Nach einem etwas holprigen Start in Deutschland geht es für Lara und Lou für einige Jahre ebenso wenig gradlinig weiter, bis sie sich endlich den Traum von der eigenen Farm erfüllen können. Nachdem Patrick und Aimy an einem Schicksalsschlag zu zerbrechen drohen, taucht plötzlich auch in Laras und Lous Umfeld eine Bedrohung auf, die sie lange für überwunden hielten und die ihnen nun das Liebste nehmen will. Doch hat diese Person nicht mit den drei „L“ gerechnet, einem Team, besser als es die drei Fragezeichen je gewesen sind.

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ISBN: 978-9963-53-691-7

Seiten: 248

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Jutie Getzler

Jutie Getzler
Jutie Getzler lebt mit ihrem Mann, ihren Söhnen, einer Katze, einem Häschen und vielen Goldfischen in einem kleinen Vorort Dormagens zwischen den Großstädten Köln und Düsseldorf. Neben dem Schreiben, was sie am meisten interessiert, arbeitet sie als chemisch-technische Assistentin und zumeist in den Abendstunden als Yoga- & Pilates-Trainerin. Einer Eingebung zufolge begann sie im Sommer 2003 mit dem Schreiben. Völlig blauäugig hämmerte sie innerhalb eines halben Jahres über tausend Seiten einer fünfteiligen Geschichte in ihren Computer, die unaufhaltsam wuchs. Sie hatte keine Ahnung, wie sie aus diesem Wust an Text ein Buch zauberte. Es kostete sie elf Jahre und mehr als drei Startversuche, aus diesem Chaos-Manuskript ein vernünftiges Buch zu kreieren, vor allem ein „gut lesbares“ Buch. Drei der fünf Manuskripte erschienen im Juli 2016 als interaktiver Roman, der inzwischen auch drei kleine Ableger bekommen hat, die über das Jahr 2017 verteilt erschienen sind.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Der nächste Morgen, Ende September

Die Bettdecke fühlt sich klamm an. Mit zu Fäusten geballten Händen liege ich da und spüre ein Rinnsal zwischen meinen Brüsten, kaum dass ich einigermaßen wach bin. Mein Nacken schmerzt, mein Kopf ebenso. Ich muss total verkrampft da gelegen haben, wenn selbst die Arme wehtun. Vorsichtig bewege ich jeden einzelnen Finger und muss feststellen, dass die Gelenke auch erst wieder gängig gemacht werden müssen. Was habe ich letzte Nacht getrieben? Eine bleierne Müdigkeit steckt mir in den Knochen, und ich spüre einen üblen Druck auf dem Herzen, der mir die Atmung erschwert. Auch wenn ich mich bemühe und zwingen muss, entspannen gelingt kaum.
   Betont langsam kralle ich meine noch steifen Finger in die Decke und versuche, sie höherzuziehen, da ich am ganzen Leib zittere, als hätte ich einen Fieberanfall mit Schüttelfrost, aber sogar das ist anstrengend und bringt auch überhaupt nichts, denn davon wird mir nicht wärmer. Ich fühle mich wie gerädert, vollkommen schwach, und allein die Augen offen zu halten fällt unsagbar schwer.
   Die Erinnerungen an den Vorabend klammern sich wie unliebsame Folterinstrumente an mir fest, als möchten sie mich nie mehr loslassen. Was habe ich nur angerichtet?
   Stille im Raum, außer einer tickenden Uhr ist nichts zu hören. Behäbig drehe ich den Kopf zur Seite und fixiere die Zeiger. Sieben Uhr. Draußen wird es langsam hell. Die Tropfen an der Fensterscheibe und das Pfeifen des Windes ums Häusereck lassen ein grauenhaftes Wetter erahnen. Welcome back to Germany, denke ich verbittert, und selbst in Gedanken ist Sarkasmus durchaus möglich. Ich stoße einen Seufzer aus, der meinen Brustkorb kurz zum Vibrieren bringt. Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich mindestens zwei Stunden am Stück geweint, bevor ich in einen unruhigen und wenig erholsamen Schlaf geglitten war. Was hätte die Sache mit Lou und mir in Deutschland schön werden können, wäre ich nur nicht so selten dämlich gewesen, zu glauben, meine Lügerei würde nicht auffliegen.
   Ich wünsche mir eine Dusche. Meine Haut ist feucht, das T-Shirt klebt an mir wie ein Neoprenanzug. Ich hatte einen fürchterlichen Albtraum, der mich dermaßen mitgenommen hat, dass diese nächtliche Schwitzattacke nicht verwunderlich ist.
   Lou ist abgehauen, hat sich seine Tasche geschnappt, mir einen letzten enttäuschten Blick zugeworfen und ist danach wortlos aus der Wohnung gestürmt. Vollkommen normal, nach einem solchen Traum verschwitzt und gerädert zu sein. Mein Atem geht stoßweise, was für eine Horrorvorstellung.
   Im nächsten Moment überfällt mich ein Panikgefühl. Was, wenn das vielleicht gar kein Traum gewesen ist? Ist er wirklich weg? Wie konnte all das nur geschehen?
   Nach einigen verzweifelten Anläufen rapple ich mich mühevoll hoch, wanke zur Wohnzimmertür und drücke möglichst geräuschlos die Klinke nach unten. Ängstlich linse ich durch den Türspalt, wage dabei kaum zu atmen, dermaßen angespannt und nervös bin ich.
   Lou liegt auf der Couch, die Hände hinterm Kopf verschränkt und starrt mit weit offenen Augen an die Decke. Sogar das Klimpern seiner langen dunklen Wimpern kann ich von hier aus erkennen. Ich halte kurz die Luft an. Meine Güte, die Situation ist unerträglich. Wie gern möchte ich zu ihm hinübergehen und mich entschuldigen, immer und immer wieder. Meine Nase kitzelt, mit unterdrücktem Atem schlucke ich und habe im selben Moment Schiss, ich muss niesen und er entdeckt mich.
   Ebenso lautlos wie zuvor versuche ich, die Tür zu schließen, in der Hoffnung, er bemerkt mich nicht doch noch.
   Ich verfluche meine Feigheit. Ja, ich habe nicht einmal den Mumm, ihm gegenüberzutreten. Meine Kehle schnürt sich kontinuierlich ein wenig enger zusammen. Als ob ständige Entschuldigungen irgendwas bewirken würden, motzt eine Stimme in meinem Innern. Einmal Vertrauen zerstört, für immer verschissen. Dieser selbstzerstörerische Gedanke treibt mir ein Frösteln über die Haut und setzt sich in meinem Kopf fest. Das bist du selbst schuld, du solltest dich schämen. Warum hast du ihm nicht am ersten Tag gesteckt, dass Patrick der Grund deiner Reise war. Bestimmt hätte er sich trotzdem in dich verliebt, nörgelt die Stimme weiter.
   Ich drehe der Tür den Rücken zu und ziehe mich klammheimlich zurück. Mutlos lasse ich mich auf mein Bett sinken und starre die Wand an. Die Stimme in meinem Hinterkopf hat recht, aber ich hasse sie trotzdem.
   Ich will ihn in seinem Kummer nicht stören und sollte lieber abwarten, bis er bereit ist und aus eigenem Antrieb das Gespräch mit mir sucht. Bestimmt braucht er Zeit, diesen Vertrauensbruch zu verarbeiten, sollte er das überhaupt jemals hinbekommen. Rechtfertige ich damit nicht nur meine Feigheit? Vermutlich, aber die Unsicherheit hat mich voll im Griff. Mein Blick fällt auf den unausgepackten Koffer, erinnert mich an die wunderbaren zehn Tage die hinter mir liegen. Soll diese schöne Zeit tatsächlich an diesem Punkt schon enden? Lous Reisetasche ist verschwunden. Vermutlich hat er sie mit ins Wohnzimmer genommen. Ein Wunder, dass er noch hier ist. Ich an seiner Stelle hätte eine Schwindlerin und Verräterin wie mich von jetzt auf gleich verlassen. Ohne Kompromisse. Besonders, da ihm diese quälend belastende Situation nur allzu bekannt vorkommen dürfte, ihn nun in die gerade erst verarbeitete Stalking-Attacke von dieser verrückten Nancy zurückschubst. Ich fahre mir durch die Haare, kralle meine Finger in die Haaransätze, so dass es ordentlich ziept. Wird er mich nie wieder Shakira nennen, mich nie wieder so liebevoll ansehen wie gestern noch? Was bin ich doch für ein sagenhafter Hornochse. Nicht zu fassen. Reise wegen eines hübschen Schauspielers um die halbe Welt und verheimliche vor Lou, dass es sich dabei ausgerechnet um seinen Bruder handelt, an den ich Monate zuvor mein Herz verlor, als der mir in der Pilotfolge von SmartTown zum ersten Mal in die Augen schaute. Und das, obwohl mir durchaus bewusst war, dass Lou eine solche Sache kein zweites Mal durchstehen würde, nachdem seine Ex-Verlobte eigentlich nur eben diesen Schauspieler, seinen Bruder Patrick, haben wollte und nicht ihn. Monatelang hat sie ihm etwas vorgemacht, und nun komme ich und …!
   Kopfschüttelnd fahre ich mit dem Haare raufen fort, bis ich einen unangenehmen Hohlraum im Magen spüre, der in ein Knurren übergeht. Verdammt, der Kühlschrank ist leer. Hier gibt es keine Caroline, wird mir schmerzlich bewusst. Mit Wehmut denke ich an die letzten Tage vor unserem Abflug zurück. Wie glücklich wir vor einigen Stunden noch waren. Wie wundervoll unsere gemeinsame Zeit in Carolines Bed & Breakfast-Pension gewesen ist.
   Gestern mit ihm im Flugzeug zu sitzen, war mit einem Schweben im siebten Himmel vergleichbar. Der unsanfte Absturz von meiner weißen flauschigen Wolke, auf den harten Boden der Realität, lastet noch immer wie ein Zementbrocken auf meiner Seele.
   Mühsam schäle ich mich aus den verschwitzten Klamotten, schlurfe ins Bad und steige in die Wanne. Patrick lächelt mich an, womit er für eine unbändige Wut sorgt, die unweigerlich in mir hochkocht. Er kann überhaupt nichts dafür, reglementiere ich mich selbst. Vor allem darf er all das auf keinen Fall erfahren, nichts davon, niemals.
   Meine Güte, das würde seine Vorbehalte bezüglich Lous spontaner Entscheidung, mit mir nach Deutschland zu gehen, nur bestärken, all seine Zweifel rechtfertigen, sein Misstrauen nur noch mehr anheizen. Lou würde weiter in seinem Ansehen sinken. Das zweite Mal, dass er auf eine trifft, die eigentlich ihn, Patrick, den Serienstar, klasse findet. Eine, der man nicht trauen kann und die seinetwegen um die halbe Welt gejettet ist. Eine Lügnerin und Betrügerin. Der nächste verrückte Fan, der seiner Familie nur Kummer und Sorge bereitet.
   Leichte Übelkeit steigt in mir auf, während mein Hirn die schauderhaftesten Gedankengänge produziert, sie wie das kommende Drehbuch für einen Psychothriller weiterspinnt. Ich seife mich wie eine Wilde ein, der Schaum hängt an mir wie klebrige Zuckerwatte an einem gierigen Kindermund. Viel zu viel Duschgel habe ich genommen, als ob ich die Qualen und mein schlechtes Gewissen damit abwaschen könnte. Lou muss sich von mir trennen, ich sehe keinen anderen Ausweg. Vielleicht kann er Patrick und Aimy erzählen, mit uns hätte es in Deutschland auf engem Raum nicht funktioniert. Wir hätten uns nur noch gestritten oder eine ähnlich dramatische Story.
   Allein der Gedanke daran lässt mich erschaudern, bohrt ein noch tieferes Loch in meine sowieso schon klaffende innerliche Fleischwunde. Ein reißender Schmerz durchzieht meinen Körper, als würde mich ein spitzes Messer durchlöchern. Himmlische Scheiße! Ich kann mir ein Leben ohne Lou nicht mehr vorstellen. Will ich auch nicht.
   Das Wasser tropft aus meinen Haarspitzen, während ich den Hebelmischer wenig sanft nach unten drücke und den Duschkopf in die Halterung einhänge, damit ich die Hände freihabe, um endlich dieses verdammte Porträt von der Wand zu reißen. Hätte ich vor Monaten nur ahnen können, was mir mit dem Aufhängen dieses Posters ein schicksalhafter und Unglück bringender Moment bevorsteht, hätte ich es niemals an diese Wand gepinnt. Tränen treten in meine Augen. Was hatte ich zu dieser Zeit einen Schmerz im Herzen, eine für mich nicht mehr nachvollziehbare Obsession für Patrick, die mir gerade so unwirklich erscheint. Ich muss in einer wirklich tragischen Lebensphase gesteckt haben, anders kann ich mir das nicht erklären.
   Schwungvoll reiße ich das Bild ab. Biggi wird überhaupt nicht im Bad gewesen sein, nachdem sie von mir den Auftrag erhielt, alle Bilder von Patrick verschwinden zu lassen. Ein Poster solchen Formats kann man unmöglich übersehen.
   Sekunden später hocke ich auf einem Handtuch vor dem Badewannenrand und zerstückle das große Patrick Foto in winzig kleine Miniaturfetzen. Seine Haare, seine Ohren, seine Augen, seinen schönen lächelnden Mund. Alles wird akkurat zerkleinert, bis nicht mehr viel von seinem perfekten Model-Gesicht übrig ist. Ich hasse ihn nicht. Ich hasse auch Biggi nicht, die das Bild offensichtlich nicht wahrgenommen hat. Ich hasse nur mich. Tränen rinnen aus meinen Augenwinkeln, bedeutet diese Prozedur nicht nur das Ende meiner eingebildeten Liaison mit Patrick, sondern vor allem das Ende der echten und schönsten, die ich je in meinem Leben hatte.
   Schluchzend sitze ich schließlich neben einem Berg kleiner Papierschnipsel, die dank meiner Tränen und der tropfenden Haare zu kleinen pappigen Häufchen aufquellen, und tue mir selbst entsetzlich leid. Auch dafür solltest du dich schämen, nörgelt die Stimme in meinem Schädel weiter. Ich sehe mich nicht in der Lage aufzustehen, um den Papierbrei aufzusammeln. Eine schöne Schweinerei. Ein neuer Weinkrampf schüttelt mich, ich will einfach nur tot sein. Lou fehlt mir mit einem Mal so sehr, als würde er in einem Iglu auf Grönland hocken und nicht nebenan im Wohnzimmer. Mit geschlossenen Augen erinnere ich mich an seine liebevollen Gesten, sein wunderbares Lächeln und vor allem an die Gefühle, die er in den letzten Tagen in mir hat aufleben lassen. Ich wusste nicht, dass ich fähig bin, so für jemanden zu empfinden, den ich kaum kenne. Nach dem missglückten Versuch, Toilettenpapier für meine triefende Nase abzureißen, fällt auch noch die Rolle vom Halter und kullert in den Papierbrei. Für mein angeschlagenes Nervenkostüm ein erneuter Anlass, um in Tränen auszubrechen.
   »Hey, was machst du denn da?«
   Erschrocken halte ich inne und starre in die Richtung, aus der die Stimme kam, sanfter und unerwarteter als feinster Sprühregen in der marokkanischen Wüste. Lou steckt mit besorgter Miene den Kopf durch den Türspalt. Er öffnet die Tür weiter, tritt ein und sieht sich im Bad um.
   »O weh, mein armer Bruder, was hast du mit ihm angestellt?« Er streicht sich durch die Haare, die aussehen, als hätte er sich kaum gerührt letzte Nacht. Ebenso perfekt gestylt wie am Vorabend.
   Ich glaube, ein vages Zucken in einem seiner Mundwinkel zu erkennen und mustere ihn verblüfft. Er wirkt auf mich wie immer, cool und relaxt. Ist er nicht mehr sauer? Ich huste leise und es braucht drei Anläufe, bis meine Stimme nicht mehr klingt, wie eine blecherne hohle Laterne im Wind. Gebrechlich rasselnd und schleppend scheppernd.
   »Lou, ich wundere mich ehrlich gesagt, dass du noch hier bist. Wie geht es dir?«
   Er zieht die Augenbrauen hoch, zuckt die Achseln und hockt sich neben mich auf den Boden. »Wo soll ich denn hin, du bist ja witzig.«
   »Zurück, mit dem nächstbesten Flieger?«
   »Du spinnst. Wozu sollte das gut sein?« Sein Blick sucht meinen, seine braunen Augen schimmern in derselben Wärme wie eh und je.
   »Um mich zu vergessen, mich aus deinem Leben zu streichen. Die nächste Betrügerin, die dich quält, dir etwas vorgemacht hat. Ich bin es nicht wert, dass du bei mir bleibst.«
   Der rotzige und aufgebrachte Klang meiner Worte entlockt ihm ein Schmunzeln. Frische Tränen steigen in meine Augen, die ich nur mit Mühe daran hindern kann, sich zu zeigen.
   »Quatsch«, sagt er kopfschüttelnd und lächelt lieb, »ich lauf doch nicht weg, sobald es Probleme gibt.«
   Mir entweicht ein bitteres Lachen, das fast einem Aufstöhnen gleicht. »Das ist kein Problem  – das ist eine Katastrophe.« Geräuschvoll ziehe ich die Nase hoch und bemerke mein Zittern. Die Kälte der Fliesen und die der Wanne in meinem Rücken, wie auch meine nackten Füße, tragen ihren Teil dazu bei. Mit einem Mal ist mir total kalt.
   »Unsinn.« Er reicht mir seine Hand und zieht mich hoch. »Komm her, du solltest dir was überziehen, du wirst noch krank. Dann sprechen wir uns aus, okay?« Besorgt betrachtet er mich und deutet auf den breiigen, klebrigen Haufen am Boden. »Danach sollten wir die Reste meines Bruders entsorgen, sieht ja fürchterlich aus in diesem Bad.«
   Ich sehe indes einen Hoffnungsschimmer am Horizont aufflackern. Sein verständnisvolles Auftreten macht mir Mut. »Lou, mir tut all das so entsetzlich leid«, presse ich hervor und schlucke diese verdammten Tränen hinunter. Derweil zittere ich wie Espenlaub.
   »Ich weiß, komm jetzt  – du bist völlig unterkühlt.« Er legt mir ein Handtuch um die Schultern und führt mich vom Bad durch den kleinen Flur bis ins Schlafzimmer.
   Ich laufe zum Kleiderschrank, zerre ein frisches T-Shirt und eine Jogginghose heraus und sehe ihn abwartend auf meinem Bett hocken, als ich mich zu ihm umdrehe.
   Er beobachtet schweigend, wie ich den BH im Rücken verschließe. Während ich in die restlichen Klamotten schlüpfe, frage ich mich, was er letzte Nacht durchgestanden haben muss. Ob er auch nur fünf Minuten geschlafen hat? So sehr ich mich bemühe, mir gelingt nicht, seinen Blick zu deuten, was bisher nicht oft vorkam. Normalerweise ist sein Gesicht wie ein offenes Buch, leicht durchschaubar und für mich gut einschätzbar, was in ihm vorgeht. Heute jedoch nicht. Was würde ich dafür geben, darin lesen zu können.
   Als ich aufs Bett zugehe, um mich neben ihn zu setzen, starrt er mir gedankenverloren entgegen. Ich hoffe nur, ich habe mich so weit unter Kontrolle, um in den nächsten Minuten nicht wieder in Tränen auszubrechen. Die Uhr zeigt halb neun. Ich hatte keine Ahnung, dass ich über eine Stunde im Bad zugebracht habe.
   »Wirst du mir irgendwann verzeihen können?«, frage ich ihn leise. Er dreht sich zu mir, sieht mir in die Augen und knetet seine Hände im Schoß. Ich bemerke eine leichte Röte in seinen Pupillen, was meine Befürchtung bestätigt. Er hat geweint, letzte Nacht. Ihm wird es mies gehen, auch wenn er es nicht zeigt. Wie müde mag er sein? Allein dieses Wissen stülpt meinen Magen auf links und lässt mich schwer schlucken. Niemals wollte ich ihn derart leiden lassen.
   Sollte er mir nun mitteilen wollen, er halte es für besser, wir trennen uns, da ihm nach dieser Geschichte nicht mehr möglich ist, mir zu vertrauen, so sollte es bei meinem Anblick ein Leichtes für ihn sein, das durchzuziehen. Ich muss scheußlich aussehen. Verweinte rotgeränderte Augen, übernächtigtes, fahles Gesicht, umrahmt von nassem, strähnigem Haar. Ein Bild des Grauens. Mein Herz klopft wie wild in meiner Brust. Lou seufzt kaum hörbar.
   »Weißt du, Lara, ich bin in Gedanken noch einmal die letzten zehn Tage durchgegangen, habe mir alles, was du getan oder gesagt hast, durch den Kopf gehen lassen, und dabei ist mir klar geworden, dass die Vergangenheit keine Rolle mehr spielt in unserer gemeinsamen Geschichte.«
   Mein Herzschlag setzt für einen Atemzug aus, dermaßen überrascht bin ich. Damit hatte ich nicht gerechnet. Mit großen Augen sehe ich ihn an und bringe keinen Ton heraus.
   »Du hast bereits eine Erklärung abgegeben, am letzten Abend bei Aimy und Patrick, erinnerst du dich?«, fährt er fort.
   Ich nicke und kann über seine besonnene Art nur staunen.
   »Ich denke, die Ausgangssituation war eine völlig andere und ist nicht mit Nancys Stalkingattacke zu vergleichen. Ich glaube auch nicht, dass du mir irgendetwas vorgemacht hast. Okay, du hattest einen Traum, nur denke ich, du bist recht schnell auf den Boden der Realität zurückgekehrt.« Er räuspert sich kurz, und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. »Um genau zu sein, direkt, als wir uns auf dem Parkplatz kennenlernten, nicht wahr?«
   Ich nicke wieder, denn er hat absolut recht.
   Er umschließt mein Gesicht mit beiden Händen und lenkt seinen Blick in mein Innerstes, mitten ins Zentrum meines Herzens. Eine angenehme Wärme durchströmt mich.
   »Lara, ich habe unsere Verbundenheit von Anfang an gefühlt, während ich zwischen Patrick und dir nichts in der Richtung gespürt habe. Natürlich ist es ein Scheiß Gefühl zu wissen, dass du seinetwegen eine solche Reise unternommen hast, aber ich glaube, ich komme mit der Zeit darüber hinweg. Du kanntest mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, und er war für dich ohnehin ein Fremder. Nur ein wesenloses Bild in deinem Kopf.«
   Meine Knie beginnen mit einem Mal zu beben und ich springe wie von selbst auf. »Du bist unglaublich. Dein Ernst? Ehrlich?«, krächze ich. Meine Stimme vibriert, und ich habe das Gefühl, in den letzten Minuten das Atmen vergessen zu haben, denn plötzlich muss ich nach Luft japsen.
   Er nickt mir zu und lächelt dabei sein typisch sanftes Lou-Lächeln. Herrje, wie sehr ich das liebe. Erst jetzt bemerke ich, wie schön braun er in unserem Urlaub geworden ist und wie verteufelt gut ihm das steht. Vielleicht liegt es auch am Einfall des morgendlichen Lichts, dass seine Haut wie Bronze schimmert. Meine Güte, ich liebe ihn.
   »Ich weiß, dass du mich meinst, Lara, und nicht ihn. Ebenso sehr wie ich weiß, dass ich ohne dich nicht mehr klarkomme. Ich brauche dich.« Seine braunen Augen scannen mich ab und dringen in mein Innerstes, wo sie ihren Job, mein Herz zum Flackern zu bringen, gewissenhaft erledigen.
   Ich muss mich schwer zusammenreißen, nicht in Tränen auszubrechen, doch meine Mühe ist für die Katz. Wie ein Kleinkind, das gerade erfahren hat, dass es einen Hund zum Geburtstag bekommt, falle ich ihm um den Hals, und kann den Sturzbach, der sich löst, nicht einmal unter größter Anstrengung zurückhalten. Zu groß war die innere Anspannung, die nun wie ein warm gewordener Eisberg in sich zusammenkracht. Tränen der Erleichterung, weiter nichts.
   »Oh, Lou, du hast ja keine Ahnung, wie sehr ich dich brauche.« Ich knutsche seinen Hals, ziemlich stürmisch, wobei er das Gleichgewicht verliert und nach hinten aufs Bett kippt, was ich wiederum schamlos ausnutze, um mich in seine Arme zu kuscheln. Gemächlich streichelt er über mein Haar.
   Er gibt mir das Gefühl, alles wäre gut, als wäre nichts geschehen. Ich habe keine Ahnung, wie er das anstellt. Welche Kraft ihn das kosten mag. Ich weiß nur, dass ich alles andere nicht ertragen hätte. Und er höchstwahrscheinlich auch nicht. Insgeheim bewundere ich seine Stärke, nie war sie mir bewusster als in diesem Augenblick. Wir gehören zusammen. Er ist einfach fantastisch. Geräuschvoll ziehe ich die Nase hoch und wische meine Tränen mit dem Ärmel weg. Die Heulerei muss ein Ende haben.
   Lou richtet sich auf, beugt sich über mich und lächelt mich an.
   »Was Patrick wohl dazu sagen wird?«, meint er und zwinkert verschlagen.
   Entsetzt reiße ich die Augen auf. »Versprich mir, es ihm niemals zu erzählen.«
   Lou lacht nur, sodass seine ebenmäßigen Zähne wie eine weiße Perlenkette schimmern. »Lou …«, setze ich in bittendem Tonfall nach, woraufhin er meine Stirn mit kleinen Küssen übersät. Seine Reaktion auf die Sache zeugt von unübertroffener Reife und lässt mich ihn sprachlos anstarren. Ist er wirklich in der Lage, so locker über meinen Fehltritt hinwegzusehen?
   Scheint so, wie mir sein nachfolgender Kuss beweist. Er knutscht mich, als hätten wir uns drei Wochen nicht gesehen und ebenso lange keine Zärtlichkeiten ausgetauscht. Seine Begierde lässt mich alles vergessen. Die quälenden letzten Stunden, inklusive meiner Endzeitgedanken verschwinden in einem Meer schöner Gefühle, tauchen tief unter und ich hoffe, sie kommen in dieser Intensität nie wieder an die Oberfläche. Das ist mein Lou, niemand steckt so voller Leidenschaft und Verlangen.
   Er liebkost meine Augenlider, küsst meine Wangen, und ich spüre seine Liebe in jedem Winkel meines Herzens. Unsere Lippen verschmelzen miteinander, seine Zunge sucht sich ihren Weg, spielt mit meiner, erst zärtlich, dann fordernd. Seine Lust ist ansteckend. Alles ist wieder gut. Ich will ihn, am liebsten hier und jetzt. Seine Küsse verändern sich, sein Temperament nimmt mir fast den Atem. Hitze brennt zwischen meinen Schenkeln, ich spüre Feuchtigkeit. Mein Herz klopft wie blöde, als ich sein T-Shirt ungeduldig nach oben zerre und meine Hände seinen Rücken hinaufgleiten lasse, während er dazu übergeht, mir mein Oberteil über den Kopf zu ziehen. Er streichelt meine aus dem BH hervorquellenden Brustansätze.
   »Du bist so sexy. Wie könnte ich so jemanden verlassen?«, raunt er mir zu und schiebt seine Finger sachte unter den BH, um eine meiner Brüste freizulegen. Begierig saugt er daran, während die Feuchtigkeit nur so aus mir herauszuschießen scheint. Mir ist so heiß.
   Sein Verlangen ist unmenschlich. Er zerrt mir den BH hinunter, ohne ihn zu öffnen, schiebt mit der anderen Hand die Jogginghose, die ich eben erst angezogen hatte, hektisch über meine Beine nach unten, und drückt den Slip einfach zur Seite. Dann öffnet er den Reißverschluss seiner Jeans, und schon spüre ich seine harte Länge in mich eindringen. Wie wahnsinnig vor Leidenschaft stößt er zu, und ich liebe es. Er stöhnt, ich keuche vor Lust. Seine Küsse fordernd, ungestüm, feurig. Seine Sehnsucht macht mich absolut kribblig. Nachdem ich seine Hose weiter nach unten gezerrt habe, was nicht einfach war unter diesen widrigen Umständen, packe ich seine Pobacken und drücke seinen Penis noch tiefer in mich hinein. Die Hitze in mir gleicht einem Lavastrom, und mit einem Mal bäumt er sich laut stöhnend auf und sinkt schließlich kraftlos und verschwitzt über mir zusammen. Was für ein phänomenaler Versöhnunsquickie. Davon hätte ich gern mehr. Obwohl ich auf einen Streit zuvor gut verzichten könnte. Nur kann man leider das eine ohne das andere nicht haben, fürchte ich.
   »Lara, ich bin so verrückt nach dir, ich hätte dir vermutlich in diesem Stadium sogar eine Knutscherei mit Patrick verziehen«, flüstert er atemlos in meine Haare, sodass ich leise kichern muss.
   Wir lassen uns eng umschlungen auf das Laken sinken und reden eine Zeit lang kein Wort. Lou streichelt sanft über mein Haar, und ich fühle mich einfach nur zu Hause angekommen. Unser Leben in Deutschland kann beginnen.
   »Lou, ich danke dir«, nuschle ich in seine Armbeuge.
   Er lacht leise. »Wofür?«
   »Für dein Vertrauen und dein Verständnis.« In Vancouver hatte er mir erzählt, dass er nicht lange fackeln würde, sollte er noch einmal an eine geraten, die sich mit seinem berühmten Bruder brüsten und in den Vordergrund drängen will, so wie Nancy damals. Eine, die ihn als Trittbrett benutzt, um an Patricks Leben teilhaben zu können und damit ihre eigene Popularität aufmöbeln möchte. Er ist meist von Blitzlichtgewitter umgeben, und passt man nicht auf, ist man ohne Frage automatisch involviert.
   »Du hast ja keine Ahnung, Liebes. Du hast absolut nichts mit Nancy gemeinsam, so bist du nicht. Niemand ist wie sie. Du hast dich nur in Patricks Gesicht verknallt, nicht in den Menschen. Nancy war hinter dem gesamten Serienstar her, wie ein Blutegel wollte sie sich an ihm festsaugen. Ich habe dich beobachtet, wie du dich ihm gegenüber verhältst und da liegen Welten dazwischen. Also gewöhn dich dran, dass er irgendwann dein Schwager werden könnte.«
   Ich drehe mich zu ihm um und sehe ihm in die Augen. Sein Lächeln lässt mein Herz hüpfen wie einen Gummiball. »Damit habe ich kein Problem, sollte es irgendwann wirklich soweit kommen.« Lachend stürze ich mich auf ihn, um ihn erneut abzuknutschen.
   Wir finden wieder kein Ende und Stunden später, als die Uhr beinahe schon zwölf zeigt, haben wir endlich den nötigen Antrieb, um in den Tag zu starten. Die graue Wolkendecke hat sich noch immer nicht verzogen und auch der Wind scheint nicht abgeflaut zu sein. Daran werden wir uns gewöhnen müssen. Der Herbst kommt mit großen Schritten und wird uns meist mit wolkenverhangenem Himmel durch den Tag begleiten. Ganz normal in Deutschland.
   »Wir sollten einkaufen gehen, ich habe Hunger«, meint Lou cool, nachdem wir das Bett in meiner Wohnung wenigstens ansatzweise auf die Strapazen der kommenden Monate vorbereitet und die Badewanne im Zweiergespann eingeweiht haben. Wie immer war es wunderschön mit ihm, allerdings ist mir noch immer rätselhaft, wie er mir mein Versäumnis so schnell verzeihen konnte. Ich hatte keine Ahnung, wie wundervoll Versöhnungssex sein kann. Hoffentlich bemerken meine Nachbarn angesichts der ungewohnten Lautstärke nicht allzu schnell, dass ich neuerdings einen Untermieter beherberge.
   »Gute Idee, aber danach erkläre ich dir, wie die Waschmaschine funktioniert, okay?« Frohlockend grinse ich ihn an, was ihn nicht weiter zu interessieren scheint. Er lächelt gutmütig in meine Richtung.
   »Wenn es dich glücklich macht, Shakira.«

Kapitel 2
Etwa zwei Jahre später, Mai, Long Island (New York)

Ein lautes Klopfen an der Zimmertür lässt mich zusammenfahren.
   »Hey, halt still, nicht bewegen«, flüstert Aimy.
   »Was macht ihr zwei bloß so lange da drin?«, hören wir Lou ungeduldig fragen. Er bearbeitet das Holz der Tür, als imitiere er eine hungrige, kleine Katze, die an der Pforte ihres dahinter verborgenen Futterreservoirs kratzt.
   »Ich mache Lara hübsch, was denn sonst?«, ruft Aimy Richtung Tür. Mit konzentriertem Blick lässt sie das Mascara-Bürstchen durch meine Wimpern gleiten.
   »Sie ist von Natur aus wunderschön, warum dauert das bloß so ewig?«
   Lou klingt gereizt. Eine Seltenheit, die ich nicht sehr oft erlebt habe, seit ich ihn kenne.
   »Aimy, wo in aller Welt bleibt Patrick eigentlich? Er hat die Ringe. Mum und Dad warten, wir wollen los.«
   Aimy und ich werfen uns einen verwunderten Blick zu. Sie verdreht die Augen, eine Reaktion, die sie in letzter Zeit häufiger zeigt, wenn es um Patricks Unzuverlässigkeit geht.
   »Keine Ahnung, eigentlich wollte er längst hier sein.« Sie wirft einen schnellen Blick auf die große, kitschige Standuhr in Schwiegerelterns Schlafzimmer, in dem wir uns befinden. »Vielleicht ist er direkt zur Kirche gefahren. Ruf ihn doch einfach auf dem Handy an.« Ihre Stimme klingt bemüht gelassen, doch sie beißt sich kurzzeitig auf die Unterlippe. Dann legt sie einen Finger unter mein Kinn, hebt es leicht an, um mit einem Schwämmchen sanft Make-up in meinem Gesicht zu verteilen. Mit leicht gekräuselter Stirn lasse ich die Behandlung über mich ergehen, denn ich hasse Make-up. Aber heute muss das sein, außerdem habe ich Aimy vollkommen freie Hand gegeben, und versprochen mich nicht zu wehren.
   »Okay, ich versuch’s, aber sag du ihm auch noch mal Bescheid, falls er noch herkommen sollte. Wir fahren schon mal vor. Der kann was erleben, glaub mir.« Lous Stimme klingt inzwischen leicht genervt. Ich versuche, ihn mir in dem Anzug vorzustellen, der ihm so unfassbar gut steht, und eine unbändige Freude steigt in mir auf.
   »Lou, du bist ja nervöser als bei deiner Doktorprüfung vor einem Jahr, kann das sein?«, stellt Aimy feixend fest, wobei sie mir zuzwinkert und sich ein Lachen regelrecht verkneifen muss.
   Ich beobachte sie unterdessen im Spiegel und habe mit einem Mal das Gefühl, Lou beruhigen zu müssen.
   »Keine Sorge, Schatz, ich werde ganz bestimmt Ja sagen«, rufe ich ihm durch die verschlossene Tür zu.
   »Ha, wie witzig. Da geht’s mir doch gleich viel besser.« Sein spottender Unterton ist nicht zu überhören. »Bis gleich, ihr Süßen.« Wie durch ein Wunder klingt er weitaus beruhigter, fast besänftigt.
   Wir hören seine Schritte, die sich von der Tür entfernen. Auf einmal stoppen sie. Er scheint kehrt zu machen und zurückzukommen. Es klopft noch mal, dieses Mal um einiges leiser.
   »Noch was, bevor ich es vergesse: Aimy, komm bloß nicht auf die idiotische Idee, Lara so eine dämliche Hochsteckfrisur zu verpassen. Ich möchte eine wallende lockige Shakira-Mähne sehen, okay?« Ich kann mir Lous schalkhaftes Grinsen geradezu vorstellen, wie unschwer an seinem Tonfall zu erkennen. Aimy rollt schmunzelnd die Augen.
   »Was ein Pech, ich habe Stunden damit zugebracht, diese kunstvolle Frisur hinzubekommen, damit der meterlange Schleier gut hält. Zu schade, damit musst du wohl jetzt leben«, flötet sie zuckersüß, spitzt die Lippen, legt den Zeigefinger darauf und kichert leise.
   »Ich merke, wenn du lügst«, entgegnet Lou unbekümmert und lacht sein typisches kurzes Vibrato-Lou-Lachen, das ich so mag. »Ich bin dann mal weg, wir sehen uns!«
   Die Schritte entfernen sich. Man hört, wie er die Treppe runterläuft. Kurze Zeit später fällt die Haustür zu.
   Ich grinse Aimy im Spiegel an, die gerade in geschickten fließenden Bewegungen und mithilfe eines Lockenstabs Wellen in meine langen Haare dreht.
   »Wir sind gleich fertig, wie findest du dich?«
   »Du bist echt begabt, hast du ganz toll hingekriegt. Lou wird begeistert sein.« Ich drehe mein Gesicht vorsichtig von links nach rechts, um die Frisur besser begutachten zu können.
   »Danke schön. Bist du sehr nervös?«
   Ich schüttle den Kopf. »Nein, überhaupt nicht. Eher freue ich mich wie bekloppt. Ein weiterer kleiner Schritt in unsere Zukunft.«
   Das Geräusch eines Schlüssels unten in der Haustür lässt mich verstummen. Wir werfen uns einen erstaunten Blick zu, und kurz darauf fällt die Tür krachend ins Schloss. Ich dachte, wir wären allein im Haus.
   »Hallo, noch jemand da?«, hören wir Patrick durchs Haus brüllen.
   »Zieh schon mal dein Kleid an, ich komm gleich wieder.«
   Aimy läuft aus dem Zimmer, und im nächsten Moment redet sie auf Patrick ein. Soweit ich es mitbekomme, ist er aus Versehen zu Lous und meinem Haus gefahren, anstatt hierher, zu seinen Eltern, zu kommen. Hat der Gute bei den Planungsgesprächen für die Hochzeit mal wieder nicht richtig hingehört?
   Wir wohnen zwar nur einige Straßen entfernt, aber dieser Patzer bringt trotzdem den Zeitplan durcheinander.
   Ein günstiges Haus in der sündhaft teuren Wohngegend meiner Schwiegereltern zu finden, war nicht einfach, als wir damals aus Portland herkamen. Nun wohnen wir am Rand von Brentwood, in einem kleinen blauen Holzhaus mit ebenso kleinem Grundstück, gerade so groß wie ein Tennisplatz. Mir gefällt es, während Lou oft an der Gegend herumnörgelt. Okay, die gut situierten Leute leben tatsächlich einige Blöcke von uns entfernt und unsere Nachbarn sind teilweise recht eigenartig, aber dennoch lässt es sich gut leben in unserem Häuschen. Hin und wieder wird deutlich, wie sehr Lou in jungen Jahren verwöhnt wurde, also versuche ich, stetig ein wenig dagegen anzusteuern.
   Ich werfe einen Blick in den Spiegel und kann kaum abwarten, ihm gleich in der Kirche gegenüberzustehen. In den letzten Jahren waren wir keinen Tag voneinander getrennt, doch schon nach einem halben fühlt es sich an, als fehlte ein Stück von mir.
   Vorsichtig schlüpfe ich in den Reifrock des schönsten Hochzeitskleides, das ich je zu sehen bekommen habe, und mache mir derweil Gedanken über Patrick. Sein Job saugt ihn in eine Welt fernab der Realität. Die Serie geht im Herbst in die nächste Staffel und fordert ihn augenscheinlich immer mehr. Seit unserem Kennenlernen, damals vor knapp zwei Jahren in Vancouver, sehe ich ihn nur noch sporadisch, meist an Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten. Nicht einmal in den vier drehfreien Monaten im Jahr gönnt er sich eine Verschnaufpause, übernimmt stattdessen in dieser Zeit noch Rollen in Kinofilmen. Ich frage mich oft, wie lange das noch gut geht und er diesen Stress verkraftet.
   Aimy betritt mit einem kleinen hübsch verpackten Geschenk in der Hand den Raum, während ich mit dem Reißverschluss im Rücken kämpfe. Sie reicht mir ihre helfende Hand.
   »Okay, Patrick macht sich auf den Weg. Bist du soweit? Wir müssen uns auch sputen.«
   Ich nicke, stehe in meiner Wolke aus Tüll und Spitze vor dem Spiegel und betrachte mich aus jedem erdenklichen Winkel. Der Rock weit, die Korsage eng, erinnert mich an die Kleider aus den Sissi-Filmen.
   »Du siehst atemberaubend aus, ehrlich«, sagt Aimy mit verzücktem Gesichtsausdruck. Schnell schlüpfe ich in die geliehenen Brautschuhe, die mir rein zufällig haargenau passen, und schnappe mir die kleine, mit Strass besetzte Tasche, die mir meine Schwiegermutter aus ihrem Fundus gegeben hat. Etwas Altes und etwas Geborgtes habe ich. Nun fehlt noch was Neues. Suchend blicke ich mich um.
   »Hier, von Patrick. Er sagt, du brauchst etwas Neues«, meint Aimy mit einem Grinsen, als könnte sie Gedankenlesen, und streckt mir das in Goldfolie verpackte Minipaket entgegen.
   Erstaunt ziehe ich die Augenbrauen in die Höhe. Ist Patrick deswegen zu spät, und seine Tour zu unserem Haus war nur vorgeschoben?
   Aimy lächelt, als wüsste sie, was sich unter der schimmernden Folie verbirgt. Ich wickle das Geschenkpapier ab und öffne gespannt die zum Vorschein kommende kleine Schmuckdose, in der sich unter einem Samtkissen ein paar Ohrringe verstecken, die nicht nur sündhaft teuer aussehen, sondern auch wunderschön sind. Ihr Anblick lässt mich Aimy sprachlos anstarren.
   »Wow«, hauche ich ergriffen, und nestle einen davon aus dem roten Samt.
   Lou und ich sind immer knapp bei Kasse, während Patrick und Aimy kaum die Zeit haben, ihr Geld auszugeben. Lou hadert oft mit diesem Schicksal. Nicht selten muss ich ihn aufbauen und ihm klarmachen, dass wir ein gemeinsames Leben haben und das Glück somit in anderer Hinsicht auf unserer Seite ist. Ja, Aimy und Patrick haben wirklich nicht viel Zeit füreinander, und oft merkt man den beiden ihren Frust auch an. Wir dagegen sind irrsinnig glücklich miteinander, auch wenn wir in einem kleinen Haus zur Miete wohnen und beide arbeiten müssen, um für unseren Traum, die eigene Farm mit integrierter Tierarztpraxis, sparen zu können.
   Meist arbeite ich am Wochenende oder in den Abendstunden, seit ich den Schein als Pilates- und Yoga-Trainerin in der Tasche habe. Der Job macht mir Spaß. Ich liebe es, Sport zu treiben, andere zu motivieren, und habe somit mein Hobby zum Beruf gemacht. Meine Kurse sind gut besucht, Freundschaften haben sich dadurch auch schon ergeben. In New York achten viele gut betuchte Frauen auf ihren Körper, ebenso wie in Los Angeles.
   Patrick und Aimy haben in den letzten Jahren schwere Zeiten durchmachen müssen, wovon sie sich meiner Meinung nach noch immer nicht komplett erholt haben, sich sogar meines Erachtens mehr und mehr voneinander entfernen. Patrick stürzt sich in seine Arbeit, während Aimy kaum noch aus dem Pferdestall herauskommt, und von einer Pferdeauktion zur nächsten hetzt. Sie liebt Pferde über alles und Dressurreiten ist zu ihrem Hobby geworden, was bald weit darüber hinausgeht. In letzter Zeit nimmt sie an Wettbewerben teil, hat schon diverse Preise gewonnen und wird langsam zur Profi-Dressurreiterin. Patrick kümmert sich in erster Linie um seinen Job, da er zu anderem ohnehin kaum Zeit hat.
   »Ihr seid verrückt, die sind fabelhaft«, flüstere ich überwältigt.
   Aimy hilft mir, die Ohrringe an ihren vorbestimmten Platz anzubringen. Kleine, glitzernde Diamantsplitter, die von einer Perle herabhängen, an der der Stecker befestigt ist.
   Die Ohrringe passen genau zu der Kette, die mir Lou letzten Monat zum achtundzwanzigsten Geburtstag geschenkt hat. Dafür ist bestimmt ein komplettes Monatsgehalt draufgegangen.
   »Komm, wir müssen los.« Aimy wirft einen gehetzten Blick auf ihre Uhr. Sie rückt noch schnell den Haarreif mit dem kleinen Schleier auf meinem Kopf zurecht, der ehrlicherweise nicht größer als ein Küchenhandtuch ist, und führt mich zur Treppe. Lou wird staunen, hat sich doch die angeblich meterlange Schleppe zu guter Letzt in einen kaum erwähnenswerten Schleier verwandelt. Allerdings bin ich nicht sicher, ob Aimy ihn in die Irre führen konnte, er kennt sie zu gut, und sie lügt zu schlecht.
   Vorsichtig, den Blick konzentriert nach unten gerichtet, eine Hand am Geländer und die andere im Tüll des Rocks, um ihn ein wenig hochzuraffen, steige ich die Stufen hinab. Bloß nicht stolpern. Das könnte fatale Folgen haben.
   »Wow, Lara, du siehst absolut umwerfend aus«, höre ich Patricks begeisterte Stimme. Er pfeift leicht durch die Zähne. Erstaunt hebe ich meinen Blick. Ich dachte, er wäre längst losgefahren.
   »Oh, danke – du Charmeur.« Ich strahle ihn an und falle ihm um den Hals. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, freue ich mich wie irre, was leider nicht mehr allzu oft vorkommt. Trotzdem sind wir in den letzten Jahren die besten Kumpels geworden.
   »Danke für die …« Ich zeige auf meine Ohren und verdrehe die Augen hingerissen. »Sag mir bloß nicht, die Steine sind echt.« Er rümpft die Nase und bedenkt mich mit einem langen Blick, der mir sagt, das Gegenteil ist der Fall.
   »Natürlich sind die echt, genau wie die Perlen. Nur das Beste für dich, Schönheit.«
   Er lacht, und ich stelle fest, wie fantastisch er heute wieder aussieht in dem dunklen Anzug.
   »Pass gut drauf auf, okay?« Er räuspert sich mit einem vorsichtigen Blick in Aimys Richtung.
   »Gut, ich wollte nur warten, um den Anblick, wenn du runterkommst, nicht zu verpassen. Ich lass euch jetzt allein. Mein Wagen ist voll, die warten sicher schon ungeduldig. Aimy fährt dich, wir sehen uns vor der Kirche wie abgemacht.« Er schenkt mir eins seines umwerfenden Lächelns und zwinkert mir zu. »Ich bin der einzig wahre Brautführer, das kannst du mir glauben.«
   Ein Punkt meiner Hochzeitswunschliste. Von Patrick zum Altar geführt zu werden. Mein Vater lebt lange schon nicht mehr, so war Patrick meine zweite Wahl. Keine üble, wie mir in diesem Augenblick klar wird. »Ich nehme dich beim Wort«, rufe ich ihm lachend hinterher, als er schon halb aus der Haustür ist.

Nachdem Aimy und ich den Kampf gewonnen haben, mich unbeschadet mitsamt meiner Tüllwolke in den Wagen zu verfrachten, rollen wir durch ruhige, asphaltierte Nebenstraßen der gehobenen Wohngegend von Long Island. Hier würde Lou gern wohnen, was wir uns aber nicht leisten können. Inzwischen spüre ich eine ganze Heerschar an nervösen Impulsen durch meinen Körper jagen, die dafür sorgen, dass ich ziemlich stumm neben Aimy auf dem Beifahrersitz verharre, und versuche, an nichts zu denken.
   »Seit du diese Kurse gibst, hast du eine noch bessere Figur als vorher, echt zum neidisch werden«, stellt Aimy auf der Fahrt zur Kirche nach einem tiefen Seufzer fest.
   Verblüfft mustere ich sie von der Seite. »Komm schon, wenn du diese Hormontherapie erst hinter dir hast, nimmst du ganz schnell wieder ab«, tröste ich sie. Sie nickt leidgeprüft, und zum ersten Mal bemerke ich einen Hauch von Mutlosigkeit in ihrer Stimmung. Ihre traurig schimmernden, dunklen Augen versetzen mir einen Stich.
   »Weißt du, es tat weh, zu sehen, wie Patrick dich eben angestarrt hat. Er ist dein zweitgrößter Fan, weiß du.« Sie lenkt den Wagen auf die Hauptstraße und stößt einen erneuten Seufzer aus. »Ich fühle mich wie ein aufgeblähter Hamster im Fellmantel neben dir, total unattraktiv.«
   »Du spinnst, du siehst klasse aus.« Ich werfe ihr einen verstohlenen Blick zu. Diese Art Selbstzweifel kannte ich bei ihr bisher nicht.
   »Meinst du?« Leise Bedenken schwingen in ihrer Stimme mit.
   Patrick ist tagtäglich mit den hübschesten Schauspielerinnen zusammen, seine Serienpartnerinnern sehen der Reihe nach Bombe aus und oft schon fragte ich mich, wie Aimy das verkraftet, wenn er die auch noch vor laufender Kamera abknutschen muss. Mit einem Mal tut sie mir ungeheuer leid. Erst die Fehlgeburt, und nun diese selbstquälerischen Minderwertigkeitsgefühle. Dabei liebt Patrick sie über alles, das weiß ich genau.
   »Auf jeden Fall! Ähm, ich habe dich bisher nie gefragt, Aimy, weil – hm  – ich wollte die Wunde nicht aufreißen, aber nun sind zwei Jahre vergangen. Weiß man eigentlich inzwischen den Grund – ich meine – warum damals das Baby …?« Ich halte inne, wage nicht, es auszusprechen.
   Was haben die beiden gelitten, nachdem Aimy im sechsten Monat eine Totgeburt erlitt. Sie und Patrick hatten sich so sehr auf ihr erstes Kind gefreut.
   Kurz, nachdem Lou in Düsseldorf einigermaßen heimisch geworden war, teilte uns Aimy mit, wie begeistert Patrick auf ihre Schwangerschaft reagiert hatte, und schickte uns obendrein regelmäßig die neuesten Ultraschallbilder zu. Anfangs ging es ihr gut, sie war zwar müde, aber ansonsten schien alles in Ordnung zu sein.
   Als wir uns Weihnachten in Portland an Amerikas Ostküste bei der ersten großen Familienzusammenführung wiedersahen, strahlte Aimy vor Glück. Sogar ein kleines Bäuchlein war bereits zu erahnen.
   Im Frühjahr des darauffolgenden Jahres bekamen wir von Patrick die Schreckensnachricht übermittelt, Aimy hätte im Krankenhaus ein totes Baby zur Welt bringen müssen. Kein Mensch wusste genau, wie das geschehen konnte. Wir waren total geschockt, haben am Telefon so gut es ging versucht, Aimy aufzubauen, aber sie fiel in eine tiefe Depression. Niemand schaffte es, sie zu trösten, für eine lange Zeit nicht.
   Am darauffolgenden Weihnachtsfest sahen wir sie erst wieder. Ich erinnere mich, wie sehr sie sich verändert hatte, als wäre es gestern gewesen. Das Strahlen in ihren braunen Augen war verschwunden. Keinerlei Zuversicht, nicht ein Funken Hoffnung, war ihr anzumerken, kein echtes Lächeln entwich ihr. Mit dem Baby schien all ihre Lebensenergie fort gegangen zu sein. Sie wirkte blass, und man sah ihr das Leid förmlich an. Selbst Patrick litt Höllenqualen. Die beiden versuchten, so schnell es ging, wieder schwanger zu werden, was bisher wenig erfolgreich war. Aus irgendeinem nicht ersichtlichen Grund will die Sache nicht mehr funktionieren. Selbst die Hormone, die Aimy bestimmt zehn Kilo zusätzlich beschert haben, scheinen wirkungslos zu sein. Ich wünschte, ich könnte helfen, doch das Einzige, was ich tun kann, ist: Abstand von einer eigenen Schwangerschaft nehmen. Ich glaube, dann würde Aimy sich noch unvollkommener und unfähiger fühlen und ihre Komplexe würden explodieren wie ein rohes Ei in der Mikrowelle. Wie gut, dass Lou und ich an alles Mögliche denken, nur nicht an Kindersegen in den nächsten Jahren.
   »Nein, leider nicht. Manchmal passiert so etwas einfach. Die Obduktion ergab nichts Aussagekräftiges, war wohl einfach eine üble Laune der Natur. Plant ihr Nachwuchs?« Sie wirft mir einen neugierigen Blick rüber.
   »O mein Gott, nein …« Ich schüttle lachend den Kopf. »… an erster Stelle steht unser Traum von der eigenen Farm und Lous heiß ersehnter Tierarztpraxis  – danach kommt eine Weile nichts, und erst dann –, in weiter Ferne, irgendwann vielleicht Kinder.« Ich klappe die Sonnenblende herunter und überprüfe in dem kleinen Spiegel den Zustand meiner Frisur. »Weißt du, Lou ist nicht zufrieden mit unserer Situation, obwohl es mir nichts ausmacht, zur Miete zu wohnen. Mir gefällt unser kleines Haus. Solange ich mit ihm zusammen sein kann, muss es keine große Farm sein. Aber um endlich von der Kleintierpraxis wegzukommen, ist er dabei, sich auf größere Tiere zu spezialisieren. Er ist überzeugt, dadurch bessere Chancen auf dem Land zu haben. Außerdem ist er überaus ehrgeizig und fleißig, du kennst ihn ja …«, erkläre ich mit leichter Verzweiflung in der Stimme, denn meiner Meinung nach ist Lou zu verbissen, was seinen Traum von der Farm angeht.
   »Hm, ich drücke euch die Daumen. Ihr zwei schafft alles, ganz sicher.« Aimys überzeugter Blick streift mich kurz. Ich lächle vor mich hin, als ich an Lous und mein gemeinsames Leben bis hierher zurückdenke und schaue dabei aus dem Fenster. Nie zuvor war ich glücklicher als in den letzten zwei Jahren. Auch wenn die Sache mit dem Studium in Deutschland von Anfang an nicht von Erfolg gekrönt war, haben wir das Beste daraus gemacht. Lou hat sich bemüht, den Haushalt so gut es ging allein zu schmeißen und nebenbei zu lernen, während ich arbeiten ging. Die Sprachschwierigkeiten sowie die Tatsache, sein weit fortgeschrittenes Studium nicht so ohne Weiteres in Deutschland fortsetzen zu können, haben anfangs für etwas Frust gesorgt, der aber schnell verflog, nachdem ich mich nach einigen Monaten bereit erklärte, meinen Job und meine Wohnung zu kündigen, um mit ihm nach Portland zu seinen Eltern zu ziehen.
   Seine Mutter und ich verstanden uns auf Anhieb gut, als wir im Dezember, drei Monate nach Lous spontaner Übersiedlung nach Deutschland, erstmals in Amerika aufeinandertrafen. Wir mochten uns von Anfang an, weswegen es mir nichts ausmachte, mein komplettes Leben in Deutschland aufzugeben und in Portland, im Haus seiner Eltern, ein Neues zu beginnen. Ich freute mich sogar darauf, und Lou war erleichtert, obwohl er anfangs glaubte, mich würden irgendwelche böse Schwiegermutter Horrorgeschichten abschrecken. Eine vollkommen unbegründete Unterstellung. Seine Mutter ist eine der nettesten Frauen, die ich kenne.
   Lou stürzte sich voller Enthusiasmus in die Prüfungen und begann bald darauf, seine Doktorarbeit zu schreiben. Derweil startete ich in der Fitnessbranche durch, machte von meinem gesparten Geld die Trainerscheine und suchte mir Jobs in der näheren Umgebung. Da wir keine Miete zu zahlen hatten, war diese Zeit, die leider nur ein knappes halbes Jahr andauerte, eine der sorgenfreisten in unserem gemeinsamen Leben.
   Ich erinnere mich, als ich Lou am Tag seiner Doktorprüfung zum ersten Mal im Anzug sah. Ich war hin und weg, bekam weiche Knie und fühlte mich wie damals auf dem Parkplatz vor Carolines Haus. Ja, ich verliebte mich aufs Neue in ihn.
   »Solltest du mir jemals einen Heiratsantrag machen  – bitte zieh dazu diesen Anzug an, okay? Du siehst unfassbar sexy darin aus«, flüsterte ich ihm nach der Feier zu, als wir allein waren.
   Er grinste, nahm mich in den Arm und küsste mich, dermaßen inbrünstig, dass ich mich bis heute frage, wie der Anzug den Abend überleben konnte. Ich glaube, ich bin damit nicht gerade sanft umgegangen, als ich ihn Lou vom Leib riss. Unsere Leidenschaft füreinander ist bis heute nicht eingebrochen, und ich hoffe, das bleibt die nächsten fünfzig Jahre genauso.
   Kurze Zeit später kaufte Patrick seinen Eltern ein Haus auf Long Island. Lou und ich blieben in Portland zurück, bis uns die Sehnsucht nach der Familie veranlasste, dieses Haus, nur einige Straßen weiter, zu mieten. Es hat einen winzigen Garten, den ich liebevoll pflege und in dem ich sogar ein kleines Gemüsebeet angelegt habe.
   Das große Haus in Portland wurde verkauft, der Erlös ging auf Mums und Dads Konto, wovon auf mysteriöse Weise immer wieder etwas in unsere Richtung fließt, weil Lous Mum es nicht lassen kann, ihren Jüngsten auch weiterhin zu unterstützen. Ich glaube manchmal, sie wird diese heimliche Maßnahme erst komplett einstellen, wenn Lou im Lotto gewinnt oder auf andere Weise so reich wie sein Bruder geworden ist. Mir scheint, sie hat Mitleid mit ihm, weil Patrick mit seiner Serienrolle langsam zum Millionär wird, Lou dagegen keine Chance hat, ihm in dieser Hinsicht zu folgen.
   Nach seinem Studium arbeitete Lou an unterschiedlichen Tierkliniken als Assistenzarzt, sammelte Erfahrung, bis er vor etwa einem halben Jahr plötzlich in seinem schicken Anzug vor mir stand, als ich an einem Samstagabend nass geschwitzt von einem meiner Yoga-Kurse nach Hause kam.
   »Geh duschen, Süße. Zieh dir was Hübsches an, wir gehen aus. Ich habe eine Überraschung für dich«, teilte er mir mit einem Schmunzeln auf den Lippen mit.
   Ich spürte auf der Stelle, dass er diese bestimmte Sache plante, und dass das ein besonderer Abend werden würde. Dementsprechend aufgeregt war ich. Ich zog mein schönstes Kleid an, brezelte mich auf, so gut es mir nach einer anstrengenden Sportstunde möglich war, und bekam tatsächlich wahnsinniges Herzklopfen, als er mit dem Wagen auf eine große Pferdefarm einbog.
   Für einen Heiratsantrag im Stall fühlte ich mich allerdings unpassend angezogen, bereute augenblicklich meine Kleiderwahl und fing im selben Moment an, mich zu ärgern, diese weißen Schuhe mit den Absätzen angezogen zu haben. Ich konnte all jene Gedanken nicht einmal zu Ende verfolgen, weil sich urplötzlich eine Achterbahn an Gefühlen in meinem Magen zusammenbraute. Meine Güte, dachte ich, endlich ist es so weit.
   Lou stieg aus, öffnete die Autotür für mich und bei seinem Anblick lachte ich schallend los. Er hatte tatsächlich zu seinem Anzug Gummistiefel angezogen, die Hosenbeine liederlich in den Schaft gestopft. Mit einem jungenhaften Grinsen zog er mich in seine Arme.
   »Tja, was sollte ich machen? Du wolltest unbedingt, dass ich den Anzug trage, wenn …« Er stockte, nahm meine Hand und zog mich ein Stück hinter sich her.
   Mein Puls beschleunigte sich.
   »Zuerst muss ich dir aber etwas zeigen«, setzte er nach. Dann hob er mich hoch, trug mich quer über den Hof und umschiffte geschickt die allergrößten, mit Wasser gefüllten Schlaglöcher. Die Nacht zuvor hatte es geregnet und der Boden war schlammig und durchgeweicht. Nach wie vor schleppt Lou mich gern in der Gegend herum, teilweise wirft er mich wie ein Matrose seinen Seesack über die Schulter, wenn er abends die Treppe in unserem Haus hinauf muss, und behauptet, ich wäre noch immer besser als alle Hanteln der Welt, um seine Muskeln zu stählen. Ich liebe seine bekloppten Witze und seine verrückten Ideen. Ich liebe einfach alles an ihm.
   Vor einem Gebäude neben einer riesigen Stallungsanlage blieb er stehen und ließ mich vorsichtig hinunter. Endlich hatte ich wieder festen Boden unter den Füßen.
   Ich sah mich um, eine so beeindruckende Pferderanch hatte ich nicht mal in Vancouver zu Gesicht bekommen.
   »Sieh mal …!« Lou deutete neben einer dunklen, schweren Eingangstür auf eine Reihe weißer Tafeln, die untereinander angebracht waren. Eine Art Veterinärgemeinschaftspraxis, wie mir schien. So einen Haufen Arztschilder hatte ich vorher nie gesehen.
   »Dr. med. vet. Louis Wellet«, las ich auf einem der unteren Schilder. Ich bekam die Augen vor Staunen nicht mehr zu.
   »Wow, Lou, und das hast du vor mir verheimlicht?« Er lachte und freute sich diebisch, weil ihm die Überraschung mehr als gelungen war.
   »Sonst wäre es ja keine Überraschung mehr gewesen, oder? Freust du dich?«
   Ich schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn mitten auf dem Hof ab. Außer scharrenden Pferdehufen und leisem Gewieher und Geschnaube aus den Boxen, war um diese Zeit weit und breit nichts zu hören, geschweige denn jemand zu sehen. Wir waren offensichtlich an einem Samstagabend die Einzigen hier.
   »Ja klar, und wie, ich bin unwahrscheinlich stolz auf dich.«
   Er schenkte mir einen zufriedenen Blick, streichelte sanft über meine Wange und lächelte glückselig.
   »Und jetzt entführe ich dich zur Feier des Tages in das schickste und teuerste Restaurant auf ganz Long Island«, sagte er mit weicher Stimme.
   »Ich hoffe, du hast andere Schuhe dabei.« Mit einem süffisanten Grinsen deutete ich auf seine ultraschicken Gummistiefel und kassierte einen liebevollen Rippenstoß.
   »Natürlich, eigentlich wollte ich noch mit dir durch die Ställe ziehen.« Er trat einen Schritt näher und zog mich mit verführerischem Augenaufschlag in seine Arme. »Hm, hatte ich mir recht romantisch vorgestellt, aber wenn ich mir deine Pumps so ansehe, wird das wohl nichts.« Er lachte, sodass seine Zähne wie Perlmutt funkelten. »Wir verschieben den Gang durch die Ställe besser auf einen späteren Zeitpunkt. Du solltest dir erst Gummistiefel besorgen.«
   Betrübt sah ich an mir hinunter und musste ihm recht geben. Mit Pferdemist unter den Sohlen wollte ich ihn nicht ins vornehmste Lokal der Stadt begleiten, um JA zu sagen.

Eine halbe Stunde später saßen wir uns in dem edlen Restaurant gegenüber, das er ausgewählt hatte, und lange Zeit geschah nichts. Lou erzählte haarklein von dem Stellenangebot, dem Auswahlverfahren, und was sein neuer Job eine riesige Chance sei und uns vor allem einen großen Schritt in Richtung Landleben voranbringen würde. Das gute Gehalt nicht zu vergessen.
   Ich fürchtete schon, er hätte sich die Sache mit dem Antrag anders überlegt oder aus lauter Euphorie einfach vergessen, was er ursprünglich vorhatte. Kurzzeitig bezweifelte ich sogar, dass er die Frage aller Fragen überhaupt stellen wollte. Doch dann, endlich nahm er meine Hand in seine und sah mich so verliebt an, dass von einer Sekunde zur nächsten nur noch dieser eine Moment zählte und ich mit verklärtem Blick an seinen Lippen gehangen haben muss. Sein Lächeln hatte an Wirkung nichts eingebüßt in den letzten Monaten. Es brachte mich nach wie vor vollkommen durcheinander.
   »Lara, du glaubst nicht, wie oft ich das schon tun wollte. Schon damals in Vancouver musste ich mich mächtig zusammenreißen, denn du hast keine Ahnung, wie sehr du mir den Kopf verdreht hast.« Er legte eine Kunstpause ein, und mein Herz klopfte zum Gotterbarmen heftig. »Ich denke, nun ist es an der Zeit.« Er holte wie aus dem Nichts einen Ring unter dem Tisch hervor und hielt in mir vor die Nase.
   »Willst du mich heiraten, süße Shakira?« Er flüsterte beinahe.
   Der sanfte Blick seiner schokobraunen Augen bescherte mir sogar nach unseren gemeinsamen Jahren, auf die wir mit Stolz zurückblicken konnten, noch eine enorme Gänsehaut.
   »Ja, natürlich, Lou. Es gibt nichts, was ich mehr wollen würde.« Ein oder zwei Tränen der Rührung suchten sich ihren Weg die Wange abwärts, ich erinnere mich genau. Er steckte mir den Ring an den Finger, von dem ich meinen Blick gerade nicht lösen kann.
   Ich schlucke und starre ihn an, während sich Aimy über ihre andauernde Rote Welle aufregt.
   Der Verlobungsring gefiel mir von Anfang an, und der Trauring wird genauso schön sein, wie ich Lou kenne. Ich durfte nicht mit, er wollte die Ringe allein aussuchen, darauf bestand er.
   »Du bist so still, doch aufgeregt?«, fragt Aimy.
   Ich lächle vor mich hin, blicke aus dem Fenster, und mein Herz lässt es sich nicht nehmen, seine Schläge zu beschleunigen. Die Sonne klettert langsam hinter einer Erhöhung empor, und ich glaube, sie strahlt heute für Lou und mich aus Leibeskräften, was ich sehr dankbar registriere.
   Die Einfahrt zum Kirchparkplatz ist nur noch wenige Meilen entfernt. Wie mein Herz merkt nun auch der Rest von mir eine gewisse Nervosität aufkommen. Jesses, ich werde der Mittelpunkt sein, gemeinsam mit Lou, die Hauptperson des heutigen Tages.
   Der Parkplatz ist gespickt mit Wagen. Wie gut, dass wir vor der Kirche halten dürfen. Wir haben lange nach einer passenden Kirche gesucht. Sie sollte romantisch, aber nicht zu klein sein, da sie über hundert Hochzeitsgäste beherbergen muss. Diese hier erfüllte all unsere Forderungen. Sie ist hübsch, weiß getüncht und die kleinen Türmchen sorgen für den romantischen Touch.
   »Warte, ich helfe dir mit dem Kleid.« Aimy steigt aus, läuft um den Wagen herum und wuchtet die Tüllwolke mitsamt meiner Wenigkeit aus dem Autositz. Sogleich ertönen die Kirchenglocken, was mich glauben lässt, irgendwer saß oben im Turm und hat nur auf uns gewartet, um den Glocken Schub zu verpassen. Was für ein verrückter Gedanke.

Kapitel 3

Die Glocken werden lauter, aber außer Patrick ist niemand weit und breit zu sehen. Die Gäste scheinen allesamt in der Kirche versammelt zu sein. Ich freue mich tierisch, gleich meine Mutter und meine Schwester nach dieser langen Zeit wiederzusehen. Sie sind erst heute in der Früh angereist, so habe ich sie noch nicht begrüßen können. Mein Schwiegervater hat meine Familienangehörigen erst vorhin vom Flughafen abgeholt und im Hotel abgeliefert.
   Meine Hände werden vor Aufregung feucht, als Patrick lächelnd auf uns zukommt.
   »Da seid ihr ja, wird auch Zeit. Aimy, geh am besten schon rein. Ich folge mit Lara in einigem Abstand, wie wir es geprobt haben.«
   Seine Souveränität macht mich jedes Mal wieder sprachlos, weswegen ich mich wie ein kleines Schulmädchen von ihm an die Hand nehmen lasse.
   Aimy zupft mein Kleid in Form, wirft mir einen letzten prüfenden Blick zu und nickt uns lächelnd zu.
   »Okay, auf geht’s.« Sie küsst meine Wangen, rechts, links und läuft auf die Kirche zu.
   Nachdem sie im Innern verschwunden ist, hake ich mich bei Patrick unter. Händchen haltend mit ihm die Kirche zu betreten, würde wohl kaum gut ankommen. Trotz meiner Absätze überragt er mich um mindestens eine Kopflänge.
   »Bereit?«, fragt er schmunzelnd.
   Ich nicke ihm zu, atme noch einmal tief ein und hörbar wieder aus.
   Wir gehen einige Schritte, als er plötzlich stehen bleibt, sich zu mir dreht und mich ebenso intensiv fixiert, wie damals, als er versuchte, hinter meine Fassade zu blicken, um herauszufinden, ob ich seines Bruders würdig bin und nicht ebensolche Sperenzchen plane wie diese irre Nancy seinerzeit.
   »Lara, ich freu mich wahnsinnig, dich als Schwägerin zu bekommen. Du bist perfekt. Lou ist zu beneiden, wirklich.«
   »Wie lieb von dir.« Dankbar sehe ich zu ihm auf. Er kann sich nicht vorstellen, wie toll ich es erst finde, seinen Bruder in weniger als zehn Minuten heiraten zu dürfen.
   An Patricks Seite in die Kirche einzumarschieren, ist der Hammer und gleicht eher einem Schweben. Ich fühle mich neben ihm nicht nur beschützt, sondern vor allem gestützt, was von Vorteil ist, wenn man meinen Halt auf diesen wackligen Hacken zugrunde legt. Wie konnte sich Aimy freiwillig solche Schuhe kaufen?
   Die Kirche ist gerappelt voll, die Sitzplätze reichen nicht einmal aus. Der hintere Bereich ist vollgestopft mit Leuten, die weder zur Familie gehören noch als Freunde bezeichnet werden können. Es handelt sich mehr oder weniger um gute Bekannte, die teilweise aus reiner Neugier gekommen sind.
   Ich starre konzentriert auf die weißen Blumenbouquets, die jede Sitzreihe markieren, da mir die Aufmerksamkeit nicht ganz geheuer ist, als alle Blicke auf uns schwenken.
   Wir passieren die ersten Sitzreihen, mein Herz pumpt heißes Blut durch meine Adern. Warum ist mir so warm?
   Lous und Patricks Cousins, die sich als Fotografen und wechselweise als Kameramänner zur Verfügung gestellt haben, hetzen von einer Ecke in die andere, um uns gut im Fokus der Linsen zu halten. Patrick ist die Ruhe selbst, denn er ist diesen Hype um seine Person gewohnt, wie auch das andauernde Blitzlichtgewitter. Was er mittlerweile an Fotosessions, Castings und Promotion-Touren über sich hat ergehen lassen müssen, hat ihn in dieser Hinsicht abstumpfen lassen.
   Ein langsamer Song von Shakira begleitet unseren Einzug.
   Lou und ich mussten ganz schön lange suchen, bis wir einen fanden, der uns beiden gefiel. Die Gäste drehen ihre Köpfe in unsere Richtung und strahlen, teilweise tuscheln sie und deuten ganz verzückt auf mein Kleid.
   Anfangs nehme ich nichts anderes wahr als die unzähligen Augenpaare, die auf uns gerichtet sind. Was für ein Moment. Ich schlucke, mir wird regelrecht schwummrig. Ich bin so froh, dass Patrick an meiner Seite ist und mich stützt. Die Zeit scheint stillzustehen, der Gang in dieser Kirche muss seit der Probe vorgestern irgendwie an Länge gewonnen haben, jedenfalls ist es mir ein Rätsel, wieso mir die Strecke plötzlich so endlos erscheint.
   Lou steht vorn neben dem Pfarrer, stiert uns erwartungsvoll entgegen und treibt mir mit seinem Blick den nächsten Adrenalinstoß durch die Adern. Er sieht so toll aus. Daneben Aimy, die heute nicht nur als Stylistin fungiert, sondern auch als meine Trauzeugin. Ich hätte ihr sagen sollen, wie hübsch sie in dem Kleid aussieht, sie hat ein wenig Aufmunterung nötig. Ich werde es später nachholen. Einige meiner Fitnesskollegen, sogar Kursteilnehmer, sind erschienen. Ich senke meinen Blick, bloß nicht über den Saum des Rocks stolpern.
   Die Gäste scheinen begeistert von unserem Auftritt zu sein, das Getuschel schwillt zu einem Raunen an. Mir wird immer heißer vor Aufregung. Was soll ich erst tun, wenn ich vorn bei Lou angelangt bin?
   Meine Mutter sitzt in einer der vorderen Bänke, außen am Gang, sodass ich ihr zur Begrüßung kurz über den Handrücken streichen kann. Sie bedankt sich mit einem Lächeln. Meine Schwester daneben zeigt Daumen hoch, nickt mir beeindruckt zu.
   Ich entdecke Biggi und winke kurz. Daneben meine Freundinnen aus Deutschland, die mit offenen Mündern Patrick anstarren, ihn nicht aus den Augen lassen. Mich haben sie vermutlich noch nicht einmal bemerkt, fürchte ich.
   Seine Ausstrahlung in diesem Outfit ist famos. Die hellen Augen zu den dunklen Haaren, sein Modelgesicht, diese einzigartig kantig männliche Kinnpartie, dazu die vollen Lippen. Aus Frauensicht ist er ein wirklicher Eyecatcher, sodass ich es ihnen nicht mal verübeln kann. Bei einigen von ihnen frage ich mich ohnehin, ob sie sich die Mühe gemacht hätten, zu meiner Hochzeit nach Long Island zu kommen, wäre es nicht gerade der Bruder des berühmten Serienstars aus dem Fernsehen, den ich heirate. Große weiße Stumpen-Kerzen, deren flüssiger Wachs mit Sicherheit gleich überlaufen wird, flackern vorn neben der Kanzel.
   Wir sind fast da, nur noch wenige Schritte. Ich bemerke Lous Ergriffenheit, und kann mich nicht entsinnen ihn je in einer solchen Gemütsverfassung erlebt zu haben. Er lächelt mir mit einem eigentümlichen Glanz in den Augen entgegen.
   Patrick vereint Lous und meine Hand, wispert ihm das Wort »Glückspilz« zu, und gesellt sich zu Aimy.
   Ich stehe vor Lou, muss mit ansehen, wie sich eine Träne aus den Augenwinkeln meines sonst so obercoolen Liebsten löst. Er schluckt und blickt mich gerührt an. Ich schenke ihm ein strahlendes Lächeln, er sieht so unglaublich gut aus in diesem Anzug.
   »Du siehst Bombe aus, so schön«, flüstert er und streichelt sanft über meine Hände.
   »Du auch.« Ich bereue schon jetzt, ihn nur einmal heiraten zu können. Ich möchte es ständig tun, wie in einer endlosen Zeitschleife, immer und immer wieder. Täglich von Patrick zum Altar geführt werden, Lou mit Tränen der Rührung und dem einzigartig verliebten Blick vor mir. Was für ein unbeschreibliches Gefühl. Ich kämpfe gegen diese überwältigenden Emotionen an, die mich auch zum Weinen bringen wollen. Ich darf das nicht zulassen, Aimy hat sich solche Mühe mit meinem Make-up gegeben. Auf keinem Fall möchte ich Lou mit verschmierter Wimperntusche das Jawort geben. Die hochsteigende Flüssigkeit in meinen Augenwinkeln sorgt für eine verschleierte Sicht, was mich nicht weiter stört, da Lou mich sicher an den Händen hält und noch immer begeistert anlächelt. Hauptsache sie schwappt nicht über.
   Der Pfarrer räuspert sich. Wir müssen unseren Blick voneinander lösen, uns von nun an der Zeremonie widmen. Ich habe darum gekämpft, dass die schnell vonstattengeht. In der Regel neigen Amerikaner bei solchen Anlässen zu Übertreibungen. Das Brautpaar trägt abwechselnd auswendig gelernte Liebesbekundungen als eine Art Eheversprechen vor, was ich nicht für nötig halte. Lou weiß, dass er meine Nummer eins ist, und ich bin absolut sicher, dass ich seine bin. Wozu vor versammelter Mannschaft ein Versprechen abgeben, was für mich, für uns, selbstverständlich ist, was wir ohnehin seit Jahren leben und sowieso als äußerst privat ansehen. Ich wollte eine möglichst deutsche Trauung und bin froh, mich durchgesetzt zu haben.
   Ich lausche andächtig der Predigt des Geistlichen, der äußerst sympathisch rüberkommt, und werfe Lou hin und wieder einen Blick zu, wobei ich feststelle, wie überwältigt er von der Rede ist. Er scheint nicht nur begeistert von dieser Ansprache zu sein, sondern auch ziemlich perplex, wie ich an seinem Gesichtsausdruck erkenne. Ich kann nicht behaupten, nicht ebenso überrascht zu sein.

Wir, zuerst war es kompliziert für mich, aber ein Halt für Dich, dann habe ich Dich durchschaut, du hast es nicht geseh’n, und ich war verunsichert, aber tief beeindruckt von deiner Liebe, deiner Stärke, deiner Hoffnung.
   Wir haben aneinander festgehalten, allem zum Trotz. Für dich war es von Anfang an klar, für mich auch, doch ich konnte es nicht genießen. Ich musste mich verstecken, bis du mich sahst. Alles gesehen hast, und deine Liebe nur stärker wurde. Wir haben gekämpft, innen und außen, leise und laut.
   Gezweifelt und gehadert. Wir konnten es nicht glauben.
   So geliebt zu werden. So nahe zu sein. Plötzlich die Wende. Ein Blick. Ein Moment. Eine Berührung.
   Seitdem ist es so klar, so sicher. Dass wir zusammengehören. Für immer.

Der Pfarrer, ein Skatbruder meines Schwiegervaters, hält seine Rede kurz, wie wir es mit ihm vereinbart hatten.
   Seine Worte gefallen mir, als hätte er uns durchschaut. Ich beobachte Lou von der Seite. Seine Augen scheinen mit jedem Satz des Pastors größer geworden zu sein. Nein, ich hatte ihm nichts erzählt. Ich habe keine Ahnung, woher er diese schönen Worte hat. Der Damm ist gebrochen, mir fällt es zunehmend schwer, die Tränen zurückzuhalten. Ich sehe mich, fühle meine Verzweiflung, als Lou damals an unserem ersten Abend in Deutschland Patricks Poster in meiner Wohnung vorfand. Wir haben uns geschworen, nie jemandem davon zu erzählen. Nicht den leisesten Hauch einer Ahnung kann er gehabt haben.
   Ja, wir haben in den ersten Monaten in Deutschland gezweifelt, nicht selten mit unserer Entscheidung gehadert, doch ging es dabei nie um unsere Liebe, sondern einzig und allein um Lous Studium. Wir haben es dennoch geschafft, was beileibe nicht einfach war, aber heute sind wir einen großen Schritt weiter, und eines Tages leben wir unseren Traum.
   Die Trauringe werden auf einem Kissen gereicht. Patrick hat also sogar daran gedacht. Ich bin zunehmend stolz auf ihn. Scheint so, als versuche er, heute jeglichen aufkeimenden brüderlichen Zwist von vornherein auszuschließen. Mal sehen wie lange das gut geht. Mit einem dicken Kloß im Hals sage ich meinen Spruch. Die Rede des Herrn Pfarrer hat mich aufgewühlt, mir bewusst gemacht, was für ein Glück ich habe, Lou begegnet zu sein.
   Mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht nimmt Lou meine Hand in seine, schiebt mir den Ring auf den Finger und auch seine Stimme klingt belegt, als hätte er einen Frosch im Hals.
   Wir werden diesen Augenblick niemals vergessen, das Blitzlichtgewitter neben uns und das leise Surren der Kameras wird es ohnehin verhindern. Wenn wir achtzig sind, lehnen wir uns im Schaukelstuhl zurück und sehen uns unsere Trauung vermutlich zum hundertsten Mal an.
   »Sie dürfen die Braut jetzt küssen.«
   Na endlich. Einer ersten Eingebung zufolge versuche ich, mich auf Zehenspitzen zu stellen, was dank der geliehenen Brautschuhe nicht nötig ist.
   Lou tritt einen Schritt näher, klappt meinen kleinen Schleier nach hinten, hebt mit seinem rechten Zeigefinger mein Kinn sanft an, um meine Augen eine Weile zu fixieren, bevor er sich zu mir beugt, und mir seine weichen Lippen auf den Mund drückt. Ich schwebe, ich glühe, ich torkle. Er greift nach meiner Taille, zieht mich noch näher an sich und knutscht mich ab, als wären wir allein. Ich liebe seine Art, mir zu zeigen, dass ich sein ein und alles bin.
   Die Menge johlt, einige klatschen Beifall. Ist das in einer Kirche überhaupt erlaubt? Was soll’s? Es ist göttlich. Was sollte der da oben schon gegen Glück einzuwenden haben?
   In Begleitung des ohrenbetäubenden Glockengeläutes verlässt die Gesellschaft die Kirche, und versammelt sich auf dem Platz davor. Wir bleiben zurück, danken dem Pfarrer für die schöne Trauung, und heimsen die ersten Glückwünsche ein. Ich sehe mich um. Patrick und Aimy sind auf wundersame Weise verschwunden, planen mit Sicherheit irgendeine fiese Gemeinheit hinter unserem Rücken. Wir durften uns in die Vorbereitungen für die Feier im Anschluss nicht einklinken, die aufs Intensivste von den Trauzeugen, den Brautjungfern und deren Helferlein organisiert wurde. Wir haben keine Ahnung, was uns erwartet, stellen uns aber aufs Schlimmste ein, um eventuelle unliebsame Ereignisse besser verkraften zu können.

Die erste Gemeinheit scheppert hinter uns her, den kompletten Weg von der Kirche bis zum Oheka Castle, einem ehemaligen Herrenhaus im Renaissancestil, in dem Patrick den Ballsaal für die Hochzeitsfeier gemietet hat. Ohne seine Großzügigkeit würde die Feier nicht im Saal eines schlossähnlichen vier Sterne Hotels stattfinden, sondern unter freiem Himmel auf dem Hof des Reitstalls, in dem Lou arbeitet. Mit Bierzeltgarnituren, billigen Pavillons und vermutlich geliehenem Geschirr.
   Patrick sagte, es macht ihm Freude, uns unter die Arme zu greifen, uns glücklich zu sehen. Wir sollen die Ausrichtung der Feier als eine Art Hochzeitsgeschenk ansehen, was Lou anfangs große Überwindung kostete. Patricks finanzielle Unterstützung sorgt nicht selten für Reibung zwischen uns. Der weiß nicht, wohin mit seinem Geld, während wir jeden Cent zweimal umdrehen, mit dem Fokus auf die eigene Ranch.
   Die Blechdosen, die Lous Cousins an dem von Patrick gesponserten Cabrio befestigt haben, veranstalten einen Höllenlärm. Da hat man endlich einen schicken Sportwagen unterm Hintern, darf aber leider nicht schneller als fünfzig Stundenkilometer fahren, da die verdammten Dosen ansonsten hochschnellen, gegen das Heck knallen und womöglich den Lack verbeulen.
   Ich genieße den Wind in meinen Haaren, das Rascheln des Tülls in meinem Schoß, während Lou meine Hand hält, was das Automatikgetriebe des Flitzers problemlos möglich macht. Die Sonne strahlt vom sagenhaft blauen Himmel, keine Selbstverständlichkeit für einen Tag Anfang Mai in Long Island, New York.
   Es geht auf ruhigen Landstraßen in Richtung Cold Spring Harbor, ab und zu durch kleine Ortschaften. Eine beschauliche Gegend, in der meist gut situierte Leute leben. Wunderschöne Häuser im gehobenen Stil säumen die Straßenränder. Schöne, gepflegte Vorgärten entlocken einem mehr als einen Blick.
   Mir gefällt die Fahrt mit meinem frisch angetrauten Ehemann an der Hand, der mir hin und wieder verliebte Blicke herüberwirft. Ein weißes breites Satinband, beschrieben mit »Just married« flattert hinter uns auf und ab.
   »War klasse, nicht wahr? Mit dem Reis und dem Konfetti haben sie allerdings ein bisschen übertrieben, finde ich. Ich glaube, ich habe noch immer Reiskörner im Kragen und in den Haaren hängen.«
   »Ja«, gebe ich lachend zu, »demnach werden wir in ein paar Jahren einen Stall voller Kinder haben.« Lou zwinkert mir zu. Mir ist klar, dass diese Sache auch auf seiner Prioritätenliste ihren Platz ganz hinten findet. Wir sind meistens einer Meinung, was unsere Beziehung so harmonisch macht.
   Die Hochzeitsgesellschaft stand Spalier, als wir aus der Kirche kamen, ich war sprachlos. Sie hatten mit ihren Armen einen Durchgang in Herzform gebildet, durch den wir hindurchspazieren durften. Am Ende wurden wir mit Glückwünschen, Blumen und Küssen überhäuft. Und eben jenem Konfetti und Reishagel, der uns noch teilweise in den Klamotten steckt.
   Lous kleine Nichten und Neffen, wovon es nicht wenige gibt, streuten Blütenblätter vor unsere Füße, die wir noch immer unter den Sohlen kleben haben. Biggi fing meinen Brautstrauß und sah mich im Anschluss völlig verdattert an. Zudem wenig begeistert, da sie frisch getrennt von ihrem Freund herkam, was ja nicht zwangsläufig ausschließt, dass sie bald den Mann ihres Lebens trifft und als Nächste heiratet. Sie zeigte mir einen Vogel, als ich sie darauf aufmerksam machte.
   Ich habe ihr nie erzählt, dass sie Patricks Poster im Bad vergessen hat, was damals ein kleines Drama auslöste. Ich frage mich oft, was geschehen wäre, wenn die Sache nicht so glimpflich abgelaufen wäre. Hätte ich sie zur Rede gestellt? Ihr eine Szene gemacht? Ich weiß es bis heute nicht.
   »Lara, ich liebe dich«, sagt Lou mit einem Mal, und sieht mich mit einem Blick an, der mir das Gefühl gibt, die einzige Frau auf der gesamten Erdkugel zu sein.
   »Und ich dich.« Ich kuschle mich an seine Schulter. Hinter uns ein Hupen, neben uns winkende Fremde in ihren Autos, die uns auf diese Art beglückwünschen.
   Unsere Familien sowie die Hochzeitsgäste haben uns längst johlend überholt und sind vermutlich schon auf dem Parkplatz vor dem Schloss, wo sie auf uns warten.
   Mit den lärmenden Dosen im Schlepptau und dem offenen Wagen, der dafür sorgt, dass der Wind nicht nur meine Frisur durcheinanderwirbelt, sondern mir auch ständig den Tüllrock ins Gesicht weht, kann Lou nun mal nicht schneller fahren.
   Wir haben es nicht eilig, denn uns ist bewusst, dass wir in den nächsten Stunden nicht allzu viel Zeit füreinander haben werden. Bestenfalls werden wir uns ab und zu am Buffet über den Weg laufen, fürchte ich.
   Die meisten der Hochzeitsgäste, wie auch meine Familienangehörigen, habe ich monatelang nicht gesehen. Meine Freundinnen werden mich belagern, und mit Sicherheit wird ein Programm auf uns warten, was sich das Hochzeits-Organisationsteam ausgedacht hat. Ich bin schon mächtig gespannt und hoffe, es wird nicht allzu peinlich für uns.
   Lou hat einen Haufen Familienmitglieder, allein die Sippe seiner zwei Schwestern mit Kind und Kegel zählt schon zehn Personen. Dazu sämtliche Cousins, Neffen, Nichten, Onkel und Tanten. Mit meinem bescheidenen Anhang komme ich nicht auf mehr als zwanzig Personen.
   »Lou, grüner wird’s nicht.« Ich wende meinen Blick von der Ampel ab, die schon eine Weile grün zeigt, und sehe Lou irritiert an, der nicht reagiert. Wie eingefroren starrt er in den Rückspiegel, macht keinerlei Anstalten loszufahren.
   »Hallo, was ist? Die Ampel wird gleich wieder rot. Fahr endlich!« Ich versteh sein Problem nicht, drehe mich kurz um, und sehe eine lächelnde Blondine im Wagen hinter uns, die es nicht eilig zu haben scheint. Jedenfalls macht sie keinen ungeduldigen Eindruck auf mich, obwohl ihr Vordermann offensichtlich an der Ampel eingepennt ist. Neben uns hupt jemand, schüttelt mit amüsiertem Blick den Kopf.
   »Lou«, sage ich ungeduldig, »ist dir die Trauung nicht gut bekommen? Soll ich besser fahren?« Verwundert mustere ich ihn.
   Kurz bevor die Ampel auf Rot umspringt, legt er einen Kavalierstart hin, sodass die junge Frau hinter uns das Nachsehen hat und es nicht mehr über die Kreuzung schafft. Sie tut mir schon ein bisschen leid. Die Reifen quietschen, die Dosen schlagen bei diesem Tempo gegen den Wagen. Ich lege zur Beruhigung meine Hand auf Lous Knie und streichle über sein Bein.
   »Hey, was ist denn los mit dir? Erst schläfst du, und nun rast du los, als wäre die Mafia hinter dir her. Was hat dich so schockiert?« Neugierig fixiere ich ihn, doch er schüttelt nur abwehrend den Kopf.
   »Nichts, wirklich, alles gut. Ich war nur abwesend, das ist alles. Sorry!« Den Rest der Fahrt schweigt er, hält meine Hand viel zu fest in seiner, beinahe schon verkrampft. Zwischendurch wirft er verunsicherte Blicke in den Rückspiegel, fährt unkonzentriert und viel zu schnell. Seine Stimmung ist so abrupt umgeschlagen, dass ich nicht anders kann, als ihn forschend zu beobachten.
   »Ist wirklich alles in Ordnung?«, frage ich einer Ahnung folgend und spüre etwas Bedrohliches auf uns zukommen.
   Irgendein Ereignis der letzten Minuten scheint ihn dermaßen zu beunruhigen, dass er mit gekräuselter Stirn dasitzt, und fast schon ängstlich durch die Windschutzscheibe auf die Straße stiert. Ich kann mir keinen Reim darauf machen und streichle unentwegt seinen Handrücken. Lou scheint meine Skepsis zu bemerken, weswegen er dazu übergeht, möglichst unauffällig die Straße hinter uns durch die beiden Außenspiegel abzuscannen. Auf einmal setzt er den Blinker und biegt unvermittelt und haarscharf nach rechts ab.
   »Hey, das ist der falsche Weg zum Oheka Castle«, schimpfe ich aufgebracht, doch er schüttelt den Kopf.
   »Die Strecke ist auch okay, glaub mir. Dauert nur ein bisschen länger.« Ich vertraue ihm, schließlich ist er im Großraum New Yorks aufgewachsen, sollte sich also bestens auskennen. »Wir müssen die Fahrt in dem Cabrio doch ein wenig auskosten, oder?« Er deutet ein Lächeln an, und auf seiner Stirn glänzen Schweißperlen. Äußerst ungewöhnlich bei diesem Fahrtwind. Ich nicke ihm zu, bin mir aber beinahe sicher, ein anderer Grund steckt dahinter. Sein Richtungswechsel kam etwas unerwartet. Meist ist er die Ausgeglichenheit in Person, was mich noch mehr in Grübeleien versinken lässt.
   Ich zermartere mir das Hirn, was passiert sein könnte, um ihn in diesem Maße aus der Reserve zu locken, denn normalerweise ist er die Ruhe selbst. Ihn bringt selten etwas aus dem Gleichgewicht.
   Mit der Einfahrt durch das erste Tor des Oheka Castles entspannt sich seine Miene. Aufgeregt blicke ich nach vorn. Schon als wir zu Planungszwecken das erste Mal hier waren, hat mir von Anfang bis Ende, alles und jedes an dieser Location die Sprache verschlagen.
   Der kleine Turm, dicht bewachsen mit Efeu am ersten eisernen Zufahrtstor, erinnert an den etwas zu kurz geratenen von Rapunzel. Eine Allee, umsäumt von Bambushecken, leitet die Besucher am Schlosspark entlang, der, mit den geometrisch angelegten Wasserbecken, umgeben von ebensolchen Bambushecken, durch seine einzigartige Schlichtheit besticht. Die Gärtner benutzen vermutlich Maßbänder, um die Form der Büsche genauestens zu kalibrieren.
   In der Mitte liegen einige Springbrunnen, deren Fontänen in den Himmel schießen. Am Ende des Weges steht ein aus Stein und Eisengeflecht geformter Pavillon, der mit Kletterrosen bewachsen ist, die in purpurnen Rottönen leuchten.
   Der ausreichend große Parkplatz vor dem Eingang des Hotels bildet den Abschluss der fünfhundert Meter langen Zufahrt. Davor stehen beachtliche, mit Palmen bepflanzte Kübel, fest verankert auf gepflastertem Untergrund, urig und gemütlich.
   Ich bin jedes Mal beeindruckt von der Schönheit dieses Anwesens, mit seinen gepflegten Spitztürmchen und dem kastenförmigen Innenhof, der an das Innere einer Ritterburg erinnert. Diverse, in rotem Terrakotta verklinkerte Rundbögen, teilweise mit wildem Wein bewachsen, geben dem Bauwerk den letzten Schliff.
   Ich fühle mich wie eine Neuzeit-Prinzessin im Porsche, die nach Hause kommt. Warum haben wir eigentlich keine Kutsche genommen? Eine wie die, der wir bei unserem Kennenlernen im Stanley Park auf Inlinern bis zur Erschöpfung gefolgt waren. Zu schade. Die Schimmel hätten sich hier hervorragend gemacht.
   Während ich noch darüber sinniere und dieser Gelegenheit nachtrauere, sehe ich unsere Gäste in kleinen Grüppchen neben dem roten Teppich stehen, der in einigen Metern den Boden vor der Eingangstür ziert, und sich unterhalten.
   Als sie uns bemerken, klatschen sie Beifall und kommen langsam auf unseren Wagen zu. Einige werden sich wundern, wieso wir für eine Strecke wie diese so ewig lange gebraucht haben.
   Patrick öffnet die Autotür als Erstes und hilft mir aus dem Sitz.
   »Hey, was hat euch aufgehalten? Die Dosen, oder habt ihr unterwegs Zwischenstopp bei McDonalds eingelegt?« Er kann sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen.
   Lou wirft ihm einen missbilligenden Blick zu. »Sehr witzig. Du hast ja keine Ahnung, was Blech im Zusammenspiel mit Asphalt für einen Radau macht.« Er verdreht die Augen.
   Aimy, umgeben von einem Pulk Frauen, kommt strahlend auf mich zugelaufen. »Hey, du wirst staunen, wie toll der Ballsaal geschmückt ist. Atemberaubend schön«, ruft sie begeistert.
   »Okay«, meint Lou, »lasst uns reingehen.« Er legt seinen Arm um meine Hüften, dreht sich kurz um, sieht sich auf dem Parkplatz um und führt mich dann zielstrebig Richtung Eingangstür über den Hof.
   Ich werde das Gefühl nicht los, er glaubt, verfolgt zu werden. So nervös ist er doch sonst nicht.

Der Anblick auf die geschwungene Treppe des Foyers in diesem imposanten Hotel lässt mir den Atem stocken. Genauso stellen sich kleine Mädchen das Treppenhaus im Schloss einer Königsfamilie vor, da bin ich sicher.
   Schmiedeeiserne und äußerst kunstvoll verschnörkelte Geländer leiten einen sicher die Stufen hinauf, wenn man sich erst für eine der beiden halbrunden, am Fuße zusammenführenden Treppen entschieden hat. Die Dekorationsgegenstände in dieser Halle passen sich dem pompösen Stil an. Massive Beistelltische, monströse Vasen, riesige goldverzierte Spiegel und massig Stuck an den Wänden. Hätte ich nicht ein ähnlich wuchtiges Kleid an, würde ich mich völlig verloren fühlen.
   Aimy zieht mich in den Ballsaal, mir bleibt kurzzeitig die Spucke weg. Inmitten hübsch gedeckter Tische thronen gigantische Blumen-Arrangements aus weißen und pinkfarbenen Pfingstrosen, deren Köpfe schwer herunterhängen. Der Duft ist im ersten Moment erdrückend, und es braucht einige Zeit, bis man sich daran gewöhnt hat.
   An den bodentiefen Fenstern hängen schwere cremefarbene Vorhänge, bogig überhängend mit Fransen an den Enden. Der Raum, lichtdurchflutet, in Gold- und Beige-Tönen gehalten, verleiht einen schillernd pompösen und vornehmen Eindruck. Ein runder, in die Decke eingelassener Stuckbogen erinnert an ein Opernhaus, in dem der Klang eine entscheidende Rolle spielt. Aimy hat recht, atemberaubend ist der passende Begriff für diese Location.
   Staunend lasse ich mich auf einen der Stühle sinken, fühle mich völlig erledigt und muss all die Eindrücke erst einmal sacken lassen. Meine Füße schmerzen.
   »Wo sind die weißen Turnschuhe?«, frage ich Aimy.
   »Du hast noch einen Fototermin«, zischt sie mir mit einem leichten Stirnrunzeln zu.
   Sie kann nicht begreifen, warum es mir so schwerfällt, auf High Heels zu laufen, da sie dank ihrer ehemaligen Modelkarriere daran gewöhnt ist. Ich dagegen hasse diese Dinger.
   »Richtig, so ein Mist.«
   Lou lässt sich auf den Stuhl neben meinem fallen. »Wow!« Er zieht beeindruckt die Augenbrauen in die Höhe und sieht sich in dem Saal um. »Was ein Ambiente, schick.«
   Carrie, Lous und Patricks Cousine betritt den Saal mit ihrem Gefolge. Sie wird später eine Gesangsperformance auf die Bühne bringen, da sie neben Patrick eine weitere kleine Berühmtheit der Familie ist. Eine, mit einer wunderschönen Stimme, die ich schon bei einigen ihrer Liveauftritte bewundern durfte.
   »Lasset die Spiele beginnen«, meint Lou übertrieben theatralisch und grinst in die Runde.
   Die halbe Hochzeitsgesellschaft hat sich um uns versammelt, die andere Hälfte steht in unterschiedlich großen Gruppen im Saal verteilt und unterhält sich angeregt.
   »Also«, beginnt einer von Lous Cousins, »als Erstes machen wir im Schlossgarten Hochzeitsfotos, das Licht ist um die Mittagszeit herum am besten.«
   »Genau, und danach gibt’s ein bombastisches Hochzeitsmenü«, fügt Aimy hinzu.
   »Dann erst startet das Programm. Also macht euch fertig für die Fotosession.« Josh, der Fotograf, wirft uns einen auffordernden Blick zu.
   Ehe ich mich versehe, zieht mich Aimy vom Stuhl hoch, schnappt sich ihre Handtasche und zerrt mich hinter sich her in Richtung Damentoilette.
   Links und rechts an den Wänden entdecke ich kitschig angehauchte Polstermöbel in rotem Samtbezug, auf verschnörkelten Holzfüßen stehend, die an Bärentatzen erinnern. Allerdings kann ich sie, angesichts Aimys Eile, kaum ausreichend inspizieren. Dieses Schlosshotel ist eine Wucht, und ich nehme mir vor, mich nachher heimlich für einige Minuten abzusetzen, um all die wundervollen Dekorationsgegenstände ausreichend begutachten zu können. Wäre schade, diese Gelegenheit nicht zu nutzen, denn ich bin mir bald sicher, nie wieder ein solches Hotel zu betreten.
   Exorbitante Kronleuchter, verziert mit tropfenförmigen Glassteinen, die im Schein des hereinfallenden Sonnenlichts funkeln, als wollten sie es mit Diamanten aufnehmen.
   Auf der Toilette angekommen, die eher an ein großherrschaftliches Badezimmer erinnert, kippt Aimy ihren gesamten Tascheninhalt auf die Porzellanablage neben dem Waschbecken.
   »Auf geht’s«, säuselt sie und beginnt mein Gesicht von Grund auf neu herzurichten. Ich frage mich instinktiv, was Models für ein Fotoshooting bei einer wichtigen Werbekampagne durchstehen müssen, und bin froh, nach diesem Tag damit ein und für allemal durch zu sein. Auf einer Farm brauche ich kein Make-up und keine High Heels.

»Okay, jetzt noch auf den Stufen vor dem Schloss, dann haben wir’s«, meint Riley, ein weiterer Cousin und heutiger Fotograf, nach einer guten Stunde, die mir wie mindestens drei vorkam. Meine Füße spüre ich kaum mehr. Ob sie schon abgestorben sind?
   »Reicht das nicht langsam, ich hab echt keine Lust mehr«, jammert Lou und klammert sich leidend an meinem Arm fest.
   Es ist warm geworden, die Mittagssonne steht hoch am Himmel, und nach diesem einstündigen, beinahe professionellen Fotomarathon steht auch mir langsam der Sinn nach etwas anderem. Ich habe Hunger, Durst und will endlich meine armen Füße erlösen, die sich schon auf die Turnschuhe freuen. Wir haben Fotos im Sitzen, im Stehen, vor dem Pavillon, unterm Pavillon, vor den Teichen, am Springbrunnen, auf Mauern, neben Bäumen, vor Hecken, mit und ohne Trauzeugen. Mal liegend, auf der Wiese, mal stehend, wo Lou mich auf Armen trägt und ich lachend den Kopf in den Nacken werfe. Ich glaube bald, wir haben Hochzeitsfotos, die für drei Ehen ausreichen würden.
   »Nur noch ein paar auf der Schlosstreppe, dann seid ihr entlassen, okay?«, bettelt Riley.
   »Das kommt nur davon, weil ihr ein so schönes Paar seid und Laras Kleid ein Traum ist«, fügt Travis hinzu und zückt seine Kamera, um uns erneut abzulichten. Morgen werde ich bestimmt Wangenmuskelkater vom Dauergrinsen haben.

Nach einer weiteren halben Stunde haben wir das Shooting hinter uns gebracht und dürfen uns im Ballsaal an dem wirklich bombastischen Buffet stärken.
   Patrick hat keine Kosten und Mühen gescheut, teilweise kommt es mir vor, als wollte er mit dieser Party seine eigene verdorbene Hochzeitsfeier, die Lous Ex, Nancy auf den Gewissen hat, nachholen.

Wie befürchtet haben Lou und ich nicht allzu viel voneinander an diesem Tag. Wir werden ständig in Gespräche verwickelt, hin und her beordert und die Familie und unsere Freunde nehmen uns in Beschlag, da sie uns selten genug zu Gesicht bekommen.
   Das ist okay, denn wir haben den Rest unseres Lebens Zeit füreinander. Außer bei den wirklich witzigen Braut- und Bräutigam-Spielen, die sich das Organisationsteam hat einfallen lassen, kommt es selten dazu, dass wir einige Minuten für uns haben. Bis wir uns zufällig draußen im Hof über den Weg laufen.
   »Lara …«, Lou hält mich an der Hand fest, zieht mich mit einem Blitzen in den Augen in seine Arme, »… habe ich dir schon gesagt, wie glücklich du mich machst und wie bezaubernd du aussiehst?«
   Nachdenklich kaue ich auf meiner Unterlippe, verdrehe die Augen und werfe ihm einen liebreizenden Blick zu. »Hm, nicht, dass ich wüsste.«
   Er legt einen Finger unter mein Kinn, hebt es sachte an und haucht mir einen Kuss auf die Lippen. »Dann weißt du es jetzt, aber mir ist klar, dass du in weniger als zehn Minuten behaupten wirst, es noch nie gehört zu haben, stimmt’s?«
   »Hm, kann sein«, gebe ich mit einem unschuldigen Grinsen zurück.
   Max, einer der zahlreichen Cousins von Patrick und Lou, kommt angelaufen und zerrt Lou am Arm in den Ballsaal zurück. War ja klar, keine zehn Minuten sind uns gegönnt.
   Die Sonne erwärmt die Luft im Innenhof, der windgeschützt hinter mannshohen Mauern liegt, an denen blühende Kletterpflanzen emporranken, die ihren Ursprung in riesigen Pflanzkübeln an der Wand darunter finden. Die Temperatur ist angenehm, die Maisonne hat genügend Kraft, damit man zwischendurch auf den geschmackvollen Zwei- und Dreisitzern eine Verschnaufpause einlegen kann, ohne frieren zu müssen.
   Ich sehe mich um. Meine Schwester, die mit meiner Mutter gemeinsam auf einer der gemütlichen wetterbeständigen couchähnlichen Sitzgarnituren einen Verdauungs-Sit-in abhält, winkt mir zu.
   »Wow, Schwesterlein, da hast du aber einen echten Glücksgriff getan.« Sie macht eine ausladende Handbewegung, um ihrer Begeisterung über diesen Burghof und den Feierlichkeiten allumfassend Ausdruck zu verleihen.
   So ist sie immer, rational und wenig sensibel. Lou ist kein Griff, er ist die Liebe meines Lebens.
   »Wenn deine Hochzeitsreise auch so nobel vonstattengeht, werde ich neidisch«, meint sie und lacht.
   Ich setze mich zu den beiden und lege die Beine kurz hoch. »Nein, keine Sorge, die fällt fürs Erste aus. Lou hat noch Urlaubssperre, und da wir nach Vancouver möchten, Patrick aber bis August Drehpause hat, fahren wir erst im September. Damit wir die gleiche Ausgangssituation haben wie damals, als wir uns dort kennenlernten.« Schwärmerisch verdrehe ich die Augen. »Caroline hat schon die Flitterwochen-Suite für uns reserviert.«
   Grinsend nickt meine Schwester meiner Mutter zu.
   »Dann freu ich mich schon auf viele süße Enkelkinderchen«, meint meine Mutter belustigt.
   »Keine Chance, damit lassen wir uns Zeit. Das steht auf der Liste unserer Lebensziele ziemlich weit unten.«
   Max steht mit einem Mal neben mir und zieht mich an der Hand aus dem Sitz. Hat man denn keine halbe Stunde seine Ruhe?
   »Lou wartet auf dich. Ihr müsst gemeinsam die Hochzeitstorte anschneiden. Der große Moment ist gekommen.«
   Mir graut davor, dieses filigrane, fünfstöckige, monumentale Meisterwerk mit einem scharfen Messer zerstören zu müssen, aber der Konditor besteht darauf, fürchte ich. Die Gäste ohnehin, die laut Beifall klatschen und schon wieder unzählige Fotos schießen, während Lou und ich zusammen mit sorgsam bedachten Bewegungen das obere Stockwerk in formvollendete kleine Kuchenstücke zerlegen. Ein schwieriges Unterfangen, was dennoch glückt. Ich hatte die Befürchtung, die Torte würde wie ein Kartenhaus einstürzen und eine riesige Schweinerei hinterlassen.

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