Nina und Mitch könnten unterschiedlicher kaum sein. Trotzdem oder gerade deswegen prickelt und knistert es zwischen ihnen. Fast wie von selbst kommen sie sich näher. Ganz normal? Nein, denn Nina ist verheiratet und zweifache Mutter. Ihr Mann Mark ist ein Riesenidiot, aber das will sie nicht sehen. Schließlich nennen sich ihre Scheuklappen Heile Familienwelt. Dabei hat sie sich in Wahrheit längst in Mitch verknallt. Für wen wird sie sich entscheiden? Und liegt die Entscheidung überhaupt in ihrer Hand?

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Sabina Tempel

Sabina Tempel ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, unter dem sie Liebesromane veröffentlicht. Müsste sie sich selbst beschreiben, würde sie Eigenschaften wie chaotisch, herzlich, aber auch impulsiv nennen. Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen, ist ihre Spezialität. Auch dem Herz folgt sie gern, manchmal lieber als dem Verstand. Sie genießt und lebt das Leben. Zum Entspannen kuschelt sie sich gern auf ihre große Ledercouch und liest ein romantisches Buch, das sie von Zeit zu Zeit auch selbst schreibt.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1. Kapitel

Nina blinzelte. Hatte Mark nach ihr gerufen? Egal. Leise war sie auf den hinteren Balkon geschlichen, hatte den vom Schnee angerosteten Klappstuhl mühsam auseinandergeklappt, sich hingesetzt und genussvoll die Augen geschlossen. Ein wohliger Seufzer entglitt ihrer Kehle, natürlich beinahe lautlos. Es roch nach Frühling. Noch war es zwar frisch, aber die Sonne gewann an Kraft und streichelte ihr Gesicht. Nina streckte die Zehen lang und rekelte sich behaglich.
   Fast perfekt, wenn nur der Stuhl nicht so unbequem wäre.
   »Mama?«
   Oh nee! Nina machte sich ganz klein.
   Nicht, dass sie auf das Rufen ihrer Kinder nicht reagiert hätte, aber sie kannte diesen Tonfall. Jammernd, gespickt mit einer Prise Aufmüpfigkeit. Das zarte Stimmchen gehörte Töchterchen Mona, die mit ihren fünfzehn Jahren mitten in der berühmt-berüchtigten Pubertät steckte, welche wirklich nicht zu verachten war. Nina fragte sich, wie aus einem völlig normalen Mädchen ein nörgeliger, unzufriedener Teenager hatte werden können, dem die Nase an der Decke festzukleben schien.
   Momentan war ihr Luca mit seinen dreizehn Jahren beinahe lieber. Aber nur beinahe. Immerhin liebte eine Mutter all ihre Kinder gleich. Außerdem schoss er in anderer Beziehung über die Stränge. Er hatte Flausen im Kopf, die seiner Schwester absolut fremd waren. Manchmal wunderte es Nina, dass er noch nicht im Krankenhaus gelandet war, bei all den halsbrecherischen Aktionen, die er mit seinem BMX vollführte, denn Luca reizte so wirklich alles, was einen Hang zum Gefährlichen hatte. Hätte man ihm einen Fallschirm in die Hand gegeben, wäre er wahrscheinlich längst vom nächsten Berg gesprungen. Mona dagegen war die Vorsichtige, nach außen hin schüchtern, daheim jedoch ein richtiger Besen.
   »Mama?« Das Stimmchen legte bereits ein bisschen an Schärfe zu.
   Wie konnte eine Mutter sich auch so einfach verstecken? Was für eine Frechheit.
   Schritte näherten sich. Mist!
   Nina rutschte tiefer, sodass ihr Kopf vom Fenster aus nicht zu sehen war. Hoffentlich kam Mona nicht auf die Idee, auf den Balkon hinauszutreten.
   »Wo ist die denn nur?«, nörgelte es.
   Nicht entdeckt.
   Der Wäschekorb knallte hörbar von der Kommode auf den Boden.
   »Wo hat die nur mein T-Shirt hin?«
   Es rumorte im Schlafzimmer. Wahrscheinlich flogen eben sämtliche gebügelten Kleidungsstücke durch die Luft. Nina verkniff sich ein Stöhnen, aber Hineingehen und Mona zu rügen hätte mit Sicherheit zur Folge gehabt, dass der Sonnengenuss auf dem Balkon der Vergangenheit angehörte.
   Dazu war der Hauch von Wärme viel zu kostbar nach all den kalten Monaten, und Lust auf einen Streit verspürte sie ebenfalls nicht. Die Wäsche musste warten. Ärgern konnte sie sich später immer noch.
   Erneut ertönten Schritte. »Weißt du, wo deine Mutter ist?«
   Mark. Jetzt suchte ihr geliebter Ehegatte sie auch noch.
   »Warum ist denn die Balkontür offen?«, fragte er weiter.
   O nein!
   »Mach sie halt zu«, erklang Monas liebliches Stimmchen.
   Die Schritte näherten sich.
   Falls er sie jetzt entdecken würde, wäre das äußerst peinlich, aber ebenso ungünstig, wenn er jetzt die Tür schließen würde.
   Rums! Und jetzt?
   Warum hatte sie ihn nicht aufgehalten?
   Ganz einfach, weil sie keine Lust auf ein Kopfschütteln und schon gar nicht auf ein nervenzehrendes Plädoyer hatte, wie man sich seinen Kindern gegenüber verhielt oder sich eben nicht verhielt. Basta!
   Mark war lieb und nett. Das war er immer. Deswegen hatte sie ihn auch geheiratet. Er besaß alle Vorzüge, die ein Mann nur besitzen konnte. Er hatte einen guten Job, war gepflegt, sah recht gut aus – es gab nichts, was nicht stimmig war. Okay, er neigte manchmal dazu, Moralpredigen zu halten, was er gerade eben mit Sicherheit getan hätte, denn sein Harmoniebedürfnis ging ihm über alles. Manchmal sah Nina förmlich den imaginären Heiligenschein, der über seinem Kopf schwebte. Die Kinder liebten ihn für sein Friede-Freude-Eierkuchen-Trallala, denn er war so gut wie nie aus der Ruhe zu bringen. Bewegungsfreudig war er noch dazu, sie dagegen die sportliche Oberniete.
   »Schatz?«, klang es aus dem gekippten Wohnzimmerfenster herüber. Mark suchte sie immer noch.
   Nina machte sich ein weiteres Stückchen kleiner, doch alles blieb ruhig. Den Gedanken an die verschlossene Balkontür versuchte sie, zu verdrängen und sich lieber zu entspannen. Die Sonne malte helle Ringe hinter ihre geschlossenen Lider. Das erinnerte sie an früher. An ihre Kindheit, heiße Sommertage und den Geruch nach Sonnenmilch.
   Hey, da war sogar eine Biene.
   Nina entdeckte sie zwar nicht, doch ihr Summen drang laut und deutlich an ihre Ohren. Es wurde wirklich endlich Frühling. Deswegen mochte sie sogar Bienen, ebenso den Flieder, dessen frischer Duft zu ihr heraufdrang.
   »Schatz?«
   O menno! Jetzt suchte Mark sie sogar im Garten. Vorsichtig linste sie über das Geländer, aber er tauchte nicht in ihrem Blickfeld auf. Stattdessen fiel die Haustür ins Schloss. Sie atmete auf. Mark hatte nur hinausgesehen und nach ihr gerufen. Halb so wild. Erneut lehnte sie sich zurück und schloss die Augen, doch selbst die schönsten hellen Sonnenkringel interessierten sie nicht mehr. Auch nicht das Bienengesumme oder der liebliche Fliederduft. Frühlingsstimmung verflogen. Entspannung vorbei.
   Nina kaute an ihrer Unterlippe. Was Mark so Wichtiges wollte? Den Wochenendeinkauf hatten sie gemeinsam erledigt, Besuch hatte sich keiner angekündigt …
   Sie wusste es nicht.
   Die Wäsche. Sie hatte die Wäsche vergessen.
   Wahrscheinlich hatte Mark nachgesehen, ob sie bereits in der Sonne trocknete.
   Sie musste handeln. Und zwar schnell.
   In wenigen Minuten würde er mit voll beladenem Korb zurückkommen. Immerhin kannte sie ihn in- und auswendig. Egal, aber die Wäschespinne befand sich genau unterhalb des Balkons. Leider hatte die Nachbarin – die Ilmenbarth – sie bereits entdeckt. Sie hatte sich zwar stets versucht, unsichtbar zu machen, aber die Ilmenbarth werkelte nun schon seit über einer Stunde in ihrem Garten herum. Suchte wohl alte Blumenzwiebeln, die nicht aufgegangen waren und die sie im Herbst wieder einpflanzen konnte. So war sie – die Ilmenbarth. Manuela mit Vornamen. Die perfekte Mutter, vorbildliche Ehefrau, mit dem Stempel ökologisch wertvoll versehen. Natürlich arbeitete sie noch nebenbei. Trotz ihrer vier Kinder. Was für ein weibliches Wunderwerk. Stets wirkte sie relaxed, als hätte sie eine Packung Baldrian intus. Dabei war sie den ganzen Tag in Bewegung, pflanzte Gemüse im Garten an, anstatt es im Supermarkt zu kaufen. Gekocht wurde frisch, gesund, biologisch und ohne Fixprodukte. In Ilmenbarths Speiseplan existierten auch Pommes, doch die entstanden in der hauseigenen Fertigung. Zum perfekten Übel war Manuela Ilmenbarth sportlich, stets gut gelaunt und unterhielt sich gern mit Mark. Nina wurde es jedes Mal beinahe schlecht, wenn sie die beiden miteinander säuseln hörte. Einer gelungener als der andere.
   Ah, die Ilmenbarth ging ins Haus. Das war die Gelegenheit. Ninas Gedanken überschlugen sich.
   Luca hatte es bereits geschafft. Es war seine Demonstration gewesen, wie leicht bei ihnen eingebrochen werden konnte. Ihr Herz war damals beinahe stehen geblieben, als er erst auf die Mülltonne und von dort auf den Balkon geklettert war. Nina lugte nach unten. Der Balkon war auf die Garage gebaut, die am Berg lag. Auf der einen Seite war es wirklich nicht tief. Schnell verscheuchte sie den Gedanken daran, was man als erwachsener Mensch tat oder eben nicht und schwang wagemutig ein Bein über das Geländer. Hoffentlich waren alle Nachbarn im Haus und schauten nicht aus den Fenstern. Beherzt holte sie das zweite Bein hinterher, schielte vorsichtig nach unten. Es war doch ganz schön tief. Ängstlich hielt sie sich am Balkongeländer fest.
   Und jetzt?
   »Kann ich Ihnen helfen?«, erklang eine belustigte Stimme.
   Nina wäre vor Schreck beinahe abgestürzt, doch instinktiv krallte sie sich fest. Immerhin hatte sie keine Selbstmordabsichten, war lediglich eine sportliche Niete und feige noch dazu. »Was machen Sie denn da?«
   Ihr Herz schlug wie ein Presslufthammer. Und das genau aus zwei Gründen. Erstens hatte sie schlicht und ergreifend Höhenangst, und zweitens hatte jemand – allem Anschein nach ein Mann – ihren peinlichen Abstieg bemerkt. Zaghaft schielte sie erneut nach unten.
   Der Gandini!
   Sie atmete auf. Es war nur der alte Gandini, der die Straße unter ihnen wohnte.
   »Frauen sollten nicht vor ihren Männern ausreißen.«
   »Ich reiße nicht aus«, quetschte sie hervor.
   »Nein?«
   Sie schüttelte den Kopf. Nach langen Antworten war ihr wirklich nicht zumute. Immerhin hing sie noch in luftigen Höhen.
   »Soll ich Ihnen helfen?«, fragte er mit seinem typischen italienischen Akzent.
   »Ja«, antwortete sie kläglich.
   »Dann spring! Es ist nicht hoch.« Schon war er beim Du angelangt.
   »Ich trau mich nicht.«
   »Dein Mann kommt eben mit der Wäsche aus dem Haus.«
   Mark kam in den Garten? Jetzt schon? Konnte er fliegen?
   Apropos fliegen – o Gott! Wenn er sie so sah.
   Nina ging – soweit es am Geländer möglich war – in die Hocke und presste die Augen zusammen. Sie wollte ihren Sturz nicht live mitverfolgen. Mark würde sie jeden Moment entdecken. Sie musste loslassen.
   »Spring!«
   Sie löste die Hände und ließ sich todesmutig in die Tiefe fallen.
   Wow! Sie hatte es geschafft. Der Aufprall war unsanft, doch sie lebte noch. Zwar hätte sie beinahe den Gandini umgeworfen, der versucht hatte, sie aufzufangen, aber zum Glück schwankte er nur. Das hätte ihr gerade noch gefehlt. Vom Balkon gesprungen und einen alten Italiener erschlagen. Aber nichts dergleichen war geschehen. Rein gar nichts. Gandini lebte noch und sie ebenfalls. Keine gebrochenen Knochen, nicht einmal aufgeschürfte Knie. Mark hatte von ihrem Abstieg nicht die Spur mitbekommen. Alles war gut.
   Luca hatte recht gehabt, der Balkon war wirklich locker als Alternativausgang zu nutzen. Beinahe musste sie grinsen. Sie warf Gandini einen kurzen Blick zu. Auch er hatte sichtbar Mühe, sich ein Lachen zu verkneifen.
   »Schatz, da bist du ja.« Mark kam mit dem voll beladenen Wäschekorb unterm Arm lässig dahergeschlendert. Das war der feine Unterschied zwischen ihnen. Sie schnaufte immer, wenn sie die nasse Wäsche durchs ganze Haus tragen musste. Dennoch nahm sie es gern in Kauf. Insgeheim hasste sie es, wenn er ihr diese offensichtlichen Frauenarbeiten abnahm. Jeder konnte es sehen. Und die Nachbarn redeten sowieso über alles und jeden. Besonders die Ilmenbarth.
   Stopp! Ehrlich bleiben.
   Die Ilmenbarth lästerte eigentlich nicht, dafür war sie viel zu fehlerlos. Sie verstand sich lediglich blendend mit Mark. Logisch, die zwei Perfekten. Dabei konnte diese Vollkommenheit manchmal richtig nerven. Nur sahen die beiden das nicht.
   »Was ist denn mit deiner Hose passiert?«, rief Mark entsetzt aus.
   Nina folgte seinem abschätzenden Blick hinab zu ihrem Knie. Ein grünbrauner Fleck thronte auf ihrer hellen Jeans. Ganz so einfach war der Sprung eben doch nicht gewesen.
   »Was machen Sie eigentlich in unserem Garten?« Marks Stimme klang nicht mehr ganz so freundlich.
   Der Gandini – den hatte sie völlig vergessen. Warum war Mark so unhöflich? Der arme alte Mann. Hatte er ihr doch nur hilfreich zur Seite stehen wollen. Okay, das wiederum konnte Mark nicht wissen.
   »Oh, Ihre Frau ist gestürzt. Ich wollte nur sehen, ob sie sich verletzt hat.«
   Boah, das hatte sie dem alten Italiener überhaupt nicht zugetraut. Richtig gut im Schwindeln war er. Obwohl, so richtig gelogen waren seine Worte ja nicht.
   »Wo hattest du nur wieder deine Augen?«, tadelte Mark und ignorierte Gandini.
   Im Kopf, wo sie hingehören, lag es Nina auf der Zunge. Bei Mark war es besser, sich solche spitzen Bemerkungen zu verkneifen. Er hätte sie nur gefragt, ob sie schlecht geschlafen oder – noch schlimmer – ihre Tage bekommen hätte. Todpeinlich waren solche Themen in der Öffentlichkeit. Nina mochte es generell nicht, jede Kleinigkeit in Grund und Boden zu diskutieren beziehungsweise für alles eine Erklärung finden zu müssen.
   Mein Gott, da war sie nun einmal gestolpert und hingefallen. Was war so schlimm daran? Jeder Mensch stolperte hin und wieder. Nein, Mark natürlich nicht. Er wusste stets genau, wo er seine Füße hinsetzen musste.
   Stopp, berichtigte Nina ihre Gedanken erneut. Immerhin war sie in Wirklichkeit nicht gestürzt, sondern eigenhändig vom Balkon gesprungen. Ihr Blick schweifte nach oben. Noch vor ein paar Minuten hatte sie am Geländer gehangen und sich todesmutig in die Tiefe fallen lassen. In die Arme eines alten Italieners. Mühsam musste sie sich ein Grinsen verkneifen.
   »Du solltest ins Haus gehen und dich umziehen«, erinnerte sie ihr angetrauter Ehemann.
   Wo blieb das Mitleid für ihr geschundenes Knie? Die angebrachte Frage, ob sie sich verletzt hatte? Aber das war – typisch Mark – wieder zweitrangig, wenn sie mit schmutziger Hose in der Öffentlichkeit herumlief.
   In der Öffentlichkeit? Falsch. Er konnte es auch zu Hause nicht ertragen. Ebenso wenig wie Gläser, Tassen oder angetrunkene Flaschen auf dem Tisch. Unordnung jeglicher Art war ihm ein Dorn im Auge. Doch Nina hasste putzen. Früher hatten sie sich diesbezüglich oft in die Haare bekommen. Mittlerweile war es ihr egal, was er zu meckern hatte. Aber auch er hatte dazugelernt und murmelte nun sein Leidwesen meist nur noch in den nicht vorhandenen Bart. Irgendwann hatte er damit begonnen, selbst aufzuräumen. Praktisch, mochten manche Frauen denken, die ihr Leid nicht teilen mussten. Denn Mark machte vor nichts Halt. Nicht vor dem kleinsten Stäubchen auf den Fliesen oder der Wäsche in der Waschmaschine. Und das war hochgradig nervig.
   »Hörst du nicht?«, hakte er schon nach.
   War sie ein kleines Kind?
   »Schatz, du solltest dich wirklich umziehen. Ich häng solange die Wäsche auf.«
   »Hallo Mark!«, ertönte Manuelas Ilmenbarths Stimme aus dem Nachbargrundstück. »Bist du schon wieder fleißig?«
   Nina hätte kotzen können. Aber natürlich tat sie es nicht, sondern erinnerte sich an das Sprichwort mit dem nachgebenden Vernünftigen. Die Ilmenbarth hielt sie sowieso für faul und Mark für fleißig. Auch in Ordnung. Dann sollte er sich eben an der Wäsche austoben und einen Plausch mit seiner geliebten Ökotante halten.
   »Macht dein Mann immer die Hausarbeit?« Gandini grinste sie an.
   »Nein«, brummelte Nina, allerdings kaum hörbar.
   »Bei uns verrichtet die Frau solche Arbeiten. Ein Mann niemals.«
   Na, toll! Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Klischeedenken über die Aufgaben der Frau.
   »Eine Frau tut dies gern.« Er grinste immer noch.
   Nina warf ihm einen säuerlichen Blick zu. Wollte er sie ärgern? Oder meinte er seine Worte tatsächlich ernst? Ganz sicher war sie sich nicht. Sie hatte sich noch nie mit dem alten Gandini unterhalten, konnte ihn nicht einschätzen. Es wunderte sie nur, dass Mark ihn ebenfalls nicht näher kannte. Normalerweise kannte er jeden in ihrem Ortsteil. »Ach ja?«
   »Ja«, bestätigte er.
   »Und warum sollte eine Frau das tun?«
   »Weil sie damit ihren Mann erfreut.«
   Nina schnaufte. Beinahe musste sie lachen. Der Gandini grinste immer noch.
   »Und mit was erfreut er sie dann?« Sie bereute die Frage bereits im gleichen Moment.
   »Überleg, mein Kind!«
   Sie hasste es, so angesprochen zu werden. »Er bringt ihr Blumen vorbei.«
   »Blumen?« Gandini überlegte. »Ja, vielleicht auch.«
   »Ich muss jetzt reingehen.« Nina wollte das Gespräch gern beenden. Am liebsten hätte sie sich ins Bett gelegt und den ganzen Tag beendet, aber das war leider nicht möglich. Ebenso wenig wie ihr ein Nickerchen in der Sonne gegönnt gewesen war.
   »Vergessen Sie nicht, sich eine saubere Hose anzuziehen«, erinnerte er sie.
   Hatte sie sich verhört? Nina blickte den alten Mann prüfend an, aber keinerlei Spott lag in seiner Stimme, eher so etwas wie Mitleid. Er grinste nicht einmal mehr. Beinahe wollte sie ihn fragen, ob er ihr etwas sagen wollte. Aber das konnte sie natürlich nicht. Wahrscheinlich bildete sie sich eine gewisse Hintergründigkeit nur ein, und er hatte lediglich Marks Worte wiederholt. So zuckte sie lediglich die Achseln und ging wortlos ins Haus. Dennoch blieb ein bitterer Beigeschmack zurück. Was hatte der alte Mann andeuten wollen? Gar nichts. Wahrscheinlich hielt er sie für faul, so wie alle Nachbarn.
   Zumindest hat es ihn amüsiert, als du vom Balkon gehüpft bist, sagte ein Stimmchen in ihrem Kopf.
   Nina musste grinsen. Welche erwachsene Frau kam schon auf so eine Idee? Beinahe filmreif musste ihr Auftritt gewesen sein. Sie hätte sich zu gern gesehen. Vor Angst am Geländer festklammernd. In die Arme eines alten Mannes springend, den sie beinahe zu Boden gerissen hatte. Mark – die Unschuld in Person mit dem voll beladenen Wäschekorb unterm Arm. Nina prustete los.
   »Geht’s noch?« Monas lieblichstes Stimmchen stoppte den kurzen Gute-Laune-Anflug augenblicklich. »Ich hab dich überall gesucht.«
   Nina sagte nichts. Sie war auf dem Boden sämtlicher Realitäten angekommen. Von draußen ertönten fröhliches Lachen und Geschnatter. Mark und das Ökoweib. O menno …

2. Kapitel

Der Samstag verlief wie jeder andere. Selten gab es irgendeine Abwechslung. Die Kinder gingen ihrer Wege, waren ständig mit irgendwem irgendwohin unterwegs, waren sie doch schon groß und regelrecht selbstständig. Zu ihrem Glück existierte eine gute Busverbindung in die Innenstadt.
   Mona hatte eigentlich den Mofaführerschein machen wollen, aber letztendlich hatten sie sich auf Roller geeinigt, weil mit fünfzehn der eine und mit sechzehn der nächste zu teuer gekommen wäre. Mona freute sich wie verrückt darauf, endlich mobil zu sein und überall hinfahren zu können. Nina sah dem Ganzen ziemlich wehmütig entgegen, war es von da an nur noch ein Katzensprung, bis ihr Töchterchen ausgeflogen war.
   Und Luca? Er machte sein eigenes Ding. Mark bildete sich zwar ein, dass er noch auf diverse Vater-Sohn-Aktivitäten stand, aber er täuschte sich. Luca war nur zu feinfühlig, es ihm zu sagen. Mona hätte da weit weniger Bedenken gezeigt. Sie konnte ihren Mund nie halten, selbst wenn es besser gewesen wäre.
   So blieb Mark neuerdings nichts anderes übrig, als in der Freizeit allein loszuziehen. Statt mit den Kindern irgendwelches Grünzeug zu sammeln, ging er nun joggen und tat alles Mögliche, um seinen Körper in Form zu halten. Dabei war er sowieso durch und durch sportlich. Leider musste auch seine Freizeit bis ins kleinste Detail geplant und aufgeräumt sein. Anscheinend handelte es sich um eine angeborene Marotte bei ordnungsliebenden Menschen. Genau das nervte Nina, doch sie hatte es satt, endlose Diskussionen darüber zu führen. Niemand würde Mark je ändern, und sie konnte sich ebenfalls nicht um hundertachtzig Grad drehen. Es war nun einmal Teil ihres Wesens, dass sie Aufräumen ebenso wie sportliche Betätigung hasste. Aber nein, sie war nicht kugelrund, nur eben nicht durchtrainiert.
   Mark hingegen war schlank, fast zu dünn. Natürlich sehnig und gelenkig. Manchmal ärgerte er sie damit, dass sie älter war als er, denn immerhin trennten sie drei Jahre. Ab und zu nannte er sie auch Faulpelz, was Nina nicht lustig fand, denn sie verrichtete all die anfallende Hausarbeit, nur eben nicht immer jetzt und sofort.
   Seine Hektik diesbezüglich nahm sie ihm oftmals übel. Hätte er beispielsweise nicht die verdammte Wäsche in der Maschine lassen oder wenigstens den Wäschekorb im Haus abstellen können?
   Nein, er musste ihr jeden Handgriff abnehmen. Manchmal kehrte und wischte er sogar die Granitfliesen im Vorgarten. Ein einziger Windhauch bedeckte sie sofort wieder mit einer dünnen Sandschicht. Folglich eine komplett überflüssige Aktion. Nina wäre nie auf so eine dumme Idee gekommen. Dennoch ergab sie sich ihrem Schicksal, einen arbeitshungrigen Mann ihr Eigen nennen zu können.
   Da die Kinder schon groß waren, verliefen ihre Tage oftmals trist und eintönig. Und schien nach den langen Wintermonaten endlich einmal die Sonne, durfte sie diese nicht in Ruhe genießen. Ninas Laune war am Nullpunkt angelangt, doch ein Hoffnungsschimmer zeigte sich am Horizont. Mark machte sich eben zum Joggen fertig, Mona für die Stadt, und Luca war bereits mit dem Rad unterwegs. Und die Sonne schien immer noch …
   »Schatz?«
   Sie atmete tief durch.
   »Vergiss bitte nicht, die Wäsche abzunehmen. Sonst wird sie zu hart.«
   Nur ruhig bleiben.
   »Am besten bügelst du sie gleich.«
   Netter Ratschlag.
   »Ich nehme Mona mit«, wechselte er das Thema.
   Ah, das war neu. »Warum?«
   »Dann muss sie nicht mit dem Bus fahren.«
   Mark wollte mit dem Auto fahren? »Ich dachte, du gehst joggen?«
   »Mach ich auch. Im Stadtpark.«
   Nina glaubte, sich verhört zu haben. Mark joggte immer durch den Wald am Rande ihrer Siedlung. Nie anderswo. Das passte nicht zu ihm.
   »Wie bist du denn auf die Idee gekommen?«
   »Meine Arbeitskollegen treiben alle im Park Sport.«
   Und? Hatte ihn das jemals interessiert? »Versteh ich nicht.«
   »Das glaub ich gern.« Mark trat in die Küche. »Du magst es auch nicht sonderlich, dich zu bewegen.«
   Hallo? Das war fast eine Beleidigung.
   »Würde dir nicht schaden. Wir werden schließlich beide nicht jünger.«
   Und sie schon gar nicht. Immerhin meldeten sich die Vierzig mittlerweile laut und deutlich zu Wort. Noch ein paar Monate – dann war sie alt. Oder zumindest nicht mehr jung.
   »Hast du gehört, Schatz?«
   Schatz, du wirst immer älter und dicker … Konnte er bitte endlich gehen?
   Es zogen bereits die ersten Wolken auf. Wenn er noch lange weiterredete, war es vorbei mit dem Platz an der Sonne.
   »Schatz?«
   Nur nicht darauf eingehen. Der Klügere gab bekanntlich nach oder hielt wenigstens den Mund. »Viel Spaß!«, rief sie ihm zu.
   »Papa, kommst du endlich?«
   O Mona, mein Engel.
   »Vergiss die Wäsche nicht«, ertönte es noch, dann fiel die Haustür endlich ins Schloss.
   Nina atmete auf. Sie war allein.
   Die Kinder störten sie nicht, aber Mark konnte sie zur Weißglut treiben. Alle hielten ihn für einen wunderbaren Mann, eine Art Vorbild. Irgendwie mochte er dies auch sein, jedoch war er auf seine Art schrecklich anstrengend. Allein sein »Schatz« verursachte ihr eine Gänsehaut. Schatz hinten, Schatz vorn, aber eigentlich machte sie in seinen Augen schon ziemlich viel falsch. Sie war faul, langsam, alt, dick und, und, und. Okay, sie neigte zu Übertreibungen, aber sie war eben nicht perfekt und somit das Gegenteil von ihm. Jeder sah das so. Die Nachbarn, die Eltern von Monas und Lucas Freunden, sogar Mutter. Das war deprimierend. Selbst wenn es niemand glauben wollte, es konnte eine richtige Strafe sein, den perfekten Mann an seiner Seite zu haben.
   Somit kam sie zum nächsten Punkt, der nicht richtig zwischen ihnen funktionierte: Sex.
   Sex mit einem Mann, der perfekt war, machte wenig Spaß.
   Dabei hatte Mark immer noch einen schönen Körper. Er war schlank, fast ein wenig schlaksig und unbehaart, wie sie es eigentlich liebte. Nina erinnerte sich daran, was sie empfunden hatte, als sie ihn zum ersten Mal nackt gesehen hatte. Keine Haare, war es ihr durch den Kopf geschossen und sie hatte es genossen, über seine glatte Haut zu streicheln. Aber das war lange her.
   Sie überlegte. Hatte sie damals glühende Leidenschaft gefühlt? So ein Schwachsinn. Wer kannte solch ein Gefühl schon? Es existierte in Büchern und Romanen, in Film und Fernsehen, aber in Wirklichkeit wohl eher weniger.
   Wenn sie nur an die Eltern von Monas und Lucas Freunden dachte. Es lag außerhalb ihrer Vorstellungskraft, dass die sich in wilden Verführungskünsten aufeinanderstürzten. Oder die Ilmenbarth – im Ökolook auf dem Weg zu ihrem Liebsten, damit noch ein weiteres Kind entstehen konnte, das in Auswaschwindeln gehüllt wurde und bis zum Kindergartenalter an der Brust nuckeln konnte.
   Nina war klar, dass ihre Gedanken garstig waren. Vielleicht war es ihre Unzufriedenheit, die sie dazu verleitete. Sie wusste es nicht. Es war ihr auch egal. Auf jeden Fall hatte sie aktuell keine Lust auf Sex. Mark dagegen schon. Besser gesagt war er Teil seines Wochenplans. Folglich fand er statt. Zweimal die Woche. Mittwoch- und samstagabends.
   Auch heute Abend wieder. Selbst wenn er vom Joggen müde war, gab es keine Ausreden. Schließlich war Samstag.
   Nina warf einen Blick aus dem Fenster. Die Sonne hatte sich mittlerweile hinter dicken Wolken versteckt. Es tröpfelte schon.
   Die Wäsche! Nina hetzte los. Sie konnte verdammt schnell sein, wenn sie musste.
   Natürlich kam sie zu spät. Mark sollte doppelt recht behalten. Die T-Shirts und Jeans waren knochenhart und steif, versehen mit nassen Sprenkeln. Zum Glück war wenigstens die Ilmenbarth nicht im Garten. Auf ein »Mark wäre das nicht passiert« hätte Nina keinen Nerv gehabt. Aber vielleicht bildete sie sich all die garstigen Bemerkungen nur ein. Wahrscheinlich wäre die Ilmenbarth einfach nur nett gewesen.
   Nina schleppte die Wäsche in die Diele und ließ den Korb fallen. Mark würde meckern. Sie wusste es. Wahrscheinlich stellte sie die Wäsche genau aus diesem Grund mitten in der Wohnung ab. Zum einen, dass er sah, dass sie sie abgenommen hatte, und zum anderen, damit er sich ärgerte, dass sie sie nicht eingeräumt hatte.
   Ihre Laune verschlechterte sich zusehends. Warum verlief nur alles immer nach dem gleichen Schema? Jeder Tag? Jede Woche? Jedes Jahr? Ihr ganzes Leben? Es gab so wenig Abwechslung.
   Sie hätte arbeiten müssen, aber sie war nun seit fast sechzehn Jahren zu Hause. Kein Arbeitgeber der Welt würde sie einstellen. Außerdem hatte sie Angst vor einem Wiedereinstieg, war unsicher und kannte sich nicht mehr in ihrem alten Beruf aus.
   »Was hast du für ein Glück, dass Mark so gut für euch sorgt«, sagte Mutter ständig.
   Nina wusste selbst, wie gut sie es erwischt hatte. Sie konnte shoppen gehen, wann immer ihr danach war, und ihren Tagesablauf selbst bestimmen. Allerdings gab es ein Wochenbudget von zweihundert Euro, das Mark ihr samstags gab, und was sowohl für Nahrungsmittel wie auch für Kleidung reichen musste. Dies wiederum bedeutete, dass sehr wohl Discounter und nicht Luxusläden ihr Ziel waren. Für die Kinderkleidung gab es zwar extra Geld, aber nach dem musste sie erst fragen.
   Ihr Blick fiel auf den Wäschekorb. Sollte sie es wirklich auf eine Konfrontation ankommen lassen? Das war dumm. Sie wusste es. Was sollte ihr ein Streit bringen? Wollte sie Mark unbedingt zeigen, dass sie keine perfekte Hausfrau war? War es das wirklich wert?
   Nein, das war es nicht. Also nahm Nina den Wäschekorb und trug ihn ins Schlafzimmer. Und nicht nur das. Sie stellte das Bügelbrett auf und bügelte die nassen, steifen Kleidungsstücke. Nur um des lieben Friedens willen.
   Jede Frau erledigte die anfallende Hausarbeit. Die meisten arbeiteten sogar noch ein paar Stunden, manche sogar den ganzen Tag. Warum nur hatte sie ein Problem damit?
   Ganz einfach: Mark würden die Hemden wieder nicht akkurat genug geglättet sein. Sie lagen auch nie so gerade im Schrank, wie er es sich vorstellte. Denn räumte er ein, dann gab es keinen nach rechts oder links verschobenen Zentimeter Stoff.
   Nina seufzte. Sie hörte sein »Schatz« bereits in ihrer Vorstellung. Eigentlich hatte das Wort meist nichts Gutes zu bedeuten.
   Schwachsinn. Mark versuchte, es ihr stets alles recht zu machen. Sie war der Part, der ständig gegenschoss. So wie Mona, nur in alt. Konnte sie denn nicht mit ihrem Leben zufrieden sein? Sie hatte doch alles, was sich eine Frau wünschte. Sie war eine alte, jammernde Zicke, die sich das Leben selbst schwer machte und nicht einsehen wollte, wie herrlich es eigentlich war. Genau. Und aus diesem Grund würde sie nun das Abendessen zubereiten, damit es wenigstens diesbezüglich keine Beanstandungen gab. Frisch gekocht mit viel Gemüse, so wie Mark es mochte, und Punkt sechs Uhr würde es auf dem Tisch stehen.
   Es klingelte. Gleichzeitig drehte sich ein Schlüssel im Schloss.
   Luca stürmte in die Küche. »Niemand da?«, schnaufte er.
   »Bin ich niemand?«
   »Ach Mama!« Kurz schlang er seine Arme um ihre Taille.
   Sofort wurde Nina warm ums Herz. Irgendwie war Luca immer noch ihr kleiner Junge. Natürlich nicht in der Öffentlichkeit, da waren solche Zärtlichkeiten selbstverständlich uncool, aber zu Hause, wenn es niemand sehen konnte, verteilte er sie gern. Ebenso liebte er es, gekrabbelt und geknuddelt zu werden. Und Nina liebte es selbstverständlich ebenfalls.
   »Wo ist Papa?«
   »Beim Joggen.«
   »Jetzt doch nicht mehr«, widersprach er.
   Nina zuckte die Achseln.
   »Er war nicht am Wald. Ich hätte ihn gesehen.«
   »Du sollst nicht in den Wald gehen«, mahnte sie.
   »Wir waren am und nicht im Wald. Aber Papa war nicht dort zum Joggen.«
   »Er wollte heute in den Stadtpark.«
   Luca hustete. Er hatte sich an seiner Limo verschluckt. »Wohin?«, japste er.
   »In den Stadtpark.«
   »Du machst Witze …«
   »Sehe ich so aus?« Nina versuchte, das ernsteste Gesicht aller Zeiten zu machen.
   »Ja«, meinte Luca. »Also: Wo ist er?«
   »Seine Kollegen treiben im Stadtpark Sport«, erklärte sie.
   Luca blickte sie entgeistert an. »Hat ihn das jemals interessiert?«
   »Weiß ich nicht«, antwortete sie lediglich, dabei musste sie ihm recht geben, denn ob und wo Marks Kollegen Sport trieben, war ihm bisher egal gewesen.
   »Papa ist die letzten Jahre nur im Wald joggen gegangen. Jeden Samstagnachmittag und Mittwochabend. Zur selben Zeit. Und immer gleich lang.«
   Stimmt. Samstags und mittwochs – genau an den Tagen, an denen sie auch Sex hatten. Dass ihm so viel Anstrengung nicht zu viel war …
   Wieder klingelte es. Zum Glück, denn so musste sie Luca nicht antworten. »Das werden sie sein.«
   »War Mona auch joggen?« Lucas Augen weiteten sich ungläubig.
   »Natürlich«, scherzte sie.
   Wieder klingelte es. Dieses Mal Sturm.
   »Mach schon auf«, forderte Nina. Sie warf einen schnellen Blick auf die Uhr. Mark war heute ganz schön spät zu Hause. Kurz vor sechs. Aber das Essen war fertig. Logisch, sie war eben doch die perfekte Hausfrau.
   Luca kam zurück.
   »Deckst du bitte den Tisch?«
   »Mona ist mit dem Bus gefahren. Papa hat sie angerufen. Er kommt später.« Lucas Augen waren verständnislos geweitet.
   »Was?« Nun fiel Nina ebenfalls sprichwörtlich die Kinnlade hinab.
   »Der hat mich echt mit dem Bus fahren lassen«, ließ sich Monas entrüstetes Stimmchen vernehmen.
   »Warum hast du mich nicht angerufen?«
   »Mensch Mama, ich kann mich doch nicht blamieren. Wir waren in der Stadt. Erst ruft Papa an und erklärt mir umständlich, dass er mich nicht mitnehmen kann. Ich mach mich doch nicht zum Affen.«
   »Wo ist Papa jetzt?«, wollte Luca wissen.
   »Ruf ihn doch an«, brummte Mona missgelaunt.
   »Essen wir jetzt trotzdem?«, fragte er kleinlaut, aber unüberhörbar hungrig.
   Wie schnell Kinder umschalten konnten. Eben noch Gedanken um den Vater gemacht und gleich drauf das Essen im Sinn. Aber eigentlich war es Nina nicht zum Scherzen zumute. »Wir warten noch ein bisschen«, erklärte sie und warf einen Blick auf die Uhr. Es war schon nach sechs. Mark war nicht pünktlich zum Essen zu Hause – das hatte es in all den Jahren ihrer Ehe nicht gegeben.
   Vielleicht hatte er eine Panne? Ob sie ihn anrufen sollte? Vielleicht war das Auto wirklich kaputt …
   »Was schaust du so?«, wollte Mona wissen.
   »Ich mach mir ein bisschen Sorgen.«
   »Ich habe Hunger«, nörgelte Luca.
   Nina seufzte, wollte sich den Kindern gegenüber ihre Bedenken jedoch nicht anmerken lassen. Außerdem waren die zwei zeit ihres Lebens daran gewöhnt, dass es Punkt sechs zu essen gab.
   Mona und Luca hatten – zumindest, was ihren Appetit betraf – kein Problem mit der Abwesenheit ihres Vaters, aber Nina brachte kaum einen Bissen hinunter. Zu ungewohnt war es, dass Mark nicht mit am Tisch saß.

Nina schwankte zwischen Wut und Sorge, denn Mark hatte offensichtlich sein Handy ausgeschaltet. Erst um kurz vor acht kam er nach Hause und tat, als wäre nichts gewesen. Er entschuldigte sich nicht, sondern erzählte begeistert von dem Tag mit seinen Kollegen. Nach dem Sport waren sie noch in einer Gaststätte eingekehrt. Richtig toll war es gewesen. Und lecker.
   In Ninas Hals bildete sich ein dicker, fetter Kloß. Hier hatte sie mit ihrem aus frischen Zutaten gekochtem Abendessen gewartet, das auf einem liebevoll gedeckten Tisch angerichtet war, und ihr Ehegatte hatte stattdessen Schnitzel mit Pommes gespeist. Sie glaubte es nicht. Ein komisches Gefühl beschlich sie. Eifersucht war es nicht, aber so etwas wie Unverständnis, Missgunst oder der unerfüllte Traum nach einem Leben, das sie nicht führen konnte. Nina war nicht sauer, sondern traurig, ohne sich den Grund dafür genauer erklären zu können.

3. Kapitel

Wie jeden Samstag ging Nina früher zu Bett als Mark. Meist stellte sie sich schlafend, wenn er das Zimmer betrat, denn sie hatte stets wenig Lust auf Sex zu späten Abendstunden im dunklen Schlafzimmer. Immer schön ruhig mussten sie sein, damit die Kinder nichts hörten. Dabei waren die beiden bestimmt nicht taub, denn das Bett krachte und knarzte bereits, sobald man sich nur von einer Seite auf die andere drehte. Aber genauso obligatorisch, wie ihr eheliches Liebesleben stattfand, genauso weckte Mark sie jeden Samstagabend auf. Mittwochs nicht, da gingen sie meist gemeinsam zu Bett.
   Auch heute eilte Nina ins Schlafzimmer, schloss die Augen und stellte sich schlafend. Nach einer Zeit öffnete sie sie wieder und wartete. Mark kam nicht.
   Beunruhigt setzte sie sich auf und lauschte, aber keine Schritte ertönten. Nicht einmal die Klospülung. Und auch kein Wasser aus dem Wasserhahn. Da stimmte etwas nicht. Das wurde ihr immer deutlicher bewusst.
   Das Joggen in der Stadt, das Essen in der Kneipe, das Zuspätkommen und nun das …
   Nina war sprachlos.
   Klar ging ihr Mark auf die Nerven, aber sie hatte nie im Leben damit gerechnet, dass auch er mit ihr unzufrieden sein könnte. Vielleicht ein bisschen, schließlich nörgelte er ständig herum, aber das gehörte zu ihm wie das tägliche Zähneputzen. Umso mehr er moserte, umso weniger tat sie, was er von ihr erwartete. Ein Spiel, das sie seit Jahren spielten. Ebenso eine Gewohnheit, wie alles, was sie miteinander teilten. Und nun, von einem Tag auf den anderen, gab es diese Gewohnheiten nicht mehr? Nina verstand das nicht.
   Nicht ins Bett zu kommen, war noch viel gravierender als plötzliche Unternehmungen mit Kollegen.
   Sie sollte zufrieden sein, redete sie sich ein, aber sie war es nicht. Statt müde zu werden, wurde sie von Minute zu Minute munterer. Der Fernseher lief unüberhörbar im Wohnzimmer. Wahrscheinlich war Mark eingeschlafen, so erschöpft, wie er von der ungewohnten sportlichen Mehrbelastung sein musste. Das war die Erklärung. Warum war ihr das nicht eher eingefallen? Er musste vollkommen ausgepowert sein. Immerhin war auch er nicht mehr der Jüngste. Natürlich. Beruhigt legte sich Nina zurück und schloss erneut die Augen.
   Aber was war das?
   Schritte. Die Klospülung. Wieder Schritte. Der Fernseher lief weiter. Erneut setzte sie sich auf und lauschte. Der Fernseher verstummte immer noch nicht. Mark war nicht eingeschlafen. Er war wach.
   Sie schluckte. Und jetzt? Sie würde ihn doch nicht etwa vermissen? Nein, niemals. Oder doch?
   Nina kam ins Grübeln. Würde eine andere Frau ihren Mark attraktiv finden? Möglicherweise schon. Er sah nicht schlecht aus, war zu anderen Menschen meist äußerst charmant. Wenn sie nur an sein ständiges Öko-Geflirte mit der Ilmenbarth dachte. Zwei Perfekte unter sich …
   So etwas ärgerte sie. Aber warum? Weil sie sich nicht so perfekt fühlte? Oder störte sie Marks Redseligkeit?
   Schwachsinn, er war schon immer so gewesen. Einst fand sie diese Eigenschaft nett. Vor langer Zeit hatte auch sie seinen Worten gelauscht. Da hatten sie allerdings noch nicht zusammengewohnt, hatten keine Kinder in die Welt gesetzt und sie war noch nicht finanziell von ihm abhängig gewesen.
   Wie auch immer – es störte sie, dass er nicht zu ihr kam. Sie hätte zwar sofort die Augen geschlossen und sich schlafend gestellt, aber dennoch …
   Nina spitzte erneut die Ohren. Es war still, der Fernseher aus. Wieder ertönte die Klospülung, und dann näherten sich endlich Schritte.
   Wie würde sich Mark verhalten? Extra leise sein? Nina war gespannt. Aber wie sollte sie sich verhalten? Wie immer? Also schlafend stellen?
   Da kam er. Nicht laut und nicht leise. Er bewegte sich ganz normal. Aus halb geschlossenen Augenlidern beobachtete sie ihn. Sah er irgendwie anders aus wie sonst?
   Sie konnte keinen Unterschied feststellen. Dünn war er. Das fiel sogar im dunklen Schlafzimmer auf. Seine Haut war ganz weiß. Ob das wohl das Mondlicht ausmachte?
   Langsam zog er sich um.
   Warum hatte sie nur keinen Appetit mehr auf ihn?
   Da schaute er zu ihr herüber. Schnell schloss sie die Augen. Schließlich musste er nicht sehen, dass sie ihn beobachtete. Warum eigentlich nicht? Außerdem brauchte sie sich gar keine Gedanken zu machen. Es war dunkel. Von ihm waren nur schemenhafte Umrisse zu erkennen. Wie sollte er also bemerken, ob ihre Augen offen oder geschlossen waren?
   Ruhig und gleichmäßig atmen, erinnerte sie sich.
   So, jetzt hatte er die Pyjamahose an. Wenn er nun ohne Oberteil ins Bett kommen würde, würde ihr das eigentlich zusagen. Im Gegensatz zu sonst.
   Aber er tat ihr den Gefallen nicht. Schon schlupfte er ins Oberteil und schloss die Knöpfe. Komplett unerotisch. Wie war sie nur kurzzeitig auf die Idee gekommen, dass sie …?
   Ja, das fragte sie sich selbst. Machte ein bisschen Abweichung vom Alltagstrott solche Gedankengänge aus?
   Mark hob die Decke und kam ins Bett. Nina variierte zwischen Luftanhalten und einer bewusst gleichmäßigen Atmung.
   »Bist du noch wach?«, fragte er leise.
   Nina gab ein grunzendes Geräusch von sich.
   »Ich bin vorm Fernseher eingeschlafen. War ganz schön anstrengend heute.«
   Lügner. »Hm«, brummte sie.
   »Der Park eignet sich viel besser zum Joggen als der Wald.«
   Warum war er plötzlich so redselig? Und was erzählte er für einen Blödsinn? Der vermüllte Park war schöner als der grüne Wald, in dem er seit Jahren herumrannte?
   »Man fühlt sich als Sportler viel besser aufgehoben«, fuhr er ungerührt fort.
   Nina horchte auf. Jetzt wurde es wirklich interessant. Ein »Ich dachte, du stehst auf Ruhe und Vogelgezwitscher«, verkniff sie sich eben noch. Schließlich wollte sie seinen Mitteilungsdrang nicht stoppen.
   »Im Park spielt es keine Rolle, ob man allein oder in einer Gruppe joggt. Man findet immer Anschluss und wird viel mehr gefordert.«
   Wow! Gefordert!
   »Ich dachte immer, ich wäre ausdauernd. Heute wurde ich eines Besseren belehrt.« Seine Hand wanderte nun doch unter ihre Decke. »Das wäre nichts für dich. Du bist ja schon nach einem gemächlichen Spaziergang geschafft.« Scherzhaft zwickte er ihr in die dumme kleine Speckwurst am Bauch, die angezogen überhaupt nicht zu bemerken war.
   Die Lust auf Zärtlichkeit war ihr endgültig wieder vergangen. Sie hasste es bereits, wenn sie jemand auf ihren nicht mehr ganz so perfekten Körper ansprach, aber sich dann noch anhören zu müssen, dass sie ein körperliches Wrack war, war eine Idee zu viel. Wortlos stieß sie seine Hand weg und wandte ihm demonstrativ den Rücken zu.
   »Du wirst doch wohl nicht eingeschnappt sein, wenn man dir die Wahrheit sagt, Schatz?«
   Wie sie dieses Wort hasste. Sollte er doch joggen, wo, mit wem und wie lange er wollte. Solange er sie in Frieden ließ …
   »Was hast du den ganzen Tag gemacht, Schatz?«, lenkte er ein. »Schatz?«
   Er würde keine Ruhe geben, Nina wusste es. »Ich habe erst ferngesehen, dann ein Buch gelesen. Zwischendurch sind mir die Augen zugefallen«, meinte sie sarkastisch.
   Mark schwieg.
   Nina auch. Sie hielt nicht die Luft an, ihre Augen waren geöffnet. Heute stellte sie sich nicht schlafend. Demonstrativ rutschte sie an den Rand ihrer Bettseite, wohlweislich darauf bedacht, sich nicht nach ihm umzudrehen.
   Mark stöhnte genervt auf. Wahrscheinlich schüttelte er in Gedanken den Kopf über ihr unmögliches Verhalten.
   Sollte er doch.
   Es war der erste Samstag seit Beginn ihrer Beziehung, dass sie nicht miteinander schliefen.

4. Kapitel

Der Sonntag verlief nach gewohntem Schema, fast so, als wäre nichts geschehen. Und doch hatte der Samstag gravierende Spuren hinterlassen. Sogar solch große, dass sich Nina ständig mit irgendwelchen kleinen Aufgaben zu beschäftigen versuchte. Fakt war, dass sie keine Lust auf eine Unterhaltung mit Mark hatte. Sie wollte weder etwas über seinen Parkausflug, sportliche Arbeitskollegen und leckeres Schnitzel mit Pommes wissen noch von ihm belehrt werden, sich nicht ärgern, sondern einfach nur ihre Ruhe haben. Das war alles.
   So glatt wie an diesem Tag war die Wäsche beim Bügeln selten geworden. Am Fußboden lag kein verstecktes Stäubchen, kein einziger hässlicher Streifen verunzierte die Fliesen. Nina hatte sich förmlich im Haus ausgetobt. Auch wenn sie sich normalerweise unter Austoben etwas anderes – Erfreulicheres – vorstellte.
   Aber das war nicht alles. Auch abends setzte Nina ihr Ich-gehe-Mark-aus-dem-Weg-Programm fort. Sie setzte sich nicht zu ihm ins Wohnzimmer, schaute kein Fernsehen, sondern verzog sich mit einem Buch und einem Glas Rotwein in die Küche. Ebenso reagierte sie auf kein »Schatz« und wich den Fragen der Kinder aus, die ihr Verhalten mit einer Mischung aus Belustigung und Besorgnis zur Kenntnis nahmen.
   Mark begab sich wie jeden Sonntag Punkt zweiundzwanzig Uhr ins gemeinsame Schlafgemach, aber Nina folgte ihm nicht, sondern schenkte sich ein weiteres Glas Wein ein und las ihr Buch zu Ende. Der gestrige Samstag hatte wirklich gravierende Spuren hinterlassen.
   Auch der Montag begann irgendwie unwirklich. Nina war heilfroh, als endlich alle das Haus verlassen hatten und Ruhe eingekehrt war.
   Sie atmete tief durch. Da klingelte das Telefon. Nina warf einen genervten Blick auf das Display. Sie hatte keine Lust auf Unterhaltung. Doch es war nur Mark.
   »Schatz?«, schallte es ihr entgegen.
   Nina wusste nicht, warum ihr sein Kosewort momentan so extrem auf die Nerven ging. Konnte er sie nicht beim Vornamen nennen, wie jeder andere Mensch es tat? Sie rief ihn schließlich auch nicht Liebling oder gar Goldstück.
   »Soll ich was besorgen?«, erkundigte sie sich.
   Dass er sie liebte, würde er ihr kaum durch die Leitung hauchen wollen. Dazu kannte sie ihn zu gut.
   »Nein, eben nicht. Ich komm heute Abend später. Ihr könnt ohne mich essen.«
   Nina verschlug es die Sprache. Nun war sie sich sicher – hier stimmte etwas nicht. »Musst du länger arbeiten?«, würgte sie hervor.
   Stille. Ah – er hatte nicht mit einer Nachfrage gerechnet. Anscheinend überlegte er jetzt, ob er sie anlügen sollte oder nicht. Wahrscheinlich war ihm die Überstundenvariante überhaupt nicht in den Sinn gekommen.
   »Nein«, antwortete er schließlich.
   »Sondern?«
   »Wir setzen uns noch kurz zusammen und besprechen unser Sportprogramm.«
   »Euer was?« Nina schnappte nach Luft. Sportprogramm nannte sich ein bisschen Joggen neuerdings also.
   »Wir haben überlegt, dass wir uns ab und zu zum Squash treffen könnten. Oder vielleicht auch einmal die Woche zum Schwimmen.«
   Begann er nun jeden Satz mit »wir«? »Aha«, sagte sie nur. Mehr fiel ihr nicht ein. Sie fühlte sich völlig überrumpelt.
   »Also, du weißt Bescheid?«
   »Aber die Kinder«, stotterte sie.
   »Die sind doch schon groß, Schatz. Die brauchen ihren Papa abends nicht unbedingt als Gesprächspartner.« Mark räusperte sich. »Tschüss, Schatz.«
   »Wer ist denn bei eurem Treffen …«
   Aber Mark hatte bereits aufgelegt.
   Nina starrte das Telefon an. Lebte sie im falschen Film? Da musste eine Frau im Spiel sein. Nicht als Geliebte, aber als Anreiz für all diese sportlichen Aktivitäten. Da war sie sich sicher. Verrannte sich Mark in etwas? Nein, dazu war er viel zu klug und gleichzeitig zu naiv.
   Naiv, weil er nicht der Typ war, der auf Frauenfang ging. Und klug aus demselben Grund. Nein, sie musste sich keine Gedanken machen. Mit Sicherheit nicht. Dennoch hatte ihr der Anruf einen riesigen Adrenalinstoß versetzt.
   Ninas Blick glitt durch die Wohnung. Nach ihrer gestrigen Putzattacke war es immer noch relativ sauber. Nicht mehr aufgeräumt, aber sauber, was bedeutete, dass sie Zeit hatte. Zeit, die sie verbringen konnte, wie sie wollte. Sie wollte nicht daheim herumsitzen und Löcher in die Luft starren. Nicht mehr. Ihre Freizeit hatte sie bereits viel zu lange nach diesem Motto gehandhabt. Die Lust darauf war ihr schlagartig vergangen. Aber wohin sollte sie gehen?
   Beate anrufen und fragen, ob sie Lust auf einen Kaffee hatte? Ihr war nicht nach Gesprächen über Kinder, Pubertät und Schule zumute.
   Einkaufen? Wieder nein. Ihr Bargeldvorrat reichte diese Woche gerade für Nahrungsmittel, jedoch nicht zum Shoppen, und eine EC-Karte besaß sie nicht. Das wiederum verstand kein Mensch, denn ebenso wenig, wie sie eine Karte besaß, hatte sie ein eigenes Konto. Mark war Alleinverdiener, das Konto lief auf seinen Namen. Sie konnte allerdings Überweisungen tätigen und Geld am Schalter der Bank abheben, was sie allerdings nie tat, weil Mark es nicht mochte. Er gab ihr, was er für nötig erachtete, und das waren eben genau zweihundert Euro die Woche. Wollte Nina neue Klamotten kaufen, fragte sie ihn zuvor. Ebenso bei der Kleidung für die Kinder.
   Wie im Mittelalter, hatte Beate einst gesagt. Seitdem mied Nina dieses Thema, denn sie hatte mit ihrem vorgegebenen Bargeldbudget nie ein Problem gehabt. Hatte sie sich zumindest immer eingeredet.
   Weil du es nicht anders kennst, erinnerte sie ein Stimmchen in ihrem Kopf.
   Nina musste ihm zum ersten Mal recht geben. Es war, als würde sie mit einem Mal die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
   Wie wäre es denn mit einem Job, fragte das Stimmchen beharrlich weiter.
   Aber Mark verdient doch genug, erwiderte Nina.
   Was hast du davon?
   Wir leben gut.
   Bist du glücklich und zufrieden?
   Logisch.
   Deswegen kommst du auch nie in Bewegung, oder?
   Fängst du auch noch an?
   Ich meine es nicht wie Mark. Du solltest nur endlich dein Schneckenhaus verlassen. Wen siehst du denn außer Mann und Kindern?
   Ach, halt endlich deine Klappe!
   Nina warf einen Blick auf das Thermometer. Zwölf Grad. Die Sonne schien zwar, aber es war noch relativ frostig. Früher waren sie jedes Jahr im Frühling mit den Kindern ins Schwimmbad gegangen. Sobald die Sonne geschienen und das Thermometer morgens dreizehn Grad angezeigt hatte.
   Seltsam – bei dreizehn Grad hatte es sich ebenfalls um so eine festgefahrene Grenze gehandelt.
   Aber egal – schön war es gewesen. Ein Traum. Die Luft noch kalt, das Becken leer, das Wasser warm beheizt. Es hatte sich fast wie in der Badewanne angefühlt. Wellness pur für die nach Sonne ausgehungerten Körper und Seelen. Die Kinder hatten richtig toben können, weil sich außer ihnen nur wenige Leute bei den noch niedrigen Temperaturen ins Bad gewagt hatten. Nina erinnerte sich, wie sehr sie sich immer beeilt hatten, ins warme Wasser zu kommen. Wenn sie genug geschwommen waren, waren sie zum Aufwärmen in die Sauna gerannt. Toll war es gewesen. Aber das war lange her.
   Außerdem zeigte das Thermometer heute nur zwölf Grad, die Kinder waren schon groß und noch dazu in der Schule.
   Nina lief durch die Wohnung. Wo sie nur wieder ihre Jacke abgelegt hatte?
   Ihr Blick fiel in das gemütliche Wohnzimmer mit dem braunen Stoffsofa und den grünen Kissen, glitt weiter über den dazu gehörenden Schrank, das Sideboard, den modernen Fernseher und das Laminat, das sie erst letztes Jahr hatten erneuern lassen. Perfekt sah es aus. Wie im Möbelhaus. Nur nicht ganz so aufgeräumt.
   Weiter schritt Nina in die Küche im modernen Hochglanzstyle. Auch sie war neu. Gerade zwei Jahre alt. Ebenso Stühle und Tische, die die alte Eckbank abgelöst hatten.
   Ah, da war auch die Jacke. Wenig stilvoll über den Stuhl geworfen. Sie passte dort nicht hin. Eigentlich passte niemand in diese Küche, bei der es sich um ein Ausstellungsstück handelte, das weder zum Kochen noch zum Leben mit Kindern geeignet war, denn jeder noch so kleine Spritzer prangte unübersehbar an der glatten Oberfläche.
   Stimmt, dachte Nina, als sie die Fingerabdrücke am Kühlschrank entdeckte. Mark würde sofort mit dem Mikrofasertuch darüber polieren, aber sie nicht. Sie ging jetzt fort.
   Einfach so.
   Nina setzte sich ins Auto und fuhr los. Planlos, denn sie hatte keine Ahnung, wohin sie gehen sollte. Ihre Freundinnen waren wenig geworden. Okay, es gab Beate und noch ein paar Mütter, mit denen sie sich hin und wieder traf oder zumindest telefonierte. Aber eine richtige Freundin, mit der sie über alles reden konnte, hatte sie nicht mehr.
   Aber über was sollte sie überhaupt reden? Über Mark? Da gab es nicht viel zu erzählen. Alles, was Mark betraf, verlief in einem gleichmäßigen, immer wiederkehrenden Trott ab. Bis auf dieses Wochenende.
   Heute hätte Nina wirklich gern mit jemandem über eben jenes verhängnisvolle Wochenende gesprochen, aber es gab niemanden.
   Nun saß sie im Auto und wusste nicht, wohin.
   Spazieren gehen? Allein Kaffee trinken? Klamotten anschauen?
   Nina verließ das Neubauviertel, in dem sie wohnten. Sollte sie in die Altstadt fahren? Bummeln gehen? Die Sonne schien. Ein Eis essen?
   Sie traute sich nicht. Es war ihr unerklärlich, aber in ihrem Inneren existierte eine riesengroße Hemmschwelle.
   Nina überlegte. Sollte sie sich gar den Park ansehen, in dem Mark nun joggte?
   Schwachsinn. Was sollte sie dort?
   Unentschlossen bog sie auf den Hamburger Ring ein. Große Industriehallen und Bürogebäude säumten den Straßenrand. Eigentlich kein schöner Stadtteil, doch im Sonnenlicht sahen die gläsernen Gebäude hübsch aus. Sie leuchteten in schillernden Farben wie kleine Regenbögen und spiegelten die hellen Strahlen wider. Das war ihr zuvor noch nie aufgefallen. Normalerweise hatte sie mit dem Wort schön – zumindest was Gebäude betraf – immer an antike Bauwerke gedacht. Was ein bisschen Sonnenschein doch bewirken konnte …
   Nina blinzelte. Nun gut, zwischen Bürogebäuden machte es wenig Sinn, spazieren zu gehen.
   Hinter ihr knatterte es vernehmlich.
   Motorradfahrer. Kaum lag ein Hauch Frühling in der Luft, kamen sie aus ihren Löchern gekrochen.
   Vor ein paar Jahren hatte sich Mark auch ein Motorrad zulegen wollen. Den Führerschein hatte er bereits mit achtzehn gemacht, aber sie war strikt dagegen gewesen. Manchmal konnte echt sie die Vernünftigere sein. So hatten sie sich als Ausgleich ein neues Auto gekauft.
   Wahrscheinlich fiel Mark in den nächsten Tagen sein alter Traum wieder ein, so wie er momentan drauf war.
   Jetzt schaltete auch noch die Ampel auf Orange. Nina gab Gas. Sie hatte keine Lust, zwischen den vielen Motorrädern stehen bleiben zu müssen. Die Ampel wurde rot. Mist! Nina trat mit voller Wucht auf die Bremse. Die Reifen quietschten. Ihr Wagen rutschte eigenhändig ein Stück in die Kreuzung.
   O menno! Da stand sie nun. Völlig idiotisch.
   Ein Autofahrer fasste sich demonstrativ an die Stirn und beleidigte sie sichtbar durch die geschlossene Scheibe. Ninas gute Laune starb augenblicklich. Außerdem knatterte es hinter ihr laut und vernehmlich. Nervös und gleichzeitig irritiert blickte sie in den Rückspiegel.
   Mindestens zwanzig Motorräder. Noch dazu solche Teile, auf denen nur Machos fuhren. Gangs und irgendwelche bärtigen Typen mit Fransen und Fuchsschwänzen.
   Vorsichtshalber hielten sie einen Sicherheitsabstand zur Ampel beziehungsweise zu ihrem Wagen ein.
   Solche Trottel! Sie würde die knatternden Blechteile schon kaum im Rückwärtsgang über den Haufen fahren.
   Ninas Blick fiel wieder auf den unfreundlichen Typen im Auto. Sobald er sich ihrer Aufmerksamkeit bewusst war, zeigte er ihr demonstrativ einen Vogel. Was es doch für unfreundliche Menschen gab. Am liebsten hätte Nina den Mittelfinger erhoben, aber sie beherrschte sich. Immerhin verletzte sie sein Verhalten wirklich. Jetzt fasste er sich mit beiden Händen an den Kopf.
   Ging es noch? Normalerweise hätte sie ihm ein Aspirin anbieten sollen, aber sie saß schließlich im Auto. Also schied diese Möglichkeit aus.
   Nina dachte nicht länger nach. Ihre Zunge entwickelte ein richtiggehendes Eigenleben. Sie rutschte aus ihrem Mund und zeigte ihm eindeutig, dass sie sein Verhalten Übelkeit erregend fand. Kurz erstarrte er, dann bückte er sich Richtung Beifahrersitz. Wahrscheinlich suchte er nach Stift und Zettel, damit er sich ihre Autonummer notieren konnte. Wahrhaftig! Er verrenkte seinen Kopf, als wollte er die Nummer erkennen.
   Idiot. Noch nie was von Handy und Foto gehört?
   Doch sie lächelte ihn zuckersüß an, spitzte die Lippen und hauchte einen Kuss aus dem Fenster.
   Aber was tat er? Er öffnete die Autotür und wollte wahrhaftig aussteigen.
   Bitte, liebe Ampel, schalt doch endlich um, betete Nina.
   Aber das dumme Verkehrsgerät tat ihr den Gefallen nicht. Stattdessen wurde das Knattern hinter ihr ohrenbetäubend laut und näherte sich. Genervt blickte sie wieder in den Rückspiegel. Die Motorradfahrer waren aufgerückt. Nina schluckte. Fast sah es aus, als wollten sie sie beschützen. Der unverschämte Mann wirkte schon nicht mehr so aggressiv, eher kleinlaut. Brav setzte er sich zurück in seinen Wagen. Nina wusste nicht, welcher Teufel sie ritt, aber sie lächelte ihm nochmals zuckersüß zu und zwinkerte gleichzeitig neckisch. Die Ampel schaltete auf Grün. Endlich! Nina gab Gas. Okay, ein wenig mehr als nötig. Auch egal.
   Hoch erhobenen Hauptes fuhr sie an dem Troll vorbei. Er schaute nicht einmal mehr in ihre Richtung. Was für ein Feigling.
   Die Motorräder beschleunigten ebenfalls. Und weg waren sie …
   Ninas Herz schlug wie ein Presslufthammer. Sie nahm die nächste Abfahrt und bog in den Parkplatz eines Möbelhauses ein. Sie musste erst einmal durchatmen. So viel Adrenalin hatte sie die letzten Jahre nicht verschossen. Ihre Hände hielten das Lenkrad immer noch fest umklammert, dabei zitterten sie leicht. Seltsame Kombi. Sie starrte auf ihre festgekrallten, jedoch wackelnden Finger. Was für ein irrsinniger Vormittag.
   Ja, irrsinnig – im wahrsten Sinn des Wortes.
   Das Lachen kam verhalten, als müsste es sich erst überlegen, ob es überhaupt angebracht war.
   Langsam löste Nina die Hände vom Lenker, betrachtete sie und musste noch mehr lachen. So sehr, dass sie nicht aufhören konnte.
   Wie entgeistert musste sie geschaut haben, als sie halb in der Kreuzung gestanden und den Verkehr blockiert hatte. Was für ein Aufriss wegen ein paar Motorradfahrern, auf deren Gegenwart sie keine Lust gehabt hatte.
   Nina wischte sich eine Lachträne aus dem Auge.
   Der garstige Autofahrer – wie kleinlaut er plötzlich gewesen war.
   Ha – sie mit den Rockern als Verstärkung!
   Okay, der Ausdruck Rocker war ein bisschen übertrieben. Aber egal.
   Wenn Mark von ihrem Erlebnis wüsste, er würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Und nicht nur das. Er wäre entsetzt.
   Wieder musste sie lachen.
   Die Sonne schickte ihre warmen Strahlen ins Auto. Fast fühlte es sich wie Sommer an. Allerdings nur im Inneren des Wagens. Nina klappte die Sonnenblende herunter und betrachtete sich im Spiegel. Eigentlich sah sie gar nicht so schlecht aus. Zumindest nicht wie fast vierzig. Eher wie Anfang oder – okay, wohl eher – wie Mitte dreißig. Ihre Haut war faltenfrei. Die Augen blau wie der Frühlingshimmel.
   Erneut musste sie grinsen.
   Blau wie der Frühlingshimmel. Heute hatte sie eindeutig ihre poetische Ader entdeckt.
   Das Haar goldblond – ohne jeglichen Hauch von Chemie.
   Stolz reckte sie die Nase in die Höhe.
   Und die Hochsteckfrisur gab ihr fast einen Hauch Businesslook …
   Oder Hausfrauentouch, gab das leidige Stimmchen in ihrem Kopf von sich.
   Kurzerhand zog Nina die Klammern aus den Haaren. Dicke, wellige Strähnen fielen ihr auf die Schultern. Sie schüttelte den Kopf. Schon besser. Nicht so brav. Von wegen Hausfrauentouch. Eigentlich gar nicht so schlecht. Sie sollte die Haare öfter offen tragen.
   Nur Mark mochte es nicht.
   Seltsam, dabei hatte er sie mit langer Mähne kennengelernt.
   Na, er wird auch nicht mehr so aussehen wie früher, meldete sich das Stimmchen zu Wort.
   Nina überlegte. Mark sah eigentlich immer noch so aus, wie sie ihn kennengelernt hatte. Nur älter.
   Egal. Was machst du jetzt?, erkundigte sich das Stimmchen.
   Ich gehe ins Möbelhaus.
   Was willst du denn da?
   Junggesellen treffen, die sich eine Wohnung einrichten wollen.
   Und für was?
   Damit ich mich jung fühle.
   Männer gehen ins Möbelhaus, um Möbel anzuschauen.
   Und? Aber ich kann sie betrachten.
   Was hast du davon?
   Nichts.
   Na dann, viel Spaß!
   Dumme Vernunft. Hatte das nervige Stimmchen einen besseren Vorschlag? – Nein, hatte es nicht.
   Wo sollte sie denn sonst hingehen, jetzt wo sie bereits den Wagen auf dem Parkplatz abgestellt hatte?
   Auf die Wände ihrer Wohnung hatte sie jedenfalls keine Lust, und das Durch-die-Gegend-Fahren war ihr auch erst einmal vergangen.
   Halbwegs motiviert, zog Nina den Schlüssel ab, schwang die Beine aus dem Auto und machte sich auf den Weg zum Möbelhaus.
   Im Erdgeschoss gab es sogar ein Café. Und einen Asia-Imbiss. Nina schnupperte. Roch gut. Mittagessen für sie und die Kinder war gesichert. Die würden überrascht schauen, wenn sie mit Fast Food heimkam. Hoffentlich petzten sie es Mark nicht.
   Natürlich entpuppte sich der Möbelladen als langweilige Angelegenheit. Von wegen Junggesellen. Zahlreiche Schwangere oder Frischverliebte liefen ihr über den Weg. Außerdem stürzten sich die Verkäufer auf sie, weil sie wohl nicht genug Kundschaft hatten. Nicht mal in Ruhe die Liegeeigenschaften der Nobelbetten konnte Nina testen. Ständig kam irgendein hilfsbereiter Mensch angeschossen, der ihr etwas verkaufen wollte. Leicht entnervt lief sie schließlich Richtung Imbiss. Wahrscheinlich war das Essen ungenießbar – bei dem Glück, das sie heute hatte …
   Eine Schlange Leute stand an. Ganz so schlecht konnte das Essen folglich nicht sein. Allerdings war das Warten nervig. Ninas Magen knurrte vernehmlich. Das war gefährlich, denn wenn sie Hunger hatte, verschätzte sie sich stets mit der einzukaufenden Menge. Damit brachte sie Mark jedes Mal zum Verzweifeln. Aber heute Mittag waren schließlich nur sie und die Kinder zu Hause.
   Suppe, Chop Suey, Reisnudeln und Herbstrollen – das war’s. Für die Ente reichte Ninas Geld leider nicht, obwohl ihr bereits bei dem Gedanken an die krosse Haut das Wasser im Mund zusammenlief. Ente in roter Curry-Kokosnuss-Knoblauchsoße – das wäre es echt gewesen.
   Aber auch so war asiatisch eine schöne Abwechslung.
   Morgen könnte sie Döner kaufen und übermorgen Schnitzelsandwich. Nina grinste in sich hinein.
   »Wieder besser gelaunt?«, ertönte eine Stimme neben ihr.
   Irritiert blickte Nina auf.
   Ein Mann.
   Kannte sie nicht, registrierte sie.
   Aber er hatte sie und keinen der anderen Wartenden angesprochen. Außerdem sah er sie direkt an.
   Sie verstand nicht. Nervös fuhr sie sich durch die Haare. Sie musste sich getäuscht haben. Er konnte sie nicht gemeint haben. Wahrscheinlich litt sie mittlerweile an Halluzinationen. Oder er hatte sie verwechselt. Natürlich – das war die logischste Möglichkeit. Er hatte sie für eine andere Frau gehalten.
   Nina zuckte die Achseln, nahm endlich ihre heißen Speisen in Empfang und wollte weiter. Ihre Stimmung sank bereits wieder. Jetzt verwechselten sie sogar schon die Männer. Echt tragisch.
   Der Mann lachte leise auf.
   Nina blieb abrupt stehen. Der Beutel mit der Suppe schwankte gefährlich hin und her.
   Er lachte immer noch.
   Machte er sich etwa über sie lustig?
   Leicht verärgert kniff sie die Augen zusammen und betrachtete ihn genauer. Jeans, Lederjacke, weißes T-Shirt. Soweit optisch ganz ansprechend, aber schwarze, schulterlange Haare und einen herausgewachsenen Dreitagebart. Nina hasste Haare im Gesicht. Eigentlich am ganzen Körper. Außer auf dem Kopf, und selbst da sollten sie eine Länge von wenigen Zentimetern nicht überschreiten. »Kennen wir uns?«, fragte sie wenig freundlich.
   Sichtbar amüsiert grinste er sie an und entblößte eine Reihe ebenmäßiger Zähne. »Nicht, dass ich wüsste«, antwortete er. Er sprach leise.
   Beinahe musste sie die Ohren spitzen. Dann dämmerte ihr seine Antwort. Er kannte sie nicht und dennoch fragte er, ob sie wieder besser gelaunt war? Was für ein Scherzkeks.
   Egal, er passte zu dem Tag, an dem wohl alles irgendwie schieflief. Fehlte nur noch, dass das Essen versalzen war. Voll Unverständnis schüttelte sie den Kopf und drehte sich mit einem Ruck von ihm weg.
   Mist! Nun war wahrhaftig die Suppe ausgelaufen.
   Nina schnaufte.
   »Mit der guten Laune scheint es heute aber nicht so richtig klappen zu wollen.«
   Wie erstarrt blieb sie stehen. Was sollte das? Einfach ignorieren.
   Wieder lachte er leise.
   Sie würde sich nicht für dumm verkaufen lassen. Kopf hoch, Rücken gerade – so lief sie weiter. Zur Tür hinaus und über den Parkplatz. Sollte er doch jemand anderen verarschen. Ein anderes Wort fiel ihr zu seinem unmöglichen Verhalten auf Anhieb nicht ein.
   Schnell das Auto aufgesperrt, das Essen vorsichtig auf den Boden vor den Beifahrersitz gestellt, und erst einmal tief Luft holen. Dann stutzte sie.
   Da vorn lief der Typ. Der hatte sich aber beeilt. Hatte er gar kein Essen bestellen wollen? Anscheinend nicht, denn kein Tütchen baumelte an seiner Hand.
   Neugierig streckte sie sich. Schlecht sah er eigentlich nicht aus. Ziemlich muskulös, lange nicht so schlank und schlaksig wie Mark, aber auch nicht dick. Wenn nur diese Haare nicht wären …
   Die Haare können dir egal sein, meldete sich Stimmchen Neunmalklug zu Wort.
   Hm, stimmte Nina ihm zu. Dennoch fuhr sie nicht los, sondern beobachtete den Mann weiterhin.
   Zielstrebig lief er auf die Motorräder zu. In Ninas Kopf begannen sämtliche Alarmglocken zu klingeln. Sein Outfit, Motorrad – das passte zusammen. Perfekt sogar.
   Bitte nicht. Aber wahrhaftig schritt er auf eines dieser Fuchsschwanz-Fransen-Teile zu.
   Na, warte. Sie musste grinsen. Schon allein aus Vorfreude. Hastig ließ sie das Auto an. Sie musste sich beeilen. Schon hielt er den Helm in Händen.
   Nina fuhr los. Wieder mit einer Idee zu viel Gas. Na, und? Schließlich hatte sie es eilig.
   Direkt neben ihm bremste sie und ließ langsam die Scheibe heruntergleiten. »Erst Frauen in Angst und Schrecken versetzen, sie über eine rote Ampel in eine dicht befahrene Kreuzung jagen und sich dann nach ihrer Laune erkundigen?«
   Verblüfft blickte er sie an.
   Der Punkt ging eindeutig an sie. Sie schenkte ihm ihr allerliebstes Lächeln, nahm mit der rechten Hand die Sonnenbrille von der Ablage und setzte sie mit einer galanten Bewegung auf die Nase. Gleichzeitig fasste ihr linker Zeigefinger nach dem Schalter, der die Scheibe hochfahren ließ. Ihr Fuß trat aufs Gaspedal. Kurz hob sie die Hand zum Gruß. Und weg war sie.
   Gut gelaunt schaltete sie das Radio ein, das sie bei dem Geknatter der vielen Motorräder an der Ampel ausgemacht hatte. »I’m on a highway to hell«, schallte es ihr entgegen. Was für ein Zufall! So oft wurden rockige Oldies schließlich nicht gespielt. Und schon gar nicht dieses Lied. Nina sang lauthals mit, so gut fühlte sie sich. Sie hätte immer weiterfahren mögen. Doch es war längst an der Zeit, heimzugehen.
   Die Kinder würden bald nach Hause kommen. Das Essen – beziehungsweise was sich davon noch in den Styroporboxen befand – musste angerichtet werden, damit es nicht zu sehr nach Imbiss aussah. Allerdings auch aus reiner Gewohnheit, weil sie eben Frischkochen gewohnt war und keine Plastikschalen auf den Tisch stellen wollte.
   Also ordnete sie sich schweren Herzens auf der Rechtsabbiegespur ein, um den Hamburger Ring Richtung trautes Heim zu verlassen. Highway to hell wurde von Ex’s and Oh’s abgelöst, was ihr aber auch ganz gut gefiel. Die Musik lief immer noch laut. So laut, dass sie das Geknatter komplett überhört haben musste. Erst jetzt, da es sich zwei Wagen hinter ihr befand, wurde sie darauf aufmerksam.
   Das durfte doch nicht wahr sein. Wie gebannt starrte sie in den Rückspiegel. Er was es! Ganz sicher. War er ihr die ganze Zeit gefolgt und sie hatte es nicht bemerkt? Nein, das hätte sie gehört. Oder etwa nicht?
   Mist! Und jetzt? Vielleicht war es ein Zufall?
   Jetzt hupte der Fahrer hinter ihr auch noch. Was wollte der denn? Irritiert blickte sie wieder auf die Fahrbahn. Grün leuchtete ihr das Ampellicht entgegen. Verkehrssicheres Verhalten war heute definitiv nicht ihre Stärke.
   Nina konnte sich sein amüsiertes Gesicht unter dem Helm förmlich vorstellen. Aber was hieß unter dem Helm? Er trug nur so ein hässliches Pilotenteil.
   Schnell gab sie Gas. Immer wieder irrte ihr Blick zwischen Straße und Rückspiegel hin und her.
   Er überholte das erste Auto, dann das zweite und fuhr nun direkt hinter ihr.
   Unwillkürlich trat sie eine Idee zu heftig auf das Gaspedal, bemerkte es und reduzierte den Druck ihres voreiligen Fußes wieder. Bei ihrem heutigen Glück stand noch irgendwo ein verstecktes Blitzgerät am Straßenrand.
   Das Motorrad klebte förmlich an ihrem linken hinteren Kotflügel, als wollte es sie jeden Moment überholen.
   Warum tat er es denn nicht endlich? Nein, er hatte sich angedockt. Wie unangenehm.
   In wenigen Metern musste sie rechts in ihre Siedlung abbiegen. Sollte sie erst kurz zuvor blinken? Oder besser gar nicht? Warum hatte sie vorhin nur nicht ihr dummes Mundwerk halten können? Diesen Salat hatte sie sich selbst eingebrockt.
   Aber da – endlich setzte er zum Überholen an.
   Nina atmete auf. Doch was tat er? Er fuhr neben ihrem Auto her. Wahrscheinlich grinste er.
   Und was tat sie? Sie zeigte ihm einen Vogel.
   Immer noch möglichst cool mit Sonnenbrille auf der Nase.
   Da beschleunigte er und scherte kurz vor ihr ein. Natürlich hielt er sich korrekt an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Dafür fuhr er Schlangenlinien.
   So ein Idiot. Nina grinste schadenfroh. Ein wenig zumindest. Denn er befand sich vor ihr. Erst unmittelbar, bevor sie abbog, setzte sie den Blinker. Und weg war sie.
   Zu Hause angekommen klopfte ihr Herz immer noch viel zu schnell. Sie hatte es geschafft! Er war ihr nicht gefolgt. Hätte er auch gar nicht gekonnt. Und dennoch hatte sie beinahe damit gerechnet. Hatte sie vielleicht sogar darauf gehofft? Nein, hatte sie nicht.
   Wirklich nicht?, meldete sich das Nervensägenstimmchen zu Wort.
   Nein.
   Aber er hat dich richtig in Bewegung gebracht. Findest du nicht?
   Ich bin immer in Bewegung.
   Ach ja? Frag doch mal Mark?
   Lass mich mit dem in Ruhe!
   Der Biker war doch ganz hübsch …
   Biker? Wo hast du denn das aufgeschnappt? Und nein, er war nicht die Spur gut aussehend.
   Bist du dir sicher?
   Ja.
   Imaginäre Unterhaltung beendet. Nina balancierte die Tüte mit dem asiatischen Imbiss in die Wohnung und stellte sie auf dem Küchentisch ab. Die Suppe konnte sie vergessen, die schwappte munter in dem Beutel umher. Aber egal. Jetzt musste sie sich beeilen. Leider hatten die Kinder im Laufe ihres Lebens Marks Angewohnheiten angenommen und waren es gewohnt, dass das Essen bereits auf dem Tisch stand, wenn sie das Haus betraten.
   Und wer war daran schuld? Sie, das Hausmütterchen.

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