Wenn dir nur noch dein Feind als Ausweg bleibt. Würdest du ihm folgen?

Als Anja Zimmermann in den USA-Urlaub fliegt, hat sie vor allem den Wunsch, ihren untreuen Verlobten hinter sich zu lassen. Das gelingt ihr auch recht gut, bis sie in einem Lebensmittelgeschäft in einen Überfall der kubanischen Untergrundorganisation ´La Mano de Cuba´ gerät. Ehe sie sich versieht, wird sie vom Anführer der Organisation Santos Perez und dessen attraktivem, aber unnahbarem Bruder Ramon in die undurchdringlichen Wälder der Sierra Nevada verschleppt. Schon bald wird klar, dass Anja keine Chance hat, den brutalen Entführern lebend zu entkommen. Eines Nachts taucht Ramon an ihrem Bett auf und macht ihr den gefährlichen Vorschlag, mit ihm durch die Wildnis zu fliehen …

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ISBN: 978-9963-52-030-5

Seiten: 407

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Alexandra Stefanie Höll

Alexandra Stefanie Höll
Alexandra Stefanie Höll wurde 1975 in Bühl/Baden geboren. Nach dem Abitur am technischen Gymnasium folgte das Studium an der Fachhochschule für Finanzen in Ludwigsburg, das sie 1998 als Dipl. Finanzwirtin beendete. Seit 1999 ist sie in der Finanzverwaltung tätig. Sie wohnt mit ihrem langjährigen Lebensgefährten und vier streichelsüchtigen Fischen in Baden-Württemberg. Schon als Teenager verschlang sie einen Roman nach dem anderen und war praktisch ständig mit Büchern unterm Arm anzutreffen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. 2006 begann sie, quasi von einem Moment zum nächsten, mit dem Schreiben. Wenn sie eine Idee für ein Buch hat, tippt sie einfach drauflos. Oft startet sie nicht nur mitten in der Nacht mit dem Schreiben, sondern auch mitten in der Handlung und springt dann wild in den Kapiteln hin und her. In ihren Augen lebt ein Roman von dem Gefühl, hautnah dabei zu sein und vollkommen in die Welt darin abtauchen zu können. Ihre Geschichten bewegen sich im Bereich Liebesroman, gewürzt mit einem Hauch Abenteuer und Spannung. Ihre bisher veröffentlichten Romane „Wie weit du auch gehst …“ (April 2013, bookshouse-Verlag), „Wo immer du bist, Darling …“ (November 2013, bookshouse-Verlag) und „Wie Flammen auf Eis ...“ (Juni 2014, bookshouse-Verlag) und „Allein mit dem Feind“ (November 2015, LYX-Verlag) erreichten alle die Top Einhundert der aktuellen Kindle-Bestseller. Derzeit arbeitet sie an ihrem sechsten Roman.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1.
Der falsche Moment

Deutschland, Frankfurt, 22.08.2007, 11:30 Uhr

Anja starrte mit einem mulmigen Gefühl auf die blau-grau gestreifte Nase der riesigen United Airlines Maschine. Das Flugzeug parkte direkt vor ihren Füßen, lediglich getrennt durch die großen Glasscheiben des Frankfurter Flughafens. Sie konnte noch nicht fassen, was sie hier tat. In wenigen Minuten würde sie in diese Maschine steigen.
   Allein. Ohne Freundin. Ohne Reisegruppe. Und ganz sicher ohne ihren Verlobten Richard. Verzeihung, Exverlobten.
   Das Unwohlsein wich geballter Wut, als ihr wieder bewusst wurde, dass sich ihr vermeintlicher Traummann vor gerade mal fünf Wochen als untreuer Fiesling entpuppt und ihr Leben aus der Bahn geworfen hatte. Dieser ganze Schlamassel war überhaupt erst der Grund, warum sie nun in regelrechter Mission Impossible vor ihrem erklärten Angstgegner stand, der sich in allem spiegelte, was irgendwie mit Enge zu tun hatte.
   Eine Frauenstimme perlte aus den Lautsprechern und riss Anja in die Gegenwart zurück. War da eben ihre Flugnummer aufgerufen worden? Rasch suchte sie nach dem Ticket. Sie hegte schon die irrwitzige Hoffnung, sie hätte es vielleicht verloren, da entdeckte sie das Pappkärtchen hinter dem Reisepass.
   Die Anzeige über Gate B 22 begann grün zu blinken. Flug 2314 nach San Francisco war bereit zum Boarding.
   Anja griff nach ihrem Handgepäck. Tief ein- und ausatmend steuerte sie die bildhübsche Stewardess an und reichte ihr die Bordkarte.
   »Guten Flug.« Die Frau lächelte zum sicher millionsten Mal.
   Anja wagte sich zögerlich in die Schleuse. Die Rollen ihres Trolleys ratterten auf dem geriffelten Boden, als wollten sie ihr den Ernst der Lage vermitteln. Meter für Meter näherte sie sich der Maschine, bis sie schließlich, wie von einer fremden Macht gestoppt, vor dem Eingang stehen blieb. Sie schob sich zur Seite und drückte den Rücken an die Wand der Gangway.
   Ohne dass sie es verhindern konnte, verkrampften sich ihre Finger. Hier stand sie nun. Anja Zimmermann, Krankenschwester, achtundzwanzig Jahre alt, mit schrecklicher Platzangst und hatte vor, ausgerechnet in ein Flugzeug zu steigen.
   Mit geschlossenen Augen zwang sie sich, gleichmäßig zu atmen. Sie durfte jetzt nicht in Panik ausbrechen.
   Carolin hatte recht. Das würde bestimmt eine wundervolle Reise werden. Der Amerikatrip war die Idee ihrer besten Freundin Carolin Schuster gewesen. Die reiseerprobte Journalistin schwor darauf, dass es nichts Wirkungsvolleres gegen Liebeskummer gebe als Urlaub oder einen infernalen Rachefeldzug. Da Letzteres nicht Anjas Natur entsprach, hatte sie sich für die Reise entschieden.
   Beinahe widerwillig lenkte sie ihren Blick auf das drohende Unheil. Den Einstieg.
   Ganz ruhig, du kannst das. Geh einfach weiter. Das Flugzeug ist doch gar nicht so eng.
   Sie wiederholte diese Gedanken gleich einem Mantra, bis sie spürte, dass sie Wirkung zeigten. Mit den Fingern strich sie wie Kraft suchend über den kleinen, kleeblattförmigen Anhänger am Reißverschluss ihrer Tasche, den Carolin ihr als Glücksbringer geschenkt hatte. Dann machte sie, wie einst Neil Armstrong auf dem Mond, einen beherzten Schritt und trat in die Maschine.
   »Willkommen an Bord, Frau Zimmermann«, begrüßte ein Flugbegleiter sie nach kurzer Einsicht der Bordkarte und bot ihr eine Auswahl an Zeitschriften an.
   Anja lehnte dankend ab. Sie hatte keine Zeit zum Lesen, weil sie vermutlich damit beschäftigt sein würde, Schreckensvisionen von brennenden Flugzeugwracks zu verscheuchen. Sie holte Luft und wappnete sich für den Marsch durch den schmalen Gang. Ohne dem beängstigend knappen Raumangebot übermäßige Aufmerksamkeit zu schenken, bahnte sie sich einen Weg zu ihrem Platz.
   Sie hatte einen Sitz am Gang ergattert, man konnte ja nie wissen. So hatte sie wenigstens Auslauf, falls das permanente Bedürfnis, voller Panik durch das Flugzeug rennen zu müssen, irgendwann die Oberhand gewann.
   Sie verstaute ihr Handgepäck und nahm Platz. Auf der Suche nach Ablenkung schnappte sie sich die Karte mit den Sicherheitsbestimmungen und studierte den Verlauf der Notausgänge. Trotzdem begannen ihre Finger zu zittern, als sich die Maschine in Bewegung setzte.
   Beinahe augenblicklich blitzten neue Katastrophenbilder durch ihren Kopf, noch viel schauriger als bisher. Hastig steckte sie die Karte ins Fach zurück und krallte sich an der Armlehne fest. Das Flugzeug bog bereits auf die Startbahn ein, was das Ganze noch verschlimmerte.
   Anja schloss die Augen und schaffte es während des gesamten Startvorgangs nicht, diese wieder zu öffnen. Erst als ein sanftes »Bing« das Erlöschen der Anschnallzeichen verkündete, entspannte sie sich etwas. Den Gurt weiterhin festgezurrt klickte sie sich durch das Filmangebot. Als sie einige Zeit später in Turbulenzen kamen, schob sie ihr Unbehagen energisch beiseite und versuchte, sich weiter auf den Film zu konzentrieren. Nachdem das Flugzeug zum dritten Mal ein Luftloch getroffen hatte, gab sie auf.
   Mit zitternden Fingern wühlte sie in ihrer Bauchtasche nach den Beruhigungstabletten, die Carolin ihr vorsorglich zugesteckt hatte. Um sicherzugehen, nahm sie gleich die doppelte Menge der empfohlenen Dosis.
   Schon wenig später betrachtete sie beschwingt und heiter ihr Umfeld. Selbst wenn das Flugzeug als brennender Feuerball ins Meer gestürzt wäre, hätte es sie nicht gekümmert.
   Irgendwann fielen ihr die Augen zu. Selig dösend bekam sie nichts mehr mit. Sie verschlief den garantiert eindrucksvollen Blick auf Grönland, den Anflug, die Durchsagen des Kapitäns, einfach alles, und wurde erst wieder wach, als die Stewardess zunächst sanft, dann immer resoluter an ihrer Schulter rüttelte.
   »Frau Zimmermann, wir sind gelandet«, sagte sie freundlich, aber mit besorgtem Stirnrunzeln.
   »Ach … Ja. Gut.« Benommen rappelte sich Anja auf und verließ als Letzte die Maschine.
   Erst, als sie wenig später im strahlenden Sonnenschein auf den Shuttlebus zur Autovermietung wartete, wurde ihr klar, dass sie wirklich angekommen war.
   Sie befand sich in den USA. Halleluja.
   Eine Woche lang stürzte sie sich voller Begeisterung auf die Sehenswürdigkeiten der Stadt, dann brach sie am frühen Morgen zu ihrem nächsten Ziel, dem Yosemite NP, auf.

Kalifornien, Mariposa, 30.08.2007, 09:40 Uhr

Anja fiel es in dem Moment ein, in dem sie einige Stunden später in Mariposa ihre Kosmetiktasche aus dem Trolley nahm: Sie hatte ihre kompletten Duschsachen im Bay Motel vergessen.
   Wie zu Hause üblich hatte sie die Fläschchen in der Dusche stehen lassen. Nur, dass sie leider nicht zu Hause war. Sie hatte keinen Gedanken daran verschwendet, sie mitzunehmen, war nur darauf aus gewesen, so früh wie möglich die Weiterreise anzutreten. Und das passierte ihr gleich in dem ersten Motel, das sie verlassen hatte. Hätte das nicht in drei Wochen, am Ende der Reise, sein können?
   Anja seufzte. Es half nichts. Sie konnte sich von nun an ihre Haare mit Motelseife waschen oder sich auf die Suche nach einem Laden begeben.
   Frustriert sah sie auf die Uhr. Eigentlich wollte sie in einer Stunde zum Yosemite losfahren. Das würde wahrscheinlich knapp werden.
   Sie schnappte sich ihre Zimmerschlüssel und verließ das Motel. Wenn sie sich nicht irrte, hatte sie einen Drugstore nicht weit vom Motel entfernt gesehen.
   Der Morgen war zwar wundervoll klar, dafür aber etwas kühl. Anja überlegte schon, ob sie umdrehen und ihre Jacke holen sollte, da erspähte sie den Laden.
   Kellerman’s Drugs prangte in blauer Schrift auf dem Schild über der Tür. Der Shop sah zwar nicht vielversprechend aus, aber Anja wollte beim besten Willen ihre Zeit nicht mit Suchen verplempern.
   Sie trat durch die Eingangstür. Ein Glöckchen bimmelte. Der Laden lebte von drei niedrigen Regalreihen, bot dafür jedoch eine beeindruckende Auswahl an Zigaretten und Alkohol.
   Sie nickte einem älteren Mann hinter der Theke – wahrscheinlich Mr. Kellerman höchstpersönlich – freundlich zu und machte sich auf die Suche.
   Im zweiten Regal wurde sie fündig. Anja nahm das Shampoo heraus und suchte nach dem Preis.
   »7.99 $«, las sie entgeistert. Puh, nicht gerade billig.
   Als die Türglocke erneut bimmelte, sah sie kurz auf. Zwei Männer mit Sonnenbrillen und tief in die Stirn gezogenen Cowboyhüten betraten den Store.
   Ihr fiel sofort der südländische Touch der beiden auf: gebräunte Haut, dunkles Haar. Sie schätzte ihr Alter auf Anfang bis Mitte dreißig. Vielleicht Spanier, dachte sie und musterte die Männer genauer.
   Der ältere war stämmig, erinnerte etwas an einen Boxer. Der jüngere, größere besaß eine durchtrainierte Figur und strahlte eine Ruhe aus, die man schon beinahe als gefährlich bezeichnen konnte. Irgendwie wirkten die beiden trotz ihres europäischen Aussehens nicht wie Touristen. Vielleicht lag es an der Art, wie sie den Laden betraten. Nicht zögernd, neugierig wie sie, sondern forsch und zielstrebig.
   Anja konnte nicht sagen, warum, aber plötzlich rieselte ein unangenehmes Gefühl ihren Rücken hinab, das sich verstärkte, als der gedrungene Mann zu ihr herübersah und dann die Auslage von Zeitschriften einige Meter neben ihr ansteuerte. Der andere Typ musterte sie ebenfalls kurz, ging jedoch unbeirrt in Richtung Theke. Ohne weiter nachzudenken, stellte sie das Shampoo zurück.
   Motelseife klang eigentlich gar nicht so schlecht …
   Sie musste hier raus!
   Zügig in Richtung Ausgang marschierend, schalt sie sich eine hysterische Kuh, weil sie wegen zwei wahrscheinlich total harmloser Männer kopflos aus dem Laden floh, allerdings nur so lange, bis der Boxertyp sie beim Vorbeigehen am Handgelenk packte.
   »Autsch, was soll das?«, verlangte sie auf Englisch zu wissen und versuchte, ihren Arm zu befreien.
   Alles, was sie damit erreichte, war, dass ihr Widersacher sie auch noch an den Haaren packte und ihren Kopf zurückriss. Anja wurde erst wütend, dann schlug das Gefühl in Angst um, als er ein übel aussehendes Taschenmesser neben ihrem Kinn aufschnappen ließ. Sie keuchte. Was um Himmels willen wurde hier gespielt?
   »Du und ich, wir machen jetzt einen kleinen Ausflug, chica«, ätzte er in ihr Ohr und schob sie gleichzeitig zur Theke.
   Der große Südländer verfolgte das Ganze mit versteinerter Miene und hinter dunklen Brillengläsern undeutbarem Blick. Er sprach kein Wort, nur die Wangenmuskeln arbeiteten in dem hageren Gesicht.
   Anja blinzelte ihn Hilfe suchend an, worauf der Typ nicht reagierte. Stattdessen drehte er sich blitzschnell zu dem Ladenbesitzer um und zielte in derselben Sekunde mit einer Waffe auf dessen Kopf. Woher er die Pistole so rasch gezaubert hatte, lag völlig außerhalb ihres Vorstellungsvermögens.
   »Lass deine Hände, wo ich sie sehen kann, Mann«, befahl er ruhig, die Miene bar jeglicher Regung. Seine angenehme Stimme passte überhaupt nicht zu der grotesken Situation.
   Der Inhaber erstarrte wie festgefroren, zog dann aber langsam und vorsichtig seine leeren Hände unter der Theke hervor. Ängstlich sah er die beiden Männer abwechselnd an.
   Anja fuhr beinahe aus der Haut, als der Kerl hinter ihr plötzlich losschrie. »Steh nicht so blöd rum, Opa! Ich will die Asche aus deiner Kasse. Und wenn ich alle sage, dann meine ich auch alle, kapiert?«
   Mr. Kellerman klappte verdattert den Mund auf. Vor Schreck rührte er sich keinen Millimeter.
   »Los, Opa, beweg deinen Arsch!«, bellte ihr Hintermann noch ungehaltener. »Oder willst du, dass ich mich mit der Hübschen hier beschäftige? Dann wird sie sicher nicht mehr hübsch sein.« Er bewegte das gezackte Messer demonstrativ in Richtung Anjas Wange.
   Verzweifelt versuchte sie, auszuweichen. Sie hatte keine Chance. Der Typ war unnachgiebig wie ein Holzpflock.
   »Bitte«, krächzte sie und sah flehentlich zu Mr. Kellerman, der sprachlos zurückglotzte. Sein Adamsapfel hüpfte. »Bitte, Mr. Kellerman. Tun Sie, was er sagt«, wiederholte sie flüsternd. Laute Worte brachte sie nicht mehr zustande, weil ihr die Angst inzwischen die Kehle zuschnürte.
   Die direkte Anrede schien den alten Mann endlich aus seiner Starre zu holen. »Schon gut«, sagte er unnatürlich hoch. »Sie bekommen alles, was Sie wollen. Aber bitte tun Sie der Frau nichts.« Widerspruchslos griff er in die Kasse und stopfte deren doch beträchtlichen Inhalt in eine Plastiktüte. Zaghaft, immer darauf bedacht, keine missverständliche Bewegung zu machen, reichte er den Beutel über die Theke.
   Der athletische Mann nahm ihn wortlos entgegen und strebte sofort mit langsamen Schritten rückwärts auf den Ausgang zu. Er hielt die Waffe weiterhin auf Mr. Kellermans Kopf gerichtet. Anja wurde von ihrem Peiniger ebenfalls zurückgeschleift, jedoch um einiges schneller.
   »Bitte lassen Sie mich gehen. Sie haben doch jetzt, was sie wollen. Lassen Sie mich einfach los.«
   »Noch nicht ganz, Senorita. Ich habe dir doch gesagt, dass wir beide einen kleinen Ausflug machen«, schnarrte er und lachte gemein.
   Anja stockte der Atem. Die Typen wollten sie mitnehmen? Das musste sie verhindern!
   Ohne zu zögern, ließ sie sich fallen, wohl wissend, dass das mit einem Messer am Hals vielleicht nicht gerade die brillanteste Idee war. Leider war es ihre einzige Idee.
   Der Boxertyp fluchte, nahm aber sofort das Messer weg. Noch bevor sie den Boden berührte, hatte er schon wieder grob ihren Oberarm gepackt. Anja schrie und wehrte sich, bereute es aber in der nächsten Sekunde, denn er schraubte den Griff so fest zu, dass sich seine Finger schmerzhaft in ihren Arm bohrten.
   Während er sie an sich riss, betitelte er sie mit einem Schwall wütender spanischer Schimpfwörter. »¡Viva La Mano de Cuba!«, rief er in Richtung des Ladenbesitzers, dann zerrte er sie zur Tür.
   »Nein … Nein!« Anja trat um sich, versuchte immer wieder, sich aus dem brutalen Griff zu entwinden. Vergebens.
   Gänzlich unbeeindruckt von ihrer Gegenwehr schleifte er sie durch den Ausgang. Der jüngere Mann sah sich kurz nach ihnen um, nahm die Waffe runter und lief zügig voran.
   Vor dem Laden wartete ein verbeulter schwarzer Wagen mit laufendem Motor. Der Boxertyp öffnete die Hintertür und stieß Anja in den Innenraum. Ohne innezuhalten, rutschte sie über die Sitzbank und versuchte, auf der anderen Seite wieder auszusteigen. Sie rüttelte wie eine Irre am Türgriff, was aber nichts bewirkte. Mit Absicht, wie ihr klar wurde, als sie das fiese Lachen ihres Entführers hörte.
   Er ging um das Auto herum und setzte sich auf den Beifahrersitz, während der athletische Typ neben ihr auf die Rückbank glitt. Kaum befanden sich alle im Wagen, trat der Fahrer das Gaspedal durch. Das Fahrzeug schoss nach vorn und verließ die Hauptstraße in einem derart scharfen Bogen, dass Anja schmerzhaft gegen die Türverkleidung geworfen wurde. Sie klammerte sich mit beiden Händen fest.
   In rasantem Tempo fuhren sie eine schmale Nebenstraße entlang und verließen nach wenigen Minuten die Ortschaft.
   Anja löste widerwillig ihre Finger von dem nutzlosen Griff. Selbst, wenn sie es geschafft hätte, die Tür zu öffnen, wäre es blanker Selbstmord gewesen, bei dieser Geschwindigkeit aus dem Auto zu springen.
   Der Mann vor ihr nahm Hut und Brille ab und fuhr sich durch die buschigen Haare. Ihr Sitznachbar tat es ihm gleich und warf die Sachen fluchend zur Seite. Er sah nach vorn, dann begann er zu reden. Schnell, aber beherrscht. Der Angesprochene drehte sich um und gab patzig Antwort.
   Anja verstand kein Wort. Sie betrachtete verstohlen den Mann neben sich, wobei sie versuchte, seinen Gesten Aufschlussreiches über den Inhalt des Gesprächs zu entnehmen.
   Er hatte rabenschwarzes Haar, das ihm leicht lockig in die Stirn fiel. Sein hageres, gut geschnittenes Gesicht sah aus wie von einem Bildhauer gemeißelt – und wirkte genauso unbewegt. Trotz der barschen Worte des anderen Mannes ließ er keine Gefühlsregung erkennen. Das mit Abstand auffälligste Merkmal an ihm waren jedoch seine Augen.
   Da er ihr das Profil zuwandte, konnte Anja die Farbe nicht genau bestimmen, aber sie stachen, von dichten schwarzen Wimpern umgrenzt, ungewöhnlich hell aus dem braun gebrannten Gesicht hervor.
   Sein schlanker Körperbau zeugte von Disziplin und Ausdauer. Die zackigen Bewegungen harmonierten perfekt mit den sehnig definierten Muskeln, die sich an seinem Halsansatz und an den unbedeckten Unterarmen deutlich abzeichneten. Alles an ihm vermittelte Kraft und Schnelligkeit, strahlte eine fast greifbare Energie aus. Die ständig sprungbereite Haltung, mit der er sich vorbeugte, untermauerte diesen Eindruck.
   Sie kannte ihn zwar nicht, konnte sich aber gut vorstellen, dass es nicht ratsam war, sich ihn zum Feind zu machen.
   Je länger das Gespräch dauerte, desto sicherer gelang es ihr, die immer wieder fallenden Namen den Männern zuzuordnen. Bevor die Unterhaltung genauso unvermittelt endete, wie sie begonnen hatte, wusste Anja: Der Boxertyp hieß Santos, während ihr Nachbar immer wieder mit Ramon angesprochen worden war.
   Urplötzlich fiel ihr auf, dass sich die beiden offensichtlich keinen Deut darum scherten, wie ausgiebig Anja ihre unmaskierten Gesichter betrachten konnte. Diese Erkenntnis verursachte ein elendes Gefühl in ihrem ohnehin schmerzenden Magen. Würden ihre Entführer nicht versuchen, unerkannt zu bleiben, wenn sie die Absicht hatten, ihre Geisel wieder freizulassen?
   Sie schluckte. Falls sie diese Absicht hatten!
   Sie hatte keine Ahnung, was die Männer mit ihr zu tun gedachten. Vielleicht würden sie sie für eine Lösegeldforderung einsetzen oder als Druckmittel benutzen. Sicher würden die Typen sie nicht einfach … sie würden doch nicht … Anja konnte den Gedanken nicht zu Ende führen. Wenn sie darüber nachdachte, dass die Männer sie vielleicht umbrachten, würde sie komplett die Nerven verlieren. Sie musste einen kühlen Kopf bewahren und überlegen, was sie tun konnte. Hilflos blickte sie aus dem Fenster.
   Die stetig wechselnde Landschaft raste vorbei und ihr wurde schnell klar, dass sie geradewegs auf das Gebirge der Sierra Nevada zufuhren. Anja schnitt eine Grimasse. Die Richtung ihrer Reise stimmte, die Umstände leider überhaupt nicht.
   Der Wagen verließ die Landstraße und fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit einen steilen Feldweg hinauf.
   Sie steuerten in einen Wald. Keine angenehme Erkenntnis. Dort gab es absolut niemanden, der ihr im Notfall helfen könnte.
   Schon nach wenigen Minuten wurde der Weg von dichten Bäumen eingefasst. Sie bogen mehrmals ab und jede Straße war holpriger und enger als die vorherige. Der Wagen schlängelte sich unaufhaltsam immer weiter bergan. Anja verlor jegliche Orientierung.
   Nach nahezu endloser Fahrt kam eine Art Ranch in Sicht, deren verfallene Gebäude deutlich machten, dass dort schon lange niemand mehr wohnte. An einem der brüchigen Holzzäune stand ein Mann neben vier Pferden und schien auf sie zu warten. Das Fahrzeug kam neben den Tieren in einer Staubwolke zum Stehen.
   Der Mann neben ihr – Ramon – sprang, ohne sie eines Blickes zu würdigen, geschmeidig aus dem Auto und warf die Tür zu. Die anderen Männer folgten.
   Anja begann einen Moment zu hoffen: vier Pferde, vier Männer. Vielleicht verschwanden die Typen einfach und ließen sie zurück. Sie rutschte immer tiefer, versuchte, sich unsichtbar zu machen.
   Bitte, geht weg. Ihr braucht mich doch nicht! Haut ab!
   Ihr Wunschtraum zerplatzte, als Santos, flankiert vom Fahrer, neben ihr die Tür aufriss. Ungeduldige Handbewegungen forderten sie auf, auszusteigen.
   Sie gehorchte widerwillig. Erneut den Zorn des bulligen Kerls heraufzubeschwören, erschien ihr äußerst unklug. Außerdem hätte es ihr, von neuerlichen Unannehmlichkeiten einmal abgesehen, nichts genutzt. In nächsten Moment stand sie zwischen den beiden Männern eingeklemmt wie ein Würstchen im Hot-Dog.
   Santos beförderte ein dünnes Kunststoffseil aus seiner Hosentasche und packte ihre Handgelenke. Entgegen ihren Vorsätzen begann Anja nun doch, sich zu wehren. Keinesfalls durfte sie zulassen, dass die Typen sie auch noch fesselten. Sie gab alles, setzte jeden Trick ein, dennoch überwältigten die Männer sie mit einer Leichtigkeit, die ihr beinahe Tränen in die Augen trieb. Die Zähne zusammengebissen, blinzelte sie gegen den Drang zu weinen an. Wenigstens diese Schwäche wollte sie den Männern nicht zeigen.
   Santos gab er ihr einen Stoß, der sie nach vorn stolpern ließ, und trieb sie vor sich her zu den Pferden.
   »Was haben Sie vor? Wo bringen Sie mich hin?«
   Unbeeindruckt von ihren Fragen drängte er sie gegen das Pferd. Das Tier schnaubte und begann nach hinten zu tänzeln. Er griff erneut nach ihr.
   »Nein, lassen Sie mich los!« Obwohl sie sich nicht einmal den Hauch einer Chance zur Flucht ausrechnete, büxte Anja seitlich aus. Sie kam zwei Schritte weit, dann schmiedeten sich Santos’ Arme um ihre Beine und hoben sie hoch. Sofort winkelte sie beide Knie an und rutschte ihm dadurch wieder zu Boden. Er ließ von ihren Beinen ab. Immerhin ein kleiner Erfolg, wenn auch nur ein kurzer, denn gleich darauf packte er sie mit einer Hand roh am Hals und drückte so fest zu, dass sie zu würgen begann.
   »Du machst jetzt besser, was ich sage, puta. Sonst werde ich noch wütend und das wollen wir doch nicht, oder?«, zischte Santos, dann ließ er sie abrupt los.
   Hustend rang sie nach Luft, noch geschockt von der schmerzhaften Attacke. Sie bemerkte, dass Ramon Santos einen eisigen Blick zuwarf, bevor er behände auf sein Pferd stieg. Santos gewährte ihr keine Zeit, zu Atem zu kommen und warf sie kurzerhand über den Sattel. Im nächsten Augenblick saß er hinter ihr. Sie krümmte sich, als ihr das harte Sattelleder in den Magen drückte, fast hätte sie sich auch noch übergeben.
   Sie schluckte krampfhaft, schluckte noch mal, schluckte so lange, bis die Übelkeit allmählich abflaute. Dann robbte sie weiter und verbog ihr Bein. Beinahe wäre sie mit dem Kopf voran vom Pferd gestürzt, doch dann schaffte sie es, wenn auch ziemlich unwürdig, sich gerade hinzusetzen.
   Als sie hinter sich Santos’ Lachen hörte, hätte sie am liebsten den Ellbogen nach hinten gerammt. Sofort verwarf sie den Gedanken. Seit wann litt sie an Todessehnsucht?
   Sie rutschte von ihm ab und hielt sich steif aufrecht. Santos griff um sie herum, nahm die Zügel und spornte das Pferd zu leichtem Trab an. Anja erkannte nirgends einen Weg, trotzdem lenkte er das Tier geradewegs in den Wald hinein. Ramon schloss neben ihnen auf, die anderen beiden Männer folgten.
   Sie ritten in zügigem Tempo stetig bergan.
   Anja wurde immer wieder gegen Santos’ fassartige Brust geworfen. Jedes Mal ging sie voller Ekel schnell wieder auf Abstand. Zumindest so weit, wie sein schwerer Arm um ihre Mitte es zuließ. Mit den gefesselten Händen hielt sie sich notdürftig am Sattelknauf fest.
   Auch wenn sie äußerlich ruhig blieb, arbeitete ihr Verstand weiterhin auf Hochtouren.
   Mit jeder Minute, mit jedem Meter drangen sie tiefer in das undurchdringliche Dickicht des Waldes vor. Wenn sie einen halbwegs durchführbaren Fluchtversuch starten wollte, musste sie das bald tun, ehe sie sich zu weit in der Wildnis befanden.
   Die Umgebung wirkte alles andere als einladend. Die Bäume und das dichte Unterholz kamen einer grünen Wand gleich. Egal, in welche Richtung sie sah, überall bot sich das gleiche deprimierende Bild.
   Ihr Blick blieb an dem Reiter neben ihr hängen. Ramon hielt die Zügel lässig mit einer Hand. Die andere lag auf seinem Bein, genau neben dem aus der Satteltasche ragenden Gewehrkolben. Würde er auf sie schießen, wenn sie floh? Sie betrachtete sein Gesicht und verfing sich in seinen hellen Augen.
   Verdammt. Er beobachtete sie!
   Anja schrumpfte unter seinem intensiven Blick förmlich zusammen. Irgendwie beschlich sie das ungute Gefühl, dass er ganz genau wusste, worüber sie nachdachte. Schnell sah sie weg.
   Die Strecke ging langsam in immer unwegsameres Gelände über. Große Felsbrocken säumten ihren Weg und die Männer mussten die Pferde mehrmals um Hindernisse herumdirigieren, um voranzukommen. Als sie über eine kleine, natürliche Lichtung ritten, wurde Santos langsamer. Er drehte sich im Sattel um und sprach etwas Unverständliches mit den beiden Männern hinter ihm. Für den Bruchteil einer Sekunde war er von ihr abgelenkt.
   Das war ihre Chance! Blitzschnell entspannte sie alle Muskeln im Körper und rutschte schlüpfrig wie ein nasser Fisch aus seinem Griff.
   Santos fuhr herum, konnte sie aber nicht mehr fassen. Kaum berührten ihre Füße den Boden, hetzte sie los. Der Adrenalinschub verlieh ihr ungeahnte Kräfte, als sie mit einem enormen Satz über einen niedrigen Felsen setzte und zwischen zwei umgefallene Baumstämme sprang. Dann hatte sie die Lichtung verlassen.
   Anja rannte wie eine Verrückte, rannte um die Freiheit, rannte um ihr Leben. Zweige peitschten in ihr Gesicht und zerrten an ihren Haaren. Dornenranken und Büsche zerkratzten jedes Stück ungeschützte Haut. Mehrmals wäre sie fast gestürzt. Die gefesselten Handgelenke waren beim Halten des Gleichgewichts nicht gerade vorteilhaft, aber daran konnte sie im Moment nichts ändern. Als sie hörte, wie die Männer hinter ihr durcheinanderriefen, spurtete sie noch schneller voran. Sie hatte keinen Schimmer, in welche Richtung sie überhaupt lief. Das war vorerst auch unwichtig. Ihr einziges Ziel war, so viel Distanz wie möglich zwischen sich und ihre Geiselnehmer zu bringen. Mit rasendem Herzen behielt sie ihr mörderisches Tempo bei, auch wenn sie wusste, welch enorme Kräfte das kostete.
   Plötzlich hörte sie es.
   Hinter ihr brachen Äste unter schnellen Schritten. Kein Zweifel, einer der Männer folgte ihr. Anja schlug einen Haken nach links. Hastig sah sie über die Schulter. In diesem Augenblick verkeilte sich ihre Fußspitze unter einer freiliegenden Wurzel. Sie strauchelte, trippelte einige hektisch kurze Schritte und wäre beinahe der Länge nach hingeschlagen. Im letzten Moment fing sie sich und rannte schluchzend weiter. Die Aktion hatte sie wertvolle Sekunden gekostet. Zu viele?
   Die Geräusche ihres Verfolgers kamen gefährlich näher. Selbst Anjas regelmäßige Joggingrunden konnten bei der Belastung eines solchen Laufs nicht lange helfen. Schon begannen ihre Beinmuskeln vor Anstrengung zu zittern und ihre Atmung kam in immer kürzerer Frequenz. Lange hielt sie nicht mehr durch. Sie musste schnellstmöglich ein Versteck finden, sonst war alles verloren.
   Panisch sah sie sich im Laufen um. Einen Wimpernschlag später prallte jemand mit voller Geschwindigkeit von hinten gegen sie. Drahtige Arme legten sich wie Stahlbänder um ihren Oberkörper, als die geballte Wucht des Angriffs sie gemeinsam von den Füßen riss.
   Sie landeten unsanft auf dem Waldboden und rollten einige Meter weit. Anja sah nur noch einen Wirbel aus Blättern, Erde und schwarzen Haaren.
   Dann war es vorbei.
   Schwer atmend lag sie eingeklemmt unter einem harten Körper. Fast genauso außer Atem wie sie, hob ihr Angreifer den Kopf. Anja starrte zwangsläufig in unglaublich klare grünbraune Augen.
   Ramons Gesicht schien vor Anspannung aus Stein gemeißelt, als er wütend zurückstarrte. »Wo, verdammt noch mal, glaubst du hier eigentlich zu sein, in Disneyland?«, herrschte er sie an. »Wir befinden uns mitten in der Wildnis. Meilenweit keine Menschenseele. Du hättest keine zwei Tage überlebt!«
   Trotzig und ziemlich unvernünftig drehte Anja den Kopf zur Seite. Mehr Bewegung war unter seinem knebelnden Gewicht ohnehin nicht möglich.
   Sie spürte, wie sich seine Armmuskeln anspannten, dann schüttelte er sie, bis ihre Zähne aufeinanderschlugen. »So einen verfluchten Schwachsinn wirst du nicht noch einmal versuchen! Hast du mich verstanden?«, knurrte er.
   Anja hielt es für klüger, zu schweigen.
   Er fluchte unterdrückt, richtete sich auf und gab ihren Körper frei. Behände sprang er in die Höhe und zog sie an den gefesselten Handgelenken mit sich. Anja half ihm kein Stück, machte sich sogar extra schwer, was ihn jedoch nicht weiter kümmerte. Es war einfach ungerecht, mit welch müheloser Leichtigkeit er sie wieder auf die Füße stellte. Frustriert blickte sie zu ihm hoch. Dass er sie auch noch um gut einen Kopf überragte, war ihrem Vorsatz, sich unter keinen Umständen von ihm einschüchtern zu lassen, nicht gerade dienlich. Trotzdem wand sie sich in seinem Griff. »Sie tun mir weh! Lassen Sie mich sofort los!«
   Ramon riss sie derart kraftvoll an sich, dass sie vor Schreck nur noch blinzeln konnte. »Lady, du hattest verdammtes Glück, dass nicht mein Bruder dich verfolgt hat. Er ist nicht so zimperlich, was Frauen angeht. Ganz besonders nicht, wenn sie ihm davonlaufen«, sagte er gefährlich leise.
   Sein Gesicht war nahe genug, dass Anja goldene Reflexionen in seinen grünen Iris erkannte. Sonnenflecken auf einem Teich … Ihr Herzschlag setzte einen Takt aus. Wie konnte ein Mann nur solche Augen haben?
   Rebellisch verbog sie die Handgelenke. Ohne nennenswertes Resultat. Seine Finger gaben kein Stück nach.
   »Sie hätten es an meiner Stelle auch versucht, also hören Sie auf, mir Angst einzujagen. Das klappt nicht.« Bestürzt stellte sie fest, dass ihre tonlose Stimme das exakte Gegenteil vermittelte. Sie räusperte sich.
   Ramon kniff missbilligend die Augen zusammen, dann drehte er sich wortlos um, stapfte los und zerrte sie wie ein widerborstiges Kalb hinter sich her.
   Sie versuchte nicht mehr, sich gegen ihn zu wehren. Das hätte ohnehin keinen Sinn gehabt. Genauso gut hätte sie versuchen können, den Lauf der Planeten zu ändern. Sie musste ihre Kräfte für den nächsten Fluchtversuch aufsparen. Ein Blick auf ihren wachsamen Häscher ließ ihren Mut jedoch ins Bodenlose sinken. Er würde einen erfolgreichen Ausgang dieses Unterfangens tunlichst zu verhindern wissen.
   Schweigend legten sie den Weg zu den anderen zurück. Die Männer hinter Santos stießen sich vielsagend an, während sie ihre Rückkehr mit einem dreckigen Lachen quittierten. Bestimmt hatten sie Wetten darauf abgeschlossen, wie schnell es Ramon gelingen würde, sie wieder einzufangen. Rekordverdächtig schnell, wenn man bedachte, wie nah sie noch an der Lichtung gewesen war.
   Santos rempelte einen der Männer unwirsch zur Seite und kam auf Anja zu, das Gesicht zu einer brutal wirkenden Maske verzerrt. Er sagte etwas, das sie Gott sei Dank nicht verstand, und holte aus.
   »¡No, Santos!« Ramon schubste sie hinter sich und fing den Schlag mit dem Unterarm ab.
   Zwischen den beiden Männern entbrannte ein kurzer, aber heftiger Streit und Anja schwante langsam, was Ramon mit dem, was er über seinen Bruder sagte, gemeint hatte.
   Kurz darauf stiegen die Männer auf die Pferde. Santos drückte Anja wieder grob vor sich in den Sattel. Angewidert ignorierte sie das Gefühl seines Armes um ihren Bauch.
   Ausgerechnet in diesem Moment fiel ihr ein Satz ein, den Richard kurz vor der Trennung zu ihr gesagt hatte. Du magst es nicht, wenn man dich anfasst. Seine verletzenden Worte beschäftigten sie wohl ziemlich, wenn sie jetzt, in dieser prekären Situation, darüber nachdachte.
   Sie hatte eigentlich nicht den Eindruck gehabt, dass sie körperliche Nähe als unangenehm empfand. Obwohl … wenn sie ehrlich war, hatte sie sich nicht gerade nach Richards Zärtlichkeiten verzehrt. Sie hatte ihn gemocht, genug, um ihn heiraten zu wollen. Aber unermessliche, Funken sprühende Leidenschaft, wie man sie aus Büchern kannte, war es nicht gewesen.
   Nach Richards Meinung besaß sie anscheinend auch keine Fähigkeit dazu. Er hatte sie zwar nicht direkt als frigide bezeichnet, aber weit davon entfernt war er nicht mehr gewesen. Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie arrogant er geklungen hatte.
   Santos’ Hand rutschte etwas höher und riss sie aus ihren Gedanken. Die Zähne zusammengebissen versuchte sie, den winzigen Abstand zu ihm beizubehalten, während er das Pferd einen kleinen Absatz hinauftrieb.
   Stundenlang setzten sie den Weg fort, bewegten sich bergauf, dann wieder talwärts. Sie ritten bis tief in die Nacht hinein, ohne Pause, ohne Verpflegung und leider auch ohne eine neue Gelegenheit, das Weite zu suchen.
   Als die Männer endlich von den Pferden absaßen, war sie am Ende ihrer Kräfte – und ihrer Weisheit. Wäre es nicht so demütigend gewesen, sie hätte vor lauter Verzweiflung geweint. Ihre Lage wurde immer aussichtsloser. Selbst wenn ihr noch einmal eine Flucht gelang, was nach ihrem missglückten ersten Versuch doch ziemlich unwahrscheinlich war, hätte sie nicht den Hauch einer Chance, sich in dieser Wildnis zurechtzufinden. Schweren Herzens gestand sie sich ein, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als abzuwarten und zu hoffen, dass die Sache ein gutes Ende nahm.
   Santos zog sie rüde vom Pferd und schleifte sie bis zu einer abseitsstehenden Eiche. Dort fesselte er sie knapp genug an den Stamm, dass sie sich nicht hinsetzen konnte, ohne ihre Arme schmerzhaft zu verdrehen.
   Stolz blieb Anja stehen, auch wenn ihre Beine vor Anstrengung und Hunger schlotterten, auch wenn es ihr nichts brachte, außer einen letzten Rest an Würde zu wahren.
   Ramon verfolgte die Aktion ohne erkennbare Regung, während er ein Lagerfeuer entfachte. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, was der Mann hinter dieser kalten, emotionslosen Maske wohl dachte. Er schien nicht ganz so brutal zu sein wie Santos, soweit sie das nach seinem Verhalten bei ihrem Fluchtversuch beurteilen konnte. Das war das bisher einzige Mal gewesen, bei dem er mit ihr gesprochen, geschweige denn ein gewisses Maß an Gefühlen gezeigt hatte.
   Santos kehrte zu den anderen Männern zurück und sprach einige schnelle spanische Sätze, deren Inhalt alle bis auf Ramon äußerst belustigend fanden.
   Er sah kurz in ihre Richtung. Nur seine Wangenmuskeln traten deutlich hervor, als er ruhig, beinahe unbeteiligt das Wort an Santos richtete. Weil die Brüder während des Gesprächs immer wieder zu ihr herüberblickten, konnte Anja unschwer ableiten, um wen es ging.
   Santos beendete das Thema mit einer wegwerfenden Handbewegung und wandte sich ab. Ramon zuckte mit den Schultern und drehte sich wieder zum Feuer.
   Als die Männer später die Verpflegung wegpackten, ohne ihr einen Bissen abgegeben zu haben, wurde ihr klar, dass sie sich ihre Essensration durch den Fluchtversuch verspielt hatte.
   Unbeugsam blieb sie aufrecht stehen, als berührte sie das alles nicht im Geringsten. Lieber würde sie sterben, als auch nur um einen Krümel zu betteln. Um sich von dem Hungergefühl abzulenken, ließ sie ihre Gedanken bewusst zu den Ereignissen mit Richard zurückdriften.
   Passend zu seiner Aussage über ihre Abneigung gegen Körperkontakt war er natürlich davon ausgegangen, ihr mangelnder Enthusiasmus beim Sex läge allein an ihr und nicht daran, dass er sich auch nicht gerade übertriebene Mühe gegeben hatte, auf sie einzugehen. Offenbar hatte ihre Zurückhaltung ihn mächtig gestört, doch statt mit ihr darüber zu reden, hatte er sie mit einer anderen Frau betrogen.
   Es tat immer noch weh. Nicht so sehr, dass sie nun von ihm getrennt war, sondern vielmehr der Vertrauensbruch, der damit einherging. Ob sie wohl je wieder bereit wäre, sich von ganzem Herzen auf einen Mann einzulassen?
   Sie begriff langsam, dass Carolin mit ihrem spontanen Dankgebet nach der Trennung goldrichtig gelegen hatte. Der gut aussehende, aalglatte Dr. Richard Hassenfelder hatte ihr unterm Strich nur Kummer gebracht.
   Dabei hatte alles so romantisch begonnen. Jetzt, Monate später, konnte sie nicht mehr fassen, wie märchenhaft sich ihre Beziehung zunächst entwickelt hatte.
   Richard war vor knapp einem Jahr als neuer Assistenzarzt auf ihre Station gekommen. Sechs Jahre älter als sie, blendend aussehend, der Schwarm einer jeden Schwester und Patientin. Das allein hätte ihr eigentlich Warnung genug sein müssen. Trotzdem hatte sie nur zu gern eingewilligt, als er sie nach einem Date gefragt hatte.
   Sie hatte sich am Anfang sehr zurückgehalten. Was das anging, hatte er recht, denn sie wollte nicht, dass ihre Beziehung gleich zum heißesten Tagesgespräch der Klinik avancierte. Aus Angst, er könnte nur auf eine schnelle Eroberung aus sein, hatte sie fast einen Monat gewartet, bis sie das erste Mal mit ihm geschlafen hatte.
   Im Nachhinein betrachtet hätte sie auf ihr Gefühl hören sollen. Aber wer dachte schon nach, wenn man vom Traummann schlechthin um seine Hand angehalten wurde?
   Warum Richard das nach nur vier Monaten Beziehung getan hatte, blieb ihr weiterhin ein Rätsel. Vielleicht hatte ihm seine herrische Mutter das Messer auf die Brust gesetzt. Vielleicht, weil er schon vierunddreißig Jahre alt war. Vielleicht, vielleicht, vielleicht.
   Es spielte keine Rolle mehr, warum. Er hatte sie betrogen. Als sie es zufällig von einer Kollegin erfuhr, hatte sie sich von ihm getrennt. Trotzdem stellte sie Richard zur Rede, wollte ihm wenigstens die Gelegenheit geben, sich dazu zu äußern. Das hatte er dann auch getan, indem er ihr die Schuld für seinen Fehltritt in die Schuhe schob, nur darauf aus, seinen männlichen Stolz zu retten.
   Das heftige Zittern ihrer Beine holte Anja in die Realität zurück. Sie versuchte, sich etwas schräger gegen den Baum zu lehnen, doch das half nur kurzfristig. Die quälende Haltung ließ ihre Muskulatur mehr und mehr versagen. Sie harrte aus, bis ihr Körper seine letzten Reserven verbraucht hatte und ihr nichts mehr anderes übrig blieb, als aufzugeben.
   Kraftlos sank sie zu Boden, nahm vor Erschöpfung sogar den Schmerz in ihren Armen in Kauf. Obwohl sie alles versuchte, konnte sie nicht vermeiden, dass ihr Tränen aufstiegen. Hastig blinzelte sie sie weg. Man brauchte nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie hämisch Santos reagieren würde, sollte er dieses Zeichen ihrer Resignation entdecken. Wenigstens diesen Triumph wollte sie ihm nicht gönnen.
   Kurz bevor sich die Männer schlafen legten, kam Ramon zu ihr an den Baum. Das flackernde Feuer hinter ihm hüllte sein Gesicht in Schatten, trotzdem spürte sie förmlich, wie seine außergewöhnlichen Augen über ihr verweintes Gesicht glitten. Sie wandte den Kopf ab.
   Ohne das Wort an sie zu richten, löste er das Seil und führte sie mit scheinbar lockerem Griff zum Feuer. Anja ließ sich davon nicht täuschen. Nach den letzten Stunden kannte sie Ramons blitzartige Reflexe. In seiner Gegenwart konnte sie einen Fluchtversuch vergessen. Falls es ihr überhaupt gelänge, sich von ihm loszureißen, würde sie in der Dunkelheit ohnehin nicht weit kommen. Eine Flucht zu diesen Bedingungen glich wohl eher einem Kamikaze denn einem genialen Schachzug. Widerstandslos ließ sie sich von ihm auf das Lager nahe dem Feuer drücken.
   Ramon knotete das lose Ende des Stricks um sein Fußgelenk, warf ihr einige Decken zu und legte sich hin. Frierend kauerte sich Anja in größtmöglichem Abstand zu ihm zusammen. Noch bevor sie die Wärme des Feuers richtig spürte, schlief sie vor Erschöpfung ein.

2.
Ermittlungen

Kalifornien, Mariposa, 01.09.2007, 11:00 Uhr

Edward Shepard stierte ungläubig auf das Überwachungsvideo. Er sah das im Laden seines Freundes Sam Kellerman aufgenommene Band bestimmt schon zum zehnten Mal. Trotzdem wollte er es nicht wahrhaben. Er war seit über dreißig Jahren Sheriff von Mariposa und hatte immer stolz behauptet, dass in seinem County, mit Ausnahme der unvermeidlichen Verkehrsdelikte, keine nennenswerten Verbrechen begangen wurden. Damit hatte er auch recht gehabt … bis vor wenigen Tagen.
   Bis zwei Typen Geschichte geschrieben hatten, indem sie Sam überfallen und eine junge Frau als Geisel genommen hatten.
   Er drückte die Rückwärtstaste am Rekorder und sah sich das Band noch einmal an, als würden sich dadurch plötzlich Geheimnisse offenbaren, die ihm vorher entgangen waren.
   Nachdem er wieder an der Stelle angekommen war, an der einer der Männer kurz vor Verlassen des Stores eine Parole gerufen hatte, schüttelte er frustriert den Kopf. Das schlug dem Fass ja noch den Boden aus: Jetzt hatten sie schon Ton auf dem Band und verstanden trotzdem kein einziges Wort.
   Sam hatte angemerkt, dass die beiden Männer vermutlich Südamerikaner waren, was nahelegte, dass sie Spanisch gesprochen hatten. So weit, so gut. Und jetzt?
   Edward setzte sich gerader hin und zog den Hosenbund über seinen Bauch. Verflixt, die Uniform brachte ihn noch um. Er musste seiner Frau Mary-Anne unbedingt verbieten, jeden Morgen zwei Brownies in seine Frühstücksbox zu legen. Er wandte sich zu seinem tüchtigsten Polizisten um, der hinter ihm stand.
   »Und, hast du was verstanden, Peter?«, fragte er hoffnungsvoll. Deputy Peter Lomax war heute aus dem Urlaub zurückgekehrt und sah das Band zum ersten Mal.
   »Mmh. Es könnte Spanisch oder Portugiesisch sein. Meinst du nicht? Vielleicht kann Julio uns weiterhelfen. Ich gehe ihn holen, habe ihn vorhin drüben im Diner gesehen.«
   Julio Gonzales war Mexikaner und betrieb in der Nähe eine kleine, aber zuverlässige Autowerkstatt.
   Edward nickte. »Einen Versuch ist’s wert.« Seufzend griff er nach dem angebissenen Brownie und legte es in die Box zurück.
   Lomax verließ das Büro und kam wenig später in Begleitung des Mexikaners zurück.
   Gemeinsam sahen sie sich das Band noch einmal an. Danach drehten sich Edward und Lomax sofort zu Julio um. »Und?«, fragten sie wie aus einem Mund.
   Der kleine Mann bearbeitete seinen Hut kräftig mit den Händen. »Das war Spanisch. Ganz eindeutig.« Aufgeregt sah er von einem zum anderen, offenbar mächtig stolz darauf, dass er der Polizei helfen konnte. »Kann ich’s noch mal hören? Die Aufnahme ist sehr schlecht.«
   Geduldig lauschten sie erneut. Julio konzentrierte sich, dann nickte er. »Er hat gesagt: Viva la mano de Cuba. Das bedeutet: Es lebe die Hand Kubas. Ja, das hat er gesagt, da bin ich mir ganz sicher.« Er nickte mehrmals zur Bestätigung.
   Edward sah Lomax an. La Mano de Cuba? Das hatte er schon einmal gehört.
   Sie dankten dem Mexikaner und drehten sich wieder dem Computer zu, nachdem er den Raum verlassen hatte. Lomax hackte den Suchbegriff in die Tastatur. Die veraltete Kiste brauchte mehrere Sekunden, bis sich jede Menge Daten und zwei unscharfe Bilder mit der Geschwindigkeit einer Schnecke auf dem Bildschirm aufzubauen begannen.
   Edward kratzte sich über das Haar. Die beiden Fotos waren Aufnahmen einer Überwachungskamera, das konnte nur eines bedeuten: Es gab noch keine offiziellen Polizeifotos. Und das wiederum hieß, dass die Kerle bisher noch nie geschnappt worden waren. Schöner Mist! Und ausgerechnet diese Typen mussten in seiner Stadt auftauchen.
   »So, dann wollen wir mal sehen«, sagte Lomax, als die Daten vollständig waren, und klickte auf die Bilder.
   »Santos Peréz, sechsunddreißig Jahre alt, Kubaner«, las er vor. »Mutmaßliches Oberhaupt der Bande. In den letzten siebzehn Jahren unzählige bewaffnete Überfälle auf Tankstellen und Lebensmittelgeschäfte. Sechs Anschläge auf militärische Einrichtungen, immer mit Parolen gegen die Unterdrückung Kubas verbunden. Wird mit dem ungeklärten Mord an zwei Exmitgliedern der Organisation in Verbindung gebracht. Nach vorliegenden Angaben ist er 1990 illegal in die USA eingereist, reagiert unbeherrscht und zeigt eine auffällige Gewaltbereitschaft.«
   Edward tippte auf die Bildtaste. »Das ist wirklich ein netter Lebenslauf, damit können wir im Winter das Büro heizen. Und was haben wir hier?«
   Lomax wechselte zu der anderen Aufnahme. »Ramon Peréz, einunddreißig Jahre. Nach Insiderangaben der Bruder von Santos. Gleiche Geschichte. Bis auf den Mordverdacht die gleichen Delikte. Keine persönlichen Angaben. Hält sich wohl eher im Hintergrund. Schwer zu sagen, ob er genauso gefährlich ist wie sein Bruder.« Langsam scrollte er weiter. »Aber nach der eiskalten Art, wie er sich im Store bewegt hat, würde ich darauf wetten, dass der Typ nicht zu unterschätzen ist.«
   Edward beugte sich vor und verfolgte die weiteren Daten. »Es gibt noch andere Mitglieder, aber wenn wir die beiden Brüder schnappen, dann ist es aus mit der Faust Kubas.«
   »Hand Kubas«, korrigierte Lomax nebenher und tippte einen Befehl ein.
   »Hab ich doch gesagt«, erwiderte Edward und legte eine Hand auf sein geplagtes Kreuz, während er sich ächzend aufrichtete.
   Lomax sah zu ihm auf. »Schöne Scheiße, die Typen sind wie Schatten. Ich habe echt keine Ahnung, wie wir an die herankommen sollen.«
   Die Bürotür öffnete sich und ein dünner Mann mit Hornbrille streckte den Kopf in den Raum. Edward seufzte ergeben. Er hatte noch nicht ein Mal erlebt, dass hier irgendwer anklopfte. »Was gibt’s, David?«
   »Es ist gerade eine Anzeige reingekommen, Chief. Die solltet ihr euch mal ansehen. Könnte mit dem Überfall zusammenhängen.«
   Edward winkte ihn herein, nahm die Papiere entgegen und überflog sie, nachdem der Bote den Raum wieder verlassen hatte. »David könnte ins Schwarze getroffen haben. Sieh dir das an!« Er schob eine Kopie über den Schreibtisch und tippte mit dem Kugelschreiber auf ein Ausweisfoto, das darauf zu sehen war.
   Lomax stierte auf das Bild. »Das ist doch …«
   »Genau. Das ist unsere junge Frau auf dem Band. Die Geisel«, führte Edward den Gedanken zu Ende. »Jake McKenzie vom Sun Motel war gerade da. Er hat berichtet, dass die Touristin bereits vor drei Tagen auschecken wollte, was sie aber nicht getan hat. Warum, wissen wir ja jetzt. Jedenfalls ist Jake, nachdem er nichts mehr von ihr gehört hat, heute Mittag an die Tür gegangen und hat geklopft. Nichts. Logischerweise. Der Mietwagen steht auch noch da. Er hat darum gebeten, dass wir kommen und die Tür aufbrechen.«
   Peter stand bereits auf. »Lass uns gehen.«
   Edward wuchtete sich ebenfalls hoch und nahm seine Marke und Waffe aus der Schublade.
   Wenig später standen sie in dem verlassenen Motelzimmer. Alles sah danach aus, als wäre die Bewohnerin nur kurz weggegangen. Die Reisetasche stand offen auf dem Bett, frische Unterwäsche und eine zusammengefaltete Jeans lagen daneben. Eine Jacke sowie Autoschlüssel hingen unberührt an der Garderobe.
   Auf dem Tisch befanden sich eine Straßenkarte, Reiseführer und ein hellbeiger Brustbeutel. Ohne zu zögern, griff Peter danach und kippte den Inhalt heraus.
   Edwards Blick blieb an dem roten Reisepass hängen. Er schnappte sich das Dokument und klappte es auf. »Anja Zimmermann, geboren am 04.05.1979 in Heidelberg, Deutschland.« Er gab den Pass an seinen Deputy weiter und sah die restlichen Unterlagen durch. Auf einem Zettel war die Hotlinenummer eines Kreditkartenunternehmens vermerkt, darunter stand: »Emergency Call«, gefolgt von einer langen Telefonnummer sowie einem Namen. Der Vorwahl nach zu urteilen, handelte es sich um eine Auslandsnummer.
   »Ich denke, wir sollten die Deutsche Botschaft in Washington anrufen. Die werden vor Freude an die Decke springen, wenn sie erfahren, dass eine Landsmännin entführt worden ist.«
   Lomax nickte und warf einen Blick auf die Uhr. »Ich kümmere mich darum.«
   Sie räumten die persönlichen Gegenstände der jungen Frau ein und nahmen sie in Verwahrung. Es gab noch viel zu tun.

3.
In der Wildnis

Kalifornien, Sierra Nevada, 01.09.2007, 19:00 Uhr

Anja fragte sich immer öfter, wohin sie eigentlich gebracht wurde. Sie waren nach der ersten Nacht wieder in aller Herrgottsfrühe aufgebrochen, dann den ganzen gestrigen Tag durchgeritten. Heute war es nicht anders gewesen. Trotzdem sah man in allen Richtungen nur Bäume, Dickicht, Felsen und wieder Bäume.
   Anja war sich inzwischen im Klaren, was genau mit dem Wort »Wildnis« gemeint war. Hier gab es nichts. Absolut nichts.
   Die Situation erschien ihr so unwirklich, als befände sie sich mitten in einem Film, dessen Drehbuch sie nicht kannte. Unendlich schleppend zogen Minuten und Stunden vorbei und die ganze Zeit saß sie in stummer Abwehr vor Santos auf dem Pferd. Inzwischen bestand ihr einziges Interesse darin, so wenig wie möglich mit ihm in Berührung zu kommen. Alle anderen Gedanken schienen vor Erschöpfung wie abgestorben.
   Unvermittelt begannen die Männer zu sprechen und weckten sie aus ihrer Lethargie. Stirnrunzelnd hob sie den Kopf. Die Sonne ging gerade erst hinter den Baumspitzen unter, daher war es noch viel zu früh, das Nachtlager aufzuschlagen. Etwas anderes musste Grund für die Unterhaltung sein.
   Auf der Suche nach einer Antwort schweifte ihr Blick über die Umgebung. Plötzlich kniff sie irritiert die Augen zu Schlitzen zusammen. Das war doch nicht möglich. Anja beugte sich vor und sah noch einmal genauer hin.
   Sie hatte sich nicht getäuscht. Reiter und Pferde steuerten auf eine Waldhütte zu, die unerwartet zwischen den Bäumen aufgetaucht war. Wären sie nur hundert Meter daran vorbeigeritten, sie hätte durch den dichten Wald nicht einmal geahnt, dass es überhaupt eine Hütte gab.
   Sie hielten auf der kleinen Lichtung direkt vor den niederen Holzstufen am Eingang der Unterkunft. Santos saß ab und zerrte Anja aus dem Sattel.
   Die enorme Anspannung und Belastung der letzten Tage zollten ihren Tribut. Ihre Knie gaben nach wie gekochte Nudeln, waren einfach nicht mehr in der Lage, sie zu tragen. Nicht gerade anmutig sank sie auf die platt getretene Erde.
   Ohne sie zu beachten, sattelte Santos das Pferd ab und stapfte mit dem Gepäck ins Haus. Zwei der anderen Männer folgten ihm. Es war erniedrigend, wie wenig er offenbar mit einem neuen Fluchtversuch rechnete. Deutlicher hätte er nicht demonstrieren können, wie ausweglos ihre Lage war.
   Anja saß taub da, viel zu erschöpft, um ihre Muskeln zum Aufstehen zu zwingen. Trotzdem wollte sie nicht einfach aufgeben. Nicht mental. Sie würde sich etwas Rettendes überlegen … morgen.
   Kräftige Finger schlossen sich um ihren Oberarm und ließen sie aufsehen. Ramon war neben sie getreten. Mit einer ruckartigen Bewegung holte er sie wieder auf die Füße und schob sie vor sich her in die Hütte.
   Die Unterkunft enthielt eine wesentlich bessere Ausstattung, als sie vermutet hatte. Ein Satellitentelefon stand auf einem der grob behauenen Tische, ein Laptop samt Scanner daneben. In der Ecke stapelte sich eine beängstigende Menge aller erdenklichen Waffen. Keine Frage, La Mano de Cuba hatte die Mittel, Forderungen durchzusetzen.
   Ramon drückte sie auf einen der Stühle und verschwand durch die nächstgelegene Tür. Kurz darauf hörte sie, wie draußen ein Stromaggregat ansprang und knatternd seine Arbeit aufnahm. Die Deckenbeleuchtung flackerte und ging an, tauchte den Raum aber nur in trübes Licht.
   Santos schaltete den Laptop ein. Während das Gerät leise klickend bootete, wandte er sich seinen Satteltaschen zu und holte eine Tageszeitung sowie eine Digitalkamera heraus.
   Ramon kehrte zurück und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen. Unsicher blickte sie von einem zum anderen.
   Santos trat vor sie und griff nach ihrem Kinn, wischte ihr grob einige Locken aus dem Gesicht, dann streckte er ihr die Zeitung entgegen. »Los, festhalten!«
   Sie klemmte die Ausgabe vom Tag der Entführung zwischen ihre gefesselten Hände. Santos trat einige Schritte zurück und machte zwei Blitzlichtaufnahmen. Anja blinzelte in das grelle Licht. Mit ihrem verdreckten Gesicht und den wirren Haaren gab sie bestimmt ein aussagekräftiges Motiv ab. Neugierig verfolgte sie, wie Santos die Kamera an den Laptop anschloss.
   »Wie ist dein Name?«, fragte er barsch, beide Handflächen auf die Armlehnen des Stuhls gestützt.
   Anja schwieg.
   Santos fluchte und riss sie ohne Vorwarnung samt Stuhl zu sich. Ramon kam hinter ihm sofort in Bewegung, blieb dann aber stehen. Er sprach kein Wort, verfolgte nur wachsam die Szene, den Körper abwartend gespannt wie ein Tiger vor dem Sprung.
   Santos beugte sich noch dichter über Anja. »Du hast gerade dein Abendessen verspielt, chica. Ich frag dich jetzt noch mal. Wie ist dein Name?«
   Anja zögerte und sah kurz an Santos vorbei auf Ramon. Sie wusste nicht, warum, sie tat es einfach. Sein Gesicht war unbewegt wie immer, nur seine hellen Augen sprachen eine deutliche Warnung.
   Sie schluckte. »Anja Zimmermann«, sagte sie leise.
   Santos schürzte die wulstigen Lippen und kehrte zum Computer zurück. Anja brauchte nicht zu sehen, was er schrieb. Sie begriff auch so, was vor sich ging. Ihr Bild diente als Druckmittel für die Forderungen, die ihre Entführer stellen wollten. Die Frage war nur, ob die entfernte Möglichkeit bestand, dass diese Forderungen auch erfüllt wurden.
   »Rodrigues.« Santos machte eine bezeichnende Kopfbewegung in ihre Richtung.
   Der Angesprochene trat vor, griff nach ihr, schleifte sie quer durch den Raum und öffnete die Tür zu einem Nebenzimmer.
   Der kleine Verschlag war lediglich mit einer unbequem aussehenden Holzpritsche ausgestattet, nach einem Fenster oder vergleichbaren Öffnungen suchte Anja vergebens. Kalte Angst krallte sich in ihren Magen, ließ sie augenblicklich reagieren. Sie wehrte sich wie eine Verrückte, während der Mann sie hineinstieß. Selbst, nachdem er die Tür längst geschlossen hatte, tobte sie weiter, schlug mit einer Ausdauer gegen das stabile Holz, die nur aus entsetzlicher Platzangst geboren wurde. Wellen der Panik schwappten über ihr zusammen und steigerten ihren Herzschlag zu einem dröhnenden Stakkato.
   Sie spürte weder, wie ihre Handflächen an dem rauen Holz aufschürften noch den Schmerz, mit dem der Strick in ihre Gelenke schnitt. Es zählte nur, dass sie aus diesem Raum kam. Egal wie. So schnell wie möglich. Sofort!
   Anja trat unbeirrt gegen die Tür, setzte jedes verfügbare Mittel ein, um eine Reaktion der Männer hervorzurufen. Die kam dann auch. Kurz und schmerzvoll.
   Rodrigues riss die Tür auf, packte sie an den Schultern und schleuderte sie in Richtung der Pritsche. Sie stolperte und ging zu Boden. Grob drückte er ihr eine Lage Klebeband über den Mund, dann fesselte er ihr linkes Fußgelenk mit derart wenig Abstand an das Holzgestell, dass ihr nur noch ein lachhaft kleiner Bewegungsradius blieb. Er verließ den Raum und warf die Tür hinter sich zu.
   Anja fand sich erneut in völliger Dunkelheit wieder. Kalter Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn. Ihr Puls rangierte inzwischen auf einem Level, als drohte ihr akute Gefahr. Sie begann zu hyperventilieren. Kaum noch zu einer Handlung fähig, kippte sie zur Seite und kauerte sich wie ein verstörtes Kind zusammen. Schwindel, Panik, tiefschwarze Enge umgaben sie wie ein Leichentuch. Die Angst, unter dem Klebeband zu ersticken, verdrängte jeden rationalen Gedanken. Bald blieb nichts mehr übrig außer diesem grauenhaft toten Vakuum.
   Auf den Boden gepresst rang sie nach Luft. Weiße Punkte tanzten vor ihren Augen und sie fühlte sich, als wäre kein Quäntchen Sauerstoff mehr im Raum. Staub drang in ihre Nase und reizte ihre Lungen. Hustend fuhr sie auf, knallte dabei mit der Schulter gegen die Kante der Pritsche. Der Schmerz war furchtbar, doch er ermöglichte es ihr endlich, den Nebel der Panikattacke zu durchbrechen. Ihre Sinne meldeten sich nach und nach zurück und sie nahm die Umgebung wieder wahr. Trotzdem schienen Jahre zu vergehen, bis es ihrem Gehirn gelang, zusammenhängende Worte zu bilden.
   Alles ist gut. Bleib ruhig. Du kannst atmen. Der Raum bietet genug Platz. Ganz ruhig. Du kannst atmen.
   Sich vor und zurück wiegend, betete Anja die Sätze immer wieder herunter. Sie wusste nicht, wie lange sie so ausharrte, sie wusste nur, dass sie stetig weiteratmen musste. Einen Atemzug nach dem anderen zu nehmen, nur darauf kam es an. Zeit hatte in dieser undurchdringlichen Schwärze keine Bedeutung. Irgendwann beruhigte sich ihr rasender Herzschlag. Die Hysterie ebbte ab und nahm die Starre mit sich.
   Zitternd lehnte sie den Kopf gegen das Holz der Pritsche. In einem Versuch, ihre verkrampfte Haltung zu lockern, streckte sie die Beine. Der Strick um ihren Knöchel stoppte ihre Bewegung, noch ehe sie die Knie ganz durchdrücken konnte. Anja tastete über den Knoten am Fußgelenk. Bombenfest. Genau wie der an den Händen. Sie lehnte sich zurück. Was sollte sie jetzt tun? An die Tür kam sie jedenfalls nicht mehr.
   Ihre Situation konnte hoffnungsloser nicht sein. Sie befand sich in einem dunklen Raum mitten in der Wildnis. Ohne Aussicht auf Hilfe oder Rettung, völlig auf sich allein gestellt. Bewacht von einer Gruppe Männer, die weiß Gott was mit ihr vorhatten.
   So hatte sie sich ihren Urlaub nicht vorgestellt.
   Resigniert starrte sie ins Nichts.
   Stundenlang saß sie da, ohne sich zu bewegen. Was blieb ihr auch anderes übrig? Jedenfalls nichts, was die Situation in irgendeiner Weise verbessert hätte. Irgendwann fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Mitten in der Nacht – oder war es schon Morgen? – schreckte sie zitternd vor Kälte auf. Mit steifen Gliedern kraxelte sie auf die Holzpritsche und breitete eine der muffig riechenden Decken über sich.
   Sie wurde erst wieder wach, als jemand sanft an ihrer Schulter rüttelte. Orientierungslos blinzelte sie einige Male, dann setzte die Erinnerung ein: der Überfall, die Entführung. Ihre bescheidene Lage.
   Anja riss die Augen auf.
   Ramon stand über ihr, eine Metallschüssel und einen Becher in den Händen.
   Er wartete, bis sie sich aufgerichtet hatte, entfernte dann das Klebeband von ihrem Mund und streckte ihr den Becher entgegen. »Hier, du musst was essen und trinken.« Er reichte ihr die Schüssel. Neben einem Stück Brot befand sich eine undefinierbare braune Masse darin.
   »Was ist das?«
   Ramons Miene verfinsterte sich, als er ihren angeekelten Gesichtsausdruck bemerkte. »Wonach sieht’s denn aus?«
   »Das willst du gar nicht wissen.«
   »Da hast du verdammt recht. Los, nimm! Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.« Die sture Arroganz, mit der er ihr Schüssel und Becher vor die Nase hielt, rief Anjas Wut auf den Plan. Was erwartete er denn? Dass sie den widerlichen Fraß auch noch dankbar annahm?
   Einen Moment lang spielte sie ernsthaft mit dem Gedanken, ihm die Schüssel aus der Hand zu schlagen.
   »Denk nicht mal dran«, stoppte seine kalte Stimme sie, noch ehe sie die Idee zu Ende geplant hatte. Sie riss den Kopf hoch. Wie Messerklingen kreuzten sich ihre Blicke. Hätte der Ausdruck darin töten können, wären sie vermutlich beide auf der Stelle umgefallen.
   Ramon stellte das Frühstück neben der Pritsche auf den Boden und verschwand. Kurze Zeit später kam er mit einer brennenden Petroleumlampe zurück.
   »Wenn du irgendwelchen Unsinn mit dem Feuer anstellst, wirst du mich kennenlernen.« Er sprach in beiläufigem Tonfall, bei dem sich Anja dennoch sämtliche Nackenhaare aufrichteten. Unwillkürlich kam ihr wieder in den Sinn, was ihr bei seinem Anblick im Auto als Erstes durch den Kopf geschossen war: Kraft, gepaart mit wachsamer Schnelligkeit. Dieser Eindruck hatte sich bisher nur bestätigt. Obwohl Ramon im Gegensatz zu Santos bisher nie handgreiflich geworden war, verspürte sie nicht das geringste Bedürfnis, den Wahrheitsgehalt seiner Drohung auszutesten. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er genau das meinte, was er sagte. Schweigend vermied sie es, ihn anzusehen. Eigentlich hatte sie gar nicht vorgehabt, mit dem Feuer herumzuexperimentieren. Das Risiko eines eskalierenden Brandes wollte sie nicht eingehen. Vor allem nicht, solange sie gefesselt war. Aber das musste sie ihm ja nicht auf die Nase binden. Sollte er ruhig denken, sie wäre zu allem fähig.
   Mit seiner üblichen Geschmeidigkeit machte Ramon kehrt und verließ den Raum. Anja wartete, bis die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, dann rutschte sie vom Bett.
   Ihre Unterkunft war zwar weiterhin nicht gerade das Hilton, aber wenigstens hatte sie jetzt etwas Licht.
   Langsam und beherrscht kaute sie an dem trockenen Brot und trank etwas Wasser aus dem Becher. Es kostete sie einiges an Überwindung, auch den Rest ihrer Mahlzeit zu probieren. Erleichtert stellte sie fest, dass es sich bei der braunen Paste schlichtweg um Käse handelte, selbst wenn er nur unwesentlich besser schmeckte, als er aussah.
   Sie teilte Rationen ab und ließ sich Zeit. Wer wusste schon, wann sie das nächste Mal etwas zu essen bekommen würde?

*

Ramon rief sich zur Ruhe. Das blauäugige Biest stellte seine Geduld wirklich auf eine harte Probe. Begriff sie denn nicht, in welch gefährlicher Lage sie sich befand? Das hier war kein Spiel, sondern bitterer Ernst. Sie täte wahrlich gut daran, sich kooperativ zu verhalten, denn sonst würde die Sache noch viel unangenehmer für sie werden. Santos wartete nur darauf, dass sie sich etwas leistete, wofür er sie sadistisch bestrafen konnte.
   Mit unbewegter Miene ging Ramon an seinem Bruder vorbei, nahm gelassen die Axt von der Wand und verließ die Hütte.
   Um sich abzureagieren, begann er verbissen, Holz zu hacken. Seit der Entführung waren knapp zweiundsiebzig Stunden vergangen.
   Santos hatte ihm auf dem Rückweg zur Hütte verraten, dass er durch seinen »Glücksgriff« mit der Geisel nun plante, die Freilassung zweier inhaftierter Mitglieder von La Mano de Cuba zu erpressen. Und weil es sich bei seiner Beute um eine Touristin handelte, hatte er zusätzlich ein Lösegeld von 100.000 $ draufgepackt. Nicht gerade ein Pappenstiel.
   Der Holzscheit zerbarst unter seinem kraftvollen Schlag in zwei Teile. Ramon griff nach dem nächsten Stück und ließ erneut die Axt niedersausen.
   Bis jetzt sah es nicht danach aus, als würde der Senat irgendeiner der Forderungen Folge leisten. Aber davon ahnte die blonde Unschuld in der Hütte nichts.
   Wütend kickte Ramon mit dem Fuß die Bruchstücke zur Seite. Er kannte seinen Bruder. Nicht umsonst war Santos der Anführer der Organisation.
   Er war nicht gerade für sein Zartgefühl bekannt und würde die junge Frau töten, ohne mit der Wimper zu zucken, sollte sein Plan fehlschlagen. Selbst im abwegigen Fall eines Erfolges stand ihre Überlebenschance schlecht. Sie war eine Zeugin. Eine Person, die sie identifizieren konnte. So oder so, sein Bruder würde sie beseitigen.
   Das durfte er nicht zulassen.
   Er hatte schon viel zu lange bei der Geschichte mitgemischt. Blutsbande in allen Ehren, aber bei einem kaltblütigen Mord würde er nicht mehr tatenlos zusehen.
   In den siebzehn Jahren seiner Zugehörigkeit zu der Organisation hatte er schon einige krumme Dinger gedreht, auf die er nicht stolz war. Aber es gab eine Grenze, selbst für ihn.
   Sein Bruder achtete ihn für seine Besonnenheit und absolut ruhige Hand im Umgang mit Waffen. Die Präzision seiner Treffsicherheit mit dem Gewehr war sensationell … und tödlich.
   Ramon verachtete sich dafür, dass er dazu beigetragen hatte, zwei Männer zu ermorden.
   Es war gleich nach seinem Eintritt in die Gruppe passiert. Mit knapp vierzehn hatte er sich von den fanatischen Parolen seines Bruders noch mitreißen lassen, ohne nachzudenken. Er hatte eifrig alles gemacht, was dieser von ihm verlangte. Santos war damals dahintergekommen, dass zwei ehemalige Mitglieder von Mano ihre Namen der Polizei verkauft hatten. Nachdem er wusste, wo sich die beiden versteckt hielten, hatte er ihnen einen Besuch mit dem Messer abgestattet. Ramons Aufgabe war es gewesen, vom Dach des gegenüberliegenden Hauses aus für Santos’ Rückendeckung zu sorgen.
   Statt sich gegen die Anweisung zur Wehr zu setzen, hatte er die Wohnung der beiden Männer ins Visier genommen. Santos war dem ersten Mann schon beim Öffnen der Tür mit dem Messer durch die Kehle gefahren. Der zweite schaffte es noch, nach seiner Waffe zu greifen, aber ehe er sie gegen Santos einsetzen konnte, war Ramon zur Stelle gewesen. Mit einem sauberen Schuss ins Handgelenk hatte er den Mann kampfunfähig gemacht. Santos ließ sich mit dem Verletzten sehr viel Zeit. Sein Tod sollte als Warnung für alle potenziellen Verräter dienen.
   Ramon kam heute noch die Galle hoch, wenn er an das Gemetzel von damals dachte. Santos war danach unglaublich stolz auf seinen kleinen Bruder, den Scharfschützen, gewesen. Ramon jedoch hatte sich hundeelend gefühlt. Während des anschließend stattfindenden Saufgelages war er von der Gruppe weggeschlichen, um sich hinter einer Reihe von Büschen immer wieder zu übergeben. Er hatte das Bild seiner Mutter vor sich gesehen, wie sie ihm einst erklärt hatte, nur Gott allein besäße das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden. Seine Mutter … Ramon biss die Zähne zusammen. Sie hätte das alles nicht gewollt, wäre geschockt darüber gewesen, was letztendlich aus ihren Söhnen geworden war.
   Er richtete sich auf und blickte in den fahlen Morgenhimmel. In jener Nacht hatte er sich geschworen, dass er niemals wieder Gott spielen würde. Und tatsächlich war es ihm seither immer gelungen, seine Begegnungen mit der Gegenseite ohne tödliche Folgen zu überstehen. Dabei sollte es bleiben. Die aufmüpfige Blondine mit eingeschlossen. Bestimmt heckte sie schon wieder neuen Ärger aus, das konnte er förmlich riechen.
   Die Tür zur Hütte ging auf und Santos schlenderte auf ihn zu. Schnell setzte Ramon eine unbewegliche Miene auf. Wenn sein Bruder auch nur die Spur eines Verdachts hegte, welche Gedanken durch seinen Kopf gingen, würde er ihn genauso kaltblütig abservieren wie die beiden Männer damals.
   Santos trat neben ihn, zündete sich eine Zigarette an und nahm einige tiefe Züge.
   »Und?«, fragte Ramon mit kühler Lässigkeit.
   Santos spuckte verächtlich aus. »Wir geben ihnen noch Zeit bis morgen Mittag. Dann …« Er zeichnete mit dem Daumen eine Linie quer über seinen Hals.
   Ramon fluchte innerlich. Wie er es hasste, recht zu haben!
   Sein Bruder lachte abfällig. »Das wird ihnen fürs nächste Mal eine Lehre sein. Niemand legt sich mit La Mano de Cuba an.« Er schlug Ramon auf die Schulter und ging zurück ins Haus.
   Ramon sah ihm nach. Wenn er für die Lady in der Hütte noch irgendetwas tun wollte, musste er sich verdammt beeilen.

4.
Beunruhigende Nachrichten

Deutschland, Berlin, 02.09.2007, 07:04 Uhr

Oliver stöhnte genervt, als das schrille Klingeln des Telefons ihn unbarmherzig aus seinen Träumen riss. Das durfte nicht wahr sein. Konnte er nicht wenigstens ein einziges Mal ausschlafen?
   Zumindest das sollte ihm vergönnt sein, wenn er endlich Urlaub hatte. Gestern hatte das Büro um halb neun angerufen. Sie fanden eine Akte nicht. Dabei hatte er der Sekretärin genau erklärt, wo sie lag. So riesig war sein Schreibtisch nun wirklich nicht.
   Missmutig wälzte er sich aus dem Bett, warf einen grimmigen Blick auf die Uhr und angelte nach dem Hörer.
   Er war gespannt, wer heute der Idee verfallen war, ihn zu wecken. Demjenigen würde das gleich leidtun.
   »Oliver Neumeier.«
   Als sich der Anrufer zu erkennen gab, runzelte Oliver die Stirn. Schon wieder das Auswärtige Amt! Seine Kollegen hatten wohl Sehnsucht nach ihm, wenn sie sich jetzt bereits täglich meldeten. Seufzend wartete er, bis er durchgestellt wurde. Wenn sie schon wieder nach einer Akte suchten, würde er gleich nach seinem Urlaub Peilsender beantragen.
   Ein leises Knacken lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf das Telefon. Oliver blinzelte überrascht, als sich sein oberster Vorgesetzter meldete.
   »Herr Neumeier, bitte entschuldigen Sie die Störung, aber wir brauchen Sie sofort im Büro. In den USA ist eine junge Deutsche entführt worden.«
   »Was?« Ihm war, als hätte jemand einen Kübel Eiswürfel über seinen Kopf gekippt. Rasch fing er sich wieder. »Wann ist das passiert?«
   »Vor vier Tagen in Kalifornien. Wir müssen uns unverzüglich um die Sache kümmern.«
   »Natürlich. Ich mache mich sofort auf den Weg.« Eilig pfefferte er den Hörer auf die Gabel und spurtete zurück ins Schlafzimmer. Eine Entführung von deutschen Staatsangehörigen kam eher selten vor. Und dass dies in den USA geschah, noch seltener.
   Genauer gesagt war es in seinem bisherigen Leben noch nie vorgekommen, dabei war er mit seinen siebenunddreißig Jahren auch nicht mehr gerade das, was man einen Frischling nannte.
   Oliver stieg in seine Hosen und nahm eine dunkelblau gestreifte Krawatte aus dem Schrank. Mit den Gedanken schon bei der bevorstehenden Aufgabe klemmte er sich die stets gepackte Aktentasche unter den Arm und verließ nach nur wenigen Minuten seine Wohnung. Für Kaffee musste das Amt sorgen, wenn sie ihn schon aus dem Bett klingelten.
   Eine halbe Stunde später lief er die Steinstufen zu seiner Abteilung hinauf. Wie immer war die fünfzigjährige Sekretärin Irene Breitfeld top gestylt, als er ins Büro trat. Sie lächelte ihn entschuldigend an und teilte ihm mit, dass sein Chef ihn bereits erwarte. Oliver rückte die Krawatte zurecht und betrat nach einem kurzen Anklopfen den Raum.
   »Guten Morgen, Herr Neumeier. Danke, dass Sie so schnell kommen konnten.« Der Staatsminister erhob sich und wies auf einen Stuhl vor dem breiten Schreibtisch.
   »Kein Problem.« Oliver setzte sich.
   »Die Deutsche Botschaft in Washington hat angerufen. Der Name der entführten Frau lautet Anja Zimmermann. Die amerikanischen Behörden konnten leider erst heute Nachmittag ihre Personalien ermitteln.« Er reichte eine Akte über den Tisch. »Ich erachte es für dringend erforderlich, die Angehörigen in Kenntnis zu setzen. Schließlich wollen wir uns nicht unterstellen lassen, das Auswärtige Amt würde derartige Angelegenheiten nachlässig handhaben.«
   »Natürlich nicht«, murmelte Oliver, während er bereits die Akte öffnete.
   Der Minister deutete auf ein Fax, das auf den Unterlagen klemmte. »Würden Sie bitte versuchen, unter dieser Nummer eine Frau Carolin Schuster zu erreichen? Nach vorliegenden Unterlagen wurde die Frau von der Geisel als Ansprechpartnerin genannt. Sie müssen danach unverzüglich in die USA aufbrechen. Meine Sekretärin wird sich um einen Flug kümmern.«
   Oliver nickte und überflog den Inhalt der Unterlagen. »Es wurden noch keine Forderungen vonseiten der Entführer gestellt?«
   Sein Vorgesetzter schüttelte den Kopf. »Bisher nicht. Gegebenenfalls hat sich das bis zu Ihrer Ankunft vor Ort geändert. Bitte halten Sie mich auf dem Laufenden. Gute Reise.«
   Oliver stand auf. »Selbstverständlich.« Mit der Akte unterm Arm steuerte er auf sein Büro zu und ließ sie dort auf den Schreibtisch fallen.
   Konzentriert studierte er die Unterlagen. Dann griff er nach dem Telefonhörer.

Sudan, 02.09.2007, 10:12 Uhr

Wie konnte es um diese Uhrzeit nur so heiß sein? Carolin nickte einem Kollegen zu und ging auf das weiß getünchte Gebäude zu, in dem gleich eine Presseerklärung des sudanesischen Militärs zu den jüngsten Ausschreitungen stattfinden sollte.
   Kurz bevor sie die Tür erreichte, vibrierte ihr Handy. Sie wechselte das Diktiergerät in die andere Hand und wühlte in ihrer Umhängetasche.
   »Ja?« Sie fixierte das Mobiltelefon zwischen Ohr und Schulter, während sie weiterging.
   »Spreche ich mit Frau Carolin Schuster?«, fragte eine Männerstimme.
   »Genau mit derselben. Um was geht es denn?« Ein schneller Blick auf die Uhr ermahnte Carolin an die in wenigen Minuten beginnende Konferenz. Ungeduldig fasste sie nach dem Türgriff.
   »Hier spricht Oliver Neumeier vom Auswärtigen Amt in Berlin. Sind Sie mit einer Frau namens Anja Zimmermann bekannt?«
   Carolin ließ die Hand vom Türgriff rutschen. »Warum wollen Sie das wissen?«
   »Frau Schuster, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Frau Zimmermann vor wenigen Tagen in den USA entführt wurde.«
   Carolin schüttelte energisch den Kopf. Das sollte wohl ein Scherz sein. Dahinter konnte doch nur ihr Chefredakteur Thomas stecken. Er war berüchtigt für seinen Hang, Kollegen mit allerlei Unsinn auf den Arm zu nehmen. »Hör zu, Herr Neumeier«, den Namen betonte sie übertrieben deutlich, »oder wie auch immer du dich sonst nennst. Du kannst Thomas sagen, dass er gefälligst jemand anderen verarschen soll. Grüß ihn doch schön von mir, ja? Und dabei kannst du ihm gleich noch ausrichten, dass ich wegen ihm jetzt zu spät zur Konferenz komme. Er soll sich hinterher nicht beklagen, wenn der Bericht lückenhaft ist.«
   Ehe der Mann noch etwas sagen konnte, drückte sie das Gespräch weg und stapfte wutentbrannt durch die Tür. Die Typen in der Redaktion hatten definitiv zu viel Freizeit.
   Carolin kam keine drei Meter weit, da klingelte das Telefon erneut. Fluchend klappte sie es auf und riss es ans Ohr. »Was denn noch?« Langsam wurde ihr die Sache echt zu blöd.
   Die Antwort kam erstaunlich ruhig. »Frau Schuster, ich weiß zwar nicht, für wen Sie mich fälschlicherweise halten, aber ehe Sie wieder auflegen, hören Sie mir bitte zu, es ist wichtig.«
   Bei seinem ernsten Tonfall blieb Carolin von ganz allein stehen. Was wurde hier gespielt? Plötzlich war sie nicht mehr so sicher, dass die ganze Sache nur ein dummer Witz war.
   »Schießen Sie los«, murmelte sie, allmählich doch beunruhigt.
   Sie hörte deutlich, wie der Mann am anderen Ende ausatmete. »Frau Zimmermann wurde vor vier Tagen in einem Lebensmittelgeschäft in Mariposa, Kalifornien, als Geisel genommen und anschließend entführt. Bedauerlicherweise können die amerikanischen Behörden im Moment noch nicht sagen, warum sie entführt wurde. Wir müssen daher abwarten, bis …«
   »Halt, stopp!« Carolin fand ihre Sprache wieder. »Sie wollen also sagen, dass meine Freundin in Händen von Kidnappern ist und keiner weiß, wer die Typen sind und was sie wollen? Habe ich das richtig verstanden?«
   »Wir wissen, dass es sich um eine kubanische Untergrundorganisation handelt. Mehr kann ich Ihnen im Augenblick leider nicht sagen. Ich werde noch heute in die Staaten fliegen und persönlich mit der zuständigen Polizeistelle sprechen. Sobald ich mehr Informationen habe, setze ich mich unverzüglich wieder mit Ihnen in Verbindung. Bitte bleiben Sie erreichbar.«
   »Nein, das können Sie vergessen!« Carolin war nicht mehr zu bremsen. »Ich werde auf keinen Fall hier herumsitzen und Däumchen drehen, während die Typen weiß Gott was mit Anja anstellen. Ich komme mit.«
   Am anderen Ende erklang ein Räuspern. »Frau Schuster, das geht leider nicht. Es würde nichts ändern, wenn Sie vor Ort sind, da wir …«
   »Hören Sie, ich bin nicht von gestern. Die Behörden werden rein gar nichts unternehmen, bis es vielleicht zu spät ist. Entweder, Sie sagen mir jetzt, wann und wo wir uns in den Staaten treffen, oder ich werde auf eigene Faust losziehen.«
   Stille. Carolin konnte bildlich vor sich sehen, wie sich der Anrufer die Haare raufte, doch das war ihr herzlich egal. In diesem Punkt würde sie nicht nachgeben, das würde der Schlipsträger schon noch begreifen. Im Geiste legte sie sich die Worte zurecht, die sie ihm gleich an den Kopf pfeffern würde.
   »In Ordnung«, lenkte der Mann zu ihrer Überraschung ein. »Wie Sie wollen.« Knistern von Papier. »Mein Flug geht um dreizehn Uhr von Berlin aus. Ich werde gegen fünfzehn Uhr Ortszeit in San Francisco landen. Wenn Sie ebenfalls dorthin kommen, hole ich Sie am Flughafen ab.«
   Carolin zückte bereits einen Stift. »Ich kümmere mich sofort um einen Flug. Wie kann ich Sie erreichen?«
   Er gab ihr seine Mobilnummer durch. Carolin notierte die Zahlen auf ihrer Handfläche, dann legte sie auf. Während sie das Diktiergerät in die Tasche warf, wählte sie bereits eine Ortsnummer. »Kommt schon, geht ran!«, flehte sie und verließ das Gebäude.
   Endlich wurde abgehoben. »Vermittlung.«
   »Ja, hallo. Bitte verbinden Sie mich mit dem Flughafen in Kassala.« Das Telefon ans Ohr gepresst, rannte sie zum Bus. Es dauerte fast zwei Minuten, bis sie durchgestellt wurde.
   Kaum hatte sie das Gespräch beendet, tippte sie eine ellenlange Zahlenfolge ein. Carolin suchte mit einer Hand das Geld für die Busfahrt aus ihrer Hosentasche und nahm in dem stickigen Gefährt Platz. Wieder wartete sie. Diesmal auf die Verbindung nach Deutschland.
   »Heidelberger Nachrichtenblatt. Weidbach.«
   »Thomas, hier ist Caro.«
   »Hi, was macht der Sudan?«
   »Ich muss sofort rüber in die USA. Meine Freundin Anja ist entführt worden. Mein Flug geht um fünfzehn Uhr in Kassala, ich wollte dir nur schnell sagen …«
   »Das ist ein Scherz, oder?«
   »Nein, das ist bitterer Ernst. Ein Mann vom Auswärtigen Amt hat gerade angerufen. Irgendwelche Typen haben Anja als Geisel genommen.«
   Betroffenes Schweigen folgte. »Wie ist das passiert?«, fragte Thomas dann.
   »Die wissen noch nichts Genaues, deshalb fliege ich ja auch dahin. Jemand muss denen Beine machen.«
   »Kann ich mir denken. Vielleicht hilft’s ja, mit dem Presseausweis zu wedeln, das versetzt manchmal Berge.«
   Carolin nickte. »Wir werden sehen. Ich muss jetzt Schluss machen. Wegen des Berichts …«
   »Zerbrich dir nicht den Kopf. Ich werde meinen alten Kumpel Jacques vom Jour en Monde fragen. Soweit ich weiß, ist er auch auf deiner Konferenz. Er kann mir bestimmt eine Kopie seines Tapes mailen. Hab noch was gut bei ihm.«
   Carolin atmete auf. »Und du hast jetzt was gut bei mir. Vielen Dank.«
   »Keine Ursache. Melde dich, sobald du etwas Neues weißt.«
   »Mach ich. Bis dann.«
   »Viel Glück.«
   Carolin drückte das Gespräch weg und übertrug Neumeiers Nummer von ihrer Handfläche in den Telefonspeicher. Bis der Bus vor ihrem Hotel zum Stehen kam, hatte sie bereits einen Mietwagen für die Fahrt zum Flughafen geordert. So ein Handy war manchmal Gold wert.
   Kaum hatte Carolin ihr Hotelzimmer erreicht, stopfte sie in fliegender Hast sämtliche Kleider in die Reisetasche, checkte aus und stürmte los.
   Sie musste sich beeilen. Die Straßen in diesem Gebiet waren nicht dafür ausgelegt, mit Höchstgeschwindigkeit darüberzurauschen. Hoffentlich war der Flug nicht ausgebucht, bis sie endlich in Kassala eintraf. Sobald sie das Ticket in den Händen hielt, musste sie diesen Neumeier zurückrufen. Es würde knapp werden, ihn noch vor seinem eigenen Flug zu erreichen. Sie warf ihre Sachen in den verbeulten, rostigen Jeep des Mietwagenverleihs und startete den Motor. In Gedanken entwarf sie bereits einen Plan, was sie tun könnte, um Anja zu helfen. Wenigstens hielt sie das davon ab, vor Sorge um ihre Freundin durchzudrehen.

Kalifornien, San Francisco, 02.09.2007, 16:30 Uhr

Oliver studierte die Anzeigetafeln und warf dann einen Blick auf seine Uhr. Die Maschine aus Kassala würde pünktlich landen. Wenn alles glattging, musste die Frau bald auftauchen.
   Er kratzte sich am Ohr. So etwas wie diese Schuster war ihm noch nie untergekommen. Dummerweise hatte er das untrügliche Gefühl, dass sie ihre Drohung, allein loszuziehen, sofort in die Tat umgesetzt hätte, wäre er nicht auf ihre Forderung eingegangen. Alles in allem war es auf jeden Fall besser, sie reiste mit ihm. So konnte er sie wenigstens im Auge behalten und verhindern, dass sie etwas Dummes anstellte.
   Als die ersten Reisenden aus dem Sicherheitsbereich des Flughafens traten, blieb sein Blick an einer großen Rothaarigen hängen, die schnellen Schrittes durch den Gang hinter der Glasfront stöckelte. Oliver straffte die Schultern. Es würde ihn nicht wundern, wenn sie die Person war, auf die er wartete.
   Sie war schätzungsweise in seinem Alter, vielleicht ein, zwei Jahre jünger und der temperamentvollen Stimme am Telefon nach zu urteilen, würde diese Frau exakt zu dem Bild passen, das er sich von ihr gemacht hatte.
   Oliver irrte sich nicht. Bereits wenige Minuten später marschierte sie auf ihn zu und blieb direkt vor ihm stehen.

*

Carolin ließ ihre Reisetasche fallen. »Herr Neumeier, gut, dass es geklappt hat.« Unverblümt inspizierte sie ihr Gegenüber. So etwas hatte sie schon vermutetet. Steifer Anzugträger, urteilte sie hart. Groß, schlank, wahrscheinlich keinen Funken Humor. Die braunen Haare raspelkurz, wirkte er so ordentlich wie ein Bundeswehrspind. Garantiert benahm er sich schrecklich pedantisch und bügelte auch noch seine Socken. Allein das lebendige Funkeln in seinen haselnussbraunen Augen verriet, dass er kein menschlicher Roboter war. Das konnte ja heiter werden.
   Neumeier ließ ihre Musterung kommentarlos über sich ergehen und griff nach ihrem Gepäck.
   Ohne sich lange aufzuhalten, steuerten sie nebeneinander auf den Ausgang zu. Carolin hörte aufmerksam zu, während er sie auf den neuesten Stand der Ermittlungen brachte.
   Es passte ihr nicht, dass sie trotz ihrer hohen Absätze noch zu ihm aufsehen musste. Er maß mindestens einen Meter neunzig. Nicht gerade hilfreich, denn große Menschen ließen sich nur schwer einschüchtern. Wie sie das bei diesem Riesen bewerkstelligen sollte, stand noch in den Sternen. Mit niederstarren würde es jedenfalls nicht funktionieren.
   »Vor einigen Stunden haben die Behörden ein Bild von Frau Zimmermann per E-Mail erhalten«, berichtete er. »Sie scheint wohlauf und unverletzt. Die Entführer fordern die Freilassung zweier inhaftierter Bandenmitglieder sowie eine Lösegeldsumme von 100.000 $.«
   Carolin kämpfte schockiert um Luft. »Die spinnen doch! Wo zum Teufel sollen wir denn so viel Geld hernehmen? Wieso haben die nicht einen der Filmstars entführt, die hier haufenweise rumlaufen? Warum gerade Anja?«
   Neumeier schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich glaube, Ihre Freundin war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.«
   Darauf wusste Carolin nichts zu sagen. Wahrscheinlich hatte der Mann sogar recht.
   Sie erreichten eine dunkle Limousine, die unbehelligt mitten im Halteverbot vor dem Eingang des Flughafens stand. Carolin schnitt eine Grimasse. Wenigstens diesen Vorteil hatte es, wenn man mit einem Diplomaten durch die Gegend zog.
   Neumeier verstaute ihre Reisetasche im Kofferraum und öffnete ihr höflich die Tür. Carolin glitt ins Wageninnere.
   Kaum saß er hinterm Steuer, startete er den Motor und fädelte sich geduldig in den dichten Verkehr ein.
   »Wohin fahren wir?«
   »Nach Mariposa. Die County-Polizei ist für die Ermittlungen zuständig.« Carolin verstaute ihre Reiseunterlagen in der Handtasche und wandte sich wieder ihrem Begleiter zu. »Was wurde dort bisher unternommen? Werden die Sträflinge auf freien Fuß kommen?«
   Er warf ihr einen schnellen Blick von der Seite zu. »Diese Forderung ist indiskutabel.«
   »Wie bitte? Was genau soll das heißen?«
   »Das soll heißen, dass die Regierung es bereits abgelehnt hat, die Häftlinge zu entlassen.«
   »Aber das können die doch nicht machen! Hier geht es um ein Menschenleben. Ist denen das völlig egal?«
   Neumeier hielt den Blick auf die Straße gerichtet. »Das ist die übliche Vorgehensweise. Leider können wir jetzt nur abwarten.«
   Seine stoischen Worte brachten Carolin erst recht auf die Palme. »Was? Ich scheiß auf eure übliche Vorgehensweise!« Sie wollte zu ihm herumfahren, wurde aber vom Gurt gestoppt. »Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie ihr Anja opfert, als wäre sie ein Lamm auf der Schlachtbank. So läuft das nicht.«

*

Oliver krampfte seine Hände um das Lenkrad, während er den Wagen nach rechts auf den Seitenstreifen steuerte und anhielt. Beherrscht drehte er sich der Frau zu.
   »Doch, genau so läuft das.« Er wunderte sich, wie ruhig seine Stimme noch klang. »Keine Regierung beugt sich den Forderungen von Erpressern. Damit wäre dem Verbrechen Tür und Tor geöffnet. Die Polizei wird alles daran setzen, Frau Zimmermann vor Ablauf der Frist ausfindig zu machen. Mehr können wir im Augenblick nicht tun. Und wenn Sie sich jetzt nicht beruhigen, setze ich Sie ohne Umschweife in den nächsten Flieger zurück nach Deutschland. Haben Sie mich verstanden?«
   Die rothaarige Xanthippe fixierte ihn aus schmalen Augen und beugte sich aggressiv weit vor. »Sie werden Himmel und Hölle in Bewegung setzen, damit Anja freikommt, oder ich schreibe einen so gepfefferten Artikel über Ihre Behörde, dass Sie sich wünschen werden, mir nie begegnet zu sein. Haben Sie mich verstanden?«
   Olivers viel gerühmte Zurückhaltung zerplatzte bei ihren Worten wie eine Seifenblase. »Oh, glauben Sie mir, das wünsche ich mir jetzt schon.« Nicht bereit, auch nur einen Jota nachzugeben, beugte er sich ebenfalls vor.
   Einige Sekunden lang starrte er ihr aus nächster Nähe in die dunkelblauen Augen. Carolin Schuster wich keinen Millimeter zurück.
   Oliver erkannte sonnenklar, dass er nicht der Einzige war, der die Methode der psychologischen Kriegsführung beherrschte. Es gab noch jemanden. Und dieser Jemand saß ihm gegenüber. Er knirschte mit den Zähnen, als er ihr Gesicht immer sturer werden sah. Er hatte sich doch gleich gedacht, dass ihre Anwesenheit nichts als Ärger mit sich bringen würde. Am liebsten hätte er die rothaarige Plage im Kofferraum eingesperrt und den Schlüssel in den Grand Canyon geworfen.
   Bevor er noch etwas sagen konnte, was er später garantiert bereuen würde, setzte er den Blinker und ordnete sich wieder in den Verkehr ein.
   In eisigem Schweigen fuhren sie weiter.
   Unauffällig musterte er seine Widersacherin. Carolin Schuster malte sich offenbar in allen herrlichen Einzelheiten aus, wie es wäre, mit ihren langen Fingernägeln sein Gesicht zu zerkratzen. Zumindest suggerierte das die Art, in der sie ihre Handtasche malträtierte.
   Oliver unterdrückte ein Stöhnen. Wenn er ehrlich war, hegte er gerade ähnlich blutrünstige Gedanken, die vom langsamen Tod durch Erdrosseln handelten.
   Die Stille dehnte sich zwischen ihnen so weit aus wie der Atlantik.
   »Sagen Sie Bescheid, falls Sie eine Pause brauchen.« Es dauerte fast eine Stunde, bis Oliver wieder zu einem Minimum an Höflichkeit fand.
   Seine Beifahrerin ignorierte ihn und blickte demonstrativ aus dem Fenster. Ihre Finger zuckten immer noch verdächtig.
   Auch gut, dachte Oliver, als er ihr abweisendes Profil sah. So hatte er wenigstens seine Ruhe. Bis Mariposa war es noch ein weiter Weg.

5.
Nacht der Entscheidung
Kalifornien, Sierra Nevada, 02.09.2007, 21:49 Uhr

Anja lauschte angestrengt der Diskussion der Männer im Nebenraum. Irgendetwas stimmte nicht.
   Sie verstand zwar kein Wort, aber der gereizte Tonfall verhieß nichts Gutes. Nachdem Ramon ihr vor einigen Stunden wortlos das Abendessen gebracht hatte, war nur Rodrigues noch einmal hereingekommen und hatte sie auf die Toilette begleitet. Bei seinen schmierigen Blicken hatte es ihr den Magen umgedreht. Seitdem zuckte sie jedes Mal zusammen, wenn sich Schritte der Tür näherten.
   Sie konnte nur zu Gott beten, dass den Männern nicht noch Schlimmeres einfiel, als sie nur gefangen zu halten.
   Minuten und Stunden vergingen wie in Zeitlupe, aber niemand betrat zu ihrer unendlichen Erleichterung den Raum. Irgendwann wurden die Stimmen nebenan leiser und verhallten schließlich ganz. Mangels einer anderen Wahl aß Anja das restliche Brot und legte sich hin.
   Sie schlief traumlos, tief und fest … bis sich plötzlich eine warme Männerhand auf ihren Mund legte.
   Anja riss die Augen auf. Kein Licht, keine Stimmen, nur tiefschwarze Nacht.
   Schreckensvisionen einer Vergewaltigung blitzten durch ihren Kopf und ließen pures Adrenalin durch ihre Adern schäumen. Sie riss die gefesselten Arme hoch und begann mit aller Kraft am Unterarm des Angreifers zu zerren. Ihre Finger bearbeiteten stählerne Muskeln. Völlig wirkungslos. Trotzdem gab sie nicht auf. Erbittert kämpfte sie darum, ihren Mund freizubekommen.
   Sie schaffte es nicht. Die Hand bewegte sich keinen Millimeter und dämpfte jeden ihrer Schreie in nutzloses Fiepen. In hilfloser Panik begann Anja wild zu strampeln – genau zwei Sekunden lang, dann landete ein Arm quer über ihren Beinen und nagelte sie endgültig am Bett fest.
   Bitte nicht! Bitte das nicht!
   Aus Verzweiflung schossen ihr Tränen in die Augen. Sie konnte rein gar nichts ausrichten, scheiterte sogar an dem banalen Versuch, um Hilfe zu rufen. Aber selbst wenn ihr das gelungen wäre, wer konnte sie hier schon hören? Jedenfalls niemand, der sie tatsächlich retten würde.
   Die Ausweglosigkeit ihrer Lage fraß sich in ihren Kampfgeist und lähmte auch noch den letzten Rest an Widerstand.
   Als hätte ihr Angreifer einen sechsten Sinn, beugte er sich im selben Moment über sie. Anja verkrampfte sich wimmernd. O Gott! Bitte lass es schnell vorbei sein.
   »Scht, ich will keinen Mucks mehr hören«, erklang neben ihrem Ohr ein raues Flüstern.
   Sie verstummte schlagartig. Ramon? Seine Stimme hätte sie überall erkannt.
   Obwohl sie auch bei ihm nicht wusste, was ihn dazu veranlasst hatte, mitten in der Nacht an ihrem Bett aufzutauchen, entspannte sie sich merklich. Sie hatte zwar keine logische Erklärung dafür, aber irgendwie glaubte sie nicht, dass er ihr etwas antun würde. Dazu hätte er bislang weiß Gott schon genug Gelegenheiten gehabt.
   Sie nickte unter seinen Fingern. Ramon nahm langsam den Arm weg und löste die Hand von ihrem Mund. Anja konnte in der Dunkelheit nichts sehen, spürte aber, dass er sich immer noch dicht über sie beugte. Ein angenehmer Duft nach Sandelholz streifte ihre Nase.
   »Also, die Sache ist die«, erklärte er leise. »So, wie es aussieht, werden die Forderungen zu deiner Geiselnahme nicht erfüllt. Du hast jetzt zwei Möglichkeiten: Du begleitest mich nach draußen auf einen kleinen Ausflug … oder du bleibst hier und findest heraus, was mein Bruder mit dir anstellt, wenn die Frist abläuft.«
   Anja dachte fieberhaft nach. Stimmte das, was er behauptete?
   Nach dem lautstarken Streit von vor einigen Stunden zu schließen … ziemlich wahrscheinlich sogar. Sie zögerte nicht lange. »Ich komme mit dir.«
   Am Rascheln seiner Kleidung erkannte sie, dass sich Ramon wieder aufrichtete. Gleich darauf spürte sie seine Finger an ihrem Fußgelenk. Ein leichter Ruck mit dem Messer und ihre Beine waren frei. Er wiederholte die Prozedur an den Handgelenken, dann griff er nach ihr.
   Anja ließ sich von ihm am Ellbogen hochziehen und streckte sicherheitshalber eine Hand in die Dunkelheit vor sich. Ihre tastenden Finger kollidierten geradewegs mit einem steinharten Brustkorb. Ihr Arm zuckte zurück, als hätte sie sich verbrannt. Sie hatte sich geirrt. Er stand nicht neben, sondern direkt vor ihr. Still wie eine Statue. Nicht einmal seine Atmung hatte sie gehört.
   Ohne lange zu fackeln, packte Ramon ihre Hand. Seine langen Finger schlossen sich mit festem Griff um ihre, ehe er sie dicht an sich heranzog. Anja hatte nicht damit gerechnet und stolperte vorwärts. Sie stieß frontal mit ihm zusammen. So ungefähr musste es sich anfühlen, gegen einen Granitblock zu laufen … Um ihr Gleichgewicht nicht zu verlieren, hielt sie sich an seinem Hemd fest.
   Ramon drehte sie an der Schulter, bis sie mit dem Rücken zu ihm stand, dann legte er einen Arm um ihre Taille und drückte sie gegen sich. Anja blinzelte erstaunt, fügte sich aber nach kurzem Zögern der Nähe, froh, in der Dunkelheit nicht allein gehen zu müssen.
   »Leise jetzt«, flüsterte er an ihrer Schläfe. »Wir haben nicht viel Zeit.« Vorsichtig öffnete er die Tür und spähte in den düsteren Hauptraum.
   Anja gefror das Blut in den Adern, als sie erkannte, dass zwei Männer auf dem Boden schliefen. Nicht auszudenken, was geschehen würde, sollte jemand aufwachen.
   Lautlos schob Ramon sie mit seinem Körper auf den Ausgang der Hütte zu.
   Jemand stieß ein Grunzen aus und warf sich lautstark herum. Anja rückte instinktiv noch näher an Ramon und umklammerte seinen Unterarm. Sofort bedeckte Ramon ihren Mund.
   Dicht an ihn gepresst, hielt sie die Luft an. Vor lauter Panik wäre sie am liebsten in Ramon hineingekrochen. Er hingegen strahlte trotz der brenzligen Situation entspannte Gelassenheit aus. Sie konnte seinen ruhigen Herzschlag im Rücken spüren, der – ganz im Gegensatz zu ihrem – keine Spur von Aufregung erkennen ließ. Verwundert fragte sie sich, ob es überhaupt irgendetwas gab, das diesen Mann nervös machte. Nächtliche Fluchtmanöver gehörten jedenfalls nicht dazu, soviel stand inzwischen fest.
   Seltsamerweise war es gerade diese Erkenntnis, die ihr half, die flatternden Nerven wieder unter Kontrolle zu bringen.
   Sobald Ramon spürte, dass sie sich im Griff hatte, nahm er die Hand von ihrem Gesicht, bewegte sich ansonsten jedoch nicht.
   Sie warteten. Nichts geschah.
   Ramon schob sie behutsam weiter. Wenige Minuten später gelangten sie durch die Tür ins Freie.
   Das fahle Mondlicht zeichnete lange Schatten auf die kleine Lichtung, an deren Rand sich der Wald wie drohend schwarze Finger in die sternenklare Nacht erhob. Eine Eule rief entfernt ihr Klagelied, danach herrschte Totenstille.
   Sie schlichen in den Schutz der Bäume. Ramon ließ sie los und deutete auf den Boden. Anja verstand. Sie sollte sich nicht von der Stelle rühren.
   Er huschte zurück und verschwand einem Schatten gleich hinter der Waldhütte.
   Fröstelnd schlang sie die Arme um sich. Das dünne Oberteil und die leichte Jeans boten kaum Schutz vor der Kälte. Es würde schwer werden, sich warm zu halten, zumal ihre Kräfte durch die vergangenen Tage ohnehin angeschlagen waren. Trotzdem war jede Unannehmlichkeit besser, als untätig in der Hütte zu sitzen und auf ihr Schicksal zu warten. Wenigstens hatten die Fesseln sie daran gehindert, zum Schlafen ihre Schuhe auszuziehen. Eine Flucht in bestrumpften Füßen wäre schlichtweg unmöglich gewesen.
   Nervös sah sie immer wieder in Richtung Hütte. Wo blieb er nur?
   Mit einem Pferd am Zügel kam Ramon schließlich zurück. Um jedes Geräusch zu vermeiden, hatte er alle vier Hufe mit Stofflappen umwickelt und hielt dem Tier beruhigend eine Hand aufs Maul gedrückt.
   Als er sich auf ihrer Höhe befand, streckte er ihr eine Hand entgegen und forderte sie mit einer knappen Geste auf, zu ihm zu kommen.
   Sie gingen mehrere Dutzend Meter, bis sie sich außer Hörweite der Hütte befanden. Ramon blieb so unvermittelt stehen, dass sie um ein Haar gegen seinen breiten Rücken gelaufen wäre. Er befreite die Hufe des Pferdes und drehte sich zu ihr um. Ohne zu sprechen, half er ihr aufs Pferd und schwang sich mit einer fließenden Bewegung hinter sie. Mit leichtem Schenkeldruck dirigierte er das Tier in langsames Schritttempo.
   Anja rutschte vor und zurück und versuchte, wenigstens einigermaßen bequem zu sitzen. Weil der Sattel jedoch nicht allzu viel Platz bot, stieß sie immer wieder gegen Ramon. Dieser ließ sich das Gezappel ungefähr fünf Sekunden lang gefallen, dann beendete er es äußerst effektiv, indem er einen Arm um Anjas Hüften schlang und sie an sich zog.
   Der unerwartete Kontakt mit seinem warmen Oberkörper jagte wohlige Schauder über ihre ausgekühlte Haut.
   Anders als bei Santos verspürte sie den widersinnigen Impuls, sich einfach an ihren Hintermann zu schmiegen. Diese seltsame Anwandlung sorgte dafür, dass sie sich umso disziplinierter wieder gerade aufrichtete. In der Hütte hatte sie sich an ihn gelehnt, aber nur, weil es wegen der Dunkelheit notwendig gewesen war. Hier draußen lag die Sache völlig anders.
   Stocksteif blieb sie sitzen, als hinge ihre gesamte Würde daran, jetzt bloß keine Schwäche zu zeigen. Ramon ließ sie gewähren. Überrascht beobachtete sie, wie er eine Decke aus den Satteltaschen nahm und ihr hinhielt.
   Sie wickelte sich dankbar in den kratzigen Stoff. Damit war immerhin eines ihrer Probleme gelöst.
   Ramon ritt schweigend Meile um Meile. Das leichte Schaukeln des Pferderückens lullte Anjas Widerstand ein und führte dazu, dass sie sich zunehmend entspannte. Irgendwann gab sie auf und lehnte sich doch an ihn, viel zu erschöpft, um darüber noch einen Gedanken zu verlieren.
   Allmählich driftete ihr Bewusstsein in den Halbschlaf.
   Jedes Mal, wenn sie in unregelmäßigen Abständen die Augen öffnete, sah sie das gleiche Bild: Bäume, die dunkel und endlos an ihnen vorbeizogen.
   An Ramon geschmiegt, konzentrierten sich ihre Sinne von ganz allein auf ihn. Sie spürte jede noch so kleine Bewegung seines Körpers, während er, eine Hand lose am Zügel, die andere an ihrer Hüfte, das Pferd durch die Nacht lenkte. Er hielt sie praktisch vollständig im Arm. Seltsam, dass sie dabei ein Gefühl der Geborgenheit durchströmte, obwohl sie eher das Gegenteil hätte empfinden müssen. Vielleicht lag es an der Ruhe, die er ausstrahlte. Vielleicht an seiner Haltung. Er saß aufrecht und voll unerschöpflicher Energie hinter ihr. Wurde er denn nie müde?
   Bald darauf hatte sie jedes Zeitgefühl verloren. Es schien, als wären sie tagelang unterwegs gewesen, bis Ramon das Pferd endlich anhielt.
   »Hier werden wir uns bis zum Morgengrauen ausruhen.«
   Seine ruhigen Worte holten sie aus ihrem Dämmerzustand. Unverschämt leichtfüßig sprang er vom Pferd und griff nach ihr. Auf seine Schultern gestützt, ließ sich Anja hinabziehen. Ramon setzte sie ab, unterbrach den Kontakt seiner Hände aber nicht.
   Wie auf Kommando protestierten ihre Beinmuskeln bitterböse nach der erneuten Bekanntschaft mit dem harten Sattel. Es fehlte nicht viel und sie wäre wie ein Besenstiel umgefallen.
   Anja unterdrückte einen Schmerzenslaut, klammerte sich dafür aber ziemlich jämmerlich an Ramon, der ihre Schwierigkeiten offenbar vorausgeahnt hatte und sofort fester zupackte. Beide Arme um seinen Nacken geschlungen, versuchte sie, sicheren Stand zu finden. Zumindest so lange, bis in ihr Bewusstsein sickerte, dass sie wie eine Geliebte an ihm klebte. Hastig ließ sie ihn los. Ein unbedachter Schritt von ihm weg endete in wackligem Herumgestakse, bei dem sich prompt ihr Fuß im herabhängenden Zipfel der Decke verfing. Sie strauchelte und kippte zur Seite.
   Geistesgegenwärtig schnappte er sich ihren Oberarm und riss sie in die Höhe. Nur Ramons blitzschnelle Reaktion verhinderte einen Sturz. Zum zweiten Mal in dieser Nacht knallte Anja mit voller Wucht gegen ihn. In Ermangelung von Alternativen fing sie sich mit beiden Händen an seinem Bauch ab. Die lebendige Fläche erwies sich als genauso straff wie der Rest von ihm. Verlegen zog Anja die Finger zurück. Die Szene glich einem Déjà-vu. Wie oft würde sie ihn wohl noch betatschen?
   Ramon blieb während des ganzen Debakels regungslos stehen. Kaum hatte sie sich von dem Schreck erholt, fasste er unter ihr Kinn und hob es an, bis sie zu ihm aufblicken musste. »Alles in Ordnung?« Seine wachsamen, glitzernden Augen speicherten zweifelsfrei jedes Detail.
   Anja verzog keine Miene. »Mir geht es bestens.«
   »Natürlich.« Er hob ironisch seine dunklen Augenbrauen. »Genau danach sah’s gerade aus.«
   Sie blinzelte. Den amüsierten Zug um seinen Mund konnte sie sich doch unmöglich einbilden. Stur entriss sie ihm ihr Kinn. Lieber hätte sie sich die Zunge abgebissen als vor ihm zuzugeben, was ihr alles wehtat.
   Ramon zuckte mit den Schultern und ließ ihren Arm los. Mit zusammengebissenen Zähnen wartete sie, bis er sich wegdrehte, ehe sie sich verstohlen über die schmerzende Kehrseite rieb. Irgendwie passte es ihr nicht, dass er sie vermutlich als Weichei einstufte. Eigentlich sollte ihr egal sein, was er dachte, aber leider war es das nicht. Stattdessen erinnerte sie sich peinlich berührt daran, wie bereitwillig sie auf dem Pferd an ihn gesunken war. Ach ja, und gegen ihn zu rennen schien neuerdings auch eine Sportart von ihr zu werden.
   Wütend rief sie sich zur Ordnung. Daran ließ sich jetzt nichts mehr ändern. Außerdem bedeutete das noch lange nicht, dass sie zu vertraulich mit ihm umging. Schließlich war er derjenige gewesen, der damit angefangen hatte …
   Die Lage war schon verzwickt genug, auch ohne dass sie sich über solch unbedeutende Vorfälle den Kopf zermarterte. Sie flohen durch die Wildnis. Nur er und sie. Da kam es schon mal vor, dass man etwas schrullig wurde. Übertrieben sorgsam raffte sie die Decke wieder um sich.
   So vernünftig diese Argumentation vielleicht erscheinen mochte, die erhoffte Beruhigung ihrer Nerven blieb leider aus. Resigniert schob sie jede Überlegung zur Seite und betrachtete stattdessen ihren Lagerplatz.

*

Ramon versorgte mit geübten Bewegungen das Pferd, danach schichtete er Zweige auf und breitete mehrere Decken darüber. Aus den Augenwinkeln beobachtete er die fahrigen Bewegungen seiner Begleiterin. Eines musste man der zarten Lady lassen. Sie war nicht so leicht unterzukriegen.
   Fast hätte er geschmunzelt, als ihm auffiel, in welch krassem Gegensatz ihre stolze Haltung zu dem verwahrlosten Aussehen stand. Schmutzreste des missglückten Fluchtversuchs zierten immer noch ihre Wangen und hoben sich im Mondlicht von ihrem hübschen Gesicht ab. Zerrupfte blonde Locken, die in einem wirren Durcheinander ihren Kopf umrahmten, rundeten das bizarre Bild ab.
   Er war gespannt, wie sie darauf reagieren würde, das Lager unter freiem Himmel mit ihm zu teilen. Anscheinend kämpfte sie immer noch darum, ungeachtet ihrer Situation eine gewisse Distanz zu ihm zu wahren. Daraus wurde leider nichts, denn er konnte ihr hier draußen schlecht ein eigenes Zimmer anbieten.
   Mit leichter Verbeugung zeigte er auf den Schlafplatz.
   Anja stolzierte schweigend an ihm vorbei und ließ sich mit bewundernswerter Würde am äußersten Rand der Lagerstätte nieder.
   Ramon reichte ihr eine weitere Decke, dann legte er sich neben sie. Erheitert verfolgte er ihre vergebliche Mühe, eine erträgliche Lage zu finden, kreuzte die Arme hinter dem Kopf und schloss die Augen.
   Er schlief sehr gern im Freien. Er liebte die Geräusche, die frische Luft. Aufgeräumt begann Ramon sich zu entspannen und genoss die innere Ruhe, die vor dem Schlaf kam …

Lautes Kreischen ließ ihn postwendend auffahren.
   Anja sprang wie von einer Tarantel gestochen in die Höhe und machte samt Decken einen beeindruckenden Satz von ihm weg.
   Irritiert sah er sich um.
   Einige Schritte neben seinen Beinen tapste ein harmloses Opossum auf der Suche nach Nahrung umher.
   »Keine Angst, es tut dir nichts«, sagte er ruhig und lehnte sich auf die Ellbogen zurück. Hätte ihn auch gewundert, wenn es etwas Gefährliches gewesen wäre. Er besaß ein ausgezeichnetes Gehör und das kleine Tier war ihm schon vor einer ganzen Weile aufgefallen.
   Sie ließ sich davon nicht beschwichtigen. »Bitte, bitte, mach, dass es weggeht«, bettelte sie mit piepsiger Stimme, stand stocksteif da und rührte sich keinen Millimeter.
   Seufzend stützte sich Ramon auf einen Arm und warf Kiefernzapfen nach dem Nager, bis sich das Tier langsam trollte.
   Als er Anjas Erleichterung bemerkte, konnte er sich ein Grinsen nicht länger verkneifen.
   Sofort sah sie ihn aus schmalen Augen an. »Das ist nicht witzig.« Anklagend zeigte sie in die Richtung, in die das Opossum verschwunden war. »Vielleicht bist du ja hier im Gebüsch aufgewachsen, ich jedenfalls nicht. Und wenn wir schon mal beim Thema sind. Was genau hast du eigentlich vor? Wohin reiten wir überhaupt? Du warst es doch, der mir gesagt hat, dass es hier nichts außer Wildnis gibt. Woher weiß ich denn, ob ich dir vertrauen kann? Schließlich gehörst du genauso zu der Verbrecherbande wie die anderen.« Schwer atmend klappte sie den Mund zu.
   Ramon starrte sie verblüfft an. Himmel, das Tierchen hatte ihr wohl einen mächtigen Schrecken eingejagt. »Also erstens bin ich tatsächlich im Gebüsch aufgewachsen. Zweitens gibt es einige Tagesritte von hier eine kleine Hütte, die mein Bruder nicht kennt und die uns für eine Weile Schutz bieten wird. Und was den Rest angeht, wirst du mir wohl oder übel vertrauen müssen.«
   Sie sagte nichts, verschränkte nur die Arme vor der Brust.
   Ramon begutachtete ihr eigensinnig gerecktes Kinn. »Gut. Wenn du willst, kannst du die ganze Nacht da stehen bleiben. Ich werde versuchen, zu schlafen.« Er legte sich hin und drehte ihr plakativ den Rücken zu.

*

Anja musterte seine abweisende Rückseite. So ein unverschämter Kerl! Sie wartete zwei Sekunden. Er bewegte sich nicht, auch nicht nach zwei Minuten. Vermutlich schlief er längst tief und fest.
   Weil es keinen Sinn ergab, ihn für den Rest der Nacht wütend anzustieren, löste sie den Blick von seiner langen Gestalt und beäugte stattdessen den Wald. Unbeobachtet von seinen wachsamen Augen, hatte sie zum ersten Mal die Gelegenheit, sich trotz der Dunkelheit gründlich umzusehen. Eigentlich war dies der ideale Moment, auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Nur wohin?
   In den Satteltaschen nach einer Karte zu suchen, konnte sie sich sparen. Es gab keine – allenfalls in Ramons Kopf. Und selbst wenn sie eine gefunden und in einem sicheren Versteck auf den Tagesanbruch gewartet hätte, fehlte ihr jedwede Information, wo genau sie sich befanden.
   Sie blickte wieder zu Ramon. Nicht einmal der größte Freiheitsdrang wog die Tatsache auf, dass sie ohne seine Hilfe in dieser Wildnis verloren war. Vielleicht sollte sie ihm tatsächlich vertrauen. Bisher hatte er ihr jedenfalls keinen Grund gegeben, an seinen Worten zu zweifeln. So verrückt es auch klingen mochte, aber in dieser Situation war Ramon der beste Begleiter, den sie sich wünschen konnte.
   Da ihr nichts anderes übrig blieb, stapfte sie zurück auf das Lager und legte sich in größtmöglichem Abstand neben ihn.
   Trotz ihrer Entscheidung, sich auf ihren schweigsamen Führer zu verlassen, dauerte es ziemlich lange, bis sie endlich einschlief.

Kalifornien, Sierra Nevada, 03.09.2007, 06:35 Uhr

»Aufwachen, Schlafmütze!«
   Anja öffnete die Augen und blinzelte in den rötlich verfärbten Morgenhimmel. Sie fühlte sich, als wäre sie erst vor einer Stunde eingeschlafen.
   Schwerfällig wie eine Achtzigjährige kämpfte sie sich in eine sitzende Position. Ihr Blick blieb an einer Tasse mit heißer brauner Flüssigkeit hängen, die Ramon unter ihrer Nase schwenkte. Überrascht sah sie zu ihm auf, dann griff sie gierig nach dem Gefäß.
   »Ich kann es nicht glauben. Kaffee?« Ihr Blick fiel auf einen kleinen Gaskocher neben ihrem Lager.
   »Ja, obwohl du eigentlich keinen verdient hast.«
   Sie schnitt eine Grimasse hinter seinem Rücken, als er sich umdrehte und die Satteltaschen öffnete. Routiniert rollte er die Decken ein.
   Anja stand auf und machte ihm Platz. Während sie mit beiden Händen den wärmenden Becher umschlossen hielt, betrachtete sie sein Profil. Wie konnte er um diese gottlose Tageszeit nur so gut aussehen?
   Sie gab es nicht gern zu, aber Ramon war ein wirklich attraktiver Mann. Er hatte sich rasiert und die tiefschwarzen Haare zurückgestrichen, was sein kantiges Gesicht und die außergewöhnlichen Augen noch mehr betonte. Das Lächeln, mit dem er sie gestern Abend bedacht hatte, hatte ihr unfreiwillig bewusst gemacht, wie anziehend ihr Retter war.
   Im Geiste verglich sie Ramon mit Richard. Welch ein Unterschied!
   Außer dem Anfangsbuchstaben ihrer Namen hatten die beiden absolut nichts gemein. Ihr Exverlobter nahm sich neben diesem männlichen Prachtexemplar wie ein pubertärer Schuljunge aus.
   Zwangsläufig versuchte sie zu ergründen, wodurch Ramons maskuline Ausstrahlung zustande kam. Es lag nicht nur an seinem Äußeren. Es lag auch an seinem geheimnisvollen Wesen, an der selbstsicheren Art, mit der er die Dinge anpackte und zielgerichtet immer genau zu wissen schien, wie er handeln musste. Bestimmt war dieser Eindruck auch der Grund, warum sie sich sofort bereit erklärt hatte, mit ihm die Hütte zu verlassen.
   Inzwischen hatte Ramon die Decken eingewickelt und kam auf sie zu. Er schnippte ungeduldig mit den Fingern vor ihren Händen und machte Anstalten, nach der Tasse zu greifen.
   Schnell brachte sie den Blechbecher samt seinem kostbaren Inhalt aus seiner Reichweite. »Moment, bin gleich fertig.«
   Er trat einen Schritt zurück. »Beeil dich. In schätzungsweise ein, zwei Stunden ist uns Santos mit seinen Männern auf den Fersen. Bis dahin müssen wir unseren Vorsprung nutzen.«
   Hastig kippte sie den Kaffee hinunter. Er hatte recht. Nur, weil sie mit ihm hier draußen war, befanden sie sich noch lange nicht außer Gefahr. Sie schauderte. Was Santos wohl mit Ramon anstellen würde, wenn er herausfand, dass sein Bruder mit der Geisel abgehauen war? Sie wollte es sich nicht vorstellen. Schlagartig wurde ihr klar, dass Ramon sein Leben für sie aufs Spiel setzte.
   »Warum tust du das?«, fragte sie.
   Er sah kurz mit gerunzelter Stirn auf, fuhr dann aber fort, die Satteltaschen zu befestigen. »Warum tue ich was?«
   »Mich vor deinem Bruder retten.«
   Er hielt inne und hob den Kopf. Der Ausdruck seiner Augen ließ sich nicht deuten. »Vielleicht, weil ich keinen Bock habe, mir noch eine Leiche auf die Fahne zu schreiben.«
   Anja starrte ihn sprachlos an.
   Ein verbitterter Zug erschien um seinen Mund. Mit sparsamen Handgriffen erledigte er die unterbrochene Arbeit. »Wir müssen los. Gib mir die Tasse.«
   Zögernd reichte Anja ihm das Gefäß. Sie verfolgte seine zackigen Bewegungen und konnte sich auf seine merkwürdige Aussage keinen Reim machen.
   Ramon verstaute den Becher, dann hob er Anja wieder vor sich aufs Pferd. Er griff um sie herum und nahm die Zügel auf. Anja dachte an ihre nutzlosen Versuche, auf Abstand zu bleiben und schloss den inneren Kompromiss, sich nur ein bisschen an ihn zu lehnen. Nach der gestrigen Tortur hatte sie eingesehen, dass es um einiges bequemer war, wenn sie in Ramons Nähe locker blieb. Er hatte damit nachweislich keine Probleme, denn sein Arm ruhte bereits wieder entspannt um ihre Hüfte. Zaghaft ließ sie sich gegen ihn sinken und meinte zu spüren, wie er erleichtert aufatmete. Rasch verkniff sie sich ein Lächeln. Wahrscheinlich war ihre gestrige Steifheit nicht nur für sie anstrengend gewesen. Insgeheim musste sie einräumen, dass sie es nicht unangenehm fand, mit ihm auf Tuchfühlung zu gehen. Natürlich nur, weil es die Umstände erforderten.
   Ihre Gedanken kehrten zu dem vorherigen Wortwechsel zurück. Was hatte er mit »noch eine Leiche« gemeint? Er hatte doch nicht wirklich schon einen Menschen umgebracht, oder?
   Irgendwie konnte sie sich nicht vorstellen, dass er dermaßen gewalttätig war. Seit jeher hatte sie sich auf ihre Menschenkenntnis verlassen können – von diesem Idioten Richard einmal abgesehen. Bei Santos war sie ziemlich rasch zu der Einsicht gelangt, dass er durchaus imstande war, wahllos Menschen abzuschlachten. Aber Ramon? Bei ihm lag die Sache anders, davon war sie felsenfest überzeugt. Anja nahm sich vor, ihn noch einmal danach zu fragen. Später.

*

Ramon betrachtete den blonden Scheitel vor sich. Worüber die Lady wohl gerade nachgrübelte? Eigentlich konnte er es sich denken. Wenn es anatomisch möglich gewesen wäre, hätte er sich selbst in den Hintern getreten. Er hatte überhaupt nicht vorgehabt, ihr so viel von sich preiszugeben. Aber ihre unschuldige Frage hatte ihn total überrumpelt. Nach dem, was er bisher von ihr erlebt hatte, würde er jede Wette eingehen, dass Miss Neugierde das Thema bei nächster Gelegenheit wieder auf den Tisch brachte. Bis dahin musste er eine halbwegs glaubhafte Geschichte zusammengestrickt haben. Noch einmal würde er sich nicht zu einer unbedachten Äußerung hinreißen lassen.
   Schweigend ritten sie den ganzen Vormittag weiter.
   Ein Wasserfall kam zwischen den Bäumen in Sicht. Ramon atmete auf. Wurde auch langsam Zeit, dass sie den Fluss erreichten. Jetzt mussten sie nur noch die Brücke überqueren und dann hieß es ¡Hasta la vista! zu Santos und seinen Männern.
   Er legte den Arm fester um Anjas schmale Taille, bevor er das Tier an den steilen Felswänden bergab lotste. Je eher sie den Übergang überquerten, den Wilderer vor einigen Jahren errichtet hatten, desto besser. Danach konnten sie spurlos verschwinden, denn sein Bruder kannte das Gebiet jenseits des Flusses so gut wie gar nicht. Er hingegen schon.
   Ramon achtete darauf, dass sie ohne Kratzer an den allgegenwärtigen Büschen vorbeikamen, dann betrachtete er den Rand der Schlucht.
   Irritiert zügelte er das Pferd. Was zum Teufel …?
   Er war sich hundertprozentig sicher, dass er die richtige Stelle getroffen hatte: die scharfe Biegung des Flussbetts, die schmale Schlucht zwischen den Felsen, die drei großen Redwood-Bäume auf der gegenüberliegenden Seite. Alles war wie immer.
   Alles, bis auf die Brücke. Die war verschwunden.

*

Ramon fluchte auf Spanisch und sprang vom Pferd. Mit finsterem Gesichtsausdruck ging er bis zum Rand des Vorsprungs.
   Anja sah ihm beunruhigt nach. »Was ist los?«
   Er legte die Hände in den Nacken und drehte sich zu ihr um. »Die Brücke über den Fluss ist weg.«
   »Was?« Entgeistert rutschte sie vom Pferd. »Aber wie kann denn das sein?«
   Er zuckte mit den Schultern. »Unwetter, Hochwasser, da gibt’s tausend Möglichkeiten.«
   Sie beäugte erst die verwitterte Holzkonstruktion zu Ramons Füßen, dann den respektablen Fluss, der, von steilen Felswänden eingefasst, einige Meter unter ihnen rauschte. Das Ganze erinnerte an eine Wildwasserbahn. Keine angenehme Vorstellung, wenn man bedachte, dass sie offenbar auf die andere Seite mussten. »Wie weit ist es denn bis zur nächsten Brücke?«
   Seine angespannte Miene verhieß nichts Gutes. »Es gibt keine andere Brücke«, sagte er ruhig, ohne sie anzusehen.
   Die Worte fielen wie Handgranaten in ihr Bewusstsein. »Es gibt keine? Bist du sicher?« Einen Moment hegte sie die absurde Hoffnung, er würde zugeben, nur gescherzt zu haben. Leider tat Ramon nichts dergleichen. Stattdessen nickte er knapp.
   »Aber … wie kommen wir denn jetzt über den Fluss?«
   Er drehte sich um und sah ihr unverblümt in die Augen.
   Sie hob abwehrend die Hände. »Nein. Nein! Das kann nicht dein Ernst sein!« Krampfhaft suchte sie nach einer Lösung, die nicht glatten Selbstmord versprach. Ihr wollte keine einfallen.
   Ramon machte derweil kehrt und nahm das robuste Seil vom Sattelknauf. »Entweder, wir überqueren den Fluss, oder wir warten hier, bis Santos kommt.«
   »Aber gibt es nicht eine etwas … ruhigere Stelle, die wir passieren können?«
   Er zeigte mit den Daumen hinter sich. »Das ist die ruhigste Stelle.«
   Wie in Trance wich sie vor der Schlucht zurück. Was sie auch versuchte, die Fähigkeit, den Blick von dem unheilvollen Abgrund zu lösen, war ihr abhandengekommen.
   Als Ramon ihre geschockte Reaktion bemerkte, kam er auf sie zu und legte beide Hände auf ihre Schultern. »Wir schaffen das, okay? Wir müssen nur einen Überweg bauen und schon sind wir drüben. Das ist ein Kinderspiel. Wirklich, das ist keine große Sache«, versuchte er, sie zu beruhigen.
   Anja schüttelte gleich mehrmals den Kopf. »Nein, das stimmt nicht. Und das weißt du genau. Ich habe so etwas noch nie gemacht. Ich weiß überhaupt nicht, was ich tun soll!«
   »Uns bleibt keine andere Wahl.« Ramon strich ihr eine Locke aus dem Gesicht.
   Sie registrierte diese ungewöhnliche Geste nur am Rande, weil sie schreckensstarr zusah, wie er sich abwandte und mithilfe des Pferdes einen umgestürzten Baum zum Fluss schleifte. Danach suchte er einen massiven, abgebrochenen Ast und befestigte das Seil daran. Er warf den improvisierten Anker über die Schlucht und zog ruckartig daran, bis sich das Holzstück zwischen den rauen Felsen verkeilt hatte. Das freie Ende des Seils verknotete er an einem Baum.
   Anja kam ihm zu Hilfe, als er unter enormem Kraftaufwand den Baum senkrecht aufstellte. Ramon neigte den Stamm in Richtung Schlucht und auf sein Zeichen hin ließen sie beide los.
   Der Baum landete mit einem lauten Krachen auf einem Felsvorsprung über dem knapp vier Meter breiten Canyon, rollte ein Stück und blieb dann liegen.
   Ramon klopfte sich den Schmutz von den Händen. »Das wäre geschafft.«
   »Was ist mit dem Pferd?« Anja deutete hinüber.
   »Das lassen wir zurück. Geht nicht anders.« Er sattelte das Pferd ab, gab ihm einen Klaps auf die Flanke und hängte sich die Satteltaschen mit dem Gewehr und der Ausrüstung über die Schultern.
   Während sie sich noch fragte, wie er mit dieser Last bepackt das Gleichgewicht halten wollte, stieg er schon behände auf den Felsvorsprung und setzte einen Fuß auf den Stamm.
   Plötzlich schnürte ihr die Angst, er könnte in die Schlucht fallen, derart die Luft ab, dass sie alle Zurückhaltung vergaß.
   »Warte!« Hastig streckte sie die Arme aus und krallte sich an seinem Gürtel fest.

*

Ramon drehte sich verwundert zu Anja um. Sie hatte ihn noch nie impulsiv angefasst, schon gar nicht an der Hose.
   Als er das blanke Entsetzen in ihren Augen sah, ging er in die Hocke. Seltsam berührt von ihrer untypischen Anhänglichkeit, nahm er vorsichtig ihr Gesicht in beide Hände. »Keine Angst, querida. Ich lass dich nicht zurück.« Eindringlich hielt er ihren Blick. »Der Stamm kann uns nicht gleichzeitig tragen. Ich werde vorausgehen und das Seil auf der anderen Seite anheben, damit du dich daran festhalten kannst.«
   »Okay«, krächzte sie und schluckte schwer.
   Ramon erkannte deutlich, wie krampfhaft sie die aufsteigenden Tränen zurückblinzelte. Versuchsweise kreuzte er mit den Fingerspitzen ihre Wangenknochen und streichelte sanft ihre Schläfen. Als er spürte, dass die Berührung sie beruhigte, erlaubte er sich die Liebkosung ein zweites Mal. Ihre Augen wirkten in dem blassen Gesicht wie zwei riesige Saphire. »Geht’s wieder?«

*

Anja nickte, dennoch fiel es ihr unendlich schwer, Ramons Gürtel loszulassen. Einerseits, weil ihre Finger vor Schreck ganz klamm waren, vor allem aber, weil sie dicht bei ihm bleiben wollte. Seit sie in die Wildnis aufgebrochen waren, hatte er sich in Griffweite zu ihr aufgehalten. Es war erstaunlich, wie schnell sie sich an seine unmittelbare Nähe gewöhnt hatte.
   Ramon wartete geduldig, bis sie ihn freigab, dann senkte er langsam die Hände. Er richtete sich auf und griff nach einem langen Ast. Den Ast als Balancehilfe nutzend, ging Ramon los.
   Mit angehaltenem Atem verfolgte sie jede seiner Bewegungen. Plötzlich rutschte der Baum leicht nach. Ramon machte schnell einige ausgleichende Schritte, trotzdem sah es einen Moment danach aus, als würde er das Gleichgewicht verlieren.
   Anja blieb schier das Herz stehen. Mit vor den Mund gepressten Händen rang sie nach Luft. Schon glaubte sie, ihn in das todbringende Wasser stürzen zu sehen, da fing er sich wieder. Er blieb stehen und lockerte die Schultern, dann ging er unbeirrt weiter.
   Nur kurze Zeit später erreichte er die andere Seite und sprang auf den Waldboden. Ihr versagten vor Erleichterung beinahe die Knie.
   Ramon spannte das Seil und befestigte es auf Hüfthöhe über dem Stamm. »Und nun du. Los, du packst das.«
   Jetzt blieb ihr wirklich das Herz stehen. Das konnte doch nur übel ausgehen. Sie unterdrückte das Bedürfnis, sich feige in die Büsche zu schlagen und griff nach dem Felsen. Zögerlich stieg sie auf den Vorsprung, wobei sie sich ermahnte, auf keinen Fall nach unten zu sehen.
   Kaum auf dem Absatz angekommen, rutschte ihr Blick wie unter Zwang zu dem Fluss hinab. Hervorragend. Die Strudel schienen regelrecht auf sie zu warten. Was würde geschehen, wenn sie dort hineinfiel?
   »Nicht nach unten sehen«, forderte Ramon sofort ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. »Sieh mich an, hörst du? Sieh nur mich an.«
   Sie hob mühsam den Kopf und fokussierte seine Augen. Ihre Blicke verhakten sich und blieben ineinander hängen wie eine zweite Sicherheitsleine.
   »Gut. Immer mich ansehen, verstanden?« Ramon streckte eine Hand aus. »Ganz langsam. Einen Schritt nach dem anderen. Keine Sorge, Anja. Du schaffst das.«
   Sie umfasste mit zitternden Fingern das Seil und versuchte den ersten kleinen Schritt. Der Baum wippte leicht unter ihren Füßen. Beklommen hielt sie inne.
   »Nicht stehen bleiben. Geh einfach weiter. Und vergiss nicht, mich anzusehen«, befahl Ramon ruhig.
   Nervös nickte sie und schob sich langsam vorwärts. Jeder Schritt brachte sie näher an den rettenden Absatz auf der anderen Seite, brachte sie näher zu Ramon.

*

»Gut so. Du machst das prima.« Ramon hätte sie liebend gern geholt. Leider durfte er das nicht. Der Stamm war bei Weitem nicht dick genug, um zu zweit darauf herumturnen zu können.
   Aus den Augenwinkeln gewahrte er plötzlich eine Bewegung an der Bergkuppe, mehrere Hundert Meter schräg über ihnen. Verfluchter Mist! Ausgerechnet jetzt tauchten sie auf.
   Er hatte befürchtet, dass Santos und seine Gefolgschaft sie einholen würden. Die Sache mit der Brücke hatte viel Zeit in Anspruch genommen und die Männer kamen auf ihren Pferden einzeln um einiges schneller voran als sie zu zweit. Früher oder später war mit ihrem Auftauchen zu rechnen gewesen. Aber warum gerade in diesem entscheidenden Moment?
   »Was ist los?« Anja blieb stehen.
   Er schüttelte den Kopf und sah ihr in die Augen, eine Hand fordernd ausgestreckt. »Nicht anhalten. Komm zu mir. Du hast es fast geschafft.«
   Anja war nur noch knapp zwei Meter von ihm entfernt. Nur noch lächerliche zwei Meter. Sie machte einen weiteren Schritt.
   Ramon trat auf das Ende des Stammes, bereit, ihr aller Statik zum Trotz entgegenzugehen.
   Plötzlich krachten Schüsse über ihren Köpfen.
   Santos war viel zu weit entfernt, um sie treffen zu können, aber das konnte Anja nicht wissen. Sie zuckte zusammen, ihr Fuß rutschte ab.
   Ramon hechtete mit Lichtgeschwindigkeit nach vorn, doch es war zu spät. Seine Hände griffen ins Leere.
   Schreiend landete Anja in den schäumenden Fluten und ging sofort unter.
   Ramon sprang ihr hinterher und tauchte kopfüber in das eisige Wasser. Die Kälte ätzte wie Säure auf seiner Haut und ließ seine Nerven flimmern. Er beachtete es nicht. Mit kraftvollen Zügen schwamm er an die Oberfläche und sah sich nach Anja um.
   Da! Etwa zwanzig Meter vor ihm wirbelte sie im Wasser, wurde in der gnadenlosen Strömung hin und her geworfen wie eine Lumpenpuppe.
   Wie ein Besessener kraulte er in ihre Richtung. Aber immer, wenn er dachte, Anja endlich erreicht zu haben, wurde sie ihm von der unbändigen Gewalt des Wassers wieder entrissen und untergetaucht.

*

»Ramon!« Anja holte Luft, spuckte Wasser, wurde erneut hinabgezogen und strampelte sich wieder nach oben. Als sie sah, dass er kämpferisch durch die Wassermassen auf sie zupflügte, versuchte sie, so lange wie möglich an der Oberfläche zu bleiben. Ihr Körper schmerzte vor Anstrengung und Kälte. Die nassen Kleider schienen eine Tonne zu wiegen und halfen dem tödlichen Sog der Strudel noch nach, doch sie wehrte sich. Über Wasser zu bleiben wurde zum einzigen Inhalt ihrer Gedanken, zum einzigen Zweck ihrer Kraft, zum einzigen Ziel ihres Lebens.
   Endlich erreichte Ramon sie. Er schraubte einen Arm um ihre Taille, während er mit der anderen Hand kräftig weiterruderte. Schluchzend warf sie beide Arme um seinen Hals und hielt sich an ihm fest. Sie konnte noch gar nicht glauben, dass er ihr so selbstlos nachgesprungen war.

*

Ramon drückte Anja an sich. Er spürte die rasch abkühlende Wärme ihres Körpers und suchte konzentriert nach einer Möglichkeit, dem gnadenlosen Fluss zu entrinnen. Wenn sie nicht umgehend aus dem Wasser kamen, war es vorbei. Bereits jetzt schränkte die Kälte seine Bewegungsfähigkeit ein. Lange würde es nicht mehr dauern, bis er jedes Gefühl in seinen Muskeln verloren hatte.
   An der nächsten Biegung hing ein niedriger Ast ins Wasser. Das war ihre einzige und zugleich letzte Chance, denn nur wenige Meter dahinter lauerten spitze Felsen, deren Bekanntschaft sie garantiert nicht überleben würden.
   »Siehst du den Ast?«, brüllte er über das Tosen des Wassers hinweg.
   Anja nickte und half ihm, so gut sie konnte, in die gewünschte Richtung zu schwimmen.
   Nur Sekunden später kam der Ast in Reichweite.
   Ramon gab ein wildes Knurren von sich, warf sich in Richtung des rettenden Ankers und erwischte ihn gerade noch rechtzeitig mit einer Hand.
   Der brutale Ruck, mit dem ihre Körper abgebremst wurden, kugelte ihm beinahe den Arm aus, aber er ließ nicht los. Zähneknirschend ertrug er den Schmerz. Seine Finger schmiedeten sich mit archaischer Kraft um das Holz, dennoch rutschte er unaufhörlich auf dessen Ende zu.
   »Halt dich fest! Ich brauche beide Hände, sonst schaffe ich es nicht.«
   Anja schlang ihre Beine um seine Hüften und verhakte die Füße hinter seinem Rücken.
   Ramon blickte nach oben. Jeden Augenblick konnte ihm der schlüpfrige Ast entgleiten. Auch Anja schien sich keine Illusion darüber zu machen, was dann mit ihnen geschehen würde. Ohne zu zögern, schweißte sie sich auf ganzer Länge an ihn.
   Sobald er spürte, dass sie sicheren Halt hatte, löste er seinen Arm von ihr und griff mit der zweiten Hand nach dem Ast. Vor Anstrengung keuchend arbeitete er sich Zentimeter für Zentimeter dem rettenden Ufer entgegen.

*

Anja sah das große Stück Baumrinde, das unheilvoll auf sie zutrieb, als Erste. Sie schrie auf und presste sich noch enger an Ramon. »Pass auf! Da kommt …« Der Rest des Satzes wurde vom Wasser verschluckt, als eine eiskalte Welle sie mitten ins Gesicht traf. Sie hustete und rang nach Luft, ließ das Stück Baumrinde aber nicht aus den Augen.
   Ramon versuchte, so weit wie möglich auszuweichen. Dass er sich dabei wieder ein Stück zurückhangeln musste, machte die Sache noch verheerender.
   »Das reicht nicht. Das reicht ganz bestimmt nicht!« Anja barg ihr Gesicht an Ramons Hals und rechnete mit dem Schlimmsten. Kurz vor dem Aufprall wurde das Treibgut von einem Strudel erfasst, drehte sich und änderte die Richtung.
   Es verfehlte sie mit dem Abstand von nicht einmal einer Handbreite und rauschte mit enormer Geschwindigkeit an ihnen vorbei. Anja wurde unschön bewusst, wie knapp sie dem Tod entgangen waren. Ihre Nerven gaben endgültig nach. Tränen vermischten sich mit der Nässe auf ihrem Gesicht. Sie hatten wirklich unverschämtes Glück gehabt, trotzdem waren sie noch lange nicht außer Gefahr.
   Die aufreibende Aktion hatte Ramon so viel Kraft gekostet, dass seine Muskeln in der Kälte immer heftiger zu zittern begannen. Anja konnte den Schmerz, den jede seiner Bewegungen begleiten musste, fast am eigenen Leib spüren. Hätte er nicht enorme Kraft in seinen durchtrainierten Armen, wäre er zweifelsohne längst abgerutscht.
   Sie ahnte, dass ihr Körper in der reißenden Strömung schwer wie Blei an ihm zerren musste, trotzdem gab er nicht auf. Verbissen hangelte er sich weiter.
   Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis Ramon einen vorstehenden Felsen erreichte. Um ihm zu helfen, fasste sie ebenfalls nach dem Stein. Sich daran hochzuziehen, gestaltete sich als äußerst schwierig, denn die vom Wasser glatt geschliffene Oberfläche sorgte dafür, dass sie frustrierend oft wieder zurückrutschten, ehe es ihnen gelang, eine halbwegs trockene Stelle zu erklimmen.
   Anja robbte mit Ramon die Böschung hinauf. Gemeinsam kämpften sie darum, vollständig aus dem Wasser zu kommen. Erschöpft blieb sie an seiner Seite liegen. Sekunden, Stunden, sie wusste es nicht.
   Irgendwann hob Ramon den Kopf. »Alles in Ordnung?«
   Sie nickte zwar, brachte aber kein Wort zustande. Als er sich über sie beugte, klammerte sie automatisch die Hände an seine Flanken, voller Panik, erneut in den Fluss zu rutschen.
   Ramon sah ihr ins Gesicht. Einige Wimpernschläge lang blieb er regungslos, dann neigte er den Kopf und küsste sie.
   Anjas Atmung setzte aus, als sein fester Mund auf ihre Lippen traf. Ihr Herz dagegen begann wie ein Kolibri zu flattern. Ohne nachzudenken, ließ sie ihn ein.
   Er nahm das Angebot sofort an, drang einen köstlichen Moment lang mit der Zunge vor und knabberte an ihrer Unterlippe. Bereitwillig schmiegte sie sich an ihn, sämtliche Vernunft ausgeknipst von seinem spielerischen Angriff.
   Ramon vertiefte den Kuss und grub seine Finger mit einer Sinnlichkeit in ihre Haare, die sämtliche Bodenhaftung in ihr pulverisierte. Rasend schnell verlor sie sich in seiner Nähe. All ihre Empfindungen konzentrierten sich nur noch auf ihn, auf seinen ureigenen Duft, die betörende Art, mit der er sie berührte. Wie von selbst glitten ihre Hände um seinen Nacken.
   Er reagierte darauf, indem er das Gewicht verlagerte und sich über sie schob. Anja seufzte. Das Gefühl seiner kantigen Hüften auf ihren war unbeschreiblich. Erregend. Berauschend. Intim.
   In ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander. Ihre Beine spannten sich von ganz allein an und hielten seine Mitte umfangen. Ramon bewegte sich leise stöhnend gegen sie, jagte bei jedem Kontakt heiße Schockwellen durch ihren Unterleib. Nach einem letzten genüsslichen Kuss arbeitete er sich zielstrebig tiefer. Trotz der Kälte begann ihre Haut zu glühen, schien unter seinen Liebkosungen Feuer zu fangen. Heiseres Schluchzen drang aus ihrer Kehle, als er ohne Eile die Wassertropfen von ihrem Brustansatz leckte. Zwei Finger tauchten in den Ausschnitt ihres Oberteils, schoben den Stoff abwärts, dicht gefolgt von seinen Lippen.
   Plötzlich bremste er mitten in der Bewegung. Er riss reflexartig den Kopf zurück und starrte auf sie herunter.
   Sie starrte genauso schwer atmend zurück. Der Ausdruck seiner grünbraunen Augen hypnotisierte sie regelrecht. Eine ganze Palette von Emotionen flackerte über seine Züge, bevor seine Wangenmuskeln sämtliche Regungen wegwischten.
   Beinahe ruppig schob er ihre Beine von sich und sprang auf. Ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, stapfte er davon.
   Anja blinzelte ihm verdattert hinterher. Ihr Kopf schwirrte und war gleichzeitig so leer gefegt, dass ihr aufgewühlter Körper nicht mehr mithalten konnte. Wie betäubt setzte sie sich auf. Was um Himmels willen war da gerade passiert?

*

Ramon ging einige Schritte und fluchte lautlos. Was zur Hölle war in ihn gefahren? Hatte er völlig den Verstand verloren? Das Allerletzte, was er in seinem verkorksten Leben gebrauchen konnte, war eine emotionale Bindung.
   Er presste die Finger gegen die Stirn und kniff die Lider zusammen, krampfhaft bemüht, sich wieder abzukühlen, doch die kochende Erregung in seinen Blutbahnen ließ sich nicht so leicht unter Kontrolle bringen.
   Wie auch? Die erotische Art, in der Anja die Beine um ihn geschlungen hatte, ihr wunderschönes Gesicht mit den porzellanblauen Augen … Ihm waren einfach die Sicherungen durchgebrannt. Alle gleichzeitig. Undiszipliniert wie ein Teenager hatte er sich auf sie gestürzt. Viel hatte nicht mehr gefehlt und er wäre über sie hergefallen, hätte ihr sämtliche Kleider vom Leib gerissen und sie genommen. Das durfte niemals passieren. Auf keinen Fall. So eine Sache wie eben durfte er sich nicht noch einmal leisten.
   Betont gelassen drehte er sich zu ihr um.
   Anja saß unverändert da, betrachtete ihn mit einem verwirrten Gesichtsausdruck. Er konnte es ihr nicht verdenken, nach dem, was er gerade abgezogen hatte.
   Er sprach mit beherrschter Stimme, die in keiner Weise sein inneres Gefühlschaos offenbarte. »Wir müssen schnellstens zurück zu dem Baumstamm und aus den nassen Sachen raus, sonst holen wir uns noch den Tod.«

*

Mühsam rappelte sich Anja hoch und sah in seine Richtung. Sie hatte das Erlebte immer noch nicht verdaut. Noch nie in ihren achtundzwanzig Jahren war sie so intensiv geküsst worden wie von Ramon. Und ganz sicher hatte sie noch nie derart extrem auf einen Mann reagiert. Dass sie ihn so gut wie gar nicht kannte, setzte dem Ganzen noch die Krone auf.
   Mit dir sind nach dem Schreck einfach die Nerven durchgegangen, beruhigte sie sich, aber tief in ihrem Herzen wusste sie, dass das wahrlich nicht der einzige Grund gewesen sein konnte. Irgendetwas an ihm hatte sie glatt umgehauen …
   Als könnte sie die Antwort aus seiner Mimik lesen, heftete sich ihr Blick darauf.
   Seine versteinerten Züge sprachen eine eigene Sprache.
   Er wollte den Vorfall ignorieren? Gut, das konnte sie auch. »Glaubst du nicht, dass dein Bruder und seine Männer dort vielleicht auf uns warten?«, fragte sie mit möglichst normaler Stimme.
   Ramon schüttelte entschieden den Kopf. »Er wird eher flussabwärts nach uns suchen, wenn er nicht sowieso schon denkt, dass wir tot sind.«
   Womit er haarscharf recht gehabt hätte, dachte sie makaber und stakste mit steifen Gliedern los.