Dr. Hannah Montgomery lebt für ihren Job in der Notaufnahme eines Bostoner Krankenhauses. Für die Liebe hat sie keine Zeit. Doch als Detective Josh Winters nach einem Unfall in ihrem Behandlungszimmer landet, fliegen die Funken. Unaufhaltsam schlittert sie in eine Romanze, aus der mehr werden könnte, doch Griffin Gordon, der dunkelste Schatten ihrer Vergangenheit, hat sie nach vielen Jahren aufgespürt. Hannah ahnt nichts von der Gefahr, in der sie schwebt. Griffin hat entschieden, dass sie dieses Mal nicht mit dem Leben davonkommen soll. Er wird nicht ruhen, bis er sein Ziel erreicht hat. Als Hannah von Griffin erfährt, ist es fast zu spät. Sie hat nur eine Chance. Hannah muss ihr Leben in Joshs Hände legen – ihr Herz besitzt er längst.

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ISBN: 978-9963-52-178-4

Seiten: 274

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Jane Luc

Jane Luc
Jane Luc lebt im Großraum Stuttgart. Sie machte 1995 in Dresden ihr Abitur und zog anschließend nach Baden-Württemberg, um Polizistin zu werden. Nach ihrem Studium an der Fachhochschule für Polizei in Villingen Schwenningen wechselte sie 2002 zur Kriminalpolizei, wo sie auch jetzt noch arbeitet. Jane bringt ihre Diensterfahrungen und ihr kriminalistisches Wissen in ihre Bücher ein. Das ist ein Grund, warum sie Kriminalromane schreibt. Der andere ist, dass sie einer spannenden Geschichte einfach nicht widerstehen kann.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog
15. Juni 2013

Einhundertzweiunddreißig Tage im Folsom State Prison. Griffin Gordon konnte sich an jeden einzelnen dieser Tage erinnern. Sie hatten sich in seinem Gehirn festgebrannt. Die elf Jahre, die er in Corcoran verbracht hatte, waren ganz okay gewesen. Dort war er jemand, dort hatte er eine gewisse Bedeutung erlangt. Aber dann mussten diese Schweine ihn in diesen verdammten Knast voller Irrer verlegen – aus Platzmangel. Hier war er niemand. Das hatten sie ihn am ersten Tag spüren lassen. Und an jedem der einhunderteinunddreißig Tage danach.
   In Folsom bekam lebenslänglich eine neue Bedeutung. Wenn es so weiterging, war seine Lebenserwartung nicht besonders hoch. Vielleicht war das ja die Art des kalifornischen Staates, das Knast-Platz-Problem zu lösen. Man steckte die Leute einfach zu einem Haufen völlig kranker Typen und ein paar Monate später räumte man die Leichen weg. Hurra! Platz für den Nächsten.
   Griffin schüttelte den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben und erhob sich von seinem Bett. Er hatte sich immer die Option einer Flucht offen gehalten. Es war eine Art doppelter Boden, eine Lebensversicherung. Bisher hatte er keinen Gebrauch davon machen müssen. Aber die Zeit schien gekommen. Lange würde er es hier drin nicht mehr aushalten.
   Er schlurfte gelangweilt mit den anderen in den Fernsehraum. Wie jeden Tag würden sie irgendwelche beschissenen Klatschnachrichten von der Ostküste ansehen, bevor sie sich einen Actionfilm, eine blöde Agentenserie oder irgend so einen Mist reinzogen. Prentis stammte von der Ostküste und wollte immer wissen, was bei den Schönen und Reichen in seiner alten Heimat los war.
   Griffin hatte ziemlich schnell gelernt, dass es nicht besonders clever war, Prentis zu widersprechen. Er hasste die Sendungen, die seine Mitinsassen sehen wollten, da er aber sonst nichts zu tun hatte, sah er sie sich auch an.
   Er suchte sich einen Platz in der letzten Reihe des kleinen muffigen Fernsehraums. Ein blöder Bundesrichter wurde vor einem strahlend hell erleuchteten Fünfsternehotel zu irgendeiner dämlichen Spendengala für irgendein Bostoner Krankenhaus interviewt. Die Kamera schwenkte über die anwesenden Gäste.
   Und da stand sie.
   Nadine!
   Griffin blinzelte. Sie war da. Sie lebte!
   Sein Stuhl kippte polternd um, so heftig war er aufgesprungen.
   »Ruhe, Arschloch«, brüllte jemand weiter vorn.
   Sie lebte.
   Das konnte nicht sein. Aber da stand sie, eindeutig. Als er sie zum letzten Mal gesehen hatte, mit ihrem Blut an seinen Händen, wog sie nur noch siebenundvierzig Kilo. Das sagte zumindest der Obduktionsbericht. Ihre Haare waren raspelkurz geschnitten und schwarz gefärbt gewesen. Sie hatte weite, unförmige Klamotten getragen. Jetzt sah sie aus wie an dem Tag, an dem er sie kennengelernt hatte. Fantastische Figur, lange Beine, weiches rotbraunes Haar, leichtes Make-up und die schmale Silberkette mit dem kleinen Blumenanhänger, die sie damals immer getragen hatte. All das steckte in einem wunderschönen bodenlangen Ballkleid, das den gleichen moosgrünen Farbton hatte wie ihre Augen.
   Seine Fingerkuppen kribbelten. Er stand immer noch neben seinem umgekippten Stuhl, die Hände zu Fäusten geballt. Die erste Überraschung und seine Überwältigung wandelten sich in Hass. Langsam hob er den Stuhl auf und setzte sich. Seine Gedanken rasten.
   Nadine lebte.
   Er saß seit elf Jahren im Knast, verurteilt für den Mord an ihr. Und sie war nicht tot.

Am folgenden Tag kaufte sich Griffin während des Hofgangs ein Telefongespräch mit dem Handy eines anderen Insassen. Zwanzig Dollar pro Minute.
   »Es ist so weit«, sagte er, als Scott Levine am anderen Ende abhob. Er musste keine Erwiderung abwarten. Scott wusste, was zu tun war. Er würde endlich seine alten Schulden begleichen können.

1.
Zwei Wochen zuvor

»Officer am Boden.«
   Nicht schon wieder, dachte Josh, bevor alles um ihn herum schwarz wurde.
   Als er zu sich kam, war sein Kopf kurz davor, zu explodieren. Vorsichtig öffnete er die Augen und blinzelte in das grelle Licht, das ihn blendete. Wow. Über ihn gebeugt stand eine echte Klassefrau. »Sie sehen aus wie ein Engel. Bin ich im Himmel?«
   »Nein, Sie leben noch.« Ihre Stimme hatte einen etwas rauen Unterton, der Josh eine Gänsehaut verursachte.
   »Das ist gut«, murmelte er. Er hob die Hände, umfasste ihr Gesicht und zog sie zu einem herzhaften Kuss zu sich herunter. Ja, das tat gut. Sie schmeckte nach Engel. Ein kleiner Kuss half auf jeden Fall gegen die Schmerzen in seinem Schädel.
   Die Frau befreite sich mit einer brüsken Bewegung aus seiner Umarmung. Ihr Gesicht schwebte dicht über seinem. »Ich rechne diese Handlung Ihrem Gesundheitszustand zu«, zischte sie. »Aber wenn Sie das noch einmal probieren, nehme ich keine Rücksicht auf Ihre Verletzung und knalle Ihnen eine.« Ihre Stimme hatte noch eine Spur rauer geklungen. Sie richtete sich auf und nahm eine professionelle Haltung an. Josh folgte ihr mit seinem Blick. Sie war groß. Ihre rotbraunen Haare waren zu einem schlichten Pferdeschwanz gebunden. Ein sehr hübscher Anblick, ebenso wie die großen dunklen Augen, deren Farbe er nicht genau erkennen konnte, weil er immer noch gegen das grelle Licht ankämpfte. Sie trug einen weißen Kittel über der typischen, etwas unförmigen grünen Krankenhauskluft. Wenn seine Vorstellungskraft ihm nicht völlig einen Strich durch die Rechnung machte, dann verbargen sich darunter Beine, die mindestens eine Meile lang waren. In ihrer Tasche steckte ein Stethoskop, also war sie vermutlich Ärztin.
   Sein Blick wanderte weiter. Er lag in einem kleinen Untersuchungsraum, vermutlich in der Notaufnahme eines Bostoner Krankenhauses.
   Die Frau sah auf ihr Klemmbrett. »Ich bin Dr. Montgomery. Können Sie sich daran erinnern, was passiert ist, Detective?«
   Josh seufzte und schloss die Augen, um dem Licht der Untersuchungslampe über sich zu entgehen. »Ja, kleiner Unfall auf dem Baseballfeld.«
   »Geht das genauer?«
   »Ist das wichtig?«
   »Sie waren ziemlich lange bewusstlos. Ich möchte wissen, ob sie Erinnerungslücken haben.«
   Josh sah sie wieder an, hielt ihren Blick fest. Jetzt konnte er die Farbe ihrer Iris erkennen. Ein dunkles Grün, es erinnerte ihn an Moos. Faszinierend. »Freundschaftsspiel gegen das Raubdezernat. Siebentes Inning. Ich habe geworfen und McNamara, dieser Idiot, hat den Ball zu mir zurückgeschlagen und mich ausgeschaltet. Irgendein Scherzkeks vom Raubdezernat hat noch Officer am Boden gerufen. Dann war alles schwarz. So wie bei McCarty letztes Jahr.«
   »Der Spieler von den Oakland Athletics? Unwahrscheinlich.« Sie drehte sich um und warf einen langen Blick auf die Röntgenaufnahme seines Kopfes, die am Leuchtkasten hing. »Wir haben ihren Schädel geröntgt und ein CT gemacht, während sie bewusstlos waren. Nichts gebrochen«, erklärte sie kühl.
   »Eine Frau, die sich mit Baseball auskennt.« Josh legte die Hand auf sein Herz. »Sind Sie sicher, dass Sie kein Engel sind?«
   »Ich kenne mich nicht mit Baseball aus. Aber aus medizinischer Sicht waren McCartys Verletzungen und die Behandlung interessant.« Sie legte das Klemmbrett zur Seite und trat wieder neben ihn. »Öffnen Sie bitte den Mund.« Sie ließ ihn die Zunge herausstrecken und prüfte seinen Schluckreflex, bevor sie begann, ihn von der Halswirbelsäule über den Brustkorb nach unten abzutasten. Bauch, Becken, Wirbelsäule. Sie nannte das vermutlich Untersuchung. Für Josh war es eine angenehme Ablenkung von seinem pochenden Schädel. Sie beschäftigte sich mit seinen Armen und Beinen und kehrte dann zu seinem Kopf zurück.
   »Sie haben ein Hämatom und eine Platzwunde im vorderen Kopfbereich, die genäht werden muss. Ihre lange Bewusstlosigkeit spricht für eine Gehirnerschütterung.« Mit präzisen Bewegungen legte die Ärztin die Utensilien zurecht, die sie für die Behandlung brauchen würde. »Wann wurden Sie zum letzten Mal gegen Tetanus geim…«
   Laute Stimmen schallten vom Gang in den Behandlungsraum, bevor die Tür aufgerissen wurde und eine Frau hereinwirbelte. »Dr. Montgomery, ich muss Sie sprechen.«
   Eine Schwester rannte hinter ihr her. »Sie dürfen hier nicht …«
   »Ist schon gut Schwester, ich kümmere mich darum.« Die Ärztin richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und blickte auf die kleinere Frau. »Sie können nicht einfach in eine Behandlung hineinplatzen, Mrs. Winters. Verlassen Sie bitte den Raum.«
   Josh seufzte und rollte mit den Augen, was eine neue Welle des Schmerzes durch sein Gehirn jagte. Heute blieb ihm aber auch nichts erspart. »Hallo Mom.«
   Die kleine Frau mit dem perfekten, kinnlangen Bob und dem adretten Kostüm fuhr herum und starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie öffnete den Mund, sagte aber keinen Ton. Ihre Hand glitt an den Hals. Dann fand sie ihre Stimme wieder. »Josh, o mein Gott, Joshua. Wurdest du wieder getroffen?«
   »Ja, von einem verdammten Baseball.«
   Seine Mutter ließ sich schwer auf einen Stuhl sinken. Von einer Sekunde auf die andere sah man ihr jedes einzelne ihrer siebenundfünfzig Jahre an.
   »Sie sind seine Mutter?« Die Ärztin stemmte die Hände in die Hüften. Sie war offensichtlich nicht begeistert über die Stürmung ihres Behandlungsraums.
   »Ja. Was ist passiert, Josh?«
   »Ein Baseballspiel gegen das Raubdezernat. Ich bin schon wieder fast wie neu.«
   Sie seufzte und legte sich wieder die Hand an den Hals. »Wie soll ich das nur deinem Vater erklären? Ist er schwer verletzt, Dr. Montgomery?«
   »Mrs. Winters, ich muss Sie wirklich bitten, draußen zu warten.«
   Josh winkte ab. »Lassen Sie sie hier. Sie wird ja doch keine Ruhe geben, wenn Sie sie rauswerfen.«
   Der Blick der Ärztin glitt zwischen Mutter und Sohn hin und her. »Von mir aus. Aber verhalten Sie sich bitte ruhig.«
   »Wie schwer ist er verletzt?«, wollte Joshs Mutter noch einmal wissen.
   »Nicht besonders schwer. Eine Platzwunde im vorderen Kopfbereich und wahrscheinlich ein etwas angekratztes männliches Ego. Die Vitalparameter sind in Ordnung. Neurologische Störungen kann ich keine feststellen. Ihr Sohn war verhältnismäßig lange bewusstlos und hat eine Gehirnerschütterung.« Sie wandte sich an Josh. »Ich muss einen Teil Ihrer Haare abrasieren, dann werde ich die Wunde lokal betäuben, desinfizieren und nähen.«
   Er nickte ergeben. Wenn sie sich über sein Gesicht beugte, konnte er noch einmal diesen angenehmen Duft einatmen, der von ihr ausging. Und die Sommersprossen auf ihrer Nase zählen.
   Seine Mutter griff nach seiner Hand und drückte sie aufmunternd. Er konnte davon ausgehen, dass sie die Ärztin mit Argusaugen überwachen würde. »Du bist bei Dr. Montgomery in guten Händen. Sie hat mich letztes Jahr behandelt, als ich diese kleine Unpässlichkeit hatte.«
   Das brachte Josh trotz seiner Schmerzen zum Grinsen. Nur Kathreen Winters kam auf die Idee, einen Schlaganfall, wenn auch einen leichten, als Unpässlichkeit zu bezeichnen.
   »Sie ist die Beste«, fuhr seine Mutter fort. »Das ist im Übrigen auch der Grund, warum ich hier bin, Doktor. Sie müssen unbedingt zu der Spendengala kommen, die ich für das St. Josephs Hospital organisiere. Versprechen Sie mir das.«
   Die Ärztin blickte nicht von Joshs Verletzung auf. »Ich werde kommen.« Behände setzte sie den nächsten Knoten.
   Josh ertrug das Nähen. Als sie ihm eine Tetanusspritze verpasste, kniff er die Augen zusammen. Er wartete, bis sie ihm einen leichten Verband angelegt hatte, dann setzte er sich vorsichtig auf. Ihm war schwindlig. Er war sich nicht sicher, ob das von McNamaras schief gegangenem Schlag herrührte oder Dr. Montgomerys betörendem Duft. Kurz überlegte er, ob er sich neben der Behandlungsliege übergeben sollte, bekam den Brechreiz aber wieder in den Griff. Er ließ sie nicht aus den Augen, während sie das Untersuchungszimmer aufräumte. Als sie fertig war, hatte Josh genug Kraft gesammelt, mit seiner nervös plappernden Mutter den Raum zu verlassen.
   »Wo wollen Sie hin?«
   »Nach Hause.«
   »Auf keinen Fall. Setzen Sie sich wieder hin, Detective. Sie müssen die Nacht über zur Beobachtung hierbleiben.«
   »Ich bin fit wie ein Turnschuh. Ich gehe nach Hause.« Josh hatte bereits viel zu viele Nächte in Krankenhäusern verbracht. Er würde nicht hierbleiben, solange er auf seinen eigenen Beinen hinauslaufen konnte.
   »Seien Sie vernünftig …«
   »Nein. Ich vermute, ich muss irgendetwas unterschreiben. Also geben Sie schon her.«
   Sie seufzte und füllte auf ihrem Klemmbrett ein Formular aus, das sie ihm zum Unterschreiben hinhielt.
   Mit etwas zittriger Hand setzte er seinen Namen auf die gestrichelte Linie und verließ das Zimmer.
   »Ich fahr dich nach Hause«, entschied seine Mutter. Sie hakte sich bei ihm unter, wahrscheinlich weniger, um ihn zu stützen als sich vor dem Einknicken ihrer Knie zu bewahren. Er wusste, wie schwer es für sie war, ihn in einem Krankenhaus liegen zu sehen. Eine Schussverletzung vor ein paar Jahren, nach der sein Leben eine Zeit lang am seidenen Faden hing, hatte seine Familie viel Kraft gekostet. Ihre Angst kam nicht von ungefähr.
   Er warf einen Blick auf seinen Partner, der im Flur an der Wand lehnte. »Nicht nötig, Mom. Du erinnerst dich an Detective Coleman?«
   »Ma’am.« Sein Partner reichte seiner Mutter die Hand.
   »Dom wird mich nach Hause fahren. Mach dir keine Sorgen.«
   Die Ärztin reichte Josh ein Rezept. »Das ist für die Kopfschmerzen. Bleiben Sie heute Nacht nicht allein. Alle zwei oder drei Stunden sollte jemand nach Ihnen sehen. Wenn alles in Ordnung ist, brauchen Sie erst zum Fäden ziehen wiederkommen. Ansonsten melden Sie sich morgen noch einmal.« Nachdem Josh das Rezept für die Kopfschmerztabletten entgegengenommen hatte, drehte sich Dr. Montgomery um und rauschte davon. Er sah ihrem wehenden Kittel und dem wippenden Pferdeschwanz hinterher. »Mom«, sagte er. »Besorg mir eine Karte für diese Spendengala.«
   »Was? Aber du gehst nie auf solche Veranstaltungen.«
   Josh erhaschte einen letzten Blick auf die Frau mit dem roten Pferdeschwanz, bevor sie um die Ecke verschwand. »Zu dieser werde ich gehen.«

2.
17. Juni 2013


In der Nacht vor seinem Ausbruch aus dem Folsom State Prison war Griffin Gordon mit seinen Gedanken bei Nadine.
   Der Plan für seine Flucht stand seit langer Zeit fest und würde funktionieren. So konnte er sich vollkommen auf Nadine konzentrieren. Im Laufe der Jahre war ihr Bild in seinem Kopf zu einer unscharfen Sepiaaufnahme verblasst. Nun, da er sie lebendig vor sich gesehen hatte, kamen die Farben zurück und explodierten in einem bunten Kaleidoskop. Sie war zu ihm zurückgekehrt, in ihrer ganzen Schönheit.
   Als die morgendliche Sirene durch die Gänge hallte, erhob er sich ruhig und gelassen wie schon seit langer Zeit nicht mehr. Er wartete, bis sich die Zellentür mit einem metallischen Klicken öffnete und er mit den anderen Haftinsassen in den großen Speisesaal marschieren konnte. Er setzte sich an den Platz, an dem er jedes Frühstück, Mittagessen und Abendbrot eingenommen hatte, seit er in Folsom saß. Es dauerte immer ein paar Minuten, bis Ruhe einkehrte, bis das Scharren der Füße und Rücken der Stühle nachließ. Griffin konnte Lärm beim Essen nicht ausstehen. Er wartete geduldig. Als es ruhiger geworden war, bestrich er eine Scheibe Toastbrot dick mit Erdnussbutter. Das erste Erdnussbutterbrot, das er sich seit über elf Jahren gönnte. Beherzt biss er zu. Wie erwartet hatte er innerhalb kürzester Zeit die Aufmerksamkeit seiner Tischnachbarn.
   »Hey, Gordon! Was ist los?«
   »Was soll sein?«
   »Sieh dir dein Gesicht an, Alter!«
   Griffin fuhr sich über das Gesicht, spürte die Schwellung seiner Wangen. Die Haut spannte sich bereits unangenehm. Er litt seit seiner Kindheit an Anaphylaxie, einer allergischen Reaktion, in seinem Fall auf Erdnüsse. Als er zum ersten Mal in seinem Leben Erdnüsse gegessen hatte, stellte er genau zwei Dinge fest. Zum einen, dass ihm noch nie etwas so gut geschmeckt hatte, und zum anderen, dass er sich bereits nach dem ersten Bissen in ein Monster verwandelte. Sein Gesicht und sein Hals schwollen an, er bekam am ganzen Körper Hautausschlag und eine leichte Atemnot. Das hatte ihm schon als Kind den Spitznamen Ork eingebracht. Er hatte wirklich zum Fürchten ausgesehen. Wenn er seine Medikamente gegen die Allergie einnahm, ging es ihm ruck zuck wieder besser. Nur die Schwellungen in seinem Gesicht verschwanden nicht so schnell.
   Aber er hatte die Finger nicht von den Nüssen lassen können und sich im Laufe der Jahre immunisiert. Bei jedem seiner Versuche hatte er ein wenig mehr gegessen. Die Symptome hatten sich mit der Zeit verbessert, er hatte keine Atemnot mehr verspürt, die Ausschläge waren zurückgegangen. Nur die Schwellungen im Gesicht konnte er nicht umgehen. Doch das war ihm auch egal.
   Ein weiterer Häftling wurde auf ihn aufmerksam, stieß seinen Nachbarn an. »Scheiße, sieh dir sein Gesicht an. Hey Wärter! Wärter!«
   Griffin nahm aus den Augenwinkeln wahr, wie einer der Aufseher auf ihren Tisch zuhielt. Es wurde Zeit für eine kleine Showeinlage. »Es ist heiß hier drin, oder?«, murmelte er. Er öffnete die obersten Knöpfe seines Overalls, zog ihn vom Hals weg und fächelte sich Luft zu. »Es ist wirklich heiß.«
   »Willst du dich hinlegen, Mann?«, fragte jemand.
   Er schloss die Augen und schwankte. »Das wäre vielleicht besser. Mir ist irgendwie schwindlig.« Er keuchte ein wenig und hustete. Dann schnappte er nach Atem und wedelte panisch mit den Händen. »Keine Luft«, brachte er gequält heraus. Starke Hände drückten ihn auf die Bank und hielten ihn fest, bis wenige Minuten später zwei Wärter mit einer Trage auftauchten. Griffin konzentrierte sich weiter darauf, Atemnot zu simulieren.
   Er hatte seine Allergie bei der ersten Untersuchung durch den Gefängnisarzt vor elf Jahren nicht angegeben. Schon damals hatte er darüber nachgedacht, eines Tages mithilfe eines vorgetäuschten anaphylaktischen Schocks zu fliehen. Bis vor ein paar Tagen hatte er keinen Grund zur Flucht gehabt, denn das Einzige, was ihn interessiert hatte, Nadine, war tot. Jetzt sahen die Dinge anders aus.
   Niemand wusste, dass lediglich sein Kopf und sein Hals grotesk anschwollen. Atemnot und Bewusstlosigkeit konnte er problemlos vortäuschen. Das kaufte ihm jeder ab. Wer aussah wie er und darüber klagte, keine Luft zu bekommen, wurde sofort in ein Krankenhaus eingeliefert – die beste Möglichkeit, zu türmen.
   Sein einziges Problem war, dass er seit elf Jahren keine Erdnüsse mehr gegessen hatte und nicht sicher sagen konnte, wie sein Körper mittlerweile mit der Allergie umging. Funktionierte die Immunisierung noch, oder brachte er sich in Lebensgefahr? Er wusste es nicht; aber eine risikofreie Flucht gab es eben nicht.
   Es geschah genau das, was er erwartet hatte. Man brachte ihn auf die Krankenstation, spritzte ihm einen Histaminblocker und wühlte hektisch in seiner Krankenakte, um den Grund für den anaphylaktischen Schock zu ermitteln. Aber es war nichts zu finden. Sie zogen ihm eine Sauerstoffmaske über und riefen einen Rettungswagen. Der Sanitäter, der kurz darauf seinen Blutdruck und Puls maß, gab ein unbestimmtes »Hm« von sich.
   »Was ist?«, wollte der Aufseher wissen, der in der kleinen Krankenstation Wache stand.
   »Er müsste eigentlich einen niedrigeren Blutdruck und Herzrasen haben.«
   Der Wachmann schwieg einen Moment.
   Griffin kannte ihn. Er war ein alter Hund, der wahrscheinlich schon Sachen gesehen hat, über die er nicht einmal nachdenken wollte. Seinen Blutdruck konnte er nicht beeinflussen, aber sein Herz raste vor Aufregung – und vor Vorfreude auf Nadine – wie nach einem Hundertmetersprint. Reichte das nicht?
   »Das Ganze ist doch nicht vorgetäuscht, oder?« Griffin hielt die Augen geschlossen. Er spürte, wie sich der Aufseher über die Liege beugte. Wahrscheinlich beäugte er ihn misstrauisch und neugierig. Heute Abend würde er seiner Frau beim Essen erzählen, wie einer der Knackis zu einem dieser widerlichen Viecher aus Herr der Ringe mutiert war.
   »Sieht das für Sie vorgetäuscht aus?«, entgegnete der Sanitäter gereizt. »Er muss so schnell wie möglich in eine Klinik. Joseph, mach eine Ladung Prednisolon klar«, wies er seinen Kollegen an. Dann wandte er sich an den Gefängnissanitäter. »Haben Sie eine Ahnung, was den Schock ausgelöst hat?«
   »Nein. Ein paar der Männer sagen, er hat ein Erdnussbutter-Sandwich gegessen. In seiner Akte steht nichts von einer Allergie.«
   »Okay. Wir geben ihm Adrenalin über die Atemmaske, dann wird das mit dem Luftholen bald besser. Aber wir müssen ihn auf jeden Fall mitnehmen. Solange wir nicht wissen, was die Allergie ausgelöst hat, schwebt er in Lebensgefahr.«
   Griffins Herzschlag nahm noch mehr Geschwindigkeit auf. Er war nicht sicher, ob das an dem Adrenalin lag, das nun gemeinsam mit dem Sauerstoff in seine Lungen strömte. Vielleicht auch an dem Wissen, dass seine Flucht so gut wie geglückt war. Sie hoben ihn auf eine andere Trage und schoben ihn in den Rettungswagen. Einer der Sanitäter kletterte in die Fahrerkabine, der andere stieg mit einem Wachmann hinter ihm ein. Seine Hand wurde mit einer Handschelle an die Trage gefesselt, bevor sie mit heulenden Sirenen losjagten.
   Griffin wusste nicht, in welches Krankenhaus sie ihn brachten. Es war ihm auch egal. Scott Levine würde auf der Straße nach Folsom auf ihn warten.
   Es dauerte nur etwa zehn Minuten, bis der Rettungswagen mit quietschenden Bremsen zum Stehen kam.
   »Was zum Teufel …« Noch bevor der Wachmann seinen Satz beendete, wurde die hintere Tür aufgerissen. Sein alter Zellenkumpel Scott trieb den Fahrer des Rettungswagens vor sich her und zielte mit einer SIG Sauer in die Runde. »Alle Hände dahin, wo ich sie sehen kann. Du da …« Er wedelte mit seiner Waffe in Richtung des Wachmanns. »Die Knarre vorsichtig auf den Boden legen.« Er wartete, bis der Mann seiner Aufforderung nachkam. »Und jetzt mit dem Fuß zu mir schieben.« Erst, als die Waffe sicher in seinem Hosenbund steckte, reichte er dem Fahrer des Rettungswagens zwei Paar Handschellen. »Gib eine deinem Kumpel. Fesselt euch an den Griff da drüben. Und du«, forderte er den Wachmann auf. »Nimm deine eigene Fessel und mach dich da hinten fest.«
   Als alle stumm seinen Anweisungen gefolgt waren, warf er Griffin einen Blick zu. »Scheiße Alter, du hast nicht übertrieben. Dein Gesicht sieht verdammt mies aus.«
   »Quatsch nicht. Mach mich los.« Mit der linken Hand fing er den Schlüssel auf, den Scott ihm zuwarf. Er löste seine Fessel von der Trage, trat neben Scott und nahm ihm die Pistole ab. »Hast du alles, was ich brauche?«, wollte er wissen.
   »Ja klar. Geld. Klamotten. Perücke. Alles im Wagen.«
   »Wunderbar.« Ohne mit der Wimper zu zucken, zielte Griffin auf den Wachmann und jagte ihm eine Kugel in den Kopf. Noch bevor Scott etwas sagen konnte, wiederholte er die Prozedur bei den beiden Sanitätern.
   In den Nachhall des letzten Schusses hinein hörte er Scotts entsetztes Aufkeuchen. »Was soll das, Alter? Das war nicht abgesprochen.« Erschrocken fuhr er zu ihm herum. »Bist du wahnsinnig?«
   »Nein. Auf einer Mission.« Er hob die Waffe und jagte auch ihm eine Kugel in den Kopf. Das Töten lag nicht in seinem Wesen, doch er musste konsequent sein. Er brauchte eine Chance, sich zu Nadine durchzuschlagen. Mit vier Überlebenden in einem Rettungswagen würde es am Ende einer schaffen, Hilfe zu rufen und seine Flucht zu vereiteln. Immer noch aufgeputscht vom Adrenalin verließ er das Fahrzeug. Die Aktion hatte vermutlich nicht länger als drei Minuten gedauert. Er ging zu Scotts Wagen, der quer auf der Straße stand, zog das auffällig orangefarbene Oberteil seiner Gefängniskleidung herunter und setzte sich hinter das Steuer.
   Wahrscheinlich würde die Polizei trotz allem nicht lange brauchen, herauszufinden, was geschehen war. Bis sie sich auf die Suche nach ihm machten, wäre er längst über alle Berge.

Griffin ließ sich Zeit auf dem Weg an die Ostküste. Scott hatte ihm einen Lieferwagen besorgt und mit gefälschten Papieren in einer alten Scheune versteckt. Sie hatten für ein paar Jahre die Zelle geteilt und Griffin hatte Scott bei einer Messerstecherei mehr oder weniger zufällig das Leben gerettet. Ob mit Absicht oder nicht, Scott stand seitdem in seiner Schuld und hatte sich bereit erklärt, ihm bei seiner Flucht zu helfen, wenn es so weit war. Für das Fahrzeug und die Papiere war er in Vorkasse gegangen. Griffin hatte ihm versichert, das Geld zurückzuzahlen, sobald er an sein geheimes Depot herankam. Dass er Scott erledigte, bevor er sich zu seinem Geldbunker in Stanford durchschlug, war eine praktische Entscheidung gewesen. Er konnte sein Erspartes ausgraben und den gesamten Betrag für seine Mission einsetzen. Für das Aufspüren und die Überwachung Nadines würde er sicher viel Geld benötigen. In den vergangenen elf Jahren hatte sich die Technik weiterentwickelt, also war sie auch teurer geworden. Sein Geld hatte in dem Erdbunker nicht gerade Zinsen eingebracht. Er konnte froh sein, es noch unter den alten Eichen zu finden, trocken und ohne Schimmelflecke.
   Während er im Verborgenen reiste, verfolgte er die Jagd auf ihn im Internet. Sie konzentrierten sich auf Kalifornien und die mexikanische Grenze.
   Perfekt.
   Niemand kam auf die Idee, ihn in Boston zu suchen.
   Jetzt saß er in dem schäbigen kleinen Diner, das Nadines Haus gegenüberlag und wartete auf sie. Sie wohnte nicht gerade in der besten Gegend. Das hatte er zwar nicht erwartet, doch für seine Zwecke war es geradezu perfekt. Es erleichterte ihm das Herumlungern in ihrer Nähe. Hier würde wahrscheinlich niemand auf die Idee kommen, die Cops zu rufen, weil er in ihm einen entflohenen Straftäter erkannt hatte.
   Griffin nippte an dem grottenschlechten Kaffee und trommelte mit seiner rechten Hand auf dem zerkratzten, fleckigen Resopal der Tischplatte herum. Sie musste bald kommen. Jedes Mal, wenn sich die Haustür öffnete, setzte sein Herz einen Schlag aus, bevor es mit doppelter Geschwindigkeit weiterjagte. Sie musste jeden Moment kommen. Ihre Schicht begann bald.
   Er nippte noch einmal an dem Kaffee und bemühte sich, das Gesicht nicht zu verziehen. Die Gegend war zwar etwas zwielichtig, auffallen wollte er aber trotzdem nicht. Zumindest nicht, indem er die lauwarme Brühe, die seine Geschmacksnerven strapazierte, auf den dreckigen Tisch spuckte.
   Da war sie! In Jeans und einem sommerlichen Top trat sie aus dem Haus und lief in Richtung U-Bahn. Er legte ein paar Dollarscheine auf den Tisch und hängte sich an ihre Fersen. Die Jeans brachte ihre langen Beine perfekt zur Geltung. Diese ellenlangen Beine hatte er schon immer am meisten an ihr gemocht. Ihren wippenden Pferdeschwanz hingegen weniger. Am liebsten sah er es, wenn ihr rotbraunes Haar in einem offenen Vorhang über ihren Rücken fiel, wie sie es bei ihrer ersten Begegnung getragen hatte. Bald, sagte er sich, bald würde sie sich genauso kleiden und herrichten, wie er es wollte.
   Er genoss es, ihr zu folgen. Das altbekannte Kribbeln in seinen Fingerspitzen setzte wieder ein. Als er sie im Fernsehen gesehen hatte, hatte er es zunächst nicht glauben können. Hier, wenige Schritte hinter ihr, fühlte er sich lebendig wie seit elf Jahren nicht mehr.
   Er wartete mit ihr auf die U-Bahn und setzte sich zwei Sitzreihen hinter sie. Sie hatte die Kopfhörer eines iPod in den Ohren und wippte mit dem Fuß im Takt. Ob sie noch auf Shakira und Pink stand wie vor ihrer angeblichen Ermordung?
   Er stieg mit ihr aus und folgte ihr zum St. Josephs Hospital. Es war aufregend und belebend, ihr zu folgen. Einmal näherte er sich ihr so weit, dass er die Härchen in ihrem Nacken erkennen konnte. Er nahm ihren Duft wahr. Sie roch anders als früher. Die Vorfreude wuchs. Nadine und er würden sich völlig neu kennenlernen, neue Facetten aneinander entdecken. Noch einmal näherte er sich ihr im Strom der Berufstätigen, die an ihre Arbeitsstellen hasteten, bis auf einen Meter. Es wäre ein Genuss, wenn sie sich jetzt umdrehen und ihn erkennen würde. Die Angst und die Panik, die plötzlich in ihren Augen aufleuchten würden, wären unbezahlbar. Das würde ihn zumindest ein wenig für die vergangenen elf Jahre entschädigen, besonders für die beschissenen letzten Monate in Folsom.
   Aber im Moment würde sie ihn nicht erkennen. Mit seiner mausbraunen Perücke mit Seitenscheitel, dem Schnauzbart und den Silikoneinlagen, mit denen er seine Wangen auspolsterte, war er der Inbegriff des unscheinbaren Hausmeistertypen. Die schlichte Kleidung und der Bodysuit, der ihn um die Mitte herum ein wenig fülliger wirken ließ, taten ihr Übriges, ihm einen unentdeckten Aufenthalt in ihrer Nähe zu ermöglichen. Nach so vielen Jahren ohne sie wollte er ihre Gesellschaft noch ein wenig genießen, bevor er entschied, was mit ihr geschehen sollte.
   Er ließ sich ein wenig zurückfallen und wartete, bis Nadine durch den Personaleingang in dem Krankenhaus verschwand, in dem sie jetzt arbeitete.
   Zufrieden machte er sich auf den Rückweg. Es gab viel zu planen. Er hatte sie wiedergefunden. Nadine Montgomery würde ihm kein zweites Mal entwischen.

Oktober 2000

Das Peaches war eine Bar nach Griffins Geschmack. Sie lag in Campusnähe und zog die Studenten an wie das Licht die Motten. Die Drinks waren billig, das Essen fettig und die Musik laut. Freitags spielten Studentenbands, die darauf hofften, irgendwann entdeckt zu werden, was nie passieren würde, denn sie waren durch die Bank weg schlecht. Eine Qual für die Ohren. Der Stimmung im Peaches schadete es nicht.
   Griffin stieß die Tür der Bar auf und wurde von einer kreischenden E-Gitarre und warmer, nach Bier riechender Luft, empfangen. Er rieb sich die Hände und warf einen Blick in die Menge. Draußen war es für Oktober schon ziemlich kalt und er hatte seine Jacke im Wagen gelassen. Doch hier drin würde ihm ruck, zuck warm werden. Der Laden war gerammelt voll. Studentinnen, die deutlich zu wenig trugen, bedachte man die Kälte, die draußen herrschte, hüpften auf der winzigen Tanzfläche herum oder rieben sich an den Männern, besser Jungs, um deren Aufmerksamkeit zu erregen. Eine Menge Typen würde heute Abend das Glück haben, eine ihrer Kommilitoninnen flachzulegen. Vielleicht suchte er sich später auch eine aus. Aber jetzt war es Zeit für ein Bier und ein Glas guten Whiskey. Er bahnte sich einen Weg durch die Menge und stellte zufrieden fest, dass die Studenten seines Shakespeare-Kurses einen Tisch ergattert hatten, an dem ein Platz für ihn frei war.
   Griffin lag mit seinen achtundzwanzig Jahren deutlich über dem Altersdurchschnitt der anderen Gäste. Aber er konnte sich nicht dagegen wehren. Er liebte das College, er liebte den Campus, das Studentenleben. Auch wenn er diesem eigentlich längst entwachsen sein müsste. Er hatte nicht ewig studieren können, auch wenn es jede Menge Studienrichtungen gab, in die er sich gern eingeschrieben hätte. Sein Studentenfonds reichte dafür nicht aus. Also war er den Weg gegangen, der dem Studentenleben am nächsten lag. Er war Dozent geworden. Professor für englische Literatur. Nicht etwa, weil ihm die Literatur besonders am Herzen lag, sondern weil er dieses Fach unterrichten konnte, ohne sich großartig anstrengen zu müssen.
   Er hielt auf den Tisch seiner Studenten zu und hob grüßend die Hand. Sie winkten ihm ausgelassen. Er war spät dran. Wahrscheinlich hatten sie schon ein paar Bier intus. Zumindest erweckte Becky Masterson den Eindruck. Sie betete ihn noch offener an als sonst und schielte ein klein wenig. O ja, sie war mit Sicherheit mehr als nur angetrunken. Leichte Beute. Aber er hielt sich an den einzigen Grundsatz, den er sich für sein Leben am College auferlegt hatte. Er schlief nicht mit den Studentinnen aus seinem Kurs. Niemals. Wenn er das tat, wäre Ärger vorprogrammiert. Wie es das Leben wollte, waren es ausgerechnet die Mädchen in seinen Studiengruppen, die ihn am meisten anhimmelten. Aber er blieb eisern. Auch wenn es ihm manchmal eine geradezu stählerne Selbstbeherrschung abverlangte. Er wusste, dass er gut aussah. Sein Professorentitel war natürlich auch nicht gerade von Nachteil. Die Frauen lagen ihm zu Füßen und er genoss es, von ihnen bewundert zu werden. Mehr als eine hatte sich ihr jungfräuliches Dasein von ihm beenden lassen.
   Er vögelte sie meist nur einmal. Nur zwei- oder dreimal hatte er mehr als eine Nacht mit einer Studentin verbracht. Das lag aber lediglich an ein paar besonders ausgefallenen, in einem Fall sogar spektakulären Fähigkeiten, über die die Damen verfügt hatten. Sicher, es gab auch Tränen und Dramen, wenn sie nach einer Nacht begriffen, dass die Beziehung schon wieder vorbei war. Zweimal war sogar eine Abtreibung notwendig geworden. Aber er saß am längeren Hebel. Wenn die Frauen begannen, ihm Stress zu machen, drohte er ihnen, sie vom College werfen zu lassen. Er hatte nicht die Macht dazu. Aber die Emotionen einer Frau, die sich betrogen und verlassen fühlte, vernebelten ihr das Gehirn. Das machte es ihm leicht, sie zu manipulieren.
   Er schüttelte jedem seiner Studenten am Tisch die Hand und setzte sich. So sehr ihn die Frauen anbeteten, bewunderten ihn die männlichen Studenten. Was kein Wunder war. Die meisten hielten ihn für den Inbegriff der Coolness. Er kleidete sich ausgesprochen modisch, sein Haarschnitt unterschied sich nicht von dem der Zwanzigjährigen. Seine Vorlesungen waren beliebt und seine Seminargruppen immer voll. Klar, schließlich erreichte man bei ihm leicht seinen Abschluss. Und welcher der alten, angestaubten Professoren diskutierte Shakespeares Sonette mit den Studenten in einer Bar?
   Der einzige Wermutstropfen seines Lebens war der fehlende Doktortitel. In seinem Fachbereich hatten alle promoviert. Nur er nicht. Dieses Jahr würde er sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Sein Dekan hatte bereits angedeutet, dass er das erwartete, wenn er weiter in Stanford bleiben wollte. Es musste doch ein Thema geben, mit dem er seinen Doktor erlangen konnte, ohne viel Zeit und Energie zu investieren.
   Er dachte noch einen Moment darüber nach, wie er an ein möglichst einfaches Promotionsthema gelangen konnte, als die Kellnerin, die einer seiner Schüler herangewinkt hatte, auf ihren Tisch zukam.
   Er blickte auf, und …
   Bumm. Sein Herz blieb stehen.
   Oder setzte zumindest einen Schlag aus. Genau wusste er es nicht. Auf einmal fühlte er sich taub und die Welt um ihn herum schien in Watte zu versinken. Aus den Augenwinkeln konnte er erkennen, dass einer der Studenten etwas zu ihm sagte, aber er verstand ihn nicht. Er konnte seinen Blick nicht von der Kellnerin lassen, die auf ihn zulief, nein, zutänzelte traf es eher. Sie war groß und schlank. Ihre Glieder erinnerten ihn an frische grüne Weidenruten. Biegsam, aber voller Spannung und Energie. Sie bewegte sich im Takt der Musik durch die Studentenschar. Ihr Haar war ein langer, rotbrauner Vorhang, der bis über die Mitte ihres Rückens fiel und ihre Augen waren von einem ungewöhnlichen Grün, wie er es noch nie gesehen hatte. Wie saftig grünes Moos nach einem Regenguss. Dunkel und geheimnisvoll. Mit einem strahlenden Lächeln blieb sie vor ihm stehen, um seine Bestellung aufzunehmen. Sie beugte sich ein wenig zu ihm herunter, damit sie ihn über den Lärm hinweg besser verstehen konnte. Ihr Duft traf ihn wie ein Faustschlag, sanft aber unnachgiebig. Sie roch frisch, fast ein wenig unschuldig. Ein Geruch, der perfekt zu ihrem Wesen passte.
   Griffins Gehirn war noch in der Lage, ein Bier und ein Glas Whiskey bei ihr zu bestellen. Sie lächelte breit, ließ ihn mit ihrer etwas rauchigen Stimme wissen, dass sie gleich zurück war, und drehte ihm ihren knackigen Hintern zu. Er blickte ihr nach, folgte ihren Schritten in den schmalen Jeans und dem hautengen Top, bis sie in der Studentenmeute verschwunden war.
   Sie war neu hier, er hatte sie noch nie zuvor gesehen.
   ›Nadine‹ stand auf dem kleinen Namensschild am linken Spaghettiträger ihres Oberteils.
   Da saß er, in einer Studentenbar, zusammen mit seinen Studenten, und hatte einen verdammten Ständer.

3.

»Ich muss noch kurz ins St. Josephs.«
   Dominic verdrehte auf dem Beifahrersitz die Augen. »Lass mich raten, was es diesmal ist. Ein
   merkwürdiges Pochen unter dem Narbengewebe?«
   Josh nahm die Augen nicht von der Straße. Der Verkehr war zu dicht, um sich die Zeit nehmen zu können, seinem Partner einen bösen Blick zuzuwerfen. »Es ist ein Juckreiz. Wirklich sehr unangenehm.«
   Dominic schüttelte den Kopf und trank einen Schluck aus seinem Kaffeebecher. »O Mann, frag sie doch einfach, ob sie mit dir ausgeht.«
   »Hab ich.« Josh fuhr sich mit der Hand über seine stoppelkurzen Haare. Dominic hatte nach seinem Baseballunfall darauf bestanden, dass er die Nacht bei ihm verbrachte. Er nahm ihn mit nach Hause und seine Frau Elena hatte ihm den Rest seiner Locken abgeschnitten und ihm schließlich den Kopf rasiert. Der Unfall lag vier Wochen zurück. Mittlerweile sah er aus wie ein verdammter Marine mit den kurzen blonden Stoppeln. »Aber sie will nicht. Wahrscheinlich mag sie meine Haare nicht.«
   »Wahrscheinlich mag sie dich nicht«, brummte sein Partner auf dem Beifahrersitz.
   Dominic irrte sich. Er hätte Dr. Hannah Montgomery nach der Spendengala nicht so küssen können, wie er es getan hatte, wenn sie ihn nicht mögen würde. Er hatte sich tatsächlich in einen Smoking gequält und war zu dieser Veranstaltung gegangen. Durch einen kleinen Trick sicherte er sich den Platz neben ihr. Er tanzte mit ihr. Als sie gehen wollte, bestand er darauf, sie nach Hause zu fahren. Starrköpfig, wie sie war, lehnte sie ab und hielt ein Taxi an. Sie hatte bereits die Wagentür geöffnet, als Josh den Fahrer bat, kurz zu warten und sie ein letztes Mal an sich zog. Sie sank in seine Arme, ihre Lider flatterten. Selbst wenn er es gewollt hätte, hätte er ihr in diesem Moment nicht widerstehen können. Ohne zu zögern, fanden seine Lippen ihre. Ihr Geschmack hatte ihn nicht mehr losgelassen, seit er sie, halb bewusstlos, im Krankenhaus geküsst hatte. Er wollte sich ihr nicht aufzwingen, gab ihr die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Doch sie widerstand ihm nur den Bruchteil einer Sekunde, dann erwiderte sie den Kuss mit einer überwältigenden Leidenschaft. O ja, davon wollte er mehr. Er vertiefte den Kuss, zog sie noch näher an sich. Sie schmiegte sich in seine Arme, als gehöre sie genau dort hin. Erst das ungeduldige Hupen des Taxifahrers holte ihn in die Wirklichkeit zurück.
   »Soll ich das Taxameter schon mal laufen lassen, oder was? Ich verdiene mein Geld nicht durchs Rumstehen«, bellte er vom Fahrersitz. Hannah hatte geblinzelt, sich aus seinen Armen gelöst und war mit einem »Gute Nacht« im Fond des Wagens verschwunden.
   Seit dieser Nacht gab sie sich ihm gegenüber unnahbar. Sie reagierte nicht auf seine Anrufe. Die regelmäßigen Besuche im St. Josephs waren seine einzige Chance, sie zu sehen. Zwischen ihnen war etwas. Das spürte er deutlich. Und sie fühlte es auch. Dessen war sich Josh sicher. Andernfalls hätte er sie in Ruhe gelassen. Schließlich war er kein irrer Stalker.
   Er lenkte den Wagen auf einen der Parkplätze vor der Notaufnahme und betrat, gefolgt von Dominic, den klimatisierten Anmeldebereich. Die diensthabende Schwester hinter dem Tresen, Schwester Gerty, wie er mittlerweile wusste, warf ihm aus zusammengekniffenen Augen einen missbilligenden Blick zu. »Lassen Sie mich raten. Sie wollen zu Dr. Montgomery.«
   »Genau.« Josh schenkte ihr sein Guter-Junge-Grinsen.
   »Warten Sie einen Moment. Ich piepse sie an.«
   Bis jetzt hatte er noch nie mit all den anderen Patienten in der Notaufnahme warten müssen, wofür er dankbar war. Ob das daran lag, dass er ein Cop war oder an dem dicken Scheck, den seine Eltern dem Hospital ausgestellt hatten, wusste er nicht. Es war ihm egal. Auch wenn er sonst keinen Wert auf die Sonderbehandlungen legte, die seiner Familie zuteilwurden, in diesem Fall kümmerte es ihn nicht. Dr. Hannah Montgomery ging ihm unter die Haut. Und er würde alle Vorteile nutzen, die sich ihm boten, um bei ihr einen Schritt weiterzukommen.
   Zwei Minuten später rauschte sie um die Ecke. »Was ist los, Gerty?«, wollte sie atemlos wissen. »Ich war gerade in der Mittagspause.«
   Die Schwester nickte mit dem Kopf in Joshs Richtung. Die Ärztin sah zu ihm und ihr Blick verhärtete sich. Dabei wirkte sie unglaublich sexy, unaufdringlich, aber sexy. Grüne Krankenhauskluft unter einem weißen Arztkittel, die Haare zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammengebunden, das Stethoskop um den Hals. »Kommen Sie bitte mit, Detective Winters.«
   Ohne auf ihn zu warten, drehte sie sich um und steuerte eines der Behandlungszimmer an.

*

Hannah wartete, bis Josh hinter ihr ins Behandlungszimmer getreten war. Sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen. »Was für ein Problem hast du heute?«
   Er lümmelte sich auf die Behandlungsliege, als ob er sich häuslich einrichten wollte. »Ich habe einen unheimlichen Juckreiz an der Narbe.«
   Sie verschränkte die Arme vor dem Oberkörper.
   Von ihrem Platz an der Tür aus betrachtete sie die Narbe auf seiner Stirn. »Deine Wunde heilt. Das habe ich dir bereits erklärt. Benutz die Salbe, die ich dir mitgegeben habe, und hör auf, mich zu belästigen. Es gibt Menschen, die tatsächlich krank sind und meine Hilfe dringender brauchen als du.« Sie hatte ihrer Stimme einen noch frostigeren Ton verliehen. »Du verschwendest nur meine Zeit.«
   »Geh mit mir aus.«
   »Ich dachte, ich hatte mich klar ausgedrückt. Die Antwort lautet Nein.«
   »Ich werde so lange wiederkommen, bis du Ja sagst.« Ein sehr männliches Grinsen zog sich über sein Gesicht.
   Hannah hob eine Augenbraue und rieb unbehaglich über die Gänsehaut, die plötzlich ihre Arme überzog. »Das könnte man Stalking nennen, Detective.«
   »Nein.« Josh erhob sich von der Behandlungsliege und trat vor sie. Viel zu dicht. Am liebsten wäre sie einen Schritt zurückgewichen. Aber die Tür presste sich bereits in ihren Rücken. Er hob seine Hand und fuhr mit dem Zeigefinger über ihren Wangenknochen, wo er eine brennende Spur hinterließ. »Ich habe dich geküsst, Hannah Montgomery. Und das hat dir gefallen.« Er kam noch näher. »Ich weiß nicht, warum du mich abblitzen lässt«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Aber es liegt nicht daran, dass du dich von mir gestalkt fühlst. Wenn dem so wäre, hättest du längst den Sicherheitsdienst gerufen, egal, wie viele Nullen der Scheck hatte, den meine Mutter dem Hospital überreicht hat.«
   Es klopfte. Dominic schob die Tür einen Spalt auf und spähte herein. »Es gibt Arbeit, Josh.«
   »Ich komme.« Nachdem sein Partner verschwunden war, wandte er seine gesamte Aufmerksamkeit wieder Hannah zu. »Samstag, vierzehn Uhr. Ich hole dich ab.«
   »Samstag habe ich …«
   »Keinen Dienst«, erwiderte er mit einem Zwinkern. »Das habe ich schon überprüft.«
   »Aha. Und du bist sicher, dass du kein Stalker bist?«
   Er zwinkerte ihr noch einmal zu und lachte.

*

Josh parkte am Straßenrand. Als er die Tür öffnete, hörte er das Meer rauschen.
   Sein Partner zog seine Pilotenbrille einen Zentimeter herunter, um ihm über den Rahmen hinweg einen Blick zuzuwerfen. »Jetzt rede schon. Hat sie ja gesagt?« Es schien Dominic zu nerven, dass er ihm sein Gespräch mit Hannah nicht in allen Einzelheiten schilderte.
   »Wir werden sehen.« Er war sich nicht sicher, ob sie der Verabredung tatsächlich zugestimmt hatte. Er würde es am Samstagnachmittag herausfinden. »Hast du kein eigenes Liebesleben, um das du dich kümmern kannst?«
   »Erinnere mich nicht daran. Da drüben ist Wood.« Dominic winkte dem brummigen Kriminaltechniker zu, dessen Van hinter dem der Gerichtsmedizinerin parkte. Die schmale Straße, in der kleine, aber exklusive Strandhäuser aneinandergereiht standen, war vom örtlichen Polizeirevier abgesperrt worden und hatte bereits eine kleine Traube Schaulustiger angezogen.
   Josh und Dominic hielten unisono ihre Dienstmarken hoch und stiegen über das Absperrband. »Hat Bergen genauer ausgedrückt, um was es hier geht?«, wandte sich Josh an seinen Partner.
   Dominic schüttelte den Kopf. »Weibliche Leiche. Schussverletzung. Da drüben wird es sein.« Er wies auf ein frisch gestrichenes Haus mit perfekt gepflegtem Vorgarten, hinter dem das Meer aufblitzte. Eine leichte Brise wehte vom Strand her salzige Luft zu ihnen. Die Grundstückspreise waren in dieser Gegend astronomisch. Wer sich hier ein Wochenendhaus leisten konnte, gehörte nicht zu den Ärmsten.
   Vor der Tür trafen sie mit Lieutenant Wood zusammen. Der Chef der Kriminaltechnik trug einen weißen Schutzanzug, der ihn ein bisschen wie ein riesiges Michelin-Männchen aussehen ließ. Er nickte ihnen mit grimmigem Gesichtsausdruck zu, was nicht daran lag, dass er sie nicht mochte, sondern an seiner Grundgrimmigkeit, die er oft und gern zur Schau trug.
   »Hey Wood, kannst du uns schon was erzählen? Unser Lieutenant hat sich sehr bedeckt gehalten mit den Details.« Dominic nahm ungefragt zwei paar Plastiküberschuhe und reichte eines an Josh weiter.
   »Die Leiche ist weiblich. Todesursache augenscheinlich eine Schussverletzung im Brustkorb. Da sie im Eingangsbereich des Hauses liegt und in ihrer Nähe keine Waffe gefunden werden konnte, gehe ich mal von Mord aus.«
   »Du kannst behaupten, was du willst, Wood«, ertönte hinter ihm der leichte Südstaatenakzent der Gerichtsmedizinerin Charlotte Connelly. »Bevor ich das Opfer nicht obduziert habe, ist nichts sicher.«
   »Charlie, wie schön dich zu sehen.« Dominic beugte sich zur Seite, um der Pathologin an Woods massiger Gestalt vorbei zuzuwinken.
   Die Frau, die im Türrahmen auf dem Boden kniete, lachte. »Wann hörst du auf, Süßholz zu raspeln, Dom?« Ihr Blick wurde wärmer. »Wie geht es Ellie?«
   »Erinnere mich nicht daran«, stöhnte sein Partner. »Die Frau treibt mich in den Wahnsinn. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele verschiedene Sorten Eis wir mittlerweile zu Hause haben. Und trotzdem schickt sie mich regelmäßig los, weil sie unbedingt noch diese oder jene Geschmacksrichtung ausprobieren muss.«
   »Wie lange hat sie noch?«, wollte Wood wissen. Sein faltiges Gesicht hatte bei Elenas Erwähnung einen fast liebevollen Zug angenommen. Er hatte sie schon vor Jahren ins Herz geschlossen. Niemand wusste, wie sie das geschafft hatte. Es war einfach passiert.
   »Zwei Wochen. Zwei verdammt lange Wochen. Ihre Knöchel sind geschwollen, sie hat Rückenschmerzen und muss andauernd pinkeln. Und meistens hat sie eine Laune wie eine Klapperschlange. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie froh ich bin, wenn das vorbei ist.«
   Charlie grinste. »Ich bin mir sicher, dass es ihr genauso geht. Grüß sie von mir.
   Und nun zu dieser Dame hier. Das Opfer trug nur einen Morgenmantel. Ihre Handtasche lag im Wohnzimmer auf dem Tisch. Dem Lichtbild auf dem Führerschein nach handelt es sich um Jessica Monroe, Dr. Jessica Monroe.«
   »Jessica Monroe?« Josh tat einen Schritt nach vorn, um einen Blick auf das Gesicht der toten Frau zu werfen. »Verdammt.«
   »Was ist?« Dominic spähte ihm über die Schulter.
   »Ich kenne sie. Sie ist die Tochter von Richter Ross Monroe. Er ist ein Freund meines Vaters.«
   »Und er hat sie gefunden«, ergänzte Wood.
   »Verdammt«, wiederholte Josh. »Dr. Monroe ist Ärztin im St. Josephs Hospital. Sie war sogar auf der Spendengala vor zwei Wochen.«
   »Tut mir leid, Mann.« Dominic schlug ihm auf die Schulter.
   »Nein. So war das nicht. Ich kenne sie mehr oder weniger nur flüchtig. Wir hatten nie etwas miteinander zu tun. Unsere Väter haben zusammen studiert, aber wir hatten keine Berührungspunkte.«
   »Der Fall macht dir also keine Probleme?«, hakte sein Partner noch einmal nach.
   »Keine Probleme.« Josh war sich dessen nicht sicher. Er wandte sich an Wood. »Kannst du schon was zu den Tatumständen sagen?«
   »Sie wurde im Türbereich erschossen.« Er warf Charlie einen Blick zu. »Falls die Gerichtsmedizinerin zu dem Schluss kommen sollte, dass sie erschossen wurde.
   Ihr Wagen steht vor der Tür, die Laken in einem der Schlafzimmer sind zerwühlt. Es gibt keinerlei Hinweise auf ein Eindringen ins Haus. Wie es im Moment aussieht, hat sie dem Täter geöffnet und er hat sie sofort erschossen.«
   »Dann hat sie ihren Mörder wahrscheinlich gekannt«, überlegte Dominic.
   »Ja, sie war zu klug, und zu sehr die Tochter eines Richters, um einem Fremden einfach die Tür zu öffnen.«
   »Sexueller Übergriff?«, wollte Dominic wissen.
   Charlie schüttelte den Kopf. »Sieht im Moment nicht danach aus. Genaueres wie immer erst nach der Obduktion.«
   »Rufst du uns an, sobald du etwas hast?«
   »Wie immer. Wir transportieren sie jetzt ab und ich überlasse Wood das Feld.«
   Josh nickte. »Wir sprechen inzwischen mit Richter Monroe. Wo ist er jetzt?«
   »Zwei Officer sind bei ihm. Sie haben ihn in das Haus da drüben gebracht.« Wood wies auf ein hellblaues Häuschen, dessen Verandageländer unter einer Masse blühender Sommerblumen fast zusammenbrach. Die leuchtenden Farben schmerzten Joshs Augen. »Eine ältere Lady hat ihnen ihr Wohnzimmer zur Verfügung gestellt.«

Im Department zog Josh eine kalte Cola aus dem Automaten im Erdgeschoss und trank sie in einem Zug halb leer. Es war nicht nur verdammt heiß und sandig gewesen am Tatort, der Mord an Jessica Monroe ging ihm an die Nieren. Sie war das einzige Kind des Richters, der natürlich am Boden zerstört war. So sehr Josh es liebte, sich in einen Fall zu verbeißen, die Puzzlestücke zusammenzutragen und schließlich jedes Teilchen an den richtigen Platz zu schieben, hasste er es, das Leid der Hinterbliebenen zu sehen. Wenn er diese Hinterbliebenen auch noch persönlich kannte … Er ließ einen weiteren Schluck des kalten Koffeins durch seine brennende Kehle laufen.
   Dominic und er fuhren mit dem Aufzug in den dritten Stock und grüßten Tracy Collette, die gute Seele des Dezernats, im Vorbeigehen. Das Großraumbüro, in dem sie arbeiteten, unterschied sich nicht wesentlich von der Wache im Erdgeschoss. Die Beamten trugen keine Uniformen, aber die Gerüche nach Scheuermittel, abgestandenem Kaffee und das permanente Telefonklingeln und Stimmengemurmel waren dieselben. Die alten Schreibtische, deren Oberflächen ebenso zerkratzt waren wie das Linoleum, auf dem sie standen, waren zu kleinen Inseln zusammengeschoben. Dominics und Joshs Arbeitsplatz befand sich in einer winzigen Ecknische. Das hatte für Dominic den Vorteil, von seinem Schreibtisch aus das ganze Dezernat zu überblicken. Für Josh bedeutete es, die Wand hinter Dom, von der seit Jahren der Putz bröckelte, anstarren zu müssen. Er hatte bereits alles versucht, um dem ein Ende zu machen, oder wenigstens ein Arrangement zu erreichen, bei dem sie hin und wieder die Plätze tauschten. Aber wenn es um seinen Platz ging, gab sich Dominic störrisch wie ein altes Maultier.
   Judy Paxton, im Moment die einzige Frau im Morddezernat und ihr Partner Jim Stowe warfen ihnen neugierige Blicke zu, als sie sich einen Weg zu ihrem Arbeitsplatz bahnten. Rick Clancy, dessen Pension nicht mehr weit entfernt war, lehnte im Türrahmen ihrer kleinen Dezernatsküche und hörte sich die Geschichte von Sam Finns dritter Scheidung an. Als sie Dominic und Josh sahen, verstummte ihre Unterhaltung abrupt.
   Josh wollte bereits fragen, was los war, als sich eine große, schlanke Gestalt von seinem Arbeitsplatz erhob. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Auf dem Schreibtisch stand eine kaum berührte Tasse Kaffee. Dezernatskaffee, absolut scheußlich und ungenießbar, wenn man nicht daran gewöhnt war. Hoffentlich beschert er ihm Magenprobleme. »Hallo Dad.«
   »Joshua.« Sein Vater nickte ihm zu, steif und ernst, wie es seine Art war. Es schien ihm absolut gegen den Strich zu gehen, überhaupt hier sein zu müssen.
   »Du kennst Detective Coleman?«
   »Nein. Detective«, grüßste er seinen Partner.
   »Sir.«
   Dass sein Vater Dominic nicht kannte, versetzte Josh einen Stich. Seine Mutter kannte Dom, seine Schwester kannte Dom, sogar sein Schwager, der damals noch nicht sein Schwager gewesen war, kannte Dom.
   Als er vor drei Jahren angeschossen worden war und niemand wusste, ob er überleben würde, waren seine Kollegen und seine Familie im Krankenhaus oft aufeinandergetroffen. In der Zeit, in der er im künstlichen Koma auf der Intensivstation lag oder danach, als er auf eine normale Station verlegt wurde und sich langsam erholte. Sie hatten ihn oft besucht, hatten ihm Mut gemacht. Wie seine Familie. Dominic, Elena und auch sein Chef, Lieutenant Bergen, waren seinen Angehörigen unzählige Male über den Weg gelaufen. Allen, bis auf seinen Vater, der, zumindest seit seinem Erwachen aus dem Koma, kein einziges Mal in der Klinik gewesen war. Unbehaglich rieb sich Josh über die Narbe auf seinem Brustkorb. »Was willst du hier, Dad?«, fragte er eine Spur zu scharf.
   »Du ermittelst im Todesfall von Ross’ Tochter. Das sagte zumindest dein Vorgesetzter.« Als Josh nickte, fuhr er fort. »Ich erwarte eine umfangreiche Aufklärung des Falls. So schnell wie möglich. Und ich erwarte regelmäßigen Bericht über den Verlauf der Ermittlungen.« Sein Handy klingelte. Er zog es aus der Tasche und runzelte verärgert die Stirn. »Ich habe noch einen wichtigen Termin. Halt mich auf dem Laufenden, Joshua.«
   Dominic und er sahen seinem Vater hinterher, bis er im Aufzug verschwand. Dann ließ sein Partner sich auf seinen Stuhl fallen und warf seine Pilotenbrille auf den Aktenstapel, der sich auf dem Schreibtisch türmte. »Das war dein Vater?«
   Josh spürte die neugierigen Blicke der Kollegen im Rücken. Wenigstens war der Lieutenant im Moment nicht im Büro. Er wollte nicht einmal darüber nachdenken, was Thomas Winters alles von seinem Chef verlangen würde. »Ja, das war mein Vater.«
   »Netter Zeitgenosse. Wenigstens haben wir jetzt einen Ermittlungsanreiz. Wer soll ihm das tägliche Memo schicken, du oder ich?«
   »Spar dir den Sarkasmus für deine Frau, wenn sie mal wieder eine neue Sorte Eis ausprobieren will«, knurrte Josh.
   »Hey, schon gut. Ich meine ja nur. Du hättest vielleicht mal erwähnen können, wer dein Vater ist. Dann wäre mir nicht gleich vor Schreck das Herz stehen geblieben. Niemand lässt sich gern von einem Bundesrichter auf die Zehen treten.«
   »Ich am allerwenigsten. Das kannst du mir glauben.« Ohne es zu merken, hatte Josh die Coladose in seiner Hand zerquetscht. Mit einem unterdrückten Fluch schleuderte er sie in den Papierkorb.

Charlotte Connelly meldete sich am nächsten Morgen. Dr. Jessica Monroe war durch einen Schuss ins Herz ums Leben gekommen. Die tödliche Waffe, nach der sie nun suchten, war eine 9mm mit Schalldämpfer.
   Das Opfer hatte vor seinem Tod Sex gehabt, eine Vergewaltigung schloss Charlie aber aus. Das i-Tüpfelchen war eine wunderschöne DNA-Probe ihres Sexualpartners.

4.

»Mr. Montgomery?«
   Hannah drehte sich zu Schwester Gerty um. »Ja?«
   Gerty zog auf ihre unnachahmliche Art eine Augenbraue nach oben. »Die wurden für Sie abgegeben.« Mit dem Kinn wies sie auf einen großen Strauß weißer Rosen. »Es ist keine Karte dabei. Ich habe schon nachgesehen.«
   »Ach. Das ist aber nett von Ihnen. Das erspart mir glatt die Suche.« Hannahs Sarkasmus verhallte ungehört.
   Gerty hatte das Regiment in der Notaufnahme des St. Josephs. Nichts geschah ohne ihr Wissen oder entging ihrem scharfen Blick.
   Die ältere Frau zuckte mit den Achseln. »Wir wissen doch beide, von wem die sind.«
   Hannah ließ den Satz unkommentiert. Sie glaubte auch, dass sie von Josh waren. Aber das war sicher nichts, was sie mit der Krankenhaus-Klatsch-Zentrale ausdiskutieren würde. Sie nahm die Rosen mit ins Ärztezimmer und stellte sie in eine Vase.
   Sie musste verdammt viel über Detective Josh Winters nachdenken, seit er auf der Spendengala mit ihr getanzt hatte. Trotz der Narbe auf seiner Stirn und den stoppelkurzen Haaren sah er ziemlich gut aus. Der Smoking unterstrich das Ganze noch. Und er war ein guter Tänzer. Hannah hatte nicht mit ihm tanzen wollen, doch er ließ nicht locker. Schließlich bestand er darauf, sie nach Hause zu begleiten, was alle Alarmglocken in ihrem Kopf zum Schrillen brachte. Also lehnte sie rigoros ab.
   Sie ließ sich nicht von Männern nach Hause bringen. Niemals. Sie rief sich ein Taxi. Doch ehe sie sich vor ihm in den Fond des Wagens flüchten konnte, zog er sie an sich und küsste sie.
   Sie war in seine Arme gesunken und schmolz an Ort und Stelle dahin. Erst das wütende Schimpfen des Taxifahrers holte sie in die Wirklichkeit zurück. Josh war ihre Reaktion auf den Kuss offensichtlich nicht entgangen. Er hatte recht mit dem, was er gestern zu ihr gesagt hatte. Er war kein Stalker. Er hätte sie in Ruhe gelassen, hätte er nicht einen Funken Interesse bei ihr gespürt.
   Sie hatte Interesse. Definitiv.
   Hannah wusste nur nicht, wohin das führen sollte.
   Sie wusste nicht damit umzugehen. Sie hoffte, er würde sie nicht überrumpeln. Dann hätte sie keine andere Wahl, als die Flucht anzutreten und sich in ihr Schneckenhaus zurückzuziehen.
   Sie hatte Sehnsüchte, hatte Bedürfnisse. Sie wollte Gefühle erleben. Josh rüttelte, seit er nach seinem Baseball-Unfall ins St. Josephs eingeliefert worden war, beharrlich an ihrem Käfig, dem Käfig, den sie sich gebaut hatte.
   Er hatte sie so weit. Sie war zum ersten Mal seit Jahren bereit, mit einem Mann auszugehen und sich ein weiteres Mal von ihm küssen zu lassen.
   Ein letztes Mal roch sie an den vollen weißen Blütenköpfen der Rosen, bevor sie sich umdrehte. Erschrocken fuhr sie zusammen. Während sie von Josh Winters taggeträumt hatte, lehnte er mit der Schulter lässig im Türrahmen des Ärztezimmers und beobachtete sie.
   »Ich wollte dich nicht erschrecken. Du schienst in Gedanken.« Sein Blick fiel auf die Rosen und seine Augen verengten sich ein wenig. »Schöne Blumen. Hast du einen Verehrer, von dem ich wissen sollte?«
   Hannah spürte, wie sie rot wurde. Sie hatte tatsächlich geglaubt, die Rosen waren von ihm. Wie peinlich, wenn sie sich bei ihm bedankt hätte. »Warum bist du hier? Ich habe dir doch zugesagt, am Samstag mit dir auszugehen.«
   Josh ging nicht darauf ein. »Von wem sind diese Rosen? Ich muss mir doch keine Gedanken um einen anderen Mann machen, oder?«
   Sie atmete tief durch und zuckte die Achseln. »Es war keine Karte dabei. Die Blumen sind wahrscheinlich ein Dankeschön von einem Patienten. Das kommt hin und wieder vor. Wenn ich liiert wäre, würde ich mich nicht mit dir verabreden.«
   »Gut zu wissen.«
   Hinter Josh tauchte der Kopf seines Partners auf. »Es ist die Hölle, hier einen Parkplatz zu finden. Nicht mal mit der Dienstmarke findet man eine Lücke«, schimpfte er. »Hallo Dr. Montgomery. Wie kommen Sie morgens zum Dienst?«
   »Hallo Detective Coleman. Ich fahre mit der U-Bahn. Das erspart mir viel Zeit.« Hannah blickte von einem Detective zum anderen. »Was wollt ihr hier? Falls es nicht schon wieder um deine Narbe geht?«
   Die Männer tauschten einen kurzen Blick und betraten den Raum. Josh zog die Tür hinter sich ins Schloss. »Wir haben einen Termin bei der Klinikleitung. Das hier ist zwar nicht üblich, aber weil wir uns kennen, wollte ich es dir persönlich erzählen, bevor du es durch den Krankenhaustratsch erfährst.«
   Hannah lehnte sich gegen die Tischkante. Ihre Knie wurden weich. Joshs ernster Blick ängstigte sie. »Was ist passiert?«
   »Du kennst Dr. Jessica Monroe?«
   »Ja. Natürlich. Was ist mit ihr?«
   »Was weißt du über sie? Und wann hast du sie zuletzt gesehen?«
   »Zuletzt gesehen. Gestern … nein, vorgestern. Was ist mit Jessie? Sie steckt doch nicht in Schwierigkeiten?«
   »Tut mir leid, Hannah. Sie wurde ermordet.«
   »Was?« Sie ließ sich auf einen Schreibtischstuhl sinken. »Das … das kann nicht sein. Wie ist das passiert?«
   »Sie wurde im Strandhaus ihrer Familie getötet. Mehr kann ich dir nicht sagen.« Josh ging vor ihr in die Hocke und drückte mitfühlend ihr Knie. »Kanntest du sie gut?«
   Hannah zuckte die Achseln. »Ich mochte sie. Wir sind ein paar Mal nach dem Dienst etwas trinken gegangen. Jessica ist … war Orthopädin. Unsere Dienstpläne haben nur selten zueinandergepasst, deshalb hatten wir keine Zeit, uns besser kennenzulernen.« Ihr Kopf fühlte sich wie Watte an. Sie schüttelte ihn, um wieder klar denken zu können. »Dazu wird es nun wohl nicht mehr kommen. Sie war auch auf der Gala deiner Mutter.«
   Josh nickte. »Ich erinnere mich an sie. Ist Jessica mit jemandem zusammen gewesen?«
   »Nein.« Hannahs Hand glitt zu ihrem Hals. Joshs Blick hielt ihren unerbittlich fest. Hitze stieg ihr in die Wangen. Sie war eine schlechte Lügnerin, das wusste sie. Und der Detective in Josh war darauf trainiert, Lügner zu überführen. Er sagte nichts, sah sie nur an. »Nein«, beteuerte sie.
   »Hör mal.« Seine Stimme war leise, aber bestimmt. »In Krankenhäusern wird viel geredet. Du warst sogar ein paar Mal mit ihr aus.« Eine bedeutungsschwere Pause. »Jessica war vor ihrem Tod mit jemandem zusammen. Und du weißt, wer das ist. Ich sehe es dir an.«
   Sie senkte die Lider, um seinen scharfen Augen zu entgehen. Mit einem Seufzen ergab sie sich in ihr Schicksal. »Ich bin keine Tratschtante, okay? Sie hatte eine Affäre mit Dr. Peter Swanson. Er ist auch Orthopäde im St. Josephs. Und er ist verheiratet. Könnt ihr versuchen, es nicht an die große Glocke zu hängen?«
   Josh beantwortete die Frage nicht. »Wo finden wir ihn?«
   Hannah zog die PC-Tastatur zu sich heran und rief die Dienstpläne auf. »Dr. Swanson ist heute den ganzen Tag im OP. Morgen hat er Sprechstunde. Da werdet ihr ihn wahrscheinlich eher erwischen.«
   »Also gut. Dann gehen wir jetzt zur Klinikleitung und sprechen morgen mit Swanson.« Josh drückte ihr Knie ein letztes Mal. »Könntest du das Gespräch bitte für dich behalten?«
   »Sicher.« Hannah blieb sitzen und wartete, bis Josh und sein Partner das Ärztezimmer verlassen hatten. Dann legte sie ihre Stirn auf die kühle Tischplatte. Sie atmete tief durch, um die Tränen zurückzuhalten. Tränen um eine Frau, die eine Freundin hätte werden können. Nun war es zu spät.

*

Griffin verschmolz mit den Schatten zweier alter Eichen, die den Bau des Mitarbeiterparkplatzes des St. Josephs überlebt hatten. Er hatte gelernt, sich unsichtbar zu machen. Diese Fähigkeit war Gold wert, wenn es darum ging, einträgliche Informationen zu beschaffen. Und manchmal war sie einfach überlebensnotwendig.
   Es war bereits nach zehn Uhr abends. Nadine stellte ihn auf die Probe. Seine Rosen hatte sie bekommen. Er hatte sie im Ärztezimmer stehen sehen. Der Strauß war nicht zu übersehen. Groß und leuchtend, mitten auf dem Tisch. Er wartete im Schatten, bis sie endlich Feierabend machte und er sie nach Hause begleiten konnte.
   Still stand er unter den alten Bäumen. Eine Fähigkeit, in der er es zu einiger Perfektion gebracht hatte. Er beobachtete zum Zeitvertreib den Mann, der auf dem Parkplatz nervös hin und her tigerte. Er war kein Penner, dafür war er viel zu gut gekleidet. Außerdem parkte an der Straßenecke sein Wagen; ein nicht besonders kleiner und unauffälliger Mercedes.
   Griffins Gedanken wanderten zurück zu Nadine. Sie hatte sich nicht besonders viel Mühe gegeben, sich zu verstecken. Sie nannte sich jetzt Hannah, hatte aber nicht einmal ihren Nachnamen geändert. Nur ihr Studienfach hatte gewechselt. Sie war jetzt Ärztin. Schade, dass sie ihr Jurastudium abgebrochen hatte. Aus ihr wäre eine gute Anwältin geworden.
   Die Tür zum Mitarbeitereingang öffnete sich und ein Mann trat in den gelben Lichtkegel. Der nervöse Typ erspähte ihn ebenfalls. Einen Moment schien er zu zögern, dann setzte er sich in Bewegung.
   Griffin verfolgte, wie die beiden Männer durch die Reihen parkender Autos aufeinander zugingen. Fast waren sie auf gleicher Höhe, als der nervöse Typ plötzlich strauchelte.
   Der andere ließ seine Aktentasche fallen, um ihm zu Hilfe zu eilen. Er fasste ihn am Arm und wollte ihm aufhelfen. Das leise Plopp eines Schalldämpfers drang den Bruchteil einer Sekunde später in Griffins Versteck. Der Mann aus dem Krankenhaus sackte in sich zusammen. Der Nervöse rannte davon, kurz darauf raste der Mercedes an den beiden alten Eichen vorbei. Interessant.
   Griffin wandte sich mit einem Seufzen zum Gehen. Ein Mord passte nicht in seine Pläne. Innerhalb kürzester Zeit würde es auf dem Parkplatz vor Cops wimmeln. Heute war nicht der Tag, an dem er Nadine nach Hause begleiten würde.

*

Josh und Dominic trafen sich um vier Uhr morgens vor dem St. Josephs.
   »Du siehst übel aus, Partner«, stellte Josh fest.
   Dominic seufzte und fuhr sich durch seine unordentlichen, einen Tick zu langen Haare. »Ich war um kurz vor zwölf noch in der Sandwichbar. Ellie wollte ein Sandwich, aber keines, das ich ihr bereite. Nein, es musste von Tom March sein. Natürlich bekam sie danach Sodbrennen und musste außerdem innerhalb von zwei Stunden dreimal pinkeln. Ich schwöre dir, wenn das so weitergeht …«
   Josh grinste, nahm seinen Thermobecher Kaffee aus dem Getränkehalter in der Mittelkonsole seines Wagens und reichte Dominic einen zweiten Becher, den er ihm in weiser Voraussicht mitgebracht hatte. Er musste sich keine ernsthaften Sorgen um ihn machen. Er hatte den Beginn der Beziehung zwischen seinem Partner und dessen Frau Elena miterlebt. Er hatte miterlebt, wie das Band zwischen den beiden immer fester geworden war, bis sie schließlich zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen waren. Dominic betete seine Frau an und war völlig verrückt nach seinem ungeborenen Sprössling. Er würde auch nach New York fahren, um belegte Brote für Elena zu holen, sollte sie je danach verlangen.
   Dominic murmelte ein »Dankeschön« und nippte an seinem Kaffee. Gemeinsam bahnten sie sich einen Weg zwischen den immer noch gut gefüllten Parkreihen des Mitarbeiterparkplatzes zu Charlotte Connelly. Als ihre Schatten der Gerichtsmedizinerin das Licht der Scheinwerfer nahmen, die die Spurensicherung aufgestellt hatten, blickte sie auf und grüßte sie mit einem Nicken. »Darf ich vorstellen, Dr. Peter Swanson.«
   »Der Liebhaber von Jessica Monroe?« Josh betrachtete das bleiche Gesicht des Toten. Er war zu Lebzeiten ein attraktiver Mann gewesen. »Verdammter Mist. Da war jemand schneller als wir.«
   »Ihr hattet ihn auf dem Radar?«, wollte Charlie wissen.
   »Wir hatten zumindest vor, ihn heute zu befragen. Er steckte gestern den ganzen Tag im OP und wir kamen nicht an ihn heran. Jetzt ist es zu spät.«
   »Er liegt schon eine Weile hier. Todeszeitpunkt zwischen zweiundzwanzig und dreiundzwanzig Uhr. Wie es aussieht, könnte er durchaus mit dem gleichen Kaliber getötet worden sein wie Dr. Monroe. Genaueres wie immer nach der Obduktion.«
   Dominic drehte sich langsam einmal um die eigene Achse und nahm die Örtlichkeit in sich auf. »Warum hat man ihn erst jetzt gefunden?«
   Charlie zuckte die Achseln. »Die meisten Mitarbeiter der Nachtschicht stellen ihre Autos gegen zwanzig Uhr hier ab. Um zehn ist auf dem Parkplatz nicht mehr viel los. Gefunden hat ihn eine Schwester der Intensivstation, die in Ruhe eine rauchen wollte und sich die Füße auf dem Parkplatz vertreten hat.«
   »Wenn du hier alles im Griff hast, sprechen wir mit der Schwester. Dann statten wir Swansons Frau einen Besuch ab.«
   Die Gerichtsmedizinerin hob den Kopf und warf ihnen einen mitfühlenden Blick zu. »Kinder?«
   Josh nickte. »Zwei.«
   Sie beugte sich wieder über den Toten. »Manchmal habe ich doch den besseren Job«, murmelte sie.

5.

Der Freitag nahm, um es auf den Punkt zu bringen, beschissene Formen an. Niemand wollte seine Arbeitswoche beenden wie Josh und Dominic. Sie suchten Sophie Swanson, die Frau des getöteten Orthopäden, auf. Die Frau bat sie, leise zu sein, um ihre beiden kleinen Söhne nicht zu wecken, dann brach sie zusammen. Es war nicht möglich, eine Todesnachricht schonend zu überbringen.
   Egal, wie man es anstellte, am Ende musste man Es tut mir leid, er ist tot sagen.
   Sophie Swanson konnte kein Alibi für den Mord an Jessica Monroe vorweisen, und keines für den Mord an ihrem Mann. Sie hatte mit ihrer Schwester telefoniert. Ein ziemlich langes Gespräch, wie Josh feststellte, als er ihre Angaben überprüfte. Sie gab zu, von Swansons Affäre gewusst zu haben. Sie räumte Eheprobleme ein und erzählte bereitwillig von der zeitweiligen Trennung, über die ihr Mann und sie nachgedacht hatten.
   Weder Dominic noch Josh konnten sich vorstellen, wie Sophie Swanson ihre vier und sechs Jahre alten Söhne nachts allein ließ, um ihren Vater und seine Geliebte zu töten. Genauso wenig konnten sie sich vorstellen, dass sie ihre Kinder ins Auto packte und mitschleppte, wenn sie zum Morden ging. Der geprellte Ehepartner war oft der Verdächtige Nummer eins. Aber Mrs. Swanson rutschte auf ihrer Täterliste weit nach unten.

Am Vormittag statteten sie Richter Monroe einen Besuch ab und gerieten in die Trauerfeier, die er in seinem Haus für seine Tochter abhielt.
   Sie bahnten sich einen Weg durch die Trauergäste und fanden den Richter bei einem Glas Whiskey in seinem Arbeitszimmer, umgeben von seinen beiden besten Freunden, Richter Andrew Stevens und Joshs Vater. Josh kannte die Richter, seit er denken konnte, und nannte sie nur das Dreigestirn. Er hatte keine Lust, im Beisein seines Vaters mit Richter Monroe zu sprechen. Aber weder er noch Richter Stevens machten Anstalten, das Zimmer zu verlassen. Monroe schien sie nicht dazu auffordern zu wollen. Also blieb ihnen nichts anderes übrig, als Jessicas Vater den aktuellen Stand der Ermittlungen vor Publikum mitzuteilen.
   Der Richter galt als Hardliner. Der Mord an seiner Tochter konnte durchaus ein Racheakt gewesen sein. »Haben Sie Probleme in einem Ihrer aktuellen Prozesse, Richter Monroe?«, fragte Dominic.
   »Nein, Detective.«
   »Wie sieht es mit Drohungen aus?«
   »Keine.«
   »Möglicherweise hat Ihre Tochter etwas beobachtet, das nicht für ihre Augen bestimmt war. Sie hat Dr. Swanson davon erzählt, was auch ihn das Leben kostete. Hat sie Ihnen gegenüber etwas Ungewöhnliches erwähnt?«, hakte Josh nach.
   Mit einer etwas zu heftigen Bewegung stellte der Richter sein Whiskeyglas auf dem Mahagonischreibtisch ab. Die Eiswürfel in der bernsteinfarbenen Flüssigkeit klirrten leise. »Hören Sie Detectives, wir trauern heute um meine Tochter. Sie bekommen am Montag in meinem Büro alles, was Sie brauchen. Meine Assistentin wird Ihnen über das Wochenende die Unterlagen heraussuchen. Aber der heutige Tag gehört Jessie.«
   »Selbstverständlich, Richter Monroe. Noch einmal unser aufrichtiges Beileid.« Sie verabschiedeten sich und fuhren ein weiteres Mal zu Mrs. Swanson. Sie hatte nichts davon mitbekommen, dass ihr Mann in etwas Illegales verwickelt gewesen sein könnte. Er hatte sich, abgesehen von seiner Affäre, nicht anders verhalten als sonst. Weder schien er Angst gehabt zu haben, noch hatte er zu Hause von merkwürdigen Beobachtungen berichtet.
   Sie holten sich ihr Mittagessen in der Sandwichbar. Tom March erkundigte sich, ob Ellie ihren Mitternachtssnack genossen hatte, und erntete einen todbringenden Blick von Dominic. »Unglaublich frech, der Kleine. Der Mistkerl verdankt mir seinen Job. Da könnte man doch eigentlich ein wenig Anstand erwarten«, knurrte er.
   Im Department erledigten sie Papierkram und recherchierten Swansons Hintergrund. Irgendwann kapitulierten sie. Ohne die Akten von Richter Monroe kamen sie nicht weiter. Sie würden sich bis zum Montag gedulden müssen, also konnten sie genauso gut nach Hause gehen.
   »Vergiss nicht, morgen Abend bei mir aufzutauchen«, erinnerte Dominic ihn, bevor er seine Wagentür öffnete.
   »Ach ja, der Kinderzimmeraufbau. Vergiss nicht, Bier kalt zu stellen.«
   Dominic schnalzte missbilligend mit der Zunge und schob seine Pilotenbrille auf die Nase. »Hab ich jemals vergessen, das Bier kalt zu stellen?«
   Josh grinste. Vor ihm lag ein fantastischer Samstag. Erst ein Date mit Hannah und anschließend ein Männerabend mit Dominic und seinen Brüdern und Schwägern, getarnt als Kinderzimmermöbel aufbauen. Er war sich sicher, dass das Bier nicht zu knapp fließen würde und die Steaks, die auf den Grill wanderten, riesig und blutig sein würden.

*

Dass die Gegend, in der Nadines Wohnung lag, einer der schäbigeren Gegenden von Charlestown war, wusste Griffin längst.
   Ihre eigenen vier Wände waren nicht weniger billig, alt und heruntergekommen. Die Wohnung war winzig. Griffin ging nur ein paar Schritte durch den Flur und schon stand er in ihrem Wohnzimmer, das durch einen Tresen von einem kleinen Küchenbereich getrennt war. Das Schlafzimmer war nicht besser, ebenso wie das Badezimmer mit den gesprungenen Fliesen im Muster der Siebziger Jahre. Die Fenster waren nicht dicht und die Heizung sah nicht besonders vertrauenserweckend aus. Im Winter war dieses Wohnloch sicher kein Spaß. Außerdem war das Schloss an ihrer Tür ein Witz. Warum sie so lebte, obwohl sie Ärztin war, verstand er nicht. Aber sie hatte das Beste aus ihrer Wohnung gemacht. Soviel musste er ihr immerhin zugestehen. Die Wände waren in warmen Farben gestrichen, der Sofaüberwurf und die Vorhänge waren aufeinander abgestimmt. Die Kaffeebecher in ihrem kaputten Küchenschrank waren bunt, ihr Schlafzimmer wirkte durch Kerzen auf der Fensterbank und gerüschte Kissen auf dem Bett gemütlich und weiblich. Vor allem roch es gut in ihrer Wohnung. Als er Nadine zum Krankenhaus gefolgt war, hatte er diesen Duft schon einmal an ihr wahrgenommen. Ein angenehmer Geruch, weiblich, aber anders als früher.
   Das Wissen, dass er ihr all das nehmen würde – einfach fantastisch.
   Er glitt gerade mit den Fingerspitzen über Kissen auf ihrem Bett, als ihn ein Geräusch aufhorchen ließ. Ein Schlüssel wurde ins Türschloss geschoben. Griffin sah auf seine Uhr. Verdammt. Sie kam früher nach Hause als erwartet.
   Jetzt war der Zeitpunkt, zu entscheiden, was er tun wollte. Er konnte sich ihr zu erkennen geben, sich an der Panik weiden, die sie ergreifen würde, wenn sie ihn sah, hier, in ihrem Schlafzimmer. Aber so weit war er noch nicht. Er wollte sie noch eine Weile für sich, wollte in ihrer Nähe sein, wollte sie beobachten, ohne dass sie etwas davon wusste. Wollte sie genießen.
   Die Wohnungstür wurde geöffnet. Griffin sah nur eine Chance, die Nische hinter dem Kleiderschrank. Wenn sie ins Schlafzimmer trat, würde die Tür ihn verdecken. Hoffentlich. Er quetschte sich in die Ecke. Wenige Sekunden später schob sie die Tür auf. Das Türblatt verbarg ihn, aber durch den Spalt hatte er einen perfekten Blick auf Nadine. Es war unglaublich aufregend, ihr nah zu sein, ohne dass sie auch nur den Hauch einer Ahnung hatte.
   Sie warf ihre Handtasche aufs Bett und rollte den Kopf und die Schultern. Dann trat sie vor den Spiegel über der schmalen Kommode und betrachtete ihr Gesicht. Sie stieß einen leisen Seufzer aus und strich sich mit den Fingerspitzen über die Wangenknochen. Dann richtete sie sich auf und zog ihr Top über den Kopf. Darunter trug sie einen schlichten weißen Baumwoll-BH. Als sie die Jeans auszog, bekam er auch das passende Höschen zu Gesicht. Shirt und Hose warf sie in einen Korb in der Zimmerecke. Er konnte nicht sehen, wie sie ihre Unterwäsche auszog, aber als sie wieder vor den Spiegel trat, war sie nackt. Sie löste den Gummi, der ihre Haare zusammenhielt, und legte ihn auf die Kommode, bevor sie den Kleiderschrank öffnete und einen Bademantel herausnahm. Sie war nur wenige Zentimeter von ihm entfernt.
   Er erhaschte einen letzten Blick auf ihren nackten Körper und hielt ehrfürchtig den Atem an. Nadine war eine wunderschöne Frau. Das war sie gewesen, als sie zugenommen hatte, in der Hoffnung, unattraktiv auf ihn zu wirken. Das war sie gewesen, als sie sich bis auf die Knochen heruntergehungert hatte. Er hatte sie immer geliebt, immer begehrt. Aber wie sie jetzt war, ihr großer, schlanker Körper, biegsam wie eine Weidenrute, mochte er sie am liebsten. Schlanke, aber muskulöse Schenkel, das lange dunkelrote Haar, das offen über ihre milchweißen Schultern fiel. Er musste sich zusammenreißen, um nicht die Hand nach ihr auszustrecken.
   Sie hüllte sich in den dicken Frotteebademantel und der Moment ging vorüber. Auf nackten Füßen lief sie ins Bad und Griffin hörte, wie sie die Dusche anstellte. Das war seine Chance, ihre Wohnung zu verlassen.
   Vorsichtig schlich er aus dem Schlafzimmer und aus der Wohnung. Als er die Tür leise hinter sich zuziehen wollte, glitt sie ihm aus den klammen Fingern und fiel mit einem Knall, der die Lautstärke eines Gewehrschusses zu haben schien, ins Schloss. Griffin erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde. Sein Herz raste. Er musste hier weg. Wie in Trance wandten sich seine Füße der Treppe zu. Halt. Nicht nach unten. Wenn sie ihn gehört hatte, würde sie nachsehen, ob jemand die Treppen hinunterging. Er hastete einen Treppenabsatz nach oben und drückte sich gegen die Wand. Nicht eine Sekunde zu früh. Ihre Wohnungstür öffnete sich. Sie blickte erst durch den Türspalt. Als sie niemanden sah, trat sie ins Treppenhaus und warf über das Geländer einen Blick nach unten. Sie lauschte einen Moment und ging dann zurück in ihre Wohnung.
   Griffin stieß den Atem aus, den er angehalten hatte. Das war knapp gewesen. Er wartete noch ein paar Minuten und schlich vorsichtig aus dem Haus.

Oktober 2000

Griffin konnte es nicht glauben. Sie hatte ihn abblitzen lassen. Eiskalt. Ihr Blick musterte ihn ruhig und gelassen und einen Moment lang fegte glühend heiße Wut durch seinen Körper. Wusste sie denn nicht, wer er war?
   »Sie sind doch hier Professor, nicht wahr?«
   Ah, sie wusste es also doch.
   »Sollte es für Sie nicht moralisch verwerflich sein, eine Studentin anzugraben?«
   Äußerlich gelassen lehnte er sich gegen den Türrahmen des Personaleinganges, an dem er sie abgefangen hatte. Er versperrte ihr den Weg nach draußen, was sie mit einem bösen Blick quittierte. »Ich kann mich nicht erinnern, Sie schon einmal in einem meiner Kurse gesehen zu haben, Miss Montgomery. Also sehe ich nichts moralisch Verwerfliches daran, Sie auf eine Tasse Kaffee einzuladen.«
   »Wir wissen doch beide, dass es Ihnen nicht um einen Kaffee geht. Also sparen Sie sich Ihre Show für jemand anderen auf.« Sie legte ihm die Hände auf den Brustkorb und drückte. Die Berührung ließ Griffins Fingerspitzen kribbeln. Auch wenn sie ihn nicht berührte, weil sie ihn spüren wollte, sondern, um ihn zur Seite zu schieben. Er machte ihr Platz. Wenn er gewollt hätte, wäre sie nicht an ihm vorbeigekommen, egal, wie sehr sie sich angestrengt hätte. Aber sein Ehrgeiz war erwacht. Ihre Ablehnung war eine Herausforderung, die die Wut in ihm ablöste. Er nahm es sportlich. Manchmal gaben sich diese jungen Mädchen erwachsener und härter, als sie waren. Aber letztendlich hatte ihm noch keine von ihnen widerstehen können.
   »Gibt es ein Problem?«, tönte eine Stimme hinter ihm. Er drehte sich um … und sein Blick wanderte nach oben.
   »Oh, Professor Gordon. Hi.«
   »Hallo Colin.« Das war also der Grund für ihre Zurückweisung. Nadine hakte sich bei dem Star des Schwimmteams unter und warf ihm einen herausfordernden Blick zu. Sie schien auf große Kerle zu stehen. Nun gut. Colin Westford war gut einen Meter neunzig groß. Da konnte er mit seinen eins siebenundsiebzig nicht mithalten. Aber er hatte andere Vorzüge. Die würde sie schon noch herausfinden.
   »Gute Nacht, Professor«, rief Colin ihm zu. Er hatte Nadine den Arm um die Schultern gelegt und wandte sich zum Gehen.
   Griffin hörte, wie er sie leise fragte, was er von ihr gewollt hatte.
   »Nichts«, murmelte sie. »Er scheint auf jemanden zu warten.«
   Griffin wartete, bis sie in Colins verbeulten Truck stiegen und der Junge ausparkte. Dann ging er zu seinem eigenen Wagen und folgte ihnen zu Nadines Wohnheim. Vielleicht gingen sie ja auch zu ihm, ging es ihm durch den Kopf. Colin hatte er bis jetzt nicht auf dem Schirm gehabt. Er war ihm nicht aufgefallen, obwohl er seit zwei Wochen im Peaches herumhing. Er hatte herausgefunden, dass sie dienstags, donnerstags, samstags und sonntags in der Bar arbeitete. Sie belegte Jurakurse, war Stipendiatin und sehr ehrgeizig und fleißig. Vielleicht ließ sich auf dieser Ebene etwas arrangieren.
   Er hatte herausgefunden, wo sie wohnte. Ihr Zimmer lag im Erdgeschoss in einem der Wohnheime. Perfekt, falls er einmal außerhalb des Peaches einen Blick auf sie werfen wollte.
   Die vergangenen zwei Wochen waren frustrierend gewesen. Sie hatte ihn strahlend angelächelt, genau wie alle anderen Gäste. Ein Lächeln, das ihr mit Sicherheit jede Menge Trinkgeld einbrachte. Ein paar Mal hatte er versucht, sie in ein Gespräch zu verwickeln, aber sie hatte sich jedes Mal höflich aber bestimmt zurückgezogen. Über ein bisschen Small Talk waren sie nicht hinausgekommen. Also hatte er beschlossen, ihren Feierabend abzuwarten und sie an der Hintertür abzufangen. Wenn er sie direkt fragte, kamen sie vielleicht einen Schritt weiter. Jetzt wusste er, dass er sich etwas anderes überlegen musste, wenn er sie haben wollte.
   Und er wollte sie. Mit jedem Tag mehr.
   Colin fuhr tatsächlich zu Nadines Wohnheim. Er wartete, bis sie im Haus verschwunden waren, bevor er seinen Wagen abstellte und sich hinter das Gebäude schlich. Hier grenzte an eine kleine, gepflegte Rasenfläche eine alte Mauer, die gesäumt war von hohen Eichen. Unter einen dieser Bäume stellte sich Griffin. Nadine zog selten die Vorhänge vor ihr Fenster. Sie fühlte sich völlig sicher. Unbeobachtet.
   Von seinem Platz aus wurde er Zeuge, wie Colin sie mit seinem Körper gegen das Türblatt drückte und sie küsste. Ihre Hände glitten ruhelos über seinen Rücken, bevor sie den Hals durchbog und den Kopf gegen die Tür lehnte, damit er sich an ihrem Hals hinunterküssen konnte. Er zog ihr das Top über den Kopf und entledigte sich seines eigenen Shirts. Sekunden später flog ihr BH über seine Schulter. Rot.
   Verdammt. Diese Frau war ein einziges, heißes Versprechen. Griffin schob die Hände in seine Hosentaschen. Der Platz in seiner Hose wurde langsam eng.
   Er beobachtete, wie Colin die Hände unter ihren Po schob und sie hochhob. Wie von selbst schlossen sich ihre langen Beine um seine Hüften, damit er sie zum Bett tragen konnte. Er ließ sie auf die Matratze fallen und zog ihr die Schuhe und die Hose aus. Ihr roter Slip passte zum BH. Colin ließ seinen Blick gierig über ihren Körper gleiten. Sie sagte etwas, und er begann, sich in Windeseile die restlichen Kleider vom Leib zu reißen, während sie ihre Beine spreizte, und über ihr rotes Dreieck strich …
   Ein Geräusch neben ihm erschreckte Griffin zu Tode. Sein Herz begann zu rasen, als der Lichtkegel einer Taschenlampe auf ihn fiel.
   Der Besitzer der Taschenlampe keuchte genauso überrascht auf, wie er sich fühlte. »Professor Gordon!«
   Griffin erkannte die Stimme. Taylor Jenkins von der Campuspolizei. »Nehmen Sie die verdammte Lampe aus meinem Gesicht, Jenkins«, zischte er. Augenblicklich wurde es dunkel.
   »Verzeihung, Sir«, flüsterte der Wachmann. »Ich hatte niemanden hier erwartet.«
   Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Jenkins sah zu Nadines Fenster, hinter dem Colins Kopf gerade zwischen ihren Beinen verschwand. Ihr Höschen lag als kleiner Stoffhaufen auf der Fensterbank.
   Jenkins drehte sich wieder zu ihm um und grinste. »Das ist gut, oder? Ich komme nachts auch gern her.«
   Na wunderbar. Er hatte sich von einem Spanner erwischen lassen, der dachte, er sei derselbe perverse Mistkerl wie er. »Hören Sie, Jenkins, ein Wort zu irgendjemandem und ich sorge nicht nur dafür, dass Sie bei der Campuspolizei hochkant rausfliegen, sondern auch dafür, dass Sie nirgends im Umkreis von dreihundert Meilen einen neuen Job kriegen. Haben wir uns verstanden?«
   »Hey, hey.« Der Wachmann hob beschwichtigend die Hände. »Ich werde unser kleines Geheimnis gewiss nicht ausplaudern. Machen Sie sich keine Sorgen.«
   »Hoffen Sie es um Ihrer selbst willen«, knurrte Griffin. Er warf einen letzten Blick auf Nadine. Sie hatte ihren Rücken wie einen gespannten Bogen von der Matratze gehoben und den Kopf zurückgeworfen, wobei sie offensichtlich einen stummen Schrei ausstieß, während Colins Kopf immer noch zwischen ihren Schenkeln verborgen war.
   Fantastisch. Nadine kam – und er musste gehen. Aber er würde wiederkommen.

*

Hannah schloss erschöpft die Wohnungstür hinter sich. Der Tag war die Hölle gewesen. Sie hatte das Gefühl, halb Boston in der Notaufnahme behandelt zu haben. Von eingetretenen Glasscherben bis zur Schussverletzung war alles dabei gewesen. Nebenbei galt es, den Mord an zwei angesehenen, beliebten Ärzten zu verarbeiten. Niemand wusste, warum Jessica Monroe und Peter Swanson umgebracht worden waren, was zu reichlich Spekulationen führte. Angst wehte wie ein kalter Hauch durch das Klinikum. Vielen ihrer Kollegen war heute der Boden unter den Füßen weggezogen worden.
   Ihr ebenfalls. Nur, dass sie zu Recht behaupten konnte, ihr war schon Schlimmeres passiert. Trotzdem war es einer der schlimmsten Tage, die das St. Josephs seit seinem Bestehen erlebt hatte.
   Sie warf ihre Handtasche auf das Bett und trat vor den Spiegel. Es war erstaunlich. Gestern und heute Nacht waren Dinge passiert, die die Welt ihres kleinen Universums erschüttert hatten. Und doch sah sie aus wie am Tag zuvor, wie eine Woche zuvor. Sie strich mit den Fingerspitzen über ihre Wangenknochen. Ihre Augen waren müde, ihre Haut spannte. Aber das nahm nur sie wahr. Anzusehen war es ihr nicht.
   Sie seufzte. Was sie brauchte, war eine erfrischende Dusche und ein Glas Wein, dann würde sie zeitig ins Bett gehen und sich auf den morgigen Tag freuen. Auf ihre erste richtige Verabredung seit Jahren. Doch zunächst musste sie aus ihren verschwitzten Klamotten raus. Sie zog sich aus, warf die Kleidung in den Wäschekorb und zog ihren Bademantel aus dem Schrank.
   Im Bad stellte sie das Wasser an und beschloss, das Glas Wein bereits während einer ausgiebigen Dusche zu genießen. In dem Moment, in dem sie aus dem Bad trat, um in die Küche zu gehen, schlug ihre Wohnungstür zu. Ihr Herz verfiel in Galopp. Sie hastete in ihr Schlafzimmer. Da war niemand. Im Wohnzimmer auch nicht, es war zu klein, um eine Versteckmöglichkeit zu bieten. Vorsichtig schlich sie zur Tür und spähte durch den Spion. Nichts.
   Mit verschwitzten Händen griff sie nach dem Pfefferspray, das immer auf dem Tischchen im Flur bereitlag. Zitternd hielt sie es vor sich und öffnete die Wohnungstür einen Spalt. Nichts.
   Auf Zehenspitzen trat sie auf den Treppenabsatz und spähte nach unten. Da war niemand. Einen Moment lang lauschte sie. Das Einzige, was zu hören war, war eine Gameshow, die sich der Russe im Erdgeschoss ansah. Er war schwerhörig und stellte den Fernseher immer zu laut ein. Hannah holte tief Luft und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Dann schüttelte sie den Kopf. Verdammt. Sie war schon so durch den Wind, dass sie Gespenster sah, oder besser gesagt, hörte.
   Langsam kehrte sie in ihre Wohnung zurück und legte das Pfefferspray an seinen Platz. Der Schreck hatte ihr das letzte bisschen Energie geraubt. Sie füllte ein Glas mit Wasser und trank es in großen Zügen an Ort und Stelle.
   Ihr Handy, das sie beim Nachhausekommen auf den Küchentresen gelegt hatte, begann zu klingeln. Erschrocken zuckte sie zusammen. Das Glas glitt ihr aus der Hand und zerschellte im Spülbecken. »Mist«, zischte sie. Ihre Hände zitterten noch immer. Die Nummer des Anrufers war ihr unbekannt. Einen Moment zögerte sie, dann schalte sie sich innerlich eine dumme Pute und nahm das Gespräch an. »Hallo?«
   »Hannah? Hi, hier ist Josh.«
   »Josh?« Sie ließ sich auf den Barhocker am Küchentresen sinken.
   »Ich wollte nur wissen, ob du gut zu Hause angekommen bist. Du bist doch zu Hause, oder?«
   Hannah kniff sich in die Nasenwurzel, um die Kopfschmerzen zu unterdrücken, die sich hinter ihrer Stirn zusammenbrauten. »Woher hast du meine Nummer?«
   »Von meiner Mutter.« Er hielt kurz inne. »Hör mal, ist alles okay?«
   »Natürlich.« Hannah hatte das Bedürfnis, ihren Kopf gegen die Wand zu schlagen.
   Joshs Stimme wurde leiser, sanfter. »Ich wollte nur hören, ob du gut nach Hause gekommen bist. Die Morde an deinen Kollegen machen mich ein wenig nervös. Ich glaube nicht, dass du in Gefahr bist«, ergänzte er, als sei ihm bewusst geworden, wie das Gesagte auf sie wirken musste. »Ich wollte mich einfach nur persönlich davon überzeugen.«
   »Ja, sicher.« Hannah warf einen Blick auf ihre Wohnungstür. In ihrem Nacken stellten sich die Härchen auf. Unbehaglich fuhr sie sich über den Hals. Sie machte sich verrückt. Niemand war in ihrer Wohnung gewesen und ihr drohte auch keine Gefahr, nur weil zwei ihrer Kollegen getötet worden waren.
   »Ich bin morgen um zwei bei dir«, drang Joshs Stimme durch ihre Gedanken und holte sie in die Wirklichkeit zurück.
   »Woher weißt du, wo ich wohne?«
   »Von meiner …«
   »Von deiner Mutter«, beendete sie seinen Satz. »Schon klar. Ich muss jetzt Schluss machen, Josh. Wir sehen uns morgen.« Hannah legte auf, ohne auf seine Erwiderung zu warten. Vorsichtig sammelte sie die Glasscherben aus dem Spülbecken und warf sie in den Müll. Dann schenkte sie sich ein Glas Weißwein ein und nahm einen großen Schluck. Sie stellte es neben ihrem Cello auf den Boden, setzte sich auf den Hocker, nahm das Instrument zwischen die Knie und ließ den Bogen über die Saiten gleiten. Das Cellospiel beruhigte sie. Es hatte sie durch die dunkelsten Tage ihres Lebens begleitet und es erfüllte auch jetzt seinen Zweck. Hannah schloss die Augen und ließ sich von Edward Elgars romantischem Cellokonzert davontragen.