Der aufstrebende Jungpolitiker Brian McMillan hat gute Chancen auf einen Wahlsieg, obwohl er in einem konservativen Distrikt mit einer progressiven Agenda antritt. Doch der Vorsprung ist hauchdünn. Jede Stimme zählt. Um die konservative Wählerschaft nicht abzuschrecken, entscheidet Brian, seine Homosexualität bis nach der Wahl geheim zu halten. Dann jedoch tritt der attraktive Reporter Felix auf den Plan, der Brian im Wahlkampf begleiten soll. Für Brian beginnt ein Spiel mit dem Feuer …

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ISBN: 978-9963-53-988-8

Seiten: 210

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Lia Bergman

Lia Bergman lebt und arbeitet in einer kleinen Stadt unweit von Münster und schreibt Romane über Liebe und Leidenschaft. Sie ist ausgebildete kaufmännische Assistentin Fremdsprachen, hat Anglistik und Germanistik studiert und arbeitet als Autorin, Übersetzerin, Lektorin und Sprachlehrerin. Sie verbrachte ein Jahr in Südengland und reist gern quer durch Europa. Insbesondere die britischen Inseln und Skandinavien haben es ihr angetan. Schon seit sie schreiben kann, hat sie sich gern Geschichten ausgedacht. Vor vier Jahren erfüllte sie sich mit ihrer ersten Romanveröffentlichung schließlich einen langgehegten Traum.

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1
Gewinner!

»Ich bin so unglaublich stolz auf dich, Brian! Ich wusste einfach, dass du es schaffst.« Amber schlang die Arme um seinen Nacken und drückte ihn an sich.
   »Vorsicht, Amber! Mein Anzug.«
   »Entschuldige. Ich bin bloß vollkommen aus dem Häuschen. Du hast es tatsächlich geschafft! Du hast es den alten Knochen gezeigt. Man kann gar nicht oft genug wiederholen, was das für eine Sensation ist. So einen jungen Kandidaten hatten die Demokraten in diesem Bezirk noch nie.« Amber drückte seine Hand, trat einen Schritt zurück und betrachtete ihn lächelnd. »Und dann noch so einen gut aussehenden.«
   »Hör auf, Amber! Ich werde ja gleich rot!« Brian lachte.
   »Obwohl …« Sie legte kritisch den Kopf schräg. »Du glänzt noch etwas. Einen Augenblick, das haben wir gleich.« Sie wühlte in ihrer enormen Handtasche und zog eine Puderdose hervor, mit der sie seine Stirn und Nase bearbeitete, als es an der Tür klopfte.
   »Brian? Es geht los.«
   Amber ließ die Puderdose zuschnappen und zupfte noch seine Haare zurecht. Brian lockerte seine Schultern.
   »Und jetzt geh da raus und hau sie alle von den Socken!«
   »Was würde ich nur ohne dich anfangen, Amber?« Brian öffnete die Tür und trat in den Flur hinaus, wo bereits ein Kamerateam in den Startlöchern stand, um ihn in den Saal zu begleiten. Vor der Tür schlossen sich ihm sein Sicherheitschef Levell Walker und zwei Bodyguards an. Die Sicherheitsleute wirkten in ihren schwarzen Anzügen und mit den Headsets im Ohr, als wären sie einem Agentenfilm entsprungen. Unter dem Jackett des einen hatte Brian kurz ein Pistolenholster aufblitzen sehen. Daran, bei öffentlichen Auftritten von bewaffnetem Sicherheitspersonal begleitet zu werden, hatte er sich noch immer nicht gewöhnt.
   An der Wand gegenüber erkannte er Jeneice Williams, seine Wahlkampfmanagerin in einem eleganten kobaltblauen Businesskostüm. Brian zwinkerte ihr zu und streckte ihr seinen erhobenen Daumen entgegen.
   »Hervorragende Farbwahl, Jeneice«, scherzte er im Vorübergehen. Er hatte ebenfalls eine blaue Krawatte gewählt, die Farbe der Partei. Amber hatte allerdings auch gemeint, dass sie seine blauen Augen besser hervorbrachte. Zwar hatte Amber die Koordination der Freiwilligen für seine Wahlkampagne übernommen, doch fungierte seine beste Freundin nebenbei auch als eine Art persönliche Stilberaterin.
   Begleitet wurde Jeneice von Evlin Dunne, seinem Grassroots-Koordinator. Daneben ging Mateo Sandoval, der Kommunikationsmanager und offizielle Sprecher der Kampagne. Die drei reihten sich hinter seinem Sicherheitsteam ein und folgten ihnen den Flur entlang.
   Kurz vor dem Eingang zum Saal blieb der Tross stehen. Hier wartete Brians Chefberaterin Victoria Chao, wie immer mit einem schwarzen Clipboard bewaffnet.
   Sie hob die Hand. »Callista spricht noch, wir warten auf das Stichwort«, wisperte sie.
   An der Wand beim Eingang lehnte ein junger Mann in einem sportlich geschnittenen grauen Anzug. Sein weißes Hemd trug er ohne Krawatte und für den Anlass ein wenig zu weit aufgeknöpft. Die dunklen Haare waren am Oberkopf länger und kunstvoll zerzaust. Und auch sein Bart, kaum mehr als ein Fünf-Tage-Bart, war ordentlich zu einem Short Boxed gestutzt. Eine attraktive Erscheinung, fand Brian, und bemühte sich, ihn nicht zu auffällig anzustarren.
   Der Dunkelhaarige machte den Eindruck wohlkalkulierter Lässigkeit. Als Brian und seine Begleiter stehen blieben, löste er sich von der Wand, steuerte auf Brian zu und streckte die Hand aus. Brian spürte förmlich, wie sich Levells Sicherheitsteam hinter ihm anspannte und registrierte Victorias fragendes Stirnrunzeln.
   »Mr. McMillan. Gratuliere zu Ihrem sensationellen Erfolg. Felix Greenberg vom Florida Sentinel.« Die braunen Augen des Mannes tasteten Brian prüfend ab, als versuchte er, ihn mit einem Blick einzuschätzen. »Ich weiß, Sie müssen da jetzt rein, aber vielleicht könnten wir später …«
   »Später sehr gern, Mr. Greenberg. Geben Sie doch einfach Jeneice oder Mateo Ihre Karte.« Mit einer Kopfbewegung deutete Brian hinter sich.
   Ein Lächeln huschte über das Gesicht des jungen Reporters und zeichnete Grübchen in seine Wangen. »Okay. Na dann, viel Glück da drin.«
   Brian schüttelte den Kopf. Verrückter Typ. Schon aufgrund dessen Jugend vermutete er, dass dieser ein Neuling im Business war. Da hatten sie schon eines gemeinsam. Allerdings war Greenbergs Manöver nicht ungeschickt. Mit seiner unorthodoxen Kontaktaufnahme hatte er sich frühzeitig ins Spiel gebracht und sichergestellt, dass er Brian und seinem Team im Gedächtnis blieb. Höchstwahrscheinlich war er weit weniger amateurhaft, als er sie mit diesem Auftritt glauben machen wollte. Vicky Chao lauschte angestrengt in den Saal, aus dem dumpf die Stimme der politischen Beraterin Callista Garvey zu hören war.
   »Ladys und Gentlemen, ich möchte Sie auch gar nicht länger auf die Folter spannen. Ich präsentiere Ihnen den Mann der Stunde, Mr. Brian McMillan!«
   Das Stichwort.
   »Los, los, los!«, zischte Victoria und wedelte mit ihrem Clipboard. »Beeindrucke sie!« Im Vorübergehen klopfte sie Brian auf den Rücken.
   Er straffte ein letztes Mal die Schultern, schloss und öffnete ein paar Mal die Fäuste und trat unter dem Applaus des Publikums in den Saal. Er hatte einen harten Wahlkampf ausgefochten und sich gegen zwei ältere, erfahrenere Kandidaten durchgesetzt. Jetzt musste er seinen Unterstützern beweisen, dass sie mit ihm die richtige Wahl getroffen hatten. Gleichzeitig galt es, seine Gegner davon zu überzeugen, dass er das Unmögliche möglich machen konnte. Es wäre eine Sensation, gelänge es ihm, als erster demokratischer Kandidat seit 2002 für diesen Distrikt ins Repräsentantenhaus einzuziehen. Und im Hinblick auf die Midterms und die Mehrheitsverhältnisse im Kongress zählte jeder rote Sitz, den sie in einen blauen verwandeln konnten.
   Brian spürte die Anspannung wie eine tonnenschwere Last auf den Schultern, doch mit jedem Schritt in Richtung Podium fühlte er sich ruhiger und gefasster. Was hatte Amber vorhin noch gesagt? »Wenn einer das rocken wird, dann du!«
   Er lächelte in die Runde, hob die Arme zu einer angedeuteten Siegergeste und schritt durch die Reihen zum Podium. Dort warteten bereits seine Familie und der Rest des Wahlkampfteams. Er nahm seinen Platz hinter dem Rednerpult ein und strahlte ins Publikum. »Danke. Danke. Vielen Dank!«, rief er ins Mikrofon, während der Applaus im Saal noch einmal aufbrandete und dann abebbte. »Es gibt hier heute viele Leute, denen ich unglaublich viel verdanke. Zunächst möchte ich mich bei den drei Freiwilligen bedanken, die wohl mit Abstand am härtesten für meine Kampagne gearbeitet und mit die größten Opfer gebracht haben. Meine Familie. Mein Dad, meine Mum und meine Schwester Ruby, Ladys und Gentlemen!«
   Das Publikum klatschte. Lässig an einen Pfeiler in der Nähe der Bühne gelehnt, erkannte er Felix Greenberg, den Journalisten vom Sentinel. Der junge Reporter hielt ein Aufnahmegerät in die Höhe. Obwohl er den Dresscode ein wenig zu locker interpretiert hatte, fiel er zwischen den Damen und Herren in Abendgarderobe nicht unangenehm auf. Im Gegenteil, er bot einen wohltuenden Anblick zwischen den steif wirkenden Anzugträgern des konservativen Parteiflügels. Genau diese Leute bereiteten Brian derzeit am meisten Kopfzerbrechen. Als der Applaus abnahm, sprach er weiter. »Außerdem danke ich ganz herzlich meiner Freiwilligen-Koordinatorin und langjährigen Freundin Amber Tippet sowie meinem wundervollen Wahlkampfteam. Stellvertretend für euch alle möchte ich mich besonders bei meiner Wahlkampfmanagerin Jeneice Williams bedanken. Doch nicht zuletzt schulde ich meinen Dank allen Wählern und Unterstützern. Denjenigen, die es vertrauensvoll in meine Hände gelegt haben, ob in diesem Jahr zum ersten Mal seit 2002 ein demokratischer Abgeordneter für diesen Distrikt nach Washington ziehen wird. Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich es der republikanischen Regierung so schwer wie nur möglich machen werde, Politik einzig für das reichste Prozent der Bevölkerung zu betreiben. Wir werden dafür kämpfen, dass in Washington endlich wieder die Interessen ganz normaler, hart arbeitender Amerikaner vertreten werden. Mit ihrer grausamen Sozialpolitik und ihrem Blut-und-Boden-Nationalismus fügen die Republikaner unserer Nation und ihren Bürgern tiefe Wunden zu. Sie machen Steuergeschenke an die Superreichen und große Firmen. Und sie befeuern rassistischen und extremistischen Hass. Wenn sie ihre Pläne durchsetzen, werden viele Millionen Amerikaner ohne Gesundheitsversorgung dastehen. Ich werde das verhindern. Außerdem wende ich mich gegen Hass, Ausgrenzung und eine weitere Spaltung der Gesellschaft. Unser Amerika ist ein offenes, ein tolerantes, ein vielfältiges Amerika. Ein Land, auf das wir zu Recht stolz sind, ein Land mit einer starken, über zweihundert Jahre alten Demokratie. Rassismus und Diskriminierung haben hier keinen Platz. Ich fühle mich gesegnet und geehrt, diesen Kampf mit Ihnen kämpfen zu dürfen, und ich versichere Ihnen, dass ich dieses Vertrauen nicht enttäuschen werde.«
   Kurz darauf verließ er unter frenetischem Applaus die Bühne. Er hatte es geschafft, überzeugend zu wirken. Während er im Kopf immer noch damit beschäftigt war, zu verarbeiten, dass er jetzt wahrhaftig der offizielle Kandidat der Partei war, machte er artig Small Talk mit den Sponsoren und Parteifunktionären, dabei hätte er sich lieber einmal ordentlich ausgeschlafen. Obwohl die Hälfte des Gesprächs an ihm vorbeirauschte, hielt sich Brian an seinem Wasserglas fest und nickte höflich, wann immer es ihm passend vorkam. Noch schien ihm die Situation ein wenig surreal.
   »Das war ja eine mächtig beeindruckende Rede.«
   Brian wandte sich um und sah Felix Greenberg, der anerkennend nickte.
   »Wurde Zeit, dass mal jemand den Laden aufmischt. Mit den Scheintoten und Wall Street-Lieblingen, die sonst ins Rennen gehen, werden die Demokraten jedenfalls keinen Blumentopf gewinnen.« Der junge Reporter grinste und musterte ihn mit einem amüsierten Ausdruck.
   Brian versuchte zu entscheiden, ob das ein aufrichtiges Kompliment gewesen war, oder ob der Kerl sich gerade über ihn lustig machte.
   »Und die Optik sollte man auch nicht vergessen. Sie machen jedenfalls eine weit bessere Figur als die üblichen Verdächtigen.«
   Wieder hatte er das Gefühl, dass der Mann ihn mit unangemessen abschätzendem Ausdruck taxierte. Er fühlte sich unwohl und musste sich zwingen, dem Blick des Reporters nicht auszuweichen. Auch wenn ihm seine warmen braunen Augen gefielen, der Typ wollte offenbar provozieren. Er durfte keine Schwäche zeigen.
   »Äh … ja, vielen Dank, Mr. Greenberg«, entgegnete er trocken.
   »Nein, ehrlich. Ich war positiv überrascht von Ihrem Auftritt. Irgendwie erfrischend.« Noch immer musterte der Journalist ihn mit unverhohlener Neugier und einem gewissen Ausdruck der Herausforderung. »Sie haben von Offenheit, Toleranz und Vielfalt gesprochen. Würden Sie sagen, dass Werte wie diese einen Schwerpunkt Ihrer Kampagne bilden?«
   »Auch, ja. Doch vor allem wollen wir unseren Fokus wieder auf die Bürger legen. Auf ihre Bedürfnisse und Wünsche und auf ihre Realitäten im Alltag, mit denen jeder Einzelne zu kämpfen hat.« Brian hatte zwar Routine entwickelt im Umgang mit Journalisten, doch irgendetwas hatte dieser Greenberg an sich, was ihn nervös machte. Seine Zunge klebte am Gaumen, und er musste einen Schluck Wasser nehmen, bevor er weitersprach. »Die Menschen sind wütend. Zu Recht. Sie sind vom Establishment in Washington zu lange marginalisiert worden. Politik ist zu einem Spiel für alte weiße Männer und abgehobene Eliten geworden. Wir brauchen eine echte, progressive Bewegung, die von der Basis getragen wird und die Politik im Interesse der normalen, hart arbeitenden Menschen in diesem Land betreibt. Für mich schließt das selbstverständlich alle Bürger ein, unabhängig von Abstammung, Hautfarbe, religiöser oder sexueller Orientierung.« Brian hatte den Eindruck, dass Greenberg bei diesem Satz kaum merklich die Augenbrauen gehoben hatte. Der amüsierte Zug um seinen Mund trat deutlicher zutage. Doch womöglich interpretierte er zu viel in den Gesichtsausdruck des Reporters hinein. Der enorme Druck der letzten Wochen hatte ihn wachsamer gemacht, und die Vorwahlen stellten nur die erste – wesentlich geringere Hürde dar. Jetzt stand es ihm bevor, den kraftzehrenden Kampf gegen Patrick Gilchrist aufzunehmen. Der republikanische Kandidat war erfahren und gewieft. Er hatte bereits politische Ämter gehalten und kannte sich aus im Business. Brian musste damit rechnen, dass Gilchrist mit harten Bandagen kämpfen würde. Von jetzt an würde es hässlich werden, dafür war allein der vorausgegangene unterirdische Präsidentschaftswahlkampf der beste Indikator. Die Fronten waren verhärtet, der Ton rau, und die Schutzkleidung war gefallen. Brian hoffte, dass sein dickes Fell ausreichen würde.
   »Ihr Wahlprogramm ist erstaunlich progressiv. Glauben Sie, dass Sie damit in diesem eher konservativen Distrikt Erfolg haben können? Ich denke da zum Beispiel an ihre Positionierung zu Themen wie dem Recht auf Abtreibung, LGBTQ-Rechten oder der gleichgeschlechtlichen Ehe. Viele Wähler hier stehen diesen Inhalten skeptisch gegenüber.« Greenbergs bohrender Blick kam ihm vor wie ein Scanner, der ihn zu vermessen versuchte.
   Doch er bemühte sich, seine Verunsicherung nicht zu zeigen. »Meiner Ansicht nach möchten die Wähler vor allem zwei Dinge: von der Politik mit ihren Interessen und Wünschen ernstgenommen werden und authentische Politiker, denen sie vertrauen können. Und ich denke, in dieser Hinsicht habe ich meinem Gegner einiges voraus.«
   Greenberg grinste anerkennend. »Eine sehr diplomatische Antwort, Mr. McMillan. Ich fürchte, Mr. Gilchrist wird weniger zurückhaltend sein.«
   »Um es mit unserer ehemaligen First Lady zu sagen: When they go low, we go high.« Brian lächelte und hob die Augenbrauen. »Aber jetzt müssen Sie mich entschuldigen, Mr. Greenberg. Ich muss mich wieder ins Getümmel stürzen.«
   »Tun Sie das«, entgegnete der Reporter. »Es war mir jedenfalls eine außerordentliche Freude, Sie kennenzulernen, und ich würde mich freuen, Sie noch einmal interviewen zu dürfen. Ich werde mich an Ihr Kommunikationsteam wenden.« Als er lächelte, zeigte er eine Reihe perlweißer, gerader Zähne.
   Eine Spur zu selbstsicher für Brians Geschmack. Doch er war Profi genug, sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. »Gern, Mr. Greenberg. Tun Sie das. Ich würde mich freuen, Sie wiederzusehen.« Etwas peinlich berührt stellte er fest, dass er Letzteres sogar ernst meinte.

2
Farbe bekennen

Mit Schwung kickte Lucy ihre Pumps von den Füßen und ließ sich in den Sessel fallen. »Ist das eine Wohltat! Ich freue mich schon den ganzen Abend darauf, aus diesen Dingern rauszukommen. Was tut man nicht alles für die Schönheit!«
   »Für mich wärst du auch in Gummistiefeln die hübscheste Frau auf der ganzen Veranstaltung gewesen.« Jim legte seiner Frau von hinten die Hände auf die Schultern und drückte ihr einen liebevollen Kuss auf den Scheitel.
   Lucy lachte. »Du lügst. Aber das machst du verdammt gut und auf sehr charmante Weise.«
   »Vielleicht hätte ich der Politiker in der Familie werden sollen«, scherzte Brians Vater. »Also, ich weiß ja nicht, was mit euch ist, aber ich werde jetzt ins Bett gehen. Ich bin hundemüde.«
   »Ich … ich wollte eigentlich noch etwas mit euch besprechen.« Brian kratzte sich im Nacken.
   »Hat das nicht bis morgen Zeit, Schatz? Es ist ein Uhr, und es war ein anstrengender Tag.« Lucy gähnte demonstrativ.
   »Na ja, ich – ich wollte wegen etwas euer Okay holen, bevor ich morgen in das Kick-off-Meeting für die Kampagne gehe.«
   »Okay, klingt ja ernst.« Jim zog die Augenbrauen hoch und ließ sich aufs Sofa fallen. »Schieß los, wir sind ganz Ohr.«
   »Betrifft mich das auch oder kann ich ins Bett gehen?«, wollte Ruby wissen.
   »Es betrifft uns alle«, sagte Brian. »Eigentlich ist es keine große Sache beziehungsweise, es sollte keine sein.«
   »Du willst dich öffentlich outen«, traf seine Schwester den Nagel auf den Kopf. »Gut für dich!«
   Brian presste die Lippen aufeinander und schaute ernst in die Runde. »Sollte man meinen, ja. Aber ihr wisst, so einfach ist das nicht. Gerade jetzt. Nicht nur ich stehe im Licht der Öffentlichkeit, sondern auch ihr, und ihr müsst deswegen vielleicht mit Anfeindungen rechnen. So aufgeheizt wie das politische Klima dieser Tage ist …«
   »Brian, wir sind mächtig stolz auf dich, und es gibt absolut nichts, wofür wir uns schämen müssen. Wie auch immer du in dieser Sache entscheidest, Dad und ich stehen hinter dir«, entgegnete seine Mutter.
   »Ich weiß, aber ich mache mir Sorgen um euch, und ich würde eben gern euer Okay einholen, bevor ich diesen Schritt unternehme.«
   »Deine Mutter und ich haben uns seit der Pubertät nicht in Entscheidungen eingemischt, die dein Liebesleben betreffen, und wir werden ganz gewiss jetzt nicht damit anfangen, nur weil es ein paar Spinnern nicht passen könnte.«
   Lucy nickte, und ein entschlossener Zug trat in das Gesicht seines Vaters, als er fortfuhr. »Letzten Endes musst du tun, was du für richtig hältst. Wir haben euch dazu erzogen, aufrecht durchs Leben zu gehen, Verantwortung zu übernehmen und Menschen mit Respekt zu begegnen. Du weißt, dass du letztlich nur dir selbst und Gott Rechenschaft schuldig bist. Es spielt keine Rolle, was andere Leute denken.«
   »Und wenn sie euch angreifen?« Brian zog die Brauen zusammen.
   »Wenn sie mich dafür angreifen, dass ich einen aufrichtigen, hart arbeitenden und mutigen Jungen großgezogen habe, nur weil es nicht in ihr kleingeistiges Weltbild passen will, dass du Männer liebst, dann habe ich schon die passende Antwort parat!« Lucys Worte klangen bestimmt und brachten Brian zum Lächeln.
    »Danke, Mum. Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich euch liebe!«

Zuversichtlich saß Brian am nächsten Tag im Kreis seines Wahlkampfteams und wartete, dass Jeneice das Kick-off-Meeting eröffnete.
   »Zunächst einmal möchte ich mich noch einmal herzlich bei euch allen für eure harte Arbeit bedanken. Es waren anstrengende Wochen, und jetzt dürfen wir uns kurz auf die Schulter klopfen«, sagte sie und lächelte in die Runde. »Allerdings wissen wir alle, dass das, was hinter uns liegt, der weit einfachere Teil der Strecke war. Wir können uns auf einen zähen – und wahrscheinlich nicht immer fairen – Kampf einstellen. Und dabei haben wir es nicht nur mit Gilchrist zu tun. Es gibt in unseren eigenen Reihen genug Skeptiker, die glauben, dass wir uns mit unserer progressiven Agenda übernehmen und dass wir damit keine Chance haben. Machen wir uns nichts vor. Wir müssen doppelt so hart arbeiten und doppelt so gute Argumente finden, um die Wähler zu überzeugen. Vicky, ich übergebe erst einmal an dich.«
   Victoria Chao war seine Chefberaterin und Mädchen für alles. Die zierliche Frau mit dem mädchenhaften Bob mochte auf den ersten Blick zerbrechlich wirken, war aber unglaublich hart im Nehmen und fleischgewordene Effizienz.
   »Danke, Jeneice. Es wird ernst, Leute. Sechs Monate bis zu den Wahlen. Ihr wisst, wie schnell die vorbei sind. Wir sollten den Zug so schnell wie möglich ins Rollen bringen.
   Wie nicht anders zu erwarten, hat Gilchrist sich auf Brians Jugend eingeschossen. Die Presse stellt die Frage in den Raum, ob Brian nicht zu jung und zu unerfahren für das Amt ist. Gilchrist wird gnadenlos in die Kerbe hauen und seine Leute und die konservative Presse werden versuchen, dich persönlich zu diskreditieren, Brian. Sie werden jeden Stein umdrehen, um Schwächen und Fehler zu suchen. Wir dürfen uns nicht auf diesen Personenwahlkampf einlassen und müssen mit Inhalten punkten. Das Wichtigste wird deswegen sein, unser Programm auf einige griffige und wirksame Schwerpunkte zu kondensieren. Unsere Botschaft muss kurz, knackig und emotional sein. Ich denke, dazu werden Callista als politische Beraterin und Nick unter dem wirtschaftlichen Blickwinkel noch einiges sagen. Vor allem finde ich wichtig, dass wir die Gefühle der Wählerinnen und Wähler ansprechen. Wir müssen Brians Jugend gerade als seine Stärke verkaufen. Du stehst für frischen Wind, für eine unverfälschte, bürgernahe Politik. Bisher ist es uns gut gelungen, uns so zu positionieren. Der Erfolg unserer Strategie zeigt sich im Ausgang der Vorwahl und in sehr erfreulichen Zahlen an der Spendenfront. Andrea wird später noch berichten.«
   »Entschuldige, dass ich dich unterbreche, Vicky. Aber ich würde gern noch eine Grundsatzfrage klären, bevor wir uns an die Details machen.« Brian klickte nervös mit dem Kugelschreiber. Auch wenn er allen Anwesenden vertraute, war es unangenehm, in einem Konferenzraum voll neugierig dreinblickender Menschen sein Privatleben zu thematisieren. »Na ja, den meisten von euch dürfte es nicht neu sein, dass ich schwul bin. Im Vorwahlkampf hat sich bereits gezeigt, dass ein junger, alleinstehender Mann die Fantasie der Presse beflügelt und viel gemunkelt wurde.« Er grinste. »Wenn es danach geht, pflege ich eine heimliche, leidenschaftliche Beziehung zu Amber.«
   In der Runde wurde gelacht. Amber blätterte in ihren Notizen.
   »Wie dem auch sei. Vielleicht wäre es besser, der Neugier der Presse in dieser Hinsicht von vornherein einen Dämpfer zu verpassen.«
   Jeneice hatte die Augenbrauen zusammengezogen. Obwohl sie nickte, zeigte ihr Gesicht denselben kritischen Ausdruck, mit dem sie in den Pausen den Salat vom Lieferdienst sezierte.
   »Du willst ein öffentliches Coming-out. Das hatte ich fast befürchtet.«
   »Ich denke, vielleicht wäre es einfach besser. Irgendwann kommt es ohnehin heraus, und wenn wir von Anfang an mit offenen Karten spielen …«
   »Brian, du unterschätzt die Zahl der wirklich wertkonservativen Wähler in diesem Distrikt. Normalerweise würde ich dir zustimmen, doch womöglich wäre es besser, das Thema bis nach der Wahl nicht so an die große Glocke zu hängen. Es wird ohnehin ein knappes Rennen. Da geht es um jede einzelne Stimme«, warf Jeneice ein.
   »Das sehe ich ähnlich.« Vicky trommelte mit einem Kugelschreiber auf ihrem Clipboard herum. »Lass sie lieber weiter über Amber spekulieren. Wenn du erst einmal im Kongress sitzt, kannst du es immer noch öffentlich machen.«
   »Aber wäre das nicht irgendwie feige? Ich möchte nicht im vorauseilenden Gehorsam versuchen, jemand zu sein, der ich nicht bin.«
   »Das sollst du ja auch überhaupt nicht«, räumte Jeneice ein. »Ich denke bloß, dass dein Privatleben nichts mit deiner Politik zu tun hat. Es geht die Leute schlicht und ergreifend nichts an. Wenn du dich öffentlich outest, wird das automatisch zu deinem zentralen Kampagnenthema. Gleichgeschlechtliche Ehe, Transgender Toiletten-Regelungen, LGBTQ-Rechte … darauf wird sich die Presse stürzen, und die Gegenseite wird es aufbauschen. Brian, wir haben wichtige Inhalte, die den Wählern am Herzen liegen. Zunehmende soziale Ungleichheit, Krankenversicherung, Klimaschutz … all das würde nur noch von diesem einen Thema überlagert. Ich fürchte, es könnte dich in den Köpfen der Wähler auf dieses Label reduzieren.«
   »Und es würde dich im konservativen Lager definitiv Stimmen kosten. Da müssen wir uns überhaupt nichts vormachen«, ergänzte Vicky. »Ehrlich gesagt können wir uns das absolut nicht leisten.«
   Brian nickte und knetete nachdenklich seine Unterlippe. »Was meinst du dazu, Amber?«
   Amber, die immer noch auf ihre Notizen starrte, zuckte zusammen und hob den Kopf. »Ich weiß, es fühlt sich falsch an, nicht mit offenen Karten zu spielen. Aber ich fürchte, Jeneice und Vicky könnten recht haben. Vielleicht kannst du einfach versuchen, bis nach der Wahl ein wenig unter dem Radar zu fliegen? Es verlangt ja niemand von dir, dass du lügst. Aber ein offizielles Outing würde tatsächlich die Aufmerksamkeit viel zu stark auf dein Privatleben ziehen und von den Inhalten ablenken.«
   »Hm. Okay, ja. Ich kann eure Argumente nachvollziehen. Vielleicht habt ihr recht. Vielleicht ist dieser Wahlbezirk noch nicht reif für einen schwulen Kongressabgeordneten.«
   »Das Beste wird sein, dich einfach bedeckt zu halten, was Privates angeht. Wenn sie dich darauf ansprechen, lenke sie zurück auf die wichtigen Themen«, riet Victoria.
   »Okay. Gut. Ich werde darüber nachdenken, okay?«, versprach er. »Es bereitet mir Probleme, den Wählern gegenüber nicht vollkommen aufrichtig zu sein, aber ich teile eure Bedenken. Ich möchte keine Entscheidung übers Knie brechen. Da brauche ich noch etwas Bedenkzeit.«
   »Okay, aber überlege es dir gut. Wir müssen Kernthemen der konservativen Wählerschaft ansprechen. Innere Sicherheit, Soziales, Familie, Gesundheit, Umwelt …«, schaltete sich Nick, Brians wirtschaftlicher Berater, ein.
   »Macht Sinn. Ich weiß. Das werde ich garantiert bedenken. Vielleicht wäre es in der Tat besser, für ein paar Monate den Ball flach zu halten – für ein Liebesleben habe ich ohnehin keine Zeit«, scherzte Brian. »Dafür werden Vicky und Jeneice schon sorgen. Wenn ich meinen Terminkalender sehe, wird mir ganz schwindelig.«
   »Prima«, fand Jeneice. »Vertagen wir die endgültige Entscheidung. Dann krempeln wir jetzt mal die Ärmel hoch und machen uns daran, unsere Strategie festzuzurren.«

Als sich Amber und Brian einige Stunden später aufmachten, um in einem nahegelegenen Restaurant zu Mittag zu essen, hielt Mateo Sandoval, Brians Kommunikationsmanager sie auf.
   »Brian, warte. Ich wollte dir noch etwas sagen.«
   »Schieß los, aber fass dich kurz, ich stehe kurz vor dem Hungertod.« Er grinste.
   »Keine Angst, dauert nicht lange.« Mateo zog eine Visitenkarte hervor und reichte sie Brian. »Eine Anfrage von einem Reporter. Er würde uns gern während des Wahlkampfs hinter den Kulissen ein wenig begleiten. Ich halte das für eine gute Idee.«
   Brian betrachtete mit gerunzelter Stirn die Visitenkarte. Für einen Moment verspürte er ein unruhiges Kribbeln in der Magengegend. Felix Greenberg – Florida Sentinel stand dort.
   »Ich weiß nicht. Meinst du …«, begann er.
   »Die Leute stehen auf so etwas«, unterbrach ihn Mateo. »Es lässt dich menschlicher erscheinen, authentischer. Und wir bekommen ausführliche Presse. Ich hab mir den Burschen einmal angeschaut. Ein beeindruckendes Portfolio für so einen jungen Kerl. Und der Sentinel hat sich schon während des Vorwahlkampfes deutlich für dich ausgesprochen. Ich glaube, das könnte eine ganz großartige Sache werden. Natürlich wird er nicht an den Meetings teilnehmen oder so etwas. Aber er könnte dich Backstage bei den Wahlkampfauftritten begleiten, bei den Bürgerforen …«
   »Ja, wahrscheinlich hast du recht, Mateo.«
   »Wunderbar, dann ruf ich ihn an und gebe ihm das Okay.«
   »Ja, tu das.« Dieses seltsam unruhige Gefühl wollte sich nicht legen. Womöglich behagte ihm bloß die Vorstellung nicht, den attraktiven und vorwitzigen jungen Reporter ständig um sich zu haben, während er den Mann ohne Unterleib spielen sollte. Höchstwahrscheinlich machte er sich vollkommen unnötige Sorgen. Schließlich würde der bevorstehende Wahlkampf eine wahre Tour de Force werden und Brian überhaupt keine Zeit haben, auf dumme Gedanken zu kommen. Wenn Greenberg es fertigbrachte, selbst Mateo zu beeindrucken, musste er gut sein.

»Du siehst unzufrieden aus«, bemerkte Amber.
   Brian stocherte in seinem Fisch herum. Die Sache mit Greenberg und der Ratschlag des Kampagnenteams beschäftigten seine Gedanken weiterhin. »Es bereitet mir ziemliches Magendrücken, dass ich nicht mit offenen Karten spiele. Ich weiß, die anderen haben sicherlich nicht unrecht. Ein öffentliches Outing zu diesem Zeitpunkt könnte tatsächlich unsere Inhalte überlagern. Die Presse würde wochenlang nur über mein Privatleben berichten, und für die Gegenseite wäre es ein gefundenes Fressen.«
   »Gerade bei den Evangelikalen würde dich das Stimmen kosten«, stellte Amber nüchtern fest. »Und die könnten leider das Zünglein an der Waage sein, das darfst du nicht vergessen. Letztlich waren sie es, die den Republikanern bei der Präsidentschaftswahl geholfen haben, Florida, Ohio, Pennsylvania und Michigan zu holen.«
   »Eine Scheißsituation, wenn du mich fragst. Mein Instinkt rät mir, offensiv mit dem Thema umzugehen und Farbe zu bekennen. Es wäre ein wichtiges Zeichen für eine offene Gesellschaft, das wir gerade in diesen Zeiten bitter nötig haben. Abgesehen davon glaube ich fest daran, dass persönliche Integrität und Authentizität wichtiger sind und mein Liebesleben überhaupt keinen Einfluss darauf hat, welche politischen Entscheidungen ich treffe. Verdammt, es sollte einfach überhaupt keine Rolle spielen! In einer idealen Welt täte es das auch nicht. Doch leider sieht die Realität anders aus, und du hast recht. Ein Outing zu diesem Zeitpunkt könnte mich die entscheidenden Stimmen kosten. Der Vorsprung wäre ohnehin hauchdünn.« Brian bearbeitete seine Unterlippe mit den Zähnen. »Das ist eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Egal, was ich mache, es ist falsch. Folge ich meinem Instinkt und entscheide mich für Offenheit und Ehrlichkeit, könnte ich unsere Chancen zunichtemachen. Verschweige ich es, kann man mir vorwerfen, etwas vertuschen zu wollen, und es würde das Signal senden, als wäre Homosexualität tatsächlich etwas, für das man sich schämen muss.«
   »Ich weiß. Das werden ein paar harte Monate. Normalerweise würde ich dir raten, mutig und ehrlich zu sein. Aber wir befinden uns in einer Ausnahmesituation. Noch nie war es so wichtig, dass wir die Mehrheitsverhältnisse im Kongress umdrehen. Es steht so viel auf dem Spiel, Brian. Du würdest doch nicht die Unwahrheit sagen. Ich halte es für moralisch vollkommen vertretbar. Eigentlich geht es auch niemanden etwas an, wen du liebst und wen nicht. Das ist deine Privatsache.«
   Er seufzte schwer. »Ich weiß, dass ihr recht habt, aber alles in mir sträubt sich dagegen.«
   »Augen zu und durch. Es ist ja nicht für lange. Wenn du erst einmal im Sattel sitzt, braucht es dich nicht mehr zu interessieren, ob es die reaktionären Spinner stört. Und dann kannst du dazu beitragen, das politische Klima in diesem Land positiv zu verändern. Ich denke, es wäre wirklich eine winzige Unaufrichtigkeit für ein höheres Ziel. Wenn sich die Gegenseite nur halb so viele Gedanken um Ehrlichkeit, Ethik und Moral machen würde, hätten wir heute überhaupt kein Problem.«
   »Da hast du allerdings recht. Die müssen sich in der Tat nicht aufs moralisch hohe Ross setzen. Sei ehrlich, Amber. Glaubst du wirklich, ich kann Gilchrist schlagen?«
   »Ja, das glaube ich wirklich. Es wird verdammt knapp werden, aber du kannst das schaffen.«
   »Dann lohnt es sich, ein bisschen Bauchweh zu haben.« Er lächelte, griff nach Ambers Hand und drückte sie. »Danke, dass du an mich glaubst.«
   Ambers Blick flatterte zum Fenster hinüber. Ein leises Lächeln huschte über ihre Lippen. »Natürlich glaube ich an dich. Das habe ich schon immer getan.«
   »Na, ihr beiden Turteltauben?« Phil Rye, Brians Social-Media-Berater trat an den Tisch und grinste breit. »Die Online-Gerüchteküche wartet schon sehnsüchtig auf eine Verlobung.«
   »Na, da können sie aber lange warten«, flachste Amber.
   Brian runzelte die Stirn. Wieder war ihr Blick seinem ausgewichen. Er fragte sich, ob es sie doch nicht kalt ließ, Zielscheibe von Spekulationen in der Presse zu werden. Für gewöhnlich hätte sich niemand besonders für eine Kongressnachwahl in diesem Distrikt interessiert. Allerdings war der Wahlkampf auch national in den Fokus des Medieninteresses gerückt. Er, der Underdog mit guten Chancen, den vermeintlichen Favoriten zu schlagen, wäre an sich schon eine gute Story gewesen. David gegen Goliath. Doch die Hoffnung der Liberalen ruhte nun darauf, die Mehrheitsverhältnisse im Kongress zu kippen. Das machte diese regionale Wahl zu einem wichtigen politischen Ereignis, das im ganzen Land mit Spannung verfolgt wurde. Dementsprechend intensiv war die Medienberichterstattung. Und er – als der David in dieser Geschichte – stand ganz besonders im Zentrum der Aufmerksamkeit. Leider bedeutete das, dass seine Familie und Freunde ebenfalls betroffen waren. Das schlechte Gewissen schlug ihm auf den Appetit, und er legte das Besteck zur Seite.
   »Macht euch keine Gedanken«, winkte Phil ab. »Solche Gerüchte sind eigentlich positiv zu bewerten. Ich mache mir viel mehr Sorgen um Fake News und gezielte Stimmungsmache von rechts. Wie dem auch sei, ich werde mir auch schnell noch einen Happen gönnen. Wir sehen uns gleich im Meeting.«
   Brian sah nachdenklich aus dem Fenster. Ihm wurde in diesem Augenblick noch einmal deutlich bewusst, worauf er sich eingelassen hatte, und was er Familie und Freunden zumutete. Ein Wahlkampf in diesem aufgeheizten politischen Klima war definitiv kein Sonntagspicknick. Er atmete tief durch. Es war müßig, darüber nachzudenken. Schließlich hatte er den Rubikon längst überschritten. Er war jetzt der offizielle Kandidat, und es gab kein Zurück mehr. Amber hatte recht. Augen zu und durch. Das war vermutlich die beste Strategie.

»Hey, Rubes. Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt.«
   »Nein. Schon gut, ich habe noch gelesen. Was gibt’s, Bruderherz? Wenn du so spät anrufst, drückt dich irgendwo der Schuh.«
   »Eigentlich nichts Bestimmtes. Ich glaube bloß, ich bekomme langsam doch etwas Fracksausen. Hoffentlich habe ich mich da nicht übernommen.«
   »Nein, das glaube ich nicht. Du bist stärker, als du meinst, Brian.«
   »Jen und Vicky halten es für keine gute Idee, mich vor der Wahl öffentlich zu outen. Sie glauben, es könnte uns Wählerstimmen kosten.«
   »Und du bist anderer Meinung.«
   »Nein, ich gebe ihnen vollkommen recht. Aber es geht mir ziemlich gegen den Strich, dass ich einen nicht ganz unerheblichen Teil meiner Identität verstecken soll.«
   »Sehe ich ähnlich. Was sagt denn Amber?«
   »Amber glaubt auch, es ist besser, wenn ich bis nach der Wahl damit warte.«
   »Amber ist in dich verknallt.«
   »So ein Quatsch, wir sind gute Freunde.«
   Ruby lachte. »Klar, Brian. Du glaubst auch noch an den Weihnachtsmann. Amber ist total in dich verschossen. Das würde sogar Ray Charles auf fünf Kilometer Entfernung erkennen.«
   Brian biss sich auf die Unterlippe. Insgeheim wusste er, dass Ruby recht hatte. »Ganz ehrlich, Ruby. Mute ich euch zu viel zu?«
   »Hey, mach dir nicht so viele Gedanken um uns, okay? Es ist großartig, dass du diese Herausforderung angenommen hast. Widerstand erfordert Opfer. Das war uns allen von vornherein klar. Was mich angeht – ich bin bereit, Opfer zu bringen, um unsere Demokratie und unsere Freiheit zu retten.«
   »Das klingt so dramatisch, Rube.«
   »Es ist dramatisch. Das weißt du selbst am besten. Brian, bitte mach dir keine Gedanken, wir stehen fest an deiner Seite, und wir kommen da gemeinsam durch. Mum und Dad sind irre stolz auf das, was du tust.«
   »Und was ist mit Amber? Ich möchte sie nicht ausnutzen.«
   »Amber ist eine starke, erwachsene Frau, Brian. Sie weiß schon, was sie tut.«
   »Das hoffe ich. Ich möchte ihr auf keinen Fall wehtun.«
   »Mach dir nicht so einen Kopf, Brian. Alles wird gut. Ganz bestimmt. Aber ich finde, du solltest den Mut haben, zu dir selbst zu stehen. Du bist ein wundervoller Mensch und hast brillante Ideen. Wenn das die Wähler nicht überzeugt, was dann?«
   »Schon, Rubes. Aber leider gibt es genügend Leute, die das nicht interessiert. Sie glauben, dass ich pervers bin, ein Sünder – oder bestenfalls noch jemand, der Hilfe braucht und eine Reparativtherapie. Vergiss nicht, wir haben einen Vizepräsidenten, der ein Verfechter diesen Nonsens ist. Das macht mich so wütend! Schon der Begriff zeigt doch, wie krank diese Denke ist. Als wären wir kaputt und bedürften der Reparatur.«
   »Ich weiß, Brian. Mir treibt es auch die Galle hoch, wenn ich nur darüber nachdenke. Aber umso wichtiger ist, dass man dem entschieden entgegentritt. Mach dir um uns keine Sorgen. Wir stehen zu dir. Egal, was kommt.«
   »Danke, Ruby. Ich fühle mich schon wieder besser. Es ist bloß alles so beängstigend.«
   »Du machst das, Brian! Ganz bestimmt. Und jetzt solltest du zusehen, dass du eine Mütze Schlaf bekommst. Du hast eine anstrengende Zeit vor dir und musst fit bleiben.«
   »Danke, Ruby. Gute Nacht.« Brian legte auf. Obwohl Ruby ihr Bestes getan hatte, ihn zu beruhigen und ihm Mut zu machen, lag er noch lange wach und starrte an die Decke, während er über seine Entscheidung nachgrübelte.

3
Klinkenputzen

»Wow, das nenne ich aber einen kompakten Terminplan. Und wann essen oder pinkeln Sie?« Felix Greenberg überflog den Tagesablaufplan, den Vicky ihm ausgehändigt hatte.
   »Gewöhnen Sie sich besser dran, Mr. Greenberg. Wenn Sie uns auf der Kampagne begleiten wollen, sollten Sie Stehvermögen haben.«
   »Daran hat es mir noch nie gemangelt. Jedenfalls hat sich noch nie jemand beschwert«, behauptete Greenberg, während er Brian mit hochgezogenen Augenbraue taxierte.
   Entweder flirtete der Typ gerade mit ihm, oder er wollte ihn testen. Brian beschloss, die Bemerkung nicht mit einer Reaktion zu würdigen und schlicht zu übergehen.
   »Wir starten um 10:30 Uhr mit Brians Auftritt bei einer Veranstaltung zur Ehrung örtlicher Rettungskräfte und Ersthelfer in einer Highschool. Ab 12:00 Uhr geht es weiter mit einer Rally, bei der er als Hauptredner vorgesehen ist. Von halb zwei bis vier Uhr werden wir von Tür zu Tür gehen, um Wähler zu mobilisieren, und von 17:30 bis 18:30 wird Brian bei einem Fundraiser-Picknick der Partei erscheinen. Dazwischen haben wir Zeit genug, eine Kleinigkeit zu essen«, rasselte Vicky den Terminfahrplan herunter und grinste Greenberg mit unverhohlener Belustigung an. »Keine Sorge, Mr. Greenberg, Sie werden nicht verhungern, aber ein Wahlkampf ist nun mal harte Arbeit.«
   »Alles klar. Ich habe mich ja auch überhaupt nicht beklagt«, entgegnete der junge Reporter nun kleinlaut.
   Insgeheim freute sich Brian, dass Vicky dem nassforschen Kerl einen Dämpfer verpasst hatte. Seine unverschämte Art wirkte gleichermaßen enervierend und anziehend. Brian rief sich innerlich zur Ordnung. Jetzt war nicht der passende Zeitpunkt, seine Aufmerksamkeit an einen Journalisten zu verschwenden, auch wenn der Typ unverschämt gut aussah und ein besonderes Talent hatte, ihn mit seiner frechen Art aus der Ruhe zu bringen.
   Im Bus ging er das Redemanuskript für die Ehrung der Rettungskräfte noch einmal durch, doch mit seiner Konzentration war es nicht weit her. Zu viel schwirrte ihm im Kopf herum, und Felix Greenbergs neugierige Blicke, die er aus den Augenwinkeln sah, taten ihr Übriges.
   Zum Glück gelang es ihm immer besser, im Kopf den Schalter umzulegen und im Kampagnenmodus zu funktionieren. Er lief dann wie auf Autopilot, immer auf den nächsten Tagesordnungspunkt fokussiert, ging im Kopf noch einmal alles durch, die Trainings mit seinen Kommunikationsleuten. Ablenkung konnte er nicht gebrauchen, auch – oder gerade – nicht, wenn sie in so ansprechender Verpackung daherkam.
   Die Ehrung der Rettungskräfte war emotional, und Brian war überzeugt, dass er mit Menschlichkeit und Nähe gepunktet hatte. Insgesamt war der Distrikt in dieser Hurricane-Saison noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen, andere waren schlimmer betroffen. Doch auch hier gab es viele Leute, deren Existenz von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt worden war – insbesondere in der Landwirtschaft. Die Helfer hatten Erstaunliches geleistet. Brian tat sich schwer damit, mit politischem Kalkül an diese Dinge heranzugehen. Für ihn war diese Veranstaltung definitiv mehr als ein Anlass zum Stimmenfang. Die Geschichten der Menschen berührten ihn. Und er hoffte, dass dies für die Wähler spürbar war und sich nicht im Laufe seiner politischen Karriere verlieren würde.
   Im Kopf noch bei den ergreifenden Geschichten vom mutigen Einsatz der Ersthelfer und Rettungskräfte, fand er sich bereits wieder im Bus und im Geist beim nächsten Punkt auf der Liste. Mit seiner speziellen Mnemotechnik ging er noch einmal die wichtigsten Redepunkte durch. Mit geschlossenen Augen berührte er nacheinander verschiedene Körperteile.
   »Ist das so was wie autogenes Training?«
   Brian öffnete die Augen und sah, dass Greenberg ihn interessiert beäugte.
   »Sorry, jetzt hab ich Ihre Konzentration gestört, oder?« Sein Grinsen verriet, dass die Entschuldigung keineswegs ernst gemeint war. Er schien darauf bedacht, ihn aus der Reserve zu locken. Womöglich hoffte er, hinter die professionelle Fassade blicken und ihm spontane Reaktionen entlocken zu können, um seine Story damit zu würzen.
   Brian ermahnte sich erneut zur Vorsicht. Das war ein gewiefter Bursche. Schon seine Karriere sprach für Zielstrebigkeit und Ehrgeiz. Auch wenn Greenbergs Blatt ihm politisch gewogen war, wollte er dem Journalisten möglichst keine Angriffsfläche bieten. »Nein, ich habe eine spezielle Technik, die es mir erleichtert, Redepunkte zu behalten. Schließlich gibt es nichts Lahmeres als einen abgelesenen Monolog.«
   »Verraten Sie mir Ihren Trick, oder lassen Sie sich nicht in die Karten schauen?«
   »Da ist kein großes Geheimnis bei. Ich lege eine Strecke fest, die ich am Körper entlanggehe. Jede Station verknüpfe ich mit einem Stichwort und überlege mir eine kleine Geschichte, die mich an Details der Rede erinnert.«
   »Sie fangen also zum Beispiel bei den Augen an. Und die sind …« Felix lehnte sich vor, offensichtlich, um Brians Augenfarbe zu erkennen.
   »Blau«, beeilte er sich zu sagen.
   Dieses blöde Kribbeln unter dem Solarplexus kannte er nur zu gut. Das konnte er jetzt nun weiß Gott nicht gebrauchen.
   »Blau … Und das erinnert Sie dann daran, dass Sie den Zuhörern das Blaue vom Himmel versprechen wollten, richtig?«, flachste der Reporter.
   »Das ist nicht mein Stil«, entgegnete er knapp, zog seine Moderationskarten aus dem Jackett und machte sich demonstrativ daran, sie noch einmal durchzugehen.
   »Okay, Humor ist nicht Ihr Ding. Merke ich mir für die Zukunft«, kommentierte Felix trocken und wandte sich zum Fenster.
   Idiot. Von wegen. Es wurmte ihn, dass er sich den Schuh gedanklich gleich angezogen und reflexartig nach einer geistreichen und humorvollen Replik gesucht hatte. Nein, lieber kühl und professionell bleiben, sich nicht provozieren lassen. »Es gibt für alles die richtige Zeit und den richtigen Ort, Mr. Greenberg. Sie entschuldigen? Ich muss mich auf die Rede vorbereiten.«
   »Lassen Sie sich nicht abhalten. Ich werde dann lieber mal Ms. Williams auf den Wecker fallen.« Felix erhob sich und schlängelte sich durch den Mittelgang zu Jeneice.
   Brian konnte nicht verhindern, dass sein Blick auf die knackig sitzende Jeans fiel. Verflixt. Greenberg war ein echtes Sahneschnittchen – egal, von welcher Seite man ihn betrachten wollte – und seine freche Art hatte etwas, das ihn reizte. Es war wie verhext. Seit Monaten hatte er keinen Gedanken an Sex verschwendet. Doch ausgerechnet jetzt, wenn er sich in ein Neutrum verwandeln sollte, fingen die Hormone an, verrückt zu spielen. Womöglich war es gar nicht so sehr Greenberg selbst, der ihn lockte, sondern der Reiz des Verbotenen, überlegte er. Zu wissen, dass man etwas auf keinen Fall tun sollte, machte es schließlich gerade unwiderstehlich.
   Brian blätterte durch die Karten. Schließlich gelang es ihm, den Fokus wieder auf die bevorstehenden Aufgaben zu lenken.
   Zwischen der Rally und dem Türwahlkampf blieb noch etwas Zeit, um eine Kleinigkeit zu essen. Es kam immer gut an, wenn die Kandidaten die lokale Gastronomie unterstützten und sich regionale Spezialitäten schmecken ließen. Also hatte Vicky arrangiert, dem Peapod Café in dem kleinen Einkaufszentrum am Rande der Stadt einen Besuch abzustatten, das sich mit schnörkelloser Südstaatenküche einen Namen gemacht hatte. Vom Kulinarischen abgesehen also auch eine dankbare Fotogelegenheit für Greenberg und das Kampagnenteam.
   Es war einer der kurzen Momente, in denen Brian einen Augenblick durchatmen konnte, und er genoss die Mittagssonne, während sie an den kleinen Geschäften vorbeischlenderten.
   Amber hatte sich bei ihm untergehakt und betrachtete die Schaufenster. Vor dem Fenster einer kleinen Goldschmiede blieb sie stehen. »Sieh mal, wie hübsch!« Sie deutete auf einen schmalen Goldring mit birnenförmigem, roséfarbenem Stein und einer Krone aus kleinen Diamanten.
   »Die haben hier tolle, individuelle Stücke. Das ist noch ein richtiger Handwerksbetrieb«, kommentierte Brian. »Der ist außergewöhnlich. Ein Hingucker. Wär das nichts für dich?«
   »Ach nein.« Amber winkte ab. »Dazu fehlt mir der passende Verlobte.« Sie zog ihn weiter.
   »Aber du brauchst doch keinen Kerl, um dir einen schönen Ring zu kaufen.«
   »Nein, ich weiß. Brauche ich nicht. Trotzdem. Ich finde es irgendwie traurig, wenn man sich einen Ring selbst kauft, auch wenn ich genau weiß, dass das albern und rückständig ist. Es hat etwas Tragisches, findest du nicht?«
   »Immer die Brautjungfer, niemals die Braut?« Brian zog eine Augenbraue hoch.
   »So ähnlich, ja. Mit sechzehn habe ich mir eigentlich vorgenommen, spätestens mit dreißig verheiratet zu sein. Mit dem perfekten Traumprinzen. Na ja, aber dann holt einen relativ schnell die Realität ein.«
   Brian zog Amber enger an seine Seite und drückte kurz ihren Arm. »Der Richtige kommt schon noch. Ganz sicher.«
   Amber seufzte hörbar. »Dein Wort in Gottes Ohr.«
   »Es könnte deutlich schlimmer sein. Stell dir vor, du hättest Joey geheiratet.«
   »O Gott, Joey! Erinnere mich nicht dran.« Amber kicherte. »Joey. Den hatte ich total verdrängt. Absolut keine Ahnung, was ich jemals an dem gefunden habe.«
   Sie erreichten das Peapod Café und traten ein. Es duftete herrlich nach Barbecue, Gebratenem und Frittiertem, und Brians Magen zog sich in freudiger Erwartung zusammen. Er bestellte gebratene grüne Tomaten und einen Haussalat.
   »Sind Sie Vegetarier?« Felix war neben ihn an den Tresen getreten und hatte offenbar seine Bestellung verfolgt.
   »Nein. Ich esse nicht viel Fleisch, aber ich kann nicht ganz darauf verzichten.«
   »Ja, leider verfalle ich auch immer wieder der Fleischeslust.« Felix grinste und bestellte sich einen Angus Steakburger. »Natürlich nur, wenn es appetitlich aussieht.« Wieder schenkte er Brian ein zweideutiges Lächeln und ließ den Blick über seinen Körper schweifen.
   Brian ignorierte die Bemerkung, konnte aber nicht verhindern, dass sich wieder dieses Kribbeln einstellte, während die braunen Augen des Reporters ihn abtasteten.
    Amber, die ihn skeptisch von der Seite beobachtet hatte, zog Brian mit sich. »Komm, wir setzen uns schon einmal. Wir werden aufgerufen.«
   Greenberg blieb am Tresen stehen, während Amber und Brian sich einen Tisch in der Ecke suchten.
   »Dir gefällt der Kerl.« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Amber sah ihn forschend an.
   »Möglich. Er ist ein attraktiver Typ, aber ich hab das im Griff.«
   »Pass auf dich auf, ja?« Amber legte ihm eine Hand auf den Unterarm. »Du bist gerade extrem verwundbar.«
   »Mach dir keine Gedanken. Alles unter Kontrolle, ehrlich!«
   Kurz darauf brachte die Bedienung das Essen, doch bevor sein knurrender Magen zu seinem Recht kam, musste Brian noch für einige Fotos posieren.
   Gleich nach dem Essen brachen sie auf, um mit Wählern direkt an der Haustür zu sprechen. Auch wenn diese Taktik im Rennen um einen Senatssitz ungewöhnlich war, setzte Jeneice auf persönlichen Wahlkampf. Viele Senatskandidaten sahen im Haustürwahlkampf lediglich eine Fotogelegenheit und verzichteten weitgehend darauf. Gilchrist überließ das Klinkenputzen ausschließlich seinen Freiwilligen. Natürlich konnte auch Brian nicht überall im Distrikt an Türen klopfen, und es war zahlenmäßig womöglich nicht interessant, dennoch hatten sie beschlossen, dass sich zusätzlich zu den freiwilligen Wahlhelfern auch Brian so oft wie möglich blicken lassen sollte. Er war jung, attraktiv und charismatisch, und es gehörte zu Jeneice’ zentraler Strategie, dass er diesen Vorteil gegenüber Gilchrist nutzen sollte.
    Der Direktwahlkampf war unberechenbar, aber auch ungemein spannend und lehrreich. Brian hatte so gelernt, spontan zu reagieren und auf die Menschen und ihre Sorgen und Ängste einzugehen. Jeneice hatte für heute einen Wohnbezirk ausgewählt, in dem laut Umfragen besonders viele unentschlossene Wähler lebten. Es versprach also, besonders anstrengend zu werden. Blaue Viertel abzugrasen, um nach links tendierende Wähler zu animieren, auch tatsächlich am Tag X an die Wahlurne zu gehen, war jedenfalls angenehmer.
   Sie tauschten den Bus gegen eine Flotte Autos und teilten sich in Teams auf. Brian wurde von Greenberg, Amber, einem von Levells Bodyguards und einem Fotografen für die Kampagne begleitet.
   In der ersten Straße, die sie ansteuerten, hatte Brian Glück. Die Leute waren freundlich und ihm gegenüber zumindest aufgeschlossen. Allerdings konnte er feststellen, dass Gilchrists Angriff auf seine Jugend und seinen Singlestatus in den Köpfen der Leute bereits Wurzeln geschlagen hatte.
   »Haben Sie Kinder, Mr. McMillan?«
   Im Blick der Dame, die Brian und sein Team hereingebeten hatte, lag etwas Herausforderndes. Ihr etwa dreijähriger Sohn drückte sich verschüchtert an die Beine seiner Mutter, während er Brian mit unverhüllter Neugier betrachtete.
   »Leider nein, Mrs. Westin.« Er ging leicht in die Knie, um auf Augenhöhe mit dem Jungen zu sprechen. Kinder waren in der Tat seine Schwachstelle, das musste er zugeben. »Hey! Na, kleiner Mann? Ich bin Brian. Und wie heißt du?«
   »Aiden.«
   »Nett, dich kennenzulernen, Aiden. Das ist ein hübscher Name.«
   »Mhm«, machte der Junge.
   Brian war unsicher, was er noch sagen sollte, und richtete sich wieder auf, um mit Mrs. Westin zu sprechen.
   »Möchten Sie denn Kinder?« Mrs. Westins Blick wanderte über Brians Schulter zu Amber, die hinter ihm stand.
   »Ähm … konkrete Pläne habe ich da noch nicht, aber ich kann es mir schon vorstellen … ich meine, in der Zukunft.« Verdammt! Das hatte überhaupt nicht souverän geklungen, aber das Thema war nun einmal nicht gerade seine starke Seite. »Dennoch weiß ich, dass Kinder die Zukunft und unser wichtigstes Gut sind, und setze mich entsprechend für gute und bezahlbare Gesundheitsvorsorge und verstärkte Investitionen in die Ausbildung der nächsten Generation ein.«
   Mrs. Westins Blick blieb skeptisch. Brian wusste, dass sie ihm bei allen überzeugenden Argumenten eine familienfreundliche Politik weniger zutraute als Patrick Gilchrist. Der war schließlich selbst verheiratet und dreifacher Vater. Allerdings musste sich jemand wie McMillan auch keine Sorgen um die Gesundheitsversorgung seiner Familie, um Bildungsgutscheine und die Qualität der öffentlichen Schulen machen. Das vergaßen die Wähler nur allzu gern, wenn sie sich selbst in dem Familienvater sahen.
   Im weiteren Gespräch gelang es ihm schnell wieder, in sicheres Fahrwasser zu gelangen und sich von seiner charmanten und überzeugenden Seite zu präsentieren. In der Hoffnung, einen positiven Eindruck hinterlassen zu haben, verabschiedete er sich von Mrs. Westin und Aiden und trat auf die Straße. Im Vorgarten gegenüber mähte ein Mann den Rasen und schaute neugierig zu der Gruppe herüber.
   Der Rasenmäher verstummte, und der Mann zog seine Baseballkappe vom Kopf. Mit der Hand beschirmte er die Augen. »Brian?«, rief er. »Brian McMillan?«
   Brian runzelte die Stirn, doch als der Mann den Rasenmäher stehen ließ und über die Straße auf sie zukam, erkannte er ihn.
   »Tyler Johnson? Clewiston Highschool?« Er schüttelte dem Mann die Hand. »Mensch, ist das lange her. Wie geht es dir? Siehst gut aus.«
   In der Tat hatte sich Tyler, der damals Linebacker im Highschool Football-Team gewesen war, kaum verändert. Groß, und breitschultrig, war Tyler immer eine imposante Erscheinung gewesen, und Brian fand, dass er jenseits der dreißig eher dazugewonnen hatte. Die honigblonden Haare trug er an den Seiten kurz und oben etwas länger, was ihm trotz seiner kräftigen Gestalt etwas Jungenhaftes verlieh. Die hellen, graugrünen Augen leuchteten jetzt besonders intensiv im Kontrast zu der Sommerbräune seiner Haut.
   »Kann nicht klagen. Mein Partner und ich betreiben ein Maklerbüro in der Gegend. Du bist ja ein großer Fisch in der Politik geworden, wie man hört.«
   »Na ja, großer Fisch …« Er lachte. »Die größte Hürde liegt noch vor mir.«
   »Wenn die Umfragen recht haben, hast du gute Chancen auf einen Sitz in Washington. Das ist doch ’ne ziemlich große Sache.«
   »Ich bin verhalten optimistisch.« Brian grinste. »Aber es wird noch ein knappes Rennen. Echt nett, dich mal wieder zu treffen.« Er klopfte Tyler auf die Schulter. »Aber wir müssen leider weiter. Termine …«
   »Viel beschäftigt, hm?« Tyler deutete auf die ungeduldig wartende Gruppe hinter Brian. »Na, dann will ich dich mal nicht aufhalten. Ach … weißt du was? Ich geb dir einfach mal meine Nummer. Wär doch nett, bei Gelegenheit mal über alte Zeiten zu quatschen, oder?«
   »Klar, sicher. Wenn mal wieder etwas Luft ist, gern.« Brian zückte sein Handy und speicherte Tylers Nummer, dann nahmen sie ihre Runde durch die Wohnsiedlung wieder auf.

Um sieben Uhr am Abend hatten sie auch den Fundraiser hinter sich gebracht.
   Felix Greenberg rieb sich den Nacken. »Ich werde jedenfalls nie wieder behaupten, Politik sei kein Knochenjob. Vielen Dank, dass ich heute mitkommen durfte.«
   »Haben Sie dann genug Material für Ihre Reportage?« Brian bemerkte wieder das Kribbeln und musste sich gestehen, dass er insgeheim auf ein Nein von Greenberg hoffte.
   »Ja, ich schätze schon. Heute habe ich einige interessante Eindrücke sammeln können.«
   »Okay. Ja, dann … war nett, Sie kennenzulernen, Mr. Greenberg.«
   »Sagen Sie ruhig Felix.«
   »Felix. Okay. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit Ihrem Bericht.« Er fühlte sich zwischen Erleichterung und Enttäuschung hin- und hergerissen. Doch es war besser, aus der Gefahrenzone zu kommen, denn Felix hatte begonnen, ihn mehr zu interessieren, als ihm in seiner Situation lieb sein konnte.

4
Überraschungen

Brian angelte nach dem Handy, das auf dem Nachttisch lag und gerade ein Vibrieren von sich gegeben hatte.
   Hey! Nett, dich heute kurz gesehen zu haben. Du hast dich kaum verändert.
   Eine Nachricht von Tyler. Er zögerte mit dem Daumen über dem Antwortfeld. Was war denn nur plötzlich los? Kaum hatte er sich vorgenommen, vorerst die Finger von Beziehungen zu lassen, taten sich überall Versuchungen auf. Er war seit fast zwei Jahren Single, und es hatte sich niemand annähernd Interessantes am Horizont gezeigt. Er legte das Telefon zurück auf den Nachttisch.
   In der Highschool hatte er eine Zeit lang das Gefühl gehabt, Tyler wäre an ihm interessiert gewesen. Aber Brian hatte damals noch mitten in der tiefsten Verwirrung über seine Gefühle für das eigene Geschlecht gesteckt. Erst später im College hatte er endgültig festgestellt, dass er ausschließlich auf Männer stand. Tyler war einer der Jungs gewesen, die ihn auf die Spur gebracht hatten. Kein Wunder. Er sah einfach umwerfend aus und hatte einen ausgeprägten Sinn für Humor. Was hatte er diesen Kerl angeschmachtet damals! Hatte er vorhin nicht etwas von einem Partner gesagt? Bedeutete das, Tyler stand tatsächlich auch auf Männer? Allerdings war es um ein Maklerbüro gegangen. Er hätte ebenso gut einen Geschäftspartner gemeint haben können. Hach! Warum dachte er überhaupt darüber nach? Er hatte doch nicht vor, etwas mit Tyler anzufangen. Oder? Das Handy auf dem Nachttisch vibrierte erneut.
   Ich war damals mächtig verknallt in dich. Hast du das eigentlich gewusst? ;-)
   Er schluckte. Das wurde ja immer besser. Er musste an Tylers Augen denken, an seine kräftige Statur und die sexy geschwungenen Lippen. Diese Lippen! Brian bemerkte das unmissverständliche Gefühl der Enge in seinen Boxershorts. Mann, das kam alles so was von ungelegen. Mussten seine Hormone ausgerechnet jetzt mit ihm Karussell fahren? Erst dieser Felix, dann die Nachricht von Tyler. Er zuckte zusammen, als das Handy in seiner Hand vibrierte.
   Habe ich dich jetzt verschreckt?
   Na, klar. Tyler hatte gesehen, dass er die Nachricht gelesen hatte.
   Nein, nein. Alles gut. Bin ziemlich erledigt. Langer Tag heute.
   Er war stark in Versuchung, zurückzuflirten, doch das war nur unnötig riskant so kurz vor der Wahl. Natürlich reizte es ihn, herauszufinden, was er damals verpasst hatte. Doch das würde warten müssen.
   Alles klar. Wollen wir mal was trinken gehen? Keine Sorge, ich kann mich benehmen. Bin ja in festen Händen.
   Vielleicht konnte er sich ja doch … nur so ganz unverfänglich …? Noch während er die Antwort in sein Handy tippte, wusste er, dass das eine ganz blöde Idee war.

Am nächsten Morgen hatte Brian etwas Zeit für ein Frühstück mit seiner Familie eingeplant. Unterwegs kaufte er noch ein paar Bagels ein und freute sich auf die willkommene Entspannung im Kreise seiner Lieben, bevor das Wahlkampfchaos um ihn wieder lostobte.
   Als er vorfuhr, sah er seine Mutter auf der vorderen Terrasse stehen. Sie hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und betrachtete offenbar etwas, das vor ihr auf dem Boden lag. Brian runzelte die Stirn. Als sie sein Auto hörte, sah seine Mutter auf. Sofort verschwand der düstere Ausdruck, und ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Sie hob die Hand und winkte. Während er sich abschnallte und ausstieg, bückte sie sich und trug mit spitzen Fingern eine braune Papiertüte zum Müll. Er beschleunigte seine Schritte.
   »Mom! Alles in Ordnung? Was war das?«
   »Brian! Ich habe noch gar nicht so früh mit dir gerechnet.« Seine Mutter drückte ihn und küsste ihn auf die Wange.
   »Was hast du da eben weggeworfen?«, beharrte er.
   »Ach nichts, ein dummer Jungenstreich. Nichts weiter.«
   Er hob den Deckel der Mülltonne. Obenauf lag die ominöse Papiertüte, auf die jemand mit schwarzem Marker etwas geschrieben hatte.
   Eat shit! Libtard freaks!!!
   Fresst Scheiße! Verdammte linke Freaks!!! Damit erübrigte sich auch die Frage nach dem Inhalt der Tüte. Angewidert schloss Brian den Deckel der Tonne und wandte sich zu seiner Mutter um. »Ein dummer Jungenstreich?« Er schüttelte den Kopf und sah Tränen in den Augen seiner Mutter schimmern. »Mom! Ist das schon öfter passiert? Sei ehrlich!«
   Lucy presste die Lippen aufeinander, bevor sie antwortete. »Dreimal in den letzten zwei Wochen.«
   »Warum hast du denn nichts gesagt?« Er nahm seine Mutter in den Arm.
   »Ich wollte dich nicht beunruhigen«, murmelte sie an seiner Schulter.
   »Was sagt denn die Polizei?« Er löste sich aus der Umarmung, nahm die Hände seiner Mutter und sah ihr in die Augen.
   Lucy blieb stumm.
   »Ihr habt es nicht gemeldet. Mom, ihr müsst so etwas melden.«
   »Solange derjenige uns keine Gewalt androht, ist das maximal eine Ordnungswidrigkeit, Brian. Das wird die Polizei kaum interessieren. Außerdem …« Sie senkte die Stimme und warf über seine Schulter einen Blick auf die Straße vor dem Haus. »Das Schlimme ist doch, dass es höchstwahrscheinlich jemand aus der unmittelbaren Nachbarschaft ist. Glaubst du, es wird besser, wenn wir mit der Polizei kommen?« Sie zog ihn am Arm mit sich ins Haus und schloss die Tür.
   »Aber Mom! Was, wenn es nicht dabei bleibt?«
   Lucy schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Die Aktion schreit doch förmlich Feigling! Das ist ein armes Würstchen, das sich nicht traut, uns das ins Gesicht zu sagen. Wie mich das anekelt! Jetzt traut sich dieses Ungeziefer plötzlich, unter seinem Stein hervorzukriechen. Die glauben doch, Hass und Rassismus sind jetzt salonfähig. Schon allein deswegen musst du es einfach schaffen!«
   »Aber versprich mir, dass ihr zur Polizei geht, wenn noch mehr passiert. Bitte, Mom!«
   »Versprochen!«
   Brian fühlte sich, als hätte er einen großen Stein verschluckt. Er hatte geahnt, dass seine Kandidatur seiner Familie Ärger einbringen würde. Womöglich noch ein Grund mehr, auf die Ratschläge seines Kampagnenteams zu hören und mit seinem Privatleben bis nach der Wahl hinter dem Berg zu halten. Danach würde sich der Trubel sicher schnell legen. Solange die lokale Presse vom Rennen zwischen ihm und Gilchrist dominiert wurde, zog er natürlich mit der Medienaufmerksamkeit auch Hass und Neid auf sich. Das würde abebben. Die Leute vergaßen schnell, wenn man nicht mehr ständig in den Medien präsent war. Wahrscheinlich hatte seine Mutter recht und es blieb bei diesen geschmacklosen, aber vergleichsweise ungefährlichen Attacken auf die Familie. Dennoch war dieser Vorfall das Zünglein an der Waage, das seinen Entschluss endgültig in Stein gemeißelt hatte.
   Später am selben Tag ließ er sich zu Amber fahren. Es war ihr Geburtstag, und er hatte Vicky ein Stündchen in seinem Terminkalender abgerungen, bevor sie zu einem Spendendinner eingeladen waren. Brian wollte sicherstellen, dass ihr besonderer Tag nicht gänzlich im Stress unterging. Er war ihr schließlich Dank schuldig für ihre Freundschaft und ihren unermüdlichen Einsatz. Dafür hatte er sich etwas ganz Besonderes überlegt. Lächelnd stieg er aus dem Wagen und lief zum Eingang des Apartmenthauses. Einer von Levells Sicherheitsmännern begleitete ihn. Brian bestand jedoch darauf, dass er in der Lobby wartete. Er hätte wissen müssen, dass es keine gute Idee gewesen war, Jeneice gegenüber den Vorfall mit dem Hundekot zu erwähnen. Die hatte nämlich gleich auf strengere Sicherheitsmaßnahmen gepocht.
   Brian erreichte Ambers Apartment, stellte die Getränkekühltasche ab und klopfte. »Hey, Geburtstagskind!«, rief er und streckte ihr den mitgebrachten Blumenstrauß entgegen. »Alles, alles Liebe!« Er drückte sie und platzierte zwei Küsschen auf ihren Wangen.
   »Brian! Ich habe überhaupt nicht mit dir gerechnet. Das ist ja eine schöne Überraschung. Jetzt habe ich gar nichts zu trinken im Haus.«
   »Umso besser, dass ich natürlich an alles gedacht habe.« Er bückte sich und hob die Tasche auf.
   Amber lachte und bat ihn herein. »Dir ist schon klar, dass du gleich noch einen guten Eindruck machen musst?«
   »Sicher. Aber ein Gläschen Prickelwasser wird uns schon nicht gleich aus den Schuhen hauen. Notfalls bleibe ich beim Dinner eben bei Wasser.«
   Amber stellte die Blumen in eine Vase und holte zwei Gläser, während Brian die Flasche öffnete.
   »Auf dich! Ich bin glücklich und dankbar, eine Freundin wie dich zu haben.« Er hob das Glas und stieß mit Amber an.
   Amber lächelte kurz und nippte an ihrem Glas. Sie setzte sich. Stirnrunzelnd sah sie Brian an, der keine Anstalten machte, es ihr gleichzutun.
   »Warum setzt du dich nicht?«
   Er räusperte sich und fischte in der Innentasche seines Jacketts nach dem kleinen Päckchen, das sich darin befand. Langsam ließ er sich vor Amber auf ein Knie nieder und griff nach ihrer Hand. »Amber Beatrice Tippet. Du bist die allerbeste Freundin, die sich ein Mensch nur wünschen kann und eine wundervolle Frau. Ich weiß, das ist nicht das, was du dir vorgestellt hast, aber ich möchte dich trotzdem fragen: Willst du meine beste Freundin bleiben, bis wir alt und grau sind?« Er streckte ihr das Kästchen aus der kleinen Goldschmiede entgegen. »Du hast ihn dir verdient, und ich verspreche dir, dass der passende Mann dazu auch noch kommen wird.«
   Amber hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen. Ein Schluchzen schüttelte ihre schmale Gestalt.
   »Scheiße, Amber. Schlechte Idee?« Er nahm seine Freundin in den Arm.
   »Nein, Brian!«, schniefte Amber an seiner Schulter. »Wunderschön.« Mehr brachte sie nicht heraus, bevor sie erneut zu schluchzen begann.
   Brian streichelte ihren Rücken, bis sie sich schließlich beruhigte. Mit verweinten Augen, aber einem Lächeln auf dem Gesicht, nahm sie das Kästchen und ließ es aufschnappen.
   »Du bist verrückt, und ich … ich hab dich einfach unfassbar lieb! Ich wünschte bloß manchmal … Mann! Gefühle sind Arschlöcher. Versprich mir einfach, dass wir das im nächsten Leben richtig machen.«
   »Okay, ich gebe mir Mühe. Aber ich bin sicher, der Richtige für dich wird auch in diesem Leben noch kommen.«
   »Du bist so süß, du Blödmann!« Amber schniefte und steckte sich den Ring an den Finger. Sie streckte die Hand aus und betrachtete das Schmuckstück. »Und du hast recht. Den Ring hab ich mir aber so was von verdient!«
   »Sag ich doch!« Brian lachte. Er war erleichtert, dass Amber die Aktion genau richtig verstanden hatte. Noch gestern hatte er gezögert, schließlich hätte sie auch kolossal nach hinten losgehen können. Doch er hatte seinen Antrag vollkommen ernst gemeint. Eine treuere und bessere Freundin als Amber konnte er sich nicht vorstellen, und er war sich sicher, dass diese Freundschaft ein Leben lang anhalten würde.
   »Na ja. Im Grunde geht es dir ja im Augenblick ähnlich wie mir.«
   Brian hob die Augenbrauen. »Wie meinst du das?«
   »Na ja, du magst diesen Kerl, Greenberg, und musst es dir auch verkneifen, weil es im Moment einfach zu riskant ist.«
   Er lachte. »Genau mein Glück – ausgerechnet ein Reporter. Dabei bin ich mir allerdings noch gar nicht sicher, was Felix angeht. Schon, er ist ein interessanter Typ und sieht gut aus, aber …« Er zögerte. »Habe ich dir erzählt, dass sich Tyler gemeldet hat?«
   Eine Falte bildete sich über Ambers Nasenwurzel. »Und?«
   »Er möchte sich mit mir treffen.«
   Die Falte auf Ambers Stirn vertiefte sich. »Du hast zugesagt, oder?«
   Brian betrachtete seine Hände. »Du kennst mich einfach zu gut, Amber. Es wird sicher harmlos und nett. Mach dir keine Gedanken. Wir gehen was trinken, plaudern ein bisschen über früher … das ist alles.«
   »Du warst damals mächtig in den Typ verknallt«, gab Amber zu bedenken.
   »Komm schon. Weißt du, wie lange das her ist?«
   »Er sieht aber immer noch ziemlich gut aus.« Amber zog die Augenbrauen zusammen.
   »Schon. Aber er ist in einer festen Beziehung. Ehrlich, Amber. Kein Grund, sich Sorgen zu machen.«
   »Pass bloß auf dich auf, ja?«
   »Klar, mach ich. Siehst du? Gut, dass ich dich habe und du auf mich achtgibst.« Er lächelte und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

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