größte Teil von Larissas Hoffnung war gestorben. Aber wer war ihr biologischer Vater? Vielleicht lebte er ja noch? Zum ersten Mal hatte sie ein aufrichtiges Gebet gesprochen, und es war nicht erhört worden. Bestimmte Dinge änderten sich eben nie. Vielleicht sollte diese Geschichte nie ans Tageslicht gebracht werden.
   Larissa sah auf ihren Notizblock und die vier Namen, die dort aufgelistet standen – vier Menschen, deren Träume gestorben waren – vermutlich lange, bevor sie ihren letzten Atemzug taten. Es war ein nutzloses Unterfangen. Diese Geschichte hatte sie so gefesselt.
   Sie nahm ihren Stift zur Hand und strich die beiden ersten Namen auf der Liste durch: Joseph und Odette Crenn, Isabelle, Denise …
   »Was tun Sie da, meine Liebe?«
   Larissa erhob sich und hielt den Notizblock so, dass Clementine ihn sehen konnte. »Das sind nur meine Notizen zu den Personen, die ich aufzuspüren versuche. Ich habe Denise, Isabelle, Odette und Joseph gestrichen. Wenn sie tot sind, kann ich sie wohl kaum noch befragen, nicht?«
   »Denise?«
   »Die Schwester von Isabelle.«
   »Denise ist gestorben? Wann?«
   »Nun, das weiß ich nicht.« Verlor die alte Frau jetzt den Bezug zur Realität? Larissa betrachtete sie vorsichtig. »Sie haben mir doch gesagt, sie sei tot.«
   »Das habe ich nie gesagt. Für eine intelligente Frau hören Sie aber nicht sehr gut zu, Madame Awen. Sie haben mich nicht nach Denise gefragt, sondern nur nach ihrer Schwester und nach den Eltern. Achten Sie auf das, was Sie sagen, meine Liebe.« Clementine hob ihren Finger und deutete auf die Tür. »Wenn seit dem vergangenen Sonntag nichts passiert ist, dann ist Denise gesund und munter. Sie wohnt in Arradon, am Golf von Morbihan.«
   Larissa ließ sich in den Stuhl hineinsinken, als hätte sie einen Kinnhaken bekommen. »Sie ist am Leben? Und war hier?«
   »Natürlich. Ein paar von uns alten Dorfbewohner sterben nicht, meine Liebe. Wir leben ewig weiter. Sie kommt mich hin und wieder besuchen.«
   »Warum haben Sie mir das denn nicht gesagt?«
   Clementine lächelte strahlend und richtete mit zitternder Hand ihre Zähne. »Wenn ich Ihnen das sofort erzählt hätte, hätten Sie sich dann noch weiter mit mir unterhalten?«
   Larissa verengte die Augen. »Sie sind der Teufel in Person.«
   »Vielleicht. Aber da wir uns nun so gut kennen, kommen Sie doch sicher noch einmal wieder und besuchen mich, nicht?«
   »Nichts auf der Welt wird mich davon abhalten können.« Larissa erhob sich, nahm ihren Block und ihre Tasche und gab der alten Frau einen Kuss auf die faltige Wange. »Vielen Dank.«
   »Wissen Sie«, murmelte Clementine, als Larissa gehen wollte, »vielleicht hat Gott mich doch nicht vergessen.«
   Larissa drehte sich um und beugte sich über den Armlehnstuhl. »Was meinen Sie?«
   »Vielleicht hat er mich hiergelassen, damit wir uns kennenlernen. Damit Sie Denise finden – und was immer Sie suchen.«
   Larissa musste schlucken. »Vielleicht.«
   »Sie haben Zweifel an den Absichten Gottes?« Die alte Frau legte ihren Kopf zur Seite.
   »Das könnte man sagen, Clementine. Man könnte sogar sagen, dass ich nicht mehr an Gott glaube.«
   »Das ist in Ordnung, Kind«, murmelte sie. »Gott glaubt aber noch an Sie.« Sie tätschelte Larissas Wange. Ihre Hand war rau wie alter Tweed. »Und jetzt fahren Sie zu Denise. Suchen Sie Ihr Schicksal.«
   Das war wirklich ein seltsamer Abschiedsgruß. Die Worte ließen Larissa nicht los, als sie aus dem Gewirr von Sträßchen und Spazierwegen den Weg zur Mühle fand. Schließlich stand sie vor dem Haus ihrer Mutter. Immer wieder klangen die Worte in ihr nach: Fahren Sie zu Denise. Suchen Sie Ihr Schicksal.
   »Es ist doch nur meine Tante«, murmelte sie verhalten und suchte den Schlüssel in ihrer Handtasche. Die Tante, die sie nie gekannt hat. Aber warum klopfte ihr Herz dann so wild?

Kapitel 7


Larissa brauchte eine Ablenkung, um das Gespräch mit Clementine sacken zu lassen. Sie fuhr Richtung Perros-Guirec, las Schilder wie Corniche bretonne. Klang verlockend, aber sie wollte an den Strand, zum Plage de Trestraou.
   Das beliebte Seebad lag im Halbrund an der Küste. Es schien gerade Flut zu sein, die Wellen waren enorm hoch, und die Surfer tanzten auf den Wellen. Ein paar Jugendliche saßen auf den von der salzigen Luft verwitterten Bänken und sangen. Eine ältere Frau wiegte ihren Kopf hin und her und ließ ihren Blick über das Meer gleiten. Mit Rucksack und Wanderschuhen ausgerüstete Touristen studierten auf einer Karte die Küstenpfade. Ein verliebtes Pärchen küsste sich leidenschaftlich. Gestresste Eltern versuchten, ihre Kinder im Zaum zu halten.
   Larissa flanierte über die Promenade und ging einige Stufen hinunter, bevor ihre Füße den Sand spürten. Das Licht war herrlich, alles fügte sich zu einem perfekten Bild.
   Sie setzte sich mitten in den Sand und kramte in ihrer Tasche, bis sie ihren Notizblock zu fassen bekam. Sie schlug eine leere Seite auf und fing an zu skizzieren. Sie musste diesen Augenblick festhalten.
   Sie war so in ihre Zeichnung vertieft, dass sie ihren eigenen Aufschrei zuerst überhaupt nicht vernahm. »Merde«, hörte sie sich fluchen.
   Ihr Bild war mit Hunderten von kleinen und dicken Wassertropfen übersät. Sie hob den Kopf und hatte noch nie in solche stahlblaue, freundliche Augen geschaut. Ein schlanker junger Mann mit wirren, von der Sonne gebleichten dunklen Haaren und breiten Schultern sah auf sie herab.
   »Die Zeichnung ist hin«, jammerte sie. »Können Sie nicht aufpassen?«
   »Pardon. Es tut mir wirklich leid. Das ist ein Reflex, meine nassen Haare auszuschütteln. Ich wollte …«
   »Ja, wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt«, murmelte sie.
   »Bitte?«
   »Nichts, vergessen Sie es.«
   »Sind Sie absichtlich so scheußlich oder ist das eine Begabung?«
   Larissa klappte der Mund nach unten. »Unverschämtheit. Was glauben Sie eigentlich …«
   »Wollen Sie mal surfen?«, fragte er, ohne auf ihre Tiraden zu reagieren.
   »Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen«, sagte Larissa mit einem Blick auf das schmale Brett.
   »Es würde Ihnen bestimmt gefallen, wenn Sie es nur mal versuchen. Es gibt kaum etwas Schöneres, als mitten auf dem Meer zu sein, nichts als Himmel und Wellen um dich herum.«
   »Ich mag diese wilde See nicht«, sagte Larissa. »Es macht mir Angst.« Ihr fiel auf, welch ungeheure Energie dieser Mann ausstrahlte.
   Er sah sie nachdenklich an. »Ich weiß, alles, was ich jetzt sage, könnte möglicherweise gegen mich verwendet werden.« Er grinste.
   Larissa musste gegen ihren Willen kichern.
   »Darf ich Sie als Entschuldigung heute Abend zum Essen einladen? Acht Uhr?«
   »Ich glaube nicht …«
   »Angst?«
   »Was? Nein, zum Teufel, ich habe keine Angst. Es ist nur …«
   »Also um acht. Ich hol Sie ab. Wohnen Sie hier in einem der Hotels?«
   »Äh.« Was ging ihn das an? Nichts, würde sie sagen! »Die Mühle in Saint-Quay-Perros.«
   Er nickte nur und ging Richtung Surfclub. Er drehte sich plötzlich um, kam einige Schritte wieder auf Larissa zu und sah sie stirnrunzelnd an. »Sind Sie immer so dominant?«
   »Ja«, entgegnete sie. »Immer.«

*

Fleetwood Mac dröhnte aus den Lautsprechern. Das Deckenlicht brannte. Und Larissa malte. Endlich wieder. Nur gut, dass sie alle Utensilien eingepackt hatte. Das Mühlenhaus war leer und großräumig. Und so konnte sie sich regelrecht austoben. Sie suchte in ihrer Kiste nach einer Tube Titanweiß und gab einen Tupfer auf ihre Palette.
   Nach ihrer Strandbegegnung hatte sie beim Verlassen des Strandes eine Welle kreativer Energie in sich gespürt und beschlossen, sie zu nutzen. Hatte sogar einen Supermarkt gefunden, der Staffelei und Leinwände anbot. Also hatte sie losgelegt.
   Sie strich etwas Blau auf die Leinwand. Zu hell.
   Plötzlich huschte ein Gesicht an der Staffelei vorbei. Larissa ließ vor Schreck den Pinsel fallen und schrie auf.
   »Abendessen, vergessen?«, flüsterte er.
   »Was? Sie haben mich zu Tode erschreckt. Wie kommen Sie herein?«
   »Ihr Zufahrtstor war nicht abgeschlossen. Und ich habe an dieser Tür einige Male geklopft. Nur bei diesem Krach laufen Ihnen die Schafe davon.« Er lachte.
   Larissa zuckte verlegen die Achseln.
   »Sie hatten nie vor, meine Entschuldigung anzunehmen und mit mir essen zu gehen, richtig? Wusste ich es doch, Sie würden kneifen.« Er kam zu ihr, ganz nah, sodass sie ihm in die Augen blicken musste.
   Seine Nähe und sein Geruch ließen alle ihre Sinne in Alarmbereitschaft treten. Eine Gänsehaut überlief sie.
   »Okay. Nun, wenn ich Sie nicht in ein Restaurant ausführen darf, dann muss ich mir wohl etwas anderes einfallen lassen.«
   »Wie bitte?«
   »In einer halben Stunde wäre ich wieder da. Ist das okay?«
   »Was um Himmels willen … wie heißen Sie eigentlich?«
   »Bis später. Und ich heiße Maurice. Und Sie?«, fragte er, während sich dabei umdrehte und rückwärtsging.
   Larissa sah ihm verwirrt an. »Larissa Awen.« Sie ließ sich auf den Boden sinken, verschränkte die Arme über der Brust und konnte es nicht glauben. Dieser freche Bengel schlich sich einfach in ihr Leben. Was wollte er von ihr? Sie kannte ihn doch überhaupt nicht. Morgen würde sie als drittes Opfer eines Serienkillers in allen Nachrichten erscheinen.
   Larissa, hör auf. Kann denn etwas noch schlimmer werden, als es schon ist? Sie stand auf und ging zum Haupthaus.

*

Als es kurz nach halb zehn an der Haustür klingelte, stand Maurice auf der Terrasse, eine riesige Schachtel im Arm. Er eilte an ihr vorbei und stellte sie in der Küche ab.
   »Augenblick, ich habe noch mehr davon. Und nicht gucken!«
   Larissa sah ihm zu, wie er zum Wagen zurücklief und einen weiteren Karton vom Rücksitz des Kombis hervorholte. Er war wirklich ein schöner junger Mann – aber nicht nur sein Gesicht, sondern auch die Art, wie er sich bewegte. Als er wieder ins Haus trat, folgte sie ihm durch das dunkle Esszimmer. Ihr Adrenalinspiegel war dermaßen hoch, dass sie fürchtete, sie könnte wie ein Glühwürmchen zu leuchten beginnen.
   »So das hätten wir«, meinte er, als schließlich beide Schachteln auf dem Küchentisch standen und er sich seiner Jeansjacke entledigt hatte. Er lächelte ihr zu. »Wenn Madame Awen bitte Platz nehmen möchte?«
   Larissa setzte sich an den Tisch.
   Er gestikulierte nach Art eines Zauberers, ehe er die erste Schachtel öffnete. Im nächsten Augenblick roch es in Larissas Küche wie in einem Bistro. »Ich weiß ja, Sie haben es eilig, zu Ihrer Staffelei zurückzukehren, deshalb muss es mit dem Essen schnell gehen. Leider wusste ich nicht, was Sie gern mögen, und ich wollte kein Risiko eingehen, deshalb …« Er holte ein Menü aus der Schachtel hervor. »Gratinierte Austern. Dazu bretonischer Salat, Jakobsmuschelterrine oder Meeresfrüchteplatte.« Er begann eine neue Runde. »Pizza!«, verkündete er und stellte drei flache Kartons auf den Tisch. »Meeresfrüchte, Wurst und einmal vegetarisch. Was haben wir da noch?«, sagte er, lächelte und holte drei lange weiße Tüten hervor. »Bretonische Hähnchenbrustfilets und Cassoulet mit Seeteufel.« Damit war die erste große Schachtel endlich geleert, und er warf sie auf den Boden, ehe er sich an die zweite machte. »Spezialitäten! Mal sehen …« Maurice holte einen kleinen weißen Karton nach dem anderen hervor. »Bretonischer Eintopf, Calvadoskoteletts, Weißwurst aus Rennes, Blumenkohlgratin.« Er stellte die Menüs nebeneinander auf den Tisch.
   Larissa hielt sich den Bauch vor Lachen. »Maurice!«, brachte sie schließlich heraus. »Was haben Sie vor?«
   »Ich möchte Ihnen zu einem netten Abendessen verhelfen, das ist alles.« Im nächsten Augenblick begann er ganz im Stil eines Werbespots zu gestikulieren. »Einen Augenblick! Das ist noch nicht alles! Kerzen sorgen für romantische Stimmung. Papierteller und Servietten, damit Madame ihre zarten Hände säubern kann. Plastikbesteck, damit Madame sich den Abwasch ersparen kann.« Er legte das Besteck auf die Teller und stellte schließlich mit schwungvoller Gebärde eine rosa und weiß gefärbte Papiertüte auf den Tisch. »Zum Dessert Far Breton in verschiedenen Geschmacksrichtungen, pur, mit Backpflaumen oder mit Rosinen.« Als Nächstes kam ein Korkenzieher und danach zwei Flaschen Wein. »Einen Roten zur Pizza, einen Weißen zum Hühnchen – und Bier für den Eintopf oder Cidre«, erklärte er, während er die Flaschen auf dem Tisch platzierte. »Außerdem Tee – na ja, okay, Teebeutel. Dann noch Pepsi, Cola light, Orangensaft und Mineralwasser.« Er setzte sich und stützte sein schönes, jungenhaftes und doch kluges Gesicht in die Hände, wobei er Larissa mit einem neugierigen Blick ansah. »Und woher kommt die Hortensien-Pracht in der Vase, wenn man fragen darf?«
   Larissa konnte bereits Melanie hören, die ihr alle möglichen Fragen stellen würde. Also, meine Liebe, stimmt es, dass dieser unschuldige Junge dir bloß ein paar Gerichte vorbeibrachte und du ihn daraufhin vernascht hast? »Die sind aus dem Garten, das ganze Grundstück ist voll davon.« Larissa konnte ihn kaum ansehen. Sie konnte sich nicht erinnern, je ein so starkes Begehren für einen Mann verspürt zu haben. Maurice lächelte. Er öffnete die Schachtel mit den Austern und reichte sie ihr. »Zitrone dabei?«

*

Larissa wusste nicht mehr, was sie geredet hatten, oder wer zuerst aufgestanden war, und auch nicht, wer den anderen zuerst berührt hatte.
   Sehr wohl war ihr noch in Erinnerung, dass es keinerlei Überredungskunst bedurfte und dass alles in stiller Übereinkunft zugegangen schien. Sie hatte längst alle Bedenken hinter sich gelassen.
   Als er aufbrach, ging sie mit ihm vor die Tür. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte den Abend, wenn sie ehrlich war, genossen.
   Sie wusste nicht mehr, wie es geschah. Sie fasste nach seinem Gesicht und küsste ihn, löste sich schnell wieder. »Das hat nichts zu bedeuten«, flüsterte sie und drehte den Kopf verlegen zur Seite.
   »Nein«, flüsterte er zurück, »ich bin ja auch ein absolut oberflächlicher Typ.« Er küsste sie, warm und zärtlich, und zog sie fest an sich.
   Als er den Kopf wieder hob, drückte Larissa ihm einen Kuss auf die Wange. »Komm gut nach Hause.«
   »Schlaf schön, Larissa.«
   »Ist das nicht verrückt?«
   »Ein bisschen.«

*

Maurice sah von seinem Computer auf. Er hatte noch seine E-Mails gelesen und beschlossen, schlafen zu gehen. Er dachte an die vergangenen Stunden zurück. Larissa besaß alle Eigenschaften einer großartigen Frau – Schönheit, Intelligenz und ein Geheimnis.
   Er fuhr seinen Laptop herunter und legte sich auf sein Bett. Lange Zeit konnte er keinen Schlaf finden. Seine Gedanken ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder tauchte vor seinem inneren Auge das Bild einer schönen Frau mit graugrünen Augen und einem Sammelsurium von Malfarben auf.
   Der Duft ihrer Haare hing noch in seiner Nase, und er konnte nicht vergessen, wie sie ihre Hände auf sein Gesicht gelegt hatte. Er stopfte sich das Kissen unter den Kopf und knipste die Nachttischlampe an.

*

Larissa streifte durch das Haus, ging zurück zu ihrem Atelier und spürte Unruhe aufsteigen. Hoffentlich war er gut nach Hause gekommen. Sie hatte nicht einmal seine Telefonnummer, wusste nur seinen Nachnamen, dass er im Club als Surflehrer arbeitete und zweifacher Europameister gewesen war und den Weltmeistertitel anpeilte.
   Es gab so vieles, das passieren konnte.
   Sie ging zum Zeichentisch hinüber und hob den Hörer behutsam auf, ehe sie ihn auf die Gabel hängte. Das alte Telefon funktionierte. Sie ließ die Hand darauf liegen und starrte es an. Verdammt, für einen solchen Unsinn war sie wirklich zu alt. Aber er kannte ja nicht die Nummer, da war sie sich sicher.
   Sie nahm ihr Handy in die Hand und wollte es neben das Telefon legen. Es läutete. Larissa fuhr hoch, ließ das Handy zu Boden fallen und hob es eilig wieder auf. »Hallo?«, brachte sie atemlos hervor, während sie unter dem Tisch hockte.
   »Larissa?«
   Sie erhob sich. »Ja?«
   »Hallo, hier ist Melanie.«
   Sie hatte das Gefühl, das Herz würde ihr aus dem Leib springen. Was war nur mit ihr los? Sie könnte nie etwas mit diesem Jungen anfangen. Noch bevor sie das erste Mal ins Bett kämen, hätte sie wahrscheinlich einen Infarkt.
   »Hallo? Larissa?«
   »Äh, ja. Hallo Melanie. Ich habe das Handy fallen lassen – aber jetzt bin ich wieder da.«
   »Ich weiß, es ist schon etwas spät – aber, äh, ist alles in Ordnung? Du klingst so verstört.«
   »Spät ist gut. Es ist bereits zwei Uhr nachts.«
   Larissa erzählte ihrer Freundin gähnend von dem Abend.
   »Da lässt man dich einmal aus den Augen und schon … Jep! Das klingt aufregend. Da ist ja meine Beziehung mit Kevin fast schon langweilig.«
   »Melanie, hör jetzt auf. Da war nichts und wird nie was werden. Du hast doch ’nen Knall.«
   Melanie kicherte.
   »Wie ist es dir denn mit deinem Kevin ergangen?«, fragte Larissa, um abzulenken.
   Melanie lachte lauter. »Nicht schlecht, Mädchen, gar nicht schlecht. Er ist gerade gegangen. Wir haben uns irgendeinen Film über Snowboard fahren angesehen. Das muss man sich mal vorstellen.«
   Larissa schüttelte amüsiert den Kopf. »Fängst du jetzt mit Wintersport an?«
   »Eher mit Wintersportlern.«
   Eine kurze Pause entstand.
   »Und du hast wirklich einen fremden Mann in dieses Haus hereingelassen?«
   »Nun, ich habe ihn nicht wirklich reingelassen. Er ist einfach … reingekommen.«
   »Und was ist dann passiert? Ich meine, warum bist du so müde? Wie lange ist er denn geblieben? Sag bloß, du hast mit diesem Bürschchen geschlafen.«
   Larissa lachte. »Hast du mit Kevin geschlafen?«
   »Weich nicht vom Thema ab. Hast du jetzt mit diesem Prachtkerl geschlafen oder nicht?«
   »Natürlich nicht. Wir haben nur … geredet.«
   »Aber ja doch. Du klingst nicht gerade so, als hättest du nur geredet. Du klingst eher wie … Ach, verdammt, ich weiß, dass noch keine Woche vergangen ist, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe. Nun, ich habe beschlossen, zu dir in die Bretagne zu kommen. Ich sitze bereits im TGV. Bin um sieben Uhr in Rennes.« Sie legte auf.

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