Zehn aufregende Tage in Vancouver führten dazu, dass Lara in Deutschland ungeduldig auf Tim wartet, den sie dort im Urlaub kennen- und lieben gelernt hat. Anfangs scheint das Glück perfekt, doch, wie so typisch in Laras Leben, läuft nicht alles nach Plan. Eine zufällige Begegnung sowie Tims dramatische Veränderung bringen Laras Gefühlswelt ziemlich durcheinander und stellen sie vor eine schwere Entscheidungsfrage. Wird sie stark genug sein, zu widerstehen? Kann die Liebe zu Tim all den Problemen trotzen, die mit aller Macht über sie hereinbrechen?

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ISBN: 978-9963-53-695-5

Seiten: 343

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Jutie Getzler

Jutie Getzler
Jutie Getzler lebt mit ihrem Mann, ihren Söhnen, einer Katze, einem Häschen und vielen Goldfischen in einem kleinen Vorort Dormagens zwischen den Großstädten Köln und Düsseldorf. Neben dem Schreiben, was sie am meisten interessiert, arbeitet sie als chemisch-technische Assistentin und zumeist in den Abendstunden als Yoga- & Pilates-Trainerin. Einer Eingebung zufolge begann sie im Sommer 2003 mit dem Schreiben. Völlig blauäugig hämmerte sie innerhalb eines halben Jahres über tausend Seiten einer fünfteiligen Geschichte in ihren Computer, die unaufhaltsam wuchs. Sie hatte keine Ahnung, wie sie aus diesem Wust an Text ein Buch zauberte. Es kostete sie elf Jahre und mehr als drei Startversuche, aus diesem Chaos-Manuskript ein vernünftiges Buch zu kreieren, vor allem ein „gut lesbares“ Buch. Drei der fünf Manuskripte erschienen im Juli 2016 als interaktiver Roman, der inzwischen auch drei kleine Ableger bekommen hat, die über das Jahr 2017 verteilt erschienen sind.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Flughafen Köln, Anfang November

Nervös trete ich von einem Bein aufs andere. Die Ungeduld in mir tobt, quält mich seit Stunden. Die neuen Stiefel mit den nicht gerade niedrigen Absätzen sind zwar irre bequem und würden mich auch ohne Weiteres bei einem sechsstündigen Gewaltmarsch und ohne jegliche Blessuren durch die Schluchten der Caldera del Taburiente auf La Palma begleiten, aber trotzdem will ich, dass er endlich vor mir steht. Die letzten Wochen haben mich innerlich zerfetzt, ich fühlte mich wie in einer Zentrifuge umhergeschleudert, mehr noch, in einem Ultraschallbad durcheinandergerüttelt. Und zwar so gründlich, dass in meinem Innern seit Kurzem nichts mehr an seinem Platz zu sitzen scheint. Ich frage mich, ob mein Herz inzwischen in den Bauchraum gewandert ist, und mein Magen in den Kniekehlen hängt. So fühlt es sich jedenfalls an. Tim fehlt mir! Seit genau neununddreißig Tagen, achtundzwanzig Minuten und etlichen Sekunden vermisse ich ihn ganz furchtbar.
   Tim Teddy und ich warten ungeduldig am Flughafen, schreibe ich ihm über Handy.
   Mit dem Gate und dem Gang dahinter fest im Blick hole ich Tim Teddy aus meiner Tasche. Sein Fell ist aufgrund dieser nicht artgerechten Behandlung ein wenig platt gedrückt, weswegen ich ihn mit einer wilden Handbewegung aufplüsche. Ein kleines Mädchen an der Hand seiner Mutter in der gegenüberliegenden Ecke der mit hektisch umhereilenden Menschen gefüllten Wartehalle, beobachtet mich mit großen Augen dabei. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht.
   »Es dauert nicht mehr lange«, flüstere ich meinem kleinen Fellkameraden zu.
   Pling, eine WhatsApp-Nachricht. Endlich hat der große Tim wieder Empfang. Hektisch ziehe ich das Handy aus meiner Hosentasche.
   Bin am Gepäckband, nur noch zehn Minuten. Freue mich wie wahnsinnig auf euch. Lara Teddy ist voll aufgeregt, kommt mit einem Smiley dahinter zurück.
   Eine erneute Durchsage, die kaum zu verstehen ist, dröhnt durch das gesamte Terminal. Manchmal frage ich mich, ob die Sprecher das Wort Plüschpuschel mehrmals hintereinander nuscheln und sich dabei eins ins Fäustchen lachen. Meist klingt es genauso. Ich für meinen Teil habe kein Wort verstanden.
   Warte am Airport in Düsseldorf, richtig oder? ;o), tippe ich derweil an Tim und fühle mich ihm wieder so ungeheuer nah. Was haben wir die letzten Wochen am Telefon gescherzt und gelacht. Teilweise nächtelang, besonders viel Schlaf hat keiner von uns abbekommen.
   Sehr witzig, kommt keine Minute später zurück.
   Grinsend stecke ich das Handy weg und sehe sein Schmunzeln geradezu vor mir. Die Vorfreude in mir ist kaum noch zu bändigen. Am liebsten würde ich singend und tanzend quer durch die Wartehalle rasen.
   »Gleich ist es so weit, ich hoffe, sie gefällt dir«, wispere ich in Tims weiches Fell und gebe ihm ein Küsschen auf die kühle Kunststoffnase.
   Eine Gruppe junger Mädels, nicht weit entfernt von mir, steckt kichernd ihre Köpfe zusammen. Vermutlich amüsiert sie mein Gespräch mit einem Kuscheltier. Sie können nicht ahnen, welch wichtige Rolle dieser kleine Bär in Tims und meiner Beziehung spielt. Die Erinnerungen an unseren holprigen Start im September schlängeln sich in meinem Hirn nach ganz vorn und verdrängen kurz die Vorfreude auf Tim.
   Wir haben es uns anfangs wirklich sehr schwer gemacht, und nach einer heftigen Auseinandersetzung saß dieser kleine Kuschelbär am nächsten Morgen vor meiner Zimmertür, den ich seitdem mit Tim und den Gefühlen für ihn verknüpfe. Ein Geschenk, das unsere Beziehung so richtig ins Rollen brachte. Mir doch egal, was andere darüber denken.
   Vereinzelt kommen die ersten Leute den Gang hinunter, schieben ihre Koffer durch das Ankunftsgate und werden von den Wartenden mehr oder weniger enthusiastisch begrüßt. Da wird Schulterklopfen ebenso getauscht wie flüchtige Küsschen, vereinzelt sogar ein sanfter freundschaftlicher Hieb, als wolle man den anderen nicht wissen lassen, dass man ihn vermisst hat. Manchmal benehmen sich Menschen eigenartig. Wahre Gefühle zu offenbaren, ist heutzutage anscheinend nicht mehr angesagt.
   Wie gebannt starre ich in die Tiefe des Gangs, um Tim zu entdecken. Meine Aufregung hat den Gipfel des Möglichen erreicht. Seit Tagen kann ich an nichts anderes mehr denken, fiebere der Minute entgegen, in der er vor mir stehen wird.
   Die Masse der ankommenden Menschen wird größer, ich befürchte, ihn zu übersehen, wenn sich der Pulk nicht endlich ein wenig lichtet. Zur Sicherheit recke ich mich in die Höhe, versuche über all die Köpfe hinwegzulinsen, wobei meine Absätze eine nicht zu unterschätzende Hilfestellung leisten. Meine Güte, warum können Liebe und Sehnsucht dermaßen quälend sein?
   Nervös nage ich an meiner Unterlippe und spähe hoch konzentriert in die Menge der unterschiedlichsten Gesichter. Ich glaube, da hinten kommt er. Groß, dunkelhaarig, gut aussehend. Ja, er ist es. Die Gefühlsexplosion in mir haut mich fast um, lässt meinen Atem stocken. Freudentränen suchen sich ihr Ventil.
   Ich starre ihm entgegen, was für ein unwirklicher, aufregender Augenblick. Endlich ist er da. Ein seit Wochen ersehnter Moment. Ungeduldig tänzle ich von rechts nach links, meine Hände werden vor Aufregung feucht.
   Mit Genugtuung stelle ich fest, wie einige der Mädels verstummen, um ihm mit offenem Mund hinterherzugieren. Himmelherrgott, er sieht aber auch gnadenlos gut aus, hat einige Kilos abgenommen, wie mir scheint. Seine Haare sind länger, fallen ihm lockig ins Gesicht und glänzen in tiefem Schwarz. Der Ein-bis-zwei-Tage-Bart lässt sein schmales Gesicht intensiv männlich und markant wirken, sodass ich schlucken muss. So attraktiv hatte ich ihn nicht in Erinnerung, ganz und gar nicht.
   Er trägt verwaschene Jeans, dazu eine schwarze Lederjacke und eine große Reisetasche lässig geschultert, als wäre sie mit nichts als mit Zeitungspapier gefüllt und leicht wie ein Pfund Äpfel.
   Meine Knie werden weich, als er mit Lara Teddy in der Hand und einem Lächeln auf dem Gesicht auf mich zukommt.
   »Tim«, hauche ich und springe ihm regelrecht in die Arme. Eine erste Träne kullert aus meinem Augenwinkel. Mist, hoffentlich verwischt die Wimperntusche nicht. Ich möchte nicht wie ein Zombie aussehen, wenn er mir in die Augen sieht.
   »Lara«, seufzt er nicht weniger ergriffen in meine Haare und drückt mich an sich, als wolle er alle fehlenden Umarmungen der vergangenen Wochen auf einmal nachholen. »Mir kam es vor wie ein Jahrzehnt«, sagt er leise.
   »Mir auch.«
   Er hält mich an den Schultern ein wenig auf Abstand und betrachtet mich eine Weile sanft lächelnd. »Du bist noch hübscher geworden.«
   Ich zwinkere ihm zu und deute in Richtung der laut schnatternden Mädels-Clique, die offenbar Zuwachs bekommen hat.
   »Und du erst. Die Mädels da drüben haben dich mit ihren Blicken quasi ausgezogen«, stelle ich schmunzelnd fest.
   Er lacht kurz auf. »Keine Chance, ich bin vergeben.«
   Tim sieht mich mit einem Blick an, der mir sagt, er hat in letzter Zeit ebenso sehr gelitten wie ich. Seine dunklen Augen bekommen den typisch sanften Schimmer, den ich so oft vor mir sah, wenn ich einsam in meinem Bett lag und vor Sehnsucht nach ihm weinen musste.
   Zart streicht er eine meiner Locken zur Seite, legt seine Hand in meinen Nacken und zieht mich mit sanftem Ruck in seine Richtung. Es gelingt mir kaum, die Augen rechtzeitig zu schließen, schon knutschen seine Lippen meine. Mit einer Begierde, die mir fast den Boden unter den Füßen wegreißt. Die Flughafenhalle scheint sich wie ein Kreisel zu drehen, mein Herz klopft zum Gotterbarmen heftig. Einen leidenschaftlicheren Kuss habe ich mit ihm bisher nicht erlebt, was nicht verwunderlich ist, nachdem wir uns im September nicht überwinden konnten, unseren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Er saugt sich an meinen Lippen fest, und scheint mich nicht freigeben zu wollen. Seine Zunge spielt mit meiner, und ich spüre eine Hitzewallung nach der anderen durch meinen Körper jagen. Ein Kribbeln vom Haaransatz bis in die Zehen. Nicht einmal in meinen heißesten nächtlichen Fantasien hat er mich so geküsst wie gerade jetzt. Hilfe, will er nicht wenigstens warten, bis wir in meinem Apartment sind?
   »Hey«, flüstere ich unter seinen Lippen, »kannst es wohl nicht abwarten, hm?«
   »Nein, sorry«, meint er augenzwinkernd, »ich hatte dich mehrmals vor meinem indianischen Temperament gewarnt, erinnerst du dich?« Ich nicke ihm zu, versuche derweil, meine Atmung unter Kontrolle zu bringen und meine verloren gegangene Fassung zusammenzuklauben. Seine Leidenschaft haut mich um.
   »Nun verstehe ich es«, witzle ich leicht atemlos. »Wie praktisch, dass der November eh kalt, regnerisch und ungemütlich ist. Wir werden sowieso nicht viel rauskommen, schätze ich.«
   »So ist es.« Er zieht verführerisch eine Braue hoch.
   Ich hingegen versuche, mich zu sammeln, indem ich meine derangierten Emotionen wie einen entgleisten Zug wieder auf die Schienen setze. Wenigstens, bis wir zu Hause sind.
   »Wo ist Tim?«, fragt er und hält mir Lara Teddy vor die Nase.
   Langsam lasse ich Tim Teddy hinter meinem Rücken hervorlugen. »Er ist ein bisschen schüchtern, weißt du?« Ich blinzle dem großen Tim zu.
   »Ui. Na, dann hoffe ich mal, sie hat nicht ein ähnlich wildes Temperament wie ich, womöglich verschreckt sie ihn direkt.« Er hält seinen Teddy so, dass sich die beiden Bären Auge in Auge und Schnauze an Schnauze voreinander befinden, und zwinkert dabei listig.
   »Wir sollten es langsam angehen lassen und die zwei im Auto nebeneinander auf den Rücksitz setzen. Da können sie sich ein wenig beschnuppern«, schlage ich vor und lasse den kleinen Bär fluchtartig in meiner Tasche verschwinden.
   »Ist wohl besser.« Lachend verlassen wir das Flughafengebäude.

Beim Blick auf die regennasse Fahrbahn, durchsetzt mit mehr oder weniger großen Pfützen, stellt Tim auf dem Weg nach Düsseldorf triumphierend fest, dass unser Wetter dem seiner Heimat zu ähneln scheint. Er verdreht die Augen und versenkt voller Vorfreude seine Hand in meinen Haaren.
   »In Vancouver ist der November auch ein Monat zum im Bett bleiben, weißt du?«, behauptet er eindeutig zweideutig.
   Ich glaube, ich war vor meinem allerersten Mal nicht nervöser als in diesem Augenblick. Wieso blinkt der Typ hinter mir andauernd? Soll er doch überholen, schimpfe ich innerlich.
   »Rate mal, wen ich letztens gefahren habe«, meint Tim plötzlich und wirft mir einen bedeutungsvollen Blick rüber.
   »Den, dessen Namen wir nicht mehr erwähnen wollten?«
   Angesichts meines vorwurfsvollen Tonfalls schmunzelt er in meine Richtung. Er klopft auf das Armaturenbrett und lässt mich spüren, dass er nach wie vor Spaß daran hat, mich mit meiner ehemaligen Patrick-Mania aufzuziehen.
   »Nein, seine Frau. War Zufall, sie musste zum Arzt.«
   »Na so was, alles in Ordnung mit ihr?«
   Mit zusammengekniffenen Augen denkt er nach, als wolle er sich die Situation in Erinnerung rufen, um sie im Nachhinein zu analysieren. »Jetzt, wo du es sagst. Sie sah nicht besonders gut aus, war ziemlich blass um die Nase. Ich habe mich aber nett mit ihr unterhalten. Sie meinte, demnächst fährt sie nur noch mit mir, wenn sie ein Taxi braucht.« Tim grinst von einem Ohr zum andern.
   »Hast du also einen neuen Fan, hm?«
   »Scheint so.«
   Wir lassen die Autobahn hinter uns, biegen auf die Schnellstraße ab, wobei ich bemerke, dass sich meine Aufregung mit jedem Kilometer, den wir zurücklegen, steigert.
   »Tim, ich hab Schiss.« Kaum ausgesprochen bereue ich meine kindische Äußerung.
   Er stößt einen zischenden Laut aus, wirft den Kopf in den Nacken, um im nächsten Moment laut loszulachen. Vor Vergnügen klopft er auf seine Knie. »Ist das dein Ernst? Ich werde auch ganz vorsichtig sein, versprochen«, meint er beschwichtigend und greift nach meiner Hand.
   Ich komme mir mit einem Mal furchtbar idiotisch vor und nicke ihm beruhigt zu. »Danke, das weiß ich sehr zu schätzen«, entgegne ich mit leidender Miene, woraufhin wir im Chor schallend loslachen.

In meiner Wohnung angekommen, hebt er mich behutsam hoch und trägt mich wie eine besonders wertvolle Fracht zum Bett. Er nimmt sich nicht einmal die Zeit, sich umzusehen oder seine Jacke auszuziehen.
   Vorsichtig legt er mich ab, beugt sich lächelnd über mich, um meine Haare ordentlich, wie es kleine Mädchen mit ihrer Lieblingspuppe machen, auf dem Laken hinter meinem Kopf zu drapieren. Ich blicke in dunkelbraune vor Glück schimmernde Augen, die mich magisch in ihren Bann ziehen. Eine kribbelnde Unruhe bahnt sich ihren Weg durch meinen Körper, mein Herz macht einen Satz, als wolle es ihm entgegenspringen. Dabei gehört es ihm doch längst.
   Langsam nähert sich sein Gesicht, wobei sich seine Lippen leicht öffnen. Ich spüre seinen warmen Atem, der über mein Gesicht streift, halte vor Spannung kurz die Luft an und schließe die Augen. Beinahe unmerklich berühren sich unsere Lippen, unsere Zungen suchen einander, um sich sachte zu vereinigen. Seine Küsse, erst unsagbar zärtlich, dann leidenschaftlich fordernd, und ich weiß: So kann das nur Tim. Er ist vollkommen bei mir, mit Haut und Haaren angekommen, und ich möchte ihn lieben. Endlich wird es passieren, nein, ich habe keine Angst. Ich will ihn, genauso sehr wie er mich will. Jede Faser, jede Pore ist bereit, jede noch so kleine Nervenzelle lechzt danach, ihn zu fühlen. Sein Kuss raubt mir alle Sinne, mein Hirn schaltet auf Sparflamme, sein Temperament packt mich, sein inneres Feuer erhitzt auch mich, reißt mich mit, beflügelt mich in einer Art und Weise, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Ich schmiege mich eng an ihn und spüre ein wahnsinniges Verlangen in mir. Die Begierde, meine Leidenschaft, die ich allzu lang unterdrücken musste.
   Wir schälen uns gegenseitig aus unseren Klamotten, streicheln, küssen und liebkosen uns überall. Unsere erste gemeinsame Nacht ist angebrochen und endlich geben wir uns alles, was wir uns nur geben können. Unsere ganze Liebe, all unser Gefühl. Meine Gedanken stehen still, endlich. Während ich jeden Winkel seines Oberkörpers erkunde, ziehen mich seine Bauchmuskeln wie magisch an, und ich küsse jeden einzelnen davon. Allein der Anblick seiner mokkafarbenen weichen Haut macht mich rasend. Nahezu süchtig machende, zärtliche Hände erkunden jedem Quadratzentimeter meiner Haut. Seine warme Männlichkeit in mir gibt mir das Gefühl gleich zu explodieren. Ich will mehr, immer mehr.
   Eine Welle der Erregung schießt durch meinen Körper, heiß, kribbelnd, voll verrückter Emotionen. Ich weiß, ihm geht es nicht anders. Wir werden eins, pressen uns fest aneinander. Unsere Lust aufeinander ist animalisch, wir schwitzen, lieben uns. Genussvoll und stöhnend atmen wir immer schneller, bis unsere Herzen rasen und wir nicht mehr können. Meine Vorahnung, inklusive des winzigen Hauchs an Besorgnis, war nicht unbegründet. Ein Sturm der höchsten Windgeschwindigkeit; eine Lawine, die Tausende Tonnen Schnee mit sich reißt; ein Erdbeben, das Dutzende Häuser einstürzen lässt, sind nichts im Vergleich zu Tim. So intensiv habe ich die Liebe mit keinem anderen erlebt, und ich muss zugeben, es gefällt mir. Ich spüre die absolute Sicherheit, dass er, und nur er, mein Mann ist und ich niemals einen anderen so lieben werde wie ihn.

Kapitel 2

Unser letzter Tag bricht an, morgen geht Tims Flieger Richtung Heimat und ich bleibe zurück. Bis Weihnachten, in einem Monat, werde ich ohne ihn sein müssen. Mir ist noch nicht klar, wie ich das durchstehen soll.
   Eine großartige Zeit liegt hinter uns, mit gemeinsamen Kochabenden inklusive kulinarischer Exkursionen. Wir haben zusammen SmartTown angesehen, viel gekuschelt und ebenso viel gelacht. Wir waren sogar ab und zu draußen, wenigstens um einkaufen oder spazieren zu gehen. Das Wetter hat es uns nicht schwer gemacht, die meiste Zeit daheimzubleiben. Tim und Lara Teddy haben sich inzwischen aneinander gewöhnt und sind schwer verliebt, vermutlich ebenso sehr wie wir. Ständig sitzen sie beieinander. Leider verstehen wir die Bärensprache nicht und wissen daher nicht genau, inwieweit die Beziehung vorangeschritten ist.
   »Soll ich sie mitnehmen oder soll sie bei ihm bleiben?«, fragt Tim an unserem letzten Abend, nachdem wir mit Essen und Spülen fertig sind.
   »Nimm sie mit, du brauchst sie doch, oder nicht?«
   »Richtig, sie ist mein Lara-Ersatz.« Er seufzt, zerrt seine Reisetasche vom Schrank und beginnt lustlos zu packen. Ich starre derweil aus dem Fenster, lasse die eintretende Dämmerung auf mich wirken, die das Zimmer in der Scheibe widerspiegeln lässt. Eine dicke Träne sucht sich ihren Weg entlang meiner Wange, doch bevor sie das Kinn erreichen kann, wische ich sie energisch mit den Handrücken weg. Er soll nicht sehen, wie ich leide.
   Ich denke an die kommenden Wochen ohne ihn, inklusive der kalten, einsamen Nächte. Meine Wohnung wird wieder leer und still sein, entsetzlich. Wie schnell man sich doch an diese wunderbare Zweisamkeit gewöhnen kann. Die nächsten Tränen lösen sich, kullern unaufhaltsam in die Tiefe. Mist!
   Ich schließe die Augen und versuche, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, mich auf etwas Schönes zu konzentrieren. Ich sollte an unser Wiedersehen in naher Zukunft denken. Weihnachten ist nicht mehr allzu lange hin. Die Geschäfte sind schon dekoriert, die Tage kurz, die Nächte lang und bitterkalt. Bald ist der erste Advent und die Weihnachtsmärkte öffnen demnächst ihre Pforten.
   Ich unterdrücke einen tiefen Seufzer, als ich plötzlich Tim dicht hinter mir bemerke. Er senkt seinen Kopf, sodass ich seinen warmen Atem in meinem Nacken spüre.
   Zart fährt er mit den Fingerspitzen über meine Schulter, den Arm hinunter bis zur Hand, um an den Enden meiner Fingerkuppen umzukehren und die Innenseite meines Unterarms hinauf zu streicheln. Eine Gänsehaut überzieht meinen gesamten Körper, so wundervoll kribbelt das.
   Mit geschlossenen Augen lehne ich mit meinem Hinterkopf an seiner Brust. Kaum spürbar gleiten Tims Hände über mein Gesicht, den Hals, das Dekolleté und meine Brüste. Er lässt sich Zeit, viel Zeit. Inzwischen weiß ich etwas mit dem Begriff knisternde Erotik anzufangen. Tim ist ein absoluter Könner auf diesem Gebiet. Seine Hände arbeiten sich im Schneckentempo hinunter bis zu meinem Bauch, um am Anfang des Hosenbundes kehrtzumachen. Ein Schmunzeln huscht über mein Gesicht. Er treibt das begehrliche Spiel weiter, küsst meinen Hals behutsam und voller Gefühl. Ich seufze und muss lächeln, als seine Fingerspitzen sanft meine Hüften hinaufgleiten, weiter entlang der Taille, bis unter die Achseln. Ich bin fürchterlich kitzelig, und jedes einzelne Haar an meinem Körper stellt sich auf, sodass ich leicht erschaudere und kurz lachen muss. Bloß nicht umdrehen und diesen prickelnden Moment zerstören, ermahne ich mich.
   Langsam, betont langsam, öffnet er den untersten Knopf meiner Bluse, knöpft einen nach dem anderen auf, weiter, bis keiner mehr übrig bleibt. Dann streift er das Kleidungsstück vorsichtig über meine Schultern, sodass es zwischen uns zu Boden fällt, um anschließend hingebungsvoll meine Schultern, den Nacken sowie meinen Hals zu liebkosen. Ich versuche, die Gefühle, die seine Zärtlichkeiten in mir auslösen in meinem Herzen abzuspeichern, wie auf der Festplatte eines Computers, denn ich möchte davon in nächster Zeit zehren und keine Sekunde dieses wundervollen Augenblicks vergessen.
   Seine Hände gleiten sachte über mein Dekolleté, zwischen meinen Brüsten hindurch, hinunter bis zum Bauchnabel. Er umkreist meinen Nabel, öffnet gemächlich aber gekonnt den Knopf meiner Jeans, danach kaum merklich den Reißverschluss. Ich zerfließe unter seinen Berührungen, gebe keinen Mucks von mir, um ihn nicht zu unterbrechen.
   Gefühlvoll streichelt er über meine Haut, bis zur Oberkante des Slips. Voller Erwartung stockt mein Atem, aber er beschließt, es weiterhin spannend zu machen und lässt seine Hände wieder aufwärtsgleiten.
   Ich grinse in mich hinein. Er, der Meister der Verführung, genießt die atemlose Spannung, spürt meine Gänsehaut und das Wissen, mich in den Wahnsinn zu treiben, gefällt ihm.
   Behutsam arbeiten sich seine Hände an der Außenseite meiner Taille empor, allmählich bis zur Innenseite der Achseln. Von dort langsam hoch zu den Schultern, bis zum Hals. Ich muss kichern, als er an meinem linken Ohr knabbert und hineinatmet. Mir ist klar, jedes Wort würde diesen atemberaubenden, erotischen Moment zerstören.
   Er nimmt sich viel Zeit, mich gemächlich zu entblättern, und ich genieße jede Sekunde davon. Sanft streichelt er über meine Haare, öffnet die Haarspange, die meine Locken zusammenhält, woraufhin sie weich über meine Schultern fallen. Er drückt seine Nase hinein, um ihren Duft zu inhalieren.
   Tims Hände gleiten über meinen Bauch, von dort zu meinen Schultern. Behutsam dreht er mich zu sich herum, sodass ich in seine Augen blicke. Ich versinke in ihnen, tauche ein in den dunklen Waldsee. In den dunkelsten, den ich je sah. Für ein paar Sekunden kommen sich unsere Lippen sehr nah, unsere Nasen berühren sich kurz, was einem Hauch gleicht. Wir spüren wohl die süße Erregung, die in uns hochkocht. Er lächelt sanft, öffnet den Verschluss meines BHs und streichelt zärtlich über meinen Rücken. Sein spürbares Verlangen kann meine Begierde kaum unter Kontrolle halten. Unsere Lippen treffen aufeinander. Er küsst mich, unbarmherzig feurig, streichelt mich gnadenlos gefühlvoll, sodass ich nichts mehr denken kann und nur noch genieße.

»Hast du genug Taschentücher dabei, um Laras Tränen zu trocken?«, frage ich Stunden später vor dem Abflugterminal des Kölner Flughafens, fürchte aber insgeheim, meine eigenen werden die nächsten Tage den Weltvorrat an Kleenex aufbrauchen.
   »Sie hat mich, und Tim Teddy hat dich. Sind doch nur fünf Wochen, bis wir vier uns wiedersehen.« Tim lächelt mich aufmunternd an und presst die beiden Teddyschnauzen so aneinander, als wären sie in einem innigen Kuss vertieft. Seine Albernheiten helfen mir, die inneren Qualen wenigstens für eine Weile beiseiteschieben zu können.
   »Und danach? Wie geht’s dann weiter? Ich halte das nicht aus, im Januar wieder allein zurückzumüssen.«
   Tim lässt die Hände mit den beiden Teddys sinken und tritt einen Schritt näher. Sein Blick fesselt meinen derart intensiv, dass mein Herz für einen Schlag aussetzt. Man könnte meinen, ein Geistesblitz hätte ihn ereilt.
   »Lara, ich hab da eine Idee«, sagt er leise. Ein unverkennbares Blitzen in seinen Augen betätigt meine Vermutung. »Zieh zu mir nach Vancouver, für immer.«
   Ich mustere ihn entgeistert. Sein Tonfall, sein Blick, einzigartig. All das beschert mir einen ordentlichen Adrenalinschub, der durch meinen Körper schnellt.
   »Wie stellst du dir das vor? Ich habe dort keinen Job, wovon soll ich leben?« Meine Augen weiten sich und instinktiv hebe ich die Schultern. »Du studierst oder fährst Taxi, und was mache ich in der Zeit?«
   Nachdenklich betrachtet er mich, lächelt dann zuckersüß. »Wozu brauchst du Geld? Du wohnst bei mir. Meine Familie ist auch noch da, die werden uns unterstützen.« Mit gerunzelter Stirn versuche ich, meine unbändige Freude zu vertuschen. Als hätte ich noch nie daran gedacht. Bisher habe ich mir jedoch verrückte Gedankenspiele wie diese verboten, zu illusorisch erschien mir bisher die Vorstellung, einfach alles zurückzulassen.
   »Und was ist mit meiner Familie, meiner Wohnung, meinem Job und all meinem Zeug?« Er zuckt die Achseln, geradeso als wäre all das eine Kleinigkeit. Eine lästige Nebensache, die es nicht wert ist, sich den Kopf darüber zu zerbrechen.
   »Musst du halt loswerden«, meint er mit jungenhaftem Charme und grinst mich bestechend an.
   Ich lege den Kopf schief und beiße mir auf die Unterlippe. Gedanklich wohne ich seit Wochen mit ihm zusammen, allerdings hat eine warnende Stimme in mir diese Hirngespinste jedes Mal konsequent zunichtegemacht, und gleichzeitig versucht, mich zu erinnern, dass ich ihn erst seit Kurzem kenne und es zu früh ist, mein Leben hier aufzugeben.
   »Und wenn es mit uns schiefgeht? Was dann? Dann stehe ich mit nichts da?«
   Er kommt noch näher, blickt mir eindringlich in die Augen und legt dabei seine Hände auf meine Schultern. »Hey, glaubst du wirklich, mit uns klappt das auf Dauer nicht? Waren die letzten Tage nicht wunderschön, hm?« Er betrachtet mich kritisch.
   »Und ob, trotzdem haben wir gerade einmal drei gemeinsame Wochen hinter uns, was nicht allzu viel ist.« Während ich das sage, lösen sich meine eigenen Zweifel in dahinwabernde Nebelschlieren auf, die mir das Gefühl geben, nicht mehr ich zu sein. »Ich kann nicht mein komplettes Leben aufgeben nach so kurzer Zeit.« Ein erneuter Versuch, doch auch dieses Mal kann ich mich selbst nicht überzeugen. Schon gar nicht mit dieser dünnen, verunsicherten Stimme.
   »Wann dann?«
   Tim mustert mich mit unergründlichem Ausdruck, während ich unwissend den Kopf schüttle und einen leichten Flunsch ziehe. Ich habe absolut keine Ahnung.
   Seine Hände umschließen mit einem Mal meine Wangen, heben sachte mein Gesicht an, sodass ich dank meiner Absätze seine dunklen Augen vor mir habe, die mich mit einem unwiderstehlichen Hundeblick fixieren.
   »Heirate mich«, sagt er im Flüsterton, »bitte, Lara, heirate mich.«
   Wie vom Donner gerührt starre ich ihn an, schlucke schwer und glaube, in dem feuchten Glanz seiner Pupillen zu ertrinken.
   »Du spinnst doch«, platzt es aus mir heraus. »Tim, das ist doch kein ernst gemeinter Heiratsantrag, oder?« Ich mustere ihn ungläubig, doch sein Blick verrät, es ist einer. »Tim!« Mehr bringe ich nicht heraus. Mir wird warm, und ich kann nichts tun, als ihn sprachlos anzustarren. In meinem Kopf rattert es wie in einem Uhrwerk. Ich werde bald siebenundzwanzig, er ist die Liebe meines Lebens, und ich möchte Kinder. Worauf warte ich eigentlich noch? Meine Freundin ist schon lange scharf auf meine Wohnung, kauft mir bestimmt sogar einige meiner Möbel ab. Mein Job macht mir sowieso keinen Spaß, also – was soll’s? Drei Wochen müssen reichen.
   »Okay.«
   »Was okay?« Seine Stimme klingt komisch, irgendwie belegt, als hätte ein innerer Sandsturm seine Stimmbänder zugeschüttet.
   »Wo ist der Verlobungsring?« Ich grinse ihn frech an, woraufhin er sich mit überforderter Miene räuspert.
   »Ähm, ich bin etwas unvorbereitet, das war so nicht geplant. Eigentlich sollte das romantischer werden, aber …«
   »Es ist megaromantisch, glaub mir«, unterbreche ich ihn euphorisch.
   Vollkommen perplex sieht er mich an und streicht sich eine seiner vorwitzigen schwarzen Haarsträhnen aus der Stirn. »Du sagst Ja? Du willst tatsächlich einen armen Studenten und Teilzeit-Taxifahrer heiraten? Bist du dir auch ganz sicher?« Einige Piloten, gefolgt von einem Trupp Stewardessen, allesamt in schicken Uniformen, pilgern an uns vorbei und erinnern mich einmal mehr an Tims und meine bevorstehende Trennung. Nein, ich kann das nicht mehr. Ich will bei ihm sein, am liebsten für immer. Entschlossen sehe ich zu ihm auf.
   »Ja, absolut, das möchte ich. Dachtest du etwa, ich sage Nein?« Er schüttelt den Kopf, wirkt alles in allem leicht überrumpelt, sodass ich mich frage, wer hier eigentlich wem gerade einen Antrag gemacht hat.
   »Ne, ich dachte nur, du wirst ein bisschen Bedenkzeit brauchen.« Er lächelt mit sanftem Ausdruck und die Haarsträhne springt zurück in sein Gesicht, als wolle sie sagen: »So nicht, mein Lieber.« Er wirkt nach wie vor verdattert.
   »Wozu? Ich liebe dich«, gebe ich ihm unverdrossen zu verstehen. Als sein Flug zum zweiten Mal aufgerufen wird, schluckt er schwer und wirkt kurzzeitig wie versteinert. Die Flughafengeräusche klingen eigenartig gedämpft, in meinen Ohren breitet sich ein Rauschen aus wie in den Windungen einer großen Muschel. Der Lärmpegel befindet sich plötzlich komplett hinter uns, als stünden wir unter einer Käseglocke, abgeschirmt von der Außenwelt.
   Wir sehen uns tief in die Augen und mit einem Mal strahlt Tim über das ganze Gesicht. Es gleicht einer Szene aus einem Hollywoodstreifen. Der unübersehbare Schock, den meine Antwort in ihm ausgelöst zu haben scheint, weicht binnen Sekunden einer unbändigen Freude. »Äh, Lara, sind wir nun verlobt? So richtig? Wirklich?«
   Ich nicke ihm zu und recke mich ihm entgegen. »Wenn du schon keinen Ring hast, dann küss mich wenigstens.«
   Er lässt sich nicht noch mal bitten, reißt mich in seine Arme und küsst mich, ausdauernd, glühend, bis sein Flug ein drittes Mal aufgerufen wird. Die Situation erinnert mich an unseren Abschied im September, und ich spüre unvermittelt erste Tränen aufsteigen.
   »Lara Evans, klingt super. Ich bin irre glücklich«, meint er und drückt mich wie überwältigt an sich. Alles wird gut, wir werden heiraten. Absoluter Wahnsinn. Ich schlucke die Tränen tapfer hinunter. Diesen einen läppischen Monat schaffen wir auch noch.
   »Du musst jetzt gehen, Tim. Wir sehen uns in fünf Wochen. Ruf mich sofort an, wenn du gelandet bist, ganz egal, wie spät es dann ist, okay?«
   Er nickt, schultert seine Tasche und zwinkert mir zu. »Was ein irres Gefühl, verlobt zu sein, nicht wahr?«
   »Ja, das finde ich auch.«
   Nach einem letzten kleinen Kuss, der wie Zitronensaft meine Lippen erfrischt, sehe ich ihm noch lange hinterher, und mir wird klar, meine Tage in Düsseldorf sind gezählt. Ich kann nicht mehr ohne ihn sein.
   Pling. Eine WhatsApp-Nachricht, kaum dass er aus meinem Sichtfeld verschwunden ist.
   Fingerumfang?, steht da, mit unzähligen roten Herzchen dahinter. Ich muss über ihn lachen und bleibe mitten auf dem Gang stehen, um ihm zu antworten.
   Messe ich aus, guten Flug. Liebe dich!, schreibe ich flink und verlasse mit einem wohligen Gefühl im Bauchraum das Flughafengebäude. Was sind schon fünf Wochen?, sage ich mir zum wiederholten Mal. Fünfunddreißig Tage, in denen ich alle Hände voll zu tun haben werde, mit Wohnung, Job und Mobiliar loswerden. Die Zeit wird wie im Fluge vergehen.

Kapitel 3

Voller Ungeduld rase ich vier Tage vor Heiligabend durch das Ankunft-Terminal in Vancouver. Meine Koffer waren die letzten, die auf das Band geschmissen wurden. Die Ungeduld zerreißt mich fast. Der Flug war lang und anstrengend, der Flieger rappelvoll, und ich kann es kaum abwarten, Tim endlich in meine Arme zu schließen. Wenn er mich mit den drei großen Koffern ankommen sieht, wird er mich für verrückt erklären. Er glaubt, ich bleibe nur drei Wochen. Ich konnte ihm die Wahrheit nicht sagen, es soll eine Überraschung werden. Was wird er erst Augen machen, wenn ich ihm Weihnachten eine kleine, hübsch verpackte Schachtel überreiche, mit nichts weiter drin, als einem Zettel, auf dem steht: Ich habe alles verloren: meinen Job, meine Wohnung, mein Rückflugticket, mein gesamtes Leben in Deutschland. Hast du ein Herz und nimmst Tim Teddy und mich auf, für immer?
   Er wird vor Freude total aus dem Häuschen sein, ich sehe es schon vor mir. Meine Freundin hat meine Wohnung und einiges an Mobiliar übernommen. Vieles musste ich verkaufen oder verschenken. Meinen ungeliebten Job habe ich fristlos gekündigt, den kompletten Resturlaub genommen und den engsten Freunden und meiner Familie Lebewohl gesagt. Nichts von mir ist in Düsseldorf geblieben. Ich fühle mich gut mit dieser Entscheidung und weiß instinktiv, dass es die Richtige ist. Sie war lange überfällig.
   
   Mit einem riesigen Strauß roter Rosen steht Tim in der Ankunftshalle hinter der Absperrung und erwartet mich. Ich schiebe den Kofferwagen vor mir her, verfluche diese Last nicht zum ersten Mal, doch kaum stehe ich vor ihm, sind all die Strapazen vergessen und ich fühle mich schlagartig wie zu Hause angekommen.
   »Hey, was ist denn das? Drei Koffer voll mit Weihnachtsgeschenken für mich? Das wäre doch nicht nötig gewesen«, meint er frohlockend und zieht mich in seine kräftigen Arme.
   »Hi, deins ist in meiner klitzekleinen Handtasche, siehst du? Hat vollkommen ausgereicht.« Ich schenke ihm ein Lächeln und kann die unbändige Freude, ihn wieder bei mir zu haben, kaum unterdrücken.
   Zärtlich sieht er mich an. Was habe ich die Glut in seinen Augen, seine Art, mich im Arm zu halten und seine heißen Küsse vermisst. Sein Kuss, unbeschreiblich prickelnd. Ich schmelze in seinen Armen dahin, während wir kein Ende finden und knutschend mitten im Flughafengebäude stehen. Die Leute hetzen links und rechts an uns vorbei, was ich nur wie aus weiter Ferne wahrnehme. Benommen von diesem wunderbaren Kuss, den ich fest in meinem Herzen einschließe, lehne ich mich glücklich seufzend an ihn. Mein Fels in der Brandung, der jeder noch so brachialen Sturmflut standhalten wird, ich weiß es genau.
   »Lara, ich hab etwas für dich«, raunt Tim in meine Haare, nimmt meine Hand in seine und sieht mir dabei in die Augen. Beinahe unmerklich schiebt er einen Ring auf meinen Finger, der haargenau passt.
   »Ich hoffe, du hast deine Meinung in der Zwischenzeit nicht geändert und der Ring gefällt dir?«
   Nach eingehender Betrachtung des Schmuckstücks komme ich zu dem Schluss, dass es wundervoll ist. Freudestrahlend werfe ich mich Tim in die Arme. Der Ring ist genau nach meinem Geschmack, nicht zu breit, nicht zu schmal, mit einem kleinen, glitzernden Stein.
   »Perfekt, die Rosen sind der helle Wahnsinn, und du bist einfach unbeschreiblich. Ich würde dich auf der Stelle heiraten, gar keine Frage.«
   »Puh, da bin ich ja erleichtert.« Er grinst. »Komm, das Taxi wartet.«
   Der Ring an meinem Finger beschäftigt mich so sehr, dass sich Tim einige Male nach mir umdrehen muss, um sich zu vergewissern, dass ich beim Gehen nicht einschlafe.

Lara Teddy sitzt auf der Rücksitzbank, was Tim Teddy veranlasst, sich sofort auf sie zu stürzen und ihr ein Küsschen auf die weiche Bärenschnauze zu drücken. Tim schüttelt lachend den Kopf über mich.
   »Vermutlich können wir demnächst Doppelhochzeit feiern«, meint er schmunzelnd und wuchtet meine drei Koffer in den Kofferraum.
   »Sag mal, Lara, wieso in aller Welt hast du für drei Wochen so viel Zeug dabei? Brauchst du etwa für jede Woche einen davon?«, fragt er leicht verzweifelt, aber statt einer Antwort grinse ich ihn nur an und steige ein.
   Das Gefühl, neben ihm in diesem Taxi zu sitzen, wieder in Vancouver zu sein, ist so unbeschreiblich, dass ich es ohnehin nicht in Worte kleiden könnte. Somit schweige ich, halte Tims Hand in meiner und blicke durch das Fenster, um gedanklich all die Erinnerungen aufzufrischen, die diese Tour durch die Innenstadt in mir wachrufen. Da drüben, das Starbucks Café, in dem wir uns im September mehr und mehr kennenlernten. Dort, der rote zweistöckige Touri-Bus, der kulturinteressierte Besucher durch die Innenstadt kutschiert. Die Vertrautheit der Gegend entlockt mir einen Wohlfühlseufzer. Ich drücke meinen Rücken in die weiche Polsterung der Lehne und schließe kurz die Augen.
   »Wie geht es Tania?« Tim räuspert sich und hebt unwissend die Achseln. »Gut, denke ich. Habe sie lange nicht gesehen.«
   An seiner Reaktion merke ich, dass etwas nicht stimmt. Seine Stimme hat einen merkwürdigen Beiklang bekommen, als hinterließe meine Frage einen üblen Beigeschmack.
   »Alles in Ordnung?«, frage ich und linse wissbegierig zu ihm rüber. Ich kann mich nicht entsinnen, dass er jemals mit seiner Schwester Streitigkeiten oder Probleme gehabt hätte. Jedenfalls hat er nie etwas in der Richtung erwähnt.
   Er winkt ab und lacht mich an. »Kein Grund zur Sorge, wir hatten nur einen kleinen Disput, nichts Besonderes.«
   Ich spüre, dass dieser Zwist keine harmlose Kleinigkeit war, beschließe dennoch, nicht weiter zu bohren. Er wird mir davon erzählen, wenn es ihn belastet, da bin ich sicher. »Du hast keine Ahnung, wie glücklich ich bin, wieder hier zu sein.«
   »Und ob, du kannst dir nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin, dass du endlich bei mir bist.« Er hebt eine Hand, um meine Wange zu streicheln. »Wenn auch nur für drei Wochen«, setzt er nach, worauf ich nicht weiter eingehe.
   Zufrieden lächle ich in mich hinein. Wenn er wüsste!
   »Ich habe sie übrigens neulich wieder gefahren, sie nennt mich den nettesten Taxifahrer der Welt«, gesteht Tim auf dem Weg zu seiner Wohnung. Mir ist sofort klar, von wem er spricht.
   »Ich habe mich mit Aimy angefreundet, ihr meine Handynummer gegeben, und mich ein wenig um sie gekümmert. Irgendwie tut sie mir leid.«
   Ich mustere ihn erstaunt und bemerke eine sorgenvolle Furche zwischen seinen Augenbrauen. Nanu? »Hat sie denn kein eigenes Auto?«
   Er schüttelt den Kopf. »Sie sagt, sie hätte Schiss in diesem Verkehrschaos durch Downtown zu irren, zumal ihr ständig übel ist. Patrick wird gefahren, der hat so was wie einen eigenen Chauffeur, der ihn zum jeweiligen Set bringt, damit er nicht noch zusätzlichen Stress hat.«
   Ich nicke, frage mich insgeheim, warum er Patrick erwähnt. Will er mich testen? »Die Ärmste. Wo wohnen die beiden?«
   »Kann ich dir zeigen, wir können dort demnächst spazieren gehen, wenn du magst. Liegt direkt am Hafen, am Coopers Park in Yaletown. Eine schöne Gegend.«
   »Okay, aber warum tut sie dir leid?« Ein diffuses Gefühl beschleicht mich, das ich weder einzuordnen vermag, noch benennen kann. Er bemerkt meinen fragenden Blick und lächelt fast entschuldigend.
   »Aimy hat mir ein wenig ihr Herz ausgeschüttet. Sie ist sehr viel allein, weißt du. Ihre Familie und all ihre Freunde leben in Los Angeles. Hier kennt sie dagegen kaum jemanden, und Patrick ist ständig beim Dreh. Muss ätzend sein, mit einem Serienstar verheiratet zu sein.« Tim dreht den Kopf in meine Richtung und zwinkert mir gewitzt zu. »Wie gut, dass du demnächst einen besser verdienenden Gärtner und Taxifahrer heiratest.«
   Er kassiert einen sanften Hieb in die Rippengegend für diesen Spruch. Natürlich will er mich testen. »Du kannst es nicht lassen, nicht wahr?« Belustigt schüttle ich den Kopf über seine Anmerkung. Immer wieder hackt er auf meiner ehemaligen Schwärmerei für Patrick herum. Irgendwann zahle ich es ihm heim.
   Wir biegen in seine Straße ein. Die mit altem Baumbestand gesäumte, ruhige Nebenstraße, in der er eine Zweizimmerwohnung bewohnt, hat mir schon im September, als er mich das erste Mal mit hierher nahm, außerordentlich gut gefallen. Nun erscheint mir die Umgebung noch weitaus freundlicher und heimeliger als damals. Muss an der Vorfreude auf mein Leben mit ihm in Vancouver liegen. Das rote Backsteinhaus mit nur sechs Klingelknöpfen kommt mir derart vertraut vor, als wäre ich nie weggewesen. Es ist verrückt. Das erste Gepäckstück darf nicht fehlen, das Tim ächzend durchs Treppenhaus nach oben befördert.
   In Tims Wohnung angekommen, lasse ich mich als Erstes auf die Couch fallen, auf der wir im September so mühevoll versucht hatten, unsere Gefühle füreinander in Schach zu halten.
   »Endlich zu Hause«, sage ich mit einem wohligen Seufzer, denn genauso fühlt es sich an.
   »Ja, und das Größte wäre, wenn nicht nur dein halber Hausstand, der ja offensichtlich schon hier ist, bleiben könnte, sondern auch du«, meint Tim voller Ironie und verzieht das Gesicht zu einer gequälten Grimasse.
   Ich schließe derweil meine Augen, recke und strecke mich genüsslich und reagiere nicht darauf. Es war schwierig, mein bisheriges Leben in drei Koffer zu verpacken. Ich musste vieles zurücklassen, weggeben, mich von Dingen trennen, an denen ich hing. In diesen Koffern stecken sechsundzwanzig Jahre Erinnerungen, meine gesamte Kindheit, meine Jugend. Ich werde sie vorerst nicht auspacken, nur einen davon brauche ich wirklich.
   »Okay, ich hole die restlichen Sachen aus dem Auto.«
   Ich höre die Tür ins Schloss fallen, rapple mich ein wenig hoch und sehe mich in Tims Wohnung um. Langsam lasse ich meinen Blick in Richtung Küche schweifen, bei der die zusammengewürfelten Elemente nicht wirklich zusammenpassen, wohl auch schon den einen oder anderen Vorbesitzer hatten, aber dennoch funktionstüchtig sind und noch passabel aussehen.
   Mit Weihnachtsdeko scheint Tim nichts am Hut zu haben, viel hat sich hier nicht verändert. Aufgeräumt und sauber, wie bei meinem ersten Besuch. Mir scheint, er ist nur zum Schlafen zu Hause und hält sich in seiner raren Freizeit lieber bei seinen Eltern oder seiner Schwester auf, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, für sich allein kochen zu müssen. Während unserer stundenlangen Telefonate erwähnte er, dass ihm Kochen keinen Spaß mehr macht, weil ich hinterher beim Spülen nicht dabei bin. Ein wohliges Wärmegefühl kriecht in mir empor. Nun ist alles gut, ich werde bleiben, meinetwegen auch das Abtrocknen übernehmen.
   Behäbig stehe ich auf, hole mir etwas zu trinken aus der Küche und schreite mit dem Glas in der Hand die Zimmer ab. Er hat Fotos von mir aufgehängt. In jedem Raum entdecke ich mindestens eins. Selbst im Bad neben dem Spiegel, im Schlafzimmer direkt über seinem Bett und in der Küche hinter der Spüle. Vermutlich wollte er mich jede Minute bei sich haben, er ist so süß. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, was kurz darauf von einem unbeschreiblichen Glücksgefühl abgelöst wird.
   Ich setze die beiden Teddys in Kuss-Pose mitten aufs Bett und stelle mich vor das Modell von Tims und meinem kleinen Einfamilienhaus aus Pappe. Meine Träume werden von dem Klingeln eines Handys jäh unterbrochen. Unweigerlich schrecke ich zusammen. Er muss es im Flur liegen gelassen haben. Ich schaue kurz drauf und beschließe, nicht dran zu gehen. Aimy, zeigt das Display an. Seine Beziehung zu Aimy geht mich nichts an.
   Die Wohnungstür öffnet sich und Tim wuchtet die letzten Gepäckstücke in den Flur. »Ich fürchte, wir müssen morgen einen extra großen Schrank für dich kaufen«, meint er mit leicht verzweifeltem Augenaufschlag.
   »Ja, und ein bisschen Weihnachtsdeko wäre auch nicht schlecht. Ist so kahl hier.«
   Er grinst, als hätte er es geahnt. »Ist bisher nicht nötig gewesen. Ich war Weihnachten immer bei meinen Eltern drüben und die haben genug von dem Klimbim, sogar einen Weihnachtsbaum.« Er kommt lächelnd auf mich zu und schlingt seine Arme um meine Taille. »Aber weil ich möchte, dass du so schnell wie möglich heimisch wirst und endgültig zu mir ziehst, darfst du in dieser Wohnung tun und lassen, was du willst«, fügt er sanft hinzu.
   »Prima, ich denke drüber nach. Übrigens, deine Freundin hat angerufen. Wahrscheinlich braucht sie ganz dringend den nettesten und weltbesten Taxifahrer der Welt.«
   Tim kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Eifersüchtig?« Er läuft in den Flur, um sein Handy zu holen. »Ich rufe eben zurück.«
   Ich sehe hinter ihm her. So ein Quatsch, wieso sollte ich eifersüchtig sein? An der Art, wie er mit ihr spricht, merke ich jedoch, dass die zwei nicht zum ersten Mal miteinander telefonieren.
   »Danke, Aimy, ja – das wünsche ich euch auch. Lara ist gerade angekommen, du kannst dir ja vorstellen, wie happy ich bin. Sicher, kein Problem, grüße Patrick von uns, okay?« Er lacht mich an, nachdem er das Handy auf dem Tisch abgelegt hat. Eigenartig, den Namen Patrick nach so langer Zeit wieder zu hören. Ich horche in mich hinein, um herauszufinden, ob er etwas in mir auslöst. Nein, da ist glücklicherweise nichts.
   »Sie wollte uns nur schöne Festtage wünschen, ihr geht es gut. Patrick hat frei und die zwei fliegen nach Hause.« Tim hebt eine Braue und wirft mir einen unergründlichen Blick zu. »Sie fragte, ob sie im nächsten Jahr wieder mit mir als Chauffeur rechnen kann.« Er grinst breit.
   »Sie mag dich, hm?«
   Schmunzelnd kommt er näher, bleibt dicht vor mir stehen und streicht sanft meine Haare nach hinten. »Wie du weißt, bin ich ein äußerst hilfsbereiter und charmanter Kerl. Du hast mich selbst auf diesen Sockel gehievt, also beschwer dich bitte nicht.« Tim setzt einen unschuldigen Blick auf. »Nebenbei bemerkt brauchst du dir keine Sorgen machen, ich stehe auf blond und bin dir hoffnungslos verfallen. Sie ist nur eine gute Bekannte, mehr nicht.« Seine Lippen verziehen sich zu einem schiefen Lächeln. Er tippt mir sanft auf die Nasenspitze und fingert danach an den Knöpfen meines Oberteils.
   »Das weiß ich doch. Ist nur komisch, wie das Leben so spielt. Erst haben wir so mühevoll versucht, Patrick loszuwerden, doch nun scheint er mit Aimy zurückzukehren.«
   Tim zieht erstaunt die Augenbrauen hoch. »Ist das ein Problem für dich? Ich dachte, die Sache wäre erledigt?«
   »Ist sie auch, ich habe seit Monaten nicht an ihn gedacht, aber …« Mit einer wegwerfenden Handbewegung versuche ich, meine Bedenken loszuwerden.
   »Egal, du fährst sie hin und wieder, das ist alles. Kein Problem.«
   Tim blickt mir mit ernst zu nehmendem Gesichtsausdruck in die Augen. »Sieh mal, sie hat es nicht leicht. Sie ist die Frau eines Serienstars, der Tag und Nacht arbeitet und wenig Zeit für sie hat. Sie kann nicht wie normale Leute losziehen und sich neue Freunde suchen. Die Mädels verzehren sich nach ihrem Mann, sie muss vorsichtig sein, das verstehst du doch? Sie braucht einen guten Freund, besser noch, eine Freundin. Ich dachte mir, du könntest dich ein wenig um sie kümmern? Dir kann sie vertrauen, sie weiß, dass wir verlobt sind.«
   Ich schlucke, sein Vorschlag löst keinerlei Euphorie oder Ähnliches in mir aus. Sorgt eher für einen unangenehmen Druck im Bauchraum. »Ich bin nicht sicher, ob das eine so gute Idee ist.«
   »Wieso?«
   »Früher oder später kommt Patrick dazu, und ich möchte ihn nicht mehr in mein Leben lassen, verstehst du? Er hat in diesem Jahr unwissentlich eine Menge Schmerz und Trauer verursacht, und ich bin froh, ihn losgeworden zu sein.«
   Tim lächelt mich liebevoll an. »Okay, vielleicht überlegst du es dir noch mal?«
   »Mal sehen, aber eins steht fest. Du bist wahnsinnig sozial, kannst es einfach nicht ertragen, wenn Frauen um dich herum leiden, und musst helfen, wie damals, als ich in dein Taxi stieg. Du weißt, was daraus werden kann, nicht wahr?« Ich zwinkere ihm zu.
   Tim lacht, dass seine weißen Zähne im Schein der Lampe blitzen. »Du hast keine Ahnung, wie glücklich ich mit dem bin, was daraus geworden ist«, flüstert er und seine Lippen nähern sich meinen. Sein Kuss macht Lust auf mehr. Nach kurzer Zeit landen wir neben Lara und Tim Teddy auf dem Bett.
   »Ich zeig dir was. Zieh mich aus«, fordert er, hebt seine Arme in die Höhe, damit ich ihm das T-Shirt über den Kopf ziehen kann.
   »O gern, das lass ich mir nicht zweimal sagen.« Nach erfolgreichem Manöver werfe ich sein T-Shirt über die beiden Teddybärenköpfe und knutsche Tims Brust ab.
   »Die sind noch zu klein für so was«, sage ich zwischendurch grinsend.
   »Sieh mal, das habe ich mir zu Weihnachten geschenkt. Ich wollte schon lange eins, wusste bisher nur nie welches Motiv. Nun war es einfach.« Er streckt mir seine rechte Schulter entgegen, und ich sehe ein wunderbar schwungvoll geschriebenes Tattoo vor mir: Lara.
   Ich traue meinen Augen kaum. Er hat sich meinen Namen auf den Oberarm tätowieren lassen? »Wow, das glaub ich nicht. Du bist verrückt, aber das steht dir, sieht klasse aus. Passt prima zu deinem indianischen Style.« Ich halte kurz inne und setze einen zweiflerischen Gesichtsausdruck auf. »Was, wenn wir uns irgendwann trennen?«
   »Das wird nicht passieren«, meint er überzeugt, rollt sich auf mich, um mich zu küssen wie ein junger Gott.

Am Weihnachtsmorgen weckt mich der zarte Duft eines frisch aufgebrühten Kaffees dicht vor meiner Nase, gefolgt von einem sanften Kuss. Ich muss im Paradies sein.
   »Hey, Schlafmütze, es ist schon elf. Weihnachten, und ich habe etwas für dich.« Vorsichtig öffne ich meine Augen, blinzle Tim aus minimalistischen Sehschlitzen an. Warum ist es so hell? Muss gerade heute die tief stehende Dezembersonne ins Fenster scheinen?
   »Ich hab aber nichts für dich. Wusste echt nicht, was ich dir schenken kann«, murmle ich schlaftrunken, was allerdings nicht die ganze Wahrheit ist.
   »Das macht doch nichts. Du bist da, das reicht völlig.« Er krabbelt zu mir unter die Bettdecke und reicht mir ein kleines Päckchen.
   Neugierig entferne ich das Geschenkpapier und entdecke eine kleine Dose, die ich betont langsam öffne. Ich ziehe ein schwarzes Lederband mit einem silbernen Anhänger heraus, ähnlich seiner Halskette. Er wusste, dass mir seine Kette von Anfang an gut gefiel.
   »Wow, wie schön. Was bedeutet das Symbol?«
   »Liebe, ich finde, das passt hervorragend zu dir.« Lächelnd nimmt er mir die Kette aus der Hand, öffnet den Verschluss und legt sie mir um. »Steht dir gut.«
   »Danke, Tim, ich habe auch eine winzige Kleinigkeit für dich, aber wirklich nichts Dolles.« Ich stehe auf und hole das Päckchen aus meiner Tasche. Ich muss mir eingestehen, eine leichte, nervöse Unruhe in mir zu spüren.
   »Lass es uns so halten, ich mag diese Schenkerei an Feiertagen sowieso nicht besonders, weißt du«, sagt er und sein Blick folgt mir.
   »Super, sind wir wieder mal einer Meinung. Ich würde dir lieber zwischendurch etwas schenken, wenn es passt und mir danach ist, so wie jetzt.« Mit einem zwiespältigen Gefühl überreiche ich ihm das Päckchen. Ich kann nur hoffen, der Inhalt überfordert ihn nicht.
   Er wickelt das Papier ab und öffnet erwartungsvoll die Schachtel. Überrascht nimmt er den Zettel heraus und liest. Ich beobachte ihn gespannt, und ohne dass er einen Ton sagen muss, bemerke ich seine exorbitante Freude.
   »Lara, ist das wahr?« Er springt auf, reißt mich in seine Arme und dreht sich wie ein Verrückter mit mir im Kreis.
   »Darum die drei Koffer«, ruft er lachend, »ich fass es nicht. Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das du mir machen konntest, wirklich. Wie hast du das geschafft? Den Stress, den du in den letzten Wochen gehabt haben musst, hast du am Telefon mit keinem Sterbenswort erwähnt.«
   Seine Reaktion macht mich überglücklich. Ein kleiner Stein fällt mir vom Herzen und erleichtert meine Seele. Ich bringe kein Wort heraus.
   »Du musst wirklich nicht mehr zurück? Du hast alles in diesen drei Koffern? Hast du ein Visum bekommen? Wie bist du deinen Job und deine Wohnung so schnell losgeworden?«
   Er überschlägt sich beinahe vor Begeisterung und beäugt mich neugierig. Wozu habe ich mir solche Sorgen gemacht?
   Ich erzähle haarklein, wie ich meinen Kram verkauft habe, die Wohnung losgeworden bin, und glücklicherweise meinen Arbeitsvertrag vorzeitig kündigen konnte, da mein Chef ein überaus netter, zuvorkommender Mensch ist, der sich immer um mich gesorgt hat und mir nichts mehr wünschte, als die große Liebe zu finden.
   »Die Sache mit dem Visum müssen wir laut Amt allerdings gemeinsam regeln, was jedoch kein großes Problem wird, da wir verlobt sind und demnächst heiraten werden. Ich habe mich erkundigt«, verkünde ich.
   »Du bist der absolute Wahnsinn, ich bin so stolz auf dich«, meint er euphorisch und ich sehe ihm an, wie begeistert er ist.
   »Puh, jetzt kann ich es ja gestehen. Ich hatte schon ein bisschen Schiss, dich zu überrumpeln.«
   »Quatsch, das war mein größter Wunsch, das weißt du.«
   »Komm, wir haben noch Zeit, bis wir zum Weihnachtsessen rüber zu deinen Eltern müssen. Lass uns kuscheln«, sage ich und stürze mich auf ihn, um ihn abzuknutschen. Er entkommt mir nicht.

Kapitel 4
Ende Februar

Der Winter ist in vollem Gang. Es schneit, die Leute freuen sich, wenn sie in ein warmes Taxi einsteigen können, sodass Tims Tagesschichten gute Einnahmequellen geworden sind.
   »Lara, ich muss los«, ruft er aus dem Flur.
   »Ist gut, ich mache die Einladungskarten und die Platzkärtchen für die Hochzeit fertig.«
   Tim erscheint an der Türschwelle, beobachtet mich eine Weile und kommt dann in die Küche, um sich zu mir herunterzubeugen und mir einen Abschiedskuss auf die Lippen zu drücken. Mein Gesicht spiegelt sich in seinen Pupillen, als er mich mit seinen fast schwarzen Augen fixiert. Ich bemerke den Schalk in seinem Blick. Inzwischen weiß ich, was mich erwartet.
   »Wollen wir nicht doch Aimy und Patrick einladen?«, meint er mit einem heimtückischen Grinsen, woraufhin ich ihm mit leicht erzürnter Miene einen liebevollen Klaps verpasse.
   »Du weißt genau, wie ich darüber denke.« Nicht der erste Versuch, Aimy und Patrick in unser Leben zu integrieren. Seine Freundschaft zu ihr ist geblieben, doch ich weigere mich vehement, da mitzumachen.
   »Schon gut, ich gehe besser, muss Geld verdienen. Eine Frau ist schließlich teuer«, meint er belustigt.
   Zum Abschied strecke ich ihm die Zunge raus.
   Die Wohnungstür fällt ins Schloss, und ich höre, wie er im Treppenhaus die Stufen hinunterpoltert. Ganz schön hellhörig dieses Haus. Warum gibt er nicht auf? Mir geht es prima ohne Freundin. Ich habe Tania und genug anderes um die Ohren.
   Versonnen klebe ich Herzchen und Perlen auf die Karten, sehe dabei Tim vor mir und lächle in mich hinein. Die letzten zwei Monate mit ihm waren perfekt. Ich habe keine Ahnung, wie er schon damals wissen konnte, dass wir hervorragend harmonieren werden, als er mich am Flughafen das erste Mal sah, aber seine Intuition und Menschenkenntnis sind beeindruckend. Manchmal ist es beinahe zu perfekt mit ihm, einfach zu schön, um wahr zu sein. Da gibt es Momente, in denen ich mich frage, wie lange das so bleiben wird. Bisher haben wir keinen Anlass zum Streiten gefunden. Seine Eltern und seine Schwester sind die nettesten Menschen der Welt und haben mich sofort wie ein Familienmitglied aufgenommen. Nebenbei freue ich mich wie verrückt auf unsere Hochzeit im April. Meine Mutter, meine Schwester, die engsten Freunde und sogar meine Oma werden herkommen. Ich kann den Tag kaum abwarten. Nie war ich zufriedener und glücklicher in meinem Leben als jetzt.
   Nach einem Blick zur Küchenuhr ordne ich den Stoß der Karten, lege sie ordentlich aufeinander und beginne das Bastelzubehör, wie Klebstoff, Schere, Bänder und die Perlen in kleine Schachteln einzusortieren. Ich sollte mit dem leidigen Kochen beginnen, langsam wird’s dunkel. Gleich fünf Uhr nachmittags. Mein Blick wandert zum Fenster. Ist es heute eigentlich schon mal draußen hell gewesen? Mir kommt es so vor, als beginnen die Tage mit wolkenverhangenem Himmel und enden gegen vier Uhr nachmittags mit demselben Himmel. Die einzige Sache, die in meinem Leben verbesserungswürdig wäre, doch leider habe ich darauf keinen Einfluss.
   Seufzend erhebe ich mich und reiße den Kühlschrank auf. In letzter Zeit arbeitet Tim sehr viel, daneben muss er für die Abschlussprüfungen lernen, weswegen ich bedauerlicherweise immer seltener in den Genuss seiner Kochkünste komme. Die Heimchen-am-Herd-Rolle missfällt mir, aber es ist ja nicht für ewig. Momentan versucht er alles, um uns voranzubringen. Er träumt von unserem Haus, von seiner eigenen Gartenbau-Firma, was ihn ungemein antreibt. Er ist ziemlich ehrgeizig und hartnäckig, teilweise muss ich ihn bremsen.
   Das Klingeln eines Handys lässt mich zusammenzucken. Vor Schreck fällt mir eine Kartoffel aus der Hand. Ein rascher Blick aufs Display sagt mir, wer dort ist.
   »Tim? Ja?«
   »Lara, du musst mir einen Gefallen tun, es ist ein Notfall.« Seine Worte klingen beängstigend panisch.
   »Was ist los?« Sein Tonfall versetzt mir einen Stich in den Magen, der mir wiederum das Messer aus der Hand fallen lässt. Etwas Schreckliches muss passiert sein. Mein Pulsschlag beschleunigt sich, ohne dass ich dagegen ankomme.
   »Ich erkläre dir nachher die Einzelheiten, es eilt. Bitte fahre in die Studios und hole Patrick, es ist …«
   »Was?«, unterbreche ich ihn. »Was redest du da?« Meine Stimme klingt schrill vor Entsetzen. Er weiß, dass ich Patrick nicht sehen will. Auf dem Bildschirm, meinetwegen, kein Problem, aber nicht im realen Leben.
   Geistesgegenwärtig und bemüht, ruhig zu bleiben, schalte ich den Herd aus.
   »Bitte, ich brauche dringend deine Hilfe«, fährt er flehend fort. »Aimy liegt im Krankenhaus. Sie rief mich vorhin an, es geht ihr schlecht. Ich habe Patrick bereits zehn Mal auf die Mailbox gesprochen, aber während eines Drehs erreicht man ihn nicht, sagt Aimy.« Ich schlucke, glaube, ich bin im falschen Film.
   »Was ist passiert, wo bist du?«
   »Im Krankenhaus, bitte Lara, es drängt. Nimm meinen Wagen und fahr zu den Studios. Du kennst den Weg, oder?«
   »Ich denke schon, ich war oft genug dort.«
   »Gut, hol ihn da raus, koste es, was es wolle, das Baby ist vermutlich …« Seine Stimme bricht ab, und ich höre eine Weile nichts außer einem tiefen Seufzer.
   »Tim?«
   »Ähm, es ist wahrscheinlich tot, keine Herztöne mehr.« Er flüstert beinahe.
   »Nein, das ist nicht wahr.« Instinktiv presse ich meine freie Hand vor den Mund und atme schwer hinein. Himmelherrgott, das darf nicht sein. In welche Situation hat er sich da wieder hineinmanövriert. Und mich letztlich auch. Mitgehangen, mitgefangen. Oder war’s andersrum? Keine Ahnung. Das Herz schlägt mir bis zum Hals und pumpt das Blut viel zu schnell durch meine Adern. Ich weiß nicht, ob Furcht oder Adrenalin die Schuld daran trägt, dass mir schwindlig ist.
   »Lara, bitte fahr los, die Geburt wird eingeleitet. Patrick muss herkommen. Ich pack das nicht allein.« Tausend Gedanken flitzen im Highspeedmodus durch mein Hirn. Da kennt mich niemand, Patrick wird mich auch nicht wiedererkennen. Die halten mich mit Sicherheit für einen verrückten Fan und werden mich nicht in die Studios reinlassen.
   »Tim, die lachen mich aus, wie soll ich zu ihm durchkommen?« Meine Nerven vibrieren vor Anspannung.
   »Egal, lass dir was einfallen, zur Not rufst du mich an, du schaffst das.« Er klingt gehetzt, außer sich, und mir wird klar, ich muss es tun.
   »Okay, ich melde mich, wenn ich dort bin.«
   »Danke, Lara, ich liebe dich.«
   Er weiß, wie schwer es mir fällt, über diesen Schatten zu springen. Ein extrem langer und schwarzer Schatten. Lange schon versuche ich, Tim zu überzeugen, dass ich weder Aimy noch Patrick in meinem Leben gebrauchen kann. Ich fürchte mich davor, ihn wiederzusehen, warum, weiß ich nicht genau. Wie aus einer Trance heraus, beginne ich aktiv zu werden.
   Ich lasse alles stehen und liegen, reiße den Autoschlüssel vom Schlüsselbrett und rase mit großen Schritten die Treppenstufen hinunter. Ich kann nur hoffen, ich verfahre mich nicht in der Dunkelheit. Es ist beinahe sieben. Eine äußerst ungünstige Zeit, Rushhour in der City. Ich verfluche jede rote Ampel, Erinnerungen steigen auf. Wie oft bin ich letztes Jahr im September diese Strecke gefahren, in der Hoffnung, Patrick zu begegnen? So viel ist seither geschehen. Wie sich ein Leben innerhalb weniger Monate von Grund auf verändern kann, unbegreiflich. Patrick war so weit weg, bis eben. Verdammt.
   Ich lege mir einen überzeugenden Text zurecht. Was wird der Sicherheitsmann von mir denken? Wer weiß, wie viele verrückte Fans tagtäglich vor den Studios herumlungern und versuchen reinzukommen, in der Hoffnung, einen Blick ihrer Stars zu erhaschen. So ein Mist.
   Meine Hände klammern sich um das Lenkrad, ein Frösteln überzieht meine Haut. Wann wird es endlich warm in dieser verdammten Karre? Und was ist mit dem Baby, warum gerade Aimy, das muss ein schlechter Traum sein. Wie kann so etwas geschehen, und wie in aller Welt sage ich ihm das am besten? Wird er mir glauben?
   Ich sehe Patrick vor mir und spüre Panik aufsteigen. Mir wird komisch zumute. Ruhig bleiben, bleib ruhig. Warum bloß hat sich Tim mit seiner sozialen, hilfsbereiten Ader auf Aimy eingelassen, er kann einfach nicht Nein sagen. Mehrmals hat er versucht, mich zu überreden, mit ihr Freundschaft zu schließen. Mich mitgenommen, wenn er sie besucht hat, sich bemüht, mich zu integrieren, aber ich konnte nicht. Ich weiß bis heute nicht wieso. Vor irgendetwas hatte ich Angst, obwohl ich sie mag und sehr nett finde.

Die Strecke zum Studio sitzt, wäre nur dieser Verkehr nicht. Nach dreißig Minuten biege in die Beresford Street ein, parke auf dem Seitenstreifen vor dem Tor des Produktionsbüros. Mit wild klopfendem Herzen steige ich aus, eile auf die Eingangstür zu und werde prompt von einem freundlich, aber bestimmt dreinschauenden, breitschultrigen Sicherheitsmann aufgehalten. Wenn mir auch eben im Auto noch irre kalt gewesen ist, so spüre ich in diesem Moment eine unangenehme Hitze aufsteigen.
   »Wohin so eilig, junge Dame? Das ist Privatgelände.«
   »Ich weiß, aber das ist ein Notfall. Ich muss zu Patrick Wellet.« Er legt den Kopf schief und ein süffisantes Grinsen huscht über sein Gesicht.
   »Hm, das höre ich nicht zum ersten Mal, glauben Sie mir.«
   Ich hatte es befürchtet, verdrehe die Augen und sehe ihn bittend an. Mit diesem Blick habe ich schon des Öfteren eingefrorene Männerherzen in den Tau-Modus überführen können, vielleicht klappt es auch dieses Mal.
   »Hören Sie, mein Mann ist Taxifahrer und hat Patricks Frau eben ins Krankenhaus gebracht. Sie ist schwanger, aber mit dem Baby stimmt etwas nicht.« Er schmunzelt. »Meine Güte, sehen Sie mich nicht so an. Patrick muss sofort zu ihr in den Kreißsaal.«
   »Nette Story«, meint er und grinst breit. Ich könnte ihm mit der Faust ins Gesicht schlagen.
   »Das ist die Wahrheit«, sage ich ungehalten. Er nickt und scheint hochgradig amüsiert.
   »Eine solch fantasievolle Geschichte hat sich noch kein Fan ausgedacht.« Er tippt sich leicht gegen die Stirn, was mich innerlich zum Rasen bringt und eine erneute Hitzewallung auslöst. Ich könnte ihn umhauen.
   »Ich bin kein Fan, ich bin eine Freundin von Aimy und Patrick. Sein Handy ist ausgeschaltet, sodass wir ihn nicht erreichen konnten«, behaupte ich patzig. Langsam überwiegt die Ungeduld, was man mir bestimmt nicht nur ansieht, es ist ebenso wenig zu überhören.
   »Okay, in welchem Krankenhaus liegt sie denn?« Verdattert sehe ich den muskelbepackten Kerl an. Das hatte Tim nicht erwähnt. Ich schlucke, fange mich aber sogleich wieder.
   »Keine Ahnung, ich werde es erfahren, wenn ich meinen Mann anrufe. Es geht nur darum, Patrick zu seiner Frau zu schaffen. So schnell wie möglich, kapieren Sie das denn nicht?«
   »Hm, ich glaube kein Wort.«
   »Okay, ich rufe ihn an.« Mit zittrigen Fingern wähle ich Tims Nummer. Als hätte er darauf gewartet, meldet er sich sofort.
   »Tim, es ist so weit, man lässt mich nicht durch.«
   »Gib ihn mir.« Ich reiche das Telefon weiter, und der Sicherheitstyp hört mit großen Augen zu.
   »Alles klar, ich verstehe.« Er legt auf, drückt mir mein Handy in die Hand, geht wortlos zur Tür und öffnet sie für mich. Dann zückt er eine Art Walkie-Talky. Von seinem zynischen Grinsen hat er sich inzwischen vierabschiedet.
   »Ich melde deinen Besuch. Am Ende des Gangs wartet Trish, sie wird dich zu Patrick bringen«, meint er.
   Ich staune über Tims Überredungskünste. Zu gern wüsste ich, was er hat verlauten lassen, um sich Gehör zu verschaffen. Diese Gabe liegt mir offenbar fern.
   Mit besorgniserregend heftigem Herzschlag hetze ich den Gang entlang und zu meiner Angst gesellt sich Verzweiflung hinzu. Patrick wird mich nicht wiedererkennen. Und wenn doch, hoffe ich inständig, dass er vergessen hat, was Tim ihm letztes Jahr im September in diesem Chinesischen Garten erzählt hat. Noch immer ist mir diese Geschichte hochgradig peinlich. Verliebt in einen Fernsehstar, meine Güte.
   Eine junge Frau mit flotter Kurzhaarfrisur streckt mir ihre Hand entgegen und lächelt dabei freundlich. »Hi, ich bin Trish, ich wurde verständigt. Patrick ist mitten im Dreh, ist es dringend?«
   »Und ob, seine Frau – ähm – Aimy – sie liegt in den Wehen«, stammle ich. Das freundliche Lächeln verwandelt sich abrupt in ein gequältes.
   »Ach herrje, ich hole ihn sofort. Komm mit.« Sie geht voran, ich kann ihr kaum folgen. Vor einer verschlossenen Halle bleibt sie stehen und dreht sich zu mir um.
   »Warte hier.« Ich nicke ihr zu. Verdammt kalt in diesen Hallen, ich zittere am ganzen Leib. Mir ist, als müsse ich in den kommenden Minuten in Ohnmacht fallen. Eben war mir doch noch so warm? Jesses, was mache ich hier bloß?
   Ich sehe mich um, die Umgebung ist karg. Kühle Atmosphäre, graue Wände, elend lange Gänge. Einen Besuch im SmartTown-Filmstudio hatte ich mir damals ehrlich gesagt anders erträumt.
   »Hi, was ist los?«
   Ich zucke zusammen, drehe mich hektisch um und starre in sein Gesicht. Ich bekomme keinen Ton heraus. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen, und er blinzelt mich forschend an.
   »Ich kenne dich doch. Haben wir uns nicht schon mal gesehen?«
   Meine Güte, ich wusste, wieso ich ihn nicht wiedersehen wollte. Meine Knie schlottern mit einem Mal. Sag etwas, schreit mich eine imaginäre Stimme an. »Hi – eh, Tim – ich bin Tims Frau – ähm – der Taxifahrer, du weißt schon. Aimy – ja – sie ist im Krankenhaus, ich soll dich holen. Tim konnte dich nicht erreichen, es eilt.« Puh, es ist raus, ich bin erleichtert.
   Patrick wird blass um die Nase, starrt mich fassungslos an, während ich wie auf glühenden Kohlen von einem Fuß auf den anderen tänzle. Ich habe das Gefühl, in diesem Gemäuer steckt die Kälte im Fußboden und kriecht wie eine eisige Natter meine Beine hinauf.
   »Was ist passiert?«
   Ich zucke mit den Schultern, mir ist mit einem Mal speiübel. Er sieht besser aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Ich wende meinen Blick ab, starre auf mein Handy. »Du kannst im Auto mit Tim telefonieren, aber bitte, komm jetzt.«
   Wie versteinert fixiert er mich, schüttelt dann den Kopf und schluckt. Mich beschleicht das Gefühl, er muss erst nachdenken, ob er mir wirklich trauen kann. Möglicherweise fragt er sich, ob ich der verrückte, verknallte Fan vom letzten Jahr bin, der ihn nun kidnappen will und plant, ihn bei Wasser und Brot im Keller als Sexsklaven zu missbrauchen? Heilige Scheiße, meine Fantasie geht mit mir durch. Sein Blick ist dermaßen bohrend, dass ich erschaudere.
   Ich schüttle mich kurz. Nebenbei ist dieses Gebäude ausgekühlt wie ein Eis-Iglu im Himalaya und mir ist wirklich entsetzlich kalt.
   »Patrick, bitte«, flüstere ich und sehe erneut auf die Uhr meines Handys. Kurz vor acht. Schließlich nickt er, ist sich der Dringlichkeit offenbar bewusst geworden oder glaubt mir endlich. Er sieht sich um, mein Kopf schwirrt.
   »Okay, ich sag eben Bescheid.« Eiligen Schrittes läuft er davon, kommt aber nach einer Minute zurück. Der Highspeedmodus scheint ihm in Fleisch und Blut übergegangen zu sein, ganz wie es seine Rolle verlangt.
   »Fährst du?«, keucht er.
   »Natürlich, du musst während der Fahrt mit Tim sprechen und mir den Weg erklären.« Er nickt, geht voran. Nein, er geht nicht, er rast. Ich hetze hinter ihm her, er ist irre schnell mit seinen langen Beinen. Ich lasse ihn in Tims Suzuki Jimny einsteigen, und glaube, in einem Albtraum gefangen zu sein. Patrick und ich in einem Wagen, das ist an Absurdität kaum zu toppen.
   »Woher kenne ich dich?«, fragt er, kaum dass ich um die erste Kurve gebogen bin.
   Haben sich also doch einige Erinnerungsfetzen in seinem Hirn gelöst. Mein Gasfuß drückt fast durch, woran meine zitternden Knie schuld sein müssen. Fahr langsamer und konzentriere dich, warnt meine innere Stimme. »Lara, letztes Jahr, September, Dr. Sun Yat-Sen Garden, Chinatown, Set Besuch?« Ich rede wie ein Roboter, bekomme keinen vernünftigen Satz heraus.
   Er nickt, scheint nachzudenken, und ich hoffe inständig, er erinnert sich nicht an Tims Geständnis. Um ehrlich zu sein, hoffe ich, seine Erinnerung an diese peinliche Begebenheit ist so löchrig, dass ich in seinem Ansehen nicht bis ins Bodenlose sinke. Ein Fan, der seinem Star hinterherreist, wie geisteskrank ist das denn? Ich hole hastig Luft.
   »Du hast mir den Rat gegeben, Tim eine Chance zu geben, erinnerst du dich? Wir sind verlobt und heiraten im April. Danke für den Tipp.« Ich lächle ihn an, er hat ein wenig Aufmunterung nötig. Gleichzeitig hoffe ich, ihn damit von der ‚Ich war in dich verliebt‘-Fährte abzubringen. Einen anderen Mann heiraten zu wollen, kann nur zu meinem Vorteil sein.
   »Hm, mag sein, ist lange her. Was ist mit Aimy?« Er streicht sich über das perfekt rasierte Kinn und eine leichte Form von Erleichterung überfällt mich. Mir scheint, er ist nicht in der Lage, an etwas anderes zu denken. Ich werfe ihm einen schnellen Blick zu. Voller Sorge rauft er sich die Haare, seufzt und wirkt obendrein völlig übermüdet.
   »Nimm die Wahlwiederholung, ich weiß auch nichts Genaues.« Ich reiche ihm mein Handy. »Frag Tim, in welchem Krankenhaus sie sind.« Er mustert mich kurz und drückt beherzt auf die Taste.
   »Hi Tim, hier ist Patrick. Wir sind auf dem Weg, wohin …?« Er stockt, hört zu, und wird im nächsten Augenblick kreidebleich, wie ich selbst bei der spärlichen Straßenbeleuchtung glaube zu erkennen.
   »Okay, bis gleich.« Seine Stimme klingt dünn. Er wirft mir einen gequälten Blick zu, als er das Handy in die Mittelkonsole des Wagens legt, und starrt wie paralysiert geradeaus.
   Mein Magen krampft sich zusammen, und ich traue mich nicht, ihn noch einmal anzusehen.
   »An der Ampel rechts«, ordnet er leise an und stumm folge ich seiner Anweisung. Ich wage nicht zu fragen, was genau Tim gesagt hat. Die Stille ist beängstigend. Seine Qual zerreißt mir fast das Herz.
   »Da vorn links.«
   Ich pariere, wortlos, wünsche mir nichts mehr, als bei Tim zu sein.
   »Die zweite rechts, dann geradeaus.«
   »Okay«, flüstere ich, und selbst das strengt an. Ich spüre, wie er mich von der Seite ansieht. Mein Herz überschlägt sich gleich. Patrick sagt die darauffolgenden Meilen keinen Ton mehr, und als ich mit quietschenden Reifen vor dem Eingang des Krankenhauses halte, springt er grußlos aus dem Wagen und eilt in Richtung Tür davon.
   Ich sehe ihm nach, atme auf und kann meine Tränen nicht länger zurückhalten. Was fühle ich mich grauenvoll.
   Da vorn ist ein Parkplatz. Mit verschleierter Sicht schaffe ich es schließlich, einzuparken, und stelle den Motor aus. Ich brauche eine Weile um mein inneres Chaos in den Griff zu bekommen. Schnell schicke ich ein Stoßgebet in den Himmel, der liebe Gott möge ein Einsehen haben. Die Herztöne waren bestimmt nur kurzzeitig unhörbar, weil das Baby komisch lag, oder so. Sicher ein Fehlalarm. Alles ist in bester Ordnung. Bitte, bitte.
   Wie in Trance steige ich aus, gehe auf den Krankenhauseingang zu und frage mich bis zum Kreißsaal durch.
   Tim sitzt auf einem ungepolsterten Plastikstuhl in dem Gang, ganz allein, und stiert gegen eine weiße Wand, die Ähnlichkeit mit der Farbe seines Gesichts hat. Als er mich kommen sieht, springt er auf, reißt mich in seine Arme und lässt seinen Kopf echauffiert auf meine Schulter sinken.
   »Es ist entsetzlich«, wispert er kraftlos.
   »Was – wie? Warum Aimy?« Ich bekomme angesichts seines Anblicks keinen klar verständlichen, zusammenhängenden Satz zustande. Tim scheint vollkommen fertig zu sein. Er rappelt sich hoch, starrt mich an, als hätte er wochenlang in einem Horrorfilm festgesteckt.
   »Sollen wir fahren? Patrick ist ja jetzt bei ihr?«, frage ich ihn.
   Er schüttelt seltsam fahrig den Kopf. »Nein, ich kann nicht. Ich muss noch mit ihm reden.« Ich seufze, setze mich auf einen der kalten, harten Stühle in diesem unschönen Krankenhausflur und ergebe mich meinem Schicksal. Das ist heute nicht unser Tag. Diese Krankenhausatmosphäre sorgt für einen eigenartigen Druck in meinem Brustkorb. Hier riecht es nach Pflaster, ein seltsamer Geruch. Pflaster mit einem Hauch Ethanol vermischt.
   »Gut, dann warten wir.« Tim setzt sich neben mich, nimmt meine Hand in seine und hält sie fest. Seine Haut fühlt sich kalt und feucht an.
   »Was ist passiert?«
   »Sie rief mich an, gegen fünf und meinte, irgendwas stimmt nicht. Ihr sei komisch, und sie hätte ein schlechtes Gefühl.«
   »Hat sie keinen anderen in der Nähe, ich meine – außer dir?«
   Tim schüttelt den Kopf. »Sie vertraut mir«, sagt er mit einem tadelnden Seitenblick.
   »Sicher, aber sie hätte einen Krankenwagen rufen können.«
   »Lara«, sagt er und straft mich mit einem Stirnrunzeln.
   »Hast ja recht, entschuldige.« Ich senke meinen Blick und schäme mich für den Bruchteil einer Sekunde. So wäre mir ein Wiedersehen mit Patrick erspart geblieben und Tim diese Last, die ihn niederdrückt.
   »Die Ärzte haben mich direkt mit einbezogen, dachten wohl, ich sei der Vater. Die haben nicht mal nachgefragt. Aimy hat meine Hand nicht losgelassen, sie hatte eine Heidenangst. Ich konnte sie nicht allein lassen, bei aller Liebe, das ging nicht.«
   »Und dann?«
   »Die Herztöne des Babys waren weg, etliche Untersuchungen wurden gemacht. Kein Mensch weiß, wieso, aber in ihrem Bauch war Stille. Sie war in der vierundzwanzigsten Woche.« Mit weit aufgerissenen Augen starrt Tim mich an. »Weißt du, was das bedeutet?«
   Ich schüttle den Kopf, mit diesem Thema habe ich mich nie befasst. So weit sind wir leider noch nicht. Ich habe weder ein Werdende-Mütter-Magazin abonniert noch eine schwangere Freundin, die mich auf dem Laufenden hält. Tims Lippen zucken. Sein Anblick macht mir Angst.
   »Sie muss das Baby normal zur Welt bringen, aber es – es ist tot. Man sieht die kleinen Händchen und Füßchen, ein fertiger kleiner Mensch, der einfach aufgehört hat, zu atmen, zu leben«, erklärt Tim fassungslos, krallt seine Finger in sein dichtes schwarzes Haar und seufzt aus tiefster Seele.
   Ich kann nichts erwidern. Er ist fast so bleich wie Patrick eben im Auto, und das, obwohl er ein eher dunkler Hauttyp ist.
   »Sie haben ihr Wehen fördernde Mittel verabreicht. Zusätzlich Schmerzmittel gegeben. Aimy hat so geweint, und nach Patrick gerufen, ich bin fast wahnsinnig geworden.« Er sackt wie ein großer Beutel Blumenerde mit Haltungsbeschwerden in sich zusammen.
   »Warum konnten die Ärzte nicht warten, bis er hier war?« Er zuckt die Achseln.
   »Keine Ahnung.«
   »Ist das Baby schon da?«
   »Nein, ihr seid zum Glück noch rechtzeitig gekommen. Das hätte ich nicht überstanden, glaub mir.« Ich schlucke schwer, und mir ist unerklärlich, wie so etwas geschehen kann.
   Eine Schwester läuft eilig den Gang entlang, gegenüber steht ein Getränkeautomat, und es riecht auf einmal nach Putzmittel. Die Stille in diesem Gang ist zusätzlich belastend. Ich fahre mir über die Stirn, die sich fettig und verschwitzt anfühlt. »Tim, ich will hier weg.«
   »Ich auch.«
   »Was hast du dem sturen Sicherheitsmann gesagt?«
   »Wenn Patricks Frau wegen seiner Verbohrtheit etwas zustößt, wird er verklagt und kann sein Gehalt bis an sein Lebensende vergessen.«
   »Ui, das war clever. Hat super funktioniert.«
   Tim seufzt wieder und sieht mich an. Seine Augen wirken wie matte Kohlestückchen in diesem finsteren Flur. Eine Neonröhre am Ende des Gangs flackert unaufhörlich und verleiht der Situation zusätzlich etwas Schauriges. Mich fröstelt es, obwohl es in diesem Gang wirklich alles andere als kalt ist.
   »Lara, ich fürchte, das war’s mit eigenen Kindern. Dieses Trauma werde ich nie wieder los.« Ich entdecke sorgenvolle Falten auf seiner sonst so glatten Stirn.
   »Tim, das kann nicht dein Ernst sein?«
   Er nickt, wirkt dabei wie gefoltert. Nachdenklich starre ich auf den Automaten. Ich weiß nicht, wieso, aber ich hatte die ganze Zeit ein schlechtes Gefühl, bei dem Gedanken mit Patrick und Aimy befreundet zu sein.
   »Hör mal, so was passiert total selten. Jeden Tag werden unzählige Babys geboren und alles geht glatt. Nach ein paar Jahren hast du das vergessen, du wirst sehen.«
   Er blickt starr ins Nichts und nickt erschöpft. »Hoffentlich hast du recht.«
   Die Schwingtür zum Kreißsaal öffnet sich. Patrick tritt heraus, leichenblass, mit roten Rändern unter den Augen. Er hat geweint, es ist ihm anzusehen. Ich habe das Gefühl, wegrennen zu müssen. Er kommt langsam auf uns zu, beinahe gebückt, wie ein alter Mann.
   »Es war ein Junge«, sagt er tonlos, und sein Blick ist unerträglich. »Danke für eure Hilfe, das werde ich euch nie vergessen. Ich werde mich erkenntlich zeigen.« Seine Stimme klingt zittrig und unsagbar traurig.
   »Blödsinn, das war selbstverständlich.« Tim klopft ihm auf die Schulter, und kurzzeitig habe ich die Befürchtung, Patrick bricht unter diesem leichten Schlag zusammen.
   »Ich werde Aimy in den nächsten Tagen besuchen, richte ihr das aus, wenn sie – äh – ansprechbar ist«, sagt Tim und sieht Patrick betroffen an.
   Der schluckt schwer, nickt ihm zaghaft zu und bedankt sich noch einmal leise bei uns. Dann dreht er sich um und geht zurück in den Kreißsaal.

Kapitel 5
Fünf Jahre später, Februar

ims Schlüssel im Schloss der Wohnungstür ist nicht zu überhören. Ich drehe mich kurz um, als er eintritt, und werfe ihm einen Blick zu, der ihn veranlasst, reumütig in meine Richtung zu blinzeln. Die Uhr zeigt zehn. Das Geklapper der Töpfe ist normalerweise nicht so laut, wenn ich spüle. Sein Essen steht in der Mikrowelle, wartet seit geschlagenen drei Stunden auf ihn.
   »Du bist sauer, nicht wahr?«
   Ich spüre ihn dicht hinter mir. »Was glaubst du?«
   »Lara, es tut mir leid.«
   »Das höre ich diese Woche bereits zum dritten Mal.«
   »Bitte dreh dich um.«
   »Damit du mich wieder mit deinem Blick weichknetest? Das hättest du wohl gern.«
   »Lara, bitte.«
   Er versucht, mich an den Schultern herumzudrehen, aber ich bleibe standhaft. Meine Wut im Bauch ist allerdings schon wieder drauf und dran, sich aus dem Staub zu machen. Ich kann es nicht ausstehen, so wenig nachtragend zu sein. Nur ist das eine Eigenart, die ich nicht beeinflussen oder erzwingen kann. Sie gehört zu mir wie meine Augenfarbe.
   »Tim«, sage ich warnend.
   Er seufzt aus tiefstem Herzen und hat es wieder einmal geschafft. Langsam drehe ich mich zu ihm um. Seine Augen ruhen auf mir, wie zwei glühende Eisenerz-Pellets, die nur einen einzigen Auftrag haben; mein Herz zu erwärmen.
   »Das geht so nicht weiter«, sage ich mit ernstem Unterton.
   Er nickt und sieht mich mit genau diesem Blick an, den er bis zur Perfektion einstudiert hat. Er weiß, ich kann ihm nicht böse sein, wenn ich seine dunklen, flehend dreinschauenden Augen vor mir habe. Auch ich seufze lauthals.
   »Seit du mit Kevin die Gartenbau-Firma hast, stehe ich auf deiner Prioritätenskala ganz unten. Du gehst morgens um sechs aus dem Haus und kommst abends um zehn wieder.« Mit gerunzelter Stirn versuche ich, meinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Nur weil Kevin keine Frau hat und abends bis ultimo im Büro hocken kann, musst du das nicht auch tun.«
   »Ich will doch nur, dass wir endlich aus dieser Wohnung rauskommen. Ich mache das für uns.« Ich drehe mich kurz zur Spüle, um den nassen Schwamm loszuwerden, der munter ein Tröpfchen nach dem anderen zwischen unsere Füße abseilt, die inzwischen einen kleinen See auf dem Küchenfußboden hinterlassen haben.
   »Tim, ich bin in dieser Wohnung sehr glücklich gewesen, als du abends noch da warst.« Unsere gemütlichen Fernsehabende, bevor Tim sich selbstständig gemacht hat, erscheinen vor meinem inneren Auge. Das waren noch Zeiten, unvergleichlich. »Was habe ich von einem schicken Haus mit Garten, wenn ich dich dafür hergeben muss? Seit Monaten sehe ich dich nur noch schlafend.« Ich merke, wie ich mich in Rage rede, und sollte einen Gang zurückschalten.
   Er nickt mit bedröppelter Miene.
   »Tagsüber habe ich weiß Gott genug zu tun. Da habe ich Freunde, Bekannte oder Tania und deine Eltern, aber du wirst es nicht glauben, selbst die haben abends ein eigenes Leben. Ich möchte doch nur ein paar Stunden mit dir zusammen verbringen. Du bist schließlich mein Mann«, versuche ich, ihm klarzumachen und bemühe mich, einen bittenden Tonfall anzuschlagen. Sanft streichelt er über mein Haar, wohl um mich zu beruhigen.
   »Die Firma läuft gut, mein Engel. Dauert nicht mehr lange, dann wird’s besser – ganz bestimmt.« Er setzt ein besänftigendes Lächeln auf, was mich animiert, ein verächtliches Lachen auszustoßen.
   »Wäre allerdings auch ein Armutszeugnis, wenn es unter diesen Umständen nicht klappen würde. Ihr arbeitet sechzehn Stunden am Tag, ich kümmere mich zusätzlich um den Papierkram und die Pflanzenbestellungen. Kein Wunder, dass es gut läuft.« Leicht genervt verdrehe ich die Augen, rupfe ungestüm das Küchenhandtuch vom Haken und bücke mich, um die Pfütze aufzuwischen, die sich langsam auf den Weg unter einen der Küchenschränke macht.
   »Du wolltest das Haus doch auch, und Kinder?«
   Ich spüre seine Verunsicherung und winke mit leicht entnervtem Blick ab. »Die Hoffnung habe ich längst aufgegeben. Du rührst mich sowieso nicht an, sobald ich nur einmal die Pille vergesse. Außerdem vertröstest du mich ständig, behauptest, es sei zu früh für ein Kind. Ich bin einunddreißig!« Der vorwurfsvolle Klang meiner Stimme ist nicht rückgängig zu machen.
   Tim verzieht das Gesicht und sieht plötzlich niedergeschlagen aus.
   »Seit der Sache mit Aimy blockst du jedes Gespräch über Kinder ab. Ich glaube, dieses Trauma sitzt zu fest.« Ich lasse ihn stehen, gehe zum Sessel und sinke seufzend auf die Sitzfläche nieder.
   Ein wenig wehmütig beobachtet er mich. »Vielleicht brauchst du eine Beschäftigung? Irgendwas eigenes, was dir Spaß macht.«
   Hoffnungsvoll hebe ich den Blick. »Ein Baby?« Er schüttelt voller Abwehr den Kopf und verschränkt die Arme vor der Brust.
   »Nein, das ist nicht der richtige Zeitpunkt. Ich dachte eher an etwas Produktives.«
   War klar, dass er meine Bemerkung in dieser Art abschmettert. Was habe ich anderes erwartet? »Was sollte das sein?« Ich schenke ihm einen neugierigen Blick und versuche, das Handtuch mit einem gezielten Wurf so auf der Heizung zu drapieren, dass es trocknet, muss jedoch einsehen, dass ich um eine stattliche Anzahl an Wurfübungen nicht herumkommen werde. Letzen Endes stehe ich auf und ziehe es in Form, bis es glatt über dem Heizkörper hängt.
   »Mal sehen, ich überleg mir was.« Er dreht sich zur Mikrowelle, schaltet sie ein und wartet mit übereinandergeschlagenen Beinen neben dem Kühlschrank auf sein warmes Essen.
   Ich begebe mich derweil zurück zur Couch und mache es mir der Länge nach auf dem Dreisitzer bequem. »Tim, du reißt dir für andere ein Bein aus, versuchst, es allen recht zu machen, vergisst dabei aber dein eigenes Leben.«
   Die Mikrowelle macht Pling, er fingert umständlich den Teller heraus und verbrennt sich dabei fast die Hände. Anstatt auf meinen Einwand zu reagieren, setzt er sich an den Tisch und schaufelt die Spaghetti in selbst gemachter Tomatensoße in sich rein. Es scheint, als sei der Teller wieder einmal heißer geworden als sein Inhalt.
   »Weißt du noch, früher hast du es geliebt, zu kochen.«
   »Du kochst auch gut, schmeckt super.« Er verdreht begeistert die Augen und entlockt mir damit ein Lächeln.
   »Nur kann ich es nicht ausstehen.«
   »Umso beeindruckender«, sagt er und grinst schelmisch.
   Ich stehe auf und setze mich ihm gegenüber an den Tisch. »Du, mir ist das wirklich ernst. Bitte versuch abends wenigstens um acht hier zu sein, okay?«
   Er nickt und erhebt sich schwerfällig von seinem Stuhl, um sich etwas zu trinken aus dem Kühlschrank zu holen. Unterwegs hält er inne, um zu gähnen. »Ich bemühe mich – versprochen. Kommst du mit auf die Couch, kuscheln?«
   Bittend sieht er mich an und hat mich wieder einmal geknackt wie eine reife Walnuss. Ich muss über ihn lachen. Er nimmt meine Hand, stellt sein gefülltes Glas auf dem Couchtisch ab und legt sich rücklings auf die Sitzfläche. Mit dem unvergleichlichen Tim-Lächeln zieht er mich auf seinen Bauch.
   »Aber nicht wieder einschlafen«, flüstere ich drohend.
   Er drückt mich an sich, ich küsse seinen Hals, doch keine fünf Minuten später atmet er ruhig und gleichmäßig unter mir. Genau wie jemand, der soeben eingeschlafen ist. Immer dasselbe mit ihm.
   Vorsichtig stehe ich auf und decke ihn mit einer weichen Veloursdecke zu. In den letzten Wochen hat er es oft nicht einmal bis ins Bett geschafft. Sorgenvoll betrachte ich ihn. Er hat keine Ahnung, wie sehr ich ihn liebe, aber ich fürchte, sein ungebrochener Wille, etwas zu schaffen, und sein Ehrgeiz, unser Traumhaus zu bauen, zerstören unsere Zweisamkeit.
   Vom Sessel gegenüber beobachte ich seinen Brustkorb, der sich unter tiefen ruhigen Atemzügen hebt und senkt wie das gleichmäßige Schaukeln eines Ruderbootes auf einem See, festgekettet an einem Steg. Gedankenverloren blättere ich durch meine Erinnerungen wie durch einen Stapel vergilbter Fotos. Unsere Hochzeit im April vor fünf Jahren war grandios. Sogar das Wetter hatte ein Einsehen, was für Vancouver-Verhältnisse ein Glücksfall war. Die Trauung war mega romantisch, die Feier im Anschluss perfekt. Meine gesamte Familie war gekommen, nie war ich glücklicher. Kurz danach legte Tim erfolgreich seine Prüfungen ab, und beschloss, mit Kevin eine Firma zu gründen. Eine sehr zweischneidige Entscheidung, wie sich nun mehr und mehr herauskristallisiert.
   Seit diesem Tag haben wir nur geschuftet. Büroräume und eine Halle für die Baufahrzeuge angemietet. Kredite aufgenommen und endlich, nach fünf Jahren harter Arbeit, schreiben wir schwarze Zahlen und langsam geht es aufwärts. Tim ist ungeduldig, arbeitet täglich mehr. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir das letzte Mal Sex hatten, der kein Versöhnungs- oder Besänftigungsziel hatte.
   Ich weiß mir oft keinen Rat, wie ich ihn bremsen könnte. Es ist kompliziert mit ihm. Ich wünsche mir so sehr Kinder, frage mich mittlerweile aber immer häufiger, ob ich mit diesem Wunsch allein dastehe. Er hat Angst, ich spüre es deutlich. Vor irgendetwas hat er Schiss. Vor der Verantwortung, vor einem ähnlichen Schicksalsschlag, wie ihn Aimy und Patrick verkraften mussten? Oder will er wirklich warten, bis das Traumhaus Realität geworden ist?
   Lautlos seufze ich in mich hinein, denn eins steht fest: Ich werde nicht jünger und höre meine biologische Uhr leise ticken. Wie von selbst driften meine Gedanken ab und bleiben in diesem fürchterlichen Krankenhausflur hängen, in dem Tims ganz eigenes Drama offenbar seinen Anfang genommen hatte.
   Wir haben seit Langem nichts von Aimy gehört.
   Anfangs hatte Tim sie einige Male besucht, aber danach ging es ihm tagelang schlecht, bis er irgendwann einsah, dass es besser ist, damit aufzuhören. Er hatte bald sowieso keine Zeit mehr. Seinen Taxifahrerjob musste er auch vor ein paar Jahren an den Nagel hängen, sein Vater fährt nun die Tagesschichten. Tim bekam all seine Aufgaben zeitlich nicht mehr unter einen Hut. Seine soziale Ader lebt er nun bei seiner Kundschaft aus. Möchte Frau Sowieso einen ovalen Gartenteich, bekommt sie ihn. Möchte Herr Soundso sein Blumenbeet in Treppenform, bekommt er es. Tim holt Aufträge ein, fährt zu Besichtigungen, zeichnet, plant, rechnet und besorgt Baumaterialien. Ich bestelle nach seiner Liste die Pflanzen, kümmere mich zudem als ehemalige Büroangestellte um fachspezifische, bürokratische Angelegenheiten und bearbeite mit Kevin zusammen die Rechnungen und Aufträge.
   Tim tobt sich lieber draußen aus, als sich um den lästigen Papierkram zu kümmern. Er ist immer braun, ob Sommer, ob Winter. Leider auch schmutzig wie ein Maulwurf, wenn er heimkommt. Meine Waschmaschine ist wegen der Erdklumpen am Rande der Verzweiflung und rappelt und quietscht besorgniserregend. Manchmal denke ich, hätte ich noch einen von dieser Sorte, in klein, wäre sie endgültig am Limit. Trotzdem wünsche ich mir nichts mehr, als einen kleinen Tim oder eine niedliche Tammy.
   Tim brabbelt im Schlaf etwas Unverständliches und sieht dabei ungeheuer entspannt aus. Ich küsse ihn, rüttle sanft an seiner Schulter und versuche, ihn wach zu bekommen, damit er es doch noch bis ins Bett schafft. Keine Chance, er rührt sich nicht.

Kapitel 6
April, im selben Jahr

»Hey Schlafmütze, aufwachen«, dringt wie aus weiter Ferne in mein Ohr. Ich habe das Gefühl, es ist mitten in der Nacht.
   »Mhm, wieso weckst du mich um diese Zeit? Machst du doch sonst nicht, bevor du gehst«, brummle ich und öffne mühevoll ein Auge, um es direkt wieder zu schließen.
   »Ich gehe heute nicht weg, und zu deiner Information, wir haben bereits halb neun, und du hast Geburtstag.«
   Ich öffne beide Augen, sehe Tim direkt vor mir, der mich belustigt angrinst. »Halb neun? Echt? Bist du krank?«
   Er schüttelt lachend den Kopf. »Herzlichen Glückwunsch, meine Süße. Das ist die erste Überraschung des heutigen Tages. Ich habe frei!«
   Ich rapple mich hoch und starre ihn entgeistert an. »In der Tat, ein wahres Wunder, wenn du ausnahmsweise mal nicht arbeiten gehst.« Ich bemühe mich, einen betörenden Augenaufschlag hinzubekommen.
   »Wie wäre es mit der nächsten Geburtstagsüberraschung, wenn du schon nicht wegmusst?« Ich schlage die Decke zurück und lächle ihn aufreizend an. Er spitzt die Lippen und stößt einen begeisterten Pfiff aus.
   »Überredet, aber später müssen wir zusammen los, für die dritte Überraschung«, meint er und klettert zu mir unter die Decke.
   »Noch eine? Ich glaube, das wird ein schöner Tag«, säusle ich und kuschle mich eng an ihn. Er streichelt sanft meinen Rücken, meinen Po und ich genieße jede Sekunde mit ihm. Endlich ein wenig Zweisamkeit, die nicht der Versöhnung oder Entschuldigung dient. Vor allem nicht dem Zweck etwaiger vorbauender Beschwichtigungsversuche entspringt. Wir lieben uns, weil wir uns lieben.
   »Tim, darf ich die Pille absetzen?« Das Entsetzen in seinen Augen lässt mich meine Frage sofort bereuen.
   »Lara, fang bitte nicht schon wieder damit an, es ist zu früh, wirklich. Außerdem hast du bald andere Dinge im Kopf, warte ab.« Mir ist nicht klar, worauf er anspielt, aber ich spüre eine leichte Anspannung in mir. Ich beschließe, nicht weiterzubohren und die Dinge besser auf mich zukommen zu lassen. In letzter Zeit strahlt er eine gewisse Ungeduld aus, wenn ich mit dem Thema Baby anfange.

Gegen Mittag lotst Tim mich ins Auto, macht einen auf geheimnisvoll und grinst, dass sich seine Zähne in ihrer ganzen Perfektion zeigen. Er fährt die Strecke in Richtung Burnaby, und mir kommen erste Bedenken. Diese Straßen kenne ich nur allzu gut, denn ich bin sie unzählige Male entlanggefahren, was nicht nur schöne Erinnerungen in mir wachruft. Ein beunruhigendes Gefühl schleicht sich ein, und zwickt mich, sodass ich Tim skeptisch beäuge.
   »Ich hoffe, deine Überraschung hat nichts mit Patrick, SmartTown, Set-Besuch oder Ähnlichem zu tun?«, merke ich an und runzle dabei die Stirn.
   Tim zieht erstaunt die Augenbrauen hoch. Von seinem übertriebenen Grinsen bleibt nur ein erwartungsvolles Lächeln zurück. »Quatsch, reiner Zufall, dass unser Ziel in der Nähe der Studios liegt.«
   Wo auch immer sein Ziel ist, was auch immer er plant, ich bin verunsichert. Ich habe ewig nichts von Patrick gehört, aber da die Serie bisher nicht eingestellt wurde und nunmehr in ihre siebte Staffel geht, nehme ich an, er ist noch in Vancouver. Ab und zu sehe ich ihn auf dem Bildschirm. Allerdings verfolge ich die Sendung nicht mehr so intensiv, die Handlung ist inzwischen zu abgedreht für meinen Geschmack. Auch merke ich eine Veränderung meiner Gemütslage, sobald ich ihn im Fernsehen sehe, was mich irritiert und ich aus diesem Grund versuche, tunlichst zu vermeiden. »Wohin fahren wir?«
   »Wir sind gleich da.« Die Spannung ist unerträglich, meine Knie geben keine Ruhe. Ich werfe Tim einen verstohlenen Blick zu, woraufhin er in meine Richtung lacht.
   »Ich liebe deine Neugierde«, meint er gut gelaunt. Er wusste meinen unstillbaren Wissensdurst schon immer gut für sein Amüsement zu nutzen.
   Endlich hält er auf einem Parkplatz vor einer kleinen Einkaufspassage im Ortskern Burnabys an. Eine nicht besonders große Ortschaft, so gibt es auf dieser bescheidenen Geschäftsmeile nicht mehr als ein Starbucks Café, daneben einen Friseur, ein Lebensmittelgeschäft, eine Art Schreibwarenladen und einen Blumenladen. Am anderen Ende entdecke ich eine Burger-Bude und eine Bäckerei. Alles schön nebeneinander, auf einer kleinen Anhöhe, die durch eine fünfstufige Treppe zu erreichen ist. Der Duft von frischem Brot steigt mir in die Nase, aber ich glaube kaum, dass Tim als eine Art Geburtstagsüberraschung die Backstube mit mir besichtigen möchte.
   »Was machen wir hier? Willst du mir eine neue Frisur sponsern oder mich zu einem Burger einladen?« Ich zwinkere ihm zu.
   »Weder noch«, meint er schmunzelnd und steigt aus. Mit mir im Schlepptau steuert er den verwaisten Blumenladen an, wie unschwer an der Dunkelheit im Innern festzustellen ist.
   Er schließt die Tür auf, und bevor ich mich darüber wundern kann, woher er den Schlüssel hat, lässt er mich eintreten. Überrascht sehe ich mich um. Der Laden ist vollkommen ausgestattet, eigentlich fehlt es nur an Blumen und einer Verkäuferin, wie mir scheint. Ich drehe mich zu Tim um.
   »Ich verstehe nicht?« Er kommt auf mich zu, legt seine Hände auf meine Schultern und sieht mir in die Augen.
   »Lara, wie oft hast du dir an den Scheiben diverser Blumenläden die Nase platt gedrückt, weil dir die Deko so gut gefiel? Wie oft hast du gesagt, dass du etwas Kreatives machen möchtest? Ich kenne niemanden, der sich so gut mit Blumen und Pflanzen auskennt, und vor allem so geschickte Finger hat wie du. Ich habe den Laden für dich gepachtet, er gehört einer alten Dame. Das Geschäft lief bisher sehr gut, sagte sie.« Vor Staunen fällt mir kein sinnvoller Kommentar ein. Ich starre Tim an und bemerke seinen verunsicherten Blick.
   »Freust du dich denn nicht?«
   »Du schenkst mir einen Blumenladen zum Geburtstag?«, stammle ich perplex und drehe mich einmal um meine eigene Achse. Mit undurchsichtiger Miene und großen Augen mustere ich ihn. Diese Weitsicht und das untrügliche Gespür, zu wissen, was mir gefällt, sind typisch für meinen Mann, doch als Retourkutsche für seine Verschwiegenheit lasse nun ich ihn ein wenig zappeln.
   Er beäugt mich mit einer Mischung aus Betroffenheit und Verzweiflung und räuspert sich dann vorsichtig. »Ähm, ich habe angenommen, es würde dir gefallen, wenn du einen Job hättest, der dich mit Menschen und Blumen zusammenbringt?«
   Ich werfe ihm einen pseudo-entsetzten Blick zu. Eins zu null für mich, denke ich und fühle mich im nächsten Moment kindisch. Obwohl ich mich mit aller Willenskraft dagegen sträube, kann ich ein Lächeln nicht unterdrücken.
   Langsam schreite ich durch den Laden, inspiziere jede Ecke und komme zu dem Schluss, dass er traumhaft ist. Ich drehe mich zu Tim um und lache ihn an. Das sollte fürs Erste als Rache genügen. »Das tut es auch, nur frage ich mich, ob wir uns das leisten können?«
   Er lächelt erleichtert zurück. »Mach dir keine Sorgen, der Laden wird mit der Zeit einen guten Gewinn abwerfen. Du wirst sehen, die Männer kommen allein deinetwegen in Scharen, um bei der neuen, hübschen Ladenbesitzerin einen bunten Strauß zu kaufen.«
   »Danke, Tim, du bist super.« Ich schlinge meine Arme um seinen Hals und drücke ihm einen zärtlichen Kuss auf den Mund.
   »Puh, ich dachte kurzzeitig, dass du es als eine Art Ablenkungsmanöver ansiehst, um dich von deinem Kinderwunsch zu kurieren. Ist es aber nicht, Lara. Ich verspreche dir, sobald wir das Haus haben …« Er schluckt, spricht nicht weiter und blickt mich stattdessen mit seinem plüschigsten Blick an.
   Daran hatte ich keine Sekunde gedacht, finde es aber umso interessanter, dass er darüber nachgedacht hat. »Okay«, lenke ich ein. »Hauptsache, das klappt noch vor meinem vierzigsten Geburtstag.«
   Liebevoll zwickt er mir in die Wange und lacht. »Ich habe schon ein Grundstück im Auge, ich werde es dir zeigen. Wenn du willst, jetzt.«
   Ich nicke ihm zu, steige die zwei Stufen hoch, die zu einem weiteren Raum führen, der sich hinter dem Verkaufsraum befindet und von einem kurzen Gang abzweigt. Verblüfft stelle ich fest, dass dieser Raum einer kleinen Werkstatt ähnelt und über allerlei Floristen-Equipment verfügt. In der Mitte steht ein großer Tisch, hervorragend geeignet, um Gestecke und Blumenarrangements zu fertigen. In einer der Ecken entdecke ich einen kleinen Bistrotisch mit zwei Hockern. In dem kurzen, angeschlossenen Gang, der zur Hintertür führt, gibt es eine kleine Teeküche mit Kühlschrank sowie eine Toilette auf der gegenüberliegenden Seite. Im Hof sehe ich große Mülltonnen und einiges an Gerümpel herumstehen. Die Milchglasscheibe lässt genügend Licht herein, die komplette Pracht der unschönen Hinterhof-Szenerie dagegen glücklicherweise nicht.
   »Die Besitzerin, ist sie krank?«
   Tim schüttelt den Kopf. »Nein, sie schafft es nicht mehr, sagte sie. Ich glaube, sie ist weit über siebzig, aber total nett.«
   Die alte Dame scheint nicht dazu gekommen zu sein, ihren Laden auszuräumen. Sieht so aus, als könne ich gleich loslegen, sobald ich Blumen habe.
   »Du kannst den Laden so gestalten, wie du magst, alles, was du nicht brauchst, darfst du entsorgen.«
   »Klasse!« Begeistert klatsche ich in die Hände. »Zuerst will ich aber einen Burger, ich hab Hunger.« Grinsend gehe ich auf Tim zu, bleibe dicht vor ihm stehen und recke mich ihm entgegen, um ihm in die Augen sehen zu können.
   »Ich freue mich riesig und kann’s kaum abwarten, mich hier auszutoben. Ein wirklich tolles Geschenk.« Er lächelt zufrieden, und dieses Mal drücke ich ihm einen etwas längeren und intensiveren Kuss auf die Lippen, den er ganz augenscheinlich sehr genießt.

Das Grundstück, für das Tim sich interessiert, ist nicht weit vom Blumenladen entfernt und liegt in einer ruhigen Gegend nahe dem großen Burnaby Lake. Ein wirkliches Schnäppchen, allerdings ist der Garten riesig. So riesig, dass nicht nur ein Teich und ein Pool darin Platz finden würden, sondern noch ein Trampolin und ein Minifußballplatz für Klein-Tim und sein Schwesterchen Tammy. Das Objekt liegt in einer ruhigen Sackgasse und gefällt mir ausgesprochen gut.
   »Wenn wir einen Kredit bekommen und meine Eltern etwas dazuschießen, wird es klappen«, meint Tim zuversichtlich und ich bemerke den Glanz in seinen Augen. Sein Traum bekommt winzig kleine Füßchen, die bald in Schuhgröße vierzig passen, und am Ende hoffentlich Flossengröße erreichen. Seine Begeisterung und die Vorfreude machen mich auf der einen Seite glücklich, auf der anderen sehe ich schwere Zeiten auf uns zukommen. Ich kenne ihn, er wird von der Baustelle kaum mehr den Weg nach Hause finden. Ich weiß es. Genauso wie ich weiß, dass nichts und niemand ihn von diesem Traum abbringen wird.

Kapitel 7
Einige Monate später

Ich werfe einen schnellen Blick auf die große Bahnhofsuhr an der Wand. Mist, schon halb zehn. In letzter Zeit bin ich nicht viel besser als Tim, komme abends meist ebenso spät heim wie er. Der Laden läuft gut, die Leute in der Umgebung haben die Wiedereröffnung dankend angenommen und inzwischen habe ich eine kleine Riege an Stammkunden. Die nette, lebhafte Nachbarschaft der anderen Ladenbesitzer ist eine willkommene Abwechslung. Wir sind wie eine Familie in dieser Passage zusammengewachsen, eine kleine eingeschworene Gemeinschaft, die sich des Öfteren zu einem kurzen Plausch trifft.
   Die Geschäftszeiten habe ich meinem Leben angepasst. Ich öffne später, um morgens den Haushalt mehr schlecht als recht zu erledigen. Tim kommt nach wie vor nicht vor zehn Uhr abends nach Hause, so bleibe auch ich meist länger im Laden und arbeite an vorbestellten Gestecken oder Blumendekorationen. Ich kann dabei prima entspannen und genieße die abendliche Ruhe, wie in diesem Augenblick.
   Zu den Klängen eines Radiosenders stecke ich frische Rosenblüten in den wasserdurchtränkten Schaum, den ich mit Draht zu einer großen Herzform modelliert habe, und summe während der Arbeit leise vor mich hin. Ich kenne diesen Song, der zwar schon älter ist, aber noch immer gut. Donna Summers I will survive. Morgen Mittag wird dieses Gesteck für eine Hochzeit abgeholt. Ich liebe meinen Job und Tim hat mit diesem Geschenk voll ins Schwarze getroffen und bewiesen, wie gut er mich kennt. Bei dem Gedanken an ihn steigen warme Gefühle in mir auf. Ich sollte zusehen, dass ich fertig werde, vielleicht ist er schon zu Hause.
   Hektisch räume ich das Nötigste an Draht, Kleber und Werkzeug in die kleinen Boxen neben der Tür. Schade, dass wir kaum noch Zeit füreinander haben und er seit dem Hausbau noch mehr schuftet als früher. Wenn ich abends heimkomme, liegt er meist schlummernd auf der Couch oder ist noch auf der Baustelle beschäftigt und kommt erst nach Hause, wenn ich schon längst schlafe. Samstags ist im Blumenladen der Teufel los, mein Hauptumsatztag, sodass dann ich diejenige bin, die in aller Regel spät nach Hause kommt. So haben Tim und ich nur noch den Sonntag für uns, der in letzter Zeit auch meist dem Hausbau zum Opfer fällt und zumeist auf der Baustelle stattfindet.
   Mit einem Stoßseufzer stecke ich die letzten roten Rosen in den Schaum, besprühe das Gesteck noch schnell mit Spray, damit es frisch bleibt, und lösche das Licht. Nachdem ich die Hintertür abgesperrt habe, gehe ich langsam über den Parkplatz zu meinem Auto. Der Burger-Laden an der Ecke und der Starbucks auf der anderen Seite haben bis spät in die Nacht geöffnet, allerdings kann ich inzwischen keine Burger mehr sehen. Aber ein Cappuccino mit Schokonote und Sahne würde mir gefallen.
   Bist du zu Hause?, sende ich per WhatsApp an Tims Handy.
   Baustelle, und du?, kommt keine Minute später zurück.
   Starbucks, dann Heimfahrt, schreibe ich, während ich die Tür öffne und eintrete. Ich liebe den Duft von frisch gemahlenem Kaffee, der mich empfängt und meine Sinne umspielt.
   Mit einer großen Tasse Cappuccino vor mir sitze ich schließlich in einem der bequemen Sessel, die über Tag meist besetzt sind, und beobachte das Geschehen um mich herum. Diese halbe Stunde am Abend, allein für mich, ist ein wahrer Genuss.
   Mein Blick bleibt an einem Nacken hängen, an einem, den ich meine zu kennen. Ich glaube, nicht nur den Nacken, sondern auch den Hinterkopf, eigentlich die gesamte Statur zu erkennen. Für einen Augenblick stockt mir der Atem. Er dreht mir den Rücken zu, sitzt an einem der Bistrotische mit den hohen Barhockern, die ich nicht sonderlich mag.
   Er starrt aus dem Fenster, regungslos. Ich nippe an meinem Cappuccino und bemerke ein sanftes Zittern meiner Hände. Was mache ich denn jetzt? Soll ich zu ihm rübergehen? Nein, ich habe ihn ewig nicht gesehen, seit dem Tag im Krankenhaus nicht mehr.
   Ich spüre eine Unruhe in mir aufsteigen. Mir ist es ein Rätsel, warum er nach all den Jahren, nach allem, was geschehen ist, noch immer für einen beschleunigten Herzschlag bei mir sorgt. Nein, ich will ihn nicht sehen. Es ist gut, so wie es ist. Ich möchte auch nicht mit ihm reden. Worüber auch, wir kennen uns kaum. Ich wende meinen Blick ab, doch wie von einem Magneten angezogen, starre ich kurze Zeit später wieder in seine Richtung.
   Er rührt sich, steht langsam auf, dreht sich in meine Richtung und geht auf die Tür zu. Unterwegs wirft er den leeren Becher in die Mülltonne, lässt seinen Blick durch den Raum schweifen, um ihn für den Bruchteil einer Sekunde auf mich zu richten. Verdammt!
   Ich ducke mich instinktiv, als könne ich mich dadurch unsichtbar machen, kann aber nicht umhin, ihn trotzdem anzusehen. Er sieht sagenhaft gut aus, muss ich mir eingestehen. Dieser winzige Augenblick, bestenfalls eine Sekunde, hinterlässt in mir den Hauch einer Ahnung, ein unbestimmtes Gefühl der Besorgnis. Er wirkt traurig, ich spüre es geradezu. Diese bedrückende Schwingung reicht bis zu meinem Sitzplatz. Blitzartig drehe ich meinen Kopf zur Seite. Puh, er ist weg, hat mich offenbar nicht bemerkt. Oder hat er mich nicht erkannt?
   Lautlos atme ich auf und lümmle mich tiefer in den Sessel. Wie mag es ihm ergangen sein? Ob er inzwischen Kinder hat? Glücklich sah er jedenfalls nicht aus. Zum ersten Mal seit Monaten denke ich wieder über ihn nach, selbst auf der Rückfahrt geht er mir nicht aus dem Kopf. Das muss eine harte Zeit für ihn gewesen sein, damals nach der Sache mit dem Baby. Ich versuche meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, mich auf meine morgigen Aufgaben zu konzentrieren und schließe gedankenverloren die Wohnungstür auf.
   Mich erwartet Leere, eine Grabesstille, kein Tim. Es ist weit nach elf. Etwas enttäuscht schalte ich den Fernseher ein, esse eine Kleinigkeit und mir wird klar, dass ich Tim heute nicht mehr sehen werde. Genauso wenig wie ich ihn gestern und vorgestern Abend gesehen habe. Jeder von uns führt sein eigenes Leben. Er baut mit einer Schar an Helfern an dem Haus, Kevin hält den Betrieb am Laufen und ich verbringe meine Tage im Blumenladen und versorge die zwei mit Pflanzen, die ich über meine Kontakte günstiger und schneller bekomme. Ich habe mir im Laden eine kleine Computerecke eingerichtet, in der ich weiterhin den Bürokram für Tim erledige. Tim und ich kommunizieren meist über WhatsApp oder Handy. Im Büro erreiche ich oftmals nur Kevin, der mir bei Fragen weiterhilft. Ich kann nur hoffen, Tim und ich finden wieder zueinander, sobald wir im Haus wohnen und unser Leben ruhiger und stressfreier geworden ist. Vor allem hilft die Aussicht auf ein Baby, durchzuhalten. Tim hat es mir versprochen.

Kapitel 8
Einige Wochen später

Der Ventilator gibt sein Bestes. Kurz vor Ladenschluss sitze ich am Computer und beschäftige mich mit Tims Aufträgen, Abrechnungen sowie einigen Bestellungen. Ein ruhiger Tag liegt hinter mir. Sommer, draußen ist es schwül, fast fünfunddreißig Grad. Eine schlechte Zeit, um Blumen zu transportieren, das weiß auch die Kundschaft. Lange haltbar sind sie bei dieser Hitze ohnehin nicht. Das beste Geschäft mache ich im Frühjahr und im späten Herbst. Selbst in meinen Hotpants und dem Trägertop ist mir heiß. Die Haare habe ich längst zu einem Pferdeschwanz hochgebunden, was allenfalls im Nacken für ein wenig Erleichterung sorgt.
   Ich stehe auf, um mir etwas Kaltes zum Trinken aus dem Kühlschrank zu holen. Gerade, als ich in den Hängeschrank über der kleinen spartanischen Spüle greife, um ein Glas herauszunehmen, öffnet sich die Ladentür. Nicht zu überhören, die Scharniere knarren bedenklich. Lange schon wollte ich die Tür ölen und eine Glocke daran befestigen, die mich anstelle des Knarrens auf eintretende Kundschaft aufmerksam macht. Ich sollte mir das endlich notieren.
   Erstaunt sehe ich auf die Uhr, kurz nach acht. Im Sommer schließe ich eigentlich meist früher, habe aber wieder einmal vergessen, die Tür rechtzeitig abzuschließen. Auch das muss ich mir endlich notieren oder hinter die Ohren schreiben. Tims Bürokram hat mich abgelenkt.
   Ich drehe den Deckel der Saftpackung halb herum, halte dann aber inne und drehe ihn wieder zurück, denn ich sollte zuerst dem verspäteten Kunden seinen Wunsch erfüllen und den Orangensaft solange in den Kühlschrank zurückstellen. Auf die zwei Minuten kommt es nun auch nicht mehr an.
   »Hallo, noch jemand da?«, höre ich eine Stimme, die mir nicht unbekannt vorkommt.
   Ich erstarre und vor Schreck rutscht mir beinahe die Safttüte aus der Hand. Mein Herzschlag beschleunigt sich von jetzt auf gleich, was mich unsagbar ärgert.
   »Komme sofort«, rufe ich. Meine Stimme klingt komisch, irgendwie zittrig, stelle ich sehr zu meinem Unmut fest, was mich augenblicklich noch wütender macht. Der Saft schafft es angesichts meiner Aufregung nicht mehr zurück in den Kühlschrank.
   Zögernd gehe ich zur Tür, luge um die Ecke in den Verkaufsraum und sehe Patrick fasziniert mein Dekoregal inspizieren. Verdammt, mir wird noch heißer, da hilft auch kalter Saft nicht mehr.
   »Hallo, eigentlich ist schon zu«, sage ich und gehe zaudernd in seine Richtung.
   Er dreht sich um und starrt mich mit großen Augen an. »Lara?«
   Ich schlucke und lächle, bemüht, mir meine Anspannung nicht anmerken zu lassen. »Hi Patrick.« Nervös knete ich die Hände in meinem Rücken.
   »Wow, gut siehst du aus.« Er mustert mich von oben bis unten. »Was machst du im Laden von Mrs. Sneyder?«
   »Das ist mein Laden. Seit Mai bin ich hier.« Für einen Moment scheint es in seinem Hirn zu arbeiten und er sieht mich verdattert an. Eine Hitzewelle bringt meine Wangen zum Glühen und rauscht meinen Rücken hinunter. Was machen die Maskenbildner am Set mit ihm? Er sieht aus wie das wandelnde Porträt eines seiner gelungenen Fotoshoots.
   »Hm, ich dachte, sie kommt zurück, war krank oder so? Ich habe mich abends hin und wieder nett mit ihr unterhalten, eine total liebe Frau. Leider war ich in den letzten Monaten sehr beschäftigt und habe nicht mitbekommen, dass der Besitzer gewechselt hat. Ist ja ein Ding.« Patrick macht einige Schritte in meine Richtung, bleibt direkt unter der Deckenleuchte stehen, damit ich in den vollkommenen Genuss seiner Attraktivität komme. Ich wende meinen Blick ab, doch was nutzt es. Dadurch wird er sich nicht in Luft auflösen.
   »Der Laden ist ihr zu anstrengend geworden, da hat sie ihn verpachtet. Tut mir echt leid, dass du nun keine Gesprächspartnerin mehr hast.«
   Er quittiert mein Bedauern mit einem breiten Grinsen. »Du bist kein übler Ersatz, muss ich zugeben.« Mir bricht endgültig der Schweiß aus und für einen Moment verschlägt es mir die Sprache.
   »Ähm, möchtest du Blumen kaufen, oder wieso …?« Ich stocke, denn das klingt grad so, als wolle ich ihn loswerden. Will ich das nicht auch? Sein überraschter Ausdruck weicht einem unsagbar netten Lächeln, das Unbehagen in mir auslöst. Mein kritischer Tonfall scheint ihn kalt zu lassen.
   »Nein, wie gesagt, ich wollte nur mal Hallo sagen.« Ich stehe etwas unschlüssig da, trete von einem Fuß auf den anderen und bemühe mich, nicht in seine graugrünen Augen zu blicken. Für ein paar Sekunden herrscht Stille zwischen uns, die ich schließlich mit einem Räuspern breche. Die Situation ist mir unangenehm. Mich nervt, dass er für einen Schwall der sonderbarsten Gefühle in mir sorgt. Derart heiß war mir eben noch nicht.
   »Ja – also – ich wollte gerade etwas Kühles trinken, wenn du auch …?« Ich deute nach hinten und bereue es sofort.
   »Klar, gern. Ist wirklich warm heute.« Ich gehe voran, er folgt mir. Ich zeige auf den Bistrotisch in der Ecke.
   »Setz dich, magst du Orangensaft? Wasser?« Er lächelt mich kurz an und zwinkert.
   »Beides, gemischt – bitte. Ist besser bei der Hitze.« Sein Lächeln macht mich irre. Mit zwei gefüllten Gläsern in der Hand setze ich mich zu ihm an den Tisch.
   »Ich arbeite abends nach Ladenschluss gern Liegengebliebenes auf, weißt du. Da ist es kühler.« Patrick trinkt einen Schluck und nickt mir zu.
   »Ich bin auch meist länger in den Studios, eine Seltenheit, vor zehn da rauszukommen.«
   Wir sehen uns für einen kleinen Moment stumm an, und mein Geisteszustand erinnert mich an unsere erste Begegnung im Kino damals. Mir fällt wieder mal nichts Gescheites ein. Wie eine Jalousie, die meine Gehirnwindungen abschirmt und an der Arbeit hindert.
   »Ähm, wie geht es euch? Was macht Tim? Aimy hat oft von ihm gesprochen«, sagt Patrick, und ich bin dankbar, dass er dieser unangenehmen Stille ein Ende bereitet. Ich drehe mein Glas in den Händen und lasse die Eiswürfel klirren.
   »Er arbeitet rund um die Uhr, ich sehe ihn kaum noch. Vor einigen Jahren hat er mit einem Kumpel eine Gartenbaufirma gegründet, und momentan baut er an unserem Haus. Tim ist im Dauereinsatz, weißt du.«
   Besorgt mustert Patrick mich. Die unangenehme Ahnung, ein wenig desillusioniert geklungen zu haben, macht sich in mir breit.
   »Und du? Wie geht es dir damit?«
   Ich zucke die Achseln und trinke das halbe Glas in einem Zug leer. Mir ist furchtbar warm, mein Mund ist wie ausgetrocknet. Was für eine eigenartige Situation mit Patrick Wellet, dem Serien-Superstar hier zu sitzen.
   »Ich hab mich daran gewöhnt und hoffe, sobald das Haus bezugsfertig ist, wird es besser. Außerdem habe ich das Blumengeschäft, ich arbeite gern hier.«
   Patrick lächelt und sieht sich um. »Das sieht man, hübsch eingerichtet hast du es dir.«
   »Wohnt ihr noch am Coopers Park?« Endlich kommt das Gespräch in Gang und mein Sprachzentrum funktioniert wieder und präsentiert mir diese Frage quasi auf dem Silbertablett, das sich Zunge nennt.
   »Ja, natürlich. Lohnt sich nicht, umzuziehen. Nach Serienende gehen wir sowieso zurück nach Los Angeles.«
   »Wann wird das sein?« Er hebt die Schultern und verzieht das Gesicht ein wenig angewidert.
   »Keine Ahnung. Den Drehbuchautoren fallen ständig neue verrückte Dinge ein. Wir sind in der siebten Staffel, mal sehen, wie lange das noch gut geht. Teilweise driftet die Handlung doch ziemlich ins Unrealistische ab. Verfolgst du die Serie noch?«
   Ich schüttle mit bedauerndem Augenaufschlag den Kopf. »Nein, sorry, aber ich bin meistens hier und habe auch irgendwie den Faden verloren. Mir kamen einige Episoden etwas abgehoben vor, wie du schon sagst.«
   Er scheint zu verstehen, was ich meine und lacht vergnügt. Herrjemine, wieso hat er so wunderbar weiße Zähne? Hüte dich, ihn wieder fasziniert anzustarren, spricht irgendetwas mahnend in mir.
   Ich schlucke und klaube mir eine unsichtbare Fluse von meinem Top. Warum bin ich so fahrig?
   »Schön, dass du den Laden übernommen hast. So kann ich dich demnächst mal besuchen kommen, sollte ich ausnahmsweise vor zehn Uhr Feierabend haben.« Er sieht mich an, als ob ihm tatsächlich gefällt, mich in dieser Passage wiedergetroffen zu haben. In mir steigen seltsam beunruhigende Gefühle auf.
   »So – nun ja – ich sitze nicht jeden Abend bis zehn hier herum«, entgegne ich leicht hitzig und kaum ist es raus, wird mir klar, wie sich das für ihn anhören muss. Ich senke meinen Blick, wie dumm von mir. Er ignoriert meinen leicht unwirschen Tonfall gänzlich und lächelt stattdessen diesen misslichen Ausrutscher sanft weg.
   »Trotzdem werden wir uns vermutlich ab und an begegnen, das lässt sich kaum vermeiden. Da bin ich mir sicher.«
   Patrick trinkt das Glas leer, schwingt seine langen Beine von den Hockerstreben zurück auf den Boden und steht leichtfüßig auf. Leichte Schweißperlen glänzen unter seinem Haaransatz. Ich hoffe, ich trage nicht die Schuld an seinem Schweißausbruch.
   »Bestimmt möchtest du nach Hause? Ich mache mich dann besser auf den Weg«, sagt er leise.
   Ich bringe es nicht fertig, mich bei ihm für diesen sanften Rausschmiss zu entschuldigen, und springe auch von meinem Sitzplatz hinunter. Mir wird klar, dass er mich noch immer nervös macht, was mir ganz und gar nicht gefällt. Kurz vor der Tür dreht er sich zu mir um. Sein freundliches Lächeln lässt mich ihn sprachlos anstarren.
   »Ich hab mich wirklich sehr gefreut, dich wiederzusehen, Lara. Danke für den Saft und grüße Tim von mir, okay?«
   »Mach ich, und du Aimy.« Er nickt, zwinkert mir zum Abschied zu und geht in der abendlich bleiernen Hitze über den Parkplatz zu einem schwarzen Van, der ziemlich teuer aussieht.
   Ich sehe hinter ihm her, in mir geht alles durcheinander. Was bin ich bloß für ein Trottel.
   Er steigt ein und fährt davon. Ich atme auf, denn es tut gut, diese unbeabsichtigte Begegnung so souverän hinter mich gebracht zu haben. Ich hoffe, ich sehe ihn so schnell nicht wieder.

Gegen halb elf schließe ich die Wohnungstür auf und zu meiner Überraschung erwarten mich Licht, ein laufender Fernseher und ein Tim in der Küche, der irgendetwas in einer Schüssel verrührt. Was eine begrüßenswerte Alternative zu meinem ansonsten standardisierten einsamen Abendritual ist. Tim dreht sich kurz zu mir um.
   »Hey Süße, da bist du ja. Ich bin auch eben erst gekommen, wollte dich gerade anrufen und fragen, wo du bleibst.« Er kommt auf mich zu, schließt mich in seine Arme und drückt seine Nase sehnsuchtsvoll in meine Haare.
   »Du hast mir so gefehlt, wir haben uns seit drei Tagen nicht gesehen, was ein Wahnsinn«, flüstert er. »Wir müssen endlich aufhören, ständig zu arbeiten.«
   Ich nicke in seine Halsbeuge und fühle mich bestätigt. Hat er es auch endlich begriffen? Sanft küsse ich seinen Hals und seufze leise. Er duftet gut. Nach seinem schweißtreibenden Arbeitspensum auf der Baustelle in dieser Affenhitze, ist Duschen seine erste Amtshandlung, wenn er heimkommt.
   »Wie läuft’s?«, säusle ich in seine Halsbeuge, sodass er sich lachend zur Seite windet. Ich weiß, wie kitzlig er an dieser Stelle ist.
   »Hervorragend, wir haben heute das Bad fertig gefliest, sieht richtig gut aus. Ich zeige es dir am Sonntag, okay?«
   »Prima, jetzt habe ich aber Hunger. Was machst du da?« Ich deute auf den Herd, auf dem eine Pfanne steht, in der etwas vor sich hin brutzelt.
   »Ich wollte Rührei machen, willst du auch?« Ich nicke, und lasse mich geschafft auf den Küchenstuhl fallen.
   »Wie war’s bei dir?«
   »Anstrengend, es ist so furchtbar schwül.« Er beäugt mich forschend und lächelt.
   »Du siehst sexy aus in deinem heißen Höschen.« Ich sehe an mir runter und frage mich, ob Patrick mich deswegen so fasziniert angestarrt hat. Nachdem ich das Haargummi gelöst habe, schüttle ich den Kopf leicht, um meine Haare zu entwirren.
   »Ich soll dich grüßen. Patrick war im Laden, wollte Frau Sneyder besuchen.«
   Tim zieht erstaunt die Augenbrauen hoch. »Na so was, kennt er sie?«
   »Sie muss eine Art Anlaufstelle zum Quatschen für ihn gewesen sein.«
   »Wie geht es ihm? Und Aimy?« Ich zucke die Achseln und beobachte, wie Tim die Eiermasse in die Pfanne kippt.
   »Keine Ahnung, er wirkte auf mich ein wenig verloren.« Nachdenklich beobachte ich Tim beim Rühren. Ja, das trifft es gut. Patrick schien eine Art Zuhause zu suchen.
   »Alles okay bei dir?« Besorgt mustert Tim mich.
   »Klar, alles gut, ich gehe noch schnell duschen.« Entschlossen stehe ich auf und nehme mir vor, nicht mehr an Patrick zu denken.

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