Highschool-Königin Emilia könnte nicht glücklicher sein – doch dann neigt sich die Europareise mit Ian dem Ende zu, und am sonnigen Santa Monica Pier wartet nicht nur eine von Liebeskummer gebeutelte Julienne, sondern auch ihr und Ians Vater, die nichts unversucht lassen, einen Keil zwischen Ian und sie zu treiben. Plötzlich taucht auch noch Nico auf und stellt sich als Juliennes Halbbruder heraus. Mit seiner lässigen Art, dem Surferlook und der Abneigung gegen Juliennes und Emilias protzige Lebensweise mischt er nicht nur Juliennes, sondern auch Emilias Welt auf. Denn die ist sich nicht mehr so sicher, ob Ian wirklich der Richtige für sie ist. Als Nico sie auch noch küsst, beginnt alles aus dem Ruder zu laufen. Emilia merkt zu spät, dass Nico nicht der ist, für den er sich ausgibt, und plötzlich kann nur noch Ian sie aus seinen Fängen retten. Teil 2 der Serie: 90410, Santa Monica.

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ISBN: 978-9925-33-027-0

Seiten: 160

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Teresa Nagengast

Teresa Nagengast (25) lebt mit ihrem Lebensgefährten im ländlichen Bereich in Mittelfranken. Nach ihrem Journalismus-Studium arbeitete sie erst in einem Bildungsverlag und mittlerweile als Online-Redakteurin für eine Tageszeitung. Seit zwei Jahren veröffentlicht sie zudem mit Begeisterung ihre eigenen Romane. Die Sparte reicht hierbei von Frauenromanen über Dramen bis hin zu fantasievollen Jugendbüchern.

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Kapitel 1

Fünf Wochen waren seit dem Jahresabschlussball vergangen. Fünf wundervolle lange Wochen, in denen Emilia und Ian die Champs-Élysées entlanggeschlendert waren, Cappuccino in Roms bezaubernden Cafés getrunken und sich am Strand von Barcelona geliebt hatten. Noch immer konnte Emilia nicht fassen, dass Ian, der Bad-Boy und Frauenschwarm einer der elitärsten Privatschulen Amerikas mit ihr zusammen war und sie mit vorzüglichem Gentlemen-Benehmen am Tag und betörenden Stunden in der Nacht verwöhnte. Sie musste durchaus zugeben, dass dieser Sommer wohl der schönste ihres Lebens war. Dummerweise rückte der Tag, an dem sie zurück an den sonnigen Strand von Santa Monica fliegen würden, immer näher, und damit auch der Beginn ihres letzten Schuljahres. Das alles wäre nicht weiter wild gewesen, immerhin liebte Emilia ihr privilegiertes Leben, vor allem, nachdem sich das ganze Drama mit ihrer besten Freundin Julienne und ihrem Ex-Freund Alexander gelegt hatte. Dennoch würde sie einige ihrer Louis Vuitton dafür hergeben, noch länger in Europa zu verweilen.
   »Können wir nicht einfach hierbleiben?«, murrte sie, als der Wecker sie am Tag des Abfluges viel zu früh am Morgen aus dem Schlaf riss. Schmollend rekelte sie sich in dem Kingsize-Bett, das zu jeder Suite von Adams Nobelhotels gehörte, und rollte sich mit dem Oberkörper auf Ian. »Wir können doch einfach die ersten zwei Schulwochen schwänzen. Ist doch sowieso unser letztes Schuljahr, da werden sie uns schon nicht gleich rausschmeißen.«
   Ian grinste breit und küsste Emilia auf die Stirn. Dann schob er sie sanft und doch bestimmt zur Seite. »Du weißt genau, dass das nicht geht. Deine Eltern freuen sich schon auf dich, und Julienne würde vermutlich durchdrehen, wenn du deinen süßen Arsch nicht endlich nach Hause schieben würdest.«
   Emilia seufzte theatralisch und presste sich das weiche Kissen auf das Gesicht. Sie liebte ihre Freundin, dennoch hatte sie keine Ambitionen, sie so bald wie möglich zu treffen. Seit ihr Freund Steve sie vor einer Woche verlassen hatte, rief sie pausenlos an und klagte über ihr grausames Schicksal. Normalerweise hätte sich Emilia darüber keine Sorgen gemacht, Steve und Julienne hatten sich immerhin schon ein dutzend Mal getrennt und sich stets wieder zusammengerauft, doch diesmal schien es Steve ernst zu sein. Juliennes schluchzenden Erzählungen nach hatte er im Sommer ein anderes Mädchen kennengelernt und verbrachte jede freie Sekunde mit ihr, und war das noch nicht genug, würde Ian zum Schuljahresbeginn auch noch in der Firma seines Vaters ein Praktikum beginnen, was bedeutete, dass sie ihn vermutlich erst spät abends zu Gesicht bekommen würde.
   »Wir könnten Julienne doch einladen. Vielleicht finden wir ja einen süßen Franzosen, der ihren Liebeskummer vertreiben könnte. Sie steht auf Europäer.«
   Ian schüttelte nur stumm lachend den Kopf und versuchte, sich aus Emilias Armen zu befreien, die ihn wie eine Klette festzuhalten versuchte. »Komm schon, Emilia. Wir müssen uns langsam fertig machen, oder möchtest du etwa ungeschminkt zum Flughafen fahren?«
   Das war ein stichhaltiges Argument, denn Emilia ging nie ungeschminkt auch nur vor die Haustür. Widerwillig gab sie nach und folgte Ian in das geräumige Badezimmer. Ian schaltete die Dusche an und stieg aus seinen Boxershorts, und Emilia vergaß, dass sie sich in einer guten Stunde auf den Weg zum Flughafen machen mussten. Ein letztes Mal, dachte sie wehmütig, als sie ihr Negligé zu Boden gleiten ließ und Ian in die Dusche folgte.

*

»E… e… er hat ein… einfach Schluss gemacht.« Erneut überrollte Julienne ein Heulanfall.
   »Sssscht. Es wird alles gut. Er ist ein Idiot, und du bist viel, viel hübscher als diese Ella oder wie die heißt.«
   Beruhigend strich Emilia ihrer Freundin über den Rücken und bemühte sich, nicht die Augen zu verdrehen. Das ging bereits seit Stunden so, und da sie direkt vom Flughafen zu ihr gefahren war, war sie nicht nur hundemüde, ihr knurrte auch der Magen. Unwillkürlich musste sie grinsen, wenn sie daran dachte, warum sie das Frühstück im Pariser Hotel nicht mehr geschafft hatte.
   »Glaubst du w… wirklich?«
   »Natürlich! Nur, weil sie älter ist und ihre Haare ihr bis zur Hüfte reichen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie besser ist als du.«
   Ein lautes Wimmern ließ Emilia erkennen, dass ihre Worte Julienne nur noch mehr verstimmten. Sie biss sich auf die Lippe. Wenn das so weiterging, würde sie erst gegen Abend nach Hause kommen, was bedeutete, dass ihre Chance, Ian heute noch einmal zu sehen, mit jeder Minute geringer wurde. Energisch packte sie Julienne an den Schultern und zwang sie, sie anzuschauen. »Hör jetzt mal zu, Jules! Es bringt überhaupt nichts, diesem Vollidioten nachzutrauern! Das Beste ist, du suchst dir selbst einen Prinz Charming, oder zumindest ein paar heiße Kleider, damit dieser Schuft merkt, was er verloren hat!«
   Diesmal wurde Juliennes Wimmern leiser, bis sie schließlich verstummte. »Du hast ja recht«, sagte sie seufzend und wischte sich über die verquollenen Augen. »Steve hat immer gesagt, in Rot sähe ich toll aus, und bei Chanel habe ich vor Kurzem ein wundervolles rotes Kleid gesehen …« Schlagartig hellte sich ihr Gesicht auf, und Emilia atmete auf.
   Ihr Abend mit Ian war gerettet.
   »Morgen gehen wir in die Mall, und dann wird Steve schon sehen, wer die Hübschere von uns beiden ist!«
   Emilia stieß einen Seufzer aus. Eigentlich hatte sie morgen vorgehabt, mit James und Ian den Tag am Strand zu verbringen, aber gut. Solange Julienne dadurch aufhörte, zu weinen, würde sie mit ihr auch in die Mall gehen. Immerhin brauchte sie selbst dringend eine neue Garderobe. Das Schuljahr fing in ein paar Tagen an, und abgesehen von ein paar Kleidern hatte sie in Europa nichts gekauft. Ians Anwesenheit hatte sie selbst für die glitzernden Schaufenster in Madrid, Venedig, und Co. immun gemacht –, und diese Tatsache erfüllte sie mit gewissen Sorgen. Sie hatte es nicht geplant, doch sie war definitiv bis über beide Ohren verliebt, was bedeutete, dass sie angreifbar, und verletzlich war, und damit war sie noch nie sonderlich gut zurechtgekommen.

*

In Gedanken versunken stöckelte Emilia auf ihren zweitliebsten Manolos die paar Meter bis zu dem Strandhaus ihrer Eltern hinüber. Seit über drei Wochen hatte sie sie nicht mehr gesehen, und nach alldem, was im vergangenen Jahr geschehen war, war sie gespannt, was sich in den nächsten Wochen so entwickeln würde. Immerhin hatte Ian ihrem Vater einen Kinnhaken gegeben. Prügeleien waren eigentlich nicht Emilias Stil, obwohl sie in diesem Fall Ians Beweggründe durchaus nachvollziehen konnte. Immerhin hatte sich herausgestellt, dass ihr Vater vor langer Zeit eine heimliche Affäre mit Ians Mutter gepflegt hatte, die für diese letztendlich tödlich geendet hatte. Na ja, vermutlich trug daran nicht nur Emilias Vater Schuld, sondern auch die starken Depressionen, an denen Jessica Whitman gelitten hatte, aber dennoch – verzwickt war noch eine harmlose Beschreibung der Geschehnisse. »Dann wollen wir mal. Wie Großmutter immer gesagt hatte: Wer eine Kröte fressen will, muss sie nicht lange besehen«, murmelte Emilia und schloss die Tür auf. Bis heute hatte sie die Redensart nicht ganz begriffen, doch ihre Großmutter mütterlicher Seite hatte oft in Rätseln gesprochen. Doch auch, wenn sie nur die Hälfte verstanden hatte, so hatte Emilia Oma Polly immer besonders arg geliebt.
   »Hallo, ich bin wieder zu Hause«, rief Emilia in den geräumigen Flur und legte ihre Schlüssel auf die Ablage. Ihre Mutter hatte neue Dekoration gekauft, und im Gang hing ein neues Bild. Eines dieser riesigen Öl-Gemälde, die auf den ersten Blick keinerlei Sinn erkennen ließen.
   »Mama? Papa?« Keine Antwort. Emilia runzelte die Stirn. Ihre Eltern hatten gewusst, dass sie heute landen würde. Sie hatte vermutet, bei ihrer Anwesenheit zumindest einen herzlichen Empfang zu bekommen, wenn nicht sogar Geschenke. Doch das? Ihre Mutter war normalerweise immer anwesend, wenn auch nach einigen Gläsern Chardonnay nur überwiegend körperlich. Um sicherzugehen, schaute Emilia in die Küche, das Arbeitszimmer und letztendlich in das Schlafzimmer ihrer Eltern. Keine Spur von ihnen. »Dann eben nicht« Leicht verstimmt hievte sie ihren riesigen Koffer, den Ians Chauffeur Thomas netterweise bereits nach ihrer Landung hergebracht hatte, in ihr Zimmer, ließ ihn dort in der Ecke stehen und schmiss sich aufs Bett. Allmählich übermannte sie der Jetlag. Schnell drückte sie auf die Kurzwahltaste und ließ den Kopf auf ihr flauschiges Kopfkissen sinken. »Ja?« Schon beim Klang seiner Stimme klopfte Emilias Herz schneller.
   »Hallo Liebling. Ich bin gerade zu Hause angekommen und allein. Kommst du vorbei?«
   »Tut mir leid, Emilia. Heute ist es schlecht. Mein Vater zeigt mir gerade die neuen Entwürfe der Reigns.«
   Das Reings war eine Hotelkette, die Aaron gerade plante. Sie sollte alle Hotels, sowohl seine eigenen als auch andere, mit seiner Luxuriösität in den Schatten stellen.
   »Wir sind gerade erst zurückgekommen. Es ist Freitagabend. Hat das nicht Zeit bis Montag?«
   »Leider nicht. Montag kommt bereits ein wichtiger Investor, und da soll ich zumindest einen groben Überblick haben. Dieses Wochenende heißt es also durcharbeiten. Tut mir leid, Süße. Aber wir sehen uns am Montag, in Ordnung?«
   Bevor Emilia antworten konnte, hatte er bereits aufgelegt. Frustriert schmiss sie ihr Handy zur Seite und drückte sich das Kissen auf den Kopf. Sie wünschte bereits jetzt, sie hätte Europa nie verlassen.

Kapitel 2

»Das sieht doch toll aus!«
   Julienne betrachtete ihr Spiegelbild mit einem skeptischen Blick und schüttelte den Kopf. »Die Farbe macht mich blass«, widersprach sie und zog einen Schmollmund, bevor sie zurück in der Umkleidekabine verschwand.
   Emilia vergrub ihr Gesicht in den Händen. Seit Stunden klapperte sie mit Julienne sämtliche ihrer Lieblingsgeschäfte ab, und noch immer hatte Julienne abgesehen von einer Sonnenbrille und einem Hut, mit dessen Hilfe sie ihr Gesicht verdecken wollte, nichts gekauft. Doch das war noch nicht einmal das Schlimmste daran. Das Tragischste war, dass sie eine so traurige Stimmung verbreitete, dass selbst Emilia die Lust am Shoppen verging und ihre Gedanken im Sekundentakt zu Ian wanderten und sich fragten, was er wohl gerade machte. Obgleich sie am vergangenen Abend sofort eingeschlafen war, fühlte sie sich wie gerädert. Sie war von wirren Träumen verfolgt worden, in denen Ian die Gestalt seines Vaters angenommen und mit ihren Klassenkameradinnen geschlafen hatte. Noch jetzt lief ihr bei dem Gedanken daran ein Schauder über den Rücken.
   »Und wie ist das?« Julienne hatte sich umgezogen, sie trug jetzt ein elfenbeinfarbenes Kleid mit Spitze, das am Dekolleté etwas zu freizügig war.
   »Das ist klasse! Damit bringst du Steve sicherlich um den Verstand«, beteuerte Emilia. Diesmal war es nicht nur dahingesagt, um Julienne endlich zum Kauf zu bewegen. Sie selbst kam nicht umhin, auf Juliennes Brüste zu starren.
   »Meinst du? Findest du nicht, dass ich etwas dick darin wirke?«
   Emilia schüttelte vehement den Kopf. Seit Schuljahresschluss hatte Julienne sicherlich vier Kilogramm abgenommen und wirkte zerbrechlicher denn je, worauf Emilia fast schon neidisch war. Sie selbst hatte angesichts des köstlichen Essens in Europa und Ians Bestrebungen, sie zu mästen, über zwei Kilogramm zugenommen. »So ein Quatsch. Es steht dir fantastisch«, beteuerte sie. »Oder, Mr. Sneider?«
   Mr. Sneider, der Besitzer des Ladens, nickte. »Wirklich fantastisch.«
   Julienne zögerte noch kurz, dann nickte sie zufrieden. »Okay, dann nehme ich es.«
   Erleichtert atmete Emilia aus. Sie hatte genug von Kaufhäusern, und das hatte aus ihrem Munde schon etwas zu bedeuten.
   »Ich habe von Alexander gehört, dass Steve heute Abend auf einer Dinner-Party eingeladen ist. Irgendetwas vom Geschäft seines Vaters oder so. Gehst du mit mir hin, wenn ich uns Einladungen beschaffe?«
   »Ähm … ich weiß nicht. Ich wollte eigentlich zu Ian und ihm etwas zum Essen vorbeibringen.«
   Der Gedanke war ihr gekommen, als sie aus dem wirren Traum erwacht war. In vielen ihrer Lieblingsfilme überraschten die Frauen ihre Männer häufig mit einem selbstgekochten Gericht – gut, sie wollte bei ihrem Lieblingsrestaurant etwas bestellen, aber immerhin zählte der Gedanke.
   »Bitte! Du hast doch gesagt, Ian würde das ganze Wochenende arbeiten. Außerdem wart ihr jetzt fünf ganze Wochen beisammen. Jetzt bin ich an der Reihe!«, bettelte Julienne und zog erneut einen Schmollmund. Ihre Augen wurden bereits erschreckend glasig.
   »Okay, okay. Ich gehe mit – aber nur, wenn du uns Einladungen besorgst.«
   Julienne strahlte und drückte Emilia kurz an sich. »Das mache ich. Versprochen!«
   Emilia seufzte. Auch wenn sie nicht sonderlich Lust auf eine Party hatte, so war sie doch glücklich, Julienne wieder lächeln zu sehen. Außerdem war sie schon lange auf keiner noblen amerikanischen Party mehr gewesen.

*

Nachdem Emilia ihre Eltern am Morgen nur kurz zu Gesicht bekommen hatte, hatte ihr Vater darauf bestanden, gemeinsam zu Abend zu essen. Als Emilia nach Hause kam, roch es im ganzen Haus bereits nach ihren Lieblingsspeisen.
   »Toll. Ich wusste überhaupt nicht, dass Mister Xang aus dem Urlaub zurück ist«, sagte sie erfreut beim Anblick der zahlreichen Sushi-Röllchen, die unmissverständlich von Xing-Xangs Sushi-Laden stammten.
   »Seit vorgestern sind sie zurück. Eigentlich wollte Mister Xang erst am Montag öffnen, aber für dich hat er eine Ausnahme gemacht. Ich habe ihm dafür versprochen, morgen mit ihm Golf spielen zu gehen.« Robert gab Emilia einen Kuss auf die Stirn und reichte ihr ein Champagner-Glas.
   Mit einem Blick auf ihre Armbanduhr nahm sie es erfreut entgegen und folge ihrem Vater in die Küche. Sie hatte noch vier Stunden Zeit, bis die Party begann. Zweieinhalb Stunden würde sie zum Richten brauchen, also blieben noch anderthalb Stunden übrig. Genug Zeit, um ein paar der köstlichen Sushi-Rollen zu probieren und zwei Gläser Champagner zu genießen.
   »Deine Mutter kommt gleich. Sie ist noch im Badezimmer. Wollen wir uns schon einmal setzen? Ich möchte alles von Europa hören.«
   »Es war einfach wundervoll«, begann Emilia und ließ sich auf einem der neuen Designer-Stühle, die ihre Mutter vor ein paar Wochen gekauft hatte, nieder. »Paris ist bezaubernd – vor allem am Abend. Alles funkelt und leuchtet, aber nicht so billig und übertrieben, sondern märchenhaft romantisch.«
   Schon bei dem Gedanken daran spürte Emilia, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Wo hatten sie sich überall geliebt. Schnell nahm sie einen großen Schluck des prickelnden Getränkes. Zu viel wollte sie ihrem Vater nun auch nicht verraten. »Das Essen ist einfach himmlisch. In Rom haben wir ein Tiramisu probiert, noch besser als die Schokoladentorte bei Sweet Novelette. Und Venedig. Du glaubst nicht, wie romantisch es dort ist. Ian hat darauf bestanden, dass wir mit einer Gondel fahren. Er meinte, das müsse man machen, wenn man dort ist, und ich muss sagen …«
   »Wo ist Ian heute eigentlich?«, warf Robert ein.
   »Er muss arbeiten. Sein Vater plant eine neue Hotelkette, ein Riesenprojekt, in das Ian einsteigen soll.« So sehr sie es auch zu verdrängen versuchte, so genau wusste sie, dass es mit diesem einem Wochenende nicht getan war. Sollte das Projekt tatsächlich anlaufen, würde Ian noch zahlreiche Wochenenden im Büro verbringen.
   »Soso, wirklich schade. Ich hatte gehofft, ihn wiederzusehen.«
   Emilias Blick verfinsterte sich. Zwar hatten sich die Wogen seit dem Schuljahresabschlussball geglättet, dennoch war ihr durchaus bewusst, dass vor allem ihr Vater viel lieber Alexander an ihrer Seite sehen würde. Doch so einfach würde sie es ihm nicht machen.
   »Das wirst du sicherlich bald«, antwortete sie zuckersüß. »Noch etwas Champagner?« In einem Zug leerte sie ihr Glas und stand auf.
   Robert reichte ihr lächelnd sein eigenes. »Gern, mein Schatz. Ach, und schau doch gleich mal nach deiner Mutter. Sie wollte schon vor einer halben Stunde fertig sein.«
   »Natürlich.« Mit schnellen Schritten verließ Emilia den offenen Ess-Wohnbereich, stellte die leeren Gläser in der Küche ab und ging Richtung Flur. Mit einem Blick in den riesigen Spiegel erkannte sie, dass ihr Lächeln eher einer Fratze glich. Sie wusste, dass ihre Beziehung zu ihrem Vater, seit sie von seiner Affäre gehört hatte, angeknackst war, dennoch hatte sie gehofft, dass nach etwas Zeit alles wie früher sein würde. Ihr Vater hatte ihr jedoch mit nur einem Satz klargemacht, dass er ihr die Beziehung mit Ian nach wie vor übel nahm – auch, wenn er es nicht direkt sagte.
   Sie raffte die Schultern, legte neuen Lippenstift auf und wollte gerade nach ihrer Mutter rufen, als es an der Tür klingelte.
   »Gehst du, Liebling?«, rief ihr Vater aus dem Wohnzimmer.
   Vielleicht war es Ian, der früher mit der Arbeit fertig geworden war, dachte sie hoffnungsvoll und öffnete die Tür.
   »Alexander?« Überrascht starrte Emilia ihren Exfreund an, der mit Hemd und Krawatte vor ihr stand und sie verlegen anschaute.
   »Hi Emilia. Ich wusste gar nicht, dass du aus Europa schon zurück bist.«
   Emilia zog eine Augenbraue hoch. Sie glaubte ihm kein Wort. Immerhin stand er vor ihrer Tür.
   »Ja, bin ich. Seit gestern schon. Was willst du hier?« Automatisch verschränkte sie die Arme vor der Brust. Zwar hatten Alexander und sie sich nach Alexanders Trennung von Catharina auf eine Art Freundschaft oder zumindest Waffenstillstand geeinigt, doch angesichts der Tatsache, dass Julienne und Steve Geschichte waren, sah Emilia keine Notwendigkeit, weiterhin mit Alexander befreundet zu sein – zumal Ians Abneigung gegen ihn mehr als offensichtlich war.
   »Ähm … also.« Bevor er den Satz beenden konnte, stand Emilias Vater hinter ihr.
   »Er will zu mir. Hallo Alexander.« Robert schob Emilia leicht zur Seite und reichte Alexander die Hand, der sie unsicher ergriff. »Hallo Mr. Stuart.«
   »Komm doch rein. Wir haben tonnenweise Essen bestellt und noch einen guten Champagner offen.«
   Mit offenem Mund starrte Emilia Alexander und ihrem Vater hinterher, wie sie Seite an Seite Richtung Wohnzimmer verschwanden. Sie blinzelte ein paar Mal. Das musste ein Traum sein – ein Albtraum.
   Wie in Trance folgte sie den beiden ins Wohnzimmer und sah zu, wie ihr Vater Alexander ein Glas Champagner reichte und sich vollkommen gelassen neben ihn setzte. »Ähm … was bitte schön ist hier los?«
   Alexander blickte sie verhalten an, die Verlegenheit war ihm deutlich anzusehen.
   »Ich habe Alexander eingeladen, um mit ihm auf eine gute Zusammenarbeit anzustoßen.« Beherzt prostete Robert dem Gast zu und genehmigte sich noch einen Schluck.
   »Bitte was? Ich muss mich wohl verhört haben!« Emilia konnte die höfliche Fassade nicht länger aufrecht halten. Ihr Vater machte Scherze, oder?
   »Du hast richtig gehört, Schätzchen. Alexander wird ab Montag ein Praktikum bei mir beginnen. Du erinnerst dich sicherlich noch daran, dass wir öfter einmal darüber gesprochen haben, oder?«
   Ja, das tat sie, doch damals waren Alexander und sie noch ein Paar gewesen, und sie hatte diesen Vorschlag begrüßt und ihrem Vater gedankt, Alexander so eine Chance zu ermöglichen. Jetzt jedoch fühlte sie sich schrecklich verraten. »Stimmt das?«, wandte sie sich mit schneidendem Tonfall an ihrem Exfreund.
   »Ähm … ja. Ich meine, Mr. Stuart, dein Vater, hat mir das Angebot gemacht, und immerhin beginnt unser letztes Schuljahr. Ich dachte, es wäre sicherlich vom Vorteil, vor der Studienbewerbung ein Praktikum bei einem namhaften Unternehmer absolviert zu haben.«
   »Dein Vater besitzt selbst ein namhaftes Unternehmen«, fauchte Emilia. »Hättest du nicht da anfangen können?«
   »Na ja … aber das ist nicht das Gleiche. Der Vorstand von Princeton ist schließlich nicht doof. Die wissen doch sofort, dass ich nur wegen meines Vaters dort hineingekommen wäre.«
   »Dann wärst du halt zu Steves Vater gegangen, oder zu Levis Vater, oder keine Ahnung. Ist ja nicht so, als hättest du nicht genug Beziehungen!« Emilias Körper bebte vor Zorn. Sie wandte sich an ihren Vater. Tausende nicht sehr damenhafte Bemerkungen lagen ihr auf der Zunge, doch bevor sie den Fehler machen konnte, ihm diese an den Kopf zu werfen, kam ihre Mutter gut gelaunt in einem schwarzen kurzen Cocktail-Kleid herein.
   »Oh, ich dachte doch, ich hätte deine Stimme gehört«, flötete sie entzückt, küsste Alexander auf beide Wangen und kam dann auf Emilia zu.
   Emilia trat einen Schritt zurück und wandte sich abrupt zur Seite. »Wusstest du davon?«, flüsterte sie.
   Unsicher blickte Lilli zwischen ihrem Mann und ihr hin und her. »Aber natürlich. Das ist doch eine wunderbare Idee, und keine Sorge, mein Liebling. Dein Vater hat auch für dich einen Praktikumsplatz. Princeton nimmt dich garantiert auf.«
   »Ich will kein Praktikum in einem total langweiligen Finanzunternehmen machen, und ich will auch nicht nach Princeton!« Wutentbrannt griff Emilia die halb volle Champagnerflasche, stürmte aus dem Raum und stampfte in ihr Zimmer. Mit einem ohrenbetäubenden Knall schlug sie die Tür zu. Bebend ließ sie sich auf ihr Bett sinken und starrte auf den neuen dunkelroten Teppich, den ihre Mutter besorgt hatte.
   »Verräter! Hinterhältige Verräter!«, zischte sie mit Tränen in den Augen. Sie wusste selbst nicht, warum genau sie Alexanders Auftauchen so ärgerte, sie wusste nur, dass sie das Gefühl hatte, von ihren Eltern hinterrücks betrogen worden zu sein. Als sie gerade überlegte, wieder hinunterzugehen, um ihrem Vater klarzumachen, dass sie diese Entscheidung nicht tolerieren würde, klingelte ihr Handy. Julienne. Mist, die Party hatte sie vollkommen vergessen. Ohne den Anruf entgegenzunehmen, eilte sie ins Badezimmer, um zu duschen. Während das heiße Wasser auf ihren Rücken prasselte, beruhigte sie sich allmählich – doch der fahle Geschmack in ihrem Mund blieb. Den würde sie nur mit haufenweise Sektgläsern runterspülen können.

*

»Ich dachte, sie wüsste Bescheid!«
   Gelassen holte Robert eine neue Flasche Champagner hervor und schenkte seiner Frau ein Glas ein. »Wir haben sie gestern leider nur kurz gesehen. Aber es spielt auch keine Rolle. Hier geht es rein ums Geschäft, und du willst doch immer noch die Praktikumsstelle, oder?«
   Alexander zögerte, dann nickte er. Seit er denken konnte, hatte er für seine berufliche Zukunft immer nur eins gewollt: ins Finanzwesen einsteigen. Für ihn gab es nichts Verlockenderes, als mit haufenweise Geld zu jonglieren und am besten möglichst viel davon selbst in der Tasche zu haben. Ein Praktikum bei Stuart & Stuart war schon von jeher sein Traum gewesen – zumal es von Anfang an vollkommen logisch gewesen war, dass er eines Tages bei Emilias Vater einsteigen würde. Immerhin war ihr Plan durchaus durchdacht gewesen. Emilia würde Betriebswirtschaftslehre studieren, er Finanzwesen, dann würden sie sich ihr Traumhaus hier in der Straße bauen lassen, und Emilia würde ihm zwei Kinder, am besten Söhne gebären. Noch immer konnte Alexander nicht glauben, dass dieser Traum nun zerplatzt sein sollte. Gut, er hatte es selbst versaut, indem er mit Catharina geschlafen hatte, von den anderen Frauen ganz zu schweigen, aber hey … Emilia hätte ja nicht so übertreiben müssen. Immerhin hatten Steve und Julienne ständig etwas mit anderen Personen gehabt und waren dennoch jahrelang zusammengeblieben, und hätte man in Santa Monica eine Umfrage gestartet, so hätten mehr als neunzig Prozent sicherlich darauf getippt, dass ihre Beziehung bestehen bleiben würde.
   »Gut. Dann wäre das ja geklärt. Lasst uns essen.«
   Alexander leerte sein Glas und folgte Robert und Lilli an den Esstisch. Über sich vernahm er das leise Wasserprasseln und stellte sich unwillkürlich vor, wie Emilia gerade nackt in die Dusche stieg. Hitze stieg in ihm auf. Was würde er dafür geben, jetzt nach oben zu gehen und sich mit ihr ins Badezimmer einzusperren. Er befürchtete nur, dass Emilia anders reagieren würde als in seinen Vorstellungen. Seufzend lud er sich etwas von dem Sushi auf den Teller. Ja, er freute sich auf das Praktikum, doch wenn er ehrlich zu sich war, dann freute er sich vor allem darauf, Emilia häufiger zu sehen. In den vergangenen Wochen hatte er schmerzlich erkannt, wie sehr er sie vermisste und wie sehr er den Gedanken daran, dass Ian nun Emilias wundervollen Körper berühren durfte, verabscheute. Dieser schmierige Schuft hatte sie ihm weggenommen, doch so schnell würde er nicht aufgeben. Er hatte schließlich noch einige Trümpfe in der Hinterhand – ihre Eltern auf seiner Seite zu haben war einer davon.

Kapitel 3

»Ich konnte meinen Augen nicht trauen, als Alexander vor der Tür stand. Ich meine, wie kann mein Vater mir das nur antun? Und wie erkläre ich das jetzt Ian?« Aufgewühlt knetete Emilia ihre Hände. Sie war gerade noch rechtzeitig fertig geworden, hatte jedoch auf die geplante Hochsteckfrisur verzichtet, stattdessen fielen ihr die dunklen langen Haare in leichten Wellen über die Schultern.
   »Vater hatte auch immer gehofft, dass Steve in seine Fußstapfen treten würde«, erwiderte Julienne finster.
   »Und jetzt? Jetzt wird aus ihm irgendein Pharmavertreter oder so etwas.«
   Emilia unterdrückte den Impuls, Julienne darauf aufmerksam zu machen, dass Ellas Vater ein gigantisches Pharmaunternehmen besaß, das nicht nur unbeschreiblich gut lief, sondern im vergangenen Jahr auch noch als »Geschäft des Jahres« ausgezeichnet worden war. Emilia hatte davon gelesen, sie hatte auch das Bild in der Zeitung gesehen, das den stolzen Eigentümer mit seiner wunderschönen Tochter zeigte, und damals gedacht, wie gern sie die Design-Studentin kennenlernen würde. Daraus würde wohl in Zukunft nichts mehr werden, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, von Julienne mit einem Dolch erstochen zu werden.
   »Dein Vater ist Chirurg. Glaubst du wirklich, Steve hätte das Zeug dazu gehabt?« Fast schon musste Emilia schmunzeln. Steve war nicht gerade für seine Geduld und Feinfühligkeit bekannt.
   »Was weiß ich. Ist ja auch egal«, fauchte Julienne und verschränkte die Arme. Mit dem Schmollmund und den blau umrandeten Augen sah sie aus wie eine lebendige Puppe, die ihre Besitzerin etwas zu stark geschminkt hatte.
   »Wie geht es deinem Vater eigentlich? Ist er immer noch so viel unterwegs?«, wechselte Emilia das Thema.
   »Ja, aber nicht mehr lange.«
   Juliennes Vater war im vergangenen Jahr durch die ganze Welt geflogen, um entstellte Kinder zu operieren. Manche würden es warmherzig nennen – Emilia wusste es besser. Immerhin hatte Julienne ihr verraten, was ihm für ein Gehalt dabei gezahlt wurde.
   »Das ist schön. Sag ihm liebe Grüße, wenn du ihn das nächste Mal sprichst.« Aufgrund der Tatsache, dass Emilia fast die Hälfte ihres Lebens bei Julienne verbracht hatte, liebte sie Charles Parker wie ihren Vater – vor allem, da er, als sie noch Kinder waren, bedeutend häufiger zu Hause gewesen war als ihr eigener. Apropos Vater – nein, sie zwang sich, den Gedanken an den Verrat ihrer Eltern zu verdrängen. Sollten sie doch machen, was sie wollten, sie hatte sowieso nicht vor, sonderlich viel Zeit zu Hause zu verbringen. Unauffällig linste sie auf ihr Handy. Noch immer keine Nachricht von Ian. Was bitte schön hielt ihn davon ab, für fünf Sekunden auf sein Handy zu schauen? Emilias Grübelei fand ein jähes Ende, als das Taxi vor einer der zahlreichen Party-Locations in Los Angeles anhielt. Vage erinnerte sie sich daran, einmal vor Jahren hier gewesen zu sein, doch damals hatte sie zusammen mit Steve, Alexander und Julienne so viel getrunken, dass ihre Erinnerung an den Abend sehr in Mitleidenschaft gezogen war. »Hast du die Einladungskarten?«
   Julienne reichte ihr eine. Mit einem Blick zu den fremden vornehmen Leuten im Alter ihrer Eltern, die vor der Tür standen und genüsslich an ihrer Zigarette zogen, holte sie tief Luft und öffnete die Tür. Julienne war ihr definitiv etwas schuldig.
   »Julienne Parker und Emilia Stuart.«
   Der Türsteher überprüfte ihre Namen und ließ sie eintreten. Der riesige Saal war geschmackvoll geschmückt und relativ neutral in den Farben Gold und Weiß gehalten, und während Emilia die nobel gekleideten Menschen betrachtete, vergaß sie für einen Moment das Chaos, das zu Hause auf sie wartete.
   »Dort hinten ist er! Dort hinten ist Steve«, hauchte Julienne und deutete zur Bar.
   Tatsächlich – dort stand er zusammen mit seiner neuen Freundin, die, wie Emilia zugeben musste, in dem bodenlangen schwarzen Kleid sehr elegant und entzückend aussah. Das würde sie vor Julienne natürlich niemals zugeben. »Wie wäre es mit einem Drink?«, fragte sie stattdessen und hakte sich bei Julienne unter, die unter der Schicht Make-up etwas blass geworden war. Ohne eine Antwort abzuwarten, zog sie ihre Freundin durch den Raum.
   »Zwei Gin Tonic, bitte.« Der Barkeeper, ein attraktiver Mann um die dreißig, beäugte sie von oben bis unten.
   »Seid ihr denn schon einundzwanzig Jahre alt?«
   Emilia schnappte nach Luft, reckte das Kinn nach oben und sagte möglichst hochnäsig. »Das ist ja unerhört. So herablassend wurde ich noch nie behandelt. Mein Vater ist Robert Stuart, ihm gehört Stuart und Stuart, und wenn er hiervon hört, dann wird er nicht sonderlich erfreut sein. Also geben Sie mir einfach zwei Gin Tonic und ich vergesse Ihr Verhalten.«
   Etwas verunsichert blickte der Barkeeper von Emilia zu Julienne, deren Blick auf Ellas Haarpracht gerichtet war und die gar nicht mitzubekommen schien, was hier gerade abging. »Es tut mir leid, aber …«
   »Aber was? Schauen Sie sich doch einmal um. Schaut das hier aus wie ein Kindergeburtstag? Ich habe einen wirklich grauenvollen Tag hinter mir, also bitte etwas zügig.«
   Endlich schien der Barkeeper einzulenken und machte sich auf, die Getränke vorzubereiten. Emilia unterdrückte ein Grinsen. So eine Szene funktionierte jedes Mal.
   Neben ihr ertönte ein leises Klatschen. »Das war gut, das war wirklich gut.«
   Emilia fuhr herum. »Ian?«, stammelte sie gleichzeitig erfreut als auch überrascht. »Ich dachte, du müsstest arbeiten?«
   »Das muss ich auch. Das gehört sozusagen zur Arbeit. Ich bin mit meinem Vater hier.« Ian beugte sich nach vorn und küsste Emilia galant auf die Wange.
   Sie seufzte und schlug die Augen nieder.
   »Und was machst du hier?«
   Emilia machte eine Kopfbewegung zu Julienne, die Ian nur mit einem Nicken begrüßt und sich prompt wieder der neuen Freundin ihres Exfreundes zugewandt hatte.
   Ian nickte verständnisvoll. »Keine Sorge. Ich kenne Ella. Sie wird sich nicht sonderlich lange mit Steve abgeben. Spätestens in zwei Monaten ist er ihr zu langweilig und sie sucht sich ein neues Spielzeug.«
   Emilia zog skeptisch die Augenbraue hoch. Ellas verliebtem Blick nach zu schließen erschien ihr das doch sehr unwahrscheinlich. »Wollen wir es hoffen«, seufzte sie und griff nach Ians Händen. Sie war so froh, ihn doch noch zu sehen. Sie musste ihm unbedingt von der Ungeheuerlichkeit ihres Vaters erzählen.
   »Wollen wir irgendwo hingehen, wo es ruhiger ist? Ich muss dringend mit dir reden.«
   »Tut mir leid, Darling. Ich glaube, das ist keine so gute Idee. Vater kommt gleich, und er hat mir explizit erklärt, wie wichtig diese Feier sei.« Er winkte jemanden hinter Emilia zu. »Ich muss jetzt auch wieder los. Wir sehen uns morgen, okay? Ich rufe dich an.« Ian hauchte Emilia noch einen Kuss auf die Wange, dann quetschte er sich an ihnen vorbei.
   Sie drehte sich perplex um und blickte ihm hinterher. Was war das eben gewesen? Seit wann war es Ian so wichtig, es seinem Vater recht zu machen? Hatte er die vergangenen Jahre nicht hauptsächlich damit verbracht, sich gegen diesen aufzulehnen?
   »Meinst du, ich soll zu ihm gehen?«, riss Julienne Emilia aus ihren Gedanken.
   »Was?«
   »Zu Steve. Er ist gerade allein. Soll ich zu ihm gehen?«
   Emilia warf einen Blick zu Steve, der lächelnd an der Bar stand und an seinem Getränk nippte, und schüttelte entschieden den Kopf. »Nein! Das wirst du ganz sicherlich nicht. Komm schon, wir werden uns jetzt amüsieren.« Emilia reichte Julienne den Gin Tonic, nahm ihr eigenes Glas in die Hand und zog Julienne in dieselbe Richtung, in der Ian verschwunden war. Suchend blickte sie sich um. Aaron stand einige Meter entfernt und unterhielt sich mit einem vornehmen Mann um die sechzig. Emilia erkannte in ihm einen der Golfpartner ihres Vaters. Sie blickte weiter. Wohin war Ian nur verschwunden?
   »Emilia!«
   Sie fuhr erschrocken zusammen und drehte sich um. James kam auf sie zu, in beiden Händen einen Drink. Es schien nicht sein erster zu sein. Er drückte sie kurz an sich, wobei sich die Drinks gefährlich stark zu bewegen begannen, und Emilia fürchtete, er würde ihr Kleid tränken. Schnell trat sie einen Schritt zurück.
   »Es ist so schön, dich zu sehen. Der Sommer war furchtbar langweilig ohne euch. Ich habe für nächste Woche eine Schuljahresstartfeier geplant. Ich hoffe doch sehr, ihr kommt.«
   Wenn Ian nicht arbeiten muss, dachte Emilia, während sie sagte: »Ja natürlich. Wir kommen sehr gern. Kann Julienne auch mitkommen?« Sie pikste Julienne in die Seite, die schon wieder den Raum nach Steve absuchte.
   »Klar. Umso mehr, umso besser.« James lächelte Emilia noch einmal zu, dann machte er sich auf den Weg zur Bar.
   »Mensch Julienne, jetzt vergiss Steve doch mal für einen Moment«, brummte Emilia augenrollend. »Es gibt tausend anderer toller Jungs. Ich dachte, du wolltest dich heute auf Männerjagd begeben, um ihn eifersüchtig zu machen. Das funktioniert aber nicht, wenn du ihn die ganze Zeit anstarrst.«
   Julienne seufzte und wandte langsam den Blick zu Emilia. »Du hast ja recht. Gut, also wen haben wir alles zur Auswahl? Wie sieht es mit dem Typ da vorn an der Bar aus? Der mit dem Rücken zu uns steht.«
   Emilia kicherte. »Das ist James. Er war gerade bei uns.«
   »Wirklich? War er beim Friseur?« Entsetzt starrte Julienne Emilia an, wodurch sie noch mehr lachen musste.
   »Ja, wirklich. Er hat uns auf eine Party nächsten Samstag eingeladen. Da kannst du dich sicher an ihn ranmachen.«
   Julienne puffte Emilia in die Seite. »Haha. Sehr lustig. Als ob ich mich jemals an James ranmachen würde. Lass uns weiterschauen.«
   Emilia grinste noch immer, während sie sich im Saal umschaute und in ihrem Kopf ein illusorischer Gedanke wuchs. Wenn sie Julienne mit James verkuppeln würde, dann wären sie wie früher mit Alexander und Steve ein unschlagbares Vierergespann, und James war schließlich ganz süß. Julienne stand auf Blond. Dumm nur, dass James jedes Wochenende ein anderes Mädchen mit nach Hause nahm und dass Julienne in ihm einen unreifen Partyclown sah. Aber vielleicht würde sie diesen Blickwinkel ja ändern können. Ihrer hatte sich in Bezug auf Ian schließlich auch geändert.
   Apropos Ian. Ungläubig starrte sie ihn an. Er stand am Rande des Raumes, lässig an einen der Holzpfähle gelehnt, und unterhielt sich angeregt mit einer attraktiven rothaarigen Frau.
   Der Stachel der Eifersucht durchbohrte ihre Brust. Sie schnappte nach Luft. So sah für ihn also Arbeit aus? »Ich bin gleich zurück …«, quetschte sie hervor und durchquerte mit schnellen Schritten den Raum. Sie räusperte sich vernehmlich und verschränkte die Arme vor der Brust. »Kann ich kurz mit dir sprechen?«, fragte sie mit eisiger Stimme.
   Ian lächelte sie an, als hätte er nicht den leisesten Schimmer, dass Emilia rasend vor Wut war, und nickte.
   »Entschuldigst du uns für einen Moment, Laura? Ich bin gleich zurück.«
   »Natürlich. Ich hole uns etwas zu trinken.« Die rothaarige Frau schenkte Ian ein umwerfendes Lächeln, warf Emilia einen abfälligen Blick zu und verschwand Richtung Bar.
   »Was gibt’s?« Noch immer schien sich Ian keiner Schuld bewusst zu sein.
   Emilia kochte währenddessen. Was bildete sich diese Frau ein, mit ihrem Freund zu sprechen und zudem noch, ihr einen so hochnäsigen Blick zuzuwerfen? Nur, weil sie älter war, bedeutete das nicht, dass sie Emilia nicht mit derselben Ehrfurcht behandeln musste wie ihre Schulkameraden. »Ich dachte, du musstest zu deinem Vater. Dringende geschäftliche Angelegenheiten und so«, fauchte Emilia.
   »Das stimmt auch.«
   Ian fasste nach Emilias Armen. Sie wollte sie wegziehen, doch sein Griff war zu stark.
   »Das sieht für mich aber anders aus.«
   Ian lächelte nach wie vor. »Laura ist Aarons Sekretärin. Sie gehört sozusagen zur Arbeit dazu«, sagte Ian schmunzelnd und küsste Emilias Hand. »Warst du etwa eifersüchtig?«
   Emilia spürte, wie ihr Gesicht knallrot anlief. Sie zog ihre Hand zurück. »Nein«, antwortete sie schnippisch. »Ich wollte nur sichergehen, dass du mich nicht belügst. Nach dem vergangenen Schuljahr habe ich wirklich genug von Lügen, du etwa nicht?« Bereits beim Aussprechen bereute Emilia ihre Worte.
   Das Lächeln auf Ians Gesicht verschwand. Mist. Emilia biss sich schuldbewusst auf die Lippe. Ian hatte immerhin noch mehr Grund darauf, Lügen zu hassen.
   »Es tut mir leid«, flüsterte sie. »Ich wollte nicht …«
   »Schon gut«, unterbrach Ian sie barsch. »Ich muss jetzt zu meinem Vater.«
   Aus den Augenwinkeln sah Emilia, wie Aaron Ian zu sich winkte.
   »Okay«, murmelte sie, doch da hatte Ian ihr bereits den Rücken zugewandt.
   Emilia beobachtete, wie sich Laura zu den beiden gesellte, Ian einen Drink reichte und ihm dabei ganz nebenbei über den Arm strich. Von wegen! Emilia erkannte aus zehn Meilen Entfernung, wenn sich eine Frau an jemanden ranmachte, und diese Laura hatte es definitiv auf Ian abgesehen. Blieb nur die Frage, ob Ian das auch bewusst war, und ob er die Aufmerksamkeit genoss. Aus ihrem Blickwinkel sah es zumindest ganz danach aus.
   Automatisch hob Emilia ihr Kinn an und stöckelte zu Julienne, die sich gerade mit einem Typ unweit von Steve entfernt unterhielt und dabei unnatürlich laut kicherte. »Komm, lass uns gehen!«, unterbrach sie Juliennes Gelächter und warf dem Typ neben ihr einen abfälligen Blick zu. Er war es nicht einmal für Julienne wert, sich mit ihm abzugeben. Irgendein Neureicher, der noch nicht gelernt hatte, dass ein Anzug nicht gleich passte, nur weil er tausend Euro gekostet hatte.
   »Ich will aber noch nicht gehen. Komm Rain, wir holen uns noch etwas zu trinken.« Mit einem Zug leerte sie ihr Glas und zog den Typ näher an die Bar und damit auch näher an Steve heran.
   Emilia verdrehte die Augen. Na toll. Durfte sie jetzt warten, bis Steve und diese Ella das Fest verließen? Das konnte ja noch heiter werden. Seufzend überlegte Emilia, sich noch einen Drink zu holen, doch ihr Magen rebellierte bereits jetzt gegen den Alkohol. Mit einem letzten Blick zu Julienne, die unauffällig auffällig zu Steve blickte, stolzierte Emilia zum Ausgang. Sie brauchte frische Luft.
   Nachdenklich spazierte Emilia durch die Straßen von L. A. und dachte darüber nach, wieder hier zu sein. Sie liebte die Stadt, sie liebte ihr Zuhause in Santa Monica und die Privilegien, die ihr hier zuteilwurden, und doch vermisste sie Europa schrecklich. Dort hatte sie keine Angst haben müssen, dass Ian auf den Gedanken kommen würde, sie würde ihm nicht ausreichen. Dafür hatten sie dort das Hotelzimmer viel zu selten verlassen, und hier? Kaum tauchten sie wieder auf, klebte direkt eine wunderschöne, gertenschlanke Frau an ihm. Emilia wusste, dass sie in sein früheres Beuteschema passte. Sie kannte Ian schließlich lange genug. Wütend bog sie in eine Seitengasse ab. Hier ganz in der Nähe müsste sich ihr fünftliebstes Diner befinden. Vielleicht halfen ihr ein paar Chili-Cheese-Fries, ihren Ärger und den sauren Geschmack in ihrem Mund hinunterzuschlucken – zumal sie aufgrund Alexanders Auftauchen seit heute Mittag nichts mehr gegessen hatte.
   Sie ließ sich an einem kleinen Tisch in der Ecke nieder mit dem Blick zur Tür. Sie hasste es, wenn sie nicht wusste, was hinter ihrem Rücken geschah.
   »Eine kleine Portion Chili-Cheese-Fries und ein großes Wasser«, sagte sie zur Bedienung, einem gelangweilten Teenager mit Pickeln im Gesicht. Vermutlich hatte er selbst zu viele der fettigen Fritten gegessen. Für einen Augenblick überlegte Emilia, ihre Bestellung wieder rückgängig zu machen, doch dann begann ihr Magen zu knurren und sie beschloss, sich heute etwas Ungesundes zu gönnen.
   Während sie wartete, zückte sie ihr Handy. Sie hatte einen verpassten Anruf. Hoffnungsvoll öffnete sie ihre Anrufliste, doch es war nicht Ian, sondern ihr Vater.
   »Ich will nichts von dir hören!«, fauchte sie und pfefferte ihr Handy zurück in die Tasche.
   »Du kennst mich doch überhaupt nicht.«
   Entsetzt fuhr sie herum. Abgesehen von den Toiletten befand sich hinter ihr nichts mehr. Ein junger Mann stand dort und grinste sie verschmitzt an. Seine blonden Haare lockten sich beinahe bis auf seine Schultern, er trug einen Ohrring in Form eines Surfbrettes im Ohr und auf seinem grünen Shirt war eine Welle abgebildet. Keine Frage, welche Sportart er priorisierte.
   »Das muss ich auch nicht«, entgegnete sie schnippisch und betrachtete ihn abfällig. Obgleich ihr Vater früher gesurft war und viele ihrer Klassenkameraden mit dem Brett aufs Wasser paddelten, hatte sie selbst nie das Verlangen gespürt, es auszuprobieren.
   Der Typ grinste nur noch breiter und ließ sich auf den Stuhl ihr gegenüber fallen. Emilia starrte ihn angesichts seiner Dreistigkeit nur sprachlos an.
   »Ich bin Nico, und du?«, stellte er sich vor und zwinkerte ihr zu. Seine Augen waren grün mit einem braunen Rand um die Iris, und es lag eine Art Abenteuerlust darin.
   »Ich bin nicht interessiert«, erwiderte Emilia, was Nico nur noch mehr amüsierte.
   »Siehst du die Typen dort hinten?« Er deutete in die Ecke gegenüber.
   Vier Männer schauten in ihre Richtung, und ihre Blicke waren alles andere als harmlos.
   Emilia schluckte und nickte. Plötzlich war sie über Nicos Anwesenheit gar nicht mehr so böse. Der pickelige Teenager konnte sie immerhin sicherlich nicht beschützen. »Ich heiße Emilia Stuart.«
   »Es freut mich, Emilia.« Nico winkte der Bedienung zu, der gerade Emilias Fritten und ihr Wasser auflud.
   »Einen Kaffee und einen Burger bitte.«
   Unauffällig beobachtete Emilia ihn von der Seite. Trotz der ungepflegten Frisur und des Ohrrings war er alles andere als hässlich. Seine Schultern waren breit, seine Haut gebräunt und seine Gesichtszüge klar definiert. Schnell wandte Emilia den Blick ab und zog stattdessen ihr Handy wieder heraus. Julienne hatte ihr geschrieben.
   »Wo bist du?«
   Emilia schob sich ein paar Fritten in den Mund, nahm drei Schlucke von dem Wasser und stand auf. »Ich muss los. Meine Freundin wartet.« Kurz spielte sie mit dem Gedanken, noch etwas hinzuzufügen, doch dann schwieg sie. Sie hatte diesem Typ immerhin nichts zu sagen. Außerdem würde sie ihn vermutlich nie wiedersehen. Sie bezweifelte, dass er in einem Strandhaus am Santa Monica Peer wohnte, oder dass zu seinen Hobbys Shoppen und Sonnenbaden zählten.
   »Mach’s gut, Emilia. Die Rechnung übernehme ich. Du kannst dich ja irgendwann revanchieren.« Der Surferboy zwinkerte ihr noch einmal zu.
   »Ähm … okay, danke.« Etwas steif verließ Emilia das Restaurant. Während sie zurück zur Location eilte, musste sie immer wieder an den geheimnisvollen Typ denken. Wieso wurde sie das Gefühl nicht los, dass sie ihn früher wiedersehen würde, als ihr lieb war?

Kapitel 4

Nico traute seinen Augen nicht, als er von der Toilette zurückkam, und Emilia am Tisch sitzen sah. Er zückte sein Handy und öffnete das Foto, das er von seiner Halbschwester besaß. Es bestand kein Zweifel, dass Emilia ihm von dem Foto entgegenlächelte. Kurz spielte er mit dem Gedanken, sie einfach heimlich zu beobachten und ihr zu folgen, sobald sie das Lokal verließ, doch dann beschloss er, sich zu ihr zu setzen. Zu groß war die Neugierde. Immerhin kannte wohl niemand Julienne besser als sie. Außerdem würde es nicht schaden, wenn eine Person ihn bereits kannte, bevor er vor der Haustür seines Vaters auftauchte und um eine Unterkunft bat. Er tippte seinem Kumpel Micha eine Nachricht und schlenderte zu ihrem Tisch. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie Micha die Nachricht las, die anderen drei Kumpels einweihte und mit möglichst anzüglichem Blick Richtung Emilia blickte.
   Zufrieden ließ sich Nico auf den Stuhl sinken und deutete auf die Männer in der Ecke, um Emilia davon zu überzeugen, dass er hier der Gute war. Nur mit Mühe schaffte er es, sie auch nach zwei Sekunden interessiert und freundlich anzuschauen.
   Was für eine hohle Nuss. Die glaubt genauso wie all die anderen verwöhnten Gören, sie wäre etwas Besonderes, ging es ihm durch den Kopf, während er ihr zuckersüß erklärte, er würde die Rechnung übernehmen. Dann beobachtete er, wie sie zum Ausgang eilte. Er wartete einige Sekunden, bevor er ein paar Scheine auf den Tisch schmiss und ihr unauffällig folgte. Es bestand kein Zweifel, dass sie ihn direkt zu Julienne bringen würde – und die wiederum zu seinem Vater.
   Automatisch zog sich Nico die Kapuze seiner Sweatjacke tiefer ins Gesicht. Hinter einer Straßenlaterne versteckt beobachtete er, wie ein blondes Mädchen auf Emilia zukam. Er konnte nicht verstehen, was sie sagte, doch ihrer Körpersprache und Gestik nach zu urteilen, schien sie nicht sonderlich glücklich zu sein. Die Mädels verschwanden in einer schwarzen Limousine. Nico blickte sich um und hob die Hand, als ein Taxi vorbeibretterte.
   »Folgen Sie der Limo«, wies er den Fahrer an und lehnte sich zurück.
   Während er L. A. hinter sich ließ, dachte er, was für ein Glück er gehabt hatte, Emilia in einem Restaurant anzutreffen. Hätte er nicht zufällig heute Abend einen Kundentermin gehabt, wäre er niemals in die Stadt gefahren. Er kramte in seinem Rucksack nach Zigaretten. Die hatte er sich jetzt mehr als verdient.
   Die Limousine hielt vor zwei riesigen Strandhäusern. Nico beobachtete, wie Emilia und das andere Mädchen ausstiegen, sich verabschiedeten und zu den nebeneinanderliegenden Haustüren liefen. Er merkte sich die Straße und Hausnummer, dann ließ er sich von dem Fahrer noch zwei Straßen weiterfahren. Nicht, dass Emilia ihn am Ende doch noch entdeckte. Einen Strandabschnitt weiter stieg er aus, reichte dem Taxifahrer ein paar Scheine und zündete sich die Zigarette an. Dann machte er sich auf, einen Platz für die Nacht zu suchen. Kurz spielte er mit dem Gedanken, seine Kumpels aus dem Diner anzurufen und zu einem spontanen Besäufnis zu überreden, doch dann entschied er sich dagegen. Er wollte nicht vollkommen gerädert und mit einem Kater vor dem Haus auftauchen. Am Rande einer Strandhütte schmiss er seinen Rucksack in den Sand, bettete seinen Kopf darauf und starrte in den Himmel. Er war gespannt, was ihn morgen erwarten würde.

*

Julienne erwachte durch das schrille Läuten der Türklingel. Schlaftrunken zog sie sich die Schlafbrille von den Augen und fuhr sich über das Gesicht. Ein Blick auf ihren Wecker verriet, dass es gerade einmal sieben Uhr war. Wer klingelte an einem Sonntagmorgen um diese christlose Zeit? Sie wartete, ob sie Schritte im Gang hörte, vielleicht war ihr Vater oder ihre Mutter schon auf dem Weg, doch nichts. Es läutete erneut. Missmutig schlug sie die Decke zurück und griff nach ihrem Morgenmantel. Als es zum dritten Mal klingelte, riss sie die Haustüre auf. Vor ihr stand ein Typ, den sie nicht kannte. Er war groß, hatte blonde lockige Haare und trug einen Ohrring in Form eines Surfbrettes. Julienne blinzelte ein paar Mal, um sicherzugehen, dass sie nicht träumte. Der Typ stand immer noch vor der Tür.
   »Kann ich dir helfen?«, bluffte sie schließlich und zog ihren Morgenmantel enger um den Körper.
   »Hi. Ich bin Nico. Ist dein Vater zu Hause?«
   Julienne entging nicht, mit welcher Neugierde er sie betrachtete. Ihr wurde bewusst, dass sie unter dem Morgenmantel nur ein kurzes Nachthemd trug. »Woher kennst du meinen Vater?«, fragte sie skeptisch. Weder sie noch ihr Vater noch sonst jemand aus ihrer Familie hatte je mit Typen wie diesem zu tun. Zumindest nicht privat.
   »Das soll lieber er dir erklären.«
   Julienne verschränkte die Arme vor der Brust und hob das Kinn. »Nein, erklär du es mir, bevor ich meinen Vater um diese Uhrzeit aufwecke.«
   Der fremde Kerl grinste. »Schön! Wenn du es so möchtest. Ich bin dein Halbbruder.«
   Julienne spürte, wie ihr der Kiefer runtersackte. Sie blinzelte erneut. Okay, das musste doch ein Traum sein – ein sehr realistischer Traum. »Du bist was?«, stotterte sie.
   »Dein Halbbruder.«
   Sie schüttelte den Kopf. Nein, das konnte nicht sein. Das war unmöglich – oder? Mit einem kurzen Blick prüfte sie ihn erneut. Er musste zwei oder drei Jahre älter sein als sie. War es tatsächlich möglich, dass ihr Vater noch ein Kind hatte? Ihre Eltern hatten sich erst ein gutes Jahr vor ihrer Geburt kennengelernt. Theoretisch also … Julienne verbot sich, den Gedanken zu Ende zu spinnen. »Daddy!«, brüllte sie stattdessen, so laut sie konnte.
   Im Pyjama, und nur mit einem Hausschuh, eilte ihr Vater aus dem Schlafzimmer, ihre Mutter streckte aufgeschreckt ihren mit Lockenwicklern verzierten Kopf aus der Tür. »Schatz, was ist denn los?«
   Julienne stieß die Tür weiter auf, sodass ihr Vater Nico sehen konnte. »Das ist los! Er sagt, er ist dein Sohn!« Fiebrig wartete sie darauf, dass ihr Vater mit rauen Worten wie »Lass uns in Ruhe, du Streuner« die Tür zuschlug oder einfach zu Lachen begann, doch nichts geschah.
   Stattdessen starrte er ihn nur an, während seine Lippen bebten. »Hallo. Komm erst einmal rein«, sagte er schließlich seufzend.
   Julienne spürte, wie ihr die Luft ausging und der Rest Sauerstoff in ihrem Kopf verpuffte. Ihr Vater und Nico verschwammen vor ihren Augen, dann wurde ihr Schwarz vor den Augen.
   Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf etwas Weichem. Ihr Schädel brummte, doch abgesehen davon schien sie unverletzt. Was war passiert? Sie vernahm leise Stimmen. Eine davon gehörte definitiv zu ihrem Vater, doch die andere? Vorsichtig öffnete sie die Augen für einen Spalt und erblickte ihre Eltern am Esstisch, ihnen gegenüber einen junger Mann mit blonden Locken. Schlagartig fiel ihr der Grund für ihre Bewusstlosigkeit wieder ein.
   »Es tut mir so leid. Deine Mutter meinte, es wäre das Beste, wenn ich dich nicht kennenlerne. Ich weiß, es ist keine Entschuldigung, aber ich habe damals gedacht, es wäre die richtige Entscheidung«, hörte sie ihren Vater sagen.
   »Schon gut«, antwortete der Typ.
   Julienne runzelte die Stirn. Wie war sein Name noch einmal?
   »Es ist nur … ich mache einen Fernkurs zum Dolmetscher und arbeite abends in einem Restaurant ganz in der Nähe. Mama hat einen neuen Freund, der wiederum zwei Kinder hat, die ein Dach über dem Kopf brauchen. Da ich seit ein paar Wochen volljährig bin, meinte sie, ich solle mir eine eigene Wohnung suchen, und … nun ja.«
   »Du willst wissen, ob du hier vorübergehend einziehen kannst?«, schloss Juliennes Vater seinen Satz.
   »Ja. Nur für ein paar Wochen. So lange, bis ich mir etwas Geld angespart habe.«
   Für einen Augenblick war es still. Angespannt hielt Julienne die Luft an und spitzte die Ohren.
   »Bitte sag Nein, bitte sag Nein«, beschwor sie stumm.
   »Wir haben zwei freie Gästezimmer. Ich denke, für ein paar Wochen …«, murmelte ihr Vater mit einem Blick auf ihre Mutter.
   »… dann hole ich dir einmal frische Bettwäsche«, gab diese seufzend nach und stand auf.
   Julienne stöhnte. Das war ein Albtraum, das konnte nichts anderes als ein Albtraum sein. Sie wollte keinen Bruder oder sonst jemanden in ihrem Haus. Sie war immer mit ihren Eltern allein gewesen – und das hatte ihr auch bestens gefallen.

»Emilia!« Ohne eine Antwort abzuwarten, trag Julienne in ihr Zimmer. Es war kurz nach neun Uhr, immer noch viel zu früh für einen Sonntagmorgen, doch sie hatte es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Sie hatte nicht mit ansehen können, wie ihre Mutter frische Bettwäsche in das große Gästezimmer trug, wie sein Vater mit Nico in der Küche sprach, als wäre es ganz normal, dass ein wildfremder Kerl plötzlich in ihrem Haus stand, und, dass niemand ihr auch nur einen Funken Aufmerksamkeit schenkte. Emilia brummte und drehte ihren Kopf zur anderen Seite.
   »Emilia«, wiederholte Julienne weinerlich, setzte sich neben ihr aufs Bett und rüttelte an ihren Schultern.
   »Was?«, hörte sie die Freundin verschlafen murmeln.
   »Es ist etwas ganz Grauenvolles passiert.«
   Allmählich schien Emilia wach zu werden. Sie öffnete die Augen und blickte Julienne mürrisch an. »Was ist denn los? Wie kommst du in mein Zimmer, und … ist es wirklich erst neun Uhr?« Stöhnend presste sich Emilia das Kopfkissen aufs Gesicht.
   »Deine Mutter hat mich reingelassen. Bitte, es ist wichtig. Meine ganze Welt bricht auseinander!« Julienne quetschte ein paar Tränen hervor. Das fiel ihr mittlerweile nicht mehr schwer, immerhin könnte sie aufgrund von Steves neuer Beziehung permanent weinen.
   Seufzend richtete sich Emilia auf. »Okay, was ist passiert?«
   Julienne berichtete ihr von dem frühmorgendlichen Drama – wie sie nichts ahnend zur Tür gegangen war, wie ein wildfremder Typ davorstand, wie er behauptete, er wäre ihr Halbbruder, wie ihre Eltern ihm angeboten hatten, einzuziehen. Während sie sprach, überkam sie eine Welle des Selbstmitleids. Womit hatte sie das verdient? Erst verließ sie vollkommen überraschend ihr Freund aufgrund einer anderen Frau, und jetzt das. Hatte sie irgendetwas falsch gemacht? Sie war sich keiner Schuld bewusst.
   »Woah, das ist ja krass. Und? Ist er cool?«
   Julienne starrte Emilia bestürzt an. Sie erzählte ihr gerade, wie ihr Leben zerbrach, und das war ihre erste Reaktion? »Nein! Er ist ein kompletter Loser, hat noch nie etwas von einem Friseur gehört oder von so etwas wie Mode. Das ist ein Desaster!« Schwermütig ließ sich Julienne neben Emilia fallen.
   Morgen fing das neue Schuljahr an, und sie hatte jetzt schon die Schnauze voll.

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