Jessi hat genug von der Warterei. Seit einem Jahr muss sie ihren Sohn Leo allein großziehen, nachdem Bobby, sein Vater, quasi bei Nacht und Nebel verschwand. Als die mysteriöse Tina auftaucht und nach einem Freund von Bobby sucht, fasst Jessi den Entschluss, mit ihr nach Stade zu fahren und eine Erklärung vom Vater ihres Kindes zu fordern. Dort lernt sie Keule kennen, der sich zu ihrem Erstaunen als Bobbys Feind outet und schlimme Dinge über ihn erzählt. Auch Tina verhält sich merkwürdig und scheint plötzlich panische Angst vor Bobby zu haben. Jessi fragt sich, ob sie ihren Freund überhaupt jemals richtig gekannt hat und es noch eine Zukunft mit ihm geben kann. Oder soll sie lieber ihren erwachenden Gefühlen für Keule nachgeben? Doch würde das nicht unweigerlich in eine Katastrophe führen?

Alle Titel der Reihe!

E-Book: 4,99 €

ePub: 978-9963-53-848-5
Kindle: 978-9963-53-849-2
pdf: 978-9963-53-847-8

Zeichen: 422.648

Printausgabe: 11,99 €

ISBN: 978-9963-53-846-1

Seiten: 272

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Natascha Kribbeler

Natascha Kribbeler
Natascha Kribbeler wurde in Hamburg geboren. Ihr Herz gehörte schon früh der Sehnsucht nach der weiten Welt. Interessiert an Fotografie, Geschichte und fremden Kulturen, arbeitete sie in ihrem erlernten Beruf als Rechtsanwaltsgehilfin, bis die Familiengründung sie nach Bayern verschlug, wo sie heute noch mit Mann und Sohn lebt. Getrieben von Heim- und Fernweh begann sie mit dem Schreiben. Bisher wurden vier Teile ihrer Fantasy-Reihe über Jandor, den ersten Vampir, bei Forever by Ullstein veröffentlicht, ebenso eine zweiteilige Rockstar-Romance-Reihe. Mit „Rockerbraut“ startete ihre Rocker-Reihe bei bookshouse, die sich mit „Rockerschutz“ und nun mit „Rockerliebe“ fortsetzte. 

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Nasse Schneeflocken klatschten auf die Windschutzscheibe ihres Wagens, während Jessi gedankenverloren hinaussah. Sie schmolzen rasch, zerflossen und rannen das Glas hinab, ehe der Scheibenwischer sie beiseiteschob und das Spiel von Neuem begann. Nur schemenhaft konnte Jessi das graue Gebäude der Justizvollzugsanstalt erkennen, aus dem sie vor wenigen Minuten gekommen war, nachdem sie Tobias, ihren Bruder, dort besucht hatte.
   Sie konnte es immer noch nicht glauben, dass er seit einem Jahr in Haft saß. Insgesamt war er zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt worden. Was hatte ihn bloß dazu verleitet, so etwas zu tun? Es passte nicht zu ihm.
   Ihr kleiner Bruder. Tobias war fünf Jahre jünger als sie, und schon immer hatte sie sich für ihn verantwortlich gefühlt. Bereits als kleines Mädchen schob sie seinen Kinderwagen durch die Gegend und war jedem gegenüber misstrauisch, der ihn auch nur ansehen wollte.
   Doch alle Vorsicht hatte nicht verhindern können, dass er knapp zwanzig Jahre später in die falschen Kreise geriet. Jedenfalls musste es so gewesen sein, denn von allein wäre Tobi doch niemals auf die Idee gekommen, das Juweliergeschäft zu überfallen, maskiert und mit einer Pistole bewaffnet. Woher hatte er die Waffe überhaupt gehabt? Vor Gericht hatte er die Tat gestanden, und dennoch wurde Jessi das Gefühl nicht los, dass sein Geständnis nur die halbe Miete war. Laut seiner Aussage betrat Tobi das Geschäft, bedrohte den Inhaber mit vorgehaltener Waffe und verlangte die Herausgabe des Kasseninhalts sowie einiger teurer Uhren. Der Besitzer des Ladens sagte aus, dass ihr Bruder extrem nervös gewesen sei. Während er sich bückte, um angeblich eine Uhr aus der Auslage zu nehmen, drückte er heimlich den Alarmknopf. Doch Tobi bekam es mit – und schoss. Der Geschäftsinhaber bestand auf seiner Meinung, dass Tobi absichtlich geschossen hatte, um ihn vom Notruf abzuhalten. Tobi hingegen sagte aus, dass sich der Schuss versehentlich gelöst hatte, weil er so angespannt gewesen war. Glücklicherweise traf die Kugel nur den Arm des Mannes. Sofort nach dem Schuss flüchtete Tobi aus dem Geschäft, ohne seine Beute mitzunehmen.
   Doch Passanten hatten den Überfall von der Straße aus gesehen und die Polizei benachrichtigt, und ihr Bruder wurde festgenommen, als er kaum fünfzig Schritte weit gekommen war. Er kam in Untersuchungshaft. Zwar hatten mehrere Zeugen ausgesagt, dass sich zum Zeitpunkt des Überfalls noch zwei weitere verdächtige Personen in der Nähe des Tatorts aufgehalten hätten, doch da diese aufgrund der schlechten Beschreibung – sie trugen schwarze Kapuzenjacken und Sonnenbrillen, die ihre Gesichter verdeckten – nicht mehr auffindbar waren, wurde Tobias als Einzeltäter wegen schweren Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Zudem beharrte ihr Bruder darauf, dass außer ihm niemand anders an der Tat beteiligt gewesen und es ganz allein seine Idee gewesen war. Woher er jedoch die Waffe hatte, dazu schwieg er.
   Jessi fühlte sich mitschuldig an dem, was geschehen war, ohne sagen zu können, warum.
   Und im Grunde hatte sie auch genug eigene Probleme, die sie beschäftigten. Denn seit einem Jahr musste sie Leo, ihren knapp zweijährigen Sohn, allein großziehen. Kurz nach der Sache mit Tobias hatte ihr Freund Bobby ihr eröffnet, dass er für eine Weile aus beruflichen Gründen fortgehen würde.
   Sie hatte Bobby auf einem Motorradtreffen kennengelernt, zu dem sie mit ein paar Kumpels gefahren war. Er hatte ihr mit seinem coolen Auftreten sofort imponiert, schien vor nichts und niemandem Angst zu haben. Als er sein zuvor halblanges Haar bis auf einen Irokesen, den er im Nacken zusammenband, abschnitt, sich die Seiten seines Schädels kahlrasieren und tätowieren ließ, fand sie ihn sogar noch anziehender als zuvor. Sie wusste nicht, warum das so war, aber sie stand schon immer auf Bad Boys.
   Dann jedoch begann er sich zu verändern, hatte immer weniger Zeit für sie, und wenn sie sich einmal sahen, war er kurz angebunden und ungeduldig. Es war ihr ein Rätsel, wie sie zu der Zeit überhaupt von ihm hatte schwanger werden können, so selten, wie sie sich gesehen hatten.
   Eines Tages musste Bobby eine gute Minute gehabt haben, denn er erzählte ihr, dass er dabei war, seinen Motorradklub zu vergrößern. Er wolle expandieren, und er wäre der Boss von allem. »Ich will ein neues Geschäft aufziehen, Baby«, schwärmte er begeistert. »Das wird ganz groß. Es wird nicht lange dauern, und wir starten finanziell voll durch.«
   Sie war beeindruckt und traute es ihm durchaus zu, so eine Aufgabe gut leiten zu können. Andererseits fragte sie sich, wie er das neben seiner Aufgabe mit dem Fuhrunternehmen zeitlich noch schaffen wollte.
   »Ich will beides miteinander verbinden, Baby«, erklärte er und lachte. »Stell dir vor, wie genial es wäre, Beruf und Vergnügen vereinen zu können.«
   »Hört sich super an«, sagte sie, während sie im Stillen zweifelte, ob es richtig war, wenn Bobby woanders etwas aufbaute. Hier, an ihrem Wohnort in der Nähe von Stuttgart, war Bobby, wie er ihr erzählt hatte, gemeinsam mit ein paar Kumpels seines Motorradklubs an einem Fuhrunternehmen beteiligt, das ständig Waren aller Art durch ganz Europa transportierte. Deshalb war er ständig weg gewesen und hatte sie alleingelassen. Auf Nachfragen, worum es sich denn genau handelte, hatte Bobby stets ausweichend geantwortet, und irgendwann hatte Jessi nicht mehr nachgefragt. Auf jeden Fall mussten seine Einkünfte stimmen, denn er hatte ihr eine schöne kleine Wohnung eingerichtet.
   Immer öfter war Bobby unterwegs, oftmals war er tagelang fort, ohne dass Jessi wusste, wo er genau steckte oder was er dort machte. Doch das ging den Frauen von anderen Geschäftsmännern sicher auch nicht anders, und sie dachte sich nichts dabei. Und zu Leos Geburt war er da und stand ihr zur Seite, als sie sich durch die stundenlangen Wehen kämpfte. Er war es, der die Nabelschnur durchtrennte und seinen Sohn zum ersten Mal badete. Nie würde Jessi den Anblick des winzigen Säuglings vergessen, zärtlich gehalten von Bobbys muskulösen, tätowierten Armen. Misstrauen stand in den Augen der Hebamme, während sie danebenstand und Bobby beäugte, doch in seinen Augen erkannte Jessi nichts als Zärtlichkeit und Liebe.
   Seit einem Jahr war alles anders. So lange saß Tobias bereits hinter Gittern, und beinahe ebenso lange war Bobby fort. Wie hieß noch diese Kleinstadt im Norden Niedersachsens, in der er seinen großen Traum verwirklichen wollte? Stade. Jessi hatte vorher nie etwas davon gehört und fragte sich, wie Bobby ausgerechnet darauf gekommen war. Seit einem Jahr kümmerte sie sich jedenfalls nun schon allein um seinen Sohn, und langsam hatte sie keine Geduld mehr, noch länger zu warten. Wie lange zum Teufel dauerte es denn, so ein verfluchtes Geschäft aufzuziehen?
   Am Anfang hatte Bobby sie noch ein- bis zweimal pro Woche angerufen. »Es läuft super, Baby«, verkündete er jedes Mal.
   »Heißt das, dass du endlich wieder zurückkommst? Leo weiß doch gar nicht mehr, wie du aussiehst.«
   Stets vertröstete Bobby sie. »Eine kleine Weile müsst ihr euch noch gedulden, es gibt noch ein paar Probleme zu klären. Oh, mach dir keine Sorgen, nichts Schlimmes. Braucht ihr mehr Geld? Ich schicke dir was, Baby, okay? Ich muss jetzt auch wieder los, es gibt noch einiges zu erledigen.«
   Mehrmals hatte sie ihn gefragt, ob sie ihn nicht mal besuchen kommen könne.
   »Nein«, hatte er ungewohnt streng abgewiegelt. »Es soll alles perfekt sein, wenn ihr herkommt«, setzte er sanfter hinzu. »Es dauert nicht mehr lange.« Er hatte ihr Geld überwiesen, und sie hatte weiter gewartet.
   Irgendwann wurden seine Anrufe immer seltener. Aus zweimal pro Woche wurde nach und nach einmal im Monat. Alles blieb an Jessi allein hängen: Kinderarztbesuche mit Leo, ihn trösten, wenn er krank war, Behördengänge, der gesamte Haushalt, die Sorgen wegen Tobias … und irgendwann die Frage, woher sie das Geld für ihr tägliches Leben nehmen sollte. Denn mit den Anrufen versiegte auch ihre Einnahmequelle. Zuletzt sah Jessi mehrere Monate lang keinen einzigen Cent mehr von Bobby.
   In ihrer Not blieb ihr nichts anderes übrig, als einen Putzjob anzunehmen, bei dem sie arbeiten konnte, wenn Leo schlief. Seitdem reinigte sie jede Nacht einige Stunden lang die Räume eines großen Bürokomplexes. Jedes Mal schwitzte sie Blut und Wasser, dass Leo nicht wach wurde, während sie fort war. Aber was blieb ihr anderes übrig? Sie hatte niemanden, der während der Nacht auf ihn aufpassen konnte. Mitunter konnte sie ihn zu Nicky bringen, ihrer Freundin. Aber die hatte es privat auch nicht gerade leicht, und wenn ihr Freund wieder mal getrunken hatte, konnte sie Leo unmöglich dort lassen.
   Hatte Bobby sie vergessen? Machte er sich nichts mehr aus ihr und seinem Sohn? Hatte er sich inzwischen im Norden ein neues Leben aufgebaut, mit einer neuen Frau? Je länger Bobby nichts von sich hören ließ, desto mehr zweifelte Jessi an seiner Liebe. Immer öfter dachte sie voller Ärger an ihn. Ja, inzwischen überlegte sie sogar, ob es noch Sinn hatte, an der Beziehung zu ihm festzuhalten. Wie es schien, hatte er ja kein sonderliches Interesse mehr an ihr und Leo. Immer häufiger grübelte sie darüber nach, sich von ihm zu trennen und noch einmal völlig neu anzufangen. Leo war noch so klein, und gewiss erinnerte er sich kaum noch an seinen Vater. Noch hätte sie die Chance, dass er sich problemlos an einen neuen Mann, einen neuen Papa, gewöhnen könnte.
   Ein Geräusch riss Jessi aus ihren Gedanken. Sie wandte den Kopf und sah zum Kindersitz nach hinten. Leo sah sie aus seinen großen blauen Augen ernst an, als hätte er ihre Gedanken gelesen, während er auf seinem Schnuller nuckelte. An der beschlagenen Fensterscheibe war noch der Abdruck seines Händchens zu sehen, mit der er dagegengepatscht hatte.
   »Onkel Tobi kann noch nicht mit uns nach Hause kommen«, sagte sie leise. »Aber wir zwei schaffen es auch allein, was?« Seit einem Jahr blieb ihr ja keine andere Wahl. Es war schon ein komischer Zufall, dass die beiden wichtigsten Männer in ihrem Leben innerhalb weniger Wochen aus ihrem Leben verschwunden waren und sie alleingelassen hatten. Sanft streichelte Jessi die samtige Wange ihres Sohnes.
   Leo lächelte, und sein Schnuller fiel herunter.
   Sofort fühlte sie sich getröstet. Er sah aus wie Tobi, als er in dem Alter war. Es war zu schade, dass weder sein Onkel noch sein Vater etwas von ihm hatten, er war so ein liebes, fröhliches Kind.
   Jessi seufzte schwer. Zeit, nach Hause zu fahren.
   Sie erschrak, als plötzlich jemand gegen ihre Autoscheibe klopfte. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie die Frau nicht hatte kommen sehen. Nun kurbelte Jessi misstrauisch die Scheibe einen Spalt herunter. Sofort drangen vorwitzig die ersten Regentropfen ins Innere des Wagens vor.
   »Ja?«, fragte sie unwillig.
   Die Frau hatte durchnässtes Haar und dunkle Ringe um die Augen. Sie kam Jessi bekannt vor, als hätte sie sie schon einmal irgendwo gesehen.
   »Bist du Jessica?«
   »Warum willst du das wissen?«
   »Ich heiße Tina. Vorhin habe ich dich gesehen, als du aus dem Knast gekommen bist.«
   »Das beantwortet nicht meine Frage. Ich weiß immer noch nicht, was dich das angeht.«
   »Du hast deinen Bruder besucht, stimmt’s? Ich war damals da, bei der Verhandlung. Ich wurde als Zeugin vernommen.«
   Neugierig geworden sah Jessi die Frau genauer an. Konnte das sein? Ja, jetzt, wo sie darüber nachdachte … Damals saß eine Frau auf der Bank im Flur, mit gesenktem Kopf, sodass sie ihr Gesicht nicht hatte erkennen können. Sie hatte sich gefragt, was sie mit Tobias’ Fall zu tun haben könnte, wurde dann aber aufgerufen. Im Durcheinander der anschließenden Geschehnisse hatte sie die Frau bald wieder vergessen.
   Jessi machte eine einladende Kopfbewegung. »Setz dich rein. Du bist ja schon ganz nass.«
   »Danke«. Schnell lief Tina um das Auto herum, öffnete die Beifahrertür und ließ sich auf den Sitz fallen.
   Ihre mageren Beine steckten in einer verwaschenen Jeans, die bis zu den Knien nass war, und auch ihre Jacke war vollkommen durchnässt. Sofort beschlugen die Autoscheiben noch mehr.
   Jessi stellte die Lüftung an und sah Tina mit einer Mischung aus Neugier und Misstrauen an.
   »Also, woher kennt du meinen Bruder?«, fragte sie.
   Zu ihrem Erstaunen schüttelte Tina den Kopf. »Ich kenne ihn nicht.«
   »Und was willst du dann von mir?«
   »Du bist Bobbys Freundin, stimmt’s?«
   Beim Klang seines Namens aus dem Mund der Fremden zuckte Jessi zusammen, und sie zog ihre Augenbrauen zusammen. »Dazu sage ich nichts, ich kenne dich nicht.«
   »Aber du kennst ihn.«
   »Tina, was soll das? Komm zum Punkt, oder steig wieder aus. Ich muss nach Hause, mein Sohn braucht etwas zu essen.«
   Tina wandte den Kopf und sah Leo an. Erstaunt weiteten sich ihre Augen. »Ach, wie süß. Ist er Bobbys Sohn?«
   Jessi verlor die Geduld. »Also, entweder sagst du mir jetzt, was du von mir willst, oder du steigst aus.«
   »Hab ich doch schon gesagt. Ich war im Fall deines Bruders als Zeugin geladen.«
   »Obwohl du ihn nicht kennst.«
   »Aber ich kenne Bobby.«
   Warum hatten die Worte die Wirkung einer Bombe? Lag es an Tinas Tonfall? Oder am irgendwie kalten Blick ihrer Augen? Jessis Herzschlag verdoppelte sich, und ihre Hände wurden vor Aufregung feucht.
   »Ach ja?«, fragte sie und zwang sich zur Ruhe. Warum sollte Tina Bobby nicht kennen? Ihr war klar, dass er vor ihrer Zeit auch schon ein Leben gehabt hatte. Außerdem gingen im MC ständig Mädchen ein und aus. Sie könnte auch eine Geschäftspartnerin sein.
   Tina nickte eifrig.
   »Und was hast du ausgesagt?«, wechselte Jessi unvermittelt zum ursprünglichen Thema zurück.
   Tina starrte sie stumm an. Sie verwandelte sich binnen eines Wimpernschlags, in ihren Augen stand plötzlich riesengroßer Schrecken.
   »He, was ist mit dir? Das war doch eine ganz einfache Frage.«
   »Ich …, ich hab dich angelogen. Ich war nicht als Zeugin geladen. Ich hab das nur gesagt, damit du mich anhörst. Aber ich war da, auf dem Flur, und hab dich gesehen.«
   Die letzten Worte schrie sie fast, denn Jessi langte über sie hinweg und öffnete die Beifahrertür. »Steig sofort aus«, zischte sie. »Ich hab keine Ahnung, was für ein Spiel du spielst, und ich will es auch nicht wissen. Steig aus, oder ich rufe die Polizei.« Mit einer Kopfbewegung wies sie zur Justizvollzugsanstalt hinüber. »Da stehen zwei Polizeiwagen, siehst du?«
   Doch Tina hob bittend beide Hände. »Jessi, bitte, hör mich an. Es tut mir leid, ja? Aber ich kenne Bobby wirklich.«
   Eisig starrte Jessi Tina an. Sie glaubte ihr kein Wort mehr. »Und wenn schon. Da bist du nicht die Einzige. Du hast fünf Sekunden. Dann verschwindest du.«
   Sie konnte buchstäblich sehen, wie die Gedanken in Tinas Kopf ratterten.
   »Also gut«, begann Tina. »Es geht mir gar nicht um Bobby, sondern eher um seinen Freund Kurt.«
   »Was ist mit ihm?« Jessi sah Kurt vor sich, seine Stoppelfrisur, den Goldohrring im linken Ohrläppchen, seine muskelbepackten Arme mit den vielen Tattoos. Er war ihr stets unheimlich gewesen, wenn sie ihn gesehen hatte. Das war nicht oft gewesen, vielleicht drei- oder viermal. Einmal hatte Bobby ihn mit nach Hause gebracht, da war Leo gerade wenige Monate alt, und einige Male traf sie ihn kurz im Klubhaus des Motorradklubs, den Bobby mit ihm und ein paar weiteren Freunden aufgezogen hatte. Er war immer freundlich zu ihr gewesen, doch da war etwas in seinen Augen, was Jessi nicht gefallen hatte. Vielleicht war es aber auch nur die Übervorsicht einer frischgebackenen Mutter gewesen.
   Tina war weiß wie der Belag aus Schneematsch, der sich draußen auf dem Parkplatz zu bilden begann. »Ich …, äh …, er schuldet mir Geld. Ich hatte ihm damals etwas geliehen, und er hat es mir noch nicht zurückgezahlt.« Die Worte kamen immer schneller. »Nun brauche ich das Geld aber, und ich dachte, weil du ihn doch auch kennst … Du bist Bobbys Freundin, sicher seht ihr euch oft, und ich würde gern beim nächsten Mal, wenn du ihn besuchst oder er dich, mitkommen, um mein Geld von Kurt zurückzufordern.«
   Jessi war klar, dass Tina log. »Warum rufst du ihn nicht einfach an?«
   »Er würde dort sofort auflegen.«
   »Tina, warum sagst du mir nicht einfach die Wahrheit?«
   Tina starrte sie an. »Wie meinst du das?«
   »Was du hier erzählst, ist doch Unsinn, gib’s zu.«
   »Also gut.« Tina ließ den Kopf sinken und begann, ihre Hände im Schoß zu verknoten. »Kurt und ich, wir waren … zusammen. Und dann hat er sich einfach aus dem Staub gemacht. Ich will Antworten, verstehst du? Ich …, ich habe seine Telefonnummer nicht. Er wechselt sie häufig, und beim letzten Mal muss er vergessen haben, mir seine neue Nummer mitzuteilen. Ich will ihm in die Augen sehen, während er mir erklärt, warum er einfach abgehauen ist.«
   »Abgehauen? Er hat dir seine neue Adresse nicht mitgeteilt?«
   Tina schüttelte den Kopf. »Das ist es ja. Deshalb brauche ich ja dich. Ich will diese Sache endlich klären, verstehst du?«
   Jessi betrachtete Tinas Profil. Sie hatte sie schon einmal gesehen, wahrscheinlich tatsächlich auf dem Gerichtsflur. Aber sie konnte sich nicht erinnern, sie jemals im Klubhaus gesehen zu haben. Überhaupt hatte sie nie eine Frau in Kurts Gesellschaft gesehen. »Warum hast du so lange gewartet? Du hättest mich doch längst ansprechen können.«
   »Ich hab mich nicht getraut. Ich meine, wie sieht das denn aus? Kurt und Bobby sind Freunde, und du bist mit Bobby zusammen, ihr habt sogar ein Kind miteinander. Und dann stehe plötzlich ich da, die verlassene Ex. Ich hatte Angst, dass du mich gleich wieder wegschicken würdest.«
   »Und warum denkst du das jetzt nicht mehr?«
   »Weil … Werde nicht gleich sauer, okay? Vorhin hab ich dich beobachtet. Wie du aus dem Knast gekommen und in dein Auto gestiegen bist. Du hast so traurig ausgesehen, richtig verzweifelt.«
   Ein Schauder überlief eisig Jessis Rücken. Diese Tina hatte sie beobachtet? Womöglich nicht zum ersten Mal. Wie lange mochte sie sich bereits gedanklich mit ihr befasst haben?
   »Nun bist du sauer«, stellte Tina fest. Sie griff nach der Tür. »Tut mir leid, dass ich dich angesprochen habe. Ich verschwinde wieder.« Ihre Finger zogen den Griff.
   »Warte.« Jessi wusste selbst nicht, warum sie das sagte. War es nicht so, dass auch sie längst genug vom Warten hatte? Wieder und wieder hatte Bobby sie vertröstet, während sein Sohn immer größer wurde und ohne seinen Vater aufwachsen musste. Worauf wartete er noch? Was war so schlimm daran, wenn sie und Leo ihn besuchten, in seiner Nähe waren, bei ihm lebten, während er sein Geschäft aufbaute? Er hatte ja gewiss keine Geheimnisse vor ihr. Wer konnte schon sagen, ob es ihnen dort nicht so gut gefallen würde, dass sie eine Weile dableiben würden. Noch besuchte Leo weder den Kindergarten noch die Schule, sie waren noch unabhängig und frei.
   Tina sah sie an, den Türgriff immer noch in der Hand, neuerwachte Hoffnung im Blick.
   »Du hast recht«, sagte Jessi. »Ich bin tatsächlich traurig. Vor allem wegen des Kleinen.« Sie lächelte. »Ich habe gerade eine Entscheidung getroffen. Wir machen einen Ausflug nach Norddeutschland und besuchen seinen Vater. In der Zwischenzeit kannst du deine Probleme mit Kurt klären. Mir ist es egal, ob es um Geld oder eure Beziehung geht.« Mit jedem Wort fühlte sie sich besser. Was war schon dabei? Sie hatte die Schnauze voll vom Warten. Sie wollte Bobby wiedersehen, Zeit mit ihm verbringen, um zu sehen, ob es noch Sinn hatte, ihre Beziehung wiederzubeleben, ehe die Trennung zu lang dauerte und es womöglich zu spät dafür war.
   Jessi horchte in sich hinein. Verspürte sie Sehnsucht nach Bobby? Erschrocken stellte sie fest, dass es nicht so war. Sie fühlte Aufregung beim Gedanken an ihn, vermutete jedoch, dass diese eher von der Vorstellung rührte, wie Bobby reagieren würde, wenn sie unvermittelt mit Leo vor ihm stünde. Aber Sehnsucht? Nein. Und das war ein Grund mehr, weshalb sie auf Tina hören und Bobby besuchen würde. Wenn sie noch länger voneinander getrennt wären, wäre ihre Beziehung womöglich am Ende, ehe sie neu beginnen konnten. Außerdem war es Fakt, dass sie Geld brauchte. Sie sah es nicht länger ein, nachts schuften gehen und ihren Sohn alleinlassen zu müssen, während Bobby womöglich inzwischen in Saus und Braus lebte.
   Jessi zuckte zusammen, als Tina sie plötzlich umarmte. Sie drückte ihre Arme so fest um ihren Hals, dass ihr beinahe die Luft wegblieb.
   »Danke«, rief Tina wieder und wieder.
   Mit einem unbehaglichen Gefühl löste sich Jessi von ihr. »Keine Ursache.«
   Und plötzlich fragte sie sich, ob sie nicht doch einen Fehler beging.

Kapitel 2

Nachdenklich verließ Nils das Fischrestaurant und zündete sich eine Zigarette an. Seit Tagen rannte er sich die Hacken ab, um einen Job zu finden. Irgendetwas, Hauptsache, es floss wieder Geld in seine leere Kasse.
   »Tut mir leid, aber momentan haben wir keinen Bedarf. Versuchen Sie es im Frühjahr doch noch einmal, wenn die Saison wieder beginnt.«
   So hörte er es überall, in Restaurants, Geschäften, Hotels. Es war kurz vor Weihnachten, bis zum Frühling gingen noch einige Monate ins Land. So lange konnte er nicht warten. Dabei hatte er gedacht, dass er als gelernter Hotelfachmann schnell eine Anstellung auf Sylt finden würde. In seiner Heimat. Aber er hätte es ja besser wissen müssen. Genau aus diesem Grund hatte er die Insel schließlich vor ein paar Jahren verlassen und war nach Stade im nördlichen Niedersachsen gezogen.
   Dabei war er nicht wählerisch. Er hätte auch als Verkäufer gearbeitet, würde Fische filetieren, und sogar als Gebäudereiniger hatte er es versucht. Doch zu dieser Jahreszeit, kurz vor Weihnachten, war es zwecklos.
   Während er loslief, zog er den Kopf zwischen die Schultern, um den kalten Nieselregen abzuhalten, den ihm der Wind ins Gesicht wehte. Verdammt, was sollte er denn jetzt tun? Dies war sein Zuhause, und als er vor einer Woche mit Ralf und Joe hergekommen war, um Angie einzufangen, hatte ihn dieses Heimatgefühl so heftig überfallen, dass er sich von seinen Freunden losgesagt hatte und hiergeblieben war. Nun ja, das war natürlich nicht der einzige Grund gewesen. Er konnte deren Verhalten einfach nicht gutheißen und wollte damit nichts mehr zu tun haben.
   Und nun saß er hier und musste feststellen, dass er den Anschluss verpasst hatte. Seine Mutter war vor einigen Jahren gestorben, und zu seinem Vater hatte er kaum Kontakt. Andere Verwandte hatte er hier nicht mehr, und die meisten seiner alten Freunde waren weggezogen. Ein paar ehemalige Motorradkumpel lebten noch hier, aber bei denen wollte er sich zurzeit nicht melden. Sie könnten seine Gründe, wieder auf Sylt leben zu wollen, missverstehen und ihn, wie Bobby, für einen Verräter halten. Natürlich könnte er ihnen auch alles verschweigen, aber das käme ihm unehrlich vor. Zurück nach Stade konnte er derzeit allerdings auch nicht, denn das wäre einem Selbstmord gleichgekommen. Dort lauerten so viele Feinde auf ihn, dass er einem davon unter Garantie in die Arme laufen würde.
   Bobby, sein ehemaliger Präsident, hatte ihm das unmissverständlich klargemacht, nachdem er nicht zu ihm zurückgekehrt war. Nachdem er den von ihm erteilten Auftrag nicht ordnungsgemäß ausgeführt, sondern sich aus dem Staub gemacht hatte. Am Tag nach Ralfs und Joes Festnahme hatte er ihn angerufen.
   »Was ist da los bei euch, Nils?«, hatte Bobby betont freundlich gefragt.
   Nils wusste, dass das ein Alarmzeichen war. Je freundlicher Bobby war, desto gefährlicher wurde es.
   »Was meinst du?«, fragte Nils. Erst einmal erfahren, wie viel Bobby inzwischen wusste. War ja möglich, dass seine beiden ehemaligen Komplizen noch keine Gelegenheit gehabt hatten, ihn anzurufen.
   »Mir sind da Dinge zu Ohren gekommen, die mir nicht gefallen. Ich nehme an, du kannst dir denken, was ich meine.«
   »Es gab Schwierigkeiten.«
   »Ach ja? So würdest du es also nennen?« Bobbys Stimme klang säuselnd.
   Nils wusste, was das bedeutete. Die Explosion stand unmittelbar bevor. Und so sagte er nichts, sondern wartete ab.
   »Was hast du dir dabei gedacht?«, brüllte Bobby unvermittelt los. »Du hast deine Brüder im Stich gelassen. Joe hat mich angerufen. Ralf, der Schlappschwanz, hat sein Telefonat für einen Anwalt verschwendet. Ich wusste schon immer, dass Joe der Schlaueste von euch ist. Er hat mir alles erzählt. Ich weiß, dass du den beiden in den Rücken gefallen bist, Nils. Ich weiß, dass du dich geweigert hast, meinen Auftrag auszuführen. Dabei war das Mädchen nur noch wenige Schritte vom Auto entfernt. Du hättest sie nur einpacken müssen. Damit wäre dein Auftrag erfüllt und ich zufrieden gewesen.« Bobby atmete tief durch. »Warum hast du das getan? Ich hatte dich für einen verlässlichen Bruder gehalten. Selten hat mich jemand so enttäuscht wie du, Nils.«
   »Es war falsch, darum. Angie ist eine wehrlose Frau, Bobby. Ich habe gesehen, was ihr ihrer Freundin angetan habt.« Wie hieß sie noch? Petty. »Das war nicht in Ordnung. So etwas kann und will ich nicht mehr unterstützen.«
   »Es war etwas hart, das stimmt schon. Aber es war notwendig. Ohne solche Maßnahmen kriegen wir die ansässigen MCs nicht klein, das weißt du doch. Das sind alles sture Böcke. Was mit dem Mädchen passiert ist, haben sie sich selbst zuzuschreiben.«
   »Nein, Bobby, falsch. Es ist deine Schuld. Du allein hast sie entführen und vergewaltigen lassen. Niemand ist dafür verantwortlich als du allein.«
   Nils wusste, dass er mit diesen Worten sein eigenes Todesurteil unterschrieb. Mit Verrätern, wie Bobby Leute wie ihn nannte, fackelte er nicht lange. Im Sommer hatte er einen Mann, der sich weit weniger als er hatte zuschulden kommen lassen, beseitigen lassen. Ein Motorradunfall. Bobbys Männer hatten die Kiste so geschickt manipuliert, dass es der Polizei nicht aufgefallen war. Für sie war es ein technischer Defekt an der Maschine, der Fahrer hatte die Kontrolle verloren und war verunglückt.
   »Weißt du, was du da sagst?«, flüsterte Bobby kaum hörbar.
   Ein Schauder lief Nils über den Rücken. Ja, das wusste er. Er konnte nur hoffen und beten, Bobby nie wieder in seinem Leben über den Weg zu laufen. Das würde sein Ende bedeuten.
   Bobby bestätigte es. »Du bist du gut wie tot«, knurrte er.
   Ohne ein weiteres Wort legte Nils auf. Es war alles gesagt.
   Seitdem hatte er versucht, wieder auf Sylt Fuß zu fassen. Er hatte etwas Geld mitgenommen, aber das würde nicht ewig für das Zimmer in der kleinen Pension reichen, das er seither bewohnte. Allerdings hatte er die Zeit auch genutzt, hatte lange Strandspaziergänge unternommen und das Gefühl genossen, wieder in der Heimat zu sein. Von Luft und Glück allein konnte man jedoch nicht lange leben. Ob er doch Kontakt zu seinem Vater oder einem seiner alten Kumpels aufnehmen sollte? Bisher hatte er davor zurückgeschreckt, um nichts erklären zu müssen.
   Plötzlich stellte er fest, dass er nicht mehr weit von dem Haus entfernt war, das er in Bobbys Auftrag finden sollte. Das Haus, in dem sich Angie versteckt hielt, die Zeugin eines der vielen Verbrechen Bobbys gewesen war und die er zusammen mit Ralf und Joe zu ihm zurückbringen sollte. Während der vergangenen Tage hatte er mehrmals darüber nachgedacht, Angie und ihre Freundinnen Nele und Bine, die sich ebenfalls dort versteckt hielten, zu besuchen. Er wusste, dass alle drei ihm sehr dankbar waren für das, was er für sie getan hatte. Bisher jedoch hatte er es nicht gemacht. Wie sah denn das aus? Er wusste, wie traumatisiert die Mädchen waren, besonders Angie, und er ahnte, dass sie erst einmal nichts anderes brauchten als Ruhe.
   Er ging weiter und sah kurz danach das Haus vor sich. Es war weiß getüncht und reetgedeckt. Einladend leuchtete die blau bemalte Eingangstür. Er stellte sich vor, wie die Freundinnen darin an einem Tisch saßen und Tee tranken. Wie würden sie reagieren, wenn es an der Tür klingelte? Nils wusste nicht, ob Bobby nicht inzwischen andere Männer nach Sylt geschickt hatte, um Angie doch noch in die Finger zu bekommen. Gewiss würden sie wahnsinnig erschrecken. Nein, das konnte er nicht tun. Sie hatten schon genug Schrecken durchgemacht. Auf der anderen Seite würde er gern mit ihnen reden. Seit einer Woche war er fast immer allein. Vielleicht hatten sie inzwischen Neuigkeiten aus Stade erfahren? Vielleicht war der ganze Spuk inzwischen vorbei, hatte Bobby den Bogen überspannt und war festgenommen worden?
   Ehe Nils darüber nachdenken konnte, was er tat, bewegte er sich auf das Haus zu. Er grinste, als er sich vorstellte, wie Bobby reagieren würde, wenn er ihn genau jetzt hier sehen könnte. Zu dumm, dass er mit Angie keine Handynummern ausgetauscht hatte. Er hätte sie gern vorgewarnt, dass er sie besuchen wollte.
   Vor der blauen Haustür blieb er stehen und lauschte. Rührte sich drinnen etwas? Hatten sie ihn bereits kommen sehen? In den Syltrosenhecken vor dem Haus rauschte der Wind, und immer noch wehte ihm Nieselregen ins Gesicht. Sicher sah er aus wie ein begossener Pudel und auf den ersten Blick nicht gerade vertrauenserweckend.
   Er hörte nichts. Vielleicht waren sie nicht da? Sie konnten am Strand sein. Obwohl das bei diesem Wetter eher unwahrscheinlich war. Vielleicht waren sie einkaufen oder irgendwo essen oder Kaffee trinken. Nein. Nils vermutete, dass die Sea Crows, der Motorradklub, zu dem sie gehörten, sie gewarnt hatten, möglichst nicht rauszugehen, um kein Risiko einzugehen, falls Bobby weitere Männer geschickt hatte.
   Ob er rufen sollte? Rasch sah er sich um, ob ihn jemand beobachtete, sah jedoch niemanden. Dies war ein Wetter, wo man buchstäblich keinen Hund vor die Tür jagte. Er beugte sich nah zur Tür. »Angie?«, rief er leise. »Bist du zu Hause? Ich bin’s, Nils.«
   Wieder lauschte er. Nichts, keine Reaktion. Er bückte sich und hob ein kleines Steinchen auf, das er gegen eines der Fenster warf. Wieder rührte sich nichts. Schliefen die etwa noch? Vielleicht hatten sie am Abend zuvor Party gemacht. Was sollte man sonst auch tun, wenn man tagelang in einem Haus eingesperrt war?
   Er führte die Hand zur Klingel, zögerte jedoch noch. Er ahnte, dass die Frauen fürchterlich erschrecken würden, wenn es klingelte. Sie erwarteten ja niemanden. Außer möglichen Feinden. Und denen würden sie gewiss nicht öffnen. Immer noch schwebte sein Zeigefinger über dem Knopf. Er würde so gern erfahren, ob es Neuigkeiten gab. Immerhin war er nur wegen Angie überhaupt in dieser Situation. Nein, das war natürlich ungerecht. Es war seine eigene Schuld. Dennoch würde er gern mit ihr über alles reden. Irgendwie waren sie doch durch die gemeinsam erlebten Vorfälle miteinander verbunden.
   Entschlossen drückte er die Klingel. Er fuhr zusammen, als es drinnen laut hörbar gongte. Vor seinem inneren Auge sah er die drei Frauen zusammenzucken, sah, wie sie sich zu Tode erschrocken anstarrten.
   Er hörte leise Schritte. »Ich bin’s, Nils«, wiederholte er seinen Ruf. Einer Eingebung gehorchend ging er zum Fenster neben der Tür und stellte sich deutlich sichtbar davor. Innen meinte er, Schemen zu sehen, die ihn anstarrten.
   Es dauerte, bis sich wieder etwas tat. Sicher würden sie durch alle verfügbaren Fenster schauen, um sicherzugehen, dass er allein war. Was, wenn sie ihm nicht glaubten und gerade die Polizei riefen? Aber warum sollten sie das tun? Er wusste, dass sie ihm vertrauten, zumindest Angie. Es wäre widersinnig, sie erst zu retten und nun doch noch zu verraten. Aber sie könnten denken, dass Bobby ihn inzwischen gefasst hatte und nun zwang, die Mädchen herauszulocken. Still blieb er stehen, die Arme leicht ausgebreitet, die leeren Handflächen aufs Haus weisend.
   Der Schlüssel klackte im Schloss, und die Tür öffnete sich zwei Zentimeter weit. Nils erkannte ein Auge, das ihn anstarrte, über ihn hinweg und an ihm vorbei sah.
   »Ich bin allein«, sagte er leise.
   Das Auge verschwand, die Tür schloss sich, und Nils hörte, wie drinnen eine Kette oder so etwas beiseitegeschoben wurde. Dann öffnete sich die Tür erneut, diesmal weiter, und Angie sah ihm entgegen.
   »Hallo«, grüßte sie, und Nils erkannte Erleichterung in ihrem Gesicht, aber auch noch nicht ganz überstandenen Schrecken. »Wir haben fast einen Herzinfarkt gekriegt, als es geklingelt hat.« Tatsächlich war sie sehr blass.
   »Tut mir leid, ich wollte euch nicht erschrecken. Ich habe keine Telefonnummer von dir. Ich habe gerufen und Steinchen gegen das Fenster geworfen, aber ihr habt mich nicht gehört, und …«
   »Schon okay. Wir haben einen Film angesehen und dich nicht gehört.« Angie öffnete die Tür noch weiter und wies einladend mit der Hand ins Haus. »Komm doch rein. Seit … dem Vorfall zeige ich mich nur sehr ungern hier draußen.«
   »Sorry.« Schnell ging Nils an ihr vorbei und betrat das Haus. Hinter Angie erkannte er Nele und Bine, die ihm beide wie einem Gespenst entgegenstarrten. »Tut mir leid«, wiederholte er in ihre Richtung. Jetzt sah er, dass beide etwas in den Händen hielten. Eine große Bratpfanne und einen Schürhaken. Er hob beide Hände. »Ich komme in Frieden«, rief er und versuchte ein Lächeln, das etwas schief geriet.
   Nele und Bine atmeten hörbar aus. »Du hast uns zu Tode erschreckt«, sagte Nele. Dann lächelte sie erleichtert. »Aber schön, dass du uns besuchst.«
   »Finde ich auch.« Angie schien sich von ihrem Schreck erholt zu haben. »Jetzt komm erst mal rein. Du bist ja völlig durchnässt.« Sie schob ihn in die Stube, und wohlige Wärme aus dem Kamin schlug ihm entgegen. Ehe er sich versah, hatte sie ihm ein Handtuch in die Hand gedrückt, und Bine schenkte ihm eine Tasse dampfenden Tee ein.
   »Ich sehe schon, es war eine gute Idee, herzukommen«, sagte er und seufzte, während er sich auf einen Stuhl plumpsen ließ.
   »Warum treibst du dich denn bei so einem Wetter draußen herum?«, wollte Angie wissen.
   »Ich suche immer noch nach einem Job. Leider ist da momentan nichts zu machen. Falsche Jahreszeit.« Vorsichtig nippte Nils am heißen Tee.
   »Ach, wie blöd. Und nun? Was willst du jetzt machen? Du wolltest ja hierbleiben, oder? Kann ich gut verstehen, das ist dein Zuhause und …«
   »Ja, das war der Plan. Inzwischen hab ich aber nachgedacht. Wenn ich hierbleibe und nichts unternehme, wäre das feige.«
   Die drei Mädels rissen die Augen auf. »Was meinst du damit?«, fragte Angie erschrocken. »Was willst du denn unternehmen?«
   »Ich gehe nach Stade zurück.«
   Erst jetzt, wo er die Worte aussprach, spürte Nils, dass er diesen Entschluss längst gefasst hatte, es ihm nur noch nicht bewusst gewesen war.
   »Das kannst du nicht machen, das wäre Selbstmord!« Angie legte ihm ihre Hand auf den Unterarm, und auch Nele und Bine wirkten zutiefst erschrocken. »Früher oder später entdecken sie dich, und dann … He, für die bist du ein Verräter. Die …, die bringen dich um die Ecke! Du musst hierbleiben!«
   Nils schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht. Ich habe mir Bobbys Machenschaften viel zu lange angeguckt. Fast hätte ich den größten Fehler meines Lebens begangen, wenn ich dich …« Er starrte Angie an. »Wenn ich nichts unternehme, bin ich mitschuldig. Bobby ist verrückt. Ich meine, was geht da in seinem Kopf vor? Wo lebt der denn? Er will die Alleinherrschaft. Wie klingt denn das? Der gehört in die Klapse. Mindestens ins Gefängnis. Das hat nichts mit Motorradklubs zu tun. Im Gegenteil, der bringt die ganze Szene in Verruf.«
   »Und was willst du machen?«, erkundigte sich Bine besorgt. »Willst du etwa zu ihm hin marschieren und ihm all das an den Kopf knallen«
   »Am liebsten würde ich das tun. Aber so lebensmüde bin ich dann doch nicht, zumal es nichts bringen würde. Nein, ich würde mich gern den Sea Crows anschließen und sie bei ihrem Kampf gegen Bobby unterstützen. Das ist das Mindeste, was ich tun kann, um meine Taten wiedergutzumachen.«
   »Das ist verrückt!« Angie schüttelte abwehrend den Kopf. »Du brauchst nichts wiedergutzumachen. Du hast mir geholfen, als ich in höchster Not war. Ohne dich hätten die mich zu Bobby gebracht, und ich mag mir nicht vorstellen, was der mit mir …« Verstört verstummte sie.
   Gerührt tätschelte Nils Angies Hand. »Ich freu mich wirklich, dass ich dir helfen konnte, Torte. Aber das ist noch nicht genug. Ich hab zu diesem Irren gehört, verstehst du? Ich habe das Gefühl, ich muss mich vor mir selbst wieder reinwaschen.«
   »Bring dich nicht unnötig in Gefahr«, flüsterte Bine. Dann straffte sie die Schultern. »Ich rufe gleich mal Wolf an und sage ihm, dass du vorbeikommst, wenn du das willst.«
   »Echt?« Nils war erfreut. »Das würde die Sache sehr vereinfachen. Viele der Jungs werden bestimmt nicht erfreut sein, wenn ich dort einfach so aufkreuze. Für die bin ich ein Feind.«
   »Das ist das Mindeste, was wir für dich tun können«, erklärte Angie.
   Kurz darauf telefonierte Bine mit Wolf, und Nils hielt den Atem an.

Kapitel 3

»Danke, dass ich so lange bei dir wohnen darf.«
   »Das ist doch selbstverständlich, wir sind Freundinnen. Außerdem haben wir beide was davon.« Jessi sah Nicky besorgt an. »Du hast hier deine Ruhe und kannst dich erholen, und ich habe Gewissheit, dass meine Wohnung nicht leer steht oder sich sonst wer hier einnistet, während ich weg bin.« Sie lächelte, um ihre Freundin aufzumuntern. »Und ich habe jemanden, der hier staubwischt, saugt und so weiter. Ist doch praktisch.«
   Nicky lächelte unter Tränen.
   Sie sah schlimm aus. Jessi hatte das Gefühl, dass sie noch magerer war als ohnehin schon, und die Ringe unter ihren Augen wirkten, als hätte sie zwei Veilchen. An ihren Armen erkannte sie mehrere Blutergüsse.
   »Wie lange willst du dir das noch gefallen lassen?«, fragte sie schärfer als beabsichtigt. »Lukas wird nie mit dem Trinken aufhören, und er wird keinen Job länger als ein paar Wochen behalten. Das weißt du doch inzwischen, nach fünf Jahren, oder? Lass nicht zu, dass er dich mit in seinen Abgrund zieht. Du hast was Besseres verdient als den.«
   Nicky schniefte. »Ich bin doch jetzt hier. Das ist ein erster Schritt, oder? Viel mehr Sorgen mache ich mir um dich. Bist du dir sicher, dass es eine gute Idee ist, da hochzufahren?«
   Jessi nickte. »Klar. Ich will das tun, allein schon wegen Leo. Bestimmt kann er sich nicht mehr daran erinnern, wie sein Vater aussieht.«
   »Ich verstehe Bobby nicht. Wie kann er euch so lange hier allein lassen?«
   »Das will ich ja gerade herausfinden.«
   »Ich hab ein komisches Gefühl bei der Sache. Hat er denn keine Sehnsucht nach euch? Er liebt dich doch, oder? Und dann der Kleine. He, er ist sein Vater! Er muss doch miterleben wollen, wie er groß wird, laufen und sprechen lernt und all das.«
   »Ich denke ständig darüber nach, das kannst du mir glauben. Und das ist ja auch der Grund, weshalb ich jetzt zu ihm fahre. Ich bin es Leo schuldig, dafür zu sorgen, dass sein Vater Verantwortung für ihn übernimmt. Dazu gehört mehr als nur Geld. Wir haben lange genug auf ihn gewartet. Wenn es so weitergeht, ist Leo erwachsen, ehe Bobby endlich bereit ist, zu uns zurückzukommen. Oder uns zu sich zu holen. Ich weiß ja nicht, was er vorhat. Es wird höchste Zeit, dass wir endlich alles klären.«
   »Liebst du ihn noch?«
   Nachdenklich hob Jessi die Schultern. »Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Das Jahr, seit er weg ist, war so verdammt lang. Und auch vorher war er ja schon ständig unterwegs, und ich sah ihn nur mitunter mal zwischen Tür und Angel. Keine Ahnung, ob ich noch etwas für ihn empfinde. Vielleicht kommt es ja zurück, wenn ich ihn wiedersehe.«
   »Und diese Tina? Bist du dir sicher, dass du ihr vertrauen kannst? Ich meine, was du von ihr erzählt hast, klang schon ziemlich durchgeknallt. Die hat dich von Beginn an belogen, von wegen, sie hätte ebenfalls als Zeugin ausgesagt und so was. Überleg es dir doch lieber noch mal, Jessi. Ich hab kein gutes Gefühl bei der Sache.«
   »Tina hat ihre Gründe, Kurt zu finden, und ich habe meine, was Bobby betrifft. Was sie mit Kurt zu besprechen hat, ist mir egal. Es ist deren Sache, was zwischen ihnen vorgefallen ist.«
   »Du kannst ja gern zu Bobby fahren, aber willst du das nicht lieber allein machen, ohne Tina?«
   »Durchgeknallt ist die auf jeden Fall. Aber wenn ich sie mitnehme, brauche ich erstens nicht allein zu fahren, zweitens tut sie mir leid, drittens könnte sie sich diese Fahrt allein finanziell nicht leisten, und viertens fühle ich mich irgendwie verantwortlich.«
   »Was? Wieso?«
   »Kurt ist einer von Bobbys besten Freunden. Und er ist Bobby nach Stade gefolgt, um ihm beim Aufziehen ihres Geschäfts und des Klubs zu helfen.«
   »Was hast du damit zu tun? Wahrscheinlich war Kurt froh, die Alte los zu sein. Er wird sich nicht gerade freuen, dass du sie wieder bei ihm anschleppst.«
   »Hier geht’s um Frauensolidarität, verstehst du? Wir müssen zusammenhalten.« Sie lächelte Nicky an. »Wir machen das doch auch.«
   »Wir sind Freundinnen. Diese Tina kennst du nicht.«
   »Ich weiß. Ich verspreche dir, vorsichtig zu sein, okay? Aber wie ich gerade sagte, fühle ich mich mitschuldig an ihrer Misere. Es geht ja nur um eine Aussprache.«
   »Ich habe ein ganz mieses Gefühl bei der Sache.«
   »Mach dir keine Sorgen. Wir fahren da hoch, statten Bobby einen Besuch ab, ich zeige ihm seinen Sohn und lasse mir erklären, wie sich Bobby unsere Zukunft vorstellt, und schon kommen wir zurück.«
   »Was ist, wenn sich Bobby so freut, euch wiederzusehen, dass er euch gleich bei sich behalten will?«
   »Dann komme ich auf jeden Fall noch mal her. Ich muss ja meine Sachen holen.« Jessi lächelte. »In dem Fall könntest du meine Wohnung übernehmen, so lange wir weg sind.«
   »Ich möchte aber lieber dich bei mir haben statt deiner Wohnung. Ich meine, danke für das tolle Angebot, aber du wärst mir lieber. Kommt zurück, ja?«
   »Mach ich. Auch wenn ich noch nicht sagen kann, was die Zukunft bringt.«
   »Und Tina?«
   Jessi zuckte die Achseln. »Was sie vorhat, ist ihre Sache, damit habe ich nichts zu tun. Vielleicht will sie Kurt eine runterhauen, oder er soll sich entschuldigen. Und natürlich will sie ihr Geld zurück. Das wäre verständlich, sie hat ja nichts. Ist mir auch egal, sie soll machen, was sie will. Ich bin jedenfalls froh, dass ich ihretwegen auf die Idee gekommen bin, Bobby endlich an seine Vaterpflichten zu erinnern.« Jessi lachte, hörte jedoch selbst, dass es sich nicht ganz echt anhörte. »Ich meine, so geht es ja nun nicht, oder? Er macht sich da oben womöglich ein schönes Leben, während ich die ganze Arbeit mit dem Kleinen hier allein erledige.«
   Nicky sah immer noch zweifelnd aus.
   Jessi sah auf die Uhr. »Okay, es wird Zeit. Also, halte hier die Stellung, ja? Ich bin in paar Tagen wieder zurück.«
   Sie umarmte Nicky und hielt sie einen Augenblick ganz fest. Sie fühlte sich längst nicht so sicher, wie sie ihrer Freundin gegenüber getan hatte. Noch hatte sie Bobby nicht angerufen, um ihn von ihrem Besuch in Kenntnis zu setzen. Sie sah es nicht ein, ihn vorzuwarnen, nachdem er sich seit inzwischen viereinhalb Wochen nicht mehr bei ihr gemeldet hatte. Und das, obwohl Weihnachten vor der Tür stand. Dachte er denn gar nicht an seinen Sohn?
   Mehr Sorgen allerdings bereitete ihr Tina. Nicky gegenüber wollte sie es nicht zugeben, aber immer noch glaubte sie Tina kein Wort von dem, was sie erzählt hatte. Sie spürte, dass noch mehr dahintersteckte. Zudem war Tina äußerst labil. Jessi traute ihr durchaus zu, im Affekt eine Dummheit zu begehen, zum Beispiel vor Kurts Kumpels auf ihn loszugehen. Und sie war sich sicher, dass sich Kurt das gewiss nicht einfach gefallen lassen würde. Nicht, wenn er so war, wie sie ihn einschätzte. Dann würde seine Ehre auf dem Spiel stehen, und was würde er in dem Falle tun? Tina schlagen? Gar Schlimmeres?
   Nun, was Tina tat, war allein ihre Angelegenheit. War ja auch möglich, dass sie es mit der Angst bekam, sobald sie Kurt wiedersah, und nichts unternahm. Oder, auch das war möglich, er würde sich über Tinas Besuch sogar freuen. Das wäre die beste Möglichkeit.
   Jessi nahm Leo auf den Arm und winkte Nicky zu. »Bis bald. Und halte Lukas auf Abstand. Lass ihn nicht rein, und wenn er noch so bettelt.«
   »Mach ich, versprochen. Passt auf euch auf.«

Während Jessi Leo im Kindersitz festschnallte, gingen ihr unzählige Gedanken durch den Kopf. Mal lächelte Bobby sie erfreut an und nahm ehrfürchtig seinen Sohn von ihr entgegen, und dann stand er da, wies mit dem Finger auf sie und hielt sich den Bauch vor Lachen. Und Tina stand wie erstarrt, bevor sie sich umwandte und einfach davonrannte.
   »Hi!«
   Erschrocken fuhr Jessi herum. Fast hätte sie Tina nicht erkannt. War das wirklich dieselbe Frau wie die, die völlig durchnässt und verzweifelt an ihr Autofenster geklopft hatte? Diese Tina trug eine flauschige, fliederfarbene Jacke und eine enge schwarze Lederjeans zu hochhackigen Stiefeln. Sie war geschminkt, ihr dunkles Haar war frisch gewaschen, und sie wirkte fröhlich.
   »Hallo«, grüßte Jessi zurück. »Gut siehst du aus.«
   »Danke.« Tina grinste. »Du auch.«
   Jessis Lächeln schwächte sich ab, denn Tina log. Wieder einmal. Sie wusste, dass sie gerade alles andere als gut aussah. Seit ihrer Schwangerschaft wurde sie ein paar überflüssige Pfunde nicht mehr los, besonders am Bauch und den Oberschenkeln, und die vielen Sorgen und Probleme einer alleinerziehenden Mutter hatten feine Linien um ihre Mundwinkel und Stirn gezeichnet. Außerdem waren ihre schwarzen Haare inzwischen viel zu lang geworden, die Spitzen waren ausgefranst und hatten dringend einen Schnitt nötig.
   Tina öffnete die Beifahrertür und ließ sich auf den Sitz fallen. Sie sah nach hinten und streckte ihre Hand aus, um Leo am Beinchen zu kitzeln. »Hi, kleiner Mann. Bereit, auf große Fahrt zu gehen?«
   Plötzlich musste Jessi den Impuls bekämpfen, Tina anzufahren und ihr zu befehlen, die Hände von ihrem Sohn zu lassen. Sie bildete sich sogar ein, ein böswilliges Glitzern in Tinas Augen zu erkennen, während sie Leo anlächelte. Dann riss sie sich zusammen. Wurde sie schon paranoid? Klar hatte Tina sie belogen, aber im Grunde war sie das Opfer. Und gerade wollte sie nur nett sein.
   »Ja, klar«, antwortete Jessi anstelle ihres Sohnes, stieg ein und schnallte sich an. »Dann wollen wir mal, was?«, sagte sie und sah Tina an.
   »Zeit wird’s.« Sie griff ebenfalls nach dem Gurt.
   Da sie ihr Gesicht abwandte, konnte Jessi nicht darin lesen. Warum überlief plötzlich eine Gänsehaut ihren Rücken? Für einen Augenblick überlegte sie, alles abzublasen, Tina zu bitten, auszusteigen, und einfach hierzubleiben.
   Stattdessen ließ sie den Motor an, legte den Gang ein und fuhr los. Sobald sie auf die Autobahn fuhr, drückte sie das Gaspedal ganz durch. Plötzlich konnte sie es nicht mehr erwarten, Bobby gegenüberzustehen. Sie war immer noch erschrocken darüber, keine Sehnsucht nach Bobby zu verspüren. Wahrscheinlich änderte sich das erst, sobald sie ihn wiedersah und er sie in die Arme schloss. Und diesen Moment wollte sie so schnell wie möglich erleben, um Gewissheit zu erhalten. Sie setzte den Blinker, um einen langsameren Pkw zu überholen, und blieb gleich auf der linken Spur. Je eher sie dort war, desto eher wüsste sie, dass zwischen ihr und Bobby noch alles wie früher war. Sie war froh, dass Tina schwieg, und sagte ebenfalls nichts mehr, sondern fixierte das graue Band aus Asphalt, das sich vor ihr erstreckte und sie geradewegs zu einer Erklärung führen würde.

Kapitel 4

Das Klubhaus der Sea Crows platzte aus allen Nähten. Keule nahm sich ein Bier und ließ sich auf einen Stuhl plumpsen.
   »Ich bin echt froh, dass es allen wieder gut geht.«
   »Die paar blauen Flecken. Kaum der Rede wert.« Heavy stieß seine Bierflasche gegen Keules.
   »Ich komme einfach über so viel Feigheit nicht hinweg«, sagte Keule empört. »Zu dritt gegen einen. Wie unfair ist das denn?«
   »Es geht Bobby nicht um Fairness«, erklärte Zeck und nippte an seinem Whisky. »Der will uns fertigmachen, und dabei ist ihm jedes Mittel recht.«
   »Das kann der vergessen!« Keule dachte zurück an den Tag vor einer Woche, als Bobbys Männer ihn und seine Brüder zeitgleich überfallen hatten. Jeweils drei nahmen sich einen von ihnen vor und verprügelten ihn. Gar nicht mal so schlimm, es gab weder Knochenbrüche noch andere ernsthafte Verletzungen. Aber die Sache war klar: Es handelte sich um eine letzte Drohung von Bobby. Aber was dann? Sie hatten sich von den Überfällen nicht kleinkriegen lassen, hatten ihren Klub nicht aufgelöst. Was würde Bobby nun tun? Seit den unfairen Schlägereien herrschte Ruhe. Eine trügerische Ruhe, wie Keule ahnte.
   »Ich möchte zu gern wissen, worauf der wartet.« Ronny sah ernst drein.
   Wolf betrat das Klubzimmer und steckte sein Smartphone in die Tasche.
   »Dass Nils aber auch nichts erzählt hat, als wir auf Sylt waren«, ärgerte sich Keule. »Ich trau dem nicht, auch wenn er Angie gerettet hat. He, der war lange genug bei Bobby. Irgendwas muss der doch mitbekommen haben.«
   »Ein gutes Stichwort«, sagte Wolf. »Gerade erhielt ich einen Anruf von Bine.«
   »Wie geht’s den Mädels?«, fragte Johnny.
   »Gut. Die Woche verlief ruhig, es hat sich keiner blicken lassen. Bis gerade eben.«
   Keule hielt die Luft an. Was mochte geschehen sein? Hatte Bobby weitere Männer geschickt, um die Frauen aufzuspüren, die sich in seinem Haus verbargen?
   Beruhigend hob Wolf die Hand. »Oh, keine Sorge. Nils hat ihnen überraschend einen Besuch abgestattet und ist gerade bei ihnen.«
   »Das hat er überlebt?«, fragte Johnny. »Die drei sind nicht wie die Furien mit Bratpfannen und Töpfen über ihn hergefallen?«
   Wolf grinste. »Sie waren kurz davor. Aber mal im Ernst. Als Bine mir sagte, dass Nils gerade bei ihnen sitzt, war mein erster Impuls, sie zu warnen und zuzusehen, dass er ganz schnell wieder verschwindet.«
   »Mein Reden«, wandte Keule ein.
   »Aber die Mädels vertrauen ihm«, fuhr Wolf fort. »Bine erzählte mir, dass er Sylt nun doch verlassen will. Ihr wisst ja, dass er Bobby in den Rücken gefallen ist, als er Angie beistand, und damit auf Bobbys Abschussliste steht.«
   Keule und seine Brüder brummten, einige zustimmend, andere abwertend.
   »Sie sollte mir von ihm ausrichten, dass er sich uns anschließen möchte«, sprach Wolf unbeirrt weiter. »Nils findet es feige, sich auf Sylt zu verkriechen, während wir hier Krieg haben. Er will uns beistehen.«
   Nun erklangen von allen Seiten laute Rufe. Einige schimpften, andere nickten und bekundeten ihre Zustimmung.
   »Ich traue ihm nicht«, wiederholte Keule seine Meinung. »Der war lang genug mit Bobby zusammen, und ich will nicht wissen, was er alles für ihn tun musste. Der hätte uns doch auf Sylt etwas sagen können, irgendwas, was Bobby vorhat.«
   »Du weißt doch selbst, wie sehr sich Bobby mit seinen Plänen bedeckt hält, Keule«, ergriff Wolf für Nils Partei. »Du warst auch eine ganze Weile dort, undercover, und hast nichts herausfinden können, was uns von Nutzen wäre.«
   Keule zuckte zusammen.
   Wolf hob einlenkend die Hände. »Nichts für ungut, Mann. Du weißt doch, wie ich das meine. Was du getan hast, war unglaublich mutig. Nicht jeder hätte sich in die Höhle des Löwen gewagt. Trotzdem hast du nicht erfahren, was Bobby vorhat. Du kannst also Nils daraus keinen Vorwurf machen. Bobby bespricht seine Pläne nur mit seinen alten Freunden, das weißt du doch selbst am besten.«
   »Jaja«, brummte Keule. Wolf hatte ja recht. Und dennoch sträubte sich alles in ihm dagegen, sich mit Nils zusammenzutun.
   »Ich glaube, dass du Nils Unrecht tust, Mann. Es war wirklich mutig von ihm, Angie zu helfen und sich damit gegen Bobby zu stellen. Er hätte sie nur ins Auto setzen und zu Bobby bringen müssen. Das hätte ihm doch haufenweise Pluspunkte gebracht. Stattdessen stellt er sich gegen seine Brüder und hilft ihr. Also wenn ihr mich fragt, ich bin bereit, ihm eine Chance bei uns zu geben. Zumindest kann er einmal herkommen und persönlich mit uns sprechen und uns seine Gründe darlegen. Und zwar, ohne dass ihr ihm gleich ein paar überzieht.« Gespannt sah Wolf von einem zum anderen.
   Wieder erklang Gemurmel von allen Seiten.
   »Meinetwegen gern«, sagte Johnny. »Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn einem niemand glaubt und vertraut. Nils hat auch Nele beigestanden. Er hat etwas gut bei uns.«
   »Bin dabei«, brummte Ronny. »Jedenfalls, was das Reden betrifft. Wenn er gesagt hat, was er zu sagen hatte, können wir immer noch weitersehen.« Nach und nach bekundete einer nach dem anderen seine Zustimmung.
   »Natürlich behalten wir ihn im Auge«, erklärte Wolf. »Beim kleinsten Verdacht fliegt er. Aber ihr wisst selbst, dass wir momentan jeden Mann brauchen können.«
   »Beim kleinsten Verdacht schmeiße ich ihn eigenhändig raus«, knurrte Keule.
   »Also ist es abgemacht. Nils darf herkommen und mit uns sprechen, ohne dass wir ihn sofort lynchen. Und wenn er uns überzeugt, darf er sich uns vorerst anschließen.« Wolf sah zufrieden aus.
   »Meinetwegen«, gab sich Keule geschlagen. Er wusste ja selbst nicht, wieso er gegen diesen Nils so eine Antipathie hegte. Er würde es schon herausfinden.
   »Die Frage ist, was wir jetzt machen wollen«, nahm Zeck das nächste Thema auf. »Dass wir nicht klein beigeben, ist klar. Und wir haben inzwischen wirklich viele Männer um uns versammelt. Fast alle Klubs aus den angrenzenden Landkreisen sind auf unserer Seite.
   Beifälliges Gemurmel erklang von allen Seiten.
   »Wollten wir es nicht machen wie Bobby? Immer drei von uns könnten einen von ihnen abpassen und vermöbeln, so wie sie es mit uns gemacht haben.«
   »Ja, ich weiß, das war ursprünglich unser Plan«, sagte Wolf nachdenklich. »Aber ich bezweifle, dass das großen Erfolg hätte. Auch Bobby hat inzwischen sehr viele Männer um sich versammelt. So eine Aktion würde nur Rache von seiner Seite nach sich ziehen. Was bringt es uns, wenn seine Member mit ein paar blauen Flecken herumlaufen? Ihr glaubt doch nicht, dass die sich davon einschüchtern lassen würden. Viele von denen sind ein echt hartes Kaliber. Gewalt erzeugt immer Gegengewalt. He, wir sind ein Motoradklub, oder nicht? Bei uns geht es um Zusammenhalt, um Brüderlichkeit, um gegenseitiges Vertrauen. Und natürlich um Bikes, um gemeinsame Ausfahrten und, nicht zu vergessen, Partys. Wir sind nicht wie die. Die sind einzig und allein auf Macht aus, wollen die Herrschaft über das Gebiet, und der Teufel mag wissen, was die hier aufziehen wollen. Wenn wir sie überfallen oder zusammenschlagen, sind wir keinen Deut besser als die. Damit würden wir uns auf deren Stufe hinabbegeben. Und das will ich nicht, versteht ihr? Wir sind anders als die, wir müssen uns von denen deutlich abgrenzen, und das geht nur, wenn wir es auch deutlich zeigen und uns nicht auf deren Niveau begeben.«
   »Und wie wollen wir das machen?« Ronny schlug vor Zorn mit der Faust auf den Tisch, sodass die Flaschen und Gläser darauf klirrten. »Die lachen uns doch aus, wenn wir uns nicht wehren. Wir können uns nicht alles von denen gefallen lassen. Am Ende brauchen die uns nur einzusammeln wie faule Äpfel.«
   »Nee, ich seh das ganz anders«, wandte Toddel ein. »Wir wehren uns doch schon die ganze Zeit, und zwar überaus erfolgreich. Kein einziger von uns ist übergelaufen zu Bobby, obwohl er es wieder und wieder angeboten hat. Wir halten zusammen und haben das damit deutlich gezeigt. Und wir sind nicht eingeknickt, weder durch seine ständigen Drohungen noch durch Taten. Einige von uns hat es echt übel erwischt, als er seine Männer schickte und die uns einzeln vermöbelt haben. Aber keiner von uns hat sich dadurch einschüchtern lassen. Nach wie vor gibt es unseren Klub, wir halten zusammen wie echte Brüder, und gerade das versetzt Bobby mehr und mehr in Wut. Ich sage euch, Leute, wir können stolz auf das sein, was wir bisher erreicht haben.«
   Laut bekundeten die Männer ihre Zustimmung.
   Die Worte seines Freundes taten Keule unglaublich gut. Immer noch nagte es an ihm, dass er sich und Tommy völlig umsonst in Gefahr gebracht hatte, als sie undercover zum Schein Bobbys MC beitreten wollten. Nichts hatten sie herausgefunden. Nichts, was seinem eigenen Klub auch nur im Mindesten helfen würde. Wieder und wieder hatte er sich den Kopf zerbrochen, was sie tun konnten, um Bobby loszuwerden. Und einige dieser Vorstellungen waren tatsächlich gewalttätig gewesen, auch wenn er Zweifel hatte, diese Dinge wirklich tun zu können. Toddel hatte recht. Sie waren nicht wie Bobby und seine Männer. Und es war wichtig, dass sie das auch nicht vergaßen. Er hatte keine Lust, wegen dieses größenwahnsinnigen Idioten kriminell zu werden oder gegen seine eigenen Prinzipien zu verstoßen und etwas zu tun, was er im Normalfall niemals tun würde.
   »Vielleicht gibt er irgendwann auf, wenn wir nicht klein beigeben«, sagte er. »Wir dürfen uns nur nicht einschüchtern lassen. Ich meine, was will der denn machen, wenn wir nicht aufgeben oder zu ihm überlaufen? Uns alle abknallen? Wir sind doch nicht in einem amerikanischen Actionfilm. Dies hier ist die deutsche Provinz. Er wird irgendwann genug davon haben, Drohungen auszusprechen oder böse zu gucken. Er kann seinen Klub haben, wir haben unseren, und gut ist.«
   »Du meinst sowas wie eine friedliche Koexistenz?« Ronny schnaufte. »Darauf wird der sich nie einlassen, da wette ich mit euch.«
   »Hast du bessere Vorschläge?«
   Ronny tippte erregt seine Fingerspitzen gegeneinander. »Hm, ihr seid ja leider dagegen, dass wir mit Bobby gleichziehen.«
   »Was meinst du damit genau?«
   »Wir könnten einen oder mehrere seiner Männer, nun, sagen wir mal, entführen. Wir schlagen Bobby einfach mit seinen eigenen Waffen und zwingen ihn, aufzugeben.«
   »Und wenn er ablehnt? Was willst du dann mit ihnen machen? Sie umbringen?« Wolf starrte Ronny an.
   »Nee, natürlich nicht. Was weiß denn ich? Sie einfach eine Weile aus dem Verkehr ziehen. Irgendwo einsperren. Wenn wir an seinen inneren Kreis gelangen würden, könnten wir seinen Klub so vielleicht aushöhlen.«
   Wolf kratzte nachdenklich sein Kinn. »So schlecht ist die Idee gar nicht. Damit könnten wir ihn schwächen.«
   »Wie lange willst du sie einsperren?«, fragte Keule. »Ein paar Tage? Wochen? Wie soll das gehen? Sie brauchen Essen und so weiter. Und bestimmt werden sie sich das nicht einfach so gefallen lassen. Das sind alles kräftige Kerle. Irgendwann musst du sie freilassen. Und was meinst du, geschieht dann?«
   »Stimmt«, gab Wolf zu. »Sie werden wütender sein als zuvor. »Aber seinen Klub zu infiltrieren, finde ich im Grunde gut.«
   »Wir könnten Nils zu ihm schicken«, schlug Keule vor. Dann wären sie ihn schnell wieder los.
   »Keine gute Idee«, lehnte Wolf ab. »Bobby weiß inzwischen sicher, was Nils getan hat. Wenn wir ihn zu Bobby schicken, können wir ihm gleich eigenhändig eine Kugel in den Kopf jagen.«
   »Ach, das wird Bobby schon nicht mit ihm …«
   »Keule, hast du vergessen, wozu Bobby in der Lage ist? Er hat bereits einen Mann getötet, oder erinnerst du dich nicht mehr an Frank? Und der hat Bobby nicht halb so sehr enttäuscht wie Nils. Willst du wirklich Nils auf dem Gewissen haben?«
   Keule schluckte. Wolf hatte ja recht. Aber er kam einfach nicht gegen seinen Widerwillen an, wenn es um Nils ging.
   In dem Augenblick hörte er von draußen Geschrei. Erschrocken sprangen alle auf die Füße und rannten ans Fenster. Lichter näherten sich in rascher Geschwindigkeit.
   »Kommt schnell raus!«, brüllte einer von draußen. Tommy?
   Keule folgte den anderen zum Ausgang. Was zur Hölle ging da vor? Wolf riss die Tür auf, infernalischer Lärm drang herein, und geblendet musste Keule für einen Moment die Augen schließen, so hell blendete das Licht. Was war das?
   Ein Fahrzeug schälte sich aus der Dunkelheit hinter den hellen Scheinwerfern. Ein Kleintransporter, oder war es ein Schneeräumfahrzeug?
   Gerade brach es durch den niedrigen Zaun, der das Grundstück des Klubhauses umgab. Laut krachend gab das Holz nach, Splitter flogen herum. Schreiend folgten Tommy, Bernd und zwei andere Wachen dem Fahrzeug, unfähig, es aufzuhalten.
   Schockiert stolperte Keule aus dem Klubhaus. Das Fahrzeug hielt direkt darauf zu. Was zum Henker hatte der Fahrer vor? Er hörte Schreie, Brüllen, erschrockene Rufe, Warnungen. Im Führerhaus sah er den Fahrer, ein bulliger Kerl mit Stoppelfrisur. Kurt. Neben ihm saß Hammer, und er meinte, dahinter noch einen Schatten erkennen zu können. Alles ging viel zu schnell.
   Der Pflug walzte den Rest des Zauns nieder und hielt auf das zuvorderst geparkte Auto zu, das vor dem Klubhaus stand.
   Vor Wut brüllend sprang Ronny zum Schneeräumfahrzeug und versuchte, die Tür aufzureißen. Keule beobachtete, wie ihm weitere Brüder folgten und an den Griffen der Türen auf beiden Seiten rissen. Aber die Mistkerle hatten sie von innen verschlossen. Natürlich hatten sie das. Wie stellten sie sich den weiteren Verlauf ihres Überfalls vor? Was glaubten sie wohl, würde mit ihnen geschehen, wenn ihr Fahrzeug zum Stillstand gekommen war? Hatte Bobby sie als Himmelfahrtskommando geschickt? Waren sie komplett irre geworden und wollten hier Harakiri begehen?
   Schnell lief Keule ins Haus und holte einen Hammer. Ohrenbetäubender Lärm von draußen trieb ihn zur Eile an. Er rannte wieder auf den Hof. Ungläubig beobachtete er, wie der Schneepflug das Auto erreichte – es war der Ford von Toddel - und mit lautem Krachen dagegenprallte. Kreischend verzog sich das Metall des Kofferraums und des Dachs.
   »Die sind ja vollkommen irre«, brüllte jemand.
   Ohne nachzudenken, sprang Keule mit erhobenem Hammer zum Pflug. Dessen Motor heulte auf, als Kurt noch mehr Gas gab. Toddels Ford wurde zurückgeschoben, der Lärm war ohrenbetäubend. Es kam Keule vor, als würde ein Messer ganz langsam in lebendes Fleisch getrieben werden, und er spürte den Schmerz fast körperlich.
   Keule hob den Hammer und schlug mit aller Kraft gegen die Scheibe des Führerhauses. Die Wucht des Aufpralls ließ seinen Arm erzittern. Trotzdem zerbrach das Glas nicht gleich beim ersten Schlag, aber er holte erneut aus, und erste Risse Loch entstanden, breiteten sich aus wie Spinnenweben. Inzwischen war das Fahrzeug von seinen Brüdern umzingelt wie eine Kuh von einem Rudel Wölfe, und kam schnaufend zum Stehen.
   Trotz seiner Wut wurde es Keule bang ums Herz. Die Männer darinnen waren so gut wie tot. Seine Kameraden sahen rot, und all die gerade noch gefassten Vorsätze zu Frieden und Stillhalten waren mit dem gewaltsamen Eindringen der Feinde nun hinfällig. Sie wurden angegriffen, und sie mussten sich verteidigen.
   Keule konnte einen Blick auf Kurts Gesicht erhaschen. Er wirkte völlig unbewegt, als er zur Gangschaltung heruntersah. Das Getriebe gab ein gequältes Geräusch von sich, als er einen Gang hineinhämmerte. Wollte er etwa noch tiefer in den Hof vordringen, noch mehr Wagen und Bikes zerstören, vielleicht gar die Mauer des Klubhauses rammen? War er komplett verrücktgeworden? Dann sah er, wie sich das Fahrzeug ein winziges Stück zurückbewegte. Der verkeilte Pflug riss ein großes Blech von Toddels Auto. Es stank nach verbranntem Gummi, und der Lärm aus Krachen und Wutschreien war ohrenbetäubend.
   »Kommt raus, ihr Schweine!«, brüllte Ronny und riss wie verrückt an der Tür.
   Der Fahrer gab mehr Gas, der Motor heulte auf, und der Pflug setzte langsam zurück. Ronny riss Keule den Hammer aus der Hand und schlug erneut gegen die Scheibe, die nun splitterte. Scherben fielen heraus.
   Keule hielt den Atem an. Was würden seine Brüder mit den Angreifern tun? Alle waren vor Zorn ganz außer sich, einschließlich er selbst. Aber ein Teil von ihm schien alles aus einigem Abstand zu beobachten. Würde es ihm gelingen, seine Freunde davon abzuhalten, eine große Dummheit zu begehen? Wie weit würden sie in ihrem Zorn gehen?
   Er zuckte zusammen, als es plötzlich still wurde. Der Pflug setzte weiterhin zurück, rumpelte gerade über die Trümmer des zerstörten Zauns. Seine Brüder schwiegen, als hätte sich der Himmel plötzlich herabgesenkt. Wie gelähmt starrten seine Brüder die Männer im Fahrzeug an. Keule folgte ihren Blicken – und erstarrte ebenfalls.
   Er sah in die schwarze Mündung einer Pistole. Nein, nicht nur einer. Drei Arme hielten drei Waffen, gespenstisch beleuchtet von den Anzeigen am Armaturenbrett. Hammer und Kurt, vom Dritten fiel Keule gerade der Name nicht ein.
   Verdammt, ihr Plan war super. Wären sie nicht bewaffnet gewesen, hätten sie sie vielleicht wirklich aus dem Fahrzeug zerren können. Keine Ahnung, was sie dann mit ihnen gemacht hätten, aber es wäre ein Anfang gewesen. Nun jedoch …
   »Überraschung«, rief Hammer durch das Loch in der Scheibe und grinste, während der Pflug die Straße erreichte.
   Keule hätte ihm am liebsten sein Grinsen aus dem Gesicht geschlagen, und ballte die Fäuste. Aus den Augenwinkeln sah er, dass es seinen Brüdern ebenso ging wie ihm. Die Luft zitterte vor mühsam angehaltener Wut. Aber es war unmöglich, an die Männer heranzukommen. Keule hatten keinen Zweifel daran, dass sie von den Schusswaffen in ihren Händen auch Gebrauch machen würden.
   »Schöne Grüße von unserem Präsidenten«, röhrte Hammer von der Straße aus. »Er dachte, es wäre doch eine nette Idee, euch einen Besuch abzustatten. Er appelliert an eure Vernunft und bittet euch höflich, endlich einzusehen, dass wir stärker sind als ihr. Ach ja, und falls ihr mit dem Gedanken spielt, zu euren Freunden von den Red Hornets zu laufen – die haben zeitgleich mit euch ebenfalls Besuch bekommen. Richtet doch bitte den Präsis der Klubs, die im Moment noch zu euch halten, aus, dass wir sie auch gern aufsuchen, falls sie nicht aufgeben und sich uns anschließen oder auflösen.«
   »Ihr seid ja komplett verrückt«, schrie Wolf. »Damit kommt ihr nicht durch.«
   »Das werden wir ja sehen. Bobby lässt euch ausrichten, dass seine Geduld mit dem Haufen bockiger Kleinkinder vorbei ist. Das waren seine Worte.«
   »Mir reicht’s«, knurrte Ronny. Ehe jemand ihn zurückhalten konnte, sprang er zum Pflug, griff durch das Loch in der Scheibe und versuchte, Hammer die Waffe zu entreißen.
   Der Knall war so laut, dass Keule für einen Moment die Ohren dröhnten, und er fürchtete, taub geworden zu sein. Schockiert starrte er auf Ronny. War er tot? Würde er gleich umfallen?
   Dann erst sah er, dass Hammer seine Hand mit der Pistole wieder senkte. Er hatte dicht über Ronnys Kopf hinweg in die Luft geschossen. Keuchend stieß Keule die angehaltene Luft aus.
   »Gar nicht klug von dir«, rügte Hammer. »Du hast Glück, dass ich heute in so großmütiger Stimmung bin. Der Anblick eures Schrotthaufens hat meine Laune extrem verbessert. Aber der nächste Schuss trifft nicht die Luft, das verspreche ich euch.«
   Der Pflug beschleunigte, und Keule erkannte Scheinwerfer, die in einiger Entfernung aufflammten und sich nun rasch näherten. Zu seinem Erstaunen erwiesen sie sich als Motorräder. Wollte Bobby damit zeigen, dass sein Klub doch ein MC war? Bisher war davon nicht viel zu merken gewesen, da er selbst und die meisten seiner Männer nun, im Winter, fast nur mit dem Auto unterwegs waren.
   Das Gebrumm der Harleys schwoll an, als sie sich rasch näherten, und die Landstraße war in gleißendes Licht getaucht. Neben dem Hof bremsten sie ab, bis sie sich nur noch im Schritttempo bewegten. Der Pflug war inzwischen fast aus Keules Sicht verschwunden.
   Der Sozius des vordersten Bikers hob grüßend die Hand. »Es ist etwas früh«, rief er, »aber bald ist Silvester. Wir haben hier schon mal einen Neujahrsgruß für euch. Viel Spaß beim Tanzen.«
   Er und ein paar weitere hoben die Hände und warfen etwas.
   Glutspuren zeichneten Muster in die Nachtluft, ehe etwas Kleines, Leichtes auf den Boden prallte. Und dann explodierte.
   Schockiert wich Keule aus, stolperte und fiel hin. Handgraten, war sein erster Gedanke. Er spürte den Sturz kaum, sondern starrte voller Panik auf den Hof vor dem Klubhaus. Überall um ihn herum gingen keine Granaten, aber Böller in die Luft, stoben Funken herum, und Rauch stieg auf. Erschrocken sprangen seine Brüder zur Seite. Keule fühlte sich wie im Krieg.
   Er war im Krieg!
   Bobby hatte damit gedroht, und Keule wusste nun endgültig, dass es nicht nur leere Worte gewesen waren.
   Die Knaller waren harmlos und erzeugten außer einem großen Schreck keinen Schaden.
   Die höhnischen Blicke der Fahrer jedoch, die nun beschleunigten und rasch davonfuhren, rissen große Fetzen Stolz aus Keules Herz und seiner Seele.
   Diese Schlacht hatte Bobby gewonnen. Der Krieg jedoch hatte gerade erst begonnen.
   Und während sich Keule aufrappelte und den Dreck von seiner Kleidung wischte, fasste er einen Entschluss. Die Zeit der Samthandschuhe war vorbei, sie half ihnen nicht weiter. Falls Bobby gehofft hatte, seinen Klub mit dieser Aktion einzuschüchtern und zum Aufgeben zu bewegen, so hatte er eher genau das Gegenteil erreicht.
   Bobby hatte es endgültig übertrieben. Er hatte einen Hebel umgelegt. Es gab nun keine Schranken mehr, kein Stillsitzen und Ausharren. Von nun an würden sie Bobby bekämpfen. Keule hatte noch keine Ahnung, wie sie das machen sollten, aber sie würden einen Weg finden.

Kapitel 5

Je näher sie Stade kamen, desto nervöser wurde Jessi. Ein Teil von ihr freute sich darauf, Bobby wiederzusehen. Ein anderer Teil jedoch fürchtete sich davor. Warum eigentlich? Waren sie sich inzwischen aufgrund der langen Trennung fremd geworden? Oder war es einfach nur die Aufregung vor dem Wiedersehen?
   Mehrmals hatte sie, während sie eine Pause machten, ihr Handy hervorgeholt und Bobbys Nummer angestarrt. Es wurde Zeit, ihn über ihr Kommen zu informieren. Doch jedes Mal zögerte sie und wählte die Nummer nicht, ohne sagen zu können, warum. War es Furcht? Was, wenn er ihr sagte, dass sie gerade nicht willkommen waren? Dass er bis zum Hals in Arbeit steckte und Frau und Kind gerade überhaupt nicht gebrauchen konnte? Oder lag es daran, dass sie Tina dabeihatte? Die hatte immerhin mit einem seiner Kumpels eine Rechnung offen, angenehm würde es für Kurt bestimmt nicht werden.
   Doch als sie nur noch eine knappe Stunde von ihrem Ziel entfernt waren, nahm Jessi erneut ihr Smartphone zur Hand. Tina beobachtete sie und wirkte äußerst angespannt. Das konnte Jessi ihr nicht verdenken.
   Während der Fahrt hatten sie kaum miteinander gesprochen. Jede hing ihren eigenen Gedanken nach, und es schien, als würde die vorherrschende Spannung jedes Gespräch zwischen ihnen im Keim ersticken.
   Jetzt aber wurde es höchste Zeit, sie musste Bobby darüber informieren, dass sie nur noch wenige Kilometer von ihm entfernt waren. Entschlossen rief sie seine Nummer auf.
   Doch zu ihrem Erstaunen legte Tina ihre Hand auf ihre. Ihre Augen waren riesengroß.
   »Was ist?« fragte Jessi unwillig. Endlich hatte sie sich zu diesem Anruf durchgerungen, da konnte sie eine Verzögerung nicht gebrauchen.
   »Ruf ihn nicht an«, bat Tina. Sie war ganz blass geworden.
   »Warum nicht?«
   »Weil …, nun, er hat euch ganz schön lange allein gelassen, oder? Du musstest den Kleinen allein großziehen, die ganze Arbeit blieb an dir hängen.«
   »Ja, ist mir bekannt. Aber Bobby hat einen Grund dafür. Er baut sein Business auf – für uns. Davon werden auch Leo und ich profitieren.«
   »Trotzdem hätte er sich viel mehr um euch kümmern können. Geld ist nicht alles. Mach es wie er. Informiere ihn nicht, sondern schlage einfach bei ihm auf.«
   Hatte Tina nicht recht? Wer konnte schon sagen, wobei sie Bobby überraschen würde, wenn sie einfach vor seiner Tür stand? Ihr Herzschlag stockte, als sie sich vorstellte, wie eine fremde Frau die Tür öffnete. Traute sie ihm das zu? War eine Andere der Grund dafür, dass er nur so selten von sich hören ließ? Hatte er im Grunde kein Interesse mehr an ihr? Und wenn es so wäre – würde es ihr überhaupt noch etwas ausmachen?
   Sie lächelte Tina an. »Du hast recht. Ich überrasche ihn. Wir suchen uns erst einmal ein Hotel in Stade, und dann sehen wir weiter.« Plötzlich freute sie sich auf das kleine Abenteuer.

Neugierig sah sich Jessi zwei Stunden später im Hotelzimmer um. Sie hatte nicht erwartet, dass die Hotels fast alle ausgebucht waren. Na gut, es war kurz vor Weihnachten. Nun teilten sie und Tina sich ein Doppelzimmer mit Zustellbett für Leo.
   »Ich brauche Bewegung nach der langen Sitzerei«, erklärte Tina. »Ich mache einen Spaziergang. Kommst du mit?«
   »Nein. Ich muss erst mal Leo versorgen. Er hat Hunger und muss dann schlafen. Morgen ist auch noch ein Tag.« Es war inzwischen dunkel geworden, und sie fühlte ebenfalls Müdigkeit in sich aufsteigen. Es war eine lange Fahrt gewesen.
   Oder war es nicht eher so, dass sie sich plötzlich fürchtete? Dabei wusste sie nicht, warum eigentlich. Sicher würde sich Bobby freuen, sie und Leo wiederzusehen. Bestimmt vermisste er sie jeden einzelnen Tag. Woher kam dann ihr komisches Gefühl im Magen? Es fühlte sich an, als würde ein Haufen Ameisen darin herumlaufen.
   »Okay, ich geh noch einen Schluck trinken«, erklärte Tina. »Es kann später werden, mach dir keine Sorgen, falls ich ein paar Stunden weg bin, ja?«
   »Okay, viel Spaß. Bis dann.«
   Tina zog die Tür hinter sich zu. Jessi stellte den Wasserkocher an und bereitete für Leo einen Brei zu. Während sie ihn fütterte, gab sie in ihr Handy Bobbys Adresse ein und sah sich die Umgebung auf der Karte an. Plötzlich fragte sie sich, warum er eigentlich so ein Geheimnis aus seiner Anschrift machte. Als er sie ihr vor einem knappen Jahr mitgeteilt hatte, hatte er ihr einschärft, sie niemandem zu verraten.
   »Es gibt da ein paar Konkurrenten«, hatte er ihr erklärt. »Die wollen mir das Geschäft streitig machen. Wenn die wissen, wo ich wohne, schlagen die nachher noch privat bei mir auf und belagern mich, verstehst du? Das kann ich nicht brauchen. Ich habe so viel Arbeit, dass ich meine Privatsphäre schützen muss.«
   Das verstand sie natürlich. Zum Großteil. Dennoch blieb ein kleines Fragezeichen übrig.
   Nachdem Leo eingeschlafen war, zappte sie durch ein paar Fernsehprogramme, konnte sich jedoch auf nichts konzentrieren. Immer wieder musste sie an Tina denken. Wo mochte sie gerade sein? Wollte sie wirklich nur irgendwo etwas trinken gehen? Oder machte sie Dummheiten und war schon auf dem Weg zu Kurt, um ihn zur Rede zu stellen? Andererseits wusste sie seine Adresse nicht. Hoffentlich fand sie ihn nicht durch einen dummen Zufall und verriet ihm, dass Jessi und Leo auch hier waren. Das würde die Überraschung verderben, denn morgen wollte sie zu Bobbys Wohnung gehen, unten stehenbleiben, ihn anrufen und ihm mitteilen, dass sie schon ganz in seiner Nähe war. Wie würde er wohl reagieren? Würde er tatsächlich voll Freude zu ihnen herauskommen und sie in die Arme schließen? Irgendwann wurde sie müde und legte sich schlafen.

Als Jessi am nächsten Morgen erwachte, lag Tina ruhig im Bett neben ihr und schlief. Eine Alkoholfahne lag schwach über ihr. Fast widerwillig betrachtete Jessi ihr Gesicht. Sie fragte sich, warum sie nicht richtig warm mit Tina wurde, sondern ihr immer noch misstraute. Dafür bestand kein Grund. Tina war arm dran. Dennoch musste sie ein Schaudern unterdrücken, als sie sich abwandte.
   Leo war gerade aufgewacht, und Jessi nahm ihn aus seinem Reisebettchen und auf den Schoß. Er war noch verschlafen und legte sein Köpfchen an ihre Brust, während er auf seinem Schnuller nuckelte. Sanft strich Jessi über sein Haar und genoss die stillen Minuten allein mit ihrem Sohn.
   Was mochte in einem Mann wie Bobby vorgehen, wenn er Frau und Kind verließ, um irgendwo ein neues Leben aufzubauen? Er hatte seinen Sohn nur während der ersten Monate seines Lebens gekannt. Und während dieser Zeit hatte er gut für ihn gesorgt. Er war nicht gerade das, was man einen zärtlichen Vater nannte. Abgesehen von der Geburt hatte er Leo nur wenige Male kurz auf dem Arm gehalten und ihr jedes Mal schnell wieder übergeben. Aber er hatte, zumindest bis zu seinem Weggang, stets dafür gesorgt, dass es ihr und damit Leo finanziell an nichts fehlte. Aber zum Vater sein gehörte mehr dazu. Musste er nicht Sehnsucht nach seinem Sohn haben, besorgt über sein Wohlergehen sein? Und über ihres? War ihm seine Arbeit wichtiger als seine Familie? Oder steckte wirklich etwas Anderes – oder eine Andere – dahinter?
   Jessi ging duschen und nahm Leo dazu mit ins Badezimmer. Sie wollte ihn nicht mit Tina allein lassen, obwohl sie wusste, dass dazu kein Grund bestand. Während sie sich fertigmachte, saß er auf einem Handtuch auf dem Fußboden und spielte mit seiner Dinosaurierfigur.
   Als sie ins Zimmer zurückkam, war Tina wach.
   »Morgen«, grüßte sie vom Bett aus und reckte sich wie eine Katze.
   Jessi sah, dass sie nackt war, zumindest ihr Oberkörper, und erneut regte sich Widerwillen in ihr. War es der Gedanke, neben einer nackten, im Grunde fremden Frau geschlafen zu haben? Oder lag es daran, dass sie ihr immer noch misstraute? Jessi wandte sich ab und hoffte, Tina so schnell wie möglich wieder los sein. Sollte sie wirklich längere Zeit hierbleiben, könnte Tina ja mit dem Zug nach Hause zurückfahren. Wenn Kurt ihr das Geld, das er ihr noch schuldete, zurückgegeben hatte, konnte sie sich die Fahrt ja leisten.
   »Wann bist du denn zurückgekommen?«, erkundigte sie sich. »Ich hab dich gar nicht kommen hören.«
   »Ich war ganz leise, wollte euch nicht wecken. Es war schon spät.«
   »Und was hast du so gemacht?«
   »Ach, ich bin eigentlich nur ein bisschen rumgelaufen, hab mir die Beine vertreten. Am Schluss hab ich noch in einer Bar einen Drink genommen. Ich glaube, ich hatte gehofft, zufällig Kurt zu treffen. Dann wäre alles ganz schnell erledigt gewesen. Aber niemand konnte mir etwas sagen.«
   Jessi wurde hellhörig. »Was, hast du etwa nach ihm gefragt?«
   Ja, was dann? Was dachte sie denn da? Aber sie kam einfach nicht gegen die warnende Stimme in ihrem Kopf an.
   »Nee, seinen Namen hab ich nicht genannt. Ich erzählte, dass ich meinen Bruder suche, der sei in einem MC, der hier neu gegründet wurde. Aber niemand wollte mir etwas sagen.«
   Das wunderte Jessi nicht. Motorradklubs trugen ihr Wissen nicht an die Öffentlichkeit und erzählten schon gar nicht jedem Dahergelaufenen, wo jemand zu finden war. Aber vielleicht hatte Tina auch nur die falschen Leute gefragt.
   »Warum hast du das denn gemacht? Nachher rufe ich Bobby an, er weiß doch, wo Kurt wohnt, und dann kannst du mit ihm sprechen.«
   Tina führte die rechte Hand zum Mund und begann, auf den Nägeln herumzukauen. »Ich dachte, ich finde heraus, wo das Klubhaus ist.«
   Jessi riss die Augen auf. »Und dann? Was hätte dir diese Information genützt?«
   Tina antwortete nicht, knabberte weiter und sah Jessi nicht an.
   »Jetzt sag nicht, du wärst einfach dahingelaufen. Bist du bescheuert?« Jessi war fassungslos. »Ich will Bobby überraschen, hast du das schon vergessen? Du hättest alles kaputtmachen können.«
   Da Tina immer noch nicht antwortete, begann Jessi, sich umzuziehen. Hinter sich hörte sie Tina, die aufstand und ins Bad ging. Nun tat sie ihr fast leid. War sie zu hart gewesen? Aber wie stellte sich Tina das vor? Sie waren gemeinsam hergekommen, da konnte sie nicht einfach auf eigene Faust Entscheidungen treffen.
   Sie fütterte Leo und zog auch ihn an. Tina kam aus dem Bad.
   »Wollen wir etwas frühstücken gehen?«, schlug Jessi versöhnlich vor. Sie musste aufhören, Tina so argwöhnisch zu behandeln. Sie hatte es doch nicht böse gemeint, als sie versuchte, Kurt zu finden. Finanziell sah es nicht gut bei ihr aus, war doch klar, dass sie ihre Kohle nach einem Jahr Wartezeit nun endlich zurückhaben wollte.
   »Klar«, erwiderte Tina einsilbig.
   Kurz darauf fuhren sie in Richtung Innenstadt. Jessi hatte Bobbys Adresse ins Navi eingegeben. Bevor sie etwas aß, wollte sie schon einmal die Gegend, in der er lebte, vom Auto aus sondieren. Das Herz schlug ihr vor Aufregung bis zum Hals, als sie die Straße, in der er lebte, entlangfuhr. Vielleicht würden ja auch sie und Leo eines Tages hier wohnen? Zumindest zeitweise. Sie konnte nicht sagen, ob sie nicht irgendwann Heimweh nach Stuttgart bekommen würde, zumal dort ihre beste Freundin lebte. Es war eine ganz normale Wohnstraße, vollkommen unauffällig. Das Haus, in dem er lebte, war zu Jessis Enttäuschung ein mehrstöckiger Block. Sie versuchte, sich ihn in dieser Umgebung vorzustellen. Er hatte schon immer hochtrabende Träume gehabt, hatte ihr einst eine Villa versprochen.
   »Nicht mehr lange, Baby«, hatte er gesagt und den Arm um ihre Schulter gelegt. »Unser Fuhrunternehmen nimmt Fahrt auf. In Kürze kriegen wir die ersten richtig großen Aufträge, und dann baue ich dir dein Traumhaus. Wenn du willst, eine Villa mit eigenem Swimmingpool und allem Pipapo.«
   Oder befand sich diese Villa bereits im Bau, und er lebte hier nur übergangsweise?
   Erneut durchzuckte sie der unwillkommene Gedanke. Was, wenn er inzwischen eine neue Frau hatte? Wenn er seinen überstürzten Wegzug gleich für einen kompletten Neubeginn genutzt hatte? Vielleicht war er inzwischen sogar schon wieder Vater geworden und würde sie auslachen, wenn sie vor ihm stand und ihm Leo präsentierte? Was, wenn er inzwischen wirklich eine Villa besaß und eine fremde Tussi darin wohnte? Würde sie ihren Zorn dann im Zaum halten können?
   Nur wenige Gehminuten von Bobbys Wohnung entfernt entdeckte Jessi im Vorbeifahren ein Café und einen freien Parkplatz. Kurz entschlossen fuhr sie hinein und stellte den Motor aus.
   »Zeit für ein Frühstück.«
   Während sie Leo aus seinem Kindersitz hob, begann ihr Herz, schneller zu schlagen. Bobby wohnte hier gleich um die Ecke. Es bestand durchaus die Möglichkeit, dass er öfters hier in diesem Café saß, und warum nicht gerade jetzt? Dann könnten sie gleich zusammen frühstücken, und sie würde sehen, wie er auf das Wiedersehen mit ihr und Leo reagierte.
   Doch im Café saßen nur drei Freundinnen an einem runden Tisch und zwei einzelne Männer standen an Stehtischen, keiner davon war Bobby. Jessi bestellte sich einen Cappuccino und ein Baguette mit Putenbrust und Käse.
   Tina war blass und ungewohnt schweigsam. Jessi bemerkte, wie unruhig ihre Blicke hin und her huschten. Immer wieder sah sie aus dem Fenster.
   »Was ist mit dir? Du wirkst so nervös.« Ja, es schien, als hätte Tina Angst.
   »Mir geht’s gut«, antwortete Tina leise.
   »Hast du keinen Hunger? Du kannst die Hälfte von meinem Baguette haben, es ist viel zu groß für mich allein.«
   Tina schüttelte den Kopf. »Danke, ich krieg nichts runter.« Sie nippte an ihrem schwarzen Kaffee. »Ist noch zu früh morgens«, setzte sie hinzu.
   »Ich bin auch froh, wenn ich es hinter mir habe«, fuhr Jessi fort. »Ich hab keine Ahnung, wie Bobby reagiert, wenn wir so unerwartet vor ihm stehen.« Sie hatte das Gefühl, reden zu müssen, um die Stimmung erträglicher zu machen. Leo schien davon nichts zu spüren, er plapperte fröhlich vor sich hin und knabberte an einem Brötchen.
   Schließlich lehnte sich Jessi in ihrem Stuhl zurück und atmete tief durch. »Also gut, Leo und ich gehen dann mal los. Ich weiß ja nicht einmal, ob Bobby gerade zu Hause ist, aber wo wir schon mal in der Nähe sind, will ich gleich mal bei ihm klingeln. Wenn nicht, rufe ich ihn nachher an. Willst du hier auf uns warten?«
   Tina nickte hektisch und schien noch bleicher zu werden. Doch plötzlich sprang sie auf. »Ich komme doch mit. Vielleicht kann er mir gleich sagen, wo ich Kurt finde.«
   Jessi schnallte Leo in seinem Buggy an, und sie verließen das Café. Während sie die Straße entlanggingen und sich Bobbys Wohnhaus näherten, stieg ihre Nervosität. Wie würde Bobby reagieren, wenn plötzlich seine Freundin und sein Sohn vor ihm standen?
   Das Haus kam in Sicht, und Jessis Herz klopfte schneller. Besonders, als sie beobachtete, wie zwei Männer aus der Tür traten. Sie erkannte Kurt sofort. Er hatte etwas an Gewicht zugelegt, und sein kantiger Schädel war immer noch von stoppelkurzen Haaren bedeckt. Seinen Begleiter kannte sie nicht, er war jünger und schlank. Beide gingen zügig auf den Parkplatz vor dem Haus zu.
   »Kurt«, rief Jessi, ehe er einsteigen und wegfahren konnte.
   Er blieb stehen, als hätte ihn der Blitz getroffen, und wandte sich um. Seine Miene zeigte kein Erkennen, nur Misstrauen.
   »Ja?«, fragte er unwillig.
   Inzwischen waren sie bis auf wenige Schritte herangekommen. »Ich bin’s, Jessi. Erkennst du mich nicht mehr?« Aus den Augenwinkeln sah Jessi, dass Tina immer weiter hinter ihr zurückblieb. Was war los mit ihr? Hatte sie Angst? Das hier wäre doch die ideale Gelegenheit, die Sache sofort zu klären.
   Kurt musterte sie aus zusammengekniffenen Augen, ließ seine Blicke über Leo und Tina wandern und schließlich wieder zu ihr. »Hilf mir auf die Sprünge«, sagte er.
   Jessi war enttäuscht. Immerhin war sie die Freundin seines Kumpels, und wenn sie sich auch nur ein paar Mal kurz gesehen hatten, so hatte sie ihn doch sofort wiedererkannt.
   »Bobbys Freundin«, erklärte sie.
   Kurts Augen weiteten sich erstaunt. »Jessi, sagst du?« Noch einmal musterte er sie gründlich, zugleich schien er in seinem Gedächtnis zu kramen. Dann hellte sich sein finsteres Gesicht auf, und plötzlich wirkte er fast freundlich. »Klar! He, sorry, ich hab ein ganz mieses Gesichtergedächtnis.« Er hielt ihr die Hand zum Gruß hin.
   Jessi drückte sie. »Kein Problem. Ist ja schon eine Weile her.«
   Kurt starrte Leo an. Der guckte unbeeindruckt zurück und nuckelte auf seinem Schnuller. »Dann ist der junge Mann hier euer Sohn?«
   Jessi nickte. »Ja. Und das ist ein gutes Stichwort. Wir wollen ihn mit unserem Besuch überraschen.« Sie lächelte vorfreudig.
   Kurts Augen verengten sich wieder. »Das geht nicht so einfach.«
   »Wie bitte? Warum nicht?«
   »Er hat gerade viel zu tun.«
   Jessi starrte den bulligen Mann erstaunt an. »Das hat er seit einem Jahr. So lange warten wir schon auf ihn.«
   »Ich sag ihm, dass du hier bist, okay? Dann kann er dich anrufen, wenn er will.«
   Wenn er will? Hatte sie sich verhört? Plötzlich wurde sie sauer. »Er hat zu wollen«, erwiderte sie heftig. Sie sah zum Haus. »Ist er zu Hause? Dann kann er mir gleich alles selbst erklären.«
   »Er ist nicht da. Ich sagte doch, dass er keine Zeit hat.«
   »Auch gut. Dann richte ihm doch aus, dass sein Sohn hier ist. Und auch ich habe nicht ewig Zeit, das kannst du ihm ebenfalls sagen.« Sie sah Kurt so verächtlich wie möglich an. »Seit wann bist du sein Bediensteter?«
   Auch Kurts Gesicht verfinsterte sich. »Pass auf, was du sagst.« Seine Blicke fixierten einen Punkt hinter ihr. Mit einer Bewegung des Kopfes wies er hin. »Wen hast du da mitgebracht?«
   Jessi wandte den Kopf. Tina stand ungefähr zehn Meter von ihnen entfernt und wandte ihnen den Rücken zu. Sie tat so, als beschäftigte sie sich mit ihrem Handy. Warum war sie nicht mit ihr gekommen, um Kurt nach ihrem Geld zu fragen, sondern tat so unbeteiligt, als ginge sie all das hier nichts an? Hatte sie wirklich nur Angst? Sie hatte doch genug Zeit gehabt, sich auf diese Begegnung vorzubereiten. Und wenn Kurt ihr wirklich Geld schuldete, stand es ihr zu und sie war im Recht. Kein Grund, sich zu verstecken. Der zweite Gedanke war noch beunruhigender. Waren Kurt und Tina nicht ein Paar gewesen? Selbst wenn er sich Gesichter schlecht merken konnte, würde er doch wohl seine Freundin wiedererkennen. Ihr Magen grummelte.
   »Kenn ich nicht«, erwiderte sie, ehe sie darüber nachdenken konnte. Tina musste einen Grund dafür haben, sich so merkwürdig zu verhalten. Und bei Kurts reserviertem Getue sah sie es nicht ein, ihm die Wahrheit zu sagen. »Bobby hat meine Nummer«, setzte sie hinzu.
   »Ich sag ihm, dass du hier bist«, erklärte Kurt, ohne Tinas Rücken aus den Augen zu lassen. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab, ging zu seinem wartenden Kumpel, der kein Wort gesagt hatte, und stieg mit ihm in ein Auto.
   »So ein arroganter Idiot«, schimpfte Jessi.
   Das Auto fuhr weg, und Jessi fing noch einen düsteren Blick von Kurt auf. Der Typ schien ja das Misstrauen in Person zu sein. Ein Wunder, dass er nicht gefragt hatte, wie sie ihn gefunden hatte. Wahrscheinlich war er so überrascht von ihrem Auftauchen gewesen, dass er gar nicht daran gedacht hatte.
   Tina kam zu ihr und blickte dem Wagen nach. In ihrem Gesicht standen Angst und unbändiger Hass zugleich.
   »Was war denn das eben?«, fragte Jessi. »Warum hast du so getan, als ob du nicht dazugehörst? Ich dachte, du wolltest auch mit Kurt reden.«
   »Ich hatte Angst, okay?«, rief Tina, und in ihren Augen standen plötzlich Tränen. »Er war so aggressiv, da hab ich mich nicht mehr getraut.«
   »Verstehe ich. Ich weiß auch nicht, was mit ihm los ist. War der damals auch schon so drauf? Daran kann ich mich nicht erinnern, ich hab ihn ja kaum mal gesehen.«
   Tina erwiderte nichts. Doch der wilde Ausdruck, der immer noch in ihren Augen stand, ließ Jessi zurückzucken. Hier ging es doch nicht nur um ein paar Schulden. Es musste mehr dahinterstecken. Etwas viel Schlimmeres.
   Was verheimlichte die junge Frau?

Kapitel 6

Mit klopfendem Herzen stieg Nils in Stade aus dem Zug. Unwillkürlich sah er sich um. Wurde er bereits von Bobby und dessen Schergen erwartet? Natürlich wussten sie nicht, dass er zurückgekommen war, und rechneten garantiert auch nicht damit. Aber was wäre, wenn ihn einer der Sea Crows verpfiffen hätte? Bisher stand er auf der gegnerischen Seite, und er wusste, dass die Crows ihn nicht gerade mit offenen Armen empfangen würden, auch wenn sie sich bereiterklärt hatten, dass er sich ihnen vorerst anschließen konnte. Bestimmt war der eine oder andere darunter, dem das nicht passte. Und wie könnte er ihn leichter gleich wieder loswerden, als Bobby einen Wink zu geben?
   Bis auf ein paar harmlose Mitreisende war der Bahnsteig jedoch leer. Nils schulterte seinen Rucksack und machte sich auf den Weg. Er würde direkt zum Klubhaus der Crows gehen. In seine Wohnung konnte er nicht zurück, denn dort hausten seit einiger Zeit noch zwei Männer vom Living Darkness MC. Bobby hatte darauf bestanden, dass diejenigen unter seinen Leuten, die eine eigene Wohnung hatten, Brüder ohne Bleibe aufnahmen, bis die ganze Angelegenheit geklärt war. Auf Sylt hatte er mit dem Gedanken gespielt, die Wohnung zu kündigen, weil er ohnehin nicht nach Stade zurückkehren würde. Er bedauerte seinen Vermieter, der sich mit seinen ehemaligen Kameraden würde herumschlagen müssen. Und sich selbst, denn von seinen Möbeln würde er bestimmt nichts mehr wiedersehen. Sobald die Männer erfuhren, was er getan hatte – und gewiss wussten sie das längst –, würden sie seine Einrichtung zu Kleinholz verarbeiten, spätestens, wenn sie ausziehen mussten. Doch er hatte es nicht getan. Es war, als hatte ein Teil von ihm bereits gewusst, dass er die Wohnung doch noch würde brauchen können.
   Auch seinen Job hatte er noch. Um seinem Klub in dieser schweren Zeit zu helfen, hatte er seinen kompletten Jahresurlaub genommen, und davon war gerade einmal die Hälfte rum. Allerdings ahnte er, dass es unter Umständen schwer werden konnte, wieder arbeiten zu gehen, denn natürlich wusste Bobby, wo er arbeitete. Und wie er ihn kannte, würde er bestimmt jemanden schicken, der ihn dort schon gebührend erwartete. Aber da musste er wohl durch. Er hatte diese Sache angefangen, nun musste er sie auch zu Ende bringen.
   Das Klubhaus der Sea Crows lag am Stadtrand, dorthin fuhr kein Bus. Das Geld, das ein Taxi kosten würde, wollte er lieber sparen. Er musste mit seinen wenigen Ersparnissen gut haushalten für den Fall, dass er seinen Job durch Bobbys Schuld doch noch verlor. Zum Glück ging er gern zu Fuß, und so lief er los. Widersprüchliche Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Auf der einen Seite wollte er dabei helfen, diese leidige Angelegenheit endlich aus der Welt zu schaffen und Bobby in seine Schranken zu weisen. Andererseits hatte er Angst. Bobby und seine Männer waren keine Gegner, die es einem leichtmachten. Es würden schwere Zeiten auf ihn zukommen. Oh, wie er es bedauerte, sich auf diesen ganzen Scheiß überhaupt eingelassen zu haben. Welcher Teufel hatte ihn bloß geritten, als er sich dem Living Darkness MC anschließen wollte? Kameradschaft hatte er dort gesucht, Brüderlichkeit, so, wie er es von Sylt gewohnt war. Partys mit hübschen Mädchen, gute Gespräche mit verlässlichen Freunden. Und was hatte er stattdessen bekommen? Einen größenwahnsinnigen Präsidenten, der nach der Weltherrschaft strebte und die alteingesessenen Klubs mit Krieg überzog. Mutproben hatte er begehen müssen, das Klubhaus putzen und Bobbys Freunde bewirten.
   Nils schlug den Kragen seiner Lederjacke hoch, als ihm der kalte Wind bis auf die Haut drang. Straße für Straße blieb hinter ihm zurück, der Bebau wurde spärlicher, er erreichte die Randgebiete der Stadt. Mit mulmigem Gefühl sah er sich um, wenn sich von hinten ein Auto näherte, zweimal waren es sogar Motorräder. Was, wenn ihn Bobbys Leute hier erwischten? Hier war er ein leichtes Ziel. Sie konnten ihn in den Straßengraben zerren und vermöbeln oder gar umbringen, und niemand würde etwas mitbekommen. Kurz sehnte er sich nach Sylt zurück, in die relative Sicherheit seiner Heimat. Dann schüttelte er den Kopf. Nein, er war kein Feigling. Er war nie einer gewesen und würde jetzt nicht damit anfangen. Was Bobby und seine Männer – zu denen bis vor Kurzem auch er gehört hatte – den Sea Crows und den anderen Klubs in der Umgebung antaten, konnte er nicht länger tatenlos mitansehen. Er schämte sich zutiefst dafür, eine Weile mitgemacht zu haben, und war entschlossen, seine Fehler wiedergutzumachen.
   Wenigstens zu einer Sache war Bobbys Training gut gewesen. Er kannte die Gegend hier rund um das Klubhaus der Crows inzwischen wie seine Westentasche. Sie hatten alles genau ausspähen müssen, sich jede Kleinigkeit der Umgebung einprägen. Nun war es nicht mehr weit. Er ließ das letzte Gebäude der Stadt hinter sich und folgte der Landstraße, die sich hier als gerades Band durch Wiesen und Obsthöfe zog. Vorn konnte er das Klubhaus schon erkennen.
   Und die erste Wache. Ein in schwarzes Leder gekleideter Mann trat aus dem Schatten eines Straßenbaums und warf seine Kippe weg. Er kam ihm langsam entgegen und musterte ihn von oben bis unten. Ein Stück weiter löste sich ein weiterer Mann aus den Schemen und sah ihm aufmerksam entgegen.
   »Hi«, rief Nils, und hob die Hand zum Gruß. »Ich will zu den Sea Crows. Da bin ich hier doch richtig, oder?«
   »Wer will denn das wissen?« Der Mann musterte ihn argwöhnisch von oben bis unten.
   »Ich bin Nils.« Er streckte seine Rechte aus. Die Geste blieb jedoch unerwidert, und er zog sie wieder zurück. »Euer Präsi Wolf erhielt einen Anruf von seiner Freundin Bine. Sie kündigte ihm an, dass ich mich euch anschließen will. Tja, und hier bin ich nun.« Er lächelte freundlich.
   Sein Gegenüber riss die Augen auf, und sein Misstrauen schien sich noch zu verstärken. Auch sein Kumpel war inzwischen bei ihnen angekommen. Nils versuchte, sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Wenn er diese Hürde nicht meisterte, Pech hatte und gleich an zwei Unversöhnliche geriet, konnte er gleich wieder nach Sylt zurückfahren.
   »Dann bist du der Verräter«, knurrte der Mann mit blondem Pferdeschwanz. Doch plötzlich erhellte ein Lächeln sein Gesicht. Er streckte seine Rechte Nils entgegen, der sie perplex ergriff. »Wer Bobby verrät, ist mir willkommen. Ich bin Toddel. Übrigens hast du ein Riesenglück, dass nicht Keule heute Wache hat. Was mich betrifft, ich bin dafür, dir eine Chance zu geben. Es ist noch nicht lange her, da war ein guter Kumpel in einer ähnlichen Situation wie du.«
   Der zweite Mann starrte ihm immer noch finster entgegen. Die Mütze hatte er tief ins Gesicht gezogen, und darunter funkelten misstrauisch seine Augen hervor. »Ronny«, grüßte auch er nun. »Sorry, wenn ich dir nicht sofort um den Hals falle. Ich muss mir erst ein Bild von dir machen.«
   »Verstehe ich. Ich an deiner Stelle wäre auch misstrauisch. He, ich stehe auf Bobbys Abschussliste, ich vermute, dass ich gerade sein Feindbild Nummer Eins bin. Ich habe ihn verraten und zwei seiner Brüder ins Gefängnis befördert. Das wird er mir nie verzeihen. Es steht dir frei, Bobby Bescheid zu sagen, dass ich hier bin. Dann bist du mich sofort wieder los. Doch glaube mir, ich wäre nicht zurückgekommen und würde bei euch zu Kreuze kriechen, wenn es mir nicht wichtig wäre, Bobby endlich in seine Schranken zu weisen. Was der macht, ist nicht weiter hinnehmbar, wir müssen ihm Einhalt gebieten.« Er atmete tief durch. »Tja, und dabei würde ich euch gern unterstützen und damit versuchen, meine Fehler zumindest zum Teil wiedergutzumachen.«
   Ronny starrte ihn immer noch an. »Das hat Hand und Fuß«, gab er zu. »Du hast Mumm, das muss ich dir lassen. Keine Sorge, natürlich wird Bobby kein Sterbenswörtchen von mir hören. Aber ich bin nicht sicher, ob einige unserer Brüder dir das Leben nicht schwermachen wollen.«
   »Damit nehme ich es gern auf. Mir ist klar, dass ich mich bei euch erst beweisen muss.«
   Plötzlich lächelte Ronny. »Also dann: Willkommen bei uns. Komm, wir bringen dich zu den anderen. Ich fürchte, du wirst heute sehr viel reden müssen.«
   Nils lachte. »Das macht nichts. Meine Mutter hat immer gesagt, wenn ich mal sterbe, müsste man meinen Mund extra totschlagen, weil ich so viel quatsche.«
   Zwischen den beiden Sea Crows näherte sich Nils dem Klubhaus. Das erste, was ihm auffiel, waren die Reste des völlig zerstörten Zauns. Der kleine Teil, der noch stand, hing ziemlich schief, und auf dem zerwühlten Boden lagen Splitter und Holzfragmente herum. Auf einem Großteil der ehemaligen Länge hatten Member die Reste der Umzäunung bereits entfernt und aufgeräumt.
   »Was ist denn hier passiert?«, rief er erschrocken.
   »Gestern Abend hatten wir Besuch von deinen ehemaligen Brüdern. Sie kamen mit einem Schneepflug, walzten den Zaun nieder und zerstörten eines unserer Autos. Tja, ausgerechnet meins … Am Ende bedrohten sie uns noch mit Schusswaffen, ehe sie abhauten.«
   »Meine Güte!« Nils war schockiert über das Ausmaß der Zerstörung. »Dass der so weit geht … Nun bin ich doppelt froh, hergekommen zu sein. Uns fällt schon etwas ein, wie wir diesen Irrsinn stoppen können.«
   »Hoffen wir’s«, sagte Toddel und öffnete die Tür.
   Beklommen betrat Nils das Klubhaus seiner ehemaligen Feinde. Er war sich darüber im Klaren, dass dieser Tag doch noch ein böses Ende nehmen konnte. Und er würde es den Crows nicht einmal krummnehmen können, wenn sie ihm zur Begrüßung erst einmal ein paar verpassten.
   Schon während er sich dem Klubzimmer näherte, hörte er lautes Stimmengewirr. Plötzlich schlug ihm sein Herz bis zum Hals, etwas, das er sonst nicht an sich kannte, und er wappnete sich gegen mögliche Angriffe verbaler oder physischer Art.
   Toddel stieß die Tür auf und ließ Nils vorausgehen. Die Gespräche erstarben augenblicklich, und rund zwei Dutzend Augenpaare starrten ihm entgegen. Neugierig, misstrauisch, freundlich oder aggressiv.
   »Hallo«, grüßte er. »Ich bin Nils. Ihr wusstet ja schon, dass ich komme.«
   »Hi. Ich freue mich, dass du tatsächlich gekommen bist.«
   Zu Nils riesiger Erleichterung erhob sich ein großer Mann, den als er Wolf, den Präsidenten, wiedererkannte, und hielt ihm die Hand zum Gruß hin.
   Erleichtert drückte Nils sie. »Natürlich. Ich halte mein Wort.«
   »Das wird sich zeigen«, knurrte jemand, ein etwas fülliger Kerl mit braunen Haaren. Wie hieß er noch, Keule? Nils hatte ihn auf Sylt bereits kurz kennengelernt. Warum ausgerechnet er so schlecht auf ihn zu sprechen war, konnte er sich nicht erklären. Keule hatte doch an Ort und Stelle miterlebt, wie dankbar Angie und die anderen ihm für seine Hilfe waren.
   Nils holte tief Luft und sah in die Runde. »Für die, die es vielleicht noch nicht wissen: Ich will mich euch anschließen. Ihr wisst, dass ich Bobby verraten habe. Deshalb wollte ich auf Sylt bleiben und in meiner Heimat wieder Fuß fassen, ehe ich in Stade Bobby über den Weg laufe und der Kleinholz aus mir macht.«
   »Dazu hätte er allen Grund«, murmelte Keule finster.
   Nils ließ sich nicht beirren. »Aber ich habe nachgedacht. Es geht nicht. Mich zu verstecken wäre feige. Das, was Bobby da abzieht, ist das Allerletzte. Es wird höchste Zeit, dass man ihm Einhalt gebietet. Ich weiß, dass es noch mehr Männer gibt, die dort weg wollen, sich aber nicht trauen. Ich will mich auf eurer Seite gegen Bobby stellen.«
   »Es gibt da ein Problem«, grollte Keule. »Ich traue dir nicht.«
   »Ist doch kein Wunder«, räumte Nils offen ein. »Bis vor Kurzem standen wir auf gegnerischen Seiten.« Er grinste. »Wenn ich euch etwas Böses wollte, lägt ihr schon längst alle auf dem Boden.«
   Einige lachten, und zu Nils’ Erleichterung lockerte das die bisher angespannte Stimmung. Er konnte leichter atmen.
   »So ein Angeber«, brummte Johnny und versuchte, sich das Grinsen zu verkneifen.
   »Ihr könnt ihm vertrauen«, ergriff Wolf für ihn Partei. »Also ich tue es. Ohne ihn wäre Angie verloren gewesen.«
   »Und er hat Joe und Ralf nicht verraten, wo das Haus ist«, stimmte Johnny ihm zu. »Nichts wäre leichter gewesen, als ihnen einen Hinweis zu geben. Sie hätten die Mädels nur einsammeln brauchen, und bestimmt wäre Bobby ihm für seine Hilfe sehr dankbar gewesen. Stattdessen hat er geschwiegen und Nele, Bine und Angie damit beschützt.« Er atmete tief durch. »Ich traue ihm ebenfalls.«
   Wolf sah Nils prüfend an. »Gibst du uns hier, vor allen Brüdern als Zeugen, dein Ehrenwort?«
   »Natürlich.«
   »Dann kann doch wohl nicht wahr sein«, rief Keule. »Du kannst doch nicht …«
   »Ich glaube ihm, Keule. Er hat bewiesen, dass er Bobby den Rücken gekehrt hat. Es ist wahr, ohne seine Hilfe wäre Angie jetzt Bobby und seinen Männern ausgeliefert, und ich mag mir nicht vorstellen, was sie mit ihr anstellen würden, um uns mit ihr zu erpressen. Und nicht nur das, er hätte auch Bine und Nele ganz einfach in die Finger kriegen können. Somit hat er nicht nur unseren Frauen, sondern uns allen geholfen. Meinetwegen kann er sich uns vorerst anschließen.« Wolf sah fragend in die Runde. »Also, Männer? Was haltet ihr davon?«
   Bis auf Keule stimmten alle zu. Schließlich knickte er ein und zuckte die Schultern. »Was soll’s. Immer noch besser, wir haben ihn bei uns in der Nähe. So können wir ein Auge auf ihn haben.«
   »Das stimmt«, sagte Wolf. »Also ist es abgemacht. Wenn du willst, kannst du bei uns mitmachen, Nils. Aber wir beobachten dich. Und sollten wir auch nur das geringste Gefühl haben, dass du uns verarschst, wirst du es bereuen.«
   »Schon klar. Ich hab ein reines Gewissen.«
   »Gut.« Wolf lächelte und wirkte genauso erleichtert, wie sich Nils fühlte. »Dann nimm dir mal ein Bier. Wir haben einen Grund, anzustoßen.«
   Froh nahm Nils die Flasche entgegen, trank jedoch noch nicht. »Es gibt da noch ein Problem«, sagte er.
   Sofort verfinsterten sich einige der gerade noch lächelnden Gesichter, und besonders Keule kniff misstrauisch die Augen zusammen.
   »Was denn?«, fragte Wolf.
   »Ich kann nicht in meine Wohnung zurück. Die wird von ein paar ehemaligen Brüdern belagert, mit denen ich sie teilen musste. Und von heute auf morgen finde ich sicher auch keine neue. Natürlich mach ich mich morgen gleich auf die Suche. Es wird schon …«
   Wolf hob die Hand. »Das soll ein Problem sein? Du kannst erst einmal hier pennen, wenn dir eine Luftmatratze reicht. Es ist etwas eng, weil wir schon einige Gäste haben, aber ich denke, für ein paar Tage dürfte das gehen.«
   »Klar, Mann.« Nils grinste erleichtert. »Danke.«
   Gleich darauf stießen eine Menge Bierflaschen klirrend gegen seine, und er genoss diesen Drink ganz besonders. Er würde alles tun, um das Vertrauen, dass diese Männer in ihn setzten, zu rechtfertigen und sich zu beweisen. Ihm fiel auf, dass lediglich Keule für sich allein trank, und er konnte sich einfach nicht erklären, was mit ihm los war. Nun, er würde es schon herausfinden.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.