Als Nele im strömenden Regen mitten in Johnny hineinläuft, ist es für beide Liebe auf den ersten Blick. Doch ihre Beziehung gestaltet sich von Anfang an schwierig. Johnny, zuvor Freebiker, hat den entscheidenden Fehler begangen, sich dem Living Darkness MC anschließen zu wollen – ohne zu ahnen, dass dieser Klub der Todfeind von Neles Freunden sowie ihres Bruders Till ist, der ihnen mit Krieg droht. Als er es herausfindet, will er sich von seinem neuen MC distanzieren, doch Bobby, der Präsident, lässt ihn nicht so einfach gehen. Er beginnt, Johnny zu erpressen und droht, Nele etwas anzutun, sollte Johnny nicht alles tun, was Bobby von ihm verlangt. In seiner Not wendet sich Johnny an den Klub von Neles Freunden, die Sea Crows. Doch als die herausfinden, dass er sich weiterhin mit Bobby trifft, wächst ihr Misstrauen. Nicht nur Johnny, sondern auch Nele sitzt plötzlich zwischen allen Stühlen. Bald weiß niemand mehr, wer auf wessen Seite steht und wem er noch trauen kann. Die Situation eskaliert, als Keule, Member der Sea Crows, zum Schein zu Bobbys Club wechseln will, um herauszufinden, was dieser plant, Bobby ihm jedoch auf die Schliche kommt. Ist ein Rockerkrieg noch abzuwenden?

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ISBN: 978-9925-33-098-0

Seiten: 273

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Natascha Kribbeler

Natascha Kribbeler
Natascha Kribbeler wurde in Hamburg geboren. Ihr Herz gehörte schon früh der Sehnsucht nach der weiten Welt. Interessiert an Fotografie, Geschichte und fremden Kulturen, arbeitete sie in ihrem erlernten Beruf als Rechtsanwaltsgehilfin, bis die Familiengründung sie nach Bayern verschlug, wo sie heute noch mit Mann und Sohn lebt. Getrieben von Heim- und Fernweh begann sie mit dem Schreiben. Bisher wurden vier Teile ihrer Fantasy-Reihe über Jandor, den ersten Vampir, bei Forever by Ullstein veröffentlicht, ebenso eine zweiteilige Rockstar-Romance-Reihe. Mit „Rockerbraut“ startete ihre Rocker-Reihe bei bookshouse, die sich mit „Rockerschutz“ und nun mit „Rockerliebe“ fortsetzte. 

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Leseprobe

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Prolog

Der Mann fiel um wie ein gefällter Baum, knallte mit dem Kopf auf den Boden und blieb bewegungslos liegen.
   Entsetzt presste Nele ihre Faust vor den Mund, um nicht zu schreien. Vor Schreck war sie nicht in der Lage, sich zu rühren. Selbst das Atmen bereitete ihr Mühe, und ihr Herz schlug schmerzhaft in ihrer Brust.
   War es ein Albtraum? Würde sie gleich in ihrem Bett erwachen, warm und sicher?
   Es war drei Uhr nachts, und sie hockte vollkommen reglos neben ihrem Auto. Instinktiv war sie in Deckung gegangen, als die Männer begannen, sich anzuschreien, noch bevor der Mann so hart ins Gesicht geschlagen worden war, dass er umfiel. Sie konnte ihren Blick nicht von ihm wenden. Das Licht der Laterne beleuchtete ihn nur schwach, und er war mindestens dreißig Meter von ihr entfernt. Doch die Panik schien ihre Sinne so geschärft zu haben, dass sie seine seltsam verrenkten Umrisse überdeutlich erkennen konnte. Und die glitzernde Lache, die sich neben seinem Kopf zu bilden begann.
   »Du hast ihn umgebracht, Mann!«, keuchte einer der Kerle schockiert, die um den Bewusstlosen – oder Toten? - herumstanden. Nele wurde zu Stein, als sie seine Stimme erkannte. Das konnte doch nicht wahr sein! Das durfte nicht wahr sein!
   Ihre Angst wurde zu Gewissheit, als er seinen Helm abnahm und sich neben die reglose Gestalt kniete. Es war zu dunkel, um Einzelheiten erkennen zu können, aber Nele kannte jede seiner Bewegungen im Schlaf. Sie liebte ihn. Seit einem Monat schon. Auch sein Haar verriet ihn, auch wenn sie seinen langen blonden Pferdeschwanz nur schemenhaft erkennen konnte.
   Zitternd beobachtete sie, wie er seine Hand ausstreckte, es aber nicht wagte, den am Boden Liegenden zu berühren. Was tat er hier? Und was zur Hölle ging hier vor?
   »So ’n Quatsch«, sagte einer der anderen Männer. Im schwachen Licht konnte Nele erkennen, dass er ein Hüne war. »Das war ’n Unfall. Ich wollte ihm nur eine verpassen. Konnte ja keiner mit rechnen, dass der umfällt wie ’n Baseballschläger. Der ist nicht tot, ich wette mit euch.«
   »Wieso musst du auch immer gleich losdreschen?«, fragte der Mann, den Nele nicht wiederzuerkennen wagte. Wie oft schon war sie neben ihm aufgewacht, wie oft hatte er sie zärtlich angesehen, sich über sie gebeugt und geküsst? Warum zum Teufel trieb er sich mitten in der Nacht mit diesen Kerlen herum?
   »Ach, halt doch die Schnauze! Was kann ich dafür, wenn der sich nicht abfängt und mit ’m Kopf genau auf den scheiß Stein knallt?«
   »Was machen wir denn jetzt?«, fragte ein anderer Mann, den Nele nicht erkennen konnte.
   »Abhau’n natürlich«, mischte sich ein Weiterer ein, der bisher geschwiegen hatte. Nele sah ihn nur von hinten, und er stand in den Schatten, sodass sie ihn nicht erkennen konnte.
   »Aber …«
   »Halt’s Maul! Oder willst du daneben liegen?«
   Der Mann, den sie zu lieben glaubte und der immer noch neben dem Gestürzten kniete, schwieg eine Sekunde. Dann jedoch schien er aus seiner Schockstarre zu erwachen und sprang auf die Füße. »Ihr wollt euch einfach aus dem Staub machen?«
   »Willst du uns etwa daran hindern?« Der Kerl, den Nele nicht erkennen konnte, griff in seine Jackentasche.
   Schockiert hielt sie den Atem an. Was hatte er dort? Eine Pistole?
   Ihr Freund – wenn er es denn wirklich war - hob beschwichtigend seine Hände. »Ist ja schon gut. Aber damit kommst du nicht durch.«
   Der Angesprochene fuhr zu ihm herum, seine Hand steckte immer noch in der Jackentasche. »Du willst mir drohen?«
   »Nein. Das ist ja eher deine Spezialität.«
   Zitternd beobachtete Nele, wie die anderen Typen zu einem Wagen gingen. Vielleicht ein Mercedes. Das konnte sie nicht erkennen, weil er abseits der Beleuchtung stand. Johnny stand immer noch da, beugte sich erneut zu dem Verletzten – oder Toten? – hinunter, und dann musste Nele einen Schluchzer der Erleichterung unterdrücken. Der Mann begann sich regen.
   »He«, hörte sie Johnnys Stimme und vernahm dessen Erleichterung. »Wie geht es dir? Mann, ich dachte, du bist tot. Kannst du aufstehen?« Er fasste den Niedergeschlagenen unter die Achseln und versuchte, ihn hochzuziehen. Noch ein Mann schälte sich aus den Schatten und fasste ebenfalls mit an. Er sagte etwas, sprach aber zu leise, als dass Nele ihn verstehen konnte.
   Sie wollte so gern zu ihm laufen und ihm helfen, aber sie wusste, dass sie es nicht tun konnte. Noch nicht. Nicht, solange die anderen Typen noch in der Nähe waren. Und wie würde Johnny reagieren, wenn er erfuhr, dass sie alles mitangesehen hatte? Seit einiger Zeit wurde sie nicht mehr schlau aus ihm. Aus allem, was er tat, machte er ein großes Geheimnis. Nein, ihr Instinkt riet ihr, sich noch zu verstecken.
   Als sie ein Geräusch hinter sich hörte, fuhr sie erschrocken herum. Angie, ihre Freundin, kam von der Toilette. Oh, lieber Himmel, hoffentlich sagte sie nichts! Wenn diese Kerle sie entdeckten … Voller Angst starrte sie ihr entgegen und legte rasch den Zeigefinger an die Lippen.
   Angies Augen weiteten sich erstaunt, und schnell wagte Nele einen Blick um die Motorhaube herum zu den Männern. Waren sie schon weg? Sie hatten gerade ihren Wagen erreicht, standen aber noch draußen. Bitte, steigt doch endlich ein, flehte sie stumm. Endlich öffnete der Beifahrer die Tür, stieg jedoch noch nicht ein. Nach einem letzten Blick auf Johnny und den Verletzten griff endlich auch der Fahrer zur Tür und …
   »Was machst du denn da?«, fragte Angie.
   Sie stand unmittelbar hinter Nele und hatte nicht einmal besonders laut gesprochen. Doch Nele erschienen die wenigen Worte so dröhnend wie ein Düsenjet. Ihr Herz klopfte nun so heftig, als wollte es aus ihrer Brust springen.
   »Psst!«, machte sie verzweifelt und versuchte, sich noch tiefer in die Schatten hinter dem Auto zu drücken.
   »Da ist doch wer«, erklang eine Männerstimme aus Richtung des Autos. Und auch Johnny schien sie gehört zu haben, denn er starrte misstrauisch genau in ihre Richtung.
   Endlich realisierte auch Angie, dass etwas nicht stimmte. »Was ist denn?«, wisperte sie und hockte sich neben ihre Freundin.
   Stumm wies Nele in Richtung der Schläger.
   Misstrauisch sah der Fahrer genau in ihre Richtung. »Geh mal nachgucken«, wies er den Beifahrer an.
   Neles Herz blieb fast stehen vor Angst. »Wir müssen hier weg. Sofort!«
   Und endlich wich ihre Erstarrung. Sie sprang auf, riss die Fahrertür auf und sprang ins Auto. »Los, komm!«, flüsterte sie hektisch.
   Glücklicherweise reagierte Angie genau richtig und stieg ohne weitere Fragen ebenfalls schnell ein. Nele drehte den Zündschlüssel, und der Motor erwachte zum Leben.
   Der Fahrer und der Beifahrer des Wagens waren inzwischen in höchster Alarmbereitschaft. Beide rannten auf sie zu, und einer schrie etwas, aber Nele konnte es nicht verstehen. Sie wollte es auch nicht. Hektisch rammte sie den ersten Gang hinein und gab Gas. Mit einem Ruck fuhr der Wagen los. Die beiden Männer waren nur noch wenige Schritte von ihnen entfernt, und Angie kreischte vor Angst. Nele legte den zweiten Gang ein, dann den dritten. Die Männer blieben hinter ihnen zurück. Als sie Johnny passierte, erkannte sie seine erschrocken aufgerissenen Augen. Und sie sah, dass er sie erkannte.
   Viel zu schnell raste Nele den beinahe verlassenen Parkplatz entlang. »Du hast kein Licht an«, keuchte Angie.
   Mit zitternden Fingern stellte Nele es an und sah in den Rückspiegel. Kamen sie schon hinter ihnen her? Was würden sie mit ihnen machen, wenn sie sie erwischten?
   Weit hinter ihr erwachte ein einzelner Scheinwerfer zum Leben. Ohne den Blinker zu setzen oder die Geschwindigkeit zu drosseln, bog Nele nach links in die Straße ein.
   »Pass auf!«, kreischte Angie. »Zieh links rüber!«
   Instinktiv stieg Nele auf die Bremse, während sie nach links auswich. Um Haaresbreite verpasste sie das Motorrad. Schockiert stoppte sie den Wagen.
   Der Fahrer hatte einen Helm auf, saß auf der Maschine und schien gerade losfahren zu wollen. Nun schob er seine Motorradbrille hoch und starrte sie an. Jetzt erst entdeckte Nele noch ein zweites Motorrad neben ihm. Auch dessen Fahrer sah zu ihr herüber. Angie, auf deren Seite die Männer standen, drehte ihre Fensterscheibe runter, um sich schnell zu entschuldigen, ehe sie weiterfuhren. »Du?«, entfuhr es ihr.
   Verzweifelt warf Nele einen Blick in den Rückspiegel, bevor sie wieder die Biker ansah. Sie konnte deren Gesichter in der fast vollkommenen Dunkelheit von ihrem Platz aus nicht erkennen. Und es war keine Zeit, sich über Angies Reaktion zu wundern. »Tut mir leid«, rief sie außer Atem. »Ich hab euch nicht gesehen. Ich …, wir …«
   »Haut ab«, brummte der Fahrer und setzte sich seine Brille wieder auf.
   »Was?« Im Rückspiegel erschien der einzelne Scheinwerfer, der sich rasch näherte. Und, schlimmer noch, unmittelbar dahinter brausten zwei weitere Lichter heran. Sie wirkten auf Nele wie die Augen eines Höllenhundes.
   »Fahr«, brüllte Angie entsetzt.
   Mit quietschenden Reifen gab Nele Gas, und ihr Fiat Punto machte einen Satz und preschte davon. Wie blind folgte sie der Hauptstraße und beschleunigte, ohne sich um das Aufheulen des Motors zu kümmern. Immer wieder sah sie in den Rückspiegel, während sie auf die linke Spur wechselte. Um diese Uhrzeit – es war schon nach drei Uhr nachts – waren nicht mehr viele Autos unterwegs, und so konnte sie gut beobachten, ob ihnen jemand folgte.
   Und tatsächlich erkannte sie immer noch den einzelnen Lichtkegel, der in gleichmäßigem Abstand hinter ihnen herfuhr, aber nicht näher kam. Die Gedanken rasten in ihrem Kopf. War es Johnny? Ein Gefühl sagte ihr, dass er es war. War sie wirklich gerade dabei, vor ihrem eigenen Freund zu fliehen? Was würde geschehen, wenn sie sich ihm stellte? Noch machte er keinerlei Anstalten, sie zu überholen und zum Halten zu zwingen.
   Endlich beruhigte sie sich ein wenig, ihr Herz schlug langsamer und sie konnte wieder leichter atmen. »Das Auto sind wir los«, sagte sie. Ihre Stimme klang merkwürdig belegt und kratzte im Hals.
   Angie warf einen Blick in den Seitenspiegel. »Aber einer klebt immer noch an uns dran. Hast du eine Ahnung, wer das sein kann?«
   Nele schluckte. »Ja.«
   Aus den Augenwinkeln sah sie, wie ihre Freundin erstaunt zu ihr herumfuhr. »Was?«
   »Johnny. Mein Freund.«
   »Dein Freund?«, wiederholte Angie verblüfft. »Aber … das verstehe ich nicht. Was hat der denn mit diesen Gestalten zu tun? Und warum fährst du weiter und wartest nicht auf ihn?«
   »Ich weiß nicht.« Nele schüttelte den Kopf. »Ich bin mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich ihn wirklich kenne. Ich weiß nicht, was er mit uns macht, wenn er …« Sie verstummte.
   Angie starrte sie mit aufgerissenen Augen an. »Aber …«
   Nele warf ihrer Freundin einen kurzen Seitenblick zu. »Wer waren die anderen? Du scheinst sie ja zu kennen.«
   Angie nickte. »Klar. Du kennst sie auch. Es waren Matze und Wolf.«
   »Was? Bist du dir sicher? Es ging so schnell und war so dunkel, ich konnte nichts erkennen. Aber was sollen die um die Zeit dort gemacht haben?«
   »Na ja, was haben wir um die Zeit da gemacht? Wir kamen vom Kneipenbummel, haben stundenlang gefeiert und mussten noch mal auf’s Klo. Die beiden werden das auch getan haben.«
   »So ein Zufall.« Nachdenklich sah Nele erneut in den Rückspiegel. Das Motorrad folgte ihnen in gleichmäßigem Abstand. Wer war Johnny für sie? Freund oder Feind? Sie wusste es nicht mehr. Was sollte sie denn bloß tun? Es war klar, dass sie nicht ewig weiterfahren konnte. Irgendwann musste sie anhalten.
   »Erzählst du mir jetzt, was da eben los war?« Angies Augen waren immer noch riesengroß. »Was waren das für Typen?«
   »Keine Ahnung. Als du auf dem Klo warst, stieg ich aus dem Auto, um frische Luft zu schnappen. Ein Stück entfernt standen diese Kerle. Die pöbelten sich gegenseitig an. Es wurde mir mulmig, und ich versteckte mich hinter dem Auto. Einer von denen schlug einem anderen mit der Faust ins Gesicht, und der fiel nach hinten um und … der sah aus wie tot, Angie!«
   »Was? Das ist ja entsetzlich! Wir müssen …«
   »Er lebt. Ich sah noch, wie er sich regte. Und wie Johnny versuchte, ihm aufzuhelfen. Dann bist du vom Klo gekommen, und sie haben uns bemerkt.«
   »Scheiße!«, entfuhr es Angie. »Das tut mir echt so leid. Ich konnte ja nicht ahnen, dass da gerade so was abgeht. Sorry, wirklich.«
   »Ich möchte wissen, wer das war«, überlegte Nele laut. »Ich konnte nicht viel erkennen, sah nur seinen Schatten.«
   »Wenn das nun einer ist, den wir kennen?«, fragte Angie ängstlich. »Und welchen Grund können diese Typen gehabt haben, ihn umzuhauen?«
   »Wirklich, ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, was ich mit meinem Freund machen soll. Wenn er das denn noch ist.« Zweifelnd sah Nele in den Rückspiegel.
   »Vielleicht haben die ihn geschickt, damit er uns abfängt und daran hindert, zur Polizei zu gehen.«
   »Möglich.« Immer wieder blickte Nele in den Rückspiegel. Zum Teufel, was sollte sie tun? Warum hatte sie so eine Angst davor, sich ihrem Freund zu stellen?
   »Es könnte aber auch Wolf oder Matze sein«, vermutete Angie. »Und er wartet verzweifelt darauf, dass wir endlich anhalten, damit er uns sagen kann, was los war.«
   »Das glaube ich nicht. Wenn es einer von ihnen wäre, würde er uns bestimmt überholen und uns ein Zeichen geben, winken oder so.« Nele machte eine kurze Pause. »Ich finde es immer noch seltsam, dass die beiden gerade zu diesem Zeitpunkt da auf dem Parkplatz waren. Ist schon ein sehr großer Zufall, oder?«
   »Aber was hätten sie denn da tun sollen?«
   »Keine Ahnung. Vielleicht Schmiere stehen?«
   Angie riss die Augen auf. »Weißt du, was du da sagst? Wenn sie Schmiere stehen würden, hieße das, dass sie selbst tief mit drinstecken in dieser Sache, worum auch immer es da geht. Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich kenne die Jungs schon lange, und die sind echt in Ordnung.«
   »Das glaube ich ja auch.« Nele schwieg verunsichert. Sie selbst hatte erst zweimal mit den Mitgliedern des Sea Crows MC zu tun gehabt, zu denen Wolf und Matze gehörten. Einmal hatte Till, ihr Bruder, sie zu einer Klubhausparty mitgenommen, und das andere Mal hatte sie einige von ihnen bei einer Geburtstagsfeier in deren Klubhaus getroffen, wohin Angie sie eingeladen hatte. Angie war ihre Freundin. Nele hatte sie erst vor ein paar Monaten kennengelernt, als sich die Motorradklubs ihres Bruders, die Red Hornets, und die Sea Crows, mit denen Angie oft abhing, verbrüderten. Nele glaubte Angie, wenn sie behauptete, die Jungs wären in Ordnung. In erster Linie aber vertraute sie dem Urteil ihres Bruders. Till war der Präsident der Red Hornets, und lange Zeit waren die Sea Crows seine erklärten Feinde gewesen. Dann jedoch tauchte ein neuer Klub auf, der Living Darkness MC, der die bisher ansässigen Klubs zur Auflösung zwingen wollte und mit Krieg drohte. Um sich besser durchsetzen und ihre Kräfte bündeln zu können, verbrüderten sich Till und Wolf, sein bisher ärgster Feind.
   Nele selbst hatte mit Motorradfahrern oder Klubs bisher kaum etwas zu tun gehabt. Wenn Till sie zu Treffen oder Partys einlud, hatte sie meist abgesagt, weil es sie nicht interessierte. Doch vor einem Monat hatte sich das schlagartig geändert.
   »Was machen wir denn jetzt?«, unterbrach Angie ihre Gedankengänge. »Wir können nicht ewig weiterfahren.«
   »Das stimmt. Ich werde hier jetzt anhalten, direkt an der Straße.« Wo wir notfalls um Hilfe schreien könnten, setzte sie in Gedanken hinzu.
   Sie setzte den Blinker, reduzierte die Geschwindigkeit und fuhr in die Parkbucht neben der Straße. Leer, verlassen und dunkel wirkte die Gegend. Nicht gerade einladend. Die Nähe der Wohnhäuser jedoch gab ihr eine gewisse Sicherheit. Überall hier schliefen Menschen oder saßen vielleicht sogar noch vor dem Fernseher. Oder sahen gerade aus dem Fenster, weil sie nicht schlafen konnten. Nele drehte den Zündschlüssel und stellte den Motor ab. Dann seufzte sie tief.
   »Unser Verfolger hat hinter uns gehalten«, flüsterte Angie kaum hörbar, als fürchtete sie, er könnte sie hören.
   »Ich weiß.« Nele wagte kaum, zu atmen und fixierte den Rückspiegel. Gerade schaltete Johnny seinen Scheinwerfer aus.
   Dunkel und bedrohlich saß er auf seinem Motorrad. Dachte sie das gerade wirklich? Er war ihr Freund, war der Mann, den sie liebte …
   »Worauf wartet der?«, hauchte Angie.
   Nele fasste erregt nach dem Arm ihrer Freundin. »Ich glaube, er kommt.« Ihr wurde schwindelig, und plötzliche Übelkeit breitete sich in ihrem Magen aus.

Kapitel 1
Vier Wochen zuvor

Fröstelnd hastete Nele die Fußgängerzone entlang. Böiger Wind trieb den Nieselregen fast waagerecht vor sich her und ihr direkt ins Gesicht. Bei diesem Wetter waren kaum Menschen unterwegs, und auch bei der Arbeit im Friseursalon war es heute ruhig gewesen. Sie zog ihre Kapuze tiefer ins Gesicht und freute sich schon auf einen heißen Tee zu Hause.
   Eigentlich liebte sie den Herbst. Sie konnte sich nicht sattsehen am bunten Laub, sie mochte den Nebel, der sich nur zögernd auflöste und die Welt in geheimnisvolle Schemen hüllte, und die Sonne, wenn es ihr gelang, sich hindurchzukämpfen. Auch den Sturm mochte sie, wenn er um die Häuser heulte. Es war einfach zu schön, sich zu Hause mit einem guten Buch in eine Decke zu kuscheln, Tee oder Kakao zu trinken und dem Brausen des Windes zuzuhören.
   Heute jedoch nervte das Wetter sie. Es war Anfang November, die meisten Bäume hatten einen Großteil ihres Laubes verloren, und das, was noch dranhing, würde nun bei diesem Wind herunterfallen. Der Regen sorgte dafür, dass es nicht fröhlich raschelte, wenn man darüberging, sondern dass es sich in kurzer Zeit in Matsch verwandelte. Außerdem lief seit dem Vormittag ihre Nase, und ihr Hals kratzte. Eine Erkältung würde ihr gerade noch fehlen.
   Missmutig wich sie einer großen Pfütze aus, die sich vor ihr erstreckte – und rannte direkt in den ihr entgegenkommenden Mann hinein. Der Ruck an ihrer Schulter war so heftig, dass sie herumgerissen wurde und ins Straucheln geriet.
   Doch ehe sie im Wasser landete, griff eine kräftige Hand nach ihrem Arm und hielt sie fest. »Hiergeblieben!«, rief eine energische Männerstimme, und Nele hörte das leise Lachen darin.
   Wie konnte der Kerl bei diesem Wetter so eine gute Laune haben? Neugierig hob Nele ihren Blick, um ihrem Helfer ins Gesicht zu sehen.
   Und hielt den Atem an. Verdammt, sah er gut aus. Hellblaue Augen strahlten sie an, und eine lange blonde Strähne hatte sich aus seinem Pferdeschwanz gelöst und hing über seiner Wange. Blonde Bartstoppeln bedeckten ein markantes Kinn, und ebenmäßige Lippen grinsten sie an.
   »Nicht so stürmisch, Lady«, rief er fröhlich.
   Nele hatte sich wieder gefangen. »Oh, äh …, danke«, murmelte sie.
   Der Kerl starrte sie an, ohne mit dem Grinsen aufzuhören. »Es wäre hilfreich, die Kapuze nicht ganz so fest zuzuschnüren«, erklärte er. »Dann kannst du besser sehen, in wen du hineinläufst.« Er brachte es fertig, noch breiter zu grinsen. »Und vor allem könnte ich dann mehr von der Braut erkennen, der ich während der nächsten Wochen einen blauen Fleck an der Schulter verdanke.«
   Nele spürte, wie sie errötete. »Sorry.« Nun erst spürte sie, dass ihre eigene Schulter schmerzte, und unwillkürlich rieb sie darüber. »Geht mir ebenso«, setzte sie hinzu. Ohne es eigentlich zu wollen, löste sie die Verschnürung ihrer Kapuze ein wenig. Plötzlich brauchte sie mehr Luft.
   Zu ihrer Verwunderung erheiterte das ihr Gegenüber noch mehr. »Ah!«, rief er. »Ich sehe zumindest einen Teil eines Gesichts. Hübsch, so weit ich das erkennen kann.«
   Der war ganz schön frech. »Und dir würde ich einen Regenschirm empfehlen«, riet sie. »Was ich sehe, ist ein nasser Pudel.« Tatsächlich tropfte das Wasser aus seinen Haaren und von seinem Kinn. Seine schwarze Lederjacke schien sich ebenfalls mit Wasser vollgesogen zu haben.
   Bevor er antworten konnte, musste sie niesen. Und gleich noch einmal. Und noch mal.
   »Hoppla«, rief der Blonde. »Ich glaube, da muss jemand aus dem Regen heraus.« Er warf einen Blick über die Schulter und wies mit der Hand. »Wie wäre es mit einem Kaffee da drüben? Etwas zum Aufwärmen können wir wohl beide gebrauchen.«
   Nele starrte ihn an. Der ging ja ganz schön ran. Aber warum eigentlich nicht? Ein heißes Getränk war eine verlockende Vorstellung. Und noch eine Weile länger die Gesellschaft dieses Typen ebenfalls.
   Wenige Augenblicke später betrat sie vor ihm das Café, während er ihr die Tür aufhielt. Wärme umfing sie, Geplauder von den Tischen, leise Musik. Ein Golden Retriever lag unter einem Tisch und sah mit hängender Zunge zu ihr auf. Es wirkte, als lächelte er.
   Auch Nele lächelte, als sie sich auf einen Stuhl an einem Tisch am Fenster setzte. Der Blonde hängte seine nasse Jacke an die Garderobe und setzte sich ihr gegenüber.
   Verstohlen musterte Nele ihn. Er trug ein schwarzes Shirt mit der Aufschrift »Born to Ride«, mehrere Silberringe an den Fingern und einen Ohrring im linken Ohrläppchen.
   »Hier ist es doch schon viel angenehmer zum Kennenlernen«, sagte er und hielt ihr seine Rechte hin. »Ich heiße Johnny. Und ich bin sehr erfreut, hier mit dir zu sitzen.«
   »Nele«, erwiderte sie.
   Sein Händedruck war angenehm, fest und warm.
   Die Kellnerin trat an ihren Tisch. »Was kann ich Ihnen bringen?«
   Nele überlegte. »Hm. Einen Cappuccino vielleicht. Hauptsache heiß.«
   »Zwei Pharisäer«, bestellte Johnny und hielt zwei Finger hoch.
   Die Kellnerin blickte von Nele zu ihm. »Also zwei Pharisäer für Sie und einen Cappuccino für Sie?«
   »Nein.« Johnny schüttelte den Kopf. »Meine Freundin hier bekommt gerade eine Erkältung und braucht etwas richtig Heißes. Einen für sie und einen für mich.«
   Fragend sah die Kellnerin Nele an. »Also einen Pharisäer für Sie? Oder doch einen Cappuccino?«
   Nele lächelte. »Also wenn der Herr Doktor hier den Pharisäer für die bessere Medizin hält, probiere ich das doch mal.«
   Grinsend verschwand die Kellnerin.
   »Drängst du immer anderen Leuten deinen Willen auf?«, wandte sich Nele an ihren Begleiter.
   »Nur, wenn es zu deren Besten ist.« Grinsend nahm Johnny sein Haargummi heraus und löste seinen Pferdeschwanz. »So trocknen sie besser«, erklärte er und strahlte.
   Nele konnte nicht anders, als ihn anzustarren. Machte er das mit Absicht? Wusste er überhaupt, wie sexy er mit offenen Haaren wirkte?
   »Was hast du da draußen im Regen gemacht?«, fragte sie. Ihr Blick glitt über die Aufschrift auf seinem Shirt und zu seiner Lederjacke. »Fährst du Motorrad?«
   »Ah, da kennt sich jemand aus. Ja, das tue ich. Eigentlich hatte ich vor paar Tagen meine Maschine abgemeldet. Jetzt kommt der Winter, wann fährt man da schon mal?«
   »Eigentlich?«, fragte Nele neugierig.
   Er zögerte einen Augenblick. »Na ja, bisher fuhr ich allein herum oder mal ganz locker mit ein paar Freunden. Vor Kurzem lernte ich auf einem Treffen paar Leute kennen, hier aus der Gegend. Und sie fragten mich, ob ich nicht Lust hätte, mich ihrem Klub anzuschließen. Warum nicht?, dachte ich. Ist doch nett, mit Kumpels gemeinsam zu Partys oder Treffen zu fahren, einer Gemeinschaft anzugehören. Als Freebiker ist man leicht mal außen vor, das gefiel mir nicht mehr. Also sagte ich zu. Tja, aber die erste Regel des Klubs lautet, seine Kiste das ganze Jahr über zu fahren.«
   »Oh«, sagte Nele. »Das hört sich ziemlich unangenehm an. Du sprichst nicht zufällig von den Red Hornets? Mein Bruder ist deren Präsident. Allerdings fährt er bei Sauwetter, so wie heute, lieber Auto.«
   Johnny sah sie erstaunt an. »Dein Bruder ist Präsi bei den Hornets? Von denen habe ich schon gehört. Ich kenne aber bisher niemanden von ihnen.«
   »Wie heißt denn der Klub?« Dann könnten es eigentlich nur die Sea Crows sein. Nicht, dass Nele ein Profi in dieser Beziehung war, aber mehr Klubs kannte sie in Stade nicht. Sie wusste, dass Till bis vor Kurzem nicht gerade gut auf die Crows zu sprechen gewesen war, sich dann aber mit ihnen verbündet hatte. Den Grund dafür kannte sie allerdings nicht. Klubinterne Sachen erzählte ihr Bruder ihr nicht, und bisher hatte es sie auch nicht interessiert. Das änderte sich jedoch gerade. Johnny machte die ganze Sache auf einmal interessant.
   »Es ist der Living Darkness MC. Der ist neu hier in der Gegend und sucht noch Mitglieder.«
   »Kenne ich gar nicht.«
   »Macht ja auch nichts. Lass uns lieber über dich sprechen. Was machst du so, wenn du nicht gerade mit fremden Männern in Cafés herumsitzt?«
   Während Nele von ihrem Beruf als Friseurin erzählte, servierte die Kellnerin ihre Pharisäer, und nachdem Nele an dem heißen und süßen Getränk genippt hatte, musste sie zugeben, dass es eine hervorragende Idee von Johnny gewesen war. Ihr war schon gar nicht mehr so kalt.

Eine halbe Stunde später stand das zweite Heißgetränk vor ihr, und ihre Wangen begannen vor Hitze zu glühen. Und vor Aufregung. Denn Johnny gefiel ihr von Minute zu Minute besser. Sie ertappte sich dabei, immer länger in seine Augen zu schauen, während sie von ihrem Kater erzählte, der sicher schon auf sie wartete, und von den Dingen, die sie gern tat, wie fotografieren oder backen.
   Er war ein aufmerksamer Zuhörer, der sich wirklich für sie zu interessieren schien, und ein oder zweimal fasste er sie wie zufällig am Arm, während er etwas erzählte. Ein anderes Mal streiften sich ihre Finger, als sie zugleich zur Zuckerdose griffen.
   Es war schon dunkel, als sie wieder ins Freie traten, aber wenigstens hatte es aufgehört zu regnen.
   »Also gut«, sagte Nele. »Ich muss jetzt nach Hause. Frodo wartet sicher schon sehnsüchtig. Er ist extrem verfressen, musst du wissen.«
   Johnny lachte fröhlich. »Dann passt er gut zu mir!« Doch unvermittelt wurde er ernst, und sein tiefer Blick ließ Nele erschaudern. »Wie sieht’s aus? Gibst du mir deine Telefonnummer?« Er griff in seine Jackentasche und holte sein Smartphone hervor.
   Wenige Augenblicke später hatten sie ihre Nummern ausgetauscht, und fast war Nele enttäuscht, als Johnny sie am Oberarm anfasste, ihn kurz drückte, ihr zunickte, sich abwandte und ging. Einige Sekunden lang blieb sie noch stehen und sah ihm nach. Seine Schritte waren lang und federnd. Man sah ihm an, dass er viel Sport machte. Gerade, als sie sich zum Gehen umwenden wollte, sah sie, wie er sich noch einmal zu ihr umdrehte. Das Licht eines Schaufensters fiel auf sein Gesicht, und ihr Herz schlug schneller beim Anblick seines verschmitzten Lächelns. Er hob die Hand, winkte kurz und ging weiter.
   Beschwingt ging Nele nach Hause, wo Frodo sie schon vorwurfsvoll maunzend erwartete. Während sie sein Futter in die Schüssel füllte und er sich hungrig an ihre Beine schmiegte, hörte sie eine eingehende Nachricht auf ihrem Handy.
   »War toll, dich kennenzulernen, Schneckchen. Wie wär’s morgen mit Kino? Stehst du auf Action?«
   Schneckchen? Nele kicherte, während sie ihre Antwort tippte. »Ja, die Pharisäer waren super. Morgen läuft doch die neue Liebesschnulze an, was meinst du?«
   Grinsend stellte sie sich den Biker Johnny mit Lederjacke, Silberschmuck und Pferdeschwanz inmitten einer Meute sehnsüchtig schmachtender Mädchen im Kinosessel vor.
   Seine Antwort bestand aus einem Smilie mit Herzaugen.

*

Am nächsten Tag stand Johnny pünktlich zu Neles Feierabend vor dem Friseursalon und wartete. Eigentlich hätte er heute ins Klubhaus fahren sollen. Als Hangaround musste er im Grunde täglich dort vorbeischauen und nachfragen, ob seine Hilfe vonnöten war. Auf der anderen Seite wäre es schon nicht so schlimm, wenn er mal einen Tag aussetzte. Als Freebiker war er es nicht gewohnt, sich an Zeitvorgaben zu halten, und musste sich erst umgewöhnen. Aber er war entschlossen, es mit dem Klub zu versuchen, denn es war sicher ein tolles Gefühl, in einem großen Pulk auf Treffen zu fahren oder sich in jeder Situation blind auf seine Brüder verlassen zu können.
   Durch die große Fensterscheibe konnte er Nele sehen, wie sie die Haare des letzten Kunden zusammenfegte. Ihr hellbraunes Haar hatte sie zu einem Zopf gebunden, und gerade lachte sie hell auf, während ihre Kollegin an der Kasse stand und etwas erzählte.
   Sie schien zu spüren, dass sie beobachtet wurde, denn plötzlich fuhr sie zu ihm herum und sah ihn an. Johnny tat einen tiefen Atemzug, als sich ihre grünen Augen auf ihn richteten, und erfreut erkannte er ihr Aufblitzen. Sie winkte ihm kurz zu und fegte weiter. Sollte er in den Laden gehen und dort auf sie warten? Nein, er entschied sich anders. Von hier draußen konnte er sie viel besser beobachten. Sie war wirklich sehr hübsch, schlank und zierlich, und sie schien zunehmend nervös zu werden, fegte schneller und sah immer wieder kurz zu ihm hin.
   Johnny lächelte, als er an gestern dachte. Wie eine Dampfwalze war sie in ihn hineingerannt. Er mochte lieber Sonnenwetter, aber in diesem Fall war er dem Schmuddelwetter von gestern dankbar, denn es hatte ihm Nele direkt in die Arme getrieben.
   Gerade, als er sah, wie sie ihre Jacke anzog, erreichte ihn eine Nachricht. Rasch sah er aufs Display seines Handys. »Heute Abend um zwanzig Uhr im Klubhaus.«
   Nee, das konnten die vergessen. Heute hatte er schon was Anderes vor. Etwas Besseres. »Geht heute nicht«, tippte er. »Ich komme morgen vorbei.«
   In dem Moment trat Nele aus dem Laden. Mit leuchtenden Augen sah sie ihn an.
   »Schneckchen«, begrüßte er sie und wagte es einfach, sie zu umarmen. Zu seiner Erleichterung ließ sie es sich gefallen. Er drehte den Kopf, um an ihrem Haar riechen zu können. Wie gut es duftete.
   »Hi«, sagte sie. »Aber warum Schneckchen?« Langsam löste sie sich von ihm und sah ihn neugierig an.
   Er hielt ihr die Hand hin, und zu seiner großen Freude ergriff sie sie. Langsam ging er los, sich ihrer Hand in seiner bewusst. Ein Gefühl, das ihn mit leichtem Stolz erfüllte. Und mit Glück. »Na ja, gestern war genau das richtige Wetter für Schnecken. Bei Nieselregen kommen sie heraus. So wie du.«
   Nele lachte, und in Johnnys Ohren klang es hell wie Glockenläuten. Was war los mit ihm? So kannte er sich gar nicht. Während seiner vorherigen Beziehungen hatte er niemals solche Gedanken gehabt.
   »Ich bin froh, dass du mich nicht ‚Dampfwalze‘ nennst! So wie ich in dich hineingerannt bin.« Sie sah zu ihm auf. »Und, bist du bereit für die Liebesschnulze?«
   Sie kann Gedanken lesen, dachte Johnny. »Mit dir bin ich zu allem bereit.« Du lieber Himmel! Er musste krank sein. Oder war er gedanklich schon im Kino? Noch nie im Leben hatte er sich eine Schnulze angesehen, und im Grunde hatte er das auch niemals vorgehabt. Wenn das seine Kumpels erfuhren! Aber dann sah er Nele an, die fröhlich neben ihm herging, und wusste, dass er sich auch Liebesfilme in Dauerschleife ansehen würde. Hauptsache, sie wäre glücklich. Und bei ihm.
   Aber sie überraschte ihn. Im Kino steuerte sie schnurstracks die Kasse an und kaufte zwei Karten für die neue Fantasyverfilmung. Keine Schnulze, sondern Action, wenn auch nicht in der Art, die ihm vorgeschwebt hatte.
   »Und der Liebesfilm?«, fragte er unsicher. Nicht, dass er sie auf dumme Gedanken bringen wollte, aber er verstand das nicht ganz.
   Sie lachte hell auf. »Du meine Güte, hast du das ernsthaft geglaubt? Ich mag vieles, aber das ganz gewiss nicht!«
   Außerdem bestand sie darauf, die Tickets zu zahlen, weil er gestern schon die Pharisäer bezahlt hatte.
   »Wie geht es dir eigentlich?«, fragte er, während sie zum Saal gingen. »Was macht die Erkältung?«
   »Unverändert. Ich habe mehrere Packungen Taschentücher eingepackt, für den Notfall. Und Hustenbonbons.«
   »Oje. Eigentlich gehörst du ja ins Bett und nicht ins Kino.«
   »Blödsinn. Hier muss ich doch nur sitzen und werde bestens von meiner verstopften Nase abgelenkt.« Der Blick, den sie ihm zuwarf, machte ihn nervös. So, als meinte sie mit der Ablenkung nicht unbedingt den Film.
   Sie fanden ihre Reihe, und während sie zu ihren Sitzen gingen, klingelte sein Telefon. Ohne es herauszuholen, schaltete Johnny es aus. Wer auch immer jetzt etwas von ihm wollte, hatte Pech gehabt. Dieser Abend gehörte nur ihm und Nele.
   Sie teilten sich eine riesige Cola und eine Großpackung Popcorn, und wenn sie nicht gerade aßen oder etwas tranken, hielten sie Händchen. Vom Film bekam Johnny nicht allzu viel mit. Er mochte Fantasy, und er mochte Action und Abenteuer, aber noch viel mehr mochte er es, Neles Hand in seiner zu spüren oder sie von Zeit zu Zeit von der Seite anzusehen. Ihre Augen funkelten vor Vergnügen, und in ihren Wangen zeigten sich Grübchen, wenn sie lachte. Dann wieder presste sie seine Hand so fest, als würde sie mit den Helden auf der Leinwand mitleiden.
   Zweieinhalb Stunden später verließen sie das Kino, und Johnny bestand darauf, Nele nach Hause zu begleiten. »Es ist schon spät, es ist dunkel, und man weiß nie, wer sich zu dieser Zeit hier draußen herumtreibt. Keine Widerrede, Schneckchen.«
   Sie wohnte in einer ruhigen Wohngegend mit zweistöckigen Mehrfamilienhäusern, alten Bäumen entlang der Straße und breiten Rasenflächen. Als Nele vor ihrer Haustür stehen blieb, fühlte sich Johnny aufgeregt wie ein Schuljunge. Er wollte nicht gehen, wollte sich nicht von ihr trennen. Am liebsten würde er mit hineingehen, sich an sie kuscheln und die nächsten Wochen nicht mehr von ihr fortgehen.
   Aber er wusste auch, dass er das nicht tun konnte. Sie war nicht einfach eine Affäre, war kein One-Night-Stand. Sie war mehr für ihn. Und er wollte es nicht verbocken.
   »Ja, dann …«, sagte er und sah sie an.
   Was würde er tun, wenn sie ihn hineinbitten würde? Klar würde er mitgehen, aber dann …
   »Es war ein schöner Abend«, sagte sie.
   Ihre Augen funkelten im Licht der Straßenlaterne. Ihre Lippen öffneten sich ein wenig.
   Wie ferngesteuert beugte sich Johnny vor. Mit einer Hand umfasste er Neles Taille, mit der anderen ihren Kopf. Wie weich ihr Haar war, fein wie Seide. Und wie schlank und biegsam ihre Taille. Selbst durch ihre dicke Jacke hindurch konnte er es spüren, und Hitze stieg in ihm auf. Als sich seine Lippen auf ihren Mund legten, durchfuhr ihn ein heißer Strom wie glühende Lava. Sanft küsste er sie, und bald schlängelte sich ihre Zunge seiner entgegen. Johnny stand in hellen Flammen. Heftig presste er Nele an sich, bereit, sie nie wieder loszulassen.
   Ihr inniger Kuss schien eine Ewigkeit anzudauern, und die Welt hätte in diesem Augenblick untergehen können, Johnny hätte es nicht bemerkt.
   Doch dann öffnete sich die Tür, und ein Mann trat heraus. Mit einem Kopfnicken grüßte er Nele und sah Johnny leicht misstrauisch an.
   Nele löste sich von ihm, und plötzlich war es Johnny kalt und er fühlte sich, als wäre ihm ein Teil seiner selbst genommen worden. Er sah, wie sie ihrem Nachbarn ebenfalls zunickte, ehe sie sich wieder ihm zuwandte. »Ich muss dann jetzt rein«, sagte sie. »Es ist spät, und ich muss früh raus. Du ja auch.«
   Ja, das musste er. Er arbeitete als Schweißer in einem kleinen Betrieb, und sein Chef legte größten Wert auf Pünktlichkeit.
   »Sehen wir uns morgen?«, fragte er.
   Sie lächelte. »Klar. Gleiche Zeit, gleicher Ort? Wir könnten essen gehen. Ich kenne einen ganz schnuckeligen kleinen Griechen. Der gebackene Feta ist einfach köstlich, den musst du probieren.«
   »Hört sich lecker an. Also dann bis morgen.« Langsam entfernte sich Johnny rückwärtsgehend von Nele, um keine einzige kostbare Sekunde zu verpassen, in der er sie ansehen konnte.
   Als sie im Haus verschwunden war, holte er sein Handy hervor, um nachzusehen, wer ihn vorhin hatte sprechen wollen, und schaltete es ein. Bobby. Oje. Wenn der Präsident des Living Darkness MC ihn persönlich anrief, hatte das etwas Wichtiges zu bedeuten. Das konnte gut für ihn sein. Oder sehr schlecht.

Kapitel 2

Als Nele am folgenden Morgen erwachte, fühlte sie sich, als wäre sie mit voller Wucht gegen eine Wand gelaufen. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Ihr Kopf hämmerte wie ein Presslufthammer, und ihr ganzer Körper fühlte sich zerschlagen an. Jeder einzelne Muskel tat ihr weh, als sie sich langsam aufrichtete und die Beine über die Bettkante schwang. Einen Moment lang war ihr schwindelig, und sie versuchte, tief durchzuatmen, damit es verging. Das war schwierig, weil ihre Nase so verstopft war, dass kaum noch Luft hindurchging. Ihr Hals kratzte und schmerzte, und plötzlich musste sie niesen und gleich darauf husten. Ihr war kalt und heiß zugleich.
   »Scheiße!«, fluchte sie und legte prüfend die Hand auf die Stirn. Hatte sie Fieber? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall war sie verschwitzt.
   Als sie vorsichtig aufstand, wurde ihr auch noch übel. So würde sie heute nicht arbeiten können. Verdammter Mist. Auch aus ihrem Treffen mit Johnny würde nichts werden. Sie war total wackelig auf den Beinen. Und sie wollte ihn nicht anstecken.
   Sie putzte sich die Zähne, stellte sich unter die heiße Dusche und rief anschließend bei ihrer Chefin an, um sich krankzumelden.
   »Ich hab das schon erwartet«, sagte Manuela mitfühlend. »Man spürte gestern schon, dass du was ausbrütest. Allerdings dachte ich, dass die Glückshormone die Viren vielleicht noch bekämpfen würden.« Sie lachte.
   Nele versuchte es ebenfalls, wurde aber sofort von einem Hustenanfall unterbrochen. »Tut mir leid«, keuchte sie, als sie wieder Luft bekam.
   »Kein Problem. Ich ruf Christina an, ob sie die nächsten Tage einspringen kann. Werde du jetzt erst mal wieder gesund. Schlaf dich aus, trinke heißen Tee – und vielleicht ist da ja einer, der dich ein wenig verwöhnen kann.« Wieder lachte sie.
   »Das kannst du vergessen«, schniefte Nele. »Ich will ihn nicht anstecken, das hat er nicht verdient.«
   »Dann muss er ja ein Goldstück sein«, erwiderte Manuela fröhlich.

Eine halbe Stunde später saß Nele im Wartezimmer ihres Hausarztes. Der stellte schließlich eine ausgewachsene Grippe fest, schrieb sie krank und verordnete ihr strikte Bettruhe.
   »So ein Mist«, jammerte Nele, während sie zu Hause ihre Medikamente einnahm, ihren Schlafanzug anzog und sich ins Bett legte. Es ging ihr wirklich hundeelend.
   Bevor sie aber einschlief, warf sie noch einen Blick auf ihr Handy. Die drei Nachrichten von Johnny hatte sie heute Morgen nur ganz kurz gelesen. Es ging ihr einfach zu schlecht, um sich richtig darüber freuen zu können. Nun jedoch las sie jede Einzelne langsam noch einmal durch.
   »Danke für den schönen Abend«, schrieb er. Und dass er ständig an sie denken müsse. Und er freue sich schon sehr auf den Abend und könne ihn kaum noch erwarten.
   »Ach, ist das blöd«, schimpfte Nele, während sie ihm rasch eine Nachricht schrieb. »Ich muss leider absagen. Die Grippe hat mich erwischt. Bin krankgeschrieben. Ich hoffe, wir können unser Treffen ganz schnell nachholen.«
   Dann legte sie ihr Handy auf den Nachttisch, schloss die Augen und war kurz darauf eingeschlafen.

*

Johnny war enttäuscht, besorgt und erleichtert zugleich, als er Neles Nachricht las. Sein armes Schneckchen! So eine Grippe war schon etwas Gemeines. Also hatte sein Geheimrezept, die Pharisäer, den Ausbruch nur hinausgezögert, aber nicht verhindert. Schade.
   Auf der anderen Seite kam es ihm ganz gelegen, dass er Nele gerade sowieso nicht sehen konnte. Denn er hatte ein Problem.
   Nachdem Nele und er sich am Vorabend verabschiedet hatten, hatte er bei Bobby zurückgerufen. Er hatte den Präsidenten erst ein paarmal gesehen, aber er wusste bereits, dass er sehr schnell sehr ungehalten werden konnte. Und dass man besser versuchte, ihn nicht zu verärgern.
   Nun, wie es schien, hatte er das bereits getan.
   »Du bist heute nicht gekommen«, begrüßte ihn Bobby. Seine Stimme klang vollkommen neutral, weder verärgert noch wütend.
   »Nein. Mir ist etwas dazwischengekommen. Etwas … Wichtiges. Aber morgen komme ich auf jeden Fall.«
   »Und du hast mich weggedrückt.« Bobby ging nicht auf Johnnys Ausrede ein. Dafür wurde seine Stimme immer leiser. Johnny wusste inzwischen, dass das ein sehr schlechtes Zeichen war.
   »Tut mir echt leid. Aber es war ein wirklich wichtiger Termin. Ich konnte das nicht absagen.« Johnny fühlte sich plötzlich wie ein kleiner Junge, der sich vor seinem strengen Vater rechtfertigen musste. Mit einem Mal wurde er wütend. Für wen hielt sich Bobby denn? Er war weder sein Chef noch sein Erziehungsberechtigter. Johnny war erwachsen. Er hatte keine Lust, irgendjemandem Rede und Antwort zu stehen. Und wenn er das musste, würde er die Idee mit dem Klub schnell wieder bleibenlassen. Dafür war ihm seine Freiheit zu wichtig.
   Bobby schien sehr feine Antennen zu besitzen. Als er weitersprach, hatte sich sein Tonfall vollkommen verändert. »Na ja, das kommt schon mal vor, was?«, fragte er kameradschaftlich. »Wie sieht es denn mit morgen Abend aus? Du solltest hier sein. Alle Member werden kommen. Es gibt wichtige Dinge zu besprechen.«
   Morgen wollte er mit Nele essen gehen. Und das bedeutete ihm sehr viel. Andererseits war ihm klar, dass er Bobby nicht noch mehr verärgern durfte. Und das Treffen morgen schien ja wirklich wichtig zu sein. Er seufzte. Also gut, morgen hätte Bobby Vorrang. Nele und der MC würden sich die Abende eben teilen müssen. Anders ging es momentan nicht. Und bald würde er eine Entscheidung treffen, wie es weitergehen würde. Ob er Member im MC werden wollte oder doch lieber frei bleiben würde.
   In dieser Nacht schlief er schlecht. Er träumte von Neles traurigem Gesicht, als er ihr absagte. Erst gegen Morgen schlief er ein und hörte dann fast seinen Wecker nicht. Er musste sich beeilen, um noch pünktlich zur Arbeit zu kommen, und schaffte es nicht mehr, sich vorher noch bei Nele zu melden.
   Dafür las er in der Mittagspause von ihrer Grippe und ihrer Absage. Er schämte sich, dass das erste Gefühl, das ihn dabei durchströmt hatte, Erleichterung war. Aber er wusste, dass er Bobby nicht noch einmal versetzen durfte.
   Er schickte Nele eine lange Nachricht mit guten Besserungswünschen und drückte sein großes Bedauern aus, betonte aber, wie wichtig es sei, dass sie sich nun schonte und gesund wurde. Und er würde sich bald wieder bei ihr melden.
   Am Abend fuhr er zum Klubhaus. Jedes Mal, wenn er es erblickte, beschlich ihn ein mulmiges Gefühl. Das Gelände glich einem Gefängnistrakt. Das gesamte, große Grundstück war von einem hohen Maschendrahtzaun umgeben und von einer dicken Lage Stacheldraht gekrönt. Noch bevor er die Klingel am großen Tor drücken konnte, kam bellend das Begrüßungskomitee angelaufen. Rambo und Rocky, die beiden Rottweiler, begrüßten ihn knurrend, aber immerhin schon nicht mehr ganz so wild wie am Anfang. Sie schienen ihn langsam als zugehörig zu erkennen.
   Johnny verstand nicht ganz, warum Bobby sich und seinen Klub hier so einmauerte. Er hatte doch nichts zu verbergen. Oder? Vielleicht hatte er schon mal schlechte Erfahrungen gemacht, war vielleicht überfallen und ausgeraubt worden? Aber im Ernst, welcher Einbrecher würde sich ausgerechnet das Haus eines Rockerklubs aussuchen? Wahrscheinlich war es einfach nur Bobbys Art, Eindruck zu schinden. Er wollte sich wichtig machen. Sollte ihm das kleine Vergnügen gegönnt sein. Auch wenn die anderen MCs, die er kannte, das nicht nötig hatten. Er war schon auf Klubpartys anderer Klubs hier in der Gegend gewesen. Niemand von denen hatte sich so abgeschottet.
   Das Erscheinen dreier Rocker beendete Johnnys Gedanken. Wie üblich führten zwei von ihnen die Hunde an den Halsbändern fort, während der Dritte das Tor öffnete. Manny verzog keine Miene, während er ihn durchwinkte und das Tor wieder verschloss.
   »Hi«, grüßte Johnny, während er vom Motorrad stieg und seinen Helm abnahm.
   Manny nickte ihm knapp zu. »Geh am besten gleich rein«, sagte er. »Der Boss ist nicht besonders gut drauf.«
   Bobby stand mit einigen anderen vor dem Eingang zum Klubzimmer. Die tätowierten Seiten seines Schädels sowie sein längeres Deckhaar, das er zu einem kleinen Schwänzchen gebunden trug, waren unverkennbar. Als er Johnny kommen sah, richtete er seinen Blick auf ihn, und er erschien Johnny wie die kalte Mündung eines Gewehrs.
   »Da bist du ja«, sagte Bobby unerwartet freundlich und wandte sich ihm zu. Mit einer Handbewegung schickte er die anderen schon ins Klubzimmer, zu dem während der Besprechungen nur Member Zutritt hatten.
   Plötzlich klopfte Johnny das Herz bis zum Hals. »Ja«, erwiderte er.
   Bobby warf einen Blick auf seine Uhr, bevor er wieder Johnny ansah. »Und das pünktlich auf die Minute. Hervorragend. Pünktlichkeit ist extrem wichtig, weißt du?«
   Johnny nickte. »Noch mal sorry wegen gestern. Wie gesagt, mein Termin war sehr wichtig, und ich …«
   »Hör gut zu«, sagte Bobby, und plötzlich war seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Ein kalter Schauder überlief Johnny. »Ich sage das jetzt nur einmal, also merke es dir gut. Ich erwarte von meinen Männern absolute Zuverlässigkeit. Nicht nur von den Membern, sondern auch, und sogar ganz besonders, von den Prospects und Hangarounds. Ich muss doch wissen, wer sich uns anschließen will, das verstehst du doch, oder? Wenn nun jeder einfach so kommt oder geht, wie es ihm passt, wie soll ich dann wissen, auf wen ich mich im Ernstfall verlassen kann?«
   Ernstfall? Was zur Hölle meinte Bobby damit? Sie trafen sich, um gemeinsam Motorrad zu fahren, zu feiern, Spaß zu haben. Und wenn jemand in Not war oder krank, halfen sie sich gegenseitig. Aber Ernstfall? Das hörte sich ja an wie im Krieg.
   Johnny nickte, um sein Einverständnis zu bekunden. Klar verstand er das alles. Bis auf den Ernstfall. »Kommt nicht mehr vor«, sagte er. Bobby hatte ja recht. Wenn er mal Hilfe benötigen würde, hätte er auch gern verlässliche Kumpels an seiner Seite, und nicht welche, die meinten, sie hätten gerade Wichtigeres zu tun.
   »Gut. Ich ziehe mich jetzt mit meinen Männern zurück. Joe und Mikel haben uns schon mit Getränken versorgt, darum brauchst du dich also nicht mehr zu kümmern. Aber wegen deines Fehlens gestern müssten die Toiletten mal wieder gründlich gereinigt werden. Ich erwarte Sauberkeit und Hygiene. Und nachher reden wir noch mal.«
   Johnny zuckte mit keiner Wimper. Er wusste natürlich, wie es in den meisten Klubs ablief. Die Hangarounds und die Prospects waren für die Drecksarbeit zuständig. Und er als Neuling stand in der Hierarchie noch ganz unten. Die Klos waren sein Reich. Seufzend begab er sich an die Arbeit. Während er die Toilettenschüsseln schrubbte, stellte er sich Bobby bei dieser Arbeit vor. Grinsend spürte er, wie sich seine Laune wieder hob. Eines Tages würde auch er vollwertiges Mitglied sein, und dann konnte er die Neulinge zum Boden wischen, Fenster putzen oder Klo säubern schicken. Es war nur gerecht.
   Als er fertig war, ging er in den großen Aufenthaltsraum, wo die anderen Hangarounds und Prospects bereits saßen und Bier tranken. Johnny zog sich eine Flasche aus dem Kasten, öffnete sie und ließ sich auf eines der Sofas fallen.
   »Ich möchte wissen, was die bereden«, sagte Mikel gerade, ein schlanker Typ mit Igelfrisur. »Bobby war heute extrem angespannt.«
   »Das ist er doch immer«, sagte Max und lachte. Er war groß, blond und stämmig und immerhin bereits Prospect.
   »Irgendwas planen die«, fuhr Mikel fort.
   »Wir werden es bald erfahren«, wandte Joe ein. »Bobby sagte, nachher gibt’s eine Besprechung mit uns allen.« Dann grinste er und sah Johnny an. »Du hast übrigens ganz schön Nerven, Mann. Der Boss hat gestern gekocht vor Wut.«
   Johnny nahm rasch einen großen Schluck Bier. »Ich hatte was vor. Soll mal vorkommen.« Er grinste, aber im Inneren war ihm nicht nach Grinsen zumute. Erneut hatte er das Gefühl, ein unwissender kleiner Junge zu sein, der tatenlos das Urteil seiner Erziehungsberechtigten abwarten musste. Er war sich nicht sicher, ob ihm das gefiel.
   »Hört sich nach einer sehr heißen Braut an«, rief Max und lachte fröhlich. Ihn konnte so leicht nichts aus der Ruhe bringen. Dies hier gefiel Johnny. Die Gespräche und Scherze mit seinen Kumpels. Wenn es dann noch Partys, gemeinsame Ausfahrten und Treffen gab, würde es sich lohnen, eine Zeit lang für die Klos zuständig gewesen zu sein.
   »Kann man so sagen«, gab er zu.
   »Erzähl!«, forderte Joe neugierig.
   Doch Johnny gab sich zurückhaltend und verriet nur wenige Worte über Nele. Es war zu privat und zu frisch, zu zart. Noch ging es niemanden etwas an, nur ihn und Nele.
   Zu seiner Erleichterung begann Joe gerade, sich mit seiner neuesten Eroberung zu brüsten, und Johnny war froh, dass die allgemeine Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt wurde.
   Etwa eine Viertelstunde später öffnete sich die Tür des Klubzimmers, und abrupt verstummten die Gespräche.
   Gewohnt ernst kam erst Bobby, dann die anderen, setzten sich hinzu, und schweigend wartete Johnny, was nun geschah.
   »Zuerst einmal danke, dass ihr heute alle gekommen seid«, begann Bobby.
   Johnny musste sich ein Schmunzeln verkneifen. Sie waren ja mehr oder weniger genötigt worden, ihnen blieb kaum etwas anderes übrig, als heute hier zu sitzen.
   »Wie ihr wisst, sind wir relativ neu in der Gegend«, fuhr Bobby fort. »Es gibt bereits zwei Klubs, die Red Hornets und die Sea Crows. Denen passt es natürlich nicht, dass wir uns hier nun auch niedergelassen haben. Und ehrlich gesagt ist Stade auch zu klein für drei Klubs. Es ist also ziemlich wahrscheinlich, dass es früher oder später zu Reibereien kommen wird. Und natürlich will ich dafür die besten Karten haben. Deshalb versuche ich, die besten Männer für mich zu gewinnen.«
   Er warf einen wohlwollenden Blick in die Runde und sah jedem einzelnen für einen Moment ins Gesicht. Dann nickte er. »Ich bin stolz darauf, was wir in der kurzen Zeit bereits erreicht haben. Seht euch an. Ihr seid Brüder, auf die man sich verlassen kann. Männer, die mich mit Stolz erfüllen. Und ich bin mir sicher, dass sich auch unsere Hangarounds und Prospects als zuverlässig und loyal erweisen werden. Und das ist wichtig.«
   Er machte eine Pause, damit jeder das Gesagte verarbeiten und verinnerlichen konnte. »Wie ich gerade sagte, ist die Gegend hier zu klein für drei Klubs. Sie werden uns auf Dauer nicht dulden, wir sind hier nicht willkommen. Angriff ist die beste Verteidigung, nicht wahr? Und deshalb nehme ich das Zepter in die Hand. Meine Member wissen es bereits, aber ihr Neuen noch nicht. Deshalb noch einmal für alle: Ich habe den Crows und den Hornets eine Frist gesetzt. Ende des Monats läuft sie ab, sie haben also noch circa drei Wochen. Während dieser Frist haben sie die Möglichkeit, sich aufzulösen. Oder sich uns anzuschließen. Jeder von ihnen ist mir willkommen. Und ich will, dass auch ihr sie willkommen heißt, wenn sie sich dazu entschließen sollten. Behandelt sie mit Respekt, denn jeder von ihnen könnte euer zukünftiger Bruder sein.«
   Erneut machte er eine vielsagende Pause. Johnny dachte an Nele. Till, ihr Bruder, war der Präsident der Red Hornets. Johnny war sich sicher, ihn zu mögen, sobald er ihn kennenlernte, schon allein, weil er Neles Bruder war. Ebenso mochte er Wolf, den Anführer der Sea Crows, und dessen Member. Er konnte sie sich gut als seine Brüder vorstellen, als seine zuverlässigen Kameraden. Was wäre es für eine großartige Vorstellung, mit all diesen Männern gemeinsam über die Straße zu fahren und dabei zu wissen, dass jeder von ihnen ihm beistehen würde, sollte er einmal in Not geraten.
   Aber würden sie wirklich ihre Klubs aufgeben? Ihre Stellung als Präsidenten abtreten an jemanden wie Bobby, der neu hier war und den niemand besonders gut kannte? Er konnte sich das kaum vorstellen.
   »Allerdings sehe ich keine großen Chancen mehr, diese Sache friedlich zu regeln«, fuhr Bobby fort. »Einmal habe ich ihnen bereits großzügig eine Fristverlängerung gewährt. Im Grunde wäre sie längst abgelaufen, eine Entscheidung lange überfällig. Andererseits muss so eine Sache natürlich gut überlegt sein, und niemand will einen Krieg, wo keiner nötig ist.«
   Johnny zuckte zusammen. Hatte Bobby eben tatsächlich Krieg gesagt? Plötzlich fühlte er sich wie im falschen Film.
   »Und deshalb starten wir einen letzten Versuch, diese Sache friedlich zu regeln. Und hiermit komme ich zu unseren Hangarounds und Prospects. Die Klubs kennen einige meiner Vollmember schon, wissen, auf wessen Seite sie stehen, und deshalb werden sie ihnen nichts anvertrauen. Euch jedoch kennen sie noch nicht. Und für euch bietet sich deshalb die einmalige Chance, schnell in der Hierarchie unseres Klubs aufzusteigen, ganz ohne jahrelange Wartezeiten. Nehmt Kontakt zu den Crows und den Hornets auf. Wie ihr das macht, überlasse ich ganz euch. Ob ihr euch an eine Torte der Klubs heranmacht, an eine Schwester oder Ex-Braut, oder ob ihr euch mit einem der Jungs anfreundet. Lasst eurer Fantasie freien Lauf, seid kreativ. Knüpft freundschaftliche Bande, baut Vertrauen auf. Findet heraus, was die Klubs planen. Ob eine friedliche Übernahme in Betracht kommt oder nicht. In spätestens zwei Wochen muss ich Bescheid wissen. Dann haben wir noch eine gute Woche Zeit, Maßnahmen zu überlegen, wie wir weiter vorgehen werden, ehe die Frist abläuft.«
   In Johnnys Kopf drehten sich die Gedanken. Nele war Tills Schwester. Einen besseren Kontakt konnte er sich kaum vorstellen. Ein unmittelbarer Draht zur Führung der Red Hornets. Und doch schreckte er davor zurück, sie in diese Sache zu involvieren. Es war ein Gefühl, ein uralter Instinkt. Und die Begriffe Krieg und Übernahme in Bobbys Rede.
   Blitzschnell überlegte er. Würde er aus dieser Sache noch herauskommen, ohne etwas zu tun? Bobby erklären, es sich überlegt zu haben und doch nicht dem MC beitreten zu wollen?
   Der Präsident ließ seine Blicke langsam über die Gesichter der Hangarounds und Prospects schweifen, und Johnny kam sich vor wie bei einer Prüfung.
   »Irgendwelche Fragen?«, wollte Bobby wissen.
   Jetzt wäre die Möglichkeit, sich zu erkundigen. Jetzt! Johnny zögerte.
   Mikel hob die Hand. »Das heißt, wir sollen uns deren Vertrauen erschleichen und dann ihre Geheimnisse ausplaudern?« Er zögerte. »Wären wir dann nicht Verräter?«
   Bobby starrte ihn an wie ein Löwe sein Opfer unmittelbar vor dem tödlichen Genickbiss. »Ein Verräter ist einer, der mich hintergeht.« Seine Stimme war scharf und kalt wie Stahl. »Ihr habt euch entschieden, meinem Klub beizutreten. Nichts, was ihr in meinem Interesse oder Auftrag tut, macht euch zu Verrätern. Ich verlange hundertprozentige Loyalität von euch. Dann hat das Wort ‚Verräter‘ für euch seine Bedeutung verloren. Ist das klar angekommen?«
   Mikel nickte eingeschüchtert.
   Okay, also lieber nichts mehr fragen. Johnny schwieg. Irgendwie musste er zu einer Lösung kommen, wie er Bobbys Auftrag erfüllen konnte, ohne Nele, Till oder sonst jemandem schaden zu müssen.
   »Eins noch«, fuhr Bobby fort. »Ich schicke euch nicht auf diese Mission, damit ihr euch schlecht fühlt oder um euch einzuschüchtern. Ganz im Gegenteil. Ich schicke euch auf eine Friedensmission. Ein schlechtes Gewissen ist also vollkommen fehl am Platz. Jeder von euch hat die Macht, zu helfen, dass wir alle zu einer einvernehmlichen Lösung kommen. Ich will niemandem etwas Böses, okay?«
   Bobby machte Anstalten, sich zu erheben, ließ sich jedoch noch einmal sinken und hob die Hand. »Eine letzte Sache noch. Es gefällt mir nicht, aber ich muss es ansprechen. Es ist an die Neuen unter euch gerichtet. Heute habt ihr klubinterne Dinge erfahren. Ich glaube, es versteht sich von selbst, dass ihr mit niemandem darüber redet, oder? Ich muss euch wohl nicht verraten, was Leuten blüht, die sich nicht an unsere Verschwiegenheitsregel halten.«
   Tatsächlich hatte Johnny gleich bei seinem ersten Besuch im Klubhaus absolute Verschwiegenheit schwören müssen, vor allen Membern als Zeugen. Nichts, was in diesen Mauern besprochen wurde, war für die Ohren Außenstehender bestimmt. Verrat würde schwer geahndet werden. Johnny mochte sich lieber nicht vorstellen, mit welchen Methoden das geschehen würde.
   Murmelnd bekundete er gemeinsam mit den anderen Neulingen sein Einverständnis. Jedoch las er auch in den Gesichtern von Max, Mikel und Joe dieselben Bedenken, die er gerade empfand.
   Unvermittelt stand Bobby auf, klatschte in die Hände und lächelte. Das war ein seltener Anblick und so ungewohnt, dass er Johnny plötzlich erschien wie ein fremder Mensch.
   »Genug geplaudert«, rief er. »Nachher wird uns noch nachgesagt, wir wären Tratschweiber. Macht euch keine Sorgen, Jungs. Ich kann mir denken, dass euch momentan mulmig zumute ist. Aber ich musste diese Dinge aussprechen, das versteht ihr doch? Ihr habt nichts zu befürchten. Ganz im Gegenteil. Je schneller diese leidige Sache aus der Welt ist, desto eher steigt ihr hier auf. Und jetzt lasst uns feiern!«
   Johnny griff sich ein neues Bier und stieß mit den anderen an, aber in Gedanken war er weit fort. Auf was hatte er sich hier bloß eingelassen? Nun kam er aus dieser Sache nicht mehr heraus. Plötzlich sehnte er sich nach der Freiheit seiner Zeit als Freebiker zurück. Aber gut, nun war er hier und musste da durch. Wahrscheinlich würde ja auch alles gut gehen. Till und Wolf waren gewiss nicht dumm und würden einsehen, dass es besser war, zu Bobby überzulaufen und sich ihm anzuschließen. Trotzdem rumorte es in seinem Bauch. Es fühlte sich an wie ein schlechtes Gewissen.

Kapitel 3

Zwei Tage später fühlte sich Nele immer noch unverändert schlecht. Ihre Nase war nicht mehr ganz so verstopft, aber dafür war der Husten schlimmer geworden, und auch ihr Hals tat immer noch weh, wenn sie schluckte. Und sie war so furchtbar schlapp und müde. So verschlief sie halbe Tage.
   Mehrmals am Tag rief Johnny sie an oder schrieb ihr Nachrichten. Sie hatte große Sehnsucht nach ihm, aber sie verbot ihm, sie zu besuchen. Nicht, dass sie ihn noch ansteckte.
   Am Nachmittag des dritten Tages rief Till an. »He, Schwesterchen, was machst du denn für Sachen? Wie geht es dir?«
   Nele saß gerade in eine Decke gewickelt auf der Couch und sah fern. Irgendeine Naturdoku. »Hallo! Schön, dass du anrufst. Aber woher weißt du, dass ich krank bin?« Sie war so fertig gewesen, dass sie außer ihrer Freundin Angie niemanden informiert hatte. Und Angie war bisher, außer ihrer Chefin Manuela, auch die Einzige, die von Johnny wusste. Es war ja alles noch so frisch, sie wusste selbst noch nicht, wohin es führen würde. Und ob es überhaupt halten würde.
   Till lachte. »Ich erfahre alles, Schwesterherz. Ich habe meine Augen und Ohren überall.« Wieder lachte er. »Du kennst doch Angie, oder? Ein paar meiner Jungs und ich haben Wolf gestern Abend in seinem Klubhaus besucht und ein wenig gefeiert. Und natürlich war auch Angie da. Ich muss zugeben, sie ist wirklich ein süßes Ding. Wenn ich nicht so glücklich mit Regina wäre …«
   »Was höre ich denn da?«, rief Nele gespielt erbost. »Lass bloß die Finger von ihr, hörst du? Regina ist ein Goldstück.«
   »Weiß ich doch. War nur Spaß. Aber im Ernst. Deine Freundin wird bestimmt bald jemanden finden, der sie zu seiner Lady macht. Wie auch immer, jedenfalls kam sie gleich zu mir und erzählte mir, dass du krank bist. Wie geht’s dir? Fühlst du dich schon besser?«
   »Na ja, kaum. Scheint wirklich hartnäckig zu sein.«
   »So ein Mist. Sag Bescheid, wenn du irgendwas brauchst, ja? Einer der Jungs oder ich können dir jederzeit alles vorbeibringen.«
   »Danke. Momentan hab ich alles.« Nele hörte Tills Zögern selbst durchs Telefon. »Was gibt’s denn?«, fragte sie neugierig. »Ist was passiert? Gibt’s eine Hochzeit bei euch? Oder bekommt jemand ein Baby?«
   »Bei uns nicht. Aber vielleicht ja bald bei dir.« Selbst durchs Telefon war Tills Grinsen zu hören. Und ein gewisses Misstrauen.
   »Wieso?« Nele spürte, wie sie errötete.
   »Angie erwähnte einen gewissen Johnny, und dass es dich wohl ganz schön erwischt hätte. Sei ihr übrigens nicht böse. Sie dachte, du hättest es mir schon erzählt, okay? Als sie merkte, dass ich noch nicht im Bilde war, war sie das personifizierte schlechte Gewissen. Aber erzähl doch mal. Wie ist denn dein Johnny so? Angie sagte, dass er auch Motorrad fährt.«
   »Ja, das stimmt. Wenn du wissen willst, was für eins, kann ich dir das aber nicht sagen. Das weiß ich noch nicht. Du weißt ja, dass ich es bisher nicht so mit Motorrädern hatte.«
   »Das wird sich bestimmt bald ändern.« Till kicherte. »Übrigens kann ich mir denken, wer er ist. Da war mal ein Johnny auf einer unserer Partys. Der war in Ordnung. Nach Angies Beschreibung könnte es sich bei ihm um deinen Johnny handeln.«
   »Sie hat ihn dir schon beschrieben?« Nele war fassungslos. Es wurde wohl höchste Zeit, dass sie wieder gesund wurde. Es gab da einiges mit ihrer Freundin zu klären.
   »Wie ich schon sagte, sei ihr nicht böse. Sie meinte es nur gut und dachte, ich wüsste es schon. Weißt du denn, ob dein Johnny in einem Klub ist? Oder fährt er einfach so allein herum?«
   »Bis vor Kurzem war er Freebiker, hat er erzählt.«
   »Vielleicht hat er ja Lust, sich uns anzuschließen. Dieser Johnny, den ich meine, würde gut zu uns passen.«
   Nele hob die Hand, auch wenn ihr Bruder das natürlich nicht sehen konnte. »Langsam! Lass uns doch erst mal abwarten, wie sich alles weiter entwickelt, okay? Ich kenne ihn bisher doch kaum, wir haben uns erst zweimal gesehen. Dann wurde ich krank.«
   »Ach, das wird schon. Angie erwähnte bereits, wie verliebt ihr beide seid.« Till lachte dröhnend.
   »O Mann. Ich werde sie mir mal zur Brust nehmen müssen.« Nele schüttelte den Kopf. Dann fiel ihr ein, was sie eben schon hatte sagen wollen. »Ach ja, noch zum Thema MC. Wie gesagt war er bis vor kurzem Freebiker. Aber dann erzählte er noch, dass er wohl dem Living Darkness MC beitreten will. Kennst du die? Von denen hab ich noch nie gehört.«
   Als Till sprach, klang seine Stimme vollkommen verändert. Ernst. Misstrauisch. »Bist du dir sicher, dass es wirklich dieser Klub ist?«
   »Ja. Den Namen hab ich mir gemerkt, weil er irgendwie so bedrohlich klingt.«
   »Das ist er auch.«
   »Was?«
   »Oh, vergiss es. Ich habe nur meine Gedanken laut ausgesprochen.«
   »Was meinst du damit, er wäre wirklich gefährlich?« Plötzlich wurde es Nele eiskalt.
   »Darüber kann ich leider nichts sagen, tut mir leid, Nele. Das sind klubinterne Dinge.«
   »Aber es ist doch wichtig! Wenn Johnny in einem gefährlichen Klub ist, muss ich das doch wissen.«
   »Hör zu. Wenn du Johnny wiedersiehst, versuch, ihn wegen dieses Klubs auszufragen. Wie es sich anhört, ist er ja erst Hangaround, da ist noch nichts verloren. Du kannst versuchen, ihn dazu zu bringen, dort nicht beizutreten. Aber erwähne weder mich noch die Red Hornets und auch nicht die Sea Crows. Hast du das verstanden? Bitte, Nele, es ist äußerst wichtig.«
   »Klar, hab ich. Du machst mir Angst, Till. Was ist da los? Was hat es mit diesem Klub auf sich, zu dem Johnny will? Bitte, sag es mir!«
   »Also gut, eine Sache kann ich dir erzählen, das wird unter Umständen sowieso bald in den Zeitungen stehen. Der Living Darkness MC will das Alleinrecht. Er duldet keine anderen Klubs neben sich.«
   »Meine Güte! Was heißt denn das? Der kann euch doch nicht zwingen …«
   »Nele, hör zu. Ich muss jetzt auflegen. Gerade kommen Zeck, Matze und die anderen. Wir haben Klubbesprechung. Versuch, Johnny zu überzeugen, nicht beim Living Darkness MC mitzumachen, ja? Wenn er sich einem Klub anschließen möchte, ist er bei uns jederzeit willkommen, und gewiss auch bei den Crows. Und jetzt werde schnell gesund, ja?«
   »Ja, danke. Was soll ich …?«
   Till hatte aufgelegt.

Als Johnny an diesem Abend anrief, gab Nele vor, schlimme Kopfschmerzen zu haben und nicht lange reden zu können. Zuerst musste sie verdauen, was Till ihr erzählt hatte. Aber ihr war auch klar, dass sie Johnny so schnell wie möglich vor diesem MC warnen musste, ehe es womöglich zu spät war.
   »Morgen geht es mir bestimmt besser«, sagte sie. »Wenn du magst und keine Angst vor Ansteckung hast, kannst du morgen herkommen, was meinst du?«
   »Was ist das denn für eine Frage, Schneckchen? Natürlich komme ich zu dir! Und wenn ich zehn Grippen hintereinander bekomme, das wäre mir auch egal. Hauptsache, ich kann dich endlich wiedersehen!«
   Nele war gerührt. Johnny war so liebevoll. Einer wie er war doch völlig fehl am Platz bei einem potenziell gefährlichen Motorradklub. Er durfte dort auf keinen Fall mehr hingehen.
   In dieser Nacht schlief sie schlecht. Albträume quälten sie, in denen Johnny von einer ganzen Meute Motorradfahrer über eine dunkle Landstraße verfolgt wurde. Schemenhaft rasten die Straßenbäume vorbei, und hinter ihm leuchteten die Scheinwerfer seiner Verfolger wie das Mündungsfeuer von Gewehren. Sie stand am Straßenrand und versuchte, ihm eine Warnung zuzurufen, aber er verstand sie nicht und sah sie nicht.
   Mit klopfendem Herzen erwachte sie. Gut, dass er heute kam. Sie hatte keine Zeit zu verlieren. Auf keinen Fall durfte er diesem Klub beitreten. Wie gut, dass sie mit Till gesprochen hatte. Sonst wäre Johnny womöglich in sein Unglück gelaufen, und sie hätte es nicht einmal geahnt.
   Am frühen Nachmittag klingelte es. Angie stand vor der Tür, einen Blumenstrauß in der Hand. Noch ehe Nele etwas sagen konnte, hielt Angie ihr den Strauß entgegen. »Sorry, sorry, sorry! Ich wusste es nicht! Ich gebe es zu, ich bin ein altes Plappermaul. Aber ich dachte, dein Bruder weiß es schon. Okay? Lässt du mich rein?«
   Es fiel Nele schwer, eine strenge Miene aufzusetzen. Angie blickte drein wie ein Dackel, der die Wurst stibitzt hatte, ihr dunkles Haar war verstrubbelt wie immer, und Nele kapitulierte. »Komm schon rein.« Einladend öffnete sie die Tür weiter.
   Erleichtert trat Angie ein. »Danke. O Mann, das ist mir vielleicht peinlich, das kannst du mir glauben. Als Till aus allen Wolken fiel, als ich ihm von dir und Johnny erzählte, hätte ich mich am liebsten in Luft aufgelöst.« Inzwischen waren sie im Wohnzimmer angekommen, und Angie ließ sich auf den Sessel fallen und begann zu grinsen. »Aber erzähl doch mal! Wie läuft es bei euch? Wie oft seht ihr euch? Ist es was Ernstes? Los, spann mich nicht so auf die Folter!«
   Nele holte eine Vase aus dem Schrank und drehte ihrer Freundin dabei absichtlich den Rücken zu. Sie musste nicht gleich sehen, dass sie wahrscheinlich rot wie eine Tomate geworden war, sobald der Name Johnny gefallen war.
   »Nö«, erwiderte sie so beiläufig wie möglich. »Weißt du, wir haben uns seit dem Kinoabend nicht mehr gesehen.« Immer noch stand sie mit dem Rücken zu Angie und grinste breit.
   »Was? Aber warum denn nicht? Ich dachte, er wäre so süß und es könnte etwas Festes zwischen euch werden.« Angie beugte sich schockiert im Sessel vor und legte erregt ihre Hände auf die Armstützen, als wollte sie jeden Moment aufspringen, als Nele sich ihr nun doch zuwandte.
   Einen Augenblick genoss Nele die Verwirrung ihrer Freundin. Das war die gerechte Strafe für ihr Verplappern bei Till. Dann platzte es doch aus ihr heraus. »Das ist er auch! Er ruft jeden Tag mehrmals an, schickt mir dauernd Nachrichten, und heute Abend kommt er her.«
   Angie riss die Augen auf. »Im Ernst? Das hört sich ja traumhaft an! Ich freu mich so für dich!«
   Ein paar Minuten redeten sie über Johnny, wie fürsorglich er war, und dass sich andere Männer bei ihm eine Scheibe abschneiden konnten.
   »Und wie läuft es bei dir?«, fragte Nele.
   Angie zuckte die Schultern. »Ach, wie immer. Nichts Neues.«
   »Bist du noch mit Matze zusammen?«
   »Na ja, zusammen sein kann man das wohl kaum nennen. Wir treffen uns ab und zu, seit letzten Sommer läuft das schon. Aber immer, wenn ich ihn darauf anspreche, was das mit uns denn ist und wie es weitergehen soll, weicht er mir aus. Er liebt seine Freiheit, weißt du?«
   »Ach Mensch, das tut mir echt leid.« Mitfühlend legte Nele ihre Hand auf Angies Unterarm.
   »Macht nichts.« Angie schüttelte den Kopf, aber Nele sah den Kummer in ihren Augen. Dann stand sie auf. »Ich muss auch wieder los. Meine Pause ist zu Ende.« Sie stand auf. »Sag Bescheid, wenn du wieder gesund bist, ja? Wir müssen unbedingt mal wieder was zusammen unternehmen. Hey, du und Johnny, ihr könnt ja mal zum Klubhaus kommen. An den Abenden ist meistens jemand da, und ich gucke auch oft vorbei. Schon allein wegen Matze.«
   Nele lächelte erfreut. »Danke! Das ist eine gute Idee, das machen wir bestimmt mal. Johnny freut sich bestimmt auch, euch alle kennenzulernen.«
   »Toll! Da fällt mir ein, in drei Tagen feiert Michaela, Ronnys Frau, ihren Geburtstag im Klubhaus. Nichts großes, nur ein wenig zusammensitzen und ein Bier trinken. Kommt doch einfach her, dann sind fast alle da und ihr könnt sie kennenlernen.«
   »Das hört sich super an. Ich überlege es mir, okay?«
   Als Angie gegangen war, dachte Nele über deren Vorschlag nach. Das war die beste Idee überhaupt. Sie würde Johnny mit den Sea Crows und dem Klub ihres Bruders bekannt machen. Dann würde er feststellen, wie super die Leute dort drauf waren, und hätte sicher keine Ambitionen mehr, diesem anderen Klub beizutreten. Living Darkness MC. Allein der Name machte ihr schon Angst.
   Von Stunde zu Stunde ging es ihr besser. Der Husten ließ spürbar nach, ihre Nase war wieder frei, und ihr Hals kratzte nicht mehr. Sie war noch etwas schlapp, aber auch das würde bald besser werden. Den Nachmittag verbrachte sie damit, Tomaten zu schnippeln, eine Soße zu machen und den Tisch zu decken. Am Abend duschte sie ausgiebig, zog sich etwas Schönes an und machte sich zurecht. Plötzlich war sie so nervös wie schon lange nicht mehr. Sie hatte Johnny seit Tagen nicht gesehen. Was, wenn die Anziehung zwischen ihnen plötzlich fort war? Wenn er in der Zwischenzeit eine Andere kennengelernt hatte, vielleicht beim Living Darkness MC? Mädchen wie Angie gab es dort sicher auch. Wenn er sich nur noch nicht getraut hatte, es ihr zu gestehen? Sie kannten sich noch nicht einmal eine Woche, und schon war sie krank geworden. Was sollte er denn von ihr denken?
   Als es klingelte, schlug ihr das Herz bis zum Hals. Mit zitternden Knien ging sie zur Tür.
   Da stand er und sah genauso gut aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Sein Haar trug er heute offen, und seine Augen strahlten. In der rechten Hand hielt er eine Flasche Wein und in der Linken eine Packung Tee. Abwechselnd hielt er sie ihr entgegen. »Ich wusste nicht, wie fit du schon wieder bist. Such du das Getränk des heutigen Abends aus.«
   Plötzlich war Neles Anspannung verflogen. Sie hatte sich völlig umsonst Sorgen gemacht. Sie ließ Johnny eintreten, und dann beugte sie sich spontan vor und küsste ihn auf den Mund. Er umarmte sie, während er weiterhin den Wein und den Tee festhielt, und während sie den Kuss genoss, merkte Nele, wie sehr sie Johnny vermisst hatte.
   Etwas atemlos löste sie sich von ihm und nahm ihm die Flasche und den Tee ab. »Danke. Komm erst mal rein. Deine Jacke kannst du hier an die Garderobe hängen.« Sie wartete, während er das tat und seine Stiefel auszog.
   »Du siehst so toll heute aus!«, stellte Johnny fest und sah sie bewundernd an.
   »Danke!« Nele errötete vor Freude. Dann ging sie ihm ins Wohnzimmer voraus und drehte sich zu ihm um.
   »Wow, Schneckchen!« Seine Augen leuchteten vor Begeisterung. »Hast du das extra für mich gemacht?« Sein Blick wanderte über den feierlich gedeckten Tisch, die Kerzen und die Blumen in der Vase.
   Sie lächelte und schüttelte den Kopf. »Nee. Ich esse jeden Abend so.«
   Johnny starrte sie an. Dann grinste er. »Du freches Biest! Aber du hast schon recht. Eine blöde Frage verdient eine blöde Antwort.«
   »Du darfst dich übrigens hinsetzen«, erwiderte Nele. »Das ist bei mir beim Essen so üblich.« Sie wies auf einen Stuhl.
   Johnny warf den Kopf in den Nacken und lachte laut. »Mit dir hab ich mir ja was angelacht. Es wird nicht langweilig, das sehe ich schon.« Er sah zum Schrank hinüber. »Hast du irgendwo Weingläser? Ich habe den Eindruck, du bist wieder topfit. Den Tee bewahren wir lieber für ein anderes Mal auf.«
   Während Nele die Teller mit Spaghetti und Tomatensoße füllte und ein Schälchen mit Parmesan auf den Tisch stellte, öffnete Johnny die Weinflasche und schenkte ihnen je ein Glas ein.
   Endlich setzten sie sich, und Johnny hob sein Glas. Über die Kerzen hinweg sah er Nele an. »Auf einen wundervollen Abend. Und darauf, dass du wieder gesund bist.« Klirrend stießen ihre Gläser aneinander.
   Während des Essens sah Nele immer wieder zu Johnny hinüber. Mit dem offenen Haar sah er unglaublich sexy aus. Sie bemerkte, dass auch er sie immer wieder heimlich unter gesenkten Wimpern ansah.
   »Du bist eine fabelhafte Köchin«, stellte er fest. »Die Soße ist köstlich.«
   »Danke, das freut mich.«
   »Weißt du, ich bin schon froh, wenn ich eine Dose öffnen und unfallfrei aufwärmen kann. Und weil mir das Risiko dabei meistens zu hoch ist, gibt’s bei mir fast immer belegte Brote, und dem Pizzaboten wird auch nicht langweilig.«
   Nele grinste. »Dann sollten wir unsere Treffen wohl lieber bei mir abhalten, was?«
   Er sah sie freudig an. »Heißt das, dass wir uns noch öfter sehen werden?«
   »Sieht wohl so aus. Ich kann dich ja nicht verhungern lassen.«
   Sie lächelten erfreut, und dennoch machte sich mit einem Mal Verlegenheit zwischen ihnen breit.
   »Was macht das Motorradfahren?«, erkundigte sich Nele schließlich. Sie wollte jetzt das Gespräch langsam auf das Thema lenken, das ihr unter den Nägeln brannte. »Ist bestimmt inzwischen ganz schön kalt geworden, oder?«
   Johnny nickte. »Ja, aber das stört mich nicht. Ich fahre ja momentan keine weiten Strecken. Solange es nicht schneit, ist es kein Problem.«
   »Vorhin war meine Freundin Angie hier. Sie hängt oft bei den Sea Crows herum und lud uns ein, mal dort vorbeizuschauen. In drei Tagen gibt’s eine kleine Feier. Was meinst du, hättest du Lust dazu?«
   Er lächelte erfreut. »Klar. Ich lerne immer gern neue Leute kennen.«
   »Super. Aber hast du denn Zeit? Ich meine, du musst doch bestimmt zu dem anderen Klub, von dem du gesprochen hast, oder? Dem du beitreten willst.«
   Johnny winkte ab. »Da geht’s jetzt im Winter etwas ruhiger zu. Macht nichts, wenn ich mich da paar Tage lang nicht blicken lasse.«
   »Umso besser. Dann fahren wir also hin?« Gespannt hielt Nele den Atem an. Je eher Johnny die Sea Crows oder Tills Klub kennenlernen würde, desto besser. Sie musste es nur schaffen, ihn möglichst bald von diesem anderen Klub wegzubekommen, ehe es diesem gelang, ihn völlig zu vereinnahmen. Und dabei durfte sie auf keinen Fall Till verraten. Wie gut, dass Angie sie, wenn auch unwissentlich, auf diese Idee gebracht hatte. Das war viel besser, als ihn direkt auf die Gefahr anzusprechen, die vom Living Darkness MC ausging. Ohnehin wäre das schwierig geworden, ohne ihren Bruder zu erwähnen.
   Johnny nickte. »Wir haben ein Date, Schneckchen.«
   »Toll.« Schnell stand Nele auf und begann, ihre Teller, das Besteck und die Schüsseln zur Spüle zu tragen, um ihre Nervosität zu verbergen. Und ihre Erleichterung. Wie es schien, wurde die Sache einfacher als gedacht.
   Sie spürte, wie Johnny hinter sie trat, fühlte seinen Atem an ihrer Wange. Ein Schauder überlief sie, als seine Fingerspitzen ganz zart über die Haut an ihren Armen strichen. Er nahm ihr Haar beiseite, beugte sich vor und hauchte ihr einen Kuss auf den Nacken. Nele schloss die Augen, als er ihr Shirt ein wenig zur Seite schob, um ihre Schulter zu küssen. Plötzlich hörte alles Denken auf.
   Sie drehte sich um, und Johnny umschloss sie mit seinen Armen und begann, sie zu küssen. Ihr wurde heiß, und sie wusste nicht, ob es am Wein lag oder daran, dass Johnny sie stürmisch gegen die Spüle drückte, während sie leidenschaftlich seinen Kuss erwiderte.
   »Wo ist denn das Schlafzimmer?«, fragte Johnny mit heiserer Stimme.
   Nele wies wortlos mit dem Arm. Johnny hob sie hoch und trug sie hinüber. Behutsam ließ er sie aufs Bett fallen, und gleich darauf lag er bei ihr, um sie erneut zu küssen. Seine Finger fuhren durch ihr Haar, strichen über ihren Hals und ihre Schultern, bis sie vor ihrer Brust verharrten.
   Da bog sie sich ihm entgegen. Nein, er brauchte sie nicht zu fragen, ob es ihr zu schnell ging, ob er tun durfte, was er tat. Ihr Körper zeigte ihm sein Einverständnis völlig ohne Worte.
   Sie sog scharf die Luft ein, als Johnnys Finger ihre Brust umschlossen und sein Daumen über die Warze strich.
   Hungrig griff Nele in sein langes Haar und wühlte darin. Ihre Finger strichen über sein Haar, seinen Nacken und seine Oberarme. Deutlich spürte sie seine spielenden Muskeln und griff fester zu, bevor sie ihre Hände unter sein Shirt gleiten und über seine warme Haut streifen ließen.
   Johnny begann, ihre Jeans zu öffnen, und hörte auf, sie zu küssen.
   Nele las die Frage in seinen Augen. Er brauchte sie nicht auszusprechen. Anstelle einer Antwort öffnete sie seinen Gürtel.
   Kurz darauf lag er nackt neben ihr, schlank und kräftig zugleich, ohne ein Gramm überflüssiges Fett. Einige vereinzelte Tätowierungen zierten seine Oberarme, seine Brust und seinen Rücken. Nele strich darüber und stöhnte auf, als Johnnys Finger über ihren Bauch und dann tiefer wanderten.
   Als er über sie kam und in sie eindrang, spürte Nele, wie ausgehungert sie war, und als er begann, sich in ihr zu bewegen, folgte sie ihm vollkommen synchron. Nele genoss jeden Augenblick, und bald trug die Leidenschaft sie fort und spülte jedes Denken weg.
   Als sie danach neben ihm lag und sich an seine Brust schmiegte, fühlte es sich gut an. Richtig. Es war nicht verfrüht, und Johnny war der Richtige für sie. Sie spürte es mit jeder Faser ihres Herzens.
   »Bist du glücklich?«, flüsterte er, während er zärtlich in ihrem Haar wühlte.
   Nele nickte. Ja, sie war glücklich. So, wie es gerade war, sollte es bleiben. Für immer.

Kapitel 4

Im Klubhaus der Sea Crows saß Keule am ovalen Tisch und überlegte. Alle Member des Klubs waren heute versammelt, denn es ging um wichtige Belange.
   »Ich werde niemanden von euch dazu überreden«, sagte Wolf, der Präsident. »Wir wissen alle, wie gefährlich es ist. Aber die Zeit läuft uns davon. Es sind nur noch drei Wochen, ehe die Frist abläuft, und wir haben immer noch keine Lösung.«
   »Auf keinen Fall schließe ich mich denen an«, knurrte Ronny.
   Wolf schüttelte den Kopf. »Keine Sorge. Ein Anschluss unseres Klubs an den Living Darkness MC kommt nicht in Betracht. Darüber haben wir bereits abgestimmt, und ein Beitritt wurde einstimmig abgelehnt.«
   »Und wir lösen uns auf keinen Fall auf«, rief Zeck erbost. »Bobby kann vergessen, dass wir klein beigeben.«
   »Auch das tun wir nicht«, stellte Wolf fest. »Aber uns bleiben nicht mehr viele Möglichkeiten. Aller Voraussicht nach wird es schon bald sehr ungemütlich. Unter diesen Voraussetzungen kann ich niemanden von euch zwingen, länger bei den Sea Crows zu bleiben.« Er sah seine Männer einen nach dem anderen genau an. »Wer gehen möchte, braucht es nur zu sagen. Es ist weder ein Zeichen von Schwäche noch von Feigheit noch ist es illoyal. Ich kann von niemandem verlangen, einen Krieg mitzumachen. Wer also gehen möchte, hebt jetzt bitte die Hand.«
   Keule erkannte, wie schwer Wolf diese Worte fielen, und sah seine Kameraden an, einen nach dem anderen. In jedem einzelnen Gesicht las er die gleichen Sorgen, die er selbst empfand. So viele Jahre lang hatten sie glückliche und friedliche Zeiten miteinander erlebt, hatten gefeiert und sich bei Problemen beigestanden. Und nun war plötzlich dieser Bobby aufgetaucht und verlangte nach der Alleinherrschaft. Er würde keinen anderen Klub neben seinem dulden. Entweder, sie liefen zu ihm über, oder sie lösten ihren MC auf. Und beides kam nicht in Betracht.
   Welche Lösungen blieben ihnen da noch? Niemand wollte einen Krieg. Nicht auszudenken, welche Folgen ein Rockerkrieg haben würde.
   Niemand hob seine Hand. Das hätte Keule auch sehr verwundert. Sie waren eine eingeschworene Gemeinschaft, waren mehr als Freunde oder Kameraden. Sie waren Brüder.
   Wolf seufzte. Keule sah ihm an, wie gerührt er war.
   »Was sagt Till zu allem?«, erkundigte sich Matze.
   »Dasselbe wie wir. Auflösen kommt nicht infrage, ebenso wenig Überlaufen. Die Red Hornets sind auch mit ihrem Latein am Ende, so wie wir.«
   »Immerhin haben wir uns doch inzwischen mit ihnen zusammengetan«, wandte Toddel ein. »Wir sind mindestens so viele Männer, wie Bobby hat. Es wäre schon ein großes Risiko von ihm, es auf einen Krieg ankommen zu lassen.«
   »Es wäre ein ebenso großes Risiko von uns, es darauf ankommen zu lassen«, erklärte Wolf. »Bobby ist zu allem entschlossen. Er ist vollkommen skrupellos, und er wird keinerlei Rücksicht mehr nehmen, sobald die Frist abgelaufen ist. Wir müssen also schnell zu einer Lösung kommen.« Er sah in die Runde. »Irgendwelche Ideen, was uns sonst noch zu tun bleibt?«
   Keule drehte sein Whiskeyglas zwischen den Fingern, während er zu einem Schluss kam. »Ja«, sagte er.
   Alle Köpfe wandten sich ihm zu. Auffordernd nickte Wolf.
   »Ich werde zum Schein überlaufen«, erklärte Keule. Ihm war selbst nicht wohl bei diesem Gedanken, aber es war die einzige Möglichkeit, die ihnen noch blieb.
   Wie erwartet schüttelte Wolf den Kopf. »Viel zu gefährlich.«
   »Es ist unsere einzige Chance.«
   Wolf starrte ihn an. »Du weißt, was Bobby mit dir macht, wenn er rauskriegt, dass du ihn verarscht hast?«
   Keule nickte. »Es ist nicht schwer, sich das vorzustellen. Aber es gibt keine andere Lösung.«
   Wolf nahm einen Schluck Whiskey. »Ich habe selbst schon darüber nachgedacht. Aber Bobby weiß, dass ich der Präsident bin. Er würde es mir nicht abnehmen, dass ich meinen Klub im Stich lasse, um zu ihm überzulaufen.«
   »Deshalb will ich das ja machen«, erklärte Keule. »Es ist völlig unauffällig. Ich schmiere ihm etwas Honig ums Maul. Er hat ja selbst angeboten, dass wir zu ihm überlaufen können, solange die Frist noch nicht abgelaufen ist. Warum sollte er da misstrauisch werden?«
   »Vielleicht ist es eine Falle«, wandte Zeck ein. »Und sobald er dich in seiner Gewalt hat, zwingt er dich, unsere Pläne auszuplaudern. Oder er zwingt uns, uns im Austausch gegen dein Leben ihm anzuschließen. Oder er erschießt dich ganz einfach.«
   »Zeck hat recht«, sagte Wolf entschieden. »Es ist viel zu gefährlich. Wir müssen es drauf ankommen lassen. Vielleicht spuckt Bobby auch nur große Töne. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er es auf einen Krieg ankommen lässt.«
   »Ich mache es trotzdem«, beharrte Keule. »Auf eigenes Risiko. Auch wenn die Chance nur minimal ist, dass ich etwas herausfinde, was uns helfen könnte, so müssen wir sie nutzen.«
   Alle schwiegen. Sie schienen alle zu wissen, dass er recht hatte. In Keules Magen grummelte es, aber er war sich sicher, dass er das durchziehen wollte.
   Wolf starrte ihn lange an, während er überlegte. Schließlich nickte er. »Also gut. Ich kann dich nicht zwingen, es nicht zu tun. Aber ich will, dass dich jemand begleitet. Allein ist es viel zu gefährlich. Ihr müsst zu zweit sein, sodass jeweils der eine auf den anderen aufpassen kann. Vier Augen sehen mehr als zwei, und vier Ohren hören auch mehr.« Nacheinander sah er seine Männer an. »Allerdings wüsste ich nicht, wer das sein sollte. Ich brauche jeden Einzelnen von euch hier. Wir müssen uns auf den Ernstfall vorbereiten.«
   Auch das hatte Keule schon bedacht. »Fragen wir doch die Prospects.«
   »Okay.« Wolf stand auf, ging zur Tür und öffnete sie. »Kommt mal her«, rief er den draußen wartenden Prospects und Hangarounds zu.
   Amüsiert beobachtete Keule, wie andächtig die Jungs das Klubzimmer betraten, das sie ansonsten nur zu sehen bekamen, um Getränke zu bringen oder Staub zu wischen. In raschen Worten trug Wolf ihnen sein Ansinnen vor. »Irgendwelche Freiwilligen?«, fragte er anschließend.
   Im Stillen rechnete Keule nicht damit, dass sich jemand melden würde. Diese Sache war wirklich brisant und äußerst gefährlich. Er hatte vollstes Verständnis dafür, wenn niemand …
   »Ich mache es.« Erstaunt sah Keule Tommy an.
   »Bist du dir sicher?«, vergewisserte sich Wolf.
   »Ja.« Tommy nickte.
   »Hast du immer noch ein schlechtes Gewissen? Das brauchst du nicht. Du hast deine Loyalität zu den Sea Crows ausreichend bewiesen.«
   »Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich noch mehr machen kann.« Aufrecht stand Tommy da.
   Wie jung er plötzlich aussah. Sein blondes Haar war zerzaust wie immer, und Keule war sich nicht sicher, ob er Tommy dabeihaben wollte. Wenn ihm etwas zustieß …, das würde er sich nicht verzeihen können. Natürlich kannte er Tommys Beweggründe. Noch vor einem halben Jahr waren die Sea Crows und die Red Hornets Feinde. Tommy war Prospect bei den Crows. Und dann war seine Schwester Regina plötzlich mit Till zusammen. Mit Wolfs Todfeind. Klar, dass Wolf Tommy plötzlich misstraute. Dann jedoch trat Bobby mit seinem neuen Klub auf den Plan, Wolf und Till verbrüderten sich gegen die neue Gefahr, und Tommy bewies seine Loyalität zu Wolf, indem er einen von Bobbys Männern überführte, der den Crows und besonders Wolfs Freundin Bine ans Leder wollte.
   »Es ist sehr gefährlich«, wandte Keule ein.
   »Weiß ich. Ich will es trotzdem tun. Von uns allen bin ich doch am wenigsten verdächtig. Ich bin erst Prospect. Wenn ich erkläre, ich möchte lieber dem wesentlich cooleren Klub beitreten, denkt sich doch keiner was dabei.«
   »Könnte klappen«, gab Wolf zu.
   »Also dann ist es abgemacht.« Tommy grinste.
   »Du lässt dich ja doch nicht abhalten«, lenkte Wolf ein. »Also gut. Sind alle einverstanden, dass Tommy Member wird, sobald diese Sache ausgestanden ist?«
   Alle nickten.
   »Dann gehen wir doch jetzt zum gemütlichen Teil über.« Wolf ging voraus in den großen Aufenthaltsraum, wo bereits die Frauen und Freundinnen des Klubs und einige Freunde warteten.

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