Sidney Louis, der erfolgsgewohnte Baseballspieler der Philadelphia Lions, fliegt aufgrund falscher Anschuldigungen aus seinem Team. Auf der Flucht vor einem Wettskandal und sensationssüchtigen Paparazzi verschlägt es ihn in die einsamen Wälder des Lake Champlain. Dort begegnet er Cybill, einer seltsamen jungen Frau, die einen Zylinder und knallbunte Klamotten trägt. Sie ist so ganz anders als die oberflächlichen Models, die er bisher kannte. Doch Cybill hatte einen Bootsunfall und leidet seither unter einer schweren Amnesie. Auf der Suche nach ihrem Leben und sich selbst eröffnet sich eine schreckliche Wahrheit. Kann Sidney ihr helfen, die Vergangenheit zu bewältigen? Hat die Liebe eine Chance, wenn das Herz voller Narben ist?

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Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9925-33-067-6

Seiten: 262

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Moni Kaspers

Moni Kaspers
Moni Kaspers schreibt Romane, die ans Herz gehen und zum Nachdenken anregen. Durch ihre Gabe, plastisch zu beschreiben, fühlt sich der Leser mittendrin. Ihre großartigen Bewertungen und zwei Bestseller auf Amazon unterstreichen ihren Erfolg. Sie lebt zurückgezogen mit ihrem Mann, vier Katzen und zwei Hunden im schönen Rheinberg am Niederrhein. In der Weite der Natur und der Ruhe findet sie die Inspiration zu ihren Romanen.  

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Sidney saß wie gelähmt in seinem Wagen auf dem Parkplatz vor dem Stadion der Philadelphia Lions. Seinem Parkplatz! Auf dem sie ein Schild mit seinem Namen angebracht hatten, doppelt gesichert, weil Fans es immer und immer wieder als Trophäe mit nach Hause nahmen.
   Er starrte durch den Maschendrahtzaun auf das dahinter liegende monumentale Stadion, in dem seine Karriere einst begonnen hatte und in dem sie nun auf diese Weise endete. Innerlich fühlte er sich wie durch den Fleischwolf gedreht. Das letzte Jahr war das härteste seiner Karriere gewesen, die Knochen hatten der jahrelangen Belastung nicht mehr standgehalten. Tägliches Training bis zur Erschöpfung, Spiele, die an die Grenzen des Möglichen gingen, hatten sie mürbe gemacht. Ein Ermüdungsbruch im Schultergelenk und ein Kreuzbandriss bedeuteten sein vorläufiges Aus. Er, Sidney Louis, der die Philadelphia Lions bis an die Spitze der Major League gebracht hatte, der mit ihnen alles gewonnen, dessen Namen sie von den Rängen geschrien hatten, war nicht einmal mehr in der Lage, einen Stein in einen See zu werfen. Er hätte viel Zeit gebraucht, zu regenerieren, und die hatte er nicht. Als sie ihn vom Spielfeld ins Krankenhaus gefahren hatten, war Wayne Lesker der Erste gewesen, der ihm Mut gemacht hatte. Auch während der langen Zeit in der Rehaklinik hatte er ihn stets in dem Glauben gelassen, alles sei in bester Ordnung. Sein Coach, Förderer und bester Freund, der nun das Messer in seinem Rücken war.
   Lesker hatte ihm versprochen, ihn in seinen Kader zu holen, falls es mit der aktiven Laufbahn nichts mehr werden sollte. Als Trainer für die Mannschaft, mit der er regelmäßig die Meisterschaft gewonnen hatte. Das allein hatte ihn aufrecht gehalten, hatte sein Blut fließen lassen, denn sein Herz schlug einzig und allein für Baseball. Es klopfte im Takt der Anfeuerungsrufe, im Takt der Schlachtmusik, für den Geruch des Feldes und des ledernen Fanghandschuhs. Doch vor nicht einmal einer halben Stunde hatte Wayne von all seinen Versprechungen nichts mehr gewusst. Eine Woche zuvor hatten sie Hank Watson als Trainer verpflichtet. Ausgerechnet Hank, der nur mit viel Glück in das Finale der Olympischen Spiele getrudelt war. Und das war eine Ewigkeit her. Ein harter Schlag, für ihn war kein Platz mehr.
   Abserviert, gefeuert, unbrauchbar.
   Aber das war nicht alles. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hatte ein übereifriger Zeitungsfuzzi ihm aus heiterem Himmel Spielmanipulation vorgeworfen. Durch die dunklen Katakomben der Wettbüros war eine Welle der Entrüstung gegangen. Die Meldungen überschlugen sich. Hat er oder hat er nicht betrogen? Es wäre beileibe nicht der erste Wettskandal in der Geschichte seines Sports. Wie gerufen stürzten sich die Aasgeier auf ihn und noch während seiner letzten Tage in der Klinik hatte er von einer Untersuchungskommission Besuch bekommen. Sie würden den Fall prüfen, so lange war er von einer weiteren Teilnahme an den Spielen ausgeschlossen. Die kalte Wut stieg in ihm auf und ließ sein Innerstes brodeln. Die Enttäuschung über die Menschen, die ihm jahrelang am Nächsten gestanden hatten und ihn jetzt eiskalt hintergingen, saß wie der Stachel einer Hornisse tief in seiner Seele. Nun wurde er fallen gelassen, und beschämt wandten sich seine jahrelangen Weggefährten und sogenannten Freunde von ihm ab. Was für ein heuchlerischer Haufen.
   Sid sah dem einsetzenden Regen dabei zu, wie er nach und nach die Windschutzscheibe berieselte und in Rinnsalen herunterlief. Die Spur, die das Wasser dabei zog, spaltete das riesige Emblem des Lion Park Stadiums in zwei Teile. Sidney startete den Wagen, setzte mit durchdrehenden Rädern rückwärts und stob wütend davon. Kurze Zeit später erreichte er das Familienanwesen, das nur wenig außerhalb Phillys lag und sich nach dem frühen Unfalltod seiner Eltern in den Führungshänden seiner Schwester befand. Wanda, kapriziös und unterkühlt, hatte in der Rennsport-Dynastie ihre wahre Aufgabe gefunden und führte das Erbe ihrer Eltern mit eiserner Disziplin und Hingabe fort. Sie mochten sich nicht, schon als Kinder waren sie sich spinnefeind und völlig unterschiedlich gewesen. Wandas Herz gehörte allein den Vollblut-Rennpferden, die genauso kapriziös und unberechenbar waren wie sie. Er konnte mit den Viechern nichts anfangen, sie waren ihm zu nervös. Bisher hatte er sich jedoch nie überwinden können, von diesem Ort fortzuziehen, auch wenn, oder obwohl, er ihn mit seiner Schwester teilen musste. Doch gerade an solchen Tagen wie heute war der Ort seiner Kindheit wie eine Zuflucht. Als die Welt noch voller Zauber und nicht so grausam und kalt gewesen war.
   Booster kam ihm schwanzwedelnd entgegen und warf ihn beinahe um.
   »Na, mein Junge, sei vorsichtig, Herrchen ist noch nicht ganz standfest.« Booster interessierte weder sein operiertes Knie noch seine Schulter, er hatte ihn einfach zu sehr vermisst. Vielleicht hatte der Ausschluss aus dem Team wenigstens für den Hund etwas Gutes. Er würde wesentlich mehr Zeit für ihn haben, so viel war sicher.
   »Sieh an, Sidney«, begrüßte Wanda ihn, wie immer warmherzig wie ein Gletscher. »Es war in den Nachrichten, sie haben dich gefeuert?« Sie lachte dabei und es wirkte gehässig.
   »Das macht dich glücklich, nicht wahr?«
   »Oh, wie man es nimmt. Du wirst leider mehr auf dem Gut herumlungern. Denk nicht, dass laufend eine deiner Giraffen am Pool liegen und meine Angestellten umherhetzen kann.«
   »Denn dafür bist ja du zuständig. Aber bevor du auf die Idee kommst, zu fragen, Schwesterherz, danke, es geht mir so weit wieder gut.«
   »Ach ja, man hat dich aus der Rehaklinik entlassen. War das heute? Hatte ich vergessen. Stimmt es, dass du das Spiel manipuliert hast? Dein schlechter Ruf ist nicht gut für meinen Rennsport. Böse Zungen könnten behaupten, du manipulierst auch unsere Pferde.«
   »Mit bösen Zungen kennst du dich aus.«
   Sie lachte und gab nichts auf seine Stichelei. »Das Telefon steht seit dem Beitrag in den Nachrichten nicht mehr still. Kannst du eine Zeit lang woanders wohnen? Bei einem deiner Groupies vielleicht? Ich habe keine Lust auf Paparazzi oder ganze Fernsehstationen auf dem Grundstück. Ich erinnere mich noch, wie es war, als unsere Eltern verunglückten. Man konnte keinen Fuß vor den anderen setzen, und von Pietät haben diese Aasgeier noch nie gehört. Es wäre schön, wenn du mein Gut für die nächste Zeit verlässt.«
   »Unser Gut! Ich habe die gleichen Anteile geerbt, falls du dich erinnerst.«
   Wanda winkte ab. »Als wenn du das nötig hättest.« Ihr Mobiltelefon klingelte, sie nahm das Gespräch kurz entgegen, wandte sich dann aber erneut an ihn. »Kannst du eine Weile in ein Hotel ziehen? Und nimm Booster mit. Der unerzogene Köter macht mich verrückt.« Sprachs, wandte sich ab und mit freundlicher Zwitscherstimme setzte sie ihr Gespräch fort.
   Sid war für den Moment wie vor den Kopf gestoßen. Es stimmte, er hatte selbst genug Geld. Mehr, als er in diesem Leben je würde ausgeben können. Aber was nutzten Millionen von Dollars auf der Bank? Sie konnten ihm die Stunden und die Anerkennung in den jubelnden Massen und seinen Sport nicht zurückgeben. Wenn er könnte, würde er all das Geld sofort eintauschen. Sidney beschloss, Wandas Bitte nachzugeben. Nicht, weil er ihr einen Gefallen tun wollte, sondern weil sie leider recht hatte. Wenn es bereits in den Nachrichten war, würden in wenigen Stunden die ersten Kameras auf das Grundstück gehalten. Danach stand ihm im Moment wirklich nicht der Sinn. Er betrat seine Räume und packte zusammen, was er für eine gegebenenfalls längere Zeit brauchen würde. Dieser Tag entwickelte sich zu einem seiner schlimmsten Albträume. Mit einer Reisetasche und Booster im Schlepptau verließ er das Anwesen wieder. Während er die lange, kiesbedeckte Straße zum Gut hinausfuhr, schweifte sein Blick über die Weiden und die Pferde, die dort friedlich grasten. Hübsche Fohlen sprangen lustig herum oder lagen neben ihren Müttern und schliefen. Es wirkte sehr idyllisch, und er musste Wanda ein wenig Respekt zollen, dass sie alles so gut in Schuss hielt. Dennoch brauchte Sid etliche Meilen, um das Gespräch mit ihr zu verdauen, auch wenn es zwischen ihnen eigentlich nie anders verlief. Heute war er wohl ein wenig dünnhäutig, doch das war auch kein Wunder.
   Sein Weg führte ihn zu Amber, seiner derzeitigen Affäre. Im Hause der Familie Dotchkin würde er sicher eine Zeit lang unterkommen, sich ein wenig verwöhnen und vielleicht auch bedauern lassen. Er hoffte in Ambers Armen auf etwas mehr Verständnis für seine Situation. Ihr Vater, ein ehemaliger Profitennisspieler, hatte das Domizil abgesichert wie Fort Knox. Mit aufdringlichen Fans oder Reportern kannte Grey Dotchkin sich bestens aus. Das würde Sidney nun zugutekommen. Nachdem er das schwere Eisentor passieren durfte und das Rondell erreichte, öffnete jemand vom Personal die Eingangstür und kam auf sein Auto zu. Sidney nahm seine Tasche von der Rückbank und ließ Booster aussteigen.
   »Guten Tag, Mister Louis«, wurde er förmlich von dem Angestellten begrüßt. »Darf ich Ihnen das Gepäck abnehmen?« Er streckte die Hand nach seiner Tasche aus, doch Sidney winkte ab.
   »Lassen Sie es gut sein. Ist Amber zu Hause?«
   »Miss Dotchkin verweilt am Pool.«
   Er rief nach Booster, der unglücklicherweise in diesem Moment gegen eine der traurig dreinschauenden Steinstatuen pinkelte. Sidney tat, als würde er es nicht bemerken, und betrat das Haus. Durch die riesigen, lichtdurchfluteten Räume führte sein Weg auf die ausladende, auf Stelzen gebaute Terrasse. Die Augen wurden mit einem fantastischen Blick über das Tal verwöhnt, das sich zu ihren Füßen erstreckte und von Bergen umrahmt wurde, die dennoch die Sicht auf den entfernten Atlantik erlaubten. Hier oben ließ ein steter Wind die Sommerhitze erträglich werden.
   Amber lag in der Sonne, ihren schlanken, sündigen Körper, der immer so gierig nach ihm war, wie hingegossen auf einer Liege ausgestreckt. Kurz nur dachte er darüber nach, warum sie ihn heute nicht aus der Klinik abgeholt hatte, aber er verwarf den Gedanken sofort wieder. Amber zählte nicht zu den Frauen, die sorgenvoll und mit gefalteten Händen in der Lobby auf ihren Liebsten warteten. Und er gehörte nicht zu den Männern, die von solchen Frauen abgeholt werden wollten. Außerdem war sie ganze zehn Jahre jünger, da fehlte die nötige Reife, die auch er an sich vermisste, sobald sie ihre langen Beine um seine Hüften schlang. Booster zerstörte seinen Plan, sich an sie zu schleichen, sie zu küssen und diesen winzigen Stofffetzen über ihren Nippeln zu entfernen. Noch während er in geilsten Fantasien schwebte, schwebte auch Booster. Vielmehr flog er. In einem riesigen Satz, mitten in den Pool. Es klatschte laut, Wasser spritzte in hohem Bogen und zu allen Seiten. Amber schrie auf, und wie bei einem Klappmesser hoben sich Beine und Arme in die Luft. Das war lustig. Gott, er musste wirklich lachen. Wenig elegant fiel sie von der Liege, wobei ihr Strohhut in den Pool kullerte. Als könnte es nicht schlimmer kommen, schnappte Booster nach ihm, schwenkte ihn fröhlich in der Luft, wobei die künstlichen Kirschen davonflogen, und zog ihn unter Wasser. Das gute Stück dürfte ruiniert sein. »Sidney!«
   »Liebling.«
   »Was zur Hölle soll das?« Wenn sie wütend war, wurde sie gewöhnlich, was er durchaus mochte.
   »Es tut mir leid, mein Schatz, ihm war offensichtlich zu warm.«
   »Zu warm …«, nuschelte sie, während sie sich hochrappelte und die Ohrstöpsel ihres Musikplayers einsammelte, aus denen noch blechern Popmusik blubberte. Erst, als sie vor ihm stand und ihren hübschen Bikini an die richtigen Stellen ihrer prallen künstlichen Brüste gerückt hatte, fiel ihm ein, dass er ihr galant hätte aufhelfen können.
   »Was tust du hier?« Die Frage nervte nun doch ein bisschen. »Und was macht dieses Vieh hier?«
   »Mein Gott, Amber, komm mal runter. Warum hast du mich nicht aus der Klinik abgeholt?« Was kümmerte ihn sein Gedanke von vorhin?
   Sie sah auf Booster, der den Pool mittlerweile verlassen hatte und sein langes Fell gründlich schüttelte. Augenblicklich stand die halbe Terrasse unter Wasser. Amber rümpfte ihr zartes Näschen. »Na toll!« Sie zischte beinahe so wie Wanda. »Jetzt muss das komplette Wasser gewechselt werden. Mein Dad wird voll ausrasten.« Ihr Blick fiel auf seine Tasche. »Was ist das?«
   »Ich werde für ein paar Tage bei dir einziehen.«
   »Spinnst du?« Sie war ehrlich entsetzt, er konnte es ihrer Miene ansehen.
   »Wie bitte?«
   »Das geht nicht, Sid. Wie soll ich das meinem Vater erklären? Du hast gerade einigen Ärger am Hals, ich habe es von Freunden erfahren. Mein Dad hasst Skandale. Außerdem, was soll er von mir denken?«
   »Er wird hoffentlich nicht annehmen, dass du noch Jungfrau bist. Wo ist er? Ich werde mit ihm reden.«
   »Sehr witzig, Sidney, sehr witzig.« Sie meinte die Jungfrau. »Er trainiert Aljosha Saraschenko.«
   »Wen?«
   »Die Nummer drei der Tennisweltrangliste. Dieser unglaublich heiße Russe. Sag mal, hast du keine Allgemeinbildung?«
   »Nimm nicht solche Wörter in den Mund. Die passen nicht zu dir.« Das Leuchten in ihren Kulleraugen, als sie den Namen des Tennisspielers aussprach, hatte ihn wütend gemacht.
   »Du bist manchmal so ein Arsch.«
   »Der Arsch verzieht sich dann wohl besser.«
   »Nimm die Flohkutsche mit.«
   »Viel Spaß beim Tennis.«
   »Werde ich haben.« Sie machte einen leichten Knicks, streckte ihren wohlgeformten Hintern weit raus und leckte sich über die Lippen. Dieses Luder. »Vorhand, Rückhand …«, hauchte sie und legte die eine Hand auf ihre Brust und die andere auf ihren Hintern. Damit war wohl alles gesagt.
   »Booster!« Sidney drehte sich auf dem Absatz um, nahm seine Tasche, und sein Blick blieb kurz an dem zerfetzten Strohhut hängen, der auf dem Wasser halb versunken vor sich hin dümpelte. Sollte dieser russische Rasputin ihr einen Neuen kaufen.
   Was war das für ein Tag? Wandten sich jetzt alle von ihm ab? Es konnte nur noch einer helfen: sein wahrer und einziger Freund Alex. Auf dem Weg zum Jachthafen fummelte er an seinem Mobiltelefon und löschte als Erstes Ambers Nummer. Sein Bedauern hielt sich in Grenzen, sein Liebeskummer auch. Alex war telefonisch nicht zu erreichen, darum hinterließ er ihm eine kurze Sprachnachricht. Am Hafen angekommen, parkte er seinen Wagen, und als er die ersten unfassbar schönen Beine über die Anlegestellen schreiten sah, war er bereits weitaus besser gelaunt. Zwei grazile Blondinen verließen gerade eine der Jachten über die Anlegebrücke, warfen ihm heiße Blicke zu und eine winkte leicht zu ihm rüber. Mutter und Tochter? Freundinnen? Er schielte über seine Sonnenbrille und lächelte den beiden heißen Geschossen zu, während er Booster die Tür aufhielt und dieser hinausstürmte. Er wollte gerade etwas zu den Frauen hinüberrufen, als er bei der ersten Silbe abbrach und seine Kinnlade vor Schreck herunterklappte. Booster hatte nichts Besseres zu tun, als den Anlegesteg, der auf beiden Seiten mit teuersten Booten gesäumt war, hinunterzurennen. Vor ihm hetzte laut winselnd und kläffend einer dieser Handtaschenhunde um sein Leben. »Booster!«
   »Maggiiiiiiiiee!«, kreischte eine hysterische Stimme hinter ihm. Offensichtlich die Handtasche zum Hund.
   »Booooster!«
   »Maggiiiiieeleeein!«
   Es half nichts. Er setzte so schnell hinterher, wie er konnte, als der kleine Kacker auch schon einen Haken schlug und vor Boosters riesigem Maul mit einem rettenden Satz zwischen den Booten im Hafenbecken versank. Sidney blieb nichts anderes übrig, als ungeachtet seiner eigenen Blessuren hinterherzuspringen und den kleinen Hund vor dem Ertrinken zu retten. Maggielein zeigte sich jedoch wenig dankbar und biss kläffend um sich. Während er mit den Beinen ruderte, bekam er ihr Nackenfell zu packen und hielt das um sich beißende Ding am langen Arm von sich gestreckt. Es bedurfte einiger Anstrengung, zurück zum Pier zu schwimmen. Zudem war das zwischen den schwankenden Schiffsrümpfen nicht gerade ungefährlich. Mittlerweile war die Dame mit der Handtasche eingetroffen und einige Schaulustige auch.
   Sid hielt sich an einem der Haltetaue fest und reichte die behaarte Schnappschildkröte nach oben. Ihr Frauchen war nicht weniger dankbar. Sie nahm ihr Maggielein entgegen und schlug Booster mit Schwung die Handtasche auf den Kopf, der sich daraufhin umgehend flach auf den Boden legte und es vorzog, keinerlei Protest einzulegen. Dann stopfte sie die empört kläffende Maggie in ihr sündhaft teures Transportmittel und stolzierte davon.
   »Kommen Sie«, sagte einer der Umstehenden und bot ihm mitleidig seine Hand. Der Rest der Schaulustigen verzog sich lachend, und Booster legte mit schlechtem Gewissen die Schnauze zwischen die Vorderpfoten. Als Sidney sich dank fremder Hilfe auf den Steg zog, verlor er einen seiner Schuhe. Mit einem ›Plopp‹ fiel der von seinem Fuß zurück ins Wasser und Sid sah über seine Schulter hinweg dabei zu, wie er im tiefen Blau verschwand.
   »Darum zieht man die aus«, meinte die rettende Hand und half ihm auf die Füße. Sidney entledigte sich genervt des zweiten Schuhs und warf ihn hinterher. Heute war wirklich nicht sein Tag.
   »Sagen Sie, ich kenne Sie doch. Sie sind Sidney Louis«, rief sein Helfer überrascht, aber leider auch sehr laut.
   »Ich werde oft mit ihm verwechselt.«
   »Ach Quatsch, natürlich sind Sie es. O Mann, mein Sohn vergöttert Sie. Bekomme ich ein Autogramm?«
   »Also gut, aber nur wenn Sie aufhören, so zu schreien.«
   »Abgemacht.«
   Er hinkte leicht, sein Knie schmerzte durch die Anstrengung. Mit tropfender Kleidung und barfuß ging er zurück zu seinem Auto. Im Handschuhfach herrschte jedoch gähnende Leere. In Ermangelung einer Autogrammkarte nahm er kurzerhand seine Baseballkappe, schrieb geduldig seinen Namen auf den Schirm und überreichte sie seinem freundlichen, glückstrahlenden Helfer. Bald würde er vermutlich sowieso keine Autogramme mehr geben müssen, weil sich niemand mehr für ihn interessierte. Bei dem Gedanken machte sich erneut Verbitterung in ihm breit.
   »Wow, das ist großzügig von Ihnen, vielen Dank. Wann werden Sie wieder spielen, Sir?« Er deutete auf Sidneys Knie.
   »Es dauert noch ein Weilchen.« Hatte der Kerl noch keine Nachrichten gesehen? »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen …« Er zeigte an sich herunter, es hatte sich bereits eine Pfütze gebildet, dort, wo er stand.
   »Oh …, geht klar … Alles Gute, Mister Louis.«
   Sidney bedankte sich noch einmal höflich, dann kramte er aus seiner Tasche ein Shirt und eine Hose und zog sich im Schutze seines Wagens um. Die neugierigen Blicke der Umstehenden versuchte er, zu ignorieren, und zog Booster an seinem Plüschohr. »Toll gemacht, Freundchen. Du hast mich heute bereits eine Freundin, ein Baseballcap und ein Paar verdammt teure Schuhe gekostet.« Booster sah ihn derart schuldbewusst an, dass sein Herz weich wurde. »Was soll’s. In ein neues Leben latscht man nicht in alten Schuhen. Also komm.« Er machte sich mit dem freudig hüpfenden Hund auf den Weg und betrat kurz darauf die Bootswerft am Hafen.
   Alex Fogger – Nautic Liner stand in geschwungenen Buchstaben über dem Eingang. Der wunderbare Geruch von Holz und Leim schlug Sidney in der Halle entgegen, der etwas Beruhigendes für seine angegriffenen Nerven hatte. In dieser Halle baute Alex die wundervollsten Schiffe komplett aus edlem Holz. Er war einer der wenigen, die dieses Handwerk bis zur Perfektion verstanden. Seine Boote kosteten ein Vermögen, es gab eine lange Warteliste, doch sie waren jeden einzelnen Dollar und jede einzelne Minute des Wartens wert. Sid ging dem Geräusch einer Schleifmaschine nach und fand seinen Freund konzentriert vor einem seiner neuesten schnittigen Werke, eingehüllt in den Staub seiner Arbeit. Booster bellte laut, er mochte das Geräusch der Maschine offenbar nicht. Alex sah überrascht auf, schaltete die Schleifmaschine aus und streckte Sidney mit einem breiten Lächeln die Hand entgegen, nachdem er sich den Staub an seinem Overall abgeklopft hatte. Kleine Wölkchen bildeten sich in den Sonnenstrahlen, die durch das geöffnete Tor bis weit in die Werkstatt hineinreichten.
   »Hey, Sidney, schön, dich zu sehen. Naaa, Booster, du meine Güte.« Er herzte den Hund ausgiebig, und Booster genoss die Streicheleinheiten sichtlich. »Junge, was gibst du dem zu fressen? Der wird immer größer.« »Handtaschenhunde.«
   Alex lachte, auch wenn er natürlich nicht wissen konnte, was Sidney damit meinte. »Ich freue mich über euren Besuch«, sagte er und es klang aufrichtig.
   »Du glaubst nicht, wie gut mir deine Worte tun.«
   »Na komm. Ich habe es im Radio gehört und mich schon gefragt, wann du hier auftauchst.« Er lachte wieder und legte ihm den Arm um die Schultern. »Ein Bier?« Alex öffnete den Kühlschrank in seinem Büro und warf ihm eine Dose zu. Sid fing sie beinahe blind.
   »Fangen kannst du noch«, stellte Alex gut gelaunt fest.
   Seine gelöste Stimmung war ansteckend, und Sid fühlte sich bereits ein paar Grad besser.
   »Es ist hart, Alex. Alles, wofür ich gelebt und geschuftet habe, rinnt mir heute durch die Finger, und ich stehe daneben und gucke zu.«
   Alex nickte und seine Miene drückte Mitgefühl aus. »Sie reden von Wettbetrug. Da will dir aber jemand kräftig ans Leder. Eine Vorstellung, wer?«
   »Keine Ahnung. Und du musst mir glauben, ich habe nichts manipuliert. Ich breche mir doch nicht die Schulter, um ein sicheres Spiel zu verlieren.«
   »Sie reden von mehreren Spielen. Jetzt analysieren sie jeden einzelnen Spielzug von dir und ob du es hättest besser machen können oder ob Absicht hinter einem zu langsamen Lauf, einem nicht gefangenen Ball steckt.« Er winkte ab. »Und so weiter, du weißt, was ich meine.«
   »Wenn man etwas finden will, werden sie etwas finden. Wenn man jemanden zerstören will, ist es ein Leichtes, ihn in der Öffentlichkeit zu demontieren.«
   »Da hast du leider recht. Ein Foto in einem passenden Moment gemacht, und schon interpretieren die Medien etwas hinein, das dir entweder schaden oder nutzen kann, ganz wie sie wollen. Es ist eine unheimliche, beängstigende Macht. Ich bin froh, dass du der Berühmte von uns beiden bist.«
   Alex lachte gut gelaunt, hob sein Bier und prostete ihm zu, doch Sid war das Lachen vergangen. Es ging ihm schlecht. So schlecht wie noch nie in seinem Leben. Im Innersten fühlte er sich getreten und ausgestoßen wie ein geprügelter Hund. Er starrte auf den Boden und wischte nachdenklich das Kondenswasser auf dem Blech der kalten Bierdose beiseite.
   »Komm, Junge, das wird schon wieder. Was sagt eigentlich Dix dazu?«
   Sidney kam nicht dazu, ihm zu antworten, denn Lorna betrat den Raum, erblickte ihn und ein Strahlen legte sich über ihr Gesicht.
   »Sid, meine zweite Liebe«, sagte sie, begrüßte aber zunächst ihren Ehemann mit einem liebevollen Kuss. »Wie geht es dir?«, fragte sie, nachdem sie ihn umarmt hatte.
   »Stell dir vor, sie haben Sidney aus dem Team geworfen«, antwortete Alex statt seiner.
   »Nein«, rief sie aus, und ihre Miene war entsetzt. »Ernsthaft? Aber wieso? Und nun?«
   »Keine Ahnung, Lorna. Noch keine Nachrichten gesehen?«
   »Tut mir leid, ich habe die Kleine zu meiner Mutter gebracht, und wenn wir einmal quasseln … Ich habe leider nichts mitbekommen. Was ist denn passiert?«
   Sid erzählte seinen Freunden, was ihm alles widerfahren war, und zum Schluss sogar von Amber, die ihn ebenfalls hatte abblitzen lassen.
   »Ach Sidney«, ergriff Lorna das Wort. »Da bist du leider auch selbst schuld.«
   »Ich bin heute so ziemlich an allem schuld«, gab er bitter von sich.
   »Sei nicht eingeschnappt, aber dein Geschmack, was Frauen betrifft, ist …, wie soll ich sagen …, ausbaufähig.«
   »Sieh an.«
   »Je höher der Plastikanteil, umso schlechter die Qualität, sage ich immer«, warf Alex in Anlehnung an seine Arbeit dazwischen. Lorna und er lachten darüber, Sid nicht.
   »Ach komm.« Lorna knuffte ihn aufmunternd in den Arm. »Amber, Charlene, Rumer und wie sie alle heißen. Alle wollen Sidney, nicht wahr?«
   »Was willst du damit sagen?«
   »Du solltest dir eine vernünftige, bodenständige Frau suchen, die sich mit dir auf Augenhöhe befindet.«
   »Ich verstehe nicht, warum sie dir immer zu Füßen liegen«, scherzte Alex, und weil Sid wusste, dass er nur versuchte, ihn aufzuheitern, ging er darauf ein.
   »Jetzt mach mal halblang, immerhin bin ich eine gute Partie.«
   »Ich glaube eher, sie fallen auf deine strahlend grünen Augen rein, wollen sehnsüchtig mit ihren Händen in deinen schönen dunklen Locken wühlen, und dein durchtrainierter Body ist nun mal eine Sünde wert.«
   »Lorna!«, entsetzte sich Alex, und Sidney musste tatsächlich lachen.
   »Keine Angst, Liebling, Sidney ist nur so lange der Traum jeder Frau, bis sie am nächsten Morgen in einem leeren Bett aufwacht.«
   Das Lachen verging ihm wieder. »Vielleicht hast du recht. Aber im Moment weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht, und Frauengeschichten sind mein geringstes Problem. Seit heute Morgen habe ich keinen Job, kein Zuhause und keine Freundin mehr.«
   »Ich würde dich bedauern, wenn du nicht Sidney Louis wärst. Ich bin sicher, das mit der Wettaffäre wird schnell im Sande verlaufen. Dixon ist nicht nur der beste Manager, den man haben kann, er ist auch ein hervorragender Anwalt. Er wird dich da rausschaukeln. Sie werden das nur benutzt haben, um dich zu feuern, vielleicht bist du zu teuer und die Philadelphia Lions stecken in finanziellen Schwierigkeiten. Wer weiß das schon? Die Vereine werden sich um dich reißen. Du bist zu gut, und du weißt das. Viele werden hoffen, dass dein Marktwert fällt, damit sie sich einen Sidney Louis überhaupt leisten können.«
   Sidney zuckte mit den Schultern. Das war nicht, was er wollte. In einem Hinterwald-Klub spielen und ausrangierte Nobodys in die höhere Liga bringen.
   »Und dein Zuhause war lange kein richtiges mehr, seit deine Eltern verstorben sind«, sprach Alex weiter. »Die ständigen Streitereien mit Wanda müssen dich doch mürbe machen. Such dir etwas Eigenes, dann wird es dir besser gehen.«
   »Aus deinem Mund hört sich alles einfach an, Alex. Such dir eine neue Wohnung, such dir einen neuen Job. Meine Welt liegt in Scherben.«
   Alex beugte sich vor, seufzte und sah ihn einen längeren Moment mitfühlend an. »Ich mache dir ein Angebot, das du auf keinen Fall ablehnen kannst.«
   »Ich bin gespannt.«
   »Ich hätte längst ein Boot nach Port Henry am Lake Champlain bringen sollen. Es wird bereits sehnsüchtig erwartet, doch mir fehlte bisher die Zeit, und Lorna traut sich nicht, mit dem Schiff auf dem Hänger zu fahren. Du würdest mir einen großen Gefallen tun.«
   »Wo ist der Haken?«
   »Kein Haken. Wir haben dort oben am See eine schöne Jagdhütte. Nachdem du das Schiff überführt hast, könntest du sie benutzen und eine Weile untertauchen. Weg von Wanda, weg von den Lions, und vor allem weg von hungrigen Reportern. Ich bin mir sicher, dass dich in dem Nest niemand erkennen wird. Dort laufen die Uhren anders. Du könntest entspannen und warten, bis etwas Gras über die Sache gewachsen ist. In der heutigen Zeit geht das schnell. Du könntest trainieren und dich auf Vordermann bringen, ohne dass dich jemand stört oder Reporter blöde Fragen stellen. Und vor allem hast du dort eines – Ruhe.«
   Das klang wirklich verlockend. Ein paar Tage Urlaub, die hatte er schon länger nicht mehr gehabt. »Port Henry, das sind locker fünf oder sechs Stunden von hier.«
   »Eher sieben, mit einer Sechzehn-Meter-Jacht im Schlepptau. Du kannst die Hütte benutzen, so lange du möchtest. Was hältst du davon?«
   »Hm, klingt gut. Wann soll es losgehen?«
   »Wie voll ist dein Tank?«

Kapitel 1

Er fluchte laut und Booster, der es sich auf der Rückbank gemütlich gemacht hatte, sah erschrocken auf und gab grunzende Laute von sich. »Das muss doch hier irgendwo sein? Verdammter Mist.« Sidney sah sich um, doch außer dem Wald links und rechts der Landstraße war nichts zu sehen. Mit einem sechzehn Meter langen Schiff auf der Straße zu wenden, dürfte eine schlechte Idee sein. Außerdem wurde es bald dunkel. Was also sollte er tun? Sein Magen knurrte, er hatte sowieso schlechte Laune und würde gerade nichts lieber tun, als sich aufs Ohr zu hauen und diesen Tag endlich zu streichen.
   Sid hielt mit Warnleuchten am Straßenrand und noch einmal überprüfte er sein Navigationsgerät. Er hatte die Adresse richtig eingegeben, doch weit und breit war kein Haus zu sehen. Er sah sich erneut um, als sein Blick in den Außenspiegel fiel … Gott, was war das denn?
   Ungläubig starrte er auf die Person, die sich im Rückspiegel näherte. Alles an ihr wirkte seltsam, und Sid kniff die Augen zusammen, weil er ihnen nicht trauen wollte. Sie trug derbe Schuhe in Klatschmohnrot und verschiedenfarbige Strümpfe. Sie erinnerte ihn an jemanden … An wen nur? Eine Filmfigur? Alles an ihr war irgendwie bunt zusammengewürfelt. Als käme sie geradewegs aus einem Märchen oder einem Film. Ihr Strickpullover war viel zu groß, ein Riese hätte hineingepasst. Auf ihrem Kopf thronte ein seltsamer schwarzer Hut, um den ein buntes Tuch gewickelt war. Lange blonde Kringellocken schauten lustig unter ihm hervor. Sidney beugte sich näher zum Spiegel, als ob er sie so noch besser erkennen könnte. Ihr Gang war federnd, beinahe tänzelnd. Jetzt war sie bereits so nah, dass er ihr Lächeln sehen konnte. Sie hatte ein schönes Lächeln, sehr sympathisch. Kurz dachte er darüber nach, den Wagen zu starten und weiterzufahren, mit ihren seltsamen Klamotten kam sie ihm doch sehr merkwürdig vor, aber seine Hand hatte wie selbstständig den Türöffner betätigt und Sidney stieg aus seinem Truck. Etwas zog ihn hinaus zu ihr.
   »Hallo«, sagte sie, und ihr Lächeln war noch schöner, als er ihr gegenüberstand und ihr in die Augen sah. Wer oder was war sie? Eine Fee? An wen erinnerte sie ihn bloß? »Suchen Sie etwas?«
   »Tja, also … ich …« Sidney ärgerte sich über seine unbeholfene Stotterei. Was war nur in ihn gefahren? Allerdings musste er zu seiner eigenen Entschuldigung einräumen, sie hatte so ungewöhnlich schöne Augen, dass ihm die Worte fehlten. Sie schimmerten grünlich, oder waren sie blau? Meine Güte, er hatte noch nie so lange Wimpern gesehen. Ob die echt waren? Viele Frauen aus seinem Bekanntenkreis klebten sich ganze Handfeger an die Augenlider und ähnelten statt schönen Models eher Muppet-Puppen.
   Herrgott, wen interessieren ihre Augen, versuchte er, sich zusammenzureißen. »Ich fürchte, ich habe mich verfahren.« Er griff nach den Überführungspapieren auf dem Beifahrersitz, und mit einem Seitenblick sah er, dass auch Booster sie völlig fasziniert und nicht weniger verblüfft beobachtete, wobei er seine feuchte Nase an der Fensterscheibe platt drückte. Sid reichte ihr den Zettel und nahm die Gelegenheit wahr, sich kurz zu räuspern. »Kennen Sie dieses Haus?«
   »Aber natürlich. Wenn Sie mich ein Stück mitnehmen, kann ich es Ihnen sagen.«
   Ob das ein Trick war? Man konnte heutzutage nicht vorsichtig genug sein, und das Boot war sehr wertvoll … Was für ein Schwachsinn, schoss es ihm durch seine Gedanken. Sie sah wirklich hinreißend seltsam aus, aber ganz sicher war sie kein Highjacker und entführte kostbare Boote.
   »Ich nehme Sie gern mit, falls Sie keine Angst vor großen Hunden haben.«
   »Oh, Tiere machen mir keine Angst. Eher die Menschen.«
   Sidney zog irritiert die Augenbrauen zusammen, doch sie war bereits um den Wagen herumgetänzelt und eingestiegen. Er ging zur Fahrertür, ließ sich überrumpelt in den Sitz fallen, startete den Motor und gab behutsam Gas. Der Anhänger ruckte kurz und als sie zurück auf der Straße waren, schaltete er die klackenden Warnlichter wieder aus.
   »Nun, Miss, wo soll es langgehen?«
   »Mein Name ist Bill…« Booster bellte laut dazwischen und sie sprach lachend weiter. »Da Sie mit einem Schiff kaum wenden können, fahren wir geradeaus.«
   »Sicher … Bill … Sind Sie ein Kerl oder so?« Um Himmels willen, was redete er da? Sie lachte jedoch laut und so mitreißend, dass auch er lachen musste. Es war herrlich ansteckend.
   »Nein, ich bin kein Kerl«, prustete sie. »Fahren Sie da vorn an der Abzweigung links. Ich heiße Cybill, die meisten nennen mich Billie.«
   »Ah, Billie, na klar.« Boosters Gebell hatte die letzte Silbe verschluckt und er hatte nichts Besseres zu tun, als sich zum Idioten zu machen.
   »Nach einer Meile kommt eine Bar, dort können wir kurz halten.«
   Er tat, was sie sagte, und hielt vor einem Restaurant. Trevor’s B&B, blinkte es in verschiedenen Leuchtfarben über der Eingangstür. Auf dem Parkplatz standen einige große Trucks mit Baumstämmen, dreimal so lang wie sein Boot. Wieder knurrte sein Magen. Der Gedanke, in den Laden zu gehen und schnell etwas zu essen, war verlockend, doch erst sollte er den verfluchten Kahn loswerden. Sie öffnete die Tür und hüpfte hinaus. Sidney ließ das Fenster herunter und war irritiert.
   »Ist das etwa die Adresse?«
   »Nein.« Sie lachte fröhlich, was ihn noch mehr verwirrte. »Fahren Sie die nächste Straße rechts und dann noch zweimal rechts. Quasi im Karree. Dann befinden Sie sich wieder auf der Hauptstraße. Wenn Sie an der Stelle sind, wo wir uns getroffen haben, ist es nur ein paar Meter weiter auf der rechten Seite. Sie haben es sicher zuvor übersehen, denn man erkennt es schon von Weitem. Eine hohe weiße Mauer umsäumt das Grundstück. Vielen Dank fürs Mitnehmen.«
   Das konnte doch nicht ihr Ernst sein!
   »Hey, Sie wollten es mir doch zeigen.«
   »Sie haben mir nicht zugehört, ich wollte es Ihnen lediglich sagen.« Sie lachte, drehte sich um und ging davon.
   Fassungslos sah er ihr hinterher. Ihr bunter Minirock wippte über ihren schönen Beinen im Einklang mit ihren blonden Locken. Sidney schüttelte den Kopf. Sie hatte ihn reingelegt. Er hätte nur einige Meter rückwärts setzen müssen, stattdessen hatte er sie meilenweit durch die Gegend kutschiert. Sie hatte ihn als Taxi benutzt. Das amüsierte ihn, ob er wollte oder nicht. Er startete den Wagen, verließ den Parkplatz und hielt sich an ihre Anweisung. Nach dreimal rechts und geradeaus kam tatsächlich bald darauf die Mauer in Sicht. Er mochte sich täuschen, doch die Stimme der Dame aus seinem Navigationsgerät klang erleichtert. Er hatte es tatsächlich nur übersehen und … es war keine fünfzig Meter von der Stelle entfernt, an der er diese verrückte junge Frau getroffen hatte. Er war nur einige Meter zu weit gefahren. So ein Luder, dachte er amüsiert und kein bisschen wütend darüber, dass sie ihn verschaukelt hatte. Ganz im Gegenteil.
   Nachdem er in die Einfahrt eingebogen war, galt in der nächsten halben Stunde seine Aufmerksamkeit dem Boot und seinem neuen Besitzer, der ihn immer wieder skeptisch von der Seite betrachtete. Sid konnte förmlich seine Gedanken lesen, die wie eine Leuchtschrift über dessen Stirn zu gleiten schienen. ‚Zum Teufel, das ist doch dieser Baseballspieler. Liefert der etwa Boote? Oder ist es ein Doppelgänger?‘
   »So, Mister Landers«, sagte Sidney schnell und sammelte die unterschriebenen Papiere ein. Alex hatte ihm genaue Instruktionen gegeben, und Sid hoffte, er hatte alles richtig gemacht. »Dann wünsche ich immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel.« Auch den lockeren Seemannsspruch hatte er bei Alex des Öfteren gehört, und er fand, das machte seine Tarnung perfekt.
   »Sagen Sie …?«, begann Landers plötzlich und Sidney wusste genau, was er zu fragen gedachte.
   »Also dann«, unterbrach er ihn darum sofort, »ich bin viel zu spät, mein Boss wird sauer sein, ich bin noch nicht lange in der Firma. Alles Gute.«
   Landers zückte sein Portemonnaie und wollte Sidney offenbar ein Trinkgeld zahlen. Schnell wandte er sich ab, flüchtete in den Wagen und fuhr mit dem schnarchenden Booster davon. Er tippte die Adresse der Jagdhütte in sein Navigationsgerät und sie war laut der Anzeige nur ein paar Meilen entfernt. Das traf sich gut, dann könnte er zuvor seinen Hunger stillen. Und er wusste auch schon, wo.

Sid betrat Trevor’s Breakfast-&-Barbecue-Restaurant und setzte sich auf den erstbesten Platz gleich neben der Tür. Er wollte so unauffällig wie möglich bleiben. Im Bereich der Theke saßen einige Männer und unterhielten sich. Er konnte hören, worüber sie redeten. Ärger mit dem Chef, das jüngste Kind so aufmüpfig, die Kosten für das College kaum zu bewältigen. Sid dachte darüber nach, ob seine Probleme tatsächlich Probleme waren, doch er kam zu dem Schluss, dass es eben andere Probleme waren, aber nicht minder belastend. Ein Fernseher am Ende der Theke lief ohne Ton, leise Countrymusik dudelte im Hintergrund. Die Bedienung trat an seinen Tisch, und nachdem er seine Bestellung aufgegeben hatte, konnte er nicht verhindern, dass er um sich blickte. Ob sie noch hier war? Ob man diese seltsame und wunderschöne junge Frau hier kannte? Im selben Moment war er verärgert über sich selbst. Was kümmerte ihn dieses Mädchen? Er hatte weiß Gott andere Dinge zu tun, als sich mal wieder von ein paar langen Beinen den Kopf verdrehen zu lassen. Sein Essen wurde gebracht, und er aß mit großem Appetit. Einige Fleischreste legte er für Booster beiseite, der im Auto seelenruhig schlief. Hund müsste man sein.
   Als er sein Mahl beendet hatte und auf die Bedienung wartete, ertappte er sich dabei, dass er wieder durch den Laden spähte, und er musste zugeben, er hatte gehofft, sie hier noch einmal zu treffen. Doch sie war nicht da.
   Schade. Mit ihr hatte der Tag besser geendet, als er begonnen hatte.

Kapitel 3

Sid streckte sich ausgiebig und gähnte herzhaft. Durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden drangen Sonnenstrahlen in sein Schlafzimmer und tauchten es in diffuses Licht. Außer dem Vogelkonzert aus dem Wald war nichts zu hören. Er sprang aus dem Bett, öffnete die Verriegelung und ließ die Läden nach außen schwingen. Klare Luft drang ihm entgegen, er atmete tief ein und fühlte sich sogleich stark und wie befreit. Durch die Bäume glitzerte das Wasser des nahen Sees und in der Ferne zog ein Segelboot vorbei. Na bitte, die Welt sah doch schon viel besser aus als noch am Tag zuvor. Booster streckte sich ebenfalls und grunzte zufrieden.
   »Komm, mein Freund, verdienen wir uns unser Frühstück. Leichtes Lauftraining, um die Gegend zu erkunden.«
   Booster sah ihn geringschätzig an, wandte ihm den Rücken zu und legte mit einem Seufzer die Schnauze zwischen die Pfoten. Womit er nur allzu deutlich machte, was er von Sidneys Bewegungsdrang hielt.
   »Oh, nein, so haben wir nicht gewettet, du fauler Hund. Auf geht’s!«
   Sidney zog sich Laufschuhe an und trat hinaus. Ja, er konnte behaupten, seine Laune war bereits wesentlich besser. Sie war zwar nicht die Beste, aber es war ein Anfang. Gefolgt von einem mäßig begeisterten Hund, startete Sidney behutsam sein Training. Bereits nach ein paar hundert Metern vertraute er seinem Knie wieder mehr. Es schmerzte nicht und hielt der Belastung stand. Das war für ihn ein großer Schritt im Verlauf seiner Genesung. Noch vor einigen Wochen hatte er an Krücken humpeln müssen und seine einzige Hoffnung war, dass er möglichst bald wieder vernünftig würde laufen können. Ohne Schmerz und ohne Angst vor einer erneuten Verletzung. An diesem Punkt war er nun endlich angekommen. Es hatte ihn viel Blut, Schweiß und Ehrgeiz gekostet.
   Er wählte den Weg am Ufer entlang, so konnte er sich in der unbekannten Gegend nicht verirren. Der Lauf an der frischen Luft tat ihm verdammt gut, auch wenn seine Kondition zu wünschen übrig ließ. Das war zu erwarten gewesen, und dafür war er nun hier. Fernab von allem abschalten, Kräfte tanken und zu alter Form zurückfinden. Danach würde er sich um alles kümmern. Sie sollten nicht denken, dass er sang- und klanglos in der Versenkung verschwand. Dass womöglich in ein paar Jahren nur eine kleine Metallplakette in der Hall of Fame an ihn erinnerte. Die Menschen würden dann vor dem Schaukasten mit seinem Trikot stehen und sich fragen: »Sidney … wer?« So weit sollte es nicht kommen, er würde kämpfen. Er wollte, dass sich die Menschen in Ehrfurcht an ihn erinnerten. Nun wusste er, wer seine Feinde waren, das machte es leichter, sich zurückzukämpfen. Solange man sich im guten Glauben wiegte, es wären Freunde, die hinter einem stünden, brauchte man sich über Messer im Rücken nicht wundern. Als Erstes würde er Dixon anrufen, um diesen Klatschjournalisten zu verklagen, dann würde er …
   Sidney blieb so abrupt stehen, dass der trottelige Booster in ihn hineinlief. Ein Steg ragte weit ins Wasser des Sees, und an dessen Ende stand jemand, der Sidneys Blick magisch anzog. Ein Hut und kringelblonde Löckchen, eine übergroße weiße Bluse, durch die die Morgensonne schimmerte und eine sexy Silhouette offenbarte. Wow …
   Wieder trug sie diesen Minirock und derbe Schuhe. Ihr unverhofft plötzlicher Anblick machte etwas mit ihm, das er nicht verstand und nicht beschreiben konnte, aber es drehte ihm sämtliche Eingeweide um. Er wischte mit dem Handrücken über sein verschwitztes Gesicht und bedauerte ein wenig, dass er ihr so nicht unter die Augen treten konnte. Regungslos starrte sie auf das Wasser, als ob sie auf etwas oder jemanden wartete. Sie wirkte versunken, ihre ganze Erscheinung der Welt entrückt. Es war vielleicht besser, sie nicht zu stören. Offenbar suchte sie die Ruhe oder Einsamkeit. Es erschien ihm unangepasst, auch wenn er es sehr schade fand, denn es wäre eine gute Gelegenheit, sie näher kennenzulernen. »Komm, Booster«, sagte er darum und lief weiter, doch Booster hatte andere Pläne. Als sich Sid im Laufschritt vom Steg entfernte und neben sich sah, war dort kein Hund mehr. Er blickte hinter sich, und mit Entsetzen musste er zusehen, wie dieser verrückte Hund auf den Steg rannte und in Lichtgeschwindigkeit auf Billie zuraste.
   »O nein …, Boooster«, rief er ihm hinterher, doch es half nichts. Er konnte nur wie in Zeitlupe zuschauen. Billie wandte sich nach seinem Ruf in seine Richtung, ihr Gesicht wirkte erschrocken. Derweil erhob sich Booster in die Lüfte, schwebte an ihr vorbei und tauchte in hohem Bogen ins Wasser. Sid rannte, so schnell er konnte, zu ihr.
   »Es tut mir so leid.« Er versuchte, zu Atem zu kommen, auch weil sie so unglaublich süß aussah. Vor allem aber, weil sie herrlich mitreißend lachte.
   »Es ist doch gar nichts passiert.« Sie sah auf das Wasser, wo Booster seine Runden zog und nach den Luftblasen schnappte, die er selbst verursachte. Mit den Händen wischte sie das aufgespritzte Wasser von sich.
   »Ich muss leider zugeben, er ist überhaupt nicht erzogen.« Sid wollte ihr helfen, aber dann hätte er sie anfassen müssen, und das erschien ihm dann doch zu aufdringlich, also schwebten seine Hände tatenlos in der Luft.
   »Oh, das macht nichts. Dressierte Hunde haben einen gebrochenen Willen, das mag ich überhaupt nicht. So ist es mir lieber.«
   Dieser Satz nahm ihn noch mehr für sie ein. Leider fehlten ihm die Worte, weil er von ihrem Anblick noch immer magisch angezogen war. So wie sie da stand, hinreißend lachte und die Morgensonne durch ihre blonden Locken schien.
   »Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich wiedersehe«, redete sie gottlob weiter und verzog schelmisch den Mund.
   »Ich bin noch dabei, die Adresse zu finden«, scherzte er, weil er sich von ihrer guten Laune mitreißen ließ. »Du hast mich gestern ja leider im Stich gelassen.«
   Ihre Augen wurden groß, und sie legte entsetzt die Hand vor den Mund. »Ehrlich? Du fährst noch immer mit diesem Schiff durch die Gegend?«
   »Nein, natürlich nicht.« Zuerst dachte er, sie wäre tatsächlich entsetzt gewesen, doch als er das Glitzern in ihren Augen sah, merkte er, dass sie ihn schon wieder auf den Arm genommen hatte. Das tat sie offensichtlich gern. Und es gefiel ihm. Sehr!
   Als sie die Hand von ihrem Mund nahm, mit einem Auge zwinkerte und ihre schönen Lippen lächelten, ging irgendwo tief in ihm die Sonne auf. Booster war mittlerweile an Land geschwommen und vergnügte sich, indem er halbe Baumstämme durch die Gegend schleppte.
   »Du hast mir deinen Namen noch nicht verraten.«
   Tatsächlich, sie hatte recht. Er setzte mittlerweile wohl allzu selbstverständlich voraus, dass man ihn erkannte. »Wie unhöflich von mir. Sidney Louis aus Philadelphia.«
   »Weiß ich doch.« Sie lachte und hatte eine ganz besondere Art, so natürlich und ungezwungen. Obwohl er sie nicht kannte, fühlte er sich auf unheimliche Art vertraut mit ihr. Er reagierte auf sie, wie es bisher noch nie gewesen war. »Sie haben im Restaurant über dich gesprochen. Mister Landers, der Mann, der das Schiff gekauft hat, hat sich furchtbar geärgert, dass er nicht um ein Autogramm gebeten hat. Nicht jeden Tag liefert ein Baseball-Star ein Schiff vor die Haustür.«
   »Nun ja, Star …«, wiederholte er und sah zu Boden. Dabei bemerkte er amüsiert ihre verschiedenen bunten und grob gestrickten Socken. »Falls du es nicht in den Nachrichten gesehen hast, der Stern fiel vom Himmel.«
   »Und er fiel in dieses Nest?«
   »Ich dachte, es wäre ratsam, eine Zeit lang unterzutauchen.«
   »Das gelingt dir leider nicht. Jeder hier kennt und spricht über dich.«
   Ihre Worte erinnerten ihn an ausverkaufte Spiele und volle Stadien, in denen aus Tausenden Kehlen sein Name gerufen wurde. Erneut machte sich diese Verbitterung in ihm breit, und es begann zu brodeln. Das Ganze fraß härter an ihm, als er gedacht hätte. Er sah wieder zu Boden, sie sollte seine Wut nicht sehen, doch dann spürte er ihren Finger unter seinem Kinn, sanft hob sie es nach oben, sodass er sie ansehen musste. Eine unerwartete und sehr vertrauliche Geste, die ihn überrascht in ihre Augen blicken ließ.
   »Ich muss los, Sidney Louis aus Philadelphia. Aber du solltest immer daran denken: Wer den Kopf hängen lässt, kann die Sterne nicht sehen.«
   Sie sah ihm in die Augen, und es passierte so viel in seinem Inneren, er war völlig überwältigt. Bevor er aus seiner Starre erwachen konnte, war sie auch schon am Ende des Stegs angelangt, drehte sich noch einmal um und winkte ihm zu. ›Warte doch!‹, hätte er am liebsten gerufen, doch ihre Worte hatten ihn stumm werden lassen, und sogar Booster saß einfach nur da und sah ihr nach, wie sie im Wald verschwand.
   Wer den Kopf hängen lässt, kann die Sterne nicht sehen …

Kapitel 4

»Verdammt, Billie, wo bleibst du nur?«
   Trevor sah ihr ungehalten entgegen, als sie das Restaurant betrat. Es befanden sich nur zwei Trucker an den Tischen und die hatten ihr Essen bereits vor sich stehen. Kein Grund also, sie derart anzufahren, doch Billie verkniff sich eine Antwort, ging in die Küche, band sich die Haare zusammen und legte eine Schürze um.
   »Wo warst du?«, keifte er.
   »Trevor, bitte …« Billie fuhr sich mit der Hand genervt über die Stirn. »Hör auf, ständig so mit mir zu reden. Ich bin kein Kind.«
   »Ach nein? Und was trägst du da schon wieder? Amanda hat dir eine Liste gemacht, was man wie anzieht. Warum hältst du dich nicht daran?«
   »Weil ich ihre Liste nicht ausstehen kann.«
   Trevor schnaubte, es fehlte nur noch, dass er mit dem Fuß aufstampfte. »Warst du etwa wieder am See?«
   Billie antwortete ihm nicht, sondern ließ heißes Wasser ins Spülbecken laufen, um die Töpfe zu säubern. Als sie nach den Gummihandschuhen griff, hielt Trevor sie gereizt am Handgelenk fest und funkelte sie an. Billie sah trotzig in seine Augen.
   »Lass los!«
   »Du warst am See, hab ich recht?«
   »Und wenn?«
   »Das ist gegen unser Abkommen.«
   »Es ist gegen dein Abkommen.«
   »Jedes Mal, wenn du dort warst, wird es schlimmer.«
   »Es wird dann schlimmer mit dir.«
   »Ja, vielleicht. Weil ich es nicht verstehen kann und den Wahnsinn nicht unterstützen will.«
   »Ich bin nicht wahnsinnig.«
   »Das habe ich nicht gesagt.«
   »Es klang aber schwer danach.«
   Trevor atmete tief ein und sah ihr lange stumm in die Augen. Billie hielt seinem Blick stand. Sie würde diesmal auf keinen Fall den Kampf der Blicke verlieren, selbst wenn das Waschbecken überlief. Plötzlich veränderte sich seine Miene, sie wurde weicher, nachgiebiger. Er sah kurz zu Boden. Seine Hand löste sich von ihrem Handgelenk und seine Schultern fielen herab.
   »Natürlich nicht. Ich meine es doch nur gut, Billie.«
   Stumm wandte sie sich ab und begann mit ihrer Arbeit. Er sah nicht, wie sehr ihre Hände zitterten, als sie sie schnell ins Wasser tauchte. Trevor hatte gottlob genug und ging zurück in den Laden. Billie stützte sich kurz am Becken ab und schloss für einen Moment ermattet die Augen. Jeder hielt sie für verrückt, doch sie spürte genau, dass sie es nicht war. Im Gegenteil, sie glaubte immer öfter, dass alle anderen verrücktspielten.
   Sie warf einen schrägen Blick ins Restaurant. Amanda kam herein, die hatte ihr gerade noch gefehlt. Cybill tat, als wäre sie vertieft in ihre Arbeit und hätte ihre Schwägerin nicht bemerkt.
   »Guten Morgen, Cybill. Tu nicht so, als hättest du mich nicht gesehen. Du gibst dir ja alle Mühe, uns dauernd vor den Kopf zu stoßen.«
   Billie wollte protestieren, als sie jedoch Amandas abschätzigen Blick auffing, der an ihr hoch und runter wanderte. »Amanda, bitte, nicht auch noch du. Hör auf damit, mir ständig ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen. Es reicht, wenn Trevor das tut.«
   »Das magst du so empfinden, Cybill, aber du weißt, was wir alles für dich möglich machen, nur damit du nicht …«
   »… zurück in die Klinik musst. Ich weiß.«
   »Er sagt, dass du schon wieder am See gewesen bist?«
   Billie ließ den Topf, den sie gerade spülte, zurück in das Becken sinken. »Was regt euch daran so auf?«
   »Weil es zeigt, dass du keine Fortschritte machst, das regt uns so auf.«
   »Ich sitze nur dort, ich tue niemandem etwas. Es gibt keinen Grund, mich für verrückt zu erklären. Millionen Menschen sitzen irgendwo an einem See.«
   »Wir wissen alle, warum du dort sitzt, und so lange das so ist, wirst du hier wohnen bleiben müssen und kannst kein eigenständiges Leben führen.« Sie schnaubte. »Und wir auch nicht!«, setzte sie hinzu und es klang beinahe bitter. »Trevor wird die vorläufige Vormundschaft erst aufgeben, wenn er sicher ist, dass …«
   Cybill seufzte tief. »Schon gut. Es tut mir leid, dass ich euch eine solche Last bin. Ich werde nicht mehr zum See gehen.« Im Spülwasser kreuzte sie die Finger. Es war kindisch, aber es gab ihr eine gewisse Genugtuung.
   Amanda trat auf sie zu und legte die Hand auf ihren Unterarm. Ein unangenehmes Gefühl durchströmte Billie bei diesem Kontakt.
   »Das wäre sehr schön, Cybill. Für uns alle wäre das sehr schön, verstehst du?«
   Billie nickte, doch innerlich hätte sie explodieren können. Nicht, weil Amanda mit ihr sprach wie mit einer Schwachsinnigen, sondern weil sie vorerst nicht mehr zu ihrem Steg gehen konnte. Sie würden sie sicher schärfer beobachten, womöglich bespitzeln. Wenn es sie wieder zum See zog, musste sie ab jetzt noch vorsichtiger sein als sonst. Es war wie eine innere Sucht. Wenn sie ein paar Tage nicht auf ihrem Steg war, ging es ihr schlecht.
   Billie wandte erneut den Kopf, es wurde laut im Restaurant. Es war Mittagszeit und jede Menge Touristen strömten herein, die am See Urlaub machten oder deren Boote hier ihren Heimathafen hatten. Trevor kam plötzlich hektisch in die Küche und sah ihr in die Augen. Er wirkte gestresst.
   »Cybill, du musst bedienen. Dana ist nicht aufgetaucht. Verflucht, ich hoffe, sie kommt bald. Bis dahin brauche ich dich vorn. Traust du dir das zu?«
   »Das kann sie nicht«, warf Amanda dazwischen. »Ich könnte helfen.«
   »Nein, du und Janson, ihr müsst euch um das Essen kümmern. Ein Reisebus ist angekommen und ausgerechnet jetzt fehlt eine Bedienung.«
   Cybill ging nur ein Gedanke durch den Kopf. Wenn sie beweisen könnte, dass sie fähig war, zu bedienen, dann hatte sicher niemand etwas dagegen, wenn sie ab und an zum See ging. »Ich kann das, ich habe oft genug zugesehen.«
   »Aber ohne den Hut!« Trevor deutete auf ihren Kopf. Durch Billies Magen zog sich Unwohlsein.
   »Lass ihr doch den Hut. Ich finde, das sieht toll aus.« Sie bekam plötzlich Rückendeckung von Janson, dem Koch. Billie warf ihm einen dankbaren Blick zu. »Alle Bedienungen sollten so einen Hut tragen. Es hat etwas Individuelles und würde deinen Laden echt aufwerten.«
   »Das fehlt mir noch. Also gut, mach schon …« Trevor wedelte hektisch mit der Hand. Voller Enthusiasmus zog sie die Schmuddelschürze aus und nahm eine der hübschen roten für die Kellner vom Haken. Trevor nickte ihr mit skeptischer Miene zu und Amanda, die schräg hinter ihr stand, schüttelte den Kopf.
   »Also los!«, sagte Cybill voller Tatendrang. Sie kannte alle Abläufe, konnte sich schnell in ihre unverhoffte Aufgabe hineinfinden. Der Druck, nicht versagen zu dürfen, ließ mit der Zeit nach und sie hatte regelrecht Spaß an ihrer Arbeit. Die Leute mochten sie offenbar, denn sie bekam viel Trinkgeld und sie wechselten freundliche Worte mit ihr. Als es nach und nach wieder ruhiger wurde und Billie schon befürchtete, dass Trevor sie jeden Moment zurück in die Küche schicken würde, stand er plötzlich vor ihr.
   Sidney Louis!
   Der Mann, der ihr schon bei der ersten Begegnung den Atem geraubt hatte, der ganz wundervolle, dunkle Locken besaß, die hinter seinen Ohren vorwitzig nach oben standen und durch die sie nur zu gern mit den Händen fahren würde. Er hatte so unüblich schöne Augen, die ihr unglaublich sanft erschienen. Sidney lächelte ihr zu und zog dabei nur einen Mundwinkel leicht in die Höhe. Unter seinem Dreitagebart zeigte sich ein freches Grübchen und ihr Herz klopfte bis zum Hals, als er sie länger als nötig ansah. Damit er in ihrem Gesicht nicht lesen konnte wie auf einer Kinoleinwand, streckte Billie trotzig das Kinn nach vorn. Jetzt hob sich sein anderer Mundwinkel dazu, und sie konnte seine schönen Zähne sehen. Er hatte ein umwerfendes Lächeln.
   »Hallo, Billie.«
   »Hallo, Sidney aus Philadelphia.«
   Er lachte leise, und Billies Herz machte gleich den nächsten Sprung. Sie musste die Hand auf ihren Bauch legen, weil sie fürchtete, ihre Organe hüpften von ihren angestammten Plätzen.
   »Möchtest du etwas essen oder …?«
   »Hey, Moment mal«, wurde sie von einem Gast unterbrochen, der sich plötzlich erhob und unhöflich zwischen sie schob. Er nahm ihr die Sicht und das sollte etwas heißen, denn Sidney war groß und breitschultrig. Aber der dicke, schnaufende Kerl verdarb ihr die Aussicht. »Sie sind Sidney Louis! Hey, Leute, seht doch, wer zur Tür reinschneit.« Noch mehr Männer standen auf und umringten ihn. Billie wurde zurückgedrängt und fühlte sich plötzlich furchtbar unwohl. Angst umklammerte ihren Magen, und Eiseskälte kroch in ihr hoch. Inmitten dieser drängenden, fremden Menschen bekam sie plötzlich eine Panikattacke. Verflucht. Die Luft blieb ihr weg, sie musste schleunigst verschwinden. Sie bekam Gesprächsfetzen mit, jemand sprach über einen Wettskandal, und Sidneys warme Stimme drang an ihr Ohr, aber sie spürte auch, dass sich der Kokon um sie immer weiter schloss. Immer enger, bis er sie erdrückte und sie kaum noch Luft bekam. Die Angst hatte ihre Seele fest im Griff. Bevor sie völlig überfordert irgendeine Dummheit veranstaltete, drehte sie sich auf dem Absatz um und flüchtete ins Lager. Schnell warf sie die Tür hinter sich zu und versuchte, in dem dunklen Raum zu Atem zu kommen. Billie zitterte, war völlig aufgelöst und wünschte sich, sie könnte zum See gehen, um sich zu beruhigen. Der See half immer, wenn alles zu entgleiten drohte. Sie versuchte, sich auf ihre Atemübungen zu konzentrieren, die der Arzt ihr für solche Momente empfohlen hatte. Einatmen … ausatmen … Es klopfte leicht an die Tür und Billie sah vorsichtig durch das Bullauge. Es war Medita, die mit sorgenvollem Gesicht davorstand.
   »Billie«, flüsterte diese gerade so laut, dass sie es hören konnte. »Mach auf, bitte.« Medita, die mexikanische Küchenhilfe und beinahe die Einzige, die immer lieb zu ihr war. Cybill vertraute ihr und das war auch der Grund, warum sie die Tür öffnete, obwohl sie noch immer hektisch nach Luft rang und der Anfall noch nicht vorüber war. Medita schlüpfte hindurch und zog hinter sich die Tür zurück ins Schloss. Billie war ihr dafür sehr dankbar. »Hast du wieder Panik?«
   »Ich fürchte ja.«
   »War etwas viel gerade, was? Die Typen nehmen aber auch keine Rücksicht.«
   »Ich weiß nicht, ob es daran lag.«
   »Bitte reiß dich zusammen, Liebes. Es reicht doch, was sie dir bereits alles verbieten, es wird dann nur schlimmer.«
   Billie sog tief die Luft ein und atmete mit leicht gespitztem Mund wieder aus. Immer wieder … ein … aus … ruhig atmen … ein … aus … Es half, nach und nach wieder in die Realität zu finden. Medita legte ihr beruhigend die Hände auf die Schultern und auch das war hilfreich.
   »Es wird schon besser, danke.«
   »Soll ich nachsehen, ob sie noch da sind?« Medita wartete eine Antwort nicht ab, und weil sie so klein war, stellte sie sich auf die Zehenspitzen, zog sich am Rahmen des Bullauges hoch und spähte hinaus. »Du hast Glück, Billie. Dana ist gerade gekommen. Jetzt kannst du schnell verschwinden. Ich sage Trevor, dass sie dich abgelöst hat und du nach oben gegangen bist.«
   »Ist er noch da?«
   »Trevor?«
   »Sidney Louis.«
   Medita streckte sich erneut und lugte hinaus. »Ja, er gibt Autogramme.«
   »Okay, dann mache ich mich davon. Danke, du bist eine sehr liebe Freundin.«
   Medita zwinkerte ihr zu, öffnete vorsichtig die Tür und fuchtelte mit der Hand, weil die Luft rein war. Billie schlüpfte hinaus und lief die Treppe nach oben, in ihr rettendes Schlafzimmer.

Kapitel 5

idney sah immer wieder über die Köpfe der Leute hinweg, doch sie blieb verschwunden. Das konnte nicht wahr sein. Nun hatte er sie zufällig hier gefunden, und sie löste sich genauso spurlos in Luft auf wie beim ersten Mal. Das ärgerte ihn, auch wenn er zugeben musste, dass es eine Wohltat war, mit seinen Fans zu reden, die ihn für absolut unschuldig und den Wettskandal für »eine Schweinerei« hielten. Geduldig beantwortete er Fragen, gab Autogramme auf Bierdeckel, T-Shirts, Rucksäcke, Jacken und Taschen, bis der Besitzer der Bar Mitleid mit ihm bekam und ihn in eine ruhige Ecke an einen der hinteren Tische brachte. Sid setzte sich lachend und gleichzeitig aufatmend auf die Bank.
   »Trevor Carter, mir gehört der Laden hier«, stellte sich sein Retter vor und streckte ihm breit grinsend die Hand entgegen. »Sie müssen entschuldigen, aber wir haben nicht oft derart hohen Besuch. Sie können essen, was Sie möchten, es geht aufs Haus.« Er machte eine ausufernde Bewegung mit den Armen.
   »Das ist sehr nett, Trevor, aber ich muss Sie warnen, ich habe einen Bärenhunger.«
   »Umso besser!«
   Er bestellte, und Trevor ließ es sich nicht nehmen, ihn persönlich zu bedienen. Leider, denn Billie blieb verschwunden. Warum nur? Er war sicher, sie hatte sich genau wie er über ihre zufällige Begegnung gefreut. Warum nur tauchte sie nicht mehr auf? Bis zu seinem letzten Bissen hatte er die Hoffnung, sie noch zu sehen, doch er wurde enttäuscht. Als sich Trevor erkundigte, ob alles zu seiner Zufriedenheit gewesen sei, hielt er es nicht mehr aus. Sie beschäftigte ihn einfach zu sehr.
   »Vorhin war hier ein Mädchen, ihr Name ist Billie. Arbeitet sie hier?«
   Trevors Gesicht wurde erschreckend kühl. Sein Lächeln gefror nach und nach, und er sah mit den leeren Tellern in der Hand auf ihn herab.
   »Was haben Sie mit ihr zu schaffen?«
   War Trevor etwa ihr Ehemann, dass er so gereizt reagierte? Dann war Vorsicht geboten.
   »Nichts, glauben Sie mir. Vor ein paar Tagen hatte ich mich verfahren, und sie war so freundlich, mir zu helfen. Ich sah sie gerade zufällig und wollte mich bedanken. Das war’s auch schon.« Wie zur Bekräftigung seiner Unschuld hob er die Hände. Die Begegnung am See ließ er aber besser beiseite. Irgendetwas in ihm riet dazu. Einige Sekunden lang sah Trevor ihm in die Augen, dann stellte er die Teller ab und beugte sich provokant nah zu ihm herunter.
   »Hören Sie, Mister Louis, lassen Sie Cybill in Ruhe. Verstanden?«
   »Sie haben etwas missverstanden, ich bin nicht darauf aus, Ihrer …«
   »Haben Sie vor, länger zu bleiben?«, unterbrach Trevor ihn barsch und nahm seine Teller geräuschvoll wieder auf.
   Sid fand zwar, dass es ihn nichts anging, aber leider war in ihm etwas erwacht, das sich mit guten Argumenten nicht stillen ließ. Die Neugier. Er beschloss, auf Trevors Gehabe nichts zu geben. »Das kann ich nicht genau beantworten. Sie haben es sehr schön hier, vielleicht bleibe ich länger, aber ich habe sicher nicht vor, Ihrer Frau zu Leibe zu rücken. Versprochen.« Er lachte übertrieben freundlich, hob die Finger zum Schwur und fühlte ein kindisches Vergnügen, als er die der anderen Hand heimlich kreuzte.
   »Cybill ist meine Schwester.« Es klang leicht angewidert und er schnaubte entrüstet.
   »Noch besser.«
   »Wie bitte?«
   »Kann ich die Rechnung haben?«
   »Ich sagte, geht aufs Haus.«
   Sidney hätte nach dem Verlauf, den dieses Gespräch genommen hatte, und der Feindseligkeit, die ihm plötzlich entgegenschlug, zwar lieber bezahlt, aber die Diskussion darüber wollte er sich nicht auch noch antun. »Dann nochmals vielen Dank und bis bald, Trevor.« Sidney erhob sich und überragte Billies unfreundlichen Bruder um mehr als einen Kopf. Es passte ihm nicht, wie frech der mit ihm redete. Sie nickten sich zu wie zwei Kampfhähne, dann verließ Sid mit gemischten Gefühlen den Laden. Ob er wollte oder nicht, doch von diesem Moment an beherrschte ihn nur ein Gedanke: Er musste sie noch einmal sehen, jetzt erst recht.

Sid machte sich jeden Tag auf die Suche nach ihr, ob am Hafen, in der Einkaufsmeile oder täglich bei seinen Laufrunden am See. Doch alles Suchen half nicht, er war offenbar immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Eine Woche war bereits vergangen, es gab nicht die geringste Spur von ihr. Sein Ehrgeiz bekam Risse, vielleicht sollte es einfach nicht sein. Und wozu auch das Ganze? Es ärgerte ihn, das musste er zugeben, dass sich Trevor ihm gegenüber einiges herausgenommen hatte, aber es machte ihn auch traurig, dass jemand wie Billie, die so unbedarft und unschuldig auf ihn wirkte, einen so widerwärtigen Bruder hatte. Selbst wenn der sich aus irgendeinem Grund lediglich um seine Schwester sorgte, es hätte freundlicher sein dürfen.
   Es war bereits spät am Abend, und Sid schloss die Fensterläden. Ein Gewitter zog auf. Die Wälder um ihn herum rauschten heftig im Wind, die Tannen bogen ihre Spitzen in den schwarzgrauen Himmel. Regen pladderte mit ersten dicken Tropfen auf das Dach, und in der Ferne hörte man Donnergrollen. Booster winselte und rollte sich auf seiner Decke zusammen. Sidney beugte sich zu ihm hinunter und streichelte tröstend seinen Kopf. »Keine Angst, Junge, hier sind wir sicher.«
   Der Gemütlichkeit halber entfachte er ein Kaminfeuer, denn kalt war es nun wirklich nicht. Nachdem die ersten Flammen züngelten und das Feuer zu knistern begann, nahm er seinen Laptop, setzte sich in einen der bequemen Sessel und loggte sich ein. Eigentlich hatte er sich verboten, nachzulesen, wie und ob die Öffentlichkeit ihn zerfleischte. Es gab genug Schlaumeier, die glaubten, alles zu wissen und über andere urteilen zu dürfen. Oft waren es Fans von gegnerischen Klubs, die gern Öl ins Feuer gossen, ohne zu ahnen, was sie anrichten konnten. Noch bevor er die ersten Sätze über sich lesen konnte, winselte Booster erneut, doch dieses Mal stand er an der Tür und sah auffordernd zu ihm herüber. »Das ist jetzt nicht dein Ernst!« Ein weiteres Winseln war die Antwort, gefolgt von einem lauten Bellen. Dann drehte Booster sich zweimal um die eigene Achse und rannte zur Haustür. Es regnete heftiger, er konnte hören, dass es mittlerweile stärker auf das Dach prasselte. Das war wirklich kein Wetter, um mit dem Hund rauszugehen. Sid sah auf die Uhr an seinem Handgelenk. »Wir waren vor knapp zwei Stunden draußen. Vergiss es!« Er tippte mit dem Finger gegen die Stirn, auch wenn Booster diese Geste wohl kaum verstand, und lehnte sich in seinem Kaminsessel zurück. Ein lang gezogener, seltsamer Ton kam aus Boosters Kehle. Eine Mischung zwischen Heulen, Bellen und Knurren.
   »Ach verdammt!« Sid legte den Laptop beiseite, zog eine wetterfeste Jacke über und öffnete die Tür. Booster schoss sofort hinaus. Geistesgegenwärtig griff er nach der Taschenlampe die, praktisch gedacht, an einem Haken neben der Tür hing, und rannte dem Hund hinterher. Im Lauf zog er die Kapuze über und der Lichtkegel der Lampe hüpfte im Einklang mit seinen Schritten über den Waldweg. Booster bellte immer mal wieder, das machte es leichter, ihm zu folgen, auch wenn er zugeben musste, dass er kurz darüber nachgedacht hatte, im Haus zu bleiben und darauf zu warten, dass dieser verrückte Hund von allein zurückkam. Aber er hätte dann keine ruhige Minute gehabt.
   Booster rannte am See entlang, also folgte er ihm, so schnell er nur konnte. Bei jedem Schritt war er dankbar, dass sein Knie so gut genesen war, dass er ihm wieder vertrauen konnte. Ein Blitz erhellte den Nachthimmel und der Donner knallte dermaßen laut, dass Sidney erschrak. Doch das war es nicht allein, was ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Eine gespenstische Szene bot sich seinen Augen, und sie machte ihm im ersten Moment sogar Angst. Er war am Steg angelangt und dort, am Ende, stand jemand und starrte bewegungslos auf das Wasser. Sidney war für den Moment genauso erstarrt. Was hatte diese Person vor? Wollte sie sich etwa ins Wasser stürzen? Es regnete in Strömen, der Wind zerrte an seinen Sachen, als ein weiterer Blitz die Nacht taghell werden ließ und er sie in diesem Moment erkannte. Es war ohne Zweifel Cybill. Booster war die Szene offenbar genauso unheimlich, er blieb am Ufer sitzen und winselte leicht, während sich Sidney näherte und ihren Namen gegen den Wind rief. Wie schon beim ersten Treffen auf dem Steg machte es den Eindruck, dass sie der Welt entrückt war. Erst kurz bevor er sie erreicht hatte, drehte sie sich zu ihm. Ihr Blick war glasig, sie war völlig durchnässt, ihre übergroße Kleidung hing an ihr wie nasse Säcke.
   »Billie, was tust du da? Du wirst dir den Tod holen.«
   Sie antwortete ihm nicht, doch während sie in seine Augen sah, hatte er das Gefühl, sie kehrte aus einer anderen Welt zurück und nahm ihn erst jetzt wirklich wahr.
   »Sidney …«
   Er konnte sie nicht hören, nur von ihren Lippen ablesen. Das Rauschen des Regens war zu stark, es blitzte und krachte über ihnen. Bei einem schweren Gewitter auf einem Steg mitten im See zu stehen, gehörte definitiv nicht zu den Dingen, die man unbedingt erleben sollte. Sidney handelte und griff nach ihrer Hand. »Komm mit mir, bitte. Es ist viel zu gefährlich hier«, rief er gegen das Unwetter an und zog sie mit sich.
   Cybill folgte ihm ohne Gegenwehr und ließ sich zur Hütte führen. Tropfend und zitternd stand sie im Eingang. Es berührte ihn so tief, dass er sie am liebsten in seine Arme gezogen hätte. Warum zum Teufel hatte sie dort gestanden? Was war nur los mit ihr? Sidney atmete tief durch, und bevor ihn seine Gefühle noch mehr verwirrten, zeigte er ihr das Bad, gab ihr Handtücher und Kleidung von sich, rubbelte den Hund trocken und schlüpfte ebenfalls in trockene Sachen. Dann kochte er einen Tee und während er auf sie wartete, fachte er das Kaminfeuer neu an. Bei all dem hatte er ein unglaubliches Gefühl im Bauch. Sie war hier. Bei ihm.

*

Er musste sie für verrückt halten, so wie alle das taten, und vielleicht hatten sie recht. Doch dass er zwei verschiedenfarbige Strümpfe zu den trockenen Sachen gelegt hatte, ließ sie lächeln und ein warmes Gefühl breitete sich in ihr aus. Wärmer als jedes Bad nach dem Regen, als jeder Tee am Kaminfeuer bei Schneesturm. Billie saß auf einem Hocker im Bad, ein Handtuch um ihren Körper geschlungen, und betrachtete die Strümpfe in ihren Händen. Einer war königsblau, mit feinem Garn gewebt, und hatte drei übereinanderliegende rote Kringel um die Wade. An der Seite war das Emblem der Philadelphia Lions gestickt. Der andere war weiß, hatte auch drei rote Kringel übereinander und ebenfalls das Emblem an der Seite. Sie zog sie über und beide reichten ihr bis über die Knie. Sie war sich jetzt schon sicher, dass sie zu ihren Lieblingssocken werden könnten. Amanda würde durchdrehen, wenn sie sie in diesen Strümpfen sehen würde. Billie streckte die Beine aus, betrachtete sie und kicherte in sich hinein. Danach schlüpfte sie in sein riesiges T-Shirt. PL stand auf der linken Brustseite und auf dem Rücken prangte in einem Schriftzug sein Name.
   Louis 66, in Klatschmohnrot, wie ihre Schuhe. Sie schlüpfte in seinen grasgrünen flauschigen Trainingsanzug und betrachtete sich im Spiegel. Was sie sah, fand sie wunderschön und herrlich bunt. Ganz wie sie es mochte und nicht so, wie es auf Amandas Liste stand. Dennoch musste sie ihren ganzen Mut zusammennehmen, die Klinke der Tür herunterzudrücken und ihm gegenüberzustehen. Am besten war, sie redete so wenig wie möglich, dann konnte sie sich nicht verraten. Wenn er nicht bereits an ihrer Kleidung festgestellt hatte, dass sie nicht normal im Kopf war, dann sicher, wenn sie vor lauter Nervosität drauflosredete. Und sie war sehr nervös.
   Billie überprüfte ihr Gesicht im Spiegel und wuschelte sich mit den Händen durch die Haare. Geschminkt war sie nie, und viel zu bieten hatte sie auch nicht. Das sagte zumindest ihre Schwägerin, die ihr hatte beibringen wollen, wie man sich das Gesicht anmalte. Billie hatte vergessen, wie man das machte, und auch, ob sie es jemals getan hatte. Wie so vieles aus ihrem Leben, das sie vergessen hatte. So leise es ging, schlich sie aus dem Bad und lugte um die Ecke. Er stand im Wohnzimmer vor dem Kamin und hatte ihre Sachen auf Kleiderbügeln an eine Schnur gehängt. Wieder durchfuhr sie ein Fluss der Wärme, weil er so liebenswürdig und hilfsbereit war.
   »Hi«, sagte sie und leider verriet ihre zittrige Stimme, wie eingeschüchtert sie war. Sidney wandte sich ihr zu und lächelte dieses schräge Lächeln, das sie wirklich gern mochte. »Danke für die schönen bunten Sachen«, fügte sie schnell hinzu.
   »Sehr gern.«
   »Besonders für die tollen Strümpfe.« Sie zog die Hosenbeine hoch und entblößte die Beine. Sie mussten beide herzlich lachen und Cybill spürte überraschend etwas wie Freude. Es musste Freude sein, so fühlte es sich sicher an, denn es kribbelte und war aufregend. Sie hatte das schon lange nicht mehr gespürt und vergessen, wie schön es im Magen kitzeln konnte.
   »Du darfst sie gern behalten.« Er lächelte und kam auf sie zu. Billie fuhr innerlich Achterbahn. »Ich habe dir einen Tee gekocht, du solltest ihn trinken, damit du nicht krank wirst.«
   Zwischen Kribbeln und Aufregung mischte sich ein Ziehen im Magen, und das kannte sie wiederum sehr gut. Es war ihre Unsicherheit. Außerdem beunruhigte er sie, wie er dort stand, unglaublich hübsch anzusehen, fürsorglich und doch so männlich. Es wäre sicher einfacher, wenn er einem der ungepflegten Trucker aus dem Restaurant gleichen würde. Sidney allerdings weckte Dinge in ihr, die sie nicht kannte oder vergessen hatte. Dinge, die sie aus schönen Filmen verinnerlicht hatte, doch nicht mehr wusste, ob sie sie jemals selbst erlebt hatte. Sie bekam Angst. Ausgerechnet jetzt. Das war nicht gut. Das bedeutete unter Umständen eine Panikattacke.
   »Ich muss zurück«, sagte sie darum etwas überhastet.
   Seine Miene drückte etwas wie Enttäuschung oder Überraschung aus. Genau konnte sie es nicht deuten. Noch etwas, was sie nicht mehr konnte.
   Er nickte leicht und stellte seinen Tee beiseite. »Das dachte ich mir schon. Ist es wegen Trevor?«
   »Ja …, wegen Trevor, aber …« Moment mal. Wie kam er darauf? Cybill schüttelte überrascht den Kopf und zog die Augenbrauen zusammen. »Hat er etwa über mich geredet?«
   »Nur wenig.«
   Das war nicht gut. »Er darf nicht wissen, dass ich am See gewesen bin«, beschwor sie ihn, machte einige Schritte auf ihn zu und legte ihre Hand auf seinen Arm. Vor lauter Sorge vergaß sie sogar ihre Hemmungen. »Bitte! Er darf es auf keinen Fall erfahren.«
   »Dann solltest du ihm auch besser nicht erzählen, dass ich mit dir gesprochen habe, denn das hat er mir ausdrücklich verboten.«
   »Ach wirklich?« Das war überraschend. Was sollte das?
   »Zucker?«, fragte er.
   Billie war im ersten Moment verwirrt. Ihr Blick folgte seiner Hand, die auf eine Zuckerdose auf dem Tisch deutete, neben der zwei hübsche dampfende Tassen standen. »Ähm, ja. Danke. Zwei Löffel.«
   Er ließ den Zucker in ihre Tasse rieseln, rührte sie kurz um und reichte sie ihr. Cybill war nicht nur dankbar über die wärmende, aromatisch duftende Flüssigkeit, sondern auch darüber, dass sie etwas zum Festhalten hatte. Vor lauter Aufregung wusste sie nämlich nicht, wohin mit ihren Händen.
   »Warum hat er es dir verboten?«
   »Ich dachte, du könntest es mir sagen.«
   »Wenn du dachtest, ich könnte es dir sagen, dann hattest du offensichtlich nicht vor, nicht mit mir zu sprechen.«
   Zuerst runzelte er die Stirn, doch dann lächelte er wieder. »Ganz genau!«
   Cybill kicherte in ihren Tee. Weil auch er leise in seine Tasse lachte, musste sie sich wirklich beherrschen. Plötzlich fühlte sie sich wie verschworen mit ihm. Es war so einfach, und es war herrlich.
   »Warum hast du dort auf dem Steg gestanden?«, kam es völlig überraschend, und schlagartig war ihre Albernheit verflogen. Wie schade.
   »Was ist das?«, fragte sie, um schnell abzulenken, und deutete auf einen schwarzen fachen Kasten, der einen Bildschirm besaß wie ein Fernseher, nur sehr viel kleiner war.
   »Das?«
   »Ja, das da.«
   »Du willst wissen, was das ist?« Er hob die Augenbrauen und tippte mit dem Finger auf den Bildschirm mit der Tastatur davor. Billie nickte. Einen Moment lang sah er sie seltsam an. »Das ist ein Laptop.«
   »Hm, okay.«
   »Du weißt aber, was ein Laptop ist?«
   Sie zuckte mit den Schultern. Offensichtlich gehörte dieses Ding auch zu den Sachen aus ihrem früheren Leben, denn so seltsam, wie er sie betrachtete, war ein Laptop etwas Gebräuchliches. Das war der Grund, warum sie besser den Mund halten sollte. Nun würde er sie ganz sicher für dumm halten.
   »Na klar«, entgegnete sie schnell. Billie fühlte sich unwohl. Kein Wunder, dass alle dachten, sie wäre nicht ganz richtig im Kopf. Es war wohl wirklich besser, sie würde jetzt gehen. Leider regnete es noch immer in Strömen, obwohl sich das Gewitter mittlerweile verzogen hatte. Die Aussicht, erneut bis auf die Knochen durchnässt durch den Wald zurück nach Hause zu laufen, war nicht sehr verlockend. »Kannst du mich nach Hause bringen?«
   »Natürlich«, sagte er sofort, doch noch immer sah er sie merkwürdig an, und Billie fühlte sich schrecklich.
   Um dem zu entkommen, nahm sie ihre Kleidung von den Bügeln, rollte sie im Arm zusammen und schlüpfte in ihre nassen Schuhe. Dann huschte sie an ihm vorbei, Richtung Tür. Er folgte ihr, nahm einen Schlüssel vom Tisch, wies den Hund an, auf seiner Decke zu bleiben, und zusammen gingen sie hinaus. Das Vordach hielt den Regen ab, und von der Veranda aus öffnete er per Fernbedienung sein Auto. Die Blinker leuchteten kurz auf, die Innenbeleuchtung erhellte den Wagen.
   »Bei drei rennen wir los«, schlug er vor und Cybills beklommenes Gefühl wich sofort, sie musste lachen.
   »Eins …«, zählte sie an, »zwei …«
   Sie rannten gleichzeitig los, der Regen prasselte auf sie nieder. Sie riss die Autotür auf und warf sich synchron mit ihm auf den Sitz.
   »Du hast geschummelt«, schimpfte er fröhlich, während er sich den Regen aus dem Gesicht wischte und den Wagen startete.
   »Du doch auch«, kicherte Billie und fühlte sich plötzlich wieder wunderbar, weil er so unbedarft mit ihr umging und nicht wie Trevor laufend auf ihr rumhackte. »Du schummelst aber oft.«
   »Ach ja? Wo noch?« Billie wurde es wieder siedend heiß. Ob er die Schwindelei mit diesem Laptop bemerkt hatte?
   »Als du mich schamlos als Taxi benutzt hast.«
   »Ja, stimmt, da habe ich geschummelt. Aber nur ein ganz klein wenig.« Sie legte Zeigefinger und Daumen aufeinander und lächelte, auch weil sie erleichtert war, dass er offenbar nicht bemerkt hatte, dass sie etwas zu vertuschen versuchte. Gelöst sah sie ihn an, und als er sich ihr zuwandte und ihr für Sekunden länger als nötig in die Augen sah, passierte etwas in ihrem Brustkorb. Billie bekam plötzlich das seltsame Gefühl, das etwas zusammenpasste, das eigentlich nicht zusammengehörte. Was so grundverschieden in seiner Substanz war und doch undenkbar das eine ohne das andere. Wie Kartoffeln und Soße, Schuhe und Strümpfe, Milch und Kekse, Sonne und Regen, Yin und Yang, Sidney und Billie.
   Sein Magen knurrte unüberhörbar laut in ihre Gedanken, und Billie musste schon wieder lachen. So oft wie heute hatte sie im ganzen letzten Jahr nicht gelacht. Sie schämte sich schon beinahe für ihre Albernheit.
   »Ich schätze, so spät in der Nacht wird dein Bruder mir kein Essen mehr servieren?«
   Sidney zwinkerte ihr zu, und Billie war in einer unglaublichen Stimmung. Durch ihn bemerkte sie, dass sie die ganze Zeit ständig Trevors schlechter Laune und Amandas Gezeter ausgesetzt war. Lachen, Freude, Karussell fahren im Kopf, das war neu und machte Riesenspaß.
   »Ich revanchiere mich für meine Schummeleien und werde dir etwas aus der Küche holen. Trevor ist nicht da, heute ist sein Bowlingabend, und Amanda ist so spät nicht mehr unten im Laden. Wir schleichen uns durch die Hintertür.« Die Heimlichtuerei verursachte Kribbeln im Bauch und gefiel ihr sehr.
   Sidney parkte hinter dem Gebäude, und wie Diebe schlichen sie hinein. In der Küche brannte die Notbeleuchtung, aus dem Restaurant war leise Musik zu hören. Jemand spielte Billard, die Kugeln klackerten aneinander und mehrere Männer lachten. Billie öffnete die Tür zur Kammer, und Sidney folgte ihr bis zum Türrahmen, als sie plötzlich Trevors Stimme vernahm, die sich ihnen lauter und lauter näherte. Himmel, was tat der hier? Cybill packte Sidney kurzerhand am T-Shirt, zog ihn hinter die Tür und schloss sie hektisch. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Hatte Trevor sie im letzten Moment noch gesehen? Wie sollte sie ihm das erklären? Im Dunkel der Kammer spähte sie durch das Bullauge. Trevor flötete offenbar gut gelaunt vor sich hin, während er am Fenster vorbeiging und sein Schatten kurz über ihre Gesichter huschte. Billie biss sich vor Aufregung auf die Unterlippe. Himmel, was für eine blöde Situation. Als sie dachte, es könnte kaum schlimmer kommen, hörte sie weitere Schritte und Amandas helle Stimme.
   »Hast du kontrolliert, ob sie da ist?«
   »Amanda, bitte. Ich gewinne gerade das erste Mal gegen Dick, sei so lieb und verderbe mir nicht die gute Laune.«
   »Mit anderen Worten, du hast nicht nachgesehen, ob sie in ihrem Zimmer ist?«
   »Doch, natürlich.«
   Sie sprachen laut, jedes einzelne Wort war deutlich zu hören und sie presste die Fäuste zusammen, weil sie vor Scham am liebsten im Boden versinken wollte und weil sie gerade erfuhr, dass sie sogar nachts kontrolliert wurde. Sie wagte nicht, in Sidneys Augen zu sehen.
   »Trevor, wie lange noch? Wie lange sollen wir dieses Spiel noch machen? Ich wollte ein Kind, ja, aber es sollte nicht bereits sechsundzwanzig sein.«
   »Jaja, ich weiß …« Er klang resigniert und schuldbewusst, doch Cybill war schockiert von Amandas Worten.
   »Wann willst du es ihr sagen?«
   »Was sagen?«
   »Dass ich schwanger bin!«
   Ihre Finger schmerzten, weil sie noch immer zu einer Faust zusammengepresst waren. Sie öffnete sie leicht und knetete ihre Hände. Dabei knackte ein Fingergelenk, ausgerechnet in dem Moment, als es totenstill war. Sidney legte seine Hände um ihre und hielt sie fest. Wie warm er sich anfühlte. Wie sicher und beruhigend das für sie war, obwohl ihr Herz so heftig pochte, dass sie es in den Schläfen spürte.
   »Sie muss zurück in die Klinik. Es geht so nicht. Wenn das Baby da ist, kann ich mich nicht mehr laufend darum kümmern, was mit Cybill ist, und du hast mit dem Laden genug um die Ohren.«
   »Du weißt, das geht nicht.«
   »Wie bitte?«
   »Herrgott, Amanda, die Klinik kostet ein Scheißgeld. Mir reichen die teuren Medikamente, die sie nehmen muss.«
   Billie sah zu ihm auf, sie musste einfach. Sie schämte sich so furchtbar und musste sehen, wie er reagierte. Nur wenig Licht fiel durch das Bullauge auf sein Gesicht, doch sein Blick war freundlich, sogar liebevoll, aber nicht mitleidig, das hätte sie wütend gemacht. ›Es tut mir leid‹, formten ihre Lippen tonlos, und er schüttelte leicht den Kopf. Dann hob er eine Hand und strich ihr leicht über die Wange. In diesem Moment vergaß sie Trevor, es existierte keine Amanda. Das Gefühl, das durch ihre Wange bis in die Tiefen ihrer Seele ging, war unbeschreiblich. Sie forstete in ihrem Kopf, ganz angestrengt, doch sie erinnerte sich nicht, ob es jemals so gewesen war. Ob vielleicht schon einmal jemand so vertraut und liebevoll mit ihr gewesen war. Doch sie hatte es vergessen.
   Trevors und Amandas Stimmen entfernten sich endlich. Billie legte ihm die Hand auf die Brust, wollte etwas sagen, doch sein liebevolles Lächeln erstickte ihre Worte. Schmutziges, lautes Lachen der Männer am Billardtisch zerstörte die Magie zwischen ihnen. Billie schlüpfte schnell zur Tür hinaus und flüchtete in ihr Zimmer, bevor … nein, nicht bevor Trevor sie noch entdeckte, sondern bevor sie Sidney geküsst hätte.

*

Die Tür schwang zu, er stand allein in der dunklen Kammer. Nur ihr Schatten flackerte für einen Wimpernschlag durch das Bullauge, dann war sie urplötzlich verschwunden. Ein Gefühl des Bedauerns durchkroch ihn, er fühlte sich einen Moment lang wie verlassen. Er hätte die ganze Nacht mit ihr in der Kammer verbringen können, es hätte ihm nichts ausgemacht. Sid spähte durch das Fenster, es war wohl ratsam, schnell zu verschwinden, bevor er wie eine diebische Ratte in der Vorratskammer entdeckt wurde. Er öffnete die Tür einen Spalt, horchte in den Raum, hörte Stimmengemurmel, das Klackern der Kugeln, und hastete hinaus. Im Auto angekommen, steckte er den Schlüssel in das Zündschloss und sein Blick wanderte wie ferngesteuert über die Fenster der oberen Etage. Er wollte gerade losfahren, als er schemenhaft ihre Gestalt im Dunkel eines Zimmers sah. Sie hob eine Hand, die sich hinter dem unbeleuchteten Fenster hell abzeichnete, dann war sie weg.
   Sidney verließ den Hof eilig, doch in sicherer Entfernung stoppte er aufgewühlt seinen Wagen, lehnte sich zurück und starrte auf sein Lenkrad. Seine Gedanken wirbelten und drehten sich wie ein Kettenkarussell nur um Cybill. Tausend Fragen, die von einer einzigen beherrscht wurden: Warum zog sie ihn so derart in ihren Bann?
   Darauf würde er wohl so schnell keine Antwort bekommen, aber er hatte das Gefühl, sein Aufenthalt in dieser Einöde bekam langsam einen Sinn. Vielleicht sollte alles so sein, wenn man schon nach dem Schicksal fragte, was nicht unbedingt seine Stärke war. Der Sinn des Lebens und so ein Kram war eher etwas für sensible Denker. Seine Gedanken waren von frühester Zeit an nur von Baseball und großen Siegen bestimmt gewesen. Über andere nachzudenken, das fiel ihm in diesem Moment auf, war nicht unbedingt seine herausragendste Eigenschaft. Das konnte er sich auch gar nicht erlauben. Wie Wandas Rennpferde hatte er Scheuklappen auf, damit er das Ziel nicht aus den Augen verlor. Für Wandas Gäule war es die Ziellinie, für ihn der Spitzenplatz in der Major League und sein eingravierter Name im Pokal. Doch dieses verrückte Mädchen mit dem lustigen Hut über einem wunderschönen Puppengesicht und den verschiedenen Strümpfen an endlos langen Beinen … Die brachte ihn dazu, sich mit ihr zu beschäftigen. Was stimmte nicht mit ihr? Wenn er sich mit ihr unterhielt, hatte er überhaupt nicht den Eindruck, als ob bei ihr im Oberstübchen etwas hakte. Okay, die Klamotten waren sicher nicht das, was junge Frauen in Philadelphia trugen, und auch nicht die neueste Modelinie, sofern jemand wie er das beurteilen konnte. Aber er fand’s gut. Nicht der übliche Einheitsbrei. Doch was war das mit dem Laptop? Er hatte ihren Schwindel durchschaut, war aber nicht mehr darauf eingegangen, weil er das Gefühl hatte, er würde sie damit in die Ecke drängen. Warum war ihr ein Computer fremd? So fernab jede Zivilisation war man selbst hier nicht. Einige Meilen weiter lag eine Touristenhochburg direkt am See. Man befand sich ja nicht im Hochgebirge von Nepal. Hatte sie überhaupt ein Telefon? Selbst das hatte er bislang nicht entdecken können, und es war doch heutzutage gang und gäbe. Jeder Mensch hatte ein Telefon. Was war das für ein Gerede von einer Klinik und Medikamenten? Was war los mit ihr? Er starrte noch eine Weile in die Dunkelheit, doch Antworten fand er nicht. Verwirrt und mit vielen Fragezeichen im Kopf, startete er den Wagen und fuhr mit den Gedanken an Billie nicht nur nach Hause, er nahm sie auch mit ins Bett. Booster nahm er leider gleich mit, denn der hatte sich angewöhnt, seinen pelzigen Körper neben ihn in das große Ehebett zu wuchten. Anfangs hatte er ihn noch verjagt, doch es war sinnlos. Jeden Morgen, wenn er aufwachte, lag Booster neben ihm im Bett. Es mochte verrückt klingen, was es auch war, aber es störte ihn nicht mehr.

Als Sidney an diesem Morgen erwachte, fühlte er sich wie gerädert. Es war eine unruhige Nacht gewesen, was nicht an Booster gelegen hatte, der schlief meist wie ein Stein. Eine innere Unruhe hatte ihn erfasst, und er konnte nicht begründen, was genau die Ursache war. Stündlich war er wach geworden und nur schwer wieder eingeschlafen. Mit bleiernen Gliedern schleppte er sich in die Küche und öffnete den Kühlschrank, doch außer einer Riege Hundefutterdosen und einem angebrochenen Kanister Orangensaft gab es nicht viel zu entdecken. Er würde einkaufen müssen. Eine neue Erfahrung. Auf dem Gut hatte Personal für einen vollen Kühlschrank gesorgt, ansonsten kannte er nur Hotelküchen oder Restaurants, in denen es reservierte Tische gab, die nur ihm oder Auserwählten aus dem Team zur Verfügung standen. Sid ließ die Kühlschranktür zugleiten und beschloss, seinem neuen Kumpel Trevor einen Besuch abzustatten. Die Aussicht auf ein deftiges Frühstück mit Spiegelei und Speck und die Möglichkeit, Billie zu sehen, hob seine Laune spürbar. Nach einer schnellen Dusche packte er den Hund ins Auto und bereits einige Meilen weiter fuhr er auf den Parkplatz der Bar. Sein Handy klingelte gerade in dem Moment, als er aussteigen wollte. Er zog die Tür zurück ins Schloss und sah auf das Display. Es war Dixon McGee, sein Anwalt und Manager. Eigentlich auch Freund, doch mit dem Begriff tat er sich momentan etwas schwer, nachdem ihn alle entweder verraten oder sich abgewandt hatten. Wollte sich Dixon nun auch abwenden? Mit einem unguten Gefühl nahm er das Gespräch entgegen.
   »Dixon, wie geht’s?«
   »Hey, Sid, warum hast du mich nicht angerufen?«
   »Wegen was?«
   »Willst du mich verarschen oder hast du einen anderen Manager engagiert?«
   Sidney atmete tief durch. »Nein, natürlich nicht.«
   »Okay, vergessen wir, dass du mich ignorierst. Aber du bist mein Freund und ich habe natürlich sofort etwas unternommen, als ich von deinem Rauswurf gehört habe.«
   Sidney fühlte sich gleich besser und vor allem verschwand das Gefühl der Einsamkeit. »Was hast du unternommen?«
   »Ich habe Lesker um eine Stellungnahme gebeten. Schriftlich, versteht sich. Und ich wühle im Leben dieses schmierigen Journalisten, der dich eines Wettskandals beschuldigt hat. Der wird mich kennenlernen. Es wird nicht lange dauern, glaube mir, und ich finde etwas. Wo steckst du überhaupt? Wanda konnte oder wollte mir nichts sagen. Na ja, du weißt am besten, wie sie ist.«
   »Ich bin am Lake Champlain, Alex hat hier eine Hütte.« Ach Dixon, dachte er und es waren ganze Berge, die von seinem Herzen fielen.
   »Ah, die Hütte kenne ich. Unser gemeinsamer Freund hat sie mir letztes Jahr für die Ferien mit den Kindern vermietet.«
   »Er hat Geld von dir genommen?«
   »Von dir etwa nicht?«
   Sidney musste lachen.
   »Dieser Halsabschneider.« Auch Dixon lachte. »Seit wann bist du dort?«
   »Seitdem nicht nur Lesker, sondern auch Wanda mich rausgeworfen haben. Amber nicht zu vergessen«, fügte er hinzu.
   »Kopf hoch, Junge, alles hat seinen Sinn.«
   Hatte er nicht bereits dasselbe gedacht?
   »Es ist leider so, in der Not merkt man, wer die wahren Freunde sind. Ich kümmere mich um deine Angelegenheiten und mache denen die Hölle heiß, du kannst auf mich zählen.«
   »Danke, Dix.«
   »Nichts zu danken. Ich habe ein gesteigertes Interesse daran, dass du wieder spielst, und das liegt sicher nicht daran, dass ich auf deiner Gehaltsliste stehe. Du weißt, ich bin dein größter Fan. Lesker kann einpacken.«
   … Dass du wieder spielst. Bei diesen Worten kribbelte es im ganzen Körper. Er vermisste es so sehr. Den Geruch des Rasens, die monumentale Größe des Stadions, wenn man in der Mitte des Spielfeldes stand und den Blick über die Zuschauerränge schweifen ließ. Zu den schönsten Augenblicken zählte es, wenn das Stadion völlig leer war. Wenn leichter Dunst über dem Rasen waberte und die Sonne langsam aufging. Die Stille in der Arena, vor dem Training und noch bevor alle Spieler aus den Kabinen auftauchten. Das war stets ein magischer Moment.
   »Falls es dazu überhaupt noch einmal kommt, Dix. Ich habe viel trainiert, bin sicher fit genug fürs Team, aber ob sie mich spielen lassen, ist die andere Frage.«
   »Ich werde hart verhandeln, Sid, und wir werden aus dir einen Catcher machen.«
   »Catcher, wow, das dürfte den wenigsten gefallen.«
   »Darum geht es aber nicht. Wie würde es dir gefallen?«
   »Das brauchst du nicht fragen. Mein Vater war ein glühender Fan von Conaham Smith, einem der besten Catcher der Major League. Catcher zu sein, das wäre etwas Besonderes für mich. Vor allem, weil diese Position meinen Blessuren zugutekommt.«
   »Na bitte. Dann wäre das geklärt. Verlass dich auf mich! Ich hänge mich rein.« Dixon wünschte ihm noch einen schönen Tag und legte dann auf.
   Für einen Moment blieb Sidney in seine Gedanken versunken sitzen. Sein Blick fiel in den Fußraum, wo einer seiner alten Fanghandschuhe wie ein Zeichen unter dem Beifahrersitz hervorlugte. Sidney hob ihn auf und strich sehnsüchtig mit den Fingern über die Nähte des dicken Leders. Booster, der auf dem Rücksitz thronte, stupste leicht mit der Schnauze gegen seine Wange und legte die Pfote auf seine Schulter. Sid musste lachen. Die Geste hätte etwas Tröstliches haben können, doch tatsächlich war dem Hund nur langweilig, und wahrscheinlich hatte er sowieso nur Fressen im Sinn, da machte er sich nichts vor. Sid warf den Handschuh zurück, stieg aus und ließ den ungeduldigen Booster aus dem Auto springen. Freudig wedelte der neben ihm her, als sie das Lokal betraten. Sidney zog sich die Kappe tief ins Gesicht, nahm Booster am Halsband und wählte einen der ersten Tische gleich neben der Tür. Erstaunlich artig legte sich der Hund unter den Tisch und tat, was er am liebsten tat, solange er auf sein Fressen warten musste – er schlief. Booster blieb unsichtbar, sogar noch, als die Bedienung an den Tisch trat und seine Bestellung entgegennahm. Sid hatte einen Bärenhunger, bestellte für sich ein deftiges Frühstück und einen Burger für den Hund. Während er wartete, blickte er durch den Laden. Einige Männer saßen an der Theke und frühstückten ebenfalls. Es war beinahe alles wie beim ersten Mal, als er hier gegessen hatte. Weder Trevor noch Billie waren zu sehen, dafür brachte die Kellnerin schon wenig später seine Bestellung.
   »Vielen Dank«, sagte er höflich, als sie die Teller vor ihm platzierte.
   »Sie sind Sidney Louis, nicht wahr?«
   »Ja, das bin ich wohl.« Er wollte schon nach einem Stift in seiner Jackentasche suchen, doch sie ahnte, was er vorhatte.
   »Lassen Sie mal, ich will kein Autogramm. Ich steh mehr auf Football.« Sie lachte breit. »Mein Name ist Dana.«, erklärte sie und tippte neben das Namensschild auf ihrer Brust.
   »Hi, Dana.« Es wäre ihm lieb, sie ginge endlich, er hatte wirklich sehr viel Hunger, doch sie machte keine Anstalten.
   »Trevor hat gesagt, wenn Sie hier auftauchen, soll ich nicht mit Ihnen reden.«
   Sid wollte gerade, so unhöflich es auch sein mochte, mit der Gabel sein Essen aufnehmen, doch er ließ sie sofort sinken. »Wie bitte?«
   »Na ja, er spinnt manchmal.« Sie nahm die Hand an die Stirn und drehte an einer imaginären Schraube.
   »Und hat er auch den Grund genannt?« Das Bürschchen würde er sich vorknöpfen. Der war doch nicht ganz dicht.
   »Er hat es nicht begründet, aber ich habe Sie mit Billie gesehen. Ich denke, es ist deswegen. Er schützt sie wie ein Wolf seine Beute.«
   Wie Sidney es insgeheim nannte, sagte er ihr besser nicht. »Ich habe sie nur einmal kurz getroffen. Nichts Erwähnenswertes. Was ist denn mit ihr?« Er versuchte, seiner Stimme einen beiläufigen Tonfall zu geben.
   »Na ja, sie ist ein wenig durchgeknallt, oder? Das haben Sie doch sicher selbst bemerkt.«
   »Ehrlich gesagt hatte ich sie nur nach dem Weg gefragt, dabei ist mir nichts aufgefallen.«
   »Ah, verstehe.« Sie sah sich im Laden um, ob jemand nach ihr verlangte, doch es war ruhig. Sie setzte sich unaufgefordert ihm gegenüber. Das konnte er leiden, wenn er essen wollte und jemand ihm dabei in den Mund starrte. Andererseits konnte er etwas über Billie in Erfahrung bringen und diese Kellnerin wirkte gesprächig, um es nett auszudrücken. »Mir ist nur ihre seltsame Kleidung aufgefallen.« Er versuchte, Dana damit aus der Höhle zu locken, und es klappte.
   »Cybill ist erst vor ein paar Monaten aus dem Koma erwacht. Viel weiß ich nicht, ich bin erst seit einigen Wochen hier in der Gegend, doch sie hatte einen Unfall.«
   »Unfall?«
   »Ja …« Sie zuckte mit den Schultern. »Einen Bootsunfall, hat Medita mir erzählt.« Sie deutete mit dem Daumen rückwärtig in Richtung Küche. »Medita, unsere Küchenhilfe. Sie sagt, das Boot ist über Cybill drüber und hat sie, zack, am Kopf erwischt. Dabei sind ihr die Lampen ausgegangen … na ja, und einige wohl nicht wieder an.« Dana lachte leicht, und was sie witzig fand, trieb ihm Eiskristalle durch die Venen.
   »Demnach ein Badeunfall«, berichtigte er leise.
   Dana erhob sich, zog einen Lappen aus der Gesäßtasche ihrer Jeans und wischte kurz über den Tisch. »Nennen Sie es, wie Sie wollen.«
   »Und warum darf sie mit niemandem reden?«
   »Weil es sie zu sehr aufwühlt, sagt Trevor. Keine Ahnung. Oh, Sie haben einen Hund!«
   Leider hatte sie Booster entdeckt, der vorwurfsvoll seufzend endlich seinen Anteil an seinem Essen haben wollte. Sidney hätte gern mehr aus ihr herausgequetscht, doch Dana knuddelte begeistert Boosters massigen Schädel mit beiden Händen.
   »Der ist ja süß.« Sie hockte sich vor ihn und befand sich mit dem Gesicht in Höhe seiner Schnauze.
   Sid hoffte, Booster verwechselte ihren Kopf nicht mit einem Hamburger.
   »Okay, Mister Louis, ich muss weiterarbeiten. Erzählen Sie Trevor nicht von unserem Plausch, ich brauche den Job.«
   »Danke, dass du trotzdem mit mir gesprochen hast, Dana.«
   »Was soll ich machen, ich habe eine Schwäche für heiße Typen. Schade, dass Sie kein Football spielen, sonst hätten Sie mir ein besonderes Autogramm geben dürfen.« Sie wirbelte verführerisch lachend den Lappen durch die Luft, schlug sich damit leicht auf den Hintern und ging mit wiegenden Hüften davon. Sid musste über ihr frivoles Angebot lächeln, beendete sein Frühstück und ließ ihr ein großzügiges Trinkgeld zurück.

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