Eloa Heller, Restauratorin und Besitzerin eines Devotionalien-Ladens, steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Unbeirrbar in ihrem Glauben, dass es sowohl Engel als auch eine göttliche Fügung gibt, stellt sie sich allen Herausforderungen und nimmt den Kampf um ihre Existenz auf. Als ein Einbruch in ihre Wohnung gerade noch verhindert werden kann und zwielichtige Gestalten sie bedrohen, übernimmt Kommissar Lukas Hoffmann den Fall. Schnell findet er heraus, dass die junge Frau etwas vor ihm verbirgt, doch die Ereignisse überschlagen sich. Eloa findet sich in einem Netz aus Betrug, Habgier und Erpressung wieder. Eine Prophezeiung, ein verschollenes Familienamulett und ein Engelsgemälde geben immer neue Rätsel auf. Eloa gerät nicht nur zwischen die Fronten von zwei Männern, die um ihre Liebe kämpfen, sondern auch in einen inneren Konflikt. Denn da gibt es noch ein Versprechen, das sie ihrer Großmutter am Sterbebett gegeben hat …

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ISBN: 978-9963-727-43-8

Seiten: 232

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Charline Jansen

Charline Jansen kam schon sehr früh mit Mystik in Berührung. Sie wuchs eine Zeit lang in Amerika (USA) auf und ging in der Nähe von New York in den Kindergarten und zur Schule. Mit ihrer Familie bereiste sie große Teile des Landes und war besonders von den Weiten des Landes, den Natur- und Nationalparks und den Rocky Mountains beeindruckt. Auch das Leben der Indianer faszinierte sie und ihre innige Verbundenheit zur Natur. Zu Engeln hat sie seit ihrem 23. Lebensjahr einen ganz besonderen Bezug.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
Heidelberg, Samstag

Der Regen prasselte auf die Pflastersteine, die Fußgängerzone war menschenleer, nur die Lichter der vier Polizeiwagen blinkten lautlos im Grau der Morgendämmerung.
   Lukas blickte auf die junge Frau, die zusammengekrümmt in dem gewölbten Hauseingang auf dem Boden lag. Die blonden Haare klebten an ihren Wangen, die Haut schien im Licht der Eingangslampe gelblich grau. Beide Arme zeigten Einstiche. Neben ihr auf dem Steinboden lag eine Spritze mit blutverkrusteter Kanüle.
   »Da wollte jemand verhindern, dass ich noch einmal mit ihr rede.« Lukas wandte sich an seine Mitarbeiter von der Spurensicherung.
   »Keine Anzeichen von Gewalt. Den goldenen Schuss hat sie sich wohl selbst verpasst. Die Pathologie kann dir nachher mehr verraten. Der Todeszeitpunkt war heute Nacht gegen zwei.«
   »Die hatte sowieso keine Chance mehr«, sagte einer der Beamten. »Da ist so ein Blick in den Augen. Wenn du den siehst, ist alles zu spät. Ab einem gewissen Punkt gibt es kein Zurück mehr. Gleichgültig, wie viele sich dann noch um so einen Menschen bemühen.«
   Lukas verstand, was er meinte. Er kannte die Anzeichen, wenn es keine Hoffnung mehr gab. Er starrte auf die vergilbte Wand, von der großflächig der Verputz fiel. Sein Blick wanderte zum Innenhof und wieder zu dem toten Mädchen.
   »Sie war erst achtzehn.« Seine Stimme klang rau. »Und sie wird nicht die Einzige bleiben, die so endet, wenn wir diese Schweine nicht bald erwischen.«
   »Ach, Lukas.« Jörg seufzte. »Selbst, wenn wir die Kerle aus dem Verkehr ziehen, ändert sich nicht viel. Solange es immer wieder Abnehmer für dieses Teufelszeug gibt, sind wir machtlos.« Er blickte durch den Torbogen nach draußen und wieder zu der Leiche am Boden. »Die geht auch auf das Konto unseres speziellen Freundes.«
   Lukas sah das genauso. Gestern hatte er dieses Mädchen auf dem Bahnhof beim Stehlen erwischt. Er hatte sie mitgenommen, und es war zu einer Auseinandersetzung gekommen. Über seine Moralpredigt hatte sie nur gelacht. Dabei hatte sie ihm unbeabsichtigt einen Tipp gegeben. Dieses Haus in Sandhausen. Der Hinweis auf den metallic grünen Mercedes. Als er mehr darüber wissen wollte, wurde sie hysterisch. Er hatte sie für heute aufs Präsidium bestellt. Bestimmt hatte man sie zusammen gesehen.
   Lukas beobachtete seine Kollegen, wie sie die Leiche in einen Plastiksack packten und sie auf die Bahre legten.
   Noch ein zerstörtes Leben.
   Als das Prasseln des Regens aufhörte, trat Lukas hinaus in die Fußgängerzone und schlug den Kragen seiner Lederjacke nach oben. Um seine Gedanken zu sammeln, lief er die Straße entlang. Er vermutete, dass am frühen Abend eine Lieferung in Sandhausen erwartet wurde. Vielleicht war heute der entscheidende Tag. Er musste handeln. Dieses Mädchen sollte nicht umsonst gestorben sein.
   Lukas überdachte seinen Plan und lief weiter. Um diese Uhrzeit schliefen die meisten noch, nur in wenigen Fenstern brannte schon Licht. Bis auf eine Bäckerei waren die Geschäfte noch geschlossen. Eine Frau mit langem braunem Haar verließ ein Haus. Lukas achtete kaum auf sie, doch es entging ihm nicht, dass die Fremde ihn neugierig musterte.
   Während er weiterging, riss die Wolkendecke auf. Lukas blieb stehen und betrachtete den Regenbogen. Er leuchtete überdimensional groß und mit kräftigen, klar voneinander zu unterscheidenden Farben, sodass er fast irreal wirkte.
   Wahnsinn! Doch nur sein Kopf registrierte, wie schön dieser Anblick war. Sein Herz blieb davon unberührt. Seine Gedanken waren längst wieder bei der Leiche und den Hinweisen.

Erster Teil
Nur Licht vertreibt die Dunkelheit

Das Leben unterliegt einem ständigen Wandel. Alles ist im Fluss, Veränderungen sind Bestandteil des Lebens. Nimm sie gelassen hin. Wer davor flieht, empfindet Leid. Wer das Alte loslassen kann und sich dem Neuen öffnet, ist dem Glück schon näher.

Samstag

In den Gassen der Altstadt war es noch immer ruhig. Der Regen war von einem heftigen Schauer in einen sanften Nieselregen übergegangen, zwischen den Wolken zeigte sich öfter die Sonne. Ein nebelartiger Dunst schwebte über den Pflastersteinen, dennoch versprach es, ein warmer Frühlingstag zu werden.
   Eloa trat aus dem Haus. Ein finster dreinblickender Mann um die dreißig kam auf sie zu. Er gefiel ihr auf Anhieb. Groß und schlank, selbst durch die Kleidung erkannte sie, dass er durchtrainiert und muskulös war. Sein Gesicht war markant, die dunkelbraunen Haare kurz geschnitten. Besonders die blauen Augen beeindruckten sie, obwohl sein Blick abweisend, beinahe kalt wirkte. Als er an ihr vorbeiging, lächelte sie ihm zu. Er reagierte nicht.
   Dann eben nicht. Eloa schlug den Weg in eine Seitengasse ein, presste ihre in Packpapier gewickelte Marienfigur an sich und marschierte zügig voran.
   Die Bäume entfalteten schon ihre Blüten, Krokusse, Narzissen und Tulpen, die in Blumenkübeln manchen Hauseingang zierten, schillerten in kräftigen Farben. In dieser frühen Morgenstunde erschien Eloa die Umgebung wie verzaubert, das Strahlenspiel der Sonne tauchte die Altstadt in gedämpftes Licht. Am Himmel leuchtete ein Regenbogen.
   Fasziniert blieb Eloa stehen. Der Wind zerzauste ihre Haare. Für einen Augenblick vergaß sie ihren Kummer und versank in der Farbenpracht des Regenbogens, der sich über den Häusern wie ein Tor spannte. Der Anblick berührte sie. Sie fühlte sich beschützt und auf eigentümliche Weise geborgen. Der Regenbogen erschien ihr wie ein Portal in eine andere Welt.
   Vielleicht sollte sie doch einen Neuanfang wagen …
   Gedankenverloren tauchte sie in die Farben ein. Erst, als die Kirchturmuhr schlug, kam sie wieder zu sich und setzte sich in Bewegung.
   Wenig später erreichte sie ein Eckhaus. In dem ehrwürdigen Altbau befanden sich unten ihr Devotionalienladen und ihre Werkstatt, darüber erstreckten sich drei Etagen mit je zwei Mietwohnungen und das ausgebaute Dachgeschoss mit den verschnörkelten Giebelfenstern.
   Eloa hatte die Geschäftsräume schon zu Lebzeiten ihres Vaters gepachtet. Die Miete war hoch, die Lage dafür ideal. Leider verhielten sich seit der Wirtschaftskrise viele ihrer Stammkunden zurückhaltend. Eloa war froh, dass sie regelmäßig Aufträge von der Kirche bekam. Als Restauratorin konnte sie so ihre Grundversorgung decken.
   Sie öffnete die Eingangstür des Wohnhauses und betrat ihr Geschäft durch eine weitere Tür unten im Hausflur. Sie brachte die Marienfigur in die Werkstatt und stieg die Treppe im Flur nach oben. Die Eichendielen knarrten unter ihren Schritten. Ihre Zweizimmerwohnung im vierten Stock befand sich unter dem Dach. Sie bewohnte diese Etage allein, nur ein Raum diente dem Besitzer als Abstellkammer.
   Eloa blickte auf die Uhr. Die Plauderstunde beim Pfarrer rächte sich, sie musste sich mit dem Frühstück beeilen.

Eine halbe Stunde später schloss sie ihre Ladentür auf. Draußen nieselte es noch immer. Eloa winkte der Verkäuferin auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu, die ihre Kleiderständer unter das Vordach der Boutique schob, und ging in die Werkstatt.
   Sie war gerade in eine Restaurationsarbeit vertieft, als die Türglocke schepperte.
   Eloa stand auf, wusch sich die Hände und betrat den Verkaufsraum. Beim Anblick des älteren Herrn verkrampfte sie sich innerlich, ließ sich jedoch nichts anmerken. »Guten Morgen, Professor Rittberger.«
   Der Professor fixierte sie. Er war groß und elegant gekleidet. Sein Gesicht mit dem schmalen Mund zeigte tiefe Falten. Norbert Rittbergers weltmännisches Auftreten hatte Eloa schon immer als zu dominant empfunden.
   Für einen Moment standen sie sich schweigend gegenüber.

*

»Guten Morgen.« Norbert ließ den Blick über die junge Frau schweifen. Eloa gefiel ihm bei jedem Sehen mehr. Sie war schlank, mit weiblichen Rundungen, und sah in ihrem einfachen Baumwollkleid bezaubernd aus. Wenn Sonnenlicht auf ihr langes dunkles Haar fiel, das ihr bis zur Taille reichte, schimmerte es kastanienbraun. Ihre grauen Augen waren ein einziger Traum. Warum Heiko sie nicht längst geheiratet hatte, verstand er nicht. Egal! Wenn sein Plan aufging, würde er bald ihre Schritte lenken können. Und nicht nur ihre.
   »Heiko hat mir erzählt, dass deine Ladenmiete erhöht wird.« Er räusperte sich. »Nachdem du ihm mit deinen gesamten Ersparnissen ausgeholfen hast, dürfte dein finanzieller Spielraum eng geworden sein.«
   Eloa sah ihn mit großen Augen an. »Sie haben die Verletzungen ihres Sohnes doch gesehen. Ich musste ihm helfen. Wer weiß, was sie sonst noch mit ihm gemacht hätten?«
   »Mit Mitleid kommst du bei ihm nicht weiter. Ich habe ihn oft genug gewarnt. Jetzt haben wir gesehen, dass seine Partner vor nichts zurückschrecken.«
   Eloa schwieg und nickte langsam. Wahrscheinlich gab sie ihm recht, was Heikos neue Geschäftsfreunde betraf.
   Sie wollte etwas sagen, doch er hob die Hand. »Ich bin nicht hier, um mit dir über Heiko zu reden. Es geht um das Engelsgemälde. In deiner Lage bleibt dir nichts anderes übrig, als dich davon zu trennen. Ich zahle gut. Du bist sicherlich einverstanden.«
   »Sie wissen, dass ich mich nicht davon trenne, egal, zu welchem Preis.« Er musterte sie eindringlich. Eloa schlug die Lider unter seinem Blick nieder. »Ich hatte mit deinem Vater ein Abkommen. Sobald ich die elf Engelsgemälde von Rafaela Goldberg beisammenhabe, wollte er mir seines überlassen. Inzwischen habe ich sie alle. Natürlich kannst du dein Bild jederzeit bei mir ansehen.«
   Er wollte noch ein weiteres Argument anfügen, ließ es aber sein. Die Zeit für Andeutungen war noch nicht reif. An manchen Dingen durfte man nicht zu früh rühren.
   Eloa zog die Stirn zusammen, sodass zwischen ihren Brauen eine senkrechte Falte erschien. Wer sie gut kannte, wusste, dass das ein Abwehrsignal war, ein untrügliches Zeichen, dass sie nicht zugänglich war. Er kannte dieses Signal, ignorierte es aber.
   »Das Gemälde ist seit drei Generationen in unserer Familie. Es bedeutet mir sehr viel.«
   »Trotzdem hat es mir dein Vater als Wiedergutmachung versprochen.«
   »Meine Großmama war die Besitzerin, nicht er.«
   Er winkte ab. »Das ist unwichtig. Nur eine Ausstellung mit allen zwölf Engeln erregt Aufmerksamkeit. Zwangsläufig steigt dadurch der Wert jedes Einzelnen. Du hast dich immer darüber beklagt, dass Frauenkunst in der Vergangenheit zu wenig beachtet wurde. Das können wir ändern. Ich mache Rafaela Goldberg und ihre Werke bekannt.«
   Er griff nach seinem Portemonnaie. »Du bekommst von mir eine Anzahlung. Danach überweise ich dir zehntausend Euro. Damit hast du einen Teil der Summe zurück, die du Heiko geliehen hast, und kannst deine Probleme noch einige Zeit aufschieben.«
   »Das kann ich auch ohne den Verkauf. Heiko will seine Schulden in drei Wochen bezahlen.«
   Er lachte. »Wenn du auf seine Provision hoffst, täuschst du dich. Zumindest, was den Zeitpunkt seiner Rückzahlung betrifft. Denk an die Devise deines Vaters. Nur niemals aufgeben.«
   Eloa rückte einen Kerzenleuchter zurecht. »Ich gebe nicht auf. Ich kann aber rechnen. Es ist sinnlos, etwas festhalten zu wollen, was nicht zu halten ist.«
   »Wenn du mein Angebot ablehnst, bist du dein Geschäft los und bleibst trotzdem auf deinen Schulden sitzen.«

*

Eloa fühlte sich in die Enge getrieben. Sie konnte nicht verstehen, dass ein Vater seinen einzigen Sohn ohne jede Gefühlsregung im Stich ließ. Er hätte eingreifen können, doch es war schon immer sinnlos gewesen, an Rittbergers Mitgefühl zu appellieren. Sie wollte die Hilfe des Professors nicht. Seine Art war ihr unangenehm, ebenso seine penetranten Versuche, ihren Engel in die Hände zu bekommen. Seit ihr Vater vor drei Jahren gestorben war, war Norbert Rittberger wie verrückt hinter diesem Gemälde her. Seine Sammelwut grenzte fast schon an Besessenheit. Eloa verstand, dass er die komplette Reihe einer Künstlerin haben wollte, dennoch war sie nicht bereit, ihm das Gemälde zu geben. Der Professor hatte das von Anfang an gewusst.
   Die Geschichte, die das Gemälde umgab und das Symbol, für das der erste geschaffene Engel von Rafaela Goldberg stand, war eng mit ihrer Familie verknüpft. Sie hatten zwar nie etwas mit der Malerin zu tun gehabt, aber schon die Umstände, unter denen dieses Gemälde 1842 entstanden war, muteten mehr als mystisch an.
   Eloa holte tief Luft. »Ich gebe es nicht her. Wenn ich ernsthafte Schwierigkeiten habe, verkaufe ich etwas anderes.«
   Für den Bruchteil einer Sekunde erkannte sie Wut, unterdrückten Zorn und Gier in den Augen des Professors. Eloa hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, zu schnell war der Ausdruck wieder verschwunden. Der Professor hatte sich sofort gefangen.
   »Leihst du mir das Gemälde für eine Ausstellung?« Er kam näher, ohne sie aus den Augen zu lassen.
   Sie schüttelte den Kopf. »Nein! Sie wissen, warum.«
   Professor Rittberger steckte sein Portemonnaie wieder ein.
   »Die Anhänglichkeit an deinen Engel ist rührend. Geldprobleme lassen sich nicht mit Sentimentalitäten beheben. Auch nicht mit den Geschichten deiner Großmutter und der angeblichen Macht, die von diesem Gemälde ausgeht.«
   Er sah sie missbilligend an. »Du hast in deine Werkstatt investiert, die Bank erwartet pünktliche Kreditrückzahlungen. Wenn du meinen Vorschlag ablehnst, riskierst du dein Geschäft.« Er griff noch einmal in sein Jackett. »Zwölftausend Euro. Dein Vater als Kunsthändler hätte dir zugeraten.«
   »Ich verkaufe nicht.« Eloa wollte nur noch, dass er ging.
   »Dir traut man diesen Dickkopf gar nicht zu.« Er blickte zur Tür, die von innen in den Hausflur führte. »Hast du das Gemälde oben? Wenn du mir den Schlüssel gibst, könnte ich es mir gleich jetzt ansehen.«
   Alles, nur das nicht! »Das Gemälde ist nicht bei mir. Ein Freund will die Technik studieren und hat es sich ausgeliehen.« Sie konnte nicht erkennen, ob der Professor ihr glaubte.
   Er wollte gerade etwas sagen, als die Türglocke bimmelte und eine junge Frau den Laden betrat. Norbert griff in die Innenseite seines Jacketts und reichte Eloa ein zusammengefaltetes Blatt. »Das habe ich zufällig entdeckt.«
   Sie zuckte zusammen, als sie es auseinanderfaltete.
   »Interessant, nicht wahr?« Der Professor lächelte kalt. »Ich habe meine Fühler schon ausgestreckt. Leider ist der Artikel über die Auktion schon ein Jahr alt.«
   Eloa bemerkte das erst jetzt.
   »Deine Großmutter würde sich freuen, wenn ihr ehemaliges Eigentum wieder in deine Hände käme. Glaubst du nicht auch?«
   Sie nickte. Beklommenheit betäubte sie.
   »Es ist ein Fehler, mir nicht zu vertrauen.« Professor Rittberger kam näher und senkte die Stimme. »Ich weiß, was dir deine Großmutter vor ihrem Tod vorhergesagt hat.« Wieder lächelte er sonderbar. Eloa fühlte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg.
   »Wir sehen uns«, sagte er, tippte sich an die Stirn und verließ den Raum.
   Eloa starrte ihm hinterher, bis er verschwunden war. Noch einmal warf sie einen Blick auf die Fotografie, die neben dem Artikel abgebildet war und auf das Datum. Veröffentlicht am Todestag ihrer Großmutter.
   Sie faltete das Blatt zusammen und wandte sich ihrer Kundin zu. »Hallo Lisa. Du willst sicherlich den Rosenkranz für deine Oma aussuchen.«
   »Nicht nur das. Ich soll Grüße von Gabis Eltern übermitteln. Ihre Kleine ist sehr glücklich über das Gemälde ihres Schutzengels. Ich durfte es schon bewundern. Seit du mit Gabi über den Tod redest, geht es mit ihr langsam wieder aufwärts. Ihre Eltern sind dir dafür dankbar. Für sie ist der Tod ihrer ältesten Tochter noch immer schwer zu ertragen, sodass sie kaum Kraft für ihre Jüngste haben.«
   »Verständlich«, sagte Eloa. »Um so einen schweren Verlust zu verarbeiten, brauchen sie viel Zeit.«
   Lisa lächelte sie zurückhaltend an. »Es ist bewundernswert, dass du trotz der vielen Tragödien in deinem Leben noch niemals den Mut verloren hast«, murmelte sie. »Nur eines hat mich gewundert. Warum hast du Gabis Kinderengel keine Flügel gemalt?«
   Eloa holte das Fach mit den Rosenkränzen aus der Vitrine und sah auf. »Gabi wollte, dass ihr Engel genauso aussieht wie ihre verstorbene Schwester. Sie war sich nur nicht sicher, ob ein Engel ohne Flügel wirklich ein Schutzengel ist. Schließlich war sie mit meinem Entwurf einverstanden. Sie hat von mir einen Engel ohne Flügel bekommen, aber nur, wenn du nicht genau hinsiehst. Im goldgelben Lichtkranz rund um die Gestalt kannst du ganz schwach die Flügel erkennen.«
   »Du bist genial.« Lisa deutete auf die Rosenkränze. »Genau wie das hier. Welchen soll ich nur nehmen?«
   »Lass dir Zeit.« Eloa fasste in ihre Westentasche. Dabei berührte sie den Artikel. »Tust du mir einen Gefallen? Passt du kurz auf den Laden auf? Ich muss rasch in meine Wohnung.«
   »Kein Problem. Ich bin wahrscheinlich sowieso noch einige Stunden hier, weil ich mich nicht entscheiden kann.«
   Eloa lächelte und huschte die Holztreppe nach oben.
   In ihrem Wohnzimmer nahm sie das Engelsgemälde von der Wand. Heiko durfte das nicht mehr bei ihr sehen. Zuerst wollte sie es in ihrem Schrank im Schlafzimmer aufbewahren, dann dachte sie an das seltsame Verhalten des Professors und an den Ausdruck seiner Augen.
   Eloa betrachtete den Engel. Er trug ein weißes Gewand, seine Flügel leuchteten feuerrot. Er stand unter einem Regenbogen wie unter einem Tor, und aus seinen Händen strömte helles Licht. Seit Eloa denken konnte, war ihr Leben von Engeln geprägt, ebenso von wundervollen Erzählungen, von denen eine mit diesem Gemälde zusammenhing. Mithilfe dieses Engels hatte ihr die Großmutter gezeigt, wie sie die Trauer um ihre früh verstorbene Mutter und all die anderen Schicksalsschläge, die in kurzen Abständen über sie und die Familie hereingebrochen waren, bewältigen konnte. Dieser Engel war für sie ein Symbol der Liebe und des Trosts. Niemals würde sie sich freiwillig davon trennen.
   Eloa strich behutsam über den Rahmen. Dabei dachte sie an den Regenbogen, den sie am frühen Morgen gesehen hatte und an ihre Gefühle und Gedanken, die sie bei dessen Anblick gehabt hatte.
   Sie las den Artikel ein zweites Mal durch.
   London vor einem Jahr. Der Tag, an dem ihre Großmutter gestorben war. Es war mehr als merkwürdig, dass ihr ehemaliges Familienamulett genau zu diesem Zeitpunkt den Besitzer gewechselt hatte. Das konnte kein Zufall sein. Professor Rittberger würde alles daransetzen, den Namen und die Adresse des neuen Besitzers zu ermitteln.
   Bei diesem Gedanken überflutete es sie heiß, und sie musste an das Versprechen denken, das sie ihrer Großmutter kurz vor deren Tod gegeben hatte. Was wusste der Professor davon? Wusste er überhaupt etwas, oder wollte er sie nur verunsichern?
   Heikos Worte kamen ihr in den Sinn. Einfach alles hinter sich lassen, mit ihm fortgehen und woanders neu beginnen. War das überhaupt möglich? Hatte sie sich durch ihr Versprechen nicht die Hände gebunden?
   Noch einmal betrachtete Eloa das Gemälde. Wie immer, wenn sie sich darauf konzentrierte, fühlte sie, wie das Licht aus den Händen des Engels auch durch ihren Körper strömte.
   Sie schloss die Augen und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf ihren Atem. Langsam beruhigten sich ihre Gedanken, und es gelang ihr, still in sich hineinzuhören.
   Es dauerte nicht lange, und sie sah ihren Weg klar vor sich. Es gab nichts, das sie beunruhigen musste. Sie würde alles tun, was in ihrer Macht stand, um ihre Schwierigkeiten zu bewältigen. Aber sie würde sich nicht gegen das Schicksal auflehnen. Ihr Engel war immer bei ihr. Nichts konnte ihr geschehen, gleichgültig, wie ihr Leben nach außen hin aussah und in welche Stürme sie noch geraten würde.
   Eloa atmete tief durch und öffnete die Augen.
   Einem inneren Impuls nachgebend, versteckte sie das Kunstwerk in einem Geheimfach ihres antiken Schreibtischs. Als sie das Fach verschlossen hatte, fühlte sie sich besser.

Schon kurz nach vier verließ Eloa das Haus. Die Luft war angenehm kühl, und die Sonne zeigte sich nur kurz zwischen den durcheinanderwirbelnden Wolken. Zügig marschierte sie durch die Fußgängerzone bis hinunter zum Fluss. Sie setzte ihren Spaziergang am Neckarufer fort.
   Obwohl Samstag war, hatte sich kaum Kundschaft zu ihr verirrt, ein Umstand, der ihr Sorgen machte.
   Immer dieses verfluchte Geld!
   Über eine Stunde später sah sie auf, als ein Lastwagen an ihr vorüberdonnerte. Sie war so sehr in ihre Überlegungen abgetaucht, dass sie nicht bemerkt hatte, wohin sie gegangen war. Verwundert stellte sie fest, dass sie sich in Höhe der Frauenklinik in der Bergheimerstraße befand. Abrupt blieb sie stehen. Irgendetwas stimmte nicht. In diesem Moment hörte sie ein klirrendes Geräusch, dann ein Stöhnen.
   Eloa wirbelte um. Eine Jugendliche stand mitten auf der Straße. Ihre Handtasche war offen, der Inhalt auf der Fahrbahn verteilt. Wie in Trance bückte sie sich und hob ihre Sachen auf. Die Autos fuhren hupend und in unvermindertem Tempo an dem Mädchen vorbei.
   Was tat sie da bloß?
   Als der Verkehr kurz abriss, betrat Eloa rasch die Straße. In der Mitte der Fahrbahn bemerkte sie zwei Autos, die in rasanter Geschwindigkeit auf sie zurasten. Mit wenigen Schritten war Eloa bei der jungen Frau, die noch immer wie betäubt ihre Utensilien aufsammelte. Eloa fielen sofort die geweiteten Pupillen in dem schmalen Gesicht auf.
   Die beiden Sportwagen, die sich offensichtlich ein Rennen lieferten, kamen bedenklich nahe. Der hintere Wagen überholte. Eloa packte das Mädchen am Arm und riss es hoch.
   »Aufpassen«, rief ein Passant vom Bürgersteig.
   Reifen quietschten, das erste Auto wich direkt vor ihnen aus und bremste scharf. Der Fahrer des zweiten Wagens konnte nicht mehr reagieren.
   Eloa gab dem Mädchen einen Stoß. Der Wagen erfasste Eloa.
   Sie registrierte den dumpfen Aufprall, fühlte, wie sie in die Luft geschleudert wurde und hart auf der Straße aufkam. Passanten schrien. Ihr Kopf dröhnte, dann sah sie die Wolken am Himmel, zwischen denen immer wieder die Sonne aufblitzte.
   Ein Mann beugte sich über sie und legte ihr eine Hand auf die Stirn.
   Eloas Blick verlor sich, verschwamm in ihrem Schmerz, doch sie wandte den Kopf noch einmal dem Fremden zu. »Da ist kein Regenbogen mehr, nur noch Licht.«
   Das Letzte, was sie sah, waren blauen Augen, dann überwältigte sie die Qual. Ihre Glieder erschlafften und tiefe Dunkelheit umhüllte sie.

*

Ihre Worte waren so leise, dass er Mühe hatte, sie zu verstehen. Lukas beugte sich über die junge Frau und fühlte ihren Puls.
   Sein Freund Jörg kniete neben ihm und öffnete den Erste-Hilfe-Kasten. »Das hätte nicht passieren dürfen.«
   Lukas presste die Zähne zusammen. Er griff nach seinem Handy und informierte den Notdienst.
   »Der Kerl ist natürlich weg«, sagte Jörg, als Lukas das Verbandsmaterial öffnete.
   »Gib eine Fahndung wegen Fahrerflucht raus.« Lukas versuchte, Eloas Blutung am Kopf zu stillen. »Verdammt, wo bleibt der Notarzt?«
   Jörg informierte über Funk die Kollegen, dann sicherte er den Unfallort.

Wenig später hörte er die Sirenen des Rettungswagens, der sich seinen Weg durch den dichten Verkehr bahnte. Autos hielten am Straßenrand und Schaulustige umkreisten die Unfallstelle. Jörg hatte alle Hände voll zu tun, die Menge auf Abstand zu halten.
   Der Fahrer des Rettungswagens steuerte auf eine Gruppe Gaffer zu. Nur mit Signalhorn und Hupe gelang es ihm, die Menge aufzuscheuchen.
   Der Notarzt und die Sanitäter übernahmen die Verletzte. Lukas stand auf und wandte sich an die Schaulustigen.
   »Verschwinden Sie!« Er zückte seinen Ausweis. »Wenn Sie nicht sofort Platz machen, verhafte ich Sie! Und zwar alle!«
   Seine Worte zeigten nur langsam Wirkung, dennoch gelang es ihnen, den Unfallort zu sperren.
   »Innere Blutungen! Da sind eindeutig mehrere Organe verletzt«, sagte der Notarzt. Lukas starrte betroffen auf die Verletzte. Nicht nur ihre Lippen waren weiß, auch ihre Haut schimmerte wie schneeweißes Porzellan. Er kniete sich neben sie und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Ihr Anblick berührte ihn. Die grauen Augen, die vor ihrer Bewusstlosigkeit zu ihm aufgesehen hatten, konnte er nicht vergessen, ebenso ihren Blick, kurz bevor er mit dem Auto ausgewichen war. Er hätte den Wagen während der Verfolgungsjagd nicht an dieser Stelle überholen dürfen.
   Lukas nahm ihre Hand.
   Der Notarzt intubierte sie und beatmete sie künstlich.
   Lukas streichelte weiter ihre Hand. Sie war eiskalt. Angst kroch in ihm empor, dass sie es nicht schaffen würde. Es kam ihm wie eine Unendlichkeit vor, bis sie in den Rettungswagen geschoben wurde, in dem sie weiterversorgt werden konnte.
   »Ihre Personalien«, sagte Jörg und reichte einem der Sanitäter die Umhängetasche. »Die Patientin ist siebenundzwanzig Jahre alt und heißt Eloa Heller. In ihrer Brieftasche haben wir die Adresse einer Dina Heller gefunden. Sie wohnt in der Nähe des Bahnhofs. Wahrscheinlich eine Verwandte.«
   »Wir rufen dort an«, sagte Lukas, behielt aber den Blick auf Eloa gerichtet. Es war seine Schuld. Die hinteren Türen schlossen sich und der Rettungswagen fuhr an. Durch die milchigen Scheiben sah er, wie das Rettungsteam weiter um ihr Leben kämpfte.
   Lukas starrte dem Wagen hinterher, der mit heulenden Sirenen verschwand, dann drehte er sich um, ging zum Unfallort zurück.
   Auf der Straße lag eine violette Karte.
   Sie war blutverschmiert. Er hob sie auf und betrachtete eine Zeichnung, deren Hintergrund fast schwarz war. Darauf war ein Engel abgebildet, der unter einem Regenbogen stand. Eine Aura von weißem Licht umgab ihn. Darunter stand: Genieße jeden Tag mit all seinen Farben. Sieh hin und freue dich an der Vielfalt des Lebens.
   Genieße jeden Tag und sieh hin. Heute hatte er nur Elend und Hoffnungslosigkeit gesehen. Er musste an den Regenbogen am Morgen denken, doch damit verband er im Augenblick nur Tod und Leid. Erst, als Jörg ihm eine Hand auf die Schulter legte, kam er wieder zu sich.
   »Komm«, sagte sein Kollege. »Es gibt noch einiges zu tun.«
   Lukas sah ihm die tiefe Besorgnis an. Als er sich nicht vom Fleck rührte, drückte Jörg seine Schulter. »Du bist weiß wie eine Wand. Komm.« Jörg schob ihn energisch zu ihrem Wagen.

»Was, wenn sie stirbt?« Lukas strich sich über die Stirn. Dass er nichts für sie tun konnte, machte ihn rasend. Warum ihn diese Frau so sehr berührte, konnte er sich nicht erklären. Er dachte an all die Einsätze, bei denen Menschen gestorben und jede Hilfe zu spät gekommen war. Er hatte es bisher immer geschafft, das Unglück anderer nicht an sich heranzulassen. Eben war ihm das überhaupt nicht gelungen.
   Regen setzte ein. Er legte den Kopf in den Nacken. Sie musste weiterleben! Obwohl er schon etliche Jahre in seinem Beruf arbeitete, war heute etwas geschehen, das er nicht benennen konnte.
   Als hätte ihn das Schicksal gestreift. Er steckte die Karte in seine Jackentasche und hatte das Gefühl, dass sich mit dem heutigen Tag sein Leben verändern würde.
   Unglücklich blickte er zum Unfallort und starrte auf den Blutfleck mitten auf der Straße, den der Regen langsam fortspülte. Eine kalte Hand griff nach seinem Herz.
   Lukas riss sich zusammen. Jörg hatte recht. Sie hatten noch eine Menge zu tun.

Lukas betrat die Unfallstation. Eloa Heller war noch immer im OP. Wie es ihr ging, konnte ihm niemand sagen.
   Vor dem OP-Bereich ging eine Frau mit halblangen blonden Haaren nervös auf und ab. Lukas trat zu ihr.
   »Ich bin Lukas Hoffmann. Kriminalpolizei, Drogendezernat. Sind Sie Dina Heller?«
   Die Frau warf einen flüchtigen Blick auf seinen Ausweis.»Ja. Haben Sie mich angerufen?«
   Lukas nickte.
   Dina Heller schlang ihre Arme um den Körper. »Was hat meine Schwester mit dem Drogendezernat zu tun?«
   »Nichts, es war nur eine Verkettung unglücklicher Zufälle. Ihre Schwester hat einem sechzehnjährigen Mädchen das Leben gerettet. Die Kleine nimmt Drogen und ist uns bereits bekannt. Sie stand mitten auf der Straße. Ihre Schwester wollte sie von da wegholen. Laut Zeugenaussagen war sie die Einzige, die reagiert hat. Wissen Sie schon, wie es ihr geht?«
   »Nicht gut. Sie hat ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, Rippenbrüche und innere Blutungen. Die Beine sind verletzt, vor allem das rechte Knie. Die Ärzte operieren noch.« Dinas Lippen zitterten. »Ich verstehe das nicht. Waren Sie dabei, als es passiert ist?«
   »Ich habe den Unfall verschuldet.«
   Dina schnappte nach Luft. »Und Sie trauen sich trotzdem hierher?« Ihr Blick sprühte Funken. »Sie haben ja keine Ahnung, was Sie meiner Schwester angetan haben!« Er hielt ihrem Ausbruch stand. »Es tut mir leid. Wir haben einen Drogendealer verfolgt. Ich hatte sein Auto gerade überholt und wollte ihn zum Anhalten zwingen, als ich die beiden Frauen auf der Straße sah. Ich konnte noch ausweichen, der zweite Wagen nicht. Der Fahrer ist geflohen, aber wir finden ihn, das verspreche ich Ihnen.«
   Lukas sah ihr an, dass sie nicht wusste, wie sie auf diese Mitteilung reagieren sollte. Die junge Frau war völlig durcheinander. Sie wollte etwas erwidern, als jemand ihren Namen rief.
   Dina drehte sich um. »Marion, endlich!« Sie atmete auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
   Marion, eine rothaarige Frau, nahm Dina in den Arm. »Ich wollte dir nur sagen, dass ich ab Montag übernehme. Wie geht es ihr?«
   »Nicht gut.« Dina riss sich zusammen und kramte in Eloas Tasche. »Das ist der Schlüssel für den Laden und die Werkstatt. Um ihre Wohnung kümmere ich mich.«
   »Und was ist mit den Restaurationen?«, fragte Marion. »Ich kann Eloa im Verkauf, aber nicht in der Werkstatt vertreten.«
   »Du musst die Kunden vertrösten. Wenn sie die Aufträge zurückziehen, hat sie keine Chance, die nächste Zeit zu überstehen. Marion, ich verlass mich auf dich. Sie braucht diese Arbeiten, der Laden allein wirft momentan zu wenig ab.«
   Lukas biss die Zähne zusammen. Auch das noch.
   »Jetzt können Eloas Schutzengel beweisen, was sie können«, sagte Marion. »Seit deinem Anruf rede ich mit ihnen. Merkwürdig, dass man in der Not Wesen um Hilfe bittet, die man zuvor als Hirngespinste abgetan hat. Warum glauben wir erst an die Macht der Engel, wenn etwas passiert? Sind wir so wankelmütig?« Marion nahm Dina in den Arm. »Verweigern sie uns jetzt die Hilfe, weil wir sie bisher missachtet haben?«
   »Wir Ärzte sind ja auch noch da«, fuhr ein in Grün gekleideter junger Mann sie an, der nach diesen Worten mit einem verächtlichen Blick im OP-Bereich verschwand.
   Dina starrte auf die geschlossene Tür. »Er ist zwar unhöflich, hat aber recht. Eloa hört das nicht gern, doch ich konnte mich nie ganz mit Omas Welt abfinden.«
   »Eloa vertraut ihrem Schutzengel so sehr«, flüsterte Marion.
   Lukas schüttelte über diese Worte nur den Kopf. Und trotzdem starben täglich Menschen und es gab überall Leid. Er hatte sich zurückgezogen und starrte aus dem Fenster. Erst, als die Rothaarige gegangen war, wandte er sich erneut an Dina Heller. »Ihre Schwester hat Probleme? Kann ich helfen?«
   »Ich wüsste nicht, wie. Eloa lässt sich zwar nie unterkriegen, aber dieser Unfall …« Dina blickte betreten zu Boden. »Wenn kein Wunder geschieht, verliert sie ihr Geschäft. Das wäre nicht das Schlimmste. Wenn sie stirbt, oder als schwer Behinderte weiterleben muss …«
   Sie schluckte.
   Er ahnte, dass sie ihn am liebsten anklagen würde, gleichzeitig erkannte er, dass es ihr guttat, mit jemandem zu reden. Sicherlich war sie froh, dass sie in diesem sterilen Gang nicht mehr allein war. »Ihre Schwester glaubt an Schutzengel?«
   »O ja! Und sie ist selbst ein Engel.« Dina blickte gedankenverloren um sich. »Sie ist unbeirrbar in ihrem Glauben, obwohl es in unserer Familie ein Unglück nach dem anderen gab. Unsere Mutter starb bei einem Unfall, als Eloa fünf war.« Dina deutete auf eine Bank.
   Lukas setzte sich neben sie.
   »Es tut mir leid, dass ich vorhin so schroff war«, sagte sie. »Es ist nur die Angst. Ich könnte es nicht ertragen, wenn meine Schwester stirbt. Unser Bruder starb, unsere Eltern sind tot, die Großeltern väterlicherseits auch, und ich … ich habe mich immer um Eloa gekümmert. Sie ist sieben Jahre jünger als ich. Aber ich will Sie nicht mit unseren Familiengeschichten langweilen.«
   »Das tun Sie nicht. Das Warten auf ein Ergebnis ist unerträglich, und ich habe das verschuldet. Außer Zuhören kann ich momentan nichts Sinnvolles tun.«
   »Sie dürfen sich nicht anklagen. Eloa glaubt an eine göttliche Fügung. Für sie gibt es keine Zufälle. Alles passiert, weil es passieren muss, auch wenn wir es nicht verstehen. Da sie erfahren musste, was es bedeutet, liebe Menschen zu verlieren, steht sie anderen in ihrer Trauer bei. Sie ist sehr sensibel und einfühlsam. Unser Pfarrer bittet sie häufig um Hilfe.« Dina strich sich eine Strähne aus der Stirn. »Ich habe sie oft gefragt, ob ihr das nicht zu viel wird. Sie behauptet, dass die Engel ihr beistehen und ihr im entscheidenden Moment immer die Kraft geben, die sie braucht.«
   Lukas war von dieser Beschreibung seltsam berührt. »Eine interessante junge Frau. Bitte erzählen Sie mir mehr von ihr.«
   »Unsere Großmutter praktizierte einen wahren Engelskult. Sie hatte Kontakt mit Engeln, zumindest hat sie das immer behauptet. Während Eloa trotz aller Schicksalsschläge niemals ihren Glauben verlor, weder an Gott noch an ihre Engel und auch nicht an die Menschen, habe ich mich zur Zweiflerin entwickelt. Ich bin wie mein Vater nüchtern veranlagt. Eloa war die Einzige, die auf Omas Kräfte und Visionen vertraut hat.«
   »Kräfte und Visionen?« Lukas beugte sich vor.
   »Es klingt verrückt, aber unsere Großmutter konnte durch Auflegen ihrer Hände heilen. Und ihre Prophezeiungen sind alle eingetroffen. Dass sie Dinge vorhersagen konnte, beweisen schon unsere Vornamen. Meiner hat sich sogar als Volltreffer erwiesen.«
   Lukas hörte ihr aufmerksam zu.
   »Ich habe Sprachen studiert und unterrichte als Lehrerin. Dina ist der Engel der Sprachen, der Weisheit und Wissenschaften und der Liebe zum Lernen.«
   »Und was bedeutet Eloa?«
   »Weiblicher Engel aus den Tränen Jesus geboren.«
   »Klingt recht theatralisch.«
   »Vielleicht. Auch hier hat Großmama Weitsicht bewiesen. Eloa ist Restauratorin geworden und hat sich auf religiöse Kunstschätze spezialisiert. Sie wäre zwar lieber Malerin geworden, aber das hat unser Vater ihr ausgeredet. Ihr Name passt zu ihrem Beruf und dem Geschäft, und die Malerei hat sie geschickt damit verbunden.«
   »Vielleicht wurde ihr Interesse in dieser Richtung nur aus Liebe zu ihrer Großmutter geweckt.«
   »Sie unterschätzen meine Schwester. Natürlich wurden wir von Oma beeinflusst, trotzdem sind Fremdsprachen mein Leben.« Dina zögerte. »In einem gebe ich Ihnen allerdings recht. Eloa hat unserer Großmama blind vertraut. Leider hat sie ihr, kurz bevor sie starb, ein Versprechen gegeben.« Starr blickte sie an die gegenüberliegende Wand. »Eines, das ich gern verhindert hätte. Ich weiß nicht, ob das jetzt nicht zu weit geht …«
   »Bitte vertrauen Sie mir. Ich bin ehrlich interessiert.«
   Dina nickte. »Es macht mich froh, dass es noch Menschen gibt, die einem geduldig zuhören.« Sie suchte nach Worten. »Eloa war ihr Ein und Alles, trotzdem hätte Oma das niemals von ihr verlangen dürfen. Meiner Meinung nach war ihre letzte Vorhersage nur die verwirrte Aussage einer im Sterben liegenden Frau.«
   »Was hat sie von Ihrer Schwester verlangt?«
   »Großmama hatte immer die Befürchtung, dass Eloa, wenn sie heiratet, in ihrer Ehe unglücklich werden würde. Um das zu verhindern, musste Eloa ihr versprechen, nur einen Engel zu heiraten, oder auf eine Ehe zu verzichten.«
   »Niemand kann einen Engel heiraten. Das kann nur sinnbildlich gemeint sein.«
   »Ich sehe das genauso und glaube, dass das ein Fingerzeig auf eine bestimmte Person war. Nur, wie meine Schwester das deutet, darüber spricht sie nicht. Für Eloa war Großmama der wichtigste und liebste Mensch. Schon von daher würde sie niemals ein Versprechen brechen, dass sie ihr gegeben hat. Und genau das macht mir Kummer. Seit Omas Tod ist Eloa verschlossen und in sich gekehrt. Ich frage mich oft, ob Oma ihr etwas anvertraut hat, mit dem sie nicht zurechtkommt. Irgendetwas bedrückt sie seitdem.«
   Anscheinend war es höchste Zeit, dass sich jemand um die offensichtlich leicht zu beeinflussende junge Frau kümmerte. Seiner Meinung nach fehlte es ihr nur an bodenständiger und vor allem männlicher Unterstützung.
   Er würde sich um sie kümmern. Er fixierte die verschlossenen Türflügel, hinter denen der OP-Bereich lag, und wieder überkam ihn ein Gefühl von Angst und Hilflosigkeit.
   Der Zeiger der Uhr kroch nur langsam vorwärts. Lukas ertrug das Warten kaum noch. Er stand auf und ging zum Fenster.
   »Ihre Schwester hat einen Regenbogen erwähnt. Sie sagte, da ist kein Regenbogen mehr, nur noch Licht.«
   Dina stellte sich neben ihn. »Unter Schock gehen einem sicherlich die seltsamsten Dinge durch den Kopf. Eloa besitzt ein Gemälde, das sie sehr inspiriert. Der darauf abgebildete Engel steht unter einem Regenbogen. Dieses Gemälde hat in unserer Familie eine große Bedeutung.«
   Eine der Türen hinter ihnen öffnete sich, und eine Ärztin verließ den OP-Bereich.
   »Frau Heller, Sie können etwas aufatmen, wenn auch die Nacht entscheidet, ob der Zustand Ihrer Schwester stabil bleibt. Sie muss auf der Intensivstation bleiben. Wenn Sie möchten, können sie jetzt kurz zu ihr.«
   Dina verabschiedete sich.
   Die Leere, die er in diesem Moment empfand, ebenso wie die Tatsache, dass er ausgeschlossen war, gaben ihm zu denken.

Zweiter Teil
Wir sind alle miteinander verbunden

Du bist nicht allein. Sorge für deinen Nächsten mit einem freundlichen Wort, etwas Aufmerksamkeit und Zuwendung. Tue, was immer dir möglich ist und gib, was immer du geben kannst.

Die kommende Woche war für Lukas eine harte Geduldsprobe. Als Eloa Heller endlich von der Intensivstation auf die Chirurgie verlegt wurde, wartete er noch drei Tage. Dann hielt er die Ungewissheit nicht mehr aus. Er musste sie sehen.
   Als niemand auf sein Klopfen reagierte, betrat er das Krankenzimmer. Der Anblick der jungen Frau schnitt ihm ins Herz. Sie war noch immer blass bis in die Lippen und hielt die Augen geschlossen. Ihr Kopf war verbunden, die dunklen Haare, die ihr Gesicht umrahmten, hoben sich von der Bettdecke ab. Die Schürf- und Schnittwunden an den Armen waren noch nicht verheilt und deutlich zu sehen. An einem Ständer neben dem Bett hingen zwei Infusionen, das Gerät beförderte mit gleichmäßigem Tropfen die Flüssigkeit in die Handvene. Ihr Atem war unruhig, und Lukas ahnte, dass sie trotz der Medikamente Schmerzen hatte.
   Lukas kam näher. Eloa wirkte so zart und zerbrechlich, dass er am liebsten eine Hand ausgestreckt und sie berührt hätte. Stattdessen setzte er sich auf einen Stuhl.
   Eloa reagierte auf das Geräusch und öffnete die Augen. Ihr Blick irrte im Zimmer umher, bis sie Lukas entdeckte.
   Wie schon beim ersten Mal war er von ihren grauen Augen fasziniert.
   »Sie sind der Kommissar, Lukas Hoffmann. Meine Schwester hat mir von Ihnen erzählt. Ich erinnere mich an Ihre Augen. Sie waren dabei.«
   Lukas beugte sich vor. »Leider habe ich diesen schrecklichen Unfall verursacht. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen.«
   Eloa betrachtete ihn verwundert. »Dina hat mir von Ihren Selbstvorwürfen erzählt. Schon vorher hätte mich ein anderes Auto überfahren können.«
   »Vielleicht, aber es ist durch mein Überholmanöver passiert. Ich war zu leichtsinnig.« Lukas zögerte. »Haben die Ärzte schon eine Prognose gestellt? Ich meine, werden Sie wieder gesund?«
   »Die Ärzte sind zuversichtlich, wenn ich auch noch längere Zeit im Krankenhaus bleiben muss.«
   »Und wie geht es bis dahin mit Ihrem Geschäft weiter? Ich habe gehört, dass dieser Unfall Ihre Situation verschlimmert.«
   »Laut meiner Schwester läuft es momentan gut. Meine Kunden fragen regelmäßig, wie es mir geht, und plündern gerade meine Regale. Sie sehen, ich bin in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Dazu musste ich mich nur durch die Luft schleudern lassen.«
   Lukas lächelte. »Sie machen es mir wirklich leicht.«
   »Vorwürfe helfen niemandem.« Eloa deutete auf ihren Nachttisch, auf dem eine Engelsfigur stand. »Ich vertraue weiter auf meine Engel. Nicht alles, was passiert, ist sofort zu durchschauen. Manchmal braucht es Zeit, bis man begreift, was ein Ereignis bedeutet. Und nicht immer können wir einen Sinn finden, vor allem, wenn es um ganz schreckliche Geschehnisse wie Gewalt oder leidvolle Krankheiten geht. Manches müssen wir einfach hinnehmen.«
   »Können Sie das?«, fragte er. »Ich meine, ohne zu verzweifeln?«
   Eloa atmete tief ein. »Ich versuche es und glaube fest daran, dass wir eines Tages alles verstehen. Bis dahin müssen wir Geduld haben, vertrauen und unseren Beitrag für eine bessere Welt leisten. Das Leben ist voller Magie und Wunder. Wir müssen nur hinsehen und fest daran glauben.«
   »Deshalb die Engelskarte.« Lukas griff in seine Lederjacke. »Ich habe sie am Unfallort gefunden. Sie war beschädigt, und ich musste sie säubern. Jetzt ist sie wieder in Ordnung.«
   Eloa nahm die Karte entgegen. »Mein Regenbogenengel. Danke, den habe ich schon vermisst.« Ihre Augen leuchteten. »Diese Karte gehört zu einem Set, das ich eigenhändig entworfen und angefertigt habe. Ich ziehe mir immer gern eine Karte. Das ist eine schöne Einstimmung in den Tag.« Sie griff nach ihrer Schublade und holte eine Schachtel hervor. Daraus entnahm sie einen Stapel Karten und legte ihre dazwischen. Sie mischte die Karten und hielt sie Lukas wie einen Fächer entgegen. »Möchten Sie?«
   »Was denn? Ich soll eine ziehen?«
   »Es ist nur ein Spiel. Etwas zum Nachdenken. Ich bin gespannt, was Sie erwischen.«
   Da sie lebhafter wurde und sich ihre Wangen röteten, ließ sich Lukas darauf ein.
   Sie war bezaubernd. Von ihrem ungewöhnlichen Charme eingenommen zog er eine Karte.
   Es war der Engel der Liebe. Ein Engel mit einer roten Rose in den Händen, die von einem Strahlenkranz umgeben war. Der Spruch darunter lautete: Liebe ist die höchste Macht, ewig, unzerstörbar und allgegenwärtig.
   »Warum heben Sie die Brauen?«, fragte Eloa.
   »Sie sind künstlerisch sehr begabt«, sagte er und reichte ihr die Karte zurück. »Ich bin beeindruckt.«
   »Wahnsinn! Eine meiner Lieblingskarten. Die, die sie mir zurückgebracht haben, gehört ebenfalls dazu.« Sie lächelte. »Ihr skeptischer Blick ist nicht zu übersehen. Sie können damit nichts anfangen, nicht wahr? Glauben Sie nicht an die Macht der Liebe? An Wunder und Magie?«
   »Sind Sie mir böse, wenn ich Ihnen verrate, dass ich das nicht tue? Liebe ist relativ und häufig nur ein Lippenbekenntnis. Ein Scheinglück, das oft bei den ersten Schwierigkeiten zerbricht. An Engel und andere Wesen glaube ich auch nicht.«
   »Die Engel sind da und begleiten uns, ob wir an sie glauben oder nicht. Ich fühle mich immer gut von Ihnen beschützt. Sie sind der beste Beweis. Am Tag des Unfalls waren Sie mein Schutzengel.«
   Lukas lachte. »Ich habe mit allem gerechnet, nur nicht damit, als Engel bezeichnet zu werden. Nein, zu mir passt das nicht.« Er wurde wieder ernst. »Ich glaube an das, was ich sehe. Und was ich täglich sehe und erlebe, sind Betrug, Gier, Elend, Hass und Gewalt. Es ist bedauerlich, aber es gibt keine Engel.«
   »Darüber zu streiten, ist sinnlos. Ihre Anwesenheit am Unfallort lässt sich nicht leugnen, ebenso wenig Ihre schnelle Reaktion. Sie wurden mir geschickt. Der Oberarzt hat mir verraten, dass ich es ohne Ihre Erstversorgung bis zum Eintreffen des Rettungsteams nicht geschafft hätte. Ich verdanke Ihnen mein Leben. Was also kann ich für Sie tun?«
   »Sie sind unglaublich. Die Sache hat nur einen Haken. Ohne meinen Einsatzbefehl wäre der Unfall nicht passiert. Mich als Schutzengel zu bezeichnen, ist daher völlig daneben.«
   »Es gibt auch gefallene Engel.«
   »Als einen gefallenen Engel hat mich noch niemand bezeichnet. Sie haben nette Ansichten über Ihre Mitmenschen. Ich bin sehr froh, dass ich Sie kennenlernen durfte.«
   Eloa zwinkerte ihm zu. »Alles im Leben hat einen Sinn. Auch, dass wir uns begegnet sind. Um auf Ihre Rolle als Verantwortlicher zurückzukommen: Wichtig ist nur, dass Sie bereuen und wiedergutmachen. Das haben Sie mit der Blutstillung bei mir schon getan. Auf die Schmerzen hätte ich gern verzichtet. Schließlich kann man sich auf eine andere und weniger dramatische Weise kennenlernen.«
   Lukas betrachtete sie. Er hatte Angst vor einer Aussprache und Schuldzuweisungen gehabt. Er hätte sie geduldig ertragen, aber diese Frau machte es ihm leicht. Obwohl sie eindeutig Schmerzen hatte, ging sie darüber hinweg. Im Gegensatz zu anderen Menschen, die für ihr Unglück ständig einen Sündenbock suchten, kam von ihr kein einziger Vorwurf. »Sie sind unglaublich.«
   »Blödsinn«, sagte Eloa. »Es ist nur sinnlos, über Dinge, die nicht mehr zu ändern sind, den Kopf hängen zu lassen. Und es ist noch weniger hilfreich, sich zu bemitleiden.«
   Lukas rückte seinen Stuhl näher. »Das mag sein. Verraten Sie mir trotzdem, was ich für Sie tun kann?«
   »Ich darf mich nicht aufregen. Helfen Sie mir, indem Sie aufhören, sich selbst anzuklagen.«
   »Das tue ich, sobald bei Ihnen wieder alles im Lot ist.« Er fasste nach ihrer Hand.
   »Meine Probleme haben nichts mit dem Unfall zu tun. Es kann sein, dass dieses Ereignis mein geschäftliches Ende beschleunigt, aber ich habe dadurch Zeit zum Nachdenken. Vielleicht fällt mir die rettende Lösung für meine Probleme gerade hier im Krankenhaus ein. Sie können nichts für mich tun.«
   »Und wenn ich meine Wohnung mit Engeln und Heiligenfiguren zustopfe? Ich gestehe, ich besitze nichts dergleichen, hätte also Bedarf.«
   »Das wäre für den Anfang hilfreich.« Eloa entzog ihm ihre Hand wieder. »Und wenn Sie nach meiner Entlassung einiges bei mir restaurieren lassen, kann ich sicherlich bald mein Geschäft erweitern.«
   »Sie wirken so hilflos, dass mich Ihre Schlagfertigkeit überrascht. Ab sofort werde ich auf Flohmärkten und in den Kellern aller, die ich kenne, Ausschau nach Dingen halten, die restauriert werden müssen.«
   Ehe Eloa antworten konnte, öffnete sich die Tür.
   Dina und ein gut aussehender blonder Mann betraten das Zimmer. Lukas bemerkte die Blessuren in seinem Gesicht. Die aufgeplatzte Unterlippe war am Abheilen und mit Salbe bedeckt, ebenso das geschwollene Lid, sodass man genau hinsehen musste, um die grünliche Färbung zu bemerken. Offensichtlich war er in eine Schlägerei geraten.
   Lukas wäre lieber mit Eloa allein geblieben. Als der Besucher ihr einen Kuss gab, passte ihm das gar nicht.
   Der Fremde und Lukas maßen sich mit den Augen.
   Dina machte sie miteinander bekannt. »Heiko Rittberger, Eloas Freund seit Kindertagen. Und das ist Lukas Hoffmann, Kommissar beim Drogendezernat.«
   Heiko Rittberger nickte nur kurz, dann ignorierte er Lukas und setzte sich. Für eine Weile wurde es still.

*

»Was ist los?«, fragte Eloa. »Ihr wirkt beide bedrückt. Nur weil ich im Bett liege, muss mich niemand schonen.«
   Heiko verzog die Lippen und sah vorwurfsvoll zu Dina auf. »Ich habe dir doch gleich gesagt, dass wir es nicht vor ihr verheimlichen können.«
   Eloa wollte sich aufrichten, doch Dina drückte sie zurück in die Kissen. »Dass du auch immer alles bemerkst. Deine Nachbarin hat einen Mann erwischt, der sich gestern am Türschloss deiner Wohnung zu schaffen gemacht hat. Angeblich hätte er sich im Haus geirrt.«
   Mein Gemälde, schoss es Eloa durch den Kopf. Sie erinnerte sich an den Ausdruck in den Augen des Professors, sagte jedoch nichts. Dass Kommissar Hoffmann ihre Reaktion registriert hatte, war ihr nicht entgangen.
   »Wie sah der Mann aus?«
   »Groß, schlank, attraktiv. Anfang vierzig.«
   Dann konnte es nicht Heikos Vater gewesen sein. Dennoch fühlte sie unergründliche Angst aufsteigen.
   »Deine Nachbarin passt weiter auf«, sagte Heiko. »Sie geht ja fast nie aus dem Haus. Und da bei euch die Dielenbretter knarren, kommt niemand ungehört an ihr vorbei.«
   Dina wandte sich an den Kommissar. »Einbrüche gibt es in einer Stadt doch häufiger.«
   »Das schon«, erwiderte Lukas. »Wenn Ihnen noch einmal etwas verdächtig vorkommt, sollten Sie die Polizei informieren. Aufmerksame Nachbarn sind allerdings der beste Schutz.«

*

Lukas reichte Eloa die Hand. »Ich muss gehen. Soll ich mich bei Ihnen im Haus umsehen?«
   »Nicht nötig. Sicher hat der Vorfall nichts zu bedeuten.«
   Das glaubte sie doch selbst nicht. Aber Lukas wollte nicht aufdringlich sein, also verabschiedete er sich. Als er beim Schließen der Tür sah, wie vertrauensvoll Eloa zu Heiko blickte, spürte er einen Stich in seiner Brust.
   Was ist das? War er etwa eifersüchtig auf diesen Mann? Wirkte seine Tageskarte schon? Hatte der Engel der Liebe bereits gnadenlos seine Pfeile auf ihn abgeschossen?
   Nein. Es hatte nichts mit der Karte zu tun. Schon am Tag des Unfalls war etwas mit ihm passiert, das er sich nicht erklären konnte.

*

Gleich, nachdem Lukas gegangen war, verabschiedete sich Dina. Als sie fort war, setzte sich Heiko zu Eloa auf die Bettkante und nahm ihre Hand. »Ich habe nachgedacht. Du bist in einer schlimmen Lage. Bitte werde meine Frau, Eloa. Und glaub nicht, dass ich dich wieder einmal nur frage, weil du in Schwierigkeiten steckst. Du weißt, was ich für dich empfinde.«
   »Das weiß ich. Ich kenne niemanden, mit dem ich so innig verbunden bin. Aber du hast genug Probleme. Ich wäre für dich nur eine zusätzliche Belastung.«
   »Niemals. Mein Vater überschüttet mich mit Geld, wenn ich dich endlich heirate. In einigen Wochen bin ich ohne seine Unterstützung wieder auf den Beinen.« Er beugte sich zu ihr. »Sag doch ja. Am liebsten wäre mir, wenn wir zusammen nach London übersiedeln.«
   Eloa drückte seine Hand an ihre Wange. »Ich habe schon darüber nachgedacht, mit dir woanders von vorn zu beginnen. So einfach ist das nicht. Und um ehrlich zu sein, ich bin noch nicht so weit. Wir sollten noch warten und es bei unserer freundschaftlichen Basis belassen. Wir schaffen es auch ohne eine überstürzte Heirat.« Sie strich ihm über die Schläfe. »Oder willst du dich dem Diktat deines Vaters unterwerfen?«
   Heikos Blick verfinsterte sich. »Auf keinen Fall. Jetzt geht es um dich. Da mache ich schon mal eine Ausnahme.« Er grinste. »Auch wenn ich damit meinem alten Herrn einen Gefallen tue, was nun wirklich nicht meine Absicht ist.« Er griff ihr unter das Kinn. »Komm, sag ja. Als meine Frau kannst du dich ganz deiner Malerei widmen. Deine Gemälde verkaufe ich in meiner Kunsthandlung in London.«
   »Wer kennt mich denn schon?« Eloa winkte ab. »Was meine Malerei betrifft, bin ich noch auf der Suche nach etwas Besonderem. Lass mir bitte etwas Zeit.«
   »Ich weiß, warum du zögerst. Du hast mir meinen Fehltritt nicht verziehen.«
   Sie legte ihm die Arme um den Hals. »Das ist Jahre her und längst vergeben. Heiraten möchte ich trotzdem nicht. Ich muss erst mit mir klarkommen.«
   Er sah sie lange an. »Vater war gestern bei mir. Wusstest du, dass er kurz vor dem Tod deiner Großmama noch mit ihr gesprochen hat?«
   Eloa fühlte, wie sich plötzlich Schweißperlen auf ihrer Stirn bildeten. Ihre Hände zitterten leicht, als sie nach einem Tuch griff und sich über das Gesicht wischte. »Er hat mir gegenüber eine Andeutung gemacht. Angeblich wüsste er, was sie mir vorhergesagt hat.«
   »Du hast noch nie darüber gesprochen. Laut Vater hat sie uns ihren Segen gegeben.«
   »Das stimmt nicht ganz, aber jetzt möchte ich nicht darüber reden.« Eloa presste die Lippen aufeinander.
   »Wenn es um die Visionen deiner Großmutter geht, warst du schon immer verschlossen.« Heiko nahm ihre Hand. »Ich will dich nicht quälen«, versuchte er es noch einmal, »aber laut dem Oberarzt ist es nicht sicher, dass du wieder völlig gesund wirst. Höchstwahrscheinlich behältst du eine Gehbehinderung zurück. Du brauchst jemanden, der für dich sorgt. Wenn ich vor Jahren nicht so unglaublich dumm gewesen wäre, wären wir längst verheiratet, und ich hätte auf dich aufgepasst. Der Unfall wäre vielleicht nie passiert. Ich möchte mich doch nur um dich kümmern. Sag endlich ja und gib mir eine zweite Chance.«
   Eloa schluckte. Seine Worte berührten sie, aber diese Entscheidung wollte sie treffen, wenn sie wusste, wie es um sie stand, oder wenn …
   Eloa riss sich zusammen. Sie durfte nicht ständig an die letzten Worte ihrer Großmutter denken. Sie musste vernünftig bleiben, weil es auch um Heikos Zukunft ging. Eine Frau ohne Geschäft und Geld wäre für ihn kein Problem. Eine behinderte Frau mit chronischen Schmerzen wünschte sie ihm trotzdem nicht.
   »Ich möchte erst wieder gesund werden«, flüsterte sie und streichelte ihm über die Wange. Sein trauriger Blick schmerzte sie, dennoch durfte sie sich nicht an ihn binden. Nicht in ihrer jetzigen, noch unklaren Situation. »Lass uns von etwas anderem reden.«
   Heiko nahm sie in den Arm und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. »Vater hat mir einen Artikel gezeigt. Es ging um eine Auktion, bei der euer Familienamulett versteigert wurde. Ich habe mir fest vorgenommen, es dir zurückzuholen.«
   Die Vision. War Heiko vielleicht doch der Mann? Sie lehnte den Kopf an seine Schulter und schloss die Augen.
   In diesem Moment tauchte ein markantes Männergesicht mit blauen Augen vor ihr auf, die sie eindringlich betrachteten. Eloa zuckte zusammen.

*

Lukas ging am nächsten Tag nach Dienstschluss in die Altstadt. Ein Blick durch Eloas Schaufenster gab ihm einen weiteren Eindruck ihrer Persönlichkeit. Im Inneren des Geschäftsraums sah es aus wie in einer anderen Epoche. Eloa Heller verstand es, Kunst, Kitsch und Mystik harmonisch miteinander zu verbinden. Die Atmosphäre war ansprechend, selbst für einen fünfunddreißigjährigen Realisten wie ihn. Trotz dieser Tatsache gestand er sich unumwunden ein, dass er sich nur dafür interessierte, weil diese Frau ihn faszinierte. Ohne sie würde er niemals einen Devotionalienladen betreten, gleichgültig, wie geheimnisvoll er eingerichtet war. Doch bevor er sich den Geschäftsbereich vornahm, wollte er sich im Haus umsehen.
   Problemlos betrat er den Altbau, die untere Tür stand seltsamerweise offen. Er hatte die dritte Etage erreicht, als sich dort die linke Wohnungstür öffnete. Eine ältere Dame musterte ihn streng durch Brillengläser.
   Er zeigte ihr seinen Ausweis und sah sich daraufhin das Türschloss von Eloas Dachwohnung an. Da er Kratzspuren fand, gab er der alten Dame seine Visitenkarte, mit der Bitte, ihn sofort anzurufen, wenn sie etwas Verdächtiges hörte.
   Wenig später stand Lukas wieder in der Fußgängerzone. Es herrschte noch immer reger Betrieb. Er spähte noch einmal durch das Schaufenster und begab sich in den Laden. Die Türglocke, eine unharmonisch klingende Harfe, die von einem Engel gehalten wurde, erregte sofort seine Aufmerksamkeit. Er hatte Eloas Reich und das ihrer Engel betreten.
   Neugierig ließ Lukas seinen Blick durch das Geschäft schweifen. In der linken hinteren Ecke sah es aus, als befände man sich im Himmel. Ein mit silbernen Sternen bestickter dunkelblauer Samtstoff bedeckte eine Fläche an der Decke, in der Engel schwebten oder in Nischen thronten. Als er darauf zuging, öffnete sich rechts eine Tür, und eine rothaarige Frau begrüßte ihn.
   »Kann ich Ihnen helfen?« Sie stutzte.
   »Im Krankenhaus«, half Lukas ihr auf die Sprünge. »Sie heißen Marion.« Er zeigte ihr seinen Ausweis.
   »Richtig. Sind Sie dienstlich hier oder wollen Sie etwas kaufen?«
   »Beides. Zuerst habe ich einige Fragen. Ist Ihnen jemand aufgefallen, der nicht hierher gehört?«
   Marion nickte. »Ja, und zwar gleich drei Männer. Zwei trugen Sakko und Krawatte, der andere eine silberne Jacke, darunter ein bis zur Brust offenes Hemd. Den habe ich nur einmal gesehen. Seit Frau Gruber mir von dem Einbrecher erzählt hat, passe ich auf. Ohne diesen Hinweis wären mir diese Typen allerdings nicht aufgefallen.«
   »Besondere Merkmale?«
   Marion zuckte die Schultern. »Der mit der Lackjacke trug ein breites Goldarmband. Er hatte kurze dunkle Haare wie der im Anzug. Der Dritte hatte braune Haare mit hellen Strähnen. Mit Narben im Gesicht kann ich nicht dienen.«
   »Wäre auch zu einfach. Fehlt etwas? Hier oder in der Werkstatt?«
   »Überhaupt nichts.« Marion deutete auf die Nebentür. »Wollen Sie sich umsehen?«
   Und ob Lukas das wollte. Er folgte Marion in einen mit Tischen, Werkzeugen und Figuren vollgestopften Raum. Auf Eloas Arbeitsplatz stand eine Engelsfigur, die nach unten auf ihre Werkzeuge, Pinsel und Flüssigkeiten blickte, so, als würde sie ihr, wenn sie dort saß, bei der Arbeit zusehen. Ansonsten war der Raum eher praktisch eingerichtet, durch die Kunstwerke wirkte er dennoch interessant.
   »Eloa hat viel in ihre Werkstatt investiert«, sagte Marion. »Sie restauriert nicht nur, sondern stellt Engelskarten, Gemälde, Schmuck und Rosenkränze her. Ihr Großvater war Gold- und Silberschmied, von ihm hat sie einiges gelernt.« Marion deutete auf die Kruzifixe und Heiligenfiguren. »Das sind Aufträge von der Kirche. Seit einem Jahr vertraut man ihr auch antike Kunstgegenstände an.« Marion sah sich in der Werkstatt um. »Wie gesagt, soweit ich es beurteilen kann, fehlt nichts.«
   »Ein Einbruch würde Frau Heller aber schon treffen?« Lukas betrachtete eine Heiligenfigur, die ihm gar nicht gefiel.
   »Eloa ist versichert, zumindest, was ihr Geschäft betrifft. Den Wert der gestohlenen Gegenstände bekäme sie wieder, nur für manche Kunden ist ein Kunstwerk nicht mit Geld zu ersetzen.« Marion deutete zum Fenster. »Nach Feierabend kommen die Gitter runter und die Alarmanlage wird eingeschaltet. Eloa ist da gründlich. Bei ihrem Vater wurde einmal eingebrochen. Er war Kunsthändler in Heidelberg. Der Schaden war so beträchtlich, dass er finanziell erledigt war.«
   Lukas blickte auf. »Wann war das?«
   »Vor etwa zehn Jahren. Die gestohlenen Gegenstände sind nie wieder aufgetaucht. Um die Krise zu überwinden, mussten sogar Kunstgegenstände und Schmuck aus dem Familienbesitz verkauft werden.« Marion fasste sich an die Stirn. »Oder war das schon vorher? Ich weiß es nicht genau.«
   Die Ladenglocke schepperte. Marion verließ die Werkstatt. Lukas folgte ihr. Während sie eine Kundin bediente, nahm er die Umgebung weiter in Augenschein. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurden schon die Kleiderständer in die Boutique geschoben.
   Nachdem die Kundin fort war, kaufte Lukas einen Engel, der ihn vom Aussehen entfernt an Eloa erinnerte.
   Wenigstens das. Er nahm den in Papier gewickelten Engel entgegen.
   Morgen, beschloss er, wollte er Eloa wieder besuchen.

Lukas konnte erst am Abend nach Eloa sehen. Sie war allein und erwartete keinen Besuch mehr. Er zog den Stuhl ans Bett und setzte sich. Als er ihre glänzenden Augen sah, stutzte er. »Sie sehen besser aus und nicht mehr so blass.«
   »Heute durfte ich zum ersten Mal aufstehen. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich in den Park kann«, sagte sie. »Verraten Sie mir, wie Sie heute Nacht geschlafen haben?«
   Die Frage verblüffte ihn. »Gut. Wieso wollen Sie das wissen?«
   »Marion war heute hier. Sie haben eine Engelsfigur gekauft. Deshalb meine Frage. Ich hatte als Kind nachts oft Angst. Daher haben mir meine Großeltern eine Engelsstatue geschenkt und mir durch Geschichten die Sicherheit vermittelt, dass ich niemals allein bin.« Eloa strich über die Bettdecke. »Diese Statuen erinnern mich immer an ihre Gegenwart. Im Alltagsstress vergisst man leicht seine unsichtbaren Begleiter.«
   Lukas lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Ich stelle es mir schwierig vor, an Wesen zu denken, die man nicht sehen kann. Gelingt Ihnen das den ganzen Tag?«
   »Nein. Und mit nur daran denken und so tun, als glaubte man daran, ist es nicht getan. So funktioniert das leider nicht. Niemand kann sich selbst täuschen. Meditation, das Fühlen einer Kraft oder eines Engels erfordern Ausdauer und Konzentration. Das geht nicht nur mal so nebenbei und auf die Schnelle. Die meisten unterschätzen den Prozess.«
   Eloa deutete auf ihren Engel. »Figuren oder Bilder sind nur ein erster Schritt. Das Unterbewusstsein nimmt die Symbole auf. Ansonsten muss man in sich gehen und sich aufmerksam umsehen.« Sie lächelte ihm aufmunternd zu. »Wenn Sie jetzt öfter Ihren Engel ansehen und sich mit Engeln beschäftigen, kommen Sie mit höheren Ebenen in Kontakt. Bestimmt passiert Ihnen etwas Interessantes, auch wenn Sie schon wieder belustigt die Brauen heben.«
   »Was denn?«
   »Abwarten. Niemand kann das im Voraus wissen. Vertrauen Sie einfach darauf.« Sie zwinkerte ihm zu. »Marion meinte allerdings, Sie wären recht wählerisch gewesen. Und ich dachte immer, alle meine Engel wären schön.«
   Lukas lachte. »Das sind sie, aber kaum einer hatte Ähnlichkeit mit Ihnen. Alle blond und blauäugig. Mein Engel erinnert mich entfernt an Sie. Dunkle Haare, mit einem Hauch ins Rötliche, und sogar graue Augen.«
   »Oh.« Ihre Wangen färbten sich eine Nuance dunkler. »Ich weiß, welche Figur Sie meinen. Es gibt in meinem Laden definitiv schönere.«
   »Nicht für mich. Der Engel steht auf meinem Nachttisch.«
   »Auf dem Nachttisch? Aber wieso denn das?«
   »Ein spontaner Einfall. Heute Nacht musste ich viel an Sie denken.
   »An mich?« Sie schien sichtlich irritiert.
   »Ja. Und noch etwas anderes hat mich beschäftigt.«
   Eloa ging sofort auf den Themenwechsel ein und richtete sich auf. »Sie haben sich im Haus und im Laden umgesehen, wie Marion mir erzählte.«
   Er beugte sich vor. Ihre Gesichter verharrten knapp voreinander. Sie duftete dezent nach Rose. »Gestern haben Sie die Sache heruntergespielt. Ich hatte trotzdem das Gefühl, als wüssten Sie, was man aus Ihrer Wohnung stehlen wollte.«
   Sie sah ihn erstaunt an und ließ sich aufseufzend in die Kissen zurücksinken. »Sie sind ein guter Beobachter. Ich besitze ein wertvolles Gemälde. Wertvoll ist es aber nur für mich oder für einen Sammler und Liebhaber der unbekannten Künstlerin Rafaela Goldberg. Sie war nie eine Berühmtheit, ihr Vater hingegen hatte als Kirchenmaler und Bildhauer einen Namen. Sie malte hauptsächlich Marienbilder, lebte Mitte des 19. Jahrhunderts, und ihre schönsten Werke sind zwölf Engelsgemälde mit den Maßen sechzig mal sechzig.« Sie räusperte sich.
   »Das erste Gemälde aus dieser Serie hat mein Großvater erstanden, es gehört jetzt mir. Es gibt etliche Kritiker, die Rafaela Goldbergs Kunst als Kitsch abtun und behaupten, die Rahmen wären mehr wert als die Ölgemälde. Mich berührt ihre Kunst sehr. Sie hatte es in ihrer Zeit und als unverheiratete Frau und Künstlerin schwer. Allerdings hat mir gerade jemand zwölftausend Euro für meinen Engel geboten.«
   »Und Sie haben nicht verkauft?«
   »Freiwillig würde ich mich nie davon trennen.«
   »Sie glauben, der Mann, der an Ihrer Wohnungstür gesehen wurde, wollte dieses Gemälde stehlen?«
   »Das war mein erster Gedanke, den ich gleich wieder verworfen habe.« Sie schwieg, und Lukas musste sie auffordern, fortzufahren.
   »Der beste Freund meines Vaters, Professor Rittberger, besitzt die anderen elf Engel. Ihm fehlt nur noch meiner. Sein Ziel ist eine Ausstellung mit lokaler Presse und möglichst viel Rummel, daher scheidet ein Diebstahl aus. Mit einem gestohlenen Gemälde wäre er keinen Schritt weiter. Er will seinen Besitz zeigen. Schon deshalb kommt er nicht infrage, auch wenn man das Interesse des Professors geradezu als fanatisch bezeichnen kann.«
   »Inwiefern?«, fragte Lukas.
   »Weil er gleich nach der Beerdigung meines Vaters meine Großmama bedrängt hatte, ihm ihren Engel zu verkaufen. Erst nach ihrer Weigerung begann seine Suche nach den anderen Gemälden. Er brauchte drei Jahre, um sie von überall aufzukaufen. Mir gegenüber hat er vor Kurzem behauptet, mein Vater hätte ihm unseren Engel versprochen, wenn er die anderen aufgekauft hätte, aber das glaube ich ihm nicht.« Sie zupfte an ihrer Bettdecke. »Das ist nicht das Einzige, das mich stutzig macht. Seit dem Tod meiner Großmutter tyrannisiert er mich mit seiner Angst, mein Gemälde könnte gestohlen werden, wenn es so ungeschützt in meiner Wohnung hängt. Dass es schon bei einem Einbruch vor zehn Jahren nicht beachtet wurde, beruhigt ihn keineswegs.«
   Eloa setzte sich auf. Lukas half ihr, das Rückenteil höher zu stellen.
   »Das Gemälde hing zu dieser Zeit im Verkaufsraum meines Vaters. Er hat es ohne Wissen seiner Eltern als Dekoration benutzt. Sie waren zu dieser Zeit verreist und hätten ihm niemals die Erlaubnis dafür gegeben.«
   »Die Einbrecher haben es nicht mitgenommen?« Er fand diese Tatsache interessant. Bei oberflächlicher Betrachtung gab es zwischen dem Gemälde und dem versuchten Einbruch keinen Zusammenhang, aber vielleicht steckte etwas ganz anderes dahinter.
   »Es ist zu unbedeutend. Die Diebe kannten sich mit Kunstgegenständen aus. Sie haben gründliche Arbeit geleistet und nur wertvolle Kunstobjekte gestohlen. Mein Vater war nach diesem Einbruch so gut wie erledigt. Nur durch Professor Rittbergers Unterstützung kam er wieder auf die Beine.«
   »Ist das der Vater von dem jungen Mann, der Sie vor Kurzem hier besucht hat?«
   Eloa nickte. »Heikos Mutter starb sehr jung, wie meine. Die gemeinsame Trauer und andere Erlebnisse haben uns früh zusammengeschweißt.« Sie schwieg und schien in Gedanken versunken. »Heiko ist wie Vater Kunsthändler. Er hat auch sein Geschäft übernommen. Er war der Sohn, den Vater verloren hatte.«
   »Hat Ihr Freund Probleme?«, fragte Lukas.
   »Heiko wurde vor drei Wochen zusammengeschlagen. Durch Unachtsamkeit hat er die Fälschung einer Ming Vase verkauft. Später hat sich die Sache als Missverständnis herausgestellt.« Sie blickte ihm offen in die Augen.
   »Besitzen Sie sonst etwas, was einen Dieb interessieren könnte?«
   »Das meiste befindet sich im Laden und der Werkstatt.«
   Lukas beugte sich vor. »Könnte hinter dem Engelsgemälde etwas versteckt sein?«
   Sie lächelte. »Dieser Gedanke kam Großmama auch. Es erschien ihr merkwürdig, dass der Professor gleich nach Vaters Beerdigung zielstrebig hinter einem wertlosen Gemälde her war. Wir haben das Bild daher aus dem Rahmen genommen und gründlich untersucht. Mein Ausbilder hat mich dabei unterstützt. Wir hatten den Verdacht, dass unter der Ölschicht ein anderes Gemälde verborgen sein könnte. Fehlanzeige! Offensichtlich ist der Professor wirklich nur ein leidenschaftlicher Sammler, der hofft, dass die Gemälde durch ihn bekannt werden und so an Wert gewinnen.«
   Diese Erklärung war einleuchtend. Auf den ersten Blick hatte der Professor nichts mit der Sache zu tun. Mit seinem Sohn Heiko sah es anders aus. Eloa hatte von Schwierigkeiten gesprochen.
   »Sie besitzen sicherlich noch etwas von Wert. Ihr Vater war Kunsthändler. Hat er Ihnen nichts vermacht?«
   »Doch schon. Eine antike Marienfigur aus dem 15. Jahrhundert und einige Artefakte. Davon weiß aber niemand. Professor Rittberger nicht, Marion und andere Freunde auch nicht. Nur meine Schwester.«
   »Und Heiko Rittberger?«
   »Ja, natürlich.«
   »Besucht er Sie oft in Ihrer Wohnung?«
   Eloa zog die Stirn in Falten. »Er besucht mich regelmäßig und kennt sich bei mir aus. Heiko ist mein Freund. Er würde mich niemals bestehlen.«
   Lukas fühlte die Zurechtweisung in ihren Worten. Auch, dass sie eine abwehrende Haltung einnahm, bemerkte er. »Verzeihen Sie mir. Als Polizist spult man so seine Routinefragen ab.«
   Eloa nickte. Sie wirkte erschöpft, ihre Lippen zitterten. Lukas hielt es für angebracht, zu gehen. Er verabschiedete sich. Als er zur Tür ging und sich noch einmal umdrehte, hatte sie die Augen schon geschlossen.
   Sie litt Schmerzen. Und er hatte sie mit seinen Fragen bestimmt beunruhigt. An diesem Abend fiel es ihm besonders schwer, sie zu verlassen.

»Dass Feierabend ist, hast du noch nicht mitgekriegt?« Jörg lehnte im Türrahmen und sah zu Lukas, der konzentriert auf den Monitor starrte.
   »Doch, hab ich«, meinte er, als sich sein Freund hinter ihn stellte.
   »Einbruch bei Michael Heller«, las Jörg. »Das ist zehn Jahre her. Hat das mit deinem Schützling zu tun?«
   »Vor ein paar Tagen wollte jemand bei ihr einbrechen. Oben in ihre Wohnung und nicht, wie zu vermuten, unten im Laden, wo die Wertgegenstände sind. So etwas macht mich stutzig.«
   »Hast du mit dem Einbruchs- und Raubdezernat gesprochen? Da ist doch Marco zuständig, oder?«
   »Ja.« Lukas suchte weiter, diesmal nach Einträgen von Heiko Rittberger. Er konnte keine finden.
   »Ich bin mir sicher, dass ich den Typen schon gesehen habe.«
   Jörg legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Lass gut sein. Es liegt nichts gegen den Professor und seinen Sohn vor.«
   »Trotzdem stimmt mit dem Kerl was nicht.«
   »Damit meinst du den Sohn. Kann es sein, dass du möchtest, dass etwas nicht mit ihm stimmt?«
   Lukas blickte auf. »Was willst du damit sagen?«
   »Dir gefällt die junge Frau, und er ist mit ihr befreundet. Du redest zwar nicht darüber, aber ich bin nicht blind.«
   »Du hättest zur Polizei gehen sollen.«
   Jörg grinste. »Sehe ich auch so. Verrätst du mir, was du mit deinen Recherchen bezweckst?«
   »Laut Eloa Heller hat Heiko Rittberger eine Vase aus der Ming Dynastie verkauft, die sich später als Fälschung entpuppte. Offenbar ein Missverständnis, was ich mir bei einem Kunsthändler nicht vorstellen kann. Abgesehen davon regelt man so eine Geschichte über die Polizei oder einen Anwalt. Heiko Rittberger wurde aber zusammengeschlagen. Und das gibt mir zu denken.«
   »Jemanden verprügeln, tun bis auf wenige Ausnahmen keine Normalbürger. Was vermutest du also?«
   »Dass mehr dahinter steckt. Marco kann mir leider nicht weiterhelfen, es liegt nichts gegen Heiko Rittberger vor. Es gab in seinem Geschäft noch niemals einen Einbruch, keine Beschwerden über Fälschungen, und er steht nicht in Verdacht, ein Hehler zu sein.« Lukas starrte auf seinen Schreibtisch.
   »Vielleicht tue ich ihm Unrecht, und er hat nur privat Probleme. Ich bin überzeugt, dass er in Schwierigkeiten steckt, denn er hat gerade einen finanziellen Engpass. Ich befürchte nur, dass er Eloa Heller mit in die Sache hineinzieht. Ihrer Aushilfe sind drei Männer aufgefallen, die offensichtlich den Laden und das Wohnhaus beobachten.«
   »Du weißt ja, wie die Fantasie der Menschen funktioniert, wenn wir aufkreuzen und Fragen stellen.«
   »Weiß ich, aber hier passt alles zusammen. Ich habe Kratzspuren am Wohnungsschloss gefunden. Da wollte definitiv jemand rein. Wäre die Nachbarin nicht aufgetaucht, hätte es wahrscheinlich geklappt.«
   »Es könnte ein ganz normaler Einbrecher gewesen sein.«
   »Richtig, könnte, ich glaube es aber nicht.« Lukas schaltete den PC aus. Er registrierte, dass Jörg ihn dabei beobachtete, wie er seine Sachen zusammenpackte.
   »Fährst du wieder zu ihr ins Krankenhaus?«
   Lukas nickte, ohne aufzusehen. Er war jetzt nicht zu weiteren Gesprächen aufgelegt.

Lukas schloss gerade seinen Wagen ab, als er Heiko Rittberger aus dem Krankenhaus kommen sah. Er war in keiner guten Verfassung, starrte düster zu Boden und bemerkte ihn nicht.
   Lukas blickte auf die Uhr. Die Besuchszeit war schon zu Ende, daher zeigte er dem Portier seinen Ausweis und konnte ohne Fragen passieren. Auf der Station stieß er auf mehr Widerstand. Der Nachtschwester war anzusehen, dass sie von seinem Erscheinen alles andere als begeistert war.
   »Nein.« Sie deutete zum Aufzug. »Keine weiteren Aufregungen mehr für Frau Heller. Für heute reicht es. Es geht ihr schlecht.«
   »Ich habe noch dringende Fragen.«
   »Und die können Sie nur am Abend stellen? Warum kommen Sie nicht zu einer vernünftigen Uhrzeit?«
   Lukas zwinkerte ihr zu. »Die Polizei ist ähnlich unterbesetzt wie das Pflegepersonal im Krankenhaus. »Bitte, ich will ihr nur helfen.«
   »Wenn Sie darin so erfolgreich sind, wie der letzte Besucher, kann ich ihr wieder ein Schlafmittel verpassen.« Sie wollte noch etwas hinzufügen, als ein Türlicht aufleuchtete. Sie nickte Lukas zu. »Meinetwegen! Aber gehen Sie behutsam mit ihr um. Sie hat noch immer starke Schmerzen.« Nach diesen Worten verschwand sie hinter einer Tür.
   Lukas ging zu Eloas Zimmer und klopfte. Auf ihr »Herein« betrat er den abgedunkelten Raum.
   Eloa lag im Bett und war genauso weiß, wie das Bettlaken. Erst als Lukas näherkam, zwang sie sich zu einem Lächeln.
   »So spät wollen Sie mich noch sehen?«
   Lukas griff sich einen Stuhl. »Im Kommissariat war heute die Hölle los. Es ging nicht früher.«
   »Sie müssen mich nicht besuchen. Es wundert mich, dass man Sie um diese Uhrzeit noch zu mir gelassen hat.«
   »Das ist der Vorteil eines Polizeiausweises.« Lukas spürte, dass sie Kummer hatte.
   »Was bedrückt Sie? Kann ich helfen?«
   »Nein. Ein Freund hat Sorgen. Das beschäftigt mich.«
   Lukas sah die Falte auf ihrer Stirn. Sie meinte Heiko Rittberger. Daran zweifelte er keine Sekunde. Er hätte gern mit ihr darüber gesprochen, wusste aber, dass es sinnlos war. Zumindest jetzt, in ihrem verschlossenen Zustand. So kannte er sie nicht. Sie hatte sich ihm gegenüber und trotz ihrer Schmerzen meist heiter, fast unbeschwert gezeigt. Bis auf gestern, als er ihren Freund verdächtigt hatte. Offensichtlich nahm sie ihm das noch immer übel. Schweren Herzens wechselte er das Thema, doch so sehr er sich bemühte, Eloa ging nicht auf ihn ein. Sie war unaufmerksam, teilweise abweisend, und Lukas blieb nichts anderes übrig, als sich von ihr zu verabschieden.

*

Heiko parkte seinen Wagen vor dem eleganten Wohnblock, in dem sich seine Apartmentwohnung befand. Er fühlte sich schlecht, weil er Eloa das geliehene Geld doch nicht wie geplant zurückzahlen konnte. Damit verschlimmerte er ihre ohnehin schon schwierige Situation noch zusätzlich.
   Eloa hatte versucht, ihren Schreck vor ihm zu verbergen, doch er kannte sie viel zu gut, als dass ihr das gelungen wäre. Er machte sich die heftigsten Vorwürfe, doch so sehr er über einen Ausweg nachdachte, im Augenblick konnte er nichts für sie tun.
   Heiko wollte gerade die untere Eingangstür aufschließen, als zwei Männer hinter ihm auftauchten. Reflexartig wandte er sich um. Er erkannte sie sofort. Der eine trug seine dunklen Haare kurz geschnitten und eine Lackjacke. Der andere war etwas kleiner und hatte helle Strähnen im Haar.
   »Warst du bei ihr im Krankenhaus?«, fragte Lackjacke, packte ihn am Kragen und drückte ihn gegen die Tür.
   »Was soll das?« Heiko stieß ihn von sich. Ärger wallte in ihm auf, und er ballte die Hand zur Faust. »Was wollt ihr schon wieder?«
   Der Größere lachte. »Noch immer das Gleiche. Du schuldest uns eine Kleinigkeit.«
   »Ihr bekommt euer Geld noch. Hört auf zu drängeln.«
   »Was ist mit der Kleinen? Sie hat dir bereits mehr als einmal aus der Patsche geholfen.«
   »Sie hat selbst Probleme!«
   Der Mann mit den hellen Strähnen ergriff sein Handgelenk und drehte ihm den Arm um. »Hör zu. Wir haben geliefert und wollen Scheine sehen. Entweder du kriegst das hin, oder wir knöpfen uns deine Freundin vor.«
   Heiko riss sich los und drückte den Mann an die Hauswand.
   »Wenn ihr sie anrührt, mach ich euch fertig!« Ehe er reagieren konnte, hatte der Dunkelhaarige ihn von hinten gepackt. Er hielt ihn fest, während sein Komplize ausholte und ihm einen Schlag in den Magen verpasste. Der Schmerz raubte ihm kurzzeitig den Atem.
   »Es liegt an dir, wie wir mit der Kleinen verfahren. Entweder du zahlst, oder sie ist fällig.« Er schlug noch einmal zu, dann ließen sie Heiko zu Boden fallen.
   »Also, was ist? Müssen wir deinem Mädchen einen Besuch abstatten?«
   Heiko keuchte und krümmte sich am Boden. »Ihr … bekommt euer Geld. In … vier Wochen und mit Zinsen. Dazu muss ich nur nach London.«
   Der Dunkelhaarige schnalzte mit der Zunge. »Warum nicht gleich so.« Er trat Heiko in die Seite. »Und dass du uns nicht türmst. Falls doch, muss deine Puppe für dich herhalten.« Er verpasste Heiko einen erneuten Tritt. »Mit so hübschen Frauen beschäftige ich mich doch besonders gern.«
   »Lass sie in Ruhe!« Heiko hustete und wischte sich das Blut von den Lippen. »Sie wird meine Frau. Dann bekomme ich von meinem Vater so viel Geld, wie ich brauche.«
   Die beiden Männer nickten sich zu. Der mit den Strähnen schnippte mit dem Finger und deutete auf ihn. »In vier Wochen, um dieselbe Zeit. Und keine Minute später.«
   »Und wenn nicht …«, der Dunkelhaarige grinste, »… darf uns deine Puppe für alles entschädigen. Also mich macht sie richtig an.«
   Heiko sprang auf und holte aus, doch ein Tritt von der Seite in die Kniekehle verhinderte seinen Angriff. Mit einem Aufschrei brach er zusammen.
   »Wage es ja nicht«, fauchte Lackjacke. »Sonst schnapp ich mir dein Mädchen sofort. Haben wir uns verstanden?«
   Er grinste hämisch, als Heiko nickte.
   »Komm, ich denke, er hat’s kapiert.«

*

Am nächsten Morgen eilte Lukas erneut ins Krankenhaus. Vor Eloas Zimmertür verharrte er, weil er ein erregtes Gespräch vernahm.
   »Nein!«, sagte Eloa.
   »Du hast überhaupt keine andere Wahl, und fünfzehntausend für eine unbekannte Künstlerin sind eine Menge Geld. Ich …«
   Lukas öffnete mit einem Ruck die Tür. Der Mann brach ab, als er ihn im Türrahmen bemerkte.
   Eloa lächelte ihm dankbar zu. »Darf ich vorstellen, Kommissar Hoffmann. Und das ist Professor Rittberger.«
   Lukas ließ den Blick länger als nötig auf dem Professor ruhen. Tiefe Linien verpassten dem Gesicht einen harten Zug, seine Augen musterten ihn kalt.
   »Der Kommissar, der den Unfall verursacht hat?«, fragte er von oben herab.
   Eloa stemmte sich hoch. »Nein! Der Kommissar, dem ich mein Leben verdanke. Um auf Ihr Angebot zurückzukommen, ich schaffe es auch ohne Ihre Hilfe.«
   Der Blick, mit dem der Professor Eloa ansah, gab Lukas zu denken.
   »Wir reden weiter, wenn wir ungestört sind. Zuerst begleite ich dich in den Park. Eine halbe Stunde habe ich noch Zeit.«
   Eloa nahm eine abwehrende Haltung ein. »Heute nicht, ich fühle mich noch zu zittrig.«
   »Ich stütze dich«, sagte der Professor. »Du musst dich zwingen.«
   »Mir ist schwindlig.«
   »Ich brauche Frau Heller erst für einige Fragen«, kam Lukas ihr rasch zu Hilfe.
   Erneut maß ihn der Professor. »Was für Fragen?«
   »Dienstliche. Aber bitte, Sie waren zuerst da, ich warte gern noch einige Minuten draußen im Gang.«
   »Nicht nötig.« Professor Rittberger fasste nach seinem Jackett. »Denk gründlich über meinen Vorschlag nach.« Er wandte sich an Eloa. »Mit mir kannst du rechnen.« Er tätschelte ihre Hand und verabschiedete sich. Lukas erhielt nur ein knappes Nicken.
   Die Tür fiel zu, für eine Weile herrschte Stille.
   »Fühlen Sie sich wirklich zu schwach, um spazieren zu gehen?«
   Eloa lächelte verschmitzt. »Eigentlich nicht. Ich würde mich gern bewegen, aber nicht in Begleitung des Professors.«
   Lukas sah ihr in die Augen. »Draußen scheint endlich wieder die Sonne. Wer weiß, wie lange das so bleibt. Darf ich Sie in den Park begleiten? Ich passe gut auf Sie auf.«
   Eloa zog die Stirn zusammen. »Dazu sind Sie nicht verpflichtet.«
   »Trotzdem würde ich es gern tun.« Lukas ließ sich nicht beirren. »Ich hole eine Schwester, die Ihnen beim Aufstehen und Anziehen hilft. So lange warte ich draußen.« Ehe Eloa widersprechen konnte, war er schon zur Tür hinaus.

*

Eine halbe Stunde später saßen sie im Park auf einer Bank.
   »Ich fühle mich, als hätte ich einen Berg bestiegen.« Eloa lehnte sich erschöpft zurück und blickte in die Zweige eines Baumes. Es ging ihr gut, die Sonne schien angenehm warm. Die Schmerzen waren durch die Schienen an ihren Beinen erträglich.
   »Für den ersten Spaziergang war eine Runde durch diese Anlage schon eine Leistung.«
   Eloa wunderte sich über den Glanz seiner Augen. In ihr stieg ein Gefühl auf, das sie sich nicht erklären konnte. Dieser Mann war nicht zu unterschätzen. Wenn er in Gedanken versunken war, wirkte er hart, fast unnahbar, doch dieser Ausdruck verschwand sofort, wenn er sie betrachtete. Dann wurde sein Blick weich, und in seinen Augen schimmerte ein warmer Glanz. So würde er jedes Ziel erreichen. Er berührte sie auf eine eigentümliche Weise. Sie wollte etwas sagen, als sie bemerkte, dass sich sein Gesicht verfinsterte. Sie begann, sich umzudrehen und seinem Blick zu folgen, doch Lukas hielt sie zurück.
   »Nicht bewegen! Er geht weiter. Warten Sie, bis er an uns vorbeikommt, und sehen Sie nicht lange hin. Ignorieren Sie ihn.«
   Es dauerte, bis ein Mann an ihnen vorbeischlenderte und dabei immer wieder verstohlen den Kopf zu ihnen drehte. Ihre Blicke begegneten sich, dann wandte sich Eloa Lukas zu. Seine Muskeln waren angespannt. Der Fremde ließ sich hinter einem Busch auf einer Bank nieder.
   »Bestimmt kann er uns durch die Blätter beobachten«, flüsterte Lukas. »Kennen Sie den Mann?«
   »Nein! Warum fragen Sie?«
   »Weil er auf eine der Beschreibungen von Marion passt. Ihre Nachbarin hat den Mann vor Ihrer Wohnungstür ähnlich beschrieben.«
   »Der Einbrecher?«, fragte Eloa.
   »Dort hinten sitzen drei Menschen und unterhalten sich. Da drüben ist ein Mann im Rollstuhl und in Begleitung eines Krankenpflegers. Sie haben mit all diesen Leuten Sichtkontakt, Ihnen kann nichts passieren. Kann ich Sie einen Moment allein lassen?«
   Eloa nickte, obwohl sie nichts begriff. Sie beobachtete, wie Lukas aufstand und durch den Park davonging. Der Mann hinter dem Busch rührte sich nicht von der Stelle.
   Es dauerte zwanzig qualvolle Minuten, dann kam Lukas endlich zurück. Der Fremde stand in dem Augenblick auf und verschwand wenig später Richtung Parkplatz. Lukas folgte ihm, eilte aber bald wieder zu ihr zurück.
   »Ich habe vorhin meine Kamera geholt und ihn fotografiert.« Lukas setzte sich. »Leider war er nicht mit dem Wagen da, sondern lief zur Bushaltestelle.«
   »Ich verstehe das nicht.«
   »Vielleicht ist es nur Zufall, aber wenn das der Einbrecher war, sollten wir aufpassen.«
   »Was will er von mir?« Eloa biss sich auf die Lippen.
   »Keine Ahnung. Immerhin kann ich mit den Fotos den Polizeicomputer füttern, dann wissen wir, ob etwas gegen ihn vorliegt. Erst danach können wir Rückschlüsse ziehen.« Lukas reichte Eloa seinen Arm. »Ich bringe Sie zurück in Ihr Zimmer. Für den ersten Ausflug hatten Sie genügend Aufregung.«

*

Eloas hilfloser Blick rührte ihn. Dennoch freute er sich, dass er über diesen Zwischenfall wieder Zugang zu ihr gefunden hatte. »Ich kümmere mich um alles, versprochen.« Er lächelte ihr aufmunternd zu.
   Sie fasste nach seinem Arm und ließ sich von ihm hochziehen. »Sie erzählen mir doch, wenn Sie etwas Verdächtiges herausfinden?«
   »Das tue ich. Bitte schenken Sie mir ein bisschen Vertrauen.« Lukas sah ihr in die Augen. »Ich bin mir nämlich sicher, dass Sie längst wissen, auf was es der Dieb abgesehen hat.«
   Eloa schwieg. Lukas ließ ihr Zeit. Morgen war schließlich auch noch ein Tag.

*


   Als Lukas am nächsten Tag das Präsidium betrat, bemerkte Jörg gleich, dass er schlechte Laune hatte. »Weltuntergangsstimmung?« Er schenkte ihm Kaffee ein.
   Lukas grinste und nahm seinen Becher entgegen. »Nicht ganz so schlimm, allerdings auch kein Grund zum Jubeln.« Er warf die Fotografien auf den Tisch.
   Jörg griff nach den Bildern. »Wer ist das?«
   »Wenn ich das nur wüsste.« Lukas setzte sich. »Der Typ war gestern im Krankenhauspark und hat Frau Heller beobachtet. Der Polizeicomputer gibt nichts her. Die Nachbarin und diese Marion sagen aus, dass er der Mann gewesen sein könnte, den sie vor und im Haus gesehen haben. Ganz sicher sind sie sich nicht. Die Frisur ist anders. Im Augenblick taucht dieser Typ unregelmäßig in der Fußgängerzone auf. Die anderen zwei in Jackett und Anzugshose hingegen, einer davon dunkelhaarig, der andere braun mit hellen Strähnen, sind nicht mehr präsent. Einer hat im Laden etwas gekauft und sich dort sehr gründlich umgesehen. Falls sie wieder auftauchen, muss ich versuchen, auch von ihnen Fotos zu bekommen.«
   Jörg hob die Hand. »Dazu hast du keine Zeit. Übergib die Sache Marco, er ist schließlich der Leiter des Einbruchsdezernats. Wir haben ein anderes Problem.« Er legte Lukas einige Unterlagen vor. »Laut unserem Informanten ist die Übergabe heute kurz vor Mitternacht. Wenn alles klappt, können wir den Ring endlich sprengen. Das bedeutet Einsatz.«
   Lukas zog die Stirn in Falten.
   »Lass uns unseren Job machen. Der Chef erkundigt sich schon nach dir und will wissen, wo du dich rumtreibst. Bisher konnte ich dich decken, aber langsam wird er misstrauisch.«
   Lukas stand auf und starrte aus dem Fenster.
   »Dein Fall ist vielleicht kein Fall«, versuchte er es noch einmal.
   »Wir können nicht immer warten, bis etwas passiert. Verbrechensverhinderung gehört genauso zu unseren Aufgaben.«
   »Richtig, nur dein Fall fällt in den Bereich des Einbruchs- und Raubdezernats, und dafür ist Marco zuständig. Wir haben andere Probleme. Abgesehen davon haben wir die Sache schon einmal vermasselt. Heute darf nichts schiefgehen. Der Chef reißt uns sonst die Köpfe ab.« Er zögerte und überlegte und entschied sich, zu schweigen.
   »Raus mit der Sprache«, sagte Lukas. »Ich merke doch, dass dir noch etwas auf der Zunge liegt.«
   »Nichts Wichtiges. Es hat sicherlich nichts damit zu tun.«
   »Womit?« Lukas beugte sich vor. »Geht es um Eloa Heller?«
   Er nickte. »Ich war gestern auf der Geburtstagsparty meiner Schwester. Dort habe ich eine Cousine von Frau Heller und einige ihrer Kunden kennengelernt. Einer der Gäste hat ein Geschenk aus Eloa Hellers Laden mitgebracht. Es war eine geschmackvolle Schatulle, die sie selbst entworfen und hergestellt hat. Beim Öffnen erscheint ein Engel, der durch die geteilte Spiegelfläche dahinter vervielfältigt wird.«
   »Dass sie künstlerisch begabt ist, habe ich gesehen. Ich weiß, dass ihr Engel viel bedeuten. Worauf willst du hinaus?«
   »Dass dieses Geschenk der Auslöser einer beinahe fantastischen Diskussionen war. Eloa Heller soll nicht nur kirchlich engagiert sein, sondern …« Jörg schwieg betreten.
   »Ja?« Lukas hob die Brauen.
   »Laut Lydia, das ist ihre Cousine, legt sie im Familien- und Freundeskreis Kranken die Hand auf, wenn auch ihre Großmutter in dieser Richtung die wesentlich größeren Fähigkeiten besessen hatte.« Er blickte zu Lukas, der ihn nicht aus den Augen ließ. »Sieh mich nicht so an. Ich glaube nicht an solche Dinge. Fakt ist, dass Eloa Heller nicht nur hilfsbereit, sondern auch allgemein beliebt ist. Viele fanden es ungerecht, dass ausgerechnet sie diesen tragischen Unfall erleiden musste. Und dann begann eine Diskussion, ob es Engel und vor allem Gerechtigkeit in unserer Welt gibt. Wie üblich kam natürlich nichts dabei heraus.« Er starrte zu Boden.
   »Und weiter? Du hast doch noch mehr zu sagen.«
   »Eigentlich nicht.«
   »Raus mit der Sprache!«
   Jörg holte tief Luft. »Eloa Heller soll ein Gemälde gehören, das magische Kräfte besitzt.«
   »Wie bitte?«
   Jörg hob abwehrend die Hände. »Ich gebe nur weiter, was diese Cousine erzählt hat. Angeblich wäre irgendein Professor wie wild hinter dem Gemälde her, weil es magische Kräfte besitzt. Natürlich ist das Blödsinn. Wenn du nicht weitergebohrt hättest, dann hätte ich überhaupt nichts darüber gesagt.«
   Lukas wollte etwas erwidern, doch das Telefonklingeln unterbrach ihn.
   Jörg griff nach dem Hörer, lauschte und legte auf. »Einsatz. Wir müssen los.«
   Lukas packte seine Jacke. »Verdammt! Ausgerechnet jetzt.«

*

Es war weit nach Mitternacht. Eloa konnte nicht schlafen. Lukas war den ganzen Tag nicht erschienen. Am Abend hatte sie erneut den Fremden bemerkt, als sie mit Dina im Park gewesen war. Sie war sich fast sicher, dass er ihre Gespräche belauscht hatte. Eloa hielt diese Ungewissheit kaum noch aus. Sie wünschte brennend, Lukas zu sehen.

Am nächsten Morgen begleitete Heiko sie in den Park. Er sah schlecht aus und starrte mürrisch auf seine Fußspitzen.
   »Ich muss bald eine Entscheidung treffen«, sagte Eloa. »Meine finanzielle Lage spitzt sich immer weiter zu.«
   »In spätestens vier Wochen bekommst du alles von mir zurück. Da ist die Provision für ein vermitteltes Kunstobjekt fällig.«
   »Damit kann ich den Zusammenbruch auch nur für ein halbes Jahr aufschieben.« Eloa betrachtete die Baumkronen. »Ich will Marion für ihre Hilfe bezahlen. Mir muss also zusätzlich noch etwas einfallen. Wenn nicht, kann ich die Räume gleich kündigen.«
   »Dieser Unfall, ich könnte diesen Kerl …«
   »Sei still! Mein Geschäft ist mein Problem, andere haben nichts damit zu tun.«
   Heiko legte den Arm um ihre Schulter. »Tut mir leid, ich bin gerade nicht besonders gut drauf. Wenn ich in London erfolgreich bin, kann ich dir etwas extra geben.«
   »Wenn ich es ohne fremde Hilfe nicht schaffe, muss ich loslassen. Dir ist nicht geholfen, wenn ich dich mit in den Abgrund reiße.« Sie deutete auf seine geschwollene Lippe. »Du sagst es mir doch, wenn du wieder in Schwierigkeiten steckst?«
   »Natürlich. Das ist nur aufgeplatzt, weil ich es dauernd abtaste.«
   Eloa strich ihm sanft über die Schläfe. Heiko schloss bei dieser Berührung die Augen.
   »Ich bin okay«, murmelte er und nahm ihre Hand. »Deine Nähe tut mir gut. Es ist nur der Stress. Die Vorbereitungen für die Geschäfte in London und die Sorge um dich.«
   »Ich schaffe das schon. Denk bitte mehr an dich.«
   Heiko nickte. Als er für längere Zeit schwieg und nur noch in Gedanken versunken auf einen Busch starrte, sah sich Eloa im Park um. Es war niemand in Sicht, der ihr verdächtig vorkam. Erleichtert wandte sie sich wieder Heiko zu und bemerkte daher nicht, dass ein gut aussehender dunkelhaariger Mann in Jackett und Anzugshose sie beobachtete. Auch das Klicken der Kamera hörte sie nicht.

*

Lukas verließ das Kommissariat erst am späten Vormittag. Der nächtliche Einsatz war erfolgreich gewesen und das sichergestellte Beweismaterial gegen die Drogenhändler erdrückend. Auch der Fahrer, der Eloa Heller angefahren hatte, war verhaftet worden.
   Lukas fuhr nach Hause, um zu duschen. Obwohl er müde war, dachte er nicht an Schlaf, er musste zuerst Eloa sehen.

Auf der Station erfuhr er, dass sie im Park war. Er fuhr wieder nach unten und betrat die Grünanlage durch eine Seitentür. Als er sich umsah, entdeckte er sie in zwanzig Meter Entfernung. Sie stand vor einer Bank, ihr Freund Heiko nahm sie gerade in den Arm und verabschiedete sich mit einem Kuss.
   Der Stich in der Brust war nicht zu ignorieren. Lukas biss die Zähne zusammen und beobachtete Heiko Rittberger, der Richtung Parkplatz ging, ohne ihn zu bemerken.
   Lukas wartete, bis er verschwunden war, dann blickte er zu Eloa, die sich wieder auf die Bank gesetzt hatte und unglaublich traurig wirkte. Es tat ihm weh, sie so hilflos und bedrückt vor sich hinstarren zu sehen. Sofort ging er zu ihr.
   Die junge Frau war so sehr in ihre Gedanken vertieft, dass sie zusammenzuckte, als er plötzlich vor ihr stand.

*

»Tut mir leid. Ich wollte Sie nicht erschrecken«, sagte Lukas. »Wir hatten gestern Nacht Großeinsatz, früher habe ich es nicht geschafft. Soll ich Sie in Ihr Zimmer begleiten? Sie sind so blass.«
   »Nein«, erwiderte Eloa. »Ich bin froh, Sie zu sehen. Verraten Sie mir lieber, was Sie über den Mann herausgefunden haben.«
   Lukas setzte sich neben sie. »Er ist in keiner unserer Dateien zu finden.«
   »Jetzt bin ich enttäuscht. Das bedeutet zumindest, dass er kein Verbrecher ist.«
   »Das bedeutet es leider nicht. Es kann durchaus sein, dass er noch nicht erwischt worden ist.«
   Eloa ließ den Kopf sinken. »Das ist richtig. Ich hatte nur so sehr auf einen Anhaltspunkt gehofft.«
   »Ich auch, also müssen wir mit dem arbeiten, was wir haben. Ihre Aushilfe Marion und Ihre Nachbarin können nicht beschwören, dass der Mann, den sie im und vor dem Haus gesehen haben, derselbe ist wie auf den Fotos. Damit habe ich nichts gegen ihn in der Hand, falls wir ihm erneut begegnen.« Lukas sah ihr in die Augen. »Verraten Sie mir jetzt, was Sie vermuten? Was könnte ein Ihnen unbekannter Mann, der in keiner Polizeiakte zu finden ist, von Ihnen wollen?«
   Eloa atmete tief durch. »Es geht doch um das Engelsgemälde. Schon von Anfang an habe ich Professor Rittberger verdächtigt und mich gefragt, ob er jemanden beauftragt haben könnte. Später dachte ich, das kann nicht sein, weil er dann seine Ausstellung vergessen kann.« Sie faltete die Hände in ihrem Schoß und versank in Gedanken.
   »Verdächtigen Sie jetzt jemand anderen?«
   »Nein, denn erst nach meiner Weigerung, ihm das Gemälde zu verkaufen, tauchte dieser Fremde auf.« Eloa zögerte. »Ich will dem Professor nichts Böses nachsagen.« Sie suchte nach Worten. »Mein Vater konnte nicht mit Geld umgehen. Damit er nicht ganz von Professor Rittberger abhängig wurde, musste meine Großmama vor elf Jahren fast all ihre Schmuckstücke verkaufen. Darunter eines, dass ihr sehr viel bedeutet hat. Dieser Schmuck war schon seit Generationen im Besitz unserer Familie. Dass sie es hergeben musste, war für sie bitter. Es gibt eine Familiensage, wo ein Engel …« Sie beendete den Satz nicht, denn ausgelacht werden wollte sie nicht. »Mein Vater konnte sich durch diesen Verkauf sanieren. Aber er geriet bald danach erneut in Schwierigkeiten. Der Einbruch in seine Kunsthandlung vor zehn Jahren hätte ihm fast den Rest gegeben. Nur diesmal konnte der Professor den Konkurs verhindern.«
   Eloa strich sich über ihr Knie, bevor sie fortfuhr. »Nach dem Tod meines Vaters vor drei Jahren hat er uns sofort wissen lassen, dass wir ihm das Gemälde quasi als Wiedergutmachung schulden. Er ist völlig darauf fixiert. Und da er seitdem weder bei meiner Großmutter noch bei mir Erfolg hatte, glaube ich, dass er …« Eloa presste die Lippen aufeinander.
   »Scheuen Sie sich, einen Verdacht auszusprechen?«
   Eloa nickte. »Vielleicht tue ich ihm unrecht, aber mein Gefühl sagt mir, dass Professor Rittberger mit der Sache zu tun hat. Stehlen kann er den Engel zwar nicht, doch da ich noch andere Dinge besitze, die ich zu Geld machen kann, um meinen Zusammenbruch aufzuschieben …«

*

»… bleibt dem Professor nur ein Weg übrig«, beendete Lukas ihre Überlegungen. »Sie durch Einbruch zu schädigen, sodass Sie ihm den Engel verkaufen müssen.« Er war angenehm berührt, dass es ihr schwerfiel, jemanden anzuklagen. Die meisten Menschen sparten nicht mit Beschuldigungen oder übler Nachrede, selbst, wenn es keine greifbaren Verdachtsmomente gab.
   Eloa nickte. »Das ist es, was ich glaube, wenn ich auch nicht begreife, warum er sich ausgerechnet auf dieses Gemälde versteift hat. Allerdings spricht einiges gegen meinen Verdacht. Er hat einen seriösen Ruf und ist angesehen. Und er weiß nichts von den Wertgegenständen, die ich geerbt habe.«
   »Vielleicht doch.« Dass er dabei an Heiko als möglichen Auftraggeber für diese Sache dachte, behielt Lukas für sich.
   »Der Professor weiß viel über uns, das ist richtig. Er und Vater haben beide ihre Frauen verloren. Das verbindet. Mit mir und Heiko war es durch den Verlust unserer Mütter ja auch so.«
   »Wie steht Ihr Freund Heiko zu seinem Vater?«
   »Die beiden verstehen sich nicht. Der Professor hat für seinen Sohn überhaupt kein Verständnis. Er hält ihn für einen Versager. Aber Heiko ist nur sensibel und in sich gekehrt.«
   Sie verteidigte ihn schon wieder. Lukas beobachtete sie weiter.
   »Heiko hat mich als Kind vor dem Ertrinken gerettet. Er ist einer meiner Schutzengel. Noch nicht einmal damit konnte er seinen Vater beeindrucken.«
   »Sie haben recht seltsame Schutzengel. Einen Kunsthändler und einen Polizisten.«
   Eloa lächelte. »Warum nicht?« Gedankenverloren rieb sie sich ihr rechtes Knie.
   »Haben Sie Schmerzen?«
   »Ein wenig.« Eloa lehnte sich zurück. »Um auf Heiko zurückzukommen, wir haben uns immer gegenseitig unterstützt. Jetzt lässt er sich nicht mehr von seinem Vater beeinflussen und geht seinen Weg.«
   Die Frage war nur, welchen? Für eine Weile herrschte Stille. Lukas dachte an die Unterredung mit Jörg. »Ihr Unfall … Von meinem Kollegen weiß ich, dass viele Ihrer Bekannten es ungerecht finden, dass Sie ganz unverschuldet schwer verletzt wurden. Fragen Sie sich nie, warum es ausgerechnet Sie getroffen hat?«
   Eloa sah verwundert auf. »Nein, warum sollte ich? Warum sollte es jemand anderen treffen? Vor Gott sind alle Menschen gleich. Wir können nicht alles, was uns passiert, kontrollieren, aber wir können entscheiden, wie wir mit diesen Erlebnissen umgehen, was wir fühlen oder denken, und an was wir glauben.«
   Lukas sah ihr in die Augen. »Ihre Einstellung ist ungewöhnlich, und ich bewundere Sie immer mehr.«
   »Tun Sie es lieber nicht. Ich muss in meinem Leben noch viel lernen. Und dabei hilft mir der Glaube, dass Gott niemals gegen uns ist, aber dass er uns oft prüft und noch sehr viel häufiger Mitgefühl, Geduld und Ausdauer von uns fordert.« Sie lächelte. »Warum sehen Sie mich mit diesem schwer zu deutenden Ausdruck an?«
   Er zögerte. »Darf ich Sie etwas ganz Privates fragen?«
   »Sicher, wenn ich es beantworten kann.«
   »Ihr Engelsgemälde …«
   »Was ist damit?«
   »Es wird behauptet, das Gemälde habe magische Fähigkeiten.«
   »Wer sagt das?«
   »Ihre Cousine Lydia hat das meinem Freund verraten.«
   Eloa zog die Stirn zusammen. »Ich mag Lydia wirklich sehr, aber sie konnte noch nie den Mund halten. Ich habe ihr bestimmt schon hundertmal erklärt, dass ein Gemälde keine magischen Fähigkeiten haben kann.«
   »Ich bin erleichtert, dass Sie das sagen«, erwiderte Lukas. »Nur falls der Professor an ein Gemälde mit magischen Fähigkeiten glaubt, wäre das ein weit besseres Motiv es besitzen zu wollen, als nur der Wunsch nach einer Ausstellung von zwölf Gemälden, die nicht viel wert sind.«
   »Er glaubt nicht daran. Und Sie doch auch nicht.«
   »Ich bin nicht seit Jahren hinter diesem Gemälde her. Aber als Motiv für einen Diebstahl kann man es immerhin in Betracht ziehen.«
   Sie sah ihn nachdenklich an. »Trauen Sie dem Professor ein solches Motiv zu?«
   »Um ehrlich zu sein, nein. Ich halte ihn für nüchtern, kalt und berechnend. Aber man kann sich in einem Menschen täuschen.«
   Eloa dachte eine Weile darüber nach. »Er hatte noch nie etwas für Magie und Esoterik übrig. Meine Großmutter musste sich oft seine hämischen Bemerkungen gefallen lassen. Obwohl er engagierter Katholik ist, steht er dem Glauben an Engel eher kritisch gegenüber.«
   »Es war nur so eine Idee«, sagte Lukas. »Wenn dieses Motiv nicht infrage kommt, sollten wir uns überlegen, ob der Einbrecher nicht doch etwas anderes stehlen wollte. Haben Sie jemals Ihren Freund Heiko Rittberger verdächtigt? Ich habe Erkundigungen über ihn eingezogen. Er hat massive finanzielle Schwierigkeiten und könnte …«
   Eloa richtete sich auf. »Das geht jetzt eindeutig zu weit! Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass Heiko mich niemals betrügen würde.« Ihre Augen funkelten.
   Lukas war sprachlos. Bisher hatte er sie nur sanft erlebt. Dieser Ausbruch überraschte ihn. »Verzeihen Sie mir«, entschuldigte er sich, »ich habe die Angewohnheit, alle Möglichkeiten zu durchdenken.«
   »Wenn Sie Erkundigungen über Heiko Rittberger einziehen, haben Sie das nicht durchdacht. Heiko würde mir niemals etwas Derartiges antun, auch nicht, wenn er Geld braucht. Suchen Sie immer nur das Schlechte in den Menschen?«
   »Nur, wenn ich jemanden verdächtige. Meist liege ich damit richtig.«
   »Nicht bei Heiko. Er würde mir niemals schaden, sondern im Gegenteil alles für mich tun.« Abrupt stand sie auf. Lukas sah ihr an, dass sie dabei die Schmerzen in ihrem Bein unterdrückte.
   »Darf ich Sie in Ihr Zimmer begleiten?« Er verfluchte sich, dass er nicht den Mund gehalten hatte.
   »Nein!« Eloa griff nach den Krücken. »Mein Knie beginnt gerade, heftig zu schmerzen. Ich möchte mich hinlegen. Sie haben bestimmt noch andere Termine.« Sie nickte ihm zu und schleppte sich auf ihre Krücken gestützt davon.
   Es tat ihm weh, sie so quälend langsam gehen zu sehen. Wahrscheinlich hatte er ihr Vertrauen nun verloren.

Lukas stand am nächsten Morgen schon vor sechs Uhr auf. Er hatte die ganze Nacht nicht schlafen können. Immer wieder musste er an Eloa denken. Wenn er die Augen schloss, sah er ihr liebes Gesicht, dann wieder ihren schwerfälligen Gang, der ihm deutlich zeigte, dass sie Schmerzen hatte. Würde sie je wieder wie früher gehen können? Lukas fühlte seine Ohnmacht.
   Er duschte kalt, zog sich an und ging für zwei Stunden am Neckarufer spazieren. Nachdem er gefrühstückt hatte, hielt er es Zuhause nicht mehr aus. Er musste Eloa sehen und den alten Zustand wiederherstellen.
   Bevor er in die Klinik fuhr, kaufte er ihr zum ersten Mal Blumen, in die er drei rote Rosen einbinden ließ. Damit machte er sich auf den Weg ins Krankenhaus. Er klopfte an ihre Tür, öffnete sie und begrub im gleichen Augenblick die Hoffnung auf ein vertrautes Gespräch. Eloa war nicht mehr allein. Eine Frau mittleren Alters lag mit im Zimmer und sah freundlich zu ihm auf.
   Das hatte ihm noch gefehlt. Dennoch, er war fest entschlossen. Lukas nickte der Frau im Nachbarbett zu, ging zu Eloa und überreichte ihr den Blumenstrauß.
   »Als Entschuldigung für meine taktlosen Gedankengänge. Ich hoffe, Sie können mir verzeihen.« Er hob eine Vase in die Höhe, ging ins Badezimmer und füllte sie mit Wasser. Danach platzierte er die Vase neben dem Engel, nahm Eloa die Blumen aus den Händen und stellte sie ins Wasser.
   »Gefallen Sie Ihnen?«
   Eloa atmete tief durch. »Sie sind wunderschön, aber ich will nicht, dass Sie mir etwas schenken. Sie müssen mich auch nicht besuchen. Wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass ich Ihnen an dem Unfall keine Schuld gebe?«
   Lukas setzte sich. »Es hat nichts damit zu tun.«
   Eloa blickte skeptisch zu ihm hoch. »Sind Sie sicher?«
   »Hundertprozentig. Ich möchte Sie heute in die Cafeteria einladen.«
   »Sie tun das nur, weil Sie ein schlechtes Gewissen haben.«
   »Nein, ich lade Sie ein, weil ich Sie mag.« Er sah ihr in die Augen. »Außerdem will ich Ihnen helfen. Auch wegen der anderen Geschichte.«

*

Eloa sah aus dem Fenster. Sie hatte längst begriffen, dass er es ehrlich mit ihr meinte und ihr nur beistehen wollte. Trotzdem war es besser für ihn, wenn er nicht mehr kam. Sie riss sich zusammen, konnte aber nicht verhindern, dass es in ihrem Gesicht zuckte.
   Die Frau im Nachbarbett vertiefte sich diskret in ihre Zeitschrift.
   »Bitte, lassen Sie mich das allein durchstehen«, sagte Eloa. »Mitleid hilft mir nicht weiter. Ich möchte nicht, dass Sie weiter Ihre Zeit für mich opfern.« Sie suchte nach Worten, fand aber keine.
   »Sie brauchen nichts weiter zu sagen«, erwiderte Lukas. »Ich habe verstanden. Gestern, das habe ich nicht gewollt. Zugegeben, ich bin extrem misstrauisch gegen jeden, aber bitte, lassen Sie mich weiterhin nach Ihnen sehen. Das ist kein Opfer. Ich möchte Ihnen zur Seite stehen.«
   Eloa schluckte. »Das tun schon andere. Vergessen Sie mich und alles, was passiert ist.«
   Lukas fasste nach ihrer Hand. Eloa zuckte unter der Berührung zurück. Sofort stand er auf. »Ich lasse Sie jetzt einige Tage in Ruhe.« Lukas griff in seine Jacke und zog eine Visitenkarte hervor. »Wenn Sie Probleme haben, oder mich sprechen wollen, rufen Sie mich an. Ganz gleich, um welche Uhrzeit. Ich bin immer für Sie da.« Er beugte sich zu ihr, fasste noch einmal nach ihrer Hand und zog sie an seine Lippen. Eloa versank in dem Blau seiner Augen. Als er sie sanft auf den Handrücken küsste, begann ihr Herz heftig zu schlagen.
   Lukas ließ sie los. Er verließ in dem Moment das Zimmer, als Heiko Rittberger in der Tür erschien.

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