Zwei Mordopfer, die scheinbar nichts gemeinsam haben. Ein Flugzeug, das abstürzt. Ein Pilot, der sein Leben wegwirft, und eine Zeitspanne, die eine Verbindung unmöglich macht. Aus all diesen losen Enden muss Detektiv Leandra Rakkonen gemeinsam mit ihrem Chef und ihrer Kollegin einen Fall lösen, der alte Narben aufreißt und neue Wunden hinzufügt. Dass plötzlich ein verdammt attraktiver Mann in ihr Leben tritt, dem sie mit Haut und Haar verfällt, macht die Sache nicht unbedingt einfacher …

E-Book: 2,99 €

ePub: 978-9963-53-950-5
Kindle: 978-9963-53-951-2
pdf: 978-9963-53-949-9

Zeichen: 280.787

Printausgabe: 10,99 €

ISBN: 978-9963-53-948-2

Seiten: 188

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Jasmin Kreuz

Jasmin Kreuz
Jasmin Kreuz wurde 1989 in München, Deutschland geboren. Im Alter von zehn Jahren zog sie mit ihren Eltern nach Österreich. Dort absolvierte sie im Jahr 2007 die Matura. Die Liebe zum Schreiben entstand bereits in der Schulzeit. Im Alter von vierzehn Jahren hat sie ihren Eltern ganz aufgeregt ihren ersten „Roman“ vorgelegt, der - natürlich - für absolut unglaublich befunden wurde. Wenn sie gerade nicht arbeitet oder an ihren Romanen schreibt, reist sie gern und verbringt viel Zeit mit ihrer Familie, ihrem Sohn und Freunden.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter, oder klicken Sie auf das Buchsymbol, um sich online unser FlippingBook anzusehen.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei FlippingBook

... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Das Wetter hatte sich über Nacht rapide verschlechtert. Der zu anfangs leichte Schneefall verwandelte sich mit Fortschreiten der Nacht in einen heftigen Eissturm, der ganz Stockholm zu einer einzigen Schlitterpartie machte. Die Temperaturen waren auf minus fünfzehn Grad gefallen – die Fahrbahnen, Gehwege und öffentliche Flächen waren vereist und der Neuschnee legte sich wie eine schützende Decke darüber.
   Auch jetzt, am nächsten Morgen, fielen dicke Flocken vom grauen Himmel und ließen den Horizont nicht mehr so unendlich erscheinen, wie es normal der Fall war.
   Will blickte von seinen Berechnungen auf und musterte seine Umgebung erneut. »Ich freue mich schon, bald in Spanien zu sein«, sagte er mit Blick auf die vielen Winterdienstfahrzeuge, die sich behäbig durch die Schneemassen kämpften und zumindest versuchten, den Flughafen einigermaßen befahrbar zu halten.
   »Wem sagst du das! Sosehr ich Schweden liebe, aber das ist mir schon zu extrem«, erwiderte sein Kopilot Niklas Sneider, mit dem er bereits des Öfteren das Vergnügen gehabt hatte. Sie waren ein gutes Team, ergänzten sich gut, und Will war vom Können seines Kollegen mehr als überzeugt.
   »Ich vermute, dass du den Rundgang dann nicht statt mir machen willst?«, fragte Will nicht ganz ernst gemeint. Er griff bereits hinter sich, um sich die Warnweste zu angeln – nicht nur der Vorschrift zuliebe –, er hatte auch keine große Lust, von einem Schneeräumungsfahrzeug überrollt zu werden.
   »Na, das ist dann doch eher eine Aufgabe des Kapitäns, nicht wahr? Außerdem muss ich noch die Ladelisten unterschreiben, und du weißt ja, wie lange das dauern kann.« Niklas zwinkerte Will schelmisch zu.
   Will seufzte gespielt theatralisch, schlüpfte in seine warme Daunenjacke, zog die Warnweste darüber und verließ das Flugzeug. Der kalte Wind schlug ihm wie eine Faust ins Gesicht. Trotzdem umrundete er seinen Flieger dreimal, ehe er sicher war, dass keine Schäden zu sehen waren. Vor jedem Flug musste er diese Prozedur wiederholen, auf eventuelle Mängel oder Beschädigungen an der Außenhaut, den Triebwerken und am Fahrgestell achten. Er kontrollierte immer die Reifen, indem er mit einem Fuß drauftrat, um zu prüfen, ob genug Luft darin war. Und egal, wie grausig das Wetter ihm mitspielte, er warf immer noch einen abschließenden Blick auf die Tragflächen und auf die Nase seines Fliegers, um sicher zu sein, dass auch hier keine beunruhigenden Probleme erkennbar waren. Fast schon zärtlich tätschelte er die Unterseite des Rumpfes, bevor er, immer zwei Treppen auf einmal nehmend, zurück ins Warme sprintete. Er liebte seinen Job, sein Flugzeug und sein Leben.
   Fröhlich summend schüttelte er sich den Schnee aus den Haaren und entledigte sich seiner Jacke und Weste, während er sich auf den Pilotensitz fallen ließ.
   Katharina, die diensthabende Stewardess, steckte den Kopf zur Tür herein. »Wir sind komplett und fertig. Verrücktes Wetter, was?«
   Niklas beäugte Katharina mit einem schelmischen Grinsen. »Ich wäre jetzt auch lieber auf dem Bärenteppich vor dem Kamin. Und du?«
   Katharina gab ihm einen beherzten Klaps auf den Hinterkopf, verließ aber lächelnd die Kabine.
   Niklas lachte. »Alles in Ordnung da draußen?«
   »Ja, alles fein. Ich werde aber noch mal enteisen lassen. Hat für mich noch nicht ganz frei gewirkt.«
   Niklas warf einen Blick aus dem Fenster und beugte sich etwas nach vorn, um die Tragfläche sehen zu können. »Stimmt. Das hätte ich dir von hier oben aber auch sagen können.«
   Will lachte, setzte sich das Headset auf und bat die Techniker draußen, die Maschine noch einmal enteisen zu lassen.
   Er nutzte die Zeit, um ein paar Worte an die Passagiere zu richten, die bereits Platz genommen hatten und bereit waren zum Start. Ein Blick auf die Uhr hatte ihm verraten, dass sie bereits Verspätung hatten.
   »Meine sehr verehrten Damen und Herren, hier spricht Ihr Kapitän. Wie Sie vielleicht bemerkt haben, ist das Wetter heute sehr grässlich. Wir haben daher noch eine Enteisung angeordnet. Wir dürfen um Ihr Verständnis bitten, dass sich der Start daher noch um circa zehn Minuten verspäten wird. Ich und meine besseren Hälften – meine charmante Besatzung – sind aber um Ihre Sicherheit bemüht und werden in der Luft alle verfügbaren Segel hießen und das Lachgas einpumpen lassen, damit Sie rechtzeitig in Barcelona sind. Genießen Sie dort die Sonne und nehmen vielleicht ein paar Strahlen mit nach Hause, damit wir auch etwas davon haben! Vielen Dank, und ich hoffe, Sie fühlen sich wohl bei uns an Board.«
   Will konnte einige Passagiere zumindest kichern hören, bevor Niklas die Cockpittür schloss. Das freute ihn – also war die Stimmung trotz der Verspätung noch nicht ganz dahin. Er bemühte sich immer, ein paar besondere Worte für jeden Flug zu wählen, um seinen Gästen das Gefühl zu geben, dass sie keine Massenabfertigungsware in der immer hektischer werdenden Welt der Flugbranche waren.
   »Sir, das Enteisen ist fertig. Sie sind startklar!«, kam wenig später die verzerrte Stimme des Technikers, der die Enteisung vom Boden aus überwachte, aus dem Kopfhörer.
   »Vielen Dank – Ist das Eis auch auf den Unterseiten weg?«
   »Ja. Ich sehe kein Eis mehr.«
   »Der Tower hat die Startfreigabe erteilt«, erklärte Niklas in dem Moment.
   »Gut, dann bringen wir das Baby mal zum Rocken.«

*

Der Start verlief routinemäßig, doch als sich die Maschine durch den verschneiten Himmel schraubte, begann sie zu ruckeln. Wie ein stotternder Motor. Sie waren noch keine Minute in der Luft, als ein schrilles Warnsignal im Cockpit aufleuchtete.
   William brauchte nur einige Sekunden, um die Gefahr zu erkennen. In gerade einmal tausend Metern Höhe war das rechte Triebwerk in Flammen aufgegangen, das zweite stotterte und verlor an Schub.
   »Niklas, lösche das rechte Triebwerk«, gab er Anweisung, während er die Schubkraft für das andere herunterfuhr, um das Stottern in den Griff zu bekommen und hier ein Feuerfangen zu verhindern.
   »Ich arbeite die Checkliste durch – wenn das Triebwerk einmal gelöscht ist, kann es nicht mehr hochgefahren werden«, sagte Niklas.
   Will fiel auf, dass er aschfahl geworden war, aber dennoch ruhig wirkte. »Wir schaffen es mit einem. Funke den Tower an – wir kehren um nach Stockholm.«
   Plötzlich machte Will eine komische Entdeckung. Das Triebwerk, dessen Schub er gerade zurückgenommen hatte, fuhr von selbst wieder hoch – und zwar weit über den erlaubten Wert. Ein Dröhnen ging durch die Kabine, und es dauerte nur einige Millisekunden, bis auch das zweite Triebwerk in Flammen stand.
   »Zur Hölle, was war das?«, fragte Will weit weniger besorgt klingend, als er war. Sein jahrelanges Training, sein Charakter und nicht zuletzt sein unerschütterliches Vertrauen in seine Maschine halfen ihm dabei, sachlich, ruhig und vor allem als Stütze für seinen Kollegen zu agieren. Er ließ die angehaltene Luft aus seinen Lungen strömen, dann traf er eine Entscheidung.
   »Schalte auch das zweite Triebwerk ab. Wir dürfen nicht riskieren, dass sich Rauch in der Kabine sammelt.«
   Niklas funktioniere zwar, stand jedoch sichtlich unter Schock. Er hinterfragte Wills Anweisungen nicht und informierte den Tower über ihr Problem – im Moment war ihre hochmoderne Passagiermaschine ein übergroßer Segelflieger ohne Auftrieb. Sie waren bereits auf sechshundert Meter gesunken, als der Tower ihnen die Koordinaten für einen Anflug auf Stockholm durchgab.
   »Kapitän, das schaffen wir nicht. Wenn wir eine Kurve fliegen, verlieren wir zu viel Höhe«, sagte Niklas, was sich in Wills Kopf bereits zur grausamen Realität geformt hatte.
   »Nein. Das schaffen wir nicht. Wir müssen uns eine freie Fläche suchen, auf der wir gut landen können.«
   »Du meinst, wir leiten eine Notlandung ein?«
   »Genau das. Wie im Simulator, das haben wir doch tausend Mal gemacht«, versuchte Will, seinen jüngeren Kollegen zu beruhigen. Woher er in diesem Moment die Kraft nahm, wusste er selbst nicht. Kaum hatte er ausgesprochen, auf was sie direkt zusteuerten, brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Trotzdem griff er zum Telefon und informierte die Kabinencrew. Nie hätte er sich träumen lassen, diese unheilvollen Worte je sagen zu müssen. Unzählige Male hatte er im Flugsimulator eine Gefahrensituation trainiert. Und doch musste er sich eingestehen, dass die Realität weitaus bedrohlicher war.
   »Katharina, bereiten Sie die Kabine auf eine harte Notlandung vor – sofort!«
   »Schau, da drüben ist ein freies Feld. Wir sind nur noch zweihundert Meter über dem Boden. Landeklappen raus?«, fragte Niklas mit einem Vibrieren in der Stimme, dass William erst bewusst machte, wie still es in diesem Moment war. Ohne das Surren der Triebwerke, den Funkverkehr und die gelegentlichen Gespräche zwischen ihnen herrschte nichts als Stille. Gespenstische Stille.
   »Alles raus, was geht. Wir müssen den Aufprall abbremsen. Fahrwerk ausfahren«, gab William seine letzten Instruktionen an Niklas, bevor der Bauch der Maschine die Bäume unter ihnen streifte und er nichts mehr tun konnte, außer sein Flugzeug möglichst gerade und mit wenig Geschwindigkeit auf dem gefrorenen Boden des viel zu kleinen Feldes aufzusetzen, die Bremse durchzutreten und die Augen zu schließen, damit er dem Tod nicht in die Augen blicken musste. Vielleicht wäre es wie in einem Traum – wenn man die Augen schließt, dann spürt man nicht, wie man stirbt, dachte er, während die Wucht des Aufpralles durch seinen Körper schoss.

Kapitel 2
Drei Jahre später

Das Diensthandy in der einen, den Autoschlüssel in der anderen Hand stand Leandra einige Sekunden vor der Glastür, die sich als unüberwindbares Hindernis
   herausstellte. Vor allem dann, wenn man die Jacke über dem einen und die Handtasche über dem anderen Arm baumeln hatte, weil man die verfluchte Schwingtür nicht bedacht hatte, die nur mit altmodischer Muskelkraft zu bedienen war.
   »Verdammt«, murmelte sie vor sich hin, während sie umständlich versuchte, eine Hand freizubekommen. Zu allem Übel bestand die ganze Front des Cafés aus Glasscheiben, sodass sie den Morgenkaffee und ihre Zimtschnecke sehen konnte. Quasi zum Greifen nah. Sehnsüchtig warf sie einen Blick in das Innere. Die letzte Arbeitswoche war stressig gewesen. Wieder einmal hatte sie vergessen, einkaufen zu gehen, und so bestanden ihre Vorräte aus einem halben Glas Marmelade, einem Ei und vertrocknetem Brot. Nicht gerade das, was man sich an seinem freien Tag unter einem gelungenen Frühstück vorstellte. Nicht einmal Kaffee hatte sie mehr im Haus. Die Entscheidung, in ihr Lieblingscafé zu gehen, war relativ schnell gefallen. Und jetzt das. Bei frischen zehn Grad und leichtem Wind, der ihr die Tränen in die Augen trieb, bereute sie ihren Entschluss. Augenblicklich wünschte sie sich zurück in ihr warmes, weiches Bett. Als sie schon fast daran dachte, aufzugeben und zum nächstbesten Fast-Food-Drive-in zu fahren, wurden ihre Gebete schließlich doch noch erhört. Die Tür öffnete sich, doch niemand trat ins Freie. Die Chance nutzend schlüpfte sie schnell hinein, eine tiefe Brise Kaffeeduft in ihre Lungen pumpend.
   Hinter ihr wurde die Tür wieder geschlossen. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr jemand die Tür aufgemacht und sie hereingelassen hatte. Offenbar musste sie ein mitleiderregendes Bild abgegeben haben. Total verwirrt, vom Wind zerzauste Haare und typisch Frau, so viel mit sich rum schleppend, dass eine einfache Tür zur Hürde werden konnte. Sie spürte, wie ihr Gesicht warm wurde.
   »Danke«, murmelte sie dem Unbekannten entgegen, von dem sie bis dahin nur die schwarzen Schuhe, eine Jeans und ein weißes Hemd gesehen hatte.
   »Gern geschehen. Sie sollten zumindest Ihre Jacke hier bei mir lassen. Sonst haben Sie beim Bestellen ein ähnliches Problem.«
   Erst jetzt hob sie den Kopf. Er war ziemlich groß, bestimmt einen Kopf größer als sie selbst. Sein Körper war trainiert. Unter den Ärmeln seines Hemdes waren gut definierte Muskeln zu erahnen. Seine braunen Haare, die von einigen hellen Strähnen durchzogen wurden, waren ein wenig länger und umrahmten ein durchaus ansehnliches, markantes Gesicht. Unterstrichen wurde seine attraktive Erscheinung von einem Paar unglaublich schöner hellgrüner Augen, die eine Art grauen Stich hatten.
   »Nur wenn Sie mir einen Platz freihalten«, gab sie zurück. Er gefiel ihr. Warum sollte sie sein Angebot nicht annehmen?
   »Natürlich. Darf ich?« Er lächelte und nahm ihr, ohne eine Antwort abzuwarten, die Jacke vom Arm, hängte sie ordentlich über die Stuhllehne und setzte sich dann wieder auf seinen Platz.
   Leandra lächelte ebenfalls, drehte sich um und holte sich endlich ihren heiß ersehnten Kaffee und eine Zimtschnecke. Sie war ein Gewohnheitstier, was Essen betraf. Während sie auf ihre Bestellung wartete, steckte sie den Autoschlüssel und das Handy in ihre Hosentasche und fischte gleichzeitig einen Geldschein aus der anderen Tasche.
   »Ihre Bestellung, Mam.«
   »Vielen Dank.«
   Leandra griff nach ihrem Becher und der Tüte und ging zurück zu dem Fremden, der ihr so bereitwillig geholfen hatte. Sie setzte sich auf den Stuhl, an den er ihre Jacke gehängt hatte, und suchte seinen Blick.
   »Ich bin übrigens Leandra, Spitzname Andi. Und Sie?«
   »Liam. Freut mich«, sagte er und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Becher, während er sie über den Rand hinweg ansah. »Wieso haben Sie sie nicht im Auto gelassen?«, fragte er dann, nachdem er seinen Kaffee abgestellt hatte.
   »Was?«, fragte Andi zurück, deren Mund halb voll mit Zimtschnecke war.
   »Warum haben Sie Ihre Jacke nicht im Auto gelassen?«
   Kurz hörte sie zu kauen auf. Bevor die unangenehme Schamesröte wieder Besitz von ihr ergreifen konnte, schluckte sie beherzt runter. »Ich habe ganz ehrlich nicht die geringste Ahnung.«
   Sie musste lachen. Die Absurdität der ganzen Situation erheiterte sie plötzlich ungemein und vertrieb für einen Moment die Sorge, dass er ihre Verlegenheit bemerken würde.
   »Ich denke, ich habe einfach gar nicht gedacht. Das ist die simple Wahrheit«, fügte sie erklärend hinzu. Fast erwartete sie, dass er aufstand und ging. Eine Ausrede erfand, um sie und ihre Schnecke allein zurückzulassen. Niemand konnte behaupten, dass er nicht angemessen reagiert hätte. Sie saß hier, futterte, redete mit halb vollem Mund und dazu auch noch Blödsinn. Zu ihrem großen Erstaunen nickte er.
   »Machen Sie sich nichts draus. Übrigens haben Sie da einen Krümel. Am rechten Mundwinkel.«
   Zwei Stunden später saß er immer noch bei ihr. Ohne das geringste Anzeichen von Fluchtgedanken.

Kapitel 3

Voller Vorfreude auf den wohlverdienten Feierabend zog Raoul Ahmed seine Stempelkarte durch den Schlitz, steckte sie zurück in die Halterung und verließ fröhlich pfeifend seinen Arbeitsplatz. Die Strapazen seiner Zwölfstundenschicht steckten ihm tiefer in den Knochen, als er zunächst gedacht hatte. Als er in sein Auto stieg und das erste Mal seit einigen Stunden saß, bemerkte er erst, wie seine Füße schmerzten. Von den Fußballen aufwärts, über die Knie und er glaubte sogar, dass seine Oberschenkel leichte Anzeichen von Muskelkater oder zumindest akuter Überbelastung zeigten. Doch nach über zwanzig Dienstjahren war er an die körperliche Tätigkeit gewöhnt und würde sich – wie immer – zu Hause ein warmes Bad einlassen und seine Glieder einige wertvolle Minuten mit ätherischen Ölen wieder versöhnen. Er startete den altersschwachen Wagen, fuhr an und wenige Minuten später hatte er bereits das Ausfahrtstor seiner Firma passiert und tuckerte in Richtung seiner kleinen Wohnung, die in einem alten Haus am Rand der Stadt lag. Das Radio spielte leise im Hintergrund, die Nachrichten brachten wie immer nur Tod, Mord und Korruption. Unter leisem Seufzen parkte er sich nach kurzer Fahrt ein und stieg aus. Automatisch warf er einen Blick nach rechts und nach links, bevor er die Haustür aufschloss.
   In seiner Wohnung angekommen zog er unter einiger Anstrengung ob seiner Muskelschmerzen seine Schuhe und die Jacke aus. Er lebte allein. Seine Freundin, die er mittlerweile vier Jahre kannte, hatte sich auch nach langen Diskussionen nicht durchringen können, zu ihm zu ziehen. Insgeheim wusste er, dass sie seine Wohnung zu klein und schmuddelig fand. Ihm reichte sie. Er war ohnehin nur zum Schlafen hier. Den Großteil seiner Zeit verbrachte er auf der Arbeit, ging mit Freunden fischen oder war bei ihr. Warum also unnötig Geld für eine größere, bessere Wohnung ausgeben, wenn man sie ohnehin nicht wirklich nutzte? Dass sich die Kosten für mehr Wohnraum dann durch zwei teilen würden und er nicht mehr zu seiner Freundin fahren musste, weil sie bereits mit ihm zusammenlebte, war irgendwie nicht wichtig für ihn. Gemütlich schlurfte er in das kleine Badezimmer, das durch die Dachschräge recht gemütlich wirkte, wie er fand, und drehte den Wasserhahn der Badewanne auf. Er legte sein Handy auf den Badewannenrand, ging dann noch mal zurück in die Küche, um sich ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Selbst sein Kreuz schmerzte, als er sich bückte, um das Getränk aus dem untersten Fach zu angeln. Gerade als er wieder aufrecht stand und seinen Rücken durchstreckte, schreckte ihn die Türglocke aus seinen vergeblichen Bemühungen, das Stechen aus seiner Wirbelsäule zu bekommen. Ungehalten wartete er, ob der Besucher tatsächlich zu ihm wollte oder sich nur verdrückt hatte. Vielleicht war es auch wieder so ein Penner, der seinen Schlüssel vergessen hatte und deswegen alle Nachbarn herausklingelte. Er selbst erwartete niemanden. Erneut schrillte die Glocke los. Diesmal die seiner Wohnungstür – also wollte tatsächlich jemand zu ihm.
   »Wenn das nicht wichtig ist …«, grummelte er in seinen Bart hinein, stellte das Bier auf der Küchentheke ab und schlurfte zur Tür. Ohne durch den Türspion zu schauen, öffnete er die Tür.

Kapitel 4

Sven sortierte seine letzten Aufzeichnungen, als er einen Blick auf die kleine Uhr seines Laptops warf. Bereits zehn Uhr. Höchste Zeit, sich auf den Weg in ihr Besprechungszimmer zu machen, in das er vor einer halben Stunde seine beiden Kollegen beordert hatte, um den neuesten Fall zu analysieren. Er hatte von »Wir sehen uns in zehn Minuten« gesprochen und der Einzige, der wieder einmal verspätet erscheinen würde, war er selbst. Gerade als er diesen Gedanken fertig gedacht hatte, ging seine Bürotür auf und seine Kollegin steckte den Kopf zur Tür herein.
   »Boss?«
   »Ich bin schon am Weg«, sagte er, fuhr sich zerstreut durch die Haare und suchte mit hektischen Bewegungen nach einem scheinbar unauffindbaren Schriftsatz.
   »Wenn Sie Ihre Aufzeichnungen suchen, die haben Sie bereits in der Hand«, sagte Lina Ritholm ruhig. Sie kannte Svens Macken seit mittlerweile zehn Jahren und war sie gewohnt.
   »Ach ja. Danke Lina …, gehen wir.«
   Sven umrundete seinen Tisch und folgte Lina den langen Korridor entlang, der die Büros der diensthabenden Detektives mit den allgemeinen Räumen, wie den Besprechungszimmern und Waschräumen, verband.
   »Sie haben wieder schlecht geschlafen, stimmts?«, fragte Lina beiläufig, als würde sie die Antwort bereits kennen oder zumindest erahnen.
   »Um genau zu sein, gerade einmal zwei Stunden.«
   Sie bogen durch eine offenstehende Tür in das für sie reservierte Besprechungszimmer, in dem bereits die Dritte im Bunde, Leandra Rakkonen auf sie wartete. Vor ihr ausgebreitet, und ähnlich chaotisch, wie es zuvor auf Svens Tisch aussah, lagen Tatortfotos, Autopsieberichte und persönliche Notizen. Leicht zu erkennen an den schwungvoll typisch weiblichen Buchstaben.
   »Morgen, Boss«, sagte Andi und wechselte einen schnellen Blick mit Lina, den Sven geflissentlich übersah.
   Er wusste ohnehin, dass die beiden sehr umsichtig mit ihm umgingen. Sogar Andi, die sie erst seit zwei Jahren unterstützte, beschwerte sich nicht über seinen Führungsstil. Im Gegenteil, viel zu oft hatte er das Gefühl, dass seine Mädels, wie er sie oft liebevoll nannte, ihm den Rücken freihielten, obwohl es die Situation nicht dringend erfordert hätte. Hätte man die beiden gefragt, hätten sie Sven als zerstreut, launisch, unzugänglich beschrieben. Nur um danach mit deutlich mehr Nachdruck zu unterstreichen, dass sie zu tausend Prozent hinter ihm und seinen Ermittlungsmethoden standen, die gleichermaßen brillant und eigen waren wie sein ganzes Wesen. Der Unterschied zwischen ihm und den typisch notorisch unhöflichen und überheblichen Ermittlern war, dass er sich seiner selbst mehr als bewusst war, und die Bürde, die man Andi und Lina mit ihm aufgebunden hatte, nicht als gottgegeben betrachtete. Mit einem Wort, trotz seiner oftmals ruppigen Art wusste er die beiden zu schätzen, und wenn er mal über die Stränge schlug, entschuldigte er sich zumindest danach. Meistens. Immer öfter.
   Lina setzte sich neben Andi und setzte ihre Lesebrille auf, die sie seit ein paar Monaten immer öfter tragen musste, um überhaupt etwas zu sehen und nicht nach ein paar Minuten des anstrengenden Lesens Kopfschmerzen zu bekommen.
   »Was haben wir?«, fragte Sven, der sich den beiden gegenübersetzte.
   »Das Opfer heißt Raoul Ahmed, in Portugal geboren, schwedischer Staatsbürger, vierzig Jahre alt. Hat als Techniker bei Sweden Airlines gearbeitet und das ganze zwanzig Jahre lang. Seine Freundin hat ihn identifiziert«, las Andi ihre Notizen ab.
   »Was sagt die Autopsie?«, fragte Sven. Seine Augen brannten. Bei zu wenig Schlaf dankte es ihm sein ganzer Körper, indem ihm so ziemlich alles wehtat, was irgendwie an ihm dranhing. Inklusive der Augen.
   »Er wurde erwürgt. Die Male auf seinem Hals deuten auf einen dicken, gleichmäßigen Gegenstand hin. Wobei ‚Gegenstand‘ nicht unbedingt das passende Wort ist. Die Gerichtsmedizin geht davon aus, dass der Mann von einer anderen Person von hinten geschnappt und vermutlich mit dessen Oberarm getötet wurde, indem ihm die Luftröhre zugedrückt wurde«, ergänzte Andi ihre Erkenntnisse, die sie sich vor einer Stunde aus der untersten Etage des Gebäudes, wo die Autopsie beheimatet war, geholt hatte.
   »Gibt es DNS-Spuren unter den Fingernägeln des Opfers?« Sven hoffte auf eine einfache Aufklärung.
   »Nein. Er hat sich entweder nicht gewehrt, das halte ich allerdings für ziemlich unwahrscheinlich, oder seine Hände wurden ihm hinter dem Rücken festgehalten. Dazu würden auch die Hämatome an den Handgelenken passen.«
   Lina blickte über ihre Brille hinweg in die Runde. »Dann tippe ich auf einen männlichen Täter. Raoul war«, sie warf einen Blick in den Bericht, »einen Meter fünfundsiebzig. Nicht sonderlich groß für einen Mann, aber für eine Frau dann doch ein Stück zu hoch, wenn man den Kraftaufwand bedenkt, den der Täter zweifelsohne ausgeübt hat. Nichts für ungut, Sven«, sagte sie mit einem Blick auf Sven.
   Er überragte die Körpergröße des Opfers ebenfalls nicht. Sven brummte unbestimmt und nickte flüchtig. »Auch wenn wir wie immer nicht zu voreilig sein dürfen, glaube ich auch, dass der Täter ein Mann war, der mindestens einen halben Kopf größer als Ahmed sein muss. Wie kam er in die Wohnung? Einbruchsspuren?«
   »Nein, die Kollegen aus der Spurensicherung haben weder Fingerabdrücke noch Haare, Fasern oder sonst etwas Außergewöhnliches gefunden. Wir gehen davon aus, dass Ahmed den Täter gekannt oder zumindest keine Gefahr befürchtet hat. Er hat ihm wahrscheinlich sogar die Tür geöffnet, denn am Schloss wurde nichts zerstört«, sagte Lina und schob sich die Brille wieder auf die Nase.
   »Wunderbar«, stöhnte Sven und ließ sich zurück in den Stuhl sinken.
   »Eines wäre vielleicht noch zu erwähnen«, warf Andi ein. »Raoul wurden zehntausend Kronen entwendet. Vielleicht ist das eine neue Masche. Man läutet bei wildfremden Leuten an, sieht nicht sehr bedrohlich aus und schwupps ist man tot und beraubt.«
   »Warum zum Teufel hat jemand zehntausend Kronen zu Hause rumliegen? Ich meine, verdienen Schrauberlinge so gut? Dann ziehe ich einen Wechsel in Betracht«, knurrte Sven. Seine Laune war mittlerweile auf dem Tiefpunkt angekommen. Er überlegte einige Sekunden. »Es könnte natürlich eine Masche sein, aber warum gerade Ahmed? Würde es nicht wesentlich mehr Sinn machen, bei einem vermögenden Mann oder Frau einzubrechen, die in einem Haus wohnen oder zumindest ein dickes Auto fahren? Ahmeds Wohnung war anhand der Fotos nicht das, was ich als Lottogewinn bezeichnen würde.«
   »Möglicherweise hat es was mit Ahmed selbst zu tun. Ich habe mich bereits gestern mit seiner Freundin unterhalten, die natürlich unter Schock steht. Sie hat keine Erklärung dafür. Niemand schien Ahmed besonders gehasst oder geliebt zu haben. Ich meine, er war ein ganz einfacher Mann, der niemanden verärgert hat.«
   »So beginnen alle guten Krimis. Niemand hatte ein Problem mit dem Opfer«, sagte Sven mit einem ironischen Unterton in der Stimme, der niemanden verborgen blieb.
   »Ach Boss.« Lina lächelte. »Andi und ich fahren am Nachmittag zu Sweden Airlines. Ahmeds Chef und einige Kollegen haben sich bereit erklärt, mit uns zu sprechen. Vielleicht finden wir ja da irgendwas Brauchbares heraus.«
   »Gut. Nachdem uns die Forensik nicht viel weiterhilft, müssen wir wohl von hinten herum an den Täter kommen. Fassen wir zusammen: Wir haben ein Opfer, das keine Feinde hatte und das dennoch erwürgt und ausgeraubt von dessen Freundin in seiner Wohnung gefunden wurde. Die Spurensicherung hat nichts gefunden, was auf den Täter hindeutet, auch hat sich dieser keinen gewaltsamen Eintritt verschafft. Bedingt durch die Ergebnisse der Gerichtsmedizin gehen wir von einem größeren Mann, mindestens einen Meter fünfundachtzig aus, der kräftig ist und ganz offensichtlich Geld brauchte. Oder zumindest nichts dagegen hat, mal eben was mitgehen zu lassen. Was haben wir bis dato? Nichts.«
   Zermürbt fuhr er sich durch die Haare, bevor er in Linas braune Augen blickte. Linas Mundwinkel zogen sich amüsiert nach oben. Ihr roter Bob war perfekt geschnitten und kein einziges Haar stand von den anderen ab. Nicht erst einmal fragte sich Sven, wie lange sie wohl im Bad brauchte, wenn er ihr perfekt geschminktes Gesicht genauer unter die Lupe nahm. Nicht, dass er Interesse an ihr gehabt hätte. Zumindest kein romantisches. Seit seinem Unfall vor einigen Jahren, dem er nicht nur seine Schlafstörungen, sondern auch seine jetzige Frau verdankte, die ihn damals als Krankenschwester gepflegt hatte, nahm er andere Frauen zwar wahr – doch rein sachlich, ohne sich damit zu beschäftigen, ob er als Mann anziehend genug war oder nicht. Natürlich, Lina und Andi waren attraktive Frauen, aber er verdankte seiner eigenen Frau so viel, dass er nicht einmal daran dachte, wie es wäre, mit einer anderen zu schlafen. Mit seinen fünfundvierzig Jahren zählten andere Attribute für ihn, und das war auch gut so.
   »Nun mal nicht so negativ. Wir stehen ja erst am Anfang«, sagte Lina.
   Sven stand auf und kramte in seiner Hose nach dem Autoschlüssel. »Jaja …, ich fahre noch mal zum Tatort. Mal sehen, ob ich Nachbarn oder Zeugen finde, die uns zumindest ein Stück weit weiterhelfen können. Wir treffen uns morgen früh wieder hier.«
   »Um zehn? Oder doch erst gegen halb elf?« Andi lächelte Sven herausfordernd an.
   Er wusste gegen den offensichtlichen Vorwurf nichts Passendes zu antworten und verließ den Raum mit einer wegwerfenden Handbewegung.

*

Zwei Stunden später betraten Lina und Andi das große Gebäude, das am Rande des Flughafens lag und die Büroräume der schwedischen Airline beheimatete. Nachdem sie sich durch Kontrollen, Wartezonen und übellaunige Mitarbeiter gekämpft hatten, wurden sie endlich zu einem gewissen Herrn Malberg vorgelassen, der sich als Chef der Airline herausstellte.
   »Bitte nehmen Sie Platz, Detektives«, sagte er mit monotoner Stimme, offenbar alles andere als erfreut über ihren Besuch.
   Andi musterte ihn kurz. »Herr Malberg, Sie wissen, um wen es geht – Herr Raoul Ahmed. Unser Chef, Detektiv Sven Lundquist, hat Sie bereits informiert. Ist Ihnen in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Hatte er Feinde? Gab es Unstimmigkeiten im Unternehmen?«
   »Ahmed …, Ahmed. Ich habe mir seine Akte rausgesucht. Nichts Ungewöhnliches, keine Verwarnungen, keine Eintragungen. Ein paar Mal zu spät gekommen. Warum fragen Sie? Was hat er angestellt, dass sofort die Polizei anrückt?«
   »Er wurde ermordet. In der Nacht von gestern auf heute«, sagte Andi mit der Gelassenheit einer Polizistin, die diese Nachricht leider schon viel zu oft überbringen musste.
   Nicht mal jetzt verriet das Gesicht von Malberg irgendeine Regung. Starr saß er da, schaute Andi nur ausdruckslos an und richtete den Knopf seiner Krawatte gerade. »Das tut mir leid. Was ist geschehen?«
   »Er wurde erwürgt. Also, können Sie uns sagen, ob Ahmed mit irgendjemandem Unstimmigkeiten hatte?«, hakte Andi nach.
   »Nicht, dass ich wüsste. Wobei ich sagen muss, dass private Streitigkeiten eher selten bis zu mir durchdringen. Wenn es während der Arbeit zu Problemen kommt, regelt das mein Vorarbeiter. Herr Winkler. Ich kann ihn herholen lassen, wenn Sie möchten.«
   Andi strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und nickte langsam. »Ja, bitte. Können Sie irgendwas zu Ihrem jahrelangen Mitarbeiter sagen?«
   »Dass er offenbar ein so guter und unauffälliger Mitarbeiter war, dass er mir nicht im Gedächtnis geblieben ist. Und zu allem, was vor fünf Jahren war, kann ich ohnehin wenig beitragen. Da hatte noch mein Vorgänger, Alexander Svedberg das Sagen hier. Nach seiner Entlassung bin ich von einer kleiner Airline zu Sweden Airlines gewechselt, also ist es vermutlich wirklich besser, Sie sprachen mit Herrn Winkler.«
   Sie konnte aus den Augenwinkeln sehen, dass Lina den Mund aufklappte und ihn nach ein paar Sekunden wieder schloss – offenbar, um unbedachte Aussagen nicht laut auszusprechen. Andi konnte es ihr nicht verübeln. Seit zwanzig Jahren war Ahmed jeden Tag zur Arbeit erschienen, hatte vermutlich einen guten Job gemacht, und der oberste Chef schien von dessen Existenz nur zu wissen, weil ihn die Polizei gebeten hatte, die Personalakte herauszusuchen. Traurig war das.
   Fast schon unbeteiligt griff Malberg nach dem Telefonhörer und gab kurze Anweisungen, seinen Vorarbeiter kommen zu lassen.
   »Sie können draußen warten«, sagte er noch eine Spur tonloser und schien bereits wieder in seine eigenen Gedanken vertieft zu sein, in denen Polizisten nicht vorkamen.
   »Natürlich«, sagte Lina und warf Andi einen vielsagenden Blick zu, während sie Malbergs Büro verließen.

Geschlagene vier Stunden später waren sie auf dem Rückweg in die Dienststelle. Schnell hatten sie feststellen müssen, dass Raoul zwar bekannt und beliebt war, aber wenig Zunder für Streit oder Missgunst gestreut hatte. Alles in allem ein unauffälliger Mann, der teils mit Respekt, teils mit Gleichgültigkeit betrachtet worden war. Abgesehen von dem üblichen Schock, den eine Todesnachricht auslöste, hatte ihnen niemand wirklich helfen können, an den Kern der Tragödie zu kommen.
   Lina lehnte sich tiefer in den Sitz, während Andi am Steuer saß und den unauffälligen Dienstwagen durch den beginnenden Stau manövrierte. »Das lief ja heute gar nicht gut. Da arbeitet man jahrelang mit einer Person zusammen und weiß nicht mal, ob derjenige gute Freunde hatte. Das ist deprimierend.«
   »Vielleicht wollte er es so. Nicht alle Menschen finden Gefallen daran, dass jeder alles von einem weiß. Ich kann das verstehen«, antwortete Andi. Sie sprach ebenfalls nicht allzu gern über ihr Privatleben. Und wenn, dann wog sie immer ganz genau ab, wem sie welche Neuigkeit oder welches Erlebnis anvertraute. Zugegeben, Lina wusste einiges über sie. Die dünne Linie zwischen Kollegin und Freundin war mit der Zeit immer blasser geworden, und mittlerweile zählte Andi Lina als enge Vertraute, die zufällig denselben Beruf hatte.
   Ein kesses Lächeln schob sich auf Linas Lippen.
   »Was?«
   »Apropos wissen … Triffst du dich morgen wieder mit ihm?«, fragte Lina und grinste, als würde sie die Antwort bereits erahnen.
   Langsam kuppelte Andi aus und ließ den Wagen an einer roten Ampel ausrollen, während sie nickte. »Ja. Wir gehen Mittagessen. Und bevor du fragst, es ist kein Abendessen, weil er am Abend arbeiten muss.«
   »Soso. Das wievielte Date ist das jetzt? Das fünfte?« Andi nahm einen Hauch von Ungeduld in Linas Stimme wahr, wie als würde ihr das alles viel zu langsam gehen, obwohl sie selbst nicht einmal betroffen war.
   »Das sechste. Aber ist es nicht schön, wenn es ein Mann mal nicht eilig hat?«, gab Andi zurück, wohl wissend, was sie damit auslösen würde. Eine Grundsatzdiskussion, die Lina auch ausfechten würde. Andi konzentrierte sich auf den Verkehr und hörte nur mit einem Ohr zu. Sie wusste, dass sich Lina einfach nur Sorgen machte. Sorgen darüber, dass Liam sie möglicherweise nicht mit der Intensität mochte, die Andi ihm bereits entgegenbrachte. Sie hingegen war weit über das Wort ‚Mögen‘ hinaus. Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich bereits beim zweiten Date Hals über Kopf in Liam verliebt.
   »Grundsätzlich schon. Aber für einen Mann, der eine absolut heiße Frau datet, ziert er sich schon. Ich meine, er muss ja nicht gleich mit dir ins Bett, aber zumindest ein Gutenachtkuss wäre doch schon angebracht. Wenn er was für dich empfindet.«
   »Nur weil er uns die Zeit gibt, uns wirklich kennenzulernen, heißt das nicht, dass er so rein gar nichts für mich empfindet«, rechtfertigte sich Andi. Da sie bereits an der nächsten Ampel standen, riskierte sie einen Blick zu Lina. Die legte ihren Kopf schief und verzog eine Grimasse, die so was von »Echt jetzt?« bedeuten sollte. Andi musste lachen. »Okay, du hast ja recht. So langsam wäre es an der Zeit. Wenn uns jemand hören könnte, Lina. Alle Frauen der Welt würden uns den Vogel zeigen.«
   Lina schlug die Beine übereinander, sodass ihr Schuh an dem Handschuhfach einen Abdruck hinterließ, der sie nicht weiter zu stören schien.
   »Quatsch. Ich sage dir, dieses ganze Gezicke von wegen Es geht mir zu schnell oder Ich warte bis zum dritten Date, bis er mich vögeln darf, ist doch Bullshit. In Wirklichkeit sind die Frauen die Schlimmen, lass dir das gesagt sein.«

Kapitel 5

Ein Bein angewinkelt, das andere über die Kante baumelnd saß Katharina auf ihrem Bett. Den Kopf hatte sie auf ihr Knie gelegt, beide Arme darum geschlungen. Die Tränen waren längst versiegt, und aus irgendeiner paradoxen Denkweise heraus konnte sie sich ein kleines Lächeln abbringen, als sich ihr Mann, Mikal, neben sie setzte und die Hand auf ihren Rücken legte.
   »Liebes, glaube mir, irgendwann werden wir darüber hinweg sein. Außerdem gibt es doch noch andere Möglichkeiten, die wir andiskutieren könnten.«
   »Hm«, brummte Katharina, obwohl sie eine Adoption kategorisch für sich ausgeschlossen hatte. Wenn der Herrgott ihr kein leibliches Kind schenken wollte, dann hatte sie wohl irgendwas in ihrem früheren Leben gehörig falsch gemacht. Oder sie war einfach so in Ungnade gefallen.
   Mikal streichelte weiter ihren Rücken, während er seine Stirn an ihren Arm legte, der fast bei ihrem Ohr war. »Es tut mir so leid, mein Schatz. Ich hätte mir auch gewünscht, dass das Ergebnis anders ausfällt. Das weißt du.«
   Das wusste sie. Als sie vor zwei Wochen die bittere Wahrheit erfahren hatten, nämlich dass sie keine Kinder bekommen konnte, stand ihr Mikal wie ein Fels in der Brandung zur Seite. Es hatte ihn ähnlich hart getroffen wie sie, auch wenn er es besser verbergen konnte. Seine nächtlichen Tränen hatte sie mitbekommen, obwohl er das Gesicht ihr abgewandt keinen Mucks von sich gegeben hatte.
   »Ich weiß. Trotzdem kommt eine Adoption für mich nicht infrage«, stellte sie klar, wohl wissend, dass sie Mikal damit verletzen würde. Er hatte sich dafür ausgesprochen.
   Er seufzte, stand auf und fuhr ihr wie einem Kind über die Haare. »Vielleicht überlegst du es dir ja irgendwann«, sagte er ruhig und ging aus dem Zimmer. Für ihn war es Zeit, sich für die Nachtschicht fertig zu machen.
   Bei allem, was Katharina bisher erlebt hatte, waren diese Nächte die schlimmsten für sie. Seit zwei Wochen waren sie der blanke Horror. Nicht, dass sie gewusst hätte, warum sie die Nächte so schlecht ohne Mikal aushielt. Es war einfach da. Dieses Gefühl von ‚allein sein‘, das sich seit der niederschmetternden Nachricht verstärkt hatte. Vielleicht weil ihr der Arzt sämtliche Visionen mit einem Mal geraubt hatte, als er verkündete, Katharina könne keine Kinder bekommen. In ihrem Kopf verhallte das Getrappel von einem kleinen Sohn oder einer Tochter, die in der Nacht aufgeregt zu ihr ins Bett robbten und die Vorstellung von einem kleinen Baby, das friedlich schlummernd an ihrer Brust nuckelte, während draußen die Welt in dunkles Licht getaucht war.
   Eine Träne kullerte über ihre Wange und fiel auf ihren Fuß. Sie betrachtete den kleinen, nassen Fleck eine Zeit lang, dann stand sie auf, streckte den Rücken durch und folgte Mikal ins Ankleidezimmer. Wenn sich ihre Familie nur auf sie beide beschränken sollte, dann wollte sie dafür sorgen, dass wenigstens diese intakt blieb.

Kapitel 6

»Möchtest du noch etwas trinken?«, fragte Liam und deutete auf ihr leeres Glas, das sie zwischen ihren Fingern hielt, als würde es ihr jemand stehlen wollen.
   »Nein, danke. Ich bin pappsatt«, antwortete Andi und rieb sich mit der freien Hand über den Bauch.
   Sie saßen in einem kleinen Restaurant, das direkt am Wasser lag und trotz des kühlen Wetters einige Tische an der Strandpromenade, wie es seit Generationen von Stockholmern genannt wurde, aufgestellt hatte. Die Sonne kämpfte sich tapfer durch die Wolken und schien hell und strahlend auf sie herab. Andi trug einen Mantel und eine Sonnenbrille, weil ihr einerseits die Sonne in die Augen strahlte, andererseits die Temperatur im Schatten nicht über zehn Grad kletterte. Trotzdem genoss sie diesen Samstag, was nicht zuletzt an ihrer Begleitung lag.
   »Na, wenn das so ist. Kann ich dich noch zu einem Verdauungsspaziergang überreden?«, fragte Liam, während er die Rechnung beglich, indem er einige Scheine in die Rechnungsbox schob. Noch nie hatte er Andi auch nur die Chance gegeben, ihn einzuladen. Offenbar war es selbstverständlich, dass er alles übernahm, obwohl sie auch gern einmal bezahlt hätte. Einfach, um ihn wissen zu lassen, dass sie es konnte. Er wusste, dass sie bei der Polizei war, und somit einen fixen, gut bezahlten Job hatte, doch das schien ihn nicht im Mindesten zu interessieren.
   »Gern. Damit ich zumindest einige der Kalorien wieder loswerde.« Sie erhoben sich und schlugen den Weg in Richtung Djurgården ein, eine der vielen Halbinseln in Stockholm, die im Westteil der Stadt lag. Man konnte sie gut zu Fuß vom Hafen aus erreichen, und einmal dort angekommen, bot sie eine Vielzahl an Unternehmungen, Museen und nicht zuletzt eine einzigartige Natur, die zum Spazieren gehen und erholen geradezu ideal war. Wie selbstverständlich legte Liam den Arm um ihre Schultern. »Selbst mit ein paar Kilos mehr auf den Hüften wärst du noch immer bildschön.«
   Andi war froh, dass sie sich nicht mehr gegenübersaßen, sondern nebeneinander hergingen. Es wäre ihr verdammt peinlich gewesen, wenn er ihr Gesicht gesehen hätte, dass von einem breiten Lächeln überzogen wurde. Ihre Wangen glühten augenblicklich, und sie befürchtete, dass sie knallrot im Gesicht geworden war. »Das ist lieb von dir«, sagte sie zeitverzögert und mit brüchiger Stimme – zu schlecht konnte sie mit Komplimenten umgehen. Sie spürte seinen Blick auf sich, als er sie näher an ihn heranzog.
   »Gern geschehen.«
   Eine Weile gingen sie schweigend weiter, doch Andi hatte das Gefühl, dass Liam genauso wie sie, einfach die Nähe des anderen genoss und Worte nicht das ausdrücken konnten, was sie fühlten. Zumindest hoffte Andi, dass Liam genauso dachte wie sie. Sie brauchte mittlerweile gar nicht mehr versuchen sich einzureden, dass sie ihn nicht mochte. Sich nicht verliebt hatte und schon gar nicht, dass sie es noch viel länger ertragen konnte, dass er zwar charmant, lieb und einfühlsam war, sich aber offenbar keine Gedanken über die nächsten Schritte zu machen schien. Noch hatte sie leider nicht den Mut gefasst, ihn über ihre Gefühle aufzuklären.
   Als sie die Brücke überquert hatten und bereits einige Hundert Meter gegangen waren, kamen sie an eine weitläufige Stelle, die mehr oder weniger das grüne Ende der Halbinsel war. Waren ihnen zu Beginn noch viele Touristen und Einheimische entgegengekommen, die gleichermaßen die Sehenswürdigkeiten besuchten, kreuzte jetzt nur noch gelegentlich ein Jogger ihren Weg. Hier war es ruhig, lediglich die Vögel zwitscherten, und man konnte am Wasser entlanggehen, das sich majestätisch hinter einer Reihe Bäumen und Rosensträuchern im Mondlicht spiegelte. Gemeinsam blickten sie auf das Treiben am anderen Ende des blauen Nass, das in kleinen, schaumigen Wellen gemächlich gegen die Brandung stieß.
   »Ist das nicht wunderschön?«, fragte Liam sie, die Hand noch immer fest um sie gelegt. Das war es tatsächlich, wie Andi fand. Doch nicht nur ihre Heimatstadt versetzte sie in ein unbändiges, euphorisches Hochgefühl, sondern auch dieser Mann neben ihr. Sie drehte sich ein wenig und blickte hoch zu ihm. Die Sonne reflektierte in seinen hellbraunen Haaren, die dadurch fast schon ein wenig blond wirkten. Sie standen ihm teilweise vom Kopf ab, und dort, wo die Bügel seiner Sonnenbrille auf seinen Ohren saß, standen sie fast schon wie kleine Hügel ab. Sein markantes Gesicht war gesäumt von kurzen Bartstoppeln. Der aufgestellte Kragen seines leichten schwarzen Mantels verlieh ihm etwas Verwegenes, und sein angedeutetes Lächeln, als er ihren Blick bemerkte und sich zu ihr drehte, raubte ihr fast den Atem. Auch wenn sie seine Augen hinter der Brille nicht sehen konnte, wusste sie, dass sie sich darin verlieren würde.
   »O Mann«, entglitt es ihr wenig damenhaft. Sie wusste nicht, wie lange sie sich noch gedulden konnte und das Verlangen, ihn zu küssen und seine Gefühle für sie zum Vorschein zu bringen, wurde übermächtig. Schnell wandte sie sich ab.
   »Was O Mann?«, fragte er scheinbar amüsiert.
   »Ähm. Ich dachte nur gerade, dass es schade ist, dass du heute Abend keine Zeit hast.« Nicht ganz das, was sie tatsächlich gedacht hatte, aber immerhin auch nicht falsch. Sie bedauerte wirklich, dass er bald weg musste.
   »Ja, das ist es. Aber ich kann meine Studenten unschwer vertrösten. Auch wenn ich nur Nachhilfe gebe, verlassen sie sich auf mich.«
   »Das verstehe ich. Wieso bist du eigentlich kein Lehrer geworden?« Sie wusste, dass Liam Nachhilfe in Physik und Mathematik gab und dass er damit ganz gut über die Runden zu kommen schien. Er erschien ihr zwar nicht unbedingt als der typische Lehrer, doch sie konnte sich schwer vorstellen, dass er als Berufsziel Nachhilfelehrer gewählt hatte.
   »Weil ich kein Studium habe«, antwortete er kurz und knapp.
   Es gab offenbar Dinge in seinem Leben, die er nicht gern besprach. Andi war allerdings nicht zuletzt Polizistin geworden, weil sie so überhaupt nicht neugierig war.
   »Nicht? Wieso kennst du dich dann so gut aus, dass du Uniabsolventen helfen kannst? Bist du ein Naturtalent?« Damit versuchte sie geschickt, ihre Neugierde zu befriedigen und ihm gleichzeitig nicht auf den Schlips zu treten. Das Letzte, was sie wollte, war ihn zu verstimmen. Aber das tat sie offenbar nicht.
   »So etwas in der Art«, sagte er einfach nur und lächelte.
   Damit war das Thema vorerst beendet. Auf dem Rückweg plauderten sie über alles Mögliche, und Andi sagte sich, dass sie erst einmal herausfinden musste, wann er sie endlich küssen würde, bevor sie das Recht hatte, sein Privatleben zu durchleuchten. Auch wenn ihr das Warten schwerfiel. Vorwiegend auf den Kuss. Und einiges mehr. Da musste sie Lina letztendlich doch noch zustimmen.

Kapitel 7

Die Sonne war längst untergegangen, und in vielen Fenstern der umliegenden Wohnblöcke brannte kein Licht mehr. Ivan saß am Küchentisch und zählte einige Scheine, die er vorab alle mit der gleichen Seite nach oben schauend sortiert hatte. War ihm Ordnung im Leben nicht so wichtig, galt das für Geld nicht. Nicht, wenn es seiner Meinung nach so hart verdient war wie das seine.
   »Was tust du da?«
   »Nach was sieht es denn aus?«, gab er zurück, als sich Fay ihm gegenübersetze und das Geld mit unverhohlener Gier musterte.
   »Wie viel?«, fragte sie zurück, stützte sich mit dem Kinn auf ihre Hände und grinste ihn an.
   Er erwiderte es nicht. »Zwanzigtausend Kronen. Nett, aber nicht genug.«
   »Nein. Aber ein Anfang ist es. Kommst du dann ins Bett?«
   Mit behutsamen Bewegungen strich er das Bündel glatt und steckte es in einen Umschlag, den er anschließend verschloss und zurück auf die Tischplatte legte. Später würde er das Paket in sein Versteck räumen. Er blickte auf und sah in ihre Augen. Sie war nicht gerade das, was er als hübsch oder schön bezeichnet hätte. Natürlich war sie nicht grottenhässlich, aber ihr kurzer brauner Bob, ihr kleines Doppelkinn und ihre nichtssagenden braunen Iriden sprachen ihn nicht im Mindesten an. Ihr schlanker Körper war für seine Begriffe viel zu dünn. Geradezu knochig. Bestimmt gab es tausend Männer, denen so eine Figur gefiel. Die es nicht störte, dass sie eigentlich keinen BH brauchte, den es gab sowieso nicht viel, das Stabilisierung benötigte. Vielleicht würde er auch nie mehr eine Frau attraktiv finden können, nachdem ihm seine absolute Traumfrau genommen worden war. Seine Ehefrau. Mittlerweile war sie seit drei Jahren fort, doch die Leere, die sie hinterlassen hatte, konnte niemand füllen.
   Es gab trotzdem einen Vorteil an Fay, den es wert machte, ab und zu mit ihr ins Bett zu gehen und dabei an irgendwelche Models zu denken: ihre absolute Loyalität und Liebe zu ihm. Nie würde sie sich gegen ihn stellen, ihn infrage stellen, geschweige denn ihm einen Gefallen ausschlagen. Er konnte sich auf sie verlassen, und das war eindeutig eine Eigenschaft, die er an ihr schätzte und brauchte. Wobei Brauchen nicht im Sinne des Ursprungs gemeint war. Würde sie ihm den Laufpass geben, würde er kurz mit der Schulter zucken und hätte sie wenig später vergessen. Eher war ihre Art, ihm Alibis zu geben zu wichtig, um sie laufen zu lassen. Natürlich wusste er, dass sie ihm nicht weglaufen würde. Zu groß war ihre Abhängigkeit nach ihm und dem vielen Geld, dass er mittlerweile beschafft hatte.
   »Ich komme dann.«
   »Dann? Ich dachte, du kommst jetzt und wir könnten noch ein wenig kuscheln oder so …«
   Die Art, wie sie mit den Wimpern klimperte, ärgerte ihn. Trotzdem ließ er sich nicht provozieren. Er stand auf und ging an ihr vorbei ins Schlafzimmer, setzte sich aufs Bett. »Fay? Du weißt doch noch, was du erzählst, sollte dich jemals jemand nach mir oder dem Geld fragen?«
   Sie trippelte fröhlich auf ihn zu und setzte sich auf seine Knie, um ihm die Arme um den Hals schlingen zu können.
   »Natürlich, denkst du, ich bin blöd?«, fragte sie und gab ihm einen langen Kuss auf den Mund, den er ohne größere Emotionen erwiderte.
   Gott sei Dank hatte sie ihn so in sich gekehrt kennengelernt. Sie wunderte sich kaum mehr, warum er teilweise leidenschaftslos mit ihrer Beziehung umging. Für sie war er eben einfach so, und da gab es nichts zu rütteln. Zumindest hatte sie das gesagt, und er glaubte ihr. Nur er wusste, dass er eine extreme Veränderung durchgemacht hatte. Früher genoss er jeden Kuss, jede Berührung, konnte es kaum erwarten, seine Frau zu umarmen und den Duft ihrer Haare aufzusaugen, während sie gemeinsam duschten. Doch früher war früher.
   »Nein, du bist nicht blöd. Aber du weißt, wie wichtig deine Verschwiegenheit für mich ist. Oder?«
   »Na klar.«
   »Gut. Denn nur dann können wir so viel Geld zusammenkratzen, dass wir aus diesem Loch verschwinden und uns irgendwo in den Bahamas absetzen können«, sagte er, während sie ihm fortwährend kleine Küsse auf die Stirn gab. Ungehalten drückte er sie ein Stück von sich weg. »Hey! Fay, ich mein’s ernst.«
   Sie zog die Stirn in Falten. »Ich weiß, Süßer. Mach dir keine Sorgen. Wir sind oft genug durchgegangen, was im Fall der Fälle zu tun ist. Du kannst dich auf mich verlassen, okay?«
   Einige Sekunden blickte er sie an, dann nickte er langsam und gab ihr einen laschen Kuss auf den Mund. »In Ordnung. Ohne dich geht es wahrscheinlich nicht.«
   »Ich weiß. Und jetzt entspann dich ein bisschen, ja?«

Kapitel 8

Weit vor dem lauten Klingeln des Weckers war Liam wach. Ein paar Minuten blieb er im warmen Bett und starrte unbestimmten Gedanken folgend an die Decke. Nicht, dass er einen Termin gehabt hätte, trotzdem ließ er sich jeden Tag wecken, um nicht bis weit nach Mittag zu schlafen und die Hälfte des Tages zu verpassen. Seit etwas über zwei Jahren versuchte er jetzt schon, sich seine Angewohnheit, mitten in der Nacht durch das Haus zu geistern, abzugewöhnen. Mit dem regelmäßigen frühen Aufstehen hatte er den ersten Schritt zur Besserung geschafft und blieb jetzt nicht mehr bis in die frühen Morgenstunden hinein auf und quälte sich mit Gedanken, die er ohnehin schon auswendig kannte und die sich auch durch mehrfaches Durchdenken nicht änderten.
   Draußen regnete es in Strömen. Er seufzte, stand auf und schlurfte die Treppen hinunter in die Küche. Zuvor nahm er einen Abstecher vor die Haustür und fischte die Tageszeitung aus dem Postkasten, die ihm jeden Tag direkt geliefert wurde. Nachdem er sich eine Tasse Kaffee gemacht hatte, setzte er sich an seine kleine Küchenbar mit direktem Blick in den Garten und schlug die Zeitung auf. Aufmerksam lesend blätterte er Seite um Seite um, schüttelte über die neuesten Kapriolen diverser Politiker den Kopf, amüsierte sich über die Karikaturen und streifte die Mädchen auf Seite drei.
   Gerade, als er sich noch eine Tasse Kaffee holen wollte, fiel ihm eine kleinere Schlagzeile ins Auge, die nicht auf den ersten Blick auffiel, ihm aber wie eine bunte Maus ins Gesicht zu springen schien. Einige Sekunden lang glaubte er, dass seine Augen ihm einen bösen Streich spielten, doch als er zurück an den Tresen trat, die Zeitung hochnahm und den Artikel genau durchlas, begriff er, dass es bittere Realität war. Raoul Ahmed war tot. Gestorben durch Strangulation, vermutlich durch einen Landstreicher oder Einbrecher, der es auf Geld abgesehen hatte. Schockiert, wie er war, ließ sich Liam wieder auf den Hocker sinken – die Zeitung rutschte ihm aus den Händen und segelte zu Boden. Von draußen drang das weit entfernte Säuseln von Autoreifen auf nassem Asphalt. Er atmete ein paar Mal ein und aus, hob die Blätter auf, knüllte sie zusammen und warf die weißschwarze Kugel im hohen Bogen in den Mülleimer neben dem Kühlschrank. Kurz überlegte er, Andi anzurufen. Sie hatte ihm erzählt, dass sie im Morddezernat der Stadt arbeitete, und vermutlich war sie auch mit diesem Fall betraut. Natürlich, detaillierte Erzählungen hatte sie nicht gemacht. Kurz vertrieb der Gedanke an sie die bizarren Bilder in seinem Kopf, die Raoul mausetot und übel zugerichtet zeigten. Andi war eine unglaubliche Frau, sie hatte alle Attribute, um ihn in ihren Bann zu ziehen – Charme, Witz, unglaublich gutes Aussehen, Köpfchen. Das Dumme war nur, dass er mit sich selbst noch nicht geklärt hatte, ob er sie in sein Leben lassen konnte. Er drückte seine Daumen an die Schläfe. Ein neuer Migräneanfall kündigte sich an. Obwohl er seit Jahren zu diversen Ärzten ging, hatte ihm bis heute niemand wirklich helfen können. Die Medikamente, die er bekam, fingen, wenn er sie rechtzeitig einnahm, die gröbsten Anfälle ab, schafften es aber nicht, ihm dauerhaft zu helfen. Sein Hausarzt hatte ihm letztendlich geraten, viel an die frische Luft zu gehen und sich nicht auf seine Kopfschmerzen zu konzentrieren. Vermutlich würde er immer darunter leiden. Leichter gesagt, als getan. Der Regen prasselte noch immer unbarmherzig gegen die Fensterscheiben der großen Glasfront, durch die man in den Garten gelangte. Liam beschloss trotzdem eine Runde zu joggen – erstens half ihm die gleichmäßige Bewegung, Dinge klarer zu sehen und zweitens bekam er so durch die frische Luft seine Kopfschmerzen vielleicht auch ohne Medikamente in den Griff. Als seine Gedanken wieder zu Raoul wanderten, bezweifelte er das allerdings heftig.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.