10 Jahre später! Ein unentwirrbares Gefühlsknäuel steckt in Lara fest, die mit Ron und den Kindern in Vancouver geblieben ist, während Mick in Los Angeles eine neue Rolle ergattert hat und deswegen dort lebt und arbeitet. Sie ahnt seit Langem, dass sie sich neu orientieren muss und eine sorgsam verdrängte, aber unabdingbare Entscheidung ansteht, doch ein Unfall mischt die Karten neu und lässt einst gefällte Entschlüsse in einem ganz anderen Licht erscheinen. Ihr wird klar, dass sie nicht einen Schritt weiter ist als vor zehn Jahren. Wird am Ende die Liebe oder die Freundschaft siegen? Oder vielleicht sogar beides?

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ISBN: 978-9963-53-687-0

Seiten: 300

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Jutie Getzler

Jutie Getzler
Jutie Getzler lebt mit ihrem Mann, ihren Söhnen, einer Katze, einem Häschen und vielen Goldfischen in einem kleinen Vorort Dormagens zwischen den Großstädten Köln und Düsseldorf. Neben dem Schreiben, was sie am meisten interessiert, arbeitet sie als chemisch-technische Assistentin und zumeist in den Abendstunden als Yoga- & Pilates-Trainerin. Einer Eingebung zufolge begann sie im Sommer 2003 mit dem Schreiben. Völlig blauäugig hämmerte sie innerhalb eines halben Jahres über tausend Seiten einer fünfteiligen Geschichte in ihren Computer, die unaufhaltsam wuchs. Sie hatte keine Ahnung, wie sie aus diesem Wust an Text ein Buch zauberte. Es kostete sie elf Jahre und mehr als drei Startversuche, aus diesem Chaos-Manuskript ein vernünftiges Buch zu kreieren, vor allem ein „gut lesbares“ Buch. Drei der fünf Manuskripte erschienen im Juli 2016 als interaktiver Roman, der inzwischen auch drei kleine Ableger bekommen hat, die über das Jahr 2017 verteilt erschienen sind.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Was bisher geschah

Zehn Tage hatte Lara Zeit, um am Set ihrer Lieblingsserie in Vancouver zu realisieren, dass sich Patrick, der Serienstar, nach dem sie sich monatelang verzehrt hatte, keinen Deut für sie zu interessieren schien. Im Gegenteil, er vermittelte ihr sogar das Gefühl, sie zu hassen.
   Gewisse Umstände verhalfen ihr zu einer kleinen Komparsenrolle, wodurch sie seinen Schauspielkollegen Mick und den netten Regieassistenten Ron näher kennenlernte. Beide kümmerten sich aufopferungsvoll um sie und bemerkten ihren Liebeskummer, Patrick betreffend, überhaupt nicht, da sie ihn vor den Freunden gekonnt verheimlichte.
   Mick und Ron schienen sich gleichermaßen für Lara zu interessieren, und so hatte sie nun die Qual der Wahl und die undankbare, aufwühlende Aufgabe, herauszufinden, ob ihr der charismatische Ron oder der witzige Mick besser gefiel. Auch wenn sie anfangs Höllenqualen litt, und lange brauchte, um über Patrick hinwegzukommen, konnte sie sich dennoch dem Charme der beiden Männer nicht entziehen, obwohl sie ursprünglich nicht vorhatte, sich in einen der beiden zu verlieben. Das Leben hatte jedoch seine eigenen Spielregeln, und am Ende entschied sich ihr Herz, nicht der Verstand, für Mick, was den Bruch der langjährigen Freundschaft zwischen Mick und Ron heraufbeschwörte sowie für schlechte Stimmung am Set und ein noch schlechteres Gewissen bei den Beteiligten sorgte. Glücklicherweise siegte letztlich die Vernunft, sodass die zwei dennoch beste Kumpels blieben und sich zusammenrauften, kaum dass Lara abgereist war, um nach Düsseldorf zurückzukehren.
   Doch die Zeit heilt noch lange nicht alle Wunden, wie die Zukunft beweist.

Wie geht es weiter?

1) Hat Lara in Mick ihren Traummann gefunden und wird glücklich an seiner Seite?

2) Trifft Rons Prophezeiung ein und Mick betrügt sie nach einiger Zeit?

3) Wird Lara im letzten Moment klar, dass sie kurz davor ist, dem falschen Mann das Jawort zu geben?



Kapitel 1
Ende August, zehn Jahre später

»Ron, hör auf. Gib mir sofort den Ball wieder«, brüllt Colin aufgebracht.
   Langsam, noch leicht benommen von der Hitze, richte ich mich auf. Die Sonne steht hoch am Himmel, ein extrem heißer Tag. Ungewöhnlich für Vancouver. Ich war gerade ein wenig eingenickt, als Colins Geschrei ertönt. Seine Stimme klingt vor Aufregung schrill, und ich frage mich intuitiv, was ihn so erzürnt.
   Blinzelnd drehe ich mich um, meine Augen tränen und versuchen, sich an das furchtbar grelle Tageslicht zu gewöhnen. Ich brauche einen Moment, um meine Sonnenbrille zu finden, die weichen musste, da ich mir als eine Art Sonnenschutz Rons Schirmmütze auf das Gesicht gelegt hatte. Die Sonne spiegelt sich im Meer und blendet wie ein Stück Alufolie unter einer Stehlampe, besonders wenn man so unsanft aus einem Nickerchen herausgerissen wird und noch nicht ganz im Diesseits angekommen ist. Endlich bekomme ich die Brille zu fassen, setze sie auf und sehe mich um.
   Cathy hockt neben dem bunten Strandtuch im Sand und kippt versonnen Wasser aus einem pinkfarbenen Eimer in ein tiefes Matschloch. Ich sehe ihr eine Weile zu, was sie nicht einmal zu bemerken scheint. Sie ist eine Träumerin, anscheinend ein Erbe meinerseits. Jedenfalls kann ich mir nicht absprechen, noch heute hin und wieder in meine Traumwelt abzudriften. Ich schiebe kurz die Brille hoch und wische mit dem Handrücken meine Tränen aus den Augenwinkeln.
   Cathys blonde Locken kringeln sich um ihr kleines, leicht gebräuntes Gesicht und erinnern an einen Rauschgoldengel. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Unbemerkt setze ich ihr das Sonnenhütchen auf den Schopf, das sie sich während meiner Schlummerphase wieder einmal heruntergerissen haben muss. Sie hasst Kopfbedeckungen ebenso sehr wie ich. Ganz die Mama. Ich glaube, meine Mutter früher halb wahnsinnig gemacht zu haben, wenn ich mir an kalten Wintertagen zum wiederholten Mal die Mütze vom Kopf gezerrt habe.
   »Ron, du bist gemein.« Langsam klingt Colin gereizt. Auf dem von der Brandung des Meeres glattgespülten Untergrund dribbelt Ron den Ball gekonnt auf einem Fuß, ohne ihn auch nur einmal fallen zu lassen. Eine seiner leichtesten Übungen, die er perfekt beherrscht, seit ich ihn kenne. Lange schon übt Colin an diesem Stunt und ist offenbar ein wenig neidisch.
   Seufzend beobachte ich die beiden. Ron macht eine verdammt gute Figur bei diesem Kunststück. Mit seinen neununddreißig Jahren ist er ein Bild von einem Mann.
   »Mami, ich hab Durst«, vernehme ich Cathys zartes Stimmchen neben mir.
   »Ja Süße, da in der Tasche.« Ich deute auf die Kühltasche am anderen Ende des Badetuchs, und sie klettert flink wie ein Wiesel über mich drüber, um ungeschickt an dem Reißverschluss der Tasche zu hantieren. Flugs greife ich sie mir, kitzle ihren Bauch, sodass sie laut kichernd mit den Beinen strampelt und sich windet wie ein durstiger Aal. Nach einem dicken Schmatzer auf ihre weichen Wangen lasse ich sie frei.
   Ron kommt angelaufen, lässt sich schnaufend neben mir auf die Decke fallen und sieht zu, wie Colin verbissen weiterübt. Er schirmt mit der Hand das Sonnenlicht ab, weswegen ich ihm hilfsbereit seine Sonnenbrille reiche, die er mir dankbar abnimmt.
   »Puh, ich war mal fitter.« Er hält sich den Brustkorb, als hätte er Seitenstechen, holt tief Luft und zwinkert mir zu. »Dein Sohn wird immer schneller, weißt du.«
   »Armer alter Mann«, gebe ich in bedauerndem Tonfall zurück, wobei ich mir ein spöttisches Grinsen nicht verkneifen kann. Er lacht mich an, die Fältchen in seinen Augenwinkeln sehen zu seinen dunkelblonden Wuschelhaaren und den hellgrünen Augen ungeheuer sexy aus. Mit empörtem Mienenspiel stemmt er die Hände in die Hüften.
   »Ich gehe stramm auf die vierzig zu.« Wenig mitfühlend mustere ich ihn, nehme Cathy unterdessen die Trinkflasche ab, die sie mir ungeduldig entgegenstreckt. Selbstverständlich schön vollgesandet, wie es ihre Art ist. Die Flasche ist leer, Cathy ist ein kleiner Schluckspecht. Sie hat einen Zug am Leib wie Erde in einem völlig ausgedörrten Blumentopf, die drei Wochen nicht gegossen wurde.
   Mühevoll versuche ich, den Sand von der klebrigen Flasche zu entfernen und frage mich unterdessen, warum ihr Dinge dieser Art nur am Strand passieren, an dem es bekanntlich vor Sand nur so wimmelt.
   »Du hattest erst im Februar Geburtstag, mein Lieber, jetzt haben wir Hochsommer, das dauert also noch.« Ich zwinkere Ron gewitzt zu.
   »Kannst du nicht einmal mehr Anteilnahme zeigen?«, beschwert er sich schmunzelnd.
   Ich mustere ihn, wende dann schnell meinen Blick ab, um die Trinkflasche zu verstauen. Wieder spüre ich dieses eigenartige Gefühl in meinem Herzen, wenn Ron mich auf diese Art anlächelt. Wie gern würde ich seinem Wunsch nachkommen, aber ich darf ihn nicht anfassen. Jedes Mal zuckt er zusammen, verkrampft regelrecht. Seit zehn Jahren vermeidet er jeglichen Körperkontakt zu mir. Keine Umarmung, nicht ein klitzekleines Küsschen zum Geburtstag oder an Weihnachten. Ich fürchte, solange es Mick in meinem Leben gibt, wenn auch momentan meilenweit entfernt, wird sich an dieser Tatsache nichts ändern lassen.
   Ich unterdrücke einen Seufzer und wühle in meiner Tasche nach der Sonnenmilch. Ron nicht nahekommen zu dürfen, wird mit jedem Tag schwieriger für mich.
   »Ich laufe eben zum Auto und hole Colins Kappe, okay? Er bekommt sonst noch einen Sonnenstich.« Ron steht behände auf, kramt nach dem Autoschlüssel und joggt in Richtung Parkplatz davon. Seine Schritte sind leichtfüßig und geschmeidig, fast schon elegant.
   Mein Blick folgt ihm eine Spur zu lang. Sein Hintern ist unglaublich knackig, zudem hat ihm der Sommer eine attraktive Bräune beschert. Ein nicht jugendfreier Gedanke geistert durch mein Hirn, um im nächsten Moment Gewissensbisse auszulösen. Die Vorstellung, ihn zu berühren, zu küssen, nimmt seit einiger Zeit mehr und mehr Gestalt an. Ich seufze aus tiefstem Herzen, sodass Cathy erstaunt aufsieht. Wieder einmal frage ich mich, wie es weitergehen soll.
   Seit beinahe drei Jahren leben wir wie ein Ehepaar miteinander, jedoch mit getrennten Schlafzimmern, in getrennten Häusern und ohne jegliche Art von Körperkontakt. Ich liebe Mick nach wie vor, kann trotzdem nicht von Ron lassen, weder psychisch noch physisch. Auf gedanklicher und emotionaler Ebene noch viel weniger. Immer wieder erwische ich mich dabei, mir Dinge mit ihm auszumalen, die er nie gutheißen würde. Und ich? Würde ich wirklich …? Was würde Mick dazu sagen? Diese Überlegung erübrigt sich, da sich Ron niemals auf eine Affäre mit mir einlassen würde. Weder könnte er das mit seinem Gewissen vereinbaren noch seinem besten Kumpel antun, der vermutlich weniger Probleme damit hätte als Ron selbst. Ich schüttle mich, um diese idiotischen Fantasien loszuwerden.
   Seit Mick in Los Angeles lebt, ist Ron wie ein Ehemann geworden. Zudem mehr der Vater für die Kinder, als Mick es je war. Er spielt mit ihnen, wann immer er Zeit findet, hilft bei den Hausaufgaben oder liest ihnen am Abend eine Geschichte vor. Er wäre ein wunderbarer Daddy geworden, denn auf ihn ist Verlass. Er kümmert sich einfach um alles, was anfällt.
   »Mama, sieh mal, ich kann es bald so gut wie Ron«, ruft mir Colin zu.
   Ich winke kurz und beobachte ihn bei seinen Versuchen, den Ball unter Kontrolle zu halten. Er ist seinem Vater so ähnlich. Die dunkelblonden Haare und seine himmelblauen Augen stehen denen von Mick in nichts nach. Sogar die Ohren hat er von seinem Papa geerbt, womit ich Mick gern aufziehe. Beide haben winzig kleine, angewachsene Ohrläppchen.
   Ich klatsche motivierend in die Hände. »Super, weiter so«, rufe ich, um Colin anzufeuern, der sich dadurch genötigt sieht, sich noch mehr anzustrengen.
   Nachdenklich stemme ich die Hände hinter mir in den Sand, kreuze die Beine übereinander und lehne mich leicht zurück, um ihm besser zusehen zu können. Ich glaube, er ist letzte Nacht gewachsen. Für einen Achtjährigen ist er jedenfalls gut gebaut und überragt seine Kumpels aus dem Fußballverein um mehrere Zentimeter.
   Ein sanfter Windzug zieht vom Meer herüber, den ich als äußerst erfrischend empfinde. Er verfängt sich in meinem Haar, wirbelt es durcheinander und ich frage mich derweil, wo bloß die Zeit geblieben ist. Nachdenklich streiche ich mir eine Strähne aus dem Gesicht und versinke in der Erinnerung, während ich Colin nicht aus den Augen lasse.
   Zehn Jahre ist es her, Mick und ich hatten eine tolle Zeit. Keine vier Wochen, nachdem ich Vancouver verlassen musste, um in Düsseldorf festzustellen, dass sich mein Leben grundlegend verändert hatte und es kein Zurück mehr gab, saß er eines Abends auf der obersten Treppenstufe vor meiner Wohnungstür in Düsseldorf.
   »Hast du ein Herz für einen armen, obdachlosen und liebeskranken Schauspieler?«, meinte er mit brüchiger Stimme und ließ mich damit in dem finsteren Hausflur vor Schreck zusammenfahren, sodass ich beinahe rückwärts die Treppe hinuntergestürzt wäre. Ich konnte mich gerade noch am Geländer festhalten. Er war einfach da, ohne jede Vorwarnung. Typisch Mick. Ich hatte mit allem gerechnet an jenem Abend, nur nicht mit einem halb verdursteten und hungrigen Schauspieler auf der Treppe in diesem schlecht beleuchteten Hausflur des Mehrfamilienhauses, in dem ich damals wohnte. Im Nachhinein glaube ich sogar, während des Aufstiegs wieder einmal von ihm geträumt zu haben, weswegen ich noch mehr erschrak und mir die Situation fast zum Verhängnis wurde. Wie ich später erfuhr, hatten die Produzenten ihn mehr oder minder freiwillig gehen lassen und der zuvor erwartete Überzeugungs- und Bettelmarathon war überhaupt nicht nötig gewesen. Nach eigener Aussage war Mick in den ersten Wochen nach meiner Abreise nicht mehr er selbst. Ständig versprach er sich am Set, verpatzte die einfachsten Szenen und die Regisseure rauften sich nicht weniger als einmal am Tag die Haare. Ihr Mister Perfekt vor der Kamera hatte plötzlich Liebeskummer, war zu nichts mehr zu gebrauchen und so ließen sie ihn für einige Zeit gehen.
   Was waren wir verrückt aufeinander. Das Größte der Gefühle, ein Feuerwerk der Emotionen. Unsere Sehnsucht nacheinander kannte keine Grenzen mehr nach etlichen Wochen ausschließlich mit WhatsApp, Telefon und Skype, die uns nebenbei bemerkt wie Jahre erschienen. Und das, aufgrund der Zeitverschiebung, meist mitten in der Nacht, was erschwerend hinzukam. Dieser eine Monat ohne Mick in Düsseldorf machte mir klar, wie unbedeutend mein Leben an diesem Ort war und wie wenig ich gewillt war, es in der Art weiterzuführen. Am Tag nach Rons Anruf und Micks romantischem Heiratsantrag via Telefon hatte ich ohne lange zu zögern meinen Job und meine Wohnung gekündigt, fest entschlossen drei Monate später Deutschland ein und für allemal Lebewohl zu sagen. Für immer, wie ich hoffte. Ich wollte keinen Tag länger als nötig von Mick getrennt sein, denn ohne ihn auskommen zu müssen, wurde von Stunde zu Stunde schlimmer. Die erste Zeit der Verliebtheit ist so aufwühlend und einzigartig, dass man sie konservieren sollte, sie haltbar und unvergänglich werden lassen müsste, um nach etlichen Ehejahren wie aus einem angelegten Vorrat daraus schöpfen zu können.
   In diesen Tagen sind Mick und ich selten aus dem Bett raus gekommen. Gigantisch! Der heißeste Herbst meines Lebens, auch wenn es draußen kalt und schmuddelig war. Endlich konnten wir da weitermachen, wo wir am letzten Drehtag auf dem Gang der Studios begonnen hatten, denn der Überraschungsbesuch von Ron an meinem letzten Abend in Vancouver hatte uns einen üblen Strich durch die Rechnung gemacht. Glücklicherweise hatte ich genügend Resturlaub, den ich nutzte, kaum dass Mick in Düsseldorf angekommen war.
   Bei den Erinnerungen an unsere anfängliche Euphorie überzieht ein Frösteln meinen Körper. Die Windböe, die vom Meer herüberzieht, tut ihr Übriges. Langsam wird’s kühl.
   Ron lässt sich prustend neben mir aufs Handtuch fallen, legt zum Schutz vor der Sonne einen Arm vor die Augen und seufzt wohlig. Cathy klettert auf seinen Bauch und kuschelt sich an ihn. Ich sehe zu, wie Rons freie Hand zart über ihren kleinen, viel zu mageren Oberkörper gleitet und das Frösteln von eben geht in eine Gänsehaut über. Wie gern würde ich ihren Part übernehmen, aber Ron würde das niemals zulassen. Der Wind zerrt an Cathys Locken und weht einige davon in Rons Gesicht. Er prustet und lacht dabei. Er wirkt so zufrieden, wenn die Kinder bei ihm sind.
   Ich beobachte die zwei eine Weile, mache es mir dann in Rückenlage auf meiner Strandmatte bequem und strecke die Nase der Sonne entgegen. Das sanfte Rauschen der mäßig starken Brandung ist ungemein entspannend. Bevor ich wieder in meiner Gedankenwelt versinke, höre ich noch das ungeduldige Fluchen von Colin, der vermutlich den Ball nicht so geschickt balancieren kann wie Ron. In weniger als dreißig Jahren wird er das ebenso perfekt beherrschen, da bin ich sicher.
   Nach diesen Tagen mit Mick in meinem Bett in Düsseldorf war der Abschied am Flughafen in Köln die reinste Folter. Eine Tortur sondergleichen. Ich dachte, selbst der Tod könnte nicht schlimmer sein. Glücklicherweise war ich die kommenden Monate gut damit beschäftigt, meine Wohnung aufzulösen, mein bisheriges Leben in Deutschland so gut es ging auszulöschen. Rückblickend muss ich zugeben, die Zeit verging rasend schnell, bis ich mich endlich in den Flieger nach Vancouver setzen konnte, voller Vorfreude auf das witzigste Freunde-Duo aller Zeiten: Mick und Ron.
   Ron sah ich allerdings erst kurz vor Weihnachten wieder, denn nach dem nächtlichen Telefonat hatten wir keinen Kontakt mehr. Ich glaubte Mick, wenn er mir auf mein Nachfragen hin erzählte, dass es Ron gut ging. Ich konnte damals nicht ahnen, dass es nicht so war. Zu dieser Zeit wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass er nach wie vor litt.
   Mick hatte zwischenzeitlich ein Apartment in Rons Nähe für uns gekauft und komplett eingerichtet. Für meinen Geschmack ein wenig zu gehoben, aber mir wäre nie in den Sinn gekommen, mich zu beklagen. Die Küche war mit den edelsten Geräten ausgestattet, was Mick, als begeistertem Hobbykoch, ziemlich wichtig war.
   Auf der Weihnachtsfeier der SmartTown-Crew, in einem noblen Hotel in Vancouvers Innenstadt, traf ich nach drei Monaten endlich alle wieder. Ich war schon Tage vorher aufgeregt und freute mich tierisch auf Ron, weswegen ich die Nacht davor kaum schlafen konnte. Dann war es so weit, für mich jedoch ein eigenartiger und belastender Moment, bei dem sich die Vorfreude schnell in eine Art Schockzustand verwandelte. Ron lächelte mich an, nur war das kein echtes, sondern ein sehr bemühtes Lächeln. Ich durchschaute es sofort. Seine Augen lachten nicht mit, wirkten eher matt und traurig. Er war mir fremd geworden. Ich hatte fälschlicherweise gehofft, alles wäre wieder gut und er der alte Ron. Der coole und witzige, den ich so sehr mochte, als wir uns kennenlernten. Nein, er war nicht mehr derselbe, er hatte sich total verändert. Da sich mein schlechtes Gewissen ihm gegenüber nie ganz verabschiedet hatte, war es vermutlich eine Art Selbstschutz, mir einzureden, wir könnten als Freunde weitermachen. Meine Enttäuschung war riesengroß, und ich musste mich anstrengen, sie nicht allzu auffällig zur Schau zu tragen. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Der Schock über seine Wandlung saß tief, beschäftigte mich noch Monate später. Was mich bei diesem Wiedersehen aber am meisten aus der Reserve lockte, war die Tatsache, dass ich wahnsinniges Herzklopfen bekam, als er auf mich zukam. Ich stand da, sah ihn an und ein Blitz, der direkt neben mir in einen Baum gezischt wäre, um ihn zu spalten, hätte mich nicht sprachloser machen können. Er trug ein dunkelblaues lässiges Sakko, seine Haare wirkten im Winter dunkler, doch seine Attraktivität war mir nie bewusster gewesen als an diesem Abend. Ich sah ihn mit einem Mal mit völlig anderen Augen.
   Meine Knie wurden weich wie Pudding, mein Magen überschlug sich und es fühlte sich nach Verliebtheit an. Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich liebte doch Mick. Nach dieser Begegnung war ich mir unsicher und fragte mich insgeheim, ob es möglich sein konnte, zwei Männer gleichermaßen und zur selben Zeit zu lieben. Ron ließ mich nie kalt. Diese Weihnachtsfeier setzte mir damals schwer zu, und ich war froh, Ron danach eher sporadisch und unregelmäßig zu Gesicht zu bekommen. Er wirkte auf mich so allein, als wäre er inmitten seiner Kollegen und Freunde der einsamste Mensch der Welt.
   »Wir sollten nicht mehr allzu lange bleiben, wir müssen noch einkaufen. Colin hat morgen Schule, und ich muss auch früh raus«, sagt Ron in das Geräusch der schäumenden Brandung hinein, womit er meine Grübeleien unterbricht.
   Der Wind frischt auf. Die Wellen klatschen nicht mehr ganz so ruhig ans Ufer und hinterlassen das typische Gurgeln, wenn der Sand das Wasser aufsaugt wie ein durstiger Schwamm. Ich nicke Ron zu und vergewissere mich, dass die Kinder nicht zu weit ins Meer laufen. Er hat zwar ständig ein Auge auf sie, aber sicher ist sicher.
   Colin stampft mit Cathy an der Hand in Richtung Welle, um kurz bevor sie bricht lachend vor ihr wegzurennen. Cathy hat irre Spaß und gluckst vor Freude. Ich sehe ihnen zu und verspüre ein Glücksgefühl, weil sich die beiden so blendend verstehen. Colin ist ein großer Bruder wie aus dem Bilderbuch. Er liebt seine kleine Schwester, auch wenn sie ihn manchmal mit ihrer verträumten Art zur Weißglut bringt.
   Ein Windhauch streift meine Wangen, und mit geschlossenen Augen genieße ich die frische Brise, die den Duft klarer Luft mit sich führt. Ich kann hören, wie eine große Welle bricht, um sich gleich darauf wieder zischend zurückzuziehen. Ich liebe das Meer und die Geräusche, die es macht.
   »Ich räume zusammen, die Sonne verabschiedet sich langsam und es wird zu kalt.« Ron steht auf und beginnt, aus dem Schwimmreifen, der Luftmatratze und aus Cathys pinkfarbenen Seeelefanten die Luft abzulassen. Sie nennt Ron hin und wieder Daddy. Meist bekommt er einen verklärten Blick, was meine Schuldgefühle ihm gegenüber ins Uferlose anschwellen lässt und mich malträtiert. Meinetwegen hat Ron weder Frau noch Kinder. Ich weiß es, auch wenn er nicht darüber spricht. Er beklagt sich nie, ist für mich und die Kinder da, ohne Wenn und Aber. Wir drei sind sein Lebensinhalt. Er liebt uns und wir ihn.
   Das war nicht immer so. Die ersten Monate, die ich in Vancouver war, sahen wir uns kaum, obwohl wir nah beieinander wohnten. Ron und Mick waren tagsüber in den Studios, und ich war so kurz nach meiner Übersiedlung nahezu gänzlich damit ausgelastet, eine Menge bürokratischen Kram zu erledigen und mich in Vancouver einzuleben. Unsere Wohnung gemütlicher einzurichten, stand auch auf meinem Plan. Einige Male bin ich mit Mick zum Dreh mitgefahren, doch mir war das zeitige Aufstehen ein Gräuel. Außerdem erinnerte mich die Atmosphäre dort an die schöne erste Zeit mit ihm am Set, und meine Sehnsucht nach der Schauspielerei wuchs bei solchen Besuchen unaufhörlich. In dieser Serie waren für mich nur noch winzige Hintergrundauftritte möglich, da die Episode ‚Erste Liebe – letzte Liebe‘ hohe Wellen schlug, nachdem sie ausgestrahlt worden war, und ich somit quasi über Nacht an Bekanntheitsgrad gewann. Man hätte mich sofort wiedererkannt, aber Kate war tot. Unwiederbringlich begraben.
   Etwa ein Jahr nach meinem Umzug nach Kanada war es endlich so weit. Ich sehe uns noch auf der Couch vor dem ungeheuer großen Bildschirm sitzen, beinahe Kinoqualität. Ich war den ganzen Tag nervös. Allein in der Fernsehzeitung den Episodentitel zu lesen, sorgte schon Wochen vor der Ausstrahlung für Herzflimmern bei mir. Mick belächelte meine Aufregung. Er war es gewohnt, ständig auf der Mattscheibe in Erscheinung zu treten. Für mich war das ein Riesenereignis.
   Wir lümmelten uns mit einer Tüte Chips und Micks edelstem Rotwein auf die Couch und ich war fast aufgeregter als während des Drehs der Szenen im Vorjahr. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als der Vorspann lief und nach dem Intro und dem Stamm Cast mein Name unter Gastrolle erschien: Lara Lange. Es war fantastisch, meine Premiere. Mir blieb vor Begeisterung fast die Luft weg. Mick nahm mich liebevoll in den Arm und drückte mich an sich. Die Cutter hatten ganze Arbeit geleistet, wirklich das Beste aus den Szenen herausgeholt. Ich fand uns unglaublich erotisch, und als Mick am Schluss mit der weißen Rose in der Hand vor Kates Grab stand, liefen ihm dicke Tränen über die Wangen und tropften auf die Blütenblätter. Es war unbarmherzig bewegend.
   »Wie hast du das gemacht? Augentropfen?«, fragte ich ergriffen und wischte meine Tränen aus den Augenwinkeln. So etwas Romantisches hatte ich zuvor in keiner der Staffeln gesehen. In keiner mir bekannten Serie. Mick drehte sich zu mir um und sah mir tief in die Augen. Das Blau seiner Iriden schimmerte verdächtig, und ich glaube noch heute, er war ebenso aufgewühlt wie ich.
   »Hey Süße, du hast ja keine Ahnung, wie ich dich in dieser Zeit vermisst habe, das war grauenvoll. Ich brauchte bestimmt keine Augentropfen. War ganz einfach«, antwortete er mit weicher Stimme.
   Nach diesem Fernsehabend hatten wir eine wundervolle Nacht. Mit Mick war es immer großartig, ich bekam nicht genug von ihm. Er war und ist bis heute ein begnadeter Liebhaber. Ich erinnere mich an unsere erste Zeit in Vancouver. Für uns gab es in der knappen Freizeit nichts anderes.

Ich seufze aus tiefstem Herzen und fühle eine Schwere in mir.
   »Lara, könntest du bitte mal mithelfen? Hallo? Wo bist du wieder mit deinen Gedanken, Träumerle?« Ron blickt mich ungeduldig an.
   Mit dem Einkaufszettel in der Hand stehe ich mitten im Gang des Supermarktes und fühle mich mit einem Mal völlig überfordert. Ein Frösteln überzieht meine Haut. Ich kann die Kälte der Klimaanlagen in Läden wie diesen nicht ausstehen, und frage mich jedes Mal aufs Neue, warum man sich hier fühlt, wie in einem monströsen, begehbaren Kühlschrank. Ich kann mich nicht erinnern, in Deutschlands Geschäften während eines Einkaufs dermaßen gefrostet worden zu sein.
   Cathy turnt im Einkaufswagen umher und Ron hat alle Hände voll zu tun, sie unter Kontrolle zu halten und gleichzeitig die Einkäufe in den Wagen zu legen. »Wo ist Colin?«, frage ich und sehe mich um.
   »Was glaubst du? Bei den Zeitschriften, wo sonst.« Ron verdreht die Augen himmelwärts.
   »Ich suche ihn«, beschließe ich und drücke ihm den Einkaufszettel in die Hand. Er sieht mich verwundert an, nickt kurz und schiebt wortlos den Wagen weiter. Colin ist comicsüchtig und setzt sich regelmäßig ab, wenn wir einkaufen, nur um in der Zeitschriftenabteilung in den neuesten Heften zu schmökern. Er sieht kurz auf, als er mich bemerkt.
   »Guck mal, Mama …«, sagt er und deutet, ohne den Blick von seiner spannenden Lektüre abzuwenden, auf eine der begehrtesten Klatschzeitschriften im Regal.
   »Da ist Papa mit so ’ner Frau drauf.« Ich schenke dem Cover keine große Beachtung und versuche stattdessen, Colin am Ärmel aus dem Gang zu befördern, was mir nicht gelingt. Er bleibt wie festgenagelt stehen.
   »Kaufst du mir das Heft?« Sein Tonfall lässt mich Böses erahnen.
   »Colin, wie oft hab ich dir schon gesagt, dass wir nicht jedes Mal einen neuen Comic kaufen können.«
   Mit großen blauen Augen fixiert er mich. »Bitte …!«
   Ein älterer Mann einige Meter neben uns, der in einem Fußballheft blättert, hebt kurz den Kopf, und aus Angst, er könnte Mick oder sogar mich erkennen, mache ich einen hektischen Schritt auf Colin zu und versuche, ihm das Heft zu entwenden. Er ist jedoch schneller und versteckt es hinter seinem Rücken.
   »Ron wird schimpfen, wenn ich es erlaube.«
   »Bitte Mami …!«
   Meine Güte, er hat es faustdick hinter den Ohren. Ich werfe einen flüchtigen Blick auf das Cover, das Mick mit einer brünetten Schönheit zeigt, und will nur weg hier.
   »Also gut, komm jetzt.« Ich packe Colin am Arm und dirigiere ihn durch die Gänge, bis wir endlich Ron entdecken, der gerade einen Strunk Bananen aus Äffchens gierigen Klauen zerrt. Er und Cathy spielen beim Einkaufen oft solch kleine Spielchen, damit ihr nicht langweilig wird, und nicht zum ersten Mal befürchte ich, sie wird eines Tages in die Fußstapfen ihres Vaters treten. Sie liebt Rollenspiele und mutiert in Windeseile vom Brüllaffen zum Löwen und imitiert zwischendurch noch ein Känguru.
   Ron beäugt uns kritisch und runzelt seine Stirn, als er Colin mit dem Heft in der Hand ankommen sieht. Ich hatte es befürchtet.
   »Lara …!«, beginnt er in vorwurfsvollem Tonfall, doch ich winke ab, schließe kurz die Augen und reibe mit dem Handrücken über meine Stirn.
   »Ich weiß …« Ich seufze geplagt. Verdammt, ich fühle mich total gestresst.
   »Sag mal, was ist eigentlich heute los mit dir?« Ron mustert mich prüfend.
   »Ich weiß nicht. Ich fühl mich nicht gut.« Ein Fausthieb in den Magen könnte sich nicht anders anfühlen. Warum tut Mick mir das immer wieder an?
   »Wirst du krank?«, fragt er besorgt. Ich schüttle den Kopf und werfe einen Beutel Reis in den Einkaufswagen.
   »Da war Papa wieder mit so ’ner fremden Frau auf einer Zeitschrift. Ich glaube, die haben geknutscht«, plärrt Colin lautstark durch den Laden und kichert im Anschluss albern.
   Entsetzt hebe ich meinen Blick, bemerke zeitgleich Rons verstörte Miene und ärgere mich über Colins Geschrei. Mist, ich wollte Ron nichts davon erzählen. Er regt sich jedes Mal fürchterlich auf und macht Mick anschließend am Telefon eine Szene, wenn der sich wieder mal hat erwischen lassen. Warum kann er nicht vorsichtiger sein, und den Paparazzi aus dem Weg gehen? Manchmal kommt es mir vor, als ziehe er sie an wie das Licht die Motten.
   Als das vor knapp drei Jahren losging mit Mick und den Frauen, wurde Colin fünf und Cathy war nicht einmal ein Jahr alt. Nachdem Mick mit einer seiner Affären in einem Boulevardmagazin im Fernsehen zu sehen war und Colin das zufällig mitbekam, erklärten wir ihm kindgerecht, dass es zum Job eines Schauspielers dazugehört, andere Frauen zu küssen. Die das natürlich nur vor der Kamera machen, und auch nur weil der Regisseur das so will und es im Drehbuch steht. In Wirklichkeit liebt der Papa nur die Mama, und alles ist vollkommen normal und harmlos. Was auch stimmt. Mick liebt mich, wir haben oft darüber gesprochen und obendrein fühle ich es. In Ordnung ist sein Verhalten deswegen lange nicht, auch wenn er mich mehrmals vorgewarnt hatte.

Kapitel 2

Kurz nach Cathys Geburt vor etwa drei Jahren endete SmartTown nach der zehnten Staffel. Mick bekam gute Angebote aus Hollywood und entschloss sich nach etlichen langen und nervenaufreibenden Familiendiskussionen schweren Herzens, nach Los Angeles umzuziehen. Wir glaubten, diese kurze Flugstrecke könnte uns nichts anhaben und wir würden das mit Bravour meistern. Zuerst mietete er ein Loft und kam jedes Wochenende zu uns nach Vancouver, doch nach einigen Monaten wurde ihm das zu anstrengend. Er war kurz vorm Burnout, zu wenig Schlaf und kaum Zeit zum Entspannen.
   Er flehte mich an, das Haus in West Vancouver, das wir inzwischen bewohnten, zu verkaufen, und mit ihm und den Kindern nach Los Angeles umzusiedeln. Ich glaubte, nicht richtig zu hören, und sah ihn nur mit großen Augen an. Vancouver war zu meiner Heimat geworden, das Haus unser Traumdomizil, für mich der Ort unvergleichlicher Geborgenheit. Ich hatte mich nirgends zuvor so wohl gefühlt. Los Angeles war in meinen Augen keine Stadt, um Kinder großzuziehen, und zu der Zeit glaubte ich obendrein, Mick würde nach diesem Job heimkehren und allzu lange würde das nicht dauern. Ein Trugschluss, wie ich bald erfuhr. Ich erfand trotzdem eine Milliarde Gründe, um diese Sache vor mir herzuschieben. Doch den Hauptgrund verschwieg ich. Ron war unser Zuhause. Für mich war die Vorstellung, ihn zurücklassen zu müssen, undenkbar. Ein Albtraum, absolut illusorisch.
   Mick ließ nicht locker, kaufte in den Hollywood Hills eine schicke Villa mit Pool und riesigem Garten für uns vier. Er tat alles Erdenkliche, um mich zu überzeugen, zu ihm nach L. A. zu ziehen, aber ich konnte nicht. Ich konnte mir ein Leben ohne Ron inzwischen nicht mehr vorstellen, obwohl ihm in den ersten Wochen nach meinem Umzug von Deutschland nach Vancouver unschwer anzumerken war, wie fertig ihn die Situation nach wie vor machte, und er mich anfangs nach allen Regeln der Kunst mied. Ich ließ ihn in Ruhe, hoffte darauf, dass die Zeit seine Wunden heilte, und lebte mit Mick glücklich und zufrieden in der noblen Wohnung. Nebenbei bereitete ich mit Trish und einigen anderen Freundinnen, die ich schnell gefunden hatte, die Hochzeit vor, während sich Ron rarmachte und ich glaubte, er hätte eine neue Freundin gefunden und wir würden zur Normalität zurückfinden.
   Leider war das nicht der Fall. Ein Ereignis an Micks und meinem Hochzeitstag im darauffolgenden Jahr im Mai, fünf Monate nach meiner Auswanderung, war bezeichnend. Endlich kam Ron wieder ein bisschen aus sich heraus, jedoch in einer Art und Weise, die mich lange beschäftigte und mich schwer verunsicherte.
   Wie versprochen war er unser Trauzeuge und manches Mal frage ich mich, welche Überwindung ihn das gekostet haben mag, sein Versprechen einzulösen. Es muss hart für ihn gewesen sein, ein schwerer Tag. Später bei der Feier standen wir nebeneinander am Buffet. Er drehte sich zu mir um, trat einen Schritt näher und im ersten Moment dachte ich, er wollte mich umarmen. Doch das tat er nicht, er hat es bis heute nicht getan.
   »Lara, tut mir leid, dass ich mich im Hintergrund halte, seit du in Vancouver bist. Aber es – so ist es besser für mich, verstehst du?«, raunte er mir plötzlich mit leiser Stimme zu, und ich musste schlucken. Der traurige Schimmer seiner Augen sagte mehr als tausend Worte.
   Mir wurde warm ums Herz, mein Puls beschleunigte sich und ich konnte nichts anderes tun, als ihm zuzunicken. Er sah klasse aus an diesem Tag in dem dunklen Anzug. Seine Art, sein zurückhaltendes Wesen, sorgten für einen riesigen Tumult in meinem Innern.
   »Du siehst übrigens ganz bezaubernd aus in dem Brautkleid, einfach wunderschön.«
   Die Gefühle, die er damit in mir auslöste, überrumpelten mich. Rasten wie eine Meute wildgewordener Hengste über mich hinweg und walzten meine letzte Kontenance nieder. Mein Herz klopfte zum Zerspringen. In mir tobte plötzlich ein Wirbelsturm, der Orkanstärke high level erreicht hatte, und ich spürte ein Kribbeln in sämtlichen Poren. Ron war noch lange nicht darüber hinweg und ich ganz offensichtlich auch nicht, wie mir in diesem Moment klar wurde. Dieses Ereignis traf mich mit voller Wucht. Ich konnte doch nicht an meinem Hochzeitstag beginnen, mich in Ron zu verlieben? Doch, ich konnte. Mit jedem Tag, mit jedem Monat wurde es schlimmer, obwohl ich gleichzeitig Mick abgöttisch liebte. Ich verstand die Welt nicht mehr. Damals wusste ich noch nicht, dass es so weitergehen sollte.
   In den ersten Jahren in Vancouver nach Micks und meiner Hochzeit hatte Ron hin und wieder eine kurze Beziehung, die leider nie länger als einige Monate anhielt. Er sprach nicht darüber, ließ sich mit seinen Freundinnen auch nie bei uns blicken. In diesen Zeiten machte er sich rar und wir sahen ihn selten. Wenn er uns doch besuchte und sich unbeobachtet fühlte, wirkte er auf mich freudlos und bedrückt. Mir war es ein Rätsel, wieso er keine Frau fand, die ihn glücklich machte.
   Ein sanfter Stoß in die Kniekehlen lässt mich zusammenzucken. Ron grinst mich an, und ich frage mich, ob er ahnt, dass ich über ihn nachdenke. Die Schlange an der Kasse erscheint mir endlos, und als hätte es das Schicksal heute auf mich abgesehen, sehe ich vor mir in einem Metallständer die beliebtesten Klatschzeitschriften für Kunden, die nicht im entsprechenden Gang gewesen sind, griffbereit und fein säuberlich zur Schau gestellt, sodass nun genau das passiert, was ich vermeiden wollte. Ron kommt auch in den Genuss, von Micks neuer Eroberung angegrinst zu werden. Wenigstens knutschen die zwei nicht, wie Colin fälschlicherweise behauptet hat, aber kurz davor sind sie auf diesem Schnappschuss allemal. Sie lehnt sich in Micks Richtung, und ich wende mich angewidert ab. Ich hasse Paparazzi, die in Hauseingängen oder hinter Sträuchern lauern und es merkwürdigerweise stets auf Mick abgesehen haben.
   Mit säuerlicher Miene und gerunzelter Stirn beginnt Ron, die Einkäufe auf das Kassenband zu stapeln. Der Tag ist definitiv gelaufen, denn Micks Schwäche, was Frauen angeht, macht ihn rasend. Colins stoische Verweigerungshaltung, für einen Moment auf seinen Comic zu verzichten, um es auf das Band zu legen, und Cathys kontinuierliches Gezeter und Herumgeturne in dem Einkaufswagen heben Rons Laune auch nicht an.
   Mir ist inzwischen alles egal, und ich stehe nur erniedrigt und gramgebeutelt in der Gegend herum. Ron schiebt mich vorwärts, wohlwissend, dass ich längst abgeschaltet habe.
   Eine Frau vor uns greift sich das Tratschblatt und wirft es mit Front nach oben auf das Kassenband.
   Ron fährt mir mit dem Wagen in die Fersen, da ich unverrichteter Dinge dastehe und wohl etwas apathisch wirke. Er murmelt eine Entschuldigung und wirft mir einen mitfühlenden Blick zu. Die Frau mit dem offenbar unstillbaren Drang nach den neuesten Gerüchten aus der Promiwelt ist an der Reihe. Nachdem sie gezahlt hat, fällt ihr Blick auf mich, weswegen ich mich schnell zu Cathy umdrehe, die quengelnd versucht, einen Joghurtbecher vom Band zu fischen. So weit kommt’s noch, dass ich aufgrund meiner Serienrollen von vor Jahren erkannt werde, und womöglich noch mit Mick in Verbindung gebracht werde, den die Dame soeben in ihre Einkaufstasche stopft. Herrje, bin ich froh, wenn ich hier raus bin.
   »Cathy ist müde, ich gehe schon mal mit ihr zum Auto, okay«, teile ich dem gestresst dreinschauenden Ron mit, der nun die bereits gescannten Teile wieder in den Einkaufswagen zurückräumt. Er nickt mir kurz zu, ich hebe Cathy aus dem Wagen und verschwinde flugs aus dieser kalten und bedrückenden Umgebung.
   Seufzend lasse ich mich in den Autositz fallen, nachdem ich Cathy im Kindersitz hinter mir angeschnallt habe. Sie gähnt, und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sie einschlafen, sobald der Motor läuft.
   Nach der Episode ‚Erste Liebe – letzte Liebe‘ dauerte es nicht lange und ich bekam von anderen Produktionen Angebote. In Vancouver gibt es zahlreiche Filmstudios. In der Umgebung werden Filme und Serien noch und nöcher gedreht. Ich war gut, und das bekamen auch andere Produzenten mit. Ich ergatterte die eine oder andere kleine Rolle. Hin und wieder war sogar eine größere dabei. Die Angebote häuften sich, bis ich irgendwann genauso wenig Zeit hatte wie Mick. Die Abende waren kurz, und mit der Zeit wurde mir bewusst, wie schwierig es ist, ein gefragter Schauspieler zu sein und gleichzeitig eine glückliche Ehe zu führen.
   Das änderte sich erst, als Colin vor fast acht Jahren auf die Welt kam. Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, wie sehr sich Mick freute, als ich ihm sagte, dass ich schwanger bin. Er tanzte in der Wohnung umher wie ein Irrer. Ich war nicht mal halb so begeistert, denn ich hatte wegen des Stresses im Job die Arztbesuche vernachlässigt und meine Spirale war gewandert.
   Etwas Gutes brachte die Sache allerdings mit sich. Das Verhältnis zwischen Ron und mir wurde vertrauter, als er davon erfuhr. Ich glaube bis heute, für ihn war diese Nachricht einhergehend mit dem Irrglauben, dass ihm nun gelingen würde, loszulassen, da ich dabei war, mit Mick eine Familie zu gründen und jegliche Hoffnungen bezüglich eines Partnerwechsels damit vollkommen ausgeschlossen waren. Vermutlich gelang ihm diese Form der Selbstsuggestion sogar für einige Zeit, denn wir sahen uns wieder öfter, sprachen mehr miteinander und näherten uns schrittweise einander an. Er machte sein Versprechen wahr, ließ sich häufiger bei uns blicken und wurde nach und nach der ersehnte Freund unserer kleinen Familie. Schon damals spürte ich hin und wieder, welche Mühe ihn das kostete. Es war ihm aber trotzdem ein Bedürfnis, in Micks Nähe zu sein. Mick blieb sein bester Kumpel, und das wird sich nie ändern, da bin ich absolut sicher. Ron nahm all die Jahre den Schmerz in Kauf, den ich ihm als Micks Anhängsel zufügte, ohne es je gewollt zu haben.
   Als Colin das Licht der Welt erblickte, war Ron hin und weg und kam beinahe täglich vorbei. Seitdem ist er der beste Patenonkel, den sich ein Kind nur wünschen kann. Inzwischen ist er sogar mehr Vater als Onkel für die Kinder. Er sitzt an ihrem Bett, wenn sie krank sind, bringt Colin zur Schule oder holt Cathy vom Kindergarten ab.
   »Ron, ich kann das nicht mehr«, flüstere ich auf der Rückfahrt, mitten auf der Lions Gate Bridge. Cathy ist eingeschlafen und Colin liest vertieft in seinem Comic, er steht auf Superhelden. Ich beiße mir auf die Lippen. Verdammt, das hätte ich nicht sagen sollen. Mir ist klar, dass Ron nicht antworten wird. Damals, vor knapp zehn Jahren, sagte er in dem roten Pick-up auf dem Studioparkplatz mit Tränen in den Augen, dass ich mich nicht bei ihm ausweinen soll, wenn die Sache mit Mick schiefläuft. Ich habe mich daran gehalten. Ein einziges Mal in all den Jahren haben wir darüber gesprochen. Er hatte ein wenig über den Durst getrunken, was in letzter Zeit äußerst selten vorkommt. Er hat sich gut im Griff.
   »Du weißt, wie ich darüber denke«, sagt er mit einem Mal, als wir die Lions Gate Brücke lange hinter uns gelassen haben und den Capilano River in Richtung North Vancouver auf einer kleineren Überführung überqueren.
   Ich versuche mir mein Erstaunen nicht anmerken zu lassen, denn normalerweise blockt er ab, wenn Mick das Thema ist. Natürlich weiß ich, wie er darüber denkt. Und wie ich das weiß. Leider. Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne und ich nehme den Verdunklungsprozess wahr, als würde sich ein grauer Schleier vor meine Augen legen. Mick liebt mich, das weiß ich, ebenso sehr wie ich weiß, dass ich an unserer Misere nicht unschuldig bin. Warum, verdammt noch mal, liebe ich Mick noch immer?
   »Du kannst nicht uns beide haben, Lara. Du musst dich endlich entscheiden.«
   Ich schlucke und werfe ihm einen überraschten Blick zu. Etwas in der Art hat er bisher nie gesagt, ich bin ehrlich verblüfft. Regelrecht baff, sodass ich nicht reagieren kann. Die Wolkenformation vor uns am Himmel erinnert an einen dicken Berg Zuckerwatte. Aneinander geballte, bestechend weiß glitzernde Häufchen in unterschiedlicher Größe und Form, wunderschön anzusehen.
   »Du solltest endlich zu ihm nach L. A. ziehen und hier alle Zelte abbrechen. Anders wird es nicht funktionieren, meinst du nicht auch?« Ich falte meine Hände so fest ineinander, dass die Knöchel weiß hervorstechen, und starre aus dem Fenster. Er hat keine Ahnung, wie schwer mir dieser Schritt fallen würde, obwohl ich mir der Dringlichkeit dessen absolut bewusst bin. Die peinigenden Gefühle, die Micks Liebschaften in mir auslösen, sind ebenso quälend, wie das Wissen, Ron verlieren zu können. Nicht nur ihn. Einige Freundschaften, die ich über die Jahre mühevoll aufgebaut habe, würden damit zerbrechen. Mein geliebtes Haus, die Wälder Vancouvers, die Berge, die Flüsse, all das würde mir und den Kindern wahnsinnig fehlen. Colin hat seine Freunde, seine Schule und seinen Verein lieb gewonnen.
   »Ich kann das nicht, das weißt du«, entgegne ich leise.
   »Dann hör auf, ihn zu lieben und trenn dich endgültig von ihm. Ansonsten wird das so weitergehen und du wirst leiden. Wir alle leiden!«
   Verdattert mustere ich ihn, die Bedeutsamkeit seiner Worte hallt in meinen Ohren nach. Das habe ich ihm nicht zugetraut. Lange hat er sich nicht derart weit nach vorn gewagt, seine Gefühle so direkt und klar zum Ausdruck gebracht. Schmerz war herauszuhören, was eine quälende peinigende Stille im Wagen nach sich zieht. Ron nagt an seiner Unterlippe, gleichzeitig wirkt er angespannt. Meist windet er sich heraus, wenn es um meine Beziehung zu Mick geht. Er will nichts damit zu tun haben. Es belastet ihn, quält ihn, macht ihn fertig. Man merkt es ihm jedes Mal an.
   »Ich kann den Kindern nicht den Vater wegnehmen«, behaupte ich, aber das ist eine lahme Ausrede. Ich weiß es und Ron auch. Ich liebe Mick und möchte, dass dieser Schmerz endlich aufhört. Ebenso liebe ich Ron und möchte ihn auf keinen Fall in Vancouver zurücklassen.
   »Er wird dich in regelmäßigen Abständen betrügen, solange du nicht endgültig bei ihm in Los Angeles wohnst, das ist dir doch hoffentlich klar?«
   Sein Tonfall löst eigentlich andere Assoziationen in mir aus, als mich zu rechtfertigen, weswegen ich es vorziehe, zu schweigen. Ich werfe ihm einen vorsichtigen Blick zu, kann leider seine Augen hinter den dunklen Gläsern seiner Sonnenbrille nicht erkennen. Zu gern wüsste ich, ob die obligatorische Furche zwischen seinen Brauen sichtbar ist, die er immer bekommt, sobald Mick wieder in flagranti gesichtet wurde.
   Ich seufze lautlos in mich hinein. Auch das ist nichts Neues für mich. Wie oft haben Mick und ich in letzter Zeit darüber gesprochen. Wie oft hat er versucht, mir klarzumachen, dass ihm diese Frauen nichts bedeuten, es für ihn nichts weiter als belangloser Sex ist, und er das nicht tun würde, wenn ich in seiner Nähe wäre. Ich glaube ihm, trotzdem tut es weh. Er bettelt mich in regelmäßigen Abständen an, mit den Kindern nach L. A. umzusiedeln, weil er mich braucht, mich liebt und er mit dieser Situation absolut unzufrieden ist. Als wäre es noch nicht schlimm genug, Mick immer wieder vertrösten zu müssen. Mit mir sei es sowieso am Schönsten, versichert er mir bei diesen Gelegenheiten jedes Mal auf romantischste Art und Weise. Da ich aber ganz offensichtlich weder von Vancouver noch von Ron loskommen würde, ständig andere Ausreden hätte und partout nicht zu ihm ziehen möchte, bliebe ihm keine andere Wahl, gab er mir nach solchen Wochenenden oft zu verstehen, in denen ich wieder zu keiner eindeutigen Entscheidung kommen konnte. Er braucht Sex, sagte er. Er fühlt sich sonst krank und nicht belastbar im Job. Er kann dann weder klar denken noch sich auf seine Texte konzentrieren, obendrein hätte er das Gefühl, platzen zu müssen.
   Der Druck, der urplötzlich auf meinem Brustkorb lastet, gleicht der festen Verankerung eines Werkstücks in einem Schraubstock. Ich atme tief ein, sodass sich mein Brustkorb weitet. Ich trage die Schuld an diesem Dilemma, ich bin der Auslöser für Micks und Rons Schmerz. Ein scheiß Gefühl.
   »Wirst du ihn anrufen?«, will ich wissen.
   Rons Gesicht verzieht sich zu einer gequälten Grimasse, als würde diese Frage üble Erinnerungen in ihm wecken. »Das macht wenig Sinn. Er sagt jedes Mal dasselbe.«
   »Was sagt er?«
   Er schiebt kurz seine Sonnenbrille herunter und linst mich über den Rand hinweg an, geradeso, als wäre meine Frage eine Zumutung für ihn. Als hätte ein ungeduldiges Kleinkind auf dem Rücksitz zum x-ten Mal wissen wollen, wann man denn endlich da ist. »Das solltest du wissen. Andere Frauen gäbe es für ihn nicht, wenn du bei ihm wärst. Er fühlt sich von dir im Stich gelassen und versteht nicht, warum du lieber mit mir in Vancouver lebst, anstatt bei ihm zu sein.« Ron gibt der Brille einen sanften Stups, sodass sie ihre alte Position wiederfindet.
   Mir ist klar, dass dieses Gespräch beendet ist, und so starre ich eine Weile aus dem Autofenster. Ron hat schon mehr gesagt, als er normalerweise tun würde und ich habe keine große Lust, mich weiterhin zu verteidigen. Warum auch immer, ich kann nicht aus meiner Haut. Mir ist doch selbst nicht klar, wieso ich Ron so sehr brauche, ihn hier nicht zurücklassen kann und dafür sogar die Seitensprünge meines Mannes hinnehme. Ich verstehe mich überhaupt nicht.
   Wir lassen die nächste kleine Brücke hinter uns auf dem Weg in die beste Wohngegend Vancouvers. Kurz nach Colins Geburt kauften Mick und ich unser Haus. Eine wunderschöne Villa im Landhausstil auf der Radcliffe Ave oberhalb des Ozeans. Ich habe dieses Haus von Anfang an geliebt, da es direkt am Hang, mit Blick auf den West Bay Park, liegt. Riesige Fensterfronten geben die Sicht auf die Bucht preis. In der Ferne kann man bei guten Wetterbedingungen einige Ausläufer der Rocky Mountains erkennen. Ich liebe die Stille. Einzig die kreischenden Raubvögel, die über den Wäldern ihre Schleifen ziehen, sind an windstillen Tagen zu hören. Unser Garten, satte tausend Quadratmeter groß, bietet den Kindern genug Platz zum Toben und besteht in erster Linie aus Wiese, auf die Ron eine Schaukel, einen Sandkasten und ein Spielhaus für Cathy und Colin errichtet hat. Ein nicht zu verachtender alter Baumbestand, bestehend aus einem Kirsch, einem Birnenbaum und einigen Apfelbäumen, bietet im Sommer das Nötigste an Schatten, sollte ausnahmsweise eine längere Hitzeperiode mit viel Sonnenschein in Vancouver Einzug halten. Ich liebe den Garten, mehr noch aber die Terrasse. Auf einer Fläche von etwa zwanzig Quadratmetern verleihen mediterrane Bruchsteinplatten südländisches Flair. Mein Reich, wo ich im Sommer Kräuter und einjährige bunte Blumen ziehe. Um den Garten kümmert sich in erster Linie Ron. Sogar Mick mäht hin und wieder am Wochenende den Rasen, sollte Ron es mal verschwitzt haben.
   In diesem Haus stecken säckeweise Erinnerungen und einige Jahre Glückseligkeit. Mick und ich haben damals all unser Herzblut und einen Haufen Liebe in die Einrichtung gesteckt. Die weißen Möbel im Landhausstil, mit einigen Verzierungen und den bogigen Türen, haben ein kleines Vermögen gekostet. Wir fühlten uns von Anfang an wohl und einige Monate später kam Ron nach. Er mietete sich in der Nähe, keine vier Straßen entfernt, eine Dreizimmerwohnung. Mick und Ron fuhren morgens gemeinsam in die Studios und kamen abends zusammen zurück. Es war beinahe wie in alten Zeiten. Sie waren wie Brüder und ich liebte alle beide. Heute frage ich mich oft, woher Ron die Kraft nahm, sich nach wie vor mit uns zu umgeben, da ihm häufig anzumerken war, wie einsam er sich fühlte. Mick und er verstanden sich trotzdem prima, und über kurz oder lang wurden wir zu dem alten Dreiergespann wie ganz zu Anfang. Ron besuchte uns oft, um sein kleines Patenkind zu sehen. Zeitweise waren wir wie eine glückliche, große Familie, in der es leider ein einziges Mitglied gab, das nicht restlos glücklich war. Manches Mal fielen mir Rons traurige Augen auf, wenn er Mick und mich in den Abendstunden bei unseren Eheplänkeleien beobachtete. Seine geheimsten Gedanken, seine intimsten Wünsche zu erahnen, war ein schwieriges Unterfangen, weitaus schwerer als eine Horde Kindergartenkinder dazu zu bringen, ihren Spinat aufzuessen. Er hatte einen Koloss von Panzer um sein Herz geschnallt, undurchdringlich und unmöglich zu knacken. Trotz allem wurden meine Gefühle für ihn mit der Zeit genauso stark, wie die für Mick. Nur waren sie anders. Ich liebte ihn auf eine andere Art und habe lange gebraucht, um zu realisieren, dass so etwas überhaupt möglich ist. Er wurde mit den Jahren immer wichtiger für mich, und als Mick nach L. A. umziehen musste, war es zu spät. Ich konnte Ron nicht zurücklassen. Ohne Frau, ohne Kinder. Ihm seine Patenkinder nehmen, ihn nicht mehr ständig um mich haben. Allein der Gedanke war der sprichwörtliche Horror. Ist es heute noch.
   Ron lenkt den Wagen geschickt die kurvige Anhöhe hinauf. »Lara, ich verstehe dich ehrlich gesagt auch nicht. Warum tust du das?«
   Ich zucke regelrecht zusammen, denn ich habe in keiner Weise damit gerechnet, noch irgendetwas in dieser Richtung von ihm zu hören. Diese Frage hat ihm sicher einiges an Überwindung abverlangt. Indem ich geschäftig in meiner Handtasche nach dem Wohnungsschlüssel krame, versuche ich mein aufgewühltes Innenleben zu vertuschen. Seine Stimme klang gefühlvoll wie lange nicht. Weil ich dich liebe, verdammt, merkst du das denn nicht?, will ich ihm am liebsten mitten ins Gesicht schreien. Stattdessen unterbreche ich meine Wühlerei, sehe ihn vorsichtig an und mein Herz rast augenblicklich. »Was meinst du?« Ich weiß genau, was er meint. Verlegen beiße ich mir auf die Unterlippe, um ein nervöses Lächeln zu unterdrücken.
   »Warum bist du seit fast drei Jahren mit den Kindern hier bei mir und überlässt Mick seinem Schicksal?«
   Ich schüttle den Kopf und zucke die Achseln, in der Hoffnung um eine Antwort herum zu kommen.
   »Sag, liebst du Mick eigentlich noch?«
   Entgeistert starre ich ihn an. Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Monaten einen sehnsüchtigeren Blick von ihm erhascht zu haben. Noch weniger hätte ich mir träumen lassen, diese Frage jemals aus seinem Mund zu hören. Sie raubt mir den Nerv, nimmt mir das letzte Fünkchen Achtung, was ich noch von mir hatte. Wie kann ich ihm klarmachen, was ich fühle, wenn ich das doch selbst nicht richtig verstehe? »Ich – ja – nein – ähm, keine Ahnung, ich bin nicht sicher«, stammle ich und habe das Gefühl, innerlich zu verglühen. Irgendetwas ist heute anders an ihm, etwas was mir diese Antwort möglich machte.
   Er nickt und wirft mir einen Blick zu, der mir sagt, das war nicht ganz das, was er hören wollte. Sein Gesichtsausdruck, innerhalb von Sekunden, ernst und verschlossen wie in alten Zeiten. Ein Schmerz arbeitet sich wellenförmig durch meinen Unterleib und nistet sich im Magen ein. Der Druck nimmt mir fast den Atem. Allerdings hätte ich lügen müssen, um ihm Erleichterung zu verschaffen und ihm zusätzlich ein glückliches Lächeln zu entlocken. Er hofft noch immer, wartet, dass ich Mick den Laufpass gebe, doch ich Versagerin bin dazu nicht in der Lage.
   Was fühle ich mich gerade mies.
   »Okay, dann bitte ich dich, versuche es schleunigst herauszufinden. Werde dir sicher und handle. Es wird höchste Zeit. Zieh zu ihm, wenn du ihn noch liebst, er wartet auf dich.«
   »Und wenn nicht?«, flüstere ich und ein innerer Schauder kriecht durch meinen Körper. Ron zuckt mit den Schultern und stiert auf die Straße.
   »Dann lass dich scheiden. Aber entscheide dich endlich! Wie gesagt, tust du es nicht, wirst du weiterleiden.« Er seufzt laut. »Und nicht nur du!«
   Die Strenge seiner Stimme und die offenkundige Dringlichkeit seiner Bitte versetzen mir einen Stich. Sein Nachsatz klang schmerzerfüllt. Was tue ich ihm nur an?
   »Zieh zu ihm, und er wird sofort mit diesen Frauengeschichten aufhören, soviel ist sicher.«
   »Was ist mit dir?« Besorgt mustere ich ihn.
   »Ich komm schon klar, mach dir keine Sorgen.«
   Ich schweige eine Weile und spüre seine Verzweiflung. Vermutlich wäre es ihm lieber, mich nie mehr wiederzusehen, auch wenn es uns das Herz brechen würde.
   »Ich kann dich nicht in Vancouver zurücklassen, tut mir leid.« Was mache ich hier eigentlich? Ich folge dem Ruf meines Herzens. Wenn dieser Ruf auch alles zerstört, was ich mir aufgebaut habe. Ron wirft mir einen überraschten Blick zu.
   »Wenn du deine Ehe retten willst, musst du es.«
   Ich nicke und seufze lautlos. Seine Direktheit verblüfft mich, zumal er bisher vermieden hat, mit mir darüber zu reden. Keine Ahnung, was mit ihm los ist, heute ist alles anders.
   »Die Kinder würden dich vermissen.« Ich spüre förmlich, wie er mit sich ringt, um mir eine adäquate Antwort zu präsentieren. Dieses Gespräch gehört zu der Sorte, die Ron ein Dorn im Auge sind.
   Die Sonne verzieht sich erneut hinter einer Wolke, was Ron veranlasst, seine Sonnenbrille abzunehmen und in die Mittelkonsole zu legen. Zwei flauschig weiße Wolken, nur an einer Stelle verbunden, als würden sie sich die Hand reichen, werden in den nächsten Sekunden mit einer Dritten kollidieren, die sich durch die Winde dort oben unaufhaltsam nähert. Ach, könnten bloß wir drei so miteinander verschmelzen, das wäre das Allergrößte.
   »Ich sie auch, glaub mir. Aber es sind Micks Kinder, nicht meine. Ihr vier gehört zusammen.« Er klingt entschlossener denn je, und aus seinen Worten ist der ungebrochene Wille herauszuhören, für den ich ihn, seit ich ihn kenne, bewundere. »Lara, du setzt deine Ehe aufs Spiel, seit drei Jahren geht das so. Meinetwegen in Vancouver zu bleiben, aus einem schlechten Gewissen heraus oder was auch immer es ist, ist absolut unnötig.« Sein Tonfall verschärft sich, wie auch sein Blick, der gleichzeitig traurig und gequält wirkt.
   Ich möchte ihn in den Arm nehmen, ihm sagen, wie sehr ich ihn liebe, aber seine Körpersprache lässt es nicht zu. Sie ließ es in all den Jahren nicht zu.
   Rons Geländewagen schlängelt sich ohne große Schwierigkeit die gewundene Straße bergauf, die, zu beiden Seiten mit wunderbar dichten Baumgruppen gesäumt und mit den dahinterliegenden noblen Eigenheimen, zu meiner Lieblingsgegend in ganz Vancouver geworden ist. Das einzig Störende sind die Mülltonnen, die am Fahrbahnrand stehen und die Einfahrten flankieren wie zu groß geratene graue Legosteine. Offenbar finden die Leute dafür keine andere Bleibe, als direkt vorn an der Straße. Unsere Tonnen dagegen sind hinter einer dichten Hecke versteckt, die Ron regelmäßig mit seiner neuen, elektrischen Heckenschere stutzt, auf die er so stolz ist. Eine wohlige Wärme durchzieht meinen Körper, wenn ich an sein Gesicht denke, als er die Schere von Mick bekam, und lachend darüber frotzelte, dass sich Mick einen Gärtner leistet und Ron in Micks Haus alles selbst machen muss. Trotzdem freute er sich fast ein Loch in den Bauch. Mick hat für alle alltäglichen Arbeiten seine Leute, da er keine Zeit für Hausarbeit hat. Daher würde es mir noch schwerer fallen, Ron zu verlassen, denn es macht Spaß, mit ihm gemeinsam den Garten zu pflegen. Außer kochen macht Mick nichts, und dementsprechend ungeschickt ist er in manchen Bereichen.
   Würde man diese Straße weiter geradeaus fahren, käme man zur Gondel, die einen hinauf zum Grouse Mountain bringt, einem großen Park mit angeschlossenem Tiergarten und einer coolen Holzfällershow, die in den Sommermonaten mehrmals am Tag stattfindet. Wie oft waren wir in den letzten Jahren mit den Kindern dort oben, wenn wir einen Wochenendausflug geplant hatten. Colin liebt die witzige Stuntshow der Lumberjacks in schwindelerregenden Höhen, die mich eher an eine akrobatisch perfekte Zirkusnummer erinnert.
   Mit Mick war ich in all den Jahren nur einmal dort, er findet einfach nicht die Zeit und die Muße dazu. Ich seufze in mich hinein und beobachte Ron von der Seite. Er blickt konzentriert auf die Straße und wirkt dabei äußerst nachdenklich.
   Meine Nase läuft mit einem Mal, was an dem Klumpen liegen wird, der in meinem Hals steckt. Ich öffne das Handschuhfach um ein Taschentuch zu suchen und werde sofort fündig. Ein Wunder, dass die Tränen noch nicht laufen. Ich schlucke angestrengt. Seit drei Jahren herrscht Ordnung in Rons Wagen, und seitdem die Kindersitze eingebaut wurden, hat er sich sogar abgewöhnt, seinen halben Hausstand in der Gegend herumzukutschieren. Vieles hat sich verändert, vor allem aber der Funke, der seit genau zehn Jahren in Ron erloschen zu sein scheint.
   Kurze Zeit später biegt er in unsere Einfahrt ein und trägt die schlafende Cathy vorsichtig ins Haus, während ich die Einkäufe prustend auf dem Küchentisch abstelle.
   »Ich bringe die Kinder ins Bett und lese ihnen eine Gutenachtgeschichte vor. Dann geh ich rüber, okay?«
   Ich nicke in den Kühlschrank, den ich mit unseren Einkäufen befülle. Seine Ankündigung überrascht mich nicht im Geringsten. Er geht jeden Abend nach drüben in seine Wohnung, wenn er die Kinder ins Bett verfrachtet hat, was er beinahe täglich erledigt. Ein völlig normaler Zustand also. Einzige Ausnahme, wenn Mick an den Wochenenden hier ist, bleibt Ron manchmal über Nacht und schläft im Gästezimmer.
   Gerade als ich fertig bin, und die Küche in einen vorzeigbaren Zustand versetzt habe, kommt Ron die Treppe herunter.
   »Cathy war hundemüde, ist nach dem Zähneputzen sofort wieder eingeschlafen. Colin liest noch, er hat aber versprochen, gleich das Licht auszuschalten.«
   Ron steht mit einem Mal dicht vor mir und sieht mich eindringlich an. Mein Herz gerät unter seinem Blick unweigerlich ins Flattern.
   »Lara, weißt du, was dein Problem ist?«
   Er tritt noch einen Schritt näher und seine auf mich gerichteten Augen wirbeln meine Emotionen komplett durcheinander. Sicher weiß ich das, nur scheint es ihn nicht zu interessieren.
   »Du kannst mit einer Sache nicht abschließen, so quälend sie auch sein mag, weil du einfach nicht in der Lage bist, die Hoffnungen und das Vertrauen, das du einmal in einen Menschen gesetzt hast, aufzugeben. Eine wirklich bewundernswerte Eigenschaft, nur wird sie dich, vermutlich uns alle, irgendwann ins Verderben rennen lassen.«
   Ich bringe kein Wort heraus, starre ihn nur an, denn das ist ein Ron, der sich lange nicht gezeigt hat. Einer, der kurzzeitig die Fesseln, die ihn seit Langem hindern, den wahren Ron zu zeigen, losgeworden ist.
   »Lara, ich flehe dich an, unternimm endlich was. Ansonsten werde ich mir etwas überlegen.«
   Wie versteinert sehe ich zu ihm auf. Das klang nicht nach Drohung, eher nach einer Bitte, die schon etwas Beschwörendes an sich hatte. Genauso wie er mich ansieht, beinahe schon flehend.
   Er hebt eine Hand, streicht sanft über meine Wange und anschließend flüchtig über mein Haar. Die Überraschung lähmt meine Körperfunktionen. Die Gedanken stehen still, in meinem Sprachzentrum herrscht Totalausfall, mein Reaktionsvermögen hat sich komplett verabschiedet und die Atmung stockt, setzt sogar für einen Moment aus. Was war das? Er hat mich seit unserer Bergwanderung vor zehn Jahren nie wieder berührt, vor allem nicht in dieser Art. Warum gerade jetzt?
   Wie zur Salzsäule erstarrt, stehe ich da und sogar meine Gliedmaßen funktionieren nicht mehr. Wäre mein rasender Herzschlag nicht, könnte man meinen, ich wäre stehend in eine Art Wachkoma gefallen. Seine Berührung war zärtlich, sogar etwas unsicher.
   Ron tritt einen Schritt zurück, atemlos und unfähig zu sprechen nicke ich ihm zu, denn ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich tun kann.
   »Bis morgen.« Er lächelt und geht zur Tür.
   »Ron …«
   »Ja?« Er dreht sich zu mir um.
   Ich schüttle den Kopf, mir fehlt der Mut. Diese klitzekleine Schwelle mag ich nicht übertreten. Die Angst, einen Fehler zu machen, ist zu groß. Ich kann und darf mir nie wieder erlauben, ihm Hoffnungen zu machen, die ich letztlich nicht erfüllen kann. Er ist besonders, ein Diamant in meinem Leben, den es zu schützen gilt. Er ist in seiner Fassade so bröckelig, wie eine filigran gestaltete Sandburg, und was dahinter lauert, wird vollkommene Verunsicherung heißen. »Es ist – nichts – schon gut.« Er würde es nicht verstehen. Es hat keinen Sinn. Er versteht nicht, dass ich ihn und Mick liebe.
   Seufzend lasse ich mich auf einen der Küchenstühle sinken. Ron hat recht. Ich kann mit Mick nicht abschließen, unsere Beziehung nicht als gescheitert ansehen, weil sie das in meinen Augen einfach nicht ist. Tief in mir spüre ich, dass Mick und mich mehr verbindet, als mir im Alltag bewusst ist. Seit er in Los Angeles heimisch geworden ist und nicht mehr jedes Wochenende herkommt, hat sich vieles geändert. Eine Menge sogar, denn Ron, ich und die Kinder verbringen seither viel Zeit miteinander und sind wie eine Familie zusammengewachsen.

Heute brauche ich das tägliche Telefonat mit Mick noch dringender als sonst. Wir telefonieren jeden Abend um zehn, was mittlerweile zum Ritual geworden ist. Unsere Zeit, die einzige, die wir haben. Meist kommt er erst gegen neun Uhr abends nach Hause, um elf ist er längst eingeschlafen, weil er morgens um fünf schon wieder aufstehen muss. Ein hartes Leben, seine Wahl. Er liebt seinen Job. Seit einiger Zeit ist er der Star einer Dauer-Sitcom, die täglich ausgestrahlt wird. Er arbeitet beinahe sechzehn Stunden täglich. Zu SmartTown-Zeiten gab es wenigstens noch eine viermonatige Sommerpause, von der wir jetzt nur träumen können.
   Ich mache es mir auf der Couch gemütlich, richte mit dicken Kissen im Rücken meinen Platz behaglich her und schwelge mit einem Mal in Erinnerungen. Mick und ich unternahmen in der drehfreien Zeit lange Trips durch die USA. Was hatten wir einen Spaß miteinander, mit ihm war’s unheimlich prickelnd. Einmal waren wir im Trailer in einem der großen Nationalparks unterwegs. Von morgens bis abends mit Mick zusammen zu sein, war bombastisch. Wir sind nackt in wilde Seen gesprungen, haben uns am Lagerfeuer geliebt und gelacht, dass es aus den Wäldern zurückschallte. Eine der schönsten Zeiten in meinem Leben. Wundervolle Erinnerungen, die mir kurzzeitig ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.
   Ich nehme das Telefon in die Hand und wähle Micks Nummer. Manchmal brauchen wir die Erinnerungen einfach als eine Art Klebstoff, um nicht auseinanderzufallen.
   »Mick, ich bin’s. Alles klar bei dir?«
   »Hey Süße, ich wollte dich auch gerade anrufen. Wie geht es dir?«
   »Nicht gut.«
   »Ich weiß, Ron hat eben angerufen. Es tut mir leid.« Seine Stimme klingt tatsächlich ziemlich zerknirscht.
   »Hat er dir Vorhaltungen gemacht?«
   »Nein, überhaupt nicht.«
   »Worüber habt ihr gesprochen?«
   »Ach, nichts Besonderes – Männerkram.«
   Nicht das erste Mal, dass ich mich wundere, was die beiden für Geheimnisse haben, und er mir ein Gespräch mit Ron vorenthält. Offenbar wichtige Männersachen. Manchmal habe ich das Gefühl, die beiden sind noch enger miteinander verbunden als damals, als wir uns kennenlernten. Trotz unseres Dilemmas, das uns drei zusammenschweißt und gleichzeitig voneinander entfernt.
   Ich höre Mick beim Trinken und nachfolgendem Schlucken zu, offenbar möchte er mir nichts Näheres darüber erzählen. Wenn er an Wochenenden oder Feiertagen bei uns in Vancouver ist, sitzen die zwei häufig bis spät in die Nacht zusammen und quatschen. Ich frage mich häufig, worüber man so lange diskutieren kann. Wenn ich dann ausnahmsweise mal gelauscht habe, ging es um Fußball oder irgendwelche jobinternen Dinge. Ziemlich uninteressant, meiner Meinung nach.
   »Mick, wenn du es schon nicht lassen kannst, dann pass wenigstens besser auf. Ich versteh nicht, wieso gerade dich die Paparazzi ständig erwischen. Ich möchte nicht, dass Colin dich andauernd mit anderen Frauen im Arm sieht.« Ich räuspere mich. »Ehrlich gesagt will ich davon auch nichts mehr mitkriegen, geschweige denn vor Augen geführt bekommen. Das ist deine Sache, du musst wissen, was du tust, aber lass uns da raus – bitte.«
   »Ich möchte das selbst nicht, das kannst du mir glauben.«
   Ich fühle einen Kloß im Hals.
   »Lara, komm zu mir, du fehlst mir so.« Er klingt total bedürftig, seine Stimme weich und warm wie ein Schaumbad mit Vanilleduft.
   »Ron hat dir von unserem Gespräch im Auto erzählt, nicht wahr?« Ich versuche, den Kloß hinunterzuschlucken, was nicht sonderlich gut gelingt. Natürlich hat er das. Darüber haben die beiden also geredet. Ich habe es mir fast gedacht. Sie schütten sich gegenseitig ihr Herz aus über die grausame hartherzige Lara, die ihren Mann im Stich lässt, damit geradezu zur Untreue zwingt, und zu allem Überfluss ihren besten Freund quält. Ich fühle mich mit einem Mal elend und unverstanden.
   »Lara, ich muss dich sehen, kann hier aber grad schlecht weg. Kannst du für ein paar Tage herkommen? Ich vermisse dich wie Irre.«
   »Und die Kinder? Colin hat Schule.«
   »Ron sagte, seine Eltern übernehmen die Kinder tagsüber und er am Abend. Er wird so lange im Haus wohnen. Kommst du?«
   Ungläubig schüttle ich den Kopf und traue meinen Ohren nicht. Die zwei schmieden hinter meinem Rücken Pläne? Das darf nicht wahr sein.
   »Mick, was soll ich allein von morgens sechs bis abends um neun in Los Angeles machen? Du hast überhaupt keine Zeit für mich, und hier bleibt alles liegen.«
   Er seufzt ins Telefon, denn er weiß, dass ich recht habe. Ich habe genug Arbeit mit dem großen Haus, der Wäsche und den beiden Kindern.
   »Du könntest shoppen gehen oder an den Strand. Eine Art Kurzurlaub, um dich von den Kindern zu erholen? Abends kann ich eventuell früher nach Hause kommen, dann …«
   Plötzlich fühle ich mich frustriert. »Ohne dich macht Urlaub keinen Spaß«, unterbreche ich ihn. »Außerdem wissen wir beide, dass du nicht früher zu Hause sein wirst, und zum Shoppen hab ich auch keine große Lust. Ich brauche nichts. Ich habe alles, außer einen Mann.« Ich schmeiße eins der Kissen quer durch den Raum, denn ich will nichts mehr davon hören.
   Er lacht leise ins Telefon. »Du hast sogar zwei Männer, meine Süße.«
   »Aber keinen davon richtig«, maule ich. Mir ist gerade wirklich zum Heulen zumute. Was ein lächerlicher Versuch, der Sache etwas Gutes abzugewinnen. Den hätte er sich sparen können. Der eine hat keine Zeit, und der andere rührt mich nicht an, weil er mich für sich allein will, ich mich von dem anderen jedoch nicht endgültig trennen kann, weil ich ihn liebe. Die Sache ist ausweglos. Ich weiß nicht, was ich noch tun kann. Es gibt keine Lösung. Am besten gehe ich ins Kloster.
   »Okay, dann komme ich. Nächstes Wochenende. Ich versuche, noch zwei Tage rauszuschlagen. Ich muss dich einfach sehen.« Ich atme innerlich auf, denn er fehlt mir auch, aber ich habe keine gesteigerte Lust auf Los Angeles. Irgendwie mag ich diese Stadt nicht.
   »Super, ich freu mich tierisch auf dich. Die Kinder werden sich auch total freuen. Wir vermissen dich auch.« Was Mick verspricht, hält er. Seit ich ihn kenne, macht er keine leeren Versprechungen. Ein weiterer Grund, warum er mir so nahesteht und ich mich geborgen fühle, wenn er bei mir ist.
   »Es ist spät, ich ruf dich morgen wieder an, gleiche Zeit wie immer. Ach – und Lara, du weißt, wie sehr ich dich liebe, nicht wahr? Da war nichts zwischen uns, und ich habe sie nie wiedergesehen, kenne nicht einmal ihren Namen, hab ihn vergessen. Sie interessiert mich auch nicht die Bohne.«
   »Ja, Mick, ich weiß. Trotzdem wünschte ich, du könntest damit aufhören, aber irgendwie verstehe ich dich sogar ein bisschen.« Ich seufze in den Hörer, denn ich weiß, er sagt die Wahrheit. Dennoch tut es jedes Mal weh, sticht wie ein Messer in mein Herz. Was er mir antut, habe ich mir letztlich selbst angetan. Allein das Wissen darum lässt mich ihm jeden Seitensprung verzeihen.
   »Lara, ich strenge mich wirklich an, reiße mich total am Riemen, aber manchmal geht’s einfach nicht mehr. Ich weiß, ich bin ein Arsch, aber all das wäre überhaupt kein Thema, wenn …!« Er seufzt lauthals ins Telefon, und ich spüre seine Gewissensbisse bis hierher.
   Ron sagte also die Wahrheit. Wäre ich bei Mick in L. A., würde es diese Eskapaden nicht geben. Mir wäre nur lieber, ich würde nicht ständig mit der Nase drauf stoßen oder es dank der Zeitschriften auf dem Silbertablett präsentiert bekommen, indem er sich mit diesen Tussis ablichten lässt.
   »Gute Nacht, Liebes. Und gib den Kindern einen Kuss von mir.«
   »Mach ich, gute Nacht.« Nach dem Gespräch drücke ich mein Gesicht in eines der Kissen und schüttle dabei den Kopf. Wieso mache ich mich für die mangelnde Selbstbeherrschung meines Mannes verantwortlich? Wieso gebe ich mir die Schuld an seiner Untreue? Ich weiß es nicht. Eines weiß ich allerdings mit Sicherheit: Seit ich Ron damals einen Korb gab, fühle ich mich in einer Tour schuldig. Du wusstest von Anfang an, dass Mick Probleme mit der Treue hat, und da wunderst du dich, dass er schwach wird, wenn du ihn jahrelang allein lässt?

Kapitel 3
Einige Tage später, Anfang September

Meine Konzentration lässt heute stark zu wünschen übrig. Zum dritten Mal laufe ich in den Keller, um unverrichteter Dinge wieder hochzukommen, weil ich vergessen habe, was ich dort unten wollte. Meine Gedanken kreisen wie die Rotorblätter eines Helis um Ron. Wo in aller Welt versteckt er sich? Warum ruft er nicht an? Normalerweise kommt er wenigstens vorbei, um die Reste vom Mittagessen zu vertilgen, nicht einmal das erledigt er? Wenn er krank zu Hause im Bett liegen würde, stände sein Auto vor der Tür, doch es ist nicht da. Genauso wenig wie er zu Hause war, als ich vorhin Sturm geklingelt habe.
   Colin wirft seinen Ranzen in die Ecke der Küchensitzbank und stellt sich mit verschränkten Armen an meine linke Seite.
   »Mama, warum kommt Ron nicht mehr? Gestern war er auch nicht da.« Er sieht mich mit vorwurfsvollem Blick an und runzelt dabei die Stirn.
   Selbst Colin gelingt es, eine Art Schuldbewusstsein in mir auszulösen. Wie auch immer es die Männer in meiner Umgebung schaffen, ich fühle mich verantwortlich für die Dinge, die schiefgehen.
   »Ich versteh es selbst nicht. Ich kann ihn nicht erreichen, habe schon mehrmals auf seine Mailbox gesprochen.« Viel zu laut hantiere ich mit einem Topf in der Spüle, denn auch ich bin mehr als beunruhigt.
   »Mag er uns etwa nicht mehr?«
   Ich drehe mich in Colins Richtung, der mit gesenktem Blick die Unterlippe leicht vorschiebt. Ihm ist anzumerken, dass er seinen liebsten Spielkameraden und Vaterersatz vermisst.
   »Quatsch, komm her.« Nachdem ich mir die Hände abgetrocknet habe, ziehe ich ihn in meine Arme und küsse seine Stirn.
   »Vielleicht hat er viel zu tun und kommt erst spät von der Arbeit?« Ich weiß, dass ich Unsinn erzähle und dies nichts weiter ist, als ein Versuch, Colin zu beruhigen. Seit Jahren hat es das nicht gegeben. Ron kommt normalerweise täglich vorbei oder ruft wenigstens an, wenn er verhindert ist. Irgendetwas stimmt nicht. Ein sonderbares Gefühl verleidet mir das Mittagessen, sodass ich mit Mühe eine halbe Portion Spaghetti hinunterwürge. Ist Ron etwas zugestoßen?
   Da am Nachmittag das wöchentliche Treffen mit einigen meiner Freundinnen ansteht, das im Dreiwochenrhythmus bei mir im Wohnzimmer stattfindet, und bei dem anstelle von zwei Kindern auf einmal sechs das Haus bevölkern, bin ich den Tag über dermaßen abgelenkt, dass ich erst wieder an Ron denke, als Ruhe eingekehrt und die Sonne lange schon hinterm Horizont verschwunden ist.
   Später als gewöhnlich und ziemlich erledigt telefoniere ich an diesem Abend mit Mick, der sich auch nicht sonderlich frisch und munter anhört. Er hatte einen anstrengenden Tag, wie ich erfahre. Da haben wir ja etwas gemeinsam, denn zusätzlich erwähnenswert wäre der eklige Sprühregen, der uns davon abhielt, mit den Kindern eine ausgedehnte Runde zu drehen, damit sie sich angemessen hätten austoben können. So hatten wir alle Hände voll zu tun, die Meute bei Laune zu halten, um Schlimmeres zu verhindern. Außer einem Glas ist jedoch nichts kaputtgegangen, und die mittelmäßige Verwüstung habe ich auch schon beseitigt.
   Geschafft lasse ich meine Beine über die Lehne der Couch baumeln und schlürfe an einem heißen Cappuccino, während ich Mick von Rons derzeitiger Abstinenz erzähle, die nun wieder mit gewaltiger Wucht meine Hirnwindungen einnimmt und sich nicht abschütteln lässt. Mick scheint meinen Bericht äußerst gelassen aufzunehmen und nicht sonderlich beunruhigt zu sein.
   »Lass ihn einfach eine Weile in Ruhe. Vielleicht möchte er Abstand gewinnen, endlich ein eigenes Leben beginnen. Er sucht bestimmt nach einer Frau zum Heiraten. Vater wollte er auch immer werden, wie du weißt.«
   Ich sehe Micks Schmunzeln geradezu vor mir, doch mein Herz krampft sich augenblicklich zusammen und vor Schreck bleibt mir ein Schluck quer im Hals stecken. Nach einem ausdauernden Hustenanfall, bei dem ich fast mein Leben lasse, wird mir mit einem Mal übel und schwindlig. Es ist egoistisch, ich weiß, aber die Vorstellung, Ron an eine andere Frau zu verlieren, ihn hergeben müssen, den Kindern klarmachen zu müssen, dass der Onkel, der sonst täglich für sie da war, nun eine eigene Familie hat, sorgt für einen immensen Druck auf meinen Brustkorb, der keinen normalen Atemzug mehr zulässt. Das geht doch nicht, das überstehe ich nicht. Ist es nicht das, was ich Ron all die Jahre gewünscht habe, was mir nun ein Frösteln über die Haut jagt? Ich brauche eine Weile, um das Telefonat weiterführen zu können. Mick wird hoffentlich noch nicht eingeschlafen sein.
   »Hat er etwa gesagt, dass er mich loswerden will?«
   Mick druckst ein wenig herum, bevor er vorsichtig antwortet. Ich glaube, er liegt schon im Bett, denn er klingt, als würde ihn das Reden anstrengen und die Schwäche und Müdigkeit, breitet sich schon auf seine Stimmbänder aus. Ich glaube, er sollte endlich kürzertreten und weniger arbeiten, denn um Geld geht es dabei schon lange nicht mehr. Er lebt für die Schauspielerei, er liebt es, in andere Rollen zu schlüpfen.
   »Nicht direkt. Er sagte, die Zeit sei gekommen, um sich von dir zu lösen. Er meint, solange du dich mit der Entscheidung, nach Kalifornien umzusiedeln, so schwertust, ist es notwendig, dass er sich zurückzieht. Er hält die aktuelle Situation nicht länger aus und hofft, so fällt dir die Wahl leichter.«
   Ich kneife die Augen zusammen, um besser nachdenken zu können, öffne sie wieder, ohne jedoch eine Spur klüger geworden zu sein. Wahl? Wovon spricht er? »Was in aller Welt redest du da? Das hat er dir allen Ernstes erzählt?« Ich schlucke und mir wird noch übler. Benutzt Ron meinen Mann als eine Art Seelenklempner? Ist das zu fassen?
   »Ja, Lara. Er möchte wohl endlich eine eigene Familie gründen, und sein Leben nicht länger in einer geborgten verbringen. Wir sollten ihm für sein Vorhaben alle Daumen drücken.« Mick klingt ernst und vernünftig, eine Seltenheit, da ihm das Clown-Gen in die Wiege gelegt wurde, was ihn selten Weisheiten wie diese von sich geben lässt.
   Ich reiße die Augen auf, denn mir ist unerklärlich, woher er all das weiß. Wie gut, dass er mich nicht sehen kann. Manchmal skypen wir, doch meistens habe ich keine große Lust dazu, weil ich nicht gern am Schreibtisch vor dem Laptop sitze und die Sehnsucht über mich hereinbrechen könnte, wenn ich Mick sehe. Momentan bin ich froh darüber, denn mir wird bewusst, dass er über Rons Seelenleben besser Bescheid weiß als irgendwer anders, weswegen ich ungläubig den Kopf schüttle. Warum überrascht mich das eigentlich? Sie waren stets wie Brüder.
   »Ja, natürlich, du hast recht«, sage ich leise. Ich höre selbst das Zittern in meiner Stimme und bemerke auch, wie lächerlich künstlich das Gesagte klingt.
   Wir beenden unser Gespräch zeitiger als sonst, Mick schläft fast ein am anderen Ende der Leitung und ich bin mit den Gedanken sowieso ganz woanders. Den Rest des Abends grüble ich, was ich tun kann, finde jedoch keine Möglichkeit, zu verhindern, was geschehen wird. Seit Jahren hing es in meinem Hinterkopf fest, schob sich unaufhaltsam wie eine bedrohlich wirkende finstere dunkelgraue Wolkenwand nah und näher, kam bisher glücklicherweise nie zum Tragen, nimmt aber nun seinen abscheulichen Anfang. Ich werde mich neu orientieren müssen, mich entscheiden müssen, die Zeit ist gekommen. Eine unabdingbare Wendung meines so sorgsam gepflegten und wohlbehüteten Daseins wird mir ins Haus stehen, ich ahne weitaus Schlimmeres. All das wird unser Leben durcheinanderwirbeln, vor allem das der Kinder wird nicht mehr so sein, wie sie es gewohnt sind, was ehrlicherweise für noch heftigere Magenschmerzen in mir sorgt. Manchmal weiß man etwas, obwohl man es nicht weiß, einfach, weil man es spürt, wie manche Leute einen Wetterwechsel in den Knochen spüren. Eine Phase steht an, vor der ich mich seit Ewigkeiten fürchte. Einen der beiden werde ich verlieren.
   Sinnierend starre ich an die Schlafzimmerdecke und bin mir im Augenblick nicht einmal sicher, wer mir mehr fehlen wird, Mick oder Ron. Die Situation hängt am selben seidenen Faden wie vor zehn Jahren. Fraglich nur, ob es dieses Mal wieder so glimpflich ablaufen wird.
   In dieser Nacht schlafe ich schlecht. Der Strudel an Gedanken beschäftigt mich stundenlang, zieht mich in eine Welt voller Ängste, Hirngespinste und Gedankenspiele, die mich fast in den Wahnsinn treiben. Ich kann mir nicht vorstellen, künftig mein Leben ohne Ron führen zu müssen. Ich vermisse ihn dermaßen, dass mein gesamter Körper schmerzt. Ich finde keine Ruhe. Am liebsten möchte ich loslaufen und ihn aus dem Bett klingeln.

Das Wochenende naht, ohne dass uns ein einziges Lebenszeichen von Ron erreicht hätte. Ich bemühe mich, den Kindern mit diversen Aktivitäten die Zeit zu vertreiben, ihnen Ablenkung zu verschaffen, damit der fehlende Patenonkel kein allzu großes Loch in ihre kindliche Seele reißt. Tagsüber lade ich Colins Freunde ein und versuche, für Cathy, so oft es geht, ein gleichaltriges Mädchen aus ihrer Kindergartengruppe zum Spielen zu organisieren. Trotzdem löchern mich die Kinder jeden Abend beim zu Bett gehen mit Fragen, die ich nicht ansatzweise beantworten kann. Ich habe keine Ahnung, wo Ron steckt. Ebenso wenig wie ich weiß, warum er sich seit Tagen nicht blicken lässt. Sie sind es gewohnt, dass er die Gutenachtgeschichte präsentiert und obendrein noch Faxen mit ihnen macht. Die Ungewissheit zermürbt mich, und ich habe große Mühe, den Kindern gegenüber Haltung zu bewahren. Sie haben feine Antennen und merken, wenn die Mami leidet. Colin zieht mich nach dem letzten Gutenachtgruß in seine Arme und drückt sein Gesicht an meine Brust.
   »Ich werde dich nie im Stich lassen, Mami, versprochen. Und morgen besuche ich Ron und sage ihm, wie doof ich es finde, wenn er nicht bei uns ist.«
   Mit Mühe unterdrücke ich den Drang ihm diese Aktion zu untersagen, denn er meint es nur gut und sein Einfühlungsvermögen rührt mich zu Tränen. »Danke mein Schatz, und jetzt schlaf schön, okay?«
   Der Sessel, den Ron mit Vorliebe in den Abendstunden besetzte, wenn er noch ein bisschen blieb und wir uns über Gott und die Welt unterhielten, steht verlassen da, und jedes Mal wenn er in mein Blickfeld gerät, bemerke ich ein sonderbar hohles Gefühl. Gäbe es die abendlichen Telefonate mit Mick nicht, zudem den mit Terminen vollgepackten Alltag, würde ich durchdrehen. Ron fehlt mir.

Freitagabend steht Mick pünktlich in der Tür. Kaum hat er seine Tasche in den Flur geworfen, zieht er mich zärtlich in seine Arme. Der Begrüßungskuss offenbart sein unterschwelliges, lang aufgestautes Verlangen, und ich spüre die Sehnsucht, die in diesem Kuss steckt. Durch die Männerabstinenz der letzten Tage genieße ich seinen Gefühlsausbruch regelrecht. Ich schmiege mich an ihn, lasse mich darauf ein und vergesse in diesem Augenblick sogar den Kummer, den Micks Eskapaden und Rons Zurückweisung in mir auslösen.
   Colin und Cathy nehmen ihren Papi den Rest des Tages für sich in Beschlag, genießen sichtlich, dass er wieder zu Hause ist und sich mit ihnen beschäftigt. Zuerst spielen die drei Fangen im Haus, was normalerweise wegen der Sturzgefahr auf der Treppe verboten ist, wobei sie ein Riesengetöse veranstalten. Danach muss Mick wieder den Clown mimen, eine seiner leichtesten Übungen. Die Kinder lachen sich scheckig, wenn er seine berühmte Grimassennummer abzieht.
   Nachdem Mick, das Kitzelmonster, die Kinder ins Bett gebracht hat, sitzen wir auf der Couch vor dem Kamin. Ich lagere meinen Kopf auf seinem Schoß, mache mich lang und es fühlt sich genauso an wie früher. Wir genießen die abendliche Ruhe, und ich wünschte, er könnte bleiben. Seine Abenteuer mit den Groupies nehme ich in diesem Stadium meiner angeschlagenen inneren Belastbarkeit, dem Verlust und meinem angeknacksten Selbstwertgefühl ebenso wenig ernst wie er, denn in Momenten wie diesen spüre ich unsere Verbundenheit und mich erstaunt nicht zum ersten Mal, dass ich darüber relativ unbesorgt hinwegsehen kann. Allein das Gefühl, das er mir entgegenbringt, wenn er hier ist, die Vertrautheit, die uns umgibt, machen diese Zeiten wett und lassen sie unwichtig erscheinen. Wir lieben uns, auch wenn ich seinen besten Freund nicht aus dem Kopf bekomme. Was für eine absolut verrückte Situation. Manchmal kommt es mir vor, als ob wir uns gegenseitig fremdgehen?
   »Hat sich Ron bei dir gemeldet?«, frage ich vorsichtig, denn nach dem, was mir Mick neulich am Telefon erzählte, befürchte ich weitere Hiobsbotschaften.
   »Natürlich. Ihm geht’s gut. Er weiß, dass ich hier bin, und hat versprochen, morgen vorbeizukommen.«
   »Tatsächlich? Dein Ernst? Ich habe ihn seit Tagen nicht gesprochen.« Ich drehe mich auf die Seite und richte mich leicht auf, um Mick ansehen zu können. Er lächelt zufrieden, ich beobachte ihn dabei und ein angenehm vertrautes Gefühl breitet sich in mir aus. Ich liebe die schön geschwungene Form seiner Lippen, besonders seine Mundwinkel. Immer schon.
   »Ja, er vermisst Colin und Cathy.«
   Ich kuschle mich enger an Mick, schweige und genieße seine Streicheleinheiten auf meinem Rücken und in den Haaren. Er muss die Betroffenheit, die sein Satz in mir auslöst, nicht unbedingt mitbekommen. Ron zieht ihn eindeutig vor, genau, wie er die Kinder vorzieht. Ich verkneife mir, weiter nachzufragen, denn mir wird klar, dass Ron ausschließlich Mick und der Kinder wegen vorbeikommt. Ich bin ihm offenbar nicht mehr wichtig. Allein das Wissen darum macht mich fertig.
   Auf der verzweifelten Suche nach Ablenkung schalte ich den Fernseher ein und zappe ein wenig durch die Kanäle. Eine Dokumentation über Amerikas Nationalparks fesselt unsere Aufmerksamkeit, und mit Mick gemeinsam fernzusehen, ist genauso schön, wie vor Jahren mit ihm durch einen dieser Parks zu touren. All die quälenden Momente, die er mir in den letzten Jahren bescherte, scheinen sich in Luft aufgelöst zu haben, denn ich fühle mich glücklich und geborgen in seinem Arm.
   »Lass uns hochgehen, ich bin müde«, flüstert Mick gegen Mitternacht, woraufhin wir uns mehr schlecht als recht die Treppe hinaufschleppen, um im Schlafzimmer die verbliebenen Kräfte zu mobilisieren.
   Er streift sich das Oberhemd über die Schultern, schlüpft währenddessen aus einem Schuh und befördert ihn mit einem kräftigen Schub hoch in die Luft, um ihn aufzufangen. Dasselbe mit dem anderen, wobei er noch einhändig die Jeans aufknöpft, sich um seine eigene Achse dreht und mich angrinst, als hätte er die ultimative Zirkusattraktion erfunden.
   Ich liebe seine Verrücktheiten und muss über ihn lachen. Auf einmal frage ich mich, warum ich seit Jahren freiwillig auf all das verzichte, obwohl mir Ron immer wieder in den Ohren liegt, ich solle endlich zu Mick ziehen. Nun hat er mich verlassen, also was will ich noch hier?
   Mick steht vor mir und nestelt an meinem T-Shirt, und nachdem er es mir über den Kopf gezogen hat, weiter und ebenso erfolgreich an meinem BH. Ich betrachte seinen gut gebauten Oberkörper und auch nach fast zehn Ehejahren finde ich ihn unglaublich sexy. Die Haare, die zu SmartTown-Zeiten nicht auf seinem Kopf wachsen durften und immer wieder abrasiert wurden, haben sich einen Ausweg gesucht und scheinen sich mit gesteigertem Wuchs für diese Tortur rächen zu wollen. Ich scanne seinen Oberkörper ab, mein Blick bleibt an seinem Brustkorb hängen, und ich lasse es mir nicht nehmen, erstaunt die Augenbrauen zu heben. Mick blickt an sich herunter und lacht dann schallend los.
   »Alles echte Manneskraft. Gefällt’s dir etwa nicht?« Sanft streichle ich über seine Brustbehaarung, die mir voluminöser erscheint als die auf seinem Kopf. Er tritt einen Schritt näher, schlingt beide Arme um meine Taille und zieht mich so dicht an sich, dass kein Blatt Papier zwischen unsere nackten, aneinandergepressten Oberkörper passen würde.
   »Lara, weißt du«, haucht er in mein Ohr, »ich wünsche mir nichts mehr, als dass du zu mir ziehst.«
   Er küsst meinen Hals, spielt mit meinen Haaren und die Gänsehaut, die seine gefühlvolle Art zur Folge hat, veranlasst mich, ihn aufs Bett zu schubsen und die Decke über uns hochzuziehen.
   Selbst mir ist ein- bis zweimal Sex im Monat viel zu wenig, wird mir bewusst. Eine willkommene Ablenkungsstrategie, um die belastenden Gedanken für eine Weile loszuwerden.
   Die Nacht mit Mick ist unvergleichlich. Seine Art, mich zu lieben, ist mit Nichts zu übertreffen. Sein Gefühl, seine Zärtlichkeiten, lassen mich jedes Mal schweben. Wir kriegen nicht genug voneinander, und ich weiß, so liebt er nur mich. Ich kann ihn verstehen und zum ersten Mal seit Langem wünsche ich mir, bei ihm in L. A. zu wohnen. Auch wenn er am Abend nur eine Stunde Zeit für mich und die Kinder haben wird, steht mein Entschluss plötzlich fest. So wie bisher kann es nicht weitergehen. Das wird für alle Beteiligten am besten sein, denn ohne Ron kann ich auf Dauer in Vancouver nicht sein. Dann lieber einen Schlussstrich ziehen, so grauenvoll es auch werden wird. Mick hat recht, Ron muss eine eigene Familie gründen. Ich darf nicht zulassen, dass er aus reinem Verantwortungsbewusstsein mir und den Kindern gegenüber sein Leben vernachlässigt. Ron ist ein Geber, kein Nehmer.
   Verlustängste kochen in mir hoch, lähmen mich für einen Augenblick und krallen wie eine Zange nach meinem Magen. Unerwünschte Gedanken schlängeln sich durch meinen Kopf wie wildwuchernde, fleischfressende Pflanzen. Ich fühle mich, als würde ich ihn ausnutzen und das zum ersten Mal. Nie vorher habe ich mir Gedanken über seine Beweggründe gemacht. Möchte er eventuell wirklich, dass ich ihn endlich verlasse? Kann er erst aufatmen, wenn ich verschwunden bin? Braucht er diese Form von Freiheit, um zu sich zu finden, und bin ich für ihn nichts weiter als eine lästige Klette? Was, wenn meine Beziehung zu ihm komplett zerbricht? Wir uns aus den Augen verlieren, er eine Frau findet, die er heiratet und mit der er Kinder haben wird? Wenn Cathy und Colin ihn verlieren, obwohl er für mein kleines Mädchen wie ein Vater geworden ist? Verdammt, ich liebe ihn, wie soll ich da für den Rest meines Lebens auf ihn verzichten können?
   Trotz allem muss ich ihn gehen lassen, und er muss es irgendwie hinkriegen, sich von uns, von mir zu befreien. Seit Langem ist dieser Schritt hochgradig überfällig, jedoch eine reine Vernunftentscheidung. Tief in mir wusste ich es die ganze Zeit. Fragt mich jemand, wo die Liebe wohnt, so sage ich in diesem Haus. Wenn Ron mit an unserem Tisch sitzt. All diese wirren Gedanken lassen erst von mir ab, nachdem Mick schon zwei Stunden selig schlafend in meinen Nacken atmet.

Ron erscheint Samstagabend gegen sechs Uhr. Mick öffnet ihm die Tür und die zwei fallen sich in die Arme, als hätten sie sich Jahrzehnte nicht gesehen.
   »Hey, altes Haus, schön, dich zu sehen.«
   »Freu mich auch, Kumpel, auch wenn man dir mal wieder die Flausen aus dem Kopf prügeln müsste«, meint Ron mit einem listigen Zwinkern. Mick versetzt ihm zum Dank einen kräftigen Hieb in die Seite. Ich schüttle den Kopf darüber. Sie lieben sich, aber muss man das auf diese Art demonstrieren? Mir dagegen schenkt Ron so gut wie keine Beachtung, redet den ganzen Abend nur das Allernötigste mit mir, und sieht mich dabei kaum an. Obwohl mir der Grund klar ist, spüre ich den Schmerz bis ins Mark. Er versucht alles, um mich loszuwerden, nach drei gemeinsamen Jahren. Die Kraft, die ihn das kostet, ist in der gesamten Atmosphäre zu spüren. Mit der tief sitzenden Angst auf weitere Jahre, in denen ich nicht von Mick lassen kann, wird ihm klar geworden sein, dass er sich ein eigenes Leben aufbauen muss. Ich weiß nicht, was ich tun kann. Ich möchte ihn nicht verlieren, genauso wenig wie ich Mick verlieren will.
   Dieser bemüht sich unermüdlich, eine unbeschwerte Stimmung zu verbreiten, was ihm dank seines komödiantischen Talents teilweise sogar gelingt. Er reißt in einer Tour Witze, um Ron und mich auf andere Gedanken zu bringen. Mir dagegen ist inzwischen jeder Humor abhandengekommen, sodass ich mir, Mick zuliebe, ein paar Mal ein müdes Lächeln abringe.
   Später beschäftigt sich Ron außergewöhnlich intensiv mit den Kindern, als wüsste er, dass er sie bald nur noch selten zu Gesicht bekommen wird. Er liest Cathy zig Geschichten vor, kuschelt mit ihr und spielt mit Colin ausdauernd Tischkicker, bis Mick zum Abendessen ruft und für sein Risotto wieder allerlei Komplimente einheimst. Wenn er gekocht hat, ist ohnehin Redepause angesagt, was uns wenigstens eine Weile von angestrengter Themenfindung erlöst. Danach übernehmen die Kinder wieder das Zepter der abendlichen Rahmengestaltung.

Zu dritt haben wir es uns im Wohnzimmer gemütlich gemacht, nachdem Ron die Kinder mit allerlei angestrengtem Quatsch ins Bett verfrachtet hat, was sie nach der längeren Durststrecke sichtlich genossen haben. Vermutlich haben die zwei nicht einmal bemerkt, wie sehr sich Ron verstellt – allenfalls Mick und ich merken das. Wir fünf waren mal wie eine Familie, was momentan so weit entfernt scheint. Wir haben die Geburtstage gemeinsam verbracht, Weihnachten, Ostern und sämtliche Feiertage ebenso.


   Wenn ich Ron ansehe, könnte ich mich ohrfeigen. Wie kann man nur so blind sein? Er sieht sich nicht in der Lage, mir den Laufpass zu geben, sein Verantwortungsbewusstsein, sein Versprechen Mick gegenüber, auf mich aufzupassen, lassen nicht zu, dass er sich von mir befreit. Ich muss ihm helfen, es liegt in meiner Verantwortung. Ich möchte ihn endlich glücklich sehen. Wie ein undurchdringlicher Nebel, der mich all die Zeit gefangen gehalten haben muss, lichten sich meine Empfindungen und geben mir den Blick frei auf das, was ich wirklich für Ron tun kann. Und auch tun muss, so schnell wie möglich.
   Mick liegt der Länge nach auf der Couch und nimmt den kompletten Dreisitzer für sich ein. Ron besetzt seine liebste Standardsitzgelegenheit, den Sessel, und ich lasse meine Beine, wie immer, über die Lehne des Zweisitzers baumeln, während ich an meinem Wasser nippe. Mick und Ron gönnen sich ein Bier, was mich nicht begeistern kann. Das bittere Zeug kriege ich nicht hinunter.
   Ich betrachte Ron eine Weile. Er scheint meine Blicke nicht zu bemerken. Vertieft in sein Gespräch mit Mick streicht er sich über das Kinn. Die Rasur hat er heute ausfallen lassen. Ich mag den Anblick, wenn seine Bartstoppeln zum Vorschein kommen, die an einigen Stellen silbrig glitzern. Seine Wimpern, lang und dunkel, im Licht der Tischleuchte, wie in schwarze Tinte eingetaucht. Ich vermisse ihn.
   Die zwei diskutieren gerade über die Vor- und Nachteile von Wohneigentum, und Mick versucht, Ron eine eigene Immobilie aufzuschwatzen. Mich langweilt dieses Thema ein wenig, zumal Ron weder das nötige Kleingeld besitzt noch halb so entflammt von diesem Vorschlag zu sein scheint wie Mick.
   Mein Blick wandert ruhelos durchs Wohnzimmer, bleibt an dem Foto an der Wand hängen, das Mick und Ron an unserem Hochzeitstag in trauter Zweisamkeit zeigt. Sie sehen so glücklich aus, alle beide, obwohl Ron an diesem Tag alles andere als glücklich war. Ja, auch er ist ein ziemlich guter Schauspieler. Etwas, was er sich vermutlich in all den Jahren am Set unwissentlich angeeignet hat.
   Ich fixiere das nächste Bild über dem Kamin, schön eingerahmt lächelt Colin mich mit seiner ersten nicht zu verachtenden Zahnlücke an, hält dabei stolz seine riesige Schultüte mit Fußballmotiv im Arm, die fast seiner gesamten Körperlänge entspricht. An einem Abend wurde diese basteltechnische Hochleistungstüte in mühevoll filigraner Feinarbeit im Kindergarten mit allen anderen Müttern, die ein zur Einschulung bereites Kind ihr eigen nennen konnten, angefertigt. Ich habe mich wirklich bemüht, da ich normalerweise zwei linke Hände habe. Das Ergebnis konnte sich jedenfalls sehen lassen. Ron steht daneben und lächelt beinahe ebenso stolz, als wäre Colin sein Sohn, der da eingeschult wird. Mick war an diesem Tag natürlich wieder verhindert. Ich spüre einen Druck auf dem Herzen. Die besten Momente des Lebens befinden sich nicht auf gerahmten Fotos an der Wand, sondern sind in der Erinnerung gespeichert. Ich habe sie im Blut wie in einer Art eigener Datenbank, in die kein anderer Einblick hat außer mir. Die wundervollen Zeiten mit Ron und den Kindern scheinen ihrem Ende entgegenzugehen. Müde reibe ich meine Augen.
   »Du musst eine solche Anschaffung zukunftsorientiert betrachten. Stell dir vor, was du über die Jahre an Miete zahlst und somit in den Wind schießt«, sagt Mick gerade. Ron nickt nachdenklich und stiert für einen Augenblick auf seine Hände. Dann sieht er auf, beäugt erst Mick, dann mich, und räuspert sich kurz.
   »Wenn ich mir eine Eigentumswohnung zulege, dann gewiss nicht in dieser Gegend. Ich überlege schon seit einiger Zeit, wieder in die Nähe der Studios zurückzuziehen, jetzt wo …«
   Er stoppt mitten im Satz und wirft mir einen langen Blick zu, der mir das Blut in den Adern gerinnen lässt. Er will wegziehen? Ans andere Ende der Stadt, über eine halbe Stunde Fahrtzeit von uns entfernt? Das darf nicht wahr sein. Ich glaube, ich werde blass, während mein bemühtes Lächeln wie festgemeißelt und maskenähnlich einfriert. Das darf er nicht machen. Im selben Moment wird mir bewusst, dass ich absolut nichts dagegen unternehmen kann. Es ist sein Leben, er kann tun und lassen, was er will. Hatte ich nicht erst letzte Nacht beschlossen, Los Angeles und Mick eine zweite Chance zu geben? Warum rege ich mich also darüber auf? Ron weiß offensichtlich ebenso gut wie ich, dass wir ohne eine räumliche Trennung nicht voneinander loskommen werden.
   Gegen elf überkommt mich eine bleierne Müdigkeit, sodass ich mich verabschiede. Ron und Mick finden wieder kein Ende, ich fühle mich wie das fünfte Rad am Wagen und möchte mit meinem Frust lieber allein sein. Ohne aufzublicken, verabschiedet sich Ron mit einem unverständlichen Brummeln von mir, nachdem ich ein wenig provokativ vor ihm stehen bleibe, und laut und deutlich »Gute Nacht, Ron« sage. Der erste Satz, den ich an diesem Abend explizit an ihn richte. Ich erwarte eine schlagfertige Erwiderung, irgendetwas, aber nichts dergleichen. Große grüne Augen sehen mich an, und ich meine, die Andeutung eines Lächelns auf seinem Gesicht zu erkennen, was ebenso schnell verschwindet, wie es gekommen ist. Er verhält sich auffallend defensiv. Seine Augen ziehen sich plötzlich zu schmalen Schlitzen zusammen, und er versucht eindeutig herauszufinden, ob meine Worte so vorwurfsvoll gemeint waren, wie sie klangen. Sein Rückzug ins Schneckenhaus macht mich zornig und deprimiert mich zugleich. Ich drehe wortlos ab, und es kommt mir vor, als bahne ich mir den Weg zur Treppe durch einen endlosen Tunnel des Zweifels und der Sorgen.
   Mühevoll schleppe ich mich hinauf zur ersten Etage. Mit jeder Stufe werde ich langsamer, das Erklimmen gleicht einem Aufstieg auf einen Sechstausender. Die Hand fest am Geländer, ziehe ich mich höher, als müsste ich die Schwere meines Gemüts, dessen Last meine Schultern niederzudrücken scheint, mit den letzten Reserven meiner körperlichen Kraft hochwuchten. Am liebsten wäre ich davongerannt, aus dem Haus, weg von allem, um endlich mal allein zu sein und einfach nur zu schreien, zu heulen oder laut meine Wut darüber herauszubrüllen, dass mein Leben dabei ist, außer Kontrolle zu geraten, und ich danebenstehe und zusehen muss, weil ich nichts tun kann, um rettend einzugreifen. Ich bin machtlos.
   Im Schlafzimmer hocke ich mich aufs Bett, presse die Finger gegen die Schläfen, schlage den Kopf mehrmals gegen meine angezogenen Knie und versuche mir ins Gedächtnis zu rufen, dass ich eindeutig dabei bin, den Überblick zu verlieren. Nicht nur über die Situation, sondern auch über meine Gefühle. Verdammt, Mick ist mein Mann und Ron nur ein Freund. Wenn er gehen möchte, dann muss ich ihn gehen lassen, mir bleibt keine Wahl. Der Traum von einem Leben zu dritt ist zu Ende, und ich mag es nicht, mich davon zu verabschieden. Ich mag keine Trennungen, die eine Hoffnung auf retour verwehren. Ich will nicht weggehen. Veränderungen zu dulden, die nicht meinen Spielregeln entsprechen, die ich nicht zu beeinflussen vermag, fällt mir schwer, zumal ich nicht dazu bereit bin.
   Der Abend hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, weswegen ich lange Zeit nicht einschlafen kann. Diese Reserviertheit wird seine Art sein, sich von mir zu lösen, Abstand zu gewinnen, mich aus seinem Herz zu verbannen. Es tut wahnsinnig weh.
   Mitten in der Nacht bemerke ich, wie sich Mick an mich kuschelt.
   »Hey, ist Ron weg?«
   »Gästezimmer. Hast du schon geschlafen?«
   »Ja.«
   »Willst du weiterschlafen«, fragt er mit unmissverständlich sehnsüchtigem Unterton, sodass ich über ihn lachen muss.
   »Nicht unbedingt. Falls du einen besseren Vorschlag hast?«
   »Ich hätte da in der Tat eine Idee.« Er beugt sich über mich und sein Kuss lässt mich so hellwach werden, dass wir erst gegen drei aneinandergekuschelt und äußerst zufrieden einschlafen.

Mein erster Blick gilt dem Wecker, als ich aufwache. Micks Bett ist leer. Mist, ich habe verschlafen, schon nach neun. Drei Augenpaare beäugen mich, als ich müde die Treppe herunterkomme.
   »Guten Morgen, wo ist Ron?«, frage ich gähnend.
   »Er ist eben rübergegangen, aber wir treffen uns gleich auf dem Fußballplatz.«
   Ich nicke und setze mich zu den dreien. Colin hat sonntags meist ein Fußballspiel, so auch heute. Wenig euphorisch zwänge ich mir eine Scheibe Toast rein, mir ist der Appetit nach dem gestrigen Abend gründlich vergangen. Ich vermisse die unbeschwerten Stunden mit Ron und habe das Gefühl, diesem Irrsinn ein Ende bereiten zu müssen. Wenn man die Lösung eines Problems wieder und wieder in der gleichen Richtung ansetzt, ohne sie dort zu finden, ist das normalerweise ein Zeichen, dass man falsch liegt oder etwas Neues versuchen sollte. Ja, ich werde etwas Neues probieren.
   Mick und Colin verschwinden nach dem Frühstück für einige Stunden auf den Fußballplatz, derweil spiele ich mit Cathy und bereite das Mittagessen vor. Mein Entschluss steht fest. Ich kann es nicht länger mit meinem Gewissen vereinbaren, Ron sein Leben zu stehlen. Ihn in Beschlag zu nehmen, ihn als Vater für meine Kinder zu missbrauchen und für mich als Ehemann ohne körperliche Nähe. Ich frage mich oft, wie er das aushalten kann, so selten, wie er eine Freundin hat. Wie lange halte ich es noch aus? Seit drei Jahren ist er ständig mit mir zusammen, verschwindet spät abends in seiner Wohnung. Es gibt keine andere Frau in seinem Leben, er verzichtet meinetwegen, sein Leid muss ein Ende finden. Mick braucht Sex wie andere Leute ihr Bierchen am Abend oder ein Stück Torte am Wochenende. Aber Ron? Ich liebe ihn und ich brauche ihn, doch die letzten Nächte mit Mick haben mir klargemacht, was Ron opfert, und das hat er nicht verdient.
   Der Nachmittag verläuft relativ unspektakulär, Mick hilft mir in der Küche, Ron ist nach dem Fußballspiel sogleich in seiner Wohnung verschwunden und taucht erst gegen Abend wieder auf, um sich sofort den Kindern und danach Mick zu widmen.
   »Ich habe einen Entschluss gefasst«, teile ich Mick und Ron nach dem Abendessen mit, woraufhin sie mich gleichermaßen erstaunt ansehen. Ich nutze die Gunst der Stunde, die Kinder haben sich in ihre Zimmer verkrümelt und warten auf das abendliche Ritual mit Onkel Ron. Sie müssen noch eine Weile ausharren, ich muss es einfach loswerden. Mein Blick schweift von der Kaffeemaschine zum Toaster, zurück auf den Tisch und schließlich auf meine Hände.
   »Ich will es versuchen. Erst mal zur Probe. Ich dachte an Oktober. Ich komme zu dir nach Los Angeles, Mick. Aber nur, wenn …« Die überraschten Gesichter der beiden lassen mich kurz stocken, doch um Rons Aufmerksamkeit für mich zu gewinnen, sehe ich ihm fest in die Augen. »… wenn du mir versprichst, so lange im Haus zu wohnen. Ich möchte es weder verkaufen noch vermieten, sollte ich doch länger als einen Monat bleiben. Ich hänge an dem Haus, wie du weißt.«
   Ron wirft Mick einen fragenden Blick zu, der daraufhin unbesorgt mit den Schultern zuckt.
   »Von mir aus …«, entgegnet Ron, sieht dabei jedoch keineswegs so glücklich aus wie erwartet, nachdem er mich unzählige Male anflehte, endlich mit den Kindern zu Mick nach L. A. zu ziehen.
   Ich wende mich an Mick. »Mick, ich komme den gesamten Oktober zu dir, dann werden wir sehen, ob Colin, Cathy und ich uns einleben und dort wohlfühlen. Colin wird für diese Zeit einen Privatlehrer brauchen. Kümmerst du dich bitte darum?«
   Ich fingere an der Tasse herum, die vor mir steht, und fixiere aus den Augenwinkeln Ron. Ich muss zusehen, wie er sich in Tausenden, ach was, Abermillionen Gedanken verliert. Jedenfalls strebt sein Blick in die Ferne, und von jetzt auf gleich bewohnt nur noch sein Körper diese Sitzgelegenheit. Sein Inneres scheint aufgestanden und fortgegangen zu sein. Wie weggedriftet starrt er durch mich hindurch. Ich wüsste zu gern, was er durchmacht. Er scheint komplett abgeschaltet zu haben, seine Gedanken sind auf und davon.
   »Hey, du hast dir ja richtig Gedanken gemacht, Liebes. Das klingt super. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue.« Mick strahlt übers ganze Gesicht, während ich Rons Blick nicht einmal deuten kann.
   Er scheint innerlich wie tot. Verdammt, ich hatte ehrlich mit etwas mehr Euphorie gerechnet.
   Kurze Zeit später verabschiedet er sich. Er wirkt blass und seine Augen blicken mich matt und müde an, als wir gemeinsam an der Haustür stehen.
   »Hey, ist es nicht das, was du immer wolltest?«, frage ich ihn leise. Ich bin nicht sicher, ob ich ihn oder mich überzeugen will. Er nickt, doch ich spüre geradezu, dass mein Vorhaben nicht das ist, was er will. Er rollt kurz die Augen und blickt auf seine Hände. Ich weiß genau, was er will, nur sehe ich mich nicht in der Lage, es ihm zu geben. Ein Leben ohne Mick kann ich mir genauso wenig vorstellen wie ein Leben ohne ihn. Ich muss wenigstens probieren, diese Auszeit erfolgreich hinter mich, hinter uns zu bringen. Er wollte, dass ich endlich handle, und der Oktober wird mein Testmonat werden. Ich hatte erwartet, mich frei zu fühlen, sobald ich den Kampf aufgebe und meine Entscheidung getroffen habe, doch ich werde enttäuscht. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich keinen Deut besser.
   Ron gehen zu lassen, fällt mir schwer, und ich weiß, er wird eine miese Nacht haben. Er versucht mit aller Macht, mich aus seinem Herzen zu verdrängen, aber ich fürchte, sollte es überhaupt funktionieren, dann nur, wenn ich mit den Kindern meilenweit entfernt bin, und wir uns nicht mehr ständig sehen. Er wird dadurch gewiss nicht aus meinem Herzen verschwinden, soviel steht fest, aber es geht nicht um mich. Endlich habe ich das kapiert. Er muss nach all den Jahren endlich glücklich werden, mit wem auch immer.

Kapitel 4Sonntag, Ende Oktober

Mick sitzt in unserem Haus in den Hollywood Hills am Flügel und spielt. Ich liebe es, wenn er die Tasten tanzen lässt. Ich könnte ihm stundenlang zuhören. Muss er ausgerechnet ein dermaßen herzergreifendes Stück spielen, sodass ich meine Tränen nicht zurückhalten kann? Seit einiger Zeit bin ich recht nah am Wasser gebaut und breche ständig in Tränen aus. Meist tagsüber, wenn er nicht da ist, weswegen mir unangenehm ist, dass es mir gerade jetzt passiert. Ich drehe mich zur Seite, ziehe die Nase hoch und bemühe mich, diesen lächerlichen Anfall loszuwerden.
   Mick steht auf und kommt auf mich zu. »Du vermisst Vancouver und Ron, nicht wahr?«
   Ich schüttle den Kopf und wische mit dem Handrücken die Tränen weg. »Du spielst so schön«, nuschle ich zu meiner Verteidigung.
   Er lächelt sanft. Ich konnte ihm noch nie etwas vormachen. Ich schniefe, er reicht mir ein Taschentuch.
   Langsam bricht der Abend herein, ein weiterer Sonntag, der zu Ende geht. Der einzige Tag der Woche, den Colin, Cathy und ich von morgens bis abends mit Mick verbringen können.
   »Ron hat sich nicht ein einziges Mal gemeldet, nicht wahr?« Meine Stimme klingt belegt, ich schnäuze in das Taschentuch und versuche, durch den Tränenschleier klare Sicht zu gewinnen. Ich erkenne Micks sorgenvolle Miene und fühle mich mit einem Mal töricht und unangemessen unreif. Woher kommt dieser dämliche emotionale Ausbruch?
   »Doch, hat er, mehrmals sogar. Er ruft nicht auf dem Festnetz an, sondern auf dem Handy – meinem Handy. Alles in Ordnung, es geht ihm gut. Mit dem Haus ist soweit auch alles okay. Ron hat alles im Griff, entspann dich einfach.«
   Sanft massiert er meinen Nacken, während Cathy und Colin im Garten herumtollen, obwohl es nicht gerade warm ist. Die Sonne strahlt sogar abends um sechs vom blauen Himmel, wie fast täglich in Los Angeles, aber ich kann das schöne Wetter nicht genießen.
   Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich seit geraumer Zeit grauenvoll, ich habe Heimweh und nicht nur das. Wochentags, die eine Stunde am Abend, die Mick und ich gemeinsam haben, kann ich diese Gefühle leidlich verdrängen und fühle mich beinahe wohl. In den Nächten kuscheln wir uns aneinander. Wenn er nicht zu müde ist, haben wir wundervollen Sex, und trotzdem fehlt etwas. Etwas ganz Entscheidendes. Colin vermisst seine Schulkameraden, seinen Fußballverein. Cathy möchte in den Kindergarten, zurück in ihre alte Gruppe, darauf besteht sie. Vor allem aber vermissen wir alle drei Ron. Wenn Mick bei mir ist, bin ich glücklich, doch das reicht mir nicht. Die paar Stunden mit ihm machen die einsame Zeit nicht wett. Ich bin meistens mit den Kindern allein, außer seinen Eltern habe ich keine andere Anlaufstelle. In Hollywood Freunde zu finden, fällt mir schwer. Mick ist bekannt wie ein bunter Hund. Immer häufiger verfolgen mich anhängliche und vor allem nervige Paparazzi. Für die Fotografen ist es anscheinend höchst interessant und mit Sicherheit ein gefundenes Fressen, dass sie Mick plötzlich mit einer Frau und zwei Kindern fotografieren können, anstelle von Knutschszenarien auf offener Straße mit irgendwelchen Groupies. Wir sind schon des Öfteren mit den Kindern getürmt, als die Fotografen Mick entdeckt hatten. Ein äußerst blödes Gefühl für mich, zu wissen, dass sie ihn vor nicht allzu langer Zeit mit anderen Frauen auf der Straße abgelichtet haben, um die Fotos gewinnbringend zu verhökern, die dann später die Cover der Illustrierten zierten. Ich darf nicht darüber nachdenken, diese Zeiten sind definitiv vorbei. Mick ist zufrieden. Er hat alles, was er sich immer gewünscht hat, nur bemerkt er, dass ich nicht restlos glücklich bin. Mick merkt alles, hat überaus feine Antennen und ist sehr sensibel.
   »Möchtest du zurück?« Ich zucke mit den Schultern, will ihn in keinem Fall verletzen.
   Colin und Cathy kommen durch die offene Terrassentür hereingepoltert, werfen die Schuhe in den Flur und stürmen die Treppe rauf, als jage sie ein Dämon. Mit verquollenen, rot unterlaufenen Augen sehe ich ihnen hinterher und bin nicht mal in der Lage zu schimpfen.
   »Lara, wenn du unglücklich bist, dich hier absolut nicht einleben kannst, sag mir bitte die Wahrheit, okay«, beharrt Mick.
   Ich nicke und sehe ihn betrübt an. »Mick, ich liebe dich, und möchte am liebsten, dass du diese Sitcom aufgibst und mit uns zurück nach Vancouver kommst. Ich weiß, das ist nicht möglich. Deshalb werde ich versuchen, noch ein wenig durchzuhalten, okay?«
   Dankbar lächelt er mich an, und sein Blick sagt mir, dass er ungeheuer stolz auf mich ist. Manchmal fühle ich mich unreif und verwöhnt. Er tut alles, um uns ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen, wir besitzen zwei große Häuser, vier Autos, und Colin geht auf eine Privatschule. Ich muss nicht arbeiten, kann mir alles kaufen, was ich haben möchte, und sitze hier und flenne wie ein Schulkind, weil ich Heimweh habe.

Rastlos suche ich nach Beschäftigungen in diesem modern eingerichteten Haus. Ich habe Mick damals freie Hand gelassen, auch wenn er mich häufig um Rat fragte. Immerhin muss er hier leben, zumindest länger als ich es bisher musste. Die Möbel, die er ausgesucht hat, sind gradlinig, glatt und glänzend. Nicht ganz mein Stil, eher sein Geschmack. Er fühlt sich wohl, was die Hauptsache ist. Es ist sein Zuhause, mehr als es meines jemals sein wird. Seit Wochen ersetze ich ihm seine Zugehfrau, die er, auf meinen Wunsch hin, für diese Zeit beurlaubt hat. Die Kinder genießen die sonnigen Tage am Pool, mal bei Micks Eltern, teilweise mit mir am Strand in Malibu. Ins Meer kann man natürlich zu dieser Jahreszeit nicht springen, und der Wind pfeift einem ziemlich frisch um die Ohren, dennoch spielen Colin und Cathy gern im Sand.
   In letzter Zeit gelingt mir weniger gut, mich tagsüber mit Hausarbeit abzulenken und die Abende, wenn die Kinder lange im Bett sind, mit Mick vor dem Kamin, der so gut wie nie an ist, zu genießen. Gerade weil ich weiß, am nächsten Morgen werden diese verdammten Heimwehgefühle nach Vancouver und die Sehnsucht nach Ron wieder da sein.
   Trotz allem versuche ich, mich so gut wie eben möglich an das Leben in Los Angeles zu gewöhnen. Ein bisschen möchte ich auch Ron beweisen, dass ich ohne ihn auskomme, allein schon, um ihm den Absprung zu erleichtern, ihm zu helfen, ein Leben ohne uns anzuvisieren.

An einem Nachmittag, den ich mit den Kindern dank des Wetters im Garten verbringe, klingelt plötzlich das Festnetztelefon. Verwundert schaue ich von meiner Zeitschrift auf, schlüpfe schnell in die Latschen, die neben dem Liegestuhl stehen, auf dem ich faulenzenderweise gelesen habe, während die Kinder im beheizten Pool herumplanschen. Cathy wird gerade im Schwimmreifen sitzend von Colin durch das Becken gezogen. Zusätzlich trägt sie Schwimmflügel, sodass ich keine Sorge haben muss, die Kinder kurz allein zu lassen. Jeder weiß, dass Mick um diese Zeit nicht zu Hause ist, aber so gut wie niemand weiß, dass ich momentan hier bin. Ron?
   Mein Herzschlag legt einen Blitzstart hin, die Füße machen mit, sodass ich über die Türschwelle stolpere und fast eine Bauchlandung auf den Marmorfliesen im Wohnzimmer hinlege. Gehetzt reiße ich das schnurlose Telefon vom Tisch und pruste ein »Hallo« in den Hörer.
   »Hallo Lara. Patrick hier, alles klar bei dir?« Er klingt amüsiert, als hätte er hellseherische Fähigkeiten und meinen Stunt mitbekommen.
   »Patrick?«, ist alles, was ich sagen kann, und ich weiß nicht, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein soll. Ron geht mir nicht aus dem Kopf.
   »Hey, du klingst, als hättest du einen anstrengenden Tag«, meint Patrick und lacht leise.
   »Nein-nein …«, wiegle ich ab, »… normalerweise ruft um diese Zeit niemand an, und schon gar nicht auf Festnetz. Ich war mit den Kindern im Garten, musste schnell reinlaufen und bin ein wenig überrascht, das ist alles.«
   »Ich verstehe. Wie geht es dir, Lara?«
   Ich mag ihn, habe jedoch in den letzten Jahren wenig Kontakt zu ihm gehabt, da auch er nach Serienende zurück nach Los Angeles ging. Wohl weiß ich, dass er und Mick gute Freunde geworden sind und sie sich hin und wieder gegenseitig besuchen. Ich habe keine Ahnung, was ich antworten soll und halte es für besser, das Gespräch möglichst oberflächlich zu halten, und genau das zu antworten, was die Allgemeinheit am liebsten hört. »Ganz gut und wie geht’s dir?«
   Er räuspert sich kurz und seufzt im Anschluss. »Nicht so prickelnd alles, meine Scheidung läuft, vielleicht hat Mick dir erzählt, dass sich Aimy von mir getrennt hat.«
   Ich werfe einen Blick durch die bodentiefe Glasfront in den Garten, um Cathy im Auge zu behalten. Nun gut, mir scheint, er ist an einem oberflächlichen Gespräch weniger interessiert.
   »Ja, Mick hat es mir erzählt. Tut mir echt leid, auch die Sache damals mit dem Baby. Ich war wirklich bestürzt, als ich davon hörte. Das muss hart für euch gewesen sein.«
   Patrick seufzt erneut. »Ja, seitdem war der Wurm drin und es wurde nie wieder wie früher. Aber nun zu einem erfreulicheren Thema. Ich habe eben mit Mick telefoniert und wollte ihn am Wochenende zu einer kleinen Party einladen, doch er meinte, ich soll dich besser persönlich fragen, ob du Lust hast, mitzukommen, da es dir nicht so gut geht in letzter Zeit.«
   Ich verdrehe die Augen, muss Mick immer ans Eingemachte gehen und jedem die Wahrheit sagen? Meine Aussage, dass es mir ganz gut geht, ist somit hinfällig. Wie peinlich. »Warum nicht. Sollten sich meine Schwiegereltern bereit erklären, die Kinder zu sich zu nehmen, steht dem nichts im Wege.«
   »Toll, ich freue mich auf dich. Weißt du, Lara, ich hege ja noch immer die Hoffnung, eines Tages wird aus uns beiden noch was. Ich mochte dich von Anfang an.« Er lacht ins Telefon, und mir ist klar, dass er nur Spaß macht.
   »Ach, das hast du dann aber bemerkenswert gut unter Verschluss gehalten. Wieso warst du eigentlich damals so eklig zu mir?«
   Er schnaubt irritiert ins Telefon, als ob ich maßlos übertreiben würde. »Das ist eine lange Geschichte. Ich war zu der Zeit nicht gut auf fremde Menschen, insbesondere auf weibliche Fans zu sprechen. Grund war eine üble Erfahrung, die mein Bruder und ich in früheren Zeiten machen mussten, aber das ist lange her.«
   »Du hast einen Bruder? Das wusste ich nicht.«
   Er lacht kurz. »Ja, wir wissen nicht allzu viel voneinander, was schade ist. Vielleicht lässt sich daran noch etwas ändern.« Er kichert albern. »Nun bin ich Single und unsere Zeit wäre endlich gekommen, aber du hängst noch immer zwischen Mick und Ron fest. Das ist nicht fair.«
   Der gespielte Vorwurf in seiner Stimme lässt das Gesagte als wenig relevant verpuffen, aber trotzdem reiße ich meine Augen auf und glaube, mein Mund steht vor Staunen offen. Was hat ihm Mick alles erzählt? »Ähm, es ist kompliziert.«
   »Lara, für wen auch immer du dich entscheidest, du triffst die richtige Wahl, denn Mick und Ron sind beide fantastisch.«
   »Ja, das sind sie.« Ich schlucke und sehe Ron vor meinem geistigen Auge, wie er mich anlächelt und ein Schmerz schlängelt sich wie eine dicke, fette Raupe meine Speiseröhre hinab, durchpflügt meine Eingeweide und richtet sich in meinem Magen häuslich ein.
   »Ich natürlich auch«, behauptet Patrick, und ich sehe sein Grinsen vor mir.
   »Patrick, mit uns würde das nie gut gehen. Wir würden den ganzen Tag nur streiten«, gebe ich lachend zurück.
   »Kann doch auch sehr spannend sein. Du, Lara, stimmt es, was Mick mir erzählt hat?«
   Ich ahne Fürchterliches. Mein Mann ist schlimmer als ein altes Klatschweib, das den halben Tag am Fenster hängt und den Nachbarinnen die neuesten Tratsch Geschichten von Müllers, Krauses oder Schmidts auftischt. »Was denn?«
   »Du wolltest damals in Vancouver weder Mick noch Ron, sondern eigentlich mich?«
   Ich könnte Mick augenblicklich erwürgen, steinigen, aufhängen und was weiß ich. Wie kann er nur?
   Cathy rennt im Garten barfuß und im klitschnassen Badeanzug über die Wiese, imitiert dabei mit den Armen wild flatternd einen Schmetterling, der vor ihr herfliegt. Und das im Oktober bei achtzehn Grad. Sie wird sich den Tod holen.
   »Hm, auch das ist lange her. Patrick, sei mir nicht böse aber ich muss raus zu den Kindern. Wir sehen uns auf deiner Party, okay? Danke für die Einladung.«
   »Kein Problem, aber …« Er räuspert sich. »Solltest du irgendwann einen unparteiischen Freund zum Reden brauchen, ich biete mich gern an. Und wirklich, ganz ohne Hintergedanken, versprochen.« Er klingt mit einem Mal regelrecht besorgt und wieder frage ich mich, was Mick seinen Freunden anvertraut.
   Nachdenklich lasse ich den Hörer sinken, nachdem wir uns verabschiedet haben. Mick ist sich der Tragweite unseres Problems offensichtlich mehr als bewusst, erzählt jedem, dem er ansatzweise vertraut, dass sich seine Frau seit Jahren mit der Entscheidung für oder gegen ihn quält und doch merkt man ihm nichts an. In seinem tiefsten Innern weiß er, dass Ron nicht nur sein Freund, sondern auch sein ärgster Rivale ist, derjenige der seine Ehe zerstören könnte, was ihn in meinen Augen noch besonderer werden lässt. Ich nehme mir vor, heute Abend besonders anschmiegsam zu sein, denn mir wird klar, dass nicht nur Ron und ich zweifeln und diesen verrückten Gefühlen beinahe schutzlos ausgeliefert sind.

Die Kinder freuen sich, am Wochenende bei Oma und Opa übernachten zu dürfen, und als Cathy Samstagmittag mit ihrem rosa Köfferchen die Treppe herunterkommt, freue auch ich mich auf ein Wochenende nur mit Mick. Vor allem aber freue ich mich auf ein ausgedehntes Schönheitsprogramm bei meinem Lieblingsfriseur in Beverly Hills, bei dem ich gleich einen Termin habe. Haare machen, Wimpern und Augenbrauen färben, ein professionelles Make-up – ich will heute Abend toll aussehen. Die ruhigen Vormittage zu Hause, wenn Cathy im Kindergarten und Colin in der Schule ist, fehlen mir.
   Ich beobachte Cathy, wie sie ihren kleinen rosafarbenen Koffer die Treppe herunterwuchtet, und mir wird klar, dass ich es schon wieder getan habe. ‚Zu Hause‘ ist für mich nur in Verbindung mit Vancouver kompatibel.
   Hier in Los Angeles kommt am Vormittag stundenweise ein Privatlehrer, damit Colin nicht allzu viel vom Schulstoff verpasst, für Cathy jedoch findet sich keine geeignete Unterbringungsmöglichkeit. Ein weiterer Grund für mich, nach Hause zu wollen.
   »Hast du auch nichts vergessen, Prinzessin?«, begrüße ich Cathy am Treppenabsatz und greife nach dem Koffer. »Lass mich mal nachsehen.« Ich öffne den Reißverschluss. Kuschelhäschen, Zahnbürste, Nachthemdchen, alles da, sogar Ersatzsocken hat sie eingepackt. »Wow, Häschen, das hast du aber ganz toll gemacht, du kannst ja besser Koffer packen als Colin«, lobe ich sie, auch wenn die Zahnpasta fehlt, die ich gleich noch in den Koffer schmuggeln werde. Stolz grinst sie mich an.
   Auf dem Weg nach Sherman Oaks zu Micks Eltern klemmt plötzlich ein dunkler BMW hinter mir, der einfach nicht überholen will, und ich glaube, auf dem Beifahrersitz einen Typ mit fetter Kamera inklusive mega Zoom zu erkennen. Das will ich den Kindern nicht wieder antun, kürzlich bei einem Ausflug auf dem Santa Monica Rummel oberhalb des Strandes mussten wir vorzeitig den Tag beenden, um vor den Paparazzi zu flüchten. Cathy hatte Angst und weinte sogar, weil diese dunkel gekleideten Männer mit den Kapuzen uns noch eine Weile verfolgten. Ich war wütend und fragte mich, wie Mick das aushält.
   Ich trete das Gaspedal weiter durch, nehme einen Umweg, um den Wagen abzuhängen, doch es gelingt mir nicht. Um diese lästigen Kakerlaken, wie ich sie gern bezeichne, nicht zum Haus meiner Schwiegereltern zu lotsen, parke ich einige Seitenstraßen entfernt.
   »Mama, hier wohnen Oma und Opa nicht«, beschwert sich Colin entrüstet.
   »Ich weiß, raus jetzt, wir gehen den Rest zu Fuß.« Colin steigt maulend aus, Cathy macht es ihm nach. In diesem Moment biegt der verdammte BMW um die Ecke. Ich greife nach Cathys Koffer, nehme ihre Hand und zerre sie hektisch hinter mir her.
   »Schneller, Kinder, lasst uns ein Wettrennen machen. Wer zuerst da ist«, sporne ich Colin an und rase los.
   Cathy kichert und Colin rennt wie der Teufel, da er immer gewinnen will. Wir schaffen es soeben bis vor die Haustür, da sehe ich auch schon das Objektiv auf uns gerichtet. Was ein Mist, ich hasse diese Stadt. Colin klingelt Sturm, und kaum, dass die Tür geöffnet wird, drängeln wir uns atemlos in den Flur.
   »Was seid ihr so gestresst?«, fragt meine Schwiegermutter.
   »Wieder diese Bazillen«, flüstere ich ihr zu, und sie verdreht genervt die Augen.
   »Mami, was sind Bazillen?«, kräht Cathy, und ich verdrehe ebenso die Augen.
   »Fiese Krankheitserreger, aber das erkläre ich dir ein anderes Mal ausführlicher. Lauf, sag dem Opa hallo.«

Später beim Friseur blättere ich in einer dieser Zeitschriften, obwohl ich es eigentlich nicht will. Die Neugier ist zu groß. Ein ungutes Gefühl beschleicht mich, und das nicht zum ersten Mal. Zwar freue ich mich auf Patricks Grillparty am Abend, andererseits bereitet mir meine Intuition, dass jeder dort von Micks Seitensprüngen weiß, einiges an Kopfzerbrechen und Magenschmerzen. Die wenigsten wissen um mein enges Verhältnis zu ihm, um unsere Vertrautheit und Liebe, weswegen mich schon häufiger mitleidige Blicke verfolgt haben. Ein beschissenes Gefühl, als betrogene Ehefrau angesehen zu werden, obwohl das für Mick und mich momentan kein Thema mehr ist. Weder stellen ihm seine Verflossenen nach noch belästigen sie ihn mit Dauer-E-Mails oder Ähnlichem, da er von Anfang an ehrlich war, seine Ehe nie verschwiegen hat und jede der Damen wusste, woran sie war. Auch hält er seine Kontaktdaten unter Verschluss. Mick ist nicht dumm, nur schwach, wenn es um das weibliche Geschlecht geht.
   Etwas besorgt blättere ich die Seiten um, während die Friseurin Haarfarbe anrührt. Mein Blondton muss aufgefrischt werden. Glücklicherweise ist dieser Salon in Beverly Hills eine Adresse, in dem Leute wie Heidi Klum oder Lindsay Lohan verkehren, weswegen hier niemand Notiz davon nehmen würde, wenn ich auf einem der Titelbilder dieser Zeitschriften abgebildet wäre. Mich stört das am meisten. Wieder sehne ich mich nach meinem ruhigen, beschaulichen Leben in Vancouver, ohne lästige Verfolger und mit Ron an der Seite. Verdammt, da ist er wieder. Wie es ihm wohl gehen mag? Ich blättere weiter und entdecke plötzlich ein Bild auf dem ich, Mick und die Kinder abgebildet sind. Mir wird augenblicklich heiß, als ich die fette Überschrift lese. Daddy in flagranti. Wütend klappe ich das bescheuerte Heft zusammen und schmeiße es auf die Ablage.

Mick jongliert mit drei Autoschlüsseln, als ich am Abend die Treppe hinabsteige.
   »Danke für die Entscheidungshilfe«, äußert er mit einem Schmunzeln und betrachtet mich von oben bis unten. »Ich habe die ganze Zeit überlegt, ob wir den Porsche, den Mercedes oder deinen Jeep nehmen, aber du siehst so fantastisch aus, dass es heute der Porsche sein muss.« Mick kommt auf mich zu, hebt mein Kinn sachte an und drückt mir einen zarten Kuss auf die Lippen. »Habe ich dir je gesagt, wie wunderschön ich dich finde? Die Partygäste werden vor Neid erblassen, die männlichen wie auch die weiblichen.« Er lacht und sein himmelblaues Hemd lässt seine Augen regelrecht mitleuchten.
   »Ja natürlich, und sich gleichzeitig fragen, warum ein Mann einer solchen Frau fremdgeht«, bemerke ich leicht säuerlich und gehe an ihm vorbei.
   Mick stöhnt auf. »Lara, bitte nicht heute Abend, okay?« Er folgt mir, schließt die Tür hinter uns ab und wirft mir im Auto einen verunsicherten Blick rüber. »Was ist heute passiert, sag schon?«
   Ich erzähle ihm von der Verfolgungsjagd, meinen Bedenken, hier weiterhin mit den Kindern leben zu wollen, und dem peinigenden Gefühl, Leuten gegenübertreten zu müssen, die von seinen One-Night-Stands wissen. Wie sehr ich mein Leben mit Ron und den Kindern in Vancouver vermisse, verschweige ich allerdings. Mick hört stumm zu und sagt nach meinem Bericht eine Weile nichts. Ich knete die Hände in meinem Schoß und spüre ein nervöses Ziehen im Magen.
   »Verstehe. Du wirkst auch etwas verkrampft. Ich dachte, du freust dich, mal rauszukommen und Patrick wiederzusehen?« Er wirkt leicht resigniert.
   »Ich freue mich auch, nur wäre ich weitaus unverkrampfter, wenn du nicht eine solche Tratschbacke wärst und jedem brühwarm erzählst, dass deine Frau lieber mit deinem besten Freund in Vancouver lebt, anstatt mit dir hier in Los Angeles. Du deine Kinder deswegen kaum siehst und deine Frau heimlich in deinen Kumpel verliebt ist, weswegen du quasi gezwungen wirst …«
   »Lara, stopp«, unterbricht er mich. »Hör auf, bitte. Verdirb uns nicht den Abend. Ich habe dir versprochen, damit aufzuhören. Ich halte mein Versprechen, das weißt du.«
   Er legt seine Hand auf meine, und ich seufze leise. Seine Versprechen hält er, das stimmt.
   Patricks Domizil in der Orange Grove Ave in West Hollywood ist weitaus bescheidener als das von Mick, gefällt mir aber trotzdem ausgesprochen gut. Ein einfaches, zweigeschossiges Haus in Holzbauweise mit einer weiß getünchten Terrasse und einem kleinen, hübsch bepflanzten Vorgarten. Wir parken neben einem weiteren Porsche vor Patricks Einfahrt und ich frage mich erstmals, wie viele Gäste dort sein werden. Das nervöse Ziehen in meinem Magen mausert sich zu einem Brennen. Wir betreten die hübsche Holzveranda, und nachdem Mick geklingelt hat, dauert es nicht lange und Patrick öffnet uns die Tür.
   Im ersten Moment erkenne ich ihn kaum wieder. Ergraute Schläfen, die ihn älter aussehen lassen, als er ist. Er strahlt mich an, aber ich erkenne auf den ersten Blick, wie sehr ihm die Trennung von Aimy zusetzt. Seine Augen leuchten nicht mehr wie früher, wirken glanzlos und traurig. Er ist blass, und feine Ringe zeichnen sich unter seinen Augen ab, die sich zu den reichlichen Fältchen gesellen, die sein Lächeln hervorzaubern. Ich habe ihn drei Jahre nicht gesehen, aber seine Veränderung ist offensichtlich. Seine filigranen, markanten Gesichtszüge sind dem Alter ein wenig zum Opfer gefallen, trotz allem ist er nach wie vor gnadenlos attraktiv. Als er mich zur Begrüßung in seine Arme zieht und mir rechts und links ein Küsschen auf die Wange drückt, verschwindet der Druck in meinem Magen urplötzlich.
   Erstaunt lächle ich ihn an, und als er zurücklächelt, ist meine Welt in Ordnung. Dieses einzigartige Lächeln ist genauso herzlich wie vor drei Jahren. Patrick löst ein klein wenig Heimatgefühl in mir aus, warum auch immer.
   »Lara, du siehst umwerfend aus, und das nach zwei Kindern, Wow, ist das zu fassen?«
   Er bittet uns herein und lotst uns in den Garten, wo die Feier bereits ihren Anfang genommen hat. In einem offenen Grill lodert ein kleines Feuer und die Terrasse ist mit bunten Papierlampen geschmückt.
   Wir werden den anderen Gästen vorgestellt und ich stelle mit Erleichterung fest, dass es sich eher um eine kleine, gesellige Runde handelt und nicht um eine Poolparty im großen Stil mit Hunderten von Gästen. Außer uns sind zwei weitere Pärchen da, Patricks Freund Ryan, mit seiner Frau Jessica, der, wer hätte es gedacht, auch Schauspieler ist. Außerdem eine attraktive Blondine namens Jessi sowie Patricks jüngerer Bruder Lou. Es dauert eine Weile, bis ich die Verhältnisse durchblickt habe und mir beinahe sicher bin, dass Lou und Jessi nicht zusammengehören, denn sie klebt seit Stunden an Patrick wie eine lästige Fliege an einem Pferdekopf.
   Der Abend nimmt seinen Lauf. Ich fühle mich wohl, denn niemand erwähnt meine Beziehung zu Ron oder Micks Liebschaften, was mich immer mehr entspannen lässt. Ich beginne, den Abend regelrecht zu genießen, denn die Gespräche sind lustig und Lachsalven tönen über den Garten hinaus. Die Terrasse ist mäßig beleuchtet, Fackeln flackern auf der Wiese im Wind und der Pool, umgeben mit leuchtenden Lampions, rundet das Bild ab. Da es recht frisch ist, spendet ein Strahler das Nötige an Wärme. Mick unterhält sich mit Ryan, während ich den Blick durch den Garten schweifen lasse. Ich erblicke mitten auf der Wiese ein interessantes Gebilde und steuere darauf zu. Eine Mischung aus Hollywoodschaukel, da es schaukelt, und einer Hängematte, weil man sich der Länge nach drauffläzen kann. Ein Gerät, was ich zuvor nie gesehen hatte. Ich ernenne diese Entdeckung zu meinem präferierten Lieblingsplatz des heutigen Abends, denn darauf zu liegen, ist irre bequem. Sanft schaukle ich hin und her, beobachte die Sterne am Firmament und genieße die Atmosphäre. Ich bleibe jedoch nicht lange allein. Lou setzt sich zu mir und lächelt mich an. Wow, seine warmen braunen Augen, ein echter Hingucker. Dazu ein Lächeln, das an Patrick erinnert.
   »Du bist also Lara aus Deutschland?« Er lacht mit einem Mal und zwinkert mir zu. »Glaub mir, ich habe damals viel von dir zu hören gekriegt, und anfangs nur die allerübelsten Schimpftiraden.«
   Ein unangenehmes Gefühl breitet sich in mir aus. Meine Güte, wovon redet er? »Ich verstehe nicht.«
   Er scannt mich ab, und ich mag ihn augenblicklich. Er ist nicht weniger attraktiv als sein großer Bruder.
   »Aber das hielt nicht lange an, du hast Patrick wahnsinnig überzeugt mit deiner Schauspielkunst, sodass er dich in den höchsten Tönen gelobt hat. Zur Erklärung: Wir haben ein sehr enges Verhältnis und er hat mir damals erzählt, was da los war mit euch am Set.
   »Und das weißt du noch? Das ist zehn Jahre her.« Mein Blick wandert über die Terrasse, bleibt an Jessi hängen, die keinen Millimeter von Patricks Seite weicht. Klein, zart gebaut, spärliche Ausstattung, wenig Busen, kaum Hintern. »Bist du mit ihr hier? Deine Freundin?«, frage ich, obwohl offensichtlich ist, dass sie an Patrick interessiert ist.
   »Nein, ich kenne sie nicht, ist wohl ein Bikini-Model, oder so. Ich nehme an, Patricks neue love interest?« Er verdreht die Augen amüsiert. Ich kann meinen Blick kaum von diesen abwenden.
   »Patrick war anfangs wirklich ziemlich unfreundlich zu mir damals am Set.«
   Lou fixiert mich leicht betrübt. »Daran bin ich nicht ganz unschuldig, fürchte ich.« Er grinst mich gequält an. »Ich hatte mich seinerzeit mit der falschen Frau eingelassen, was Patricks und mein Leben nicht unerheblich auf den Kopf gestellt hat, und danach war er einige Jahre nicht gut auf seine Fans zu sprechen.«
   Ich nicke und erinnere mich an das Telefonat mit Patrick, bei dem er etwas Ähnliches erwähnt hatte. Ich beschließe dieses Thema nicht zu vertiefen, schließlich habe ich Lou eben erst kennengelernt und ich möchte nicht neugierig wirken. Zumal mich die Gegenwart viel mehr interessiert als die Vergangenheit. »Und was ist mit dir, wo ist deine bessere Hälfte?«, frage ich und sehe mich um, wohlwissend, dass sich niemand mehr, der infrage käme, im Haus versteckt.
   »Ich bin allein, ich besuche Patrick regelmäßig und unterstütze ihn bei der Scheidung und so. Er braucht ein wenig aufbauende Fürsorge.«
   Ich ziehe erstaunt die Brauen hoch. Lou ist mir unglaublich sympathisch mit seinem offenen, herzlichen Wesen. »Bist du Rechtsanwalt?«
   Er schmunzelt und schüttelt den Kopf. »Nein, Tierarzt.« Er lacht. »Ich meinte eher die emotionale Unterstützung, Psyche und so, du verstehst? Darin bin ich ganz gut.« Sein Lachen ist ebenso süß wie sein Wesen.
   »Sicher, das verstehe ich. Wohnst du in der Umgebung?« Ich mache eine ausladende Handbewegung und mustere ihn neugierig, da er wirklich mein Interesse weckt. Sein Charme ist äußerst anziehend.
   »Nein, ich lebe an der Ostküste, in der Nähe von New York.« Er seufzt leicht und schenkt mir ein gequältes Lächeln.
   »Hm, nicht deine erste Wahl, wie mir scheint.«
   »Ich würde lieber ländlicher leben, auf einer Farm. Das ist allein aber schwer zu bewerkstelligen.« Er lacht kurz. »Ich sollte eine Farmerin heiraten, nicht wahr?«
   Ich reiße meine Augen auf. »Bist du Single?« Er nickt und ich fürchte, die Überraschung steht mir ins Gesicht geschrieben. Wie kann jemand wie er frei herumlaufen? Er ist traumhaft.
   »Die beständige und große Liebe habe ich bisher noch nicht finden können«, meint er lächelnd, »ich suche noch danach.«
   Leider wird unser hochinteressantes Gespräch an dieser Stelle unterbrochen, da sich Mick und Ryan zu uns gesellen. Nach kurzer Zeit noch Patrick und die beiden Jessicas, bis die supergemütliche Sitzgelegenheit fast unter der Menschenlast zusammenbricht.
   Der Abend nimmt seinen Lauf, und der Spaßfaktor wird mit Ansteigen des Alkoholpegels langsam höher, und ich ärgere mich ein wenig, weil ich Mick versprochen habe, später zu fahren. Ich bemerke Lous Blicke, die mich hin und wieder streifen und bis in die späten Abendstunden, beinahe bis wir weit nach Mitternacht aufbrechen, frage ich mich, warum er allein ist. Die Geschichte mit der falschen Frau, auf die er sich eingelassen hat, würde mich doch brennend interessieren, und ich bereue es ein wenig, nicht nachgehakt zu haben. Vielleicht weiß Mick darüber Bescheid, so wie Patrick anscheinend bestens über unser Dreierproblem unterrichtet ist, und kann mir nachher davon erzählen.

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Viel Spaß beim Weiterlesen.