Bei Anja läuft es super: Gerade in der Großstadt angekommen, startet sie mit ihrer Rockband City Cats richtig durch. Mit den ersten Auftritten kann sie gleich überwältigende Erfolge einheimsen, Fans – und Verehrer – stehen Schlange. Und dann begegnet sie auch noch dem umwerfendsten Typen, den sie je gesehen hat. Doch Killer, begnadeter Sänger der Metal-Band Darkest Nights, entpuppt sich als arroganter Schnösel, der jeden Abend ein anderes Groupie vernascht. Dummerweise geht er ihr aber einfach nicht mehr aus dem Kopf. Klar, er wäre gewiss eine Sünde wert, aber Anja sieht es nicht ein, sich in die endlose Reihe seiner Verehrerinnen einzureihen. Oder?

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ISBN: 978-9925-33-245-8

Seiten: 210

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Natascha Kribbeler

Natascha Kribbeler
Natascha Kribbeler wurde in Hamburg geboren. Ihr Herz gehörte schon früh der Sehnsucht nach der weiten Welt. Interessiert an Fotografie, Geschichte und fremden Kulturen, arbeitete sie in ihrem erlernten Beruf als Rechtsanwaltsgehilfin, bis die Familiengründung sie nach Bayern verschlug, wo sie heute noch mit Mann und Sohn lebt. Getrieben von Heim- und Fernweh begann sie mit dem Schreiben. Bisher wurden vier Teile ihrer Fantasy-Reihe über Jandor, den ersten Vampir, bei Forever by Ullstein veröffentlicht, ebenso eine zweiteilige Rockstar-Romance-Reihe. Mit „Rockerbraut“ startete ihre Rocker-Reihe bei bookshouse, die sich mit „Rockerschutz“ und nun mit „Rockerliebe“ fortsetzte. 

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Hektisch schlugen die Scheibenwischer des silbernen Ford Fiesta hin und her, schafften es aber kaum, der vom Himmel stürzenden Wassermassen Herr zu werden. Angestrengt starrte Anja durch die Windschutzscheibe und stieg erschrocken auf die Bremse, als unvermittelt die Bremslichter des vor ihr fahrenden Wagens aufleuchteten.
   »Das fängt ja gut an«, schimpfte sie. »Hoffentlich ist das Wetter kein Omen. Wenn das so ist, fällt der Gig heute Abend buchstäblich ins Wasser.«
   Das Herz schlug ihr vor lauter Aufregung sowieso schon bis zum Hals. Ihr erster richtiger Auftritt mit ihrer neuen Band stand ihr bevor. Da konnte sie sich Schöneres vorstellen, als vollkommen durchnässt, mit strähnigem Haar und verwischtem Make-up auf die Bühne zu treten.
   »Ach, Schwesterlein, sei nicht so eine Schwarzmalerin. Das hier ist Hamburg, nicht München. Der Regen gehört zur Stadt wie die Luft zum Atmen. Aber mach dir keine Sorgen, das ist nur ein kleiner Schauer, der ist gleich wieder vorbei.« Mika grinste frech.
   »Ich werde dich beim Wort nehmen. Wenn wir ankommen und es gießt immer noch so, musst du mir einen Regenschirm besorgen.«
   Anjas Bruder lachte fröhlich. »Kein Problem. Weißt du, ich kann es immer noch nicht ganz glauben, dass du nun auch in Hamburg wohnst. Dass die Zeiten vorbei sind, in denen wir uns vielleicht zweimal im Jahr ganz kurz sehen konnten. Wir werden es uns richtig schön machen.«
   »Ja. Ich freu mich auch, ich hab dich echt vermisst. Aber erst muss ich den heutigen Abend überleben.«
   »Hey, ihr macht das schon. Wer kann schon einem Haufen schöner Frauen widerstehen? Ach ja, die Jungs meiner Band kommen heute übrigens auch. Sie wollen sich euren ersten Auftritt nicht entgehen lassen.«
   »Was? Oje, warum hast du das gesagt? Nun werde ich noch nervöser! Ich werde den Text vergessen oder meinen Einsatz, oder ich werde über den Bühnenrand stolpern …«
   »So ein Unsinn! Alles wird super laufen, du wirst schon sehen. Sie werden euch lieben!« Mika grinste zuversichtlich.
   Zumindest was seine Jungs betraf, könnte es durchaus der Wahrheit entsprechen. Er war Gitarrist der Heavy-Metal-Band Darkest Nights. »Finn und Ben habe ich ja schon kennengelernt«, stellte Anja fest und atmete tief durch. Einmal war sie auf einem Konzert der Band ihres Bruders dabei gewesen, hatte aber nur die beiden getroffen. Sie lächelte, als sie an die Begegnung dachte. Beiden waren fast die Augen aus dem Kopf gefallen.
   »Wie kann es sein, dass du eine so wunderschöne Schwester hast?«, hatten sie gestaunt und Mika spöttisch angestarrt. »Du bist doch hässlich wie die Nacht!« Im Chor hatten sie ihn ausgelacht.
   Anja hatte Finn und Ben sofort ins Herz geschlossen und sich ein wenig geschmeichelt gefühlt. Nein, sehr.
   »Ich bin schon auf Torben und Killer gespannt«, sagte sie, während sie aufmerksam auf den Verkehr achtete. Täuschte sie sich oder wurde der Regen weniger?
   Mika lachte. »Von Killer solltest du dich lieber fernhalten. Der macht seinem Namen alle Ehre und legt eine Frau nach der anderen flach.«
   Anja grinste. »Da mach dir mal keine Sorgen. Ich bin schon ein großes Mädchen und kann ganz gut auf mich selbst aufpassen.«
   Ungeduldig schaute sie aufs Navi. »Noch zwei Minuten. Ich bin schon echt neugierig auf den Club.«
   »Er ist klein, aber das Publikum ist cool.« Prüfend betrachtete Mika sie.
   Anja versuchte, ihre Nervosität zu tarnen, aber es gelang ihr nicht ganz.
   »Mach dir keine Sorgen«, setzte er beruhigend hinzu.
   »Nun ja, es ist unser erster richtiger Gig.«
   »Ihr schafft das schon!« Im gleichen Augenblick wies Mika freudig mit dem Finger. »Und da ist sogar eine Parklücke, direkt vor dem Haus. Also das ist ein sehr gutes Omen.«
   Rasch steuerte Anja hinein, stellte den Motor aus und atmete tief ein und aus. »Dann wollen wir mal.«
   In der Eingangstür des Clubs stand bereits ihre Freundin und Bandkollegin Vanessa und winkte ihnen zu. Und als hätte sie damit geheime Zeichen gegeben, nahm die Intensität des Regens schlagartig noch mehr ab. Anjas Miene hellte sich auf wie der Himmel. »Jetzt bin ich mit dieser Stadt versöhnt.«
   Sie öffnete die Fahrertür, griff nach ihrer Tasche und stieg aus.
   »Gut, dass ihr da seid«, rief Vanessa. »Es gibt noch viel zu tun.«
   Anja umarmte sie zur Begrüßung und musterte sie. »Hübsche Frisur«, stellte sie anerkennend fest. Vanessa hatte ihr langes blondes Haar zu einem kunstvollen Zopf geflochten. Kurz entschlossen griff Anja ebenfalls nach dem Haargummi in ihrer Hosentasche, um ihre lange dunkle Mähne zu bändigen. Vanessa hatte recht, es gab noch viel zu tun, ehe ihr Auftritt beginnen konnte.
   »Danke! Ich bin froh, dass du da bist. Ich bin so nervös, dass mir die Hände zittern.« Vanessa warf einen Blick auf Mika. Der öffnete gerade ergeben den Kofferraum und griff nach der Kiste mit Anjas Utensilien.
   »Frag mich mal«, gab Anja zu. Auf was hatte sie sich hier bloß eingelassen? Eines Tages hatte sie genug gehabt von ihrem Job im Sekretariat eines großen Autohauses in München und sich in den Kopf gesetzt, Sängerin zu werden. Schon als kleines Mädchen hatte sie ihre Haarbürste zum Mikrofon umfunktioniert und all ihre Lieblingslieder mitgesungen, und daher begann sie nun, Nägel mit Köpfen zu machen. Während ihrer Gesangsausbildung hatte sie Vanessa kennengelernt, die Bass spielte, und kurz darauf gesellten sich Kerstin als Gitarristin und Nelli als Schlagzeugerin dazu. Geboren war die Band City Cats. Sie spielten Rock, beinahe schon Metal. Das war zu der Zeit, als Mika gerade mit seiner eigenen Band Darkest Nights so richtig durchstartete. Für die Band zogen Anja und Vanessa nach Hamburg zu Kerstin und Nelli.
   Und nun stand ihr erster richtiger Gig bevor. Anja seufzte. Sie hatte ja nicht gewusst, dass so ein Auftritt bereits im Vorfeld so viele Nerven kosten würde.
   Schnaufend stellte Mika die Kiste ab. »Was hast du da drin? Felsbrocken?«, stöhnte er. Er sah sich um. »Schön langsam könnten meine Jungs mal eintrudeln und uns beim Schleppen und Bühnenaufbau helfen.«
   »Wirklich nett, dass ihr das übernehmt«, sagte Anja und nickte zum Dank. »Roadies können wir uns noch nicht leisten.«
   »Ist doch Ehrensache«, erklärte Mika. »Aber du wirst ein größeres Auto brauchen. Wenn ihr richtig auf Tour gehen wollt, braucht ihr euer eigenes Zeug.«
   »So weit sind wir noch lange nicht«, erwiderte Anja und sah sich neugierig um. »Vorerst müssen wir uns Verstärker, Monitorboxen und so weiter ausleihen.« Sie rieb augenzwinkernd ihre Fingerspitzen aneinander. »Wenn genug Geld in die Kasse geflossen ist, können wir über ein größeres Fahrzeug reden.«
   Sie folgte Mika, der die Kiste wieder hochhob und durch die offenstehende Tür in den Club trug. Kerstin und Nelli kamen ihnen entgegen. Anja grinste, als sie Nelli sah. Deren schulterlanges blondes Haar war nur schwer zu bändigen und stand auch jetzt in alle Richtungen ab. Als Schlagzeugerin jedoch war sie phänomenal.
   Kerstin umarmte Anja erfreut. »Da bist du ja. Ich habe das Gefühl, dass ich von Minute zu Minute nervöser werde.« Sie fuhr sich durch ihr kupferrotes langes Haar und sah Nelli an, während sie Anja wieder losließ. »Wie machst du das bloß? Du wirkst total ruhig.«
   Nelli grinste. »Der Eindruck täuscht. Am liebsten würde ich alles stehen und liegen lassen und weglaufen.«
   Anja lachte erleichtert. Plötzlich ging es ihr viel besser. Was konnte ihr mit ihren Freundinnen an der Seite schon passieren?

Die weitere Stunde verging wie im Flug. Die Bühne war nur klein, aber bis sie alle Kabel verlegt, das Schlagzeug aufgebaut, die Ständer und Monitore aufgestellt und alles angeschlossen hatten, hatten sie doch alle Hände voll zu tun.
   Anja war froh über die Beschäftigung. So kam sie nicht allzu sehr zum Nachdenken. Gründlicher als nötig regulierte sie die Höhe des Mikroständers. Was den Aufbau anging, waren sie und die anderen Mädels bereits ein gut eingespieltes Team. In ihrem winzigen Proberaum hatten sie es oft genug geübt. Ob sie dann auch beim Auftritt miteinander harmonierten, würde sich zeigen. Rasch kontrollierte sie die Kabelverbindungen der Instrumente.
   Gerade als sie mit allem fertig waren, gesellten sich Finn, Torben und Ben zu ihnen.
   »Das war ja klar«, rief Mika gespielt empört. »Erscheinen, wenn die ganze Arbeit erledigt ist!«
   »Macht doch nichts«, erklärte Anja großmütig. »Ich freue mich, dass ihr gekommen seid.«
   Auf der einen Seite war sie froh darüber, dass Mikas Bandkollegen da waren, aber andererseits stieg ihre Nervosität nun noch stärker an. Immerhin waren die Musiker bereits Stars, während sie selbst noch niemand kannte.
   »Sorry«, rief Finn zerknirscht. »Es ging nicht eher. Aber nachher helfen wir euch natürlich.«
   »Wo ist denn Killer?«, fragte Mika.
   »Der steckt angeblich noch irgendwo fest. Du kennst ihn ja.« Finn grinste vielsagend.
   Mika lachte laut. »Ich möchte mir lieber nicht vorstellen, wo genau er steckt.«
   In gleichen Moment begann der Einlass, und einige Dutzend Gäste strömten herein. Mit zunehmender Nervosität beobachtete Anja sie. Es gab hier keinen richtigen Backstagebereich, dazu war der Laden zu klein. Nur ein dicker Vorhang trennte sie vom Publikum. Leise besprach sie mit ihren Kolleginnen noch einmal den Ablauf des Auftritts.
   Anjas Herz schlug schneller, als die helle Beleuchtung ausging. Der Lichttechniker tauchte die Bühne in rotes Licht, und die Unterhaltungen der Besucher verstummten.
   Anja atmete noch einmal tief durch. Dann trat sie durch den Vorhang ins Licht. Vereinzelter Beifall klang auf. Einige Pfiffe ertönten, als auch ihre Bandkolleginnen die Bühne betraten.
   Anja hob ihr Mikrofon an den Mund. »Hallo, Hamburg! Wir freuen uns, dass ihr alle da seid!«, begrüßte sie ihr Publikum. Erleichtert spürte sie, dass sie von Wort zu Wort ruhiger wurde. »Wir sind die City Cats, und wir wünschen euch viel Spaß beim Konzert!«
   Kerstin schlug die ersten Akkorde an, Nelli und Vanessa stimmten ein, und Anja begann zu singen. Im gleichen Augenblick hatte sie all ihre gewohnte Sicherheit zurück. Dies war etwas, das sie konnte, das wusste sie. Bereits nach wenigen Minuten hatte sie ihr Publikum im Griff. Die Leute klatschten und sangen bald die Strophen mit. Glücklich sah Anja in leuchtende Augen und lächelnde Gesichter.
   Mika stand ganz vorn und zeigte ihr grinsend seinen erhobenen Daumen. Anja war kurz abgelenkt, als sie bemerkte, wie einige junge Frauen im Publikum immer wieder zu ihm und seinen Bandkollegen hinüberstarrten und miteinander tuschelten. Sie hatte ja auch einen ausnehmend hübschen Bruder, und seine Freunde waren auch nicht zu verachten. Aber sie ließ sich nicht aus dem Konzept bringen.
   Mit zunehmender Sicherheit sprach Anja das Publikum an, schenkte dem einen oder anderen Zuhörer ein Lächeln oder einen tiefen Blick.
   Pfiffe und Jubel erklangen, als sie nach dem dritten Song ihr Shirt auszog und im schwarzen Top weitersang. Bald klebte ihr die hautenge Hose aus glänzendem Material auf der Haut, aber sie fühlte sich sexy und sonnte sich in der Bewunderung ihrer Zuhörer.
   Dies war es, was sie brauchte! Sie wollte Augen zum Leuchten, Gesichter zum Strahlen bringen. Sie wollte die Menschen mit ihrer Musik und ihren Texten erfreuen, aus ihrem Alltag herausreißen, von ihren Sorgen und Problemen ablenken. Und wie es aussah, schien es ihr zu gelingen. Sie tanzte und wiegte sich in den Hüften.
   Ganz am Rand des Publikums erkannte sie einen Mann, der ziemlich einsam wirkte. Er hielt sich an seiner Bierflasche fest und sah sie unentwegt an. Anja schenkte ihm einen tiefen Blick und sang einige Worte dabei. Sie erkannte, wie zarte Röte sein Gesicht überzog. Bingo! Ein Fan mehr.
   Und auch die Kameraden ihres Bruders ließen sie kaum einmal aus den Augen und waren sichtlich begeistert. Stolz und Erleichterung ließen Anja von innen heraus leuchten, sie konnte es regelrecht spüren. Wenn sie es schafften, diese tolle Band zu begeistern, würden sie noch ganz andere Hürden nehmen!
   Als sie am Ende des Auftritts hinter dem Vorhang verschwanden, folgten ihnen noch lange laute Jubelrufe, Klatschen und »Zugabe!«-Rufe. Noch einmal kamen sie heraus und spielten zwei weitere Songs. Dann hatten sie es geschafft. Die Feuerprobe war bestanden!

»Ihr wart großartig!«, lobte Mika und hielt Anja ein großes Glas Wasser hin.
   Sie stürzte es durstig hinunter. Sie fühlte sich unglaublich erleichtert, ihren ersten Auftritt mit Bravour gemeistert zu haben. Nun hatte sie endlich die Muße, die anderen Mitglieder von Darkest Nights genauer unter die Lupe zu nehmen und besser kennenzulernen. Es ging ihr so gut wie schon lange nicht mehr. Besonders, als die ersten Fans an sie herantraten und sie um ein Autogramm oder ein gemeinsames Foto baten. Freundlich erfüllte sie alle Wünsche.
   Bis sie sich beobachtet fühlte. Da hinten stand immer noch der Kerl mit der Bierflasche. Als er merkte, dass sie ihn ansah, hob er die Flasche zum Gruß, als wollte er ihr zuprosten. Sie grüßte mit ihrem erhobenen Wasserglas zurück. Da kam er zu ihr hinüber.
   »Hallo«, grüßte er und wirkte ziemlich schüchtern. »Ihr wart wirklich toll.«
   »Danke.«
   »Deine Stimme ist der Hammer.«
   »Oh. Danke!«
   Das Kompliment bewirkte, dass Anja den Typen etwas genauer unter die Lupe nahm. Er hatte dunkelblondes Haar, trug ein graues Shirt und sah irgendwie … nichtssagend aus. Wenn sie ihn morgen auf der Straße träfe, hätte sie sicher schon wieder vergessen, wie er aussah. Aber er hatte schöne Augen von einem strahlenden Himmelblau. Allerdings wusste sie nicht, was sie weiter mit ihm reden sollte. Im Small Talk musste sie noch geübter werden.
   Erleichtert bemerkte sie, wie Finn neben sie trat. Gut sah er aus mit seinem langen blonden Haar, das er offen trug. Schmunzelnd bemerkte Anja die neugierigen Blicke einiger Fans. Weiblicher wohlgemerkt. Sicher konnte er sich vor Verehrerinnen kaum retten. Vor allem aber war er ein äußerst netter Kerl.
   »Ihr macht uns ernsthaft Konkurrenz, wisst ihr das?«, lobte er. Mit einer weit ausholenden Armbewegung wies er auf die umherstehenden und sich unterhaltenden Leute. »Siehst du? Das sind alles eure Fans. Mit einem einzigen Auftritt habt ihr sie auf eure Seite gezogen. Wenn ihr so weitermacht, werdet ihr uns noch gefährlich.« Dann legte er seine Arme um Anja und zog sie an sich. »Herzlichen Glückwunsch zu diesem gelungenen Auftritt! Warte nur ab, die Clubs werden sich um euch reißen. Ach, was sage ich. Clubs habt ihr bald nicht mehr nötig. Dann werdet ihr die großen Hallen begeistern!«
   Verlegen winkte Anja ab. »Du übertreibst. Bis dahin es ist noch ein weiter Weg.«
   Vergessen war der einsame Typ.
   Kameradschaftlich Arm in Arm ging Anja mit Finn zu den anderen hinüber. »Wo ist denn jetzt Killer?«, fragte sie. »Ich hab schon so viel von ihm gehört, dass ich ganz neugierig bin, ob er wirklich so umwerfend ist. Bisher habe ich ihn ja nur einmal auf der Bühne gesehen, aber noch nie mit ihm gesprochen.«
   »Freu dich!«, kicherte Finn.
   Mika sah auf seine Uhr und runzelte die Stirn. »Wirklich komisch, dass er nicht gekommen ist. Er hatte es fest vor. Aber du darfst dir bei ihm nicht allzu viel dabei denken. So ist er halt. Ich vermute, eine seiner Freundinnen hat ihn nicht gehen lassen.«
   »Wahrscheinlich hat sie ihn am Bett festgebunden.« Torben lachte. »Darauf steht er. Und dann bleibt er auch garantiert die ganze Nacht bei ihr. Ansonsten kann man da nicht so sicher sein.«
   »Was habt ihr denn bloß für einen Sänger? Er muss ja ein richtig Schlimmer sein.« Anja lachte fröhlich, und die anderen fielen mit ein.
   Aus den Augenwinkeln bemerkte sie die sehnsüchtigen Blicke des Mannes in der dunklen Ecke. Kurz tat er ihr leid, aber dann hatte sie ihn schon wieder vergessen.

*

Einige Kilometer entfernt öffnete Killer träge die Augen. Fast wäre er eingeschlafen.
   »Wie spät ist es, Baby?«, fragte er. Wahrscheinlich wurde es Zeit, loszufahren. Mikas Schwester hatte heute Abend ihren ersten Auftritt mit ihrer Band. Eine Mädelsband! Das durfte er sich natürlich nicht entgehen lassen.
   Die hellblonde Frau neben ihm rekelte sich, sodass die Bettdecke verrutschte und eine üppige Brust freigab.
   Ein heißer Schauder durchfuhr Killer, aber er beschloss, ihn zu ignorieren, und schaute rasch an die Decke. Sein Magen knurrte. Vielleicht würde er es noch schaffen, eine Kleinigkeit zu essen, bevor er losmusste.
   Helles Haar schob sich in Killers Blickfeld, dann Sonjas Gesicht. »Es ist noch früh. Zeit genug für …« Sie begann, seine Brust zu küssen und sich langsam abwärts zu arbeiten.
   Ergeben seufzte Killer. Sie schien ja gar nicht genug von ihm bekommen zu können. So wie all die anderen vor ihr. Er kannte es gar nicht anders und begann geschmeichelt zu grinsen. Das sollte ihm nur allzu recht sein. Ein Quickie zwischendurch konnte nicht schaden. Anschließend würde er rasch etwas essen und sich dann auf den Weg machen. Er wollte nicht zu spät kommen. Dazu war er viel zu neugierig.
   Also griff er zu, umfasste Sonjas Hüften und zog sie auf sich. Sie kicherte, besann sich aber rasch auf ihre Aufgabe. In den folgenden Minuten dachte Killer nichts mehr.
   Und danach war er so schläfrig, dass er sich anstrengen musste, um wach zu bleiben. Eine ganze Weile döste er vor sich hin.
   Doch schließlich warf er entschlossen die Bettdecke zur Seite und setzte sich auf.
   »Willst du schon gehen?«, fragte Sonja alarmiert.
   »Ich muss, Baby. Die Pflicht ruft.« Geübt griff Killer nach seinen Klamotten und zog sich an.
   »Wo willst du denn hin?«
   »Äh, in einen Club, zu einem Bandtreffen.«
   »Ich kann doch mitkommen. Ich werde euch auch nicht stören. Und hinterher können wir da weitermachen, wo wir vorhin aufgehört haben. Na, wie klingt das?«
   In Killers Ohren ziemlich anstrengend. Und zwar deshalb, weil Sonja begann, zu klammern. Es war doch immer dasselbe. Sobald er einer Frau den kleinen Finger reichte, wollte sie nicht nur die ganze Hand, sondern ihn komplett!
   »Geht nicht, Baby. Es wird später.«
   »Das macht doch nichts. Es ist immer Zeit für …« Sie warf ihm einen verheißungsvollen Blick zu.
   Aber gerade das sorgte dafür, dass Killer plötzlich die Nase voll von ihr hatte. Sie machte es ihm so einfach. Alle Frauen machten es ihm zu leicht, immer. Es war so langweilig! Wo blieb denn da der Spaß, wenn sich jedes Mädchen freiwillig in sein Bett legte? Ob er sie nun wollte oder nicht. Nun ja, im Grunde wollte er eigentlich jede. Fast jede. Sex konnte man eben nie genug bekommen. Man war ja nur einmal jung, oder? Und es gab doch so viele Frauen! Alle völlig unterschiedlich. Blonde, Brünette, Rot- oder Schwarzhaarige. Welche mit gebräunter oder sehr heller Haut, von europäischem, asiatischem oder afrikanischem Typ. Manche waren größer, andere kleiner, manche super schlank, andere nicht ganz so sehr. Die Auswahl war unerschöpflich! Er wäre ja blöd, wenn er nicht zugreifen würde und nahm, was sich ihm bot.
   Für heute hatte er jedoch genug. Der Mief des Zimmers ging ihm plötzlich auf die Nerven. Sonja ging ihm auf die Nerven. Ihre vorwurfsvollen Augen, sogar ihre Nacktheit, die sie ihm nun offen präsentierte, als hoffte sie, ihn damit halten zu können.
   Rasch griff er zu einer herumliegenden Bürste und fuhr sich mit einigen Strichen durch sein langes glattes Haar. Es war schwarz wie Teer, und schon viele Frauen hatten ihm zugeflüstert, dass er sehr exotisch aussähe, wie ein Indianer.
   Sein richtiger Name war John, aber den kannte kaum jemand. Er interessierte auch niemanden. Killer selbst dachte von Zeit zu Zeit darüber nach, woher die Vorfahren seiner Familie stammten. Sogar sehr oft. Aber jedes Mal unterbrach er seine Gedanken rasch wieder. Sie machten ihn traurig. Und er hasste es, traurig zu sein.
   »Ich ruf dich an, okay?«, murmelte er, warf sich seine Lederjacke über die Schulter und ging zur Tür. Nur raus hier! Plötzlich konnte er nicht schnell genug wegkommen.
   »Aber vergiss es nicht wieder, hörst du?«, rief Sonja verzweifelt.
   Killer antwortete nicht. Er schloss die Tür hinter sich und hatte ihre Worte im gleichen Augenblick vergessen.
   Wie spät war es denn nun? Verdammt, das hatte sie ihm nicht gesagt. Wieso musste er auch sein Handy zu Hause vergessen?
   Rasch verließ er das Haus und rannte zur nächsten U-Bahn-Station. Schon nach zwei Uhr! Leise fluchte er vor sich hin. Der Gig war längst vorbei. Ob er seine und vor allem Anjas Band noch treffen würde? Oder waren sie schon lange weg?
   Als er den Club erreichte, waren kaum noch Leute da. Draußen vor der Tür stand ein einsamer Kerl herum, der sich an seiner Bierflasche festhielt und das Plakat von Anjas Band anstarrte.
   »Da bin ich wohl zu spät, oder?«, fragte Killer ohne große Hoffnung.
   »Wenn du den Gig meinst, der ist leider schon vorbei.«
   »Wie waren sie denn?«
   Der Mann wandte sich zu Killer um, und helle Begeisterung trat in sein Gesicht. »Weltklasse!«
   »Im Ernst? So gut?«
   Der Typ nickte und nahm einen Schluck aus seiner fast leeren Flasche. Immer wieder starrte er in eine bestimmte Richtung. Vielleicht erwartete er noch jemanden.
   Unentschlossen sah Killer von der Straße zur Tür des Clubs und wieder zurück. So ein Mist. Da hätte er auch bei Sonja bleiben können, in ihrem warmen Bett und …
   Nein, von ihr hatte er genug. Morgen würde er mal wieder seine Telefonliste durchgehen.
   Er nickte dem Typen einen Gruß zu, lief zum nahegelegenen Schnellrestaurant und verschlang einen Cheeseburger mit Pommes. Das alles spülte er mit einem halben Liter Cola hinunter. Er war ärgerlich auf sich selbst.
   Schließlich hatte er eine Eingebung. Sicher würden seine Jungs nach dem Gig noch zusammensitzen. Und er wusste auch schon, wo er sie finden konnte.
   

*

Anja winkte halbherzig ab, als der Kellner das dritte Glas Rotwein vor sie hinstellte. »Nicht noch mehr, ich habe genug, wirklich. Morgen muss ich früh raus und …«
   »Ausreden gelten heute nicht.« Mika lachte fröhlich, hob sein eigenes Glas und prostete ihr zu. Finn, Ben und die anderen taten es ihm gleich. Als sich der Club leerte, waren sie zur Feier des Tages in Mikas und Finns Lieblingskneipe weitergezogen, wo sie nun um einen großen Tisch herumsaßen und die Ereignisse des Abends Revue passieren ließen.
   »Ja, heute wird gefeiert«, rief Finn. »Euer erster Auftritt, und dann gleich so ein Erfolg. Die ersten Fans habt ihr fest in der Tasche. Und wartet nur ab, noch viele werden folgen.«
   »Und dabei dachte ich anfangs, ich muss sterben, so nervös war ich.« Vanessa hob ihr Glas an die Lippen und trank einen Schluck. »Mir war richtig schlecht. Aber kaum hatten wir angefangen zu spielen, war es vorbei, und ich fühlte mich großartig.« Sie strahlte Anja an.
   »So ging es mir auch«, pflichtete diese ihrer Freundin bei. »Am liebsten wäre ich einfach verschwunden. Mir zitterten richtig die Knie. Aber dann …, es war einfach großartig!«
   »Danach kann man süchtig werden«, erklärte Finn. »Der Jubel, die Begeisterung, das Strahlen in den Augen der Fans …«
   »Das glaube ich sogar«, erwiderte Anja. »An das Lampenfieber vorher werde ich mich allerdings wohl nie gewöhnen. Ein furchtbares Gefühl.«
   »Das vergeht mit der Zeit«, beruhigte Ben.
   »Bei Killer war es am Anfang sehr schlimm«, erzählte Finn. »Ihm war so schlecht, dass er sich angewöhnte, vor jedem Auftritt zwei Whiskys zu kippen. Natürlich ging das nicht lange gut. Er vergaß den Text oder stolperte über ein Kabel.«
   »Und dann?«, fragte Anja gespannt. »Wie hat er das in den Griff bekommen?« Sie wurde immer neugieriger auf den geheimnisvollen Sänger. Vielleicht war er gar nicht so cool, wie er sich auf der Bühne gab? Zu schade, dass er nicht gekommen war. Sie hätte ihn zu gern kennengelernt.
   »Das kannst du ihn gleich persönlich fragen.« Mika wies zur Eingangstür der Kneipe, und Anja folgte seinen Blicken.
   Der Mann, der gerade eintrat, war so attraktiv, dass sie unwillkürlich den Atem anhielt, und seine Präsenz war so gewaltig, dass sich unzählige Köpfe zu ihm umwandten. Anja bemerkte, wie gleich mehrere Frauen an den Nebentischen die Köpfe zusammensteckten und zu tuscheln begannen.
   Sie selbst konnte nichts weiter tun, als ihn sprachlos anzustarren. Unzweifelhaft, es war Killer, der gerade den Raum betrat. Selbst hier im schummrigen Licht glänzte sein schwarzes Haar wie Teer, und der gedämpfte Schein der Lampen ließ seine dunklen Augen aufleuchten wie glühende Kohle. Er ließ seine Blicke über die Gäste wandern, und rasch entdeckte er die winkenden Arme seiner Freunde. Ein freudiges Lächeln überzog seine Züge, und zielstrebig steuerte er auf ihren Tisch zu.
   Immer noch konnte Anja kaum atmen. Es war etwas vollkommen anderes, diesen Mann auf der Bühne zu sehen, einige Meter von sich entfernt und mit seinem Auftritt beschäftigt, oder sich unwillkürlich im Zentrum seiner Aufmerksamkeit zu befinden.
   Denn Killer starrte sie nach einem freundlichen Winken in die Runde unverwandt an, und sein Blick ging Anja durch und durch. »Du musst Mikas berühmte Schwester sein«, grüßte er. Sein Lächeln ließ weiße ebenmäßige Zähne aufleuchten.
   Hatte sie jemals einen so gut aussehenden Mann gesehen? Anja erkannte sich selbst nicht mehr wieder. Eigentlich war sie selbstbewusst und durchaus nicht auf den Mund gefallen. Gerade aber fühlte sie sich wie ein schüchternes Schulmädchen. Reiß dich zusammen, sprach sie sich im Stillen zu.
   »Ich fürchte, die Berühmtheit wird noch eine Weile auf sich warten lassen«, erwiderte sie. Und sobald sie ihre eigene Stimme hörte, hatte sie sich wieder in der Gewalt. So toll er auch aussah, Killer war auch nur ein Mann. Kein Grund, vor Ehrfurcht im Boden zu versinken.
   »Wo warst du denn?«, schimpfte Mika. »Wir haben den ganzen Abend auf dich gewartet.«
   »Ja, du hast den Auftritt des Jahres verpasst«, fuhr Finn fort.
   Sofort trat ein so schlechtes Gewissen in Killers Züge, dass Anja amüsiert schmunzelte.
   »Tut mir echt leid. Ich bin … nicht weggekommen. Ich wurde aufgehalten.«
   Täuschte Anja sich, oder errötete Killer wirklich? Plötzlich schlug ihr Herz schneller.
   »Nun ist er ja da«, nahm sie ihn in Schutz. Sie wusste selbst nicht, warum sie das tat. Sie hatte einfach das Bedürfnis, ihn vor den Angriffen seiner Freunde beschützen zu müssen. »Setz dich doch zu uns.«
   »Vorher muss er einen ausgeben. Die nächste Runde geht auf dich. Als Entschädigung.« Torben grinste und hielt Killer auffordernd sein leeres Glas hin.
   »Okay, okay. Was wollt ihr trinken?« Nun grinste auch Killer, was ihn in Anjas Augen noch unwiderstehlicher machte.
   Aber noch während ihre Freundinnen und Killers Band ihm ihre Wünsche mitteilten, trat eine Frau neben Killer. Eine auffallend hübsche Blondine. Vertraulich legte sie ihm ihre Hand auf die Schulter, und Anja erkannte kunstvoll manikürte Fingernägel.
   Mit einem gekonnten Augenaufschlag blickte die Frau Killer an. »Erinnerst du dich noch an mich?«
   Er starrte sie verwirrt an. »Ich glaube, du musst mir auf die Sprünge helfen.«
   Die Blondine schüttelte tadelnd den Kopf, ohne Killer dabei aus den Augen zu lassen, und Anja bemerkte, wie Killers Aufmerksamkeit wie magisch von ihrem wogenden Dekolleté angezogen wurde. Ein heftiger Stich durchfuhr sie.
   »Ich bin’s doch, Yvonne. Erkennst du mich denn nicht mehr? Eure letzte Tour …, du hast mich in den Tourbus mitgenommen …« Die Augen der Blondine fixierten Killer.
   Ärger stieg in Anja auf, als sie bemerkte, wie ein Leuchten in seine Augen trat, als er sich erinnerte.
   »Klar weiß ich das noch«, erklärte er großspurig.
   »Es hätte mich auch gewundert, wenn nicht.« Die Frau begann Killers Schulter zu streicheln. »Willst du dich nicht zu uns setzen? Meine Freundinnen sind schon so gespannt, dich kennenzulernen.«
   Automatisch folgte auch Anja ihrem ausgestreckten Arm. Zwei weitere aufgedonnerte Mädels saßen dort am Tisch, ihre glühenden Augen auf Killer geheftet.
   Unsicher sah Killer zwischen ihnen und dem Tisch seiner Bandkollegen hin und her. »Also eigentlich wollte ich mich gerade hierher …« Er deutete auf Mika und die anderen.
   »Ach, komm schon«, sagte Yvonne und machte einen Schmollmund. »Das kannst du doch gleich immer noch machen. Wir haben uns so lange nicht gesehen. Einen Drink. Na komm.«
   Killer gab auf. Verärgert bemerkte Anja seinen Stimmungsumschwung. Er warf einen Blick in die Runde, ohne jemanden direkt anzusehen. »Tut mir leid«, erklärte er. »Ich muss da mal eben kurz rüber.«
   »Das ist jetzt nicht dein Ernst«, brummte Mika säuerlich. »Hey, wir feiern den ersten Auftritt von meiner Schwester und ihrer Band. Sie waren fantastisch. Und du hast nichts Besseres zu tun, als …«
   »Ich komme doch gleich wieder«, versuchte Killer ihn zu beruhigen.
   Anja bemerkte, wie hin- und hergerissen er war. Einen Augenblick lang trafen sich ihre Augen, und es schien Anja, als würden Killers Blicke bis in ihr Herz vordringen. Aber kurz bevor er es erreichte, wandte er seine Augen ab. Enttäuschung stieg in Anja empor, und mit einem Mal war die Freude über den heutigen Erfolg stark gedämpft.
   Ohne ein weiteres Wort wandte sich Killer ab und folgte Yvonne an deren Tisch. Als er sich setzte, kam es Anja vor, als würde man einen Delphin in ein Haifischbecken werfen. Die Raubfische fixierten ihn mit blitzenden Zähnen und Krallen.
   »Was für ein Arschloch«, schimpfte Mika.
   »Macht euch nichts draus«, versuchte Finn Anja und ihre Freundinnen zu besänftigen. »Es ist nichts Persönliches. Er kann eben nicht anders. Sobald eine weibliche Stimme ihn lockt, muss er ihr folgen.«
   Ohne es zu wollen, sah Anja im Verlauf der weiteren Stunde immer wieder zu Killer hinüber. Yvonne lachte laut, während sie Killer ihre weiblichen Reize präsentierte, und auch ihre Freundinnen buhlten um seine Aufmerksamkeit.
   Er jedoch sah immer wieder zu ihr hinüber, und fast schien es Anja, als würde er sie stumm um Hilfe bitten, ihn zu befreien. Anfangs erwartete sie jeden Augenblick, dass er aufstehen und sich endlich zu ihnen setzen würde. Aber er tat es nicht. Hatte er nicht den Mumm dazu? Oder war die Aussicht auf eine heiße Nacht mit Yvonne oder einer ihrer Freundinnen zu verlockend für ihn?
   Anjas Resignation wuchs, je länger sie vergeblich auf ihn wartete. Sie ärgerte sich über sich selbst, sich die Laune von diesem Typen vermiesen zu lassen.
   Schließlich hatte sie genug. Sie konnte darauf verzichten, einen wie ihn näher kennenzulernen. Sie zwang sich, nicht mehr zu ihm hinüberzusehen, auch wenn sie seine Blicke auf sich geradezu körperlich spüren konnte.
   »Erinnert ihr euch an das Catering in diesem winzigen Club in Stuttgart?«, fragte Torben gerade.
   »War das dort, wo es die staubtrockenen Brötchen gab, mit der Wurst und dem Käse mit den eingetrockneten Rändern?«, erkundigte sich Finn und schüttelte sich.
   »Genau. Und erst der Salat auf den Sandwiches. Grün war der seit Tagen nicht mehr, nicht einmal mehr gelb. Der fing schon an, sich zu zersetzen …«
   »Hör auf«, rief Vanessa angewidert. »Ich glaube, ich will nicht auf Tour gehen. Da würde ich wohl verhungern.«
   »Was habt ihr gemacht?«, fragte Kerstin neugierig. »Habt ihr das Zeug gegessen?«
   »Zwischen Soundcheck und unserem Auftritt gingen wir einen ganz fantastischen Burger essen, mit Tomate und frischem Rucola.« Ben rieb sich genießend den Bauch und verdrehte wohlig die Augen.
   Anja lachte und war erstaunt, als sie es bemerkte. Die Welt war wieder in Ordnung. Ihr erster Auftritt und damit ihre Feuerprobe waren super gelaufen, sie hatte eine tolle Band und nette Freunde in Hamburg gefunden, kaum, dass sie angekommen war.
   Wer brauchte da schon jemanden wie Killer?

Kapitel 2

Ratlos stand Anja vor den fünf riesigen Paketen.
   »Wir liefern nur bis zur Haustür«, hatte der Fahrer des Möbelhauses gebrummt, als sie ihn gefragt hatte, ob er ihr den Kleiderschrank nicht bis in ihre Wohnung tragen könnte.
   »Und wie sieht es hiermit aus?«, hatte sie ihn zu locken versucht und ihm einen Zwanzigeuroschein vor die Nase gehalten. Das war übrigens ihr letztes Geld. Der Umzug von München nach Hamburg hatte ihre letzten Reserven gefressen.
   Der Kerl starrte ihr Geld an, als wäre es das Aktfoto einer Achtzigjährigen. »Soll das ein Witz sein?«
   »Keineswegs. Ich …«
   »Der wie vielte Stock war es doch gleich?«
   »Der Vierte. Kommen Sie, das ist doch ein Klacks für Sie …«
   Mit einer unbestimmten Geste griff der Fahrer sich an den Kopf und brummelte etwas Unverständliches. »… schönen Tag«, war das Einzige, das Anja heraushören konnte. Er stieg in den Lieferwagen, warf ihr noch einen undefinierbaren Blick zu und brauste davon.
   Seufzend hob Anja versuchsweise das kleinste der Pakete an. Es war sehr schwer, aber vielleicht würde sie es schaffen. Sie schleppte es bis zur Treppe, drei, vier Stufen hoch … Nein. Es ging einfach nicht. Sie würde eine Stunde brauchen, um es bis in den vierten Stock zu hieven. Und die anderen vier Ladungen hätten bis dahin wahrscheinlich Beine bekommen und wären fort, wenn sie wieder herunterkam.
   Entschlossen wählte sie die Nummer ihres Bruders. »Kannst du mir helfen? Mein Kleiderschrank wurde gerade geliefert, aber leider nur bis zur Haustür. Und nun weiß ich nicht, wie ich …«
   »Tut mir echt leid, Schwesterchen. Ich sitze gerade in der Notaufnahme des Krankenhauses.«
   »Was? Um Himmels willen! Was ist passiert?«
   »Ich bin heute Morgen etwas zu schwungvoll aufgestanden. Ich wollte Luna mit Frühstück im Bett überraschen. Dabei bin ich mit voller Wucht mit dem Fuß gegen den Bettpfosten geknallt. Nun warte ich aufs Röntgen. Statt Frühstück im Bett musste Luna mich in die Klinik fahren.«
   »Oje, das tut mir echt leid für euch. Gute Besserung, hörst du?«
   »Danke. Aber warte mal. Hast du Killers Telefonnummer? Der müsste eigentlich Zeit haben.«
   »Nein, bisher hatte ich noch nicht das Vergnügen.« Ihre Stimme klang ironisch. »Seine Nummer hat er wohl gestern Abend anderweitig verteilt.«
   Killer war erst aufgesprungen, als sie sich zum Gehen gewandt hatte. Das schlechte Gewissen stand ihm ins Gesicht geschrieben, aber Anja hatte kein Mitleid mit ihm gehabt. Sie hatte ihm kühl zugenickt und war gegangen.
   Oft genug hatte Mika ihr erzählt, was für ein Frauenheld Killer war. Er wurde jedem Klischee eines Rockstars gerecht, vernaschte die Groupies reihenweise. Anja hatte nicht vor, sich in die endlose Schlange einzureihen. Auch wenn der Gedanke an ihn schon sehr reizvoll war. Zumindest kurzfristig gestern Abend. Inzwischen war sie durch mit ihm.
   Aber wieso sollte er ihr nicht die Kisten hochschleppen? Da könnte er sich mal anderweitig austoben. Finn, Ben und Torben hatten noch Jobs neben der Musik. Und ihre Bandkolleginnen … Hm, vielleicht wäre es besser, es erst mal bei ihnen zu versuchen. Gemeinsam würden sie es schon schaffen, die Pakete in ihre Wohnung zu bekommen. Sie könnten ja zu dritt ein Teil nehmen und …
   »Anja, hörst du mir eigentlich zu?«
   »Was?« Anja schrak aus ihren Gedanken.
   »Hast du mitgeschrieben? Ich habe dir gerade zum dritten Mal Killers Nummer gegeben.«
   »Oh, äh … Nein. Sorry. Ich war in Gedanken.«
   Mika lachte verschmitzt. »Wer spukt denn da meiner Schwester im Kopf herum?«
   »Niemand. Ich hatte nur überlegt, wie ich denn nun diese schweren Teile die Treppen hochkriege.«
   »Ruf ihn an, Schwesterchen. Killer strotzt nur so vor Kraft und überschüssiger Energie. Er kann ruhig auch mal etwas anderes tun, als Frauen zu beglücken.« Rasch gab Mika Anja noch einmal Killers Nummer durch.
   »Also gut, ich versuche es mal bei ihm. Danke, und nochmals alles Gute. Melde dich, wenn ihr was braucht, ja? Und liebe Grüße an Luna!«
   Anja legte auf und zögerte. »Wieso eigentlich nicht?«, schimpfte sie dann mit sich selbst. »Mika hat schon recht. Es schadet diesem Ladykiller bestimmt nicht, auch mal etwas zu schuften.«
   Kurz entschlossen wählte sie Killers Telefonnummer. Plötzlich schlug ihr Herz schneller.
   Es klingelte und klingelte. Verdammt, was tat dieser Kerl gerade? Lag er mitten am Tag immer noch im Bett mit irgendeiner …?
   »Hallo?«
   Oh! »Hallo. Killer, bist du es?«
   »Ja. Wer ist denn da?« Seine Stimme klang tief, aufgeschlossen und in höchstem Maße angenehm. Sie jagte einen Schauder über Anjas Rücken.
   Rasch räusperte sie sich. »Hier ist Anja. Mikas Schwester, wie du ja weißt. Ich wollte mal fragen, ob du …«
   »Anja! Hi, Baby! Du warst ja gestern so plötzlich weg, schade. Wirklich, es tut mir leid, dass ich bei eurem Auftritt nicht da war. Ich hab’s buchstäblich verpennt.«
   Was danach kam, war noch viel schlimmer. Anja grollte, sagte aber nichts dazu. »Macht nichts. Beim nächsten Mal kannst du ja …«
   »Ihr wart toll, hab ich gehört. Gestern kam ich ja gar nicht zum Gratulieren. Herzlichen Glückwunsch!«
   »Danke! Ja, es lief ganz gut. Hör mal, hast du …?«
   »Wann spielt ihr denn mal wieder? Nicht dass ich es wieder verpasse!«
   Verdammter Kerl! Konnte er sie vielleicht auch mal zu Wort kommen lassen?
   »Wir haben einige Termine am Laufen, das muss sich in den nächsten Tagen klären. Also, was ist denn nun? Kannst du mir …?«
   »Du musst mir unbedingt vorher Bescheid sagen, ja? Ich würde mir selbst in den Hintern beißen, wenn ich es noch mal …«
   »Jetzt hör mir doch mal zu«, schrie Anja entnervt.
   Verdutztes Schweigen am anderen Ende der Leitung.
   Ein schlechtes Gewissen durchflutete Anja. Wie konnte sie sich nur so gehen lassen? Aber im gleichen Moment hätte sie Killer die Ohren lang ziehen können. Für wen hielt er sich denn? Oder sie? Was fiel ihm ein, sie so …?
   »… es denn?«
   »Was?« Das klang immer noch ganz schön patzig. Gut so. Er sollte gleich wissen, dass er so nicht mit ihr umspringen konnte!
   »Ich fragte, worum es denn eigentlich geht.«
   Na endlich! »Hier warten einige ziemlich schwere Pakete auf einen starken Mann, der sie in meine Wohnung trägt. Mika kann nicht, und sonst kenne ich keinen, der mir helfen könnte.«
   Sie hörte sich an wie ein hilfloses Weibchen! Kein Wunder, dass er sie nicht für voll nahm.
   »Aha.«
   War das alles? Oder schmollte er jetzt? Wollte er, dass sie ihn hofierte, ihn, den großen Rockstar?
   »Was ist denn jetzt?«, blaffte sie unfreundlich. »Hilfst du mir jetzt oder nicht?«
   »Ich würde ja gern.«
   Und warum tat er es dann nicht? »Worauf wartest du dann noch?« Ja, das klang gut. Es zeigte ihm, dass sie nicht vor ihm auf den Knien herumrutschen würde, nur damit er …
   »Auf deine Adresse.« Anja meinte, sein Grinsen durchs Telefon zu hören. Aber okay, der Punkt ging an ihn. Als Anja Killer ihre Straße durchgab, klang ihre Stimme etwas kleinlaut, worüber sie sich sehr ärgerte.
   »Ich mach mich gleich auf den Weg. Gib mir eine halbe Stunde.«
   Noch mal so lange hier stehen und warten! Er würde hier ankommen wie der große Held, der einer hilflosen Lady seine männliche Stärke anbot, weil sie es selbst nicht auf die Reihe bekam. Sie sah jetzt schon sein überhebliches Grinsen vor sich, wenn er das erste Paket schulterte, als wäre es federleicht …
   Entschlossen griff sie nach dem nächstbesten Karton und richtete ihn mit einiger Mühe auf. Dann holte sie tief Luft und versuchte, ihn anzuheben. Langsam löste das Teil sich vom Boden, einen Millimeter, zwei …
   Gleichzeitig zerrte sie daran, um es vorwärtszubewegen, auf die Haustür zu. Es gelang ihr. Dreißig Zentimeter. Dann verließen sie die Kräfte und sie musste das Teil sinken lassen.
   Wo waren eigentlich all ihre Nachbarn? Neben ihrem standen noch neun weitere Namen auf den Klingeln. Hatten die sich alle in ihren Wohnungen verbarrikadiert und beobachteten grinsend ihre vergeblichen Bemühungen?
   Anjas Laune verschlechterte sich von Minute zu Minute. Ungeduldig sah sie auf die Uhr. Wo blieb dieser Kerl bloß? Vierundzwanzig Minuten waren schon vergangen, seit sie ihn angerufen hatte. Sie erschienen ihr wie ein halber Tag.
   Da kam er! Unwillkürlich hielt Anja die Luft an. Verdammt noch mal, sah dieser Kerl gut aus! Sie hatte angenommen, dass er bei Tageslicht betrachtet nicht halb so attraktiv war. Dass das Rampenlicht oder die diffuse Beleuchtung in der Kneipe einen Großteil seiner Anziehungskraft ausmachte. Oder seine grandiose Stimme, wenn er sang.
   Sie hatte sich geirrt. Er schlenderte heran, in Jeans und einer schwarzen Kapuzenjacke mit dem Logo seiner Band, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Sein schwarzes Haar flatterte hinter ihm her wie ein Schwarm Krähen.
   Nun sah er zu ihr herüber, und ein Lächeln überzog seine Lippen, als er sie erkannte. Oder war es Spott? Nur eine Frau weit und breit stand wartend neben einem Stapel schwerer Kisten. Im Grunde wusste Anja, warum sie so ungnädig über Killer dachte. Immer noch ärgerte sie sich, weil er sie zugunsten dieser Blondine hatte sitzen lassen …
   Aber sie riss sich zusammen und sah ihm freundlich entgegen.
   Da stand er schon vor ihr. »Hi!«, grüßte er lässig und hielt Anja die Hand hin. Die andere blieb in der Hosentasche. »Du bist in Not, wie ich sehe.« Er warf einen Blick auf die Pakete und hob eine Augenbraue, und es erschien Anja spöttisch, so, als wollte er ihr gleich seine Überlegenheit zeigen.
   Sie hatte sich gezwungen, nett zu sein, wirklich. Sie hatte sogar gelächelt. Nun verging es so plötzlich wie Sonnenschein im Angesicht einer schwarzen Gewitterwolke.
   »In Not, na ja. Es ist eben Pech, dass ausgerechnet heute niemand Zeit hat, mir zu helfen.« Sie biss die Zähne zusammen. Sie sah ihn wieder vor sich, wie er in den Ausschnitt dieser Frau starrte. Rasch schüttelte sie den Gedanken ab, als sie erstaunt feststellte, wie weh er tat, und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt. »Aber es ist wirklich nett von dir, dass du …«
   Doch Killer hatte sich schon abgewandt und stand nun vor den Paketen.
   Anja schnaufte. Er war ja sogar noch schlimmer, als sie befürchtet hatte. Nun gut, er war hier. Wirklich, es war sehr nett von ihm. Vor allem, wenn man darüber nachdachte, wie anstrengend die vergangene Nacht wohl noch für ihn geworden war. Er sollte ihr die Sachen hochtragen wie ein Arbeitspferd, und dann konnte er wieder verschwinden.
   Er wandte ihr den Rücken zu. Nun zog er langsam seine Jacke aus.
   Wie gebannt starrte Anja ihn an. Sie war unfähig, den Blick von Killers Rücken zu wenden. Seine Muskeln spielten unter seinem schwarzen T-Shirt. Seine Jacke hielt er nun in der Hand, und Anja starrte auf seine muskulösen Oberarme, sonnengebräunt, mit glatter Haut, geziert von Tattoos, verschlungenen Tribals. Noch einmal bewegte Killer seine Schultern, streckte seine Arme durch …
   Anja hielt den Atem an. Das Sonnenlicht spielte in seinem pechschwarzen Haar und zauberte blaue Funken hinein, wie Diamanten. Wie es sich wohl anfühlen würde?
   »Nimmst du die mal?«, fragte er, ohne sich zu ihr umzudrehen, und hielt ihr seine Jacke hin.
   Anja war zu perplex, um zu antworten, und nahm das Kleidungsstück entgegen. Fast hätte sie es an ihr Gesicht gehoben, um daran zu riechen.
   Was war los mit ihr? Er war ein Frauenheld, der sich etwas darauf einbildete, wie gut er aussah. Und wie toll er singen konnte. Und …
   Da beugte Killer sich vor, ging leicht in die Knie und schulterte das erste Paket. Es war das, das Anja mühsam ganze dreißig Zentimeter näher zur Haustür bugsiert hatte. Er hob es hoch, als wäre es mit Federn gefüllt.
   Sie hatte es ja gewusst. Gleich würde er sich zu ihr umdrehen und mit hochmütiger Miene …
   »Wohin damit?«, fragte Killer. Anja hatte nicht gemerkt, dass er sich wirklich zu ihr umgedreht hatte. Und sein Gesicht blickte fragend. Mehr nicht. Sie las weder Arroganz noch Überheblichkeit darin.
   Aber es war ja auch nur das erste Paket. Wenn er erst alle nach oben getragen hatte, würde er schon sein wahres Gesicht zeigen und ihr deutlich machen, dass sie nichts war als ein schwaches Mädchen.
   »In den vierten Stock. Warte, ich gehe vor.«
   Als Anja nah an Killer vorbeiging, spürte sie seine Ausstrahlung wie einen Magneten, der sie anzog. Aber sie weigerte sich, sich in seinen Bann ziehen zu lassen.
   Schönling, dachte sie, während sie vor Killer die Treppe hinaufstieg. Sie drehte sich nicht nach ihm um. Stattdessen spürte sie seine Blicke wie tastende Finger auf ihrem Hintern.
   Was für eine dämliche Idee, vor ihm herzugehen. Sie hätte sich doch denken können, dass er glotzen würde. Sie kannte Typen wie ihn. Als sie den dritten Stock erreicht hatte, konnte sie doch nicht widerstehen und sah sich nach ihm um. Er war dicht hinter ihr. Schnaufte er? Wurde er schon rot im Gesicht? Würde er nach dem ersten Paket herumjammern, dass er die anderen nicht mehr würde hochschleppen können? Zog er den Schwanz ein?
   »Was ist?«, fragte er stattdessen grinsend. »Kannst du nicht mehr? Soll ich dich auch noch hochtragen?«
   Anja schnappte nach Luft. Das war ja wohl an Dreistigkeit kaum noch zu überbieten! Empört starrte sie in Killers Augen, um ihm die Meinung zu sagen … Und vergaß, was sie hatte sagen wollen. Vergaß, dass sie sauer auf ihn war. Seine Augen waren so dunkel und tief wie ein bodenloser Brunnen. Sie konnte darin versinken und würde nie wieder auftauchen.
   Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Was war los mit ihr? »Warte nur!«, schnaubte sie wütend. »Wir werden sehen, wer nachher wen hochtragen muss. Nach dem dritten Paket wird dir das Lachen schon vergehen, und nach dem fünften bist zu am Ende und wirst mich um einen Schluck Wasser anflehen!«
   Ja, das tat gut! Lass ihn fühlen, was du von Typen wie ihm hältst, die sich für unwiderstehlich halten …
   Killer lachte. Dabei ließ er seine strahlend weißen Zähne sehen, die sie anblitzten. Wie eine Kampfansage! Ja, als solche würde sie es betrachten. Er wollte Krieg? Den konnte er haben!
   Er ging weiter, schubste Anja wenig sanft zur Seite und ging an ihr vorbei. Dann stieg er vor ihr die Treppe hoch. So einfach und leicht, als würde er ein Blatt Papier vor sich hertragen.
   Anja knirschte mit den Zähnen. Aber sie musste nach oben, denn sie hatte ihre Wohnungstür abgeschlossen, als sie nach unten gegangen war.
   Sie sah Killer nicht an, als sie an ihm vorbeigriff und den Schlüssel ins Schloss steckte. Mit eisiger Miene öffnete sie die Tür und ließ ihn eintreten.
   »Pass auf, dass du nirgendwo anschrammst!«, zischte sie. Schlimm genug, dass er ihre Wohnung mit Schuhen betrat. Allerdings konnte sie nicht von ihm verlangen, sie bei jedem Paket auszuziehen.
   »Wohin damit?«, fragte er, ohne auf ihre Warnung einzugehen, und sah sich neugierig um.
   »Es ist ein Kleiderschrank«, erwiderte Anja nur.
   »Leider kenne ich den Grundriss deiner Wohnung nicht.«
   Unbewegt sah Killer sie an, aber sie erahnte das Grinsen hinter seiner Unschuldsmiene.
   Stumm wies sie mit dem Finger. Sie würde ihm nicht den Gefallen tun und wieder vor ihm hermarschieren.
   Sie beobachtete, wie er das Paket im entsprechenden Raum abstellte. Ganz vorsichtig. Okay, das gab einen Pluspunkt für ihn.
   Wieso starrte er sie so an? Wollte er etwa Lob von ihr? Das hast du gut gemacht! Du bist so ein starker Mann, unwiderstehlich. Ich werde richtig schwach in deiner Gegenwart.
   Eher würde sie sich die Zunge abbeißen. »Dann hol mal das nächste Stück«, wies sie ihn eisig an. »Bevor noch jemand denkt, er kann den Sperrmüll dort unten mitnehmen, weil er so herrenlos herumsteht. Die Rechnung geht dann an dich.«
   Killer wagte es, sie wortlos anzugrinsen, als er an ihr vorbeiging. Er schnaufte nicht, er atmete nicht einmal schwerer, und das ärgerte Anja maßlos. Sie wollte ihn fertigmachen, völlig auslaugen, bis er nicht mehr konnte und sie anwinselte, ihn eine Pause machen zu lassen …
   Die Tür klappte. Er war schon wieder unterwegs. War es denn zu fassen? Er gönnte ihr nicht einmal ihre kleinen Rachegedanken.
   Im gleichen Augenblick plagte sie ein schlechtes Gewissen. Sie wusste, warum sie so zickig war. Warum sie so wütend auf ihn war, obwohl er extra hergekommen war, um ihr zu helfen. Sie war es nicht, weil er ihren Auftritt verpasst hatte. So etwas konnte schon mal passieren.
   Nein, der Grund war ein ganz anderer. Sie war eifersüchtig. Auf diese Yvonne und ihre Freundinnen. Darauf, dass sie in den Genuss von Killers Nähe gekommen waren. Und dass er sie, Anja, extra deswegen hatte sitzen lassen. Diese Kränkung an sich hätte sie leicht verschmerzen können. Aber sie tat ihr aus einem bestimmten Grund ganz besonders weh. Einem Grund, den sie sich selbst nicht eingestehen mochte.

Kapitel 3

Killer summte vor sich hin, als er die Treppe hinunterlief. Die Sache begann ihm Spaß zu machen.
   Er ärgerte sich, gestern nicht rechtzeitig an Anjas Tisch zurückgekehrt zu sein. Diese Yvonne hatte ihn äußerst gekonnt in Beschlag genommen. Aber er hatte nicht die Nacht mit ihr verbracht. Aus irgendwelchen Gründen hatte er, nachdem Anja sich so rasch verabschiedet hatte, die Lust verloren, war nach Hause gegangen und hatte geschlafen.
   Anja war ausnehmend hübsch. Und äußerst sexy. Er hatte einfach nicht widerstehen können, als er ihren Prachthintern auf der Treppe direkt vor seinen Augen gehabt hatte. Jeder normale Mann hätte hingestarrt! Er hatte ihr angesehen, dass sie ihm am liebsten eine geklebt hätte. Die Empörung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie sah so süß dabei aus!
   Sie war anders als die Frauen, die ihm im Allgemeinen begegneten. Und das machte sie interessant.
   Er wusste, dass er jede haben konnte. Und er brauchte dafür nichts zu tun. Sie kamen ganz von allein. Sie himmelten ihn an, und er brauchte sich nur auszusuchen, mit welcher der vielen er die kommende Nacht verbringen wollte. Oder oft auch nur die nächste halbe Stunde. Sie boten ihm alles an, ohne dass er dafür kämpfen musste.
   Diese Frauen langweilten ihn. In vielen Fällen wusste er nicht einmal ihre Namen. Was sie ihm von sich erzählten, ging in das eine Ohr hinein und zum anderen wieder heraus. Er wollte sie haben, wollte Spaß, mehr nicht.
   Bisher hatte er sich nie Gedanken darüber gemacht, wie die Frau sein musste, die ihn faszinierte. Die ihn in ihren Bann zog, sodass er sie nicht mehr aus dem Kopf bekam.
   Inzwischen war er vor der Haustür angekommen und schulterte das zweite Paket. Tatsächlich waren diese Teile ganz schön schwer, und er atmete mehrmals tief durch, bevor er sich an den erneuten Aufstieg machte. Das musste Anja ja nicht unbedingt mitbekommen. Den Spott in ihren Augen konnte er sich ohnehin schon bildlich vorstellen. Musste sie denn auch ausgerechnet in den vierten Stock ziehen? Wieso hatte sie keine Erdgeschosswohnung gemietet?
   Er wusste, dass er ihr gegenüber auf keinen Fall Schwäche zeigen durfte, noch nicht einmal einen Ansatz davon. Sie würde ihn hämisch ansehen und auslachen. Und das hatte noch nie in seinem Leben eine Frau getan.
   Sein Herz schlug schneller, je weiter er die Treppe hochstieg. Verdammt, es war wirklich ganz schön anstrengend. Ob er es sich erlauben konnte, eine kleine Pause zu machen, um einmal durchzuschnaufen? Oder stand sie schon dort oben vor ihrer Tür und wartete nur darauf, sich über ihn lustig machen zu können? Er durfte sich keinen Fehler erlauben. Ausruhen konnte er, wenn er wieder zu Hause war. Vielleicht würde er Tanja anrufen. Sie konnte seine verspannten Muskeln massieren. Oder Marie. Ja, die war wirklich süß. Sie würde ihn verwöhnen, und das hatte er sich nach dieser Plackerei auch verdient.
   »Bist du auch schon da? Ich hatte schon vermutet, du wärst in den Erholungsurlaub gefahren.« Anjas spitze Worte bohrten sich in seine Ohren und löschten die Gedanken an Marie aus, als er die letzten Stufen erklomm.
   Was war sie bloß für eine freche Maus? Killer hatte gute Lust, sie übers Knie zu legen und ihr den nackten Hintern zu versohlen. Bei dem Gedanken stieg Hitze in ihm auf, die nicht von der Schlepperei kam. Ob sie sich wehren würde, wenn er sie in seine Arme zog und küsste? Plötzlich hatte er gute Lust darauf. Ein Quickie zwischendurch, dann ging auch die Schlepperei leichter.
   Noch nie hatte eine Frau ihn abgewiesen, wenn er etwas von ihr wollte. Ob Anja auch so war? Tat sie nur so, als wäre sie eine Raubkatze? Es wäre interessant, das herauszufinden.
   »Hast du schon den Kaffee fertig?«, fragte er, ohne auf ihre Worte einzugehen.
   »Den hast du dir noch nicht verdient.« Mit verschränkten Armen stand sie da und starrte ihn spöttisch grinsend an. Wie es schien, war sie doch nicht so leicht zu knacken.
   »Ich habe aber Durst.« Rasch stellte Killer das schwere Paket neben das erste und bemühte sich, kein Keuchen von sich zu geben. Der Schweiß stand auf seiner Stirn, aber er widerstand dem Impuls, ihn wegzuwischen. Er war sich sicher, dass Anja die Geste gleich wieder mit einer spitzen Bemerkung quittieren würde.
   Wortlos hielt sie ihm ein Glas Wasser hin.
   Betont langsam nahm Killer es entgegen. Am liebsten hätte er es in einem Zug hinuntergestürzt. Seine Kehle war vollkommen ausgetrocknet. Aber er zwang sich, es ganz langsam in kleinen Schlucken zu trinken und die Hälfte drin zu lassen. So, als wäre er nicht halb verdurstet.
   Anschließend gab er ihr das Glas zurück. Ohne sich zu bedanken.
   Befriedigt registrierte er das ärgerliche Zucken in ihrem Mundwinkel.
   Sie besaß großen Stolz. Es würde ihm riesiges Vergnügen bereiten, diesen etwas zu strapazieren. Die leise Bewunderung für sie, die in ihm aufstieg, drängte er zurück.
   All die anderen Frauen hätten ihn bemitleidet, seine Muskeln geknetet, ihn beruhigend geküsst. Sie hätten ihm nicht nur Wasser angeboten, sondern wahrscheinlich auch belegte Schnittchen. Ein Schnitzel. Sein Magen begann zu knurren. Er hatte noch nicht gefrühstückt.
   Er wartete. Darauf, dass sie ihn bat, das nächste Paket zu holen.
   Sie sagte nichts. Aber ihre Augen wiesen zur Tür. Los, weiter, die Treppe runter und das nächste Schwergewicht hochschleppen. Aber war da nicht ein winziges Glitzern in ihrem Blick gewesen? Ein kaum sichtbares Zucken in ihren Mundwinkeln?
   Erstaunt bemerkte er, wie er sich wieder in Bewegung setzte. Was tat er da? Warum ließ er sich das von ihr gefallen? Er hatte das gar nicht nötig! Er würde jetzt runtergehen und verschwinden. Sollte sie doch zusehen, wie sie den Rest …
   »Ich koche uns einen Kaffee, einverstanden?«
   Was? Hatte er das gerade richtig verstanden? Sie hatte zu ihm gesprochen? Höflich? »Gern!«
   Was zum Teufel war los mit ihm? Schon lief er die Treppe hinunter, als wären ihm Flügel gewachsen.
   Das dritte Paket erschien ihm leichter als die vorigen. Ohne zu murren stellte er es in Anjas Schlafzimmer ab und machte sich auf, das vorletzte Stück zu holen.
   Sie lächelte ihn an!
   Mit einem Mal fiel alle Erschöpfung von Killer ab, und er übersprang jede zweite Stufe, als er erneut hinunterlief. In Rekordgeschwindigkeit stand auch das vierte Paket im Schlafzimmer.
   »Nun fehlt nur noch eins. Das steht schon im Treppenhaus. Ich hole es noch eben schnell und …«
   »Warte.«
   Wie angewurzelt blieb Killer stehen, von Anjas Stimme mit einem Bann belegt. Er erkannte sich selbst nicht mehr wieder.
   »Ich kann es nachher selbst holen. Du hast dir jetzt echt eine Pause verdient. Danke!«
   Beschämt registrierte Killer, wie er errötete, und fuhr sich verlegen durchs Haar. »Es macht mir nichts aus. Es ist kleiner als die anderen, ist doch eine Leichtigkeit …«
   »Lass nur. Ich schaffe das selbst. Jetzt setz dich hin.«
   Anjas Stimme duldete keinen Widerspruch. Gehorsam setzte sich Killer auf den Stuhl, den sie ihm zuwies.
   »Schwarz?«, fragte sie.
   »Ja, bitte. Mit einem Löffel Zucker. Wenn es geht.«
   Hatte es gerade in ihren Augen gezuckt? Waren ihre Mundwinkel ein wenig in die Höhe geschnellt?
   Still rührte Killer seinen Kaffee um. Plötzlich wusste er nichts zu sagen.
   »Danke. Du hast mir wirklich geholfen.«
   Erstaunt sah Killer auf. Veräppelte sie ihn? Nein, sie wirkte vollkommen ehrlich. Er beschloss, auf ihr Friedensangebot einzugehen. »Hab ich doch gern gemacht.« Laut hörbar knurrte sein Magen.
   Anja starrte ihn an.
   »Sag bloß, du hattest noch nicht gefrühstückt?«, fragte sie. War das etwa Besorgnis in ihrer Stimme?
   »Äh – nein. Ich war gerade erst aufgestanden und …«
   »Aber warum hast du das denn nicht gleich gesagt?« Anja stand auf und öffnete die Kühlschranktür. Rasch holte sie Butter, Kirschmarmelade und Gouda heraus. Auf einer Anrichte fand sie eine Packung Vollkornbrot, und aus einer Schublade zog sie ein Messer. Das alles legte sie vor Killer hin.
   »Hier, bitte. Bedien dich. Ich habe schon vor fast drei Stunden gefrühstückt.«
   Klang da ein leiser Vorwurf mit? Sie konnte es einfach nicht lassen! »Bei mir ist es letzte Nacht spät geworden.«
   Warum zum Teufel verteidigte er sich? Es ging sie doch nichts an! Vor allem war es nicht wahr. Er war gleich nach ihr gegangen.
   Sie antwortete nicht. Aber ihre rechte Augenbraue zuckte missbilligend in die Höhe.
   Dieses freche Kätzchen! »Hast du keinen Schinken?«, maulte Killer. Sie sollte ruhig wissen, dass er gewisse Ansprüche stellte. In jeder Beziehung! Und ihre Erziehungsversuche konnte sie mal gleich wieder bleiben lassen.
   »Klar. Und Kaviar. Und feine Kalbsbrust. Aber das gebe ich dir nicht.«
   Empört riss Killer die Augen auf. Meinte sie das ernst oder verschaukelte sie ihn schon wieder? Er wurde nicht schlau aus dieser Frau.
   Und das ärgerte ihn maßlos.
   Außerdem mochte er kein Vollkornbrot. Meistens aß er nur Brötchen. Oder frische Croissants. Aber er hatte wirklich Hunger. Sollte er einfach gehen? Dann aber überlegte er es sich anders. Er hatte für sie geschuftet! Er schmierte die Butter besonders dick auf sein Brot und legte gleich drei Scheiben Käse drauf. Das alles verschlang er mit weiteren zwei Tassen Kaffee, in den er besonders viel Zucker rührte. Anschließend aß er eine weitere Scheibe Brot mit Käse und dann noch eine, für die das halbe Glas Marmelade draufging. Sollte sie doch neu einkaufen gehen.
   Den anschließenden Rülpser konnte er sich gerade noch verkneifen.
   Wahrscheinlich hätte sie ihn dafür hochkant aus der Wohnung geschmissen!
   Aber noch ein Kaffee musste sein, auch wenn er das Übermaß an Koffein bereits zu spüren begann. Für ihre Frechheiten wollte er sie wenigstens so gut es ging schröpfen.
   »Wann spielt ihr denn mal wieder?«, hörte er sich fragen.
   »Kommenden Freitag.«
   Killer wartete. Kam da noch was? Wollte sie ihn nicht einladen? Ihn bitten, zu kommen? »Hört sich gut an«, sagte er abwartend.
   Anja rührte in ihrer Kaffeetasse.
   »Deine Bandkumpels wollen kommen«, erklärte sie.
   »Ja?« Warum hatten sie ihm noch nichts davon gesagt?
   »Aber Mika meinte, es wäre zwecklos, dich einzuladen, weil du sowieso wieder … woanders steckst.« Anjas Stimme war ganz leise geworden.
   »Wie kann der denn so was behaupten? Das stimmt doch gar nicht. Klar komme ich.«
   Leuchteten ihre Augen auf? »Ich würde dich auf die Gästeliste setzen. Als Dankeschön für deine Hilfe heute. Aber dafür muss ich wissen, ob du auch wirklich kommst. Sonst setzte ich jemand anderen drauf.«
   »Natürlich komme ich. Danke, Baby!«
   Nun war Killer sich sicher, dass ihre Augen strahlten. Ihr ganzes Gesicht tat das. Wärme durchströmte ihn.

Kurz darauf verabschiedete er sich und lief die Treppe hinunter. Auf den unteren Stufen stand immer noch das kleinste Päckchen. Sie schaffe das selbst, hatte sie gesagt. Aber es war trotzdem ganz schön schwer. Ob sie schimpfen würde, wenn er es für sie hochtrug? Ober würde sie sich freuen?
   Er beschloss, das Risiko einzugehen, trug es nach oben und stellte es leise vor ihrer Wohnungstür ab. Er lauschte. Von innen war nichts zu hören.
   Lächelnd wandte sich Killer ab. Er hätte zu gern ihr Gesicht gesehen, wenn sie die Tür öffnete und es entdeckte. Pfeifend lief er die Treppe erneut hinunter.

*

»Nett von Killer, dir alles hochzutragen«, sagte Vanessa, als sie Anja am Nachmittag besuchte, um den Kleiderschrank gemeinsam aufzubauen. Kurz darauf gestellte sich auch Kerstin zu ihnen.
   »Wie ist er denn so?«, fragte Vanessa neugierig. »Viel haben wir ja gestern leider nicht von ihm kennenlernen können.«
   Hitze überzog Anjas Gesicht, als Killers Name fiel. »Ehrlich gesagt, ist er netter, als ich anfangs dachte. Er schleppte alle Kartons hoch, ohne zu murren. Und dabei war ich wirklich nicht besonders freundlich zu ihm.« Sie senkte verschämt den Blick.
   Vanessa sah ihre Freundin prüfend an und begann zu grinsen. »Gibt es da etwas, was ich wissen sollte?«
   Anja schüttelte etwas zu hastig den Kopf. »Nein, nichts. Wie gesagt, ich habe mich geirrt. Ich dachte, er wäre ein arroganter Schnösel. Aber in Wahrheit ist er wirklich nett und hilfsbereit.«
   Vanessa ließ nicht locker. »Und weiter?«
   »Was meinst du? Nichts weiter.«
   »Mir brauchst du doch nichts vorzumachen, Anja. Ich kenne dich. Es hat dich erwischt, oder?«
   Anja starrte Vanessa an, und die begann zu kichern. »Du siehst aus wie ein kleines Mädchen, das man beim Kaugummiklauen erwischt hat. Ich hab recht, stimmt’s?« Auch Kerstin grinste breit.
   Ohne es zu wollen, nickte Anja. »Ein kleines bisschen eventuell. Er ist schon süß. Aber du brauchst das Thema gar nicht weiter zu vertiefen. Ich bin schon dabei, ihn mir aus dem Kopf zu schlagen. Ihr wisst ja, was der Rest von Darkest Nights über ihn sagt. Das muss ich mir wirklich nicht antun.«
   Kurz nachdem er gegangen war, hatte sie noch Kuchen und Kekse für ihre Mädels eingekauft. Außerdem neue Butter und Käse, denn er hatte fast alles aufgefuttert. Er hatte reingehauen wie ein Scheunendrescher. Fast hätte man meinen können, er wäre halb verhungert. Sie ärgerte sich, vorher nichts Besseres besorgt zu haben. Sie hätte ihn bekochen können. Hatte sie ihm zu viel aufgebürdet? Er hatte wirklich schwer schleppen müssen, und sie hatte ihn ganz schön herumgescheucht.
   Vor ihrer Wohnungstür hatte sie das fünfte Päckchen gefunden. Ihr erster Impuls war Freude. Wie nett von ihm! Er hatte ihr geholfen, obwohl er schon fix und fertig war und ohne dass sie ihn darum gebeten hatte. Süß von ihm! Aber sicher war das nur seine Masche. Er wollte sich einschleimen.
   Oder er war schlauer, als sie anfangs vermutet hatte, und konnte sich zusammenreimen, warum sie so ärgerlich auf ihn gewesen war. Er hatte es wiedergutmachen wollen. Das war wirklich süß von ihm.
   »Vielleicht ist das ja nur Gerede«, wandte Vanessa ein. »Sozusagen sein Image.«
   »Oh, das glaube ich nicht. Ihr habt ihn doch gestern Abend selbst erlebt. Und eine kleine Kostprobe hat er mir sogar heute schon gegeben.« Anjas gerade noch sanftes Lächeln verging.
   »Warum?«, fragte Vanessa neugierig. »Was hat er gemacht?«
   »Er hat mir auf den Hintern gestarrt, als ich vor ihm die Treppe hochging. Ihr hättet mal sein selbstgerechtes Grinsen sehen sollen.«
   »Also, dass er deinen Hintern begutachtet hat, wundert einen doch nicht, bei seinem Ruf.« Kerstin grinste.
   »Eben. Aber es war ja nicht nur das. Ständig hat er mir das Wort abgeschnitten. Aber am Freitag könnt ihr euch ja selbst ein Bild von ihm machen. Falls er es denn wirklich fertigbringt, zu kommen. Da habe ich ja noch meine Zweifel.«
   Angestrengt studierte Anja den Bauplan. Sie hatte das Gefühl, dass ihre Freundinnen ihr ihre verwirrten Gefühle am Gesicht ablesen konnten. Und das war vollkommen unnötig, denn sie war ja schon dabei, sich Killer aus dem Kopf zu schlagen. Mochte er auch nett sein, für eine Beziehung war er einfach nicht der Richtige. Ende, aus. Zu ihrer Erleichterung hatten ihre Mädels den Sänger aber schon wieder vergessen und widmeten sich dem Zusammenbau ihres Kleiderschranks. Vanessa sortierte die verschiedenen Schrauben, Muttern und anderen Bauteile und legte alles auf kleine Häufchen.
   Drei Stunden und anderthalb Flaschen Sekt später stand der Kleiderschrank. Aber Anja hatte eine Handvoll Nägel übrig, und eine der Türen hing schief.
   »Für heute reicht es«, beschloss sie.
   »Wollen wir noch um die Häuser ziehen?«, fragte Vanessa unternehmungslustig.
   Aber Anja winkte ab, und auch Kerstin wollte nicht mit. »Lasst uns doch einen Film schauen. Vielleicht eine schmalzige Liebesschnulze.«
   Ja, das wäre genau das Richtige. Mit einem Mann, der wusste, was sich gehörte, und wie man mit einer Frau richtig umging. Einem mit anständigen Manieren und Respekt.
   Während die Angebetete im Film mit Blumen überschüttet und in die edelsten Restaurants geführt wurde, um ihr Herz zu erweichen, sah Anja unablässig Killers dunkle Augen vor sich. Mit einem Mal grinsten sie nicht mehr schelmisch, sondern wurden ganz ernst. Und sanft.

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