„Dieses Weihnachten wird alles anders“, sagt seine Mutter, und Matt glaubt zunächst, sich verhört zu haben. Wieso der plötzliche Sinneswandel? Muss sie ausgerechnet von Arizona in ein Kaff in Maryland fahren wollen? Er hatte anderes vor, als den Chauffeur nach St. Elwine zu spielen. Stattdessen gerät Matt in ein Familienchaos vom Feinsten. Emma, ebenfalls unfreiwillig in St. Elwine, nimmt einen Job im Maple-Lodge an. Sexy Matt, auf den sie dort trifft, reizt sie allenfalls für einen One-Night-Stand - darüber hinaus ist sie nur daran interessiert, das Doppelleben ihres Vaters aufzudecken.  Gezwungenermaßen muss sie mit Matt sehr viel näher zusammenrücken, als ihr lieb ist, während ein Schneesturm die Stadt komplett lahmlegt. Schneeflockenwirbel über St. Elwine!

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ISBN: 978-9925-33-122-2

Seiten: 450

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Britta Orlowski

Britta Orlowski
Britta Orlowski wurde im Jahr 1966 geboren – eine Schnapszahl, ich weiß, meine Eltern hätten gleich stutzig werden sollen. Stattdessen zogen sie mich mit viel Liebe, Wärme und schönen Geschichten auf. Sie nahmen meine zahlreichen kreativen Experimente gelassen hin und nährten meine ohnehin uferlose Fantasie noch mit zauberhaften Erzählungen über Spielzeug, welches zum Leben erwacht, sobald ich des abends eingeschlafen sei. So wuchs ich also in meiner Geburtsstadt Rathenow auf, absolvierte die zehnklassige polytechnische Oberschule und erlernte den Beruf der stomatologischen Schwester in der Kreispoliklinik. Ich angelte mir einen netten Mann, dem ich sage und schreibe im taufrischen Alter von fünf Jahren zum ersten Mal begegnete und ihn sogleich aus tiefstem Herzen verabscheute. Zum Glück änderte ich später meine Meinung - wir heirateten und gründeten eine Familie. Ihm verdanke ich meine lieben Söhne, die überhaupt die schönsten Babys der Welt waren. Im Erziehungsurlaub wurde mir rasch langweilig. Beim Aufräumen stieß ich auf die Manuskripte aus meiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit. Ich begann erneut, Geschichten zu schreiben - nur so für mich. Wenige Jahre später infizierte ich mich mit dem Patchworkvirus und hänge seitdem an der Nadel. Doch auch das Schreiben ließ mich nicht mehr los. Nach einigen Überlegungen kam ich zu dem Schluss, dass es bestimmt einen Weg gibt, beide Hobbies zu verbinden. So entstand mein erster Roman „Rückkehr nach St. Elwine“. Da mir der Abschied von meinen Hauptfiguren am Ende so schwer fiel, war die Idee geboren, daraus mehr zu machen. Eine lockere Serie mit in sich abgeschlossenen Geschichten, die stets am gleichen Ort, dem fiktiven Küstenstädtchen in der Chesapeake Bay, spielen. Nach langem Suchen habe ich ein begeisterungsfähiges Verlagsteam gefunden.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
November 2007

Das riesige Wohnmobil auf der Einfahrt zur Garage riss Matt jäh aus seinen trüben Gedanken.
   Er lebte immer noch bei seinen Eltern, war jedoch die meiste Zeit des Tages arbeiten. Da passte es gut, dass er sich nach dem kräftezehrenden Job auf der Baustelle nicht um Einkaufen, Kochen oder anderen Haushaltskram kümmern musste. Mom und Dad waren längst pensioniert und mochten ihr Leben so, wie es war. Er hatte nie den Eindruck gehabt, dass er zu Hause ausziehen sollte. Im Grunde profitierten sie alle voneinander, vor allem, da Dad nach seinem Unfall auf einer Bohrinsel noch vor Matts Geburt ein stark eingeschränktes Sichtfeld hatte. Ein Glück, dass Dad nicht vollkommen erblindet war. Auto fahren, geschweige erst ein Wohnmobil lenken, konnte er allerdings nicht.
   Hatte sich Besuch angekündigt, ohne dass er etwas davon mitgebekommen hatte? Er schloss die Tür auf, blickte noch einmal über die Schulter zum Wohnmobil, und betrat das Haus.
   Mom tauchte im Türrahmen zur Küche auf und sah ihn verblüfft an. »Was machst du denn um diese Uhrzeit hier?«
   Matt blieb nichts anderes übrig, als es auszusprechen und damit Realität werden zu lassen. »Ich habe meinen Job verloren.«
   »O nein. Das tut mir leid.«
   Matt zuckte mit den Schultern.
   »Aber warum denn?«
   »Die Firma ist pleite.« Zumindest war das der Belegschaft heute Morgen mitgeteilt worden. Irgendwas mit Subunternehmer, bla, bla, bla. Er hatte nicht mehr zugehört, nachdem das Aus verkündet worden war. Er würde sich etwas Neues suchen müssen. Schreiner waren überall gefragt. Momentan jedoch war er urlaubsreif, das Arbeiten unter ständigem Zeitdruck forderte seinen Tribut. Matt stieß einen tiefen Atemzug aus.
   »Ach, Junge, es wird sich schon was finden.«
   Er lächelte seine Mutter an. »Ich weiß.« Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie Jeans und Bluse trug und keinen ihrer bequemen Hausanzüge. »Willst du einkaufen? Ich kann dich begleiten und dir beim Tragen helfen.«
   »Das ist lieb von dir, danke, Matt. Aber ich bin gerade rein.«
   »Hast du Besuch?«
   »Nein, wie kommst du darauf?«
   Er deutete zum Fenster, das den Blick zur Auffahrt freigab.
   »Ach so, verstehe …« Sie zog die Augenbrauen in die Höhe und grinste geheimnisvoll. »Dieses Weihnachten wird alles anders.«
   Hatte er Mom richtig verstanden? Sie war ein Gewohnheitsmensch, der es liebte, dass alles wie immer und nach Plan verlief. Er lachte auf. »Was hast du gesagt?«
   »Du hast dich nicht verhört, mein Schatz. Trotzdem wiederhole ich es gern für dich: Dieses Weihnachten wird alles anders.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und hob erneut die Augenbrauen.
   »Du machst es echt spannend.«
   »Es ist eben die Zeit der kleinen Heimlichkeiten«, parierte Mom trocken.
   »Wir haben erst November.«
   »Und wenn schon, Planung ist alles.«
   Das klang schon eher nach Mom. »Ich fürchte, ich werde heute nicht schlau aus dir.«
   Immerhin lenkte es ihn von den Gedanken nach einer Jobsuche ab, was grundsätzlich schon mal gut war. Schließlich musste er nichts überstürzen. Er brauchte ein bisschen Zeit, um sich darüber klar zu werden, was er zukünftig machen wollte. »Was hast du vor?«
   »Erinnerst du dich, dass wir dir vor ein paar Jahren gesagt haben, dass dein Vater bereits einmal verheiratet war?«
   Matt nickte. »Und ich einen Halbbruder habe.«
   »Stimmt«, bestätigte Mom. »Und ich finde, es ist an der Zeit, dass sich dein Dad mit Tyler aussöhnt.«
   Matt erschrak. »Ist Dad krank?«
   »Nein, nein, nein. Mach dir keine Sorgen. Allerdings weiß ich, dass seine Gedanken oft bei Tyler sind und er ihm gegenüber Schuldgefühle hegt, weil er die Familie damals verlassen hat. Sie müssen sich aussprechen und die Zeit nutzen. Niemand weiß schließlich, wie lange wir auf Erden bleiben dürfen.«
   Wenn Mom so redete, wurde es Matt immer mulmig zumute. Er wollte nicht darüber nachdenken, dass jeden Augenblick etwas passieren konnte. Stattdessen interessierte ihn dringend, was sie geplant hatte. »Was willst du mir damit sagen?«
   »Wir sind Weihnachten nicht hier.«
   Für jemanden wie Mom war das ein Quantensprung, und was für einer. »Sondern?«
   »In St. Elwine.«
   Nie gehört. »Das liegt wo?«
   »In Maryland.«
   Matt klappte fast die Kinnlade hinunter. »Das müssen an die 2.400 Meilen quer durchs Land sein?«
   »Es hilft ja nichts. Wenn der Prophet nicht zum Berg geht, muss der Berg eben zum Propheten …«
   »Mom?«
   »Seit Jahren hat dein Vater eine Ausrede nach der anderen, dabei wird seine Grübelei immer schlimmer.«
   Und ich habe nichts davon bemerkt.
   »Ich werde das nicht länger mitansehen«, sagte Mom bestimmt. »Daher habe ich ein Wohnmobil gemietet, eine Unterkunft gebucht und beschlossen, dieses Jahr den Dezember in St. Elwine zu verbringen. Dem Ort, in dem Tyler lebt.«
   Mom liebte Dad so sehr, dass sie auf ihr Komfort-Weihnachtsfest zu Hause verzichtete, um an seiner Seite zu sein, wenn er mit der Vergangenheit konfrontiert wurde? Respekt. Matt konnte nicht anders und küsste ihre Wange.
   »Wofür war der?«, fragte sie.
   »Einfach so.«
   Sie strahlte ihn an.
   »Hast du bei all deiner Nächstenliebe nicht eine Kleinigkeit vergessen, Mom?«
   »Nicht, dass ich wüsste.«
   »Dad musste vor Jahren seinen Führerschein aus gesundheitlichen Gründen abgeben.«
   »Stimmt, aber ich nicht. Und ich habe Fahrstunden genommen, um dieses Monstrum da zu lenken.« Sie klang stolz.
   Die Vorstellung, dass seine Mutter tagelang mit einem Wohnmobil quer durchs Land fuhr, ohne dass jemand sie ablöste, verursachte Matt Bauchschmerzen. »Auf keinen Fall.«
   »Na, hör mal.«
   »Sorry, Mom, aber dann hätte ich keine ruhige Minute.«
   »Versuch ja nicht, mir das auszureden. Ich bin bereits am Packen.«
   Matt blickte sich hilflos um und ging langsam in die Küche. »Lass uns eine Tasse Kaffee zusammen trinken«, schlug er in versöhnlichem Ton vor.
   »Netter Versuch. Aber er ist sinnlos.« Mom ging trotzdem zur Kaffeemaschine, nahm einen Becher aus dem Schrank und goss ihn voll. »Bitte sehr.«
   Matt griff zu und tat einen langen Schluck. Danach sah er die Dinge klarer. »Ich komme mit nach St. Elwine.«
   »Vielleicht solltest du in Ruhe darüber nachdenken.«
   »Nicht nötig.«
   »Also gut.«
   Die Tatsache, dass Mom ihm den raschen Entschluss nicht ausreden wollte, sprach dafür, dass sie insgeheim froh darüber war.
   »Ich nehme stark an, Dad weiß noch nichts davon …«, hob Matt an.
   »Darum kümmere ich mich. Mach dich heute einfach unsichtbar.«
   »Kein Problem.« Matt würde sich in sein Zimmer begeben, um zu packen. Er stellte den Kaffeebecher auf der Arbeitsplatte ab.
   »Hast du es im Rücken, Liebling?«, fragte Mom.
   »Nein, warum?«
   »Dann stell die Tasse einfach in den Geschirrspüler, nicht obendrauf. Das macht man, indem man diese Tür da öffnet und …«
   »Schon gut, ich hab’s kapiert.«
   »Das ist mein Sohn.« Sie strahlte ihn an.
   »Ruth, was ist das für ein Wohnmobil da draußen?«, rief Dad, als er das Haus betrat.
   Mom warf Matt einen Blick zu, der ihn augenblicklich aus der Küche schmiss. Jetzt würde sie beichten müssen. Na dann: Fröhliche Weihnachten.

Kalendertürchen 1

Soeben passierten sie das Ortsschild von St. Elwine. »Wir sind da«, rief Matt und drosselte die Geschwindigkeit. Laut Navi war es bis zur Maple-Lodge nicht mehr weit. Seine Mutter saß auf dem Beifahrersitz und lächelte.
   »Mhm«, meldete sich Dad.
   Moms Lächeln wurde breiter. Sie hatte gewonnen. Die ersten Tage ihrer Reise hatte sein Vater schweigend neben ihnen gesessen. Matt war sich nicht ganz sicher, ob er daran knabberte, demnächst auf seinen Sohn Tyler zu treffen, oder ob er sauer auf Mom war, weil sie ihn überrumpelt hatte. Wahrscheinlich traf beides zu. Er selbst hatte es vorgezogen, das Wohnmobil über den Highway zu lenken und sich St. Elwine und seinen Halbbruder vorzustellen. ‚Dieses Weihnachten wird alles anders‘, klang ihm andauernd in den Ohren. Hoffentlich bedeutete das nicht, dass er vor Langeweile sterben würde. Oder, schlimmer noch, dass sich seine Eltern vollkommen zerstritten. Dad, weil das Zusammentreffen mit Tyler nach so vielen Jahren nicht funktionierte, und Mom, weil sie weder dekorieren, Plätzchen backen noch einen eigenen Weihnachtsbaum würde schmücken können. Schön blöd. Allerdings würde auch diese Zeit vorübergehen, und dann kehrten sie in ihr gewohntes Leben zurück. Seine Eltern konnten sich wieder aussöhnen und einander verzeihen, und er ginge auf Jobsuche. Bis dahin betrachtete er das Unternehmen St. Elwine als Urlaub. Jetzt hatte er allerdings genug von fünf Tagen on the road.
   »Was hast du Tyler gesagt, wann wir kommen, Chad?«, fragte Mom.
   Dad holte tief Luft. »Ich … war der Meinung, das hat noch Zeit.«
   »Wie meinst du das?«
   »Ich habe ihn noch nicht angerufen.«
   Augenblicklich herrschte Schweigen im Wohnmobil. Na super. Vorweihnachtsstimmung gleich null. Da half es auch nicht, dass im Radio gerade ‚Driving home for Christmas‘ gespielt wurde. Eigentlich mochte Matt den Song nicht, doch beim Autofahren passte er. Tyler hatte also keinen Schimmer, dass dieser Teil der Familie zu den Feiertagen anrückte, sogar den gesamten Dezember im Ort verbringen würde. Sein Halbbruder tat ihm jetzt schon leid. Matt hatte sich immerhin halbwegs auf eine Begegnung einstellen können. In Sachen Überrumpeln stand Dad Mom offenbar in nichts nach. Oder sollte das seine Retourkutsche sein? Eigentlich passte das nicht zu seinem Vater, daher verwarf Matt den Gedanken und tippte auf dessen Hilflosigkeit. Dad war ratlos, wie er sich verhalten sollte. Was ehrlich gesagt kein Wunder war. Immerhin hatte Mom Weitsicht besessen. Sie hatten das Wohnmobil, ein Zimmer in einer Lodge und damit alle Möglichkeiten für spontane, individuelle Entscheidungen.
   Mom blickte aus dem Fenster. »Oh, es ist hübsch hier. Lauter kleine Holzhäuser mit Veranden.«
   Die Läden, Cafe’s und Plätze waren weihnachtlich dekoriert. Der Ort wirkte ein bisschen altmodisch, irgendwie aus der Zeit gefallen. Kein Wunder, dass er seiner Mutter gefiel.
   »Morgen könnten wir einen kleinen Bummel durch die Geschäfte machen. Chad, was meinst du?«
   »Von mir aus.« Dad’s Umschreibung für: Nett, dass du mich noch nach meiner Meinung fragst.
   Mom seufzte.
   Das Navi zeigte an, dass sie St. Elwine’s Stadtkern wieder verlassen mussten. Maple-Lodge lag etwas außerhalb. Die Straße führte schnurgeradeaus, das Gelände ringsum wirkte wie eine Parkanlage. Sie kamen nur an zwei Anwesen mit mehreren Gebäuden vorbei: ‚Tanner House‘ und ‚New Heaven‘. Während Tanner House wie ein Schloss – es gab sogar einen Turm – aussah, wirkte Letzteres wie ein Gutshof mit herrschaftlicher Villa. Danach wurde die Landschaft waldiger. Hohe, alte Eichen, Ahorn und Kastanienbäume standen dichter beieinander. Es war viel dunkler hier als eben noch auf der Mainstreet von St. Elwine. An einem verwitterten grünen Hinweisschild, das ein zweigeschossiges Steinhaus auf einem Hügel zeigte, bog Matt nach rechts ab.
   Mom wirkte wenig begeistert, wahrscheinlich hatte sie sich die Maple-Lodge anders vorgestellt. So, dass ein riesiger Ahornbaum neben einem romantischen Blockhaus steht und die Ferienunterkunft nicht von der Straße aus von Ahorn und anderen Bäumen verschluckt wird. Tja, gut, dass er nicht an ausgleichende Gerechtigkeit glaubte.
   Das Gelände stieg an, und tatsächlich kam oben auf dem Hügel das Haus in Sicht. Hinter den Fenstern war es dunkel, das Gebäude wirkte verlassen, als gammelte es seit ein paar Jahren vor sich hin. Hatte Mom tatsächlich hier gebucht?
   »Bist du nun zufrieden?«, fragte Dad und warf Mom einen Blick zu.
   »Natürlich nicht. Ich dachte …«
   Da Mom den Tränen nah war, hielt Matt an und sprang aus dem Wagen. »Ich sehe mich mal um. Es gibt bestimmt eine Erklärung für all das.« Mit den Händen machte er eine umfassende Bewegung.
   Auch außerhalb des Wohnmobils wirkte das Anwesen wenig einladend. Tja, die Situation war nun einmal, wie sie war. Matt konnte es nicht ändern und suchte nach der Eingangstür. Dafür ging er um das Haus herum und fand sie am Giebel. Er klopfte an. »Hallo?«
   Nichts rührte sich. Entschlossen drückte er die Klinke hinunter und trat in einen dunklen Flur. »Hallo. Ist hier jemand?« Es war kein Mensch zu sehen, aber immerhin hörte er einen Staubsauger, was erklärte, warum ihm niemand antwortete. Matt ging vorsichtig weiter, seine Augen hatten sich an das wenige Tageslicht gewöhnt. Er kam dem Staubsaugergeräusch näher und entdeckte schließlich einen Empfangstresen. Dort brannte sogar Licht.
   Eine ältere Frau in Jeans und Pullover wandte ihm ihre Kehrseite zu und fuhr über den Teppichboden. Matt wartete höflich, statt ihr auf die Schulter zu klopfen. Endlich schaltete sie den Staubsauger mit dem Fuß aus, drehte sich um und schrie auf.
   »Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken«, sagte Matt.
   »Ist Ihnen eins a gelungen, junger Mann. Bin soeben knapp an einem Herzkasper vorbeigeschrammt«, blaffte sie.
   »Das tut mir aufrichtig leid.«
   »Davon kann ich mir auch nichts kaufen.«
   Netter Empfang.
   »Wir haben übriges geschlossen.«
   Echt jetzt? »Da liegt sicher ein Missverständnis vor. Meine Mutter hat hier für den gesamten Dezember gebucht.«
   »Sogar bis zum 07. Januar und im Voraus alles bezahlt«, schnarrte sie nicht besonders freundlich.
   »Also, dann scheint ja alles in bester Ordnung zu sein.«
   »Ist es nicht.«
   »Wieso, wenn ich fragen darf?« Matt nahm den Tresen aus dunklem Holz in Augenschein. Das große Brett mit nummerierten Schlüsseln hing voll, was dafür sprach, dass hier tatsächlich keine Gäste logierten. Oder gerade durch St. Elwine spazierten, alle gleichzeitig, was eher unwahrscheinlich war.
   »Wie ich bereits sagte: Wir haben geschlossen.«
   »Aber meine Mom hat gebucht und bezahlt, wie Sie selbst bestätigt haben.«
   »Inzwischen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es nicht geht. Im Übrigen hat Ihre Mutter mir auch nicht zugehört.«
   Das lag im Bereich des Möglichen. Im Eifer für die Mission Tyler, den im Stich gelassenen Sohn, war eventuell die Begeisterung mit Mom durchgegangen. Das würde Matt später mit ihr klären. Jetzt musste er sich wohl erst mal um eine neue Unterkunft bemühen. Hoffentlich rückte die schroffe Dame im Strickpullover das Geld wieder heraus.
   »Wir werden uns sicher einig«, sagte er und lächelte, was das Zeug hielt.
   Irgendwo in der Nähe fiel eine Tür ins Schloss. Die Strickpulli-Frau spähte in Richtung Flur. Matt blickte über die Schulter.
   »Oh …, hi, Entschuldigung.«
   Matt starrte die junge Frau an. Sie hatte endlos lange Beine, große braune Augen und drehte sich einmal im Kreis.
   »Wir haben geschlossen.« Die Geduld der Strickpullover-Frau vom Maple-Lodge wurde offensichtlich auf eine harte Probe gestellt.
   »Die ältere Dame draußen auf dem Parkplatz sagt aber etwas anderes.«
   »Tja, dann hat sie sich eben geirrt.«
   Die beiden konnten nur Mom meinen. »Verzeihen Sie, wenn ich das sage«, wandte sich Matt an die Dame von der Maple-Lodge. »Dieses Gästehaus sieht aus, als brauchte es jede Menge Buchungen, und da wir schon mal hier sind … Es muss einen triftigen Grund geben, warum meine Mom bei Ihnen gebucht hat. Wir sind seit Tagen unterwegs. Meine Eltern haben sich so auf diese Reise gefreut.« Matt kreuzte auf dem Rücken den Mittel- über den Zeigefinger. »Bitte, schlagen Sie ihnen den Aufenthalt hier nicht ab. Der Ort hat eine große Bedeutung für die beiden.« Zur Bekräftigung drückte er mit dem Mittelfinger fester zu.
   »Sie meinen, sie haben hier ihre Hochzeitsreise verbracht?« Das Gesicht der Strickpullover-Frau sah nicht mehr ganz so abweisend aus.
   Matt wollte nicht noch mehr lügen, daher beantwortete er die Frage nicht, sondern strahlte die Frau mit all seinem Charme an. Miss-ich-hab-die-längsten-Beine-der-Welt verdrehte die Augen, doch darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. »Wenn Sie meinen Eltern ihren Dezembertraum verwirklichen lassen, bin ich gern bereit, mich hier ein wenig nützlich zu machen, Miss …«
   »Mrs., ich bin Dorothea Butler, die Besitzerin.«
   »Freut mich sehr. Matt Carmichael.« Er streckte ihr seine Hand entgegen und fragte sich bereits, ob er gerade einen Fehler gemacht hatte.
   Mrs. Butler nickte und schien nicht sicher zu sein, was sie von seinem Angebot halten sollte.
   »Meine Eltern sind die umgänglichsten Menschen überhaupt und werden Ihnen keine Probleme machen. Sie werden kaum merken, dass sie da sind. Bitte, sagen Sie ja.«
   Mrs. Butler schwieg und schwieg. Matt wurde nervös.
   »Übernachtung, Frühstück?«, fragte sie schließlich.
   Er nickte. »Genau, ich glaube, so war es ausgemacht, oder?«
   »Sie wissen es nicht?«
   »Doch, doch«, beeilte sich Matt zu antworten. »Es ist … ein wenig kompliziert.«
   Mrs. Butler stieß einen verächtlichen Laut aus. »Wem sagen Sie das.«
   Matt wartete auf ihre Entscheidung, am liebsten hätte er nachgeholfen, hielt sich jedoch zurück.
   »Aber an Weihnachten müssen Sie sich hier selbst versorgen«, blaffte Mrs. Butler.
   »Klar, kein Ding.«
   »Na gut.«
   »Gibt es ein Problem, Matt?« Mom kam den Flur entlanggelaufen.

*

Emma ahnte bereits, dass ihre Kurzschlusshandlung ein Fehler gewesen war. Trotzdem musste sie wissen, was in ihrer Familie gespielt wurde. Sie fühlte sich belogen und verraten. Der Typ vor ihr in dieser blöden, finsteren Lodge war auch so ein Arschloch. Mrs. Butler konnte er vielleicht noch bezirzen, aber Emma hatte genau gesehen, wie er hinter dem Rücken seine Finger gekreuzt hatte. Der log unverblümt, und damit hatte er bei ihr längst verspielt. Was geht mich fremdes Elend an? Sie wollte einfach nur ihr Ding durchziehen. Da sie allerdings darauf achten musste, dass ihr in den kommenden Wochen das Geld nicht ausging und es in St. Elwine keine bezahlbare Unterkunft gab, musste sie improvisieren. Sämtliche Hotels und Pensionen hatten nach der Sommersaison geschlossen, waren belegt oder schlichtweg zu teuer. Einige hatten für Thanksgiving den Betrieb wieder aufgenommen und derzeit zu, um sich für das Weihnachtsgeschäft zu wappnen, alle waren aber für die Festtage bereits ausgebucht. So hatte sie sich das hier nicht vorgestellt. Außerdem war es Emma zu dunkel und ganz entschieden zu kalt.
   »Nein, Mom, alles in Ordnung. Mrs. Butler hat nur gerade einen … Personalengpass, und deshalb sind unsere Zimmer noch nicht fertig.«
   Na, der Typ hatte Nerven. Er belog sogar seine eigene Mutter. Der sollte sich schämen, dachte Emma wütend und ermahnte sich im Stillen, dass sie diese Familie nichts anging.
   Mrs. Butler nickte doch tatsächlich, woraufhin der Kerl lächelte. Schleimer.
   »Ich schlage vor«, hob er an, »wir sehen uns den Ort an, essen irgendwo und kommen später wieder.«
   »Das wird das Beste sein.« Seine Mutter seufzte leise.
   »Bis nachher«, rief der Sohn aus, berührte kurz den Rücken seiner Mom und verließ mit ihr den Empfangsbereich.
   Emma dachte an ihre rasant schwindenden Geldreserven. »Sie haben nicht zufällig einen Job zu vergeben?«
   »Haben Sie nicht zugehört?«
   Mrs. Butler wollte doch nicht ernsthaft daran festhalten. »Sie vergessen, dass Sie eben an diese Leute vermietet haben.«
   »Sagt wer?«
   »Ich bin Emma.«
   »Aha. Und doch.«
   »Doch was?«
   »Ich werde genug mit dieser Familie zu tun haben.«
   »Dafür haben Sie mich. Ich bin Ihre neue Aushilfe«, flötete Emma.
   »Seit wann?«
   »Ab sofort, würde ich sagen.«
   Stieß Mrs. Butler gerade einen Fluch aus, der verdächtig nach ‚diese Scheißweihnachtszeit‘ klang? Da wollte sich Emma aus den Fängen ihrer Familie befreien, weil sie es nicht ertrug, die heimelige Atmosphäre an Weihnachten mit dem Wissen um die Lügen ihres Vaters zu vereinbaren, und war mitten in einem anderen Netz aus Halbwahrheiten gelandet. Plötzlich kam sie sich einsam und verlassen vor.
   »Na schön, Sie haben es nicht anders gewollt. Wenn Sie sich ins Zeug legen, ist Kost und Logis frei. Und Sie bleiben nur so lange, bis meine zahlenden Gäste abreisen. Keinen Tag länger, haben wir uns verstanden?«
   »Klar, soll ich dann jetzt die Zimmer vorbereiten?« Emma konnte ihr Glück kaum fassen. Von einem Moment zum anderen hatte sie einen Job und Unterkunft und würde auch nicht verhungern.
   Mrs. Butler nickte.
   »Eine Frage habe ich allerdings noch.«
   »Schieß los, wir haben zu tun!«
   »Wo werde ich wohnen?«, fragte Emma.
   »Such dir ein Zimmer aus.«
   Als sie angekommen war, hatte sich Emma erst einmal auf dem Gelände umgesehen und auf der Rückseite des Hauses, hinter dem Hügel, drei oder vier Cottages entdeckt. Vielleicht könnte sie dort … »Darf ich einen Blick in eines der Cottages hinter dem Haus werfen?«
   »Da gibt es nur Ofenheizung«, antwortete Mrs. Butler.
   Neben dem Haus lagerte jedoch reichlich Brennholz, Emma hatte den aufgeschichteten Stapel gesehen. »Das macht nichts.«
   »Die Schlüssel hängen am Brett, aber beeil dich.«
   Das brauchte ihr Mrs. Butler nicht zweimal zu sagen. Emma ließ ihr Gepäck am Empfang zurück und flitzte los. Welches der Häuschen sollte sie als Erstes aufschließen? Jetzt erst bemerkte sie, dass jeder der Schlüsselanhänger mit einem Namen beschriftet war: ‚Under the chestnut‘, ‚Under the oak‘, ‚Between the maples‘ und ‚Downhill to the fairys’. Hügelabwärts zu den Feen? Manchmal war es gar nicht so schwierig, eine Entscheidung zu treffen. Emma fand das Holzschild am Feen-Cottage mit seinen verspielten Schnörkeln am Dachüberstand. Sie brannte vor Neugier, steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. Plötzlich musste sie tief einatmen – es war … einfach nur entzückend: Ein Wohnzimmer mit integrierter Küchenzeile, der Schlafraum und ein winziges Bad. Perfekt. Meins, dachte Emma sofort. Rasch warf sie noch einen Blick in die anderen Häuschen, aber ihr Herz hatte längst entschieden. Obwohl die übrigen Cottages auch hübsch waren, blieb sie bei ihrer Wahl. Dieser Matt von vorhin wirkte viel zu verwöhnt, um in so einem Cottage zu wohnen. Ihr Hang zum Sarkasmus kam mal wieder zum Vorschein. Bestimmt war der Typ daran gewöhnt, immer seinen Willen zu bekommen. Wie wäre es, wenn sie ihm eins für seine Lügen auswischte, und ein Häuschen für ihn herrichtete? Er bekäme garantiert schlechte Laune. Au ja. Emma konnte es kaum erwarten, sein Gesicht bei der Schlüsselübergabe zu sehen. Rasch rannte sie zurück ins Haus, um sich mit Putzutensilien einzudecken. Wie hatte Mrs. Butler gesagt: Sie müsse sich ins Zeug legen. Genau das hatte Emma jetzt vor. Ihre Stimmung kletterte gerade ein paar Zentimeter hinauf.

»Ehrlich gesagt, ich bin beeindruckt. Du machst deine Sache wirklich gut.«
   Emma fuhr herum, als ihre neue Chefin auf Zeit plötzlich hinter ihr auftauchte. »Vielen Dank.«
   »Was wahr ist, muss wahr bleiben. Kannst mich Dotty nennen.«
   »Okay.« Emma stützte sich auf den Besenstiel. Sie war gerade damit fertig geworden, die herrlich große Veranda, die sich über die gesamte Vorderfront des Haupthauses erstreckte, zu fegen.
   »Ich habe uns eine Kürbissuppe gekocht. Hoffentlich magst du Kürbis.«
   Emma hatte solchen Hunger, dass sie alles, was Dotty ihr vorsetzte, verschlingen würde. »Bestimmt. Ich wollte vorher noch die beiden hübschen Bänke da herrichten.« Sie wies auf die verwitterten Holzbänke, die auf der Veranda standen.
   »Warum, was ist mit denen?«
   »Mit kuscheligem Fell und ein paar Kissen, vielleicht aus grobem Strick- oder Wollstoff, sähen sie viel einladender aus für unsere Gäste.«
   »Willst du dir wirklich die Mühe machen? Das lohnt doch kaum.«
   »Ich finde, so was lohnt sich immer. Warum ist hier geschlossen?«
   Dottys Gesicht wurde finster und wieder so verkniffen wie vorhin, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren.
   »Entschuldigung, ich wollte dir nicht zu nahe treten.« Emma senkte den Kopf.
   »Komm in die Küche, bevor die Kürbissuppe kalt wird!«

*

Zu Mittag hatten seine Eltern und Matt in einem Fast Food Restaurant Pommes und Burger gegessen, was nicht allzu lange vorhielt.
   »Ich würde sagen, nun hatte Mrs. Butler genug Zeit, unsere Zimmer und ein Dinner vorzubereiten«, meinte Mom nach einem ausgiebigen Schaufensterbummel und dem kurzen Spaziergang zum Strand.
   »Äh … ich fürchte, da liegt ein Missverständnis vor. Matt rieb sich das Kinn. »Mrs. Butler sprach von Übernachtung und Frühstück, und ich habe das bestätigt. Mir war nicht klar …«
   »Aber ich habe Halbpension gebucht.« Seine Mutter klang niedergeschlagen.
   »Das lässt sich bestimmt morgen klären.«
   »Hoffentlich.«
   »Dann sollten wir uns jetzt auf die Suche nach einem Lokal machen, wo wir zu Abend essen können. Ich habe Hunger«, warf sein Vater schlecht gelaunt ein.
   So kannte Matt ihn überhaupt nicht. Vor allem erstaunte ihn, dass er seiner Mutter über eine so lange Distanz nicht längst verziehen hatte. Hoffentlich renkte sich das bald wieder ein. Es fühlte sich nicht gerade angenehm an, zwischen den Stühlen zu klemmen.
   »Da vorn ist ein Pub«, rief seine Mutter aus.
   »Soll das etwa eine Anspielung sein? Weil meine erste Frau Irin war?«
   Mann, die Stimmung war echt auf dem Nullpunkt.
   »Unsinn. Ich dachte nur, da bekommen wir ganz sicher etwas Warmes in den Bauch, und es ist nicht mehr weit zu laufen«, entrüstete sich Mom.
   Matt ignorierte die beiden, überquerte die Straße und lief zum Pub. Die Tafel wies aus, dass drinnen leckeres Irish Stew serviert wurde. Allein bei dem Gedanken knurrte ihm der Magen. Vorsichtshalber warf er einen Blick zurück. Während seine Mutter ihm langsam folgte, stand Dad immer noch an derselben Stelle. Matt hätte zu Hause bleiben sollen, sich vom Baustellenstress erholen und später einige alte Kumpels aufsuchen sollen. Dumm gelaufen. Dieses Weihnachten ging ihm jetzt schon auf die Eier.
   Er zog seinen Ärmel zurück und blickte auf die Armbanduhr. Es war zwanzig nach fünf, der Pub hatte erst seit einer guten Viertelstunde geöffnet. Matt war der erste Gast, nein, der zweite. Auf dem Barhocker am Tresen saß ein Sheriff und sah sich kurz um, als Matt grüßte.
   »Guten Abend, ich suche einen freien Tisch.«
   Die dunkelhaarige Wirtin lächelte ihn an. »Bitte sehr, suchen Sie sich einen aus.«
   »Keiner reserviert?«
   »Nur am Wochenende, wenn Veranstaltungen sind.«
   Das klang gut, da konnte er Samstagabend hingehen auf der Flucht vor Streit oder Langeweile.
   »Essen Sie allein?« Die Wirtin kam an den Tisch, an dem Matt Platz genommen hatte, und zündete die Kerze an.
   »Ich hoffe nicht, aber so genau weiß ich es nicht.«
   Die Wirtin lachte. »Sind Sie auf der Durchreise?«
   »Wir wollen die Feiertage hier verbringen und sind heute angekommen.«
   »Das nenne ich mal frühzeitig.«
   »Sie sagen es.«
   »Darf ich Ihnen schon etwas zu trinken bringen?«
   »Eine Cola.«
   »Kommt sofort.«
   Im selben Augenblick betraten seine Eltern den Pub. Dad half Mom sogar aus ihrem Mantel. Dann hatten sich die Wogen wohl ein wenig geglättet. Ob Matt sich eine andere Unterkunft suchen sollte? Vielleicht war es besser, wenn die beiden für sich waren.
   »Sie vermieten Zimmer?«, fragte er die Wirtin, als sie ihm die Cola servierte.
   »Derzeit ist keines frei, aber ja, ich vermiete – theoretisch.«
   Er konnte die Angelegenheit jetzt nicht vertiefen, denn Mom und Dad steuerten seinen Tisch an. Daher nickte er, die Wirtin verstand und zog sich zurück.
   Mom nahm Platz und setzte ein Lächeln auf. Sie blickte sich um. »Hübsch hier. Die vorherrschende Farbe ist türkis. Ungewöhnlich, findest du nicht?«
   Ihm waren eher die Holzverkleidungen aufgefallen. Die Einrichtung wirkte traditionell und war doch irgendwie modern. Er fühlte sich sofort wohl.
   »Was darf ich den Herrschaften zu trinken bringen? Etwas Warmes vielleicht? Wir haben den besten Erdbeerpunsch der ganzen Stadt und bieten ihn mit oder ohne Alkohol an.« Die Wirtin verstand ihr Handwerk, das musste Matt ihr lassen.
   »Für mich bitte mit«, bestellte seine Mutter und warf seinem Vater einen Seitenblick zu.
   »Ich nehme dasselbe«, antwortete dieser.
   Oha, seine Eltern wollten hoffentlich nicht um die Wette saufen. Nein, sicher nicht, versuchte sich Matt zu beruhigen.
   Nachdem sie die Speisekarte studiert hatten, hob Mom den Kopf. »Hast du schon mit Tyler gesprochen, Chad?«
   Immerhin hatte Dad heute während des Strandspaziergangs sein Handy gezückt.
   »Du kannst wahrscheinlich nicht zu seinem Haus gehen und klingeln. Da wird es garantiert Sicherheitsvorkehrungen geben.«
   Matt horchte auf. War sein Halbbruder irgendein hohes Tier?
   »Hallo? Er ist sein Vater, da wird der Sohn schon die Tür aufmachen«, warf Matt ein. Und überhaupt: Telefonierten die beiden nicht hin und wieder? Matt erinnerte sich genau. Erst im Herbst …
   »Fragt sich nur, wer welche Tür öffnet. Tyler ist immerhin ein Rockstar. Stimmt doch, Chad?«, fragte Mom.
   »Ein Rockstar?« Wollte Mom ihn auf den Arm nehmen? Andererseits war sie heute sicher nicht zum Scherzen aufgelegt.
   Dad nickte. »Das ist richtig.« Er wandte sich an Matt. »Dein Halbbruder lebt hier auf einer Ranch. Du hast natürlich schon von ihm gehört. Er trägt den Nachnamen seiner Mutter als Künstlernamen. O’Brian.«
   Matt stieß sein Glas um, zum Glück hatte er die Cola längst ausgetrunken. Tyler O’Brian, der Rocksänger war sein Bruder? Halbbruder, korrigierte er rasch im Stillen und hob das Glas wieder auf. Warum, zum Teufel, hatte Dad ihm diese Tatsache verschwiegen? Wahrscheinlich, weil Matt vor noch nicht allzu langer Zeit deswegen ausgeflippt wäre. Aber hey, das war schließlich kein Wunder. Garantiert wurde dieses Weihnachten anders, und Langeweile stand dabei nicht mehr zur Debatte. Matt beglückwünschte sich im Stillen, dass er seine Eltern begleitet hatte.
   »Zweimal Erdbeerpunsch, fruchtig und heiß. Bitte schön. Was darf es zum Essen sein?« Lächelnd stellte die Wirtin die dampfenden Gläser auf den Tisch.
   Sie bestellten jeder das Irish Stew und Salat.
   »Ich fasse mal kurz zusammen«, sagte Matt. »Dein ältester Sohn ist der Rockstar Tyler O’Brian, der keine Ahnung hat, dass du hier bist und ihn über Weihnachten besuchen willst. Wie hast du dir das vorgestellt, Dad?«
   »Überhaupt nicht. Das solltest du deine Mutter fragen.«
   Matt lehnte sich zurück, streckte die Beine aus und verschränkte die Arme vor der Brust. Er beobachtete seine Eltern, die jeder vorsichtig am heißen Punsch nippten und so taten, als wären sie damit vollauf beschäftigt. »Gut«, lenkte er ein. »Wir können ja später darüber reden.«
   Mom setzte ein dankbares Lächeln auf, während sein Vater keine Miene verzog.
   Kurz nach dem Essen verließen sie den Pub und fuhren wieder zur Maple-Lodge raus. Um diese Uhrzeit sah es dort noch finsterer aus. Im Gästehaus war es allerdings anders. Der hell erleuchtete Empfangsbereich wirkte auf einmal einladend. Auf dem Tresen standen ein leuchtend roter Weihnachtsstern und eine große Holzschale, gefüllt mit verschiedenen Zapfen, Nüssen und einer mit Gewürznelken gespickten Orange. Es duftete weihnachtlich nach Zimt und Sternanis, fast wie zu Hause, dachte Matt. Mom’s Gesicht hellte sich augenblicklich auf. Er betätigte die Portiersklingel. Kurz darauf kam aus einer der Türen die junge Frau vom Vormittag. Sie trug enge Jeans und einen schwarzen Rollkragenpullover und wirkte erst recht, als hätte sie Beine bis zum Hals. War sie vielleicht ein Top-Model und er hatte keine Ahnung, wer hier vor ihm stand? Immerhin lebte in diesem Küstenort auch ein weltbekannter Rocksänger, da tummelten sich vielleicht noch weitere Promis.
   »Guten Abend, wir haben Sie bereits erwartet. Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Tag. Ich bin übrigens Emma und stehe Ihnen bei allen Fragen für die Dauer Ihres Aufenthaltes in der Maple-Lodge zur Verfügung.«
   »Wie reizend«, sagte Mom lächelnd. »Wir würden jetzt gern unsere Zimmer sehen.«
   »Natürlich. Wenn Sie mir bitte folgen wollen? Ihr Gepäck befindet sich bereits dort.« Emma griff nach einem der Schlüssel und ging voran.
   Vor der Tür mit der Nummer drei blieb sie stehen, und Emma schloss auf. Das Zimmer war sehr geräumig. Es verfügte über ein großes Doppelbett, Kleiderschrank, eine gemütliche Sitzecke sowie ein angrenzendes Bad. Auch hier duftete es weihnachtlich, und es war angenehm warm im Gegensatz zu den Temperaturen draußen. Matt freute sich, dass sich die anfängliche Enttäuschung seiner Mutter gerade in Luft auflöste. Weihnachten schien gerettet.
   »Frühstück gibt es ab 8:00 Uhr unten im Speiseraum, hinter der Rezeption. Sie können ihn nicht verfehlen.«
   »Vielen Dank, Emma. Es gibt da allerdings noch ein Problem«, sagte Mom. »Ich hatte Halbpension gebucht und im Voraus bezahlt, aber mein Sohn meinte, dass wir eventuell nur Frühstück bekommen.«
   »Machen Sie sich keine Sorgen, Mrs. Carmichael. Ich werde mich darum kümmern, dass alles zu Ihrer Zufriedenheit sein wird. Falls Sie noch einen Tee oder etwas anderes möchten, da steht das Haustelefon.« Sie wies auf einen der Nachtschränke.
   »Wir haben alles, was wir brauchen, vielen Dank. Matt …« Mom wandte sich um. »Wir sehen uns dann morgen am Frühstückstisch. Ich bin ziemlich erledigt von der langen Fahrt und gehe ins Bett. Schlaf gut!«
   Er küsste ihre Wange und verabschiedete sich. »Ja, ihr auch.« Er griff sich seinen Koffer und verließ mit Emma das Zimmer.
   »Ich wusste nicht, wem welches Gepäckstück gehört«, entschuldigte sie sich.
   »Kein Problem. Sagen Sie, sind Sie für die Verwandlung hier im Haus verantwortlich?«
   Emma zuckte nur mit den Schultern. Zu ihm war sie längst nicht so freundlich und zuvorkommend wie noch eben seinen Eltern gegenüber. Dabei war er sich keiner Schuld bewusst.
   Er folgte ihr über den Flur bis zur Haustür. Sie machte keinerlei Anstalten, ihm etwas zu erklären. »Wohin gehen wir?«
   »Nach draußen.«
   Das sehe ich selbst. »Geht’s ein wenig präziser?«
   »Klar. Zu einem der Cottages. Im ‚Under the Oak‘ wirst du dich bestimmt wohlfühlen. Der Weg führt ein Stück hügelabwärts. Präzise genug?«
   Einen Moment lang blieb er vor Verblüffung stehen, dann fasste er sich und lief ihr nach.
   Der schmale Weg war von kleinen Laternen gesäumt. Es wirkte romantisch, und zum ersten Mal in diesem Jahr verspürte Matt den Hauch einer Weihnachtsstimmung. Zwar nur sehr flüchtig, als wenn jemand eine Kerze auspustet und der besondere Duft verweht, aber immerhin.
   Emma wartete vor einem Cottage auf ihn und schloss bereits die Tür auf. Als sie das Licht anknipste, warf sie ihm gleichzeitig den Schlüssel zu.
   Matt verfehlte ihn um wenige Zentimeter und bückte sich, um auf dem Waldboden danach zu suchen. »Herzlichen Dank auch.«
   Sie ignorierte seine Verärgerung. »Wie gesagt, Frühstück gibt es im Haupthaus. Den Ofen habe ich bereits angeheizt, es müsste schon warm sein. Vergiss nicht, regelmäßig Holz aufzulegen. Wenn ich mich recht erinnere, wolltest du dich ja nützlich machen. Klar soweit?«
   »Sicher. Danke für die Mühe, die Sie sich gemacht haben«, sagte Matt und dachte dabei an seine Mutter.
   »Kommt in deinem Fall nicht wieder vor, worauf du dich verlassen kannst.«
   Kein Wunder, dass die Maple-Lodge nicht gerade ausgebucht war. »Was haben Sie für ein Problem?«
   »Keines.« Sie blickte auf ihre Armbanduhr. »Nur exakt seit zehn Minuten Feierabend.«
   »Oh, dann will ich Sie auf keinen Fall länger davon abhalten. Wir sehen uns morgen.« Schade, dass Miss Ich-habe-die-längsten-Beine-der-Welt chronisch schlecht gelaunt war. Er kroch auf allen vieren, um diesen verdammten Schlüssel zu finden. Wahrscheinlich wäre es wohl zu viel verlangt, wenn er sie bat, ihm dabei zu helfen. »Gute Nacht!«, wünschte er auffallend höflich.
   Emma ließ sich das nicht zweimal sagen, drehte sich um und marschierte hügelaufwärts zum Haupthaus.
   Bildete er sich das ein, oder roch es hier mitten im Wald tatsächlich nach Schnee? Es war schon so lange her, dass er zum letzten Mal durch Schnee gestapft war. Damals hatten sie noch in Alaska gewohnt. Seit Jahren lebte seine Familie nun im äußersten Zipfel von Arizona, und dort schneite es praktisch nie. Matt bedauerte den Umstand. Endlich stieß er mit den Fingerspitzen gegen kaltes Metall und griff zu. Er hatte den blöden Schlüssel gefunden und kam wieder hoch. Die Tür zu seinem Cottage stand offen, und Matt betrat das Blockhaus. Mit dem Fuß schob er die Tür hinter sich zu. Drinnen war es immerhin sehr gemütlich. Die Einrichtung ließ ihn erneut an Alaska denken. Mit einem Mal bedauerte er kein bisschen, dass er nicht im Haupthaus untergebracht war. Das Fenster im Wohnzimmer reichte bis zum Boden und entpuppte sich als Tür. Kurz entschlossen knipste er das Licht aus. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, begriff er, dass er einen spektakulären Blick in den Wald hatte. Wunderbar, es fühlte sich an, als käme er heim. In seinem Rücken flackerte das Feuer im gusseisernen Ofen. Obendrüber, an der Wand, hing ein Hirschgeweih, und das Fensterbrett auf der anderen Seite war mit einer Girlande aus frischem Tannengrün und Zapfen dekoriert, was den wunderbaren Waldgeruch im Cottage ‚Under the oak‘ erklärte. Hier ließ es sich gut aushalten. Matt schaltete das Licht wieder ein und bemerkte, dass er seinen Koffer draußen vergessen hatte. Rasch holte er ihn herein und ging weiter auf Entdeckungstour. Leider war der Kühlschrank leer. Wenn er schon eine Küchenzeile samt kleinem Tresen hatte, würde er morgen ein bisschen was einkaufen, um sich heiße Schokolade oder einen Punsch zu machen. Der alte Gaskocher funktionierte hoffentlich noch.
   Das Badezimmer war winzig, reichte ihm aber aus, allerdings fand er keine weitere Tür. Stattdessen führte eine Stiege in die offene Dachkonstruktion, wo ein Zwischenboden, ein Drittel so groß wie der Wohnraum unten, als Schlafplatz diente. Auf mehreren miteinander verschraubten Holzpaletten lagen eine extradicke Matratze und darüber das Bettzeug mit einem Flanellquilt und einigen passenden Kissen. Yep, eindeutig eine Umgebung, in der von ganz allein Weihnachtsstimmung aufkam.
   Matt verstaute seine Sachen im Wandschrank und schaltete den Fernseher ein. Auch der hatte bereits einige Jahre auf dem Buckel, aber das war okay. Er würde sich häufig draußen in der Natur aufhalten, die Gegend erkunden oder seinen Halbbruder treffen. Darauf brannte er geradezu.

Kalendertürchen 3

Heilige Scheiße, warum ist es hier so kalt? Auch an ihrem zweiten Morgen in der Maple-Lodge streckte Emma den Arm unter dem dicken Federbett hervor, um den rasselnden Wecker auszustellen. Sie fühlte sich herrlich ausgeschlafen, aber der Gedanke, das warme Bett verlassen zu müssen, war absolut indiskutabel. Vor allem, weil ihre mitgebrachten Klamotten kaum die passende Winterbekleidung hergaben. Bevor sie Hals über Kopf von zu Hause aufgebrochen war, hätte sie mal erst die Wetterlage in Maryland checken sollen. In Südkalifornien, wo sie herkam, herrschten selbst um diese Jahreszeit paradiesische Temperaturen. Sie musste dringend in den Ort fahren, um sich Socken, Pullover, Handschuhe und warme Unterwäsche zu kaufen. Bestimmt könnte sie den alten Lieferwagen vom Maple-Lodge benutzen und damit auch gleich Vorräte für die zahlenden Gäste besorgen.
   Ein Jammer, dass Emma keine warmen Socken hatte, dachte sie, als sie widerwillig und vor allem barfuß ins Bad lief. Genau wie gestern war das Wasser eiskalt, sie musste es erst eine ganze Weile laufen lassen, bevor sie sich damit die Zähne putzen konnte. Ein herrlich flauschiger Bademantel stand plötzlich ganz oben auf ihrer Wunschliste. So schnell sie konnte, schlüpfte sie in ihre Sachen, schnupperte an ihrem einzigen warmen Pullover, den sie bereits gestern getragen hatte, und befand, dass sie ihn heute noch einmal anziehen konnte. Glücklicherweise roch er nicht nach Schweiß. Kunststück, wenn ich permanent friere.
   Im Ofen fand sich noch ein bisschen Glut. Emma warf eilig ein paar Holzscheite nach, legte sich die Jacke um und rannte den Hügel hinauf zum Haupthaus. Unfassbar, es war so kalt, dass ihre Atemluft Dampfwolken bildete. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Was tat sie sich hier nur an? Trotzdem, beharrte sie, als sie die Klinke hinunterdrückte, sie brauchte unbedingt Gewissheit. Koste es, was es wolle. Neben ihrer Mutter hatte sie ihrem Dad am meisten vertraut auf dieser Welt, und jetzt das.
   »Wo bleibst du denn?«, rief Dotty aus der Küche.
   »Guten Morgen. Tut mir leid, ich komme mit der Kälte nicht sonderlich gut klar.«
   »Welcher Kälte?«, fragte Dotty seelenruhig.
   »Du meinst, es wird noch schlimmer?«
   Dotty begann lauthals zu lachen.
   Emma verzog das Gesicht und warf einen Blick in den Speisesaal. Den Tisch hatte Dotty bereits eingedeckt. Außerdem roch es nach Kaffee.
   »Wir nehmen den länglichen Tisch in der Ecke wieder als Frühstücksbuffet«, erklärte Dotty.
   Emma nickte, ohne ihre Chefin anzusehen.
   »Rührei oder Pancakes?«
   »Äh … beides?« Emmas Magen fühlte sich bei der Vorstellung bereits hohl an.
   »Du willst beides für unsere Gäste vorbereiten? Dann nur zu!« Dotty wies zum riesigen Herd.
   So was nennt man Eigentor. Emma öffnete den Kühlschrank und holte die Eier heraus. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie Dotty zwei Sorten Marmelade und Honig auf den Tisch stellte. Außerdem Wurst, Käse und Obst.
   Danach bestückte sie den Toaster mit Brotscheiben und setzte zwischendurch den Wasserkocher in Gang.
   »Wir beide essen wieder in der Küche, sobald die Gäste frühstücken«, verkündete Dotty.
   Emma war überzeugt, dass das Ehepaar pünktlich um acht Uhr im Speisesaal erscheinen würde. Doch was, wenn dieser Matt erneut trödelte und bis in die Puppen im Bett blieb? Mussten sie dann so lange warten? Nur das nicht, dem werde ich auf die Sprünge helfen. Fragte sich nur, wie.
   »Guten Morgen, die Damen.«
   Sieh an. Emmas Sorge erwies sich als unbegründet.
   »Kann ich mich irgendwie nützlich machen?«
   Bevor Dotty noch abwinken konnte, übernahm Emma das Kommando. »Ja. Ich habe es in den letzten beiden Tagen noch nicht geschafft, auch den Speiseraum weihnachtlich zu dekorieren.«
   Dotty ließ ihre Augenbrauen noch oben schnellen, sagte aber gottlob kein Wort.
   »Okay.« Matt Carmichael zog die Silben in die Länge und verschwand wieder im Flur.
   »Was sollte das denn?«, fragte Dotty.
   »Er will mithelfen, oder nicht?«
   »Du musst es ja wissen.« Der Toaster warf die nächsten Scheiben aus, und Dotty hüllte sie in ein Tuch im Brotkorb.
   Es dauerte nicht lange, bis Matts Schritte über die Dielen polterten. In der Hand schwenkte er einen alten Holzwassereimer, und unter seinem Arm klemmte ein Bündel Tannengrün sowie andere Zweige mit leuchtend roten Beeren. »Auftrag erledigt.« Er lächelte gut gelaunt, stellte den Eimer in die Ecke des Speiseraums und steckte das Grünzeug kurzerhand hinein.
   »Mein Gott, doch nicht so«, rief Emma aus.
   »Sondern?«
   »Behutsam. Einen Zweig nach dem anderen drapieren, und zum Schluss die mit den roten Beeren.«
   »Ich finde, es sieht gut aus, so, wie es ist.«
   »Auf keinen Fall.«
   Er verdrehte die Augen und bückte sich. Als er das Tannengrün wieder hochnahm, schob Emma ihn beiseite. »Lass mich das machen.«
   »Ihr Wunsch ist mir Befehl.«
   Der Kerl schlenderte doch seelenruhig davon, zog seine Jacke aus, hängte sie über die Stuhllehne und begutachtete das Frühstücksbuffet. »Mhm, sieht wieder alles sehr lecker aus. Ich habe einen Bärenhunger.«
   Ich auch.
   »Dann greifen Sie zu«, forderte Dotty ihn auf. »Darf ich Ihnen Kaffee einschenken?«
   »Sehr gern, vielen Dank.«
   Der Charmebolzen lächelte, als bekäme er es bezahlt, und die arme Dotty glaubte wahrscheinlich, dass er nett wäre. Emma wusste es besser. Sie dachte sofort wieder an seine auf dem Rücken gekreuzten Finger, als er den Aufenthalt hier ergaunert hatte.
   Die Tannenzweige im Holzeimer sahen endlich zu ihrer Zufriedenheit aus, und so ging sie zurück in die Küche, um die Wärmebehälter mit dem Rührei und den Pancakes für das Buffet zu holen.
   »Guten Morgen«, trällerte Mrs. Carmichael, die mit ihrem Ehemann im Schlepptau auf der Bildfläche erschien. »Es duftet köstlich. Vielen Dank. Ich freue mich wirklich sehr, hier zu sein.« Sie tätschelte ihrem Sohn, der gerade einen Schluck Kaffee trank, die Wange und strahlte Emma an.
   »Das ist schön. Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen.«
   »Ja, großartig.«
   »Wunderbar. Ich bringe Ihnen sofort den Kaffee.«
   »Für mich bitte schwarzen Tee, wenn es keine Umstände macht.«
   »Natürlich nicht. Bedienen Sie sich.«
   Als das Ehepaar endlich am Tisch bei ihrem Sohn saß, zog sich Emma in die Küche zurück, wo Dotty bereits für sie beide eingedeckt hatte.
   »Der Toast ist warm, ich habe ihn gerade erst gemacht.« Es hätte dieser Aussage überhaupt nicht bedurft, damit Emma zu essen begann.
   »Was steht heute an?« fragte sie nach dem vierten Toast und der zweiten Tasse Kaffee.
   Dotty zuckte mit den Schultern.
   »Wie lange ist die Maple-Lodge eigentlich schon geschlossen?«
   »Wir haben doch geöffnet.«
   »Nicht offiziell, oder sehe ich das falsch?«
   »Kann man denn inoffiziell auf haben?«
   Emma verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Gut, dann frage ich andersherum: Wie lange war der Laden hier geschlossen?«
   »Eine ganze Weile. Warum willst du das wissen?«
   »Schon gut.« Emma begriff, dass Dotty nicht darüber reden wollte. »Was mache ich, wenn weitere Gäste auftauchen und sich nach einer Unterkunft erkundigen?«
   »Das glaubst du doch selbst nicht.«
   Demnach war Dotty bewusst, dass ihre Lodge im Dornröschenschlaf vor sich hin dämmerte.
   »Sag denen einfach, dass wir ausgebucht sind«, schlug Dotty schließlich vor.
   »Ja, nee, ist klar.«
   Daraufhin holte Dotty tief Luft. »Ich weiß es doch auch nicht. Es wird bestimmt keine weiteren Anfragen geben.«
   Emma ließ das Thema fallen und erkundigte sich bei ihrer Chefin nach der Halbpension-Buchung der Carmichaels.
   Dotty seufzte. »Ist bereits seit gestern Mittag geregelt.«
   »Ich würde heute gern in den Ort fahren, um einzukaufen. Da ich deinen Lieferwagen gesehen habe, dachte ich mir …«
   »Ja, nimm ihn nur. Mach dir aber unbedingt vorher eine Besorgungsliste und stell am besten gleich noch einen Speiseplan auf.«
   Sollte Emma darauf hinweisen, dass sie noch nie im Gastgewerbe gearbeitet hatte?
   »Dein Gesicht spricht Bände«, sagte Dotty trocken. »Warum hast du den Job eigentlich angenommen, wenn du keinen Schimmer hast?«
   »Ich habe etwas zu erledigen und brauchte eine preiswerte Unterkunft.«
   »Erledigen, soso. Hier in St. Elwine?«
   Emma nickte.
   »Um diese Jahreszeit ist im Ort eher tote Hose. Wenn du auf ein Abenteuer aus bist, bist du umsonst gekommen.«
   »Kein Abenteuer, eine Sache.«
   »Verstehe. Eine alte Flamme treffen, so etwas in der Art?«
   Emma überlegte eine Weile.
   »So, wie du drauf bist, hat diese Sache was mit Liebe zu tun«, schlussfolgerte Dotty.
   »Könnte man so sagen«, gab Emma zu. Mehr wollte sie aber auf keinen Fall preisgeben.
   »Dachte ich’s mir doch. Geht mich ja im Grunde nichts an.«
   Stimmt.
   »Ich stell dir eine Liste der Lebensmittel zusammen, die du mitbringen sollst.«
   Emma nickte und stand auf.
   »In der Zwischenzeit räumst du im Speiseraum auf.«
   »In Ordnung.«
   »Da du in den Ort fährst, erledige ich heute das Betten machen und aufräumen der Gästezimmer«, sagte Dotty.
   »Es betrifft nur ein Zimmer, das des Ehepaares«, erklärte Emma.
   »Und wieso, wenn ich fragen darf?«
   »Der Sohn hat eines der Cottages bezogen, und ich habe ihm klargemacht, dass es dort keinen Zimmerservice gibt.«
   »Und er war einverstanden?«
   »Sicher.«
   »Mhm.« Dotty schien nicht überzeugt.
   Egal.

*

Heute wollte Matt die Gegend erkunden, nachdem er den gestrigen Tag mehr oder weniger vor dem Fernseher auf dem Sofa verbracht hatte. Er verabschiedete sich von seinen Eltern. Es konnte nicht schaden, dass die beiden nach der langen Fahrt für sich waren.
   Matt griff sich Schal und Handschuhe, knöpfte den gefütterten Parka zu und schloss das Cottage ab. Langsam ging er den kleinen Hügel hinauf und besah sich zum ersten Mal bewusst das Haupthaus. Dessen Sockel bestand aus Felssteinen. Auf der rückwärtigen Seite, hin zu den Cottages, bildeten sechs Steinpfeiler das Grundgerüst für die große Holzveranda des ersten Stockwerkes. Oberhalb des Sockels war das Haus mit Holz verkleidet. Das zweite Stockwerk verfügte über relativ kleine Fenster, und das Dachgeschoss schien ebenfalls ausgebaut zu sein. Wahrscheinlich wohnte Mrs. Butler dort. Ein riesiger Außenschornstein dominierte die rechte Giebelseite. Am anderen Giebel befand sich die Eingangstür, die über eine einfache Holztreppe zu erreichen war. Oben auf dem Dach befand sich ein zweiter Schornstein. Das Haus erwies sich auf den zweiten Blick als sehr solide. Vor allem wegen der Felssteine, die ziemlich unverwüstlich wirkten.
   Demnach war das alles hier noch recht gut in Schuss, man müsste nur einige Sanierungsarbeiten vornehmen, gründlich aufräumen und hätte eine hübsche kleine Ferienanlage für Großstadtgeplagte fernab von Lärm und Stress. Hier konnten die Gäste die Seele baumeln lassen und herausfinden, welches die wesentlichen Dinge im Leben waren. Matt blieb eine Weile stehen, drehte sich schließlich langsam einmal um die eigene Achse und ließ seine Empfindungen auf sich wirken. Hier, inmitten des Mischwaldes, fühlte er sich wie abgeschottet vom Rest der Welt. Es war wunderbar ruhig, jedoch keineswegs lautlos. Er ging weiter, die von den Bäumen gefallenen Blätter raschelten, Vögel zwitscherten, Äste knackten, irgendwelche Tiere waren zugange. Matt konnte nicht leugnen, dass es ihm hier gefiel.
   Als er beinahe oben auf dem Hügel stand, blickte er zurück. Diese herrlichen Bäume … sie waren so groß, dass er den Kopf weit in den Nacken legen musste. Eichen, Kastanien und Ahorn bildeten die Überzahl. Er entdeckte aber auch Zedern, Tannen und Kiefern. An einigen ihrer gerade gewachsenen Stämme schlängelten sich Efeuranken. Der Weihnachtsschmuck wuchs auf dem eigenen Gelände.
   Matts Blick wurde erneut von den kahlen, nach dem herbstlichen Blätterfall gut sichtbaren, weit verzweigten Laubbäumen angezogen. Sie übten eine besondere Magie auf ihn aus, die er sich nicht erklären konnte. »Hallo«, rief er aus. Lauschte er gerade ernsthaft, ob einer der Bäume ihm antwortete? Grinsend schüttelte er den Kopf und legte eine Hand auf die Rinde eines Ahorns. Plötzlich huschte eine vage Idee wie ein Hochgeschwindigkeitszug durch sein Gehirn. Eine Art Vision, die sofort wieder verpuffte und sich nicht fassen ließ. Für den Moment jedoch … Wow, was war das? Er spürte seinen Pulsschlag deutlich in den Fingerspitzen und zog die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt. Abgefahren.
   Er setzte seinen Weg in Richtung Haupthaus fort und bemerkte, dass sich an der entgegengesetzten Seite zu den Cottages ein Anbau befand. Matt trat näher heran und warf einen Blick durch das Fenster. Im Inneren hatte sich jemand eine Werkstatt eingerichtet – mit allem Drum und Dran. Es gab sogar eine Bandsäge. Um alles besser in Augenschein zu nehmen, drückte er sein Gesicht fast an die Scheibe und hielt die Hände dagegen. Wenn das keine Schreinerwerkstatt war …
   »Was machst du da?«
   Matt fuhr zurück, als hätte Emma ihn bei etwas Verbotenem ertappt. »Da drin ist Werkzeug.«
   »Du klingst, als wolltest du dort spielen.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Übrigens ist hier Mrs. Butlers Privatbereich. Das heißt im Klartext: Kein Zutritt für Gäste.«
   »Ich könnte dringende Reparaturen vornehmen«, brachte er zu seiner Verteidigung hervor.
   »Du?«
   Matt nickte. »Ich bin Schreiner.«
   Emma sah ihn abschätzend an. Ihr Blick huschte zu seinen Händen. Das glaubst du doch selbst nicht, las er ihr vom Gesicht ab.
   »Ich werde mit Mrs. Butler sprechen. Bestimmt kann sie einen Handwerker gebrauchen.«
   »Schon vergessen, dass die Maple-Lodge geschlossen ist?«
   »Das muss ja nicht so bleiben. Lag vielleicht nur am fehlenden Personal.« Emma zuckte mit den Schultern. »Ich muss in die Stadt zum Einkaufen.«
   »Bis später dann.«
   Sie ließ ihn stehen und steuerte einen Lieferwagen an. Warum war die Frau permanent schlecht gelaunt? Im Grunde … Matt überlegte. Eigentlich war sie nur zu ihm unfreundlich. Dabei behandelte er sie ausgesprochen höflich, benutzte sogar die förmliche Anrede, obwohl sie ungefähr im selben Alter waren. Er sah ihr immer noch nach.
   »Die Hübschen sind am zickigsten.«
   Matt wirbelte herum. Er hatte niemanden kommen hören. Der Waldboden verschluckte alle Schritte.
   Mrs. Butler grinste ihn an.
   »Scheint so«, sagte er.
   Sie nickte.
   »Ich habe eine komplett eingerichtete Werkstatt entdeckt«, sagte Matt und war gespannt, wie Mrs. Butler darauf reagieren würde.
   Sie hob nur die Augenbrauen.
   Er überlegte, wie er fortfahren sollte. »Ich bin Tischler und könnte zum Beispiel das Geländer an einem der Cottages erneuern.«
   »Das lohnt nicht mehr.«
   »Sagen Sie das nicht.«
   Wie vorhin Emma musterte ihn jetzt Mrs. Butler.
   »Ich fänd’s einfach schade, wenn das Anwesen hier verfällt.«
   »Warum?«
   Das konnte Matt sich auch nicht erklären.
   »In spätestens fünf Wochen reisen Sie und Ihre Eltern wieder ab, und dann kräht kein Hahn mehr nach der Maple-Lodge.« Das klang bitter.
   »Sie können einen viel besseren Preis herausschlagen, wenn das Anwesen in Schuss ist.«
   »Wer sagt, dass ich verkaufen will?«
   »Äh … niemand. Verzeihung, ich dachte nur …« Es ging ihn nun wirklich nichts an. Trotzdem tat es ihm leid um die Ferienanlage, das ließ sich nun mal nicht leugnen.
   Mrs. Butler unterzog Matt erneut einer intensiven Musterung. Ihr Blick scannte regelrecht sein Gesicht. Langsam fühlte es sich unangenehm an.
   »Vielleicht ist der Gedanke gar nicht so übel«, sagte sie mehr zu sich selbst. »Ich meine: Ein paar Reparaturen können schließlich nicht schaden.«
   »Das stimmt wohl. Außerdem brauche ich etwas zu tun. Mir ist das hier zu …«
   »Langweilig?«, beendete Mrs. Butler seinen Satz und klang amüsiert.
   »Na ja …«
   Jetzt lachte sie. »Warum begleiten Sie dann Ihre Eltern auf deren verspäteter Hochzeitsreise?«
   »Ach das. Da habe ich Ihnen nicht ganz die Wahrheit gesagt, Mrs. Butler. Entschuldigung. Meine Eltern waren noch niemals in St. Elwine.«
   »Soso.« Ihr Gesicht sah nicht so aus, als nähme sie ihm die kleine Notlüge übel.
   »Trotzdem sind wir aus einem wichtigen Grund hier. Sozusagen einer Familienangelegenheit.«
   »Aha.«
   »Sie sind mir hoffentlich nicht böse?«
   Da Mrs. Butler nicht sofort antwortete, lächelte er sie an. »Ich mach’s wieder gut, indem ich die Maple-Lodge etwas aufmöbele.«
   Endlich lachte sie. »Einverstanden. Holen Sie sich nachher einfach den Schlüssel zur Werkstatt.«
   »Okay, vielen Dank.«
   Matt spazierte noch ein wenig weiter, um sich das Anwesen anzusehen. Das Land war eine Goldgrube, sah Mrs. Butler das denn nicht? Gerade in der heutigen Zeit würde sie sich vor Angeboten kaum retten können, wenn sie es richtig anging.
   Wie es hier im Wald roch … Matt nahm einen tiefen Atemzug. Moder, feuchte Erde, Pilze und Moos. Er blieb stehen, um all das in sich aufzunehmen.
   Aus den Augenwinkeln entdeckte er plötzlich eine Bewegung. Dad stand keine drei Meter vor ihm, den Fuß auf einen umgestürzten Baumstamm gestützt und starrte auf sein Mobiltelefon. »Tyler? Ich bin’s, dein Vater.«
   »Hallo.«
   Die Stille hier hatte sein Gutes. Matt konnte jedes Wort verstehen. Sein Halbbruder klang nicht nach dem Rockstar, der er nun mal war. Als Privatperson hörte er sich irgendwie anders an. Außerdem belauschte Matt hier gerade ein Telefonat, das nicht für seine Ohren bestimmt war. Er sollte sich zurückziehen, woanders langgehen, doch er blieb wie angewurzelt stehen und rührte keinen Muskel.
   »Du fragst dich wahrscheinlich, warum ich anrufe«, sagte Dad.
   »Ist etwas passiert?«
   »Nein, nein. Mach dir keine Sorgen. Allerdings …«
   Es blieb eine Weile still.
   »Was ist denn los? Du klingst merkwürdig«, sagte Tyler schließlich.
   Telefonierten die beiden doch so oft, dass sein Bruder das heraushören konnte? Matt spürte einen Stich der Eifersucht. Es gab eine Vertrautheit zwischen den beiden, und er blieb dabei außen vor.
   »Ich … ich wollte dich besuchen. Zu den Feiertagen, und dachte …«
   »Wirklich?«
   Der klitzekleine Hauch von freudiger Erwartung in Tylers Stimme rief Matts schlechtes Gewissen auf den Plan.
   »Ja. Also ehrlich gesagt, wir sind bereits hier. In St. Elwine.« War es seinem Vater unangenehm?
   »Echt jetzt? Wer ist denn wir?«, wollte Tyler wissen.
   »Äh … Ruth, meine … Frau, sie wollte dich unbedingt kennenlernen. Und Matt ist auch mitgekommen. Wegen … meiner Augen, also …« Dad stammelte ganz schön herum. »Matt ist unser Sohn und hat das Wohnmobil gesteuert. Ich hoffe, es stört dich nicht. Wir können uns natürlich auch allein treffen. Vielleicht unten am Strand, da ist es menschenleer jetzt im Winter.«
   »Unsinn. Bring die beiden mit.«
   Gastfreundlich war sein Bruder offenbar. Oder die Überraschung hatte ihm einen Schock versetzt. Matt tippte auf Letzteres. Tyler beschrieb Dad gerade den Weg zu seiner Ranch. »Dann sehen wir uns also heute Abend?«, fragte er.
   Dad nickte.
   Hallo, dein Erstgeborener kann dich nicht sehen.
   »Ja.«
   Matt konnte es kaum erwarten. Er würde bis zum Abend an die hundert Mal auf die Uhr sehen, wenn er sich nicht sofort mit Arbeit ablenkte.

*

Emma hatte Dottys Einkaufsliste abgearbeitet, die Kisten im Kofferraum verstaut und fuhr die Main-Street von St. Elwine entlang, um nach einem zentralen Parkplatz Ausschau zu halten. Sie fand ein kleines Parkhaus neben dem Gebäude der Baufirma Tanner & Cumberland Construction. Von dort aus war es nicht weit zu den umliegenden kleinen Geschäften.
   Gleich im ersten Laden fand sie alles an warmer Bekleidung, was sie brauchte. Von Unterwäsche über Socken, Strumpfhosen, Pullovern, Handschuhen, Mütze und Schal bis zu zwei hübschen karierten Flanellschlafanzügen. Emma brachte die Tüten zum Lieferwagen und überlegte, ob sie noch Zeit für einen Bummel hatte. Im selben Moment klingelte ihr Handy. Ein Blick auf das Display verriet, wer dran war. »Hi Mom.«
   »Liebes, was ist denn los? Wo bist du?«
   »Mach dir keine Sorgen. Ich musste mal raus.«
   »Einfach so?«
   Das nun nicht.
   »Schatz, gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit.« Die Traurigkeit ihrer Mutter versetzte Emma einen Stich. »Wer backt denn jetzt mit mir Kekse?«
   »Meine Schwester zum Beispiel.«
   »Thery wohnt nicht mehr hier.«
   Genau, und deren Selbstständigkeit war Emma in letzter Zeit immer öfter vor Augen geführt worden.
   »Liebes, Weihnachten ist das Fest der Familie. Ich verstehe ja, dass du gerade etwas unzufrieden bist, aber …«
   Unzufrieden? Mom hatte echt keinen Schimmer von dem, was hinter ihrem Rücken ablief. Ungefähr zwei Sekunden lang war Emma versucht, ihr die Wahrheit vor den Latz zu knallen, brachte es jedoch nicht über sich.
   »Wie wäre es, wenn du heimkommst, und nach Weihnachten überlegen wir gemeinsam, ob du tatsächlich dein eigenes Geschäft eröffnest. Ich rede noch mal mit Dad, wenn du das möchtest.«
   Nein danke. Dad konnte ihr für alle Zeiten gestohlen bleiben. »Ich habe einen Job angenommen, der geht zunächst bis ins neue Jahr hinein.«
   »Was denn für einen Job? Meinst du nicht, dass das etwas unüberlegt war? Ich vermisse dich, wirklich.«
   Wenn Emma ehrlich war, fehlte ihr Mom auch. Trotzdem würde sie in St. Elwine bleiben und zum ersten Mal in ihrem Leben das Weihnachtsfest nicht mit der Familie begehen.
   »Nein, es war nicht unüberlegt.«
   »Sei nicht so trotzig.«
   »Bin ich nicht.« Von wegen. »Ich muss jetzt weiter, Mom. Meine Chefin wartet darauf, dass ich die Einkäufe abliefere.«
   »Das ist dein Ernst, Emma?«
   »Ja.«
   »Dann sag mir doch wenigstens, wo du bist. Ich mache mir wirklich Sorgen.«
   Emmas schlechtes Gewissen Mom gegenüber breitete sich unangenehm aus. »In Maryland.«
   »Um Himmels willen – so weit weg.«
   »Ich muss jetzt auflegen, wir reden später weiter. Bye.« Emma beendete das Gespräch. Es fühlte sich alles andere als gut an, ihre Mom einfach weggedrückt zu haben. Sie fühlte sich plötzlich mutterseelenallein. Es pfiff ein kalter Ostwind um die Häuser, und nur deshalb liefen Tränen über ihre Wangen.
   Entschlossen ging Emma vorwärts und stand kurz darauf vor einem zauberhaften Schaufenster. ‚Die Schatztruhe‘ schien ein Laden nach ihrem Geschmack zu sein, daher überlegte sie nicht lange und trat ein. Bereits beim Klang des Türglöckchens spürte sie ihr Lächeln.
   »Hallo«, wurde sie freundlich begrüßt. »Immer herein in die warme Stube.«
   »Sehr gern. Ich wollte mich nur ein wenig umsehen.«
   »Selbstverständlich. Lassen Sie sich Zeit.«
   Emma stand vor einem Schränkchen, auf dem hübsche Kerzen im Raureif-Look ausgestellt waren. Gegenüber steckte ein Ast aus Korkenzieherweide in einer hohen Vase – behangen mit herrlich altmodischem Christbaumschmuck. Außerdem duftete es wunderbar nach Vanille, Zimt und Orange.
   An einer der Wände stand ein weiß gestrichenes Metallbett, bezogen mit edler Bettwäsche, einem traditionellem Quilt und passenden Kissen. Obenauf lagen rosafarbene Plüsch-Ballerinas, die mit einem Glitzersteinchen verziert waren. Wieso riefen die Dinger sofort ein must-have in ihr wach? Emma war ein durch und durch praktisch veranlagter Mensch. Sie bevorzugte Schuhe, die ihren Füßen wohltaten und eher robust wirkten. Das Gleiche ließ sich auf ihre Kleidung übertragen: Jeans, T-Shirt, Kapuzenpulli – alles aus unempfindlichen Stoffen. Die zwei Kleider, die sie besaß, hingen das ganze Jahr über ganz hinten im Schrank. Höchstens mal an Weihnachten trug sie eines. Und jetzt schrien die Plüsch-Ballerinas förmlich ‚Nimm uns bitte, bitte, mit‘. Emma versuchte, den lächerlichen Gedanken abzuschütteln und setzte sicherheitshalber ihren Rundgang durch die Boutique fort. Die nostalgischen Schaukelpferdchen, Metallkrönchen und alten Koffer gaben ihr Bestes, trotzdem ertappte sich Emma immer wieder dabei, wie sie zu den Plüsch-Ballerinas blinzelte.
   »Manchmal hilft einfach nichts anderes«, sagte die Verkäuferin lächelnd.
   Hatte sie Emmas inneren Kampf etwa mitbekommen? Wie peinlich. »Ihr Laden ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Schatztruhe.«
   »Das finde ich auch.«
   »Der Quilt auf dem Bett ist sehr schön. Haben Sie ihn selbst genäht?«
   Die Verkäuferin nickte stolz. »Wir haben hier in St. Elwine eine Quiltgruppe.«
   »Wirklich? Wie toll. Ich habe mir das Meiste selbst beigebracht. Auch das Nähen von Puppen.«
   »Allein? Das hätte ich nie gekonnt. Da muss Ihre Familie ja mächtig stolz auf Sie sein, wenn Sie so talentiert sind.«
   Geht so. Ihr Dad hatte nie einen Blick für ihre Handarbeiten gehabt, und Mom meinte immer: Weiß der Himmel, wo du das her hast. Thery interessierte sich ebenfalls nicht für das Nähen. Ob Emma in der falschen Familie aufgewachsen war, hatte sie sich als Teenager oft gefragt. Vielleicht war sie adoptiert worden. Mom hatte das jedoch stets verneint.
   Jetzt zuckte sie einfach nur mit den Schultern.
   »Die Straße weiter runter befindet sich Noras Patchworkladen. Den sollten Sie sich unbedingt näher ansehen. Bleiben Sie länger in der Stadt?«
   »Auf alle Fälle bis Januar.« Und danach werden wir sehen.
   »Wie schön. Besuchen Sie jemanden?«
   Emma war nicht sicher, was sie der freundlichen Frau antworten sollte.
   »Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Ich bin Rachel, mir gehört die Schatztruhe.« Sie reichte ihr die Hand.
   Sie griff zu. »Emma. Ich wohne in der Maple-Lodge.«
   »Ach. Ich dachte, die ist seit ein paar Jahren geschlossen.«
   »Derzeit hat Dotty Gäste. Darum habe ich einen Job dort, quasi als Mädchen für alles.«
   »Das freut mich. Dann sehen wir uns ja vielleicht öfter.«
   »Gut möglich. In welcher Richtung liegt der Patchworkladen?«
   Rachel wies den Weg. »Du kannst es nicht verfehlen. Über dem Verandageländer hängen immer Quilts.«
   »Vielen Dank.«
   »Hast du nicht noch etwas vergessen?«
   Emma warf einen Blick über die Schulter zu Rachel und streifte dabei die Ballerinas. Spätestens heute Abend nach dem Duschen in ihrem gemütlichen Fairy-Cottage würde sie bereuen, die Dinger nicht gekauft zu haben. »Ich glaube, du hast recht«, antwortete sie, griff zu und bezahlte.
   Rachel verabschiedete sie freundlich.
   Wie die Schatztruhe verfügte auch Noras Patchworkladen über eine Türglocke. Emma mochte diesen altmodischen Kram, genauso wie sie Trödelmärkte liebte. Dort fand sie immer etwas, was sich mitzunehmen lohnte oder sich aufarbeiten ließ. Ihr fiel die Werkstatt beim Maple-Lodge ein. Da könnte sie herumwerkeln. Leider würde dieser Matt Carmichael Dotty bereits mit seinem Süßholzgeraspel um den Finger gewickelt haben, sodass sie das knicken konnte. Anderseits: Ohne die Carmichaels hätte Emma den Job gar nicht bekommen. Alles Gute war nie beisammen, sagte Mom immer so schön. Womit sie wieder beim Thema Familie gelandet war. Nur das nicht.
   Im Patchworkladen vergaß Emma ihren Ärger, tauchte stattdessen vollkommen in dessen Atmosphäre mit all den bunten Stoffen, Knöpfen und natürlich den Quilts ein. Sie lernte Tally und Nora kennen, erfuhr ein zweites Mal an diesem Tag von der Quiltgruppe, zu der Emma von den beiden Frauen zu einem Schnupperkurs herzlich eingeladen worden war. Neben dem Schaufenster hing ein Plakat, auf dem über Line-Dance-Veranstaltungen in der hiesigen Tanzschule informiert wurde. Bei der Ankunft in St. Elwine hatte Emma befürchtet, in einem Kaff gelandet zu sein. Doch langweilig würde ihr hier keineswegs werden. Sie könnte nähen, tanzen und werkeln und nahm sich vor, mit Dotty darüber zu reden. Wäre ja gelacht, wenn dieser Matt die Hoheitsrechte über die Werkstatt bekäme.
   Als sie wieder nach draußen auf den Bürgersteig trat, wirbelten kleine Schneeflocken vom Himmel. Zuerst dachte Emma noch, es finge an zu regnen, bis einige der weißen Sternchen auf ihrer Jacke hafteten. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie Schnee, und obwohl ihr viel zu kalt war, musste sie lächeln.
   Kurz danach entdeckte sie die Tanzschule und einen Buchladen, wechselte die Straßenseite und ging zurück in Richtung Parkhaus. So plötzlich wie es zu schneien begonnen hatte, hörte es auch wieder auf, was irgendwie schade war. Emma lief an Maison’s Bed & Breakfast vorbei, blickte schließlich in ein kleines Tal hinab, aus dem eine rote Kirche heraus leuchtete, und kam zur Einmündung in die Lincoln Street. Dort entlang führte wohl der Weg zur sogenannten besten Gegend – ein schmuckes Wohnhaus reihte sich neben das andere. Sie war in einer ähnlichen Straße aufgewachsen. Eines der Gebäude zog Emmas Aufmerksamkeit auf sich. Es hatte eine weiß gestrichene Holzfassade, und am Zaunpfeiler des Vorgartens hing ein Schild. Vielleicht befand sich dort eine Anwaltskanzlei. Warum interessierte sie sich überhaupt dafür? Sie beschloss, den kleinen Umweg in Kauf zu nehmen, und danach endlich in die Maple-Lodge zurückzufahren. Dotty fragte sich bestimmt schon, wo sie blieb. Als Emma nah genug stand, um das Schild lesen zu können, erstarrte sie.

*

Matt fühlte sich großartig. Er betätigte den Hauptschalter der Werkstatt und probierte nach und nach die Technik aus. Hobelmaschine, Abrichte – eine spanende Werkzeugmaschine für die Holzverarbeitung, Sägen, Fräsen und auch die Schleifmaschine funktionierten noch tadellos.
   Zur Mittagszeit kam seine Mutter herein. »Ich hätte mir ja denken können, dass du dich hier herumtreibst«, sagte sie in scherzhaftem Ton.
   Matt schenkte ihr ein Lächeln.
   »Dein Dad hat endlich mit Tyler gesprochen. Wir sind für den Abend eingeladen. Ich habe bereits mit Mrs. Butler gesprochen, dass wir heute kein Dinner benötigen. Kann sein, dass sie etwas sauer darüber war. Trotzdem bot sie uns stattdessen zum Mittag eine Kürbissuppe an. Sei so lieb und komm jetzt essen.«
   Matt nickte. »Ich gehe mir rasch die Hände waschen.«
   Nach dem Mittagessen blickte er sich um. Emma war wahrscheinlich noch in der Stadt zum Einkaufen. Er würde die Zeit nutzen und etwas arbeiten. Zurück in der Werkstatt suchte er sich das passende Werkzeug zusammen und ging hügelabwärts.
   Nach zwei Stunden hatte er das Geländer am Cottage repariert und zudem zwei Baumstämme für ein Schwedenfeuer präpariert. Im Grunde war das alles Kinderkram im Gegensatz zu seiner Arbeit auf den Baustellen. Jedoch den Tag mit sinnvoller Beschäftigung auszufüllen, fühlte sich gut und richtig an.
   Als es dunkel wurde, schloss Matt die Werkstatt ab, ging in sein Cottage, duschte und zog sich eine frische Jeans und ein Sweatshirt an. Danach lief er zum Haupthaus und klopfte an die Zimmertür seiner Eltern. Dad stand vor dem Fenster, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und starrte hinaus. Nur anhand des zuckenden Mittelfingers erkannte Matt, wie nervös sein Vater war.
   »Alles klar soweit?«, fragte er ihn.
   »Von mir aus können wir los.«
   »Gut. Wie ist es mit Mom?«
   »Sie ist im Bad und schaut zum tausendsten Mal in den Spiegel, ob ihr Lippenstift nachgezogen werden muss.«
   »Schließlich stehe ich nicht alle Tage einem Superstar gegenüber«, konterte Mom.
   »Das Ganze war deine Idee, vergiss das nicht«, blaffte sein Vater.
   Sie seufzte. »Es geht um etwas anderes.«
   Matt legte ihr rasch eine Hand auf den Rücken, schon zwinkerte sie ihm zu. Es ging ihr gut, sie war lediglich aufgeregt. Nun, das war er auch.
   Sie liefen zusammen zum Parkplatz und stiegen in das Wohnmobil. Matt startete den Motor. »Wo muss ich lang, Dad?«
   »Wir brauchen nicht in den Ort hineinzufahren. Die Ranch liegt dicht am Meer, vor den Toren von St. Elwine, wenn du so willst.«
   Kaum eine Viertelstunde später bogen sie ab und fuhren rechts in eine Seitenstraße, vorbei an einem großzügigen Anwesen.
   »Sind wir da?«, fragte Mom.
   »Nein. Das muss das Grundstück eines befreundeten Architekten und Bauunternehmers sein, hat Tyler erklärt«, antwortete Dad. »Dieser Weg hier führt direkt zur O’Brian-Ranch. Da vorn muss es sein.« Er streckte den Arm aus und wies auf die Lichter vor ihnen.
   Matt fuhr das letzte Stück und stand schließlich vor einem verschlossenen Tor. »Einen Augenblick.« Er ließ den Motor laufen, stieg aus und drückte auf den Knopf der Wechselsprechanlage.
   »Wer ist da, bitte?«, erklang die Stimme einer Frau.
   »Chad Carmichael und Familie. Wir werden erwartet.« Es war sicher nicht sehr schlimm, dass Matt sich als sein Dad ausgab.
   Ein Summen ertönte, und das Tor glitt zur Seite. Matt kletterte wieder auf den Fahrersitz und fuhr an. Um zum Haus zu gelangen, musste er noch ein ganzes Stück fahren. Es stand wie die Maple-Lodge auf einem Hügel, wirkte allerdings riesig. Oder nein. Großzügig war wohl eher das richtige Wort. »Wow«, entfuhr es Matt.
   »Das kannst du laut sagen«, stimmte Mom ihm zu.
   Dad schwieg. Welche Gedanken gingen ihm durch den Kopf? Dachte er an damals – an das Leben mit seiner anderen Familie?
   »Seht euch nur die Weihnachtsdekoration an«, rief Mom begeistert aus. »Das ist ja ein Traum.« Sie kletterte bereits aus dem Wohnmobil und ging voran, um die Stufen aus roten Klinkersteinen zur Haustür hochzusteigen. Dad folgte ihr, während Matt das Fahrzeug verriegelte und ebenfalls die Treppe hinauflief. Oben angekommen, stellten sie sich nebeneinander in einer Reihe auf, bevor Dad auf den Klingelknopf drückte. So sehr sich Matt auch anstrengte, es waren keine Schritte zu hören. Er an Tylers Stelle hätte die Ankömmlinge bereits durch den Türspion beobachtet. Vielleicht tickten sie da gleich, denn plötzlich schwang die Tür auf, und Tyler stand ihnen gegenüber. Er trug ebenfalls Jeans und Sweatshirt, und wie bei seinen Konzerten hatte er das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. »Hi«, sagte er leise.
   Sekundenlang rührte sich keiner von ihnen, sie sahen sich nur an. Tylers Blick streifte Matt, dann Mom und blieb schließlich an ihrem Vater hängen.
   »Es tut mir so leid«, flüsterte Dad und senkte den Kopf.
   Tyler schluckte, in seinen Augen begann es zu glänzen. Bis Dad mit einem Mal die Arme um ihn legte und ihn fest an sich zog.
   »Gott sei Dank«, flüsterte Mom in Matts Ohr und schob ihn ein wenig zur Seite.
   »Kommt rein«, rief ein kleines Mädchen, das plötzlich in der Tür auftauchte. »Ich bin Tess, und wie heißt ihr?«
   Mom schob Matt vorwärts. Dad und sein Halbbruder lagen sich noch immer in den Armen. Sie brauchten ein wenig Zeit für sich, das konnte Matt ihnen großzügig zugestehen. Seine Aufmerksamkeit wurde ohnehin von dem Haus gefesselt. Es war gigantisch und passte irgendwie zu einem Rockstar. Ob der Architekt, der ganz in der Nähe wohnte, es entworfen hatte? Andererseits konnte sich Matt gut vorstellen, dass Tyler eigene Vorstellungen mit eingebracht hatte.
   »Guten Abend, Tess. Ich heiße Ruth, und das ist mein Sohn Matt«, erklärte Mom dem kleinen Mädchen. »Dein Daddy hat uns für heute eingeladen. Ich bin die Frau deines Grandpas.«
   Das Kind machte große Augen, flitzte zurück zur Tür und sah nach draußen. Als sie sich wieder umdrehte, wirkte sie erschrocken. »Sie weinen alle beide.«
   Mom beugte sich zu ihr. »Weißt du, dein Dad und Grandpa haben sich so lange nicht gesehen, dass sie jetzt vor Freude weinen. Manchmal tut Freude auch weh.«
   Das Mädchen nickte.
   »Guten Abend.« Eine kleine blonde Frau streckte ihnen die Hand entgegen. »Ich bin Charlotte, Tylers Frau. Kommen Sie doch weiter.« Lächelnd blickte sie sich um. »Wo ist er denn?«
   »Draußen«, antwortete Matt und öffnete den Reißverschluss seines Anoraks.
   »Das Wiedersehen hat beide ziemlich überwältigt«, erklärte Mom.
   »Ja, verstehe ich gut. Geben Sie mir Ihre Jacken.«
   »Ich bin Ruth, deine … quasi … irgendwie bin ich deine Schwiegermutter.«
   Charlotte lachte. Sie sah erstklassig aus. Matt mochte sie sofort. Sie wirkte ausgesprochen elegant in ihrem zimtfarbenen Strickkleid. Offenbar hatten sein Halbbruder und er denselben Geschmack, was Frauen anbelangte. Um sich von ihrer Ausstrahlung abzulenken, bevor er zu sabbern anfing – immerhin war sie seine Schwägerin, interessierte er sich weiter für das Haus und sah sich um. Überwiegend natürliche Baumaterialien. Viel Holz, Stein, Lehm. Auch was Häuser betraf, lagen sie auf einer Wellenlänge. Es würde spannend werden, einander näher kennenzulernen.
   »Und du bist dann wohl Matt, Tylers kleiner Bruder.« Charlotte trat dichter an ihn heran und streckte die Hand aus. Ein fruchtiger Duft strömte ihm direkt von der Nase ins Gehirn.
   »Halbbruder.«
   Sie stutzte nur etwa eine Nanosekunde lang. »Sorry, natürlich. Mein Fehler.«
   Aus den Augenwinkeln erkannte Matt, dass Mom missbilligend den Kopf schüttelte. Hatte er Charlotte tatsächlich verschlimmbessert? Autsch. Er war ein Trottel. Das lag sicher nur daran, dass sie so umwerfend aussah. Anders konnte er sich nicht erklären, warum sein Gehirn einige Aussetzer hatte. »Äh … es war nicht so gemeint. Ich wusste nicht …« Matt hatte schon wieder vergessen, was er eigentlich sagen wollte, und hielt besser die Klappe, bevor er sich noch um Kopf und Kragen redete.
   Endlich betraten Dad und Tyler das Haus, beide mit rot geränderten Augen, aber sie lächelten. Das war hoffentlich ein gutes Zeichen.
   Gerade kam ein schlaksiger Junge mit einem Golden Retriever die Treppe herunter.
   »Der Hund soll nicht mit nach oben in die Schlafzimmer«, rief Charlotte ihm entgegen.
   Der Junge nickte, verdrehte die Augen und war offenbar immun gegen den Hinweis.
   »Darf ich vorstellen?« Charlotte streckte eine Hand aus. »Das ist unser Sohn Ryan, der zurzeit seinen eigenen Kopf hat.«
   »Wieso zurzeit?«, brummte der Junge.
   »Auch wieder wahr.« Charlotte lachte, und Mom grinste.
   »Ryan, deine Großeltern und dein Halbonkel sind zu Besuch hier.«
   Autsch. Das klang so was von bescheuert. Matt hätte vorhin wirklich den Mund halten sollen. Wahrscheinlich würde Charlotte ihm die Tatsache, dass er sie korrigiert hatte, bei jedem zukünftigen Familientreffen unter die Nase reiben. Er verzog das Gesicht.
   »Ich fürchte, das hast du dir selbst zuzuschreiben«, flötete seine Mutter.
   »Auf wessen Seite stehst du eigentlich?«, fragte er und blickte Mom an.
   »In diesem Fall auf Charlottes.«
   »Na, schönen Dank auch.«
   »Freunde und Verwandte dürfen mich übrigens Charly nennen«, sagte Tylers Frau grinsend und boxte Matt freundschaftlich gegen die Schulter, wobei ein weiterer Schwall – was war das? Pampelmuse? – Grapefruitduft – Matts Sinne einnebelte.

Kalendertürchen 5

Emma hatte, was den Gästebetrieb betraf, noch immer nicht zu einer Routine gefunden. Sie war jedoch zuversichtlich, dass es in ein, zwei Tagen so weit sein würde. Dank des Flanellschlafanzugs und den dicken Socken hatte sie in den vergangenen zwei Nächten prima geschlafen, obwohl sie davon ausgegangen war, dass sie kein Auge würde zutun können.
   Heute hatte sie sich für ein gekochtes Ei zum Frühstück für die Gäste entschieden. Das machte weniger Arbeit. Gerade beglückwünschte sie sich zu dieser Idee, als Dotty das Blech mit den frisch gebackenen Kartoffelteigbrötchen aus dem Ofen zog. Sofort breitete sich ein herrlicher Duft in der großen Küche aus.
   »Dafür, dass du deine Gäste zunächst nicht haben wolltest, verwöhnst du sie aber sehr«, sagte Emma.
   »Findest du?«
   Emma nickte.
   »Ich kann es auch nicht erklären. Irgendwie macht es mir wider Erwarten Spaß. Als hätte ich jahrelang einen Dornröschenschlaf gehalten und wäre plötzlich aufgewacht.«
   »Das klingt schön.«
   »Vielleicht liegt es einfach an deiner Anwesenheit«, überlegte Dotty.
   Emma musste lachen. »Das kann ich mir ehrlich gesagt kaum vorstellen.«
   »Stell mal dein Licht nicht unter den Scheffel, Mädchen«, brummte Dotty.
   Emma steckte kleine Löffel in die Marmeladengläser. »Ich war letztens in Noras Patchworkladen. Nora und ihre Tochter Tally haben mich zu einem Schnupperkurs eingeladen.«
   »Hab schon gehört, dass Tally mit in das Geschäft eingestiegen ist. Sie und dieser Tanzlehrer sind ein Paar.«
   »Du hast auch mal Quilts genäht?«
   Dotty zuckte mit den Schultern.
   »Ich dachte nur, weil in den Cottages auf den Betten Quilts liegen und auch im Zimmer der Carmichaels. Selbst im Speiseraum an der Wand …«
   »Schon gut, du gibst ja doch keine Ruhe«, unterbrach Dotty sie. »Ich habe aufgehört zu nähen … In jedem Gästezimmer sind welche und im Treppenhaus auch, ich brauchte keine mehr. Das ist alles.«
   Das glaubst du doch selbst nicht. »Du redest dir das vielleicht ein. Aber ich persönlich kann es nicht ausstehen, wenn ich angelogen werde.« Emma fiel eines der gekochten Eier aus der Hand.
   »Das kannst du niemandem mehr anbieten.«
   »Weiß ich selbst.« Sie bückte sich, hob das Ei auf und klatschte es in den Müll.
   »Nun mal halblang mit den jungen Pferden. Tut mir leid, wenn ich dich verärgert haben sollte. Es ist nur …«
   »Guten Morgen, die Damen.«
   Matt Carmichael konnte Emma jetzt so überhaupt nicht gebrauchen. Leider hatte er ein Recht, hier zu sein, also zwang sie sich zu einem Lächeln. Sie mochte ihn zwar nicht besonders, aber fairerweise musste sie zugeben, dass er nichts für ihre Misere konnte. Außerdem sah er heiß aus. Sexy. Mit leicht schräg gestellten dunklen Augen, unrasiert, sinnlicher Mund, fast schwarzem Haar. Im Geiste überschlug Emma, wie lange ihre letzte Beziehung her war. Lange genug, um sich nicht mal mehr genau daran zu erinnern. Dottys Hausgast Matt Carmichael schien ein geeigneter Kandidat für einen gepflegten One-Night-Stand zu sein. Mehr wollte sie nach allem, was sie in den vergangenen Wochen erfahren hatte, auf gar keinen Fall haben. Erst recht nicht, seit sie gestern diesen Namen auf dem Schild gelesen hatte. Bis zu jenem Zeitpunkt war Emma nicht bewusst gewesen, wie sehr sie gehofft hatte, dass es sich um einen Irrtum handelte. Der war jetzt allerdings ausgeschlossen. Ihr Vater war ein Schuft, ein mieser Verräter. Nicht nur, dass er ihre Mutter und damit auch sie und Thery betrog, nein, er hatte sogar das Gesetz gebrochen. Dad hielt sich eine Zweitfamilie und hatte seine Geliebte geheiratet, ohne von Mom geschieden zu sein. Ihr wurde flau im Magen, wenn sie daran dachte, dass ihre Mutter von all dem nichts wusste. Emma würde dafür sorgen, dass die Sache aufflog. Sollte Dad doch in der Hölle schmoren.
   »Sie haben erstklassige Arbeit geleistet mit der Reparatur des Geländers, Mr. Carmichael«, flötete Dotty. »Vielen Dank.«
   »Es war mir ein Vergnügen. Gibt es noch etwas, das dringend instand gesetzt werden muss? Solange ich noch hier bin, sollten Sie das ausnutzen, Mrs. Butler.«
   »Im Moment fällt mir nichts ein.«
   Matt setzte sich an den Frühstückstisch, und Emma blieb nichts anderes übrig, als ihm Kaffee einzuschenken.
   »Danke sehr.«
   Nach dem Frühstück zog sich Familie Carmichael zurück, und Emma räumte im Speiseraum auf.
   »Klopf, klopf«, rief jemand von der Tür aus.
   Emma wollte gerade fragen, ob sie helfen könne, als Dotty aus der Küche kam und sich die Hände an einem Lappen abwischte. »Gisy, hast du dich verlaufen?«
   »Darf man nicht mal seine Schwägerin besuchen?«
   »Du weißt es vielleicht nicht, aber es heißt Ex.«
   Gisy winkte ab. »Was spielt es für uns eine Rolle, dass mein werter Herr Bruder sich wie ein Arsch benommen hat?«
   Stellvertretend für den Hals ihres Ex würgte Dotty den Lappen in ihren Händen. »Er hat sich jahrelang durch die halbe Stadt gevögelt.«
   »Genau das meinte ich. Wir beide haben uns doch aber immer gut verstanden. Und da Weihnachten vor der Tür steht, dachte ich, ich komme mal vorbei.«
   »So, dachtest du.« Dotty blickte ihre Ex-Schwägerin finster an.
   »Ich habe gehört, dass du die Maple-Lodge wiedereröffnet hast.«
   »Da hast du etwas falsch verstanden.«
   »Wirklich? Eine junge Frau räumt gerade das Geschirr von einem der Gästetische im Speiseraum, wonach sieht das für dich aus?«
   »Ich wüsste nicht, was dich das angeht.«
   Gisy seufzte. »Dotty, das ist doch albern. Wir waren wie Freundinnen, und als … nun, du weißt schon, da hast du mich fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Findest du das okay? Du hast mir gefehlt.«
   Gab es eigentlich in jeder Familie so einen Mistkerl, der alles durcheinanderwirbelte? Emma schnappte sich das voll beladene Tablett und trug es in die Küche. Anschließend sortierte sie das Geschirr in den Spüler, ließ sich allerdings Zeit dabei.
   »Wie geht es dir so?«, hörte sie Dotty fragen.
   »Ich leite immer noch den Postshop von St. Elwine. Jetzt zur Weihnachtszeit habe ich natürlich genug zu tun.«
   »Im Newsletter des Tourismusvereins stand, es soll dieses Jahr ein Weihnachtspostamt für die Kinder geben.«
   »Mhm«, brummte Gisy.
   Dotty fing an zu lachen. »Sag bloß, das passt dir nicht.«
   Emma stellte die Marmeladengläser in den Kühlschrank und lauschte weiter der interessanten Unterhaltung.
   »Weißt du, wie viel Mehrarbeit ich dadurch habe? Nächste Woche wird es noch schlimmer werden.«
   »Du sollst das allein nebenher bewältigen?«
   »Äh, nein«, gab Gisy zu. »Sie suchen ehrenamtliche Helfer.«
   »Jetzt kapier ich, warum du hier bist. Das hast du dir ja prima zurechtgelegt.«
   »Quatsch. Es kam vieles zusammen: Ich wollte dich wiedersehen, schauen, ob du tatsächlich Gäste hast, und so eine nette Aufgabe wie Weihnachtspost von Kindern zu beantworten, hätte dich vielleicht auf andere Gedanken gebracht.«
   »Was du nicht sagst.« Dottys Stimme klang längst nicht mehr so abweisend wie am Anfang des Gesprächs.
   Emma ging jede Wette ein, dass Dotty einknicken würde. Sie tat meistens nur so schroff. In Wirklichkeit hatte ihre neue Chefin einen butterweichen Kern. Schließlich war Emma selbst Zeuge davon gewesen.
   »Ich finde die Idee zauberhaft«, schaltete sich Emma in die Unterhaltung ein.
   »Dich fragt aber keiner«, blaffte Dotty. Im selben Atemzug kam sie mit Gisy im Schlepptau in die Küche. »Darf ich vorstellen: Das ist Emma, mein Mädchen für alles. Sie hat mich quasi überredet, die Gäste aufzunehmen.«
   Stimmt nicht.
   »Freut mich, Emma.« Gisy streckte ihr die rechte Hand entgegen. »Dann hast du hier wohl alles so hübsch dekoriert?«
   »Danke sehr. Ja.«
   »Seit Jahren frage ich mich: Warum hat Dotty die Website der Maple-Lodge nicht längst abgemeldet? Früher oder später war klar, dass hier Gäste auftauchen würden.«
   »Ist das so?«, erwiderte Dotty schnippisch.
   »Sag du’s mir.«
   »Manche Leute sind eben renitent.«
   »Aha.«
   Dotty verschränkte die Arme vor der Brust. »Stell dir Folgendes vor: Mein Telefon läutet, ich gehe ran. ‚Bin ich verbunden mit der Maple-Lodge in St. Elwine, Maryland?‘
   ‚Die Lodge ist geschlossen.‘
   ‚Das geht aus Ihrer Website nicht hervor. Bitte, ich muss unbedingt … in der Nähe der Ranch … Ich zahle auch einen höheren Preis. Geben Sie mir ihre Bankverbindung, ich buche sofort und Sie erhalten das Geld im Voraus.‘
   ‚Hören Sie Mrs. …‘
   ‚Ich flehe Sie an. Es geht um meine Familie … Bitte, drücken Sie ein Auge zu … bitte. Ich schicke Ihnen eine E-Mail und Sie teilen mir Ihre Bankverbindung mit. Bitte, lehnen Sie nicht ab, es geht um … die Liebe meines Lebens.‘«
   »Ich wusste, dass du ein großes Herz hast.« Gisy grinste.
   Dotty wandte sich wortlos um und wienerte mit dem Küchentuch einen Kochtopf.
   »Wenn meine liebe Schwägerin den Kindern keine schöne Weihnachtspost schreiben möchte, hättest du vielleicht Lust dazu? Je mehr mithelfen, desto weniger Arbeit hat der Einzelne.«
   Emma konnte jetzt unmöglich Nein sagen. Seit sie in St. Elwine war, nahm sie Aufgaben an, die sie nie im Leben ausgeführt hatte. Wenn das nur gut ging. »Ich werde einige Briefe versenden. Wie läuft das ab? Muss ich jeden Tag in das Postamt kommen?«
   »Nein, schreib von hier aus, wenn sich das mit deinem Job in der Lodge besser vereinbaren lässt, und ich hole dann den Stapel ab.«
   »Wir könnten uns auch abwechseln. Wenn ich sowieso in den Ort fahre, bringe ich die Weihnachtspost mit«, schlug Emma vor.
   »Das klingt wunderbar. Dotty, wo hast du diesen Engel aufgegabelt?«
   Emma grinste. »Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber sie ist einfach so hier reingeschneit und hat um einen Job gebettelt.«
   »Sachen gibt’s.« Gisy sah auf die Uhr. »Ich muss jetzt los, den Postshop aufschließen. Wir werden uns zukünftig öfter sehen. Freust du dich, Dotty?«
   »Ich kann mich gar nicht einkriegen.«
   »Gib dir keine Mühe, du meinst es nicht so. Und wahrscheinlich nimmst du der lieben Emma hier sogar ein paar der Briefe ab, um sie selbst zu beantworten.«
   »Mach, dass du rauskommst«, blaffte Dotty.
   »Ihr beide seid echt drollig«, sagte Emma, als Gisy gegangen war.
   »Sie bildet sich tatsächlich ein, mich zu kennen. Ich bin keineswegs einsam und allein und brauche keine zusätzlichen Aufgaben.«
   O doch. »Hast du eigentlich noch eine Nähmaschine?«
   »Fragst du aus einem bestimmen Grund?«
   »Ehrlich gesagt, ja. Ich würde sie mir gern ausleihen. Natürlich nur, wenn du einverstanden bist. Ich weiß nur zu gut, welche Bindung eine Quilterin zu ihrem Baby hat.«
   Dotty lachte auf. »Das war früher so. Ich nähe nicht mehr, seit … äh …«
   »Sich dein Ex durch die Stadt gevögelt hat. Sorry, ich konnte nicht umhin, es mitanzuhören.«
   »Keine Sorge, ich bin drüber hinweg.«
   »Ach ja? Seit wann?«
   »Seit dem ersten Dezember«, sagte Dotty. »Komm mit!« Sie zog an Emmas Hand und führte sie bis in den dritten Stock des Haupthauses hinauf. »Das ist meine Dachkammer. Hier oben wohne ich, und dort hinten war mein besonderes Reich.« Dotty öffnete eine der Türen. Zum Vorschein kam ein komplett eingerichtetes Nähzimmer, der Traum jeder Quilterin. Emma hatte immer nur beengt in ihrem Zimmer nähen können, sodass sie die Nähmaschine selten für längere Zeit stehen lassen konnte. Wenn sie dann noch das Bügelbrett aufgestellt und die Stoffe rausgekramt hatte, ging in dem Raum, in dem sie immerhin auch schlief, nichts mehr.
   »Solange du für mich arbeitest, darfst du alles hier drin benutzen.«
   »Träume ich?«
   »Wenn, dann stecke ich im selben Traum.«
   »Du hast deine Lodge, das Nähen, die Freundschaft mit Gisy und weiß der Himmel was noch alles aufgegeben, weil dein Arschloch-Mann dir das angetan hat?« Ohne Dottys Antwort abzuwarten, fuhr sie fort. »Du hast verlernt, dich selbst zu lieben.«
   »Ich … ich habe mich so geschämt«, sagte Dotty leise. »Alle haben es gewusst.«
   »Was ist jetzt anders?«
   »Ich habe plötzlich gemerkt, wie sehr es mir gefehlt hat, das zu tun, was mich glücklich macht.«
   »Was ist, wenn du außer, dass du über deinen Ex hinweg bist, merkst, dass du auch wieder nähen möchtest? Könnte doch sein, oder?«
   »Dann finden wir eine Lösung, mein Liebes.«
   Emma konnte es nicht fassen. Zum ersten Mal in ihrem Leben verbrachte sie Weihnachten nicht mit ihrer Familie zu Hause. Alles war anders, und doch fühlte es sich richtig an. Und irgendwie auch magisch. Vor allem magisch. Das war komplett verrückt.

*

Matt hatte bereits zwei Nächte darüber geschlafen, aber irgendetwas fühlte sich immer noch ungut an – nicht direkt negativ – aber … Das Haus seines Bruders war großartig, die heimelige Atmosphäre darin ließ sich nicht leugnen. Alle waren freundlich und aufmerksam zu ihnen gewesen. Sie hatten gescherzt, Floskeln ausgetauscht, sehr gut gegessen und sich noch besser unterhalten, trotzdem … Es bestand eine Barriere, unsichtbar, die sich nicht greifen ließ, einfach da war. Als würden er und seine Eltern gegen eine imaginäre Wand laufen. Es kam ihm gespenstisch vor.
   »Kommt vorbei, wann immer ihr wollt«, hatte Tyler vorgestern Abend zu ihnen gesagt. Er hatte sogar angeboten, dass sie in die Gästezimmer auf der Ranch umzogen, doch davon hatte ihr Vater nichts wissen wollen. Matt verstand zwar, dass Dad, was Tyler betraf, noch immer ein schlechtes Gewissen hatte, doch er hatte ja gesagt, wie leid es ihm täte. Okay, wahrscheinlich hatte Mom mal wieder recht, wenn sie behauptete, die beiden bräuchten einfach nur mehr Zeit. Tyler war ein cooler Typ, überhaupt nicht abgehoben, und hatte ihnen sein Tonstudio in den Kellerräumen gezeigt. Abgefahren. Matt wollte seinen Bruder heute unbedingt näher kennenlernen. Da seine Eltern später auch zur Ranch nachkommen würden, beschloss er, zu Fuß dorthin zu gehen. Matt war gern draußen in der Natur.
   Gerade erblickte er Emma, die eine pralle Tüte in die Mülltonne stopfte. »Willst du joggen?«, fragte sie ihn.
   »Nein, nur spazieren gehen.«
   Sie hatte wieder ihren Ich-durchschaue-dich-Blick drauf.
   »Mein Bruder wohnt ganz in der Nähe, ich besuche ihn.«
   »Ist er der Grund für euren ausgedehnten Weihnachtsurlaub?«
   Matt nickte.
   »So etwas wie eine Versöhnung?«
   »Dafür, dass Sie mich nicht leiden können, sind Sie ziemlich neugierig.«
   »Ich mag keine Lügner.«
   »Ach, und in Ihren Augen bin ich das?«
   »Wer hat sich denn den Aufenthalt hier erschwindelt?«
   »Sie übertreiben. Meine Mutter hatte alles vorab gebucht. Ordnungsgemäß.«
   »Dotty sagt was anderes.«
   »Und ihr glauben Sie mehr als mir?«
   »Natürlich.«
   »Was bitte ist daran natürlich?« Jetzt war Matt wirklich gespannt.
   »Ich denke kaum, dass dich das was angeht.«
   Er hatte keine Lust, sich mit dieser Zicke anzulegen. Schade, dass sie wie ein Appetithappen aussah, aber andauernd auf Krawall gebürstet schien. »Alles klar, ich bin schon weg. Mein Bruder ist übrigens Tyler O’Brian.«
   »Und meiner Mick Jagger.«
   Matt lachte. War ja klar, dass sie ihm das mit Tyler nicht abnahm. Hoffentlich bekam er bald Gelegenheit, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Er lief los und hob die Hand, um ihr kurz zuzuwinken.
   Je länger er unterwegs war, desto mehr genoss er den Waldspaziergang. Seit einer Ewigkeit war er in keinem Wald mehr gewesen. Die Jahre seiner Kindheit in Alaska tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Matt sog die klare Luft tief in seine Lungen ein. Plötzlich hatte er es nicht mehr eilig, auf die Ranch zu kommen. Der Wald wirkte wie ein Kokon auf ihn. Er fühlte sich … geborgen? Geschützt? Irgendwie war es, als gehörte er hierher. Er entdeckte ein Reh, rührte sich nicht von der Stelle und hielt sogar den Atem an. Das Tier tat es ihm nach. Für den Bruchteil einer Sekunde blickten sie sich in die Augen. ‚Ganz ruhig, keine Angst, Bambi‘, versuchte er ihm zu suggerieren. Beim nächsten Blinzeln sprang das Reh davon. Es war traumhaft schön hier.
   Schließlich erreichte er die Ranch, doch es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis er all die Sicherheitsvorkehrungen durchlaufen hatte und endlich im Haus seines Bruders stand. Ryan, sein Neffe – Matt hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass die Familie sprunghaft Zuwachs bekommen hatte – begrüßte ihn. »Hi.«
   »Müsstest du nicht in der Schule sein?«, fragte Matt.
   »Der Unterricht fängt heute später an.«
   »Du freust dich bestimmt schon auf die Weihnachtsferien.«
   »Mhm.«
   »Wie alt bist du eigentlich?«
   »Fast siebzehn.«
   »Ihr kommt gut klar, hier alle zusammen? Als Familie, meine ich?«
   »Ja.«
   Besonders gesprächig war der Junge nicht. »Ich wollte zu deinem Dad.« Es war komisch, sich den Rockstar als treu sorgenden Familienvater vorzustellen, und doch hatte Matt vorgestern auch diese Seite von Tyler kennengelernt. So langsam begriff er, warum seine Mutter den ganzen Dezember für das Zusammentreffen eingeplant hatte. Für solche Dinge hatte sie einfach besondere Antennen. Matt vertraute ihr blindlinks.
   »Wenn du etwas Privates wissen willst, frag mich!«
   Wo kam Tyler plötzlich her, und weshalb betonte er dieses eine Wort so besonders? Das unverbindliche Lächeln von vorgestern Abend war aus dem Gesicht seines Bruders verschwunden. »Äh, sorry. Habe ich was Falsches gesagt?«
   Tyler wich Matts Blick keineswegs aus, schwieg aber. Er trug Jeans und T-Shirt und besaß für einen Rocksänger beeindruckende Bizepse. Ging von ihm etwa eine Bedrohung aus? Matt war sich nicht sicher. Wieso hatte er eigentlich angenommen, Tyler wäre ein unkomplizierter, cooler Typ?
   »Kommt drauf an«, antwortete sein Bruder schließlich.
   »Worauf denn?«
   »Was willst du?«
   Matt kam sich ziemlich überflüssig vor. Jederzeit willkommen zu sein, fühlte sich definitiv anders an. Er hob beschwichtigend eine Hand. »Bleib mal locker. Ich wollte dich einfach nur kennenlernen. Weiter nichts. Immerhin haben wir denselben Dad. Aber es ist wahrscheinlich besser, wenn ich wieder gehe.« Mann, so, wie Tyler ihn ansah, konnte sich Matt die Inquisition vorstellen. Von Ryan war nichts mehr zu sehen. Wahrscheinlich hatte er es vorgezogen, zu verschwinden.
   »Warte noch«, sagte Tyler ruhig und ließ Matt stehen. Kurz darauf kam er zurück und hatte sich einen dicken Pullover übergezogen. »Gehen wir ein Stück?«
   Matt nickte. Was sollte das werden? Wollte sein Bruder sicher sein, dass er auch ja abhaute? Nachdem Tyler in einen warmen Parka geschlüpft war, schnappte er sich eine Mütze. Gemeinsam verließen sie das Haus und stiegen die Stufen hinunter.
   Statt zum Haupttor zu gehen, schlug Tyler einen anderen Weg ein. »Komm mit!«
   Matt hatte nicht übel Lust zu widersprechen, aber seine Neugier war größer, und so folgte er seinem Bruder um das Gebäude herum. Sie kamen an einer riesigen Scheune vorbei. Fast gleichzeitig sah Matt das großzügige Freigelände, das von dicken Holzbalken begrenzt war. Tyler oder seine Frau hielten hier Pferde. Angesichts dessen, was drinnen gerade abgelaufen war, verkniff sich Matt jede Frage. Und plötzlich tauchte das Meer vor ihren Augen auf.
   Wow, der Anblick war großartig und entschädigte fast für Tylers unfreundliches Auftreten. Sein Bruder ging voran und sah kein einziges Mal über seine Schulter. Der musste sich ja ziemlich sicher sein, dass Matt ihm immer noch hinterherdackelte. Hoffentlich wollte er ihn hier draußen nicht vermöbeln und anschließend den Möwen zum Fraß vorwerfen. Hat dieser Weg auch ein Ziel? Es kostete Matt einige Mühe, die Klappe zu halten.
   Tyler betrat schließlich einen Steg. Matt zögerte. Als sein Bruder auf halber Länge stehen blieb und die Ellbogen auf das Geländer stützte, ging Matt ihm nach.
   Langsam richtete sich Tyler wieder auf und drehte sich zu ihm um. »Sollte irgendetwas aus meinem Privatleben in der Yellow Press auftauchen, bist du erledigt.«
   Matt begriff, dass er seinen Bruder anstarrte. So hatte er sich ihre Begegnung nicht vorgestellt. Selten war er sich so dämlich vorgekommen.
   »Und ich lasse es ganz sicher nicht zu, dass man meine Kinder ausfragt. Ist das bei dir angekommen?«
   Matt nickte. Langsam begann er sich zu ärgern. Die ungerechtfertigten Unterstellungen seines Bruders trafen ihn mehr, als er gedacht hätte. Endlich fand er seine Sprache wieder. »Zu deiner Information: Ich hatte nichts von alldem vor, was du hier mal einfach so behauptest. Bist du paranoid, oder was?«
   »Vorsichtig …«
   »Sonst?« Matt verschränkte die Arme vor der Brust. »In der Presse steht genug von deinen Bettgeschichten, ohne dass ich denen etwas stecke.«
   »Sehr gut.«
   Tyler war offensichtlich nicht ganz dicht. Was ging es Matt an?
   »Wie ist dein Vater so?«, fragte Tyler plötzlich so leise, dass Matt ihn fast nicht gehört hätte.
   »Er ist auch dein Dad, schon vergessen?«
   »Du weißt es vielleicht nicht, aber er ist mehr dein Vater als meiner.«
   Darüber musste Matt nachdenken. In gewisser Weise stimmte das … irgendwie. »Fürsorglich. Dad ist liebevoll, freundlich … Wir haben viel Spaß miteinander gehabt, vor allem, als ich klein war.«
   Tyler nickte. »So ungefähr fühlt es sich in meiner Erinnerung an.«
   Dann musste er seinen Dad sehr vermisst haben. »Ich schätze, das, was ihr damals zusammen hattet, kommt nicht wieder.« Ein jämmerlicher Versuch, Tyler zu trösten. Einerseits fühlte es sich so an, als würde Dad ihn mehr lieben als sein erstes Kind, andererseits fand er die Vorstellung schrecklich, wenn es umgekehrt wäre. »Tut mir leid …«
   »Das muss es nicht. Du kannst ja nichts dafür. Wie alt bist du?«, wollte Tyler wissen.
   »Dreiunddreißig.«
   »Dann bin ich vierzehn Jahre älter als du. Dad hat dazwischen ziemlich lange allein gelebt.«
   »Soviel ich weiß, hat er auf einer Bohrinsel gearbeitet. Bis es einen Unfall gab und er beinahe sein Augenlicht verlor. In der Klinik lernte er Mom kennen. Sie war dort Krankenschwester.«
   »Ich glaube, das hat er mal am Telefon erwähnt.«
   »Meine Mom hat auch dafür gesorgt, dass wir jetzt in St. Elwine sind.«
   »Warum?«
   Matt zuckte mit den Schultern. »So ist sie eben. Gab es Krach zwischen dir und Dad?«
   »Ich war vier Jahre alt, als er uns verließ.«
   »Später. In Briefen, E-Mails oder am Telefon?«
   Tyler schüttelte den Kopf. »Mein Leben wäre allerdings anders verlaufen, wenn Dad uns nicht im Stich gelassen hätte.«
   Im Stich gelassen! So empfand sein Bruder das.
   »Es war schwer für mich«, gestand Tyler.
   Matt wusste nicht, was er sagen sollte. Er war kein Scheidungskind und konnte da nicht mitreden. Allerdings bereute er, sich nie dafür interessiert zu haben, als Dad ihm vor ein paar Jahren von seinem Halbbruder erzählt hatte. Ob Tyler ihm nähere Einzelheiten verriet?
   »Meine Mutter war Alkoholikerin.«
   O Scheiße, sein Bruder musste sich doppelt allein vorgekommen sein. Zum ersten Mal begriff Matt, wie viel Glück er tatsächlich hatte.
   »Sie hat auch wieder geheiratet.«
   ‚Das ist doch gut‘, wollte Matt schon sagen, doch etwas an Tylers Tonfall hielt ihn zurück.
   »Und noch ein Kind bekommen.«
   »Es gibt einen weiteren Bruder?« Matt war ehrlich überrascht. Was hatte sein Vater alles für sich behalten?
   Tyler stieß einen undefinierbaren Laut aus. »Nicht für dich.«
   »Aber du sagtest …«
   »Rodney und ich haben dieselbe Mutter. Du und ich denselben Vater. Mit Rodney verbindet dich demnach nichts.«
   »Trotzdem …« Was? Tyler hatte recht. Matt und dieser Rodney verfügten über kein gemeinsames Erbmaterial. Blödsinnigerweise fühlte er sich mit einem Mal ausgeschlossen. »Versteht ihr euch gut?«
   »Ja. Wir sehen uns allerdings nicht andauernd. Er hat seinen Job und ich meinen.«
   »Verstehe. Ist er auch Musiker?«
   »Nein. Orthopädischer Chirurg in der Klinik seines Vaters in Aspen.«
   »Wow.«
   Offenbar sah Tyler ihm die unausgesprochene Frage an. »Er wurde nach dem Tod unserer Mutter von einem Arztehepaar adoptiert und hatte ziemlich viel Glück, während ich …«
   Tyler wandte sich plötzlich um und stützte die Ellbogen erneut auf dem Geländer ab. Vorher hatte Matt kaum auf das Kreischen der Möwen geachtet, jetzt hörte es sich fast zu laut an.
   »Was ist passiert?« Matt spürte, dass sich dieses Gespräch langsam dem Grund näherte, weshalb Dad so verstört gewesen war, als Mom ihm die Expedition St. Elwine eröffnet hatte. An der Art, wie er Tyler weinend um den Hals gefallen war, hatte Matt erkannt, dass da mehr geschehen sein musste.
   »Nun, ich … habe die volle Breitseite abgekriegt.«
   Das klang bitter. Matt hatte plötzlich das Gefühl, eine eiskalte Welle des Atlantiks schwappte über ihn hinweg. Er bekam zwar danach wieder Luft, aber die Kälte auf seiner Brust blieb.
   Schwieg Tyler, weil er sich immer noch nicht sicher war, ob Matt etwas an die Presse durchsickern lassen würde? Was für ein Bruder wäre er, wenn er das täte? Ein Arschloch, das die Bezeichnung jedweden Verwandtschaftsverhältnisses nicht verdiente. »Hör zu, ich hatte nie vor, dich oder deine Familie auszuspionieren. Das musst du mir glauben, Tyler.«
   »Schon okay. Tut mir leid, wenn ich am Anfang … In dem Punkt bin ich echt empfindlich.«
   »Ich schätze, du hast deine Gründe.«
   »Meine Privatsphäre ist mir wichtiger als alles andere.«
   Matt nickte. »Jeder Mensch hat ein Recht darauf.«
   »Wir füttern die Paparazzi regelmäßig mit falschen Informationen, dann kommen die nicht auf dumme Gedanken und finden heraus, wo und mit wem ich lebe.«
   Matt lachte auf. »Und die Fotos von all den schönen Frauen und dir, mit denen du herumknutschst?«
   »Was liest du eigentlich für einen Schund?«
   »Das nimmt man so nebenbei wahr.«
   »Aha.«
   »Sag schon!«
   »Die Fotos sind gestellt, was sonst.«
   »Echt jetzt? Und die Mädchen machen da mit?«
   »Ich kann mich kaum retten vor Freiwilligen.«
   »Du verarschst mich doch.«
   »Hey, ich bin ein Rockstar.«
   Auch wieder wahr. »Was sagt deine Frau dazu?«
   »Das solltest du Charly selbst fragen.«
   Genau das würde Matt auch tun. Hoffentlich bekam er bald die Gelegenheit dazu. »Ist sie zu Hause?«
   Tyler grinste. »Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen. Sie ist arbeiten.«
   Wieso hatte er sich seine Schwägerin eigentlich als liebende Hausfrau und Mutter und nicht als Berufstätige vorgestellt? Wegen der zwei Kinder? Vielleicht … Oder weil Charly so elegant wirkte? Sie passte ja nicht mal auf diese Ranch, eher auf das herrschaftliche Anwesen mit dem schlossähnlichen Gebäude mit Türmchen, das an der Straße zur Maple-Lodge lag. »Arbeiten?«, entfuhr es Matt.
   »Richtig. In St. Elwine.«
   »Obwohl du …«
   »Ja, obwohl ich genug Geld verdiene. Aber die Option mit ihrem Job ist nicht verhandelbar. Da ist Charly stur wie ein Maulesel.«
   »Sie ist stur?«
   »Frag nicht.« Tyler winkte ab.
   Sein Bruder und seine Schwägerin: Zwei Alpha-Menschen, die eigentlich nicht zusammenpassten. Wie ging das wohl mit der Liebe? Ob Matt dieses Weihnachten eine Antwort bekam?

Kalendertürchen 7

Heute Morgen war Emma bereits wach geworden, bevor der Wecker klingelte. Sie fühlte sich wunderbar ausgeschlafen und drehte in der Küche der Maple-Lodge das Radio auf. Genau die richtige Stimmung, um Weihnachtssongs zu genießen. ‚Do they know it’s Christmas‘, der Band Aid Titel bot sich förmlich an, mitzusingen, während sie Kaffee aufsetzte, Pancake-Teig mit dem Schneebesen verrührte und die Pfanne erhitzte. War sie deshalb bester Laune, weil sie gestern den ganzen Abend im Nähzimmer verbracht hatte? Möglich wär’s. Emma grinste, wenn sie an den gestrigen Morgen dachte. Beim Verlassen ihres Cottages hatte sie draußen an der Holzwand der Hütte einen kleinen Schokoladen-Nikolaus gefunden. Wer zeichnete sich dafür verantwortlich? Matt? Seine Mutter? Oder doch Dotty? Sie würde es im Laufe dieses Tages schon noch herausbekommen. Die Geste rührte sie, egal, wer dahintersteckte.
   Im Laufe des Tages war sie noch mal kurz in Noras Patchworkladen gewesen, wo sie eine niedliche Vorlage für applizierte Wichtel entdeckt hatte. Die musste sie einfach mitnehmen, und beinahe sofort war Emma klar gewesen, dass sie die Zipfelmützen-Kerlchen nähen wollte. Rasch hatte sie noch nach dem Postshop gesucht. Mit dem ersten Stapel Weihnachtspost war sie im Lieferwagen wieder zur Lodge gefahren.
   »Was ist passiert?« Dotty schlurfte in die Küche und gähnte.
   »Wieso? Was soll denn passiert sein?«
   »Du bist vor mir in der Küche, singst, bist fröhlich …«
   »Wer sagt, dass ich fröhlich bin?«
   »Kein Mensch singt, wenn er nicht gut drauf ist«, stellte Dotty klar.
   »Dafür bist du hundemüde.«
   »Weil ich bis in die halbe Nacht Weihnachtsbriefe für die Kinder beantwortet habe.«
   Emma lächelte ihre Chefin an. »Das hättest du nicht tun müssen, es war mein Stapel.«
   »Du warst im Nähzimmer verschwunden, mir war langweilig. Klar soweit?«
   »Also hast du aus Langeweile die Post erledigt?« Emma stapelte die Pancakes auf einem Teller.
   »Aus keinem anderen Grund.«
   Emma blickte aus dem Fenster und entdeckte Matt Carmichael, der sich offensichtlich nicht an den Bäumen satt sehen konnte. Er verschwand kurz und kam mit einer Leiter zurück. Was hatte er denn jetzt vor?
   Dotty folgte ihrem Blick. »Gefällt er dir?«
   »Da muss man differenzieren«, antwortete Emma.
   »Ach ja? Wie das? Zu meiner Zeit stand man entweder auf einen Kerl oder eben nicht.«
   »Er nervt, findest du nicht?«
   »Nein.«
   »Rein äußerlich betrachtet ist er allerdings …« Emma suchte nach den richtigen Worten.
   »Eine Sahneschnitte«, sagte Dotty prompt.
   »Wenn er dir so gut gefällt, nimm du ihn doch.«
   »Steht er denn auf ältere Frauen mit kräftigen Oberschenkeln?«
   »Keine Ahnung, wir sollten ihn fragen.«
   Dotty tippte sich an die Stirn. »Du spinnst wohl.«
   Draußen fuhr Matt die Leiter aus und kletterte auf die riesige Eiche.
   »Was hat der denn vor?«
   »Vielleicht sucht er nach Misteln für den Weihnachtsschmuck?«
   »Bin gleich wieder da.« Emma schlüpfte in ihren dicken Anorak und flitzte aus der Küche. Kurz bevor sie den Baum mit der angelehnten Leiter erreichte, drosselte sie ihr Tempo.
   Matt Carmichael war längst von den Sprossen auf die dicht verzweigten Äste umgestiegen und kraxelte immer höher. »Ist ein Eichhörnchen in Not?«, rief sie nach oben.
   »Ich hoffe nicht.«
   »Was machst du da?«
   »Klettern.«
   »Sehr witzig.«
   »Mich hat interessiert, wie der Blick über den Wald von hier oben ist.«
   Der Kerl hatte echt einen Knall. »Das kannst du auch vom Haupthaus vom dritten Stock aus testen.«
   »Ist nicht dasselbe.«
   »Dafür ungefährlicher.«
   »Machen Sie sich etwa Sorgen um mich?«
   »Die Leiter könnte umfallen, und dann ist sie womöglich kaputt.«
   »Ach, darum geht es. Ich würde sie Dotty natürlich ersetzen.«
   Blödmann. »Hast du etwas Bestimmtes vor?« Er war bereits ziemlich hoch geklettert.
   »Vielleicht. Aber keine Angst, mich umzubringen steht nicht auf meiner To-do Liste.«
   »Gut zu wissen. Ich dachte allerdings eher an ein hübsches Plätzchen auf einem der dicken Äste, wo du mit deinem Bruder Rocksongs trällern kannst.«
   »Geniale Idee, ich werde ihn fragen.«
   Emma lachte und schüttelte den Kopf.
   »Was halten Sie von einem Baumhaus?«, fragte er und kletterte bereits wieder abwärts.
   Ein Baumhaus in dieser alten majestätischen Eiche? Vor Emmas geistigem Auge entstand eine windschiefe Bretterbude. »Nicht besonders viel.«
   »Sie vergessen, dass ich Schreiner bin.«
   Er versuchte gerade von einem dicken Ast aus hangelnd mit den Füßen die Leiter zu erreichen. Emma widerstand dem Impuls, die Augen zu schließen. Was nicht leicht war, weil es wirklich riskant aussah und er sich keinesfalls einbilden sollte, dass sie Angst um ihn hätte. Dabei … in einer solchen Situation hätte sie um jeden Menschen Angst.

*

Matt war noch immer geflasht von dem sagenhaften Ausblick. Der entschädigte ihn für den beschwerlichen Abstieg. Ein Jammer, dass er so aus der Übung war. Auf Bäume zu klettern war als Zehnjähriger seine Königsdisziplin gewesen.
   »Nun mach schon, die Pancakes werden kalt«, rief Emma von unten.
   Langsam wurde es knifflig. Gerade wollte er den Ast loslassen, als seine Füße von der Leitersprosse rutschten. »Scheiße.« Matt verlor den Halt, mit dem rechten Arm bekam er allerdings noch die Leiter zu fassen. So gut er konnte, schlang er den Arm um das Metallgestell. Sein gesamtes Körpergewicht lag jetzt auf dem Schultergelenk und fing den Absturz aus ein paar Metern Höhe ab. Doch … fuck! Ein Ruck ging durch ihn hindurch und zerriss irgendetwas. Noch nie hatte Matt solch einen Schmerz erlitten. Er schrie auf, bekam kaum noch Luft.
   »Mach keinen Scheiß!«, stieß Emma aus. Sie klang hysterisch.
   Verzweifelt versuchte Matt, gegen die Schmerzen anzukämpfen, doch es war sinnlos. Die Leiter vibrierte.
   »Gehen Sie runter da, ich mache das!«
   Wenn er es nicht besser wüsste, hätte Matt gedacht, sein Bruder blaffte den Befehl. Tatsächlich kletterte Tyler ihm entgegen, sodass die Leiter erneut vibrierte. Kräftige Hände umfassten seine Fußknöchel und schoben seine Sohlen auf eine der Sprossen.
   »Stell dich verdammt noch mal fest darauf!«, rief Tyler ihm zu.
   Matt gehorchte, augenblicklich wurde seine Schulter entlastet, trotzdem tobte noch immer ein höllischer Schmerz hindurch. Tränen traten ihm in die Augen. Fast blind versuchte er, nach der nächsten Sprosse zu tasten.
   »Warte!«
   Wieder vibrierte das Metallgestell, als sein Bruder weiter nach oben kletterte. Tyler legte einen Arm um Matts Taille, mit der anderen Hand hielt er sich an der Leiter fest.
   »Und jetzt ganz langsam Sprosse für Sprosse … ich halte dich.«
   »Es … es geht nicht.« Matt wurde schwindlig vor Schmerz. In seinen Ohren begann es zu rauschen.
   »Doch, ich habe dich fest im Griff. Nur keine Angst, vertrau mir.«
   Tyler zog ihn sachte abwärts. Matt blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Scheiße, hörte denn dieser Schmerz nie auf? Er konzentrierte sich mit aller Macht darauf, einen Fuß nach dem anderen nach unten zu strecken, während Tyler dafür sorgte, dass Matt keine Sprosse verfehlte.
   »Ich … habe … doch keine … Angst.« Nur Schmerzen. In seiner gesamten rechten Seite loderte ein Feuer.
   Tyler stand bereits auf festem Boden, hatte ihn an den Hüften gepackt und lotste Matt die letzten Zentimeter nach unten. Ein weiteres Paar Hände legte sich um Matts Taille.
   »Aber ich hatte welche, bist du verrückt geworden?«, brüllte Emma ihn an und ließ ihn wieder los.
   Sie hatte kein Recht, ihn anzuklagen. Vor allem nicht jetzt, wo er sich nicht wehren konnte. Er sackte in sich zusammen. Tyler bettete Matts Oberkörper gegen den Stamm der Eiche.
   »Was … was machst du überhaupt hier?«, japste Matt und sah Tyler an. Er hatte noch immer Mühe, zu atmen.
   »Ist das alles, was dir jetzt einfällt?«
   Nein. Er wollte einfach nur Luft bekommen und die Schmerzen loswerden. Doch nichts davon trat ein.
   »Was ist passiert?«
   Hinter einem Nebelschleier aus Schmerzen sah Matt seine Eltern den Hügel vom Haupthaus runterlaufen, gefolgt von Dotty.
   »Ich habe alles vom Fenster aus gesehen.« Dotty hockte sich vor ihn. »Haben Sie sich ernsthaft verletzt, Matt?«
   »Weiß nicht.«
   »Du bist furchtbar blass, Liebling.« Mom berührte sein Gesicht. »Hast du Schmerzen?« Endlich, sie begriff, was Sache war und würde ihm helfen. Mom war immerhin Krankenschwester. Die Aussicht auf Linderung ließ ihn fast weinen.
   »Meine Schulter …«
   Mom berührte sein Schlüsselbein, doch Matt zuckte zurück. »Nein!« Kreischte er etwa? Vor Schmerz knirschte er mit den Zähnen.
   »Ist ja gut, mein Schatz.« Fürsorglich strich sie über seine Wange und richtete sich auf. »Er muss in die Notaufnahme. Ich fürchte, Matt hat sich die Schulter ausgekugelt.«
   Mom sah Tyler an, der sofort nickte. »Ich fahre ihn hin.«
   »Was ist mit deiner Privatsphäre? Wenn dich nun jemand dort erkennt und es an die Presse weitergibt?« Tyler O’Brian bringt verletzten Mann in die Klinik. Handelt es sich dabei um ein Mitglied seiner Familie? Matt sah, wie Emma irritiert von einem zum anderen blickte.
   »Ist das deine Retourkutsche?«, fragte sein Bruder.
   »Ich mein ja nur.«
   »Du hast echt Nerven.«
   »Ich fahre ihn«, bot Emma an und sprach einfach so über seinen Kopf hinweg mit Mom.
   »Vielen Dank für die Hilfe, aber das machen wir schon«, sagte Mom zu Matts Erleichterung.
   Als er versuchte, sich aufzurichten, wurde ihm fast schwarz vor Augen.
   »Matt!«
   »Geht schon, Mom«, flüsterte er.
   Mithilfe seiner Eltern quälte sich Matt den Hügel hinauf.
   »Halt ihn fest, Chad, ich hole rasch das Wohnmobil.«
   Glaubte Mom etwa, er würde umfallen? Wenigstens hatte sie das Kommando übernommen. Auf sie konnte sich Matt immer verlassen. Der Gedanke tröstete ihn über den Terrorangriff in seiner Schulter hinweg.
   Endlich fuhren sie los. Ein roter Pick-up überholte und gab Lichthupe. »Es ist Tyler«, sagte Dad. »Er zeigt uns den Weg und fährt voran.«
   »Das ist aber nett von ihm.« Mom gab Gas.
   Dank Tyler kamen sie auf schnellstem Weg in die Notaufnahme. Statt wieder davonzufahren, stieg sein Bruder allerdings aus. Er zerrte sich die Kapuze über und setzte eine Sonnenbrille auf, dann lief er ihnen hinterher.
   Da sich Mom auskannte, regelte sie alles am Empfangstresen, sodass sich Matt setzen konnte. Hoffentlich würde er nicht so lange warten müssen. Die Aussicht, auf diesem jämmerlichen Plastikstuhl auszuharren, hob seine Stimmung nicht gerade an. Dad saß zu seiner Rechten, Tyler an seiner linken Seite und trug immer noch die Sonnenbrille.
   »Übertreibst du nicht ein bisschen?«, fragte Matt.
   »Lass das meine Sorge sein, okay?«
   Als eine Ärztin den Wartebereich betrat, richtete sich Tyler auf. »Liz.«
   Ihr Kopf war voller Locken, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Sie blieb stehen und erkannte Matts Bruder offenbar trotz der Maskerade.
   »Tyler, was hast du angestellt?«
   »Nichts. Es geht um meinen Bruder. Beim Versuch, vom Baum zu klettern, ist er abgerutscht und hat sich an der Schulter verletzt.«
   »Rodney sollte wissen …«
   »Nicht er. Mein jüngster Bruder.« Tyler deutete auf Matt.
   »Kommen Sie mit«, forderte sie ihn auf.
   Matt biss sich fast die Lippe blutig, als er aufstand und ein mächtiger Stich durch seine Schulter jagte. Im selben Moment drückte eine Krankenschwester der Ärztin ein Klemmbrett in die Hand. »Übernehmen Sie den Patienten, Dr. Tanner?«
   »Ja, und bringen Sie bitte seine Angehörigen aus dem Wartebereich in mein Büro.«
   Dr. Tanner bog in eines der Untersuchungszimmer ab. »Ich bin Elizabeth Tanner. Sie besuchen Tyler?« Dabei wies sie auf die Liege.
   »Ja, über die Feiertage.« Matt schob sich mit halber Pobacke auf deren Fußende.
   »Das ist ja schön. Aber weshalb klettern Sie auf Bäumen herum?«
   »Ich wollte sehen, wie die Aussicht von da oben ist.«
   »Ungewöhnlich. Ich helfe Ihnen erst mal aus dem Anorak.«
   »Wenn es sein muss.«
   Sie lächelte ihn an. »Sie haben starke Schmerzen, Mr. Carmichael?«
   Stark war noch untertrieben. Matt nickte.
   Dr. Tanner schälte ihn aus dem Anorak und knöpfte kurzerhand sein Flanellhemd auf. »Ich muss Sie abtasten, und ich fürchte, es wird Ihnen wehtun.«
   Als sie damit begann, hätte er sich am liebsten zur Wehr gesetzt. Aufhören! Matt hatte nicht gewusst, dass er so hohe Töne von sich geben konnte.
   Endlich ließ sie von ihm ab. »Es tut mir wirklich leid. Bevor ich eine sichere Diagnose stellen kann, brauche ich eine Röntgenaufnahme.«
   »Und ich Dope.« Hatte er das gerade wirklich ausgesprochen?
   Sie sah ihn ernst an. »Nehmen Sie Schmerzmittel?«
   »Nein. Fragen Sie meine Mutter, sie ist Krankenschwester und wartet auch draußen. Ich nehme nie irgendwas.« Matt war am Ende seiner Kräfte und würde jede Sekunde um ein Zeug zur Linderung betteln. »Bitte …«
   Sie zögerte noch immer, blies sich schließlich ein paar kleinere Locken aus dem Gesicht und musterte ihn erneut. »Sie lügen mich auch bestimmt nicht an?«
   »Nein.«
   »Gut, wenn Sie halbwegs wie Ihre Brüder sind, dann glaube ich Ihnen.«
   »Rodney ist nicht mein Bruder.« Bitte? Geht’s noch? Warum sagte er in dieser Situation so etwas zu einer wildfremden Frau? Weil sie Ärztin war und nett?
   »Komplizierte Familienverhältnisse sind nicht gerade mein Spezialgebiet.« Sie lachte.
   »Meines auch nicht«, brummte Matt.
   Sie ging an einen Schrank und zog eine Spritze auf. Halleluja, bald würde es ihm besser gehen.
   Dr. Tanner ließ ein paar Tropfen überspritzen.
   »Hey, verschwenden Sie das gute Zeug nicht.«
   Sie lachte wieder. »Wo möchten Sie sie hinhaben?«
   »Egal, Hauptsache, das Mittel knallt richtig.«
   »Sie machen mir Spaß. Ich schätze, der rechte Arm scheidet aus, den linken werden Sie für eine Weile mehr beanspruchen müssen. Wie wäre es mit dem Po?«
   »Klar, warum nicht. Aber ich kann mich unmöglich langlegen, ohne zu schreien.«
   »Stellen Sie sich einfach hin und beugen Sie sich ein wenig vor.«
   Matt gehorchte und fummelte bereits an den Knöpfen seiner Jeans herum. Das machte sich mit einer Hand und dann noch mit links so was von blöd. Entnervt sah er sie an. »Könnten Sie mir helfen?«
   »Natürlich, aber Sie dürfen meinem Mann nichts davon sagen.«
   Matt musste lachen. »Bestimmt nicht. Woher kennen Sie Tyler?«
   »Wer kennt ihn nicht?«
   Auch wieder wahr.
   »Wir sind Nachbarn und befreundet.«
   Sein misstrauischer Bruder pflegte Freundschaften. Wie das? Dr. Tanner hatte die obersten Knöpfe seiner Jeans geöffnet, und Matt zog Hose und Boxershorts an der Seite etwas runter. Es wurde kalt im Bereich seines Hüftknochens, an der Stelle, wo sie das Spray zur Desinfektion aufsprühte.
   »Entlasten Sie Ihr rechtes Bein, und auch den Po schön locker lassen.«
   »Hhhhhhhr … es brennt …«
   »Schon vorbei.«
   Matt spürte, wie sie einen Tupfer fest auf die Einstichstelle presste und anschließend ein Pflaster drüberklebte. »Danke.«
   »Wir sehen uns nach dem Röntgen. Die Schwester bringt Sie hin.«
   »Und meine offene Jeans?«
   »Ich sage Ihrer Mom Bescheid.«
   »Gut.«
   Normalerweise tat Röntgen nicht weh. Mit dieser Schulter war es allerdings eine Prozedur. Matt fror, und gleichzeitig lief ihm der Schweiß über die Stirn. Er wollte sich gar nicht erst vorstellen, wie es sich ohne Schmerzmittel anfühlen würde.
   Eine Schwester karrte ihn im Rollstuhl zurück in das Untersuchungszimmer der Notaufnahme. Matt kam sich tatsächlich gebrechlich vor und hoffte, dass dieser Zustand nicht mehr lange anhielt. Dr. Tanner tauchte im Türrahmen auf und besah sich bereits das Röntgenbild.
   »Ihre Schulter ist ausgekugelt, Mr. Carmichael. Ich werde Sie Ihnen wieder einrenken.«
   »Aber? Es gibt doch ein Aber, oder?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Ich warte nur noch auf meinen Kollegen, der mir dabei hilft.«
   »Kriege ich keine Narkose?«
   »Eigentlich nicht.«
   Matt wurde mulmig bei dem Gedanken. »Ich habe nach der Spritze immer noch Schmerzen …«
   »Die lassen sofort nach, wenn ich Ihre Schulter versorgt habe.«
   »Aber …«
   »Ich sehe schon, Sie haben Angst.«
   »Das ist wohl keine Schande.«
   »Natürlich nicht.«
   Sie machte sich bereits wieder am Schrank zu schaffen, und Matt sah, dass sie eine neue Spritze aufzog. »Ich gebe Ihnen ein Lokalanästhetikum.«
   Gut, dass man ihm in der Röntgenabteilung sein Hemd nur übergehangen hatte und er es einfach abstreifen konnte. Als es ernst wurde und Dr. Tanner mit einer elend langen Kanüle näher kam, zwang sich Matt, an den traumhaften Ausblick oben von der Eiche zu denken. Es funktionierte nur bedingt, und er krallte sich am Rand der Liege fest. Sie stach mehrmals im Schulterbereich ein.
   Ein Arzt betrat den Raum. »Hallo, ich bin Curtis Zimmerman.« Er lächelte Matt an.
   »Ich dachte, Sie haben die Fachrichtung gewechselt«, sagte Dr. Tanner zu ihm.
   »So ist es, aber hin und wieder helfe ich auch in Ihrer Notaufnahme. Und wenn ich das richtig verstanden habe, geht es nur darum, den Patienten festzuhalten. Das werde ich wohl hinkriegen.«
   »Mhm.«
   Festhalten. Diese Aussicht beunruhigte Matt.
   Dr. Tanner stellte die Rückenlehne der Liege hoch. »Rutschen Sie dagegen, Mr. Carmichael.«
   Er tat es, während sich Dr. Zimmerman an Matts unversehrte Seite stellte und seine Hände auf seinem Oberkörper positionierte. Eine Krankenschwester trat hinzu und drückte Matts Beine hinunter.
   »Moment noch«, befahl Dr. Tanner. »Mr. Carmichael, rücken Sie ein Stück weiter zu mir, sodass ihre rechte Gesäßhälfte etwas in der Luft hängt.«
   Matt hatte das Gefühl, von allen Seiten festgehalten zu werden, und dann ging es plötzlich schnell. Ohne Vorwarnung zog und ruckte Dr. Tanner gleichzeitig an seinem rechten Arm. Es war die Hölle. Er konnte nur noch schreien und spürte schließlich, wie in seinem Inneren ein Mechanismus einrastete. Augenblicklich ebbte der Schmerz ab. Nicht, dass er aufhörte, aber es wurde erträglich. Vor Erleichterung drehte sich der Raum um ihn.
   »Matt?«, hörte er Dr. Tanner rufen. »Hey, Matt, sehen Sie mich an!«
   »Mir ist schlecht.«
   Das Rückenteil der Liege wurde runtergestellt, seine Beine hochgelagert, indem ihm ein Polster unter die Kniekehlen geschoben wurde. Die Schwester legte fürsorglich ein kaltes Tuch auf seine Stirn.
   Bitte, ich will mich nicht übergeben müssen.
   Matt atmete frische Luft ein. Irgendjemand hatte das Fenster geöffnet.
   Dr. Tanner fühlte seinen Puls, berührte kurz seine Wangen. »Kommen Ihre Lebensgeister wieder zurück?«
   »Ja.«
   »Tun Sie mir den Gefallen und klettern Sie nicht mehr auf Bäume.«
   Matt antwortete nicht.
   »Einige Tage werden Sie den Arm noch in einer Schlinge tragen müssen. Ich stelle Ihnen ein Rezept für ein Schmerzmittel aus. Am besten suchen Sie sich einen Physiotherapeuten.«
   »Danke.«
   »Setzen Sie sich langsam auf.« Dr. Tanner legte ihm eine Schlinge um den Nacken und positionierte seinen Arm darin.
   Als Matt endlich auf wackligen Beinen stand, hatten Dr. Zimmerman und die Schwester den Raum längst verlassen.
   Mom kam herein. »Liebling, war es sehr schlimm?« Für das Küsschen musste sie sich auf Zehenspitzen stellen. Danach half sie ihm, das Hemd anzuziehen.
   »Vielen Dank für alles, Frau Doktor«, sagte Mom.
   Matt nickte nur, er war total erledigt.
   Als sie auf den Flur hinaustraten, saß dort Emma und blickte ihnen entgegen. Ihr schiefes Lächeln wirkte aufgesetzt. »Alles gut bei dir?«
   Wieder nickte Matt, es war ihm peinlich, dass ausgerechnet Emma hier war. Plötzlich begann sich wieder alles um ihn herum zu drehen. Mist. Mist. Mist.
   Er spürte, wie ihm Galle hochkam. »Ich muss …«
   »Da.« Mom hatte die Lage erfasst und schob Matt in die Herrentoilette. »Brauchst du Hilfe?«
   So weit kommt es noch. »Nein.« Er schaffte es gerade so und übergab sich in die Kloschüssel.
   Matt war nicht klar, wie lange er schon gegen die Trennwand gelehnt vor der Toilette kauerte, als sich Schritte näherten.
   »Bist du hier, Matt?«
   Das war nicht Mom’s Stimme. Geh weg! Er versuchte, sich hochzurappeln. »Hier ist für Männer.«
   »Da bist du.« Emma drückte mit dem Zeigefinger seine Tür weiter auf.
   »Was soll das? Wenn ich nun auf der Toilette gesessen hätte …«
   »Ich habe mir Sorgen gemacht.«
   »Das ist das Männerklo«, gab er erneut den Hinweis.
   »Weiß ich, steht ja groß dran. Deine Mom hat es auch gesagt und holt deshalb gerade deinen Dad.«
   Emma hatte offenbar weniger Skrupel.
   »Ich war mir nicht sicher, ob das zu lange dauert und du Hilfe brauchst.«
   »Alles gut.«
   Sie lachte auf. »Das sehe ich.«
   »Lass mich allein! Bitte.«
   »Sei nicht albern, es geht dir nicht gut. Komm, ich helfe dir hoch.«
   »Matt?«
   Das war Tylers tiefe Stimme. Als er Emma entdeckte, blieb er abrupt stehen. »Störe ich?«
   »Blödsinn. Du kommst wie gerufen. Wir müssen ihn auf die Füße stellen.«
   Emma duzte offenbar jeden. Sie hatte Tyler erkannt und versuchte, es zu überspielen. Sein Bruder seinerseits tat so, als hätte er davon nichts mitgekriegt. Langsam begriff Matt, warum Tyler in puncto Privatsphäre empfindlich reagierte. Es musste lästig sein, immer und überall erkannt zu werden. Ganz zu schweigen davon, dass Millionen von Frauen ihn anhimmelten. Und jetzt hockte er hier auf engstem Raum mit einer Fremden und konnte nichts dagegen tun.
   »Sie wissen es vielleicht nicht, aber hier ist das Männerklo«, wandte sich Tyler an Emma.
   Sie verdrehte die Augen.
   »Ist zwecklos«, entfuhr es Matt.
   »Aha. Wie sieht es bei dir aus? Soll ich Liz Bescheid geben?«
   »Nein, mir geht es besser.« Matt rappelte sich auf. Als er noch einmal kurz schwankte, hielt Tyler ihn fest.
   Emma lief vorneweg. Auf dem Flur stolzierte sie an seiner Mutter vorbei, die sie verblüfft anstarrte und Dad einen Blick zuwarf. Hoffentlich interpretierte Mom da nichts hinein. Matt war jetzt nicht in der Stimmung, ihre lästigen Fragen zu beantworten. Offensichtlich hatte sie Mitleid mit ihm und schwieg.
   Sie verließen die Notaufnahme, gingen zum Parkplatz und stiegen in die jeweiligen Fahrzeuge. Mom lenkte das Wohnmobil sicher zur Maple-Lodge. Sie kamen zeitgleich mit dem roten Pick-up dort an. Warum war Tyler ihnen gefolgt?
   Er wandte sich an Matts Eltern. »Ihr seht mitgenommen aus. Wie wäre es, wenn ihr spazieren geht oder es euch drinnen gemütlich macht, und ich kümmere mich um Matt?«
   Mom lächelte dankbar. »Das ist sehr nett von dir. Chad, was meinst du? Können wir sein freundliches Angebot annehmen?«
   Dad warf Tyler einen langen Blick zu, dieser wich ihm nicht aus. Schließlich nickte Dad. »Danke, mein Junge.«
   Matt war erledigt, er drehte sich um und machte sich auf den Weg zu seinem Cottage. Dad und Tyler gingen sehr vorsichtig miteinander um. So, als ob keiner den anderen verletzen wollte. Ob sie die Distanz zwischen sich jemals überwanden? Es schien, als drucksten sie irgendwie um ein bestimmtes Thema herum. Was war nur vorgefallen?
   In den Augenwinkeln bemerkte er, dass Tyler mit einem Mal hinter ihm war. »Ich brauche keinen Babysitter.«
   »Weißt du was, kleiner Bruder, du nimmst dich zu wichtig.«
   »Das sagt der Richtige.« Matt versuchte mit der linken Hand, den Schlüssel in das Schloss zu schieben, was nicht sonderlich gut klappte.
   »Soll ich?«, fragte Tyler.
   Entnervt gab er auf und trat zur Seite.
   »Die Sache ist die: Ihr seid meinetwegen in St. Elwine, oder sehe ich das falsch?« Tyler öffnete die Tür und sah sich verblüfft um. »Hey, hier drinnen sieht es ja echt gemütlich aus. Denkt man gar nicht, wenn ich mir diese Anlage so ansehe.«
   Sein Bruder war genauso überrascht, wie Matt es am Tag seiner Ankunft gewesen war. »Bisher bin ich der Meinung, wir sind wegen Dad hier. Vermutlich stimmt beides.«
   »Ich will mich nur überzeugen, dass mit dir alles okay ist«, sagte Tyler.
   »Warum? Letztens wolltest du mich noch aus dem Haus jagen.«
   »Du übertreibst gern, oder?«
   Matt antwortete nicht und zog sich den Anorak von den Schultern.
   »Außerdem habe ich mich bereits dafür entschuldigt. Jetzt bin ich hier, damit ich mir später keine Vorwürfe machen muss«, erklärte Tyler. »Soll ich dir einen Tee kochen? Hast du Hunger?«
   Matt war vor dem Frühstück in den Baum geklettert, trotzdem bekam er noch keinen Bissen hinunter. Aber er hatte großen Durst. »Ich nehme gern einen Tee.«
   Tyler zog Stiefel und Parka aus und ging auf Socken zur Küchenzeile. Er ließ Wasser in den altmodischen Pfeifkessel laufen und entzündete die Gasflamme. Matt fläzte sich aufs Sofa und atmete auf. Wie konnte man nur so erschöpft sein? Er beobachtete Tyler, der sich in der Küche mühelos zurechtfand. Schließlich ging er zum Kamin und legte ein paar Holzscheite auf. »Wenn du Schmerzen hast, frierst du mehr.«
   Kannte sich Tyler mit Schmerzen aus?
   »Du hattest Glück, dass ich heute früh da war und dich von der Leiter pflücken konnte. Ich kam gerade noch rechtzeitig dazu, als die Frau mit den langen Beinen raufklettern wollte.«
   »Ach, das hast du bemerkt?«
   »Diese Beine fallen jedem Mann auf«, konterte Tyler.
   »Du kannst deine Hände sicher um jeden Frauenknöchel legen.«
   Tyler stieß einen verächtlichen Laut aus. »Warum glauben das eigentlich alle?« Als der Kessel pfiff, goss er Wasser in die Tassen. »Zucker?«
   Matt nickte. »Zwei Stück.«
   »Ist sie deine Freundin?«, wollte Tyler wissen.
   »Nein, sie arbeitet hier.«
   Sein Bruder seufzte. Glaubte er ernsthaft, dass Emma zu einem Problem werden konnte? »Ich war mit Tyler O’Brian auf dem Männerklo«, imitierte Matt boshaft die hohe Stimme einer Frau.
   »Scheiße, ja, genau das könnte dabei herauskommen.«
   »Augen auf bei der Berufswahl.«
   »Herzlichen Dank.«
   »Ich werde mit Emma reden.«
   »Fragt sich nur …«
   »Jetzt halt die Luft an. Ich bin nicht blöd. So ist sie nicht«, sagte Matt bestimmt.
   »Und das weißt du, weil? Schläfst du mit ihr?«
   »Nein.«
   »Guck nicht so entsetzt. Was ist falsch an meiner Annahme?«
   »Alles.«
   »Hey, sie ist sehr sexy. Das muss dir doch aufgefallen sein.«
   Natürlich war es das, und der Gedanke, wie sich ihr Mund wohl unter seinem anfühlte, kam Matt gelegentlich. Trotzdem hatte er keine Lust, mit seinem Bruder darüber zu philosophieren. Sie kannten sich erst seit Kurzem.
   Tyler reichte ihm eine Tasse, und Matt sah ihn an. »Was wolltest du eigentlich heute Morgen schon so früh hier? Pennen Rockstars nicht bis in die Puppen?«
   »Noch so ein Märchen. Ich habe Kinder und eine Frau.«
   »Ach ja, richtig, die treu sorgende Ehefrau, wie konnte ich das nur vergessen?«
   »Erstens: Es gibt keine Ehe, und der Begriff treu sorgend hinkt auch ein wenig. Charly kann nicht mal kochen.«
   Wow, so viele Informationen in den paar Worten. Gerade lernte er seinen Bruder tatsächlich näher kennen. Matt nahm einen Schluck Tee. »Aber du liebst sie?«
   Tyler blickte ihn lange an. Schließlich nickte er. »Mehr als alles andere auf der Welt.«
   »Und was ist mit Dad? Liebst du ihn auch?«, fragte Matt leise.
   Sein Bruder trank seinen Tee und hielt sich Matts Meinung nach ein bisschen zu lange damit auf. »Das versuche ich gerade herauszufinden. Deshalb war ich heute Morgen hier. Ich wollte mit Dad reden.«

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