Seit Laura einen Unbekannten in ihrem Kofferraum vorfand, hat dieser ihr Leben innerhalb von drei Tagen völlig auf den Kopf gestellt. Er hat ein Geheimnis. Sie wird entführt. Gemeinsam jagen sie nur einem Ziel entgegen: Den Kerl zur Strecke zu bringen, der ihnen das Leben zur Hölle machen will.

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ISBN: 978-9963-53-786-0

Seiten: 141

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Katharina E. Georgi

Katharina Georgi, geboren 1966 in Baden-Württemberg. Seit ihrem dritten Lebensjahr wohnt sie in Fürth im Odenwald. Sie ist ein Odenwälder Mädel und genau so ist ihr auch der Schnabel gewachsen. In Fürth ist sie zur Schule gegangen, lebt und arbeitet dort als Autorin. Seit 2010 schreibt sie an mehreren Büchern, die sie im Laufe der Zeit veröffentlichen möchte. Hauptsächlich schreibt Katharina Krimis mit Humor. So auch ihr jüngster Roman. Binnen kurzer Zeit hatte sie eine Person erschaffen, die einfach nicht mehr wegzudenken war. Maike, eine Möchtegern-Detektivin, Traumtänzerin, Chaotin und einfach treu in dem, was sie tut. Das erste Buch mit der Protagonistin Maike ist fertig, aber es sollen noch einige Fortsetzungen folgen.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1
Irgendwo in Frankfurt, 2015

Es war außergewöhnlich, dass der Fahrer seinen Truck zur Raststätte lenkte, denn eigentlich sollte er auf direktem Weg zur Auslieferung fahren.
   Alex verfolgte ihn seit geraumer Zeit, und der Zwischenstopp kam ihm gelegen. Vielleicht bot sich gleich hier eine Gelegenheit, an dieses Fahrzeug heranzukommen, ohne Gewalt anzuwenden. Viel zu lange hatte er mit seinem Team darauf hingearbeitet, Tonis Geschäfte zu zerschlagen, um ihn somit in den Ruin zu treiben. Dies war er seiner Frau schuldig, kostete es, was es wolle.
   Ein Blick durch die große Panoramascheibe des Diners ließ Alex hoffen. Der schummrig beleuchtete Gastraum war leer, und mit viel Glück würde um diese Uhrzeit, so kurz nach Mitternacht, so schnell keiner mehr dazukommen.
   Alex war sich sicher, unerkannt zu bleiben, wenn er hier herumstand, denn keiner würde etwas an seiner Klapperkiste verdächtig finden. Innen aber war der Oldtimer mit der modernsten Technik ausgestattet. Es hatte seine Vorteile, wenn man, seit man sechzehn war, bereits mehrfacher Millionär war. Alex war schon immer ein technisch begabter und erfinderischer Geschäftsmann gewesen, wenn es um das Thema Sicherheit ging. Seit er in der Firma seines Onkels einen Code programmiert hatte, der die Sicherheit in der Raumfahrt deutlich erhöhte, wurde dessen Firma von großen Konzernen und anderen Organisationen, die geheim bleiben wollten, gebeten, die neusten Entwicklungen zu testen und zu verbessern. Und da Alex diesen Code, wenn auch in einer abgeschwächten Form, für sich nutzte, war es ein Kinderspiel, Toni aufzuspüren, den Mann, der den Tod seiner Frau zu verantworten hatte. Den Mann, den man unter dem Namen Milhofer kannte, der die hiesige Zigarettenfabrik führte, und so wie Alex herausgefunden hatte, seine Fabrik als Tarnung für Drogengeschäfte nutzte.
   Ein grüner Kombi, der langsam auf den Parkplatz fuhr, erregte Alex’ Aufmerksamkeit. Vorsichtig neigte er sich von der Scheibe weg zur Beifahrerseite hinunter und wartete ab, was geschehen würde. Als er hörte, dass sich der Wagen vom Parkplatz entfernte, setzte er sich wieder auf. Während er erleichtert den wegfahrenden Wagen beobachtete, gab er seinen Standort an Helene, eine seiner Mitarbeiterinnen, weiter. »Wenn ich den Lkw habe, fährst du bitte meinen Wagen in die Tiefgarage in der Nähe des Diners, damit hier nichts herumsteht, was verdächtig sein könnte. Ich hole ihn mir später wieder, wenn ich alles erledigt habe.«
   Alex betrat den kleinen Gastraum und setzte sich zu dem Fremden, der die Speisekarte studierte, an die Theke. Als dieser bestellte, meinte Alex zur Bedienung, dass er das Gleiche wie sein Kumpel wolle, und wartete ab, bis diese im Küchenbereich verschwunden war. Alex beobachtete den großen, schlanken Mann neben sich aus den Augenwinkeln. Er musste um die vierzig sein, trug blaue Jeans und ein rot kariertes Flanellhemd.
   Der Mann wirkte irgendwie angeschlagen, denn er wischte sich ständig die Stirn mit seinem Ärmel ab. Bis jetzt hatten sie noch kein Wort miteinander gesprochen. Alex nickte ihm freundlich zu, als dieser ihn ansah.
   Die Bedienung stellte ihnen eine Tasse Kaffee und je einen Teller Ei mit Speck auf den Tisch und nahm das Geld entgegen.
   Der Fremde starrte der Frau auf ihre Oberweite, die beachtlich war, und grinste, was der Bedienung offenbar gefiel. Sie wölbte ihren Vorbau extra hervor und dabei löste sich ein weiterer Knopf ihrer eh schon eng gespannten Bluse. Der Fremde räusperte sich, wandte den Blick grunzend ab und stocherte lustlos in seinem Essen herum. Dann zog er sein Telefon aus der Hosentasche, legte es abseits auf den Tresen und grinste die Bedienung lustvoll an. Er spielte mit seinem Schlüsselbund, der neben seinem Teller lag, blickte die junge Frau an und leckte sich leicht über die Lippen.
   Die Bedienung lächelte schief. Diese Art von Anspielungen kannte sie scheinbar. Sie wandte sich kichernd von ihm ab.
   Alex musste grinsen. »Weiber, was?« Er sah zu seinem Nachbarn hinüber, der grunzend nickte und seinen Frühstücksspeck in sich hineinschaufelte. »Ich bin Alex.« Er reichte ihm die Hand.
   »Brian«, teilte sein Gegenüber ihm mit.
   »Du siehst ziemlich gestresst aus, was ist mit dir?«, fragte Alex neugierig.
   »Mir geht es nicht gut, aber wenn der Chef ruft, muss man eben springen!« Brian stopfte sich etwas vom Essen in den Mund und nahm einen Schluck Kaffee. Als er die Tasse abstellte und sich die Schweißperlen von der Stirn wischte, stöhnte er gequält auf.
   »Was hast du geladen?«, fragte Alex und deutete in Richtung Parkplatz.
   »Zigaretten. Steht doch groß und breit auf der Bordwand«, murmelte Brian genervt und nippte an seiner Tasse.
   Alex lächelte in sich hinein. Er wusste auch, welche Art von Zigaretten dies war. Er wusste über den Wert der Ladung nur zu gut Bescheid. Solch eine spezielle Ladung ließe sich bei den richtigen Leuten sicher auch mitsamt dem Laster super verhökern, aber Alex hatte andere Pläne mit diesem Gefährt. Er durfte so kurz vor seinem Ziel nicht unüberlegt handeln und dachte darüber nach, wie er an Brians Schlüssel kam, ohne ihn auf Wolke 7 zu schicken. Der arme Kerl neben ihm wusste nichts von seinem Plan, und ob er Helenes Knock-out-Pulver wirklich brauchte, würde sich gleich herausstellen.
   Noch während Alex darüber grübelte, riss Brian den Mund auf, als wäre er ein Fisch auf dem Trockenen, der sich nach Wasser sehnte, keuchte gequält und fasste sich an die Brust. Er kippte mit einem tiefen Röcheln seitlich vom Barhocker. Alex sah perplex zu, wie Brian bei seinem Fall die halbe Theke mitsamt seinem Schlüssel abräumte. Kaffeebecher, Teller und Schlüsselbund knallten klimpernd und scheppernd auf den Boden.
   »Luft!«, keuchte Brian rollte sich auf dem verschmutzten Boden durch Kaffee, Speck und Eier und blieb dann reglos liegen.
   Die Bedienung, die gerade in diesem Augenblick um die Theke herumtrat, schrie bei dem Anblick des Geschehens entsetzt auf und glotzte Alex fassungslos an. »Helfen Sie ihm! O mein Gott, tun Sie doch was!«
   »Das tue ich ja! Hören Sie auf zu schreien und rufen Sie endlich den Notarzt«, brüllte Alex zurück, sprang vom Hocker und drückte sogleich rhythmisch auf Brians Brustkorb.
   »Hat er sich verschluckt?«, fragte die Bedienung. »Und das mir! Am Essen liegt das nicht, wir sind ein sauberes Restaurant.«
   »Weiß ich nicht«, fiel er ihr ins Wort. »Und jetzt kommen Sie in die Puschen, geschockt können Sie auch nachher noch herumstehen! Rufen Sie endlich den Notarzt!« Alex hörte auf, auf Brians Brustkorb zu pressen, neigte den Kopf nach oben und begann, ihn zu beatmen. Danach drehte er ihn auf die Seite, schob dessen Kopf nach hinten und schlug ihm mit den Worten »Kumpel komm, mach keinen Scheiß! Atme gefälligst!« auf den Rücken. Dabei fiel ihm Brians Schlüsselbund ins Auge, der neben ihm am Bein lag. Den ganzen Wirbel und die Aufregung der Bedienung, die weinend zum Telefon eilte, um einen Rettungswagen zu rufen, nutzte Alex und schnappte sich unauffällig den Schlüssel.
   Als der Notarzt eintraf, konnte dieser nur noch den Tod bei Brian feststellen, und einer der Sanitäter, der Alex für Brians Kollegen hielt, gab ihm eine Kontaktadresse für dessen Angehörige. Die Sanitäter legten den Toten auf die Trage und schoben ihn in den Rettungswagen.
   Alex nutzte den Augenblick des Trubels, verschwand unauffällig nach draußen und steuerte siegessicher den Laster an. Den Wagen, mit dem er hergekommen war, hatte Helene wie vereinbart abgeholt und wie immer, so hoffte er, in der Tiefgarage geparkt, die nicht weit vom Diner gelegen war.
   Brians Handy, das unbeachtet auf dem Tresen lag, fing just in diesem Augenblick an zu klingeln, als sich die Ladentür hinter Alex schloss.

Alex war bereits einige Kilometer weit gekommen, als ihm eine Reflexion im Seitenspiegel auffiel. Wurde er verfolgt? Beim genaueren Hinsehen beruhigte er sich, denn hinter ihm war alles dunkel. Keiner, der ihm folgte. Nur noch diese Kurve, und dann war es nicht mehr weit bis zu seinem Ziel, Toni auffliegen zu lassen. Denn wenn sich seine Vermutungen bestätigen, dass hinten im Auflieger keine gewöhnlichen Zigaretten lagerten, würde er dafür sorgen, dass die Öffentlichkeit informiert wurde. Erpressen oder nur zur Polizei zu gehen, war für ihn keine Option, er wollte, dass alle erfuhren, was hinter den Toren dieser Zigarettenfabrik Milhofer ablief.
   Der Knall und das anschließende Schlingern des Lkws verrieten Alex, dass dieser einen platten Reifen haben musste. Er hatte seine Schwierigkeiten, die Lenksäule durch das Vibrieren so unter Kontrolle zu halten, dass das Fahrzeug in der Spur blieb. Alex trat die Bremse, Reifen schoben sich über den Asphalt und kurz danach, kam das Fahrzeug schlingernd zum Stehen. Schwer atmend vor Schreck blickte Alex durch die Windschutzscheibe in die Nacht hinaus. Er sondierte die Lage. Was zur Hölle war das? War er über etwas gefahren, was diesen Reifenplatzer verursacht hatte? So nah am Ziel und gebremst von … was?
   Er war allein auf der abgelegenen Straße, keine Lichter von entgegenkommenden oder hinter ihm fahrenden Autos.
   Wie schlimm war der Schaden? Wenn er Glück hatte, wäre es nur ein Reifen der Zwillingsbereifung, und er würde weiterfahren können, wenn auch nicht mehr so schnell, aber wenigstens runter von dieser Straße, um nicht gefunden zu werden.
   Ihm war klar, er musste raus aus dem Fahrzeug. Mit einer Warnlampe, die unter dem Fahrersitz gelegen hatte, leuchtete er die hinteren Räder ab, und fand den defekten Reifen auf der Fahrerseite am Auflieger. Enttäuscht trat er dagegen und sah sich um. Nicht weit hinter ihm lag diese unübersichtliche, lang gezogene Kurve, und er hoffte, dass keiner mit überhöhter Geschwindigkeit herumkam. Es wäre nicht klug, an Ort und Stelle diesen vermaledeiten Reifen zu wechseln. Hundert Meter weiter vor ihm gab es eine Abzweigung, die über einen unbefestigten Weg zu einem abgelegenen Angelsee führte. Er kannte diesen Weg und wusste, dass er eigentlich zu eng für einen Lkw in dieser Größe war, um ohne Schaden am Blech hindurchzufahren, doch ihm war das egal. Ein Geräusch in seiner Nähe drang an seine Ohren, und er blickte in die Richtung, aus der er es vermutete. Hier und da brach das Licht der Sterne durch die Wolkenöffnung jedoch nicht hell genug, um etwas zu erkennen. Er löschte das Licht der Warnlampe und beschloss, weiterzufahren. Er musste runter von der Straße und dieser Weg zum See kam ihm wie gerufen, um unentdeckt zu bleiben. Kurz, bevor er das Führerhaus erreicht hatte, nahm ihn einer von hinten an der Kehle. Röchelnd griff er sich an den Hals, die Lampe fiel klappernd auf den Boden und rollte unter den Lkw. Er griff nach dem Arm, der ihn festhielt, versuchte, den Angreifer abzuschütteln, was ihm nicht gelang. Der Angreifer redete kein Wort, schleifte ihn ohne Mühe vom Fahrzeug weg in Richtung der Kurve. Scheinwerfer eines Fahrzeugs, das am Rand der Straße geparkt war, erhellten plötzlich die Szene, und ihm wurde schnell klar, dass er mit dem Angreifer nicht allein war.
   »Sieh einer an, wen haben wir denn da?« Der Mann, der zu ihm sprach, warf eine langläufige Flinte auf die Rückbank, des Wagens, schloss die Tür und kam auf ihn zu.
   Alex atmete heftig, und nun wusste er, was die Ursache für seinen platten Reifen war.
   »Nico, jetzt ist die Gelegenheit, ihm eine neue Fresse zu verpassen«, meinte der Angreifer, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, gehässig.
   Alex hatte lange genug recherchiert, um den Mann vor sich einordnen zu können. Nico, ein schmaler Mann, war nicht nur Toni Milhofers Neffe, sondern er hatte auch die Verantwortung für diese Ladung, die Alex versucht hatte, zu stehlen.
   Nico betrachtete seinen Gefangenen genauer. »Halte ihn schön fest, Ralf«, forderte er seinen Komplizen auf.
   Dieser nickte und riss Alex hoch, als wöge er nur wenige Kilos.
   »Lass mich los, und wir regeln das auf faire Weise«, stieß Alex hervor. Der Mann hinter ihm musste Kräfte wie ein Bär haben, denn er schlang die Unterarme um seinen Körper, hielt somit seine Arme fest und drückte unbarmherzig zu. Panisch vor Angst, gleich alle Rippen brechen zu hören, gab er auf, sich zu wehren, sah seinem Gegenüber in die Augen und machte sich innerlich darauf gefasst, gleich k. o. geschlagen zu werden.
   Nico holte aus, stoppte jedoch vor Alex’ Kiefer den Schlag. »An dir mache ich mir nicht die Hände schmutzig, das überlasse ich anderen.« Er wandte sich seinem Kumpel zu. »Pack ihn in den Kofferraum.«
   Als Ralf seinen Griff etwas lockerte, trat Alex um sich. Je näher sie dem Kombi kamen, desto wilder versuchte er, freizukommen, und traf dabei den Kotflügel des Kombis. Ralf verpasste ihm daraufhin einen Schlag ins Genick, dass Alex stöhnend zu Boden sackte. Und noch bevor er sich aufrappeln konnte, versetzte Nico ihm einen Stromschlag mit einem Taser.

*

»So, und nun nichts wie weg hier, bevor wir hier noch gesehen werden«, fluchte Nico leise und sah sich um, während er in den Wagen stieg.
   »Der Kerl hält sich für schlau«, meinte Ralf. »Hat wohl nicht daran gedacht, dass Brian immer mit einer Eskorte fährt. Ich habe es mir doch gedacht, dass der Wagen auf dem Parkplatz zu ihm gehört, als wir nach Brian sahen«, meinte er mit rauer Stimme. Dann warf er Alex mühelos in den Kofferraum des Kombis, schloss die Klappe und stieg in den Wagen zu Nico, der den Motor startete.
   »Was machen wir mit dem?«
   »Toni meinte, wir sollen ihn in die Tiefgarage bringen und ihn anschließend in den Kofferraum seines eigenen Wagens packen, den seine Komplizin vor einigen Minuten dort abgestellt hat.« Nico deutete nach hinten. »Wir rufen Horst an, der soll derweilen mal die Schrottpresse klarmachen, und wenn sich Toni mit ihm unterhalten hat, gibt’s Presswurst.« Er lachte.
   »Wer kümmert sich um den Truck?«, fragte Ralf, und in seiner Stimme schwang Besorgnis mit.
   »Brians Bruder, der kennt sich aus.« Nico seufzte. »So ein Scheiß!« Er drosch sauer auf das Lenkrad ein. »Stirbt uns Brian einfach so weg!«
   Ralf sah ihn von der Seite aus mitleidig an. »Ja, Mist. Er war ein klasse Kumpel und Fahrer. Glaubst du, dieser Typ hat ihm etwas untergemischt?« Er deutete mit dem Daumen nach hinten.
   »Werden wir rausbekommen. Toni lässt sich die Befunde der Autopsie zukommen, und wenn da irgendetwas faul ist, ist er früher fällig, als ihm lieb ist.«
   »Und er wird sich wünschen, das nicht getan zu haben. Toni hat noch einige Fragen an ihn. Liefern wir ihn erst mal am Treffpunkt ab.«

Schnaufend schleppten sie den Bewusstlosen durch den engen Gang der Tiefgarage hindurch, bis zu dessen Wagen, der einsam in der Parkbucht stehen sollte. Sollte war das Zauberwort, denn es standen zwei identisch aussehende Wagen nebeneinander.
   »Ralf?«
   »Was?«, keuchte dieser, während er Alex auf den Boden fallen ließ und durchschnaufte.
   »Welcher ’isses denn jetzt?« Nico deutete auf die beiden identisch aussehenden Oldtimer.
   »Weiß ich doch nicht«, meinte Ralf und kratzte sich überfordert am Kopf.
   »Weißt du das Nummernschild?«
   Nico gaffte seinen Kumpel an. »Ich merke mir doch keine Nummernschilder! Es hieß, rein in den Wagen, Klappe zu und Milhofer kümmert sich um den Rest!«
   »Dann nehmen wir eben den, dessen Kofferraum nicht abgeschlossen ist.«
   Sie hievten Alex in den Kofferraum, und Ralf reichte Nico anschließend eine Rolle Klebeband und einen Kabelbinder. »Tob’ dich aus. Und gib ihm noch eine Ladung.« Er grinste.
   »Ha. Der Drecksack wollte die Zigaretten selbst verhökern!«
   »Der war schon lange hinter Toni her, aber nun ist Schluss, der kommt in die Presse.«
   »Das hat noch Zeit, Ralf. Überlass das Toni. Ihn würde es schon interessieren, warum der ihm hinterhergeschnüffelt hat!« Nico schob Alex noch tiefer in den Kofferraum des Oldtimers und trat ein Stück vom Wagen zurück. »Machs gut, Drecksack, wir sehen uns in der Hölle.« Er lachte gehässig.
   Ralf klappte den Kofferraumdeckel zu, als wäre es eine schwere Betonplatte und wandte sich ab.
   Als sie hinter sich ein leises, federndes Uarrg vernahm, drehten sie sich zum Auto um, dessen Kofferraumklappe wieder weit geöffnet war.
   »Mistkarre!«, maulte Ralf, ging auf den Wagen zu und schlug erneut die Klappe nach unten.
   Wam. Der Wagen federte ein.
   Uarrg. Die Kofferraumklappe öffnete sich.
   Ralf fasste die Klappe und schlug sie unsanft nach unten.
   Wam.
   Uarrg.
   Wam-wamm.
   Dieses nun folgende, knarrende Uarrg, übertönte sogar sein Fluchen.
   »Was ’issn los? Mann, kommst du endlich?«, rief Nico seinem Kumpel ungeduldig zu.
   »Der beschissene Deckel bleibt einfach nicht zu!«
   Wam.
   Uarrg.
   Wam. Nun knarzten sogar die Stoßdämpfer des Wagens in einer quietschenden Tonlage.
   »Grrr! Scheißding!« Ralf hieb mit der Faust auf den Kofferraumdeckel, der danach erneut knarzend aufschwang. »Ich setze gleich ’nen Elefanten drauf, dann öffnet sich das Teil nie wieder!« Fluchend stützte er sich auf die Kofferraumklappe.
   »Wir sollten unauffällig bleiben, das mit dem Elefanten, ist nicht unbedingt unauffällig«, scherzte Nico.
   »Willst du mich gerade verarschen?« Ralfs Kopf schoss zu ihm herum, während er am Wagen herumruckelte, um diese Klappe im Zaum zu halten.
   »Nö. Nu lass das Ding los und komm.« Nico lachte heiser.
   Uarrg, ertönte es lautstark aus Ralfs Richtung, dessen Nasenflügel sich vor Zorn weiteten. Wie in Zeitlupe drehte er den Kopf in Richtung Kofferraum. »Ah! Da, guck, die Scheiße bleibt einfach nicht zu!«
   Wam-wam-wam. Nun hieb Ralf unaufhörlich den Deckel wild schnaubend herunter.
   Kopfschüttelnd trat Nico neben seinen Kumpel, dem schon im Gesicht stand, dass er diesen Wagen am liebsten mit einem Vorschlaghammer bearbeiten würde. »Komm, lass mich mal!«
   Ralf gab den Weg frei, Nico griff nach der Klappe, drückte diese sanft nach unten und das Schloss klickte ebenso sanft ein. »Siehst du«, er deutete auf den Kofferraum, der geschlossen blieb, »man darf eben nicht überall rohe Kräfte einsetzen. Das ist wie bei den Frauen. Bist du sanft, flutscht alles von selbst.«
   »Komm du mir nicht mit deinen Weibergeschichten, darauf habe ich sicherlich keine Lust!«
   Nico lachte, während er mit seinem Kumpel das Parkhaus verließ.

2
Tag 1
Wenige Kilometer hinter Frankfurt

Laura fuhr an diesem noch frühen Morgen, nachdem ihr Chef sie abgelöst hatte, auf der wenig befahrenen Landstraße nach Hause. Schon jetzt begann die kühle Morgenluft der heißen Luft zu weichen, noch dazu hatte der Wetterbericht einen der heißesten Tage des Jahres angekündigt. Sie bedauerte schon, dass sie in ein paar Stunden ihren eigenen Dienst antreten musste, denn ihr fehlte der Schlaf, aus dem sie von ihrer Kollegin heute kurz nach Mitternacht gerissen wurde.
   Klar, sie würde auch nicht gerade freudig tanzend aus dem Diner kommen, wenn ihr während der Dienstzeit ein Kunde vor der Nase wegsterben würde. Aber warum nur musste ihre Kollegin gerade sie anrufen, wo es doch naheliegender gewesen wäre, gleich den Chef zu kontaktieren?
   Es nervte sie schon lange, in diesem heruntergekommenen American Diner zu arbeiten. Die Musik hatte sie auf volle Lautstärke gedreht, da ihr dieses ständige Klopfen im hinteren Teil ihres Wagens, das sie seit einer Weile vernahm, auf die Nerven ging. Ihr Auto war alt, und es klapperte ständig irgendetwas Neues. Dieses Auto war bekannt für bestimmte Geräusche. Im Sommer klapperte es an sieben verschiedenen Ecken und im Winter an acht anderen. Irgendwann hörte das störende Geklapper immer wieder von selbst auf, doch dieses Klopfen war irgendwie seltsam, es war neu. Wie oft sie mit dem Gedanken gespielt hatte, sich ein neues Auto zu kaufen, wusste sie nicht. Ihr spärliches Gehalt reichte dafür einfach nicht aus. Die Arbeit einer Kellnerin war anstrengend, es verirrte sich so manch abgedrehter Kunde in dieses kleine Diner, in dem sie arbeitete. Einmal hatte ein verärgerter Gast ihrer Kollegin in der Spätschicht den Außenspiegel ihres Wagens abgetreten, weil er sich über angebliche Wucherpreise monierte. Seitdem parkte Laura ihren Wagen lieber freiwillig in einer nahe gelegenen Tiefgarage, damit ihre Spiegel nicht irgendwann einmal auf der Fahrbahn landeten. Oder schlimmer noch, ihre Kotflügel Fußabdrücke der Größe 43 trugen.
   An solchen Tagen hatte Laura das Gefühl, alles hinschmeißen zu müssen, besonders dann, wenn diese verflixten Nörgler sie ständig an den Tisch baten, um ihr mitzuteilen, dass der Koch oder sie irgendetwas falsch gemacht hätten. Dann wusste sie, dass sie die Worte »Stimmt so!« beim Verlangen der Rechnung niemals zu hören bekam. Doch etwas anderes zu finden, war nicht leicht in dem kleinen, verschlafenen Ort, in dem sie lebte.
   Das Poltern im hinteren Bereich wurde heftiger, und Laura drehte die Musik leiser, versicherte sich, dass kein Auto hinter ihr war, trat fester auf das Gaspedal und ließ die Scheibe ihres Wagens hinunter, um frische Luft hereinzulassen. Kurz trat sie voll auf die Bremse und lenkte anschließend ihren Wagen in Schlangenlinie auf der Straße entlang, um dieses Klopfen zu deuten, vielleicht half diese Aktion ja. Dieses verdächtige Geräusch jedoch steigerte sich in ein dumpfes Poltern, als würde in ihrem Kofferraum etwas Schweres herumgeschleudert werden. Sie konnte sich nicht erinnern, dort überhaupt etwas geladen zu haben. Langsam machte sie sich Sorgen, denn das hörte sich alles andere als gesund an. Sie hoffte nur, dass sich ihre Hinterachse nicht verabschieden würde, und hielt am Straßenrand an, um zu analysieren, wo dieses permanente Scheppern herkam.
   Kaum stand das Auto, verstärkte sich das Geräusch zu einem Treten, und ein leises »Mhm!« schreckte sie auf. Das kam deutlich aus ihrem Kofferraum, kein Zweifel. Sie schaltete den Motor aus und horchte. Es war still. Sie stieg aus, lief nach hinten und starrte abwartend auf ihren Kofferraum. Doch nichts geschah.
   »Hallo«, rief sie zaghaft und lauschte.
   »Mhm!«, ertönte es erneut, und jemand trat von innen gegen die Seitenwand des Kofferraums.
   Erschrocken wich Laura ein Stück von ihrem Wagen zurück. Da liegt einer in meinem Kofferraum, dachte sie, trat vorsichtig heran und klopfte leicht auf den Kofferraumdeckel. »Hallo! Ist da einer drin?« Blöde Frage, schoss es ihr durch den Kopf.
   »Mhm!« Ein Hämmern war zu vernehmen.
   Auweia, dachte Laura, schluckte schwer und nahm all ihren Mut zusammen. »Ich mach jetzt auf! Und wehe, wer auch immer da drin ist, Sie verletzen mich, dann schlage ich den Deckel direkt wieder zu! Und es ist mir egal, was ich dabei treffe! Verstanden? Und außerdem, ich bin bewaffnet!« Was nicht stimmte, aber man konnte ja vorsichtshalber schon mal für Angst des Gegners sorgen.
   Die Stille im Inneren des Kofferraumes deutete Laura als Ja.
   Als sie die Klappe öffnete, staunte sie nicht schlecht. Ein Kerl mittleren Alters, bekleidet mit einem braunen Trainingsanzug, lag seitlich zusammengekauert in ihrem Kofferraum und sah sie genauso verdutzt an wie sie ihn. Sein Mund war mit einem Klebeband verschlossen, die Hände mit Kabelbinder gefesselt. Als er sich beruhigt hatte, richtete er sich auf, kletterte mühsam über die Stoßstange hinweg aus dem Kofferraum heraus und sah Laura anschließend mit einem wachsamen Blick an. Dann sah er sich um und schnaufte.
   »Mooo eim rreeck!« Er trat mit dem Fuß gegen die Stoßstange.
   Das war Laura zu viel, denn derjenige, den sie soeben befreit hatte, hatte nicht das Recht, ihren Wagen zu treten. »Hey, mach das noch mal, und ich schmeiß dich wieder in den Kofferraum«, brüllte sie seine Kehrseite an.

*

Wie bitte?, dachte Alex. Was hat die Frau da verlauten lassen? Ist die irre? Er drehte sich zu ihr herum und sah sie überrascht an.
   Laura schreckte so heftig zurück, dass sie beinahe über ihre eigenen Füße gestolpert wäre. »Heiliges Kanonenrohr, woher kommen Sie denn?«
   Das reichte ja wohl jetzt. Erst taserte man ihn zu Boden und nun setzte man ihn dieser Bekloppten aus? Was war das denn für eine Art von Folter? »Momer imm mkümme? Momer iiimm mkümme!« Alex stapfte mit dem Fuß auf und blickte zum Himmel, weil er nicht zu verstehen war.
   Vorsichtig versuchte er, sich das Klebeband vom Mund zu ziehen, was ihm misslang, denn seine Finger waren taub von den Fesseln.
   »Soll ich das Klebeband ablösen?«, fragte Laura.
   Er blickte sie wachsam an, dann nickte er zaghaft.
   Laura blinzelte kurz und ging langsam auf ihn zu. Er setzte sich auf den Rand des Kofferraumes und streckte ihr den Kopf zaghaft entgegen.
   »Sie bringen mich auch nicht gleich um, wenn ich hier fertig bin?«, fragte sie und trat noch ein Stück näher an ihn heran. »Kann ich Ihnen trauen?«, fragte sie erneut.
   Alex verdrehte genervt die Augen und nickte seufzend.
   »Wow, haben Sie schöne grüne Augen!«, meinte Laura und wirkte erstaunt über sich, dass sie das soeben Gedachte laut ausgesprochen hatte.
   Der Fremde beugte sich zurück und beäugte sie verwundert. Was sollte das Herumgeplappere? Dies war hier doch kein Date! »Moochs mach mooon!«, nuschelte er und ließ die Arme in seinen Schoß fallen. Er könnte diese zierliche Frau überwältigen und in den Kofferraum befördern, doch irgendetwas sagte ihm, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Sie konnte keine von Tonis Leuten sein, sonst hätte sie ihn nicht mitten auf der Straße befreit. Was war das nur für eine Irre? Die hatte ja noch nicht einmal Angst. Wachsam besah er sich die Frau, die vor ihm stand, genauer.
   Sie ist süß, fuhr es ihm für einen kurzen Augenblick durch den Kopf, rief sich aber zur Ordnung, denn all das hier war seltsam.

*

Irgendeine innere Stimme sagte Laura, dass sie nicht in Gefahr war. Die andere Hälfte ihres Verstandes ermahnte sie jedoch zur Vorsicht. Sie blickte dem Fremden ernst ins Gesicht. Dieses wundervolle männliche Gesicht mit Dreitagebart und den wundervollen und wachsamen grünen Augen. Laura!, ermahnte diese sich im Stillen.
   »Okay, das könnte ziepen!«, meinte sie warnend, knibbelte eine Ecke des Klebebands locker und biss sich konzentriert auf die Lippen. Ihre Blicke trafen sich, und Laura entging nicht, dass der Fremde anfing, leicht zu grinsen. Wohl aus Verzweiflung. Sie fasste an das Ende des Klebebands und ratschte es mit einem Ruck ab.
   Mit schmerzverzerrtem Gesicht fasste er sich an den Mund. »Scheiße, das tut weh! Musst du das so abreißen?« Mit tränenden Augen sah er Laura böse an.
   Sie starrte ungläubig auf das Klebeband in ihrer Hand und dann auf den Mann, dem ein beachtlicher Teil seines Oberlippenbartes fehlte.
   »Wo bin ich hier?«, meinte dieser und blickte sich um.
   »Wie kommen Sie in meinen Kofferraum?«, fragte Laura.

*

»Ich weiß es nicht. Ich war mit meinem Lkw unterwegs, hatte eine Panne und nun bin ich hier«, erzählte Alex nur die halbe Wahrheit. »Wer sind Sie, und was wollen Sie von mir?« Verwundert besah er sich den Wagen, und fragte sich, wie die Frau es schaffte, ihn zu fahren, denn er war sich sicher, vor seinem Auto zu stehen. Und es war unmöglich, dass Fremde ihn überhaupt starten konnten.
   »Ich bin Laura. Und ich will nichts von Ihnen«, plapperte diese drauflos. »Sie haben mir bestimmt eine Delle in den Kotflügel getreten, und wer weiß, was Sie hier sonst noch kaputt gemacht haben?«
   »Ihr Auto?«, fragte Alex irritiert. Das würde erklären, warum der Infrarotchip in seinen Schuhen nicht funktionierte, der die Klappe des Wagens öffnen und gleichzeitig die gesamte Elektronik im Wagen stilllegen sollte.
   »Meiner, ja«, maulte Laura. Dann blickte sie ihn an, als wäre ihr ein Licht aufgegangen.
   »Moment mal. Sie denken, das da wäre Ihr Auto?« Sie fuchtelte aufgeregt umher. »Hey, da stand der gleiche Wagen wie meiner neben meinem in der Parkbucht. Jetzt sagen Sie nicht, das war Ihrer! Das würde bedeuten, dass die, die für das Desaster hier verantwortlich sind, meinen Wagen mit Ihrem verwechselt haben!«
   Alex konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Wer hätte gedacht, dass es noch eine alte Klapperkiste gab, die seinem Wagen wie ein Ei dem anderen glich? Die Frau vor ihm hatte ihm wahrscheinlich, ohne dass sie es wusste, sein Leben gerettet. »Jepp!«, meinte er und betrachtete die Gegend nun genauer, um festzustellen, ob er mit dieser Frau allein war oder ob ihn nicht doch noch einer beobachten würde.
   »Und nun sucht man sicher nach Ihnen?«
   »Ich gehe davon aus«, meinte Alex gelassen.

*

Laura schüttelte den Kopf. Der Mann war ja völlig verrückt, wie konnte er nur so ruhig sein? Man wollte ihn entführen, und wenn sie nicht gewesen wäre … Weiter wollte Laura diese grauenhafte Vorstellung überhaupt nicht denken.
   »Ich hole besser die Polizei, dann klärt sich alles«, meinte sie eifrig und kramte nach ihrem Handy in der Jeansjacke.
   »Ach, scheiß drauf!« Er drehte sich um, lief über die Straße in Richtung des nah gelegenen Waldstücks und man merkte ihm an, dass er gern schneller gerannt wäre, aber da er eine Zeit lang in einer Fötusstellung ausharren musste, wirkte es sogar ein wenig unbeholfen.
   »Ich hätte Ihnen auch die Hände losgebunden«, rief Laura hinter ihm her. Antwort bekam sie keine. Sprachlos sah sie ihm nach und schloss dabei die Kofferraumklappe ihres Wagens. Nachdenklich setzte sie sich in ihr Auto und startete den Motor. Was um alles in der Welt hatte er verbrochen, dass man ihn in einen Kofferraum sperrte? Leider konnte sie ihn mehr nicht fragen.
   »Ein Dankeschön fürs Befreien wäre auch nicht übel gewesen«, sagte Laura, während sie nach Hause fuhr.
   Was für ein beschissener Tag.
   Es hatte eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis sie diesem unfreundlichen Mann, der das Handy des Verstorbenen abholte, erklärt hatte, dass nicht sie, sondern ihre Kollegin den Vorfall erlebt hatte. Anstatt sich ihr vorzustellen, wollte er nur wissen, wer zu dem Zeitpunkt noch im Diner anwesend war, was sie ihn nicht beantworten konnte. Auch als er sie nach der Adresse ihrer Kollegin fragte, um sich bei ihr zu erkundigen, musste sie ihn enttäuschen, denn sie war nur der Polizei gegenüber bereit, derartige Informationen über ihre Arbeitskollegen herauszugeben.
   Im Wagen wurde es trotz geöffneter Fenster unerträglich heiß. Da er keine Klimaanlage hatte, suchte sie einen schattigen Platz und fand einen vor dem Haus, in dem sie wohnte. Der einzige Vorteil, wenn man erst morgens nach Hause kam. Einen Moment hielt sie noch inne und ließ ihre Gedanken Revue passieren. Das, was ihr eben passiert war, würde ihr niemand glauben, und ein quälender Gedanke formte sich in Lauras Kopf. Was wäre passiert, wenn der Mann bis zum Ende der Schicht, die weit bis in den Nachmittag dauerte, in der Tiefgarage im Kofferraum, gelegen hätte? Schließlich ließ sich die Klappe nicht von innen öffnen. Und dort, wo sie parkte, standen meist keine oder wenn überhaupt nur wenige Fahrzeuge.
   Nachdenklich zog sie den Schlüssel aus dem Zündschloss, schnallte sich ab und fragte sich wohl zum hundertsten Male, wer ihr diese ungewöhnliche Fracht in ihren Kofferraum gepackt haben mochte. Es gab nur eine Person, der sie das Erlebte erzählen konnte. Sie sah hoch zu ihrer Wohnung im dritten Stock des Mietshauses, wenige Kilometer außerhalb von Frankfurt, wo ihre Mitbewohnerin Veronika sicher schon wach war, um an irgendeinem Artikel zu arbeiten. In Gedanken versunken stieg sie aus und warf mit Wucht die Wagentür ins Schloss, was ihr im selben Moment leidtat, da der Wagen die Wucht mit einem lauten Krachen aus der Karosserie beantwortete. Seufzend betrachtete sie sich das Heck und entdeckte tatsächlich eine Beule im Kotflügel, die der Fremde von innen nach außen getreten haben musste. Wie auch immer er dies geschafft haben mochte, die Beule war vorher noch nicht da.
   »Mann, so ein Mist«, schimpfte sie leise vor sich hin, überlegte kurz und drückte mit beiden Händen gegen die kleine Ausbuchtung, die mit einem knarzenden Pfomp nach innen flutschte. »Na also, geht doch.« Sie grinste, stolz, sich geholfen zu haben. Laura strich sanft über die Kofferraumklappe. »Fremder, wer bist du?«, meinte sie verträumt und lächelte versonnen.

*

Kaum hatte Laura die Wohnung betreten, stolperte sie in das kleine Büro von Veronika, drückte die Tür hinter sich zu und lehnte sich dagegen. »Du wirst es nicht glauben, was mir heute alles passiert ist«, meinte sie aufgeregt.
   Veronika hob den Kopf. »Was denn?« Sie richtete sich auf und streckte sich. Vom langen Sitzen war ihr Nacken steif geworden. Sie hockte seit Stunden in diesem kleinen Raum und tippte vor sich hin. Nachts arbeitete sie bei einem Radiosender und schrieb tagsüber nebenher Kolumnen für die hiesige Tageszeitung. »Hast du etwas Tolles auf der Straße gefunden?«
   »Nicht auf der Straße«, meinte Laura, lächelte und legte eine dramatische Pause ein.
   Veronika schob ihre Brille zurecht, die sie seit Kurzem tragen musste. Seit drei Jahren war sie Lauras Mitbewohnerin und auf den Tag vier Jahre älter als sie. Veronika war die Sorte Frau, die Nägel mit Köpfen machte. Sie hatten sich im Diner kennengelernt, als sich Veronika gerade von ihrem Mann trennte. Dort kam sie hereingestürmt, trank einen Whisky nach dem anderen, und als sie sich ihren Kummer von der Seele geredet hatte, flößte Laura ihr Kaffee ein, bis sie nüchtern war. Dabei verstanden sie sich immer besser, sodass Laura ihr anbot, so lange bei ihr zu wohnen, bis Veronika etwas Neues fand. Das war drei Jahre her.
   Nachdem sich Laura verschwörerisch umblickte, als wollte sie sichergehen, dass sie auch wirklich allein waren, fiel ihr Blick auf das kleine Fenster, das offenstand, um frische Luft hereinzulassen. »Ich mach das mal besser zu«, flüsterte sie, marschierte zum Fenster, schloss es und ließ das Rollo ein Stück weit hinunter.
   »Das muss ein Knaller sein, wenn du sogar das Rollo runterlässt. Einfach das Fenster zuzumachen, hätte auch gereicht, dann könnte ich dich wenigstens besser sehen.«
   Laura runzelte die Stirn und zog das Rollo wieder hoch. Veronika musste lachen.
   »Du wirst es nicht glauben«, wiederholte Laura ihren Satz, mit piepsiger Stimme und völlig aufgeregt.
   »Gagger nicht! Leg’ die Eier.«
   »Schon gut. Ich fange ja schon an.« Laura kicherte.
   Veronika beäugte sie neugierig. Als Laura mit ihrer Erzählung geendet hatte, holte sie sich wortlos eine kleine Flasche aus ihrer Schublade und stellte sie zusammen mit zwei Gläsern vor sich auf den Schreibtisch. »Unfassbar! Das hast du wirklich erlebt?«, fragte Veronika.
   »Echt!« Laura bekreuzigte sich und hob Zeige- und Mittelfinger in die Luft. »Ich schwöre es! Und das Allerseltsamste war, dass exakt das gleiche altersschwache Modell meines Wagens einsam in einer Parklücke stand. Und ich machte mir einen Spaß daraus und parkte daneben.«
   Verdutzt blickte Veronika Laura an. »Klingt fast so, als hätte man dein Auto verwechselt!«
   »Siehst du, das denke ich auch! Und nun werde ich nie erfahren, was da wirklich los war.«
   »Sei froh, wer weiß, was das für eine schräge Sache ist! Geh lieber mal zur Polizei.«
   »Das glauben die mir nie.« Lauras Blick fiel auf die Flasche. »Was trinkst du da?«
   »Himbeerlikör, selbst gebrannt von meinem Chef in der Redaktion, für ungewöhnliche Zeiten«, meinte Veronika und hielt Laura die Flasche hin. »Das, was du mir da gerade erzählt hast, klingt ungewöhnlich. Wir könnten uns einen andudeln, denn auch ich könnte das heute gebrauchen.« Sie seufzte. »Mach das Rollo wieder runter, wenn ich es mir recht überlege.«
   »Nein, lass mal«, winkte Laura ab. »Du weißt, dass Alkohol bei mir immer gleich eine umwerfende Reaktion hervorruft.«
   Umwerfend war nun sehr vornehm ausgedrückt. Wenn Laura etwas intus hatte, wurde es lustig.
   Laura öffnete die Flasche und roch an deren Inhalt und zuckte dann zurück. »Ist das Farbverdünner?«
   Sie schüttelte lachend den Kopf.
   »Das haut dich ja schon beim daran Riechen aus den Schuhen, igitt.«
   Veronika zuckte unschuldig mit den Schultern. »Ich dachte, wir könnten uns irgendwann einmal einen kleinen gemütlichen Abend machen.«
   »Großer Gott! Mit Likör? Dein Ernst? Es soll Freunde geben, die sich mit einer fetten Pizza gemütlich zusammenhocken.« Laura lachte.
   »So, wie du gerade drauf bist, hilft da keine Pizza! Da ist was Härteres nötiger. Wenn das tatsächlich stimmt, was du da gerade erzählt hast«, meinte sie belustigt.
   »Du glaubst mir nicht!«
   »Glaubst du das denn?«, fragte Veronika und bereute sogleich, was sie gesagt hatte. Laura war einer der wenigen Menschen, die sie kannte, die eine ehrliche Person war. Und um sich solch eine Geschichte auszudenken, brauchte es einen triftigen Grund.

*

Laura traten die Tränen in die Augen. Das alles konnte sie nicht geträumt oder erfunden haben, denn noch immer spürte sie seine Gegenwart. Es war gerade mal eine halbe Stunde her, seit sie diesen umwerfend attraktiven, mysteriösen Mann aus ihrem Kofferraum befreit hatte. Sie wusste, dass sie ihn nicht mehr sehen würde, dennoch ging er ihr nicht aus dem Kopf. Was war das für ein Kerl? Gefährlich wirkte er nicht auf sie.
   »Hör zu, Laura«, unterbrach Veronika ihre Gedanken, »ich mache hier Schluss, gehe duschen und dann hauen wir uns etwas Gutes zu essen rein. Okay? Und dann reden wir in aller Ruhe noch mal darüber. Vielleicht springt für mich ’ne Story raus.«
   Laura grinste. Veronika war ständig auf der Suche nach einer Story, damit sie ihren Chef beim Radiosender überreden konnte, endlich für ihre Reportagen im Außeneinsatz eingeteilt zu werden.
   »Hast du dafür irgendwelche Beweise?«, fragte Veronika und musterte Laura.
   »Die Beule im Kotflügel.«
   »Das ist etwas vage.«
   »Dann hätte ich noch das Klebeband, auf dem sein halber Oberlippenbart hängt« Laura grinste und musste kichern, weil dies doch etwas komisch klang, jetzt im Nachhinein.
   »Das will ich sehen!« Veronika hob neugierig ihre Augenbrauen.
   »Liegt im Kofferraum, ich hole es später rauf!«
   »Darauf will ich hoffen, erzähl, wie war der Kerl angezogen? Sah er gut aus? Wie alt war er?«
   Laura nahm sich die Likörflasche, roch noch einmal daran und schielte Veronika dabei an. »Igitt!«
   »Nun erzähl, und lass mich nicht dumm sterben!«, meinte Veronika, nahm ihr die Flasche ab und schraubte sie zu.
   »Du wolltest duschen gehen, schon vergessen?«
   Veronika winkte ab. »Gleich. Fang an!«
   »Also«, begann Laura, »er sah richtig knackig aus. Kurzes schwarzes Haar, grüne Augen, schlank. Nicht groß, ungefähr ein Meter fünfundsiebzig und er hatte einen flaumigen Oberlippenbart, der sicher super zu ihm passte, wenn der andere Teil nicht auf dem Klebeband hängen geblieben wäre.«
   »Was hatte er an?«
   »Nur einen Stringtanga«, unkte Laura, und Veronika klappte erstaunt der Unterkiefer hinunter. »Nein, Scherz beiseite. Er sah aus, als käme er vom Sport im Jahre 1978. Einen abgewetzten, alten Trainingsanzug. Er sagte so etwas wie, er wäre Lkw-Fahrer.«
   »Und wie kam er in deinen Kofferraum?«
   »Das ist die Preisfrage. Er weiß es nicht, und ich ebenso wenig.« Laura sah Veronika nachdenklich an. »Ich werde ihn nie wiedersehen.«
   »Willst du das denn?«, fragte Veronika ungläubig.
   Laura zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht.«
   »Er war sexy, vermute ich mal?«
   Laura nickte. »Er hatte einen Dreitagebart, und auf so etwas stehe ich total. Er war nicht größer als ich, er …«
   »Stopp! Laura, bevor du dich in etwas hineinredest. Es ist normal, wenn man sich in Opfer verliebt«, meinte Veronika mitfühlend und amüsiert zugleich.
   »Nee, nee.« Sie hob abwehrend die Hand. »Ich bin nicht verliebt in ein Opfer.«
   »Wie du meinst.« Gedankenverloren lehnte sich Veronika in ihren Stuhl zurück und besah sich die Flasche Likör.
   »Sag mal, was sind das für Gründe, dass du so ein Zeug brauchst?«, fragte Laura.
   Veronika schoss nach vorn. »Hast du schon gehört, was die neue Frau meines Ex getan hat?«
   Laura schüttelte den Kopf, sie war erstaunt, dass dies noch immer ein Thema für ihre Freundin war.
   »Die Schrulle Larissa hat ihre Stellung bei ihm im Büro gekündigt und einen Erotik-Massage-Laden eröffnet. Direkt in der Fußgängerzone. Und rate mal, wer darüber eine Kolumne schreiben soll?«
   »Dein Exmann?«
   »Nein! Bleib mal ernst!«
   »Wer schon, ich glaube du natürlich!«
   »Und ich werde es genießen. Mein Ex war so was von dagegen, dass Larissa diesen Laden eröffnet. Und das ist noch nicht alles«, fuhr Veronika begeistert fort. »Sie hat junge Frauen eingestellt, die spezielle Griffe ausüben können.«
   »Spezielle Griffe? Aha! Was stellt man sich denn bitte darunter vor?« Neugierig lehnte sich Laura nach vorn.
   Veronika grinste und zuckte unschuldig mit den Schultern. »Elena, vom Geschäft gegenüber, hat mir erzählt, der Laden wäre eine Schande. Leicht bekleidete Frauen würde man ab und zu durch die Vorhänge erblicken. Da hätten die Frauen ihre Mühe, ihre Männer dort fernzuhalten, und mein Exmann würde sich für sie schämen.« Veronika blickte Laura schadenfroh an. »Das hätte ich nur allzu gern gesehen. Ich muss unbedingt selbst mal hin und es mir ansehen. Du weißt, jede Peinlichkeit, die mit dieser Frau zu tun hat, ist eine gute Sache, und ich schwöre dir, dieser Artikel wird niederschmetternd werden.«
   Laura konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen. Sie wusste, wie gemein und kratzbürstig diese Frau gewesen war, als sie Veronika ihren Mann ausgespannt hatte. Diesen pingeligen, kleinen Bürohengst.
   »Na so was!« Laura versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie solch ein Geschäft nicht so schlimm fand, aber sie hatte auch keinen Partner, der sich dorthin verirren könnte. Der letzte Freund, den sie hatte, war eine Niete. Alles, was kam, ging nach relativ kurzer Zeit wieder. Laura konnte sich das auch nicht erklären. Gut, sie war ein Feger, immer unterwegs, immer auf neue Abenteuer aus. Dies war offensichtlich des Öfteren zu viel für die Jungs, die brav zu Hause auf dem Sofa ihr Bier trinken und gemütlich die Sportschau sehen wollten. Laura wurde diese Art von Beziehungen meist schnell zu langweilig, und sie fragte sich jedes Mal, ob es da draußen noch einen gab, der das Leben fernab der Arbeit und Sportschau noch richtig leben wollte.
   »Übrigens, habe ich hier etwas für dich«, meinte Veronika, als ob sie Lauras Gedanken lesen konnte. Sie grinste und wedelte mit einem DIN-A4-Zettel vor Lauras Nase herum.
   »Was ist das?«
   »Ich war gestern in der Redaktion, um meine Kolumne mit dem Chef zu besprechen, und da lag eine der Kontaktanzeigen, die Petra immer online stellt, einfach einsam auf der Ablage. Ich habe sie gelesen und mir gedacht, der Kerl würde doch zu dir passen.« Veronika grinste, und Laura bekam heiße Wangen.
   Veronika lehnte sich vor. »‚Bereit für neue Abenteuer‘ klingt mir nach einem Volltreffer! Angesichts der Tatsache, dass die Männer in deinem Alter meistens Probleme in der Abenteuerlustig-Abteilung haben!« Veronika lachte laut auf.
   »Herrje! Was denkst du von mir?« Laura grinste.
   »Hey, Frauen in deinem Alter brauchen eine feste Hand! Warum meldest du dich nicht mal unverbindlich auf die Anzeige?«
   Laura schüttelte den Kopf. »Was soll das heißen, Frauen in meinem Alter? Ich bin gerade mal dreißig! Und außerdem weißt du genau, dass diese Anzeigen strikt vertraulich sind, und du mir, nur weil das so einsam herumliegt, sicher nicht einen Vorteil verschaffen darfst. Wer weiß, ob ich da reingeschaut hätte, in diese Onlineanzeige! Und, wer weiß, ob das stimmt, was da steht. Es gibt heutzutage keine Jungs mehr, die es so richtig krachen lassen«, meinte Laura lachend und lehnte sich zurück in ihrem Sessel.
   Veronika kicherte. »Das, was du suchst, gibt es nur in Filmen.«
   »Na ja, nicht ganz so abenteuerlustig, aber nahe dran.«
   »Und aus genau diesem Grund, habe ich beschlossen, diese Anzeige einfach verschwinden zu lassen. Das hier könnte dein Actionheld werden! Du hast drei Tage Zeit, dich dort zu melden. Tust du es nicht, stelle ich sie online, und andere Frauen dürfen sich auf ihn stürzen.«
   Laura sah schockiert ihre Freundin an. »Wenn du deswegen mit deinem Chef Ärger bekommst, halte mich da raus, verstanden?«
   »Wenn überhaupt, dann nur mit Petra. Sie ist für diese Abteilung zuständig.« Veronika hob den Zettel an und blickte Laura in die Augen. »Melde dich da, und wenn nicht, wie gesagt …« Sie grinste.
   Laura seufzte wehmütig.
   »Ich finde das irgendwie wahnsinnig romantisch«, meinte Veronika und lehnte sich zurück in ihren Stuhl.
   »Und wenn er hässlich ist? Oder ein Langweiler wie die Jungs davor? Du weißt, dass ich keine Langeweile ertragen kann. Es wäre am besten, wenn ich dich vorschicke. Du fühlst vor, okay?«
   »Aber sonst geht’s noch?«
   »Tu’s für mich«, bettelte Laura und machte einen Schmollmund.
   »Ich werde es mir überlegen.« Sie verstaute den Zettel im Ablagefach vor ihr. »Wie soll der Mann deiner Träume denn deiner Meinung nach aussehen?«
   Auf einmal ertappte sich Laura bei sehnsüchtigen Tagträumen und bei Überlegungen, wohin ihre Beziehung führen mochte, wenn sie den Richtigen fände. Und er sollte so sein wie der Typ, den sie heute im Kofferraum vorfand. Die meisten Frauen hätten in diesem Fall die Beine in die Hand genommen und wären schreiend davongelaufen, doch bei Laura war das anders. Sie war in irgendeiner Weise fasziniert von diesem geheimnisvollen Typen, und das jagte ihr eine Heidenangst ein.
   »Laura?« Veronika sah ihre Freundin fragend an.
   Sie seufzte erneut. »Geheimnisvoll. Er muss geheimnisvoll sein. Voller Abenteuer und auf keinen Fall fettleibig. Dunkles Haar, grüne Augen!«
   »Laura«, rief Veronika erschrocken. »Du beschreibst gerade diesen Typen, den du heute aus deinem Kofferraum befreit hast!«
   Im tiefsten Inneren gab sie ihrer Freundin recht, doch dies vor ihr zugeben, würde sie auf keinen Fall. Sie schüttelte den Kopf und winkte gespielt lässig ab. »Blödsinn, das redest du dir jetzt ein, ich stehe nicht auf den!«
   Veronika grinste. »Sag nur! Deine Wangen sagen mir aber gerade etwas anderes. So wie ich dich kenne, ist jetzt sicher die große Hitze schuld, was?«
   Laura lachte und deutete auf die Flasche. »Und der Likör da.«
   »Da hast du doch nur dran gerochen!« Veronika zuckte mit den Schultern.
   »Siehst du, das reicht schon.« Laura lachte.
   Veronika schmunzelte, griff in ihre Schublade und beförderte zum großen Erstaunen von Laura eine Schachtel Zigaretten hervor, zog eine davon heraus und steckte sie sich an.
   »Seit wann rauchst du denn wieder?«, fragte Laura verblüfft.
   »Weißt du, ich habe bemerkt, dass das Abgewöhnen zu nichts führt.«
   Laura verstand, was ihre Freundin meinte. Veronika war seit ihrer Scheidung immer unterwegs gewesen, bis sie dann einen Zusammenbruch erlitt und der Arzt ihr strenge Ruhe verordnete. Und als Veronika sich das Rauchen abgewöhnte, war es für sie ohne den Spaßfaktor ‚Qualmen wie ein Schlot’ und ‚feiern, bis der Arzt kommt’ unerträglich geworden. Ihre Laune verschlechterte sich von Tag zu Tag und sie hatte miesepetrig kurzerhand alles in ihrer Umgebung zur rauch- und spaßfreien Zone erklärt. Seit sie aber seit Kurzem in diese Kneipe, das Down-Town, ging, hatte sie offenbar das Qualmen wieder angefangen, und nun war sie nicht mehr so reizbar wie vor einigen Wochen zuvor.
   Veronika und Laura wurden durch ein Klingeln an der Haustür unterbrochen.
   »Entschuldigung, dass ich störe«, sagte eine Frau mit tiefer Stimme, als Laura öffnete. »Ist Veronika da? Ich bin ihre Kollegin bei der Tageszeitung, und ich dachte, ich schau mal vorbei.«
   Laura starrte sie verwundert an. »Wer sind Sie?«
   »Mein Name ist Petra«, verkündete sie und warf ihr Haar zurück. »Ich möchte zu Veronika.«
   »Ach, tatsächlich?«, meinte Laura verblüfft und musterte die Frau von Kopf bis Fuß. Hatte Veronika nicht gerade noch von einer Petra gesprochen?
   Petra lächelte, als diese die Reaktion von Laura wahrnahm. »Ich muss etwas mit ihr unter vier Augen besprechen«, raunte sie.
   Laura konnte nicht aufhören, die Frau anzustarren, irgendwas stimmte nicht an ihr. Sie war schlank, die braunen Haare, die künstlich wirkten und ihr bis zum Hintern reichten, waren mit einem Haarband nach hinten gehalten, passend zu ihrem knallengen Kleid, das tiefe Einblicke gewährte, was selbst eine Frau sprachlos dort hinstarren ließ.
   Sie räusperte sich und ihr entging nicht, das wohlwollende Grinsen, das ihr Petra entgegenwarf. Laura gab ihr ein Zeichen mit der Hand, dass sie warten solle. »Veronika! Da will ’ne Petra zu dir!«
   Laura sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Sie hörten ein Klappern.
   »Lass sie rein«, rief Veronika.
   Laura grinste innerlich. Veronika hatte den Likör verschwinden lassen.
   Petra schob sie sanft zur Seite. »Darf ich mal, ich finde den Weg ab hier allein!« Sie ließ Laura an der Tür stehen.
   »Peter! Ähm, Petra!«, meinte Veronika vergnügt. »Was führt dich zu mir nach Hause?«
   Laura, die Petra gefolgt war, stand mit offenem Munde da. »Hä?«
   Petra drehte sich zu Laura um, winkte damenhaft ab und grinste. »Peter ist Geschichte, es war ein langer Weg zu Petra. Jetzt muss sich nur noch unsere Veronika daran gewöhnen, dann ist alles gut!« Petra wandte sich wieder Veronika zu. »Schätzelein! Du hast da etwas, was du versehentlich mitgenommen hast«, meinte Petra zuckersüß.
   Veronikas leicht verlegener Blick zu Laura, während sie ihre Kollegin bat, sich zu setzen, war unbezahlbar. Laura fing an, es zu genießen, dass sich Veronika in Erklärungsnot befand, als Petra ihr mitteilte, dass sie es war, die diese Kontaktanzeige entworfen habe und dass diese eben auch ein Recht auf Abenteuer hätte.
   Laura grinste, und beinahe wäre ihr der lauteste Lacher herausgerutscht, den es auf der Welt gab. Das kam davon, wenn man etwas unerlaubt mitgehen ließ.
   Mann, Veronika, dachte Laura und verdrehte innerlich ihre Augen. Sie war zwar Single, aber das bedeutete nicht, dass man sie zwangsdaten musste. »Ich lasse euch dann Mal allein.« Sie schloss die Tür, auch wenn sie zu gern noch länger über den Fremden im Kofferraum gesprochen hätte.
   Veronika war nun beschäftigt.
   Ihr Blick fiel auf ihre Autoschlüssel, und sie beschloss, noch einmal an den Ort zu fahren, an dem sie den Kerl vor wenigen Stunden befreit hatte. Vielleicht war ein Spaziergang durch den Wald angesagt. Wer weiß, vielleicht traf sie auf Hinweise, Spuren oder sogar auf eine Person, die sie kannte? Dies würde ein Abenteuer geben, das Laura richtig interessant fand, denn nun galt es, herauszufinden, wer dieser Kerl war.

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