Eigentlich könnte sich Emilia glücklich schätzen. Ian und sie sind den Drogendealern entkommen, Nico sitzt im Gefängnis und alles könnte wieder normal sein. Doch Ian, der mit den traumatisierenden Erlebnissen zu kämpfen hat, wendet sich immer mehr von Emilia und ihren Freunden ab und ertränkt seine Gefühle in Alkohol und Rauschmitteln. Emilia fleht ihn an, sich Hilfe zu suchen, aber erst als diese von ein paar betrunkenen Männern belästigt wird, hört Ian auf sie und begibt sich in eine Klinik. Dort findet er nicht nur langsam wieder zu sich, er lernt auch die an Depressionen leidende Mandy kennen, die ihm zeigt, dass Geld und Erfolg nicht alles sind. Als Emilia überraschend in sein Zimmer kommt und dabei auf Mandy trifft, flippt sie aus. Wird es zu einer Aussprache kommen? Oder werden die gemeinsamen Erlebnisse letztendlich alles zerstören?

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ISBN: 978-9925-33-134-5

Seiten: 127

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Teresa Nagengast

Teresa Nagengast (25) lebt mit ihrem Lebensgefährten im ländlichen Bereich in Mittelfranken. Nach ihrem Journalismus-Studium arbeitete sie erst in einem Bildungsverlag und mittlerweile als Online-Redakteurin für eine Tageszeitung. Seit zwei Jahren veröffentlicht sie zudem mit Begeisterung ihre eigenen Romane. Die Sparte reicht hierbei von Frauenromanen über Dramen bis hin zu fantasievollen Jugendbüchern.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

»Weißt du, eigentlich wollte ich eure Eltern gleich anrufen, aber dann dachte ich mir, ich lass euch und sie ruhig noch etwas zappeln. Ich meine, was schadet es, sie erst in ein paar Stunden zu kontaktieren und nach Lösegeld zu fragen? In ein paar Stunden kann man viel machen – und was dein Freund nebenan so erzählt hat, kann man mit dir jede Menge Spaß haben.«
   Mit keuchendem Atem beobachtete Emilia, wie sich Ricardo vom Tisch abstieß und langsam hinter sie trat. Sie versuchte, sich zu drehen, doch mehr als seinen Ärmel konnte sie bei allen Bemühungen nicht erspähen.
   »Mhm!«
   Trotz des ekligen Tuchs, das in ihrem Mund steckte, versuchte sie zu schreien. Keine Chance. Stattdessen schmeckte sie nur den abstoßenden Dreck des Stoffes. Als sie Ricardos widerliche Finger im Nacken spürte, musste sie würgen. Das konnte alles nur ein Albtraum sein, das musste ein Traum sein.
   Amüsiert streichelte Ricardo ihren Hals. »Meinetwegen nehme ich dir den Stofflappen wieder ab, aber nur, wenn du versprichst, nicht wieder aus voller Kehle zu brüllen.«
   Emilia nickte. Sie würde alles versprechen, um von dem Bakterientuch befreit zu werden.
   »Schön, wenn ich einen einzigen Schrei höre, bekommst du es wieder – doch vorher tränke ich es in der Toilette.«
   Emilia wimmerte.
   Langsam nahm Ricardo ihr den Mundschutz ab, und Emilia spuckte würgend zu Boden.
   »Na, na … dass du mir nicht den Boden versaust. Der wurde erst frisch geputzt.« Gackernd lachte er über seinen eigenen Witz.
   Ein lautes Klopfen vermischte sich mit dem Gelächter, dann ein gellender Schrei. Jemand rüttelte an Emilias Schultern, doch es war nicht Ricardo. Der lachte noch immer gackernd, wobei sich das Lachen allmählich wie ein grelles Piepen anhörte. Emilia schlug die Augen auf und fuhr in ihrem Bett hoch.
   Ricardos blitzende Augen waren verschwunden, stattdessen blickte sie in die aufgerissenen Augen ihrer Mutter, die ihr durch das Haar strich.
   »Scht«, sagte sie sanft. »Es war nur ein Traum.«
   Emilia presste die Augen zusammen, nur um sie gleich darauf wieder aufzureißen. Ihre Mutter stand noch immer neben ihrem Bett. Der Schrei, den Emilia wahrgenommen hatte, war verklungen, das grelle Piepen erklang aus ihrem Handy – ihr Wecker. Allmählich begann sie sich zu entspannen. Es war tatsächlich nur wieder ein Traum gewesen.
   Ein Monat war mittlerweile vergangen, seit Ian und sie entführt und im letzten Moment gerettet worden waren. Ein Monat, in dem sie nur langsam anfing, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Emilia griff nach ihrem Handy und schaltete den Wecker aus.
   Ihre Mutter hatte aufgehört, ihr über das Haar zu streicheln, stand jedoch noch immer mit besorgter Miene neben ihr. Allgemein ließ sie Emilia kaum noch aus den Augen.
   »Es ist alles gut. Du kannst gehen«, sagte Emilia bestimmt.
   Lilli zögerte noch einen Moment, dann drehte sie sich langsam um und verließ das Zimmer.
   Emilia seufzte, trank einen Schluck Wasser, um vollends in der Wirklichkeit anzukommen, und checkte ihre Nachrichten.
   »Ich fahr mit James in die Schule. Warte nicht auf mich. XO«, hatte ihre beste Freundin Julienne geschrieben, und ihr Vater hatte ein Bild vom Sonnenaufgang in New York geschickt, er war wie so oft auf Geschäftsreise. Emilia klickte weiter, doch wieder keine Nachricht von Ian. Kurz überlegte sie, selbst aktiv zu werden, doch dann schmiss sie das Handy auf ihr Kopfkissen und stand auf, um zu duschen.
   Sie hatte in den vergangenen Wochen täglich versucht, Ian aus seinem Bau, in dem er sich verkrochen hatte, zu locken, jetzt lag es an ihm, aktiv zu werden.
   »Du kannst Menschen nur helfen, die sich helfen lassen«, schallten die Worte ihres Vaters in Emilias Kopf, und sie nickte demonstrativ. Sie hatte immerhin dasselbe wie Ian durchgemacht, sie war es schließlich gewesen, die dieser dreckige Ricardo betatscht hatte. Warum also sollte es an ihr sein, Ian wie ein zartes Blümchen zu behandeln, das bei jedem kleinen Sturm zerbrechen konnte?
   »Weil gerade tough wirkende Menschen manchmal mit Extremsituationen zu kämpfen haben …«
   Mit einer schnellen Bewegung schaltete Emilia die Dusche an und verscheuchte die Worte ihrer Therapeutin aus den Gedanken. Immerhin würde sie bereits in ein paar Stunden wieder in dem sterilen weißen Zimmer sitzen und mit Mrs. Turner über die Erlebnisse sprechen.
   Nach einer ausführlichen Dusche schlüpfte Emilia in ein hellgrünes Chanel-Kleid, das hoffentlich von ihren blassen Wangen ablenken würde, schminkte sich sorgfältig und holte ihr Handy vom Kissen.
   Keine neuen Nachrichten. Nicht sonderlich verwundert stöckelte Emilia nach unten.
   »Willst du noch etwas essen? Wir haben Bagels und Pfannkuchen. Vielleicht ein paar Erdbeeren mit Schlagsahne?«, rief ihre Mutter aus der Küche.
   »Nein danke. Ich habe keinen Hunger.« Emilia griff nach ihrer dünnen silberglänzenden Weste, immerhin war heute der erste Novembertag, und prüfte im Spiegel ein weiteres Mal ihr Make-up.
   »Du solltest wirklich etwas essen. Du weißt doch, was Mrs. Turner gesagt hat …«
   Den Rest hörte sie schon nicht mehr. Sie hatte die Haustür längst zugeschlagen und sich auf dem Weg zu ihrem Wagen gemacht.

Während ihre Lieblingsmusik aus den Lautsprechern hallte und sie den Wagen Richtung Schule lenkte, wanderten ihre Gedanken zurück zu diesem Abend, der so vieles verändert hatte. Nico, der wegen Drogenhandel und Identitätsklau im Gefängnis saß, Ian, der weder sie noch sonst jemanden an sich heranließ und jeglichen Versuch, ihn mit zu Mrs. Turner zu ziehen, abwies, Juliennes Vater, der nicht müde wurde, sich zu entschuldigen, dass er auf Nicos Trick mit dem Als-lieber-armer-Sohn-Ausgeben reingefallen war … da waren ihre nächtlichen Albträume beinahe noch das Erträglichste. Auch, wenn sie ihr wohl oder übel Augenringe bescherten, die sie nur mit Mühe überdecken konnte. Emilia schaltete den Motor aus und stieg aus ihrem Cabrio. Neben ihr erkannte sie James’ Auto, ein paar Plätze weiter das von ihrem Exfreund Alexander – doch weit und breit keine Limousine, die darauf hinwies, dass Thomas Ian zur Schule gebracht hatte. Gut, er konnte auch schon wieder auf dem Heimweg sein, oder erst in zwei Minuten eintreffen, doch Emilia spürte bereits jetzt, dass Ian auch heute nicht auftauchen würde. Immerhin war er die vergangenen zwei Wochen über nicht aufgetaucht. Und allmählich begann sie, sich ernsthafte Sorgen zu machen.

*

»Emilia!« Laureen von der Parallelklasse winkte ihr aufgeregt zu und eilte ihr von der anderen Seite des Parkplatzes aus entgegen. Ihr blondiertes, mit Haarspray fixiertes Haar wippte bei der Bewegung leicht mit, ebenso wie die hochgepuschten Brüste, bei denen sich Emilia nicht sicher war, ob dort nicht etwas nachgeholfen wurde.
   »Hi Laureen.«
   Die Schulkameradin umarmte sie flüchtig. Emilia widerstand dem Drang, einen Schritt zurückzutreten. Das Pausengespräch um ihre Entführung war immer noch nicht ganz abgeklungen, und obgleich Emilia an sich die Aufmerksamkeit genoss, die ihr zuteilwurde, nervte es doch ab und an, plötzlich von allen möglichen Menschen belagert zu werden.
   »Wie geht’s Ian? Ist er noch im Krankenhaus? Carlos Freund hat ihm ein Foto geschickt. Ist ja eine ganz schöne Platzwunde.« Laureen hielt Emilia ihr Handy vor die Nase.
   Emilia schnappte nach Luft. Ein mit blutverschmierter Stirn entstellter Ian schaute ihr darauf mit glasigem Blick entgegen. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und blickte auf das Datum. Es war von heute Nacht.
   »Hast du es gar nicht gewusst?« Laureen starrte sie mit offenem Mund an, in ihren Augen blitzte bereits die Sensationsgier.
   Emilia konnte sich die Schlagzeilen bereits vorstellen. Ärger im Paradies – Königin wird von ihrem König entthront. »Doch, natürlich«, stammelte sie schnell und bemühte sich, ihre Emotionen in den Griff zu bekommen. »Er schaut heute wieder viel besser aus. Einen ganz schönen Schreck hat er mir eingejagt, als er mich vom Krankenhaus aus angerufen hat.« Emilia schüttelte theatralisch den Kopf. »Männer, oder? Weißt du noch, wie Tim letztes Jahr wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus kam?«
   Laureens Miene erstarrte, ihre Lippen pressten sich zu einem schmalen Strich zusammen. Tim war Laureens Freund, und dieser Vorfall war wochenlang die Nummer eins im Schulklatsch gewesen. Emilia wusste, es war gemein, erneut damit anzufangen, doch es war besser, als ihre Lüge auffliegen zu lassen, dass sie keine Ahnung hatte, was Ian gestern getrieben hatte.
   »Ja«, sagte Laureen steif und wandte sich zum Gehen.
   »Viel Spaß im Unterricht«, rief Emilia ihr zuckersüß hinterher und wartete, bis Laureen im Schulgebäude verschwunden war. Dann zückte sie ihr Handy und wählte Ians Nummer.
   Es klingelte viermal, bis er abhob. »Hallo?« Er klang verkatert.
   »Was hast du getrieben? Wo bist du?« Emilia konnte nicht vermeiden, dass ihre Stimme leicht hysterisch klang. Hysterisch und wütend. Verdammt, Ian wusste, wie wichtig ihr der Ruf in der Schule war.
   »Nichts Großartiges. Waren feiern. Es war ein kleiner Unfall, reg dich ab«, nuschelte er.
   »Ich soll mich abregen? Laureen hat mir gerade ein Bild gezeigt, dass mich nicht gerade dazu verleitet, mich abzuregen!«, zischte sie. »Sag mir sofort, wo du bist!«
   Eine kurze Pause, dann nannte er zerknirscht die Adresse. Das UCLA Medical Center.
   Emilia legte auf und stieg ins Auto. Sie sah noch, wie James und Julienne Arm im Arm zum Schulgebäude liefen und sie verwundert anstarrten, dann drückte sie das Gaspedal durch.
   Während der kurzen Fahrt brodelte es in ihr. Ihre gemeinsame Europareise in den Sommerferien kam ihr wie eine Ewigkeit entfernt vor. So viel war zwischenzeitlich geschehen. Nicht nur die Entführung, auch Nicos Auftauchen, ihr Gefühlschaos bezüglich Ian und Nico, der Versuch ihrer Väter, sie auseinanderzubringen. Sie hatten all das überstanden, warum also blockte Ian sie nun komplett? Weil sie Nico geküsst hatte? Er hatte vor dem Abschlussball auch etwas mit einem anderen Mädchen gehabt. Deswegen durfte er ihr nicht böse sein.
   Mit quietschenden Reifen hielt Emilia vor dem großen Gebäude an und stöckelte zum Eingang. Eine hübsche junge Empfangsdame erklärte ihr den Weg zu Ians Zimmer. Natürlich ein Einzelzimmer. Kurz fragte sich Emilia, ob Aaron wohl schon da gewesen war oder überhaupt von dem Unfall wusste, dann stand sie vor der Tür und trat ein.
   Ian lag auf dem Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, der mit einem weißen Verband umwickelt war. Er hatte die Augen geschlossen, Stöpsel in den Ohren und summte leise die Melodie eines Liedes, das Emilia nicht kannte. Sie riss ihm die Stöpsel heraus. »Was ist passiert?«
   Langsam öffnete Ian die Augen und blickte sie ausdruckslos an. Emilia bemerkte ein Veilchen, das, zumindest der gelbgrünen Färbung nach, schon ein paar Tage alt sein musste. Auch davon hatte er ihr kein Wort erzählt.
   »Hab ich doch gesagt. War feiern. Bin ausgerutscht und hingefallen. Das war’s. Nichts Dramatisches. Nur ’ne kleine Platzwunde und ’ne leichte Gehirnerschütterung.« Er zuckte mit den Schultern, als hätte er ihr gerade erzählt, dass er nur eine Zwei in Mathe statt einer Eins geschrieben hatte.
   »Das Foto sah aber nicht nach einer kleinen Platzwunde aus.«
   »Wenn ich es doch sage.« Ian klang genervt. Es war offensichtlich, dass er nur eins wollte: wieder seine Ruhe.
   Doch die würde Emilia ihm nicht so schnell geben. Sie hatte ihm lang genug Zeit gelassen, sich wieder einzukriegen. »Du sagst mir jetzt sofort, wo und mit wem du gestern feiern warst und was genau passiert ist!« Wutentbrannt funkelte sie Ian an. Für einen Augenblick bohrten sich ihre Augen in seine, dann gab er sich geschlagen.
   »Okay, okay … wir waren unten am Steg, du weißt schon. Dort, wo die Felsen sind. Sam hat mit mir gewettet, dass ich es nicht schaffe, auf der Kante der Felsenwand zu balancieren. Also bin ich hoch. Es klappte auch einwandfrei, bis dieser Vollidiot Evan einen Schrei losgelassen und mich dadurch erschreckt hat. Aber wie gesagt. Ist ja nichts passiert. Hab nicht mal etwas verstaucht oder gebrochen.« Ian wirkte beinahe stolz, während sich Emilias Magen umdrehte.
   Vor sich sah sie Ian, wie er volltrunken die steile Felswand hinabstürzte. Immerhin war diese über zwei Meter hoch, zumindest, wenn sie sich die richtige Stelle am Strand vorstellte. Sie wollte ihn gerade fragen, welche Vollidioten dieser Evan und Sam waren, doch da klingelte ihr Handy.
   Es war Julienne. Als sie ihre aufgeregte Stimme vernahm, wusste sie bereits, dass sie Bescheid wusste. Mit einem letzten bösen Blick auf Ian, der gerade dabei war, sich seine Stöpsel wieder in die Ohren zu stecken, trat sie auf den Gang.
   »Was ist passiert? Laureen hat uns das Bild von Ian gezeigt. Es wird überall nur darüber gesprochen. Und sie behauptet auch, dass du nichts davon wusstest. James zumindest hatte keine Ahnung. Er ist ganz down. Wo bist du und wo ist Ian?«, quoll es aus Julienne heraus.
   Emilia rieb sich die Stirn. Sie bekam Kopfschmerzen. Also hatte Ian nicht einmal James Bescheid gegeben. Sie wusste nicht, ob sie das beruhigen oder noch mehr ängstigen sollte. Kurz und knapp gab sie Julienne einen Lagebericht. »Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Er führt sich auf, als wäre er ein anderer Mensch. Keine Ahnung, ob er überhaupt noch Gefühle für mich hat.« Emilia blinzelte heftig. Plötzlich kamen die Tränen, die sich über die Wochen in ihrem Bauch angestaut hatten. Sie blickte sich um, doch der Gang war leer.
   »Das hat er sicher. Er ist nur … traumatisiert oder verwirrt oder … keine Ahnung. James meint, es würde ihn stark an den früheren Ian erinnern.«
   Emilia putzte sich die Nase, wischte sich die Tränen von den Wangen und holte tief Luft. Ja, daran musste sie auch ständig denken. Und daran, was James ihr erzählt hatte. Wie unberechenbar und selbstzerstörerisch er gewesen war. Sie biss sich auf die bebende Lippe. Sie war mit ihrem Latein am Ende. Am liebsten würde sie ihm eine Ohrfeige geben, ihm sagen, dass er sich gefälligst einkriegen sollte, wenn er wollte, dass sie nicht für immer aus seinem Leben verschwand, und dann mit diesem Kapitel abschließen. Doch das konnte sie nicht. Dafür liebte sie ihn zu sehr. Er war ihre Schwachstelle, die sie jedes Mal zu einem unsicheren, selbstzweifelnden Mädchen werden ließ. Er war der Grund, warum sie sich zu der Therapie hatte überreden lassen. Vielleicht konnte Mrs. Turner ihr nicht nur bei der Trauma-Verarbeitung helfen, sondern auch mit ihrer Unsicherheit.
   »Wartest du im Krankenhaus? James und ich machen uns sofort auf den Weg.«
   Emilia blickte auf die große Uhr, die an der weißen Wand hing. Es war Frühstückspause. »Okay«, murmelte sie und legte auf. Dann eilte sie zu den Toiletten. Sie musste ihr Make-up nachbessern, bevor sie James und Julienne unter die Augen treten konnte.

*

Emilia kam gerade aus den Toiletten, als sie bereits Juliennes hohe Stimme vernahm. »Mila!« Sie drückte ihr einen Kuss auf die frisch gepuderte Wange. Zum Glück trug sie heute keinen roten Lippenstift, sonst hätte sich Emilia prompt erneut auf den Weg in die Waschräume machen können. »Wie geht es ihm? Wird eine Narbe bleiben?«
   Emilia zuckte mit den Schultern. »Da müsst ihr ihn selbst fragen.« Sie umarmte James, der ungewohnt ernst wirkte.
   »Gebt ihr mir ein paar Minuten?«, fragte er.
   Emilia nickte, und James verschwand in dem Zimmer. Hoffentlich gelang es ihm, zu Ian durchzudringen.
   Julienne zog Emilia am Arm mit zu den Stühlen. Auf den neuen hohen Schuhen konnte sie noch nicht so gut laufen, da sie an der Ferse noch drückten. Sie hatten sich in den vergangenen zwei Wochen nicht häufig gesehen, weil Julienne und James ihre frische Verliebtheit genossen und Emilia aufgrund ihrer nächtlichen Albträume und der Therapiestunden die freie Zeit damit verbrachte, sich auszuruhen oder zu grübeln.
   »Wie geht es dir?«, fragte Julienne sanft und griff nach Emilias Hand.
   Emilia überlegte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, doch dann schüttelte sie den Kopf. »Ehrlich gesagt nicht so gut. Ich verstehe nicht, warum Ian mich ausschließt. Ich meine, ich war immerhin dabei. Wir sind gemeinsam da rausgekommen. Und wenn ich ihm so egal bin, warum hat er mich dann überhaupt gerettet?« Ihre Stimme begann zu zittern und ihr Hals zu brennen. Wann waren die Tränen nur endlich versiegt?
   »Du bist ihm nicht egal. James sagt, dass das Ians ganz natürliche Abwehrreaktion ist. Er wird sich wieder einkriegen. Das hat er damals auch.« Aufmunternd tätschelte sie ihre Hand.
   »Ja, nur, dass diesmal selbst James nichts auswirken kann. Und wenn er es nicht schafft, wer soll ihn dann da rausziehen? Dieser Sam und Evan«, erwiderte Emilia finster.
   »Wer sind Sam und Evan?«
   Emilia schüttelte erneut den Kopf. Das war unwichtig.
   Bevor Julienne noch einmal nachhaken konnte, kam James zurück. Er hatte die Stirn in Falten gelegt, kein sonderlich gutes Zeichen.
   »Und?« Emilia sprang auf.
   »Er sagt, er hat keine Lust, sich zu rechtfertigen. Er hatte Spaß, er hat sich den Kopf gestoßen und wir sollen alle nicht so einen Wirbel um ihn machen.«
   Emilia warf Julienne einen Blick zu. Das war es, was sie gemeint hatte. »Und was sollen wir jetzt tun?«
   James zögerte. »Ich werde mich an ihn dranhängen«, sagte er dann sanft. »Wenn er zu seinen neuen Freunden will, bitte schön. Aber dann muss er mich wohl oder übel mitnehmen.«
   Emilia nickte und lächelte James dankbar an. Das klang schon mal gut. »Und ich?«
   »Du … solltest dich vielleicht in den nächsten Wochen nicht mehr bei ihm melden. Er wird von allein auf dich zukommen, wenn er so weit ist.«
   Emilia schluckte den dicken Kloß im Hals hinunter. In ihren Ohren rauschte es, doch sie bemühte sich, stark zu klingen. »Okay«, flüsterte sie und versuchte zu lächeln. Es misslang. James Worte klangen für sie vor allem nach einem: einer Pause.

Kapitel 2

Reglos lag Ian im Bett und starrte an die weiße Decke. In seinen Ohren tönte laute Rockmusik, doch er nahm die Melodie des Liedes kaum wahr. Seine Gedanken hingen ganz woanders.
   Was war nur los mit ihm?
   Diese Frage stellte er sich nahezu rund um die Uhr, und je länger er keine plausible Antwort fand, desto häufiger verspürte er das Verlangen, seinen Kopf mit Alkohol und Drogen freizubekommen. Er fühlte sich wie in einem Déjà-vu. Dieselbe Leere, die ihn erfüllte, dieselbe Wut, die in seinen Adern pochte, derselbe Drang nach Rauschmitteln. Nur eines hatte sich geändert: dieses Ohnmachtsgefühl, das ihn seit seiner aussichtslosen Lage in dem düsteren Raum nicht mehr losließ. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein.
   Ian drehte die Musik noch lauter, sie schallte jetzt so laut, dass sie vermutlich bis auf den Gang hallte. Es war ihm egal. Ihm war so ziemlich alles egal. Seine Gedanken wanderten zu Emilia. Wie sie vorhin neben ihm gestanden hatte, die Blässe unter einer Schicht Make-up verdeckt, die Augenringe sorgsam überschminkt. Bei ihrem Anblick war ihm erneut das Herz in die Hose gerutscht. Er konnte sich nicht helfen, doch wenn er sie ansah, fühlte er sich zurück in den Raum versetzt, hörte ihre Schreie und spürte die allumfassende Angst, was diese Männer mit ihr anstellen könnten.
   Nachdem er den ersten Schock überstanden hatte, war dieses Gefühl schleichend in ihm aufgestiegen und hatte sich immer mehr verfestigt, bis er es nahezu als Qual ansah, Emilia überhaupt zu sehen.
   Ian tastete mit der Hand zum Nachtkästchen und griff nach dem Glas. Am liebsten hätte er jetzt einen doppelten Bourbon getrunken, doch darauf musste er warten, bis er wieder zu Hause war. Er leerte das Wasserglas. Das trockene Gefühl in seinem Mund blieb, ebenso wie die rasenden Kopfschmerzen, die sich durch die laute Musik nur noch verschlimmerten. Er schaltete seinen iPod aus und drückte auf die Klingel. Es war Zeit, diesen Ort zu verlassen. Sam und Evan warteten bestimmt schon. Jetzt blieb nur zu hoffen, dass James seine Drohung nicht wahrmachte. Er hatte keine Lust, einen Babysitter mit sich herumzuschleppen. Vor allem keinen, der Emilia sicherlich jede Kleinigkeit seiner Freizeitbeschäftigung verraten würde.
   Seine Gedanken wurden unterbrochen, als die Krankenschwester eintrat. »Kann ich Ihnen helfen?«
   Ian schenkte ihr sein strahlendes Lächeln und nickte.

Eine halbe Stunde später spazierte er zur Tür des Krankenhauses hinaus. Trotz des anbrechenden Winters waren es angenehme 24 Grad, und Ian war froh, dass er seine Lederjacke nicht angezogen hatte. Sam wartete bereits vor der Tür, an sein Motorrad gelehnt, die dunkelblonden Haare nach hinten gegelt. Er war einige Jahre älter als Ian, hatte gerade sein Wirtschaftsstudium abgebrochen und war wieder bei seinen Eltern eingezogen. Jetzt verbrachte er den ganzen Tag mit Evan und ein paar anderen am Strand.
   Ian hatte sie vor zwei Wochen kennengelernt – oder viel eher hatte er sie sich ausgesucht. Volltrunken war er eines Abends am Strand entlanggestolpert und hatte die grölenden, angetrunkenen Männer am Pier entdeckt. In der Hoffnung, die Leere in seinem Körper für einen Moment zu verdrängen, hatte er sie so lange provoziert, bis Sam ihm eine heruntergehauen hatte. Oh, es hatte sich so gut angefühlt, wieder etwas zu spüren. Er hatte ihnen angeboten, sie zu bezahlen, dass sie ihn verprügelten, doch stattdessen hatten sie ihm vorgeschlagen, mit ihnen zu feiern und zu saufen – und Ian hatte bemerkt, dass das Saufen mit erbärmlichen Losern, wie er sie eigentlich ansah, half, seine elitäre Welt zu verdrängen. Schließlich war ihr Stand in der Gesellschaft schuld daran, dass Emilia und er entführt worden waren.
   »Du siehst echt beschissen aus, Bro«, begrüßte Sam ihn feixend und schlug ihm auf die Schulter.
   Ian verzog das Gesicht. Er hatte zwar keine Stauchungen oder Brüche von dem Sturz davongetragen, doch allerlei blaue Flecke und Blessuren. »Wäre interessant zu wissen, wie du aussehen würdest, wenn du da runterfällst. Kannst du überhaupt noch hässlicher werden?«
   Sam lachte grölend und startete seine Maschine. »Genug geflirtet. Am Strand wartet eine sündhaft teure Flasche Rum auf dich.«
   Ian grinste und setzte sich hinter Sam auf die Maschine. Mit quietschenden Reifen fuhren sie los, und Ian genoss den kühlen Wind, der ihm ins Gesicht peitschte. Gleich würde er noch mehr genießen.

»Wow, krass! Lass mal sehen!« Evan klang bereits jetzt angetrunken.
   Ian zögerte. Die Ärztin hatte ihm geraten, den Verband nur zum Duschen abzunehmen. Dennoch wickelte er ihn vorsichtig ab und zog das Pflaster von der Haut. Die Wunde war geklebt worden, angesichts der Schädeldecke wäre es schwierig geworden, zu nähen, und mit größter Wahrscheinlichkeit würde eine Narbe bleiben. Eine Tatsache, die Ian nur schulterzuckend entgegengenommen hatte. Sein Vater würde sich darüber wohl weit mehr aufregen als er. Ein weiterer Grund, noch eine Weile von zu Hause fortzubleiben.
   »Abgefahren!« Evan streckte die Hand aus, doch Ian trat geistesgegenwärtig zurück. Auf Evans schmutzige Finger hatte er dann doch keine Lust.
   »Wo ist der Rum?« Er wandte sich an Sam, der breit grinste und ihn mitzog.
   Sie hatten ihr Lager diesmal etwas abseits aufgeschlagen, weg von den Müttern mit Kindern und den Touristen, die die Strände belagerten. Tim und Leon waren ebenfalls da, zwei Freunde von Sam, die leidenschaftlich gern surften, sowie zwei Männer, die Ian nicht kannte.
   »Hier.« Sam drückte ihm einen Plastikbecher mit purem Rum in die Hand.
   Ian nahm einen großen Schluck. Er brannte in seinem Hals, doch abgesehen davon war er wirklich nicht schlecht. Auch, wenn er an den teuren Bourbon seines Vaters natürlich nicht herankam. Er leerte das Glas und wartete, bis sich das warme Gefühl in seinem Inneren ausgebreitet und die Kopfschmerzen betäubt hatte. Dann gesellte er sich zu Leon und Tim, die gerade darüber sprachen, heute Nacht beim Mondschein rauszupaddeln. Er wollte ihnen gerade von der geheimen Höhle erzählen, die er als Kind entdeckt und zu der er bislang nur Emilia mitgenommen hatte, als die beiden fremden Männer seine Aufmerksamkeit erregten.
   »Glaubst du wirklich, dass er in einem Jahr wieder raus darf? Ich meine, fürs Dealen bekommt man doch mindestens zehn, zwanzig Jahre hier«, sagte der Kleinere, ein kräftiger Typ mit kurzen blonden Haaren.
   »So habe ich es gehört. Anscheinend haben seine Anwälte darauf plädiert, dass er nur gedealt hat, weil dieser Ricardo ihn dazu gezwungen hat.« Der schlaksige Mann mit dem schütteren Haar hatte die tiefe Stimme eines Bären, die nicht zu seinem Äußeren passte.
   Der andere wirkte irritiert. Immerhin waren Anwälte teuer, und die Strafe auf ein Jahr zu reduzieren, sprach für die Qualität des Anwalts.
   »Anscheinend zahlt jemand den juristischen Beistand. Jemand, der ziemlich viel Geld hat«, fügte der Schlaksige hinzu. »Ist doch auch egal. Wichtig ist nur, dass er rauskommt. Und jetzt lass uns was trinken. Mein Becher ist leer.«
   Ian blinzelte, dann stellte er sich vor die beiden Männer. »Sprecht ihr zufällig über diesen Nico?«
   Die beiden Männer blickten sich an.
   »Kennst du ihn?«, antwortete der kräftige Kleine mit misstrauischem Blick. »Und kennen wir uns?«
   Ian spürte, wie das Blut in seinen Ohren zu rauschen und sich die Männer, der Strand und das Meer vor seinen Augen zu drehen begannen.
   Nico kommt in einem Jahr raus. Was wird Emilia dazu sagen?, hallte noch in seinem Kopf, bevor seine Beine nachgaben und ihm schwarz vor den Augen wurde.

»Ian! Ian!«
   Allmählich kam Ian wieder zu sich. Er stöhnte leise. Die Kopfschmerzen waren mit aller Macht zurück. Langsam öffnete er die Augen und wartete, bis sich sein Blick klärte.
   Erleichterung durchströmte ihn, als er erkannte, dass er auf dem weichen, warmen Sand und nicht in einem Krankenhausbett lag. Über ihn gebeugt standen Sam, Evan und die beiden fremden Männer.
   »Einen ganz schönen Schreck hast du uns da eingejagt!«, fluchte Sam und streckte ihm eine Hand entgegen. »Dein Kopf ist wohl noch immer nicht ganz so fit.«
   Ian erhob sich ächzend und ignorierte seine wackligen Knie. »Scheint wohl so«, murmelte er.
   Sam und die anderen mussten nicht wissen, dass er schon die letzten Wochen immer wieder mit dem Kreislauf zu kämpfen hatte. Und sie mussten auch nicht wissen, dass er vor knapp dreißig Stunden das letzte Mal etwas gegessen hatte, was angesichts des hochprozentigen Alkohols, den er getrunken hatte, wohl keine gute Idee war.
   »Setz dich am besten einfach hin. Ich hol dir was zu trinken.« Sam ging zu der Kühltruhe und griff nach dem Rum.
   Ian unterdrückte ein Grinsen. Das war es, was ihm an diesen Leuten so gefiel. Sie blickten ihn nicht mitleidig oder bewundernd an, sie sorgten sich nicht um seine Gesundheit, und es interessierte sie auch nicht, dass er sich seit Tagen nicht mehr rasiert hatte. Sie wollten einfach nur ihren Spaß haben – und entweder man machte mit oder man ließ es bleiben.
   Sam drückte ihm einen frischen Becher in die Hand.
   Ian nickte ihm dankend zu, nippte diesmal jedoch nur. Sein Körper hing noch immer ziemlich in den Seilen. Während er beobachtete, wie sich Sam und Evan ein Brett schnappten und Tim und Leon in die Wellen folgten, wanderten seine Gedanken zu den Worten, die er vor seinem Zusammenbruch gehört hatte.
   Sie würden Nico entlassen, den Typ, der ihnen all das eingebrockt hatte, der nicht nur gelogen, sondern Emilia auch noch zu einem Kuss verführt hatte. Schon bei dem Gedanken daran wurde ihm erneut schwindlig. Doch die Männer hatten recht. Gute Anwälte waren teuer, und Nico hatte kein Geld gehabt. Irgendjemand half ihm also, nur wer? Die einzigen Personen, die Nico in Ians Augen nahestanden, saßen im Gefängnis oder hatten nicht genug Geld, um ihm zu helfen. Wer also konnte für dieses Desaster verantwortlich sein?

Kapitel 3

»Daddy, ich bin zu Hause!« Julienne schmiss ihren Autoschlüssel in die Schale und griff sich einen Apfel. Dann machte sie sich auf die Suche nach ihrem Vater.
   Das Auto stand vor der Tür, er musste also da sein. Sie trat an sein Büro, wollte gerade eintreten, als sie seine Stimme vernahm.
   »Sehr schön. Das klingt gut. Ja, ich werde das Geld natürlich sofort überweisen.«
   Julienne trat leise ein. Ihr Vater stand mit dem Rücken zu ihr, das Telefon unter das Ohr geklemmt. »Ja, das ist wirklich erfreulich. Zehn Monate also noch, gut. Vielen Dank und auf Wiederhören.« Er stellte das Telefon zurück und drehte sich um. Ein zufriedener Ausdruck lag auf seinem Gesicht, bis sein Blick auf sie fiel. »Julienne!«
   »Hi Daddy. Du bist ja schon zu Hause. Wer war das am Telefon?« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihren Vater auf die Wange. Das tat sie immer, wenn sie ihn sah.
   »Ach, nur ein neuer Auftrag. Nichts Interessantes. Wie war’s in der Schule?« Er wandte sich ab, blätterte wie nebenbei in seinen Unterlagen.
   Julienne beobachtete ihn. In den Jahren der Intrigen und Machtspiele hatten Emilia und sie gelernt, kleine Lügen, Schwindeleien und Machenschaften zu entlarven, und ihr Bauchgefühl müsste sie sehr täuschen, wenn ihr Vater tatsächlich mit einem Geschäftskunden telefoniert haben sollte. »Ganz gut. War nur die ersten paar Stunden und bin dann ins Krankenhaus. Ian hatte einen Unfall. Was für einen Auftrag bearbeitest du denn gerade?« Sie linste über seine Schulter, warf einen Blick auf die Papiere, die auf dem großen massiven Holzschreibtisch lagen. Es waren zahlreiche Bauzeichnungen, Finanzkalkulationen und ein kleiner schwarzer Ordner, der nicht beschriftet war.
   »Wieder ein Großkunde, der seine Villensiedlung gern mit einem Golfplatz in der Mitte schmücken würde. Was meinst du damit, Ian hatte einen Unfall? Geht es ihm gut? Was ist passiert?« Ihr Vater wirkte bestürzt.
   »Alles so weit gut. Keine Sorge. Er hat nur eine Gehirnerschütterung und eine Platzwunde. Ist wohl gestürzt oder so.« Julienne zuckte mit den Schultern und ging unauffällig einen Schritt näher an den schwarzen Ordner heran. »Wie kommt es, dass du schon zu Hause bist? Sonst erledigst du doch alles Geschäftliche vom Büro aus – zumindest bis zum Nachmittag.«
   »Ich hatte ein paar Unterlagen vergessen. Außerdem wollte ich meine kleine Zaubermaus sehen.« Er küsste sie auf die Stirn.
   Er hatte den Kosenamen früher häufig verwendet, doch in den letzten Jahren hatte er sie nicht mehr so genannt.
   »Ich habe nämlich eine Überraschung für dich. Dreh dich um.«
   Julienne zögerte, dann gehorchte sie widerwillig. Sie hörte etwas rascheln, dann erlaubte ihr Vater ihr, ihn wieder anzuschauen. Sie stieß einen überraschten Freudenschrei aus und fiel ihrem Vater um den Hals. In seiner Hand baumelte ein Autoschlüssel, und Julienne wusste sofort, zu welchem Wagen dieser gehörte. Zu einem neuen blauen Mustang, den sie sich schon immer gewünscht hatte. Sie vergaß das Telefonat und das leichte Ziehen im Bauch, das ihr immer verriet, wenn etwas im Busch war. »Danke!«, jauchzte sie nur und drückte ihren Kopf an seine Schulter.

Julienne konnte ihr zufriedenes Grinsen nicht abstellen, während sie in ihrem todschicken Auto auf Emilia wartete. Es fühlte sich so gut an, in dem nagelneuen Traumwagen zu sitzen, der sogar Emilias Cabriolet übertraf.
   »Nicht schlecht.« Emilias Vater war im Türrahmen erschienen und stieß einen anerkennenden Pfiff aus. »So einen ähnlichen hatte ich früher auch einmal.«
   Julienne grinste noch breiter. In diesem Moment fühlte sie sich wie die Königin der Welt – oder zumindest der Westküste. Und obgleich sie unendlich froh war, dass Emilia und sie seit der Geschichte vor einem halben Jahr wieder Freunde waren, war dieses Gefühl trotzdem berauschend. »Danke, Mr. Stuart. Habe ich gerade erst bekommen.«
   »Na, dann viel Spaß bei eurer Spritztour.«
   Emilia war zu ihm getreten, gab ihm einen Kuss und kam auf Julienne zu. Sie warf einen anerkennenden Blick auf den Wagen, äußerte sich sonst aber nicht dazu.
   Julienne bemühte sich, ihren Unmut zu verscheuchen. Emilia hatte genug andere Sorgen im Moment, doch das leichte Grummeln blieb. War es zu viel verlangt, drei Sekunden Anerkennung zu heucheln? Sie schluckte eine bissige Bemerkung hinunter. »Ich habe uns Obstsalat mitgebracht. Und Champagner.«
   »Okay.« Emilia hatte neben ihr Platz genommen und blickte aus dem Fenster. Sie wirkte deprimiert, was Julienne angesichts James Worten, sie solle sich erst mal von Ian fernhalten, durchaus nachvollziehen konnte. Sie erinnerte sich zu gut daran, wie sie sich nach Steves Trennung gefühlt hatte. »Ist es in Ordnung, wenn James auch mitgeht?«
   Emilia nickte nur, und Julienne fuhr zufrieden los. Eigentlich hatten sie vorgehabt, einen Frauennachmittag zu machen, doch Julienne wollte ihm unbedingt ihren neuen Wagen präsentieren. Außerdem fehlte er ihr bereits, und er war ein Meister darin, Leute aufzumuntern. Vielleicht gelang es ihm bei Emilia ja auch.
   »Wolltest du dich nicht an Ians Fersen klemmen?«, fragte Emilia prompt, als James gut gelaunt in den Wagen stieg.
   Julienne seufzte. So viel zum Thema Aufmuntern.
   »Ja, aber er geht nicht ans Handy, hat sein GPS ausgeschaltet, und ich habe keine Ahnung, wo er sich aufhält. Mr. Whitman sagt, er habe ihn schon seit Tagen nicht gesehen, und an den Orten, die er normalerweise besucht, ist er nicht.«
   Und so viel zum Thema gute Laune.
   »Aha«, sagte Emilia und blickte wieder aus dem Fenster.
   Julienne warf James durch den Rückspiegel einen langen Blick zu.
   Er zuckte nur mit den Schultern. »Toller Wagen, Jules. Wirklich, der passt perfekt zu dir. Wohin fahren wir?«
   Julienne lächelte. »Das verrate ich nicht.« Mit wieder steigender Laune drückte sie das Gaspedal durch.

Der Strandabschnitt, an den Julienne fuhr, lag etwas abseits. Sie hatte durch einen Zettel, den wohl ihr Vater verloren hatte, davon erfahren. Beim Fernsehen hatte sie ihn neben dem Sofa gefunden und sich gedacht, es wäre Zeit, etwas Neues auszuprobieren – zumal ihr Vater danebengeschrieben hatte, dass der Strand wunderschön sein sollte.
   Sie folgte dem Navi und bog von der Schnellstraße ab. Als es holprig und staubig wurde, bereute Julienne ihre Entscheidung bereits, denn ihr nigelnagelneuer Ford sah innerhalb einiger Meter total versaut aus.
   »Da müssen wir danach wohl noch in die Waschstraße«, sagte James feixend. »Oder du wäschst ihn selbst – am besten in Bikini und Hot Pants.«
   Julienne warf ihm einen finsteren Blick zu. Das war nicht witzig. Immerhin konnten Kieselsteine und Schotter auch Kratzer verursachen.
   Endlich erreichten sie den Parkplatz. Ein paar Motorräder standen hier, was bedeutete, dass sie nicht allein waren.
   »Sieht nicht so aus, als wäre es die richtige Location für Champagner und Erdbeeren«, sagte James lachend und stieg aus. Er hatte seine gute Laune wiedergefunden. Immerhin einer, denn Emilia blickte genauso ausdruckslos wie seit Beginn der Fahrt.

*

Wo war er gerade? Was machte er? Hing er wieder mit diesen Typen ab? Unentwegt gingen Emilia diese Gedanken durch den Kopf. Die letzten Stunden waren eine einzige Qual gewesen. Ständig hatte sie nach ihrem Handy gegriffen, um Ians Nummer zu wählen. Auch jetzt juckten ihre Finger, und am liebsten würde sie Julienne bitten, sie nach Hause zu fahren. Doch sie wusste, dass zumindest James ein Veto einlegen würde. Und sie wusste, dass es besser war, an einem Strand mit Freunden rumzuhängen als allein in ihrem Zimmer. Also stampfte sie Julienne und James hinterher zu dem Strand, den Julienne ausgesucht hatte. Er erinnerte sie unwillkürlich an einen anderen Strand, weit weg ihres üblichen Reviers, einen Strand, an den sie Nico geführt hatte. Nico, dachte sie seufzend. Noch so ein Mann, der ihr nicht aus dem Kopf gehen mochte. Sie wusste, dass er im Gefängnis saß, und ja, er hatte es verdammt noch mal verdient, dennoch: Ein kleiner Teil in ihr flüsterte, dass er es war, der sie letztendlich – zumindest zu einem Teil – gerettet hatte. Und dass er es für sie getan hatte. Seit ihrer Rettung ignorierte sie die Schuldgefühle, dass sie sich nicht einmal richtig bedankt hatte. Vielleicht waren es auch zum Teil andere Gefühle. Emilia wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie ihn aus ihren Gedanken verbannen sollte – genauso wie Ian.
   Sie bogen um eine Ecke. Vor ihnen erstreckte sich der saubere weiße Sandstrand. Das strahlend blaue Wasser des Meeres bäumte sich zu mittelhohen Wellen auf und zerschlug an den Felsen, die links und rechts des Strandabschnitts emporragten. Es war wirklich ein schöner Ort, dachte Emilia, als ihr Blick auf die Männer fiel, die einige Meter entfernt herumlungerten. Sie hielten Pappbecher in der Hand, die allem Anschein nach nicht mit Limonade gefüllt waren. Na super, wollte sie schon bissig sagen, als ihr Blick an dem Rücken eines der Typen hängen blieb. Ein Rücken, den sie nur allzu gut kannte. »Ian!«, formten ihre Lippen tonlos.
   Als hätte er sie gehört, drehte er sich um. Emilia nahm wahr, dass er den Verband abgenommen hatte, und sie nahm seinen entsetzten und dann wütenden Ausdruck wahr. Sie stolperte zurück. Plötzlich schienen der Schlafmangel, die Strapazen der letzten Wochen und ihre Traurigkeit über sie hereinzubrechen. Was war nur geschehen, dass ihr eigener Freund sie so abfällig anschaute?
   »Alles okay?«, fragte Julienne, doch da stupste James sie bereits an.
   Auch er hatte Ian entdeckt. Für einen Augenblick, in dem die Welt stillzustehen schien, starrten sie sich alle nur an, dann löste sich Ian mit einem kurzen Schulterblick von der Gruppe und kam zu ihnen herüber.
   »Was macht ihr denn hier?«, zischte er, sodass die älteren Typen ihn nicht hören konnten.
   Emilia schwieg. Sie bekam kein Wort heraus. Sie starrte nur auf das Gesicht, das sie so gut kannte und ihr dennoch fremd schien.
   »Tut mir leid. Ich wusste nicht, dass dieser Strand privat ist. Wobei … wenn ich mir die Typen so anschaue, denke ich nicht, dass sich einer von denen viel mehr als ein Sandkorn leisten kann.« James wirkte angesichts Ians abweisendem Tonfall kein bisschen abgeschreckt. Stattdessen sprach er so entspannt, als würden sie sich gerade über die kommende Footballsaison unterhalten.
   »Verschwindet einfach!«
   Emilia roch den Alkohol in seinem Atem. Er musste schon eine Menge Schnaps getrunken haben.
   Betont lässig blickte sich James um. »Wieso denn? Es ist ein schöner Strand. Wir sind extra hergefahren. Ich denke, wir bleiben. Oder spricht etwas dagegen?«
   Ian brummte nur, fischte in seiner Hosentasche nach Zigaretten und zündete sich eine an. »Macht, was ihr wollt«, sagte er leise und ging nach einem letzten vernichtenden Blick zurück zu den fremden Typen, die die Szene neugierig beobachtet hatten.
   Fast konnte Emilia sie fragen hören, wer diese snobistischen Privatschüler seien. Ians Antwort wollte sie sich überhaupt nicht vorstellen.
   »Es tut mir leid, ich wusste nicht … es tut mir wirklich leid«, hauchte Julienne wie ein Echo.
   James, der Ian kopfschüttelnd nachgeschaut hatte, hakte sich bei ihnen unter. »Dann suchen wir uns mal einen Platz.«
   Wie in Trance ließ sich Emilia mitziehen. Ians Gesichtsausdruck, als er sie bemerkt hatte, hatte sich wie ein Mal in ihrem Kopf eingebrannt – und es war das Schlimmste, was sie je gesehen hatte. Zuvor hatte er sie entweder nicht beachtet, abwesend auf den Boden gestarrt oder gewirkt, als würde er alles unter einem Nebel wahrnehmen, doch dieser Ausdruck von Missachtung …
   Emilia schluckte. Die Genugtuung, hier vor ihm zu weinen, wollte sie ihm nicht geben. Vorher würde sie sich samt Kleidung in die Fluten stürzen.
   »Es tut mir leid …«, murmelte Julienne erneut, während James die Decke ausbreitete, Erdbeeren und Champagner aus der Kühltasche holte und drei Gläser bereitstellte.
   »Ist alles in Ordnung?« Juliennes Hand an ihrem Arm fühlte sich seltsam taub an.
   »Schon okay«, presste Emilia heraus. Unauffällig blickte sie über ihre Schulter.
   Ian hatte ihnen wieder den Rücken zugedreht und trank mehr, als dass er sich unterhielt.
   »Gut, dann wollen wir mal auf Juliennes neuen Wagen anstoßen.«
   Seufzend drehte sich Emilia wieder um und nahm James das Glas ab, das er ihr entgegenhielt. Jegliche Lust auf Champagner und Erdbeeren waren ihr vergangen. Jetzt wusste sie, wie Ian die letzten Wochen verbracht hatte. Welches Leben er dem Leben mit ihr vorgezogen hatte.

Kapitel 4

»Ich hoffe, du kommst.« James drückte Emilia einen Flyer in die Hand.
   Eine Woche war vergangen, seit sie Ian am Strand überrascht hatten. Eine Woche, in der er sich so gut es ging an seine Fersen geklebt hatte. Doch seine Drohung war schwerer umzusetzen als gedacht. Diese Typen, mit denen Ian rumhing, hatten ihn höflich begrüßt und ihm zudem ein Getränk angeboten, als er vollkommen selbstsicher auf sie zugegangen war. Sie hatten seine Fragen knapp und kurz beantwortet, was darauf schließen ließ, dass Ian mit ihnen gesprochen hatte. Doch abgesehen von zwei Abenden, an denen er sie ausfindig gemacht hatte, war seine Suche erfolglos gewesen. Es gab viele Strandabschnitte, Kneipen oder dunkle Spelunken in der Gegend, und somit war es ein nahezu unmögliches Unterfangen, eine Gruppe Männer zu finden, die definitiv nicht gefunden werden wollten. Ians Verfolgung wäre einfacher gewesen, wenn James gewusst hätte, wo er untergekommen war. Gleich zu Beginn hatte er Aaron aufgesucht, doch der hatte nur gebrummt, dass er seinen Sohn schon eine ganze Weile nicht gesehen habe und Ian alt genug sei, um auf sich aufzupassen. Er würde James aber sofort Bescheid geben, sollte sein Sohn auftauchen. Ob Aaron wirklich anrufen würde, wusste James nicht sicher, denn die hübsche, halb so alte Brünette, die hinter ihm gestanden und fröhlich gekichert hatte, sah aus, als würde sie ihn ziemlich auf Trab halten.
   Nach ein paar Tagen, in denen James zahlreiche Stunden auf der Suche nach Ian verschwendet hatte, hatte er seine Bemühungen zurückgeschraubt. Sollte sein bester Freund doch schauen, wo er blieb. Er war nicht sein Babysitter und hatte wirklich Besseres zu tun. Zum Beispiel eine fette Thanksgiving-Party zu schmeißen – seine Spezialität und das berüchtigtste Fest des Jahres.
   »Ich schau mal, okay?«
   »Ich würde mich auf jeden Fall freuen.« James nickte Emilia noch einmal zu, küsste Julienne flüchtig auf die Wange und spazierte weiter, um an den übrigen Tischen der Cafeteria Einladungen zu verteilen.
*

»Du gehst auf jeden Fall mit mir hin. Keine Widerrede. Wir sind schon viel zu lange nicht mehr zusammen fort gewesen!« Julienne nippte an ihrem Cappuccino.
   Emilia verkniff sich den Satz: Das letzte Mal war an deinem Geburtstag, dem Tag, an dem ich entführt wurde. »Ich schau mal, okay?«, wiederholte sie nur.
   Julienne nickte. Das genügte ihr offenbar für den Anfang. »Wollen wir morgen shoppen gehen? Ich könnte dringend neue Ohrringe gebrauchen. Und es gibt doch diese tollen neuen Schuhe von Prada, die mit den silbernen Streifen. Die würden super zu meinem glitzernden Kleid passen. Ich habe auch eine Tasche gesehen, die voll dein Style wäre.« Julienne kannte die Methodik, so lange zu reden, bis ihr Gegenüber schließlich zustimmte.
   Nach weiteren fünf Argumenten gab Emilia seufzend nach.
   Julienne lächelte zufrieden. »Ich habe den Eindruck, dass es dir allmählich besser geht. Zumindest schmunzelst du mittlerweile wieder über manche Witze – zugegeben häufiger bei James als bei mir – und Lilli hatte mir verraten, dass du nicht mehr ganz so häufig Albträume hast. Ich bin mir sicher: James Party wird ein weiterer großer Schritt in die richtige Richtung sein.«

Der Mann stand jetzt direkt vor ihr. Er war nicht sonderlich groß, gertenschlank, hatte schütteres Haar und eingefallene Wangen. Er würde Emilia beinahe an eine Leiche erinnern, wären da nicht seine grauen Augen, die vor Freude glühten. »Weißt du, wie sehr ich mich auf deinen Anblick gefreut habe? Nico hat mir schon verraten, dass du ganz gut ausschaust, aber er hat wirklich untertrieben.« Er griff nach ihrem Gesicht und drehte es zur Seite.
   Emilia versuchte, sich zu wehren, doch ihre gefesselten Hände und Beine hinderten sie daran. Nico, dachte sie. Dann hatte Julienne also recht gehabt, dass irgendetwas an ihm nicht stimmte.
   Der Mann hielt inne, als wartete er auf eine Reaktion auf den Namen, doch den Gefallen wollte Emilia ihm nicht tun. »Lassen sie mich los!«
   Seine Finger bohrten sich in ihre Wangen, und Emilia keuchte vor Schmerz auf.
   Der Mann lächelte noch immer. »Ich mag kleine Raubkatzen. Wer weiß. Vielleicht werden wir beide noch viel Spaß haben.«
   Emilia spürte, wie sie würgen musste. Schon der Gedanke daran, was dieser Mann mit ihr anstellen konnte …
   »Liebling!« Jemand rüttelte an ihrem Arm.
   Emilia schlug die Augen auf und schreckte hoch. Der düstere Raum war verschwunden, ebenso der schmierige Mann. Sie lag schweißüberströmt in ihrem Bett. Vor ihr stand ihr Vater und strich ihr sanft über das Haar. Es war wieder nur ein Traum gewesen. »Morgen, Daddy.« Sie setzte sich auf. Allmählich beruhigte sich ihr Puls, und das kalte Gefühl ließ nach. Dank Mrs. Turners Hilfe konnte sie mittlerweile Panikattacken und Angstzustände relativ leicht verscheuchen.
   »Alles in Ordnung?«
   Emilia nickte. »Alles okay.« Ihr Blick fiel auf ihren Wecker. Es war kurz nach sieben Uhr. Sie hatte verschlafen. Bedeutete das, dass sie gar nicht geschrien hatte? Wollte ihr Vater sie nur zur Schule wecken? Beinahe war sie erleichtert, auch, weil sie noch rechtzeitig zur Schule kommen wollte.
   »Gut, dann lass ich dich mal in Ruhe fertig machen. Unten stehen Kaffee und Bagels bereit. Deine Mutter ist bereits mit ihren Freundinnen auf dem Weg zum Spa. Sie wird dich sicherlich dreimal anrufen, du weißt ja, wie sie ist.« Robert verdrehte gespielt die Augen und zwinkerte Emilia zu.
   Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln. »Spätestens nach der zweiten Massage wird sie ganz vergessen, dass sie eine Tochter und einen Mann hat.«
   Ihr Vater lachte. »Wohl eher nach dem dritten Glas Champagner, zumindest, so wie ich Tammy kenne«, erwiderte er, bevor der den Raum verließ.
   Emilia stand auf. Es fiel ihr wirklich immer leichter, die Schatten der Vergangenheit zu verscheuchen – zumindest Ricardo und seine Crew. Doch Nico?
   Sie sah sein Gesicht noch vor sich. Die dunkelblonden langen Haare, die Augen, die sich in ihre brannten, seine Lippen … Emilia drehte das Wasser kalt. Sie durfte nicht mehr an ihn denken. Er war Geschichte, er saß im Gefängnis. Mit jemandem wie ihm durfte und wollte sie nichts zu tun haben.
    Mit leichter Verspätung erreichte sie das Schulgelände. Der Hof war leer, Schüler und Lehrer bereits in den Klassenräumen. Eilig stöckelte Emilia zum Eingang. In solchen Situationen war ihr das Trauma noch anzumerken. Sie hasste es, allein zu sein. Dann dachte sie ständig, beobachtet und verfolgt zu werden. Was, wenn Ricardo noch ein paar Freunde draußen hatte und nach Vergeltung lechzte? Ein Schauder lief ihr über den Rücken, ihr Puls beschleunigte sich und erste Schweißtropfen drohten, ihr Make-up zu zerstören. Tief durchatmen, an etwas Beruhigendes denken, sich darüber bewusst werden, dass die Angst nur in ihrem Kopf stattfand. Endlich erreichte sie die richtige Tür und stieß sie ohne anzuklopfen auf. »Tschuldigung. Ich habe verschlafen.«
   Die Lehrerin nickte, und Emilia eilte zu ihrem Platz. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Was sie früher genossen hatte, war ihr jetzt unangenehm.
   »Ist alles in Ordnung?«, wisperte Julienne ihr zu.
   Emilia nickte, dann beugte sie sich zu ihrer Tasche, um ihr Mäppchen und ihre Bücher zu holen. Es dauerte zwanzig Minuten, bis sich die Panik aufgelöst hatte.

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