Als ihr Freund Jan mit ihr nach Mingheim zieht, ist Mirijam alles andere als begeistert. Von der Großstadt in ein Kaff. Doch Jans Gründe sind leider zu gut. Fest entschlossen, so schnell wie möglich wieder wegzukommen, trifft Mirijam auf ihre Nachbarin Ella, die ihre schlimmsten Erwartungen zu bestätigen scheint: Eine junge Dorfmutti wie aus dem Buche. Während Jan seine neue Heimat liebt, quält sich Mirijam durch ein unbezahltes Praktikum und das Dorfleben. Immer wieder trifft sie dabei auf Ella. Und auf Ellas Bruder Jonathan, der Mirijams Bauch zum Kribbeln bringt. Ellas Schmetterlings-Theorie kommt ihr da gerade recht. Denn Mirijam kämpft bereits an einer anderen Front und ist nicht bereit, Jan und ihre Beziehung aufzugeben. Bis ihr Leben in Scherben liegt.

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ISBN: 978-9963-53-707-5

Seiten: 202

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Eva-Maria Obermann

Eva-Maria Obermann
Eva-Maria Obermann kam im Mai 1987 zur Welt. Erste literarische Schritte ging sie mit zwölf Jahren in der Lyrik und blühte dabei auf. Das Schreiben wurde ihr Halt in schweren Zeiten. 2009 erschien ihr Gedichtband „Seelentropfen – 100 Gedichte“, ein Jahr danach nahm sie ein Studium der Germanistik auf und kam zu Hause an. Im selben Jahr erschien das Kinder-Sachbuch „In Mamas Bauch“. Es folgten Veröffentlichungen in Anthologien und die Arbeit an größeren Projekten. 2017 erscheint außerdem ihr erster Fantasyroman „Zeitlose – Simeon Rückkehr". Nachdem sie ihr Studium mit Bestnoten abgeschlossen hat, promoviert sie derzeit in der Literaturwissenschaft. Daneben betreibt sie einen Buchblog, schreibt ab und an für das Schifferstadter Tagblatt und regelmäßig für das faceface-magazin. Sie ist Mitglied der regionalen Dichtergruppe DichterZusammen, mit der sie als Herausgeberin und Autorin aktuell zwei Anthologien veröffentlicht hat, und Teil der BartBroAuthors. 2017 hat sie das Nornennetzwerk mitgegründet. Mit ihrem Mann, drei Kindern und einer Katze lebt sie in einer kleinen Stadt in der Pfalz. Literatur ist ihr Leben.

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Kapitel 1

Die Straßen stanken nach faulem Gemüse, die Brunnen waren überzogen mit schleimigen Algen, und aus der Ferne drang der Geruch von Dung und Wiesen heran. Dieses Kaff hatte nichts, wirklich nichts!
   Ich hasste es. Der Natur näherte ich mich freiwillig auf keine zehn Meter. Ein Zoobesuch war das Langweiligste der Welt. Wie schafften es diese Leute stundenlang auf irgendwelche Tiere zu starren, wie sie sich selbst den Arsch ableckten, aus dreckigen Kübeln fraßen und die Reste in ihrem Wasser verteilten, das schnell einen fauligen Gestank durch das gesamte Gelände schickte? Auch an Pflanzen fand ich nichts, zu viel Aufwand für etwas fahles Grün und zu wenige Blüten, die bald verrottet und schließlich vom Boden jeder Wohnung gesammelt werden musste. Nein, danke.
   Ich war in der Stadt aufgewachsen, und da wollte ich auch bleiben. Dort, wo ich die Geräusche einordnen konnte. Von diesem andauernden Vogelgezwitscher bekam ich höchstens Migräne. Um keinen Preis der Welt wollte ich dortbleiben.
   Schon hatte ich mich umgewandt, die Autotür im Visier. Das konnte er sich abschminken!
   Wie aufs Stichwort meldete sich Jan zu Wort. »Da ist es«, sagte er und zeigte auf ein halb verfallenes Häuschen in dreckigem Weiß.
   Jan hatte im Nachbardorf einen neuen, gut bezahlten Job gefunden, und in seiner anhaltenden Euphorie wollte er unbedingt auch in der Nähe wohnen. Zu blöd, dass außen herum nur eines war: Dorf und Feld. Die nächste größere Stadt war mehr als eine Stunde entfernt, und so musste ich mit diesem Kaff vorliebnehmen, das sich tatsächlich Stadt schimpfte. Außer dem Örtchen, in das er mich gerade verfrachtet hatte, stand noch ein weiteres zur Debatte. Etwas weiter weg, angeblich etwas größer. Missmutig folgte ich seinem Blick.
   Statt vernünftiger Rollläden hatte das Haus hölzerne Klappdinger, und das Hoftor bestand aus diesen hässlich-grünen Plexiglaswellen. Doch Jan hatte recht, denn auf dem gräulichen Verputz, der schon am Herabfallen war, prangte hämisch die Hausnummer drei.
   Panisch versuchte ich, diesen Albtraum zu beenden, ehe er in vollem Gange war. »Jan, ehrlich, das geht nicht. Ich find es jetzt schon scheußlich.«
   Verdutzt sah er auf. »Warum das denn?«
   »Hallo? Erde an Jan. Das hier ist die Ausgeburt des Kuhkaffs. Das kann nicht dein Ernst sein.«
   Er lachte auf. »Ach Süße. Du mein Stadtmensch. Jetzt lass uns das Ganze erst mal von innen anschauen. Und dann fahren wir kurz durch die Stadt, da wirst du sehen, dass es hier alles gibt, was du brauchst.«
   »Mannomann, musst du verpeilt sein, wenn du das hier als Stadt bezeichnest. Vermutlich kommt hier noch der Pastor zum Mittagessen und es ist völlig normal, wenn der Cousin sich an die Cousine ranmacht.«
   Er nahm meinen Einwand offensichtlich nicht ernst, sondernd drückte lachend auf den oberen Klingelknopf dieses furchtbaren Hauses.
   Ein schrilles Geräusch drang bis auf die Straße und hallte an den Häuserwänden entlang. Instinktiv sah ich mich nach Leuten um, die diese Peinlichkeit gehört hatten, als mir einfiel, dass hier ja keiner war, der hätte glotzen können.
   Mit einem gewaltigen Knall wurde oben ein Fenster geöffnet, sodass der Rahmen an die Hauswand schlug. Ein weißer Lockenkopf lugte hervor, der zu einer Mumie zu gehören schien.
   »Ja?«, schrie die Mumie mit einer schrillen Stimme, die Teil ihres Fluches sein musste.
   Unbeeindruckt lächelte Jan hinauf. »Ja, hallo. Frau Weiskopf? Wir wollten uns die Wohnung anschauen. Wir hatten einen Termin vereinbart.«
   Die Mumie, die Frau Weiskopf hieß, kniff die Augen zusammen. »Ja, ja. Ich komme.« Mit einem weiteren Rums schloss sie das Fenster wieder, und ich schätzte ab, ob sie es merkte, wenn wir jetzt schnell abhauten.
   »Nette Frau«, murmelte Jan und unterbrach mein Fluchtplanplanen. Perplex starrte ich ihn an.
   »Die Frau Weiskopf. Sie wirkt doch ganz nett.«
   Fassungslos war ich zu keinem Satz fähig und murmelte etwas von Mumien und Fluch, das er nicht verstand. Also schüttelte ich den Kopf und starrte zu Boden.
   Etwa eine Stunde unnötige Wohnungsbesichtigung und Kaff-Sightseeing lagen vor mir. Eine Stunde meines Lebens, die mir nie wiedergebracht würde. Aber was tut man nicht alles für den Mann, den man liebt. Und ich liebte Jan, das stand nicht zur Debatte. So sehr, dass ich überall mit ihm hingegangen wäre. Aber musste es ausgerechnet Mingheim sein?
   Nachdem ich einen ungefähren Wert für die Anzahl der Backsteine im Fußweg ermittelt hatte und die Mumie immer noch nicht an der Tür war, wagte ich einen Vorstoß in Richtung Flucht. »Vielleicht ist sie auf dem Weg runter krepiert.«
   »Miri!«
   »Mal echt. Wir warten bestimmt schon eine halbe Stunde.«
   »Fünf Minuten.«
   »Gar nicht wahr.«
   »Ich habe auf die Uhr geschaut.«
   »Aha. Und wenn deine Uhr stehen geblieben ist?«
   »Ist sie nicht.«
   »Wenn aber doch?«
   »Sie tickt noch.«
   »Ja, vielleicht ist sie zwischendurch stehen geblieben und geht jetzt wieder. Oder es ist ein Phantomticken.«
   »Sie ist nicht stehen geblieben!«
   »Aber …«
   Ich wurde grob unterbrochen, als zu hören war, wie sich die schwere Haustür öffnete. Schlurfende Schritte kamen auf das Hoftor zu, und einen Moment fürchtete ich, die Mumie würde uns gleich packen, doch dann raschelte ein Schlüsselbund. »Moment noch«, piepte eine Stimme.
   Aus der Nähe sah Frau Weiskopf weniger wie eine Mumie als wie eine Menschenfresserin aus. Ihre Haut hing am Hals ziemlich wabbelig hinunter und war übersät von dunklen Flecken. Erschrocken ergriff ich Jans Hand, der diesen Akt der Angst falsch verstand. Er zog mich hinter sich durch das Tor, als die Menschenfressermumie uns hereinbat. Knatternd schloss sich die Tür hinter uns, nun gab es keinen Ausweg mehr.
   Der Hof war karg und trist. Das angerostete Garagentor verriet, dass dahinter kein Auto stand, das in letzter Zeit die Straße gesehen hätte. Ein paar Blumenkübel arbeiteten gegen das Grau, doch ihre Lage war ebenso hoffnungslos wie meine. Hinter Frau Weiskopf her zog mein Liebster mich immer weiter in das Haus des Grauens hinein.
   Die Haustür war tatsächlich schwer. Als ich sie zumachen wollte, riss sie sich aus meinen Händen und knallte laut ins Schloss. Der Mumie machte es offensichtlich nichts aus, aber Jan warf mir einen vorwurfvollen Blick zu.
   Eine breite Treppe führte in den ersten Stock, doch Frau Weiskopf wandte sich nach links. »Hier lang.« Sie überprüfte jeden Schlüssel an ihrem Bund, ehe sie den richtigen gefunden hatte, obwohl ich hätte schwören können, dass sie genau denselben schon als Erstes in der Hand gehalten hatte. Dann endlich kamen wir in die Wohnung, die Jan so hochgepriesen hatte, und standen direkt in der Küche. Links von der Tür befand sich eine schmale Küchenzeile mit einem alten Herd und Backofen.
   »Hier können Sie dann auch essen«, kommentierte die Mumie und führte uns weiter in das angrenzende Wohnzimmer. Ein länglicher, kurzer Schlauch, dessen Fenster auf die Straße blickte. Davor hingen schwere Vorhänge, sodass der Raum dunkel und unheimlich wirkte.
   Zwischendurch gab Jan immer wieder ein »Ja«, oder ein »Hm« von sich. Schnell endete die Besichtigung im sogenannten Schlafzimmer. Ebenso schmal, aber um einiges kürzer als das Wohnzimmer links davon, dafür mit zwei Fenstern, von denen eines zur Straße, das andere zum Hof gerichtet war. Im ersten Moment dachte ich, es müsste noch eine Tür in ein weiteres Zimmer geben, doch die Wand war durchweg mit einer gelbstichigen Tapete beklebt. Vielleicht hatte man ja vor Jahren einen Menschen eingemauert. Herr Mumie zum Beispiel. Allerdings war dieses Kaff so furchtbar idyllisch, dass Leichen im Keller selbst mir unglaubwürdig schienen.
   So gräulich ich dieses dunkle Loch auch fand, die meiste Angst bereiteten mir Jans glühende Augen und sein begeistertes Gehabe. Das konnte unmöglich sein Ernst sein.
   »Soll ich Ihnen noch mal die Küche zeigen?«, fragte die Mumie an mich gewandt.
   Ich folgte ihr, allein um Jans freudigem Blick zu entkommen, und sie erklärte mir eindringlich, wie man Herd und Ofen benutzen sollte.
   »Da müssen sie aber achtgeben, dass die Platten immer aus sind. Und den Ofen lassen sie mir nicht an, wenn Sie aus dem Haus gehen.«
   Moment, dachte ich. Erstens hatten wir meines Wissens noch keinen Mietvertrag unterschrieben, zweitens konnte ich durchaus mit Herd und Ofen umgehen und drittens war ich doch nicht allein fürs Essen zuständig. Ich habe auch einen Job, na ja, zumindest hatte ich den mal.
   Bis vor Kurzem hatte ich tatsächlich eine ganz nette Stelle in einer netten Großstadtbank gehabt. Bis die Filiale umzog und ihre Angestellten nicht mitgenommen hatte. Das war nun drei Monate her. Seitdem hatte ich nichts gefunden, und ausgerechnet in diesem Kaff wurde gerade eine Bankkauffrau gesucht, sodass Jan mich am liebsten schon zum Vorstellungsgespräch geschickt hätte. Trotzdem, in unserer Beziehung herrschte Gleichberechtigung.
   Glücklicherweise kam Jan gerade aus dem Wohnzimmer zurück, sonst hätte ich der Mumie mal ein paar Fakten über Frauenemanzipation und Neuzeit erzählt. Sein Blick verriet, was ich schon befürchtete, er war von dieser Bruchbude total begeistert. Schnell hakte ich im Kopf mögliche Einwände ab und fand einen ziemlich guten, wie ich fand.
   »Wo ist eigentlich das Bad?«, fragte ich zuckersüß, und aus Jans Augen wich etwas Euphorie.
   »Ach das«, sagte Frau Weiskopf. »Da müssen Sie hier raus.« Sie wies auf die Wohnungstür, und ich triumphierte innerlich.
   Gut möglich, dass es da draußen nur ein Plumpsklo und einen Gartenschlauch gab. Zugegeben, so ganz konnte ich es auch nicht glauben, also trottete ich artig hinter der Mumie her. Tatsächlich gab es auf dem Flur neben der Wohnungstür eine weitere, die durch ihre graue Farbe den Eindruck erweckte, zuvor Teil der Wand zu sein. Deswegen war das Schlafzimmer so kurz geraten. Hinter der gelbstichigen Tapete war nicht etwa Herr Mumie verborgen, sondern das, was in diesem Kaff offensichtlich Badezimmer genannt wurde. Eine Dusch-Badewanne und ein kleines Klo fristeten ein tristes Dasein in abgewaschenem Weiß. Ein Waschbecken mit Spiegelschrank darüber gab es auch noch.
   »Sie müssen dann hier raus, wenn Sie baden oder auf die Toilette wollen«, erklärte Frau Weiskopf, was uns auch gerade klar geworden war.
   Mittlerweile war Jans Gesichtsausdruck wieder ernster geworden. Mit leicht verschränkten Armen richtete er sich an die Menschenfressermumie, während ich auf dem Klodeckel Platz nahm. Dieser schlechte Film musste doch ein Ende haben.
   »Ja, hm, und wie war das mit der Miete?«
   Wieso fragte er das? Diese Informationen hatte er doch bereits im Internet gelesen, warum zum Teufel musste er jetzt noch mal alles aus ihrem Mund hören? Bei ihrem Alter konnte das Tage dauern.
   »Also«, begann sie. »Heizung und Wasser geht über eine Leitung, da müssen Sie eine Pauschale zahlen. Da muss ich erst noch mal nachfragen, wie ich das machen kann. Wissen Sie, was Sie so verbraucht haben?«
   Jan nickte todernst. »Ja, das kann ich auf den Jahresabrechnungen nachlesen.«
   »Gut, und wenn dann der Schornsteinfeger kommt oder so was ist, dann müsste man das halt teilen.«
   Immer noch nickte mein Freund mit einem Gesicht, als würde er gerade eine Versicherung abschließen.
   »Ich glaub, das sind so achtzig Euro für die Nebenkosten, je nachdem, was Sie verbrauchen. Telefon und Fernseher müssen Sie selbst zahlen.«
   »Aber Heizung ist dabei?«
   »Jaja, Heizung, Strom, Wasser, Müll.«
   Offenbar war Jan in seinem Element.
   »Und die Kaltmiete. Was macht das dann?«
   »Ja kalt sind’s zweihundertfünfzig, insgesamt also so dreihundertdreißig Euro.«
   Ich zuckte zusammen, das war selbst für so eine Wohnung ein Spottpreis.
   »Und was müssten wir da noch beachten?«, fragte Jan.
   »Also, wenn Sie Haustiere haben, das muss ich wissen. Ein Hund geht nicht wegen dem Garten, und sonst müsste man drüber reden. Und dann müssen Sie alle zwei Wochen den Gehweg kehren. Manchmal auch öfter, ich bin oft bei meiner Tochter, die wohnt weiter weg. Und dann müssten Sie sich ein bisschen um den Garten kümmern, und vielleicht mal putzen.«
   »Wie bald müssen wir uns denn entscheiden?«, fragte ich schnell, als ich Jans Nicken so verstand, dass er gleich mieten wollte.
   Etwas überrascht, dass ich mich zu Wort meldete, sah die Mumie mich an. »Ja, äh. Also wie Sie wollen. Da kommen erst nächste Woche noch welche.«
   Damit stand ich auf, hatte meine Entschlossenheit plötzlich wieder und griff nach Jans Hand. »Vielen Dank M… äh, Frau Weiskopf. Wir müssen jetzt schauen, die Unterlagen raussuchen und dann melden wir uns wieder«, flötete ich und zog den verdutzten Jan schnell aus dieser Horrorwohnung, in die Freiheit meines Autos. »Lass uns nie wieder darüber reden!«
   Tatsächlich verstand Jan nicht, was ich meinte, doch kaum hatte er den Motor an, sah er nur noch auf die Straße. Manchmal ist es auch von Vorteil, wenn Männer kein Multitasking beherrschen.
   Nachdem wir uns Aldi, Lidl und Real angeschaut hatten, besser gesagt, daran vorbeigefahren waren, bestand Jan allen Ernstes darauf, in die Innenstadt, wie er es nannte, zu fahren. Ein leeres Modehaus stand zwischen einer klapprigen Eisdiele und einem muffigen Dönerladen. Gegenüber erspähte ich einen Deko-Schreibwaren-Buchladen. Ein kleines Delikatessengeschäft schien ums Überleben zu kämpfen, denn große Schilder mit Rabattaktionen säumten das Schaufenster. Dem etwas weiter entfernt gelegenen Blumenladen ging es wohl auch nicht besser.
   »Ach, und das ist dann wohl die Bank«, merkte Jan an und zeigte auf ein winziges Gebäude. Es war offensichtlich die Bank, auch wenn es mehr einem Leihhaus ähnelte. Klein und versteckt stand das Gebäude da und wirkte wenig einladend.
   »Du … äh«, begann ich. »Ich habe furchtbare Kopfschmerzen. Äh … Periode, verstehst du? Können wir jetzt gehen?«
   Gekonnt runzelte er die Stirn. »Tatsächlich? Etwas früh dran diesmal, oder?«
   Herrgott, führte der Mann einen Zykluskalender?
   »Ja, PMS.«
   »Hä?«
   »Prämenstruales Syndrom.«
   »Ah, die Ausrede zwischen der Regel, um mies drauf zu sein.«
   Ich boxte ihn auf den Arm und ging Richtung Wagen. »Nein wirklich, ich bin müde, hab Kopfweh und will einfach nur nach Hause.« Dass ich einfach nur raus aus diesem Albtraum Kleinstadt wollte, behielt ich lieber für mich.
   Eine gute Stunde später kamen wir zu Hause an, und mittlerweile war auch Jan erschöpft.
   »Echt, diese Autofahrt. Das würde ich keine Woche aushalten.«
   Schon roch ich, wohin der Hase laufen wollte. »Können wir erst mal drüber schlafen, ehe wir was bereden? Ich habe jetzt echt keinen Kopf dazu.« Ehe er antworten konnte, schluckte ich ein paar Vitamine, die ich so aus dem Schrank geholt hatte, dass er es für Kopfschmerztabletten halten konnte und murmelte etwas von nur noch ins Bett wollen.
   Zu meiner Überraschung nickte er, und eine weitere halbe Stunde später lagen wir nebeneinander in meinem Jugendbett, das ich mit in diese Wohnung gebracht hatte.
   Doch im Gegensatz zu Jan, der in Sekundenschnelle wie ein Stein schlief, konnte ich kein Auge zumachen. Immer wieder sah ich diese Wohnung und die Menschenfressermumie vor mir und stellte mir vor, wie es wäre, dort zu wohnen. Morgens auf dem Weg zur Dusche würde ich Frau Weiskopf begegnen, die angesichts meines kurzen Badehandtuchs in Ohnmacht fiele. Einen Herzinfarkt bekäme sie bei meinem ersten Sommerminirock. Und ihr Gesicht, wenn sie mich beim Rauchen erwischte, erschrak mich schon in der Vorstellung so, dass ich tatsächlich überlegte, mit dem Rauchen aufzuhören.
   Die nächste Wahnvorstellung betraf Jan, der sich zu einem richtigen Dorfspießer entwickelte. Er würde um sechs von der Arbeit kommen, »Was gibt’s zu essen« zur Begrüßung rufen und anfangen, Schlagermusik zu hören. Helene Fischer im Dauertakt. Das Grauen. Am schlimmsten aber war die Vorstellung dessen, was aus mir werden sollte. Schon sah ich mich in Hauskittel und Lockenwickler, den Backofen mit der Zahnbürste reinigend und den halben Tag aus Langeweile aus dem Fenster starrend, wobei ich die Dorfjugend auf jedem ihrer Streifzüge beobachten konnte.
   Jede böse Idee, die ich je von einem Dorf oder einer Kleinstadt gehabt hatte, vereinigte sich in diesem Kaff. Und noch war mir keine plausible Erklärung eingefallen, Jan die ganze Sache auszureden, außer, dass ich dort nie im Leben einziehen wollte. Dessen war ich mir jedenfalls sicher.
   Natürlich hasste ich nicht die Natur an sich, ich konnte nur nichts mit ihr anfangen. Ferien auf dem Bauernhof sind das eine, in ein Dorf zu ziehen, etwas ganz anderes. Die Anonymität der Großstadt war mein Zuhause, was sollte ich in einem Kaff, wo jeder den anderen kennt? Genauso wenig können sich echte Landkinder im Stadtdschungel zurechtfinden, oder? Außerdem verstand ich nicht, warum Jan ausgerechnet diesen Job nehmen musste, warum er unbedingt umziehen wollte und mich in diese winzige Bank stecken. Sah er darin unsere Zukunft? Und gerade dieses Wort war es, das mir am meisten Angst machte. Hatten wir eine Zukunft? War er der Mann meines Lebens? Und wollte er tatsächlich ein Häuschen auf dem Dorf mit weißem Lattenzaun und Dutzenden Kindern? Wo ich doch nie wirklich einen Zugang zu diesen Minimenschen hatte, und ihn auch nicht vermisste. Ich war glücklich gewesen mit meiner Arbeit in der Bank und seinem Studium an der Uni. Meinetwegen hätte er nie seine Abschlussarbeit schreiben müssen. Alles war perfekt. Und nun sollte alles anders werden.
   Am nächsten Tag ging ich Jan tunlichst aus dem Weg. Noch vor dem Frühstück verschwand ich ins Fitnessstudio mit der Ausrede, dass ich vor dem Training ohnehin nichts essen könne. Danach traf ich mich mit Liza, meiner besten Freundin, auf einen Kaffee und klagte ihr mein Leid. Nach ausgiebiger Bemitleidung ging ich heim, wohl wissend, dass Jan unterwegs war, um für seine neue Stelle wichtige Formulare zu beschaffen. Kaum war er zu Hause, schob ich den leeren Kühlschrank vor und brachte vom Einkaufen Fast Food mit, durch das sein Mund erst mal gestopft wurde. Als er sich schließlich gemütlich aufs Sofa setzte, flüchtete ich ins Bett und stellte mich zwei Stunden später schlafend, als Jan leise ins Zimmer geschlichen kam. Schlaf fand ich wieder kaum. Wenn man weiß, dass man sich einer Angst stellen muss, wird es auch nicht leichter, und ich wusste, dass ich um die Wohnungsdiskussion nicht herumkam.
   Zu meinem Befremden war es Jan, der am nächsten Morgen gleich davondüste. Er musste sich noch mal beim Abteilungsleiter des Konzerns melden, der ihn in Zukunft bezahlen sollte. Um meinen inneren Konflikt zu bearbeiten, wusch ich Geschirr und Wäsche, saugte auf und hörte dabei Melody Gardot. Ein Schauder lief mir über den Rücken, als ich unwillkürlich an die Schlagerhitparade denken musste. So etwas konnte ich mir wirklich nicht antun.
   Gegen Abend kam Jan zurück, ziemlich zermürbt und todmüde. Diesmal war er es, der gleich nach dem Abendessen ins Bett fiel, nur, dass er tatsächlich einschlief. Mit leicht schlechtem Gewissen kuschelte ich mich an seinen warmen Körper. Sachte fuhr ich durch seine schwarzen Locken, die er meinetwegen etwas länger trug, als er es eigentlich mochte. Nur, weil ich es liebte, mit diesen Ringeln zu spielen, und fand, dass es ihm besser stand. Zwar beschwerte er sich oft genug über seine störrische Frisur, doch nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, sie abzuschneiden.
   Liebte er mich vielleicht mehr als ich ihn? Immerhin war er bereit, sein Aussehen meinen Vorlieben anzupassen, während ich es nicht mal in Erwägung zog, eine Zeit lang in dieser kleinen Wohnung zu hausen. Gewissensbisse plagten mich, doch wenigstens konnte ich diesmal ziemlich erschöpft schlafen.
   Erst am dritten Tag nach der Wohnungsbesichtigung frühstückten Jan und ich wieder zusammen. In unserer winzigen Küche stand ein schmaler Tisch, auf den gerade mal unsere zwei Teller und die Kaffeetassen passten. Genüsslich tunkte Jan sein Croissant in den heißen Kaffee und grinste mich an. Ich lächelte verlegen zurück und schmierte Konfitüre auf mein halbes Brötchen.
   »Ach, was ich dir noch sagen wollte«, murmelte Jan mit vollem Mund. »Der Typ von der anderen Wohnung hat angerufen, der Vormieter zieht jetzt doch nicht mehr aus.«
   »Also der Mieter«, verbesserte ich.
   »Was?«
   »Na, wenn er gar nicht auszieht, ist er ja kein Vormieter, sondern ein Mieter.«
   »Ah, ja, natürlich, Frau Deutschlehrerin.«
   »Und jetzt?«
   »Bitte?«
   »Na, was ist jetzt, wo der Typ nicht auszieht?«
   »Ach so, na, die Wohnung fällt jedenfalls flach. Der Typ meinte, er könne uns eine andere Wohnung zeigen, aber die wäre teurer.«
   »Hm«, brummte ich unschlüssig, was zu antworten war.
   »Aber eigentlich können wir das auch lassen.«
   Nun wurde ich doch sehr hellhörig. »Was meinst du damit?«
   »Na, die Wohnung bei Frau Weiskopf wäre doch fürs Erste wirklich gut. Da komme ich schnell zum Bahnhof, und du könntest das Auto haben. Außerdem ist die wirklich günstig, und die Vermieterin ist doch sehr nett.«
   So, nun lagen die Karten auf dem Tisch. Jetzt kam es drauf an, was ich auf der Hand hatte. Und das war nicht viel. »Sie wohnt im selben Haus.«
   »Aber sie ist doch meistens überhaupt nicht da.«
   »Und dann sollen wir für sie putzen, besser gesagt ich als Frau.«
   »Ach komm, ein bisschen Saugen und das Blumengießen. Dafür ist da ein Garten dabei, ein richtiger Garten.«
   »Als würdest du je im Garten was machen.«
   »Wer weiß, bis jetzt hatte ich nur keine Gelegenheit.«
   Demonstrativ verschränkte ich die Arme vor der Brust. »Das Bad liegt außerhalb der Wohnung.«
   »Ja, schon, aber wir dürfen alles so streichen, wie wir wollen.«
   »Woher willst du das wissen?«
   »Ich habe Frau Weiskopf gestern noch einmal angerufen.«
   »Einfach so.«
   »Da wusste ich das mit der anderen Wohnung schon.«
   »Aha.«
   »Ja, und mal ehrlich, ich kann doch nicht jeden Tag über fünf Stunden im Zug oder im Auto sitzen. Das mach ich nicht. Vorher quartier ich mich dort im Hotel ein.«
   »Da gibt’s Hotels?«
   »Na ja, oder eben auf dem Bauernhof«, sagte er spöttisch.
   »Ich will da nicht wohnen.«
   »Komm, das ist nicht für lange. Wir schauen nebenbei immer wieder, ob wir was anderes finden.«
   »Aber wo? Da ist doch nichts außer Wald und Dorf.«
   »So schlimm ist es auch wieder nicht.«
   »Nein, noch viel schlimmer.« Das sollte doch wohl ein Scherz sein?
   »Miri, ich bitte dich. Wir haben da keine Kündigungsfrist. Wir können von heute auf morgen wieder ausziehen.«
   »Das hast du wohl auch gestern besprochen.«
   »Genau.«
   »Du bist furchtbar!«
   »Komm schon. Der Konzern hat doch noch den Mutterbetrieb, der ist in Frankfurt. Und Außenstellen in England, China und Bolivien sind auch drin. Wenn ich mich gut anstelle, kann ich mich vielleicht bald dafür bewerben. Das wäre doch was.«
   Diese Aussicht hörte sich tatsächlich verlockend an. Frankfurt war zwar nicht der Hit, aber besser als Kuhkaff. Und England hätte ich mir auch gefallen lassen können. »Und du meinst, das geht so schnell?«
   »Wir schaffen das schon. Das ist einfach eine einmalige Gelegenheit. Die suchen tatsächlich grade nach Leuten mit meinen Voraussetzungen. Da brauch ich nur etwas Glück. Und wer weiß, vielleicht ist die Kleinstadt gar nicht so schlimm.«
   »Oh, glaub mir, das ist sie.« Grübelnd aß ich mein Brötchen auf und rief meine Mutter an, um sie über die neusten Aussichten zu informieren.
   Als ich in die Küche zurückkam, strahlte Jan übers ganze Gesicht. Ich ahnte Böses. »Was ist denn los? Hast du im Lotto gewonnen?«
   Er umarmte mich überschwänglich. »Wir haben die Wohnung!«
   Energisch befreite ich mich aus seiner Umarmung. »Welche Wohnung?«
   »Du bist lustig. Die Wohnung. Bei Frau Weiskopf. Darüber haben wir doch gerade geredet.«
   »O nein. Nein, Nein, Nein. Hast du mich sagen hören: Okay, wir nehmen sie? Nein, denn das habe ich nie gesagt und niemals gemeint. Ich war nur etwas besänftigt, dass du diesen Job im Kaff überhaupt angenommen hast. Aber ich habe auf keinen Fall zugestimmt, dieses Horrording, das du Wohnung nennst, zu beziehen!«
   »Miriam!«
   »Nichts Miriam, und nichts Miri. Das machen wir nicht! Dann fährst du halt einen Monat mit dem Auto oder so, bis wir was Besseres finden. Das kann doch nicht alles sein.«
   »Also hör mal.«
   »Das kannst du vergessen. Da zieh ich nicht ein.«
   »Ich sitze nicht den halben Tag im Auto, nur, weil die Autobahn dauerverstopft ist. Wann soll ich denn dann schlafen?«
   Mir gingen eindeutig die wenigen Argumente aus, die ich hatte.
   »Verdammt Jan, dann kauf der Straße ein Abführmittel und dir Schlaftabletten, aber ich zieh nicht in dieses Kaff.«
   Die Hoffnung, mit dem miesen Witz die Spannung zu lösen, verschwand so spontan, wie sie gekommen war. Jan sah mich beängstigend ruhig an und sprach geduldig weiter, wie mit einem kleinen Kind.
   »Bitte, dann bleib hier. Ich jedenfalls zieh um. Zum nächsten Ersten.«
   »Das ist nächste Woche!«
   »Ja und?«
   »Ich dachte, du willst erst nächsten Monat umziehen.«
   »Nächsten Monat fang ich an zu arbeiten. Umziehen will ich erstens schon früher, und zweitens will ich vorher noch tapezieren.«
   »Auch das noch. Du machst es dir dort also gemütlich. Dann hast du gar nicht vor, so schnell wieder auszuziehen.«
   »Ich? Nein. Aber ich weiß, dass du es da nicht so toll findest. Darum will ich tapezieren, damit dir wenigstens die Wohnung besser gefällt, solange wir dort wohnen. Und ehrlich, wenn wir in zwei Monaten was Besseres finden, sind wir da sofort weg, auch wenn es mir da gefällt. Dir muss es schließlich auch ein bisschen gefallen.«
   Ich war den Tränen nahe. Er war so lieb, und ich konnte einfach nicht nachgeben.
   »Es gefällt mir aber überhaupt nicht dort.«
   »Darum die Tapete.«
   »Die wird das nicht ändern.«
   »Du bist so ein Kind.«
   »Ich bin ein Kind? Hallo? Du willst ins Land der Hinterwäldler. Die kennen Internet nur vom Hörensagen und Kabel bekommst du da schon zweimal nicht. Ich will nicht in einem Kaff wohnen, wo es eine Telefonzelle, aber dafür zehn Kirchen gibt. Das ist Lummerland für Arme.«
   »Miri, bitte. Bitte, bitte, bitte. Für mich. Wir versuchen es einfach. Wir schauen uns weiter Wohnungen an und ich schau, ob ich mich nicht bald versetzen lassen kann. Vielleicht, wenn meine Probezeit vorbei ist. Dann bin ich im Gefüge drin, dann geht das bestimmt.«
   »Und wie lang ist die Probezeit?«, fragte ich vorsichtig.
   »Generell drei Monate, wenn alles gut klappt, hat man mir gesagt, auch zwei.«
   Ich schluckte tief. Das Grauen bekam einen Rahmen. Einen viel zu großen meiner Meinung nach, aber immerhin.
   »Drei Monate?«
   »Höchstens.«
   »Und dann lässt du dich versetzen?«
   »Sobald es geht. Indianerehrenwort!«
   »Ich habe was gut bei dir!«
   »Aber so was von.«
   Ehe ich noch etwas erwidern konnte, war Jan bei mir, nahm ich fest in den Arm und drückte mich, dass mir die Luft wegblieb.
   »Danke, Miri. Wirklich. Ich brauche dich doch. Ich liebe dich.«
   »Ich brauche dich auch, sonst würde ich das nie tun!«, flüsterte ich unhörbar und atmete seinen vertrauten Geruch ein.

Kapitel 2

Somit sah ich mich bereits zwei Wochen später an jenem Ort wieder, den ich nie wieder hatte betreten wollen. Jan hatte kräftig vorgearbeitet. In Wohnzimmer und Küche prangte bereits neue Tapete an den Wänden, blau im Wohnzimmer, orange in der Küche. Ich war mir fast sicher, dass er sogar Bad und Küche blank poliert hatte. Der Herd miefte nur noch unscheinbar, und die Toilette sah wenigstens so aus, dass ich mich ohne Angst daraufsetzen konnte.
   »Aber das Schlafzimmer machen wir zusammen«, hatte Jan mit verwegenem Blick gesagt, und mir gingen die Ausreden aus. Früher oder später musste ich mich der Wohnung stellen, also könnte ich auch gleich etwas Farbe darin verspritzen.
   Für das Schlafzimmer hatte Jan einen Farbton ausgesucht, der irgendwo zwischen Rosa und Flieder lag. Wahrscheinlich dachte er, dass er mir damit einen Gefallen tat. Während er eine neue Lampe im Wohnzimmer aufhing, kleckste ich Farbe auf die jungfräulich weiße Wand.
   »Du, das sieht aber eher nach … äh … belegter Zunge aus.«
   Von der Leiter aus äugte Jan ins Schlafzimmer. »Ach was, das dunkelt noch nach.«
   »Meinst du?«
   »Ja, bestimmt. Streich halt erst mal nur die eine Wand, dann können wir morgen schauen, ob’s dir gefällt. Wenn nicht, tauschen wir die Farbe um.«
   »Geht das denn?«
   »Ja klar, ich weiß ja, was ich wollte, und wenn’s das nicht ist, dann tausch ich es um.«
   Kaum traute ich mich, zu fragen. »Und was wolltest du?«
   »Ach, so ein Altrosé.«
   »Altrosé?«
   »Du weißt schon, so was warmes, leichtes, nicht richtig Rosa, aber doch irgendwie.«
   »Ja, klar, jetzt weiß ich’s.« Ich rollte mit den Augen und stemmte die Hand in die Hüfte.
   »Du, bring mich nicht zum Lachen, sonst fall ich noch von der Leiter.«
   »Das ist der Fluch der Mumie.«
   »Was?«
   »Ach, nichts. Ich streich dann mal die eine Wand.«
   Tatsächlich sah die Farbe gar nicht mehr so schlimm aus, als die Wand erst mal voll damit war. Da ich die Wahl hatte zwischen dem Streichen des restlichen Zimmers oder mit Frau Weiskopf zu Abend zu essen, die sich zwischendurch hatte blicken lassen – (Ach, das sieht aber nett aus.) -, wählte ich Ersteres und konnte mich mit einer glaubhaften Ausrede danach ins Auto setzen.
   Auch Jan war total fertig. »Du, ich habe mir gedacht, wir könnten ja schon mal mit Luftmatratzen hier schlafen«, murmelte er, als er den Wagen anließ.
   »Äh, ja, was?«, war alles, was ich darauf herausbrachte.
   »Na dieses Hin und Her ist doch echt nicht zum Aushalten. Und Frau Weiskopf meint, das ginge schon in Ordnung. Bis die Wohnung nicht fertig ist, müssen wir nichts zahlen.«
   Wahrscheinlich lag es an meiner Müdigkeit, dass ich nichts mehr erwidern konnte. Sehr wahrscheinlich sogar, denn auf dem Heimweg war ich eingeschlafen und wachte erst wieder auf, als Jan vorsichtig meinen Gurt löste.
   »Oh, du bist wach. Ich hätte dich jetzt raufgetragen«, nuschelte er verlegen.
   Dafür war ihm die Luftmatratze schon wieder vergeben.
   Am nächsten Tag sah ich das trotzdem etwas anders.
   Jan packte pfeifend ein paar Klamotten ein. »Luftmatratzen habe ich übrigens schon besorgt«, flötete er.
   »Hast du das schon länger geplant?«
   »Ja, Miriam, immerhin ziehen wir hier aus. Da plant man so was.«
   »Und ab wann willst du da schlafen?«
   »Ach, ja, hm. Also ich ab heute. Und ich dachte, du packst noch etwas, und dann schaffen wir in zwei, drei Tagen die ersten Sachen rüber und dich nehme ich dann auch mit.«
   »Juhu, ich bin eine der ersten Sachen.«
   »Ach was, Miri, du bis die erste Sache.«
   »Nana«, sagte ich und deutete auf seinen Seesack. »Erzähl das mal deiner Bench-Jacke. Die wartet in der Tasche schon darauf, dass du ihr die Wohnung zeigst.«
   »Bist du etwa eifersüchtig?«
   »Mindestens«, murmelte ich grinsend und widmete mich meinem Kaffee.
   Gegen Nachmittag fuhr Jan los, und ich blieb allein zurück. Doch so fühlte ich mich gar nicht. Ich genoss es, mal den Tag nach meinen Wünschen zu gestalten, dass ich das Bett für mich hatte und auf niemanden Rücksicht nehmen musste. Das Packen ließ ich ziemlich schleifen, schob Ausreden vor und nahm ausführlich Abschied von der alten Wohnung, die ich so lieb gewonnen hatte.
   Fünf Tage später waren meine Ausreden verbraucht. Schon allein, weil der Nachmieter nun doch schon früher einziehen wollte und wir uns so die Miete sparen konnten.
   Samstagmorgens um fünf klingelte mein Wecker, sodass ich die letzten Sachen verpacken konnte. Natürlich war ich damit noch nicht fertig, als meine Mutter kam.
   Sie war wie immer die erste Helferin vor Ort. »Weißt du, Kind, so eine Wohnung kann ihr Gutes haben. Das ist immer eine Entwicklung. In einer Beziehung.«
   »Ja, Mama.«
   »Weißt du, Miri, eine ernsthafte Beziehung fordert immer, dass die Partner ihre Individualität aufgeben und sich eine neue, gemeinsame schaffen.«
   »Ach Mama. Ich heirate ja nicht. Wir ziehen nur um.«
   »Ach, ich habe noch keinen Kaffee getrunken, da red ich halt manchmal so dummes Zeug.«
   Sie umarmte mich, und ich nahm mir vor, ihr schnellstens einen Kaffee zu besorgen.
   Zwei Stunden später waren auch die übrigen Umzugshelfer und Jan da, sodass das Unausweichliche nicht länger aufgeschoben werden konnte. Mit dem letzten Karton setzte ich mich leicht zitternd auf den Beifahrersitz zu meiner Mutter. Irgendwie beruhigte es mich, dass sie mich zu meiner persönlichen Hölle brachte.
   Viel zu schnell für meinen Geschmack, nach gezählten acht Stunden, sechsundvierzig Minuten und vierundzwanzig Sekunden stellte ich eben diese Kiste als letztes Umzugsstück ins künftige Schlafzimmer.
   Jan hatte bereits eine Runde Pizza von der örtlichen Pizzeria besorgt, die, das musste ich zumindest zugeben, auch wenn ich es nicht verriet, ziemlich gut schmeckte.
   Und damit war es so weit: Ich wohnte bei der Mumie.

Eine Woche später musste Jan schon arbeiten. Er ging früh aus dem Haus, kam erst spät wieder. »Einarbeitung«, kommentierte er das.
   Ich fand es eine Unverschämtheit. Er war doch nicht der Depp vom Dienst. So musste ich unseren gesamten Kram allein einräumen. Mit der Küche, die ja schon eingebaut war, fing ich an. Viele andere Möbel hatten wir nicht mitnehmen können, da sie zur alten Wohnung gehört hatten. Nur mein Bett und zwei Bücherregale standen noch auseinandergebaut im Schlafzimmer. Irgendwie packte mich kein Ehrgeiz, das Zeug aufzubauen. Stattdessen lebten wir aus dem Koffer, und ich hielt mich betont bedeckt. Jedes Mal, wenn ich nur daran dachte, aus dem Haus zu gehen, fürchtete ich, der Mumie zu begegnen. Nur um eines kam ich nicht herum, das Einkaufen.
   Freitagmorgens schlich ich mich aus der Wohnung, ging auf Zehenspitzen durch den Hof und schloss die Autotür unhörbar. Um diese Zeit musste selbst hier wenig los sein. Dachte ich zumindest.
   Pustekuchen. Offenbar gingen im Dorf alle Leute freitagsmorgens einkaufen, der Samstag gehörte den arbeitenden Frauen, und denen wollte man ja nicht begegnen. Ich zog die Mütze tiefer ins Gesicht und kämpfte mich durch den Real. Da kannte ich mich wenigstens aus. Ich beließ es bei Müsli, Milch, Brot, Wurst und Fertiggerichten. Lust zu kochen hatte ich eh nicht, und Jan aß warm bei der Arbeit. An der Kühltheke versuchte gerade eine Mutter ihrem Sohn zu erklären, dass er nur einen Joghurt mitnehmen könne. Sie sah ziemlich jung aus, wohl jünger als ich. Klar, dachte ich, hier bekommt man Kinder und macht keine Ausbildung. Das Kind war kaum älter als drei. Die Mutter lächelte mir zu, legte einen Joghurt in ihren Wagen, den anderen wieder in die Theke und schob ihren Sprössling samt Kinderwagen weiter. Ich schüttelte ziemlich verständnislos den Kopf. Wie konnte man nur seine Erfüllung in der Erziehung seiner Kinder sehen? Das Leben musste doch mehr bieten.
   An der Kasse traf ich sie wieder, sie stellte sich hinter mir an.
   »Nein, lass das auf dem Band«, ermahnte sie das Kind mindestens zehn Mal und nahm gleichzeitig irgendwelche Süßigkeiten wieder vom Band herunter. Mir wurde richtig unbehaglich zumute, während die Kassiererin in seelenruhiger Gelassenheit einen Posten nach dem anderen über die Kasse zog.
   »Hallo«, sagte die Mutter, und ich musste überlegen, ehe ich begriff, dass sie mich meinte. »Sie sind doch gerade bei Frau Weiskopf eingezogen. Wie gefällt es Ihnen denn?«
   War ja klar. In diesem Kaff wusste bestimmt schon jeder, was ich am liebsten esse, und ab heute wohl auch, dass ich hauptsächlich Nudelpacks zu mir nahm. Ich murmelte ein verlegenes »Ah ja«, drückte der Kassiererin zwanzig Euro in die Hand und verschwand Richtung Ausgang.
   In der Wohnung angekommen, die ich immer noch nicht als Zuhause sehen konnte, schmiss ich die Einkaufstasche auf den Küchentisch und simste Liza, wie schnell sich meine Ankunft hier herumgesprochen hatte. Das Internet war noch nicht gelegt, da die Kabelfirma scheinbar nur jedes Schaltjahr solch eine verlassene Gegend aufsuchte. Also entschied ich mich, erst mal zu duschen, als hätte das die Peinlichkeit des Morgens abwaschen können.
   Ein grelles Schrillen ließ mich zusammenfahren. Erst nach dem zweiten Klingen realisierte ich, dass es an der Tür läutete. Ziemlich überrumpelt wickelte ich mich in meinen Bademantel. Zaghaft tippelte ich zur Haustür, immer in der Gefahr, auf dem Boden auszurutschen, der durch meine triefenden Haare mittlerweile einer Schlittschuhbahn glich.
   Erst, als ich die Klinke schon hinunterdrückte, kam mir der Gedanke, überhaupt nicht aufzumachen, doch da war es schon zu spät.
   »Hallo.« Die Real-Mutter lächelte mich an. Tatsächlich glich sie einer Vorlage aus dem Landkindermagazin. Nur das Dirndl fehlte. Sie hatte rundlich-rötliche Wangen und war allgemein ziemlich kugelig gehalten. Der lockere Pferdeschwanz perfektionierte das Bild. Nach immer lächelte sie mich an, als wollte sie das den Rest des Tages machen.
   Zwanghaft lächelte ich zurück. »Äh«, sagte ich.
   »Wir haben uns heute im Real gesehen.«
   »Äh.«
   »An der Kasse, und davor schon an der Kühltheke.«
   »Ja?«
   »Genau.«
   »Hm.«
   »Sie haben Ihre Einkäufe vergessen.«
   Moment, die hatte ich doch schon auf den Küchentisch gelegt. Ich verstand diese Frau nicht, wahrscheinlich sprachen wir unterschiedliche Sprachen.
   »Aber, …«
   »Ja, nicht alles, aber die Fünf-Minuten-Terrinen.«
   Plötzlich klärte sich meine Erinnerung.
   »Das wollte ich Ihnen schnell vorbeibringen.« Damit drückte sie mir eine Plastiktüte in die Hand und hatte sich verabschiedet, ehe ich ein weiteres »Äh« hinzufügen konnte.
   Verdutzt trottete ich in die Küche und räumte die Einkäufe weg. Sie hatte recht, die Fünf-Minuten-Terrine fehlte in meiner Tasche. Mit einem fahlen Gefühl im Bauch stellte ich nun auch die an ihren Platz und ging wieder ins Bad, um die Haare zu föhnen.
   Als Jan an diesem Tag heimkam, erzählte ich ihm von der Begegnung der merkwürdigen Art. »Und dann hat sie mir allen Ernstes die Nudeln vorbeigebracht.«
   Er tätschelte mir liebevoll den Kopf.
   »Na, das war doch sehr lieb von ihr.«
   »Also ich weiß nicht. Irgendwie fühle ich mich gestalkt. Die weiß, wo ich wohne.«
   »Ja klar, wenn sie die Vermieterin kennt.«
   »Wahrscheinlich kennen sich hier alle, und wir sind schon lange Dorfgespräch.«
   »So ein Unsinn.«
   »Ehrlich! Ein unverheiratetes Paar, keine Kinder, und die Frau schafft nichts.«
   »Du bist paranoid.«
   »Kein Wunder. In Stresssituationen reagiert jeder so.«
   Er pikste mich in meinen Bauch. »Wo hast du bitte Stress? Keinen Job, keine Hobbys, keine Figurprobleme oder sonstigen Komplexe.«
   Ich kniff fest zurück. »Mach dich nicht über mich lustig.«
   Plötzlich drückte Jan mich fest an sich. »Ich mach mich nicht lustig, wirklich nicht! Im Gegenteil. Ich mache mir Sorgen. Vielleicht solltest du mal versuchen, hier Anschluss zu finden.«
   »Hallo? Ich bin kein dreizehnjähriger MOF.«
   »Nein, ehrlich, Miri. Ich habe mit unserer Nachbarin gesprochen. Die würde dir hier alles zeigen und auch mal einen Kaffee mit dir trinken. Das wäre doch bestimmt nett.«
   Ich starrte ihn an. »Willst du mich verkuppeln?«
   »So ähnlich. Komm schon.«
   »Nein, danke, so nötig habe ich’s echt nicht.« Damit war das Thema für mich gegessen, und ich widmete mich der neusten Folge von Greys Anatomy.
   Nicht gegessen war das Thema offensichtlich für Jan. Am Sonntagmorgen fand ich ihn zu meiner grenzenlosen Überraschung in der Küche über eine Rührschüssel gebeugt. Nun gut, es war bereits lange zwölf vorbei.
   »Morgen«, grummelte ich. »Hast du was verloren?«
   Jan sah nicht auf. »Nein, das heißt ja. Diese Eierschalen sind schon verdammt sensibel.«
   »Tatsache?« Ich musste schmunzeln.
   Dann fiel mein Blick auf den Esstisch. Hatte ich was verpasst? Mein Liebster hatte dort Kaffee und Croissant bereitgestellt.
   »Stell dir vor, hier gibt’s auch Bäcker, die sonntags aufhaben«, erklärte er stolz und widmete sich wieder der Rührschüssel.
   Ich nahm einen kräftigen Schluck Kaffee, doch das Bild, das sich mir in der Küche bot, änderte sich immer noch nicht. Als auch ein kräftiges Zwicken in meinen Arm nichts brachte, holte ich tief Luft und stellte die alles entscheidende Frage.
   »Was machst du da?«
   »Kuchen.«
   »Noch mal, ich habe dich nicht verstanden.«
   »Kuchen.«
   »Tschuldige, ich muss was an den Ohren haben.«
   Mit allzu ernstem Blick drehte Jan sich um. »Ich backe einen Kuchen.«
   Ich schluckte. Offenbar sagte er die Wahrheit. Kamen wir zu Punkt zwei.
   »Und warum?«
   »Kann ich nicht einfach einen Kuchen für die Frau meiner Träume backen?«
   »Doch, klar. Soll ich euch allein lassen?«
   Nun musste auch er grinsen und kam zu mir herüber. Nachdem er mir einen Kuss auf die Wange gedrückt hatte, wagte ich, weiter vorzustoßen.
   »Jetzt aber raus mit der Sprache. Was treibt dich auch nur in die Nähe der Küche?«
   »Generell? Hunger!«
   »Und jetzt speziell?«
   »Nun …«
   »Ja?«
   »Besuch.«
   Das klang mehr nach einer Frage.
   »Wer kommt denn?«, fragte ich mit einer unheilvollen Vorahnung.
   »Die Nachbarin.«
   Für einen Moment erstarrte ich. Dann fand ich erstaunlich schnell Sprache und Reaktionsvermögen wieder.
   »Sag mal, geht’s dir noch gut? Wie kannst du das machen, ohne mich zu fragen? Ich muss hier weg! Das ist eine verdammte Verschwörung!« Schon war ich ins Schlafzimmer gesprungen und hatte mir etwas zum Anziehen übergeworfen. Mit dem nächsten Schritt war ich auf dem Weg hinaus.
   »Jetzt übertreib mal nicht so«, rief Jan mir hinterher. »Sie kommt nur auf eine Tasse Kaffee vorbei, nicht lange. Nur, damit ihr euch mal kennenlernt.«
   »Verdammt, ich will sie aber nicht kennenlernen. Ich kenne schon viel zu viele aus diesem Kuhkaff«, brüllte ich zurück.
   Jan fing mich an der Küchentür ab. »Miri, wehe, du haust jetzt wirklich ab.«
   »Ach ja? Was willst du dann tun? Was?«
   Seine Antwort konnte ich nie erfahren, denn im nächsten Augenblick klingelte es.
   »Scheiße, der Kuchen muss in den Ofen«, zischte Jan und ließ mich auf dem Flur stehen.
   Nun konnte ich nicht vor, nicht zurück. Nach einem Moment klingelte es wieder. Ich blickte an mir hinunter und realisierte, dass ich in der Eile meine rote Jogginghose und das pinke Top angezogen hatte. Keine gelungene Kombination.
   »Kleinen Moment, ich komme gerade aus der Dusche«, log ich und hoffte inständig, dass die Nachbarin schon weg sein würde, wenn ich umgezogen war. Tatsächlich aber wartete sie artig, bis Jan sie hereinließ, ich zog mich nämlich betont langsam um.
   Als ich also wieder in die Küche kam, in Jeans und roter Bluse, unterhielt er sich bereits mit ihr. Allerdings sah ich sie erst im nächsten Moment und erstarrte abermals. Vor mir stand die Real-Mutter.
   »Hallo«, flötete sie, als wenn nichts gewesen wäre.
   »Äh«, murmelte ich.
   »Ihr Wortschatz ist morgens nicht so«, bemerkte Jan und reichte der Real-Mutti, die auch die Nachbarin war, einen Kaffee.
   »Ja, das habe ich auch schon festgestellt. Wir haben uns gestern beim Einkaufen getroffen.«
   »Ach du warst das mit den Nudeln.« Jan lachte auf.
   Unglaublich. Er duzte sie bereits. Wie lang es wohl dauerte, bis er sie mit Küsschen links, Küsschen rechts verabschiedete?
   »Ja, ich … «, versuchte ich es erneut.
   »Na besser als nichts.« Die Real-Mutti schmunzelte ihrem fahlen Witz hinterher.
   »Ja also«, schaltete sich der Kuchenbäcker ein. »Miri, das ist Ella, Ella, das ist meine Miri.«
   »Hallo Miri«, sagte die Real-Mutti und Nachbarin Ella unnötigerweise.
   Ich nickte und bemühte mich nicht, zu reden.
   »Der Kuchen braucht leider noch etwas«, nuschelte Jan.
   »Ach, das macht doch nichts, dann unterhalten wir uns etwas«, entschied die Real-Nachbarin für uns und setzte sich hin.
   »Wie nett«, kommentierte ich leise zu Jan, der den Sarkasmus aber zu überhören schien.
   »Also, dann lüftet mal das Geheimnis. Tante Minna hat nicht so ganz verstanden, was euch in unsere kleine Stadt geführt hat.«
   »Ach, die Mu… äh … die Vermieterin ist deine Tante?«, fragte ich.
   Ella schüttelte den Kopf.
   »Nein, ich nenn sie nur so. Schon mein Vater hat sie so genannt. Meine Oma wohnt nebenan.«
   »Ich dachte, du wohnst nebenan«, meldete sich nun auch Jan.
   »Ja, momentan lebe ich bei meiner Oma. Ist einfacher wegen des Kleinen und so.«
   »Ach ja, dein Sohn. Wie alt ist er denn«, flötete mein Freund, den ich bei so viel Scheinheiligkeit kaum wiedererkannte.
   Doch die Real-Nachbarin kam richtig in Fahrt. »Oh, er ist jetzt zweieinhalb. Und er lernt ja so schnell. Seit gestern kann er Nadbarin sagen. Mama Nadbarin gehen, meinte er, als ich sagte, ich käme hier vorbei.«
   »Ach wie süß«, schwärmte Jan.
   »Aber jetzt sagt doch mal, wieso ihr gerade hierhergezogen seid. Ich meine, ich wohne gern hier, aber es gibt auch andere schöne Städte.«
   »Sag ich doch«, kam aus meinem Mund, ehe ich es verhindern konnte.
   Die junge Frau lachte ehrlich auf.
   »Ja also«, begann Jan, als hätte ich nichts gesagt. »Ich arbeite seit Neustem in der Chemiefabrik hier, und da war es einfach sinnvoll, was in der Nähe zu suchen.«
   »Wirklich? In der AEOM? Da arbeitet meine halbe Familie. Mein Opa war da, mein Vater ist im Betriebsrat, mein Bruder und mein Stiefbruder, die arbeiten auch da. Vielleicht kommt auch bald meine Cousine da hin.«
   »Vitamin B«, kommentierte ich.
   »Nein, na ja. Höchstens bis zum Bewerbungsgespräch. Aber dann zählt die Person.«
   »Glaubst du das wirklich?« Wenigstens fielen mir mittlerweile mehr Wörter ein.
   »Ich bin mir ziemlich sicher. Meine Stiefschwester hat’s zum Beispiel nicht geschafft. Und mein Bruder auch erst beim zweiten Anlauf.«
   »Aha.«
   »Na, jedenfalls arbeite ich jetzt da«, wollte Jan das Thema beenden, was ihm auch gelang.
   »Und was machst du, Miri?«, fragte Ella.
   Der schwarze Punkt war getroffen, und ich konnte schlecht ausweichen. »Momentan bin ich arbeitslos.«
   »Oh … und was machst du, wenn du nicht arbeitslos bist?«
   »Ich bin Bankkauffrau.«
   »Aha«, kommentierte nun Ella ziemlich wortkarg meine Antwort.
   »Ja, ich habe in einer größeren Bank gearbeitet, die eine Filiale geschlossen hat, und ausgerechnet die, in der ich gearbeitet habe.«
   »Das ist natürlich fies.«
   »Und jetzt suche ich eine neue Stelle.« Das war zwar prinzipiell nicht falsch, ich wollte schon wieder arbeiten, nur hatte ich mir noch keine große Mühe gemacht, auch wirklich einen Platz zu finden. Immerhin war die einzige freie Stelle, wenn sie es noch war, ausgerechnet in diesem Dorf.
   »Und was machst du eigentlich?«, stellte Jan die Frage, die ich versucht hatte, zu umgehen.
   »Nun, ich bin Mutter«, begann sie und ich rollte mit den Augen. Mutter und Hausfrau, war ja klar.
   »Und ich studiere, helfe ab und zu beim Bäcker aus, schreibe für die Tageszeitung und mache etwas PR-Arbeit für die Stadt.«
   Das überraschte mich nun zugegeben doch etwas.
   »PR«, wiederholte ich verwirrt.
   »Ja, ich sorge dafür, dass wichtige Termine im Internet auftauchen, sodass möglichst große Resonanz entsteht. Das hat noch nicht so wirklich Fuß gefasst. Hier sind einfach so viele zu alt fürs Internet.«
   Ich sparte mir den Kommentar und widmete mich meiner Tasse. Wie lange würde dieser Anstandsbesuch nur dauern?
   »Und was studierst du?«, verlängerte Jan mein Leiden.
   »Germanistik.«
   »Ach ja? Und, äh, was macht man da so?« Ich wandte mich an Jan. »Was ist das?«, flüsterte ich ihm zu, als Ella zum Reden ansetzte.
   Er sah mich ziemlich verwirrt an, als hätte ich gefragt: Was ist Brot? »Was Germanistik ist?«, wiederholte er so laut, dass Ella es natürlich verstand.
   Sie lächelte gnädig, und am liebsten hätte ich den Hals umgedreht. Jetzt blickte dieses Landei auch noch auf mich herab.
   »Deutsch«, antworte sie für Jan, was mich fast noch wütender machte. »Ich studiere Deutsch.«
   »Ach, du willst Lehrerin werden«, schlussfolgerte ich. Das passte wieder auf das Bäuerinnen-Image.
   Doch Ella riss die Augen auf. »Nein, bloß nicht. Nur weil ich gut mit Kindern kann … Nein, nein, das tu ich mir echt nicht an.«
   »Und was willst du dann machen?« Jan wirkte tatsächlich interessiert.
   Nun wurde das Landmädel verlegen. »Ach, am liebsten? Hm. Ich will für die Zeitung schreiben, also so Journalismus.«
   Wirklich, von einer, die Deutsch studiert, hätte ich mehr erwartet.
   »Also so rasende Reporterin mäßig«, kommentierte Jan.
   »Ja, so ungefähr.«
   Klasse, dachte ich, Karla Kolumna wohnt nebenan.
   Zum Glück meldete sich die Küchenuhr und ließ verlauten, dass der Kuchen nun fertig war. Ich atmete auf und bot mich an, das gute Stück aus dem Ofen zu holen. Ehe Jan etwas einwenden konnte, war ich beim Herd, ließ mir aber genüsslich viel Zeit, um dem Gespräch aus dem Weg zu gehen.
   Irgendwann musste ich einsehen, dass der Kuchen auf dem Tablett war, schon leicht abgekühlt und angeschnitten. Also versorgte ich Gast und Freund und nahm mir auch ein großes Stück. Dieser Frust war zwar kaum mit Zucker zu verringern, aber den Versuch war es mir wert.
   Zu meiner großen Verwunderung verabschiedete sich Ella nach ihrem ersten Stück. »Ja, ich muss noch ein paar Sachen für die Uni machen, sofern Luca mich lässt.«
   Jan lachte kurz auf und brachte sie zur Tür, während ich das schmutzige Geschirr vorschieben konnte.
   »Sie ist doch sehr nett«, meinte er, als er zurückkam.
   »Nett«, wiederholte ich.
   »Und beeindruckend, wie sie das macht mit Kind und Uni und Job.«
   »Das ist ja auch ihre Schuld«, warf ich ein.
   »Schuld?«
   Ich stellte die Teller in die Spüle und wandte mich um. »Sie hat das Kind bekommen.«
   »Na, was hätte sie auch sonst machen sollen?«
   »Oh, du meinst, hier kennt man noch keine Abtreibung?«
   »Miri!«
   »Was denn? Ist doch wahr. Der Aufschrei bei einer Teenagermutter war in diesem Dorf wohl kaum kleiner.«
   Er funkelte mich an. »Warst du vorhin abwesend?«
   »Wieso?«
   »Sie hat das Kind mit zwanzig bekommen, also war sie keine Teenagermutter.«
   »Ja, du hast recht, wahrscheinlich ist sie sogar verheiratet.«
   Er zuckte mit den Schultern. »Glaub ich nicht. Warum sollte sie dann bei ihrer Großmutter wohnen?«
   Das war ein verdammt guter Einwand. »Ist doch auch egal. Ich find es jedenfalls nicht beeindruckend, höchstens beeindruckend dumm.«
   Er wandte sich ab, lief sichtlich genervt ins Wohnzimmer. »Du bist unmöglich«, zischte er beim Rausgehen.
   Ich stapfte ihm wütend nach. »Warum das jetzt? Wie einfältig muss man sein, um mit zwanzig, wenn man noch studiert, ein Kind zu bekommen? Das ist so dämlich. Und dann will sie die Dorfreporterin werden – wow, was für eine Karriereaussicht.«
   »Vielleicht gefällt ihr das ja. Was hackst du jetzt so auf ihr rum? Du machst momentan schließlich gar nichts.«
   So, damit war es heraus. Das fand er also an Miss Dorf so toll.
   »Ich finde einfach nichts«, verteidigte ich mich.
   »Du versuchst es ja nicht mal. Du hast noch keine Bewerbung geschrieben, noch kein Telefonat geführt. Langsam glaube ich, du willst gar nicht mehr arbeiten.«
   Nun gut, Angriff ist bekanntlich die beste Verteidigung.
   »Dafür arbeitest du ja für zwei. Du bist kaum noch zu Hause, und selbst dann denkst du nur ans Geschäft. Ich weiß gar nicht, warum ich mit dir hierhergezogen bin, ich sehe dich überhaupt nicht mehr.«
   Einen Augenblick starrte er mich stumm an. »Ehrlich Miri? Du bist nicht hierhergezogen. Diese Tatsache hast du noch gar nicht akzeptiert. Ich habe noch keinen Tag das Gefühl gehabt, wir würden hier gemeinsam wohnen. Du benimmst dich wie in einer furchtbaren Jugendherberge. Du hoffst nur auf den Tag, an dem du hier wieder wegkannst. Und dabei vergisst du, zu leben.«
   Das saß. Und wie. Er hatte recht, und trotzdem konnte und wollte ich das nicht akzeptieren. »Du bist ein Arsch«, warf ich ihm an den Kopf und stürmte ins Schlafzimmer.
   Er machte keine Anstalten, mir zu folgen, ich hörte, wie er sich an den Abwasch machte.
   Trotzig schnappte ich mir mein Handy und rief meine Mutter an. Im Hintergrund hörte ich irgendwelche orientalische Musik. Sie änderte ihre Interessen etwa halbjährlich, und momentan hing sie noch einer Art Buddhismus nach. So verstand ich jedenfalls diese Lehren, die sie mir gerade näherbringen wollte.
   »Ich glaube, er macht Schluss«, sagte ich zur Begrüßung.
   »Und wieso?« Wenigstens wusste sie immer, wovon ich sprach. Sie wartete geduldig, während ich auf meiner Zunge herumkaute.
   »Ich will hier nicht wohnen«, antwortete ich schließlich.
   »Und wie bedingt das eine das andere?«
   »Er will, dass ich hier sein will.«
   »Zwingt er dir diesen Willen auf?«
   »Ja. Nein. Ich weiß nicht recht. Schon irgendwie. Er lädt irgendwelche Dorftrottel ein, damit ich mich mit ihnen anfreunde. Und er will, dass ich hier arbeite, in der Dorfbank.«
   »Verstehe.«
   Wie viel in so einem Wort liegen kann. Das hieß in diesem Moment »Du willst es also nicht mal versuchen, obwohl dein Freund dir mögliche Ansatzpunkte bietet, weil er dir helfen will«, und »Deine Voreingenommenheit gegen die Menschen in deiner neuen Heimatstadt finde ich sehr bedenklich, so hab ich dich nicht erzogen, und diese Intoleranz trifft mich sehr«, aber auch »Wenn er sich tatsächlich von dir trennt, dann nur, weil du dich in deinen Handlungen bereits von ihm getrennt hast« und wenigstens auch »Du fühlst dich verletzt und hintergangen, aber das war nicht seine Absicht, vielleicht solltest du dich entschuldigen«.
   »Ich hasse dieses Verstehe«, verabschiedete ich mich.
   Doch sofort zu Jan gehen, konnte ich auch nicht. Ich war noch viel zu geladen, und er wahrscheinlich auch. Irgendwie musste ich mich abreagieren.
   Ich schnappte mir meinen Laptop und entschied mich, etwas World of Warcraft zu spielen. Etwas, was ich wirklich nur im absoluten Notfall tue, eigentlich war Jan der Zocker. Doch extreme Situationen verlangen bekanntlich extreme Maßnahmen.
   Nach zwei Stunden war ich ein Level aufgestiegen und bereit, mich der Realität zu stellen. Ich hatte mit einer Blutelfe, die ein paar Level niedriger war, ein ziemlich schweres Quest gemeistert und hatte danach kurz mit ihr über neue Wohnungen geredet. Die Anonymität des Spiels war genau, was ich brauchte. Ich hatte keine Ahnung, wie alt sie war, oder ob nicht vielleicht ein männlicher Spieler dahintersteckte. Immerhin spielte ich mit einem männlichen Tauren, warum sollte die Blutelfe keinen männlichen Spieler hinter sich haben? Der Spieler, ob männlich oder weiblich, war auch erst umgezogen und hatte auch seine Probleme damit. Einiges hatte sich wohl geändert.
   »Ich wohne jetzt nun mal hier«, sagte er, »und wirklich ändern lässt sich das gerade nicht. Dass es nur eine Zeit lang so ist, auch wenn diese Zeit vielleicht etwas länger wird, kann ich schon verkraften. Das Leben geht weiter, ob es mir jetzt gefällt hier zu sein, oder nicht. Also lass ich mich von so was Nebensächlichem nicht ärgern. Ich habe die Menschen, die ich liebe und die mich lieben, und mein Leben find ich sonst auch ganz gut. Weiter kann’s nur gehen, wenn ich weitermache.«
   Ich war bereit, Jan ein Zeichen zu geben, dass ich es wenigstens versuchen wollte. Also suchte ich im Internet nach einer Stellenanzeige für einen Job in der Nähe. Mit drei Blättern ging ich zu ihm. »Also«, sagte ich. »Ich habe hier die Stellenanzeige für die Bank im Dorf und für zwei andere in den umliegenden Käffern. Montag lass ich neue Passbilder machen, und dann werden die Bewerbungen weggeschickt.«
   Er sah mich an und brauchte wohl einen Moment, ehe er mich verstand, dann nahm er mich fest in den Arm und küsste mich.
   »Danke, Miri.«

Kapitel 3

Montags stellte ich allerdings fest, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich hier Passbilder machen lassen konnte. Einzig ein kleiner Automat beim Real war mir aufgefallen.
   Notgedrungen setzte ich mich in den weißen Kasten und fürchtete schon das Ergebnis dieses Versuchs. Wie gedacht waren die Bilder furchtbar. Viel zu hell, fleckig, mit blasser Farbe, und schön fand ich mich darauf erst recht nicht.
   Grummelnd steckte ich die Bilder in meine Tasche und fuhr wieder nach Hause. Gerade, als ich aus dem Wagen stieg, kam Ella mit ihrem Sohn aus dem Haus nebenan. Sie winkte mir zu, und ich lächelte zurück. Ganz unhöflich wollte ich jetzt auch nicht sein.
   Doch als sie den Kleinen ins Auto gesetzt hatte, kam sie zu mir rüber. »Na, wie geht’s denn?«
   »Äh«, meinte ich. Aus der Tour kam ich wohl nicht mehr heraus.
   »Doch so gut. Also, ich wollte nur sagen, wenn ihr jemand wollt, der euch ein bisschen die Stadt erklärt, wo man essen kann, wo besser nicht, oder was es sonst noch so gibt, dann fragt ruhig.«
   O mein Gott, die war wirklich nett zu mir. Schon fühlte ich die Dorfwut in mir aufsteigen, als ich mich besann und an die verunglückten Passbilder dachte.
   »Ja, tatsächlich. Ich brauch dringend Passbilder. Gibt es hier irgendeinen Fotoladen?«
   Sie strahlte über das ganze Gesicht bei der Aussicht, mir helfen zu können. »O ja, da gibt es einige. Der Fotoshop in der Hauptstraße, das Bilderhaus Mania, der Photo John.«
   »Aha, und welches kannst du empfehlen?«
   »Oh, die sind eigentlich alle ganz gut. Wenn du etwas Zeit hast, ich muss jetzt erst mal Luca zum Kindergarten fahren – aber dann kann ich dir das Fotostudio zeigen, zu dem ich am liebsten gehe.«
   Oh, oh, ein Vormittag mit der Dorfstudentin bahnte sich an. Ich musste schnell einen Ausweg finden. »Nein, das muss nicht sein. Sag mir nur, welches.«
   »Weißt du dann denn, wo es ist?«
   Mann, die war gut.
   »Sag mir die Adresse.«
   »Kennst du dich hier aus?«
   Die war sogar sehr gut. »Wir haben ein Navi.«
   »In der Hauptstraße ist grad eine Baustelle, da gibt’s tausend Umleitungen, das kapiert das Navi eh nicht.«
   Wirklich gut, von den Umleitungen hatte Jan mir schon erzählt. Er musste da zum Glück nicht durch – aber ich scheinbar.
   »Äh …« Mir fiel kein Einwand mehr ein.
   »Ach, das macht mir nichts. Ich bin in einer Viertelstunde wieder da, dann fahren wir zusammen hin. Die kennen mich, dann geht das eh.« Schon war sie abgedüst und winkte mir noch aus dem Auto zu.
   Wirklich Punkt eine Viertelstunde danach klingelte es an der Haustür, und Ella lachte mich an, als ich die Tür öffnete.
   Stumm setzte ich mich zu ihr ins Auto, und zehn Minuten später waren wir da.
   »So, das ist der Bartes«, erklärte sie.
   Im ersten Moment war das Gebäude unscheinbar, es stand in einer kleinen Nebenstraße, und ich glaubte kaum, dass hier oft Menschen herkamen. Doch dann sah ich die großen Schaufenster, hinter denen sich wirklich gute Hochzeits-, Kinder- und Porträtbilder zeigten. Ich wollte gerade loslaufen, als ich über dem Fenster einen breiten Schriftzug erkannte. »Photo John«, stand da.
   »Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?«
   Sie lachte auf.
   »Ja, ja. Das ist der Bartes, der heißt jetzt nur Photo John, der Name wurde geändert. Aber ich kann mir den alten nicht abgewöhnen, so kenn ich’s halt. Aber das ist hier oft so. Das Zweiradhaus Moser wird Drese Karl genannt, und die meisten sagen zum Rewe noch Minimal. Ist halt das Gleiche unter anderem Namen.«
   Ich verstand zwar trotzdem nicht, warum die Leute nicht den neuen Namen verwenden konnten, doch ich folgte Ella, die voll Elan die Tür des Fotostudios öffnete.
   Eine halbe Stunde später kam ich wieder zu Hause an, eine Packung wirklich guter Passbilder in der Tasche, zusätzlich auch elektronisch. John war nicht etwa der Sohn des alten Besitzers, sondern dessen Frau Johanna, die aber von allen John genannt wurde. Während der Mann artig an der Kasse stand, die Passbilder zuschnitt, Papierkram und Telefonannahme machte, war John für das Fotografieren zuständig. Und ich musste gestehen, dass sie das wirklich draufhatte.
   Schon beim Reinkommen war ich von den Preisen, die die Wand säumten, regelrecht erschlagen. Bevor sie sich hier an das Kaff gebunden hatte, war John durch die Welt gejettet, hatte Ausstellungen gefüllt und war scheinbar noch immer ein Name in der Fotografenwelt. Was hatte sie nur hierher verschlagen? Und warum hatte sie nicht schon längst die Koffer gepackt und war zum nächsten Flughafen gefahren?
   Ella stieg mit mir aus und brachte mich schulmädchenhaft zur Tür.
   »Danke«, murmelte ich etwas beschämt. Kurz überlegte ich, sie reinzubitten, doch sie verabschiedete sich.
   »Ich muss jetzt los, mein Zug fährt in einer halben Stunde.«
   Im Fotostudio hatte ich mich tatsächlich mal nicht wie auf dem Dorfe gefühlt. Mit allem nötigen Schnickschnack wurden die Bilder geschossen, ich durfte mir das richtige auswählen, und dann hatte John noch einmal elektronisch das Beste herausgeholt. Außerdem hatte ich mir ein zweites Bild als größeres Porträt geben lassen. Jan würde es lieben!
   Seltsam zufrieden machte ich die Bewerbungen fertig und brachte sie zur Post. Die zu finden, war gar nicht so einfach, und ich ertappte mich dabei, Ella zu vermissen. Nach über einer Stunde suchen, fand ich endlich die Filiale, wieder in einer kleinen Seitengasse, die fast durch die Baustelle überhaupt nicht zu erreichen gewesen wäre. Die Bewerbung für die Bank im Dorf warf ich selbst ein. Die lag immerhin auf meinem Weg.
   Trotzdem fühlte ich mich, wieder in der Wohnung, ziemlich unbefriedigt. Ich setzte mich an den PC, schaltete aber nach einer halben Stunde wieder ab. Irgendwie hatte ich gehofft, die Blutelfe wäre online, doch sie war nicht da. Um Langeweile vorzubeugen, spülte ich das Geschirr, machte die Wäsche und saugte durch, doch viel zu schnell war die Arbeit erledigt.
   Nachdem ich auch das Nachmittagsfernsehprogramm durchgezappt hatte, entschied ich mich, in den Garten zu gehen. Wenigstens ansehen wollte ich ihn mir mal, vielleicht ja nur aus der Ferne.
   Etwas unbeholfen tappte ich also durch den Hof und suchte den Weg zum Garten, denn vom Haus aus schien es keine Gartentür zu geben. Schließlich spähte ich durch die Garage und entdeckte tatsächlich eine kleine Seitentür. Einen Moment überlegte ich, ob ich überhaupt durch die Garage der Mumie laufen durfte, doch ich konnte auch kein Auto sehen, und Frau Weiskopf war ohnehin seit drei Tagen nicht im Haus.
   Auf Zehenspitzen schlich ich durch die Garage und versuchte, die Seitentür zu öffnen. Abgeschlossen. Welch Ironie. Da wollte ich tatsächlich einmal freiwillig einen Fuß in die Natur, oder zivilisierte Natur setzen, und die Tür war verschlossen. Ich stapfte zurück ins Haus und warf einen provisorischen Blick in den Schlüsselkasten, den Jan stolz neben der Eingangstür zur Wohnung aufgehängt hatte. Tatsächlich hing dort ein kleiner, alter Schlüssel mit einem Anhänger, auf dem »Garten« stand.
   Wieder zurück an der Seitentür fühlte ich mich wie Mary Lennox, als ich den antik scheinenden Schlüssel ins Schloss steckte.
   Der Garten war wie aus dem Bilderbuch. Ein GU-Ratgeber hätte hier seine Bilder herbekommen können. Das Gras war perfekt getrimmt, die ovalen Wegsteine glänzten, als hätten sie nie einen Schuh gesehen, eine barocke weiße Vogeltränke strahlte mich an, und einige Rosenbüsche zierten den Rand des Rasens. Dahinter aber erstreckte sich ein langes, schlauchförmiges Feld mit Dutzenden Beeten, auf denen überall etwas anderes wuchs. Aus Interesse tippelte ich vorsichtig vorwärts. Ich sah Büsche weiter hinten, davor irgendwelche Kohl- oder Salatköpfe, Tomaten erkannte ich wenigstens, und noch weiteres Zeug, das ich unmöglich identifizieren konnte. Am Rand fand ich einige Bäume mit unterschiedlichen Früchten. Äpfel waren darunter und Birnen, aber mehr kannte ich nicht. Ich war schon wieder auf dem Weg durch die Seitentür, als ich ein Geräusch hinter mir hörte.
   Ich zuckte zusammen.
   Was war das?
   Schon wieder!
   Schritte, auf jeden Fall Schritte. Doch ich konnte sie nicht lokalisieren. Waren sie vor mir oder neben mir?
   War diese Gegend überhaupt sicher? Gerade solche Kleinstädte waren doch für ihre kleinen Psychopaten bekannt.
   Ich blickte mich unsicher um.
   Etwas schabte an der Außenwand der Garage, auf der Seite des Gartens. Furchtbar, welche Faszination von Gefahr ausgeht. Ich konnte keinen Schritt weitergehen.
   »Komm schon, Miri. Nichts wie ins Haus«, flüsterte ich mir lautlos zu, doch ich hörte nicht darauf. Stattdessen machte sich meine Hand selbstständig und öffnete abermals die Tür in den Garten.
   Doch ich sah nichts.
   Langsam streckte ich den Kopf durch die Tür.
   Da schabte es wieder.
   Ich schrie auf und machte einen Satz zurück. Mein Herz schlug so laut, dass ich erst einen Moment später ein lautes Weinen ausmachen konnte, gefolgt von einem lauten Rufen.
   »Luca?«
   Das Weinen klingelte in meinen Ohren, doch schnell entfernte es sich.
   »Luca, was ist denn?«
   Ich suchte meinen Atem und Puls.
   »Aber Schatz.« Ein Kopf erschien bei der Seitentür, und Ella blickte mich verdutzt an. »Was war denn los?« Auf ihrem Arm drückte sich ein schluchzendes Etwas an ihre Brust.
   »Äh«, begann ich, doch Luca wimmerte erneut auf.
   Ella strich ihm sanft über den Rücken, flüsterte ihm einige Dinge zu, und er beruhigte sich erstaunlich schnell. Ängstlich blickte er sich um und zuckte zusammen, als er mich sah. Wieder flüsterte Ella etwas, und er nickte ernst. »Alles in Ordnung?«, fragte sie schließlich mich.
   »Ja«, brachte ich heraus. »Ich hab nicht gewusst … Er hat an der Wand geschabt und da … Was macht ihr hier?«
   Ihr Blick hellte sich auf. »Ach so. Er hat mit seiner Schaufel an der Wand … und du … ihr habt euch einfach gegenseitig erschreckt!«
   Tatsächlich war diese Antwort wesentlich plausibler als ein wahnsinniger Dorftrottel, der neu Zugezogene mit kleinen Kinder erschrecken wollte. Noch immer etwas unter Schock trat ich zu Ella und Luca in den Garten.
   »Ich wollte nur nach dem Gemüse sehen«, erklärte Ella und deutete auf die Beete. »Tante Minna erlaubt mir, den Garten zu benutzen. Sie hat eh kaum Zeit dazu. Aber jetzt, wo ich bei Oma wohne, brauch ich das eigentlich nicht.«
   Ich folgte ihr tapsig in den hinteren Teil des Gartens. Luca sprang fröhlich mit Eimer und Schaufel umher, suchte sich ein erdiges Fleckchen und fing an zu buddeln. Ich fragte mich, ob Ella ihn absichtlich mit der hellen Hose dort spielen ließ, schluckte den Kommentar aber runter. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen, das Kind so erschreckt zu haben.
   Also schaute ich Ella zu, wie sie in dem mir unbekannten Zeug rumwühlte. Plötzlich lagen da Zucchini, Karotten und, was Ella mir erklärte, Kohlrabi. Schließlich durchforstete sie die Büsche und kam mit einer Handvoll Himbeeren zurück. Sie bot mir welche an, doch die Aussicht, die Dinger aus den Händen zu nehmen, die eben noch Karotten aus der Erde gewühlt hatten, fand ich nicht so verlockend. Dafür stürzte sich Luca auf die Beeren und verputzte sie restlos.
   »Willst du die nicht waschen?«, fragte ich vorsichtig.
   »Ach was. Dreck macht Speck, und Himbeeren waschen sich nicht so leicht.«
   In dem Moment waren die Beeren auch schon alle, und Ella trug ihr Geerntetes zurück. Als wir uns an der Gartentür verabschiedeten, konnte ich auch sehen, wie sie in den Garten gekommen war. Es gab keine Mauer zum Grundstück ihrer Großmutter, der meiste Weg war mit Hecken gesäumt. Erst bei den Beeten gab es kein Hindernis mehr. Doch auch bei der Gartentür war eine kleine Stelle, gerade groß genug für einen Menschen, durch die Ella und Luca jetzt huschten.
   »Bis dann«, rief sie mir noch zu, und der Kleine flüsterte ein »Bye bye«.
   Zu meinem Erstaunen war es bereits kurz vor fünf, als ich reinkam. Noch während ich mir überlegte, ob es mir gefiel, dass Ella prinzipiell jederzeit in den Garten und auch in den Hof konnte, stellte ich Nudelwasser auf.
   Später erzählte ich Jan davon.
   »Mensch, wenn die Weiskopf es ihr erlaubt hat, können wir ja nichts sagen. Außerdem fangen wir mit dem ganzen Zeug eh nichts an. Soll es vergammeln?«
   Nach dem Essen legte er sich aufs Sofa und fünf Minuten später schlummerte er friedlich.
   Also versuchte ich es noch mal am PC. Tatsächlich war die Blutelfe jetzt wieder online. Wir metzelten eine Gruppe Nachtelfen ab, bis wir wieder zum Tratschen kamen.
   »Das Schlimmste beim Umziehen sind die Nachbarn«, meinte sie.
   »Das kannst du laut sagen«, schrieb ich schnell. Es war, als könnte sie meine Gedanken lesen.
   »Echt, meine Nachbarin glaubt, sie wär’s. Gerade erst hergezogen und schon schaut sie auf alle herab. Ich gebe mir echt Mühe, nett zu sein, aber so was Unfreundliches …«
   »Das kenn ich. Meine neue Nachbarin macht voll einen auf Wonderwoman. Am liebsten würde ich sie …«
   »Ja, und dann sind solche ja immer die, die gar nichts auf die Reihe bekommen.«
   »Genau, die kommen nicht voran und denken echt, sie wären ganz oben.«
   Plötzlich verabschiedete sie sich, und ich schaltete den Computer ab. Schon wesentlich beruhigter legte ich mich hin. Wo meine beste Freundin nur noch am Arbeiten war, mein Freund nach dem Essen nur noch ans Schlafen denken konnte und meine Mutter so was von abdrehte, brauchte ich diese Momente des Rauslassens. So ganz ohne Konsequenzen.
   Drei Tage später ging es mir schon betont besser. Liza hatte endlich zurückgerufen, und ich konnte nach Herzenslaune über diese Stadt, Ella, das Balg, die Mumie und Jan ablästern. Zu meiner Überraschung versprach sie mir, mich am Freitagmittag zu besuchen.
   »Ja, Süße, genau. Ich habe frei und den Zug schon gebucht. Ich will mir doch dein neues Heim mal genau anschauen, und vielleicht ergattere ich auch einen Blick auf die Supermami.«
   »Willst du dir das wirklich antun?«
   »Klar, dafür sind Freunde doch da.«

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