Ein unheimlicher Stalker versetzt Bine in Angst und Schrecken. Überall lauert er ihr auf, stumm, düster. Als sie die Angst nicht mehr erträgt, will sie sich bei Nacht und Nebel zu ihrer Freundin Pia absetzen. Auf der Flucht läuft sie vor ein Auto und erwacht im Krankenhaus. Nach ihrer Entlassung nimmt Pia sie bei sich auf, und dort lernt Bine Wolf kennen, den Präsidenten des Sea Crows MC, und verliebt sich in ihn. Auch Wolf ist angetan von Bine, zumal ihre Situation seinen Beschützerinstinkt weckt. Aber dann gibt es Schwierigkeiten. Sein alter Feind Till, Präsident des Red Hornets MC, bittet um Versöhnung, um gemeinsam besser gegen die Bedrohung eines neuen Motorradclubs unter Leitung des gewissenlosen Bobby bestehen zu können. Wolf weiß nicht, ob er Till vertrauen kann, willigt jedoch ein, denn Bobby droht mit Krieg. Doch dann taucht ein Gegner aus einer völlig unerwarteten Richtung auf, und das neue, vorsichtige Bündnis bekommt tiefe Risse. Haben Bine und Wolf eine Chance, gegen die übermächtigen Feinde zu bestehen?

Alle Titel der Reihe!

E-Book: 3,99 €

ePub: 978-9925-33-061-4
Kindle: 978-9925-33-062-1
pdf: 978-9925-33-060-7

Zeichen: 386.610

Printausgabe: 11,99 €

ISBN: 978-9925-33-059-1

Seiten: 249

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Natascha Kribbeler

Natascha Kribbeler
Natascha Kribbeler wurde in Hamburg geboren. Ihr Herz gehörte schon früh der Sehnsucht nach der weiten Welt. Interessiert an Fotografie, Geschichte und fremden Kulturen, arbeitete sie in ihrem erlernten Beruf als Rechtsanwaltsgehilfin, bis die Familiengründung sie nach Bayern verschlug, wo sie heute noch mit Mann und Sohn lebt. Getrieben von Heim- und Fernweh begann sie mit dem Schreiben. Bisher wurden vier Teile ihrer Fantasy-Reihe über Jandor, den ersten Vampir, bei Forever by Ullstein veröffentlicht, ebenso eine zweiteilige Rockstar-Romance-Reihe. Mit „Rockerbraut“ startete ihre Rocker-Reihe bei bookshouse, die sich mit „Rockerschutz“ und nun mit „Rockerliebe“ fortsetzte. 

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter, oder klicken Sie auf das Buchsymbol, um sich online unser FlippingBook anzusehen.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei FlippingBook

... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Unbehaglich rutschte Bine auf ihrem Sitzplatz im Bus hin und her. Die Frau neben ihr, eine Hausfrau mittleren Alters, warf ihr einen
   misstrauischen Seitenblick zu. Sie hielt einen prall gefüllten Einkaufskorb auf dem Schoß, der zu einem Teil auf Bines Oberschenkel drückte. Aber all das nahm Bine nur am Rande wahr.
   Denn sie fühlte, dass er wieder da war. Irgendwo hinter ihr saß er und beobachtete sie. Sie hörte auf, herumzurutschen, erstarrte und sah blicklos aus dem Fenster. Gerade hielt der Bus an einer weiteren Haltestelle. Bitte steig aus!, betete sie stumm. Aber der Bus fuhr wieder an, und sie konnte den Typen, der sie seit Wochen verfolgte, draußen nicht entdecken. Also saß er immer noch hier im Bus. Fast meinte sie, seine Blicke im Nacken zu spüren wie eiskalte Finger.
   Sie wollte es nicht. Wirklich, sie wollte nicht. Doch sie konnte nicht anders. Sie wandte den Kopf und sah zurück. Hinein in seine Augen.
   Dunkel waren sie und hinter buschigen Brauen verborgen. Er trug eine Baseballkappe, die sein Haar verbarg, und es gab keinen Zweifel, dass er es war. Er saß drei Reihen hinter ihr und starrte sie an.
   Ihr unheimlicher Verfolger.
   Wann hatte es begonnen? Es musste Mitte Mai gewesen sein. Vor ungefähr drei Wochen. Es war Freitagabend, und sie war in den Supermarkt gegangen, um etwas für das Wochenende einzukaufen. Während sie durch die Gänge schlenderte und hier und da etwas herausnahm, war ihr Blick auf den Mann gefallen. Dabei war nichts Auffälliges an ihm gewesen. Im Gegenteil, mit seinem grauen Shirt und seinem dunkelblauen Käppi sah er so unscheinbar aus, dass sie ihn eigentlich überhaupt nicht bemerkt hätte.
   Wenn er sie nicht so durchdringend angestarrt hätte. Er stand auf der anderen Seite des Tiefkühlregals. Sie hatte sich hinuntergebeugt, um eine Pizzaschachtel herauszunehmen. Spinat-Mozzarella. Und als sie sich wieder aufrichtete, blickte sie hinein in die dunklen, stechenden Augen. Im Bruchteil einer Sekunde überlegte sie. Kannte sie den Mann? War er vielleicht Kunde in der Bank, in der sie arbeitete? Oder ein Nachbar? Sie wohnte in einem Mietshaus mit vielen Parteien, die meisten kannte sie nur flüchtig oder gar nicht.
   Diesen Mann hatte sie nie zuvor gesehen. Wieso starrte er sie dann so an? Sie versuchte, das unbehagliche Gefühl abzuschütteln, das sie bei seinem Blick überfallen hatte, und kniff ärgerlich die Augenbrauen zusammen.
   Da sah er weg. Sie atmete auf. Aber sie stellte fest, dass sie sich während ihres weiteren Einkaufs mehrmals umdrehte, um zu sehen, ob er noch da war.
   Am nächsten Montag sah sie ihn wieder. Er stand an der Haltestelle, an der auch sie selbst jeden Morgen auf den Bus wartete, der sie zur Arbeit brachte. Eine Gänsehaut hatte sie überlaufen, als sie ihn erkannte, und sie hatte rasch weggesehen und war ein Stück zur Seite getreten, neben einen anderen Mann, der etwas in sein Smartphone tippte. Als der Bus kam, war sie entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit sofort eingestiegen, ohne andere Leute vorzulassen, fast als wäre sie auf der Flucht. Erleichtert hatte sie festgestellt, dass er nicht in den Bus stieg, sondern immer noch dort draußen stand. Und sie weiterhin unverwandt anstarrte.
   Wer war der Typ? Was wollte er? Oder war alles nur ein Zufall? Während der Fahrt zur Bank dachte sie genauer nach. Vielleicht war er doch ein Kunde. Einer, den sie nur flüchtig gesehen und wieder vergessen hatte. Aber diese Augen hätte sie doch nicht vergessen. Sie schienen sich geradewegs in sie hineinzubohren.
   Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken an ihn loszuwerden. Am Abend stellte sie fest, dass sie genau die Gesichter der Fahrgäste musterte, als sie zur Bushaltestelle ging. Der unheimliche Kerl war nicht dabei. Sie atmete auf.
   Am nächsten Morgen nahm sie extra einen Bus früher, um ihn nicht zu treffen. Und erleichtert stellte sie fest, dass ihr Plan aufging, denn der Mann war nicht da. Am übernächsten Morgen jedoch schien er sie durchschaut zu haben. Bine erstarrte, als sie an die Haltestelle kam. Dort stand er, die Hände in die Jackentaschen vergraben, und starrte sie finster an.
   Lange überlegte sie, ihn einfach anzusprechen, aber sie traute sich nicht. Am Wochenende atmete sie auf. So schnell wie möglich kaufte sie das Nötigste ein und verkroch sich den Rest der Zeit in ihrer Wohnung.
   Am folgenden Montag ging das Spiel von vorn los. Am Mittwoch fasste sie sich endlich ein Herz. An der Bushaltestelle standen so viele andere Menschen, dass er sie schon nicht gleich – was auch immer er vorhatte. Denn dass er etwas vorhatte, stand für sie inzwischen außer Frage. Es konnte sich nicht mehr um einen Zufall handeln, denn außer ihr sah er niemanden an.
   »Was soll das?«, fragte sie ihn knapp, während ihr das Herz bis zum Hals schlug, und hielt die Luft an. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass ein oder zwei Passanten ihr einen Blick zuwarfen. Gut. Wenigstens war man auf sie aufmerksam geworden.
   Der Kerl antwortete jedoch nicht. Bine schluckte. Was nun? Mit allem hatte sie gerechnet, mit Beschimpfungen, Drohungen, Ausreden – aber nicht damit, dass er nichts sagte.
   »Sie wissen, was ich meine«, fuhr sie fort und bemühte sich, ihre Stimme ärgerlich klingen zu lassen.
   Immer noch antwortete der Typ nicht. Bine wurde immer unheimlicher zumute. Wenn er nun ein Irrer war? Ein Verrückter, der ausgerechnet sie als sein Opfer auserkoren hatte?
   Sie fühlte die Blicke der Passanten um sich herum, aber niemand sagte etwas. Jeder war in seinem eigenen kleinen Universum gefangen.
   »Dieser Mann stalkt mich«, sprach sie kurz entschlossen die ihr am Nächsten stehende Frau an. Die erwiderte ihren Blick nur kurz durch ihre dicken Brillengläser hindurch und wandte sich sogleich ab.
   Die hat Angst, dachte Bine. Verdammt, die hatte sie auch. Wie es schien, wollte ihr niemand helfen. Und warum auch? Für die Umstehenden musste das alles völlig harmlos aussehen. Sie stand hier und beschuldigte einen Mann, der nichts weiter tat, als dazustehen und auf den Bus zu warten. Denn jetzt sah er sie nicht mehr an. Ganz fest war sein Blick auf die Straße gerichtet, als könnte er es nicht erwarten, dass der Bus endlich kam.
   Ein Gutes hatte die Sache am Ende dennoch, denn dieses Mal stieg er nicht ein, wie er es während der letzten paar Tage gemacht hatte. Die ganze Fahrt über hatte Bine wie erstarrt dagesessen und war sich überdeutlich seiner Anwesenheit bewusst, irgendwo dort draußen, wo er ihr erneut auflauern würde. Was in aller Welt wollte er von ihr?

Bine lebte erst seit ungefähr drei Monaten in Hamburg. Sie war aus Frankfurt hergezogen, weil sie es dort nicht mehr ausgehalten hatte. Die Kollegen in der Bank warfen ihr misstrauische Blicke zu. Nicht einmal der dicke Müller, ihr Chef, schien ihr mehr über den Weg zu trauen. Dabei hatte sie nichts Unrechtes getan. Sie hatte nur den Fehler begangen, sich in Paul zu verlieben, den Exfreund ihrer Freundin und Kollegin Pia. Ihrer einzigen Freundin. Sie hatte nicht ahnen können, dass Paul bis zum Hals in Schwierigkeiten steckte. Dass er illegale Geschäfte machte. Heimlich Gelder beiseiteschaffte. Sie hatte ihm nur helfen sollen, Kontakt zu Pia herzustellen. Die war vor Paul nach Stade geflohen, einer Kleinstadt im nördlichen Niedersachsen.
   Und dort war es dann im Herbst vergangenen Jahres beinahe zur Katastrophe gekommen. Paul hatte Pia aufgelauert, und hätte nicht Erik, deren Freund, im letzten Augenblick eingegriffen – Bine mochte sich nicht ausmalen, was hätte geschehen können.
   Ihr schlechtes Gewissen quälte sie Tag und Nacht, aber als sie bei Pauls Gerichtsverhandlung gegen ihn aussagte und dafür sorgte, dass er zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, war es ihr, als fiele eine Zentnerlast von ihren Schultern. Sie hatte getan, was in ihrer Macht stand, um ihre Fehler wiedergutzumachen.
   In der Bank jedoch änderte das nichts an der schlechten Stimmung. Eine Einzelgängerin war sie zuvor schon gewesen. Nun jedoch schienen die Kollegen sie regelrecht zu ignorieren, behandelten sie wie Luft. Wichtige Unterlagen, die sie sich zurechtgelegt hatte, lagen plötzlich an einem anderen Ort, als sie aus der Mittagspause zurückkam. Eine Telefonnummer, die sie sich notiert hatte, war verschwunden. Gespräche verstummten, sobald sie hinzutrat.
   Und überall, wo sie hinging, sah sie Paul vor sich. Hier hatte sie mit ihm gegessen, hier hatten sie sich getroffen. In ihrer Wohnung erinnerte sie jeder Zentimeter an ihn. Verdammt, es tat so weh. Sie hatte ihn geliebt. Warum musste er so ein Arschloch sein?
   Wahrscheinlich hatte sie es verdient, dass er sie während ihrer Zeugenaussage mit vor Hass flammenden Augen angestarrt hatte. Sein Anwalt flüsterte beschwichtigend auf ihn ein, aber das kümmerte ihn nicht. Seine Blicke durchbohrten Bine, und jeder einzelne schmerzte wie ein tödlicher Stich ins Herz.
   Sie wich trotzdem nicht von ihrer Aussage ab, sagte alles aus, was sie über Paul wusste, alles, was er Pia angetan hatte. Danach fühlte sie sich erleichtert. Reingewaschen.
   Dennoch wuchs mit jedem Tag, der verging, ihr Unbehagen. Sie ertrug die Erinnerungen an Paul immer weniger, und sie litt immer mehr unter dem Mobbing ihrer Kollegen. Aus der einsamen Wölfin war eine komplette Außenseiterin geworden.
   Schließlich bat sie ihren Chef um Versetzung.
   »Eine gute Idee, Frau Holzer«, stimmte Herr Müller ihr sofort zu. Eifrig blätterte er in einigen Papieren. »Hier, sehen Sie doch mal. In der Hamburger Innenstadt ist gerade eine Stelle freigeworden, die Ihrer Position entspricht. Sie könnten schon nächste Woche anfangen. Was meinen Sie?«
   Bine hätte ihm am liebsten gesagt, dass man sie loswerden wollte, weil sie mit Pauls Betrug in Verbindung stand. Wie es schien, hatte sich die obere Etage ja schon damit befasst, wohin man sie abschieben könnte, denn an einen Zufall glaubte sie bei diesem Jobangebot nicht. Dabei hatte sie von Pauls Machenschaften nichts gewusst. Trotzdem war sie der noch störende Fleck auf der weißen Weste der Bank.
   Aber sie schwieg. Sie hatte selbst um die Versetzung gebeten und wollte nur noch fort von hier. Ohnehin würden ihre Worte nichts nützen. Wochenlang hatte sie versucht, mit den Kollegen zu reden, mit ihrem Chef, der Sekretärin. Es hatte alles nichts geholfen.
   Und so hatte sie das Angebot angenommen. Wenige Tage später befand sie sich auf dem Weg nach Hamburg. Ihre Bank hatte ihr sogar die kleine Wohnung besorgt. Sie konnte nicht klagen.
   Vor allem, weil sie nun viel näher bei Pia lebte. Stade war nicht allzu weit von Hamburg entfernt. Sie konnten sich nun viel häufiger sehen.
   In ihrem neuen Umfeld hatte Bine aufgeatmet. Hier gab es keine quälenden Erinnerungen, keine misstrauischen Kollegen, kein Getuschel. Im Gegenteil, sie hatte rasch Anschluss gefunden, wenn auch die Kontakte nur locker und unverbindlich blieben. Alles war gut.
   Bis dieser Mann begann, sie zu stalken.

Am Abend rief Bine Pia an. Frustriert hatte sie sich eingestehen müssen, dass sie sonst niemanden hatte, an den sie sich mit so einer Sache wenden konnte. Keinen Mann, nicht einmal einen Freund. Mit ihren Kolleginnen ging sie mitunter in der Mittagspause essen, aber damit waren ihre sozialen Kontakte auch schon erschöpft. Pia war die einzige richtige Freundin, die sie hatte. Der einzige Mensch, der ihr vielleicht würde helfen können.
   Während sie das Freizeichen hörte, kam ihr ein Gedanke, ein Verdacht. Sie würde Pia gleich einmal darauf ansprechen.
   »Bine«, rief Pia erfreut. »Wie schön, dass du mal wieder anrufst. Wie geht es dir? Was macht Hamburg? Ist es immer noch so stressig bei euch?«
   Als Bine die Stimme ihrer Freundin hörte, ging es ihr sofort besser. »Es ist eher noch stressiger geworden«, begann sie.
   »Warum? Was ist passiert? Hat der Hansen dir noch mehr Aufträge reingedrückt?« Pia kicherte.
   Herr Hansen war Bines neuer Chef. Er neigte dazu, seine Angestellten bis über die Grenze ihrer Belastbarkeit hinaus zu fordern.
   »Das wäre nicht das Schlimmste«, erwiderte Bine. »Ich mache gern Überstunden. Auf mich wartet ja niemand.« Die leichte Bitterkeit in ihrer Stimme konnte sie nicht verhindern.
   »Ach, komm«, versuchte Pia, sie aufzumuntern. »Das wird schon. Bestimmt ist dein Traumprinz schon auf dem Weg. Hey, du bist hübsch und klug. Es wäre doch gelacht, wenn …«
   »Da ist tatsächlich einer«, unterbrach Bine sie. »Aber er ist beileibe kein Traumprinz. Und er ist auch der Grund, warum ich anrufe.«
   »Was ist los?« Pias Stimme klang verwirrt. Und alarmiert.
   Das war kein Wunder. Im vergangenen Jahr hatte Pia schwere Zeiten durchmachen müssen. Viel schwerer als das, was Bine jetzt erlebte. Die Schuld würde auf ewig an Bine nagen, auch wenn sie alles getan hatte, um es wiedergutzumachen. Nun fragte sie sich, warum sie nicht gleich auf den Gedanken gekommen war. Es lag doch auf der Hand. Nur einer konnte hinter allem stecken.
   »Ich werde gestalkt«, begann sie ohne Umschweife.
   »Was? Das ist ja furchtbar! Aber wer …?«
   »Seit ungefähr drei Wochen verfolgt mich ein Kerl. Dunkle, stechende Augen. Er lauert mir am Bus auf und sogar im Supermarkt.«
   »Du meine Güte! Bine, geh zur Polizei! Vielleicht ist das ein Irrer, der …«
   »Die machen doch nichts, so lange nichts passiert ist. Das weißt du doch am besten, Pia. Dir ging es doch letztes Jahr nicht anders, erinnerst du dich?«
   »Du kannst dir das doch nicht einfach so gefallen lassen!«
   »Ich weiß. Ich habe lange darüber nachgedacht, wer das sein könnte und warum er das macht. Und inzwischen habe ich einen Verdacht. Eigentlich hätte da sofort draufkommen müssen.«
   »Warum? Was meinst du?«
   »Paul.«
   Dieses eine Wort genügte, dass Bine förmlich spürte, wie Pia am anderen Ende der Leitung erstarrte. Und ihr ging es kaum anders. Übelkeit stieg in ihr auf.
   »Was?«, flüsterte Pia und räusperte sich. »Wie kommst du darauf, dass er dahinterstecken könnte?«
   »Es passt zu ihm, nicht wahr? Außerdem wüsste ich sonst niemanden, der einen Grund hätte, mich zu erschrecken. Du weißt ja, ich kenne sonst keinen.«
   »Paul sitzt doch im Gefängnis.«
   Ja, das tat er. Sie hatte dafür gesorgt, dass Pias Exfreund dort hinkam. Und ihretwegen konnte er dort auch verrotten für das, was er ihr angetan hatte. Und vor allem für das, was er Pia angetan hatte. »Das ist doch kein Hindernis. Sicher hat er dort schon hilfreiche Kontakte geknüpft. Freunde, die schon im Knast saßen, hat er ja vorher schon gehabt.«
   Andreas. Er hatte Pia auf ähnliche Weise gestalkt, wie es jetzt ihr erging. Paul hatte ihn geschickt und ihm noch ein paar Kumpels zur Seite gegeben.
   Einige Sekunden vergingen. »Das stimmt, das wäre möglich«, antwortete Pia zögernd.
   »Und er ist sicher der Meinung, dass er einen Grund hat, mich einzuschüchtern.«
   »Du hast gegen ihn ausgesagt, du warst die Hauptbelastungszeugin. Klar! Mensch, Bine, wir müssen etwas gegen ihn unternehmen. Damit darf der nicht durchkommen!«
   »Wie soll das gehen, Pia? Ganz gewiss würde er es nicht zugeben, und wie soll man ihm das nachweisen?«
   »Und dieser Typ, der dich verfolgt? Das kannst du doch nicht so einfach hinnehmen, Bine. Nachher hört der nie damit auf.«
   »Mach mir nicht noch mehr Angst! Ich fahre schon ständig mit unterschiedlichen Bussen und kaufe in Geschäften ein, die ich sonst nicht aufgesucht habe. Der findet mich immer wieder.«
   »Woher sollte der denn wissen, wo er dich suchen muss? Paul weiß doch nichts von deinem Umzug.«
   »Bist du dir da sicher?«
   »Na ja, er sitzt im Gefängnis, und …«
   »Du weißt doch selbst, dass er schon immer gut vernetzt war. Schon damals hatte er überall Kontakte. Sogar ins Gefängnis.«
   »Du hast recht. Er könnte es mitbekommen haben. Jeder Kollege hätte es ihm verraten können. Und dann brauchte er nur jemanden nach Hamburg zu schicken, der dich dort aufspürt.«
   »Siehst du?«, rief Bine triumphierend. »Das ist doch ein Anhaltspunkt! Paul kann herausgefunden haben, wo ich jetzt arbeite, wann mein Bus fährt und wo ich einkaufe. Er brauchte es diesem Typen nur zu sagen.« Ein plötzlicher Schauder überlief sie. Wenn es nun ein Kollege war? Einer, den sie täglich in der Bank sah, aber noch nie richtig zur Kenntnis genommen hatte? Er war nicht ihr Verfolger, nein, das nicht. Sie hätte ihn erkannt. Diese stechenden Augen würde sie überall wiedererkennen. Aber es wäre möglich, dass irgendein Kollege in der Bank mit Paul in Kontakt stand und sie, Bine, für ihn ausspionierte. Er brauchte ihr nur irgendeinen Kumpel hinterherzuschicken.
   »Das ist aber kein Beweis, Bine. Jeder, der dich in der Bank oder beim Bus sieht, weiß das. Hunderte von Leuten.«
   »Und nun?«, fragte Bine plötzlich entmutigt. »Ich weiß nicht, wie ich den loswerden soll. Der findet mich immer wieder.«
   Pia dachte nach. »Hey, was hältst du denn davon, wenn du Urlaub machst? Komm zu uns. Hier hast du deine Ruhe vor irgendwelchen miesen Typen. Und wenn du wieder nach Hause fährst, hat der aus lauter Frust bestimmt aufgegeben.«
   Bei der Vorstellung schlug Bines Herz schneller. Zwei oder drei Wochen raus hier, und danach wäre der Typ unter Umständen – hoffentlich! – weg. »Es würde aber erst in ungefähr drei Wochen gehen. Hier haben gerade einige Kollegen Urlaub. Ich frage morgen gleich mal nach, wie es mit Ende Juni aussieht. Spätestens im Juli.«
   »Abgemacht! Ach, was für eine gute Idee! Ich freu mich schon auf dich! Und bis dahin sieh bitte zu, diesen Kerl abzuschütteln. Kannst du nicht mit einer Kollegin mit dem Auto mitfahren?«
   »Ich frage morgen gleich mal Katrin. Sie wohnt in meiner Nähe und fährt mit dem Auto zur Bank.« Warum war sie nicht schon längst auf diese Idee gekommen?
   »Das hört sich doch super an! Wenn du ihr das mit dem Stalker erzählst, nimmt sie dich bestimmt mit.«
   »Das denke ich auch. Also dann bis bald. Ich freu mich!«
   Nachdem sie aufgelegt hatte, ging es Bine viel besser. Sie hatte gedacht, sie wäre allein, doch das stimmte nicht. Auf Pia konnte sie sich verlassen. Auch wenn sie es damals beinahe geschafft hätte, ihre Freundschaft für immer zu zerstören. Und das alles wegen Paul. Wie hatte sie nur so dumm sein und sich in den Exfreund ihrer Freundin verlieben können? Fast hätte sie alles kaputtgemacht.
   Entschlossen schüttelte Bine den Kopf. Diese Zeiten waren Gott sei Dank vorbei. Es war noch einmal gut gegangen.

Kapitel 2

Am folgenden Morgen ging Bine mit klopfendem Herzen zur Bushaltestelle. Heute wollte sie kein Risiko eingehen und fuhr drei
   Busse zu früh. Und sie hatte Glück. Der Kerl war nicht da. Trotzdem stellte sie fest, dass sie sich unbewusst immer wieder umsah. Aber sie konnte aufatmen. Er saß nicht im Bus, und sie sah ihn auch nicht, als sie zur Bank ging. Vielleicht hatte er ja endlich aufgegeben? Vielleicht hatte der Spuk endlich ein Ende.
   Trotzdem nahm sie in der Mittagspause ihre Kollegin Katrin beiseite.
   »Sag mal, du fährst ja jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit. Und ich wohne ganz in deiner Nähe. Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich bei dir mitfahren könnte? Ich würde mich natürlich am Benzingeld beteiligen.«
   Überrascht sah Katrin Bine an. »Das ist im Grunde eine gute Idee. Die Kosten für das Auto fressen mich sowieso auf, und bei dem vielen Verkehr ist es Irrsinn, wenn jeder allein mit dem Auto fährt.« Sie lächelte verlegen. »Weißt du, seit Kurzem bin ich auf dem Umwelttrip. Mein Freund verdreht schon immer die Augen, wenn ich damit anfange. Aber ganz auf mein Auto verzichten will ich auch nicht. Ich liebe die Unabhängigkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln.«
   Bine lächelte erfreut. »Das ist doch großartig. Ich bin ja immer gern mit dem Bus gefahren, aber …« Sie stockte. Sollte sie Katrin die Wahrheit sagen? Immerhin war sie keine Freundin, sondern einfach nur eine Kollegin. Andererseits musste sie einfach mit jemandem reden. Mit jemandem, der hier bei ihr war, nicht so weit weg wie Pia. Sie straffte die Schultern und holte tief Luft. »Da ist ein Mann, der mich verfolgt. Er lauert mir immer am Bus auf. Ich traue mich schon gar nicht mehr, damit zu fahren.«
   Katrin riss die Augen auf, und Bine fürchtete schon, sie würde ihr Angebot nun zurückziehen. »Um Himmels willen! Warst du schon bei der Polizei?«
   »Nein. Die machen doch nichts, so lange nichts passiert ist. Aber ich will diesen Kerl nicht mehr sehen, verstehst du? Inzwischen macht der mir wirklich Angst.«
   »Das kann ich gut verstehen. Natürlich kannst du bei mir mitfahren. Wir Frauen müssen doch zusammenhalten, nicht wahr?«
   Bine lächelte gerührt.

Am Abend fuhr sie zum ersten Mal mit Katrin nach Hause. »Soll ich eben bei dir vorbeifahren?«, bot ihre Kollegin an. »Es ist ja kein großer Umweg.«
   »Nein, das ist nicht nötig. Die paar Hundert Meter kann ich auch zu Fuß gehen. Bei dem Feierabendverkehr kostet es dich doch viel zu viel Zeit.«
   »In Ordnung, danke. Und morgen früh? Kommst du zu mir, oder wo soll ich dich einsammeln?«
   »Ja, so machen wir das. Ich will dir keine Mühe bereiten. Und sag mir Bescheid, wie viel Geld du von mir bekommst.«
   »Das hat ja keine Eile. Also gut.« Katrin hatte ihre Straße erreicht, fuhr auf den Parkplatz und stellte den Motor ab. »Also dann bis morgen früh an dieser Stelle.«
   Bine stieg aus und schlug die Beifahrertür zu. »Ja. Und danke noch mal! Du ahnst ja nicht, wie sehr du mir damit hilfst.«
   Katrin lächelte. »Kein Problem. Wie gesagt, damit helfen wir uns gegenseitig. Bis morgen dann!«
   Beschwingt machte sich Bine auf den Weg zu ihrer Wohnung. Nun würde alles wiedergutwerden. Damit rechnete dieser Kerl bestimmt nicht. Sie grinste, als sie sich vorstellte, wie er sich von nun an morgens die Beine in den Bauch stehen würde, während er an der Bushaltestelle vergeblich auf sie wartete.

Am nächsten Morgen war Bine so gut gelaunt wie lange nicht. Trotzdem sah sie sich instinktiv in alle Richtungen um, als sie das Haus verließ und die Straße betrat. Es war nichts Ungewöhnliches zu entdecken, und unbehelligt erreichte sie den Treffpunkt mit Katrin.
   Drei Tage lang ging alles gut. Bine fühlte, wie sie sich langsam etwas entspannte und die Anspannung, unter der sie seit Wochen gestanden hatte, wich.
   Bis sie am Abend nach dem Abschied von Katrin nach Hause ging. Sie war schon sorgloser geworden, träumte während des Gehens vor sich hin und schmiedete Pläne für ihren Urlaub bei Pia.
   Kurz bevor sie ihr Haus erreichte, stand er plötzlich vor ihr, wie aus dem Boden gewachsen. Fast wäre Bine in ihn hineingelaufen. Vor Schreck stand sie wie gelähmt und starrte ihn an. Woher war er so plötzlich gekommen? Wahrscheinlich hatte er sich hinter einem Straßenbaum versteckt. Sie wollte sich umsehen, ob jemand in der Nähe war, der ihr helfen könnte, aber sie war unfähig, sich zu rühren. Sie konnte ihn nur hilflos anstarren wie ein Kaninchen die Schlange.
   »Was … was wollen Sie?« Nur mit Mühe brachte Bine die Worte heraus, und ihre Zähne klapperten dabei. Nie zuvor hatte sie so eine Angst verspürt. Noch nicht einmal damals, als Paul kurz davor war, Pia zu töten.
   Wieder antwortete der Mann nicht, doch sein stechender Blick bohrte sich in Bine hinein wie ein Messer.
   Dann trat er unvermittelt einen Schritt zur Seite und gab den Weg frei. Bine stürzte vorwärts und wäre beinahe gestolpert, konnte sich aber gerade noch fangen. Wie von Furien gehetzt rannte sie zur Haustür, schloss mit zitternden Fingern auf und stürmte die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung. Es gelang ihr kaum, den Schlüssel ins Schloss zu stecken, doch als es endlich gelang, riss sie die Tür auf, warf sie gleich wieder hinter sich zu und schloss ab. Dann lehnte sie schweratmend an der Tür und begann zu schluchzen.

Eine Stunde später hatte sie sich so weit beruhigt, dass sie Katrin anrufen konnte. »Es tut mir leid«, begann sie. »Aber ich kann morgen nicht zur Arbeit kommen. Ich muss mich krankmelden.«
   »Was? Aber warum denn? Vorhin ging es dir doch noch gut.«
   »Der …« Unwillkürlich schluchzte sie erneut. »Der Stalker, der mich verfolgt – er hat mir aufgelauert.«
   »Was?« Katrin schrie fast ins Telefon. »Wo denn?«
   »Auf dem Weg nach Hause, kurz vor meiner Wohnung.«
   »Woher sollte er wissen, wo du entlanggehst?«
   »Keine Ahnung.« Bine weinte verzweifelt. »Er muss mich beobachtet haben. Ohnehin wusste er ja alles. Wann ich wo mit welchem Bus fahre, wo ich einkaufe …«
   »Was willst du denn jetzt machen? Dich krankzumelden ist doch keine Lösung. Du musst diesen Kerl anzeigen.«
   Bine schluckte. »Du hast recht. Ich muss es zumindest versuchen. So kann ich nicht weiterleben. Aber … kannst du mir dabei helfen? Allein wage ich mich nicht mehr vor die Tür.«
   »Ich komme gleich zu dir, okay? Und ich bringe Carsten mit. Falls dieser Kerl dich immer noch beobachtet, soll er gleich wissen, dass du Beschützer hast.«
   Eine riesige Last fiel Bine von den Schultern. »Danke! Ich weiß, es ist viel verlangt, aber …«
   »So ein Quatsch. Wir sind gleich bei dir, hörst du?«
   »In Ordnung.«
   Bine legte auf und atmete tief durch. Es gelang ihr schon wieder, ein wenig zu lächeln.
   Als es kurz darauf klingelte, hatte sie ihren Finger schon auf dem Türsummer. Im letzten Augenblick drückte sie ihn nicht, sondern betätigte zuerst die Freisprechanlage. »Katrin, bist du es?«
   Sie erhielt keine Antwort. Fast konnte sie spüren, wie das Blut in ihren Adern zu Eis gefror.
   Dann riss sie sich zusammen und sammelte allen Mut, den sie nach dem Gespräch mit ihrer Kollegin finden konnte, zusammen. »Bist du das, du Schwein?«, schrie sie. Erschrocken hörte sie, dass ihre Stimme vor Hysterie fast kippte. »Du kannst abhauen, hast du mich verstanden? Verschwinde endlich!« Sie ließ den Knopf los, als würde er glühen. Ihr Herz raste so sehr, dass sie es in ihrem Kopf spürte.
   Als es kurz darauf erneut klingelte, wurde ihr vor Panik schwindelig, und für einen Moment drehte sich die Welt um sie herum. Sie hielt sich an der Wand fest und drückte erneut die Freisprechanlage. Übelkeit überfiel sie, während sie wartete. Was, wenn es wieder dieser Typ war, wenn er Katrin womöglich …?
   »Bine? Wir sind es. Kommst du gleich runter? Lass uns keine Zeit verlieren. Vielleicht ist dieser Kerl noch in der Nähe.«
   Fast hätte Bine gelacht. Als sie nach ihrer Jacke greifen wollte, stellte sie fest, dass sie sie noch nicht ausgezogen hatte. So konnte es wirklich nicht weitergehen! Dieser Kerl brachte sie noch ins Grab, nur durch seine bloße Anwesenheit.
   So schnell es ging, lief sie die Treppe hinunter und wäre fast ins Straucheln geraten. Verdammt noch mal! Mochte dieses Arschloch in der Hölle schmoren!
   Vor der Tür fiel sie Katrin mit einem Schluchzer in die Arme. Doch gleich darauf stieß sie sie fast von sich und sah sich hektisch in alle Richtungen um. Es hatte zu regnen begonnen, kaum jemand war noch unterwegs.
   »Mein Gott, du bist ja völlig aufgelöst«, stellte Katrin erschrocken fest. Rasch sah sie sich ebenfalls um, auch wenn sie nicht wusste, nach wem sie Ausschau halten musste.

Kurze Zeit später saßen sie auf dem Polizeirevier, und Bine war fest entschlossen, alles zu Protokoll zu geben, was ihr während der letzten Wochen zugestoßen war.
   Doch schon bei der ersten Frage des Beamten sank ihr Mut. »Der Mann hat Sie nicht bedroht, oder?«
   »Nein, nicht direkt jedenfalls. Er sagt ja nichts. Aber er lauert mir auf, immer wieder, und nun sogar schon vor meiner Haustür. So kann ich doch nicht weiterleben!«
   »Das verstehe ich natürlich. Und das müssen Sie auch nicht. Hören Sie, es gibt einiges, was Sie selbst tun können. Am wichtigsten ist, dass Sie nicht mit dem Mann reden. Reagieren Sie auf nichts, wechseln Sie kein einziges Wort mit ihm.«
   Bine wurde es ganz flau im Magen. »Das habe ich schon. Ich habe ihm gesagt, dass er mich in Ruhe lassen soll.«
   »Das ist auch vollkommen in Ordnung. Damit haben Sie Ihren Standpunkt deutlich zum Ausdruck gebracht. Aber von nun an reden Sie bitte kein Wort mehr mit ihm. Nicht von sich aus, und auch nicht, wenn er Sie anspricht. Schreiben Sie bitte ab sofort alles auf, was Ihnen auffällt. Wann und wo dieser Kerl Ihnen auflauert, ob es Zeugen dafür gibt, was genau er sagt oder tut. Informieren Sie Ihr Umfeld, Ihre Arbeitskollegen, Nachbarn, Freunde. So können Sie sicherstellen, dass niemand, ohne es zu wissen, Informationen über Sie an den Stalker herausgibt.«
   Katrin nickte. »Das machen wir gleich morgen, Bine. Es ist gut, dass du es mir erzählt hast.« Sie lächelte. »Wir kriegen diesen Typen schon klein.«
   Ihre Worte machten Bine Mut. Es ging ihr schon besser.
   »Hat der Mann Sie schon angerufen?«, fragte der Polizeibeamte.
   Bine schüttelte den Kopf. Allein der Gedanke daran verursachte ihr erneut Unwohlsein.
   »Das ist gut. Sollte er das tun, zögern Sie bitte nicht und beantragen sofort eine neue Rufnummer. Sorgen Sie dafür, dass diese nirgendwo eingetragen wird.« Der Polizist warf einen Blick ins Protokoll. »Sie sind erst vor Kurzem nach Hamburg gezogen?«
   »Ja.«
   »Haben Sie beim Einwohnermeldeamt Ihres früheren Wohnorts eine Auskunftssperre beantragt?«
   Verwirrt schüttelte Bine den Kopf. »Nein. Ich wusste ja nicht, dass so etwas passieren würde. Es gab keinen Anlass dafür.«
   Der Beamte machte sich eine kurze Notiz. »Sie sagten, er hat bereits an Ihrem Haus geklingelt. Ich empfehle Ihnen, Ihre Wohnungstür durch ein zusätzliches Schloss zu sichern.«
   »Und was machen Sie?«, fragte Carsten ungeduldig.
   »Ich kann Ihnen empfehlen, eine einstweilige Anordnung zu beantragen. Also ein Kontaktverbot gegen den Täter.«
   »Wie soll das gehen?«, fragte Bine. »Ich kenne den Mann nicht, ich weiß nicht, wie er heißt oder wo er wohnt. Wie soll er Kenntnis von der Anordnung erhalten?«
   Etwas hilflos zuckte der Beamte die Schultern. »Ich gebe eine Fahndung nach ihm raus. Aber bitte versprechen Sie sich nicht zu viel davon. Die Beschreibung trifft auf Dreiviertel aller Männer hier in der Gegend zu. Bleiben Sie am besten ein paar Tage zu Hause, verlassen Sie Ihre Wohnung nicht, ruhen Sie sich aus. Oder fahren Sie in den Urlaub. In vielen Fällen verlieren Stalker das Interesse, wenn ihr ausgespähtes Opfer für eine gewisse Zeit nicht mehr auffindbar ist. Für heute Nacht schicke ich einen Kollegen zu Ihrem Haus, in Ordnung? Dann können Sie in Ruhe schlafen, und falls der Mann auftaucht …«
   Es gelang Bine, zu lächeln. »Danke, das ist wirklich nett.«
   »Was ist, wenn Sie ihn finden?«, erkundigte sich Katrin. »Wird er dann bestraft?«
   Der Beamte sah unbehaglich von ihr zu Bine. »Nun, das Gericht muss eindeutig eine Beeinträchtigung der Lebensgestaltung des Opfers feststellen. Abgesehen von der Verfolgung, hat sich der Täter bisher nichts zuschulden kommen lassen. Allerdings musste Frau Holzer seinetwegen ihren Lebensrhythmus ändern, mit anderen Bussen fahren, zu anderen Zeiten einkaufen und so weiter. Die Aussichten stehen nicht schlecht, dass der Mann verurteilt wird. Notieren Sie bis auf Weiteres alles, was geschieht, und heben Sie eventuelle Beweismittel auf: SMS, eine Notiz an Ihrer Tür, was auch immer.«
   Kurz darauf verabschiedeten sich Katrin und Carsten von ihr, nachdem sie sie bis zur Haustür gebracht hatten.
   »Ich sage Herrn Hansen morgen früh gleich Bescheid, dass du krank bist. Mach dir keine Sorgen, ja? Du wirst jetzt bewacht. Bestimmt lässt dieser Kerl dich jetzt in Ruhe.« Sie wies mit beruhigendem Lächeln zu dem Polizeiwagen, der deutlich sichtbar genau vor Bines Wohnhaus parkte.
   Und tatsächlich gelang es Bine in dieser Nacht, fest und traumlos zu schlafen.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, hatte sie starke Kopfschmerzen. Sie kochte sich einen Tee, nahm eine Schmerztablette und rief in der Bank an. Nun brauchte sie nicht einmal mehr zu lügen. Es ging ihr wirklich nicht gut.
   Und auch wenn sie nun für ein paar Tage nicht zur Arbeit musste, so stellte sich gleich das nächste Problem, denn sie musste doch noch einmal das Haus verlassen. Sie musste den Arzt aufsuchen, um sich krankschreiben lassen zu können.
   Als sie aus dem Fenster sah, fuhr der Polizeiwagen gerade weg. Und sofort machte sich wieder die Angst in ihr breit. Was, wenn dieser Typ nur gewartet hatte, dass die Polizei weg war? Wenn er gleich wieder bei ihr klingeln würde? Verdammt noch mal, daran hatte sie nicht gedacht. Was nützte es ihr, nicht zur Arbeit zu müssen, wenn sie zwar im Haus blieb, der Stalker ihr hier aber genauso gut zusetzen konnte? Ihre Panik wuchs, als sie an den vergangenen Abend dachte und an das unheimliche Gefühl, zu wissen, dass er gerade dort unten vor ihrer Tür stand.
   Nein, sie konnte heute nicht zum Arzt gehen. Sie würde es nicht fertigbringen, das Haus zu verlassen. Sicher würde der Mann ihre Tür ja nicht rund um die Uhr bewachen. Morgen würde sie zu völlig ungewohnter Zeit heimlich das Haus verlassen und zum Arzt gehen können. Dann, wenn er nicht damit rechnete.
   Die Angst wurde ein wenig kleiner, aber die Nervosität blieb. Unruhig nahm Bine sich eine Zeitschrift und blätterte darin herum, konnte sich jedoch nicht konzentrieren. Sie machte den Fernseher an, aber egal, auf welches Programm sie schaltete, es ging ihr alles auf die Nerven.
   Gerade, als sie aufstand, um zur Toilette zu gehen, klingelte es. Sie erstarrte mitten in der Bewegung, ihr Herz begann zu rasen, und der Schweiß brach ihr aus.
   Sie brachte es nicht fertig, zur Tür zu gehen, nein, sie schaffte es einfach nicht.
   Aber wenn es nun jemand anderes war? Ein Kollege vielleicht, der nach ihr sehen wollte?
   Zögernd ging zur Tür und drückte den Freisprechknopf. »Ja?« Atemlos lauschte sie.
   »Hier ist die Post. Ich habe eine Sendung für Sie, die nicht in den Briefkasten passt. Könnten Sie eben runterkommen?«
   Bine zögerte. Was, wenn das nun eine Falle war? Andererseits konnte sie sich doch nicht ewig hier verbarrikadieren. Schnell zog sie ein Messer aus der Schublade in der Küche, versteckte es hinter ihrem Rücken und lief die Treppe hinunter.
   Als sie den Postzusteller entdeckte, hätte sie vor Erleichterung fast geweint. Es war ihr unsagbar peinlich, die rechte Hand hinter dem Rücken versteckt zu halten, als sie den Katalog irgendeiner Bekleidungsfirma entgegennahm.
   »Danke. Auf Wiedersehen.«
   Wieder in ihrer Wohnung warf sie die Tür zu und kicherte haltlos. Du wirst ja noch völlig verrückt. Reiß dich mal zusammen.
   Zerstreut blätterte sie im Katalog. Bis sie erneut die Türklingel aus ihren Gedanken riss.
   Das ist er. Sie war sich ganz sicher.
   Übelkeit überfiel sie. Automatisch griff sie wieder zum Messer, legte es aber gleich wieder zurück.
   Wieder klingelte es. Der Ton dröhnte in ihren Ohren, bis sie meinte, ihr Trommelfell müsse zerreißen.
   Wie automatisch aufgezogen ging sie die wenigen Schritte zur Tür. Ihre Knie fühlten sich an wie Wackelpudding. Langsam drückte sie den Freisprechknopf, brachte aber kein Wort über die Lippen. Atemlos lauschte sie.
   Erst hörte sie nichts. Hatten sich ein paar Kinder einen Klingelstreich erlaubt? Gerade, als sie aufatmen wollte, kamen die Worte.
   »Wage es nicht, noch einmal zu den Bullen zu gehen, du Schlampe!«
   Die Boshaftigkeit in der Stimme ließ alle Kraft aus ihr weichen. Die Knie gaben unter ihr nach, sie sank auf den Boden und wimmerte. Haltlos begann sie zu weinen. Was sollte sie denn bloß tun?
   Eine halbe Stunde lang saß sie da, weinte und fühlte nichts außer einer sie schier zu zerreißenden Verzweiflung. Wenn es noch einmal klingelte, würde sie schreien und nicht mehr aufhören können. Ihre Nerven waren bis zum Äußersten angespannt.
   Endlich gelang es ihr, aufzustehen und auf wackligen Beinen zum Sofa zu gehen. Ihr Blick fiel auf ihr Telefon. Bevor sie realisierte, was sie tat, wählte sie eine Nummer.
   »Pia?«, schluchzte sie, als abgenommen wurde.
   »Bine? Um Himmels willen, was ist passiert?«
   »Ich … ich halte das nicht mehr aus! Es ist … so furchtbar, ich weiß nicht … nicht mehr, was ich machen soll!« Immer wieder wurden Bines Worte durch Schluchzer unterbrochen.
   »Der Stalker?«, vermutete Pia entsetzt.
   »Ja.« Stockend berichtete Bine alles, was sich während der letzten Tage zugetragen hatte. »Kannst du vielleicht herkommen?«, endete sie bang. »Ich weiß, das ist viel verlangt, aber ich weiß nicht mehr ein noch aus. Ich bringe es nicht mehr fertig, die Wohnung zu verlassen. Und noch nicht einmal hier bin ich sicher. Wenn es noch einmal klingelt, bekomme ich einen Nervenzusammenbruch. Ich …« Erneut begann sie zu weinen.
   »Bine, bleib ganz ruhig, ja? Stell irgendwas Schweres an die Tür und geh ja nicht raus. Heute ist Donnerstag. Ich kann jetzt leider hier nicht weg. Sonja ist krank, meine Chefin, ich muss den Laden gerade allein schmeißen. Schaffst du es bis übermorgen? Vielleicht kann eine Kollegin bei dir bleiben, bis ich sie ablösen kann? Oder du rufst die Polizei …«
   »Nein! Auf keinen Fall! Der Typ hat mich eindringlich davor gewarnt.«
   »Also gut. Bleib in der Wohnung, geh nicht raus. Und geh nicht mehr zur Tür, wenn es klingelt. Wenn es jemand anderer ist, hat er eben Pech gehabt. Ich komme am Samstag, so schnell ich kann.«
   »Danke! Tut mir leid, ich bin doch sonst nicht so ängstlich. Aber diese ganze Sache macht mich langsam echt fertig.«
   »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich habe genau dasselbe auch schon durch. Das weißt du ja.«
   »Und ich blöde Kuh habe auch noch dabei geholfen. Es tut mir so leid, Pia! Wahrscheinlich geschieht mir das gerade recht.«
   »So ein Unsinn! Dieser Typ ist ein Verbrecher. Und höchstwahrscheinlich steckt Paul dahinter, anders kann ich mir das auch nicht erklären. Also gut, ich muss weitermachen, hier sind gerade Kunden in den Laden gekommen. Bis Samstag dann. Und halt die Ohren steif!«
   »Ich versuch’s.«
   Als Bine auflegte, fühlte sie sich schon viel besser. Sie würde sich hier verbarrikadieren, nicht mehr an die Tür oder ans Telefon gehen, und in zwei Tagen hatte der Spuk ein Ende.
   Und dann fiel ihr ein, dass sie etwas Wichtiges vergessen hatte.
   Der Arztbesuch. Den musste sie wahrnehmen, weil sie dringend die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung brauchte. Ohne die würde ihr Chef sie wohl wirklich rausschmeißen. Ohnehin war er schon sauer gewesen, dass sie ausgerechnet jetzt zu Beginn der Hauptferienzeit krank machte, wie er es nannte.
   Sie warf einen Blick auf die Uhr. Kurz nach fünfzehn Uhr. Da war die Praxis ihres Hausarztes besetzt. Am besten machte sie sich gleich auf den Weg, dann hatte sie es hinter sich. Da sie noch nie während dieser Zeit draußen unterwegs war, konnte sie nur hoffen, dass ihr Stalker nicht damit rechnete und nicht in der Nähe war. Und dass er nicht ihr Wohnhaus jetzt dauerhaft belagerte.
   Als sie aus der Haustür trat, fühlte sie sich wie ein kleines Kind mitten in einem Kriegsgebiet. Jeden Augenblick rechnete sie damit, dass irgendwo eine Bombe hochging, sie auf eine Mine trat oder von einer Kugel getroffen wurde, das alles in Gestalt des unheimlichen Mannes.
   Aber wider Erwarten erreichte sie unbehelligt die Arztpraxis. Aufatmend schloss sie die Tür hinter sich und überlegte, die nächsten beiden Tage am besten hierzubleiben. Natürlich wusste sie, dass das nicht möglich war, aber der Gedanke schenkte ihr ein wenig Trost.

Kapitel 3

Eine Stunde später stand Bine wieder auf der Straße, die Krankschreibung hatte sie in der Tasche. Nun musste sie nur noch unbehelligt nach Hause
   kommen und irgendwie die folgenden beiden Tage überstehen.
   Schnell ging sie los. Immer wieder drehte sie sich um, ob ihr jemand folgte, sah jedem Passanten, der ihr entgegenkam, genau ins Gesicht und warf sogar Blicke durch die Schaufenster der Geschäfte, an denen sie vorbeikam, ob er sich nicht irgendwo dort drinnen verbarg.
   Er war nicht zu sehen. Jedoch wagte sie es nicht, sich zu entspannen, ehe sie zu Hause war.
   Als sie sich ihrem Haus näherte, stieg ihre Nervosität noch. Zu klar sah sie ihn vor sich, wie er an ihrer Klingel stand und ihr durch die Sprechanlage drohte. Als sie um die Ecke bog und der Blick auf die Eingangstür frei wurde, wagte sie es kaum, hinzusehen. Was, wenn er dort stand und sie schon erwartete?
   Mit klopfendem Herzen sah sie hin. Er war nicht da! Sie spürte die Erleichterung geradezu körperlich. Trotzdem zogen sich die letzten Schritte bis zur Tür wie Kaugummi. Es kam ihr vor, als müsste sie sich jeden Schritt mühsam durch einen Sumpf bahnen, der ihre Füße daran hindern wollte, weiterzukommen, sich in Sicherheit zu bringen.
   Gerade, als sie den Schlüssel ins Schloss stecken wollte, fiel ihr Blick auf ihren Briefkasten. Was war das für Farbe an der Klappe? Hatte hier ein Kind herumgespielt? Aber die roten Tropfen klebten nur an ihrem Briefkasten.
   Plötzlich begann ihr Herz zu rasen. Das war keine Farbe. Sie wagte es kaum, näher hinzusehen und sich die Wahrheit einzugestehen. Es war Blut!
   Ihr eigenes Blut rauschte in ihrem Kopf wie ein ganzer Schwarm wildgewordener Vögel. Wessen Blut war das? Und wie war es dort hingekommen?
   Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie es kaum schaffte, die Tür aufzuschließen. Im Stillen rechnete sie damit, dass der Stalker hinter der Tür lauerte und sie anfiel. Unendlich langsam stieß sie die Tür auf. Niemand war dort. Schnell schlüpfte sie ins Haus und schloss die Tür hinter sich.
   Sie wollte ihren Briefkasten nicht öffnen, sie wollte es einfach nicht. Aber eine ungute Neugier bewog sie, es doch zu tun. Ganz langsam zog sie die Klappe auf. Im Stillen rechnete sie damit, dass ihr ein Blutschwall entgegenkommen würde, und sie wappnete sich dagegen und kämpfte gegen den Impuls an, die Klappe einfach wieder zu schließen. Ganz kurz wurde es schwarz vor ihren Augen. Was zur Hölle war dort drinnen?
   Sie musste es wissen. Es wurde nicht besser dadurch, dass sie es ignorierte. Und verschwinden würde es von allein auch nicht.
   In zwei Tagen bist du hier weg. Halte jetzt durch!, befahl sie sich.
   Sie zog die Klappe so heftig auf, dass die tote Maus heraus- und mit einem leisen Plumps auf den Boden fiel. Mit einem Aufschrei wich Bine zurück und starrte entsetzt und voller Ekel auf das tote Tier. Es war weiß-braun gefleckt, so weit sie es noch erkennen konnte, denn irgendjemand hatte ihm fein säuberlich die Kehle durchgeschnitten, und das Blut hatte das Fell besudelt.
   Bine schlug die Hände vor den Mund, um nicht laut loszuschreien. Plötzlich sah sie ihn überall, ihren unheimlichen Verfolger. Vor der Tür stand er und lauerte auf sie, dann war er hinter ihr, um sie packen, und gerade kam er die Treppe herunter, um sich auf sie zu stürzen.
   Sie wusste, dass sie im Grunde sofort wieder zur Polizei gehen müsste. Jetzt gleich, ohne eine weitere Sekunde Zeit zu verlieren. Diese Warnung, dieses Zeichen war ein Beweis. Die Polizisten konnten es nicht ignorieren oder als harmlos abtun. Mit dieser Maus konnten sie den Täter zur Rechenschaft ziehen und strafrechtlich verfolgen lassen.
   Mit zitternden Händen zog Bine ihr Smartphone aus der Tasche und machte ein Foto von der Maus, eins vom blutigen Briefkasten und dann noch eins aus etwas größerer Entfernung, sodass alles auf einmal im Bild war.
   Damit sicherte sie den Beweis. Denn sie wusste, dass sie nicht zur Polizei gehen würde. Die Stimme des Mannes klang ihr noch im Ohr.
   Wage es nicht …
   Er hatte gewonnen. Sie wagte es nicht. Sie wollte nicht enden wie die Maus.

Nach einer Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit erschien, schaffte sie es, sich aus ihrer Erstarrung zu lösen und die Treppe hochzusteigen. Wo waren eigentlich all ihre Nachbarn? In diesem Haus lebten Dutzende Mietparteien. Wo waren sie alle hin? Sie hörte und sah niemanden, nicht einmal ein spielendes Kind.
   Der Polizeibeamte hatte gesagt, sie solle ihr Umfeld informieren. Ob sie an jeder Tür klingeln und jedem Nachbarn von ihrem Verfolger erzählen sollte? Damit wäre auf jeden Fall die Gefahr gebannt, dass jemand ihn unwissentlich ins Haus lassen würde. Plötzlich stockte ihr Herzschlag. Was, wenn er ebenfalls hier im Haus wohnte? Wenn er deshalb so gut über ihren Lebensrhythmus Bescheid wusste, weil er sie ständig beobachten konnte?
   Als sie die Treppe hochstieg, kam es ihr vor, als hätte sie einen Rucksack voller Felsbrocken auf dem Rücken. Mit jeder Stufe, die sie erklomm, verlor sie an Kraft. Sie wollte nur noch ihre Wohnungstür verrammeln, sich ins Bett legen, die Decke über den Kopf ziehen und erst übermorgen wieder herauskommen.
   Endlich stand sie vor ihrer Wohnungstür. Sie nahm den Schlüssel und …
   Ein Aufschrei entwich ihrer Kehle, den sie nicht zurückhalten konnte. Die Tür stand einen winzigen Spalt weit offen! Wie konnte das sein? Als sie ging, hatte sie gleich doppelt abgeschlossen. Ihr erster Impuls war die Flucht. Nichts wie weg hier! Was, wenn der Einbrecher noch in ihrer Wohnung war? Wenn er bewaffnet war? Was würde er wohl tun, wenn sie ihn überraschte?
   Aber … sie sah genauer hin. An der Tür und am Schloss waren keine Einbruchsspuren zu erkennen. Alles war vollkommen unbeschädigt. Aber wie zum Henker konnte er – wer auch immer es sein mochte – so einfach in ihre Wohnung eindringen? Und wenn sie doch vergessen hatte, abzuschließen? Sie war so voller Angst gewesen, dass sie sich kaum auf etwas konzentrieren konnte.
   Vorsichtig schob sie die Tür ganz langsam etwas weiter auf. Sie unterdrückte den Impuls, »Hallo?« zu rufen. In jedem Krimi, den sie ansah, wunderte sie sich über die Dummheit der Opfer, zu rufen und damit den Täter erst auf sich aufmerksam zu machen.
   Im Flur sah alles aus wie immer. Ihre Kommode stand vollkommen unberührt da. Hätte ein Einbrecher nicht dort zuerst die Schubläden herausgerissen?
   Behutsam schob sie die Tür etwas weiter auf, schob den Kopf hindurch und lauschte mit angehaltenem Atem. Alles war ruhig. Totenstill. Ein Schauder überlief ihren Rücken.
   Lauf weg, riet ihr ihre innere Stimme. Geh nicht rein, sondern renn!
   Plötzlich erwachte Zorn in ihr. Was fiel diesem Kerl ein, sie dermaßen in Angst zu versetzen und ihr ganzes Leben aus der Bahn zu werfen? Wenn er wirklich von Paul angeheuert worden war – und davon ging sie inzwischen ganz fest aus –, brauchte sie doch keine Angst zu haben. Er war kein gesichtsloser Unbekannter, sondern sie war ihm einst sogar sehr nahe gewesen.
   Zu nah. Und plötzlich wusste sie, wie die Person, wer es auch immer gewesen sein mochte – in ihre Wohnung gekommen war.
   Ihr Vermieter hatte dem Hausmeister einen Zweitschlüssel überlassen. Für Notfälle. Falls es irgendwo brannte oder Wasser von der Decke tropfte und der betreffende Mieter nicht zu Hause war. Sie hatte keine Ahnung, welche Art von Notfall ihr Verfolger dem guten Mann aufgetischt hatte, aber es musste sehr überzeugend gewesen sein. Wer weiß, vielleicht hatte er ihm den Schlüssel sogar heimlich abgenommen? Oder ihm ein gutes Trinkgeld zukommen lassen? Komm schon, nur fünf Minuten. Ich suche nur meinen Verlobungsring. Den habe ich in der Wohnung meiner Ex vergessen, und ehe sie ihn versetzt und die Kohle behält …
   So könnte es gewesen sein. Ihr Zorn wuchs.
   Und er tat ihr gut. Er löschte die von der Panik verursachte Lähmung aus. Bine betrat ihren Flur, ließ die Tür hinter sich jedoch nur angelehnt. Um notfalls gleich wieder weglaufen zu können.
   Auf Zehenspitzen schlich sie tiefer in ihre Wohnung hinein. Rechts ging es in die Küche. Sie warf einen Blick hinein. Alles sah normal aus. Nein! Ihr Herz setzte einen Schlag aus vor Schreck. Ein Glas stand auf dem Tisch. Und sie wusste genau, dass sie heute noch kein Glas benutzt hatte, sondern nur eine Tasse. Das Glas war zur Hälfte mit Wasser gefüllt.
   Ihre Wut stieg. Wie dreist war dieser Kerl? Er wagte es, sich in ihrer Wohnung aufzuführen, als gehörte er hierher.
   Zur Linken ging es ins Wohnzimmer. Die Tür war angelehnt. Erneut stockte ihr Herzschlag. Sie ließ die Tür immer offen. Vorsichtig schob sie sie auf.
   Und holte erschrocken tief Luft.
   Alle Schranktüren standen offen, die Schubläden waren herausgerissen, das Innere der Schränke auf dem Fußboden zerstreut. Papiere, Dekoartikel, Kerzen, Zeitschriften – alles lag auf dem Boden herum, als hätte ein Riese hier gewütet.
   Schockiert schlug Bine die Hände vor den Mund. Alles in ihr drängte zu sofortiger Flucht, nur weg hier! Auf der anderen Seite waren ihre Beine wie gelähmt, sie war nicht in der Lage, sich zu rühren. Was, wenn der Kerl noch hier war? Ihre überreizten Nerven spielten ihr einen Streich, und als sie meinte, aus den Augenwinkeln einen Schatten zu erkennen, der sich hinter ihrem Schrank verbarg, fuhr sie herum und schrie auf. Aber da war niemand.
   Schließlich fiel ihr Blick auf den Tisch, und sie war so schockiert, dass es ihr nicht gelang, den Blick davon zu lösen. Auf dem Tisch stand eine ihrer Vasen. Sie stand sonst stets im Wohnzimmerschrank hinter der großen Tür. Der Einbrecher hatte beim Herausholen keine Vorsicht walten lassen, sondern zwei weitere Vasen achtlos heruntergeworfen, sie lagen zerbrochen auf dem Boden. Diese stand jedoch unversehrt auf dem Tisch, und in ihr steckte ein üppiger Blumenstrauß. Jedenfalls war er sicher vor einiger Zeit noch sehr umfangreich und farbenfroh gewesen. Jetzt jedoch war er verdorrt und vertrocknet, die Blumen waren tot.
   Die Warnung war unmissverständlich.
   Langsam, ganz langsam, wich Bine zurück. Ohne es zu merken, hatte sie ihre Faust an den Mund gepresst und biss sich auf die Fingerknöchel. Sie wimmerte leise vor Angst.
   Lieber Gott, was sollte sie denn bloß tun? Alles in ihr trieb sie auf schnellstem Wege zur Polizei. Sie wusste, dass sie den Einbruch sofort melden musste.
   Aber immer noch hatte sie die Stimme des Stalkers im Ohr. Wage es nicht …
   Wenn sie die Polizei rief, wäre sie in Kürze so tot wie die Blumen. Und wie die Maus.
   Hier konnte sie nicht bleiben. Für kein Geld der Welt hätte sie es auch noch einen einzigen Augenblick lang in ihrer eigenen Wohnung ertragen. Auch wenn der Kerl längst weg war. Er konnte wiederkommen, jederzeit!
   Plötzlich wich Bines Erstarrung. Mit einem Satz war sie an der Tür. Und wenn sie die zwei Tage im Kino oder einem Schnellrestaurant zubringen musste, hier würde sie keine Sekunde länger verweilen. Zur Polizei konnte sie nicht, und Katrin wollte sie auch nicht weiter damit behelligen. Es war allein ihr Problem. Sie musste es nur noch schaffen, die zwei Tage bis Samstag zu überstehen, dann würde Pia kommen und …
   So ein Blödsinn! Was dachte sie denn da? Sie könnte sich doch einfach in den nächsten Zug setzen und sofort zu ihr fahren! Jetzt, nach dieser Sache, war die Idee, auf Pia zu warten, doch sowieso hinfällig.
   Bine schöpfte neuen Mut. Sie zog die Wohnungstür hinter sich zu und lief die Treppe hinunter.

*

Im Klubhaus des Sea Crows MC stellte Wolf, der Präsident, sein Whiskeyglas auf den massiven Holztisch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Nachdenklich fuhr er sich durch sein Haar.
   »Ich traue Tommy nicht«, wiederholte Ronny grimmig. »Er hat sich allzu einträchtig mit Till unterhalten. Die beiden wirkten so vertraut, als wären sie Brüder.«
   Wolf kratzte sich nachdenklich am Kinn. Till war sein Feind, so lange er denken konnte. Sie kannten sich seit ihrer Schulzeit und hatten sich schon damals heftige Kämpfe auf dem Pausenhof geliefert. Richtig eskaliert war die ganze Sache jedoch, als Till Wolf einen Großteil seiner Kumpels abspenstig machte, mit denen er damals durch die Gegend fuhr, indem er ihnen erzählte, er mache hinter deren Rücken krumme Geschäfte und behalte die ganze Kohle für sich. Obwohl er natürlich nichts beweisen konnte, weil es nichts zu beweisen gab, wandten sich viele von ihm ab, denn Till verfügte über eine besondere Gabe: Er besaß eine gewaltige Überzeugungskraft, gepaart aus hervorragender Redekunst und so großem Charme, dass er jeden damit einwickeln konnte, von der alten Großmutter bis zum Biker, der sogar seine Brüder für ihn verriet. Mit einem einzigen Lächeln gelang es ihm, jeden sofort von sich zu überzeugen. Nun gut, fast jeden.
   Wolf hatte sich damals enttäuscht von der Gruppe Freebiker abgewandt und kurz darauf seinen eigenen Motorradklub gegründet, den Sea Crows MC. Seine Auswahlkriterien waren streng. Ein Hangaround musste sich mindestens drei Jahre lang als treu und loyal erweisen, ehe er in den Status eines Prospects erhoben wurde, und dieser wurde erst dann vollwertiges Member, wenn alle anderen Brüder zu hundert Prozent von ihm überzeugt waren.
   »Hol Tommy mal rein«, wies er Ronny an. Tommy war seit zwei Jahren Hangaround, und bisher war Wolf eigentlich zufrieden mit ihm gewesen.
   Kurz darauf stand Tommy vor dem Tisch und sah unsicher zu Wolf hinüber. Sein blondes Haar war zerzaust, als hätte er vor lauter Nervosität darin herumgewuschelt, und auch jetzt bemerkte Wolf, dass Tommys Finger sich unablässig bewegten.
   »Bist du zufrieden bei uns, Tommy?«, fragte Wolf beiläufig.
   »Ja, klar. Sehr sogar.« Unsicher verstummte er.
   »Mir ist da etwas zu Ohren gekommen.« Scharf beobachtete Wolf Tommys Gesicht. Dessen Lippen wurden schmal, und sein rechtes Augenlid zuckte.
   »Was denn?«
   Wolf schwieg einige Sekunden lang. Es befriedigte ihn nicht, dass Tommy immer nervöser wurde. Er hoffte, dass sich Ronny getäuscht hatte und dass Tommy nicht mit der Gegenseite kooperierte. »Wie geht es Till?«, fragte er dann unvermittelt.
   Tommy zuckte auffällig zusammen. »Äh, wieso …?«
   »Ich hab dich gesehen, Mann!«, knurrte Ronny. Seine Glatze glänzte im grellen Licht der Deckenlampe.
   Tommy sank in sich zusammen. »Okay. Ich hab bis jetzt nichts dazu gesagt, weil ich ja wusste, wie Wolf zu Till steht. Also gut. Till ist mit meiner Schwester zusammen.«
   »Was?« Erbost richtete sich Wolf in seinem Stuhl auf. »Seit wann?«
   »Seit, äh, drei, vier Wochen vielleicht.«
   »Und da hast du es nicht für nötig gehalten, uns darüber zu informieren?«
   Tommy zuckte verlegen die Schultern. »Tut mir echt leid, aber ich wusste ja nicht, dass das so wichtig ist. Ich meine, es ist ja nur meine Schwester, das hat doch nichts mit mir zu tun und …«
   »Natürlich hat das was mit dir zu tun«, sagte Wolf. Seine Stimme war ganz leise geworden, und einige seiner Brüder starrten ihn alarmiert an. Wenn Wolf leise wurde, war das immer ein schlechtes Zeichen. Ein sehr schlechtes. Tommy zog erschrocken die Schultern ein.
   »Wir sind doch eine Familie hier, nicht wahr?«, fragte Wolf, plötzlich ganz freundlich. Das war ein höchstes Alarmzeichen. Die anderen wussten das.
   Tommy scheinbar noch nicht. Er richtete sich wieder ein wenig auf. »Ja, klar.«
   »Und Regina ist deine Schwester, oder?«
   »Das weißt du doch.« Tommy sah verwirrt aus.
   »Was sind wir für dich?«
   »Ihr seid meine Brüder. Ich bin sehr stolz …«
   »Falsch«, unterbrach ihn Wolf scharf. »Wir würden deine Brüder werden. Wenn du loyal zu uns stehen würdest. Aber das wissen wir eben nicht. Verstehst du das?«
   Tommy starrte ihn verwirrt an. Fast konnte er Wolf leidtun. »Aber was soll ich denn machen?«, fragte er hilflos. »Ich kann Regina doch nicht verbieten …«
   »Nein. Aber wir können auch nicht das Risiko eingehen, dass du mit deinem Schwager in spe Klubinterna besprichst. Das verstehst du doch?«
   Tommy hob beide Hände. »Hey, das würde ich doch nie machen! Ich würde niemals meine Brüder verraten.«
   »Gut.« Wolf ließ sich wieder zurücksinken. »Beweise es. Bewähre dich gut, dann wirst du übernächstes Jahr Prospect. Aber wir behalten dich im Auge, vergiss das nie.«
   Tommy atmete auf. »Danke, Mann! Ich schwöre, dass ich …«
   »Warten wir es ab, okay? Ach ja, und bevor du gehst … Was machst du, sollte Till mal etwas gegen uns planen?«
   Tommy starrte ihn an. »Ich, äh … ich glaube nicht, dass er so was mit mir besprechen würde.«
   »Und solltest du zufällig Wind davon bekommen?«
   »Dann sage ich euch natürlich sofort Bescheid.«
   »Bist du dir sicher?«
   »Na klar!«
   »Und wenn Till Regina bedroht?«
   »Was? Aber das würde er doch nicht tun. Er liebt sie doch.«
   Wolf antwortete nicht. Prüfend betrachtete er seinen Hangaround. Die Sache würde noch kompliziert werden, das ahnte er. Aber er wollte ihn auch nicht vorschnell ausschließen. Er mochte Tommy. Schließlich winkte er ab. »Okay, du kannst gehen. Aber vergiss nicht: Zwei Jahre können lang sein.«
   Rückwärtsgehend verließ Tommy den Raum, ohne noch etwas zu sagen.
   »Den hast du aber schön eingeschüchtert«, sagte Toddel und nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank.
   »Das war notwendig«, erklärte Wolf. Trotzdem musste er sich ein Grinsen verkneifen.
   »Ich traue ihm immer noch nicht«, brummte Ronny.
   »Ich auch nicht. Aber jeder hat eine Chance verdient, oder? Wie ich gerade sagte, wir behalten ihn im Auge.« Dann wandte sich Wolf Erik zu, den sie Zeck nannten, und wechselte das Thema.
   »Und Pia behauptet, diese Bine sei in Gefahr?«, fragte er.
   Er hatte Pias Freundin noch nie gesehen. Vor einem guten halben Jahr hatten Pia und Zeck, ihr Freund, viel von ihr erzählt. Bine hatte Pia vor ihrem Exfreund gerettet, als der sie angegriffen hatte. Zuvor jedoch hatte sie erst geholfen, dass er überhaupt so nah an Pia herankam. Er wusste nicht recht, was er von ihr halten sollte. Als die Gerichtsverhandlung gegen diesen Paul stattfand, hatte er gerade anderweitig zu tun gehabt und keine Zeit, dort hinzugehen.
   »Ja, in großer sogar«, erwiderte Zeck ernst. »Sie wird verfolgt und bedroht und traut sich nicht mehr aus dem Haus. Pia und ich fahren übermorgen hin und holen sie ab. Bis dahin will sie sich in ihrer Wohnung verbarrikadieren.«
   Wolf stieß einen leisen Pfiff aus. »Hört sich übel an.«
   »Das ist es. Bine vermutet, dass Paul dahintersteckt.«
   »Pias Ex? Aber sitzt der nicht ein?«
   »Ja, aber das hat nichts zu sagen. Es gibt bestimmt genug Mittel und Wege, Leute anzuheuern, die Frauen wie Bine in Angst und Schrecken versetzen.«
   »Eine ganz schöne Schweinerei, und feige noch dazu.« Wolf hob erneut sein Glas an die Lippen. »Wenn sie hier ist, könnt ihr sie ja mal mitbringen. Vielleicht lenkt sie das ein wenig ab. Immerhin hat sie Pia geholfen.«
   »Sie war damals wirklich mutig«, stimmte Keule zu. Er war dabei gewesen, als Pia mit Paul kämpfte, und hatte zusammen mit Bine eingegriffen.
   Nachdenklich lächelte Wolf. Langsam wurde er neugierig auf diese Bine. Auf mutige Frauen stand er.
   »Ist sie auch so eine Banklady wie Pia?«, fragte er beiläufig. Er hatte Pia nie in ihrer Berufskleidung gesehen, aber Zeck und Keule hatten ihm einiges erzählt. »So richtig schick in weißer Bluse und Faltenrock? Mit rotem Lippenstift und hochhackigen Schuhen?«
   Verdammt, das Bild, das vor seinem geistigen Auge entstand, war wirklich sexy. Wenn Bine so aussah, war sie in seinem Klubhaus sehr willkommen.
   »Nun ja, so in etwa«, grinste Zeck. Er kannte seinen Präsidenten. Wolf hatte Blut geleckt. »Aber mach dir mal keine zu großen Hoffnungen. Wenn sie herkommt, hat sie sich bestimmt nicht so aufgebrezelt.«
   Wolf lachte und trank noch einen Schluck. »Warten wir es ab.«
   Keule starrte ihn an. »Hast du nicht gerade mit dieser Kleinen aus Otterndorf was am Laufen? Diese Dunkelhaarige. Wie hieß sie noch gleich?«
   »Sabrina«, antwortete Toddel für ihn und grinste. »Was würde sie wohl dazu sagen, wenn du plötzlich mit einer Banklady aus der Großstadt ankommst?«
   Wolf lächelte nachsichtig. »Das ist nur was Lockeres, okay? Sie gehört nicht fest zu mir. Übrigens, Toddel, wie geht es denn Angie?«
   Toddel wurde abwechselnd rot und blass. »Wieso?«
   »Nun ja, du schraubst schon seit etlichen Monaten an ihr herum. Meinst du nicht, ihr könntet mal langsam Nägel mit Köpfen machen?«
   Wolf mochte Angie. Auch er hatte mal etwas mit ihr gehabt, aber das war schon länger her. Sie war eine süße, kleine Maus, aber bisher hatte sich noch keiner seiner Brüder fest zu ihr bekannt.
   »Ich hol noch ’ne Flasche Whiskey«, lenkte Toddel ab und lief in den Nebenraum. Die anderen lachten laut.
   Dann fiel Wolf etwas ein. »Zeck, wenn diese Bine meint, Paul könnte etwas damit zu tun haben, dass sie bedroht wird, wäre es ja auch möglich, dass dieselben Typen dahinterstecken wie damals, als unsere Bikes beschädigt wurden, oder?«
   »Möglich schon«, zögerte Zeck. »Aber ich glaube nicht, dass es dieselben sind. Die haben Paul bei der Gerichtsverhandlung schwer belastet, wollten ihm die alleinige Schuld an allem in die Schuhe schieben. Einer von denen war vorbestraft, der wurde ebenfalls verknackt. Die anderen bekamen Bewährung. Aber die waren so sauer auf Paul, ich kann mir nicht vorstellen, dass die noch mal was für ihn erledigen.«
   »Okay. Die Sache können wir uns später noch mal vornehmen. Jetzt ist es erst mal wichtig, diese Bine aus der Schusslinie zu kriegen. Samstag holt ihr sie, war doch so, oder?«
   »Wir fahren in aller Frühe los.« Zeck war lange Zeit kein Fan von Bine gewesen, aber seit sie Pia geholfen und sich dadurch selbst in Gefahr gebracht hatte, sah die Sache anders aus.
   »Warum kommt sie nicht selbst mit dem Zug?«, fragte Wolf. »Ist doch nicht weit.«
   »Wie gesagt, sie wird bedroht, sie traut sich nicht mehr aus ihrer Wohnung. Ich hoffe, sie steht die Zeit bis Samstag irgendwie durch.«
   »Ja, hoffen wir’s.« Wolf überlegte. Dann schob er seinen Stuhl zurück und stand auf. »Ich hab ’ne Idee. Zeck, Lust auf nen kleinen Ausflug?«
   »Was hast du vor?«
   »Du lässt dir von Pia Bines Nummer und Adresse geben. Gleich morgen früh fahren wir hin und sammeln sie auf, bevor dieser Irre sie erwischt. Bis Samstag ist es noch viel zu lange hin.«
   »Coole Idee, Bruder. Pia wird sich freuen. Aber warum willst du …?«
   »Reine Neugier. Immerhin hat diese Bine Pia den Arsch gerettet. Und dir ebenfalls, oder? Du warst noch auf Bewährung. Ohne sie hätte es bitter für dich enden können.«
   »Ich denke jeden Tag dran, Wolf. Wir stehen in ihrer Schuld. Von daher ist es keine Frage, ob ich mitkomme.«
   »Gut.« Wolf grinste zufrieden. »Besorg dir die Nummer, und morgen geht’s los. Ich würde ja sofort aufbrechen, aber mein Freund hier hat es heute schon zu gut mit mir gemeint.« Lächelnd tippte er gegen die Whiskeyflasche.

Kapitel 4

Bine stürzte so unvermittelt aus dem Haus, dass ihr erst nach ungefähr zwanzig Schritten der Gedanke kam, zu prüfen, ob nicht der Stalker
   in der Nähe war und sie beobachtete. Inzwischen war es Abend geworden, aber zu dieser Jahreszeit war es lange hell. Wind kam auf und schob Wolken vor die Sonne. Sie fröstelte. Instinktiv wollte sie den Weg zur Bushaltestelle einschlagen, überlegte es sich aber kurz entschlossen anders. Dort hatte schon viel zu oft der Typ gelauert. Sie wollte ihm nicht noch einmal in die Arme laufen.
   Während sie losging, um die nächste S-Bahn zu erreichen, blickte sie sich um. Die Passanten, denen sie begegnete, zogen die Schultern hoch, um sich gegen den kühlen Wind zu schützen, und schenkten ihr keinen Blick. Keiner von ihnen kam ihr bekannt vor. Trotzdem wurde sie ein unangenehmes Gefühl nicht los. So, als würde jemand sie heimlich beobachten.
   Du wirst ja schon paranoid, dachte sie. Hamburg war eine Großstadt. Da würde es ihr doch leicht gelingen, sich zu verstecken. Aber das beunruhigende Gefühl blieb. Fast kam es ihr vor, als würden fremde Blicke sie wie Nadeln treffen.
   Gerade, als sie den Bahnhof erreichte, fuhr die Bahn ab. »So ein Mist!«, fluchte Bine. Sie hatte einfach keine Ruhe, auf die nächste Bahn zu warten. Sie würde hier stehen wie auf dem Präsentierteller. Also doch zum Bus.
   Zu ihrem großen Glück kam er gerade an, und sie sprang hinein. Hastig suchten ihre Blicke die Sitzreihen ab, doch von dem Stalker war nichts zu sehen. Während der Fahrt sah sie aus dem Fenster, ohne etwas zu erkennen. Ihre Gedanken galten einzig und allein ihrer Flucht. Sie musste nur den Hauptbahnhof erreichen. Wenn sie im Zug saß, war sie gerettet.
   Ein Ruckeln und Schaukeln riss sie aus ihren Überlegungen. Der Bus war mitten auf der Straße stehen geblieben. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Wie weit waren sie bisher gefahren? Ein rascher Blick auf die Umgebung zeigte ihr, dass es nur wenige Hundert Meter gewesen waren. So ein Mist! Wenn ihr Verfolger sie in den Bus hatte steigen sehen und einigermaßen sportlich war, hätte er leicht hinterherlaufen können.
   »Was ist denn da los?«, fragte sie die Frau, die neben ihr saß. Die zuckte die Schultern.
   »Da stehen zwei Autos mitten auf der Straße«, hörte sie eine Stimme von weiter vorn. »Wie es aussieht, hat es gescheppert.« Sofort wurden weitere Stimmen laut, schimpfende und besorgte.
   Rasch stand Bine auf. Hier konnte sie nicht bleiben. Was, wenn das nun eine Falle war? Und selbst wenn nicht: Wer konnte schon sagen, wie lange es dauern würde, bis der Bus weiterfuhr? Der Stalker könnte sie einholen und … Fast meinte sie schon, ihn dort draußen stehen zu sehen, mit finsterem Blick.
   »Entschuldigung«, sagte sie, stand auf und bahnte sich ihren Weg durch die Fahrgäste hindurch. »Können Sie bitte die Tür aufmachen?« Der Ruf setzte sich bis zum Fahrer durch. Etwa die Hälfte der Mitfahrer wollten Bines Beispiel folgen und ebenfalls aussteigen. Das war gut. So würde der Verfolger sie vielleicht nicht entdecken, sollte er in der Nähe sein.
   Bine bemühte sich, inmitten der anderen Fahrgäste auszusteigen. Ein Haufen Menschen stand bereits um die Unfallfahrzeuge und den Bus herum, mehrere Männer waren damit beschäftigt, die Unfallstelle abzusichern. Einer sprach mit einer weinenden Frau. Rasch kontrollierte Bine die Gesichter, doch es waren einfach zu viele. Als sie weiterlief, immer dem Hauptbahnhof entgegen, überkam sie erneut das ungute Gefühl. Immer wieder sah sie sich um. Aber sie wusste, dass es sinnlos war. Wenn ihr jemand folgte, wäre es eine Leichtigkeit, sich in den Schatten zu verbergen, in einem Hauseingang, hinter einem Baum oder einem parkenden Auto.
   Mach dich nicht verrückt, redete sie sich gut zu.
   Endlich sah sie den Bahnhof. Nur noch wenige Meter. Um diese Zeit strömten viele Reisende in und aus ihm heraus. Das war gut. So würde sie weniger auffallen. Wenn jemand sie verfolgte, würde er hier vielleicht ihre Spur verlieren.
   Ihre Haut prickelte, als sie das Gebäude betrat. Sie musste sich dazu zwingen, nicht jeden der vielen Menschen, die hier herumliefen, prüfend anzustarren. Schnell lief sie zu den Gleisen für den Nahverkehr. Vor der Anzeigetafel blieb sie stehen und fuhr suchend die Reihen der Abfahrten entlang.
   Als sie den schweren Atem neben sich hörte, erstarrte sie. Der Mann hätte ihr auch gleich die Hand auf die Schulter legen und sagen können: »Hab ich dich endlich!«
   Das tat er nicht, aber die Wirkung war dieselbe. Bine begann unkontrolliert zu zittern. Auch ohne ihm ins Gesicht zu sehen, wusste sie, dass er es war. Ihr Verfolger, ihr Stalker. Aus den Augenwinkeln erkannte sie seine dunkle Kleidung. Es gelang ihr, ihren Kopf ein klein wenig in seine Richtung zu drehen, zwei Millimeter, einen Zentimeter. Ganz langsam sah sie ihm von der Seite her ins Gesicht.
   Es war es wirklich! Oh, du lieber Himmel, er war hier, er hatte sie gefunden!
   Sie sollte um Hilfe schreien, ja! Ganz tief holte sie Luft – aber kein Laut kam über ihre Lippen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.
   Also weglaufen, so schnell sie nur konnte. Zwecklos. Ihre Beine bewegten sich nicht. Wie festgewurzelt stand sie da, und der Kerl starrte sie unverwandt an. Ohne ein Wort zu sagen.
   Von der anderen Seite her näherten sich Stimmen. Zwei aufgeregte junge Frauen näherten sich der Anzeigetafel und warfen einen Blick über Bines Schulter. »Da, siehst du?«, rief die eine. »Wir müssen zu Gleis 8, nicht 10. Also komm, wir müssen uns beeilen.«
   Helfen Sie mir, wollte Bine krächzen. Ihre Lippen bewegten sich, aber ihre Stimme war kaum hörbar. Eine der Frauen wandte den Kopf und sah sie an, erst neugierig, dann besorgt.
   Da räusperte sich der Mann neben ihr. Bine verstummte. Die Frau wartete noch eine Sekunde, aber als Bine nichts mehr sagte, wandte sie sich ab und lief hinter ihrer Freundin her.
   »Hast du es immer noch nicht kapiert?«, zischte der Mann.
   Seltsamerweise waren es gerade seine Worte, seine Stimme, die Bines Erstarrung lösten. Plötzlich erwachte der Zorn in ihr, löschte die Angst aus.
   »Lassen Sie mich endlich in Ruhe, oder ich schreie!« Es gelang ihr, ihm ins Gesicht zu sehen. Sie bemerkte, wie er vor Zorn die Lippen fest aufeinanderpresste. »Verschwinden Sie!«, setzte sie mutig hinzu. »Und vergessen Sie Ihr Haustier und Ihr Grünzeug nicht. Wie Sie reinkommen, wissen Sie ja.« Plötzlich war es Bine egal, was mit ihr geschehen würde, wenn sie den Mann zu sehr reizte. Die Nerven gingen mit ihr durch, all die Anspannung der vergangenen Wochen brach sich plötzlich Bahn. Sollte er sie doch schlagen, hier im Bahnhof vor all den Zeugen. Dann würde er ins Gefängnis wandern, und sie wäre ihn endlich los.
   Sie bemerkte, wie er seine Muskeln anspannte, wie sich seine Kiefer verkrampften, als er die Zähne fest zusammenbiss. Sie konnte ihm ansehen, wie er mit sich rang, was er nun tun sollte. Und sie konnte es nicht lassen, noch einen obendrauf zu setzen. »Richten Sie doch Paul schöne Grüße von mir aus, wenn Sie ihn sehen. Ich bin mir ganz sicher, dass Sie ihn bald wiedersehen werden.«
   Und dann könnten sie beide zusammen im Knast verrotten.
   Als der Kerl sprach, klang seine Stimme belegt vor unterdrücktem Zorn. »Du weißt ja nicht, mit wem du sprichst, du Schlampe. Bilde dir ja nicht ein, dass du uns entkommen kannst. Wir haben dich im Auge, in jedem einzelnen Moment. Wir finden dich überall.«
   Plötzlich schrumpfte Bines Mut in sich zusammen. Wir? Waren es etwa mehrere, die hinter ihr her waren? Allerdings hatte der Mann nicht widersprochen, als sie Paul erwähnt hatte, und auch keine Verwirrung gezeigt. Also steckte wirklich er dahinter.
   Während sie blitzschnell überlegte, wegzurennen und im Gewühl der vielen Menschen unterzutauchen, entdeckte sie zwei Polizisten. Sie schlenderten scheinbar ziellos den Gang entlang, beobachteten jedoch aufmerksam die Umgebung. Das war die Lösung! Atemlos wartete sie, bis sie nähergekommen waren.
   »Hilfe!« Sie schrie aus Leibeskräften, und tatsächlich kam der Schrei heraus, laut und deutlich.
   Die Köpfe der Beamten fuhren zu ihr herum, die etlicher Passanten ebenfalls, und ihr Stalker lief weg. Schon war er zwischen den vielen Menschen verschwunden.
   »Was ist los?«, fragte einer der Polizisten sie prüfend.
   Bine wies mit der Hand in die Richtung, in die der Mann verschwunden hatte. »Da war ein Mann, graues Shirt, dunkles Käppi, der hat mich belästigt.«
   Statt weitere Fragen zu stellen, rannten beide Beamte in die angegebene Richtung.
   Bine atmete durch und fühlte sich mit einem Mal ganz kraftlos. War es tatsächlich gelungen? Hatte sie ihn in die Flucht geschlagen?
   Sie bemerkte die Blicke einiger Zuschauer, die miteinander flüsterten, einer schüttelte den Kopf, eine Frau sah sie mitleidig an. Es kümmerte sie nicht. Der Stalker war weg! Nun konnte sie in Ruhe zu ihrem Zug gehen und …
   Sie wusste es, ehe sie den Mann genauer betrachten konnte. Es war nicht geglückt. Hier war noch einer, der Kumpan ihres Stalkers. Wie viele davon mochte es geben? Paul schien keine Kosten und Mühen zu scheuen, sie in Angst und Schrecken zu versetzen. Nun, wenn es das war, was er wollte, es war ihm gelungen.
   Sie konnte nicht mit dem Zug flüchten. Damit würde sie diese Typen nur nach Stade zu Pia locken. Nun ja, Paul wusste ohnehin, wo Pia steckte, aber es war ja nicht nötig, dass er erneut auf sie aufmerksam wurde. Denn seit der Gerichtsverhandlung lebte sie völlig unbehelligt. Wie es schien, hatte er dieses Mal nur sie, Bine, im Visier.
   Auch zu Katrin oder einem anderen Kollegen wollte sie nicht gehen, denn sie wollte niemanden weiter in diese Sache hineinziehen und in Gefahr bringen.
   Schnell ging sie in die entgegengesetzte Richtung davon. Raus aus dem Bahnhof. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie sich wenden sollte. Sie wusste nur, dass sie irgendwie die Zeit bis Samstag überstehen musste.

*

Verflucht, diese kleine Schlampe hatte ihn gelinkt! Völlig außer Atem blieb Frank stehen. Immerhin hatte er es geschafft, die beiden Bullen abzuhängen.
   Er hatte viel zu lange herumgefackelt. »Keine Gewalt«, hatte Paul ihn ermahnt. »Mach ihr bloß Angst, das reicht. Sie soll sich nirgendwo mehr sicher fühlen. Aber tu ihr nicht weh.« Das Vergnügen würde sich Paul sicher selbst gönnen wollen, sobald er aus dem Knast heraus war.
   Die Kleine hatte Paul verpfiffen, und er war im Gefängnis gelandet. Zuvor hatte seine Exfreundin Pia ihn verraten. Paul schien ja in Sachen Frauen wirklich vom Pech verfolgt zu sein. Frank lachte böse. Das kam davon, wenn man sie ständig mit Samthandschuhen anfasste.
   Drei Monate lang hatten sie zusammen eingesessen, er und Paul. Paul war in seine Zelle gekommen, als er schon seit vier Jahren dort schmorte. Zu Beginn hatte er ihn nicht leiden können. Man roch den Schnösel an ihm zehn Kilometer gegen den Wind. Aber dann hatte Paul angefangen zu erzählen. Und nicht nur das. Er hatte ihm Geld versprochen. Viel Geld. Alles, was er tun musste, war, diese Bine einzuschüchtern. Sie zu verfolgen, ihr aufzulauern. Nirgends sollte sie sich mehr sicher fühlen.
   Als Frank endlich entlassen wurde, hatte Paul ihm einen Umschlag zugesteckt. Frank hatte keine Ahnung, wie Paul im Knast an Bines Foto und das Geld gekommen war, aber er wusste ja selbst, dass es immer Mittel und Wege gab, die unterschiedlichsten Dinge hineinzuschmuggeln. Alles, was man brauchte, waren gute Beziehungen. Und Kohle.
   Und davon hatte Paul scheinbar mehr als genug, denn am Tag seiner Entlassung hatte sich ein gewisser Jochen an Frank gewandt und ihm seine Handynummer gegeben. Er war ebenfalls auf Bine angesetzt, sollte sie aber nur heimlich beschatten, durfte sie jedoch niemals aus den Augen verlieren. Fürs Einschüchtern war er, Frank, zuständig. Er sollte ihr an den von ihr frequentierten Orten auflauern und sich ihr zeigen, wortlos, düster. Nur durch seine bloße Anwesenheit sollte er sie in Angst und Schrecken versetzen.
   Bisher war Frank mit sich sehr zufrieden gewesen. Die Angst in den Augen der Kleinen war so deutlich gewesen, dass ein Glücksgefühl ihn durchströmt hatte. Je länger er sie verfolgte und ihre Angst wuchs, desto stärker wurde sein Verlangen, sich ein wenig mit ihr zu vergnügen. Dagegen konnte Paul doch nichts haben. Er würde auch ganz sanft zu ihr sein.
   Andererseits hatte Frank Angst, dass Paul die Zahlung zurückhalten würde, die er ihm versprochen hatte, sobald Bines Angst groß genug war. Allerdings wusste Frank nicht, woran Paul diese Angst messen wollte.
   Er würde einfach warten, bis er das Geld hatte, und sich diese Bine dann ein wenig genauer vornehmen.
   Sein Handy klingelte. Er sah sich um, ob ihn jemand beobachtete, und drückte eine Taste. »Ja?«
   »Jochen hier. Hast du sie abgeschüttelt?«
   »Klar.« So klar war es nicht gewesen. Diese beiden Bullen waren ganz schön fit und hätten ihn um ein Haar eingeholt. Im letzten Augenblick war er entwischt.
   »Pass auf. Sie ist bei Planten un Blomen. Finde sie wieder und lass sie nicht aus den Augen.«
   »Und du?« Es ärgerte Frank, dass er für die Drecksarbeit zuständig und Jochen fein raus war.
   »Ich bin natürlich schon hier. Du weißt doch, dass ich sie nie aus den Augen verlieren darf. Und darin bin ich Profi.« Ein stummer Vorwurf klang in diesen Worten mit.
   Er traute es ihm also nicht allein zu. Ärgerlich beendete Frank das Gespräch, ohne auf Jochens letzte Bemerkung einzugehen.

Eine halbe Stunde später erreichte er den Park beim Congress Center. Trotz des schlechter werdenden Wetters waren eine Menge Leute unterwegs. Sie standen in Grüppchen zusammen, genossen ihren Feierabend oder Urlaub, prosteten sich mit Wein oder Bier zu und lachten. Andere schlenderten herum, bewunderten die vielen Blumen, entspannten auf Bänken oder standen wartend am Rande der Springbrunnen. In wenigen Minuten würde das Wasserlichtkonzert beginnen. Der auffrischende Wind schien sie nicht zu stören. Vielleicht ja der Regen, denn gerade begann es zu tröpfeln.
   Frank hatte für all das keinen Blick. Zügig bahnte er sich einen Weg durch das Gewühl, blickte in lachende Münder und leuchtende Augen. Wo steckte dieses Biest?
   Als ihm der Duft nach Bratwurst in die Nase stieg, begann sein Magen zu knurren. Er hatte seit Stunden nichts gegessen. Schnell kaufte er zwei Würstchen und verschlang sie, während er weiter durch den Park lief.
   »Hast du sie schon gefunden?«
   Frank verschluckte sich fast am letzten Bissen, als Jochen ihn so unerwartet ansprach.
   »Nein. Wieso ich? Du darfst sie doch nicht aus den Augen verlieren.«
   Jochen wurde rot. »Ich hab mir ein Fischbrötchen gekauft und nur wenige Sekunden nicht aufgepasst. Weg war sie.«
   »Ach?«, höhnte Frank. »Hier spricht der Profi, ich verstehe.«
   »Hör auf damit und konzentrier dich. Sie muss hier irgendwo sein. Es geht auch um deinen Kopf.«
   Frank starrte ihn an. »Du hast Schiss«, stellte er fest.
   Jochen erwiderte seinen Blick nicht, sondern schaute umher. »Streng dich an. Sie kann nicht weit sein.«
   »Such doch selbst!« Frank hatte genug von Jochens Bevormundung. Was fiel diesem arroganten Typen ein, ihn zu behandeln wie einen Dummkopf?
   Jochen schüttelte hochmütig den Kopf. »Es wird Paul nicht gefallen, wenn ich ihm erzähle, dass du …«
   »Er muss es ja nicht erfahren, oder? Dir ist sie doch durch die Lappen gegangen. Fürs Aufspüren bist du zuständig, schon vergessen?«
   Erneut errötete Jochen. Frank grinste befriedigt.
   »Sie ist hier irgendwo, nur wenige Meter entfernt. Verflucht, finde dieses Biest! Wenn sie wieder zu den Bullen geht, entkommst du vielleicht nicht noch einmal. Vergiss nicht, dass sie dein Gesicht kennt, meins aber nicht. Was musstest du sie auch so sehr erschrecken, dass sie keinen anderen Ausweg wusste, als …«
   »Na und? Die Idee war super. Die Kleine ist vor Angst fast ausgeflippt. Und das war doch Sinn der Sache, oder?«
   »Ja, schon. Aber …«
   Jochen war wie angewurzelt stehen geblieben. »Da«, flüsterte er. »Da vorn ist sie.«
   »Was? Wo denn?«
   »Hinter dem rosafarben blühenden Busch. Man sieht sie von hinten.«
   »Ich sehe nichts. Und wie willst du wissen, dass sie es ist, wenn du sie nur von hinten siehst?«
   Jochen hielt es nicht für nötig, zu antworten. Frank schnaufte ärgerlich. Jochen hielt sich ständig für was Besseres. Verdammt, warum hatte Paul nicht nur ihn mit dieser wichtigen Aufgabe betraut?
   »Du bist doch echt zu dämlich«, zischte Jochen abfällig. »Ich kann es spüren, dass sie es ist.«
   Sie hatten ihre Spur wiedergefunden.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.