Leo ist schwul und stolz darauf. Eigentlich. Seine Freunde wissen es, seine Familie nicht. Die Erwartungen seines Vaters sind hoch, die Regeln gnadenlos. Leos bester Freund Roy ist ihm eine große Stütze, doch auch er kennt nicht den verborgenen Rebellen, der nichts weiter will, als endlich sein eigenes Leben zu führen. Als der attraktive Cole, ein Stern am Highschool-Himmel und meilenweit entfernt für Leo, sich für ihn zu interessieren beginnt, wird Leos Leben mit einem Schlang nicht nur höllisch kompliziert, die Freiheit kommt auch schneller als erhofft und ganz anders als gedacht. Doch dann bricht die Welt unter Leo weg, denn ausgerechnet die beiden Menschen, die er auf Gedeih und Verderb liebt, befördern ihn unbarmherzig an den Rand des Abgrunds. Kann Leo fliegen lernen, wenn es nichts mehr gibt, was ihn noch hält?

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Printausgabe: 13,99 €

ISBN: 978-9963-53-634-4

Seiten: 353

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Sophia Hale

Hinter dem Pseudonym Sophia Hale verbirgt sich eine deutsche Autorin und leidenschaftliche Büchernärrin. Sophia ist unter diversen Decknamen in zahlreichen Buchforen unterwegs, nutzt bisweilen aber tatsächlich auch ihren eigenen. Wenn sie nicht gerade liest oder rezensiert, erzählt sie gern selbst Geschichten. Wahrheitsgehalt durchaus variabel. Rückmeldungen aller Art zu ihrer Arbeit werden dankend entgegengenommen.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1

»Leo! Essen ist fertig. Kommst du?«
   »Ja, Mom!« Wirklich. Als ob ich in meinem Zimmer sitzen bleiben würde, um ihnen Anlass zu geben, sich über mich zu ärgern. Das würde ich nie tun. Obwohl ich möglicherweise Besseres zu tun habe als zu essen. Nachdenken, was ich übermorgen anziehe, zum Beispiel. Aber hey, die Auswahl in meinem Kleiderschrank besteht aus Hemden, Jeans und ein paar T-Shirts. Nur solche, die Dad gutheißen kann, versteht sich.
   Da zu spät zum Esstisch kommen überhaupt nicht geht, mache ich mich auf den Weg nach unten. Mom hasst es, wenn wir zu spät kommen oder mit dreckigen Schuhen durch das Haus laufen, was ich genau aus diesem Grund noch nie getan habe.
   Als ich die Küche betrete, riecht es köstlich. Ich linse in die Töpfe. Heute gibt es Langkornreis – natürlich Bio –, dazu eine Art Fleischpfanne mit Pilzen und Erbsen. Lecker. Ich würde mich gern hinsetzen und ihr eine Weile zuschauen, wie sie herumhantiert, aber das ist gegen die Regeln meiner guten Erziehung.« Kann ich dir noch was helfen?«
   Mom rührt emsig in der Pfanne mit dem Fleisch. »Ja, stell bitte Getränke raus.«
   Ally kommt heute zum Mittagessen. Eigentlich müsste es jede Minute klingeln. Ich glaube, sie bringt Josh mit, ihren Freund. Davon überzeugt mich ein kurzer Blick auf den Tisch. Fünf Teller. Cool. Ich mag den Freund meiner großen Schwester eigentlich genau so sehr wie ich sie mag. »Was willst du trinken, Mom?«
   Sie sieht nicht auf, sondern legt den Rührlöffel beiseite und stellt Schüsseln raus. »Traubensaft. Der ist im Keller. Josh trinkt den auch gern.«
   »Soll ich sonst noch was mitbringen?«
   »Nein, nur das, was du trinken willst.«
   »Okay.« Ich gehe hinaus, obwohl mir nach flitzen zumute ist. Dad mag es nicht, wenn ich durchs Haus renne. Ich schließe die Tür hinter mir, damit es im Hausflur nicht nach Essen riecht. Das mag Dad nämlich auch nicht.
   Die Sachen im Keller sind schnell gefunden. Unser Haus ist ordentlicher als das aller Leute, die ich kenne.
   Gerade, als ich an der Haustür vorbeikomme, klingelt es. »Ich gehe schon«, rufe ich, stelle die Getränke neben mich und greife zum Schlüssel. Dad hält es für ein Vergehen mittlerer Ordnung, wenn nicht abgeschlossen wird. Er meint, das sei Leichtsinn bei der hohen Kriminalitätsrate in den Staaten. Im Guckloch sehe ich Josh und Ally. Ich schließe auf. »Hey!«
   Es ist toll, sie zu sehen. Meiner Meinung nach kommen die beiden viel zu selten, aber meine Schwester studiert immerhin an einer Eliteuni. Sie darf ihr Stipendium nicht durch schwache Leistungen gefährden, die unter Umständen daraus resultieren könnten, dass sie öfter hier ist.
   Josh grinst wie ein Honigkuchenpferd, Ally ist nicht besser. Das muss Liebe sein! »Hey, Kleiner!« Er schlägt gegen meine Schulter. »Wie läuft’s?«
   »Klasse, jetzt, wo ihr hier seid.«
   »Leo! Die Getränke!« Mom wird langsam ärgerlich.
   »Ich komme,« rufe ich zurück. »Okay, ihr wisst ja, wo die Garderobe ist. Ich muss Mom noch kurz helfen.«
   »Bis gleich, Kleiner.«
   Hallo? Ich habe im Übrigen auch einen Namen. Leo, wenn du es genauer wissen willst. Aber lass dich durch mich nicht beeinflussen, ich bin ja nur der Bruder deiner Freundin. Also wirklich, es nervt mich auch nicht, wenn du mich immer Kleiner nennst. Kein Stück. Wirklich, total in Ordnung.
   »Leo!«
   »Ja, Sekunde!« Ich schnappe mir die Getränke.
   Die Gläser stehen schon auf dem Tisch, ich brauche nur noch einzuschenken.
   »Was hat denn da so lange gedauert?«
   Okay, jetzt ist sie wirklich sauer. Ihr Essen ist ihr heilig. Und alles, was dazugehört. Dafür schmeckt es allerdings auch klasse. »Ich habe mich noch mit Ally und Josh unterhalten.«
   Sie weiß, wie sehr ich meine Schwester mag. Sie ist fünf Jahre älter als ich und wird ihr College-Studium bald abschließen, während ich noch auf der Highschool hocke.
   Moms Gesichtsausdruck wird weicher. »Ich freue mich auch, dass sie hier sind. Das ist allerdings kein Grund, deine Pflichten zu vernachlässigen«, fügt sie mahnend hinzu.
   Ich nicke nur. Ich vernachlässige meine Pflichten eigentlich nie, im Gegensatz zu meinen Freunden, die es immer irgendwie schaffen, um das Müllraustragen herumzukommen. Ich mache so etwas nicht. Es ist schließlich nicht fair, wenn meine Eltern alles allein machen müssen. Hauptsächlich Mom. Dad arbeitet die meiste Zeit. Ich würde ihr gern noch mehr helfen, aber so viel will sie mich dann auch nicht machen lassen.
   Als Ally und Josh hereinkommen, sind ihre Wangen gerötet. Von der Kälte oder etwas anderem.
   »Leo, holst du bitte deinen Vater?« Vollendet höflich wie immer.
   Ich nicke.
   Dads Arbeitszimmer ist oben. Ich klopfe an, bevor ich eintrete. Das ist eine unumstößlichste Regel: Wenn du in Dads Arbeitszimmer willst, aus welchem Grund auch immer, klopfst du vorher an und trittst nur ein, wenn er dich dazu auffordert.
   Was ich gerade vergessen habe. Scheiße. Ein Schauder fährt mir über den Rücken. Meine gute Laune schlägt ins Gegenteil um. Mein Hals ist plötzlich trocken.
   Er hat es gemerkt, das sehe ich ihm an. Er guckt immer noch auf den Bildschirm, sieht mich nicht an. Seine Mundwinkel sind missbilligend nach unten verzogen.
   Scheiße. Ich schließe die Augen und muss mich an der Tür festhalten, um nicht zu schwanken. Mein Fehler wird Folgen haben.
   »Du hast vergessen, auf meine Aufforderung zu warten, Leonard.« Er blickt auf und wirkt unendlich enttäuscht.
   Wie so oft. Ich muss wieder schlucken. »Es tut mir leid, Dad.« Ich sage es leise, zaghaft, weil ich Angst vor dem habe, was jetzt kommt.
   »Du wirst ohne Abendessen ins Bett gehen. Und du wirst den Rest des Tages auf deinem Zimmer verbringen. Warte dort, bis ich komme. Nach dem Mittagessen. Deine Mutter hat sich solche Mühe gegeben. Ich vermute, es ist fertig?«
   Tränen steigen in mir hoch. Ich blinzele heftig. Er wird nicht zulassen, dass Josh und Ally in mein Zimmer kommen. Offensichtlich war dieses kurze Gespräch an der Tür und das gemeinsame Mittagessen alles, was ich heute von ihnen haben werde. Ich war so dumm! »Ja, Vater.«
   »Dann lass uns hinuntergehen.« Er schiebt seinen Schreibtischstuhl zurück und steht auf.
   Ich trete beiseite, um ihn vorbeizulassen. Dad geht immer vorn, das muss so sein. Es zeigt sein Recht, als Familienoberhaupt ein Vorbild zu sein. Hinter ihm gehe ich die Treppe hinunter. Ich fühle mich wie ein Verurteilter auf dem Weg zur Hinrichtung.
   »Leo, ist alles in Ordnung?«, fragt meine Mutter, sobald ich Platz genommen habe.
   Mein Vater sieht mich nicht an, aber ich weiß, dass auch er auf eine Antwort wartet.
   »Ja, es geht mir gut.« Du darfst nicht lügen, eine weitere Regel in unserem Haus. »Ich habe vergessen, abzuwarten, bis Dad mich hereinbittet.« Beschämt sehe ich auf meinen Teller und widme mich den Erbsen. Ich wünschte, ich könnte im Boden verschwinden und nie wieder rauskommen. Nur, damit ich nie wieder hierher zurückmuss. Damit die Situation einfach nie entsteht.
   Es ist still im Raum, bis auf die klassische Musik aus dem Radio. Meine Eltern mögen Klassiker, also muss ich sie auch mögen.
   »Das ist doch nicht so schlimm, oder?«, bricht Josh das Schweigen. »Passiert eben.« Er blickt fragend in die Runde.
   Ally nimmt mich in Schutz. »Na, komm schon, Dad, ist doch kein Weltuntergang.«
   Doch, genau das ist es.
   »Er wird es nie wieder tun, nicht wahr, Leo?« Ally sieht mich um Zustimmung heischend an.
   »Ja.« Meine Stimme klingt, wie ich mich fühle: scheiße.
   Meine Eltern ignorieren es. Vielleicht höre das auch nur ich, weil ich mich um einen Tag mit Ally und Josh gebracht habe. Weil ich im Allgemeinen ein ziemlicher Versager bin, obwohl ich gute Noten schreibe.
   Meine Eltern haben noch immer nichts gesagt.
   »Nun ja.« Weder Zustimmung noch Ablehnung des Gesagten vonseiten meines Vaters. Nur ein lapidarer, nichtssagender Kommentar. Was bei ihm bedeutet, dass er das Ganze ignoriert und an seiner Meinung festhält. »Also lasst uns essen. Ich bin mir sicher, es schmeckt so wundervoll wie immer.« Er schenkt Mom ein Lächeln.
   Sie lächelt zurück. Ich atme verstohlen auf. Die unmittelbare Gefahr ist gebannt. Tatsächlich schwebt sie noch immer über mir, aber ich bin im Moment nur froh, dass Normalität zurückgekehrt ist.
   Ally und Josh blicken besorgt über den Tisch hinweg in meine Richtung.
   Ich hebe mein Glas und proste ihnen zu. »Guten Appetit!« Hoffentlich verstehen sie den Wink mit dem Zaunpfahl.
   Allyssa versteht ihn und beginnt zu essen. Josh tut es ihr gleich. Danke, Gott.
   Ich wende mich dem Essen zu, aber der Hunger ist mir vergangen. Das Essen ist köstlich, was ich Mom auch sage, aber ich muss es regelrecht hinunterwürgen. Ich hoffe, das sieht man mir nicht an, denn dann bekomme ich noch mehr Ärger.
   Ally und Josh beobachten mich mit Adleraugen vom anderen Ende des Tischs, während Mom und Dad mich ignorieren, obwohl sie wissen, dass ich da bin.
   Ich habe mich so auf dieses Essen gefreut, jetzt hoffe ich nur noch, dass es endlich vorbei ist.
   Ich stopfe mehr Essen in mich rein, schließlich werde ich heute kein Abendessen bekommen. Mit knurrendem Magen schläft es sich so schlecht.
   Die Prozedur zieht sich endlos lang, und mir wird beinahe schlecht. Das ist mir schon ein paar Mal nach einer solchen Drohung passiert. Ich musste mich übergeben und habe mich danach nur noch schlechter gefühlt.
   Als ich aufgegessen habe, setze ich mich gerade hin, lege mein Besteck ordentlich hin und trinke aus. Ich warte, bis alle anderen ebenfalls fertig sind. Bei uns wird während des Essens nicht geredet, das lenkt nur vom Geschmack ab, meint Mom. Ich finde es bedrückend, gerade jetzt. Manche Dinge sind wesentlich einfacher, wenn man darüber redet.
   Auch die anderen legen nach und nach ihr Besteck ordentlich hin – sogar Josh, der war schon oft genug bei uns. Andere Familien machen das nicht so. Ich war ein paar Mal bei Freunden zu Besuch, habe dort gegessen. Die Mütter haben sich immer gefreut, wenn ich Hilfe angeboten habe – und meistens dankend abgelehnt. Und dann ihren Söhnen vorgehalten, sich an mir ein Beispiel zu nehmen. Es war mir einfach nur peinlich. Jetzt dagegen schnürt mir die Angst den Magen zu, und ich kann nur denken, dass ich nie einen meiner Freunde mit hierher zum Essen nehmen will. Sie würden reden, einfach aufstehen, nicht mithelfen. Und dafür die missgünstigen Blicke meiner Eltern ernten, die mir, sobald der Besuch aus dem Haus wäre, vorhalten würden, welch unpassenden Umgang ich pflege. Dabei haben sie selbst kaum Freunde, und wenn doch, dann solche, die das auch nicht so machen wie bei uns zu Hause.
   »Leo, du kannst deinen Teller abräumen. Du willst sicherlich auf dein Zimmer gehen.« Dad.
   Das mag wie eine Bitte klingen, das Letzte zumindest, aber es war ein Befehl. Alle sind fertig, also habe ich hier nichts länger zu suchen. Mein Hausarrest läuft ab jetzt und versaut damit den Rest des Tages. Irgendwie bin ich seltsam erleichtert, mich zurückziehen zu dürfen. Dann muss ich ihnen allen nicht mehr weiter unter die Augen treten, obwohl es mir, wegen Josh und Ally leidtut. »Ja, das mache ich.« Standardantwort: erfüllt.
   Josh sieht mir zu, wie ich mein Geschirr und das Besteck abräume und fein säuberlich in den Geschirrspüler räume.
   »Sag mal, kommst du wieder runter?« Er will also wissen, ob er mich heute noch mal sehen wird? Vielleicht aus dem Fenster, winkend, wenn sie fahren.
   »Nein, ich glaube nicht.« Nein, ich darf nicht. Könnte ich auch sagen. Sollte ich vermutlich, damit sie wissen, wie es in Wirklichkeit aussieht. Aber das würde gegen ein weiteres ungeschriebenes Gesetz verstoßen: das der Verheimlichung. Sie dürfen nicht wissen, was hier läuft. Dad hält seine Maßnahmen für angemessen, um seinen Stammhalter nach genauen Maßstäben zu erziehen, aber ich komme mir vor wie ein misslungenes Experiment. Mit Ally dahingegen sind sie zufrieden. Vielleicht, weil sie ein Mädchen ist. Dad hat mir mal erklärt, dass Mädchen nicht so wichtig sind und in gewisser Hinsicht nicht zählen. Deswegen ist sie von ihm verschont geblieben. Mich erzieht er schon, seit ich denken kann.
   »Na, dann mach’s gut, Kumpel. Schade, dass du nicht länger bei uns bleibst.«
   Bleiben kannst. »Ja, mir tut es auch leid.« Ich würde so gern mehr Zeit mit ihnen verbringen. Zeit, die ich womöglich nicht unter der Fuchtel meines Vaters stünde. »Ich muss noch was für die Schule machen.« Das muss ich, weil Dad es nicht akzeptiert, wenn ich schlechte Noten heimbringe. Schlecht beginnt in diesem Fall bei allem unter Perfekt.
   Ally steht auf und kommt zu mir. »Viel Erfolg beim Lernen, kleiner Bruder.« Sie gibt mir einen Kuss auf die Stirn. »Ich habe dich lieb.«
   Ich umarme sie und halte sie einen Moment lang so fest ich nur kann. Ich will nicht hier weg. Ich will immer hierbleiben, in ihrer Umarmung, wo die Welt nicht an mich herankommt. Bei Ally geht das. Bei Mom nur manchmal. Ich löse mich von ihr. »Ich wünsche dir auch viel Glück für dein College. Ich hoffe, alles läuft immer so, wie du es dir wünschst.« Bei mir tut es das nämlich nicht, und es ist scheiße. Ich will, dass wenigstens einer von uns beiden glücklich bis zum Umfallen ist. Bei ihr stehen die Chancen besser, sie hat Josh. »Komm bald wieder vorbei, ja?«
   Sie lächelt. »Das werde ich.«
   Ich wende mich Josh zu, der inzwischen ebenfalls steht, und umarme auch ihn. »Pass auf sie auf. Bitte.«
   Er grinst mich breit an. Seine Augen lächeln, genau wie sein Mund. »Immer doch. Das nächste Mal hast du dann gefälligst Zeit, ist das klar?« Er zwinkert mir zu.
   Meine Mundwinkel heben sich. »Auf jeden Fall.« Ich kann zwar nichts versprechen, aber ich kann hoffen. Mit aller Kraft.
   Ich löse mich und gehe zur Tür. Meine Beine scheinen aus Beton zu sein und unbedingt hierbleiben zu wollen. Auf jeden Fall, egal, was kommt. »Macht’s gut!«
   »Du auch! Tschüss!«
   Ich will das hier festhalten. Der Moment ist viel zu schnell vorbei, genauso, wie sich der vorher ewig gezogen hat. Wieso ist die Zeit nie da, wenn man sie braucht? Wieso kann sie im einen Moment rasen und im anderen tropfen wie zähflüssiger Honig? Ich ziehe die Tür hinter mir zu. Jetzt erst fällt mir auf, dass ich so schnell atme, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen.
   Ich lehne mich einen Moment lang gegen die Tür. Die Treppe hochzusteigen bricht mir fast das Herz.

»Sag mal, kann es sein, dass dein Bruder Angst vor deinem Vater hat?« Draußen blickt Josh Ally fragend an.
   Sie will vermutlich schon vehement den Kopf schütteln, überlegt dann aber. Zumindest lege ich es so aus, weil ich ihr Zögern sehe. Sie müssen vergessen haben, dass sie unter meinem Zimmerfenster stehen, weil sie so lange nicht hier gewesen sind. Vorhin erst hatte ich es angelehnt. Jedes Wort klingt klar und deutlich zu mir empor. Ich blicke mich um. Meine Eltern sind nicht hier, und auch keiner der Nachbarn kann das Gespräch mit anhören. Angst nagt an mir. Wenn die beiden herausfänden, was Sache ist und Dad damit konfrontieren sollten, wäre es meine Schuld. Es würde auf mich zurückfallen, weil ich es nicht gut genug verborgen hätte, und Dad würde mich dafür bestrafen. Ich will nicht daran denken, was er sich in einem solchen Fall ausdenken würde, also wende ich meine Aufmerksamkeit wieder meiner Schwester und ihrem Freund zu.
   »Ich glaube eigentlich nicht. Dad ist zwar ziemlich streng, aber er tut einem ja nichts.«
   Ach, ist das so? Das sehe ich nicht ganz so. Sie jetzt zu korrigieren, wäre allerdings fatal. Damit hätte ich das Gegenteil von dem erreicht, was ich eigentlich will: hier raus. Es ist nicht mehr lang bis zu meinem achtzehnten Geburtstag, und an diesem Tag werde ich ausziehen. Niemand wird etwas dagegen einwenden können. Und sobald ich meinen Schulabschluss habe, werde ich irgendwo arbeiten oder studieren. Irgendwo, wo mich mein Vater nicht erreichen kann. Vielleicht gelingt es mir ja so, Medizin zu studieren statt ein Jurastudium anzufangen, wie mein Vater es will. Das ist mein großes Ziel, und darauf arbeite ich hin. Aber es wird wohl noch eine Weile dauern. Etwas mehr als ein halbes Jahr noch. Bis dahin will ich mich unauffällig verhalten … und im Moment will ich vor allem hören, was Ally und Josh zu sagen haben.
   »Leo sah aus, als wäre er am liebsten im Erdboden verschwunden. Und wie er dich zum Abschied umarmt hat – das kam mir wie ein Hilfeschrei vor.«
   Scheiße, hat man das wirklich so erkennen können? Ich muss an mir arbeiten, was die Schauspielerei anbelangt. Dabei bin ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich ein Hilfeschrei war. Ich habe nur nicht gewollt, dass Ally geht und mich wieder mit meinen Eltern allein lässt. Ich weiß nicht, ob Mom weiß, was hier läuft. Sie wäscht immerhin meine Wäsche, also muss sie zumindest eine Ahnung haben. Falls sie es weiß, dann verstehe ich nicht, wie sie zulassen kann, dass Dad mich so behandelt. Aber vielleicht ignoriert sie das Geschehen vor ihrer Nase einfach, um sich nicht damit beschäftigen zu müssen.
   »Nein, ich glaube nicht. Er hat mich einfach lange nicht gesehen«, sagt Ally. »Mein kleiner Bruder hängt an mir. Außerdem ist er wahnsinnig schüchtern. Gerade, wenn du da bist. Du bist sein großes Vorbild.«
   Joshs Antwort besteht in einem Brummen. Kurz darauf zieht er sie an sich und küsst sie. Ich wende mich ab, um den beiden ihre Privatsphäre zu lassen.
   Schüchtern bin ich also. Ich bevorzuge zurückhaltend, aber schüchtern passt vermutlich auch. Ist nur nicht mein Lieblingswort. Schüchtern impliziert Schwäche. Und Josh ist schon irgendwie mein Vorbild, weil er der große Bruder ist, den ich nicht habe. Ich will nicht infrage stellen, was Ally sagt, aber Josh hat recht. Ich habe Angst vor meinem Vater. Ich freue mich, wenn er auf Dienstreise ist. Ich bin gern in der Schule, weil er mich da nicht überwachen kann, und habe viele Extrakurse belegt, um nicht so früh nach Hause zu müssen. Ich liebe dieses Haus, aber ich darf nie laut sein oder mich zu schnell bewegen, weil sonst etwas zerbrechen könnte. Musik hören? Vergiss es.
   Mein Vater hat sich zum Ziel genommen, mich nach seinen Vorstellungen zu formen, egal, was ich dazu sage. Oder sagen würde, wenn er mich ließe. Seine Meinung gilt genauso wie seine Regeln. Es tut mir wirklich leid, aber ich weiß nicht, wie ich ihn lieben kann, wenn er mir verbietet, eine eigene Persönlichkeit zu haben. Mich zu entwickeln. Ich kann meine Mutter lieben, weil sie diese Liebe erwidert, aber von meinem Vater geht nur Kälte aus. Er erklärt mir jedes Mal, dass Gefühle schwach machen, aber das ist widersinnig. Es gäbe keine Kinder auf dieser Welt, wenn da nicht genug Menschen wären, um sie zu zeugen. Und – so leid es mir tut, Dad – heute basiert die Vorstellung einer Familie eben auf Liebe. Es ist seltsam, aber irgendwie bin ich durch meinen Vater geformt worden, nur nicht so, wie er es gern hätte: Ich bin ein denkender, aufrechter junger Mann, reifer als manche meiner Altersgenossen. Die Steine, die er mir in den Weg gelegt hat, habe ich bisher gemeistert. Woran ich jetzt noch arbeiten muss, ist, nicht jedes Mal auf Schlumpfgröße zu schrumpfen, wenn er auch nur ein Wort an mich richtet. Manchen Tags ist er ein liebender Vater wie jeder andere, aber ich lebe trotzdem in der ständigen Angst, er könnte seine Meinung ändern.
   Josh und Ally sitzen im Auto, ich höre, wie der Motor angeht. Ich trete wieder ans Fenster, um ihnen zu winken. Ally winkt zurück, Josh fährt. Sein Gesicht ist konzentriert. Ich frage mich, was er gerade denkt.
   Das Knarren meiner Zimmertür reißt mich aus meinen Gedanken. Bevor ich Ally und Josh zugehört habe, habe ich tatsächlich Schulzeug gemacht. Mein Mathezeug liegt noch aufgeschlagen auf dem Schreibtisch. Dad schätzt es nicht, wenn jemand untätig ist. Mein ganzes Leben ist auf diesen Mann ausgerichtet.
   Er steht in der Tür und beobachtet mich. »Schließ das Fenster.«
   Ich gehorche, während er eintritt. Er setzt sich auf meinen Schreibtischstuhl, ich nehme auf dem Bett Platz. Ich weiß, was jetzt kommt.
   »Du hast mich enttäuscht, Leo.«
   Und da ist es auch schon. Das ist wohl mein letzter aufmüpfiger Gedanke. Angst sitzt mir im Nacken und beißt sich fest. Sie vergiftet mich, raubt mir meinen Willen und liefert mich diesem Mann, der mein Vater ist, schutzlos aus. »Es tut mir leid, Dad.«
   Er sieht mich aus grauen Augen ernst an und schüttelt den Kopf. »Das weiß ich, Leo. Aber das allein reicht nicht. Du bist ein kluger Junge, doch es bringt dich nicht weiter, Regeln zu brechen.« Er hält jedes Mal eine Ansprache, bevor er zur Sache kommt.
   Das macht mir immer noch mehr Angst, dass er so ruhig ist, so sachlich. Für ihn ist das, was er tut, vollkommen logisch.
   Meine Hände fangen an zu zittern. Ich schiebe sie unter meine Oberschenkel, damit er es nicht sieht. Schwäche zu zeigen kommt in einem solchen Moment überhaupt nicht gut an. »Dad, ich …« Plötzlich stehen Tränen in meinen Augen. Ich weiß nicht, wo die so schnell hergekommen sind.
   Er unterbricht mich. »Sag nichts mehr, mein Sohn. Ich weiß, dass du deinen Fehler bereust. Aber du musst trotzdem dafür bestraft werden. Du musst dir merken, so etwas nie wieder zu tun.« Er glaubt wirklich, was er da sagt.
   Ich will das hier nicht. Ich will nicht hier sein.
   »Zieh dein T-Shirt aus.«
   Ich gehorche. Wie ich es immer tue. Er zieht seinen Gürtel aus der Hose, bereitet sich ebenfalls vor. Dann geht er zur Tür und schließt ab. Das Fenster wird ebenfalls zugezogen. Das hier ist nichts für Zuschauer.
   Wenn er seinen Gürtel nimmt, ist es immer besonders schlimm. Was ich getan habe, meine ich.
   »Knie dich hin. Und Leo, ich erwarte von dir, dass du den Schmerz erträgst wie ein Mann. Dein Vergehen muss gesühnt werden. Also kein Laut.«
   Um Mom nicht darauf aufmerksam zu machen. Um ihretwegen werde ich still sein. Meine Knie berühren den Boden. Ich greife nach dem Bettgestell, um mich festzuhalten. Ich brauche diesen Halt.
   »Bist du so weit?«
   Seltsam, das fragt er jedes Mal. Als ob ich jemals bereit sein könnte. »Ja.« Es ist mehr ein Krächzen als eine Antwort, aber er kennt das bereits.
   Ein Zischen zerschneidet die Stille, bevor der Gürtel auf meinen Rücken klatscht. Ich presse die Zähne zusammen, beiße mir auf die Lippen, um keinen Laut von mir zu geben. Mein Körper zuckt trotzdem, das kann ich einfach nicht verhindern. Ich will es auch nicht. Er soll sehen, dass er mir wehtut. Vielleicht kommt er dann irgendwann … ah, das war das zweite Mal … darauf, dass … O Gott, noch mehr? … das hier niemandem … und Nummer vier … etwas bringt. Ich zähle bis sechs, dann fangen meine Lippen an zu bluten. Aber er hört immer noch nicht auf, nicht einmal, als ich bei zwölf bin. Der Gürtel klatscht auf meinen Rücken, als ich bereits spüre, wie warmes Blut hinunterläuft. Wenn das Zeug auf den Teppich tropft, wird Mom es merken. Scheiße, mein Rücken steht in Flammen, und jemand zieht mir die Haut ab. Es tut jedes Mal so verdammt weh.
   Erst bei fünfzehn scheint er zufrieden zu sein. Er hilft mir hoch, stützt mich, als ich mich bäuchlings auf mein Bett lege. Dann geht er aus dem Zimmer und schließt von außen ab.
   Ich werde mich heute nicht mehr hier wegbewegen. Meine Glieder sind aus Blei, und mein Kopf ist blutleer. Irgendwie wird es um mich herum immer dunkler. Dad kommt zurück, in der Hand einen kalten, nassen Waschlappen. Er wischt mir über den Rücken, um zu verhindern, dass die Bettwäsche dreckig wird. Als er über die offenen Stellen streicht, obwohl er versucht, sanft zu sein, werde ich ohnmächtig.

2

Es beginnt bereits zu verheilen. Mom sagt, ich habe gutes Heilfleisch. In einem anderen Zusammenhang, versteht sich. Das Dumme ist nur, dass ich heute Sport habe, und es ist immer noch verdammt schmerzhaft, mich zu bewegen.
   Immerhin ist die Schule ein guter Grund, um von zu Hause wegzukommen. Und ich mich nach Cole Mackintosh umschauen. Ich kann ihn anhimmeln, wann immer ich ihn sehe. Was nicht besonders oft ist. Cole gehört zum Footballteam. Also ist er per se eine der bekanntesten Personen der Schule. Eine der bekanntesten schwulen Personen der Schule, das macht mindestens ein Drittel seiner Bekanntheit aus. Er hat braune Haare, ins Dunkle gehend, ist wunderbar muskulös und so groß, wie es ein echter Footballspieler sein muss. Football ist sein Leben, und er ist gut genug darin, um später ein Footballstipendium zu bekommen.
   Ich bin total verknallt. Und er hat mich noch nicht einmal wahrgenommen. Dabei sind wir sogar in derselben Klassenstufe.
   Das ist etwas, was ich meinen Eltern auch irgendwie sagen muss: Ich bin schwul. Meine Freunde wissen das. Meine Familie nicht. Ich meine, wenn Vater mich dafür verprügelt, dass ich nicht auf ein »Herein!« gewartet habe, wie wird er reagieren, wenn er erfährt, dass ich schwul bin? Meine Eltern sind stockkonservativ, sogar für hiesige Verhältnisse – oder gerade dafür. Sie haben sich eine ganze Woche lang darüber aufgeregt, dass ein schwarzes Pärchen in unser Viertel gezogen ist. Dabei sind die beiden unheimlich nett, wenn man dem glaubt, was meine Freunde erzählen. Meine Eltern haben mir den Kontakt verboten. Es ist mir dermaßen peinlich, dass ich jedes Mal die Straßenseite wechseln muss, wenn sie irgendwo auftauchen. Sie denken bestimmt, ich könnte sie aus irgendeinem Grund nicht ausstehen. Und dieser Grund sei, dass sie afrikanische Vorfahren haben. Dabei stimmt das nicht, ich mag sie schon allein deswegen, weil meine Eltern sie nicht mögen, und meine Freunde sagen, dass sie nett sind. Aber ich kann nicht riskieren, den Zorn meines Vaters heraufzubeschwören.
   Während ich mich anziehe – Jeans, schwarzes T-Shirt, schwarzes Hemd, Turnschuhe – fällt mir auf, dass ich kein zweites schwarzes T-Shirt mehr habe, das ich im Sportunterricht anziehen kann. Das T-Shirt spannt um den Schulterbereich herum. Es tut weh, wenn es die Wunden berührt.
   Okay. Jetzt bloß keine Panik. Ich weiß, dass es zumindest noch ein wenig blutet und im Sport wahrscheinlich wieder aufplatzen wird. Wenn ich das schwarze T-Shirt einfach anbehalte und stattdessen ein dunkelblaues zum Wechseln für danach mitnehme, könnte es klappen. Das Hemd ist dunkel genug, um es zu verbergen, falls Blut durch das T-Shirt sickert. Zur Sicherheit werde ich einfach noch ein paar Mullbinden einpacken. Wenn ich es schaffe, kann ich die vor dem Sport umwickeln. Na ja, eigentlich am besten jetzt schon. Sonst muss ich einen meiner Freunde um Hilfe bitten. Womit ich bestätigen würde, was sie jetzt schon ahnen. Dass mein Vater mich schlägt.
   Ich hasse mein Leben. Ich hätte gern normale Probleme, so wie andere Leute auch. Ist vermutlich zu viel verlangt, nicht wahr, Gott?
   Andererseits haben andere Leute, so wie arme kleine Kinder in Afrika, wo gerade das Ebola-Virus wütet, viel schlimmere Probleme als ich. Ich sollte mich also glücklich schätzen.
   Leider bin ich egoistisch genug, dass mir das nicht gelingt, weswegen ich mich schon wieder schuldig fühle.
   Zum Frühstück gibt es Haferflockenmüsli mit Milch und zwei Stück Toast mit Marmelade. Wirklich ungesunde Dinge wie Cornflakes gibt es in unserem Haushalt nicht. Wenn ich naschen möchte, esse ich Nüsse und Rosinen. Dad sieht es zwar nicht gern, wenn ich das tue, aber er hat eingesehen, dass es manchmal einfach nötig ist. Wie, wenn man sich konzentrieren will. Beim Lernen zum Beispiel. Das hat er notgedrungen anerkannt.
   Ich plane morgens lieber mehr Zeit ein als zu wenig. Wenn ich eher fertig bin, kann ich früher aus dem Haus gehen und draußen auf den Schulbus warten. Die Bushaltestelle ist ein bedeutender sozialer Treffpunkt. Da einige meiner Freunde auch in unserem Viertel wohnen, treffe ich meistens einen oder mehrere von ihnen, spätestens nach ein paar Minuten des Wartens.
   So auch heute. Der erste, auf den ich treffe, ist Roy. Seine Eltern gehören dem Mittelstand an, genau wie meine. Roy ist nicht sonderlich gut in der Schule, deswegen meint mein Vater, er würde mich runterziehen, aber dem ist nicht so. Der Kerl ist ein langer, rothaariger, sommersprossiger Spaßvogel. Zumindest tut er gern so, als wäre er einer. Allerdings weiß jeder, der ihn besser kennt, dass mehr hinter der Fassade steckt. Roy durchschaut die Menschen. Wirklich, selbst wenn man es gern täte, etwas vor ihm zu verbergen, klappt es keine zehn Minuten lang.
   »Hey, Kumpel!« Er schlägt mir zur Begrüßung auf den Rücken.
   Ich habe mich entschieden, den Rucksack heute nur über einer Schulter hängend zu tragen, auf der Seite, die weniger wehtut. Roy trifft mich mitten ins Kreuz. Ich kann den Schmerzensschrei nur mit Mühe unterdrücken.
   Er packt meinen Arm, um mir Halt zu geben.
   »Hi.« Meine Stimme klingt heiser.
   »So schlimm?«, fragt er, plötzlich ernst geworden.
   Ich streife seine Hand ab. »Es geht schon. Aber ich wäre dir sehr dankbar, wenn du das nicht noch mal machst, ja?«
   »Ja, sorry, Kumpel.« Das erste, zaghafte Lächeln zeigt sich auf seinem Gesicht, wofür ich dankbar bin.
   Ich hasse nichts mehr, als wenn die Leute wissen, was passiert ist, und dann schrecklich befangen im Umgang mit mir sind. Aber hey, deswegen weiß es ja auch kaum einer. Nur meine engsten Freunde, von denen ich sowieso nicht viele habe, weil ich dank der Bestrebungen meines Vaters als Streber verschrien bin. »Und, wie war dein Wochenende?«
   »Oh, ich habe hauptsächlich vorm Rechner gehockt und gezockt.« Das ist eine seiner Lieblingsbeschäftigungen: Computerspiele. Er entwickelt sogar selbst welche, was eine echte Leistung ist, wie ich finde, aber ich sitze nicht oft genug vorm Rechner, um zu sagen, ob das nun schwer ist oder nicht.
   Laut Dad gehören Computer und Fernseher zum schlechten Einfluss. Ich jedenfalls bin froh, dass er mir meine Bücher nicht verboten hat. Ich lese viel und gern, wenn ich sonst nichts zu tun habe. Sämtliche Genres. Dad kann ich dann erzählen, ich habe an meiner Allgemeinbildung gearbeitet, was ja auch stimmt. Zwischendurch lese ich auch wissenschaftliche Bücher. Medizinische besonders. Ich würde gern Arzt werden, aber wir können uns das Studium kaum leisten, zumal es so lang ist. Dad will, dass ich Anwalt werde. Das interessiert mich zwar auch, aber Biologie ist wesentlich cooler. Interessanter. Und meiner unwesentlichen Meinung nach auch nützlicher. Ich würde so gern Menschen helfen.
   »Und wie war es bei dir so?«
   Der Boden ist auf einmal sehr interessant. Ich brauche eine Weile, bis ich ihn wieder ansehen kann. »Meine Schwester und ihr Freund waren da. Aber ich konnte leider nicht besonders lang ihre Gesellschaft genießen, weil ich zum Lernen auf mein Zimmer geschickt wurde.«
   Das ärgert mich auch immer noch am meisten: Dass ich mit Ally und Josh nichts machen konnte, außer stillschweigend zu essen. »Aber wenigstens war das Essen meiner Mutter an dem Tag echt klasse. Das war am Samstag.«
   Ich kann regelrecht sehen, wie die Zahnrädchen in seinem Kopf ineinandergreifen und sich zu drehen beginnen, als er überlegt, wann und wofür ich wohl die Schläge bekommen habe. Er will gerade etwas sagen, hat schon den Mund aufgemacht, als der Bus vorfährt und uns einlädt. Auf geht es zur Schule. Ich suche mir einen Platz am Fenster und stelle mich hin. Wenn ich mich im Bus hinsetze, käme mein Rücken unweigerlich mit der Lehne in Kontakt, und das will ich nicht riskieren.
   Roy bleibt aus Solidarität mit stehen. Vorn in den Bus steigen zwei weitere Freunde ein. Lee, ein kleiner Chinese und sein Zwillingsbruder Chen, ein genauso kleiner Chinese. Eigentlich sind die beiden keine Chinesen, aber ihre Eltern wurden in China geboren, deswegen sind sie eben die Chinesen, obwohl sie amerikanische Staatsbürger sind. Ich will ja nicht behaupten, dass unser Viertel besonders multikulturell ist, aber es ist auf jeden Fall multikulturell genug, um meine Eltern dazu zu bringen, sich darüber aufzuregen. Ach ja. Nicht, dass sie deswegen schlechte Eltern sind, sie sind nur irgendwie rückständig, und das, obwohl wir Fernsehen und Internet und auch Handys haben. Die Ideale, die sie verfolgen, sind leider veraltet.
   Die Zwillinge winken uns zu, Roy und ich winken zurück. Sie schaffen es nicht, sich einen Weg zu uns zu bahnen, da sie ganz vorn stehen, aber wir treffen uns ja spätestens, wenn wir aussteigen.
   Ich sehe nach draußen, um die Landschaft zu betrachten, die vorbeizieht. Eigentlich ist es keine richtige Landschaft, weil ich Landschaft immer mit Land wie in ländlich verbinde, aber es gibt nun mal kein eigenständiges Wort für die Landschaft innerhalb der Stadt. Vielleicht Stadtschaft. Kann man ja mal probieren.

ROY

Es tut mir weh, dass ich Leo auf den Rücken geklopft habe. Hätte ich es nicht wissen müssen? Ich hoffe nur, dass Leo nicht merkt, wie ich ihn von der Seite mustere. Er hat Schmerzen, das sagt mir allein die Art, wie er sich hält. In Gedanken verfluche ich seinen Vater. Ich verstehe nicht, wie er Leo das antun kann. Im Ernst, Leo ist fleißig – auch ohne einen solchen Antrieb – er hat gute Noten. Er sieht gut aus, auch wenn die Mädchen, die sich nach ihm umdrehen, keine Chance haben. Ich habe aber auch schon gesehen, wie sich die Jungs nach ihm umgedreht haben. Außerdem hat er Manieren. Eigentlich ist er der Traum jeder Schwiegermutter. Ich wette, dass seine Eltern, wenn es an der Zeit ist, nichts lieber tun würden, als ihn an ein nettes katholisches Mädchen zu verheiraten. Ich hoffe wirklich, dass er das nicht einfach mit sich machen lässt. Seine Eltern wissen nicht, was sie an Leo haben. Und auch, wenn ich weiß, dass es nicht anders geht, sehe ich, dass sich nichts ändern wird, solange er es zulässt. Ich habe keine Ahnung, wie er da rauskommen soll. Jedenfalls bin ich froh, dass er sich nicht unterkriegen lässt. In dem Sinne ist es auch nicht so übel, dass er für Cole Mackintosh schwärmt. Ich liebe es, wie seine Augen leuchten, wenn Cole in Sicht kommt. Ich hätte auch gern jemanden, der mich so ansieht … Glücklicherweise wird es wohl bei einer Schwärmerei bleiben. Cole ist im Footballteam und viel zu oberflächlich, um jemandem wie Leo auch nur einen zweiten Blick zu schenken. Das ist gut so. Ich mag Cole nicht. Leo verdient jemanden, mit dem er glücklich werden kann.

LEO

Die Schule ist nicht weit von unserem Viertel entfernt. Kaum sind wir aus dem Bus heraus, stoßen die Chinesen zu uns.
   Nach einer kurzen Begrüßung stupst Lee mich von der Seite an. »Hey, ist das nicht der Typ, auf den du stehst?«
   Es ist unmöglich, etwas vor deinen Freunden geheim zu halten, wenn du jemandem wie Cole Mackintosh jedes Mal hinterherstarrst, wenn du ihn siehst. Und schon habe ich eine neue Beschäftigung gefunden. Wenn Cole mich bemerkt und abgewiesen hätte, wäre ich vermutlich nicht immer noch verknallt in ihn, aber da er mich nie bemerkt, ist das hinfällig.
   »Alter, es ist schon ganz schön durchgeknallt, wie du auf ihn abfährst.«
   Meine Freunde ziehen mich weiter. Cole verschwindet im Schulgebäude.
   »Was soll’s. Er bemerkt mich sowieso nie.« Und ich kann nur hoffen, dass mein Vater das auch nie tut.
   Meine Freunde tauschen Blicke, ich verhalte mich, als würde ich es nicht merken. Jap, alles in bester Ordnung. Solange es einen Cole Mackintosh auf dieser Welt gibt, kann sie noch nicht ganz den Bach runtergegangen sein. »Was habt ihr jetzt so?«
   Die Chinesen tauschen weitere Blicke mit Roy, von denen sie glauben, dass ich sie nicht bemerke. Er nickt ihnen zu. Bestätigung für »Ja, er hat wieder mal was abgekriegt und will nicht drüber reden« innerhalb meines Freundeskreises. Zeichensprache ist schon echt klasse.
   »Bio«, sagt Chen.
   Sein Zwillingsbruder verdreht die Augen. »Nein, Geo, du Idiot!« Und schon fangen sie an zu streiten.
   Ich muss sagen, ich liebe diese Typen. Sie lassen einen ganz schnell vergessen, dass es eine ernsthafte Welt da draußen gibt. Und vor allem muss ich nie viel sagen, damit sie mich verstehen. Ich habe tolle Freunde. Sie sind wirklich einsame Spitze. Und dabei habe ich heute noch überhaupt nicht alle getroffen.
   »Also, ich dachte immer, ihr habt mit mir Physik«, sagt Roy und kratzt sich hinterm Ohr. Er gibt ein so urkomisches Bild ab, dass ich lachen muss.
   »Gut, also ich für meinen Teil habe Literaturgeschichte«, trage ich meinen Teil zur Unterhaltung bei.
   Roy und die Chinesen schütteln fast simultan die Köpfe. »Niemand außer dir belegt freiwillig ein Fach, das Literatur und Geschichte in einem Wort verbindet«, meint Chen. Er ist der Gesprächigere der Zwillinge.
   Sein Bruder und Roy nicken. »Du bist echt ein schräger Vogel, Leo«, setzt Roy noch einen drauf.
   Ich weiß zwar nicht, was genau daran so lustig sein soll, aber die Zwillinge halten sich die Bäuche vor Lachen, und Roy grinst von einem Ohr zum anderen. Wirklich sehr lustig. Ein schräger Vogel bin ich also, und das nur, weil ich Literaturgeschichte mag? Träumt weiter, ihr Spaßvögel! Das Einzige, wovor es mir heute wirklich graust, ist Sport. Aber das ist das einzige Fach, das ich mit Cole gemeinsam habe, also werde ich mich hüten, aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen nicht mitmachen zu können. Im Sport muss ich nichts sagen, keiner verlangt von mir eine geistige Leistung, also kann ich mein Gehirn abschalten und Cole mehr oder weniger unauffällig die ganze Zeit anstarren.
   Roy sieht mich fragend an, die Zwillinge ebenso.
   Mist. Da war ich wohl zum falschen Zeitpunkt geistig abwesend. »Ich habe nicht zugehört«, erkläre ich. »Was ist los?«
   Die Zwillinge lachen los.
   »Ich wollte nur wissen, wo du gerade in Gedanken warst, du Volltrottel«, sagt Roy und grinst. »Aber ich kenne diesen Blick. Den kriegst du nur, wenn du von deinem Footballtypen träumst!«, meint er triumphierend. Offensichtlich kann man mir wirklich alles vom Gesicht ablesen.
   Dann hatte Josh letztens recht – und es bedeutet, dass ich meine Gedanken zu Hause wesentlich mehr zusammennehmen muss. Oder meine Mimik, aber ich habe den Eindruck, dass Ersteres einfacher sein wird. »Ja, ich habe heute mit ihm Sport.«
   Roy wird blass. »Scheiße, du hast heute Sport? Und du willst auch noch hingehen? Bist du von allen guten Geistern verlassen?«
   Ich schüttele den Kopf. »Es darf nicht auffallen. Und ich fehle sonst nie irgendwo.« Ich bin eigentlich nie krank. Zumindest in der Schulzeit nicht. Ich bin eines jener seltenen Exemplare meiner Spezies, das immer nur in den Ferien oder im Urlaub krank werden. Aber ich liebe Urlaub trotzdem. Das ist die einzige Zeit, in der Dad mich nie schlägt, weil es zu sehr auffallen würde.
   Roy packt mich am Arm. »Was, wenn etwas passiert?«, verlangt er wütend zu wissen. »Was, wenn es dir danach nur noch schlechter geht, Leo? Und erzähl mir nicht, dass es dir gut geht, denn das tut es nicht! Willst du dir etwa noch mehr schaden, nur, um diesen dämlichen Typen zu sehen?«
   Ich mache mich los. Wut steigt in mir auf. »Verdammt, Roy, ich darf nicht auffallen«, zische ich, um nicht das Aufsehen zu erregen, das ich nicht gebrauchen kann. »Mein Vater bringt mich um, wenn das rauskommt!« Damit habe ich vermutlich recht, und er weiß es. Mein Vater ahndet schon einen geringfügigen Regelverstoß hart. Und etwas wie den Sportunterricht zu schwänzen wäre ein Regelverstoß astronomischen Ausmaßes. Zum Glück erklingt in diesem Moment das Vorklingeln. Ich drehe mich um und gehe. Natürlich nicht, ohne die Zwillinge noch einmal zum Abschied zu grüßen, aber ich bin immer noch zu wütend auf Roy, als dass ich ihm die gleiche Behandlung widerfahren lassen könnte. Hoffentlich kann ein bisschen Literaturgeschichte daran etwas ändern, denn davon bekomme ich meistens gute Laune.
   Ich schlüpfe ins Klassenzimmer und setze mich auf meinen Platz in der vorletzten Reihe. In der hintersten war leider kein Platz mehr frei, als ich Anfang des Schuljahres kam. Der Literaturgeschichtekurs ist zum Glück etwas für Streber. Wer hier kein Streber ist, ist ein Außenseiter. Von daher hat mich auch niemand auf dem Kieker. Ich verhalte mich so unauffällig wie möglich, und arbeite gelegentlich mit, weil der Lehrer das hier erwartet. Sonst bekommt man keine Eins, und ich brauche diese Eins. Wie in jedem anderen Fach auch. Das hier ist allerdings mein Lieblingsfach, ich brauche mich nicht sonderlich anzustrengen. Die Fakten merken sich sehr leicht, und die Texte fließen aus meiner Feder, als wären sie darin eingespeichert. Poesie kann so schön sein.
   Mein Rücken berührt die ganze Stunde lang nicht die Stuhllehne, doch auch der Literaturgeschichtekurs hat irgendwann ein Ende. Es klingelt immer schneller, als es sollte, wenn es nach mir geht. Und leider, leider, steht als Nächstes Sport auf dem Plan.
   In der Umkleide treffe ich natürlich als Erstes auf den nervigen Kevin Night, dessen Hirn so dunkel ist, wie sein Name impliziert. Er hat einmal meinen vernarbten Rücken gesehen, und seither lässt er mich nicht in Ruhe.
   »Was hast du da, Leo?«
   »Nichts, Kevin. Kümmere dich um deinen Scheiß.«
   »Hey, kein Grund, ausfallend zu werden, Kumpel. War nur ’ne Frage!«
   Ich ziehe mir das T-Shirt über den Kopf und drehe mich um. »Das ist meine Sache. Kein Grund, dich damit zu beschäftigen.«
   Kevins Augen blitzen auf, bevor er grinst. Es ist kein besonders freundliches Grinsen, was vermutlich daran liegt, dass Kevin kein freundlicher Mensch ist. »Jaja, schon kapiert. Lass uns Frieden schließen!« Er hält mir eine Hand hin, was ich ihm keine Sekunde lang abnehme. Mit Kevin schließt man keinen Frieden. Und er ist auch der Letzte, der so etwas ausgerechnet mir anbieten würde.
   Trotzdem schlage ich ein. Vielleicht habe ich dann eine Weile lang meine Ruhe. »Frieden.«
   Ich drehe ihm den Rücken zu. Obwohl ich seine Blicke spüre, kann er nicht sehen, was sich unter dem Stoff meines T-Shirts verbirgt. Erst recht kann er meinen Schmerz nicht erahnen.
   Aber Schmerzen sind nicht das Schlimmste. Noch unerträglicher ist, dass meine Freunde wissen, was los ist, wenn ich jedes Mal zusammenzucke, wenn mich jemand anfasst. Dass ich sie wieder anlügen muss. So wie Alexei, mit dem ich vorhin bei den Spinden versehentlich zusammengestoßen bin.
   Er hatte auf seine Hand hinabgesehen, mit der er meine Schulter berührt hatte. Sie war rot. Dann sah er wieder mich an, und etwas in seinen Augen hatte sich verändert. Erkenntnis blitzte darin. »Leo, du blutest.«
   Ja, da hast du recht. Und weißt du, seit wann? Seit vorgestern, weil mich mein Vater geschlagen hat. Das wäre die Wahrheit. Aber was ich sagte, war einfach nur: »Ja.«
   »Warum zum Teufel blutest du?«
   Weil die Striemen noch nicht verheilt sind. Deswegen habe ich ein schwarzes T-Shirt angezogen, mit einem schwarzen Hemd darüber. Ich habe viele schwarze T-Shirts. »Ich muss irgendwo gegengerannt sein.«
   »Nein!« Alexei war nicht dämlich. »Dann würdest du nicht so stark bluten. Nicht durch das Hemd hindurch.« Damit hatte er natürlich recht.
   »Ich weiß.«
   Es ist keine Option, meinen Freunden die Wahrheit zu sagen. Nicht für die wenigen Monate, bis ich volljährig bin. Nicht, wo ich schon so viel erreicht habe. Außerdem ist es nicht immer so schlimm wie vorgestern. Es macht mich total kaputt, im psychischen Sinn, aber manchmal verpasst er mir auch nur blaue Flecken.
   Okay, selten.
   Der gestrige Tag war ebenfalls kein Vergnügen. Jeder Schritt tat höllisch weh, und ich durfte es Mom nicht zeigen, die den ganzen Tag da war. Es war wie auf Eierschalen zu laufen. Ein Schritt, und alles zerbricht in tausend Teile. Dad fasst mich auch nicht sanfter an, nur, weil er mich am Tag zuvor geschlagen hat. Es tut ihm auch kein Stück leid.
   Deswegen will ich eigentlich nur vergessen, dass es einen gestrigen Tag gegeben hat.
   Mit Alexei bin ich nicht so gut befreundet, dass ich ihm gesagt hätte, was los ist, aber er hat es eines Tages von selbst herausgefunden, und das hat unserer Freundschaft nicht geschadet. Im Gegenteil, sie ist enger geworden seit diesem Vorfall. Alexei kommt lustigerweise nicht aus Russland, sondern aus der Ukraine. Er macht hier ein Auslandsjahr. Ich werde ihn vermissen, wenn er wieder geht, er ist ein wirklich guter Freund geworden. Leider bleibt nur ein Jahr, und mehr als die Hälfte seines Aufenthalts ist um.
   Anfangs konnte er nicht damit umgehen, dass ich schwul bin, er dachte immer, ich will was von ihm, aber nach einem klärenden Gespräch konnte ich ihn überzeugen, dass ich nichts von ihm will und trotzdem ein normaler Mensch bin. In der Beziehung ist er wahrscheinlich genauso verklemmt wie meine Eltern. Das ist schon irgendwie ein Witz.
   Ich vergewissere mich, dass Kevin und die letzten Nachzügler die Umkleide verlassen haben, bevor ich das Hemd ausziehe. Das schwarze T-Shirt behalte ich an. Die Jeans tausche ich mit einer kurzen schwarzen Sporthose. Meine Muskeln bewegen sich unter dem T-Shirt, als ich in die Sportschuhe schlüpfe, die verschorften Wunden schmerzen unter der Spannung. Vielleicht habe ich Glück und wir machen heute eine Sportart, bei der sie nicht aufplatzen.
   Ich gehe zur Sporthalle. Treffen ist immer erst einmal drinnen, dann entscheidet der Coach je nach Anzahl, ob wir rausgehen oder nicht. Im Jungenkurs sind nicht besonders oft viele Leute gleichzeitig krank, wir gehen also oft raus.
   Cole kommt als Letzter in die Sporthalle. »Tut mir leid, Coach! Ich musste noch zu Miss Bates!« Das ist seine Englischlehrerin. Die Zwillinge haben auch bei ihr, mit ihm gemeinsam. Das macht mich ein bisschen neidisch.
   Ich blicke mich um. Es sind tatsächlich alle da.
   Unser Coach nickt. »Jaja. Was auch immer. Jetzt bist du ja da.« Bemerkenswert. Jeden anderen hätte er zusammengestaucht, nicht aber Cole. »Also, Jungs, wir machen heute mal was ganz anderes. Wir spielen Handball!«
   Alexei sieht mich fragend an. »Was ist Handball?« Sein Akzent ist einfach der Hammer.
   Ich erkläre ihm, wie das Spiel funktioniert, während der Coach zwei Teamkapitäne bestimmt, die sich ihre Mannschaften wählen sollen. Einer davon ist Cole. Ich weiß nicht, was ihn dazu bewogen hat, mich zu wählen, aber er tut es. Ich bin immer noch ganz überrascht, als ich mich zu seiner Mannschaft stelle. Schließlich kennt er mich kaum. Es sei denn, er hätte bemerkt, wie ich ihn immer anstarre. Was ziemlich peinlich wäre. Aber jeder Grund, mit Cole Mackintosh ins Gespräch zu kommen, ist mir recht.
   Alexei wählt er auch. Er wechselt kein weiteres Wort mit mir. Es war eben doch nur Zufall. Verdammt.
   Aber allein meinen Namen von seiner Zunge zu hören, ist ein Erlebnis, das die noch vor mir liegenden Quälereien der Sportstunde wert ist.
   Kevin kommt in die gegnerische Mannschaft. Es gibt einen Gott, ich bin mir sicher!
   Kurze Zeit später haben die anderen den Ball. Ich renne zum Block, genauso wie der Rest meiner Mannschaft. Der Ball geht an Kevin über, die wie verrückt auf uns zurennt und jegliche Versuche seiner Mannschaft, mit ihm zu spielen, übergeht. Er hält auf mich zu. Ich glaube nicht, dass das Zufall ist. Alexei ist neben mir, als Kevin hochspringt und mit dem Ellenbogen meine Schulter trifft, und zwar nicht die, auf der ich den Ranzen getragen habe. Übelkeit überfällt mich hinterrücks und zwingt mich in die Knie. Nein, Moment, in die Knie zwingt mich Kevin, der unser Tor getroffen hat und auf meinen Rücken gefallen ist. Die plötzliche Bewegung lässt die Grinde der Länge nach aufreißen, und zwar alle.
   Schmerz. Ich spüre, wie die Wunden immer weiter aufplatzen.
   Scheiße. Aber so richtig.
   Kevin brüllt vor Triumph und liegt immer noch auf mir. Ich bin nicht in der Lage, ihm zu sagen, dass er von mir runtergehen soll, weil der Schmerz mir den Atem raubt. O Gott, ich hasse es. Ich hasse ihn, wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich jetzt Kevin oder meinen Vater meine.
   Alexei geht neben uns in die Hocke und zieht Kevin von mir hinunter. »Vollidiot.«
   Kevin verzieht nicht einmal das Gesicht.
   Mein ukrainischer Freund reicht mir die Hand. »Alles in Ordnung, Leo?«
   Ich schüttele den Kopf. Ich will ihn nicht heben, der Schmerz treibt mir die Tränen in die Augen. »Nein. Tut weh.«
   Wenigstens muss ich mir keine Sorgen machen, ich könnte nicht leise genug sein. Von meiner Stimme ist kaum etwas übrig. Der Coach brüllt Kevin an und verweist ihn für das Foul des Platzes. »Und geh dir die Hände waschen! Du hast da Blut!«, ist sein letzter Auftrag.
   Kevin sieht auf seine Hände und blickt dann zu mir herüber. Jetzt weiß er es. Seine Augen verengen sich, er ballt die Fäuste, als er vom Platz geht.
   Der Coach kommt zu uns herüber. Neben Alexei geht auch er in die Knie. »Alles in Ordnung, Junge?«
   Alexei antwortet ihm. »Nein. Er blutet.«
   Ich drehe den Kopf und funkle ihn böse an. Er zuckt mit den Schultern. »Du musst zum Arzt, Leo.«
   »Der Meinung bin ich auch. Komm mit, Junge.«
   Ich richte mich so langsam wie möglich auf.
   Der Coach seufzt. »Du stützt ihn!«, weist er Alexei an. »Ich fürchte, ich muss mir Kevin noch mal vorknöpfen.«
   Erleichterung flutet meine Adern. Er denkt, ich blute wegen Kevins Foul. Noch mal gut gegangen. Ich unterdrücke den Schmerz, wie immer. Kein Laut schlüpft über meine Lippen.
   Die anderen Jungen haben schon wieder das Interesse verloren, als Alexei unter meine bessere Schulter schlüpft und mich stützt. Verdammt, ich hasse mein Leben. Ich hasse es.
   »Kommt ihr klar oder soll ich euch begleiten?«
   »Danke, es geht schon«, würge ich hervor und bin überrascht, wie klar meine Stimme klingt. Meister der Täuschung, des Unterdrückens. »Wir gehen auf die Krankenstation und lassen eben nachsehen. Wird nur halb so wild sein.«
   »Alexei, sag Bescheid, wenn ihr fertig seid.« Der Coach sieht mich an. »Geh nach Hause, für heute bist du beurlaubt.«
   Das war knapp. Würde mein Vater erfahren, dass möglicherweise die ganze Schule von dem weiß, was er tut, würde er mich noch mehr schlagen. Und es hätte weitaus schlimmere Folgen als das letzte Mal. Und falls sie anriefen und meine Mutter ranging und erfuhr, was Dad trieb, würde er mich ebenfalls noch weiter schlagen, und die Folgen würden nicht anders sein. So oder so, vorerst bin ich gerettet. Vorerst. Bis sich das nächste Ereignis dieser Art anbahnt, aber daran will ich nicht denken.
   Schweigend gehen wir weiter bis zur Krankenstation. Die Schwester nimmt mich in Empfang, fragt, was mir fehlt.
   »Er blutet.« Wieder ist es Alexei, der antwortet, bevor ich es tun kann. »Wir brauchen nur einen neuen Verband. Geht das?«
   Ich kann nicht sagen, wie dankbar ich ihm bin.
   Die Krankenschwester zieht die Augenbrauen hoch, sagt aber nichts. Dann fordert sie mich auf, mein T-Shirt auszuziehen.
   »Kann ich kurz mit Ihnen vor der Tür sprechen?«, fragt Alexei.
   Sie nickt, und gemeinsam verlassen sie den Raum. Die Tür bleibt halb offen, sie entschwinden meinem Sichtfeld, nicht aber meiner Hörweite.
   »Meinem Freund ist es ein wenig peinlich«, beginnt Alexei. »Wissen Sie, er wurde gefoult und ist gestürzt, aber sein Problem ist nicht der Kratzer auf seinem Rücken.«
   »Sondern?«
   Alexei flüstert beinahe, und ich gehe näher zur Tür.
   »… ist schwul, und es ist ihm peinlich, vor Frauen … Sie wissen schon. Der Kratzer geht bis zu seinem Hintern. Uns würden ein Verband und ein großes Pflaster reichen. Ich würde das übernehmen.«
   »Ich muss mich vergewissern, dass …«
   »Okay, dann gehen wir wieder. Sie müssen das sonst auch in die Kartei aufnehmen, oder?«
   Sie seufzt. »Okay, aber nur, weil ich nicht will, dass dein Freund unverrichteter Dinge geht. Ich will den Verband anschließend sehen, ist das klar?«
   »Klar.« Ich höre Alexei grinsen.
   Mein T-Shirt lasse ich zu Boden gleiten. Ich löse die Verbände, die ich heute früh mit Ach und Krach angebracht habe. Die frische Luft ist wunderbar kühl an meiner verletzten Haut. Die untersten Lagen des Verbandmulls haben sich festgesaugt und kleben in meinen Wunden.
   Alexei kommt mit einem Armvoll Verbandsmaterial herein und überblickt die Situation. Er schließt die Tür und kommt herüber, lädt seine Last auf der Liege ab. »Achtung, ich muss das hier abreißen«, warnt er mich.
   Ich halte mich am Bettrand fest. Alexei muss mich stützen, als es vorbei ist.
   »Setz dich, Leo. Du musst nicht länger stehen. Du hast bewiesen, dass du es kannst.«
   »Ich wollte nichts beweisen«, sage ich, während ich mich hinsetze. Ich wollte nur überleben. Den verdammten Tag überstehen. Ist mir bis jetzt auch prima gelungen.
   Die Verbände sind ab, mein Rücken liegt frei. Als ich den Kopf drehe, um über die Schulter zu blicken, begegne ich Alexeis Blick. Er ist weiß wie eine Kalkwand, aber er sieht nicht weg. Irgendwie bin ich ihm dafür dankbar.
   »Kannst du nicht zur Polizei gehen? Zur Jugendfürsorge? Was gibt es in eurem Land?«
   »Ärger, den ich vermeiden kann, wenn ich noch ein halbes Jahr durchhalte.«
   »Wer er das?«
   Ich weiß, wen er meint. Aber ich werde seinen Verdacht nicht bestätigen. Also schweige ich.
   »Die Schwester hat gesagt, ich soll die Wunden hiermit reinigen. Dann verbinde ich sie neu.« Er schiebt einen Arm um meine Schulter und wedelt mit einer großen braunen Glasflasche vor meinen Augen.
   »Es muss so aussehen, als hätte ich es selbst gemacht.«
   Ich schaffe es kaum noch, meine Schreie zu unterdrücken, als Alexei vorsichtig zu tupfen beginnt. Mein Schmerzpensum ist übervoll für den heutigen Tag. Als er fertig ist, fordert er mich auf, mich hinzulegen. Ich bin in dem Moment eingeschlafen, in dem mein Kopf das Kissen des Krankenbettes berührt.

»Leo?«
   Verschlafen öffne ich ein Auge. »Mhm?«
   Alexei beugt sich über mich. »Ich muss jetzt gehen. Die nächste Stunde fängt gleich an.«
   Ich bin noch nicht richtig wach, also nicke ich nur und mache das Auge wieder zu.
   »Leo!«
   Ein bisschen verärgert öffne ich es wieder. »Was?«
   »Mach dir keine Sorgen. Von mir erfährt niemand etwas.«
   Es ist irgendwie wichtig, was er sagt, also öffne ich auch das zweite Auge. »Meine Freunde wissen es. Du bist mein Freund.«
   Er nickt ernst. »Das bin ich. Wenn du Hilfe brauchst, scheu dich nicht, zu mir zu kommen.«
   »Danke.«
   »Ich sage der Krankenschwester, dass sie dich wecken soll, wenn der Unterricht vorbei ist. Du verpasst schon nichts Wichtiges.«
   Und wenn schon. »Okay. Danke.«

»Leonard, du musst aufstehen. Die letzte Unterrichtsstunde ist gleich vorbei.« Eine weibliche Stimme dicht neben meinem Ohr. Wie lustig. »Leonard!«
   Verdammt, so nennen mich nur meine Eltern und meine Lehrer. Und meine Eltern nur, wenn sie wütend auf mich sind. Habe ich ihnen einen Grund gegeben?
   Ich öffne die Augen.
   Das ist nicht meine Mutter. Meine Mutter ist nicht blond. Aber es ist irgendwie wichtig, was diese Frau sagt. Dann erst dringt sie zu mir durch. Mist. Letzte Stunde. Schulschluss. Ich darf meinen Bus nicht verpassen! Mist! Ach nein, Moment, sie hat gesagt, gleich vorbei.
   Es klingelt. Okay, jetzt ist sie vorbei.
   Ich setze mich auf. Die Welt schwankt. »Oh.« Sehr intelligent. Und so energisch! Ich bin stolz auf dich, wirklich! Wo hast du noch mal dein Gehirn gelassen, sagst du?
   »Werde erst mal munter, Junge.« Sie tritt zurück und gibt mir den nötigen Freiraum.
   Ich schwinge die Beine aus dem Bett, bleibe aber sitzen, als mir etwas einfällt. »Meine Sachen? Sind die immer noch in der Turnhalle?«
   Amüsiert dreht sie sich zu mir um. »Die hat dein Freund vorbeigebracht. Sie stehen dort in der Ecke.«
   Gott sei gedankt. »Alexei?«
   »Der Ukrainer?«
   Ich bin erstaunt, dass sie weiß, dass er aus der Ukraine kommt und nicht aus Russland. »Nein.«
   »Jemand namens Cole.«
   Ach du heilige Scheiße! Cole hat mir meine Sachen gebracht? Und gesehen, wie ich schlafe? Mist! Mist! Mist!
   Was für originelle Schimpfwörter ich doch kenne.
   Sie hat Cole als meinen Freund bezeichnet. O mein Gott! Ich muss so was unbedingt öfter machen, wenn das dazu führt, dass Cole Notiz von mir nimmt. Eine Stimme in meinem Hinterstübchen erinnert mich daran, dass er das auch in der Turnhalle bereits getan hat – und an seinen Gesichtsausdruck. Das dämpft meine Euphorie. Ein klitzekleines bisschen vielleicht. Jetzt bloß nicht zu viel hineininterpretieren. Du weißt nicht, ob er das für Kevin auch getan hätte, wenn die Situation umgekehrt gewesen wäre, sage ich mir, vernünftig, wie ich nun mal bin.
   Ich gehe zu meinem Rucksack. Da ist alles drin, und die Sachen, die ich vor dem Sport anhatte, liegen in dem Beutel daneben. Er hat meine Sachen angefasst. Ich zumindest habe sie nicht eingepackt, also muss er es gewesen sein, oder? Ich werde diese Sachen nie wieder waschen. Nein, halt. Das geht nicht, das würde Dad misstrauisch machen. Mist. Na ja, ich kann von der Erinnerung zehren.
   Cole Mackintosh, o mein Gott!
   Ich sehe auf die Uhr.
   Du hast gerade deinen Bus verpasst, sagt sie mir. Vor genau zwei Minuten.
   »Verdammt!« Ich lasse den Kopf hängen. Die Welt will mir diese eine positive Erinnerung an heute nicht gönnen.
   »Was ist denn los?«, fragt die nette Krankenschwester.
   Oh, ich habe vergessen, dass sie auch noch da ist.
   »Ich habe gerade meinen Bus verpasst.« Um zwei Minuten, weil ich zu beschäftigt damit gewesen bin, meine Sachen anzustarren und von Cole Mackintosh zu träumen. Noch nicht einmal umgezogen habe ich mich. Alexei hat mir zum Glück mein Hemd um die Schultern gelegt. Oder war das Cole?
   »Wo wohnst du denn?«
   Ich sage ihr meine Adresse.
   »Oh, das ist nicht weit entfernt von meinem Wohnort.« Sie klingt ehrlich erfreut. »Ich kann dich gern hinfahren.«
   Das würde nur funktionieren, wenn mein Vater nichts davon mitbekommt. Aber er dürfte eigentlich noch nicht zu Hause sein. Allerdings darf meine Mutter auch nichts davon mitbekommen, weil sie es ihm sagen würde. »Das wäre klasse. Allerdings würde ich gern an der Bushaltestelle aussteigen und zu Fuß nach Hause laufen.«
   »Das lässt sich einrichten.«
   »Kann ich mich hier irgendwo umziehen?« Ich ziehe das Hemd enger um mich. Mein T-Shirt muss ich wegwerfen – wieder eines weniger. Mom darf nichts merken. Aber wenn ich in Sporthose nach Hause komme, ist es doch arg auffällig. Sollte es durch Zufall passieren, dass Dad doch zu Hause ist, dann will ich auf keinen Fall sein Aufsehen erregen, indem ich so etwas lächerlich Einfaches wie meine Kleidung vernachlässige.
   »Soll ich mir nicht doch erst noch mal deine Verletzung ansehen?« Sie betrachtet den Verband, von dem auf meiner halb verdeckten Brust nicht viel zu sehen ist.
   »Nein, danke. Es ist alles okay.«
   »Dort in der Ecke ist ein Vorhang.«
   »Danke.«
   »Ich stehe hinter der Schule. Wir treffen uns draußen.«
   Ich nicke. Okay, jetzt muss ich nur noch kurz zu meinem Spind, ohne unterwegs ein ernsthaftes Chaos anzurichten, dort meine Schulsachen ablegen – die, die ich nicht zu Hause brauche – und dann wieder raus und zum Auto der Schulkrankenschwester. Hoffentlich stellt mir niemand unangenehme Fragen.
   Ich habe das Glück, den ganzen Weg zum Schließfach hin und auch zurück unbeschadet zu überstehen. Jetzt, nach Unterrichtsschluss, sind kaum noch Leute unterwegs, obwohl ich den Hausmeister sehe. Ich glaube, unsere Schule hat mehrere. Das Reinigungspersonal ist auch schon unterwegs. Die Böden sind zum Teil frisch gewischt, ich gehe um die noch nassen Stellen herum und betrete sie nur, wenn es unbedingt sein muss, um ihre Arbeit nicht zunichtezumachen.
   Die Krankenschwester hat draußen auf mich gewartet. Als sie mich sieht, nickt sie kurz und steigt in ihr Auto.
   Ich gehe zur Beifahrertür und öffne. »Danke, dass Sie mich mitnehmen.«
   Sie ist vollauf damit beschäftigt, den Motor zu starten. »Es bereitet mir keine großen Umstände. Kein Problem.«
   Ich überlege, ob ich mich anlehnen kann. Der Verband ist zwar frisch, aber es wird wieder wehtun. Ich schiebe meinen Rucksack hinter den Rücken und hoffe, dass meine Jacke eine gute polsternde Wirkung hat. Ganz vorsichtig lehne ich mich nach hinten.
   Die Krankenschwester stellt das Radio an, und moderne Popmusik erfüllt das Innere des Wagens. Ich lausche verzückt. So was bekomme ich nur in der Öffentlichkeit zu hören, auf keinen Fall zu Hause. Bei uns ist eben Klassik angesagt. Ich mag Klassik eigentlich auch ganz gern, aber wahrscheinlich nur, weil man verrückt wird, wenn man etwas den ganzen Tag lang hören muss und es eigentlich nicht leiden kann. Dann redet man sich doch lieber ein, man könne es leiden. Irgendwann stellt sich der gewünschte Effekt ein, und man mag es tatsächlich. Ich mag Popmusik, und ich mag auch Metal gern, das hören meine Freunde. Aber ich habe keinen MP3-Player und kein Radio, auf dem ich hören könnte, was ich will. Das einzige Radio in unserem Haus, das nicht in einem Auto festgeschraubt ist, ist das in der Küche. Und da läuft nun mal tagein, tagaus klassische Musik. Das ist schon fast eine Naturkonstante in unserem Haushalt.
   »Deine Verletzung …«, versucht die Krankenschwester, ein Gespräch zu beginnen, aber wir sind zum Glück nur noch ein paar Straßen von meinem Zuhause entfernt.
   »Da vorn rechts, und dann kommt sofort die Haltestelle«, weiche ich ihr aus. »Alexei hat das mit dem Desinfizieren und Verbinden gut gemacht. Ich bin schon fast wieder fit«, fühle ich mich dennoch bemüßigt, hinzuzufügen. Schließlich hat sie darauf verzichtet, einen Vermerk anzulegen und mich netterweise noch kutschiert.
   Sie stoppt den Wagen. Von hier aus kann ich laufen. Ich erinnere mich daran, dass die rechte Schulter die gute Schulter ist, als ich meinen Rucksack aus dem Auto ziehe. »Danke fürs Mitnehmen!«
   »Gern geschehen.« Sie nickt mir noch einmal zu.
   Ich blicke ihr nach, bis sie um die nächste Kurve biegt.
   Es ist halb vier. Das ist in Ordnung. Der Bus ist noch auf dem Weg, wird aber jeden Moment ankommen. Ich kann ganz in Ruhe nach Hause laufen und werde nicht warten, bis der Bus ankommt. Meine Freunde werden aussteigen, schließlich haben wir alle gleichzeitig Schulschluss. Und sie werden mich auf jeden Fall fragen, was los ist. Ich hätte heute noch mit Roy Geo gehabt. Er hat sicher bemerkt, dass ich nicht da war. Wenn ich so im Nachhinein überlege, hatte er eigentlich recht bei unserem Streit: Es ist was passiert in Sport.
   Langsam gehe ich los und komme zur gleichen Zeit nach Hause wie jeden Tag. Ich betrete unser Grundstück und laufe über den gepflasterten Weg zur Haustür. Niemals auf dem Rasen zur Haustür zu gehen, beziehungsweise generell niemals über den Rasen gehen, ist eine weitere wichtige Regel. Ich habe sie noch nie gebrochen. An der Tür angekommen, schließe ich auf und trete in den Flur. Natürlich nicht, ohne vorher meine Schuhe zu inspizieren. Sie sind nicht besonders dreckig, aber ich trete ein paar Mal auf dem Fußabtreter herum, um sie zu säubern. Dann ziehe ich Schuhe und Jacke aus und räume sie weg. Der Hausflur sieht leer aus, deswegen kriege ich fast einen Herzinfarkt, als ich mit meinen Hausschuhen hineintrete und die Stimme meines Vaters höre.
   »Leo, bist du das?«
   Verdammt, er ist sonst nie um diese Zeit zu Hause.
   »Ja, Dad.«
   »Gut. Deine Mutter kommt heute auch etwas eher. Setz doch um vier bitte eine Kanne Kaffee auf, ja?«
   »Mach ich, Dad.«
   »Gut.«
   Ich höre, wie sich die Tür seines Arbeitszimmers schließt. Mein Herz rast. Ich muss mich setzen, weil ich befürchte, andernfalls das Gleichgewicht zu verlieren. Ich habe gedacht, er hat es irgendwie herausgefunden. Ich war mir in dem Moment, in dem ich seine Stimme hörte, so sicher … Die Angst nagt an meinen Eingeweiden. Wenn er es jetzt nicht herausfindet, dann vielleicht später. Wenn sich einer der Jungs aus meinem Sportkurs verplappert und mein Vater es erfährt, bin ich geliefert.
   Ich stehe wieder auf, kämpfe die Angst nieder, gehe hoch. An seinem Arbeitszimmer vorbei in mein Zimmer. Ich setze den Rucksack ab und stelle mich ans Fenster. Ich weiß nicht genau, wie lange ich dastehe und hinausstarre, als ich das Auto meiner Mutter auf der Straße entdecke. Die Angst kriecht wieder meinen Nacken hoch. Ich schaue auf meine Uhr. Es ist noch nicht vier. Glück gehabt. Ich gehe trotzdem runter und setze den Kaffee an, damit meine Eltern keinen Grund haben, sich über mich zu beschweren.
   Ich höre das Klappern der Schlüssel, als Mom aufschließt. Der Kaffee läuft durch die Maschine und verbreitet einen herrlichen Duft. Ich gehe zum Schrank und suche die Schüssel mit den Keksen, die Mom neulich erst gebacken hat, und stelle sie auf den Tisch. Dazu drei Tassen, Besteck, Teller. Mom freut sich immer, wenn sie sich mal an den gedeckten Tisch setzen kann. Deswegen habe ich auch Kochen gelernt. Es ist schön, anderen eine Freude zu machen. Der einzige Mensch, bei dem mir das verdammt schwerfällt, ist Dad, weil ich ihm eigentlich nie eine Freude machen will. Vor ihm habe ich nur Angst.
   »Oh, Leo!« Meine Mutter steht lächelnd in der Tür. »Das ist aber lieb von dir.«
   Meine Mundwinkel wandern nach oben und bleiben dort hängen. »Dad meinte, ich soll Kaffee kochen.«
   Sie strahlt trotzdem. Sie ist eine hübsche Frau, vor allem, wenn sie lächelt. Wenn ich in den Spiegel gucke, kann ich sie in mir wiederentdecken: dieselbe Haarfarbe, dieselben Augen. Mein Gesicht ist etwas härter geschnitten als das ihre. Womit ich zufrieden bin, so wirke ich nicht weibisch. Ich vermute mal, die Ecken und Kanten habe ich von meinem Vater geerbt.
   Ich will Mom öfter lächeln sehen. Es macht mich froh, zu wissen, wenn sie glücklich ist. Deswegen darf sie auch auf keinen Fall wissen, wie Dad Regelverstöße meinerseits ahndet.

3

Die Jungen greifen nach mir. Sie sind überall um mich herum, einer krallt seine Hand in mein Haar und zieht meinen Kopf zurück, bis die Kehle frei liegt. Ein anderer hält mich fest, während Dutzende Hände versuchen, mir mein T-Shirt über den Kopf zu ziehen. Aber dafür müsste der Kerl, der mich an den Haaren hält, loslassen. Es sind die Typen aus meinem Sportkurs, die das tun, die meine Narben sehen wollen. Kevin hat sie angestachelt. Allerdings werden sie keine Narben zu sehen bekommen, wenn es ihnen gelingt, mir das T-Shirt auszuziehen, sondern frische, blutige Wunden. Das weiß ich, weil mein Rücken wieder wehtut. Einer, der hinter mir steht und dessen Gesicht ich nicht erkennen kann, hat eine bessere Idee. Er schiebt das T-Shirt hinten hoch. Irgendwie sind wir an einer Wand angekommen. Mein Körper wird dagegengepresst, während sich die Jungen um mich scharen und meinen Rücken betrachten.
   Kevin bringt sein Gesicht ganz nah an meines. »Du hast es wohl nicht besser verdient, du Feigling!«
   Alle anderen lachen mich aus. Irgendjemand stößt mich zu Boden, und sie treten auf mich ein, noch immer lachend, während ich unfähig bin, mich zu wehren. Ich rolle mich zu einer Kugel zusammen, um ihnen so wenig Angriffsfläche wie möglich zu geben und schütze meinen Kopf mit meinen Armen. Blut sickert auf den Boden der Umkleidekabine, weil mein schwarzes T-Shirt schon damit durchtränkt war, bevor sie mich angegriffen haben.
   Ich schlage die Augen auf. Die Nacht um mich herum ist dunkel, und einen irrsinnigen Moment lang habe ich Angst, dass unter meinem Bett noch die Dämonen lauern könnten, die meinen Schlaf gestört haben. Ich fasse an meine Schultern, um mich zu vergewissern, dass ich noch heil bin. Dass ich noch im Ganzen da bin, noch immer hier. Als ich sie zurückziehe, sind meine Fingerspitzen trocken, nicht blutig. Meine Haut ist eiskalt, klamm vor Angst.
   Es war nur ein Traum.
   »Es war nur ein Traum.« Ich muss es laut aussprechen, weil ich Angst habe, dass die Worte, die doch die Wirklichkeit ausdrücken, sonst nicht gegen das Gespinst des Nachtmahrs ankommen. Noch immer zitternd stehe ich auf und öffne das Fenster, um den Albtraum hinauszulassen. Aus den Augenwinkeln sieht man den schwarzen Schatten, der nach draußen huscht, wenn man das tut. Kaum ist er weg, schließe ich das Fenster. Es ist kalt heute Nacht.

»Hi.«
   Diese Stimme ist mir nicht gänzlich unbekannt. Ich hebe den Kopf. Und höre auf zu atmen. Träume ich, oder ist er es tatsächlich?
   »Hi«, erwidere ich. Das war so ziemlich die letzte Luft in meinen Lungen, die diese Antwort fabriziert hatte. Muss ich atmen, wenn Cole in der Nähe ist? Ist er nicht viel besser als Luft?
   »Wie geht es dir?«
   »Bist du sicher, dass du zu mir willst?« Ich muss einfach fragen. Ist das möglich? Ich meine, hier sind mindestens tausend andere Leute, denen er, seit ich ihn das erste Mal gesehen habe, mehr Beachtung geschenkt hat als mir. Vielleicht verwechselt er mich mit irgendjemandem – ansonsten liegt das hier wohl kaum im Bereich des Möglichen.
   Ein paar der Umsitzenden sehen bereits zu uns herüber und kichern.
   Cole beachtet sie nicht. Er nickt bloß. »Wenn du immer noch der Leonard aus meinem Sportkurs bist, dann ja.« Er will zu mir!
   »Leo, bitte. Und ja, also, der bin ich.«
   »Wie geht es dir?«
   Ja, also jetzt, wo du hier bist, blendend. »Gut, danke der Nachfrage. Und dir?«
   »Bist du dir sicher?« Er sieht mich aus zusammengekniffenen Augen an.
   Jetzt erst verstehe ich, warum er gekommen ist. Natürlich. Wie bin ich bloß auf die Idee gekommen, dass er einfach wie ganz normale Teenager um meinetwillen mit mir spricht? Es geht um den Vorfall in Sport. Na, wenn das einen nicht schnell auf den Boden der Tatsachen zurückholt. »Ja, da bin ich mir sicher.« Meine Stimme klingt kühler, als ich diesmal antworte, und es tut mir fast leid, ihm nicht wichtig genug zu sein, um einfach über was Alltägliches mit mir zu reden. Ich habe mir einige Male vorgestellt, wie es sein würde, mit ihm zu reden. So was wie jetzt ist mir dabei nie eingefallen. In meiner Vorstellung war es immer so, dass er ein wirkliches Interesse an mir zeigen würde. Aber hey, die Realität sieht nun mal anders aus.
   Es geht nicht um mich. Nur darum, dass er sich um seine Mitschüler sorgt. Ein Unglück ist geschehen – Foto! Bitte lächeln! Ist sicher gut für die Publicity, sich mit den armen, benachteiligten Schülern abzugeben. Er hat mich noch nie wahrgenommen, und jetzt auf einmal? »Warum hast du so geguckt?«, frage ich ihn, ehe ich die Frage noch einmal überdenken kann.
   Er sieht mich konsterniert an, scheint nicht zu wissen, was ich meine. Gott, er ist so schrecklich schön. Wirklich, ich hasse diesen Moment. Er ist nicht hier, weil ich ihm irgendwas bedeute, verdammt!
   »Wie? Wann?«
   »In der Turnhalle. Du hast ausgesehen, als würdest du mich verabscheuen.« Scheiße, habe ich das gerade wirklich gesagt? Wenn er das bejaht, muss ich gehen und mich im Klo runterspülen.
   Ein verlegener Ausdruck huscht über sein Gesicht. »Nein, das hast du falsch aufgefasst. Ich war sauer auf Kevin, weil er dich gefoult hat.«
   Es war nicht Kevins Schuld, was danach passiert ist. Ich habe irgendwie das Bedürfnis, ihm das zu erklären. Mein Blick huscht über sein Tablett. Er isst Burger. Lecker. Darf ich nicht. Und er sieht immer noch so gottgleich schön aus, als er hineinbeißt und kaut. »Entschuldige, ich muss das jetzt noch mal fragen, weil ich es einfach nicht glauben kann: Willst du wirklich mit mir essen?«
   Er sieht auf. Seinen Blick kann ich nicht deuten. Dann sieht er den Burger an, als würde ihm erst jetzt klar, was er hier tut, und diesen Blick kann ich sehr wohl deuten.
   Hastig rede ich weiter. Das ist meine Chance, mit Cole Mackintosh zu reden, eine zweite wird es kaum geben. Leider ist das, was aus meinem Mund kommt, qualitativ betrachtet Müll. »Ich meine, du bist angesagt. Du spielst Football und all das. Und ich … eher nicht.«
   Er schüttelt den Kopf.
   Verdammt, er will also doch nicht mit mir essen? Das tut weh.
   »Was?«
   »Ähm. Nein. Entschuldige. Vergiss es. Ich …«
   Er schluckt sein Essen hinunter. Immer noch schön. Wenn er doch wenigstens hässlich wäre. Dann könnte ich vielleicht glauben, dass er sich wirklich mit mir abgeben will.
   »Nein, zum Teufel! Du glaubst das wirklich, oder?«
   Ich sehe zur Seite. Ich hätte nicht fragen sollen.
   »Das tust du«, sagt er fassungslos, wie zu sich selbst. Sein Blick bohrt sich in meinen. »Leo, nur, weil ich Football spiele und vielleicht angesagter bin als du, bist du deswegen noch lange nicht weniger wert.«
   Das sieht mein Vater anders. Er zeigt mir gern, wie wertlos ich bin. Er hätte sicherlich gern einen Sohn wie Cole.
   »Nun … ja. Ich glaube, doch.«
   »Bist du verrückt? Du bist wahnsinnig gut in der Schule, viel besser, als ich es je sein werde. Und du bist verdammt gut darin, unauffällig zu sein. Na ja, bis gestern«, sagt er und grinst. »Du hast keinen Grund, dich minderwertig zu fühlen.«
   Ich werde gleich anfangen zu sabbern, wenn ich dieses Lächeln noch länger bewundern darf. Der Mann meiner Träume. Und er hat mir gerade gesagt, dass ich irgendwie … in irgendeiner Form … in irgendetwas … richtig gut bin.
   Obwohl ich nicht stolz darauf sein sollte, er hat noch im selben Satz »unauffällig« erwähnt … Aber ich weigere mich, mir das Glücksgefühl, das mich durchströmt, nehmen zu lassen.
   Meine Mundwinkel heben sich ganz von allein zu diesem leichten Lächeln, das das einzige ist, was ich zu bieten habe. »Es war nicht Kevin, der mich so zugerichtet hat.« Es ist mir egal, dass mein Essen kalt wird. »Das war mein Vater.«
   Sein Gesicht wird steinern. »Nein.«
   Ich muss schlucken. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich setze all mein Vertrauen in ihn, beschwöre ihn stumm mit aller Liebe, die ich aufbringen kann, mein größtes Geheimnis nicht mit Füßen zu treten. »Doch. Nur, weil Kevin seinen Ellenbogen in meine Schulter gerammt hat und dann runtergefallen ist, wäre ich nicht zu Boden gegangen. Und schon gar nicht blutend.«
   »Das war nicht Kevins Blut?«
   »Ich weiß, dass du mich auf der Krankenstation gesehen hast. Du weißt, dass es meins war. Und du weißt auch, dass es logisch ist, was ich sage.«
   Seiner Gesichtsfarbe nach zu urteilen wird es der Burger nicht lange gemütlich dort haben, wo er jetzt ist.
   »Warum tut er es?« Er fragt nicht etwa »Warum hat er es getan?«, wie andere Leute es tun würden. Leute, die davon ausgehen, dass es etwas Einmaliges ist, oder Leute, die nicht sehen wollen, dass es nicht das einzige Mal war. Nein, er ist sich bewusst, dass man nicht einfach damit anfängt und dann schlagartig wieder aufhört. Er weiß, dass es weder das erste noch das letzte Mal war.
   »Er stellt Regeln auf. Wenn ich gegen eine verstoße – und sei es aus Versehen –, ist er enttäuscht. Selbst, wenn ich nicht gegen eine Regel verstoßen habe, und ihn dennoch enttäusche, tut er es. Er will mich formen und glaubt, das wäre gut für mich. Er könnte es dir vermutlich noch sehr viel genauer darlegen, würdest du ihn fragen.«
   Er sieht immer noch aus, als wäre ihm übel.
   »Kein Grund, dein Mittagessen nicht bei dir zu behalten.« Es tut gut, mit ihm darüber zu reden. »Ich werde ausziehen, wenn ich achtzehn werde. In einem halben Jahr.«
   Mein Leben auf einem Silbertablett? Gern doch! Bitte schön! Ich stehe auf und setze mich neben ihn.
   Er sieht aus, als könnte er Halt brauchen. Sicherlich beobachteten uns Dutzende Augenpaare, aber das ist mir egal.
   »Nun komm schon! Ich kann es im Moment nicht ändern, du auch nicht, also wird es wohl so bleiben müssen.« Diese Euphorie verspüre ich nicht, wenn ich daran denke, nach Hause zurückzukehren, aber das ist mir im Moment ebenfalls egal. Wie so viele andere Dinge, wenn ich nur neben ihm sitzen kann. »Es wird irgendwann vorbei sein.«
   Er bewegt sich kein Stück und sagt auch nichts mehr. Ich bekomme es mit der Angst zu tun.
   »Verdammt Cole, sag was!«
   Er packt meinen Oberschenkel und beugt sich zu mir herüber. Scheiße, aus der Nähe ist er noch größer. Und schöner.
   Halt, Sekunde! Ist das überhaupt möglich?
   »Wie kannst du so einfach darüber reden? Wie kannst du sagen, dass es dir nichts ausmacht?«
   »Das habe ich nicht gesagt. Aber ich kann es nicht ändern. Ich wohne in diesem Haus, seit ich auf der Welt bin, und ich werde auch weiterhin dort wohnen. Wenn ich alt genug bin, ziehe ich aus, ohne einen Blick zurück. Aber im Moment geht das einfach nicht. Ich kann nicht.«
   Sein Griff wird noch fester. Es tut fast weh. Er versenkt seinen Blick so tief in meinem, dass mir schwindlig wird. Ich bin mir sicher, dass er bis in die Tiefen meiner Seele hinabblicken kann. Abrupt lässt er mich los und rückt von mir ab. »Darüber muss ich nachdenken.«
   Sein Verlust tut fast körperlich weh, obwohl er immer noch neben mir sitzt. Ich nicke. Als ich aufsehe, begegne ich den Blicken der Zwillinge, die beide breit grinsen und mir die erhobenen Daumen zeigen. Ich zeige ihnen einen Vogel, woraufhin sie sich vor Lachen kaum zu halten wissen. Ich ziehe mein Tablett zu mir heran und esse meinen Reis mit Hähnchen und den Rohkostsalat. Es schmeckt wie Pappe. Lecker.
   »Gehst du mit mir essen? Heute Nachmittag?«
   Ich lasse beinahe die Gabel fallen. »Was?«
   Cole betrachtet mich von der Seite und rückt wieder näher heran. »Du hast recht. Entschuldige, ich habe überreagiert.«
   Ich bin vollkommen überrumpelt. Zu überrascht davon, dass er wirklich gerade mich gefragt hat, ob ich etwas mit ihm essen will. »Aha.« Ja, ich weiß. Ich bin schrecklich einfallslos. Ich kann ihn nur anstarren. Dann kommt das Erste aus meinem Mund, was mir bei diesem Anblick einfällt. »Du bist so schön.« Es ist ungefähr so peinlich, wie es sich anhört. Ich hätte mich vorhin doch im Klo hinunterspülen sollen.
   Er verengt die Augen, dann grinst er. »Ich nehme das als Zusage, Leo. Das sollte dir klar sein.«
   Ich kann immer noch nicht fassen, dass er mit mir ausgehen will. Ich frage mich nicht einmal, woher er weiß, dass ich auf Jungs stehe.
   »Tu das. Mit dir esse ich auch Fischgräten.«
   Ein paar Footballspieler drehen sich um, wollen wohl wissen, wo Cole bleibt. Aber er sitzt in meiner Tischreihe. Neben mir. Als sie mich sehen, höre ich ihre Verwunderung förmlich. Einer guckt zwischen Cole und mir hin und her, so, als müsste er angestrengt nachdenken, um herauszufinden, wie wir zusammenpassen. Bei ihm dauert die Erkenntnis eine Weile, ich sehe, wann es Klick macht.
   Cole steht auf, beugt sich aber noch mal zu mit herunter. »Bis nachher«, raunt er nah an meinem Ohr, was prompt einen Schauder über meinen malträtierten Rücken jagt. Seltsamerweise tut es gut.
   Ich sehe ihm nach, und als ich den Blick abwende, begrüßen mich breit grinsende Gesichter.
   »Na, da hat es aber jemanden erwischt«, sagt Chen.
   »Siehst du, er muss irgendwie doch gemerkt haben, wie du ihn angestarrt hast. Mich wundert eigentlich nur, dass es so lange gedauert hat«, gibt Roy seinen Senf dazu.
   Val ist heute auch mit von der Partie, sie sitzt neben den Zwillingen und grinst genauso breit.
   »Ach, haltet doch die Klappen!«, sage ich. Nicht nur, dass er sich aus heiterem Himmel zu mir gesetzt hat, nein, er hat mich für heute Nachmittag eingeladen. Zum Essen.
   Chen beugt sich vor, ein erwartungsfrohes Grinsen auf dem Gesicht. »Und? Sag schon, Leo, was läuft da zwischen dir und Cole Mackintosh?« Er wackelt mit den Augenbrauen.
   Die anderen rücken näher, um besser hören zu können. Ich sehe auf meinen Teller hinunter.
   »Komm schon, Leo!«, springt Lee seinem Zwillingsbruder bei. »Du bist schon seit einer Ewigkeit in ihn verknallt! Und jetzt setzt er sich plötzlich zu dir?«
   Wenn ich ihnen jetzt von dem Date erzähle, flippen sie aus. »Also …«, setze ich an, »erst mal geht es euch natürlich nichts an.«
   Kollektives Stöhnen.
   »Spann uns nicht so auf die Folter, Leo!«, sagt nun auch Val.
   Nur Alexei bleibt still, und der stumme Blickwechsel verrät mir, dass er auch nichts verraten wird. Wie versprochen.
   »Aber ich kann euch sagen, dass er zu mir gekommen ist«, meine ich grinsend, »ohne, dass ich ihn angesprochen habe.« Das hätte ich mich nie getraut, vielleicht nur, wenn ich besoffen gewesen wäre, was ich aber noch nie ausprobiert habe. Den Grund, nämlich den Vorfall im Sportunterricht, müssen sie nicht erfahren. Sie würden sich nur Sorgen machen, und das will ich nicht. Ich will eigentlich nur genauso normal sein wie alle anderen. »Und«, fahre ich fort, denn ich sehe ihnen an, dass sie nicht eher zufrieden sein werden, bis ich ihnen von dem Date erzählt habe, »er hat mich für heute Nachmittag zum Essen eingeladen.«
   In der darauffolgenden Stille tauschen die anderen verstohlene Blicke, die nicht unauffällig genug sind, um nicht von mir bemerkt zu werden.
   Roy räuspert sich schließlich. »Respekt, Kumpel.« Er klingt nicht sonderlich begeistert. Im Gegenteil, sein Gesicht gleicht einer Gewitterwolke.
   Ich versuche, mir meine Enttäuschung über ihre Reaktion nicht anmerken zu lassen, denn keiner der anderen hat bis jetzt etwas gesagt. Die Chinesen tauschen immer noch verstohlene Blicke. Offensichtlich will keiner von ihnen zuerst aussprechen, was er denkt.
   »Bist du sicher, dass er dich nicht nur hereinlegen will, Leo?« Es ist erstaunlicherweise Lee, der schließlich mit der Sprache herausrückt.
   Die Frage habe ich mir auch schon gestellt, aber schnell wieder verworfen, weil ich glauben will, dass es nicht so ist. Dass meine Freunde mir aber nicht genug zutrauen, um anzunehmen, dass Cole mich meinetwegen und nicht um eines Streiches willen gefragt haben könnte, tut weh. »Wieso? Was ist denn falsch mit mir?«
   »Nichts! Es ist nur …« Er verstummt hilflos.
   Die anderen weichen meinen Blicken aus. Irgendwie wollen sie nur mein Bestes, aber das kann ich gerade nicht so recht einsehen, so wütend bin ich.
   Es kommt mir falsch vor, länger hier sitzen zu bleiben, also stehe ich auf, nehme mein Tablett und gehe. Niemand sagt etwas, auch nicht, als ich die Cafeteria verlasse. Dazu hätten sie ja auch durch den ganzen Raum schreien müssen.
   Wenigstens kann ich ihnen nicht mehr irgendwelche hässlichen Dinge an den Kopf werfen. Dabei hätte ich nicht übel Lust dazu gehabt, denke ich, als ich draußen bin, und fühle mich trotzdem nicht besser. Es erscheint mir nicht fair, dass nicht einmal meine eigenen Freunde glauben, dass ich Cole genügen könnte.
   Den Rest des Tages versuche ich, wieder bessere Laune zu bekommen, und lasse den Unterricht mehr oder weniger vorbeiziehen. Unglaublich, dass ich Schuldgefühle habe, weil ich gegangen bin, oder? Ich kann ja verstehen, dass sie nicht glauben, dass Cole mich gefragt haben könnte, aber ich komme einfach nicht darüber hinweg, dass sie mich für minderwertig halten. Vielleicht tun sie das nur, weil ich es selbst tue, weil ich selbst nicht glauben kann, dass Cole Mackintosh – der Cole Mackintosh – ausgerechnet mit mir ausgehen will, aber ich darf mich so bewerten, anderen gestehe ich dieses Recht nicht zu. Nicht, dass das besonders fair wäre, aber ich habe nie den Anspruch erhoben, fair zu sein.
   Diese leise Stimme in meinem Kopf, die mir einzutrichtern versucht, dass ich selbst schuld bin, klingt wie die meines Vaters.
   Bei der Gelegenheit wird mir klar, dass es genau das ist, was mein Vater tut: mir Schuldgefühle einflößen, damit ich nicht aufmucke. Wenn ich jetzt anfange, dasselbe zu tun, mir einzureden, dass ich immer und überall schuld bin, kann ich mich genauso gut erschießen. Oder ich fahre nach New Jersey, da macht das bestimmt jemand für mich.
   Es kann so nicht funktionieren. Sonst bin ich, wenn ich endlich ausziehe, genauso kaputt meinetwegen, wie ich es meines Vaters wegen schon bin.
   Damit ist mein Entschluss, wie ich diese Angelegenheit zu betrachten habe, geklärt, und ich widme meine Aufmerksamkeit wieder dem Unterricht.
   Als ich nach der Stunde auf mein Handy schaue, stelle ich fest, dass Lee mir geschrieben und sich entschuldigt hat.
   Tut mir leid. Hab’s nicht so gemeint. Du bist klasse. Viel Spaß bei deinem Date!
   Das klingt nett, und damit lege ich den Streit zu den Akten. Soll sich doch ein anderer damit herumschlagen.
   Ich kann das Pausenklingeln kaum erwarten, doch die Zeit scheint heute wieder einmal zäh wie flüssiger Sirup zu sein. Mein Biologieunterricht zieht sich hin.
   Als es endlich läutet, ist es wie eine unerwartete Erlösung: herbeigesehnt und doch nicht mehr daran geglaubt.
   Ich bin so schnell wie nie zuvor auf dem Gang, habe es auf einmal genauso eilig wie alle anderen, nach draußen zu kommen, wo Cole auf mich wartet. Ich beschließe, dass er da ist, sonst werde ich mich wie ein kompletter Versager fühlen. Dann hätten meine Freunde recht gehabt.
   Nein, haben sie nicht. Ich habe das doch vorhin mit mir geklärt, verdammt noch mal!
   Mein Herz klopft wie verrückt, als ich zu meinem Spind gehe, die paar Bücher reinlege, die ich nicht mit nach Hause nehme, und dem Ausgang entgegenstrebe. Im allgemeinen Getümmel muss ich anderen Schülern ausweichen, die irrsinnigerweise in die andere Richtung wollen. Wie können sie an einen Ort wollen, wo es keinen Cole gibt? Ich verstehe diese Leute nicht.
   Ich hätte eigentlich noch Gartenbau als freiwillige Aktivität, damit ich nicht so früh nach Hause muss, aber das lasse ich heute aus offensichtlichen Gründen wegfallen. Ist sowieso nur eine AG. Es taucht nicht in meinem Abschlusszeugnis auf, wenn ich einmal nicht da bin.
   Als ich aus dem Schulhaus komme, wartet Cole bereits auf mich. Ich sehe ihn sofort, selbst innerhalb der schieren Masse an Schülern, die nicht schnell genug das Schulgelände verlassen kann. Ihm geht es scheinbar genauso, ein Fakt, über den ich mich später noch zur Genüge wundern kann, wenn ich nicht mehr damit beschäftigt bin, mich an ihm sattzusehen. Er kommt auf mich zu, kaum, dass ich einen Schritt hinausgesetzt habe. Ich kann nicht sagen, wie sehr mich dieser Anblick erfreut. Mein Magen hebt ab, mein Herz setzt aus, um dann schneller als gewöhnlich weiterzuschlagen – zumindest kommt es mir so vor –, und um mich herum scheint ein ganzer Schwarm Schmetterlinge zu tanzen.
   »Hey, schön, dass du da bist.«
   In seinen Augen kann ich keine Arglist entdecken, also muss er es ernst meinen. Ich grinse. Das breite Honigkuchenpferdgrinsen, das ich bei Ally immer sehe. Er freut sich, dass ich da bin! »Hattest du etwa Angst, ich könnte nicht kommen?«
   Cole strahlte ungefähr genauso breit wie ich. »Nun ja. Bei dir weiß man nie.«
   Ach, wirklich? War das was Gutes? Bitte, bitte, lass es etwas Gutes sein!
   »Komm mit!«
   Ich folgte ihm. »Wohin gehen wir?« Es ist toll, neben ihm zu laufen. Seine Nähe zu spüren und zu wissen, dass er gerade genau hier sein will und nicht irgendwo anders. Dass er bei mir sein will.
   »Du würdest doch auch mitkommen, wenn ich sage auf den Mond.« Er grinst mich an.
   »Jap!« Überallhin, solange er dort ist. Und mein Vater nicht.
   Cole lacht auf. »Du bist schon ein bisschen seltsam, oder?«
   »Ich weiß nicht. Das sagt Roy aber auch immer. Die Chinesen auch.«
   »Du bist mit den Chinesen befreundet?«
   »Natürlich, sie wohnen in meinem Viertel. Und sie sind klasse Kumpel.«
   »Na, kein Wunder, dass du seltsam bist!«
   Als wir an seinem Auto ankommen, hält er mir die Tür für den Beifahrersitz auf. Ich bin beeindruckt. Ich dachte, solche Männer gäbe es nur in alten Filmen.
   Er umrundet den Wagen und steigt ein.
   Ich bin aufgeregt, als er den Motor anlässt. »Willst du mir nun sagen, wohin wir fahren, oder eher nicht?« Ich habe Angst, dass einer der Bekannten meines Vaters uns sieht und mich verrät.
   »Nein, ich glaube nicht.«
   Ach verdammt, das machte mich noch aufgeregter. »Ich werde dir so lange auf den Geist gehen, bis du es mir sagst«, kündige ich an.
   Er lacht. »Na dann, viel Spaß!«
   Irgendwie fällt mir auf, dass ich kaum etwas über ihn weiß, er aber mein größtes Geheimnis kennt.
   »Erzähl mir was über dich.«
   »Na ja, also, ich bin achtzehn. Ich wohne in dem Stadtteil, in dem die Schule steht. Ich habe keine Geschwister, aber dafür ungefähr zwanzig Cousinen, weil mein Vater so viele Geschwister hat. Wir treffen uns dauernd. Hast du Geschwister?«
   »Eine große Schwester. Ich mag sie sehr.«
   »Ah! Ich wusste es!«
   »Was wusstest du?« Ich sehe ihn fragend an.
   Er sieht auf die Straße. Gut, dann kann ich ihn betrachten, während er fährt. Gott, ich könnte ihn ewig ansehen.
   »Dass du kein Einzelkind bist. Dafür bist du viel zu nett.«
   Darüber muss ich schmunzeln. »Ach, und Einzelkinder sind nicht nett? Du Rabauke!«
   »Du hast nicht wirklich gerade Rabauke zu mir gesagt, oder?«
   Tja, ups. »Ist mir so rausgerutscht.«
   »Du bist unmöglich, dich gibt’s eigentlich überhaupt nicht.« Er grinst wieder und sieht zu mir rüber.
   »Cole! Guck auf die Straße, wenn du schon fährst!«
   Er blickt wieder nach vorn, ich sehe ihn weiter an. »Was ist dein größtes Geheimnis?«
   Sein Lächeln kommt ins Straucheln und verschwindet schließlich. »Warum fragst du das?«
   Ich werde unsicher. »Na ja, du kennst mein größtes Geheimnis, das mit meinem Vater, und wie ich mich dabei fühle. Da fände ich es nur gerecht, wenn du mir deines auch verraten würdest.«
   Seine Miene bleibt stählern. Ich glaube, ich gehe jetzt mal mein Schneckenhaus suchen, um mich darin zu verkriechen. »Entschuldige. Vermutlich ist es zu früh dafür.«
   Die lockere Stimmung ist dahin. Ich komme mir so dumm vor, wie ich hier in seinem Auto sitze und mich ins Ungewisse kutschieren lasse. Vielleicht erlaubt er sich nur einen Spaß mit mir und will seinen Freunden von der angesagten Seite zeigen, dass er so einen kleinen Streber, wie ich einer bin, locker mal so eben abschleppen kann. Am Ende lässt er mich links liegen oder setzt mich irgendwo aus, von wo aus ich nicht mehr nach Hause finde. Ich meine, Cole Mackintosh und ich? Wer’s glaubt!
   Ich drehe den Kopf weg und starre aus dem Fenster. Hier gibt es wenigstens Landschaft, die ich bewundern kann, keine Stadt mehr. Ich frage mich, wo er hinwill. Hier draußen ist doch nichts.
   Er fährt an den Straßenrand und hält an. »Leo.«
   »Hm?« Ich sehe absichtlich nicht zu ihm rüber. Warum sollte er ausgerechnet mich wollen, wo er jeden haben kann?
   »Sieh mich an.«
   Ich drehe den Kopf. Er hat sich zu mir herübergebeugt. Seine ausdrucksvollen Augen suchen meine und versenken sich in mir. »Meine Eltern wissen nicht, dass ich schwul bin.«
   Das wissen meine auch nicht. Mir wird klar, dass das sein Geheimnis ist. Ich öffne die Lippen, um etwas zu sagen, und Coles Blick bleibt an ihnen hängen. Er beugt sich noch ein wenig vor und legt mir eine Hand in den Nacken, um mich zu sich heranzuziehen.
   Ich komme ihm entgegen. Unsere Lippen treffen sich. Ich schließe die Augen, um mich ganz darauf zu konzentrieren. Es ist so schön, dass ich weinen könnte. So hätte ich mir meinen ersten Kuss nie vorgestellt – ich hatte eigentlich nie eine genaue Vorstellung davon – aber es ist perfekt so, wie es ist. Und er schmeckt genauso himmlisch, wie er aussieht. Seine Zunge berührt meine Lippen, und unwillkürlich öffne ich sie ein Stück weiter, damit er Zugang hat. Und oh, in mir drin ist er noch viel süßer. Er schmeckt wie Zucker, wie eine verbotene Süßigkeit, und nach Mann, so sehr, dass ich erschauere.
   Er lässt mich sofort los. »Was ist?«, fragt er, beinahe panisch.
   Ich kann nichts anderes tun, als verträumt zu lächeln. Ich lächle viel mehr, seit er physisch in mein Leben getreten ist, seit er so nah ist, dass ich ihn anfassen kann. »Ich hätte nie gedacht, dass es so schön ist.«
   Er fährt mit dem Finger den Umriss meiner Lippen nach. Das fühlt sich herrlich an. »Du bist so unschuldig. So rein.« Sein Blick ist noch immer auf meine Lippen gerichtet.
   Ich glaube nicht, dass sie besonders schön sind. Ich befeuchte sie mit der Zunge. Oder dass ich generell auch nur hübsch genug bin, um mit ihm mithalten zu können. Warum er mich will, ist mir ein Rätsel.
   Er lässt seinen Blick langsam mein Gesicht hinaufgleiten und sieht mir in die Augen. »Wenn wir so weitermachen, kommen wir nie am Ziel an.« Sein Blick ist ein Versprechen voller Leidenschaft, das Hitzewellen durch meinen Körper schickt. Ich fühle mich so kribbelig wie noch nie. Aber ich bin noch nicht bereit dafür. »Dann sollten wir weiterfahren.«
   Er nickt und startet das Auto wieder.
   Ich habe nicht bemerkt, dass er es ausgemacht hat. Er wirkt fast ein bisschen enttäuscht, hat sich diesmal nicht schnell genug im Griff, um es mich nicht merken zu lassen.
   »Du denkst daran, dass ich pünktlich zu Hause sein muss? Wenn wir das wirklich tun, will ich, dass wir mehr Zeit haben.« Das will ich wirklich. Und ich will es zuerst meiner Familie sagen, damit ich jemanden habe, mit dem ich reden kann. Am besten, ich fange mit Allyssa an. Sie wird mich verstehen. Und dann kann ich mich meinen Eltern zuwenden, mit ihr im Rücken. Ich habe immer noch Angst davor, wie mein Vater reagieren wird. »Meine Eltern wissen es auch nicht.«
   Cole sieht mich fragend an. »Was wissen sie nicht?«
   »Dass ich schwul bin. Ich habe noch nicht den Mut gefunden, es ihnen zu sagen.«
   Er lächelt. Noch etwas, das wir gemeinsam haben. Zusätzlich zum Humor. Hurra!
   »Sag mal, wie spät ist es?«
   »Fünf.«
   Hm. In anderthalb Stunden ist die Gartenbau-AG zu Ende. Wenn ich meinen Vater anrufe und sage, dass ich nachher noch mit ein paar Freunden etwas machen will, ob er mich bleiben lässt? Ich könnte es zumindest versuchen, oder?
   Ich sehe noch einmal zu Cole hinüber. »Wie lange hast du Zeit?«
   »Bis um sieben. Meine Eltern erwarten mich zum Abendessen. Warum?«, fragt er. »Was hast du vor?«
   »Ich will meinen Vater anrufen und fragen, ob ich noch ein bisschen mit meinen Gartenbaufreunden rumhängen kann.« Ich grinse ihn an. »Was sagst du, mein Gartenbaufreund?«
   Sein Lächeln ist breiter als meines. »Tu es, Geronimo!«
   »Worauf du dich verlassen kannst!« Lachend hole ich mein Handy hervor. Mein Lachen erstirbt. Val wollte mir nur schreiben, wenn Gefahr im Verzug ist. Sie ist eine der richtigen Gartenbaufreunde.
   Dein Vater hat angerufen. In der Schule. Will herkommen, dich am Ende abholen. Hat Mrs. Baker Bescheid gesagt, soll dir ausrichten. Ich habe gemeint, ich sage es dir. Du musst eher wieder hier sein! Deckung?
   Scheiße, warum ruft mein Vater in der Schule an und nicht bei mir auf dem Handy? Bloß gut, dass Val mich gedeckt hat. Warum hat das Teil nicht gepiept, als die Nachricht kam?
   Ich schreibe zurück: Ja!!! Komme!
   Cole hat offenbar gemerkt, dass nichts Gutes drinstand. Er guckt auf das Handy, dann auf meinen Gesichtsausdruck. »Was ist los?«
   Ich halte das Handy hoch.
   »Mein Vater will mich an der Schule abholen, direkt nach der AG. So, wie ich ihn kenne, ist er mindestens zehn Minuten eher da. Tendenziell eher mehr. Ich würde eine halbe Stunde einplanen, die wir eher dort sein müssen. Scheiße!«
   »Na gut, dann bleibt uns eben nur noch eine halbe Stunde. Lass uns trotzdem das Beste draus machen, ja?« Genau die Worte, die ich jetzt gebraucht habe. Na, wenigstens ist einer von uns positiv.
   Ich werfe einen Blick auf das Tachometer. Er fährt nicht zu schnell, hält sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Es kommt mir trotzdem so vor, als würden wir fliegen. Was definitiv an ihm liegt. Himmel, Cole Mackintosh! Es ist mir wirklich egal, wohin er mich bringt und was wir dort tun werden, solange er nur dabei ist. Er hält an. Mitten im Nirgendwo außerhalb der Stadt auf einem Feldweg. Ich sehe mich um. Nichts. Im Sinne von menschlichem Leben. Ein paar Bäume und ein Feld. Das war’s.
   Er bemerkt meine fragenden Blicke und grinst. »Das hast du nicht erwartet, oder?«
   »Nein.« Das hier sieht nicht wie die Imbissbude aus, an die ich gedacht habe. Oder wie ein Ort, an dem man etwas zu essen finden könnte. »Also, das irritiert mich jetzt ein wenig. Wo willst du denn hier was zu essen herbekommen?«
   Er grinst noch breiter. »Tja, Schatz, dreimal darfst du raten. Wir machen ein Picknick!«
   Hat er mich wirklich gerade Schatz genannt? Das hier erscheint mir viel zu unwirklich, um wahr zu sein.
   Cole steigt aus und macht mir die Tür auf. »Willst du jetzt mit rauskommen oder da drin versauern?«
   »Ich komme.« Ich steige aus. Und finde mich von einem Moment auf den anderen, gleich nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen habe, zwischen Cole und dem Auto eingeklemmt.
   Er packt meinen Nacken und zieht mich in eine heiße Umarmung, während er mich küsst, als hinge sein Leben davon ab. Wow.
   Meine Gedanken gehen flöten, es existieren nur noch sein wahnsinnig heißer Körper und unsere Lippen, die zusammentreffen. Es weckt Hunger nach mehr. Seine Zunge liebkost meine Lippen und tastet sich vor. Er schluckt mein Stöhnen mit seinem Mund, und ich tue dasselbe. So eng, wie er sich an mich presst, komme ich nicht umhin, zu bemerken, dass er hart geworden ist. Mein Glied versteift sich. Dann umschlingt er meine Zunge mit der seinen, und sein Geschmack ist intensiver, als ich es mir je hätte träumen lassen.
   Als er sich von mir löst, atmen wir beide schwer.
   »Wofür war das?«, frage ich ihn.
   Er leckt sich die Lippen, auf denen noch mein Geschmack klebt. Es scheint ihm zu schmecken, denn er schließt genussvoll die Augen. »Für deinen Blick. Seit ich dich an der Schule abgeholt habe, hast du dieses ungläubige Staunen drauf. Das ist wahnsinnig süß.«
    Er findet mich süß? Wenn er mich dann noch mal so küsst, will ich gern süß sein.
   »Wenn du wirklich noch was essen willst, dann muss ich das jetzt auspacken.« Er sieht mich fragend an.
   Ich hebe die Schultern und lasse sie wieder fallen. Ich bin mir nicht sicher. »Ich weiß nicht. Eigentlich habe ich keinen Hunger. Nicht wirklich. Aber dann kann ich dir beim Essen zusehen.« Ich grinse. Ich beobachte ihn gern, da kann er machen, was er will.
   Cole sieht mich an, um zu erkunden, ob ich es ernst meinte. Dann muss er lachen. »Na, dann will ich dir mal den Gefallen tun.«
   Es ist seltsam, mit ihm herumzublödeln, wie ich es mir gewünscht habe, seit er mir das erste Mal begegnet ist. »Wie bist du auf mich aufmerksam geworden?« Ich muss es wissen. Ich habe ihn wochenlang – na ja, okay, vielleicht sind es auch Monate – beobachtet, ohne dass er es bemerkt hätte. Ich will wissen, wie es dazu gekommen ist, dass er mich angesprochen hat.
   »Einer meiner Freunde hat mich auf dich aufmerksam gemacht. Er hat wohl gemerkt, wie du mich angesehen hast.«
   Oh, das ist peinlich. Mein Gesicht wird heiß, ein untrügliches Zeichen, dass ich gerade rot anlaufe. »Oh.«
   Er schmunzelt. »Ich habe es selbst nicht gemerkt«, fügt er hinzu. »Aber ich habe dann darauf geachtet, immer, wenn ich in deiner Nähe war. Und da habe ich gemerkt, dass du mich jedes Mal dermaßen angestarrt hast …«
   Mein Gesicht brennt. Das ist schon peinlich. »Ich habe nicht gewusst, dass du mich überhaupt bemerkt hast.« Und irgendwie komme ich mir jetzt wie ein Spanner vor.
   Er winkt ab. »Ich bin froh darüber. Du interessierst mich. Das mit dem Sport war nur der Auslöser.«
   Ich sehe zu Boden und stoße mit der Schuhspitze einen Stein weg. »Ich habe mir mal eine Zeit lang vorgenommen, dich nicht mehr anzustarren, aber ich bin kläglich gescheitert. Du scheinst meine Blicke magisch anzuziehen. Und ich war jedes Mal so hin und weg, wenn ich dich sah, dass ich einfach nicht darauf verzichten konnte, dich anzusehen.«
   Er stellt den Picknickkorb auf das Dach seines Autos und kommt wieder zu mir. »Ich bin froh darüber. Sonst wären wir heute wahrscheinlich nicht hier.«
   Ja, weil er mich von allein nie bemerkt hätte. Weil ich so gut darin bin, unauffällig zu sein, dass mich kaum jemand bemerkt, von dem ich nicht bemerkt werden will. Von Cole hatte ich bemerkt werden wollen, aber darin habe ich weitaus weniger Übung. Irgendwie enttäuscht es mich, dass er mich nicht von allein bemerkt hat. Ich hätte mehr von ihm erwartet. Huch, wo kam das denn her? Ich habe nicht das Recht, irgendetwas von ihm zu erwarten. Ich bin nicht viel ohne das alles hier. Da bleibt kaum etwas übrig. Ich sollte froh sein, dass er mich überhaupt bemerkt hat, warum also bin ich es nicht?
   Er merkt, wie verlegen ich bin, und lässt mich erst einmal in Ruhe. Er holt zu dem Korb eine Decke aus dem Auto und legt sie auf den schmalen Streifen Gras am Wegrand. Ich frage mich, ob er das immer so macht. So wahnsinnig romantisch sein, und so heiß küssen und all das. Was mich auf eine Idee bringt. »Du hast aber keinen Freund, oder?«
   Wahrscheinlich hat er einen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er keinen hat. Schließlich ist alles an ihm die pure Verheißung auf mehr.
   Als er aufsieht und es mir richtig übel zu nehmen scheint, dass ich die Frage überhaupt gestellt habe, fällt mir ein Stein vom Herzen. Es gibt niemanden.
   »Nein, habe ich nicht. Wie kommst du auf die Idee, dass ich mit dir ausgehen würde, wenn ich einen hätte?«
   Wie kommst du auf die Idee, dass ich mit dir ausgehen würde und Schluss. Das ist es, was ich eigentlich meine.
   »Ich suche nach Gründen, die dich dazu bewogen haben könnten, mit mir auszugehen, noch dazu, wo mir mein Vater im Nacken sitzt.«
   Er wirft die Hände in die Luft. »Du bist manchmal so ein Vollidiot!«
   Oh, danke, das bekomme ich nicht oft genug zu hören.
   Er steht auf und baut sich in seiner ganzen Größe vor mir auf. So wirkt er richtig einschüchternd. »Wann kapierst du es endlich, Leo? Du bist interessant, du siehst gut aus, und du bist klug. Warum also sollte ich nicht mit dir ausgehen wollen?«
   Soll das ein Scherz sein? Mir fallen sicherlich tausend Gründe ein, warum er es nicht sollte. Zuallererst einmal ist er viel angesagter, sieht um ein Vielfaches besser aus als ich, und die Sache mit meinem Vater macht es nicht gerade einfach, auch nur mit mir befreundet zu sein, geschweige denn, eine Beziehung zu führen. Er ist viel erfahrener als ich in Beziehungsdingen. Verdammt, ich hatte noch nie einen festen Freund. Wenn es nach meinen Eltern ginge, würde ich irgendein nettes Mädchen aus unserem Viertel heiraten und Kinder kriegen. Und das zwingend in dieser Reihenfolge. Sex vor der Ehe – oder mit einem Mann – ist darin nicht vorgesehen.
   Es gab also genug Gründe, die gegen eine Beziehung zwischen Cole und mir sprechen– und ich kann immer noch nicht fassen, dass ich inzwischen schon so weit bin, um von einer Beziehung mit Cole Mackintosh zu reden. »Ich hatte noch nie einen Freund. Auch keine Freundin, falls du das jetzt fragen willst. Und du willst doch sicherlich mehr von mir als nur reden.« Ich habe Angst, ich könnte seinen Ansprüchen nicht genügen. Mein Herz fliegt ihm zu, und ich will nicht, dass es dauerhaften Schaden nimmt, weil er mich nur mal kurz zum Spielen braucht. Obwohl ich das eigentlich nicht von ihm erwarte. Ich möchte gerade bei ihm davon ausgehen, dass er mich um meinetwillen will, nicht der Dinge wegen, die ich ihm möglicherweise geben kann. Und vor allem will ich nicht fallen gelassen werden wie ein Sack Kartoffeln, wenn er hat, was er will. »Wenn wir das hier weitertreiben, wird daraus etwas Festes, und ich will nur, dass du das weißt. Falls du es dir also anders überlegst …«
   Er schüttelte heftig den Kopf. »Nein!«
   »Falls du es dir also anders überlegst«, fahre ich fort, »und entdeckst, dass ich dir nicht das geben kann, was du eigentlich willst, dann finde ich es nur fair, dir das vornweg zu sagen.«
   Er greift nach meiner Hand und zieht mich zur Picknickdecke, wo er wartet, bis ich mich hingesetzt habe. Er setzt sich so, dass er mir in die Augen sehen kann. »Ich will nur das von dir, was du zu geben bereit bist. Und Sex ist in der Hinsicht Nebensache, bis wir bestimmen, dass wir so weit sind.«
   Okay, also entweder stecke ich jetzt den Kopf in den Sand und warte, bis der Sturm vorbei ist, oder ich lasse mich mitziehen. Ich glaube, ich werde mich mitziehen lassen. Vor allem, wenn es bedeutet, dass sich Cole weiterhin für mich interessiert. »Okay.« Damit kann ich leben.
   »Gut.« Er lehnt sich ein Stück zurück. »Und jetzt sei endlich still und iss!« Er drückte mir ein Sandwich in die Hand.
   Käse, Wurst, Salat. Sandwich mag ich wirklich. Ich sehe ihn noch einmal prüfend an und lächele. Dann beiße ich hinein. Das ist das beste Sandwich meines bisherigen Lebens. »Sag mal, hast du noch so eins?« Ich will nicht verfressen erscheinen, aber die Dinger sind genial. »Die sind total lecker!«
   »Habe ich!«, meint er grinsend, legt sein eigenes Sandwich zur Seite und greift in den Picknickkorb, um mir noch eines herauszuholen. »Die habe ich selbst gemacht.«
   Cole sieht also nicht nur klasse aus und hat Grips, er ist auch noch der ultimative Sandwichfabrikant. Man muss ihn einfach lieben.
   »Ist in Ordnung, sie sind trotzdem lecker.«
   Er lacht und stößt gegen meine Schulter. »Blödmann«, meint er, aber es klingt liebevoll.
   Das Honigkuchenpferdgrinsen legt sich auf mein Gesicht und wird dort zementiert. Kann natürlich auch Einbildung sein, aber an so was denkt ja keiner.
   Wir sitzen so dicht beieinander, dass sich unsere Körper berühren. Cole tastet nach meiner Hand, findet sie und hält sie fest. Ich bin im siebten Himmel.
   »Warte kurz.« Er hält die Hand mit der Armbanduhr. Es tut mir fast leid, dass ich wissen muss, wie spät es ist.
   Cole lässt mich unwillig los, damit ich auf meine Uhr gucken kann.
   »Wir haben jetzt so lange geredet, dass wir schon losmüssen«, meine ich bedauernd und sehe wieder auf. Sein Blick hängt an meinen Lippen.
   »Hm«, ist seine Antwort. Toll. Geistig abwesend.
   »Cole!«
   »Küss mich, Leo. Bitte!« Seine Stimme klingt so verträumt, dass ich keine Sekunde darüber nachdenke.
   Ich strecke mich, um seine Lippen zu erreichen und drücke meine Lippen darauf. Er zieht mich an sich, eine Hand wandert in meinen Nacken, die andere auf dem Rücken. Sein Geschmack ist herber durch das Essen, aber nicht weniger köstlich als vorher.
   Ich schließe die Augen und verliere mich in ihm.
   Wenigstens einer von uns ist noch vernünftig, aber das bin nicht ich. Cole beendet unseren Kuss, aber erst, als er schon halb auf mir liegt. Nicht, dass ich Einwände dagegen erheben würde, aber wir müssen zurück. Ich muss zurück, um der Gefahr, die mir durch meinen Vater droht, zu entgehen.
   »Ich will nicht, dass du meinetwegen Schwierigkeiten bekommst«, sagt er und zieht mich hoch. Er schnappt sich den Korb und stellt ihn wieder in den Kofferraum, während ich die Decke aufhebe und zusammenfalte. Besonders ordentlich ist es allerdings nicht, ich hänge immer noch dem Kuss nach.
   »Okay, gut. Steig ein!«
   Diesmal ist keine Zeit mehr für Galanterie, deswegen bin ich schnell im Wagen, er ebenso. Kaum sind wir angeschnallt, geht es los. Cole übertritt auch diesmal nicht die Geschwindigkeitsbegrenzung, aber ich muss mich zusammenreißen, um ihn nicht dazu aufzufordern. Mit jeder Meile, die wir uns der Schule nähern, werde ich angespannter. Was, wenn Dad von dem Vorfall in der Turnhalle erfahren hat? Wenn er mich jetzt dafür bestrafen will?
   Oh Gott, ich habe Angst.
   Na ja, allerdings wäre es in diesem Fall nicht seine Art, mich von der Schule abzuholen, weil Mom dadurch erfahren würde, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht ist etwas Schlimmes passiert, dafür würde er mich auch abholen kommen.
   Als wir das Ortseingangsschild passieren, bin ich so weit, mir einen unverhofften Todesfall bei einem meiner zahlreichen Großonkel und Tanten zu wünschen. Schrecklich, nicht wahr? Und dabei mag ich sie alle.
   Es sind noch zwei Minuten bis sechs. Zwei Minuten. In denen ich es dank Coles Fahrkünsten auch tatsächlich zur Schule schaffe.
   Als wir auf das Schulgelände fahren, bin ich halb tot vor Angst. Die Unbeschwertheit, die ich vorhin mit Cole empfunden habe, hat sich in Luft aufgelöst, obwohl wir immer noch in seinem Auto sitzen.
   Jetzt, wo wir hier sind, weiß ich nicht, was ich machen soll. Ich kann nicht mal so eben bei Gartenbau auftauchen und so tun, als wäre ich von Anfang an dabei gewesen. Ich kann mich vielleicht vor die Tür stellen, hoffen, dass mich niemand sieht, und dort warten, bis mein Vater mich aus welchen Gründen auch immer holen kommt. Ich atme tief durch, um Kraft zu sammeln. Dann greife ich zum Türgriff. »Okay, ich gehe rein.«
   Cole hält meine Hand. Sein Gesichtsausdruck ist verkniffen. »Es war toll mit dir. Danke.« Schon will ich aussteigen, doch er hält mich zurück. »Soll ich mitkommen?«
   Oh, ich will so sehr, dass er das tut. Damit ich nicht allein dort drinnen herumsitzen und mir den Kopf darüber zermartern muss, was mein Vater von mir will.
   Moment. Kennt mein Vater die Leute aus dem Gartenbaukurs überhaupt? Nein! Und Cole ist Schüler dieser Schule, genau wie ich, da wird er ja wohl um sechs abends noch dort herumhängen dürfen, oder etwa nicht?
   »Ja. Bitte, komm mit.«
   Er drückt meine Hand, dann lässt er sie los, um auszusteigen. »Na dann, lass uns gehen. Ich hole deinen Rucksack.«
   Der Typ ist so süß. Einen solchen Gentleman habe ich lange nicht mehr getroffen, seit … Na ja, eigentlich noch nie. Ich steige aus, und schon steht er mit dem Rucksack neben mir.
   »Wir schaffen das.« Er legt mir eine Hand auf den Rücken, um mir Trost zu spenden, und geht Richtung Schulhaus, wobei er mich mitzieht.
   Ich halte Ausschau nach dem Auto meines Vaters. Wenn er schon hier sein sollte und mich kommen sieht, bin ich verloren. Zum Glück entdecke ich ihn nirgendwo. Ich hole mein Handy raus und schreibe Val. Bin gleich drinnen. Kommst du zu mir raus und gibst mir Deckung?
   Die Antwort kommt Sekunden später. Er ist noch nicht da, treffen uns vor GB-Zimmer. GB steht für Gartenbau. Okay. Val ist eine echt zuverlässige Freundin. Ich muss ihr bei nächster Gelegenheit mal einen ausgeben.
   »Valerie wartet drinnen auf uns. Sie hat mir heute Deckung gegeben.«
   Er sieht mich fragend an. »Brauchst du mich dann noch?«
   Der Himmel verhüte, dass er geht! »Ja!« Val ist keine besonders enge Freundin. Andererseits hat er jetzt sicherlich Besseres zu tun, als mit mir abzuwarten, dass mein Vater kommt. »Wenn du was anderes zu tun hast, kannst du auch gehen …« Meine Stimme verliert sich in der Dämmerung.
   Er schiebt sein Kinn vor. »Nein. Ich habe bis um sieben Zeit eingeplant, um mit dir zusammen zu sein. Und hör endlich auf zu denken, ich würde dich als Nebensache betrachten. Ich dachte, das hätten wir vorhin geklärt.«
   Ja, das haben wir tatsächlich, aber ich kann einfach nichts gegen die Unsicherheit tun, die sich jedes Mal zu Wort meldet, wenn es um Cole geht. Wenn es um irgendwelche Dinge außer Literaturgeschichte geht, denn – wie gesagt – darin bin ich richtig gut.
   Das Schulgebäude kommt mir groß und unheimlich vor, als wir hineingehen. Die Schließfächer werfen Schatten auf den schülerleeren Flur, und das elektrische Licht flackert. Hinten im Gang fällt eine Lampe aus.
   Ich bin froh, dass wir in die andere Richtung müssen.
   Cole muss es mir anmerken, denn er mustert mich von der Seite. »Alles in Ordnung?«
   »Ja.« Ich bin schließlich keine fünf Jahre mehr alt, habe also keinen Grund, mich vor allem zu fürchten. Trotzdem rücke ich – unauffällig, wie ich hoffe – näher an ihn heran. O Gott, wenn ich das heute überstanden habe und abends in meinem Bett liege, ohne dass mein Vater noch irgendwas Unvorhergesehenes tut, hast du echt was gut bei mir, Gott. Vermutlich sollte ich nicht immer in meinem Kopf mit Ihm reden, vor allem nicht so formlos, aber schließlich liebt Er doch die Menschen als seine Schöpfung, nicht wahr? Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass Er nicht auch von anderen ähnliche Gedanken empfängt. Immerhin ist er immer und überall, alles, was einen umgibt.
   Mein Verständnis von Gott ist vielleicht etwas seltsam. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Er nur tatenlos im Himmel herumsitzt und sich das Geschehen auf der Erde ansieht. Und leider weiß ich aus Erfahrung, dass er nicht immer und überall eingreifen kann, sondern manchmal genauso tatenlos zusehen muss wie wir Menschen. Es könnte keine so reine gute Macht geben, wenn es nicht ebenso eine verdorbene, böse Gegenseite gäbe, die uns Menschen ebenfalls beeinflusst. Sonst gäbe es keine Obdachlosen und erst recht keine Marktwirtschaft. Das ist irgendwie eine Kalkulation, die eine Ausnutzung einer gewissen Partei miteinschließt. Wie bei einigen Sekten, und so überlege ich mir schon manchmal, ob Er wirklich gewollt hat, dass wir Seinen Willen so deuten, oder ob das nicht vielmehr Sein Gegenspieler gewesen sein könnte.
   Ich schweife vom Thema ab, um nicht an das Kommende denken zu müssen, weil mir vor der Vorstellung graust, Dad könnte seine eigenen Regeln gebrochen haben.
   Was er prinzipiell schon getan hat, weil er mich abholen kommt. Hoffentlich ist er noch nicht da. Ich beschleunige meine Schritte.
   Cole muss meine Anspannung spüren, denn er sagt nichts und verlangt so auch nicht von mir, mit ihm zu reden. Wäre jetzt eh nicht viel Sinnvolles dabei, was ihn auch interessieren würde. Meine Gedanken geraten gern auf Abwege, wenn ich mich ablenken will oder intensiv über ein Thema nachdenke. Oder etwas nicht hören will. Aber die Anwesenheit dieses großen, starken, unglaublich heißen Footballspielers an meiner Seite gibt mir eine gewisse Sicherheit, zumal er sich meinen Schritten anpasst wie ein Schatten. Er gibt mir Rückendeckung und macht das Schulgebäude allein durch seine schiere Präsenz viel weniger angsteinflößend.
   Das Gewächshaus der Schule ist in einem abgelegenen Flügel untergebracht. Ich kann den Lichtschein schon sehen. Es sind keine Schritte zu hören, keine Stimmen, dazu sind wir noch nicht nahe genug dran. Gerade sind wir in dem Gang, der der Cafeteria am nächsten ist. Hier haben die meisten der angesagten Leute ihren Spind. Es geht nichts über ein ordentliches Klassensystem. Hier oben, das ist die Spitze der Pyramide.
   Der Lichtschein wird stärker, je näher wir kommen. Ich bekomme fast einen Schock, als wir um die Ecke biegen und jemand im Licht steht.
   »Hey!«
    Ich war noch nie so froh, Valeries Stimme zu hören. Einen Moment lang habe ich tatsächlich geglaubt, wir wären zu spät und es könnte mein Vater sein. »Hey«, sage ich.
   Sie kommt näher, und ein Grinsen breitet sich auf ihrem Gesicht aus, während sie Cole ungeniert mustert. »So ist das also!«
    Vergessen ist die Skepsis von heute Vormittag. Ich bin viel zu überrascht, um irgendwas zu tun. Gut, sie hat mich gedeckt, aber dass sie es so schnell akzeptiert, hätte ich nicht gedacht.
   Er hebt eine Augenbraue. Und dann wendet er sich unglaublicherweise an mich. »Willst du mich nicht vorstellen, Leo?«
    Ach, Scheiße! Ich wusste, dass ich was vergessen habe. Bloß gut, dass es hier dunkel ist. So sieht er nicht, wie ich rot werde. »Tut mir leid.« Ich stolpere fast über die Worte, so, wie sich meine Zunge verknotet. »Val, das ist Cole.« Mehr traue ich mich nicht zu sagen. Ich vergesse sogar einen Moment, dass mein Vater bald kommt. »Cole – Valerie Tucker.«
   Die beiden schütteln sich die Hände.
   »Freut mich«, sagt Cole.
   Val nickt, und ich halte den Atem an. Was wird sie sagen? »Ja, mich auch.« Sie akzeptiert es offensichtlich.
   Danke. Ich erinnere mich an die Situation, derentwegen ich hergekommen bin und sehe auf die Uhr. Wir haben noch ein bisschen Zeit.
   »Und du bist mit Leo in Gartenbau?«, fragt Cole sie unterdessen.
   Val nickt. »Ja, es macht eigentlich echt Spaß. Ich arbeite gern mit Pflanzen.« Sie erwartet offensichtlich eine Aussage von mir.
   »Ja, ich mach das auch gern. Es ist entspannend. Aber im Gegensatz zu dir«, ich nicke Val zu, »mache ich das, weil es mich interessiert, wie das alles funktioniert. Also praktisch als erweiterte Form von Bio.«
   Val sieht mich seltsam an.
   Ich blicke mich um. Da ist nichts. Nichts anderes als sonst jedenfalls. »Was? Habe ich was im Gesicht?« Ich hebe die Hand und fühle nach.
   Sie schüttelt den Kopf. »Nichts Besonderes. Ich habe nur gerade daran gedacht, dass ich seit Anfang des letzten Jahres mit dir in diesem Kurs bin, und nie wusste, dass du dich wirklich dafür interessierst und nicht nur …« Sie verstummt.
   … hier bist, um nicht nach Hause zu müssen. Ich weiß, was sie denkt. Ich zucke mit den Schultern. Zum ersten Mal stört mich die Wahrheit nicht, weil Cole bei mir ist. »Ja, schon seltsam.«
   Cole legt mir eine Hand auf die Schulter und drückt kurz zu. Ich hoffe, das heißt, dass er gut findet, wie ich mich verhalte. Dann lässt er wieder los und tritt ein Stück von mir weg.
   Val sieht mich immer noch an und schüttelt dann den Kopf. »Krass.«
   »Leo!« Die Stimme meines Vaters erklingt hinter mir, und ich muss an mich halten, um nicht zusammenzuzucken. Gerade noch schnell genug drehe ich mich um und sehe ihn an. »Hallo, Dad.«
   Obwohl Cole nicht mehr so eng neben mir steht, spüre ich, wie er sich versteift. Ich gehe ein Stück von meinen Freunden weg und auf ihn zu. Mein Vater steht im kalten Licht der Neonlampen und sieht auch hier aus, als wäre dies sein Eigentum. Ich bin froh, dass Cole und Val in meinem Rücken stehen, so habe ich wenigstens das Gefühl, Verstärkung zu haben. Seltsam, dass ich vor meinem Vater Angst haben muss.
   Er kommt näher. »Komm, Leo.« Er bewegt den Kopf ruckartig zur Seite in die Richtung, aus der er gekommen ist. »Wir müssen los.« Natürlich bittet er mich nicht, sondern befiehlt wieder.
   Ich werfe einen fast hilflosen Blick zurück zu Cole und Valerie. »Tja, dann … macht’s gut, Leute. Bis morgen.«
   Wenn mein Vater es eilig hat, ist nicht mit ihm zu spaßen, und er scharrt schon beinahe ungeduldig mit den Füßen.
   Coles Blick ist nicht zu deuten, als ich ihm in die Augen sehe, aber Val hebt zum Abschied die Hand, und schließlich tut er es ihr gleich.
   »Ja, mach’s gut. Bis morgen.«
   »Tschüss.«
   Ich habe tolle Freunde.
   Ich winke ihnen ein letztes Mal zu und eile meinem Vater hinterher, der so viel Geduld nicht mehr aufbringen konnte und vorgegangen ist. Ich hole ihn einen Gang später ein. »Was ist los, Dad? Warum holst du mich ab?« Ich muss ihn nicht erst darauf hinweisen, dass er das sonst nie tut, das weiß er selbst, aber ich will wissen, warum. Das Herz schlägt mir beinahe bis zum Hals.
   »Deine Tante Gretel ist gestorben. Deswegen will dich deine Mutter zu Hause haben.«
   Ja, sicher will sie das. Und vermutlich will sie es mir auch exakt genauso sagen, wie er es gerade getan hat.
   Das Scheußliche ist, dass ich fast erleichtert bin, weil es nichts ist, was er mir anlasten könnte. Leute zum Sterben bringen kann selbst ich nicht.
   Allein, weil ich das denke, fühle ich mich schrecklich. Und dann dringt zu mir durch, um wen es geht. Meine Hände fangen an zu zittern, und ich stecke sie zu Fäusten geballt in die Jackentaschen. »Das tut mir leid.«
   Ich mochte Tante Gretel wirklich. Sie war Moms älteste Halbschwester, und sie lebte unten in New York, allerdings außerhalb der Metropole. Sie war immer schrecklich nett zu mir, und es gab immer selbst gebackene Kekse oder Kuchen. Ich werde sie vermissen. Wir waren zwar der Entfernung wegen nicht besonders oft bei ihr – Dad schätzt Inlandsflüge nicht –, aber wenn wir doch einmal da waren, dann hatte ich immer das Gefühl, dass sie mich versteht. Ihr Mann Harry ist vor drei Jahren gestorben, und sie war furchtbar traurig. Als wir gekommen sind, was nach der Beerdigung war, denn an einem Wochentag konnten sich Mom und Dad nicht so kurzfristig freimachen, gab es das erste Mal, seit ich sie kannte, kein Gebäck. Sie hat den ganzen Tag geweint und war auch sonst schrecklich traurig, egal, was Mom gesagt hat. Deswegen sind wir früher als gewöhnlich wieder nach Hause gefahren, obwohl ich schrecklich gern noch geblieben wäre, um sie wenigstens ein bisschen aufzumuntern.
   Wenigstens ist sie jetzt wieder bei ihrem Harry. Vielleicht wohnen sie im Himmel in einem hübschen Haus mit einer tollen Küche, damit sie wieder Kuchen backen kann.
   Mein Innerstes fühlt sich ganz aufgedunsen an. Irgendwie sitzt ein dicker Kloß in meiner Kehle, der nicht verschwinden will, und das Schlucken fällt mir schwer.
   Meine Tante war einfach noch nicht alt genug zum Sterben. Ich mochte sie wirklich gern, und sie hat immer nach Mehl und Vanillezucker gerochen. Und auch, wenn sie jetzt da oben glücklich ist, hätte ich sie gern noch hierbehalten. »Wie ist sie denn gestorben? Sie war doch noch ganz gesund, als wir das letzte Mal bei ihr waren …« Meine Augen brennen, und eine verdächtige Flüssigkeit will unbedingt ihren Weg nach draußen suchen. Tante Gretel war immer da, seit ich denken kann, wie kann sie jetzt einfach weg sein?
   »Sie hatte einen Autounfall. Es war nicht ihre Schuld, sie ist auf einer Landstraße unterwegs gewesen, und ein Lastwagen kam ihr entgegen. Der Fahrer war stark übermüdet und hatte wahrscheinlich auch getrunken. Er ist von der Spur abgekommen und frontal in ihr Auto reingekracht. Sie war sofort tot.«
   Ich frage mich, ob ein schneller Tod besser ist, als am Leben festzuhalten, solange man kann. Aber so, wie Dad es sagt, hat sie wenigstens nicht gelitten. Wut auf den Lkw-Fahrer überkommt mich. Wie kann jemand so dumm sein, übermüdet und mit Alkohol im Blut noch zu fahren?
   Meine Fingernägel graben sich in mein Fleisch, und ich lockere die Fäuste, weil ich befürchte, es könnte sonst bluten. Wie kann man nur so dämlich sein?
   Andererseits macht sich der Typ, wer und wo auch immer er jetzt ist, bestimmt selbst genug Vorwürfe, aber das mildert meine Wut nicht.
   Dad hat nicht einmal bis zur Ausgangstür gewartet, bis er mir das mitgeteilt hat, sodass wir erst jetzt am Auto ankommen. Er steigt ein und erwartet natürlich, dass ich das gleiche tue, also setze ich mich auf den Beifahrersitz.
   Schweigend legen wir den Weg nach Hause zurück. Er schaltet nicht einmal das Radio an, um die Stille zu füllen, was mir zeigt, dass es ihn doch mitnimmt, dass Gretel einfach so nicht mehr da sein soll. So plötzlich.
   Mein Gehirn weigert sich immer noch, das vollends zu begreifen, bis mir klar wird, dass sie nie mehr in ihrer Küche stehen und backen wird, und dass ich nie mehr ihren Duft nach Vanille und Mehl einatmen kann. Dass sie einfach nicht mehr da ist.
   Unwillkürlich denke ich an ihr Haus, wie leer es jetzt sein muss, ohne sie, nachdem Harry doch auch schon fort ist. Wer wird all ihre Sachen ausfüllen? Keiner meiner anderen Verwandten wohnt in New York. Ob jemand hinfahren wird und ihre Sachen wegräumt? Was wird aus dem Haus, wenn beide weg sind?
   Dad parkt in unserer Hauseinfahrt, diesmal ist es sein Auto, nicht Moms, das hinten steht. Was bedeutet, dass er morgen eher wegfahren wird als sie.
   Mom macht die Tür auf, bevor einer von uns seinen Schlüssel herausholt. Ihre Augen und ihre Nase sind rot, sie muss geweint haben. Sie schnieft und holt ein Taschentuch aus ihrer Strickjacke. Ihr Blick hängt am Gesicht meines Vaters und schweift nur kurz zu mir herüber, bevor sie wieder ihn ansieht. »Kommt rein.«
   Ich nicke und warte, bis Dad drinnen ist, bevor ich eintrete.
   Mom schließt die Tür hinter uns und schnaubt. »Leo, etwas Schreckliches ist passiert,« setzt sie an.
   Dad unterbricht sie, sanfter als gewöhnlich. »Er weiß es schon, Mae. Ich habe es ihm gesagt.«
   Sie schluckt und nickt, wirft einen Blick auf mein Gesicht. Wahrscheinlich ist sie froh, dass sie nicht selbst aussprechen muss, dass ihre Schwester tot ist.
   »Es tut mir leid, Mom«, sage ich. Obwohl sie so weit weg von uns wohnte, hatte meine Mutter Gretel sehr gern.
   Sie hätte sie wahrscheinlich auch gern viel öfter gesehen. Sie tut mir wahnsinnig leid, sodass ich zu ihr gehe und sie umarme. Mom bricht wieder in Tränen aus, sobald ich meine Arme um sie lege. Sie stützt sich auf mich.
   »Sieh mal, jetzt ist sie im Himmel mit ihrem Harry zusammen. Da kann sie bestimmt ganz wunderbar backen«, meine ich, um sie und auch mich zu trösten.
   Mom weint nur noch mehr, ihr ist jetzt wohl auch klar geworden, was es heißt, dass Gretel tot ist. Nämlich, dass sie nie mehr wiederkommt. Ich streiche ihr sacht über den Rücken, und sie schlingt ihre Arme um mich, als würde sie einen Rettungsanker brauchen. Sie hält mich so fest umschlungen, dass ich spüre, wie sich die verschorften Wunden bewegen und meine Kleidung unangenehm an ihnen kratzt.
   Dad schiebt sich wortlos an uns vorbei, vermutlich, um Abendessen zu machen.
   »Es ist alles gut«, sage ich, obwohl natürlich nichts gut sein kann, solange Gretel nicht plötzlich wieder lebendig wird. Was leider selbst im besten Fall unwahrscheinlich ist.
   Mom schluchzt, doch ihre Tränen trocknen langsam, und sie umarmt mich einfach nur noch. Ich weiß, dass sie eine Stütze braucht, und ich komme nicht umhin, zu denken, dass das eigentlich Dad sein sollte, aber ich brauche sie auch. So nah bei mir ist sie viel zu selten. Von Dad hätte ich gern Anerkennung, denn ich weiß, dass er dann aufhören würde, mich zu schlagen, aber von meiner Mutter hätte ich vor allem gern mehr …
   Na ja, ich weiß nicht recht. Sie liebt mich, aber sie sagt es so selten. Und sie ist eher zurückhaltend, was offene Gefühlsbekundungen angeht. Sie hätte mich nicht umarmt, nicht von sich aus, wenn ich es nicht zuerst getan hätte. Ich lege den Kopf auf ihre Schulter. »Ich habe dich lieb, Mom. Und ich bin für dich da«, sage ich in den Raum hinein.
   Als es still bleibt, fühle ich mich zurückgewiesen. Enttäuscht. Vielleicht ist sie noch zu verschnupft, um zu antworten, will ich mir gern einreden. Vielleicht aber auch nicht, wie mir eine Stimme in meinem Hinterkopf zuflüstert. Ich kann mir einfach nicht sicher sein. Ich muss allen anderen immer beweisen, dass ich würdig bin, ihre Zuneigung zu empfangen. Ich sehe zwar, dass meine Eltern einander lieben, dass sie auch Ally lieben, sie schicken ihr auch immer Karten zu den Festtagen, aber ich bin nicht sicher, ob noch was für mich übrig bleibt, oder ob ich nur Mittel zum Zweck bin, um einen Stammhalter zu haben.
   Trauer und Selbstmitleid drücken mich nieder, und es wird noch schlimmer, als sich Mom von mir löst. Ihre Augen sind noch immer tränenverhangen. Sie sieht mich lange an, sieht mir in die Augen. Ich frage mich, was sie wohl sieht, ob sie meine Traurigkeit erkennen kann. Ich hoffe, dass sie es diesmal sagen wird.
   Sie öffnet den Mund, und meine Nerven sind zum Zerreißen angespannt. »Du bist ein guter Junge, Leo.« Ihre Augen sind immer noch traurig, Tränenspuren zerfurchen ihr Gesicht gemeinsam mit den ersten Falten.
   Seltsamerweise kann ich … Schuld in ihnen lesen. Was? Warum?
   Dann dreht sie sich um und folgt Dad in die Küche. Erst jetzt nehme ich wahr, dass er bereits mit dem Geschirr hantiert, also gleich fertig sein muss.
   Ich bin wie betäubt. Meine Füße bewegen sich wie von selbst in die Küche. Mein Gesicht ist eingefroren, ich kann mich einfach nicht dazu bringen, die Mundwinkel nach oben zu ziehen. Ich müsste sie mit Gewalt festnähen. »Kann ich euch noch was helfen?«
   Die Frage klingt selbst in meinen eigenen Ohren hohl. Ich bin schließlich auch nur ein Gefäß, das sie mit irgendetwas füllen, was ihrer Meinung nach wichtig ist, wie sollte es da anders sein? Es ist schon so, wie ich denke: Ich erfülle einen Zweck. Sie überlegen wahrscheinlich nicht einmal, wie es mir geht. Ich frage mich zum ersten Mal, ob ich überhaupt ein vollwertiges menschliches Wesen für sie bin oder nur ein Objekt.
   »Nein danke, Leo. Setz dich schon mal. Es dauert nur ein paar Minuten.«
   Los, ihr Füße, bewegt euch, nehmt euren Platz ein, tut so, als wäre nichts gewesen. Ich bin ein guter Junge, genauso, wie meine Mutter gesagt hat, und setze mich an meinen Platz. Von hier aus kann ich das Fenster sehen. Ich starre in die Dunkelheit. Unser Grundstück ist von einer hohen Koniferenhecke umgeben, also scheint nicht einmal das Licht der Straßenlaterne in den Spalt zwischen unserem Haus und dem der Nachbarn.
   Dad reicht mir einen Teller. Ich achte nicht darauf, was es heute gibt, sondern stelle ihn vor mich hin und warte, bis die anderen Platz nehmen. »Danke.« Das Wort sollte widerhallen, so leer, wie ich mich fühle.
   Meine Eltern setzen sich fast zeitgleich.
   »Guten Appetit!« Meine Mutter.
   »Guten Appetit, Schatz.« Mein Vater.
   »Danke gleichfalls.« Ich.
   Dann sagt niemand mehr etwas, die Phase des Essens hat begonnen. Ich nehme eine Gabel voll Kartoffelsalat von meinem Teller und stecke sie in den Mund. Eigentlich mag ich Kartoffelsalat, aber heute schmeckt er wie Plastik. Geschmacklos. Unpersönlich. Es könnte genauso gut ein anderer hier sitzen, an meinem Platz, mein Essen vertilgen, in meinem Zimmer wohnen. Meinen Eltern wäre es egal.
   Ich leere meinen Teller tief in Gedanken versunken und warte ab, bis meine Eltern fertig sind, hole mir dann die Erlaubnis, aufzustehen. Ich nehme mein Geschirr mit, das ich in den Geschirrspüler räume. Genauso das Glas und das Zeug, das ich sonst noch rumstehen sehe. Meine Eltern unterhalten sich über was auch immer.
   Ich gehe in mein Zimmer, natürlich nicht, ohne mich zu verabschieden, klaube das Schlafzeug aus meinem Bett und gehe ins Bad. Der Junge, der mir aus dem Spiegel entgegenblickt, hat keine Augen, sondern Abgründe, tief und dunkel. Er wirkt meilenweit entfernt und unendlich traurig, sodass mir beinahe schwindlig wird. Dunkle Ringe unter den Augen, das Haar zerzaust, die Lippen noch immer ein wenig geschwollen von Coles Küssen. Nicht einmal das haben sie gemerkt.
   Ich wende den Blick ab, während ich Zähne putze, und sehe nicht mehr in den Spiegel, bis ich auf den Flur trete. Ich packe mechanisch wie ein Roboter mein Schulzeug für morgen zusammen und lege Sachen auf meinen Schreibtischstuhl.
   Dann mache ich das Licht aus und ziehe die Rollläden zu. Lege mich aufs Bett und starre an die Decke. Etwas Nasses, Kleines rinnt aus meinem Augenwinkel. Die Tränen benetzen mein Kissen. Ich schließe die Augen, um nicht mehr denken zu müssen.

4

Ich hasse meinen Wecker. Wecker allgemein. Sie reißen dich aus dem Schlaf, und dann müssen sie auch noch so richtig piepsig und schrill klingen, so durchdringend, dass dich das Geräusch den ganzen Tag lang verfolgt. Mein Wecker lässt sich durch einmaliges Draufdrücken anhalten, aber wenn ich ihn danach nicht ausschalte, klingelt er alle fünf Minuten wieder. Ich schlage die Augen auf und greife so schnell wie möglich nach dem Ursprung des schrillen Piepens. Drücke drauf, und es kehrt wieder Ruhe ein.
   Ein neuer Tag bricht bald herein, der weit uns bringen soll … Auld long sine. In der Beziehung haben die Schotten schon recht. Ich werde mich wohl oder übel aus dem Bett schwingen müssen.
   Meine Beine erledigen das fast von allein, dann kommt der Rest von mir nach. Ich verschwende keinen Gedanken mehr daran, wie ich gestern Abend ins Bett gegangen bin, meine Gedanken sind schon in der Schule. Wenn ich heute Cole wiedersehe, wie wird er reagieren? Mir fällt jetzt erst auf, dass wir gestern nicht einmal Handynummern getauscht haben.
   Ich nehme die bereitgelegten Sachen und gehe ins Bad. Als ich angezogen herauskomme, höre ich meine Eltern in der Küche hantieren. Sie stehen beide eher auf als ich, weil sie früher auf Arbeit sein müssen. Roys Vater arbeitet zu Hause, er ist angestellt in einer Firma für Programmiertechnik. Die haben nur einen formellen Stammsitz, eine Wohnung irgendwo in New York, damit sie fachgerecht Steuern zahlen können, aber eigentlich arbeitet jeder zu Hause. Laut Roy treffen sie sich ab und zu, um irgendwas zu besprechen, damit wenigstens ein bisschen persönlicher Kontakt besteht, aber sonst läuft alles online ab.
   Ich schaffe mein Schlafzeug in mein Zimmer zurück, mache das Bett und gehe runter. »Guten Morgen.«
   »Morgen Leo.«
   Das Licht in der Küche ist gedimmt, angepasst an unsere noch müden Augen. Ich esse mein Haferflockenmüsli mit Milch und zwei Stück Toast mit Marmelade, schaue auf die Uhr. Noch ein wenig Zeit, bis ich zum Bus laufen muss, selbst, wenn ich eher losgehe. Da war ich heute wohl schnell. Lieber zu viel Zeit als zu wenig.
   Ich stehe auf – beim Frühstück braucht man wochentags keine Erlaubnis – und räume wie immer mein Zeug ab. Dann verabschiede ich mich von meinen Eltern, die wie jeden Tag eher als ich das Haus verlassen werden. Mein Vater ist schon im Aufbruch inbegriffen. »Tschüss Dad!«
   Er nickt. »Bis heute Abend, Kleiner.« Das sagt er sonst nie.
   Ich ziehe verwundert eine Augenbraue hoch. Dad hat sich schon umgedreht und ist aus der Küche hinausgegangen. Er stößt im Flur gegen irgendetwas und flucht. Ich gebe meiner Mutter einen Kuss auf die Wange. »Tschüss Mom. Ich wünsche dir einen schönen Tag.«
   Wenn ich sie einfach lieb genug für uns beide habe, dann fällt vielleicht nicht auf, dass sie nie das erwidert, was ich hören will.
   Sie streicht mir über den Kopf. »Dir auch einen schönen Tag, Leo.« Immerhin etwas. Aber es ist nicht genug, wenn man immer auf diese Weise hingehalten wird.

Roy steht schon an der Bushaltestelle. Heute mit den Chinesen. Ich sehe ihn schon von Weitem, die roten Haare sind unverkennbar. Die Chinesen eigentlich auch, schließlich sehen sie gleich aus und sind eben zu zweit. Der Witz an der Sache ist, dass sie sich immer gleich anziehen, weil sie die Leute in die Irre führen wollen. Gerade bei unseren Lehrern gelingt ihnen das auch. Nur, wer die beiden gut kennt, kann sie unterscheiden. Man könnte sich auch einfach merken, dass Chen derjenige ist, der mehr redet, aber dafür müsste man jedes Mal hingucken, wenn einer von ihnen den Mund aufmacht, weil sie auch noch gleich klingen. Es sind nur Nuancen, die sie unterscheiden.
   Roy sagt etwas, und alle sehen zu mir herüber. Ich hebe die Hand, um zu winken. Meine Freunde mögen mich so, wie ich bin, da ist es nicht wie zu Hause, dass ich mich verstellen muss, am besten überhaupt keine Persönlichkeit zeige. Und in der Diskussion gestern ist wieder deutlich geworden, dass sie sich eben Sorgen um mich machen. Trotzdem. Manchmal hasse ich mein Leben. Vor allem nach der Episode gestern Abend.
   Ich fühle mich einfach noch nicht fit genug, um mich dem Tag zu stellen. Mental gesehen, meine ich. Es macht mich jedes Mal krank, wenn meine Eltern mir mal wieder nicht sagen, wie lieb sie mich haben. Wahrscheinlich haben sie mich einfach nicht lieb, dann gibt es wohl einen sehr plausiblen Grund dafür. Aber die Stille klingt jedes Mal nach. Es tut nie weniger weh, es ist eine offene Wunde, mit der ich leben muss.
   Als ich mit den anderen in der Schule ankomme – ich habe ihr Gerede kaum wahrgenommen und mich noch weniger daran beteiligt – sehe ich Cole, und er ist mein erster Lichtblick am heutigen Tag.
   Ich meine, ich will meinen Freunden gegenüber nicht mies klingen, aber ich bin immer noch verärgert, auch wenn ich weiß, dass das nachtragend ist. Im Moment kann ich einfach nicht von allen Seiten Kritik gebrauchen.
   Cole hebt den Arm, um zu grüßen.
   Ich winke zurück, ohne groß nachzudenken. Fast unmittelbar hinter mir ertönt ein Pfiff, und jemand reißt ebenfalls seinen Arm hoch. Ich drehe mich um und lasse die Hand langsam sinken.
   Scheiße, Cole hat diesen Typ gegrüßt. Nicht mich. Ich spüre, wie mein Gesicht flammend rot anläuft. Nur, weil es gestern ganz nett war und wir rumgeknutscht haben, heißt das nicht, dass Cole immer noch was von mir will. Oder mich grüßt. Auch, wenn ich es unglaublich fand und er auch nicht abgeneigt erschien, schließlich ging von ihm die Initiative aus. Vielleicht hat er den Versager in mir erkannt, als mein Vater gekommen ist, um mich abzuholen.
   Der andere trägt ein Footballhemd. Ich hätte es wissen müssen. Cole Mackintosh grüßt nicht mich, den namenlosen Streber aus dem Sportkurs. Scheint, als hätte ich gestern doch recht gehabt.
   Roy ist neben mir stehen geblieben und sieht mich forschend an. »Was ist denn, Leo?«
   Ich starre den Boden zu meinen Füßen an. »Cole hat nicht mich gegrüßt,« sage ich leise. »Er hat diesen Typen im Football-T-Shirt gemeint.«
   Roy hat den Anstand, nicht genervt von meinen Problemen das Gesicht zu verziehen. Vielmehr sieht er bekümmert aus. »Wie war denn dein Date gestern?«, fragt er leise.
   Die Leute um uns müssen nicht mehr als unbedingt nötig von meinem Privatleben mitbekommen. Roy, der das schon vor mir wusste, hält mich am Unterarm und lässt sich von der Menge mitziehen. Ich kann nicht anders, als ihm zu folgen.
   Die Chinesen sind im Gedränge verschwunden. Irgendwie bin ich mir ziemlich sicher, dass Roy der Richtige zum Reden ist. Ihn kenne ich sogar noch länger als die Chinesen, er ist mein bester Freund. Es wäre übertrieben, die Leute, die ich sonst so kenne, als Freunde zu bezeichnen. Einige sind nur lose Bekanntschaften, Leute, die ich eben in der Schule treffe und mit denen ich mich mal unterhalte.
   Als ich jünger war, habe ich noch geglaubt, dass alle, die mir begegnen, mir zumindest nichts Böses wollen – ich bildete mir ein, diesen Anspruch wohl haben zu können. Aber das Leben hat mich natürlich eines Besseren belehrt. Wie auch sonst. »Es war toll. Er hat mich an der Schule abgeholt, und wir sind picknicken gefahren.« Ich rede leise, sodass nur Roy es hören kann. Ein bisschen bedrängt fühle ich mich schon in dieser Menschenmenge. Ich sehe kurz zu Roy hinüber. »Er hat mich geküsst.« Wenn ich das nicht irgendwem erzählt hätte, wäre ich geplatzt.
   Roy sieht mich an und schweigt. Er überlegt offenbar, und ich werde unsicher. Wenn er so lange braucht, um was zu sagen, kann es nichts Gutes sein. »Dass er dich mag, war klar, wenn er dich zu einem Date einlädt, und dann gleich so etwas Intimes. Aber vielleicht ist ihm die Sache bei Tage betrachtet ein bisschen zu heikel …«
   Oh ja, etwas mit dem Streber von nebenan anzufangen, ist halt nicht jedermanns Ding …
   »Aber vor allem solltest du nicht so viel in diesen Gruß hineininterpretieren, ja, Leo? Ich meine, vielleicht hat er ja dich gegrüßt und der Typ hinter uns hat es nur falsch aufgefasst.«
   Ich traue mich jetzt erst, wieder zu ihm aufzusehen.
   Roy ist ein verdammt großer Karottenkopf. Er legt mir einen Arm um die Schultern und grinst. »Außerdem ist er bescheuert, wenn er dich gestern näher kennengelernt hat und dich trotzdem abschreibt.«
   »Genau, was für ein Mensch wäre ich denn dann?«
   Wir sind inzwischen im Schulgebäude, und es wimmelt immer noch vor lauter Menschen, aber diese Stimme hätte ich überall erkannt. Ich erwäge kurz, die Augen zuzukneifen wie die Heldinnen in diesen Kitschromanen es machen, in der Hoffnung, es wäre ein anderer, der vor mir steht – aber nein, das wäre feige und auf jeden Fall nicht männlich. Natürlich ist es Cole, der zu uns gestoßen ist.
   Ich räuspere mich. »Hey.«

ROY

Natürlich bin ich Luft für Cole Mackintosh, wie sollte es anders sein? Abgesehen davon, dass er mir gerade einen Riesenschrecken eingejagt hat, weil ich genauso wenig wie Leo gemerkt habe, dass er so dicht hinter uns ist, hat er mich nicht mal gegrüßt. Na gut, ich kenne ihn nur vom Sehen, und Cole ist die Legende unserer Highschool. Aber er will was von meinem besten Freund, da könnte er wenigstens »Hallo« sagen, oder?
   Er hat nur Augen für Leo, der schon rot angelaufen ist und offensichtlich nicht weiß, was er sagen soll. Es ist knuffig, wie er so dasteht, um Worte verlegen. Aber Leo ist in der Regel schon kein großer Redner, was soll er dann jetzt sagen?
   Ich beschließe, einzuspringen und strecke Cole die Hand hin. »Hey. Ich bin Roy. Leos bester Freund.« Bloß gut, dass da ein bester drin ist, sonst wäre das ganz schön zweideutig.
   Cole lässt seinen Blick kurz über mich gleiten und ein abwesender Ausdruck tritt in seine Augen, als er meine ausgestreckte Hand ergreift. »Hi. Cole«, stellt er sich vor.
   Als ob ich das nicht wüsste. Ich muss mir in Erinnerung rufen, dass Leo verdammt hardcore in diesen Kerl verknallt ist, ansonsten würde ich das nicht tolerieren und irgendeinen dummen Scherz darüber reißen. Darin bin ich gut. Aber für Leo ist Cole ein Engel. Er hat mir das mit dem Sportunterricht erzählt – ich war schon mehr als sauer, weil er hingegangen ist, da hätte sonst was passieren können – und ich muss zugeben, dass sich Mr. Ich-bin-so-Toll wirklich anständig verhalten hat. Vor allen Dingen, weil er Leo immer noch kaum kennt.
   Trotzdem, wenn sich zwischen den beiden was entwickeln sollte, hoffe ich, dass er Leo nicht genauso fallen lässt wie die anderen, von denen ich weiß. Leo hat es verdient, glücklich zu sein. Probleme hat er zu Hause schon genug.
   Es ist höchste Zeit, die beiden allein zu lassen. Zum Glück tickt die Schuluhr hinter uns laut und vernehmlich, sodass ich einen plausiblen Grund habe.
   Ich strebe meinem Klassenzimmer zu, um mich möglichst unauffällig auf meinen Platz in der Mitte der Klasse zu schieben. Es ist ein guter Platz, nicht zu weit vorn, wo einen die Lehrer ständig im Blickfeld haben und auch nicht zu weit hinten, wo sie einen auf dem Kieker haben. Wer sich zu weit hinten hinsetzt, wird sofort verdächtigt, abschreiben zu wollen. Na ja, ist irgendwie logisch. Die meisten machen es ja auch deswegen. Aber hier, wo ich sitze, ist es besser.
   Leo hat diesen Kurs zwar nicht mit mir zusammen, aber ich könnte wetten, dass er ganz vorn Platz nähme. Wo Cole wohl sitzen würde? Na ja, den mag ich nicht, er kann mir egal sein. Wie gesagt, im Gegensatz zu Leo bin ich eben nicht von seiner absoluten Unfehlbarkeit überzeugt.
   So ist das wohl, wenn man verliebt ist. Ich warte noch auf den Tag, an dem mir das passiert. Allerdings habe ich gleichzeitig Angst davor. Ich meine, Schmetterlinge im Bauch hatte ich schon ein paar Mal bei den verschiedensten Mädchen. Manchmal auch so ein komisches Gefühl bei … na ja … Jungs. Das ist mir peinlich, aber ich bin sicher, dass es nichts zu bedeuten hat. Wenn ich schwul wäre, wüsste ich es wohl. So wie Leo.
   Um wieder zum Verlieben zu kommen – und es ist sicher verständlich, dass ich darüber nicht allzu oft nachdenke, vor allem als Junge – ich bin mir nicht mal sicher, ob ich es überhaupt merken würde. Ich bin mir in der Beziehung meiner selbst nicht sicher. Eigentlich braucht das ein großes Leuchtschild wie die Reklame bei McDonald’s, damit auch Leute wie ich merken, was abgeht.
   Ich versuche, mich zur Ablenkung auf den Unterricht zu konzentrieren, aber das Thema interessiert mich nicht, zumal es staubtrocken ist. Das Einzige, worauf ich heute den ganzen Tag lang warten werde, ist die Mittagspause, wenn ich meine Freunde wiedersehen kann. Leo, und mal sehen, vielleicht treibt sich auch Cole wieder in unserer Nähe rum. Aber das geht schon zu ertragen, so ab und zu, und er macht Leo glücklich, das gönne ich meinem Freund.
   Und nach der Mittagspause werde ich wieder in staubigen Klassenzimmern hocken und mich fragen, wann uns die Schuluhr endlich in die Freiheit entlässt.

LEO

Ich habe Cole gesehen, er hat mich angesprochen. Unser Date gestern war nicht nur ein schöner Traum. Ich bin noch ganz hibbelig, als ich unsere Haustür aufschließe. Und ich konnte meine Erfahrungen mit Roy teilen. Es war so eine Erleichterung, mit jemanden darüber reden zu können. Ich meine, mir ist klar, dass er nicht schwul ist und immer einen anderen Blickwinkel auf die Dinge haben wird. Aber Roy ist mein bester Freund, er ist mir nahe, er sorgt sich um mich. Ihm ist wichtig, wie es mir geht und was mit mir passiert.
   Ich könnte hüpfen vor Freude.
   In der Schule musste ich mich ernsthaft zusammenreißen, aber hier? Es ist schließlich mitten in der Woche. Meine Eltern werden erst in ein paar Stunden nach Hause kommen. Ich habe das Haus ganz für mich allein. Ach was soll’s, ich werde mutig sein.
   Kaum, dass ich die Wohnungstür hinter mir geschlossen habe, mache ich einen kleinen Freudensprung. Und noch einen. Ein paar Sekunden später hüpfe ich wie ein Wahnsinniger. Wenn Dad jetzt heimkommen würde, würde er mir vermutlich den Hals umdrehen, aber das ist es mir wert. Ich muss mich einfach freuen.
   Ich hüpfe so lange, bis ich außer Puste bin. Hätte ich nicht gedacht, dass das so viel Spaß machen kann. Ich weiß nicht mehr, wann ich zum letzten Mal etwas richtig sinnlos-kindisches gemacht habe. Es ist toll. In meinem Bauch tanzen Schmetterlinge auf und ab, denen hat es auch gefallen.
   Ich setze meinen Rucksack ab und hänge meine Jacke ordentlich auf den Bügel an der Garderobe. Alles in mir singt.
   Selbst mein Vater, der heute später heimkommt als sonst, kann meine brillante Laune nicht verderben.
   Ich fühle mich, als würde ich fliegen.

5

»Leo!«
   Kaum bin ich in der Schule, entdecke ich Cole. Roy ist neben mir, ich merke, dass er ihn ebenso sieht. Sein Körper versteift sich. Ich ignoriere es.
   Mit dem Sehen ist es Cole offenbar nicht genug, er schiebt sich durch die Menge genau auf mich zu. Er nickt Roy kurz zu und ergreift meine Hand. »Komm mit!« Er zieht mich hinter sich her durch die Menge, die sich für unseren Star-Quarterback teilt. Es ist surreal. Als Cole anhält, werde ich von dem Strom an Schülern weitergetrieben und gegen ihn gepresst.
   »Wohin gehen wir?«
   Cole dreht sich um. Seine Augen sprühen Funken, und ich könnte schwören, dass es mir genauso geht. Er beugt sich zu mir herunter und vergräbt seinen Kopf in meiner Halsbeuge. »Hierher«, flüstert er in mein Ohr. Er atmet tief ein und schlingt seine Arme um mich.
   Kurz überkommt mich ein Gefühl der Hilflosigkeit – ich könnte mich nicht bewegen, selbst wenn ich es wollte – aber es verschwindet schnell wieder. Stattdessen genieße ich, wie nah sein Körper meinem ist.
   Cole hebt seinen Kopf wieder und küsst mich. Es ist kein süßer Kuss wie bei unserem ersten Date. Dieser hier erzählt von Verlangen und dunklen Kammern und wer weiß, was noch. Meine Augen fallen zu, als ich mich ihm hingebe.
   Als Cole diesmal den Kopf hebt, sind wir beide atemlos. Er gibt mir noch einen winzigen Kuss auf den Mundwinkel. »Wir sehen uns in der Mittagspause.« Er verschwindet in der Menge.
   Ich kann nicht anders, ich muss meine Lippen berühren, wo ich ihn gerade gespürt habe. Als ich mich umschaue, begegne ich Jakes Blick, der ein Stück entfernt an einer Mauer lehnt. Sein Gesichtsausdruck gibt nicht das Geringste preis, aber seine Körperhaltung ist ablehnend. Ich frage mich, ob er zu Cole wollte. Der ist jetzt weg, also gibt es keinen Grund mehr, hierherzustarren. Trotzdem sieht er noch in meine Richtung. Seltsam.
   Dann sehe ich Roy auf mich zukommen und widme ihm meine Aufmerksamkeit. Jetzt erst registriere ich, wo ich bin. Ich stehe vor meinem Schließfach. Was Cole natürlich wusste. Er hat mich dorthin gebracht, wo ich hinmuss.
   Roy kommt neben mir an. Er grinst breit und stößt mir den Ellbogen in die Rippen, die Augenbrauen hochgezogen. »Du grinst wie ein Honigkuchenpferd. Wird langsam auffällig. Hast du gestern auch schon.«
   Ich grinse ihn an. »Mhm.« Ich widme mich meinem Schließfach.
   Roy lehnt sich an seines. »Na, habt ihr rumgeknutscht?«
   Ich schenke ihm einen Seitenblick mit hochgezogener Augenbraue.
   Roy zuckt mit den Schultern. »Deine Lippen sind knallrot. Ich müsste schon blind sein, um es nicht zu merken. Und du läufst gerade rot an.« Er lehnt sich zurück. »Ha! Ich wusste es.« Er sieht sehr zufrieden mit sich aus.
   Ich nehme Bücher aus meinem Spind. »Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich muss jetzt zum Unterricht.«
   Roy zieht eine Grimasse. »Erinnere mich bloß nicht daran.«
   Ich lache, als er in Windeseile sein Schließfach aufschließt und die Bücher herauszerrt, bevor er es wieder zudonnert.
   Er setzt eine stoische Miene auf, die mich nicht einen Moment lang verschaukelt. »Okay. Bereit für den Biologieunterricht?«
   Ich nicke, immer noch prustend.
   Roy grinst. »Anschnallen! Start!«
   Ich folge ihm, als er sich in die Masse ankommender Schüler stürzt.
   Irgendwann in Bio wird mir langweilig. Wir wiederholen nur, was wir letzte Stunde schon hatten. Manche Fragen sind wirklich dämlich. Der Lehrer muss denken, unser Kurs wäre bescheuert. Andererseits habe ich so Zeit zum Nachdenken. Ich frage mich, was das mit Cole wird. Ich kann immer noch nicht begreifen, dass er mich genug mag, um mit mir auszugehen, und offensichtlich auch mehr als das. Es kommt mir so vor, als könnte er jede Sekunde das Interesse verlieren, als würde sich herausstellen, dass alles nur ein übler Scherz war. Bei den Blicken, die Jake mir vorhin zugeworfen hat … ich würde es ihm glatt zutrauen. Bei Cole bin ich mir nicht sicher.
   Mein Blick schweift zu Roy hinüber, der wohl auch das Interesse am Unterricht verloren hat. Er war zu Beginn des Jahres so spät, dass kein Platz mehr in meiner Nähe frei war, selbst, wenn ich in der vordersten Reihe sitze. Musterschüler halt. Deswegen sitzt Roy zwei Reihen von mir entfernt am Rand des Klassenzimmers und in der Nähe der Tür. Ich beobachte, wie sein Blick immer wieder zu ihr schweift, wohl darauf hoffend, dass wir bald Schluss haben. Ich muss grinsen.
   Selbst, wenn das, was ich mit Cole habe, ein Scherz sein sollte, im Moment fühlt es sich gut an. Glücklich, und so leicht wie lange nicht mehr. Irgendwie … frei. Roy begegnet meinem Blick. Ich lächele ihn an, und sein Mund verzieht sich zu diesem breiten Grinsen, das ich so mag.
   Einen Moment lang fühlt es sich an, als gäbe es nur uns zwei. Egal, was hier herauskommt, es ist auf jeden Fall den Versuch wert.

ROY

Nach Bio habe ich fast Mühe, mit Leos neu gewonnener, ruheloser Energie mitzuhalten. Dabei bin ich sonst derjenige, der ihn zu allem mitzieht. Es freut mich zwar immer noch, dass er so fröhlich ist, allerdings nur, wenn ich mir verbiete, an den Grund zu denken. Ich kann nicht daran glauben, dass ausgerechnet Cole Mackintosh verstehen sollte, wie besonders Leo ist, dass er ein Schatz ist, den es auf dieser Welt nur einmal gibt.
   Leo sprüht förmlich, aber ich kann mich kaum von ihm anstecken lassen. Obwohl er kaum merkt, dass mein Lächeln aufgesetzt ist, werfen die Zwillinge mir in der Mittagspause fragende Blicke zu. Wir waren heute früh wieder alle im selben Bus, haben aber über den Tag verteilt unterschiedliche Kurse. Deswegen auch erst Mittagspause.
   Ich ignoriere sie. Wenn Leo glücklich ist, reicht mir das.

LEO

Nachdem der Tag so unglaublich überraschend begonnen hat, hält meine Energie lange vor – bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich aus dem Bus steige und meine Füße auf dem Fußweg landen, der nach Hause führt. Es ist weniger eine Erdung als vielmehr eine unsanfte Landung, als würde die Schwerkraft mit aller Macht zurückkehren, nachdem ich gerade aus dem Weltall gekommen bin. Ein beklemmendes Gefühl legt sich auf meinen Magen. An manchen Tagen hasse ich es, nach Hause zu kommen. Die Schule ist in vielerlei Hinsicht mein Zufluchtsort. Etwas, das mir die relative Sicherheit meines Zimmers nicht bieten kann.
   Es kostet Überwindung, die Tür zu öffnen. Auch, wenn mich sofort das Gefühl überkommt, daheim zu sein. Es ist kein Gefühl, das rein positiv belegt ist. Hier muss ich noch mehr auf meine Aktionen und Worte achten als überall sonst.
   Als ich die Tür öffne, ist der Flur stockfinster. Um die Uhrzeit sollte noch keiner hier sein, aber ich habe es heute früh nicht so abgedunkelt. Also entweder Mom oder Dad. »Mom?«
   Meine Mutter erscheint aus der ebenfalls stockfinsteren Küche. »Bitte nicht so laut, Leo. Ich habe Migräne.« Sie kneift die Augen gegen den kaum vorhandenen Lichtschein der Tür hinter mir zusammen. Ich erkenne vage, dass sie sich einen Eisbeutel an die Stirn hält. Offenbar geht es ihr wirklich schlecht.
   »Kann ich dir irgendwie helfen?«
   Sie lächelt schwach und meint, nein, könne ich nicht, aber sie ginge jetzt ins Bett. »Kümmere dich um das Abendessen für dich und deinen Vater, mein Schatz, ja?«
   »Natürlich! Ruh dich aus, hoffentlich geht es dir schnell wieder besser.«
   Sie nickt und verschwindet in Richtung Schlafzimmer.
   Ich blicke ihr besorgt nach. Das letzte Restchen Glück wird aus meinem Körper geschwemmt und von Sorge ersetzt.
   Leise mache ich mich auf den Weg in mein Zimmer, setze mich an meinen Schreibtisch, um Hausarbeiten zu erledigen. Ich sollte etwas vorzulegen haben, wenn Dad nach Hause kommt. Das sollte noch zwei Stunden dauern. Abendbrot muss auch gemacht werden. Irgendwas Gesundes. Ich weiß nicht, was wir noch dahaben, also gehe ich in die Küche.

Später, als Dad kommt, habe ich eine Hausarbeit für Chemie fertig und mich für Salat und geschmierten Vollkorntoast entschieden. Sobald ich das Auto höre, gehe ich zur Haustür und öffne leise. Nehme Dad in Empfang.
   Er sieht mich sofort, als er seine Autotür schließt. »Hallo. Ist was, Leo?«
   Ich nicke. »Hey Dad. Mom hat Migräne und liegt im Bett, schon seit ich hergekommen bin. Wir sollen leise sein. Zum Abendbrot habe ich Salat und belegte Brote gemacht.«
   »Gut.« Er schiebt sich an mir vorbei in den immer noch abgedunkelten Flur. Hängt seine Jacke auf und geht direkt zu Mom ins Schlafzimmer.
   Wenn ich das machen würde, bekäme ich vermutlich Probleme, aber er darf das natürlich. Auf einmal bin ich wahnsinnig wütend auf ihn, auch wenn ich nicht genau weiß, warum. Schließlich war es schon immer so.
   Als Dad zehn Minuten später wieder aus dem Schlafzimmer herauskommt, habe ich das Essen auf dem Tisch stehen.
   »Deine Mutter isst heute nicht mit uns.« Er setzt sich, und ich tue es ihm gleich.
   »Geht es ihr inzwischen ein bisschen besser?«
   Dad nickt. »Sie ist eher heim, um sich hinlegen zu können. Sie weiß noch nicht, wie es ihr morgen gehen wird, daran entscheidet sie, ob sie zur Arbeit geht.«
   Meine Eltern sind typisch bessere Arbeiterklasse. Es gibt keinen Tag, der nicht vergeht, ohne dass sie über ihre Arbeit reden – und darüber, was sie möglicherweise hätten besser machen können. Arbeiten ist das erste, zweite und dritte Gebot. Ich bin nicht sicher, inwieweit es ihnen um das Geld geht, das sie verdienen. Ob sie möglicherweise unzufrieden sind oder mehr wollen. Oder an welcher Stelle genau Familie kommt. Ich weiß im Grunde genommen nichts. Sie reden nicht darüber. Geld ist auch so ein Thema, über das in unserem Haus nicht gesprochen wird.
   Eins jedoch ist mir schmerzhaft bewusst: Erfolg und Leistung werden immer vor meinem Wohlergehen kommen. Sie sind größer, als ich es je sein werde.
   »Wie war dein Tag?«, fragt mein Vater, nachdem er eine Gabel Salat vertilgt hat.
   »Relativ ereignislos. Ich habe keine Noten bekommen, aber meine Hausarbeit für Chemie habe ich vorhin beendet.« Das ist alles, was er hören will. In der Regel zumindest.
   »Soll ich darüber schauen, bevor du sie abgibst?«
   Dad ist von Beruf kein Chemielaborant oder so, er arbeitet bei einer Bank und wird mir wahrscheinlich eh nicht weiterhelfen können. Das kann ich ihm so aber nicht sagen. »Nein, ist schon in Ordnung. Aber danke.«
   Er nickt und isst weiter.
   »Wie war dein Tag?« Es ist an mir, die leidige Frage zu stellen. Insofern die Welt um uns herum nicht zusammenbricht, gibt es sowieso keine Antwort, auf die er nicht mit einem Schulterzucken und einem »Wie immer« antworten würde. Wie auch jetzt.
   Wir beenden unser Essen schweigend und räumen gemeinsam ab. Dad geht ins Wohnzimmer und schaltet den Fernseher an, stellt ihn aber sehr leise. Er will Mom nicht stören. Ich verabschiede mich und gehe in mein Zimmer.

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