Eine Suche nach der eigenen Vergangenheit. Ein Kampf um die ganz große Liebe. Eine Seele, die nicht vergessen kann.    Nur ein folgenschwerer Augenblick in einer Nacht – und die Vergangenheit der Goldschmiedin Sina-Mareen Hohwacht liegt im Dunklen. Retrograde Amnesie lautet die Diagnose, als sie nach einem Ertrinkungsunfall in der Klinik erwacht. Die einzige nebulöse Erinnerung: eine Männerstimme, die droht, sie umzubringen. Von ihrem Mann Leander, der für sie ein Fremder ist, erfährt sie nichts, was ihr weiterhilft. Sie scheint auf sich allein gestellt. Und das Wenige, was sie über eine ihr völlig unbekannte Frau – sich selbst – herausfindet, versetzt ihr einen Schock. Eines ist klar: Sie ist nicht länger Sina-Mareen, sondern einfach nur Sina. Und als solche sieht sie den Verlust ihrer Identität auch als eine zweite Chance. Selbst als sie ihr Gedächtnis wiedererlangt und sich eine verblüffende Wahrheit offenbart, hält sie unbeirrt an ihrer verwandelten Persönlichkeit fest. Ebenso an ihrer leidenschaftlichen Liebe zu Leander. Sogar dann noch, als alles verloren scheint ...  „Meine Seele weiß von dir“ ist ein spannender, gefühlvoller und mitunter amüsanter Unterhaltungsroman über das Vergessen und Erinnern. Eine Geschichte über die Liebe, das Verzeihen und eine packende Reise in die Vergangenheit einer vielschichtigen Frau, die sich neu erfindet.

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ISBN: 978-9925-33-000-3

Seiten: 371

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Sabine Ludwigs

Sabine Ludwigs
Sabine Ludwigs wurde in Dortmund geboren und wuchs auch dort auf. Zur Schriftstellerei fand sie 2004 und trat kurz darauf in einer Krimi-Anthologie erstmals als Autorin in Erscheinung. Bis etwa 2010 verfasste sie ausschließlich Kurzprosa. Es folgten zahlreiche Publikationen in Anthologien, Hörbüchern und Zeitungen. 2011 erfolgte Ludwigs erste Einzelveröffentlichung: eine Kurzgeschichtensammlung (Krimis, Thriller). 2012 erschien ihr Debütroman, dem weitere Romane folgten. Inzwischen veröffentlicht die Autorin vorwiegend Unterhaltungsromane. Sabine Ludwigs Schreibstil ist ausdrucksstark, packend, eindrücklich - egal, welches Thema sie aufgreift. Sie schafft es, Spannendes und Gefühlvolles gekonnt miteinander zu verknüpfen und ihre Leser zu bewegen. Sie erhielt den Friedes-Literaturpreis des Berliner Kulturrings sowie den Literaturpreis Ideale Stiftung. Die Autorin lebt als Freiberuflerin mit ihrer Familie in Lünen an der Lippe im Ruhrgebiet. Bisher verfasste Titel: „Die Totmacher“, „Der Sommer mit dem Erdbeermädchen“, „Meine Seele weiß von dir“, „Acht Tage bis zur Ewigkeit“, „Winterspaß und Weihnachtszauber“, „Stirb! Rotköpfchen“ und zuletzt „Winterlicht“. 2018 erscheint ihr Psychothriller „Ausgeburt“.

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Prolog

Das Wasser war schwarz, kalt und schmeckte durchdringend nach Chlor. Ich versank darin. Ich versank und konnte nichts dagegen tun.
   Es drang durch meine Kehle, die Nasenlöcher, in die Ohren, und unter dem unglaublichen Druck platzten meine Trommelfelle. Gleichzeitig hatte ich das entsetzliche Gefühl, meine Augäpfel würden aus ihren Höhlen gedrückt. Lichtblitze zuckten stroboskopisch durch meinen Schädel.
   Es tat weh, zu ertrinken!
   Überall. Am ganzen Körper. In meinem Kopf. Im Hals. Hinter den Rippen. In den Lungen. Im Bauch. Sogar in den Kammern meines Herzens.
   Ich hatte keine Kraft. Bewegungslos hing ich in der Schwebe – ein Empfinden, als wäre ich aus aufgeweichtem Brot, und mein Fleisch würde sich bröckchenweise von den Knochen lösen und davontreiben.
   Mir wurde schwindlig, doch schon im nächsten Augenblick meinte ich, in rasender Geschwindigkeit abwärts in einen unendlich tiefen Schacht gezogen zu werden. Eine Supernova explodierte hinter meiner Stirn, gefolgt von alles verschlingender Dunkelheit.
   Es wurde tiefschwarz.
   Und unglaublich still.
   Daran erinnerte ich mich noch, als ich in der Klinik aufwachte, und an eine von Zorn entstellte Männerstimme, kurz bevor mich die Lautlosigkeit verschluckte. Verzerrt und zischend, als würde sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorgepresst: »Ich bring dich um!«
   Darüber denke ich nach. Hier. Im Krankenhaus. In der dämmrigen Wärme eines Kleiderschrankes, in den ich mich zurückgezogen habe. Ich kauere auf dem Holzboden und komme zu dem Schluss, dass mein sterbender Verstand mir wahrscheinlich einen bösen Streich gespielt hat. Nicht mit der Erinnerung an das Ertrinken, aber mit der zischenden Stimme.
   Auf einmal werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Jemand klopft mit harten Fingerknöcheln gegen die Schranktür.
   Ich erstarre.
   Poch macht es. Poch … Poch.
   »Sina-Mareen?«
   Die Stimme eines Fremden. Sie klingt sanft, beinahe zärtlich, und sie bringt meinen Nackenflaum dazu, sich aufzurichten.
   Poch macht es wieder. Poch … Poch.
   »Sina-Mareen«, flüstert der Fremde. »Ich bin da.«
   Irgendwo habe ich diese Stimme schon einmal gehört.

ERSTER TEIL
Spurensuche



Kapitel 1

In den frühen Morgenstunden des sechsten Mais wurde ich in die Park-Klinik eingeliefert. Im Wasser umgekommen und wiederbelebt.
   Das Einzige, was ich am Leib trug, war ein rotes Bikinihöschen. Mein Haar triefte vor Nässe, an der rechten Schläfe hatte ich eine Platzwunde, und die Beule an meinem Hinterkopf war so ausgeprägt und schmerzhaft, dass ich noch Tage später nur auf dem Bauch oder der Seite liegend schlafen konnte.
   Das Unbehagen, das ich unter all den Fremden empfinde, die mich entweder Frau Hohwacht oder Sina-Mareen nennen, schnürt mir manchmal die Luft ab. Ich fühle mich wie in einem weingeschwängerten Halbschlaf: schwer, desorientiert, in einem wirren Traum befangen.
   Ich wünsche mir, jeden Moment aufzuwachen. »Lieber Gott«, bete ich manchmal im Schrank. »Bitte mach, dass ich bald aufwache.«
   Aber ich wache nicht auf.

Ich hatte einen nächtlichen Badeunfall. Heißt es. Demnach bin ich ein Nachtmensch. So ist es keineswegs eine Seltenheit, dass ich in der Zurückgezogenheit meines Schmuckateliers bis zum Morgen durcharbeite. Manchmal gehe ich auch im Garten spazieren und sehe mir die Sterne an. In warmen Nächten schwimme ich ab und an im Außenpool, und weil das Wetter in den letzten Tagen fast sommerlich gewesen war, hatte ich mich wohl auch in jener Nacht entschlossen, ein paar Bahnen zu schwimmen.
   Doch am Einstieg zum Becken muss ich gestürzt sein. Ich schlug mit dem Kopf gegen den Rand, war halb bewusstlos, fiel in den Pool und versank.
   Wenigstens nehme ich das an. Ich schließe es aus dem Wenigen, was der Fremde, der gegen die Schranktür geklopft hat, mir erzählte.
   Es kann aber ebenso gut alles ganz anders gewesen sein.
   Der Fremde ist mir ein Rätsel.
   Er behauptet durch die geschlossenen Schranktüren hindurch, mich aus dem Pool gezogen, mich gerettet zu haben, und mit mir verheiratet zu sein. Von beidem weiß ich nichts.
   Jeden Tag taucht er auf, eine halbe Stunde, bevor die Krankenschwestern das Frühstück austeilen, pünktlich wie eine Atomuhr.
   Ich stelle mir vor, wie er sich durch den Verkehr einer Stadt kämpft, mit dem Aufzug in den fünften Stock fährt, aussteigt und ohne zu zögern auf Zimmer 512 zugeht.
   Mein Zimmer.
   Er klopft stets an, ehe er eintritt. Ich glaube zu wissen, dass er es tut, damit ich im Kleiderschrank verschwinden kann. Völlig unnötig, weil ich bereits darin bin, lange bevor er auftaucht.
   Ehrlich gesagt, sitze ich die meiste Zeit des Tages hier drinnen und komme lediglich zum Schlafen, Duschen, Essen und natürlich zur Visite heraus.
   Nur hier, in der dämmrigen Stille, die mit der Wärme und dem Geruch meines Körpers angefüllt ist und in der ich dem stetigen, dumpfen Pochen meines Herzens lausche, fühle ich mich einigermaßen sicher. Ich schließe die Tür und sperre alles aus.
   Hier drinnen ist die Welt klein und bietet keinen Raum für unliebsame Überraschungen. Alles ist überschaubar, auch meine Angst. Niemand ist da. Nur ich und die Leere in meinem Kopf. Keine Reizüberflutung von unbekannten Menschen, Tönen und Bildern, die mich verwirren oder nervös machen. Hier kann ich nicht verloren gehen. Nicht noch einmal.
   Der Fremde, mein Mann, kommt herein. Er schließt die Tür hinter sich, durch die sekundenlang die typischen Geräusche eines geschäftigen Krankenhauses dringen, und setzt sich vor meinen Schrank. Mit den Knöcheln klopft er gegen das Holz.
   »Sina-Mareen, ich bin da«, begrüßt er mich, und ich mache »Hm«, nur um irgendwas von mir zu geben.
   Ich entsinne mich noch, dass er bei seinem zweiten Besuch gar nichts sagte. Man hörte lediglich, wie er sich auf den Fußboden setzte, den Rücken gegen die Schranktür lehnte, und dann war da sein Schweigen.
   Bis er auf einmal den Song I don‘t wanna miss a thing von Aerosmith vor sich hin sang, und plötzlich, ich weiß selbst nicht, wie es passierte, fiel ich in den Refrain ein, und unsere Stimmen harmonierten auf wunderbare Weise miteinander:
   »I don’t wanna close my eyes
   I don’t wanna fall asleep
   ‘Cause I’d miss you, babe
   And I don’t wanna miss a thing …«
   Er verstummte.
   Ich ebenso.
   Ich hörte, dass er aufstand und ging.
   Er ließ mich in diesem Kleiderschrank zurück. Meine Gedanken wimmelten wie ein Schwarm silberner Heringe umher. Ohne Sinn und Verstand, einfach nicht zu fassen.
   Am dritten Tag erzählte er mir mehr von meinem Unfall.
   Am vierten von Rainer Maria, der seinen Appetit verloren hat. Er fläzt sich den ganzen Tag über in einem Schaukelstuhl. Dieser steht in einem Wohnzimmer vor einem Panoramafenster mit Blick in einen Garten. Ein schmiedeeiserner Zaun windet sich um das Grundstück.
   Er beschreibt alles so detailliert, dass es mir bildlich vor Augen steht. Außerdem habe ich das Gefühl, er erwartet etwas von mir. Einen Kommentar vielleicht. Oder eine Frage, doch ich bringe nichts über die Lippen.
   In den folgenden Tagen erzählt er mir, dass Dirk, ein Friseur, abgeschnittene Haare mit nach Hause nimmt und darin badet. Marina verehrt eine grüne Plastikspielzeugschlange als Gott, und Barbara träumt seit fünf Jahren von einem Koch, der ihre Augen mit Schaschlikspießen durchbohren will, weswegen sie ihr Haus nicht mehr verlässt.
   Es liegt nicht an diesen bizarren Geschichten, dass ich den Atem anhalte, um ja keines seiner Worte zu verpassen, die gedämpft zu mir hereinklingen, sondern an seiner Stimme.
   Sie ist tief, ein bisschen kehlig und unglaublich sinnlich. Ein Timbre, das sich wie die Fingerspitzen einer rauen Männerhand anfühlt. Fingerspitzen, die sich in meinen Nacken stehlen, um unendlich langsam mein Rückgrat hinunterzuwandern.
   Ich genieße die Gänsehaut, die sie mir verursacht. Ich kann nicht genug davon bekommen und frage mich, wie der Mann aussieht, dem diese Stimme gehört.
   »Einfach um-wer-fend«, will man glauben, was Schwester Bianka zu Schwester Gabi gesagt hat. »Um-wer-fend! Beinahe wie Antonio Banderas!«
   Natürlich spiele ich manchmal mit dem Gedanken, heimlich die Schranktür zu öffnen und »meinen Mann« zu betrachten, aber ich traue mich nicht, weil sie quietscht und er es bemerken könnte, und ich will nicht, dass er dann womöglich zu mir hereinschaut. Direkt. Von Angesicht zu Angesicht. Ich bin einfach noch nicht so weit, jemanden von da draußen einzulassen.
   Es raschelt, wenn er die Tageszeitung neben sich legt, die er mir mitbringt, damit ich auf dem Laufenden bleibe und über das Erdbeben in China, den Zyklon in Birma und diesen abscheulichen Kerl lesen kann, der seine Tochter vierundzwanzig Jahre in einem Kellerverlies gefangen hielt, sie vergewaltigte und sieben Kinder mit ihr zeugte, bevor sie freikam.
   Viel lieber würde ich Kochrezepte lesen. Oder mein Horoskop. Andererseits – welches Sternzeichen? Bin ich Schütze? Waage? Oder Löwe?
   Wenn das Frühstück aufgetragen wird, steht der Mann auf. »Rainer Maria wartet«, sagt er. Und geht.
   Heute, so habe ich mir ganz fest vorgenommen, werde ich ihn fragen, woher er all die skurrilen Menschen kennt, von denen er mir erzählt, und wer Rainer Maria ist.
   Doch die Worte kommen einfach nicht aus mir heraus, bleiben stecken auf ihrem Weg nach draußen, als er mir erklärt, dass er mich mitnehmen wird.
   Morgen.

Kapitel 2

Ich bekomme die ganze Nacht kein Auge zu. Morgen, denke ich unablässig, morgen.
   Die Zeit bis dahin vergeht eigenartig. Einerseits rast sie im Sekundentakt, andererseits schleppt sie sich über zähe Stunden dahin. Das bringt mich abwechselnd zum Frösteln und zum Schwitzen, dreht mich auf oder macht mich apathisch.
   Es ist früher Vormittag. Die Sachen, die ich anziehen soll – eine anthrazitgraue Leinenhose, eine bordeauxfarbene taillierte Bluse und schwarze Slingpumps – hat der Mann mitgebracht. Er hat sie vor dem Kleiderschrank abgelegt, in dem ich sitze und lausche, ob sich seine Schritte wieder entfernen. Was sie auch tun.
   Als ich nach einiger Zeit die leise quietschende Schranktür öffne und durch den Spalt hinausschaue, liegen die Sachen ordentlich gefaltet auf dem hellgrauen Linoleum.
   Ein Büstenhalter und ein Slip aus rosa Seide schimmern im Sonnenlicht wie schmelzendes Himbeereis.
   Ohne den Schrank zu verlassen, strecke ich eine Hand aus, greife nach dem BH und halte ihn unter meine Nase. Er duftet nach Waschmittel und Weichspüler, frisch und dezent nach irgendeiner Blüte. Jasmin, glaube ich, und ich denke: aprilfrisch.
   Durch den Spalt angele ich hastig nach den restlichen Sachen, hole sie zu mir herein und ziehe die Tür wieder zu.
   Ich sitze im Halbdunkel und inhaliere den gleichen sauberen Geruch, der vermutlich an Tausenden anderer Slips, Hosen und Blusen auf der Welt haftet. Ein Geruch, der mir absolut nichts über die Frau verrät, der diese Kleider gehören. Nicht anders als die Unterwäsche, die leichten Nachthemden, der Morgenmantel und die Handtücher, die mir der Mann zuvor in die Klinik gebracht hatte. Alles duftet sauber.
   Nichts riecht nach dem Leben von Sina-Mareen.
   Hat sie einen Hund?
   Raucht sie?
   Welches Parfüm nimmt sie?
   Benutzt sie immer das gleiche Deo?
   Auf jeden Fall sind die Kleidungsstücke von guter Qualität und schlichter Eleganz. Die Stoffe fühlen sich weich und anschmiegsam an. Die Farbe der Bluse gefällt mir. So weit – so gut.
   Vorsichtig drücke ich die Schranktür auf. Das Zimmer liegt noch immer verlassen da. Leise komme ich hervor, ziehe das Nachthemd aus und die mitgebrachten Sachen an.
   In meiner Nervosität knöpfe ich die Bluse falsch zu. Bei der überschlanken Frau mit der blasslila Schläfe, die mich aus dem Spiegel heraus ansieht, steht die rechte Kragenseite hoch. Im Gegensatz dazu scheint das eine Blusenende kürzer als das andere. Mit verschwitzten Fingern öffne ich die Knopfleiste und schließe sie noch einmal richtig. Ich schlüpfe in die Schuhe, und jetzt entdecke ich die Handtasche, die auf dem Bett liegt.
   Ich öffne sie und erfahre, dass die Frau Chanel No. 5 benutzt. Mit dem Lidschatten und der Wimperntusche, die ich darin finde, schminke ich meine Augen. Der Puder überdeckt das Glänzen der Nase und den Bluterguss. Ich kämme das blonde Haar. Es fällt in leichten Wellen bis weit über meine Schultern. Den Lippenstift benutze ich nicht, aber das Parfüm tupfe ich nach kurzem Zögern in den Nacken und die Mulde zwischen meinen Brüsten.
   Wieder liegt ein Hauch von Jasmin in der Luft, diesmal begleitet von Rosenduft und dem zart-blumigen Aroma der Neroli.
   Die Frau im Spiegel scheint eine Schwäche dafür zu haben. Diesmal schaut sie nicht nur prüfend, vielmehr mustert sie mich eingehend. Sie scheint mich zu scannen, beinahe, als könnte ihr mein Anblick irgendetwas verraten.
   Oder ist es umgekehrt?
   In diesem Moment klopft es.
   Ich springe zurück in den Schrank und ziehe die Tür so hastig zu, dass ich mir die Finger einklemme. Ich zische vor Schmerz.
   Dann höre ich ihn.
   Meinen … Mann.
   Er nähert sich dem Kleiderschrank und bleibt stehen. Es folgt das vertraute Geraschel, als er sich zu Boden sinken lässt und sich hinsetzt, seine Atemzüge und schließlich seine Stimme, deren Klang mich selig macht.
   »Elisabet wollte unbedingt mitkommen, dich abholen. Na ja, ich konnte es ihr nicht abschlagen, aber ich habe ihr gesagt, es wäre besser, wenn ich allein heraufkomme und dich auf sie vorbereite. Sie wartet unten. Ich hoffe, das ist in Ordnung.«
   Elisabet? Ich habe keine Ahnung, wer Elisabet ist, und das sage ich ihm auch.
   Er lacht.
   Ein Geräusch wie eine Liebkosung.
   »Deine Schwester.«
   »Ich habe eine Schwester?«
   Er lacht wieder, halb besorgt, halb amüsiert, und versichert mir, dass diese Elisabet tatsächlich meine jüngere Schwester ist. »Deine einzige«, sind seine genauen Worte. »Andere Geschwister hast du nicht.«
   »Weshalb hat sie mich nicht besucht?«
   »Erstens, weil du keine Besucher sehen wolltest, zweitens mochte dein Arzt dir nicht zu viel auf einmal zumuten, und drittens war Lisa in Washington. Jetzt ist sie jedenfalls durch nichts mehr aufzuhalten. Du kennst doch Lisa.«
   Nein. Nein, ich kenne Lisa kein bisschen.
   »In Washington?«
   »Ja. Sie ist Flugbegleiterin.«
   Dass ich keine Besucher sehen wollte, stimmt. Eine leichte Panik überkam mich, wenn ich mir vorstellte, eine Horde wildfremder Menschen würde um mein Bett stehen und unablässig auf mich einreden oder Fragen stellen. Womöglich wäre der ein oder andere dabei, der zu weinen anfängt. Allein der Gedanke daran trieb mich in den Schrank! Andererseits: Wenn meine Schwester hier liegen würde, hätte ich wahrscheinlich alles unternommen, um sie zu sehen. Ärztlicher Rat hin oder her.
   Der Mann zumindest hatte das getan.
   Aber weswegen hatte er mir nichts von Lisa erzählt? Wieso habe ich keine Fragen gestellt, sondern nur im Kleiderschrank gehockt und seiner Stimme gelauscht, als wäre ich süchtig danach?
   Es muss an den Medikamenten gelegen haben, entscheide ich. Oder an dem Schock, der mich seit dem Unfall nicht aus seiner Umklammerung lässt.
   Jetzt kann man hören, wie er sich aufrappelt. »Außerdem ist Lisa ein ungeduldiger Mensch. Also komm bitte heraus, denn bevor wir gehen können, möchte sich dein Arzt verabschieden.«
   Ich rühre mich nicht vom Fleck.
   »Sina-Mareen?«
   Langsam, unendlich langsam, öffnet sich die Schranktür, und wie durch ein Wunder quietscht sie diesmal nicht im Mindesten. Sie öffnet sich lautlos einfach stetig weiter.
   Ich tue nichts, um das zu verhindern.
   Gleich werde ich meinen Ehemann zum ersten Mal sehen.
   Da steht er vor mir. Er schaut mich beinahe unnahbar an.
   Es dauert nur einen Schlag meines Herzens, bis ich in ihn verliebt bin.

Kapitel 3

Es ist seltsam: Ich weiß, was eine Raumfähre ist, wie Ampelanlagen funktionieren – zumindest ungefähr –, dass wir das Jahr 2008 schreiben, wann und warum wir Weihnachten feiern, und dass wir eine Bundeskanzlerin haben.
   Ich weiß, wie man die Fernbedienung des Fernsehers gebraucht und wer Antonio Banderas ist, und zwar ohne dass es mir jemand hätte erklären müssen.
   An persönliche Dinge wie meinen Namen, meine Familie, mein bisheriges Leben, wie es sich anfühlt, tot zu sein, und an meine Ehe kann ich mich dagegen nicht erinnern.
   Zumindest Letzteres finde ich bedauerlich, denn Schwester Bianka hatte recht mit ihrer Behauptung: Mein Mann sieht umwerfend aus! Und liebenswert. Deshalb nehme ich all meinen Mut zusammen und komme aus dem Schrank heraus. »Da bin ich«, murmele ich.
   Meine Stimme hört sich piepsig an, dünn und zu hoch, wie die eines sehr jungen Mädchens. Das ärgert mich. Ich frage mich, ob ich so bin: leise, zurückhaltend. Kaum in der Lage, einen Satz hervorzubringen.
   Mein Mann beobachtet mich aus zusammengekniffenen Augen. Mir fällt ein, dass er mir bei einem seiner Besuche sagte, er heiße Leander Hohwacht.
   Ich habe vorher nie das leiseste Verlangen verspürt, seinen Namen – für mich der Name eines Fremden – auszusprechen.
   Jetzt ist das anders! Ich möchte hören, wie es klingt, wenn ich ihn laut sage. Vertraut? Oder fremd und irgendwie stockend? Welche Silben betone ich? Nenne ich ihn überhaupt Leander oder womöglich Andy?
   Leander murmelt »Hi« und lächelt ein Lächeln, das mich unverzüglich ebenfalls die Lippen verziehen lässt.
   Er ist großartig!
   Ich meine, »Hi«, das ist vertraut und neutral zugleich, völlig alltäglich, eindrucksvoll und doch unbestimmt. Es scheint einfach genau das Richtige.
   Leider ist es mir nicht eingefallen – wie so vieles andere nicht. Unwillkürlich denke ich an die ersten Tage meines Aufenthaltes hier zurück, als Doktor Romberg, der Neurologe der hiesigen Klinik, mir erklärt hatte, warum das so ist, und was ich bisher nur aus Romanen und Filmen kannte.

»Blackout!«, dröhnte er. Bezwang sich dann und fuhr gemessener fort. »Sie leiden an einer sogenannten retrograden Amnesie. Oder, weniger medizinisch ausgedrückt, an einem kompletten Gedächtnisverlust für alles, was vor Ihrem Badeunfall passiert ist.« Er meinte, dass dies bei Kopfverletzungen relativ häufig vorkomme.
   »Ach?«, machte ich ratlos.
   »Ja. Nun, das wird schon wieder, keine Sorge, Frau Hohwacht«, versuchte er mich zu beruhigen.
   Ich fiel in sein Nicken ein.
   Eine Woche zog sich hin. Endlose Tage voller Untersuchungen, psychologischer Gespräche, Verzweiflung und einsamer Stunden im Kleiderschrank. Ich suchte nach mir, doch ich konnte mich nicht finden.
   Eine Verbesserung meines Zustandes stellte sich nicht ein. Das heißt, die durch meine Gehirnerschütterung verursachten Kopfschmerzen verschwanden, und die Fäden der Platzwunde, die mit sechs Stichen genäht worden war, konnten gezogen werden. Außerdem verflüchtigte sich die Beule an meinem Hinterkopf, auch die gerissenen Trommelfelle verheilten allmählich.
   Aber erinnern, erinnern konnte ich mich nicht.
   Doktor Romberg wirkte während dieser Zeit auf mich wie ein schlaksiger Junge, der Arzt spielt. Wie konnte so ein junger Mann bereits ausgebildeter Mediziner sein? Vorgestern leuchtete er mit einer winzigen Taschenlampe, die mit der Helligkeit eines Lasers auf meine Pupillen traf, in meine Augen.
   »So weit, so gut«, nuschelte er gedankenvoll. Er löschte das Lämpchen und ließ es in der Brusttasche seines Kittels verschwinden wie ein Taschenspieler. »Ich überlege, ob ich Professor Breitner hinzuziehe. Verstehen Sie, es gibt Patienten, die sich an Teile ihres Lebens vor ihrem Unfall nicht erinnern. An kleine Fragmente, größere und mitunter sogar sehr große. Aber, ehrlich gesagt, mir ist weltweit kein einziger Fall bekannt, bei dem ein Patient sein komplettes persönliches Leben einfach vergessen hat. Davon habe ich noch nie gehört!« Es klang noch immer gelinde erstaunt, wenn er darüber sprach, als hätte er gerade vor einer Minute seine Diagnose erstellt und nicht schon vor Tagen.
   Ich blinzelte. Blinde, nebelartige Flecken tanzten vor meinen Augen, sodass ich alles ein bisschen gedämpft sah. Wir waren allein in meinem Zimmer. Es war Nachmittag, und vom Korridor her drang das Klappern des Kaffeegeschirrs, das gerade abgeräumt wurde, zu uns herein. Ein flüchtiger Geruch von Kaffee und Butterkuchen hing noch in der Luft.
   Doktor Romberg seufzte. Er kaute ungeniert an seinem rechten Daumennagel, bevor er weitersprach. »Ich meine, die Erinnerungen sind ja noch da drinnen. Nicht wahr?« Er tätschelte aufmunternd meine Schädeldecke, als könnte das mein Gehirn positiv beeinflussen. »Lediglich Ihre Fähigkeit, darauf zurückzugreifen, ist temporär beeinträchtigt.«
   »Temporär beeinträchtigt«, echote ich und zwinkerte, um den imaginären Dunst vor den Augen loszuwerden.
   »Es funktioniert einfach nicht!« Er fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, als würde er ein unsichtbares Orchester dirigieren. »Und das, obwohl rein physiologisch betrachtet alles in Ordnung ist! Sowohl der Hippocampus als auch der rhinale Kortex. Die rechte Seite des Großhirns, die Sie eigentlich an so zauberhafte Dinge wie Ihre erste Liebesnacht oder den letzten Winterurlaub erinnern sollte, ist einwandfrei.«
   Allmählich verflüchtigten sich die Nebelflecke. Ich sah Romberg klarer.
   »Die linke im Übrigen gleichfalls«, ereiferte er sich. »Sämtliche Kernspintomografien, alle Untersuchungen und Tests sind o. B.!«
   Ich warf ihm einen gereizten Blick zu.
   »Ohne Befund«, beeilte er sich, hinzuzufügen.
   »Was wollen Sie mir eigentlich sagen? Dass es keine Verletzungen und keinen plausiblen Grund gibt, warum ich mein Gedächtnis verloren habe?«
   »Ja!« Dann, nach kurzem Zögern, korrigierte er sich. »Nein, ganz und gar nicht. Ich meine lediglich, dass ich keine organische Ursache diagnostizieren kann. Es sind außerdem keine Drogen oder Alkoholexzesse im Spiel. Unter Umständen haben wir es mit einer«, hier sprach er gedehnt, »psychogenen Form der Amnesie zu tun.«
   »Was heißt das nun wieder?«
   Er musterte mich nachdenklich. »Möglicherweise wollen Sie sich nicht an Ihr Leben erinnern, Frau Hohwacht.« Zähe Sekunden verstrichen, bis meine Gedanken zu Leander wanderten. Mir wurde warm. »Das ist blanker Unsinn!«, platzte ich heraus. »Bestimmt sogar! Ich meine, warum sollte ich?«
   Wir sahen uns schweigend an. Schließlich zuckte Romberg mit den Schultern. »Auf jeden Fall erscheint mir das Ausmaß eines derartigen Erinnerungsverlustes, nun, in höchstem Maße außergewöhnlich. Ja, unmöglich.« Er schaute mir ins Gesicht und korrigierte sich rasch. »Quasi unmöglich.«
   Es entstand eine kaum merkliche Pause, bevor er fortfuhr. »Okay, geben wir Ihrem Gehirn einfach noch mehr Zeit.«
   »Womit Sie das wohl älteste Rezept der Welt ausstellen, wie?«
   »Was meinen Sie?«
   Ich musste schmunzeln. »Na ja. Eine große Dosis Zeit. Sie heilt ja bekanntlich alle Wunden. Nicht wahr?«
   »Nein, nein!«, widersprach er beinahe vehement. »Das vermag sie keineswegs, aber sie ist und bleibt trotzdem eine recht gute Medizin, und sie wirkt auf jeden Fall lindernd.« Er kaute wieder an seinem Daumennagel. »Ich werde Sie bald nach Hause entlassen«, verkündete er bedächtig.
   »Was? Nein! Bitte, Sie dürfen mich nicht einfach zu diesen … diesen völlig fremden Leuten schicken!«
   Romberg schnalzte beschwichtigend mit der Zunge. »Nun, eine gewisse Furchtsamkeit ist völlig normal.« Er errötete bei seinen Worten, als hätte er ein schlechtes Gewissen, mich zu entlassen. »Ebenso könnten Orientierungslosigkeit und Schwindelattacken auftreten. Möglicherweise Übelkeit und Kopfschmerzen. Keine Sorge! Das ist bei Kopfverletzungen keine Seltenheit.«
   Als könnte mich das beruhigen! Ich betastete meine Schläfe. Sie war noch immer in einem hellen Lila verfärbt und geschwollen. Der unerwartet heftige Schmerz ließ mich zusammenzucken.
   »Aber ich will hier nicht weg«, jammerte ich. »Ich kenne doch niemanden da draußen!«
   »Bitte, Frau Hohwacht, nun hören Sie aber auf, sich verrückt zu machen, ja?« Er nahm sanft meine Hand. »Sie erkennen lediglich niemanden. Das ist ein himmelweiter Unterschied! Umgekehrt kennt und erkennt man Sie sehr wohl, und man liebt Sie. Da ist Ihr Mann. Sie haben Familie und Freunde. Sehen Sie, hier vermögen wir momentan nichts weiter für Sie zu tun. Sie können genauso gut in Ihrer gewohnten Umgebung auf das Einsetzen Ihres Erinnerungsvermögens hinarbeiten. Gehen Sie zu einer Physiotherapie. Wie Ihr Mann mir sagte, kennt er eine erfahrene Kollegin, die Sie in jeder Hinsicht gut betreuen wird.«
   Das kam unerwartet. »Ach.« Ich brachte nur diese Silbe hervor.
   »Ja. Er versicherte mir, dass man dort das richtige Therapieprogramm für Sie erstellen wird. Ich werde Sie an die Kollegin überweisen und lasse die nötigen Unterlagen fertigmachen. Und, Frau Hohwacht?«
   »Hm?«
   »Gönnen Sie sich viel Ruhe. Nehmen Sie sich Zeit und verlieren Sie nicht die Geduld. Ich bin sicher, Ihr Mann wird Ihnen zur Seite stehen.«
   Zuhause! Warum hörte sich die Aussicht, dorthin zu gehen, genauso verlockend für mich an wie ein Bad im Eismeer?
   »Ich habe Angst, Doktor Romberg.«
   »Ja. Das verstehe ich sehr, sehr gut. Wäre ich an Ihrer Stelle, ginge es mir sicher nicht anders. Dessen ungeachtet müssen Sie Vertrauen haben. Zu mir. Zu Ihrem Mann, und alles wird gut.«
   Er blieb noch eine Weile bei mir sitzen, wohl, weil er versuchte, mich durch seine Anwesenheit zu trösten.
   »Ich bin todmüde«, sagte ich schließlich und gähnte. Eine schwere, erdrückende Müdigkeit legte sich um mich.
   »Völlig normal«, entgegnete er. »Völlig normal bei Kopfverletzungen.« Er zog mir die Bettdecke bis unter das Kinn. Danach drapierte er fürsorglich meine Arme darauf.
   Ich lag da wie eine Schaufensterpuppe; stocksteif, stumm und mit einem Vakuum im Kopf.
   »Völlig normal«, wiederholte Doktor Romberg sein Mantra. Leise durchquerte er das Zimmer und ging hinaus.
   Sobald er fort war, stand ich auf. Ich nahm meine Decke und ging zu dem weiß lackierten Schrank. Mit einem Aufatmen zog ich die Tür hinter mir zu.

So war das gewesen, und nun scheint der Moment meiner Entlassung gekommen.
   Daneben ist es auf jeden Fall befremdlich für mich, dass sich mein Gehirn nun wieder an Vergangenes erinnert: wenn auch nur an die letzten acht Tage. Ganz so, als wäre nichts geschehen. Als hätte mich an unserem Swimmingpool …
   »Sina-Mareen?«
   Ich fahre zusammen.
   Da ist etwas gewesen! Ein jähes Aufflammen einer Erinnerung, kurz nur, ganz kurz. Ein Bild. Grell und bunt, nicht größer als ein Pixel, doch jetzt ist es wieder verschwunden.
   Leander wartet. Sein Blick tastet mich ab, versenkt sich kurz in meinem und ruht danach eine Spur zu lang auf meinen Lippen. Seine Augen huschen über meine Brüste, den Bauch, weiter bis zu meinen Füßen und wieder zurück.
   »Bereit?«, fragt er und hebt meine gepackte Reisetasche hoch, als hätte sie kein Gewicht. Er wartet keine Antwort ab, sondern geht einfach los. Ich folge ihm zu Doktor Romberg, um mich zu verabschieden. Dabei hasple ich die Antworten auf die Fragen runter, die Leander mir auf Doktor Rombergs Anraten hin in regelmäßigen Abständen stellt, um mein Erinnerungsvermögen anzukurbeln. »Du bist?«
   »Sina-Mareen Hohwacht.«
   »Wie alt?«
   »Ähm, fünfunddreißig Jahre.«
   »Beruf?«
   »Ich bin Goldschmiedin.«
   »Familienstand?«
   »Verheiratet.« Mein Herzklopfen füllt meinen Brustkorb aus. »Mit dir. Leander Hohwacht, Moderator von Leander Late Night. Seit drei Jahren. Wir wohnen in Grahben und haben keine Kinder … keine Kinder.«
   Nachdem mich Doktor Romberg offiziell entlassen und mir noch einmal eingeschärft hat, regelmäßig zur Physiotherapie zu gehen, stehe ich im fahlen Licht einer Neonröhre neben Leander im Aufzug, und hier fällt mir eine Kleinigkeit an ihm auf. Er hat eine absonderliche Narbe an seinem Kinn. Helle, eng nebeneinanderliegende Dellen. Klein und nicht sehr tief. Sie sehen wie verblassende Kettenglieder aus. Spontan strecke ich eine Hand aus und betaste die Narbe mit den Fingerspitzen.
   »Was ist das?«
   »Zahnabdrücke.«
   »Zahnabdrücke?«
   »Ja. Ein Biss von Rick.«
   »Wer ist Rick?«
   »Mein Cousin.«
   »Was? Warum hat er das getan?«
   Leander nimmt meine Hand von seinem Kinn. Er lächelt ein schiefes Lächeln, bei dem sich der rechte Mundwinkel eine Idee mehr hebt als der linke.
   »Weil ich beim Darten gewonnen hatte.« Er lacht. Dabei scheint das Grün seiner Augen eine Spur grüner zu werden. »Das ist schon Jahre her! Wir waren noch Kinder. Na ja, Rick kann recht jähzornig sein. Und um bei der Wahrheit zu bleiben, ich hatte ihn ziemlich gereizt und meinen Spaß an seiner Wut gehabt. Jedenfalls, ehe ich mich versah, ging er auf mich los und biss zu.«
   »Meine Güte!«
   »Hm, ja. Er bekam einen Monat Hausarrest, was jammerschade für ihn war, denn wir hatten Sommerferien, und weil es nicht der erste Vorfall dieser Art war, landete Rick außerdem in der Psychotherapie, wo man ihn wegen seiner aggressiven Verhaltensstörung behandelte. Zumindest das Beißen haben sie ihm dort abgewöhnen können.«
   Wir sind in der zweiten Etage, da fällt mir noch etwas ganz anderes ein, etwas, das ich unbedingt wissen will. »Leander?«
   »Hm?«
   »Wer ist eigentlich Rainer Maria?«
   Leander setzt gerade zu einer Antwort an, da signalisiert uns das leise Ding des Aufzugs, dass wir im Foyer angekommen sind. Mit einem Zischlaut gleiten die Türen auseinander, und eine Frau mit dunklen Locken stürmt auf mich zu.

Kapitel 4

»Sina-Mareen!«, ruft die Frau, wobei sie mich aus dem Lift zerrt. Sie umarmt mich mit wahrer Inbrunst. Anschließend drückt sie mir ein Sträußchen Maiglöckchen und, wie sinnig, Vergissmeinnicht in die Hand. »Die sind für dich.« Sie lacht. »Erinnerst du dich? Das sind deine Lieblingsblumen! Dein Hochzeitsstrauß war daraus gebunden.«
   Kein Zweifel, das muss Lisa sein. Meine Schwester. Wir ähneln einander kein bisschen, finde ich. Kommt sie nach unserem Vater? Wer von uns sieht welchem Elternteil ähnlich? Verstehen wir uns gut? Oder geraten wir rasch aneinander?
   Die Frau schaut mich ohne Unterlass an. Erwartungsvoll. Bittend. Wie wenn ich bei dem Anblick der Blumen die Hände zusammenschlagen und laut jubelnd ausrufen müsste: »Aber natürlich! Maiglöckchen und Vergissmeinnicht, und jetzt erinnere ich mich auch wieder an alles Übrige aus meinem Leben!«
   Ein Lächeln liegt auf ihren Lippen. Mitgefühl spiegelt sich darin, Herzlichkeit und geschwisterliche Zuneigung. Für mich hingegen ist sie nichts weiter als eine liebenswürdige, mir vollständig unbekannte Frau mit dunklen Locken. Ähnlich wie eine Zufallsbekanntschaft.
   Unvermittelt breche ich in Tränen aus, worüber ich selbst zutiefst bestürzt bin.
   »Ach, du!« Meine Schwester legt behutsam einen Arm um mich. Ich spüre, dass sie mich gern hat. »Das wird schon wieder!« Sie führt mich hinaus auf den Parkplatz zu einem silbernen Audi. Gleichzeitig flüstert sie mir die ganze Zeit Trostworte zu, die mich in dem Leben vor diesem Leben getröstet haben mögen. Jetzt tun sie es nicht. Mir flattern die Nerven. Ich will zurück in meinen Schrank, aber das spreche ich natürlich nicht aus.
   Leander geht voraus. Er öffnet die Autotüren, stellt meine Tasche in den Kofferraum und setzt sich hinter das Steuer des von der Sonne aufgeheizten Wagens.
   Lisa und ich lassen uns im Fond nieder.
   »Dann wollen wir mal.« Leander zwinkert mir mit einem Auge aufmunternd im Rückspiegel zu. Ich finde heraus, dass ich diese Fertigkeit nicht beherrsche. Oder habe ich bloß vergessen, wie das geht?
   Bald verbreitet die Klimaanlage eine angenehme Kühle. Wir lassen den Stadtverkehr rasch hinter uns. Büsche und Felder fliegen vorüber, bevor wir für etliche Kilometer einer baumgesäumten Landstraße folgen. Die Eintönigkeit der Landschaft lässt mich ruhiger werden.
   Während der Fahrt sitzen meine Schwester und ich nebeneinander auf dem Rücksitz. Ich sehe, dass sie einige Male zum Sprechen ansetzt, es sich dann aber offenbar anders überlegt. Womöglich ahnt sie, dass ich mich nicht unterhalten möchte.
   Oder sie ist verunsichert und sich nicht im Klaren, worüber sie mit mir reden soll, jetzt, wo sie erstmalig persönlich mit dem ganzen Ausmaß meiner Amnesie konfrontiert wird.
   Ich habe keine Ahnung, ob ich meine Schwester, nein, ob ich Lisa mag, doch ich kann mir ehrlich gesagt gar nichts anderes vorstellen. Jedenfalls ist sie mir sehr sympathisch.
   Aus diesem Grund nehme ich, wenn auch zaghaft, ihre Hand, die neben meiner liegt, und drücke sie. Nicht, weil es mir Trost spenden soll, sondern ihr.
   Leanders und mein Zuhause ist ein Reetdachhaus inmitten eines eindrucksvollen Gartens. Um diese Jahreszeit blühen die Rosen und die Rhododendronbüsche in sämtlichen Farben. Vor der Tür hockt eine kohlschwarze Katze. Als sie uns sieht, kommt sie uns miauend entgegen und windet sich schnurrend um meine Beine.
   Bin ich ein Tierfreund? Mag ich Katzen?
   Leander nimmt die Katze hoch. Ein einzelnes weißes Barthaar sticht zwischen den schwarzen hervor. Das Tier reibt sein Köpfchen hingebungsvoll an Leanders Kinn. »Das ist Rainer Maria«, sagt er.
   Ich streichele das weiche Fell. Rainer Maria schnurrt noch lauter, was mich zum Lachen bringt. »Gehört er uns?«
   »Ja, dir. Du hast ihn nach Rilke, deinem Lieblingsdichter, genannt, und zwar wegen seines Gedichtes Schwarze Katze. Außerdem wolltest du unbedingt, dass er einen Doppelnamen bekommt, weil ich dich gern wegen deines Namensticks aufziehe.«
   »Namenstick?«
   »Ja. Du kannst es nicht ausstehen, wenn Namen verstümmelt werden – wie du es nennst. Wenn dich jemand mit Sina statt Sina-Mareen anspricht, könntest du an die Decke gehen.«
   Rainer Maria zappelt. Lachend setzt Leander ihn auf den Boden, von wo aus der Kater mit hoch aufgerichtetem Schwanz gemächlich in den Büschen verschwindet.
   Im Haus ist es schattig und kühl. Die Einrichtung, Möbel aus hellen Hölzern im mediterranen Stil, ist modern und freundlich. An den Wänden hängen Kunstdrucke und Gemälde, die Landschaften oder Stillleben darstellen. Üppige Pflanzen in Terrakottatöpfen sind im Haus verteilt, ein Ambiente wie in der Toskana.
   Das also ist mein Geschmack.
   Ich gehe von Zimmer zu Zimmer, als wäre ich ein Gast, der sich alles anschaut. Leander und Lisa folgen mir. Sie sehen aus, als ob sie erwarteten, dass ich mich bei meinem Rundgang jeden Augenblick in die ihnen vertraute Sina-Mareen verwandele, das Haus erkenne, meine Schwester, meinen Mann. Einfach alles.
   Sie wirken auf mich wie erwartungsvolle Kinder. Wie Tommy und Annika in der Villa Kunterbunt. Über diesen Vergleich muss ich lächeln, und ich sehe, dass es ihnen gefällt.
   Von der Diele führt eine geschwungene Treppe in das obere Geschoss. »Da oben sind die Schlafzimmer, Bad, Gästezimmer, mein Arbeitsraum und dein Atelier«, zählt Leander auf, als hätte ich ihn darum gebeten. Er fragt mich, ob ich hinauf möchte.
   »Später.«
   »Wie du willst.« Er nimmt meine Tasche und bringt sie allein nach oben.
   Im Wohnzimmer gibt es einen schlichten Marmorkamin. Auf dem Sims stehen mehrere Fotos. Lisa nimmt eines herunter. Darauf sind zwei grinsende, braun gebrannte Mädchen in Schwimmhöschen. Sie haben Zahnlücken, Pferdeschwänze und bauen an einem Strand eine Sandburg.
   »Das sind wir in Rimini«, erklärt sie. »Du warst sieben, ich fünf Jahre alt, und obwohl du die Ältere bist, warst du zu der Zeit schon kleiner als ich.«
   Sie zeigt mir die anderen Bilder. Unsere Eltern, Cornelia und Manfred, die geschieden sind. Ich ähnele eindeutig unserer Mutter, die seit ihrer Scheidung als Sekretärin bei einer Hausverwaltung arbeitet und ungefähr 350 Kilometer von hier entfernt wohnt. Unser Vater ist Polizist. Er hat sich seit Jahren nicht sehen lassen.
   »Noch nicht einmal zu deiner Hochzeit hat er sich gemeldet.«
   »Und wann war das?«
   »Vor drei Jahren. Im Mai.«
   Ach ja! Innerlich verdrehe ich die Augen. Das gehört zu den Dingen, die sie mir schon gesagt haben. Wie meinen Namen, Adresse, Beruf und meinen Geburtstag. Der fällt auf den zwanzigsten September, womit ich im Sternzeichen der Jungfrau geboren wurde und nun auch mein Horoskop lesen kann.
   Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von Leander sticht hervor. Er lächelt nicht. Sein Blick unter den halb geschlossenen Lidern geht in die Ferne. Er sieht nachdenklich aus, sogar ein bisschen schwermütig, irgendwie bittersüß.
   Lisa nimmt das nächste Foto. Darauf waren Götz und Eva-Maria Hohwacht abgebildet, Leanders Eltern. Meine Schwiegereltern. »Die sind an der Oper. Als Bariton und Sopran, glaube ich, und sogar ziemlich bekannt. Ihr seid euch nicht ganz grün.«
   Lehne ich sie ab? Oder ist es umgekehrt? Falls ja, weshalb? Ehe ich nachfassen kann, fährt Lisa fort mit ihren Erläuterungen. Der Mann, der lachend neben den Hohwachts steht, und den ich zuerst für Leander halte, heißt Hendrik. »Er ist Leanders Cousin.«
   Rick, der Beißer, denke ich.
   »Rick ist ebenfalls an der Oper. Allerdings als Bühnenbildner. Sein und Leanders Vater sind eineiige Zwillinge. Vielleicht bekommst du ja eines Tages ebenfalls welche!« Lisa stellt das Bild wieder an seinen Platz.
   Es folgt ein Schnappschuss von Ute und Tom Herzsprung-Herder. Was für ein Zungenbrechername! Ute, erfahre ich, ist meine beste Freundin. Sie hat ihren Tom erst vor rund einem Monat geheiratet, und zwar heimlich während eines Urlaubs in Dänemark. Was ich überaus romantisch finde.
   »Und das«, Lisa zeigt auf ein älteres Paar, »sind Isolde und Werner Brüning. Leanders Ersatzeltern sozusagen. Sie haben für seine Eltern gearbeitet, denn die waren ständig unterwegs. Hm, sind sie eigentlich heute noch! Die Brünings haben sich jedenfalls seinerzeit um das Haus gekümmert, und um Leander natürlich!«
   Wie auf ein Stichwort erscheint Leander.
   Er nickt mir nicht unfreundlich zu, schiebt die schweren Glastüren zur Seite und geht hinaus auf die Terrasse. Hier lässt er sich mit einem Aufseufzen in einen der Rattansessel fallen.
   Als ich mich in den Sessel daneben setze, stolpert mein Blick über den Pool. Das Wasser glitzert in der Sonne. Selten hat mich ein Anblick derart beunruhigt. Ich bin richtiggehend froh, dass Leander vorschlägt, etwas Kaltes zu trinken zu holen.
   »Ich würde das gern machen«, sage ich. Rasch stehe ich auf. »Um mich so schnell wie möglich wieder zurechtzufinden. Hilfst du mir, Lisa?«
   »Klar.« Sie geht voran, und ich folge ihr in die Küche. Ohne zu überlegen, holt Lisa ein Tablett hervor. Sie stellt es auf den Tisch, öffnet einen Schrank, nimmt einen Krug und Gläser heraus.
   »Du kennst dich gut aus.«
   Sie nickt. »Sicher. Ich bin oft hier, wenn ich freihabe. Zusammen mit Klaus.« Sie kichert zufrieden. »Deinem zukünftigen Schwager. Vielleicht! Holst du den Eistee aus dem Kühlschrank?«
   Lisa erzählt, dass Klaus Pilot ist. Er arbeitet für dieselbe Fluglinie wie sie.
   Ich nehme den Tee aus dem Kühlschrank, Eiswürfel aus dem Gefrierfach und fülle beides in den Krug, den ich anschließend zu den Gläsern auf das Tablett stelle.
   »Was tun wir, wenn du mich besuchst?«
   »Na, was man halt so macht. Wir unterhalten uns, spielen Karten und gehen spazieren oder leihen Filme aus. Bei schönem Wetter schwimmen wir. Wir kochen und grillen oft. Du und Klaus, ihr seid fleischfressende Pflanzen.« Sie lacht. »Außerdem fahren wir häufig in die Stadt, weil du so gern Buchläden abklapperst. Unsere Stadtbummel haben dir gefehlt, als du hergezogen bist. Anfangs warst du nicht sehr glücklich über dein«, sie setzt Anführungszeichen in die Luft, »Eremitendasein mitten in der Pampa.«
   In der Pampa. Das habe ich gesagt?
   Lisa erzählt mir, dass ich in den ersten Monaten, die ich hier wohnte, zwischen der Stadt und dem Dorf hin und her gependelt bin. Ich habe zunächst nicht ernsthaft daran gedacht, völlig aufs Land zu ziehen. Ödes Kaff habe ich die Handvoll Häuser genannt.
   Doch dann kam alles ganz anders. Je länger ich hier lebte, umso wohler fühlte ich mich, und desto mehr kristallisierten sich die Vorteile heraus. Mit dem Auto brauchte man nicht länger als eine gute Dreiviertelstunde bis in die Stadt, die nächsten Nachbarn gab es nur knapp in Sichtnähe, und es war ruhig und friedlich zwischen den Feldern, Wiesen und dem angrenzenden Wald. Ein Umstand, der mir bei meiner Arbeit, immerhin ein Kunsthandwerk, mehr als gelegen kam, wie ich offenbar feststellte. Außerdem wollte ich mir endlich einen alten Traum erfüllen und den Sprung in die Selbstständigkeit wagen.
   Das Haus war geräumig. Es bot reichlich Platz für ein eigenes Atelier, das mich zudem keinen Cent kostete, und allmählich wurde mir deutlich, dass der Nutzen die Nachteile überwog.
   Zuerst nahm ich nur Auftragsarbeiten von Juwelieren an, später auch von Privatleuten. Nebenher entwarf ich eine eigene Kollektion, die sich, für mich überraschend, sehr schnell als Erfolg entpuppte.
   Die Folge war ein kleiner Schmuckvertrieb und gut gefüllte Auftragsbücher, denn die Qualität und der Charme meiner Arbeiten sprachen sich herum.
   Lisa, die all dies hervorsprudelt, nimmt das Tablett und geht zur Tür. »Mittlerweile findest du es mehr als in Ordnung, hier zu leben. Ich würde sagen, du liebst es. Du hast dir viel Zeit genommen, alles neu herzurichten, bevor du zu Leander gezogen bist. Dabei gingst du uns mit deiner Pingeligkeit ziemlich auf die Nerven.«
   »Aber jetzt gefällt es mir, sagst du?«, hake ich nach.
   »Mhm«, macht Lisa zustimmend. Sie geht in Richtung Garten. »Sehr sogar! Obwohl …«
   »Ja?«
   Sie zögert mit der Antwort.
   »Obwohl was, Lisa?
   »Na ja. In den ersten Wochen hattest du ein höchst eigenartiges Gefühl, im Haus seiner verstorbenen Frau zu leben.«
   »Wessen verstorbener Frau?«, frage ich, obwohl die Antwort auf der Hand liegt.
   »Seiner natürlich«, antwortet Lisa. »Leanders Frau.«

Kapitel 5

Lisas letzter Satz hallt wie das Echo eines Glockenschlages in mir nach. Was soll ich auf diese Eröffnung erwidern, wie darauf reagieren? Alles erscheint mir schwierig. Mir geht derart viel auf einmal durch den Kopf, dass ich keinen klaren Gedanken fassen kann.
   Doch Lisa scheint auch nichts zu erwarten. Sie ist einfach weitergegangen. Raus zu Leander, als wäre nichts gewesen, als hätte sie nur eine Bemerkung über das Wetter gemacht.
   Von draußen höre ich, dass sich die beiden unterhalten, allerdings kann ich kein Wort verstehen. Ich will Lisa unbedingt einiges über diese Frau fragen. Über Leanders tote Frau! Aber nicht, während er dabei ist.
   Ich schleiche nach oben. Dort angekommen, erkenne ich reinweg nichts wieder. Obwohl ich alles selbst eingerichtet haben muss.
   Der flauschige pfirsichfarbene Teppich im Gang riecht neu. Er scheint erst kürzlich verlegt worden zu sein. Eine von fünf Türen steht auf. Ich gehe darauf zu und sehe an dem schmiedeeisernen Bett, dass es unser Schlafzimmer sein muss.
   Meine Tasche steht unausgepackt vor einem beachtlichen Schwebetürenschrank. Er ist wunderbar! Groß, opalfarben und matt glänzend, als wäre er aus Perlmutt gefertigt. Ein Elfenbeinturm. Beinahe geräuschlos gleiten die Türen zur Seite, als ich ihn öffne.
   Die rechte Seite ist vollgestopft mit Frauengarderobe. Im Mittelteil hängen nur sehr wenige Sachen von Leander. Zwei, drei Jeans, einige Hemden. Scheinbar legt er keinen Wert auf seine Kleidung. Außerdem finde ich noch Bettwäsche und mehrere Wolldecken.
   Links ist alles leer.
   Ich nehme eine der Decken, lege sie in den leeren Schrank, setze mich hinein und schließe die Tür.
   Beinahe sofort werde ich ruhiger.
   Ich ziehe die Beine an, umschlinge sie mit den Armen, lege meine Stirn auf die Knie.
   Und denke nichts.
   Gar nichts.
   Zuerst sucht niemand nach mir. Ich bin froh, dass sie mich in Ruhe lassen, doch nach einiger Zeit ruft Leander nervös herauf, wo ich bleibe. Daraufhin schiebe ich widerstrebend die Tür zur Seite und antworte, ich wäre gern eine Weile für mich – was offenbar stillschweigend akzeptiert wird.
   Irgendwann macht sich Lisa, die ihren Wagen hier abgestellt hatte, bevor sie mit Leander ins Krankenhaus gefahren ist, auf den Heimweg. »Mach’s gut, Sina-Mareen!«, schallt es zu mir herauf. »Ich melde mich, sobald ich aus den Staaten zurück bin!«
   »Mach’s auch gut!«, rufe ich munterer zurück, als ich mich fühle.
   Kurz darauf fährt sie davon.
   Plötzlich steht Leander im Zimmer.
   Durch den Türspalt sehe ich, dass sein Blick sofort auf den Schrank fällt. Er kommt herüber und lässt sich auf dem Teppich nieder.
   »Sina-Mareen?«
   Der Tonfall, in dem er diesen Namen ausspricht, fühlt sich an wie eine Zärtlichkeit. Wie eine Hand, die in einem Samthandschuh steckt und damit träge über meine nackte Haut fährt.
   »Bist du da drinnen?«
   »Mhm.«
   »Ist alles in Ordnung?«
   Ich muss lachen – bestimmt eine hysterische Reaktion, die in mir aufwallt. Ich bin eine von den Toten auferstandene Fremde unter Fremden in der Fremde. Ich sitze in einem Kleiderschrank in dem ehemaligen Zuhause einer toten Frau und überlege, wie ich weiterleben soll.
   Trotzdem lüge ich, versichere Leander, dass es mir gut geht. Ich möchte ihn bitten, mir etwas zu erzählen. Einfach die Augen schließen, mich von seiner Stimme berühren lassen und gelassener werden, doch das geht nicht! Nicht, bevor ich Gewissheit habe.
   »Ich bin deine zweite Frau?«
   »Du erinnerst dich also?«
   »Nein. Lisa hat es mir gesagt.«
   »Ja. Es stimmt.« Er flucht leise, bevor er weiterspricht. »Jennifer, meine erste Frau, starb zwei Jahre bevor ich dich kennenlernte.«
   »War sie krank?«
   »Nein.«
   »Ein Unglück?«
   »Man könnte es so ne…«
   »Könnte?«, falle ich ihm ins Wort. »War es ein Unglück oder nicht?«
   Stille.
   »Leander?«
   Ein tiefes Durchatmen seinerseits. »Sie ist ertrunken.«
   Das folgende Schweigen ist allumfassend und angespannt. Ich komme mir vor, als würde Kühlflüssigkeit durch meine Venen geleitet. Trotz der Wärme hier drinnen friere ich.
   »Wir werden noch über Jennifer reden«, unterbricht er meine Gedanken. »Aber nicht heute. Nicht jetzt, sondern erst, wenn es dir besser geht und du alles verstehst.«
   Er sagt es so bestimmt, dass mir klar ist, es hätte keinen Zweck, ihn überreden zu wollen, und dann sickern seine Worte zu mir herein, weich und ölig wie zerlassene Butter. »Ich mache mir Sorgen um dich.«
   Es ist dieselbe Stimme, die im Krankenhaus vor dem Kleiderschrank gesungen hat. Die Erinnerung an seinen Gesang erfüllt mich wie süße, sahnige Creme. Zärtliche Gefühle hüllen meine Verwirrung so lange in rosa Tüll, bis sie nicht mehr zu erkennen ist. Unter meiner Hand gleitet die Schwebetür vollends zur Seite.
   Verlassen liegt das Schlafzimmer vor mir.

Kapitel 6

In der folgenden Zeit sehe ich Leander kaum, denn er ist eigentlich ständig unterwegs. Ist das immer so?, frage ich mich. Oder weicht er mir aus? Aber aus irgendeinem Grund stelle ich ihm diese Fragen nicht.
   Nachts muss er natürlich ins Studio. Als Moderator seiner Telefon-Talkshow, die gleichzeitig im Radio und im Fernsehen übertragen wird: Leander Late Night.
   Die Sendewoche beginnt in der Nacht von Montag auf Dienstag und endet in der Nacht von Freitag auf Samstag. Seine Sendung läuft von 1:00 bis 3:00 Uhr. Meist kommt er gegen 4:30 Uhr aus dem Studio, fährt nach Hause, isst und schläft dann bis in den späten Mittag hinein.
   Während der Sendezeit werden die Telefonate live übertragen. Es wird schlichtweg über alles gesprochen. Über Beziehungsprobleme, Sex, Krankheit, Religion, Tod oder auch ganz aktuelle Sachen. Wie der Fall Fritzl zum Beispiel, die Diätenerhöhungen oder die Fußballeuropameisterschaft, die in Österreich und der Schweiz ausgetragen wird. Viele dieser Geschichten hat er mir im Krankenhaus erzählt. Weshalb hat er stattdessen nichts von uns, unserem Leben, unserem Zuhause und all dem hier gesagt?
   Einmal, als er morgens nach Sendeschluss nach Hause kommt, sich vor den Schwebetürenschrank setzt, um mit mir die erste Tasse Kaffee zu trinken, frage ich ihn danach.
   »Doktor Romberg hält es für besser, dir möglichst wenig zu erzählen. Du sollst dich von allein erinnern, um nicht andere Erinnerungen für deine zu halten oder dir womöglich was zurechtzubasteln.«
   Er reicht mir eine Tasse durch den Spalt. Der Kaffee ist stark und schwarz. So muss ich ihn vor dem Unfall wohl gemocht haben, aber jetzt sehne ich mich nach einem kräftigen Schuss sahniger Kondensmilch darin, denn so habe ich ihn in der Klinik getrunken.
   Ich habe mich im Verdacht, dass ich sehr auf meine Figur bedacht war und jede unnötige Kalorie, jedes Quäntchen Fett gemieden habe. Ich wirke regelrecht ausgemergelt auf mich. Für meine Vermutung spricht außerdem der sehr gut ausgestattete Fitnessraum im Keller.
   »Romberg hat mir gegenüber nicht erwähnt, dass er es für besser hält, wenn ich mich ohne Hilfe erinnere«, wende ich ein.
   »Und?«
   »Wenn mir möglichst wenig mitgeteilt werden soll, warum hat Lisa mir dann erklärt, wer auf den Fotos ist?«
   Er pustet auf seinen Kaffee, trinkt vorsichtig und linst zu mir herein.
   »Sie hat doch nichts von Bedeutung gesagt. Nur, was man auch einem Fremden oder Besucher erzählen würde.«
   Ich verziehe die Lippen, trinke und schlucke das schwarze Gebräu mit Verachtung hinunter. »Das stimmt nicht.«
   »Was meinst du?«
   »Sie hat mir erzählt, dass sie mich oft hier besucht. Mit diesem Klaus. Dass ich das Haus neu eingerichtet habe, bevor ich einzog, gern allein hier draußen bin und diese Sache … diese schlimme Sache …« Ich stottere herum, komme nicht weiter.
   »Ja?« Der Samt seiner Stimme.
   »Mit Jennifer.«
   Er atmet hörbar aus, und ich errate, dass Jennifer kein Thema zwischen uns sein wird.
   »Lisa plappert zu viel, ohne groß nachzudenken. Das ist alles.«
   »Du meinst nach dem Motto, vor Inbetriebnahme des Mundwerks ist das Gehirn einzuschalten?«
   »Ja.« Ein Lachen hat sich zwischen seine Worte gestohlen. »Das ist übrigens genau das, was du häufig über sie gesagt hast.«
   »Glaubst du, es ist eine Erinnerung?«, will ich aufgeregt wissen.
   Leander rappelt sich auf und geht zur Tür. »Fühlt es sich so an?«
   Er wartet keine Erwiderung meinerseits ab. Ich höre, wie er die Treppen hinunter in die Küche geht, um zu frühstücken.
   Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, sein Frühstück vorzubereiten. Das habe ich vorher nie getan, behauptet Leander, weil ich selbst kaum je frühstückte.
   Während das Klappern von Geschirr und Rainer Marias bettelndes Miauen heraufdringt, überlege ich, ob das eben tatsächlich eine Erinnerung war.
   Aber ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht!

Die Tage vergehen.
   Morgens stehe ich auf, dusche, frühstücke und bin froh, dass ich noch nicht arbeiten muss, weil ich es ganz einfach noch nicht kann.
   Ich habe das Atelier »wegen Krankheit auf unbestimmte Zeit geschlossen«. So steht es auf dem Firmenschild in unserer Auffahrt, ebenso auf meiner Homepage, und so lautet die Ansage auf dem Anrufbeantworter.
   Es ist einer der wenigen Vorteile, die ein Freiberufler hat. Durch die Arbeitsunfähigkeitsversicherung wird mich die erzwungene Auszeit finanziell zumindest nicht ruinieren. Aus irgendeinem Grunde möchte ich Leander nicht auf der Tasche liegen. Was seltsam ist, wie ich finde, da wir doch miteinander verheiratet sind. In guten wie in schlechten Tagen. Trotzdem empfinde ich so.
   Es dauert nicht lange, bis ich mich hier leidlich gut auskenne. Kann es sein, dass, wenn sich mein Verstand auch nicht entsinnt, sich mein Körper reflexartig an die ihm vertraute Umgebung erinnert? Ähnlich wie bei einem Spitzensportler? Einem Diskuswerfer vielleicht, der dieselben komplizierten Bewegungsabläufe immer und immer wieder trainiert, sie verinnerlicht, und seine Gliedmaßen rufen dieses Wissen später im Wettkampf einfach ab.
   Hat ein Körper mit seinen Muskeln, Sehnen und Nerven ein eigenes Gedächtnis? Oder woher weiß meine Hand, dass rechts von der Kellertür ein Lichtschalter ist, und betätigt ihn, ohne dass mein Verstand es ihr befohlen hat?
   Vom Dachboden über den Keller bis in den Garten ist mir bald alles wieder geläufig. In der Garage steht eine chromblitzende alte Harley-Davidson. Sie sieht aus wie das Motorrad auf dem Filmplakat, das dort hängt: The Wild One, so heißt der Streifen mit Marlon Brando. Haben Leander und ich uns diesen Film zusammen angesehen? Ist es sein Lieblingsfilm – oder meiner? Ich habe keine Ahnung.
   Nichts, wirklich gar nichts, ist mir vertraut. Oder besser gesagt, ich habe überhaupt keinen Bezug zu den Dingen um mich herum. Sie erzählen mir keine Geschichten, verursachen keine Empfindungen. Ich verbinde nichts mit ihnen. Sie könnten genauso gut jemand anderem gehören. Alles in mir bleibt leer, löst keine Emotionen oder Bilder aus. Weder muss ich lächeln noch weinen.
   Stattdessen begleitet mich ständig das Gefühl, in den Sachen einer Fremden herumzuschnüffeln und nur zu Besuch hier zu sein. Oder in einer privat vermieteten Ferienwohnung zu leben.
   Bei persönlichen Besitztümern ist es am schlimmsten. Es lässt mich beinahe verzweifeln! Warum habe ich das herzförmige Blatt einer Linde sorgfältig gepresst, in einen kostbaren Glasrahmen getan, um es dann ganz unten in meiner Nachttischschublade unter Taschenbüchern, Ohropax, Kopfschmerztabletten und einem Päckchen Tempos zu vergraben? Das macht doch keinen Sinn!
   Und da ist der Schreibtisch in meinem Atelier. Er ist abgeschlossen. Ich habe keine Ahnung, wo der Schlüssel ist, und bin beunruhigt, dass ich ihn überhaupt verschlossen habe. Warum? Schnüffelt Leander in meinen Sachen herum? Misstraue ich ihm, oder ist es bloß eine Marotte?
   Mein Handy liegt auf dem Schreibtisch. Den PIN-Code weiß ich nicht, aber Leander behauptet, so etwas notiere ich in meinem Telefonregister, weil ich mir Zahlen grundsätzlich schlecht merken kann. Darum blättere ich es durch, schaue unter P wie PIN nach, finde aber lediglich die Rufnummer einer Pizzeria, die Pino’s heißt.
   Unter H wie Handy werde ich fündig; der Code lautet 7353. Darüber muss ich lachen. Gibt man die Ziffern in einen Taschenrechner ein und stellt sie auf den Kopf, ergeben sie das Wort Esel. Keine Ahnung, woher mir das zufliegt, aber es erscheint mir auf komische Weise passend. Habe ich den Code so beantragt, weil ich mir Zahlen schlecht merken kann?
   Außerdem steht da noch eine Handynummer. Ohne Namen, einfach nur eine Zahlenfolge, quer über das Papier geschrieben 0177/669 441 082, und dahinter, sorgfältig gezeichnet und ausgemalt <3
   Ich finde das ausgesprochen albern. Glaube ich, doch tief in mir drinnen versetzt es mir einen nadelfeinen Stich.
   Mit der Kuppe des Zeigefingers gleite ich über die Nummer und das Herz und frage mich: Was hat das zu bedeuten?

Kapitel 7

Ich schlafe schlecht, und meine Träume sind schlimm. Oder besser mein Traum, denn es ist immer derselbe; das Echo der Stimme in meinen Gehörgängen.
   Ich falle in den Swimming-pool und versinke. Das schwarze Wasser nimmt mir den Atem. Reflexartig ringe ich nach Luft, mein Brustkorb fühlt sich an, als würde er von einer großen Faust zusammengepresst. Mein Herz rast zum Zerspringen. In meinem Schädel zucken bläulichweiße Blitze, und meine Trommelfelle platzen schmerzhaft unter dem entsetzlichen Druck in meinem Kopf.
   Panik steigt in mir auf, als ich spüre, wie meine Kräfte erlahmen. Ich bin sicher, dass ich es nicht länger aufhalten kann – trotzdem kämpfe ich weiter, bis das Wasser schließlich meine Lungen füllt und meinen letzten Widerstand verschlingt.
   Ich erschlaffe.
   Die Faust, die mir eben noch die Brust zuschnürte, scheint sich nun um meine Knöchel zu legen und mich mit aller Macht nach unten zu ziehen.
   Tiefer.
   Und tiefer.
   Ich versinke in Schwärze.
   Das ist der Moment, in dem ich schreiend und wild um mich schlagend hochschrecke. Danach kann ich nicht mehr schlafen, bin ein zitterndes Bündel aus Fleisch und Blut und blanken Nervensträngen.
   In solchen Nächten streife ich durch die Einsamkeit des Hauses. Das Ticken der Standuhr, die in der Diele steht, erfüllt scheinbar jeden Winkel. Meist tippelt Rainer Maria hinter mir her. Er stupst mir sein Mäulchen so lange in die Kniekehlen, bis ich ihm einen nächtlichen Imbiss serviere. Er bevorzugt Kochschinken, habe ich herausgefunden. Hat er ihn bekommen, verschwindet er durch die Katzenklappe in der Küchentür hinaus in die Nacht.
   In Leanders Arbeitszimmer riecht es nach Leander. Deswegen setze ich mich gern in seinen Schreibtischstuhl. Ich schalte den Fernseher ein, der dort steht, um mir seine Sendung anzuschauen. Es gibt mir das Gefühl, er wäre hier.
   Leander sieht so gut aus, dass ich häufig eine Hand ausstrecke, um sein Gesicht auf dem Bildschirm zu berühren. Seine Augen glitzern wie dunkelgrüner Turmalin. Seine ungezwungene Art, mit den Anrufern umzugehen, gefällt mir.
   Er ist einfühlsam, kann wirklich gut zuhören, und man spürt, dass ihn die Probleme dieser Menschen beschäftigen. Manchmal versucht er, ihnen Ratschläge zu geben.
   Und seine Stimme! Wenn ich die Augen schließe und ihm zuhöre, kann mein Körper nicht anders, als auf Gänsehaut zu schalten. Ich wünsche mir, dass ich nicht vergessen hätte, wie es sich anhört, wenn er sagt »Ich liebe dich.« Aber ich tröste mich damit, wenigstens zu wissen, wie es sich anhört, wenn er diesen Aerosmith Song singt.
   Das kann nur heißen, dass er mich liebt. Was macht es da schon, dass er diese drei kleinen Worte nie ausspricht, sich häufig distanziert verhält und im Gästezimmer schläft?
   Das hat ganz sicher mit meiner Amnesie zu tun. Er weiß, dass er für mich ein völlig Fremder ist, darauf nimmt er Rücksicht. Er muss sich wohl vorstellen, wie beklemmend und schrecklich es für mich wäre, in einem fremden Haus zu einem mir Unbekannten ins Bett zu steigen.
   Obwohl ich, wie ich ehrlich zugeben muss, gar nichts dagegen einzuwenden hätte!
   In meinem Innersten fühle ich ein begehrliches, schmerzhaftes Ziehen, sobald ich daran denke. Bei der Vorstellung seiner Hände auf meinem Körper, seinem Gesicht über meinem, während er sich in mir bewegt, wird meine Mundhöhle trocken, und mein Puls schlägt schneller. Zumindest mein Körpergedächtnis scheint sich sehr, sehr gut an Leander zu erinnern …
   Doch er berührt mich nie.
   Manchmal entstehen höchst prickelnde Momente. Ausgelöst durch einen Wortwechsel, oder wenn ein Körper den anderen zufällig streift, bloße Haut auf Haut trifft, flüchtig, ganz kurz nur. Wir stehen dann still, erstarrt. Wie in einem Film, den jemand angehalten hat.
   Wortlos sehen wir uns an. Wenden uns wie in Zeitlupe einander zu. Fast könnte man glauben, wir wollten uns noch einmal berühren. Mit den Lippen, den Zungen. Die Luft um uns herum lädt sich auf, als wäre sie mit irgendeiner mächtigen Energie angefüllt. Sie kommt mir dann auch leuchtender vor, und sie kribbelt und knistert. Ich kann es sogar hören.
   Ich beobachte, wie sich der Flaum auf Leanders Haut aufrichtet, während sein Blick, den ich leider nicht zu deuten vermag, meinen festhält. Dann sind meine Gedanken wie Aufschreie: Tu’s doch. Tu. Es. Endlich. Küss mich.
   Bitte.
   Aber Leander, er reißt sich los, verhält sich so, als hätte er nichts gespürt. Er wendet sich ab, ein Fremder, und redet einfach weiter. Der Zauber ist gebrochen.
   Was würde geschehen, wenn ich es tun würde? Mich einfach auf die Zehenspitzen stelle, meinen Mund auf seinen lege und ihn küsse? Ach, hätte ich nur den Mut dazu!
   Wenn ich nicht in seinem Büro fernsehe oder mir alte Aufzeichnungen von Leander Late Night anschaue, schalte ich im Schlafzimmer das Radio ein, setze mich in den Kleiderschrank, höre von dort seiner Sendung zu und sehne mich nach ihm.
   Tagsüber schläft Leander lange. Ich selbst habe genug im Haus und im Garten zu tun, denn Frau Hischer, unsere Haushaltshilfe, wie Leander sagt, ist im Urlaub.
   »Sie kommt montags, mittwochs und freitags«, hat er mir erklärt.
   Der Gedanke, dass eine weitere mir Unbekannte in mein Leben tritt, stimmt mich nicht gerade heiter. Ich frage Leander, wann sie zurückkommt, und erfahre, dass dies in einer Woche der Fall sein wird.
   »Im Mai nimmt sie einen Monat frei und fährt spätestens an Pfingsten zu ihrer Familie in die Lausitz. Sie ist einen Tag vor deinem Unfall abgereist.«
   Damit bleibt mir noch etwas Zeit, mich auf diese Frau vorzubereiten. In der Zwischenzeit erfasse ich, wie mein bisheriges Leben aussah. Ich lerne es auswendig, pauke es mir ein, so, wie man früher in der Schule Gedichte einstudierte oder als Teenager die aktuellsten Hits zum Mitsingen: dass ich dienstags und donnerstags einkaufen gehe, und zwar bei Zoom, einem Riesensupermarkt an der Stadtgrenze, dass Leanders Lieblingsgericht Hühnchen Curry-Madras ist und meines (zu meinem Erstaunen, wegen der vielen Kalorien) Himmel und Erde.
   Dass ich jeden Freitag mit einem Freund zum Joggen gehe und die dürre Frau an der Tankstelle nicht ausstehen kann. Dass ich gern koche und aufräume, aber Fensterputzen und Bödenwischen hasse.
   Außerdem bin ich gern allein. Ich unternehme lange Spaziergänge, kann nicht stricken, häkeln, nähen oder sonst irgendwelche Handarbeiten, und bedauerlicherweise kann ich auch nicht malen oder bildhauern.
   Aber, erläutert Lisa mir einmal, ich kenne die Bedeutung der Blumen. Ich spreche gewissermaßen Blumisch, wie unser verstorbener Großvater, ein Hobbygärtner und hoffnungsloser Romantiker, es nannte.
   Ich lese viel und leidenschaftlich gern. Psychothriller, Krimis, humorvolle Romane und seit meiner Kindheit mit Begeisterung alles, was Astrid Lindgren je geschrieben hat. Insbesondere die Bullerbü-Geschichten haben es mir angetan. Wie gern wäre ich eines der Bullerbü-Kinder gewesen! Am liebsten Inga, behauptet meine Schwester.
   Einer der Schränke ist randvoll mit Hörbüchern derselben Genres und Musik-CDs. Unter anderem von Queen, Robbie Williams, Genesis, Nickelback und Aerosmith.
   Selbst beherrsche ich jedoch kein Instrument. Nicht einmal eine simple Blockflöte. Ich singe nur beim Kochen oder bei der Gartenarbeit. Allerdings eher leidenschaftlich als gut, wie Leander nicht zu bemerken versäumt.
   Ich habe zu meinem Bedauern weder außergewöhnliche Hobbys noch große Talente. Außer dass ich nicht nur eine hervorragende Goldschmiedin bin, wie Leander betont, sondern auch eine gefragte Schmuckdesignerin, gab es über mich nichts Erwähnenswertes herauszufinden.
   Wie es scheint, bin ich eine rechte Eigenbrötlerin und kann mir lebhaft vorstellen, dass ich im Alter eine verschrobene Greisin sein werde, der man scheele Blicke zuwirft, wenn sie vor sich hin murmelnd durch die Straßen schlurft.
   All das – und einiges mehr – weiß ich schnell, doch es fühlt sich nicht echt an. Eher wie eine Rolle, die ich auswendig lerne für meine ganz private Soap. Das wirklich Wichtige offenbart sich mir dadurch nicht, alles bleibt offen. Ich erfahre nichts, rein gar nichts über meine Gefühlswelt.
   Man kann sich zwar einprägen, ob einer der Gegenstände, die einen umgeben, ein Geschenk war, das man sich schon lange gewünscht hatte, aber nicht, wie es sich anfühlte, als man es endlich in Händen hielt.
   Oder was ich empfunden habe, als ich den karamellfarbenen Bernstein von der Größe eines Taubeneis am Ostseestrand fand, oder wie es war, als ich mich in Leander verliebte. Sehr, sehr oft denke ich über diese Dinge nach.
   Eines Tages vertraue ich mich Leander an. Es ist Freitagmorgen kurz nach halb fünf, eine Woche nach meiner Entlassung. Leander ist eben mit der obligatorischen Tasse Kaffee (mit Kondensmilch!) nach oben gekommen, die er mir nun in den Schrank reicht. Es ist ein weißer Porzellanpott, mit Marienkäferchen übersät, leicht angelaufen, eine winzige Ecke ist am Rand herausgeschlagen. Ich habe gelernt, dass ich sie von meiner Großmutter zur Einschulung geschenkt bekommen habe.
   Ich sitze in meinem Schutzraum und fühle mich kein bisschen wie Sina-Mareen. Ich bin einfach nur Sina. Die Frau im Schrank. Der mich abschirmt, behütet und umgibt wie ein Tierpanzer, wenn mich die Welt da draußen überfordert. In diesen Minuten bin ich so verletzlich. Ich spüre die aufgewühlten Schläge meines Herzens und höre mir zu, wie ich mich bei meinem Mann ausjammere.
   »Du schreibst Gedichte«, erwidert Leander, als ich endlich still bin. »Manchmal. Ich finde sie recht gut«, fährt er zu meiner Verblüffung fort. »Du hast einige in Anthologien veröffentlicht. Die Bücher stehen in deinem Atelier im Regal.« Und er zitiert:
   »Endlos küssen will ich dich
   deine Lippen – suchen, tasten, finden
   deine Lippen – streifen, spüren, kosen
   deine Lippen – netzen, saugen, kosten
   Endlos küssen will ich dich.«
   Aus der Deckung des Schrankes beobachte ich, wie seine Gesichtszüge ganz weich werden, ganz liebevoll. Die grünen Augen richten sich auf etwas, das nur er sehen kann. Sein großer, wunderschön geschwungener Mund verzieht sich zu einem sehnsuchtsvollen Lächeln, bei dem sich der rechte Mundwinkel ein ganz kleines bisschen mehr in die Höhe zieht als der linke.
   Vermutlich denkt er an die Vergangenheit. An glückliche Stunden und hingebungsvolle Momente, die wir miteinander genossen haben, bevor alles so kompliziert wurde.
   Ich beneide ihn darum. Glühend!
   Eine Welle zärtlicher Gefühle umspült mich. Sie lässt mich die Schwebetür weiter öffnen. Meine Hand schiebt sich wie von selbst heraus, sie will sein Gesicht berühren, zu den kantigen Wangenknochen fahren, weiter zu dem mit nachtblauen Bartstoppeln bedeckten Kinn und von dort zu seinen Lippen. Ich wünsche mir, dass er meine Fingerspitzen mit kleinen Küssen bedeckt und mich aus diesem Schrank herausholt. Zu sich.
   Jetzt schaut er zu mir.
   Für die Dauer eines Wimpernschlages verschmelzen unsere Blicke. Dann verfängt sich meine Hand, die wie ein blasser Falter in der Luft schwebt, in seinem dichten Haar und durchwühlt es.
   Seine Hände umschließen mein Gesicht so sanft, so vorsichtig, als wäre es aus Biskuitporzellan. Atemlos zieht er mein Gesicht zu seinem. »Sina-Mareen«, murmelt er. »Oh Gott.«
   Es geht mir durch Mark und Bein. Ich spüre, wie meine Lippen schwellen, prall und heiß werden. Mein Körper scheint nur noch aus hochempfindlichen Nerven zu bestehen, als sich sein Mund meinem nähert, so nah kommt, dass es sich anfühlt, als würde er mich tatsächlich berühren.
   Doch irgendetwas hält ihn zurück. Ich sehe es in seinen Augen, die sich urplötzlich verdunkeln, und ich merke, dass sich Leander verkrampft.
   Die. Zeit. Steht. Still.
   Aber sie rast weiter, als es unten an der Haustür Sturm läutet.

Kapitel 8

Vor der Tür steht Lisa.
   Sie ist ungeduldig. Ihren Finger hat sie noch auf dem Klingelknopf, als ich ihr öffne.
   »Wo bleibst du denn?«, wirft sie mir statt einer Begrüßung an den Kopf und poltert herein. »Du bist ja noch im Nachthemd!« Sie schaut auf ihre Armbanduhr. »Meine Güte, es ist gleich zwanzig nach sieben. Beeil dich, wir haben nur noch eine knappe Stunde!«
   Erst da fällt es mir wieder ein: Heute habe ich meinen ersten Termin bei der Therapeutin, Doktor Vogel. Ich habe gar nicht bemerkt, wie die Zeit vergangen ist.
   »Keine Sorge, ich brauche nicht lange«, sage ich. Schnell schließe ich die Haustür. »Nimm dir einen Ka…«
   »Schon geschehen«, ruft Lisa aus der Küche. Sie setzt sich mit ihrer Tasse an den Esstisch. »Nun mach schon!«
   Ich schließe meine Morgentoilette in Rekordzeit ab und gehe ins Schlafzimmer, um mich anzuziehen.
   Ich bin enttäuscht, als ich sehe, dass sich Leander nicht in unser Ehebett gelegt, sondern sich wieder ins Gästezimmer zurückgezogen hat, dessen Tür fest verschlossen ist.
   Das hatte ich nicht erwartet. Ich frage mich, wie lange das noch in dieser Art weitergehen soll.
   Und warum es so ist.

Auf der Fahrt in die Stadt erzählt Lisa, dass sie mit unserer Mutter telefoniert hat, die mich gern besuchen würde, doch Leander meinte, man sollte mir noch eine Schonfrist gönnen, mir bloß nicht zu viel auf einmal zumuten.
   »Begeistert war sie darüber nicht, aber Leander konnte sie schließlich überzeugen. Ich soll dich grüßen.« Lisa hält mitten auf der einsamen Landstraße an. Sie schmatzt mir einen Kuss auf die Stirn. »… und dir das hier geben.« Sie drückt aufs Gaspedal und fährt weiter. »Das tut Mama dauernd, wenn sie eine von uns trösten will oder uns lange nicht gesehen hat.« Lisa lacht. »Als wären wir nie erwachsen geworden!«
   Ich klappe den Spiegel in der Sonnenblende herunter. Na toll! Während ich versuche, mit den Fingern den kirschroten Fleck wegzuwischen, den Lisas Lippenstift hinterlassen hat, überlege ich, warum Leander mir verschwiegen hat, dass er mit meiner Mutter gesprochen hat.

Der verriebene Fleck hat meine Stirn gerötet. Es sieht aus, als wäre ich zornig.
   »Da wären wir!« Lisa setzt ihren Wagen geschickt in eine der Parkbuchten vor einer Stadtvilla aus der Gründerzeit, die hinter einem Magnolienbaum thront.
   Wir steigen aus und gehen ein paar Stufen zu dem überdachten Eingang hinauf. Noch bevor wir klingeln können, wird die Tür aufgerissen.
   Doktor Yvonne Vogel sieht aus, als wäre sie knapp siebzig Jahre alt und die Wiedergeburt von Margaret Rutherford in einem Miss Marple Film.
   »Guten Morgen! Meine Damen sind noch nicht da«, verkündet sie resolut. Mir dämmert, dass sie damit wohl ihre Sprechstundenhilfen meint. »Sie kommen aber jede Minute.«
   Ihre wachen Augen sind freundlich und glänzend wie die Glasaugen eines Stofftieres. Dabei lächelt Doktor Vogel ein Grinsekatzelächeln.
   Während sich Lisa im Warteraum niederlässt, folge ich der Therapeutin in ihr Zimmer, das der Bibliothek eines alten Herrenhauses gleicht. Die urige Atmosphäre wird noch durch einen Kachelofen untermalt, obwohl bei diesen Temperaturen natürlich kein Feuer darin brennt, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, wie er an kalten Tagen wohlige Wärme verströmt.
   Ich fühle mich wie in einem Film, 16 Uhr 50 ab Paddington vielleicht, und dies ist ein Zimmer im Landhaus der Ackenthorpes.
   Ein wuchtiger Schreibtisch biegt sich unter einem Wust von Papieren und Akten, von denen Doktor Vogel eine beiläufig zur Hand nimmt, bevor wir uns in die Sessel beim Kachelofen setzen.
   »Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Sina-Mareen.«
   Ich spüre, dass ich erröte. »Wir kennen uns?«
   »Ja. Manchmal, wenn Leander Anrufer in seiner Sendung hat, von denen er glaubt, dass sie therapeutischen Beistand benötigen, verweist er sie an mich. Vorher kommt er vorbei, um mich kurz ins Bild zu setzen. Es kam vor, dass Sie ihn bei seinen Besuchen begleiteten. Allerdings haben Sie stets im Wartezimmer gewartet.« Es folgt eine kurze Pause. »Ist das ein Problem für Sie?«
   Ich schüttele den Kopf.
   »Gut. Bitte nennen Sie mich Doktor Yvonne, nicht Doktor Vogel. Das ist eine Marotte von mir, wie Sie vielleicht nicht mehr wissen.« Sie lacht beinahe dröhnend. »Und nun will ich Ihnen etwas erzählen.
   Der Geruch von frisch gemähtem Gras an einem Sommernachmittag, Glockengeläut an einem Sonntagmorgen, der Geschmack von gebrannten Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt – all dies sind Signale für unser Gehirn, die eine Flut von Erinnerungen auslösen können, die wir in unserem autobiografischen Gedächtnis abspeichern wie Daten auf einer Festplatte. Die Menschen, Orte, Dinge, Ereignisse und Gefühle, die in unsere Lebensgeschichte eingehen, sind allesamt irgendwo da drinnen«, sie tippt mit einem Zeigefinger nacheinander auf verschiedene Stellen ihres Schädeldaches. »Manche ganz vorn, andere weit hinten, und wenn man das richtige Stichwort findet, kommt jede Erinnerungsdatei wieder zum Vorschein.« Sie beugt sich vor und tätschelt tröstend mein Knie. »Auch die Ihre.«
   Mir schießen vor Dankbarkeit die Tränen in die Augen, aber ich versuche, es mir nicht anmerken zu lassen.
   Doktor Yvonne nimmt sich viel Zeit für unser Gespräch. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass ich einen sehr starken Druck auf mein Erinnerungsvermögen ausübe, mich zu intensiv beobachte – belauere, ist das Wort, das sie benutzt –, wodurch mir meine Gedächtnisschwächen verstärkt auffallen und ich mich selbst blockiere.
   Sie kann das zwar nachvollziehen, versichert sie, vereinbart aber mit mir, dass ich es unterlasse. Sie sieht den Genesungsprozess ähnlich wie Doktor Romberg. »Suchen Sie Orte auf, an denen Sie sich vor ihrer Amnesie oft aufhielten. Was haben Sie da gemacht und mit wem? Schauen Sie sich Fotos an, unterhalten Sie sich, stellen Sie aber nicht zu viele Fragen. Suggerieren Sie sich nichts und lassen Sie sich nichts suggerieren. Denn sehen Sie, Sina-Mareen, Erinnerungen, die falsch sind, fühlen sich genau so an wie echte.«
   »Woran erkennt man dann den Unterschied?«
   Bevor sie antwortet, denkt sie einige Zeit nach. »Im Grunde ist es wie in einem Kriminalfall«, antwortet sie schließlich und hievt sich aus dem Sessel als Zeichen, dass unsere Sitzung beendet ist. »Die echten Erinnerungen hinterlassen Zeugen. Man findet Indizien und Spuren, mit denen sie beweisbar sind, und man selbst ist der Ermittler.«
   Ehrlich gesagt bin ich enttäuscht. Ich habe zumindest erwartet, dass sie mir Methoden vermittelt, mit denen ich mein Gedächtnis trainieren kann. Oder eine dieser Hypnosebehandlungen, von denen man ständig hört. Vielleicht auch ein Rezept für irgendein Medikament. Eine Art Wundermittel, auf das ich heimlich hoffte.
   Für mein Empfinden ist Doktor Vogels – Doktor Yvonnes – Behandlungsmethode gar keine, und ich sehe nicht, wie sie mir helfen soll.
   Auf dem Heimweg wechseln Lisa und ich kein Wort. Ich nicht, weil ich über das eben Geschehene nachdenke, und Lisa nicht, weil … keinen Schimmer, warum.
   Es interessiert mich, ob ich früher auch so wenig gesprochen habe, vor dem Ertrinken, meine ich. Ich wäge ab, ob das eine der Fragen ist, die ich laut Doktor Yvonne nicht stellen sollte.
   Als wir die halbe Strecke hinter uns haben und auf die lange, von Bäumen gesäumte Landstraße biegen, geschieht etwas Seltsames. Ein Motorrad überholt uns.
   Es ist eine alte Maschine, so eine, wie Marlon Brando sie in The Wild One fährt. So eine wie in unserer Garage.
   Der Fahrer trägt einen mattschwarzen Helm, Sonnenbrille, Jeans und Lederjacke. Genau wie die meisten anderen Motorradfahrer und wie seine Sozia, deren langes Haar hinter ihr weht wie ein dunkles Tuch. Sie hat beide Arme um die Körpermitte des Bikers geschlungen, umarmt ihn gleichsam und lehnt sich so eng an ihn, als wären sie miteinander verschmolzen.
   Es dauert nur wenige dröhnende Sekunden, dann sind sie an uns vorbeigezogen. Ich spüre den Schlag meines Herzens in jeder Zelle meines Körpers.
   »Leander!«, rufe ich und schaue dem Paar hinterher. »Hast du gesehen? Das war Leander!«
   »Ich hab nicht hingeschaut.«
   »Aber …«
   »Nix aber«, fällt Lisa mir ins Wort. Zügig fährt sie weiter. »Ich schau doch nicht jedem Motorrad nach.«
   Ich blinzele einige Male, als wollte ich ein unerwünschtes Traumbild, eine Halluzination vertreiben.
   »Jetzt fahren wir in die Jagdstuben und trinken einen Cappuccino«, bestimmt Lisa. »Und du erzählst mir in aller Ruhe, was deine Therapeutin gesagt hat, okay?«
   »Ja. In Ordnung.«
   Sie biegt auf eine unplanierte Straße ab. Kurz darauf hält sie vor einem Landgasthof mit Pension. Fügsam folge ich ihr auf die Sonnenterrasse mit den einladend gedeckten Tischen.
   Der Ober trägt einen Pferdeschwanz und begrüßt mich mit einem »Hallo, wie geht’s?«, woraus ich schließe, dass er mich kennt.
   Ich antworte, dass es mir gut geht, bestelle einen Cappuccino und löffele nachdenklich den lockeren Milchschaum in mich hinein. Habe ich mich vorhin bei dem Pärchen auf dem Motorrad getäuscht?
   Zu schade, dass Lisa gerade nicht zu ihnen hingeschaut hat.

Kapitel 9

Zu Hause finde ich Leander in der Garage, wo er in Gedanken versunken an seinem Motorrad herumschraubt. Irgendwo spielt ein Rekorder. Ich bekomme eine Gänsehaut. Es ist Aerosmith.
   Leander sieht aus, als wäre er nie fortgewesen. Ich beschließe, dass er wahrscheinlich doch nicht derjenige war, der Lisa und mich auf dem Motorrad überholt hat.
   Er trägt eine fleckige Jeans, die auf der linken Seite in Kniehöhe einen Riss aufweist, durch den ein Stück muskulöses Bein blitzt. Sein weißes Shirt ist beinahe malerisch mit Öl verschmiert. Auch auf seiner rechten Wange prangt ein Schmierfleck. Sein Haar ist zerzaust, seine Haut von einem leichten Schweißfilm bedeckt. Er sieht zum Anbeißen aus.
   »Hallo«, begrüße ich ihn, richte ihm die aufgetragenen Grüße von Doktor Yvonne aus und erzähle ihm von der Sitzung.
   Leander hört aufmerksam zu, während er sich die Hände an einem Lumpen abwischt. Wir spazieren zu der Teakholzbank, die auf dem rund eingefassten Rasenstück neben der Garage in einem Rankpavillon steht. Der Pavillon ist mit einer Flut hellorangener Blüten überzogen. Wir setzen uns in den duftenden Schatten, ohne uns zu berühren.
   »Ehrlich gesagt, finde ich ihre Behandlungsmethode nicht eben erfolgversprechend«, gestehe ich.
   Leander stimmt mir nicht zu. Im Gegenteil bezeichnet er die Ärztin als eine unorthodoxe Koryphäe und fragt mich, warum ich ihren Rat nicht sofort umsetzen will, anstatt wieder in meinem Schrank zu verschwinden.
   Wie gut er mich kennt! Es ist genau das, was ich vorhatte.
   »Freitags bist du immer mit deinem Laufkollegen Heiko Joggen gewesen. Du musst die Strecke ja nicht gleich laufen, sondern könntest in Ruhe einen Spaziergang machen.«
   »Allein?« Meine Stimme zittert bei dieser Frage.
   Schlagartig ist mir mulmig zumute, und ich sehne mich zutiefst nach der Sicherheit meines Schrankes. Bis jetzt haben mich Leander oder Lisa begleitet: zum Einkaufen, zur Post oder zu der einzigen Bäckerei, die es hier gibt.
   Was ist, wenn ich mich verlaufe und vollkommen die Orientierung verliere? Oder wenn ich eine Art Anfall bekomme; schließlich ist noch immer nicht geklärt, warum ich am Pool überhaupt gestürzt bin.
   »Versuch es doch! Es ist nicht weiter schwierig, du kannst dich gar nicht verlaufen.« Er deutet auf den Feldweg, der an unseren Garten grenzt und in Richtung Wald führt, und erklärt mir die Strecke. Es ist tatsächlich einfach zu merken. Er fragt, ob ich mein Handy dabeihabe, was ich bejahe. »Gut.« Leander steht auf. »Ich mache noch den Ölwechsel zu Ende. Bis später dann.« Ohne ein weiteres Wort geht er zu seiner Harley und beginnt, an ihr herumzuschreiben.
   Ein paar Sekunden sitze ich noch unschlüssig da. Ich schaue zum Wald hinüber. Von hier aus betrachtet kommen mir seine Schatten undurchdringlich, beinahe drohend vor, aber vielleicht ist ein Spaziergang an einem einstmals vertrauten Ort wirklich keine schlechte Idee. Eventuell löst er Erinnerungen aus. Die Hoffnung, dort mein Gedächtnis wiederzufinden, lässt mich auf die Beine kommen. Einen Moment zögere ich noch, doch dann mache ich mich auf den Weg.
   Zuerst muss ich mich durch Dickicht drängen, bis zu der Stelle, wo die Bäume weiter auseinanderstehen. Ab hier kann man bequem einem Trampelpfad folgen.
   Aufatmend spüre ich den elastischen Lehmboden unter den Füßen. Tief atme ich die frische Luft ein. Sie riecht nach Erde, Pilzen und Bäumen. Vögel zwitschern, Eichhörnchen keckern. Goldfarbene Sonnenstrahlen drängen sich zwischen den Blättern hindurch und kreieren Muster aus Licht und Schatten.
   Wider Erwarten bereitet mir der Spaziergang Spaß, also marschiere ich munter drauflos. Irgendwann macht der Pfad eine Linksbiegung, direkt dahinter, auf einer Lichtung, steht ein uralter, mächtiger Lindenbaum.
   Diese Stelle zieht mich magisch an.
   Ich verlasse den Pfad, setze mich unter die weit ausladenden Äste der Linde und lehne mich mit dem Rücken gegen den Stamm. Ich fühle mich beinahe so geborgen wie in meinem Schrank. Mit geschlossenen Augen sitze ich da, denke mit gespaltenen Gefühlen an Leander.
   Leander, der mir zwar ausweicht und mich unverbindlich liebenswürdig behandelt und allein schläft, mich aber trotzdem ausgehungert ansieht. Der mit mir redet, mir zuhört und der mich beinahe geküsst hätte. Leander, der einen inneren Kampf mit sich zu kämpfen scheint. Er schiebt mich von sich. Freundlich – aber bestimmt. Anstatt mich an sich zu ziehen, wie ich es mir erhoffe.
   Ohne dass es mir bewusst wird, streichele ich mich und fantasiere, es wären seine Hände, die über den glatten Stoff meiner Bluse wandern, sie langsam aufknöpfen, die Brüste umfassen, sie sanft massieren.
   Meine Rechte fährt tiefer. Sie berührt die sehnsüchtig pochende Stelle zwischen meinen Schenkeln durch den festen Stoff der Jeans. Ich reibe fester, öffne den Reißverschluss – doch dann ist da plötzlich eine Winzigkeit, die mich innehalten lässt. Eine Ahnung, nicht länger allein zu sein, das Gefühl unsichtbarer Blicke auf meinem Körper.
   Ich rappele mich auf. Hastig schließe ich meine Bluse und ziehe den Reißverschluss meiner Hose zu.
   Aus den Schatten des Waldes löst sich Leanders Gestalt. Er kommt ohne Eile auf mich zu.
   An der Wärme, die mir ins Gesicht kriecht, merke ich, dass ich rot werde.
   Leander trägt noch immer das schmutzige T-Shirt und die zerrissene Jeans, aber er hat sich die Hände und das Gesicht gewaschen. Er verströmt den Geruch von Kernseife.
   Seine Augen glänzen seltsam. Mir fällt auf, wie belegt seine Stimme klingt, als er mir erklärt, dass er mir entgegengehen wollte.
   Etwas verändert sich.
   Ich sehe die Welt um mich herum scharf umrissen, spüre alles überdeutlich. Die Sekunden, sie tröpfeln vor sich hin wie dickflüssiger Honig.
   Leander steht jetzt dicht vor mir.
   »Das ist eine Freyalinde«, höre ich ihn murmeln. Er streckt eine Hand aus und spielt träge mit einer Strähne meines Haares. »Bei den alten Germanen war es ein heiliger Baum, der wegen seiner herzförmigen Blätter als Baum der Liebe galt. Aus diesem Grund wurde er der auf einem Eber reitenden Göttin Freya gewidmet. Sie ist die Göttin der Liebe. Ihr Baum ist deshalb …«, seine Atemzüge liebkosen heiß mein Gesicht, »… ein beliebter Treffpunkt für Liebespaare.«
   Ich sehe, dass kein Mensch gewagt hat, die Rinde dieser Linde mit unnützen Schnitzereien oder Einkerbungen zu verstümmeln. Sie ist makellos, ohne jede Vernarbung. Ich meine, ihre Kraft zu spüren, die durch die Wurzeln über den Boden kriecht, prickelnd durch meine Fußsohlen dringt und sich durch das Geäst meiner Venen in mir ausbreitet.
   Oder ist es Leanders Nähe, die das in mir auslöst?
   Mir schwindelt.
   »Hier«, flüstert er, »genau an dieser Stelle habe ich dich gebeten, meine Frau zu werden.«
   Augenblicklich fällt mir der Glasrahmen mit dem getrockneten Lindenblatt ein, der in meiner Nachttischschublade begraben liegt.
   »Und ich habe Ja gesagt.«
   Er nickt.
   Wortlos drängt er mich an den Stamm. Ich spüre die glatte Rinde durch die Seide meiner Bluse, und mir ist klar, Leander kann nicht anders.
   Brust an Brust stehen wir da. Wessen Herz schlägt heftiger gegen meine Rippen: meines oder seines?
   Wir schließen die Augen nicht, sehen uns an, die ganze Zeit. Er ist so groß, dass ich den Kopf in den Nacken legen muss, um zu ihm aufblicken zu können.
   Da ist ein sanfter Hauch aus seinem Mund, der über meinen streicht. Leander kommt noch näher. Er zögert, aber diesmal, diesmal zieht er sich nicht zurück.
   Mit der Zungenspitze zeichnet er die Konturen meiner Lippen nach. Die feuchte Spur, die zurückbleibt, prickelt auf der empfindsamen Haut. Ich habe das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden.
   Ich sauge an seiner Oberlippe, lecke darüber, koste ihn. Er schmeckt herb und süß zugleich.
   Zartbitter.
   Leander stöhnt leise.
   Seine Mundhöhle schiebt sich über meinen Mund. Unsere Zähne berühren sich flüchtig, es gibt ein leises Geräusch, als würden Perlen sacht aneinanderklicken, dann schiebt sich seine Zunge dazwischen.
   Jetzt stöhne ich.
   Er leckt meine Zunge mit seiner, lutscht, beißt und küsst. Ich tue dasselbe, ich lutsche, beiße und küsse – bis Leander plötzlich zurückweicht und schwer atmend hervorstößt: »Ich wünschte, du hättest es nicht getan.«
   »Was … was nicht getan?«
   »Meinen Antrag angenommen.« Er dreht sich um und lässt mich allein, verwirrt und aufgewühlt zurück.
   In seinen Worten und seinen Bewegungen liegen so viel unterdrückte Wut, so viel Verbitterung und kaum gezügelte Leidenschaft, dass es brodelt wie in einem Topf mit siedendem Öl.
   Was geschieht, wenn solche Gefühle überkochen?
   Es dauert lange, bis ich mich wieder so weit unter Kontrolle habe, dass ich nach Hause gehen kann.
   Das Motorrad steht nicht in der Garage. Im Haus werde ich nur von Rainer Maria begrüßt, der auf sein Futter wartet.
   Ich fülle seinen Napf, gehe ins Bad und dusche ausgiebig. Danach verkrieche ich mich in meinem Schrank. Hier vergrabe ich mein Gesicht in den Händen und weine, weine, weine.
   Was habe ich nur getan, dass Leander derart verbittert ist? Wozu habe ich ihn getrieben?

Kapitel 10

Am Samstag sind wir bei Isolde und Werner Brüning, Leanders Zieheltern, zu einem Grillabend eingeladen.
   »Das ist schon lange geplant«, erklärt Leander. »Isi«, so nennt er Isolde, »wünscht sich, dass wir mal wieder alle zusammenkommen, und ich will ihr das Vergnügen nicht kaputtmachen.«
   Isi hat Brustkrebs. Seit einiger Zeit wird sie mit einer Chemotherapie behandelt. Obwohl sie diese gut verträgt, wie Leander sagt, befindet sich Isi emotional in einer kritischen Phase. »Sie braucht eine Aufmunterung – also gehen wir hin«, bestimmt er.
   »Wer, außer uns, wird noch da sein?«
   »Nur Rick und Monika.«
   Rick. Klar, sein Cousin, aber sie kenne ich nicht. »Wer ist Monika?«, will ich wissen.
   »Ricks Frau. Die beiden erwarten im Sommer ihr erstes Kind«, klärt Leander mich auf. »Ich habe den Eindruck, dass sie eventuell ein paar Schwierigkeiten haben.«
   »Na ja«, erwidere ich. »Schwangere Frauen können sehr, sehr seltsam sein, nicht wahr?«
   Leander fixiert mich einen Augenblick. »Ja«, sagt er dann schroff. »Ja. Das können sie.«

Isi – klein, schmächtig, dunkelblond mit koboldhafter Kurzhaarfrisur – umarmt uns zur Begrüßung. Leander drückt sie zusätzlich einen herzlichen Kuss auf die Wange.
   »Die anderen sind auf der Terrasse«, sagt sie.
   Ihr Mann Werner, der sich als grauer Hüne mit erstaunlich feingliedrigen Pianistenhänden entpuppt, fragt, was wir trinken möchten.
   Leander nimmt ein Bier. Ich schließe mich dem an und folge ihm in den Garten, in dem Werner schon den Grill angeheizt hat. Daneben, auf einem Servierwagen, stehen Salatschüsseln, ein Brotkorb, Kräuterbutter, Grillsoßen und Geschirr.
   Monika und Rick sitzen bereits am Tisch, stehen aber auf, um uns zu begrüßen. Sie ist hochgewachsen, schlank, attraktiv und trägt das glatte dunkle Haar zu einem Knoten geschlungen nach Art einer spanischen Tänzerin. Ihr eierschalenfarbenes Kleid unterstreicht die Bräunung ihrer Haut und betont ihre fortgeschrittene Schwangerschaft vorteilhaft. Kurz und gut – sie sieht umwerfend aus.
   Neben ihr fühle ich mich, in Jeans und ein schwarzes Top gekleidet, unansehnlich. Außerdem mag ich es nicht, dass sie nacheinander meine Wangen küsst. Es passt mir noch weniger, dass sie es auch bei Leander tut.
   Leander starrt auf einen tiefblauen Fleck auf Monikas Oberarm. Es kommt mir vor, als würde er sie forschend anschauen. Sie errötet, schüttelt kaum merklich den Kopf und wendet sich wortlos ab.
   Oder?
   Möglicherweise habe ich mir das eingebildet.
   Rick wirkt mürrisch. Er nickt uns kurz zu, bevor er sich wieder setzt. Außerdem habe ich den Eindruck, dass mein Gedächtnisverlust fast jeden hier zumindest ein bisschen ratlos macht. Vermutlich wissen sie nicht, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen. Jedenfalls kommt so gut wie kein Tischgespräch zustande, und außer Isi, die nichts davon zu bemerken scheint und zwanglos von einem Besuch bei ihrer Tochter Britta und den drei Enkelkindern erzählt, verhalten sich die übrigen eher still und zurückhaltend.
   Es gibt griechische Spezialitäten. Als Vorspeise essen wir Zaziki, schwarze und grüne Oliven, gegrillten Schafskäse, gefüllte Weinblätter. Danach machen wir uns über Souvlaki-Spieße mit Schweinefleisch, Lammkoteletts und Fisch her. Dazu gibt es Blattsalate mit Gurken und Tomaten und frischgebackenes Fladenbrot. Alles schmeckt köstlich! Ich lange, im Gegensatz zu Monika, herzhaft zu.
   Mir ist bewusst, dass die anderen mich verstohlen beobachten. Ich kann mir denken, warum. Mein guter Appetit ist vermutlich etwas Neues für sie. Sina-Mareen – nicht Sina, die Frau im Schrank – hat wohl nicht so viel in sich hineingeschlungen.
   Mit einem Anflug eines schlechten Gewissens denke ich sekundenlang an den Fitnessraum im Keller, verdränge den Gedanken daran aber erfolgreich.
   Werner steht schweigend und in sich gekehrt am Grill. Hin und wieder huschen seine Blicke zu Isi und ruhen auf ihr. Erst, als er bei uns am Tisch sitzt, unterhalten sich die Männer. Sie fachsimpeln begeistert über die anstehende Fußballeuropameisterschaft.
   Während des Essens tauschen Monika und Isi sich lebhaft über Schwangerschaften aus. Wie es damals bei Isi war und wie es jetzt bei Monika ist.
   Ich beteilige mich kaum an den Unterhaltungen. Erstens bin ich nicht in anderen Umständen oder interessiere mich für Fußball, und zweitens fühle ich mich – bar jeglicher Erinnerung – stark eingeschränkt. Ich weiß schlichtweg nicht, was ich sagen soll, weil ich nicht weiß, was Sina-Mareen von sich gegeben hätte.
   Als Monika gesteht, dass sie ungewollt schwanger wurde und sich trotzdem für das Kind entschieden hat, sprechen sie und Isi über Schwangerschaftsabbrüche.
   »Ich finde Abtreiben abscheulich«, erklärt Monika im Brustton der Überzeugung. »Als ich in der zehnten Woche war, habe ich mein Baby auf dem Ultraschall zum ersten Mal gesehen.« Wieder ruht eine Hand auf ihrem Bauch, eine schützende Geste. »Es war gerade mal fünf Zentimeter groß, aber schon vollständig ausgebildet. Allein die Vorstellung, dass ich noch zwei Wochen hätte abbrechen können, hat mir das Herz zerrissen!«
   »Das sehe ich nicht so«, wirft Isi beinahe entschuldigend ein. »Sicher haben die Gegner von Abtreibung recht, dass Schwangerschaftsabbrüche kein modernes Verhütungsmittel sind. Keine Sache, die man mal eben schnell durchführen lässt, weil man sich während einer heißen Nacht keine Gedanken über Verhütung gemacht hat; aber ich habe auch Verständnis für Frauen, die es als Möglichkeit zur Lösung ihrer Probleme nutzen. Ich bin nicht sicher, ob ich es nicht auch tun würde, wenn ich keinen anderen Ausweg sähe.«
   »Natürlich ist das Kleine schon ein Individuum«, stimme ich Monika freundlich zu, nachdem sie mir einen seltsamen Blick zugeworfen hat. »Ich könnte ganz bestimmt nicht abtreiben – trotzdem habe ich Verständnis für Frauen, die es tun. Ich würde sie nie verurteilen. Schließlich stecke ich nicht in deren Haut! Selbstverständlich ist eine Abtreibung traurig, und es gibt sicher Menschen, die zu leichtfertig damit umgehen, aber bestimmt nicht der Großteil. Und wenn man bei Abtreibung von Mord spricht, sollte man auch mal darüber nachdenken, dass man eventuell viele Frauen, die abgetrieben haben, unnötig verletzt. Wer kann schon sagen, wie viele von ihnen seelisch darunter leiden?«
   Monika entgegnet starrsinnig, dass sich etliche dagegen entscheiden würden, wenn sie die Bewegungen ihres Ungeborenen spüren könnten.
   »Ich komme jetzt in den siebten Monat, und es ist einfach unbeschreiblich, wenn ich merke, wie sich das Kind in meinem Bauch bewegt. Seit meine Schwester Michaela es zum ersten Mal fühlte, versucht sie, meinen Schwager zu überzeugen, dass es Zeit für Nachwuchs ist. Leider weiß Claude noch nicht einmal genau, ob er überhaupt Kinder haben möchte. Darüber ist Michaela nicht gerade begeistert.«
   Monikas Wangen sind gerötet und ihre Augen glänzen. Sie gehört eindeutig zu den Frauen, die durch eine Schwangerschaft noch schöner werden. Immer wieder, ich glaube nicht, dass es ihr bewusst ist, legt sie ihre Hände auf die Wölbung ihres Bauches; dann scheint ihr Blick sich nach innen zu richten, und ihr Lächeln vertieft sich noch.
   So muss eine Fruchtbarkeitsgöttin aussehen, denke ich. In diesen Momenten beneide ich Monika brennend und kann die Enttäuschung ihrer Schwester Michaela nachfühlen.
   Warum haben Leander und ich eigentlich noch keine Kinder?
   Ich taste nach seiner Hand, finde sie unter dem Tisch auf seinem Knie und umschließe sie.
   Er zieht sie zwar nicht weg, erwidert aber auch nicht den Druck meiner Finger. Schwer und leblos liegt sie in meiner.
   »Fünfzehn Stunden habe ich damals bei unserer Britta in den Wehen gelegen«, erzählt Isi gerade. »Und Werner drehte beinahe du…«
   »Seht euch das an!«, unterbricht Monikas freudiger Ausruf Isolde. »Langsam wird meine Tochter ungeduldig.« Und dann sehe ich es. In ihrer Bauchdecke bilden sich kleine Ausbuchtungen, verschwinden, kehren wieder. Beulchen, die umherwandern, so deutlich, dass man es durch das Kleid hindurch sehen kann.
   Rick verhält sich still, er ist wohl eher der zurückhaltende Typ. Isi und Werner lachen auf und schauen sich danach lange und sehr intensiv an.
   »Oh«, macht Leander, der neben Monika sitzt, fasziniert. Spontan greift sie nach seiner Hand und legt sie rasch auf ihren geschwollenen Leib.
   Leander erstarrt in Ehrfurcht – anders kann ich es nicht nennen. Wenn ich auch alles in meinem Leben vergessen habe und vielleicht das Künftige noch vergessen werde: diesen Anblick nicht.
   Eine Vene an seinem Hals pulsiert heftig, und die große Hand zittert. Er hält buchstäblich den Atem an, den Kopf leicht zur Seite geneigt, als würde er lauschen. Am liebsten möchte ich meine Hand neben seine legen, um das werdende Leben zu spüren; doch ich traue mich nicht, Monika darum zu bitten.
   »Oh«, haucht Leander noch einmal.
   »Wir werden sie Sarah-Jane nennen, nicht wahr, Rick?«
   »Hm.«
   Ich fange einen undeutbaren Blick von Rick auf. Bevor ich ihm zulächeln kann, wendet er sich ab.
   So plötzlich, wie Sarah-Jane sich bemerkbar gemacht hat, verhält sie sich wieder still. Leander nimmt seine Hand fort. Der Bann ist gebrochen.
   Isi eilt in die Küche, um den Nachtisch zu holen. Nach dem Dessert, es gibt Naturjoghurt mit köstlichem Honig und Walnüssen, von dem ich reichlich nehme, helfe ich Isi, den Tisch abzuräumen und alles ins Haus zu tragen.
   Monika bleibt sitzen, und so sind Isi und ich allein in der Küche. Verständnisvoll lächelt sie mir zu. »Werner und ich haben den Entschluss gefasst, dich an nichts erinnern zu wollen. Was gewesen ist, ist gewesen, und deine Situation muss schlimm genug sein, da brauchst du uns nicht noch als wandelnde Gedächtnisstützen.« Ich bin ihr dankbar. Wirklich, und ich will es ihr gerade sagen, da fährt sie fort. »Außerdem, glaube mir, es gibt Schlimmeres, als zu vergessen.« Emsig räumt sie die Spülmaschine ein.
   »Zum Beispiel?«
   Sie hält inne und blickt mich nachdrücklich an, bevor sie sich abwendet, um wieder hinauszugehen. »Nun«, antwortet sie tonlos, »die Gewissheit.«
   Allmählich verwandelt sich die Nachmittagssonne in die Abenddämmerung, und schließlich bricht die Dunkelheit herein und mit ihr schwärmen Mücken heran. Die Gespräche versickern und verstummen am Ende ganz. Dafür hört man immer öfter das Klatschen, wenn einer von uns nach einer Mücke schlägt. Als ich unterdrückt gähne, sagt Leander, dass wir uns auf den Heimweg machen.
   Nachdem wir uns bedankt und verabschiedet haben, schlendern wir nebeneinander durch die stille, von Vorgärten gesäumte Straße zu unserem Wagen, ohne uns zu berühren. Ich sehe die ersten Glühwürmchen um eine Efeuranke schwirren, erstaunlich früh für die Jahreszeit. Es sieht aus, als wären einige Sterne vom Himmel heruntergeschwebt.
   Noch ehe ich Leander auf das wunderbare Schauspiel aufmerksam machen kann, denke ich »Sterne«, denke es noch einmal und noch einmal, und mir ist gar nicht bewusst, dass ich es laut ausspreche, bis ich schreie. Immer und immer wieder, nur dieses eine Wort: »Sterne! Sterne! Sterne!«
   Erst, als Leander mich schüttelt, verstumme ich. Keuchend starren wir uns an.
   »Was ist los?«, will er wissen.
   »Ich … ich musste an Sterne denken, wegen dieser Glühwürmchen dort …«
   »Ja? Und?«
   »Plötzlich hatte ich Angst, Leander. Todesangst.«
   »Wovor?«
   »Darin zu versinken. In den Sternen zu versinken und zu sterben.«

In dieser Nacht kehrt der Traum zurück. Wieder höre ich eine Stimme. Wieder falle ich in den Pool, gehe unter, und das dunkle Wasser verschlingt mich. Wieder versinke ich in seiner Schwärze.
   Als ich schluchzend erwache, allein, Leander übernachtet wie üblich im Gästezimmer, bin ich völlig aufgelöst. Ich schleppe mich zum Schrank, setze mich hinein und schließe die Türen.
   Erst da werde ich ruhiger, rolle mich auf der Decke zusammen und schlafe ein.

Kapitel 11

Morgens klopft Leander mit einem Trommelwirbel seiner Fingernägel an die Schranktür, schiebt sie ein Stückchen zur Seite und fragt durch den Spalt betont munter, wie es mir geht.
   Ich ergötze mich an dem tiefen Klang seiner Stimme und behaupte, alles sei okay.
   Er hält mir einen Becher Kaffee vor die Nase, eine Tatsache, die mich ein wenig verwundert. Das hat er sonntags, an seinem freien Tag, bisher nicht getan. sondern immer nur am Feierabend, nachdem er nach Hause gekommen war.
   Kurz darauf folgt die Erklärung. Er wird eine Woche mit seiner Sendung pausieren, ein Kollege wird einspringen, weil er in ein Tonstudio nach Berlin muss, um an einem Hörbuch-Krimi mitzuwirken.
   »Wir stecken in der Schlussphase. Es sind nur noch Kleinigkeiten nachzusprechen. Spätestens Ende der Woche werde ich zurück sein. Schaffst du es, die paar Tage ohne mich zu bleiben?«
   »Klar. Warum nicht?« In Wahrheit überkommt mich ein mulmiges Gefühl. Außerdem bin ich enttäuscht, weil er mir vorher nichts von seinen Reiseplänen erzählt hat, und das sage ich ihm auch.
   »Ich weiß es selbst erst seit Kurzem. Gestern wollte ich in Ruhe mit dir darüber reden, aber es hat sich irgendwie nicht ergeben, und am Abend dann …« Er lässt den Satz unvollendet. »Morgen kommt Frau Hischer zurück. Du wirst nicht allein sein.«
   Ah ja. Die Haushaltshilfe.
   »Denk bitte an deinen Termin bei Doktor Yvonne«, erinnert er mich.
   »Am Donnerstag, ja, in Ordnung. – Leander?«
   »Hm?«
   »Warum haben wir eigentlich keine Kinder?«
   Ich höre das Zischen seines Atems, als hätte er sich am Kaffee verbrannt. Er antwortet nicht sofort. Erst, nachdem ich die Frage eindringlich wiederhole, bringt er eine Antwort hervor. »Du willst keine.«
   Ich bin ehrlich überrascht. »Warum nicht?«
   Er schweigt wieder einen Augenblick, und ich sehe, dass sich seine Kiefermuskeln verhärten. »Du bist der Ansicht, dass ich nicht genug Zeit finde, um mich angemessen um ein Kind zu kümmern. Aus diesem Grund hast du diese Entscheidung für uns getroffen.«
   »Und du?«, will ich zaghaft wissen.
   »Ich?« Seine grünen Augen verklären sich. »Ich hätte es schön gefunden.« Er nimmt einen langen Schluck aus seiner Tasse, die seine Hände fest umschlossen halten. Meine Blicke werden unwiderstehlich von diesen Händen angezogen. Ich muss an gestern denken, an Monikas runden Bauch, an Leander, der behutsam seine Hand darauflegte. Wie er dabei ausgesehen hat.
   Augenblicklich wünsche ich mir heftig, ich wäre schwanger und es wäre mein Bauch, auf dem seine Hände ruhen, um die Bewegungen unseres Kindes zu spüren. Ich male mir aus, wie wir uns dabei ansehen und bin aufgewühlt und randvoll mit Liebe.
   »Man kann seine Ansichten ändern, oder nicht, Leander?«
   Nichts.
   »Möglicherweise hätte ich das getan, wenn es passiert und ich schwanger geworden wäre«, wende ich nachdenklich ein. »Hm. Vielleicht war ich mir nur noch nicht ganz sicher«, überlege ich laut.
   »Doch, das warst du.«
   »Woher willst du das so genau wissen?«
   Jetzt klingt seine Stimme verhalten, als hätte er einen harten Brocken im Hals stecken, an dem er schluckt. »Weil du eine Abtreibung hast vornehmen lassen, ohne mit mir darüber zu reden.«
   Hätte Leander mir ins Gesicht geschlagen, es hätte mich nicht mehr schmerzen können. Diese Mitteilung macht mich stumm vor Betroffenheit. Mein Körper fühlt sich wie betäubt an, als hätte man mir ein starkes Beruhigungsmittel gespritzt. Eine lähmende Taubheit breitet sich bis in jedes Glied und jeden Nerv meines Körpers aus.
   »Sina-Mareen?«
   Ich schüttele den Kopf, wieder und wieder. »Das … das glaube ich nicht.«
   »Es ist die Wahrheit.«
   »Nie und nimmer!«
   »Doch. Als du den Abbruch hast durchführen lassen, war ich in Berlin. Ich erinnere mich haargenau an deinen Anruf, als du es mir gesagt hast. Deine Worte habe ich noch heute in den Ohren. Ich wünschte, alles wäre ganz anders, das kannst du mir glauben, aber so ist nun einmal nicht. Leider.«
   Seine klaren, offenen Züge lassen keinen Zweifel daran, dass es stimmt, was er sagt, und auch nicht der Schatten des Kummers in seinem Gesicht.
   »Das kann doch nicht sein«, flüstere ich dennoch.
   »Du findest den Verbindungsnachweis auf unserer Telefonrechnung. Herrgott noch mal, tut mit leid! Das war falsch von mir, es dir zu sagen! Ich hätte das unterlassen sollen, wie gesagt, tut …«
   »Warum hast du es dann getan?«, unterbreche ich ihn bitter.
   »Es war keine Absicht! Es ist einfach passiert.«
   Draußen hupt ein Auto. Ein lang gezogener, aufdringlicher Ton.
   »Hör zu, ich werde abgeholt.«
   Ich spüre, dass er gehen will. Fliehen. Weg von hier. Weg von mir.
   »Wir müssen reden, wenn ich zurück bin«, sagt er in beherrschtem Ton. »Unbedingt! Es gibt da einige Dinge, die du wissen solltest. Verstehst du, ich kann nicht länger warten, bis du dich endlich von allein daran erinnerst. Egal, was Doktor Yvonne meint, egal, was alle meinen!«
   Die zwei kurzen Huptöne, die diesmal heraufschallen, mahnen ihn zur Eile.
   Leander zögert. Sein Blick ist kühl. »Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass es dir gefallen wird, was ich zu sagen habe, Sina-Mareen.«

Stundenlang sitze ich im Schrank. Am liebsten will ich nie wieder herauskommen. Mittlerweile ist es ziemlich stickig hier drinnen. Das verrät mir, dass die Sonne genau vor dem Fenster steht, auf das Möbel fällt und das Opal der Oberfläche silbrigweiß schimmert wie Perlmutt in einer Muschelschale.
   Ich habe automatisch angenommen, dass es so ist, wie Doktor Romberg in der Klinik behauptet hat, und alle da draußen mich mögen. Meine Familie, meine Freunde und mein Mann. Vor allem mein Mann, der mich nicht nur mögen, sondern mich lieben sollte. Von ganzem Herzen.
   Ich habe nie damit gerechnet, ich könnte etwas über mich erfahren, das mich abstößt und mir überdeutlich vor Augen führt, dass ich nicht nur nichts über mein Leben weiß, sondern überhaupt nicht erfassen und fühlen kann, wer ich wirklich bin. Ich bin mir so fremd, dass es mir Angst macht. Nichts fühlt sich richtig an, alles ist völlig falsch und verquer.
   Meine eigene Stimme, die noch gestern in Isis Garten behauptete, nie abtreiben zu können, klingt mir höhnisch im Ohr – und doch hat sie die Wahrheit ausgesprochen, wie mir klar wird, und es ist noch immer wahr.
   Sina-Mareen wollte scheinbar keine Kinder. Ich dagegen habe tief in mir gespürt, dass der Wunsch, Mutter zu werden, da ist, und zwar ohne darüber nachzudenken, eine ganz natürliche und vor allem spontane Empfindung. Meine Empfindung!
   Die Entscheidung, eine Schwangerschaft zu unterbrechen, ohne mit dem Vater des Kindes darüber zu reden, wie Sina-Mareen es offenbar so selbstverständlich getan hat, erscheint mir unvorstellbar.
   Welche Charaktereigenschaften hat Sina-Mareen eigentlich?
   Selbstverständlich nur gute.
   Davon war ich stets ausgegangen.
   Nur gute.
   Ich könnte mich ohrfeigen für meine Naivität. Oder habe ich mich absichtlich derart blauäugig verhalten? Womöglich aus Sorge, zu erfahren, was für ein Mensch ich bin?
   Nein, was für ein Mensch ich war – denn Sina-Mareen ist weg. Das ist mir einmal mehr klar und deutlich bewusst. Sie ist verschwunden. Für immer! Ganz egal, was geschehen wird, ich habe mich verändert. Ich werde nie wieder wie sie sein.
   Ich denke, ich bin weniger selbstsüchtig, nicht so gedankenlos und offener für die Belange und Gefühle meiner Mitmenschen.
   Ich bin Sina. Einfach nur Sina.
   Die Frau im Schrank.

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