Nach einem fatalen Streit bricht Hannah Mulligan aus ihrer zerstörerischen Ehe aus. Auf der Flucht nach Fairview, dem Ort ihrer Kindheit und Haus ihrer Großmutter in Charlotte, strandet sie in Willow Creek, einer idyllischen Kleinstadt in North Carolina. Die geheimnisvolle Cherokee-Indianerin Tayanita gewährt ihr in der Not warmherzig Unterschlupf. Doch Sam Parker, ein ehemaliger Cop, steht ihr von Anfang an ablehnend gegenüber. Sein feindseliges Verhalten irritiert sie, bis sie herausfindet, dass er genau wie sie, ein Geheimnis hütet. In einer misslichen Lage muss sie ausgerechnet ihn um Hilfe bitten. Plötzlich sind sie sich näher, als ihnen lieb ist und während Hannah versucht, ihre verwirrenden Gefühle zu sortieren, spitzt sich die Situation weiter zu. Ihr eifersüchtiger Ehemann Shane taucht auf, um sie zurückzuholen …

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ISBN: 978-9963-52-202-6

Seiten: 446

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Kate Sunday

Kate Sunday
Kate Sunday ist ein Pseudonym der deutschen Autorin Kerstin Sonntag. Seit 2012 verzaubert sie ihre Leser mit gefühlvollen, romantischen Liebesgeschichten. Als Kate Lynn Mason schreibt sie prickelnd-erotische, sexy Romance sowie New Adult. Unter ihrem richtigen Namen entwirft sie Geschichten für Kinder. Geboren in Köln und aufgewachsen in Süddeutschland, arbeitet und lebt die Autorin heute mit ihrer Familie an der Bergstraße. Sie ist Mitglied bei Delia, der Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren.

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Leseprobe

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1. Kapitel

»Was zum Teufel hast du getan?«
   »Rühr mich nie wieder an!« Hannah bebte vor Zorn und Furcht zugleich.
   Ungläubig starrte Shane auf den Daumen seiner rechten Hand. Hellrotes Blut schoss aus der frischen, klaffenden Wunde.
   »Verdammt …«, stieß er hinter zusammengepressten Zähnen hervor. Er warf ihr einen Blick zu, der zwischen Wut und Verachtung schwankte.
   »Ich habe mich nur verteidigt.« Hannah atmete heftig, während sich ihre Finger fester um das Tranchiermesser schlossen. Sie wich zurück. »Du tust mir nie wieder weh!« Sein Schlag hatte sie mit voller Wucht getroffen und zur Seite taumeln lassen. Der Griff zum Messer war ein reiner Reflex gewesen.
   »Das wirst du bereuen.« Shane spuckte aus. »Sieh dir die Sauerei an. Ich blute wie ein Schwein!«
   »Es ist nur eine harmlose Fleischwunde.« Die ehemalige Krankenschwester in ihr hoffte, dass die Diagnose stimmte. »Ich wollte dich nicht verletzen.« Ihr Magen hob sich. Sie schluckte. »Du machst mir schreckliche Angst.«
   »Angst?« Shane lachte verächtlich auf. »Du wirst noch erfahren, was Angst wirklich ist.« Drohend fixierte er sie, schnappte sich die Whiskeyflasche von der Anrichte und verließ schwankend die Küche.
   Hannahs Herz hämmerte ungestüm. Shanes Worte klangen wie ein Echo nach. Wie ein grausames Versprechen. Sie starrte ihm hinterher, und ein eisiger Schauder kroch ihre Wirbelsäule hoch. Sie ließ das Messer fallen. Mit einem durchdringenden Klirren schlug es auf den Steinfliesen auf. Das glänzende Metall der beschmutzten Klinge blitzte im Schein der Küchenlampe, Blutspritzer benetzten den Boden und Hannahs Pyjamahosen.

Während Shane unter lautem Fluchen seine Wunde im Bad versorgte, zog sich Hannah in Windeseile im Schlafzimmer um. Sie zerrte die Reisetasche unter dem französischen Bett hervor, riss wahllos Kleidung aus ihrem Schrank und stopfte sie hinein.
   Alle paar Sekunden verharrte sie, um nach verdächtigen Geräuschen zu lauschen, wobei ihr das Herz bis zum Hals klopfte. Knarrten die Dielen im Flur? Näherten sich Shanes Schritte? Einmal glaubte sie, seinen Atem in ihrem Nacken zu spüren und fuhr in Panik herum. Sie stieß sich die Schulter an einem Regal. Dann hörte sie ihn lautstark in der Küche rumoren. Gläser klirrten, zerschellten am Boden. Und dazwischen immer wieder seine wüsten Beschimpfungen. In ihrer Hast klemmte sie sich den Zeigefinger in der Nachttischschublade, doch sie verzichtete darauf, ihn zu kühlen, und beschloss, das wütende Pochen zu ignorieren.
   Keine Sekunde länger als nötig wollte sie in diesem Haus bleiben! Mit dem Gepäck unter dem Arm eilte sie in den Korridor. Sie schnappte sich ihre Handtasche, eine Jacke vom Haken und die Autoschlüssel. Ihre Hände zitterten, als sie den Schlüssel ins Zündschloss des silberfarbenen Toyotas steckte. Immer wieder warf sie bange Blicke zur Eingangstür. Hoffentlich kam Shane nicht in letzter Minute herausgestürmt, um sie aufzuhalten. Sie sah ihn im Geiste vor sich stehen, eine blutbeschmierte Axt in der Hand schwingend, einen dämonischen Ausdruck auf seinem Gesicht. Sie war kurz vorm Durchdrehen. Fast hätte sie hysterisch aufgelacht. Sie legte den Rückwärtsgang ein und manövrierte den Wagen aus der Einfahrt. Mit quietschenden Reifen schoss der Camry davon.

In regelmäßigen Abständen blickte sie in den Rückspiegel, ständig in Angst, Shanes dunklen Pick-up hinter sich zu entdecken. Sie meinte, seinen nach Whiskey stinkenden Atem zu riechen. Eine Hand gegen ihren Brustkorb pressend, zwang sie sich, tief durchzuatmen.
   Sie war in Sicherheit. Oder nicht? Ob er ihr folgte?
   Erst, als sie die Brücke erreichte, die sie über den Ohio River brachte, und Marietta hinter sich ließ, begann sie, sich ein wenig zu entspannen. Warum hatte sie so lange an dieser Ehe festgehalten? Warum war sie nicht schon eher gegangen? Vielleicht wäre es dann nicht zum Äußersten gekommen. Hannah hatte sich nicht eingestehen wollen, dass sie gescheitert waren. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, Ellie ihren Irrtum zu beweisen. Aber ihre Großmutter sollte recht behalten, das war Hannah inzwischen schmerzlich klar. Fairview House, das wunderbare, efeubewachsene alte Haus in der Dilworth Road in Charlotte kam ihr in den Sinn, und eine jähe, tiefe Sehnsucht überfiel sie.
   Schrilles Hupen brachte sie zurück in die Gegenwart. Ihr Pulsschlag beschleunigte sich, als sie erschrocken das Lenkrad herumriss, um einem aufgebrachten Truckfahrer auszuweichen. Eine Welle der Übelkeit überrollte sie. Nicht jetzt, bitte. Sie biss die Zähne zusammen, versuchte, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. An der nächsten Kreuzung bog sie ab, um sich auf der Interstate Richtung Süden einzufädeln. Sie schaltete in den nächsten Gang, drückte das Gaspedal durch und sandte ein Stoßgebet gen Himmel. Hoffentlich lauerte an diesem Morgen kein arbeitseifriger Cop am Straßenrand! Die furchtbaren Bilder der letzten Stunde schossen ihr durch den Kopf. Bilder, von denen sie ahnte, dass sie sie für den Rest ihres Lebens verfolgen würden. Sie zwang sich, ihre Gedanken in andere Bahnen zu lenken. Es war Zeit, all dies hinter sich zu lassen. Am liebsten würde sie die vergangenen Jahre aus ihrem Leben löschen wie Kreide mit einem Schwamm von der Tafel. Als hätten sie niemals existiert. Doch wie war das möglich, wenn es etwas gab, das sie für immer mit Shane verbinden würde? Ohne den Blick von der Fahrbahn zu nehmen, zog sie ihre Handtasche vom Beifahrersitz. Sie fischte das Handy heraus und wählte die vertraute Nummer, die sie nie vergessen hatte.

*

Tayanita Taylor saß im Schneidersitz auf einer Decke im taubenetzten Gras. Die Sonne war gerade im Begriff, sich hinter den von blauem Dunst verhüllten Bergen emporzuschieben. Tayanita atmete tief ein, genoss das Prickeln auf ihrer Haut, als der Morgenwind darüberstrich. Schon bald würde die frische Luft, wie so oft im Sommer, einer drückenden Schwüle weichen, die manchen Fremden überrascht nach Luft schnappen ließ. Seit sie vor dreißig Jahren als junges Mädchen ihr Dorf und die Gemeinschaft in den Bergen verlassen hatte, waren ihr das Klima, die Natur, die Menschen und Tiere der Foothills so vertraut geworden wie die eigene Stimme. Sie liebte die sanfte Hügellandschaft, die wilden, sich windenden Flüsse und den Blick auf die Mischwälder der Appalachen, die im Herbst in leuchtenden Farben glühten. Tayanita schloss die Lider, um sich dem Zauber des Augenblicks hinzugeben. Ein forderndes Bellen erklang, und eine feuchte, warme Schnauze stupste gegen ihre Hand.
   »Tsali, komm her.« Tayanita griff nach dem mit bunten Perlen besetzten Hundehalsband und zog das Tier zu sich heran. »Schon zurück von deinem Spaziergang?«
   Die Hündin gab einen zufriedenen Laut von sich, bevor sie sich an ihrer Seite niederließ.
   Gelassenheit und die Gewissheit, dass stets alles so geschah, wie es vorherbestimmt war, lagen in Tayanitas Blick, als sie die ferne Hügelkette betrachtete. Sie war es gewohnt, Dinge zu sehen, die anderen Menschen verborgen blieben. Eine Melodie geisterte durch ihren Kopf, eine Melodie, so alt wie die Legenden ihrer Vorväter. »Ich habe das Gefühl«, sagte sie zu Tsali, »dass heute noch etwas geschehen wird.«
   Aufmerksam blickte die Hündin ihre Herrin an. Sie öffnete das Maul und es schien, als ob sie lächelte.
   Liebevoll kraulte Tayanita Tsalis Flanke. »Du wirst schon sehen. Und nun komm.« Sie erhob sich, strich glättend über ihren bunt bedruckten Baumwollrock. Bei der Bewegung klirrten die unzähligen silbernen Armreife, die ihre Handgelenke schmückten. Leises Donnergrollen ließ Tsali die Ohren spitzen. Ein Windstoß verfing sich in Tayanitas taillenlangem Haar. Sie hob den Kopf, um den Himmel zu studieren. Von Westen näherte sich eine bedrohliche Wand bleigrauer Wolken. »Das Wetter ändert sich«, murmelte sie, mehr zu sich selbst. »Ich denke, da braut sich ein Sturm zusammen. Sicher wird es bald zu regnen beginnen.« Sie tätschelte Tsali, die sich an ihre Beine schmiegte. »Lass uns nach Hause gehen.« Mit der dunklen Hündin an ihrer Seite überquerte sie die Wiese, auf der die Gallowayrinder von Harvey Brickman grasten, und strebte dem nahen Hügel zu. Dort, versteckt inmitten einer Gruppe von mächtigen Eichen, stand ihr Wohnwagen. Im nahen Laubwald schrie ein Käuzchen, um den neuen Morgen zu begrüßen.

*

Sam Parker trommelte mit ungeduldigen Fingern auf der blank polierten Oberfläche seines Kirschholzsekretärs. Eine gefühlte Ewigkeit schon starrte er auf den Bildschirm seines Laptops. Es schien keine Worte zu geben, mit denen er die leere Seite füllen konnte, keine Idee, die ihn zu einer Geschichte inspirierte. Er seufzte tief, schob seinen Stuhl zurück und stand auf. Mit einem letzten frustrierten Blick auf den Schirm verließ er das lichtdurchflutete Wohnzimmer. Er durchquerte den Flur, um hinüber in die behagliche Wohnküche zu gelangen, wo Deanna Wilbur mit dem Rücken zu ihm an der Spüle stand. Eine heitere Melodie summend, wusch sie leuchtend rote Tomaten unter fließendem Wasser.
   Sie musste seine Schritte gehört haben, denn sie drehte den Wasserhahn ab und wandte sich um. »Sam.« Ihre kornblumenblauen Augen blitzten auf. »Wie läuft es?« Sie bemerkte den grimmigen Ausdruck in seinem Gesicht. Ihr Lächeln erstarb. »Ach Sam. Es tut mir leid. Aber geben Sie nicht auf. Sie wissen doch, es geht vorüber.«
   Sam versuchte ein Lächeln, fuhr sich über das bartschattige Kinn. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich zu rasieren.
   »Wahrscheinlich werden Sie schon morgen nicht mehr ansprechbar sein, und ich muss auf Zehenspitzen um Sie herumtapsen, damit Sie nicht gestört werden«, fuhr Deanna augenzwinkernd fort. Sie schnappte sich Messer und Holzbrett, die neben der Spüle warteten, und schnitt mit geübter Hand eine Tomate nach der anderen in säuberliche Viertel.
   »Bin ich so schlimm?« Er trat neben sie und blickte durch das Fenster auf die ungemähte Wiese und den lichten Kiefernwald dahinter.
   Deanna legte das Messer beiseite. Sie schmunzelte, als sie das Gemüse in einen gusseisernen Topf schüttete, in dem bereits Bohnen und fein geschnittene Paprika- und Zwiebelstückchen im Fett dünsteten. »Ich weiß, dass dieser Tag schwer für Sie ist. Bald sieht die Welt schon wieder anders aus. Sie werden sehen, dann klappt es auch mit dem Schreiben.«
   Deanna war eine warmherzige, sensible Person. Sie ahnte jedoch nicht im Geringsten, wie düster es gerade jetzt in seinem Inneren aussah, schätzte Sam. Auf den Tag genau vor vier Jahren hatte er Maggie verloren.
   Im Moment hatte er das Gefühl, er würde nie wieder ein vernünftiges Wort zu Papier bringen. Sicher, die Phase machte er jedes Jahr um diese Zeit durch. Diesmal aber schien sie besonders schlimm. Vielleicht, weil ihn seit Kurzem wieder diese schrecklichen Träume quälten …
   Achselzuckend schob er die Hände in die Gesäßtaschen seiner Jeans. »Was soll’s. Dann schreibe ich eben nicht. Es gibt genügend andere Arbeit, die auf mich wartet.«
   Deanna berührte ihn flüchtig am Arm. »Sam. Nicht aufgeben.«
   Er rang sich ein Lächeln ab und straffte seine Schultern. »Ich sehe mal nach Jackson. Er müsste die Box für den Neuen bereits fertig gemacht haben.«
   »Ist es so weit?«
   »Ich habe später einen Termin bei Dan Buchanan in Spartanburg. Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle und wir uns einig werden, gehört der Hengst noch heute uns, Deanna.«
   »Wie schön. Das sind wunderbare Nachrichten.« Um Deannas helle Augen bildeten sich winzige Lachfältchen.
   Sam hatte sich schon lange um einen besonderen Zuchthengst bemüht, ein schwarzes Tier namens Red Lightning mit edlem Stammbaum. Heute würde sich endlich entscheiden, ob der Hengst künftig die Herde auf Green Acres vergrößern würde. Sam hoffte es. Die Arbeit auf seiner Farm gab ihm Kraft, den nächsten Tag zu überstehen und lenkte ihn ebenso ab wie das Schreiben. Nur, dass Letzteres zurzeit nicht funktionieren wollte.
   »Das Chili ist gegen Mittag fertig. Ich halte es Ihnen im Crockpot heiß. Warm schmeckt es am besten.« Deanna griff nach einem Holzlöffel, um das brutzelnde Gemüse im Topf zu wenden.
   »Sie sind ein Schatz, Deanna. Ich freue mich darauf. Es riecht jetzt schon köstlich.« Er neigte sich zu der zierlichen Frau hinunter und hauchte ihr einen raschen Kuss auf die Wange. Was für ein Glück, dass es Deanna in seinem lausigen Leben gab. Sam war sich sicher, dass er ohne sie verloren wäre. Im Flur schlüpfte er in seine abgetragenen Arbeitsstiefel und griff nach seinem Stetson, um draußen bei den Stallungen nach dem Rechten zu sehen.

*

Langsam tauchte Shane aus der Dunkelheit auf. Motorengeräusche und Kinderlachen drangen durch den zarten Schleier seines Dämmerschlafs. Er gähnte und öffnete blinzelnd die Lider. Grelles Tageslicht, das durch einen Spalt in der Jalousie drang, blendete seine Augen. Shane wandte den Kopf ab. Schwerer Fehler. Fuck. Ein Güterzug mit mehreren Hundert schwer beladenen Anhängern donnerte durch seinen Schädel. Er schluckte, befeuchtete mit der Zunge die spröden Lippen. O Mann, er brauchte dringend einen Schluck. Nur einen. Oder zwei. Dann würde er sich besser fühlen. Ein tiefes, erwartungsvolles Grunzen entstieg seiner ausgedörrten Kehle. Mit der Rechten rieb er sich über das Gesicht, um den letzten Rest von Müdigkeit zu vertreiben. Verdammt! Wie ein glühender Blitz fuhr ein stechender Schmerz durch seinen Daumen. Ein wildes Pochen setzte ein. Was zum Henker war das? Irgendetwas stimmte mit seiner Hand nicht. Shane hob den Arm und versuchte, zu fokussieren. Der Güterzug beschleunigte seine Fahrt. Besser nicht bewegen. Mit einem leisen Aufstöhnen sank er zurück in die weichen Polster.
   »Hannah?« Er verlagerte sein Gewicht und schob die unverletzte Hand in die linke Vordertasche seiner ausgebeulten Sweathose. In dem Plastiktütchen, das er herauszerrte, befanden sich noch ungefähr zehn von den kleinen grünen Pillen. Er musste unbedingt Bob anrufen und um Nachschub bitten. Einen Moment lang hielt er die Tüte abwägend in der Hand, dann stopfte er sie mit leisem Bedauern zurück in die Hose. Besser, wenn Hannah das Zeug nicht sah. Es würde nur wieder unnötige Diskussionen geben.
   »Hannah, bring mir etwas Anständiges zu trinken!« Sein Ruf verhallte in der Stille des Raums. »Hannah!« Wo zum Teufel steckte das Weib? Shane presste eine Faust gegen seine Schläfe, um den Zug zu stoppen. Hatte Hannah einen Termin? Wollte sie einkaufen gehen? Durch den zähen Nebel seines Bewusstseins drang schemenhaft die Erkenntnis, dass irgendetwas Fatales geschehen war. Etwas Schreckliches, das spürte er. Sein Magen krampfte. Während er regungslos im Halbdunkel lag, kroch die Erinnerung zurück wie eine heimtückische Schlange. Hannah antwortete nicht, weil sie nicht im Haus war. Sie hatte ihn verlassen. Nachdem sie ihn mit einem Messer attackiert hatte. Ruckartig schnellte er hoch.

2. Kapitel

Wie ein geheimnisvoller Spiegel schimmerte das dunkle Wasser des New River zwischen den dicht bewaldeten Ufern in der fahlen Morgensonne Virginias. Hannah hatte für diese stille Schönheit keinen Blick, als sie die Brücke in der Höhe von Austinville überquerte. Dort, wo Shane sie getroffen hatte, brannte ihre rechte Wange noch immer wie Feuer. Sie nahm eine Hand vom Steuer und berührte sanft die Stelle. Ihr Telefon klingelte. Ohne nachzudenken, nahm sie das Handy vom Beifahrersitz und klemmte es zwischen Schulter und linkes Ohr.
   »Hallo?«
   »Wo zur Hölle steckst du?«
   Shane. Sofort überfiel sie das schlechte Gewissen. »Bist du in Ordnung? Ich meine, hast du die Blutung stillen können?«
   »Tu doch nicht so, als ob es dich interessiert, wie es mir geht«, fauchte er. »Du bist mit dem Messer auf mich losgegangen, Sweetheart. Glaub nicht, dass du mir so einfach davonkommst!«
   »Du hast mich geschlagen, Shane.«
   »Warum hast du auch wieder mit diesem Scheiß angefangen? Von wegen du erträgst es nicht mehr, wie es zwischen uns läuft, du bist am Ende – bla, bla, bla. Du hast mich provoziert. Ich hab einfach rotgesehen.«
   »Du warst betrunken«, unterbrach sie ihn kalt. »Schon wieder.« Nein, er hatte ihr Mitleid nicht verdient.
   »Fang nicht mit der alten Leier an, bloß weil ich ab und zu einen guten Schluck zu schätzen weiß«, schnaubte er. »Ich kann den Mist nicht mehr hören. Dauernd faselst du davon, dass du mich verlassen und unsere Ehe aufgeben willst!«
   »Ich lasse mich von dir nicht misshandeln. Egal, was ich zu dir gesagt habe, du hast nicht das Recht, mich zu schlagen.«
   Einen Augenblick blieb es still am anderen Ende der Leitung. »Okay«, lenkte Shane schließlich ein. »Vielleicht hab ich einen Fehler gemacht. Aber deswegen gleich alles hinzuschmeißen – findest du das nicht übertrieben?« Plötzlich schnurrte er wie ein Kätzchen, das um ein Schälchen Milch bettelte. »Komm heim, Baby. Lass uns den Quatsch vergessen.«
   »Ich verlasse dich, Shane.«
   »Hast du nicht verstanden? Ich sagte, dass es mir leidtut.« Lautstark zog er seine Nase hoch.
   »Das ändert nichts an meinem Entschluss.« Hannah warf einen raschen Blick in den Rückspiegel. Der Himmel im Westen verdüsterte sich.
   »Fängst du schon wieder damit an? Verdammt noch mal!« Ein glucksendes Geräusch war zu hören. Vermutlich trank er wieder. »Was ist mit unseren Plänen?« Jetzt änderte er seine Taktik.
   »Unsere Pläne? Du hattest niemals irgendwelche.«
   »Wir können jetzt darüber sprechen.«
   »Dafür ist es zu spät.« Wie hatte sie sich danach gesehnt, diese Worte von ihm zu hören. Monat für Monat. Jahr für Jahr. »Zu spät«, wiederholte sie. Entschieden klappte sie das Telefon zusammen und legte es auf den Beifahrersitz zurück. Sie konnte es nicht fassen. Jetzt, wo sie sich entschieden hatte, alles aufzugeben, wollte Shane plötzlich reden. Jetzt, wo alles verloren war, wollte er sie anhören? Es interessierte sie nicht mehr. Was er zu sagen hatte, war ihr egal. Es war vorbei. Lange hatte sie gewartet, gebangt, gehofft. Darauf, dass er sich änderte, darauf, dass er endlich wieder zu dem Mann werden würde, in den sie sich vor neun Jahren verliebt hatte. Seine Worte ließen sie kalt. Sie berührten sie nicht. Genauso gut hätte sie mit einem Fremden telefonieren können. Empfand sie noch irgendetwas für Shane? Sie fühlte sich wie betäubt. Da war keine Wut, kein Ärger, kein Frust mehr. Schmerz. Ja, Schmerz darüber, dass sie ihn verloren hatte. Dass sie einander verloren hatten. Endgültig und unwiderruflich.
   Trauer lauerte im Hintergrund. Leise Trauer um das Paar, das sie einmal gewesen waren. Wie sehr hatte sie diesen wilden, charmanten, gut aussehenden Kerl einmal bewundert.
   Wie leidenschaftlich hatten sie sich geliebt!
   Mit seinem Verhalten hatte er in den letzten anderthalb Jahren alles zerstört, was gut zwischen ihnen gewesen war. Es hatte die helle Flamme, die zwischen ihnen gebrannt hatte, zum Erlöschen gebracht. Nie zuvor war ihr dies so bewusst geworden wie in diesem Augenblick. Sie holte tief Luft, versuchte, die bedrückenden Gedanken an ihre gescheiterte Ehe abzuschütteln und sich stattdessen auf den Highway zu konzentrieren. Schließlich lag noch ein gutes Stück vor ihr, bis sie am Ziel ihrer Reise angekommen sein würde. Noch hatte sie ihre Großmutter nicht erreicht, aber sie hoffte von Herzen, dass die alte Dame sie auf Fairview willkommen heißen würde.
   Hannah sehnte sich danach, an den Ort zurückzukehren, der so viele Jahre lang ihr Zuhause gewesen war.

*

Zwischen seinen Fingern verglühte eine brennende Zigarette. Das Glas einer fast leeren Flasche Jim Beam, mit deren Hilfe Shane versucht hatte, das elende Klopfen in seinem Daumen zu betäuben, funkelte neben dem Aschenbecher im hereinfallenden Sonnenlicht. Während er mit verschwommenem Blick an die holzvertäfelte Decke starrte, führte er die Kippe an den Mund. Zu spät. Die Erinnerung an Hannahs unbarmherzige Worte schnürte ihm den Atem ab. Er fühlte eine seltsame Beklemmung in der Brust. Hannah hatte einfach aufgelegt. So mir nichts, dir nichts hatte sie die Leitung zwischen ihnen gekappt. Als wäre er ihr völlig egal. Als wäre er ein Fremder! Wie konnte sie so hart und unnachgiebig sein?
   In einem entfernten Winkel seines Bewusstseins schlummerte die Ahnung, einen verhängnisvollen Fehler begangen zu haben. Doch hatte Hannah ihn nicht provoziert? Als sie sagte, sie würde ihn verlassen, waren seine Sicherungen durchgebrannt. Auf einmal hatte er sich wieder in den ängstlichen Jungen verwandelt, dessen Mutter ihn mit ihrer Drohung, ihre Siebensachen zu packen und zu verschwinden, in helle Panik versetzt hatte. Bernice Mulligan hatte an einem regnerischen Herbstmorgen ihre Drohung wahr gemacht. Es spielte keine Rolle für den zehnjährigen Shane, dass die Wutausbrüche seines Vaters der eigentliche Grund waren, weshalb die Mutter der Familie den Rücken kehrte. Ebenso wenig, wie es eine Rolle gespielt hatte, dass Bernice nach viereinhalb Jahren reumütig zurückgekehrt war. Hannahs Ankündigung hatte die alte Angst wieder aufflammen lassen. Diese uralte Angst, verlassen zu werden. Von der Frau, die er liebte. Es durfte nicht wieder geschehen. Niemals wieder! Kein Wunder, dass er ausgerastet war. Mag sein, dass er etwas überreagiert hatte, aber das würde er wieder geradebiegen, denn … Ein aufloderndes Feuer in seiner Mitte riss ihn aus seinen Überlegungen.
   Holy Shit! Was zum Teufel war das? Laut aufstöhnend krümmte er sich. Sein Magen machte schon längere Zeit Probleme. So schlimm war es allerdings noch nie gewesen. Hannah hatte ihn immer gewarnt, dass der Alkohol ihn krank machen würde. Aber sie hatte ja keine Ahnung, wie der Whiskey ihn innerlich erwärmte und tröstete, wie er ihm half, all die Enttäuschungen zu vergessen. Die Unsicherheit, die Unzufriedenheit, das Gefühl der Unzulänglichkeit, all das verschwand im Nebel des Rauschs. Er brauchte das.
   Ein paar euphorische Monate lang hatte es so ausgesehen, als ob sich sein Lebenstraum, ein erfolgreicher Rockstar zu werden, erfüllen würde. Seine ehemalige Band, die Twisted Souls, hatte in vollen Hallen vor begeistertem Publikum gespielt und Shane von einem stattlichen Anwesen irgendwo an der Küste unter der Sonne South Carolinas träumen lassen. Von einer schicken weißen Motorjacht und nie enden wollenden Partys in tropischen Sommernächten. Natürlich war ihm bewusst, dass Hannah sich etwas anderes erhoffte, doch er rechnete fest damit, dass sie früher oder später zur Vernunft kam. Bisher war er immer clever ausgewichen oder hatte sie vertröstet, wenn das Gespräch auf Kinder kam. Aber mal ehrlich: Was war so toll daran, brüllenden Zwergen den Rotz von der Nase zu wischen und ihre stinkenden Windeln zu wechseln? Nein, er träumte von der ganz großen Karriere im Musikbusiness. Mit allem, was zum Leben eines Superstars dazugehörte. Geld, Ruhm und Glitter. War doch nicht seine Schuld, dass es zurzeit nicht besonders lief, oder? Wer hatte schon ahnen können, dass seine Bandkollegen nicht damit klarkamen, wenn er hin und wieder ein paar Tabletten einwarf?
   Erneut stieß er einen Schmerzenslaut aus und wand sich, als eine glühende Kugel mit Feuerschweif, so fühlte es sich zumindest an, durch seine Eingeweide rollte. Seine Hand, die den Zigarettenstummel hielt, zitterte heftig. Ruhig atmen, Shane. Ein und aus, ein und aus. Endlich verebbte der Schmerz, zog sich zurück wie eine Brandungswelle vom Strand. Einen Moment verharrte Shane regungslos, während kalte Schweißperlen von seiner Stirn rannen. Er wünschte, Hannah wäre da. Er musste sie überreden, zurückzukommen.
   Vielleicht war sie bei ihrer Freundin, dieser dauerlächelnden Helen untergetaucht, die ihm so mächtig auf den Sack ging? Die fromme Helene hatte er sie insgeheim getauft. Er würde sie später anrufen und ihr auf den Zahn fühlen. Nachdem er eine von seinen Glückspillen eingeworfen hatte. Ächzend richtete er sich halb auf, legte den qualmenden Stummel im Aschenbecher ab und kramte das Tütchen aus seiner Hosentasche. Mit dem letzten Schluck Jim Beam spülte er die Tablette hinunter. Bald würde er sich fantastisch fühlen und dann konnten sie ihn alle mal kreuzweise. Er würde Hannah nicht aufgeben. Niemals. Während seine Kippe im Aschenbecher erlosch, schloss Shane die Lider und wartete darauf, dass ihn der ersehnte Rausch erfasste, der ihn bis zum Ende der Welt und darüber hinaus katapultieren würde.

*

Hannah ignorierte das aufdringliche Klingeln. Sicher war es wieder Shane. Nein, sie würde sich nicht erneut auf ein Gespräch mit ihm einlassen. Es war alles gesagt. Sie fuhr sich mit dem Unterarm über die Stirn. Es wurde zunehmend stickiger und feuchter. Zu dumm, dass die Klimaanlage streikte. Sie würde sie reparieren lassen, sobald sie in Charlotte eintraf. Da das penetrante Klingeln nicht nachließ, griff sie schließlich genervt nach ihrem Telefon, um einen raschen Blick aufs Display zu werfen. Als sie sah, wer der Anrufer war, nahm sie das Gespräch mit einem Lächeln entgegen. »Helen!«
   »Hannah, Gott sei Dank! Ich habe mir furchtbare Sorgen gemacht.« Die sonst so gefasste Helen Carlyle klang alarmiert. Bevor Hannah etwas entgegnen konnte, plapperte sie aufgeregt weiter. »Shane hat vorhin bei uns angerufen, wollte wissen, ob du bei uns untergekrochen bist – so drückte er sich aus. Er klang seltsam, irgendwie, als sei er nicht ganz beieinander. Sag, was ist los bei euch? Ist etwas passiert?«
   Hannah hatte Helen vor sechs Jahren bei Walgreens kennengelernt, wo sie als Assistentin in der Apotheke beschäftigt gewesen war. Helen war dort mit undefinierbaren Bauchkrämpfen zusammengebrochen, die sich im Nachhinein als Zwillingsschwangerschaft entpuppt hatten. Hannah hatte die verängstigte junge Frau damals ins Krankenhaus begleitet, und aus dieser Begegnung war im Lauf der Jahre eine gute Freundschaft entstanden.
   Hannah zögerte, Helen von dem Streit zu erzählen, denn die Freundin hatte eigentlich genug um die Ohren. Ihr Alltag war geprägt durch das Managen einer fünfköpfigen Familie mit drei äußerst lebhaften kleinen Kindern. Dazu kam noch die Sorge um ihren Ehemann Mike, der vor anderthalb Jahren die niederschmetternde Diagnose Leukämie erhalten hatte. Mike hatte bereits zwei Runden Chemo hinter sich und gab sich zuversichtlich, doch bisher war die verzweifelte Suche nach einem geeigneten Knochenmarkspender vergeblich gewesen. Hannah hatte die sonst so starke Helen das eine oder andere Mal um Fassung ringen sehen. Zuflucht bei der Freundin und ihrer Familie zu suchen, war Hannah nur flüchtig in den Sinn gekommen, doch den Gedanken hatte sie schnell verworfen. Helen hatte gegen ihre eigenen Dämonen zu kämpfen.
   »Ich bin auf dem Weg nach Charlotte«, erklärte Hannah, bemüht, ihrer Stimme einen festen Ton zu verleihen. Und dann konnte sie doch nicht anders. »Shane und ich haben uns getrennt«, gestand sie leise.
   Helen zog scharf die Luft ein. Sie war, genau wie Ellie, streng religiös und vertrat den Standpunkt, dass Ehepaare nach dem Motto Bis dass der Tod euch scheidet zusammenhalten sollten, komme, was da wolle. »Ist das dein Ernst, Hannah? Ich meine, gerade jetzt, wo du …« Konsterniert brach Helen ab.
   »Ja. Es muss sein.«
   »Oh. Das tut mir leid. Und du bist dir sicher?« Helen schien es noch immer nicht glauben zu können.
   So sicher wie noch nie zuvor in meinem Leben. »Es gibt kein Zurück mehr, Helen. Es sind einfach zu viele schlimme Dinge in unserer Beziehung geschehen.« Hannah musste unvermittelt bremsen und schaltete einen Gang herunter, als sich ein kobaltblauer SUV dreist vor ihren Wagen setzte. »Dämlicher Idiot.«
   »Shane?«
   »Nein – ja, der auch. Hör zu, Helen, ich melde mich, sobald ich in Charlotte angekommen bin. Es tut mir leid, dass ich so einfach verschwinde, aber ich konnte nicht länger bleiben. Wir sprechen später in Ruhe miteinander, ja?«
   »O Hannah. Wie schrecklich. Gibt es denn nichts, was ich tun kann? Soll ich mit Shane reden?«
   Ein dicker Kloß formte sich in Hannahs Hals. So war Helen. Mitfühlend und hilfsbereit, obwohl sie selbst am Rand des Abgrunds stand. Am liebsten hätte sie die Freundin jetzt in den Arm genommen und fest gedrückt. »Ich danke dir, Helen. Für deine Freundschaft. Für alles. Aber zwischen Shane und mir ist es aus. Aus und vorbei.« Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, die mehr für Helen als für Shane bestimmt war. »Wir bleiben in Verbindung, ich verspreche es.«
   »Okay. Pass auf dich auf.«
   »Wir werden uns wiedersehen«, versicherte Hannah. »Dass ich Ohio verlasse, bedeutet nicht, dass ich aus deinem Leben verschwinde.«
   »Klar.« Es klang wenig überzeugt. »Bis dann, Hannah.«
   »Warte! Wie – wie geht es Mike?« O Gott, wie konnte sie derart egoistisch sein? Was waren ihre Probleme schon im Vergleich zu der Tragödie, die Helen zu bewältigen hatte? »Brauchst du mich? Helen, kann ich dir irgendwie helfen?« In diesem Augenblick wünschte sie, sie hätte der Freundin nichts von ihrer Trennung erzählt. Hätte sie doch nur ihren Mund gehalten! Das, was Helen jetzt am allerwenigsten gebrauchen konnte, war die zusätzliche Sorge um ihre Freundin. »Wenn du möchtest, komme ich vorbei und …«
   »Nein. Mach dir keine Gedanken. Unser Schicksal liegt in Gottes Hand. Ich akzeptiere, wenn er Mike zu sich holen sollte. Aber momentan ist er stabil. Wir werden es schon schaffen. Und nun gute Fahrt. Ich freu mich, wenn du dich aus Charlotte meldest.«
   Es klickte leise. Sie hatte aufgelegt. Hannah wünschte, sie besäße das gleiche Urvertrauen wie ihre Freundin und die sichere Gewissheit, dass dort oben jemand mit gütiger Hand waltete. Jemand, der wusste, was das Beste für sie alle war. Seufzend legte sie das Telefon beiseite.

Zwischen Elkin und Statesville überkam sie schreckliche Müdigkeit. Wenn sie die Absicht hatte, jemals heil in Charlotte anzukommen, sollte sie lieber eine Pause einlegen. Kurz entschlossen hängte sie sich an einen schokoladenbraunen UPS Truck. In seinem Windschatten folgte sie ihm ein paar Meilen bis zur nächsten Ausfahrt, wo sie die Interstate 77 verließ. Der Toyota besaß kein Navi. Shane hatte sie immer belächelt, weil sie sich strikt geweigert hatte, ein Navigationsgerät zu benutzen.
   »Brauch ich nicht«, hatte sie zu ihm gesagt. »Marietta kenne ich mit geschlossenen Augen.« Sie war mit dem altersschwachen Wagen sowieso nie weiter als bis über die Brücke nach Williamstown gekommen. Für die wenigen Reisen, die Shane mit ihr unternommen hatte, benutzten sie den Pick-up. Ihr wurde bitter bewusst, dass sie in den vergangenen Jahren nicht wirklich viel Zeit miteinander verbracht hatten. Shane war viel zu beschäftigt damit gewesen, mit den Twisted Souls im Tourbus quer durchs Land zu fahren, um bei irgendeinem Gig aufzutreten. Diesmal schaffen wir’s, hörte sie ihn sagen. Glaub mir, Sweetheart, jetzt kommen wir groß raus. Und dann bekommst du deine Villa mit Pool. Eine Villa mit Pool war nicht das, was sie sich gewünscht hatte, aber Shane hatte das nie kapiert.
   Einen resignierten Seufzer ausstoßend, drehte sie das Radio an und suchte nach einem Sender, der Bluegrass spielte. Sie musste wach bleiben, bewegte ihre Schultern, wackelte mit den Zehen in ihren Sneakern. Sie war es nicht gewohnt, so lange hinter dem Steuer zu sitzen. Erleichtert atmete sie auf, als das Reklameschild einer Tankstelle auftauchte. Hier würde sie bestimmt erfahren, wo sie etwas Anständiges zu essen bekäme. Eine heiße Suppe vielleicht und ein Sandwich, dazu ein herrlich schwarzer Kaffee würden ihre Lebensgeister wecken. Sie parkte den Toyota neben einem rostigen Ungeheuer von Lieferwagen, der wirkte, als würde er die nächste Kurve nicht überstehen. Kaum hatte Hannah die Fahrertür geöffnet, schlug ihr heißschwüle Luft entgegen. Wie wundervoll! Fast hätte sie vergessen, wie es sich anfühlte. Am Horizont konnte sie die ferne Hügelkette der Appalachen ausmachen. Die Blue Ridge Mountains. Ihre Kehle schnürte sich enger. Heimat. Unbeschwerte, sonnendurchflutete, glückliche Tage hatte sie dort oben in den Bergen in Ellies Sommerhaus in der Nähe von Blowing Rock verbracht. Ein Ort des Friedens, der dich deine Sorgen für eine Weile vergessen lässt, hatte ihre Großmutter über dieses Fleckchen Erde gesagt. Einen Wimpernschlag lang meinte Hannah fast, die vertrauten Geräusche zu hören: das Flüstern und Raunen des Windes in den hohen Baumwipfeln, das unbekümmert dahinplätschernde Gurgeln des Waldbachs und das lebhafte Rufen der Kinder, die sich zum Forellenfischen am Teich verabredet hatten …

Sie füllte den Tank auf, befreite die Windschutzscheibe von den vielen Fliegen, die während der Fahrt ihren Tod gefunden hatten, und ging auf das Gebäude zu. Über der Eingangstür quietschte ein verrostetes Metallschild mit der Aufschrift Willkommen in den Foothills in seinen Angeln. Unter dem hektischen Gebimmel einer Türglocke trat Hannah in einen klimatisierten Raum. Als der Kerl hinter der Theke sie erspähte, fuhr er sich rasch mit allen zehn Fingern durch seine pomadige Frisur.
   »Tag, Ma’am.« Sein breiter Mund verzog sich zu einem anzüglichen Grinsen, das ein paar gelbliche Stummel freilegte.
   Sie streckte ihm ihre Kreditkarte entgegen und nickte dabei knapp. »Würden Sie mir sagen, wo ich hier in der Gegend eine Kleinigkeit zu essen bekommen könnte?«
   »Zapfsäule drei, ja?« Der Mann zog die Karte durch das Lesegerät, wobei er Hannah mit wachsamen Fuchsaugen eingehend musterte. »Sie sind nicht von hier, Ma’am?« Sein Blick intensivierte sich, blieb an ihrer verletzten Wange hängen.
   Instinktiv legte sie die Hand darauf. »Nein.«
   »Nun ja.« Nachdenklich rieb er sich über das unrasierte Kinn. Hannah fielen die feinen goldblonden Härchen an seinen feisten Fingern auf. »Wenn Sie an der Kreuzung nach links fahren und der Straße ein paar Meilen folgen, kommen Sie an eine Abzweigung, genauer gesagt, einen Kreisel. Nehmen Sie die dritte Ausfahrt. Die schmale Straße führt Sie direkt zu einem schnuckeligen kleinen Landcafé.« Er hielt einen Moment inne, während er ihr Gesicht studierte. »Dürfte ganz nach Ihrem Geschmack sein, Ma’am.« Ihr die Karte reichend, bedachte er Hannah erneut mit einem schlüpfrigen Grinsen.
   Sie murmelte ein hastiges Dankeschön. Nichts wie weg. Dieser Mensch zog sie mit seinen durchdringenden Blicken förmlich aus.
   »Stets zu Ihren Diensten, Lady«, nuschelte er zweideutig.
   Eigentlich hatte sie sich mit Wasser und einem Müsliriegel versorgen wollen – für alle Fälle – doch jetzt wollte sie nur noch raus hier. So rasch wie möglich fort von diesem schmierigen Typen. Wieder draußen spürte sie gleich, dass der Wind aufgefrischt hatte. Das Schild über der Tür schwankte nun lebhaft und äußerst geräuschvoll. Hannah reckte schnuppernd das Kinn. Es roch nach Regen. Nach frisch umgegrabener Erde, würzigem Gras und dem süßen Duft von Wildblumen. Grillen zirpten am Feldrand, wo goldene Ähren im schwindenden Sonnenlicht tanzten. Von den fernen Bergen zogen Gewitterwolken heran. Für einen winzigen Moment schloss Hannah die Augen, um das Bild in sich aufzunehmen. Oh, sie konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen.

3. Kapitel

»Verdammte, unglückselige Sauer…« Sam verstummte abrupt, als er Jacksons Hutkrempe um die Ecke blitzen sah. Sein Vorarbeiter
   mochte es nicht, wenn in seiner Anwesenheit geflucht wurde. Da war er sehr eigen. Wie in vielen anderen Dingen auch. Aber Jackson war ein Goldstück. Unbezahlbar.
   Flink bückte sich Sam nach einem Strohbüschel und rieb damit über seine mit frischem Mist beschmutzte Stiefelspitze, um sie zu säubern, während seine Gedanken weiterhin um Jackson kreisten. Ohne den treuen Schwarzen würde auf Green Acres nichts laufen. Er galt als fleißig, verschwiegen und war die Zuverlässigkeit in Person. Gehörte hierher wie die weiten grünen Koppeln und die sanft gewellten Hügel. Er hatte schon für die Flannigans gearbeitet, die Vorbesitzer der Farm. Sie hatten Sam und Maggie damals gebeten, Jackson zu übernehmen, und Sam hatte es noch keinen Tag bereut, ihrer Bitte entsprochen zu haben. Der Schwarze gab nicht viel von sich preis, dementsprechend wenig wusste Sam über ihn. Jackson lebte allein und zurückgezogen irgendwo zwischen Willow Creek und Landrum in einem Trailer. Die meiste Zeit jedoch verbrachte er auf Green Acres. »Ich mache mich jetzt auf zu meinem Termin«, rief Sam ihm zu.
   Jackson lüpfte seinen Hut vom dichten Kraushaar, um Sam zu signalisieren, dass er ihn gehört hatte. »Viel Glück, Mr. Parker!«
   Bis heute weigerte Jackson sich standhaft, das ihm von seinem Arbeitgeber angebotene Du mitsamt Vornamen zu gebrauchen. Wieder so eine Sache, bei der sich Jacksons Dickköpfigkeit zeigte, dachte Sam mit einem leichten Schmunzeln und einem freundlichen Nicken. Er schätzte Jacksons stille, bedächtige Art und seine bedingungslose Loyalität. Deanna und Jackson waren die Stützen in seinem verkorksten Leben. Oh, Emilia natürlich auch. Seine Mutter. Sie waren die Felsen in seiner Brandung. Wenn es diese Menschen nicht gäbe, hätte er Green Acres wahrscheinlich schon längst aufgegeben.
   Über den von Hartriegelsträuchern gesäumten Weg, wo sich ein paar vorwitzige Gräser und kleine, zarte Blümchen zwischen den Kieselsteinchen emporkämpften, lief er zum Haupthaus zurück. Im Gästebad wusch er sich Hände und Gesicht und strich ordnend durch sein dunkles volles Haar, das er von seinem Vater geerbt hatte. Emilia behauptete stets, dass dies das einzige äußerliche Merkmal sei, das ihn mit seinem Vater verband.
   Mit den hohen Wangenknochen, dem kantigen Kinn und den rauchgrauen Augen sei er in Wahrheit viel mehr ein Fredriksson als ein Parker. Sam betrachtete sich kritisch im Spiegel, bevor er jeglichen Gedanken an sein Aussehen beiseiteschob. Wichtig war, dass er nicht zu spät zu seinem Termin kam. Er legte einen Hauch Aftershave auf. Irish Spice, Maggies Lieblingsduft. Wann immer er seine Haut damit benetzte, überkam ihn schmerzliche Sehnsucht. Er erinnerte sich daran, wie sie ihre Wange an seinen Rücken geschmiegt und ihre Arme um seine Taille geschlungen hatte, während sie ihm sagte, wie sehr sie diesen Geruch an ihm liebte. Einen Herzschlag lang meinte er, ihr helles Lachen zu hören. Sam schloss die Lider, zählte die Sekunden, bis der dumpfe Schmerz, der ihm zuweilen noch immer den Atem raubte, verebbte. Er straffte seinen Rücken, nickte seinem Spiegelbild aufmunternd zu und knipste das Licht aus.
   Auf seinem Sekretär im Wohnzimmer lag der Kaufvertragsentwurf für Red Lightning bereit. Hoffentlich würde Dan Buchanan sich im Zuge der Verhandlung bereit erklären, noch ein wenig mit dem Preis herunterzugehen. Auch wenn das Tier diese Summe sicherlich wert war, würde es Sam dennoch schmerzen, derart viel Geld investieren zu müssen. Die Farm brachte gerade so viel ein, dass er davon leben konnte. Maggie und er hatten sich damals in das weitläufige Anwesen und die Tiere verliebt und davon geträumt, hier eine Familie zu gründen. Als Cop hatte er nicht schlecht verdient. Trotzdem bereute er nicht, seine Arbeit aufgegeben zu haben. Er hatte nicht weitermachen können. Nicht nach dem, was geschehen war. Seither schrieb er Bücher, doch reich wurde er dadurch nicht. Das Schreiben war Therapie, ein nettes Zubrot, nicht mehr. Er lockerte seinen Hemdkragen, der ihm auf einmal schrecklich eng am Hals zu sitzen schien. Seit Wochen drängte sein Agent auf neue Entwürfe. Sam hatte das dumpfe Gefühl, Gary Henderson würde sich nicht viel länger vertrösten lassen. Es war höchste Zeit, dass er ihn mit einem überzeugenden Exposé überraschte.
   Stirnrunzelnd verstaute er seine Unterlagen in der Aktentasche aus cognacfarbenem Rindsleder. Die Tasche wirkte etwas mitgenommen, aber um nichts in der Welt hätte er sie durch eine neue ersetzt, solange sie noch ihren Zweck erfüllte. Maggie hatte sie ihm zum ersten Hochzeitstag geschenkt. Mit der flachen Hand fuhr er über das zerknitterte Leder. Maggie … Maggie. Sie war allgegenwärtig in diesem rustikalen lichtdurchfluteten Haus. Vielleicht sollte er doch darüber nachdenken, Green Acres zu verkaufen. Würde es ihm je gelingen, hier wieder glücklich zu werden? Alles auf der Farm erinnerte ihn an Maggies fröhliches Gesicht mit dem Konfettiband an Sommersprossen auf dem Nasenrücken. Der Schmerz und die Sehnsucht kamen in Wellen. Manchmal, wenn er dachte, er hätte das Schlimmste überwunden, rollte erneut eine Woge heran und drohte, ihn zu verschlingen. Es würde niemals enden, oder? Er hob den Kopf und lauschte.
   Auch, wenn das tröstliche Summen von Deanna und das eifrige Klappern von Töpfen und Pfannen aus der Küche zu ihm drangen, hatte sich dieses einst so warme Haus zu einem seelenlosen, leeren Ort gewandelt. Schon lange nannte er Green Acres nicht mehr sein Heim. Es war lediglich der Platz, an dem er wohnte. Sam bezweifelte, dass sich dies jemals wieder ändern würde. Er konnte sich keine andere Frau an seiner Seite vorstellen als Maggie Cavendish.
   Sie war die Erste und Einzige gewesen, die er je ernsthaft gewollt hatte. In Tayanitas Café, dem Cottage Garden, hatte sie den Inhalt ihres Kaffeebechers über seine Jeans geschüttet. Eine blonde junge Frau aus South Carolina, die ihn mit ihrer lebhaften, quirligen Art sofort in seinen Bann gezogen hatte. Ein Blick in ihre Augen von der Farbe eines kalten Gebirgsbachs hatte gereicht und Sam Parker war verloren. Als sie sich mit hochrotem Kopf bei ihm für das Malheur entschuldigte, fuhr die Erkenntnis wie ein Blitz durch seinen Körper: Sie musste die Seine werden. Er hatte diese Entscheidung in den wenigen Jahren seiner Ehe niemals bereut. Doch Maggie hatte ihn verlassen – für immer. Sein Herz hatte sie mitgenommen. Nur noch eine hohle Stelle existierte in seiner Brust, wo es einst für sie geschlagen hatte.
   Sam bemühte sich, seine Gedanken in eine andere Richtung zu steuern. Jetzt galt es, sich auf die anstehende Verhandlung zu konzentrieren. In dem Moment, als er sich die Aktentasche unter den Arm klemmen wollte, klingelte das Telefon. Es war Dan Buchanan, der ihn an den Termin erinnern wollte.
   »Ich mache mich gerade auf den Weg«, versicherte Sam. »Ich müsste in weniger als einer halben Stunde bei Ihnen sein.« Rasch warf er einen prüfenden Blick auf das Ziffernblatt seiner silberfarbenen Rolex. »Yep. Alles klar. Ich werde pünktlich sein. Bis dann, Dan.«
   Er legte den Hörer auf die Gabel des altmodischen Telefons zurück und war gerade dabei, nach seiner Tasche zu greifen, als es erneut klingelte. Verdammt und zugenäht. Wer wollte nun schon wieder etwas? Leicht genervt hob er ab. »Sam Parker.«
   »Wow, Brüderchen. Du klangst auch schon mal entspannter.«
   Wider Willen musste er schmunzeln. Dieses freche Mundwerk konnte nur einer gehören. Seiner Schwester Penelope Ann. Abgesehen von seiner Mutter Emilia sowie einer verknöcherten alten Tante oben in New Hampshire, einer Cousine seines Vaters, die jedes Jahr zur Weihnachtszeit eine hübsche Karte von Sam erhielt, war Penny, wie sie es vorzog, genannt zu werden, die einzige nahe Verwandte, zu der er mehr oder weniger regelmäßigen Kontakt pflegte. Sams Vater Hank lebte nicht mehr. Sein Herz hatte vor sechs Jahren einfach aufgehört zu schlagen, und Emilia war fast daran zerbrochen. Ohne den geliebten Mann an ihrer Seite, der sie über vierzig Jahre auf Händen getragen hatte, schien sie jeglichen Lebensmut verloren zu haben. Als Maggie in Sams Leben trat, schöpfte sie wieder Hoffnung. Die Aussicht, bald ein Enkelkind in den Armen halten zu dürfen, gab ihr das wunderschöne Lächeln zurück.
   Nach Maggies gewaltsamem Tod war überraschenderweise sie es gewesen, die ihrem Sohn in seiner dunkelsten Stunde Halt und Kraft gegeben hatte. Vielleicht, weil sie den furchtbaren Albtraum, den Sam nun durchstehen musste, bereits hatte erleben müssen. Sam wusste nicht, woher seine Mutter die Stärke genommen hatte, ihn aufzufangen, aber es war ihr gelungen. Kurzerhand engagierte sie Deanna Wilbur, damit ihr Sohn nicht vor die Hunde ging. Deanna versorgte ihn mit regelmäßigen Mahlzeiten und bekam den Auftrag, Emilia täglich Bericht über Sams Befinden zu erstatten. Sam hatte seiner Mutter schon immer nahegestanden, näher als es Penny je getan hatte, die der Liebling ihres Vaters gewesen war. Seitdem Emilia Sam in der schwärzesten Zeit seines Lebens unermüdlich unterstützt hatte, waren Mutter und Sohn jedoch zu einer untrennbaren Einheit gewachsen. Penny neckte ihren Bruder zuweilen wegen dieses, wie sie es scherzhaft nannte, elitären Kreises. Sam aber vermutete, dass sie sich insgeheim ausgeschlossen fühlte. Kam sie deshalb so selten nach Willow Creek? Manchmal hatte er das Gefühl, sie beneidete ihn um seine enge Beziehung zu Emilia. Er wünschte, seine Mutter würde ihrer impulsiven und willensstarken Tochter weniger kritisch gegenüberstehen. Er wusste, dass Emilia Penny von Herzen liebte, aber ebenso wusste er, wie schwer es ihr fiel, diese Liebe offen zu zeigen. Wenn nur Hank noch leben würde … Er fegte die düsteren Überlegungen beiseite.
   »Schwesterherz. Was verschafft mir die Ehre?« Penny und er hielten lockeren Kontakt, telefonierten alle paar Wochen miteinander. Gesehen hatten sie sich seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr. Seine Schwester hatte Willow Creek nach seiner Hochzeit endgültig den Rücken gekehrt, um sich in Asheville ein neues Leben aufzubauen. Sam hatte stets vermutet, dass ihr Weggang etwas mit seinem Freund Finn zu tun haben könnte. Finn, der Sams Meinung nach schon immer ein Faible für Penny gehabt hatte, auch wenn er es vehement abstritt. Da weder Finn noch Penny gewillt schienen, Sam in dieser Angelegenheit aufzuklären, hatte er die Sache auf sich beruhen lassen. Schließlich ging es ihn nichts an, er führte sein eigenes Leben. Zu Maggies Beerdigung war Penny nach Willow Creek zurückgekommen, auf ihrer Hüfte ein bezauberndes kleines Mädchen, das dieselben tiefblauen Augen wie ihre Mutter besaß. Sam hatte nichts von der Existenz seiner Nichte geahnt. Er war jedoch viel zu betäubt in seinem Schmerz, um nachzubohren, warum seine Schwester ihm verheimlicht hatte, dass sie Mutter geworden war.
   »Ich wollte nur mal hören, wie es meinem attraktiven Bruder so geht«, neckte Penny ihn jetzt. Sam konnte förmlich das freche Grinsen in ihrer Stimme wahrnehmen.
   Erneut warf er einen hastigen Blick auf seine Uhr. »Alles bestens. Wie immer. Hör zu, ich …«
   »Spielst du noch immer den Einsiedler, mein Lieber? Oder gibt es inzwischen etwas, von dem ich wissen sollte?«
   Er wusste, worauf sie anspielte. Sie hoffte schon lang, dass ihm jemand – genauer gesagt, eine Frau – über den Weg lief, mit dem er wieder glücklich sein konnte. Er fand es rührend, wie sie sich um ihn sorgte, auch wenn er ihr immer wieder zu verstehen gab, dass eine ernsthafte Beziehung für ihn niemals wieder infrage kam.
   »Wäre es nicht an der Zeit, die alten Gefilde aufzusuchen, Schwesterherz?«, konterte er, wohl wissend, dass sie Willow Creek aus ihm unerklärlichen Gründen mied. »Ich habe Abby schon ewig nicht mehr gesehen. Wie alt ist sie jetzt … fünf, sechs Jahre?«
   »Sam Emil Parker, du könntest deinen Hintern durchaus auch mal zu uns nach Asheville schwingen.«
   Oh, er hasste diesen von seiner schwedischen Mutter ausgewählten Zweitnamen, den sie ihm in Gedenken an seinen viel zu früh verstorbenen europäischen Onkel verpasst hatte. Das wusste dieses Biest von Schwester ganz genau.
   »Du weißt, du bist jederzeit willkommen, mein Lieber. Und nein«, erstickte sie seinen Protest im Keim, »erzähl mir nicht wieder, du seist auf Green Acres unabkömmlich. Ich bin sicher, der gute alte Jackson hat nach wie vor alles hervorragend im Griff.«
   Er gab sich geschlagen. »Ich denk drüber nach. Versprochen.« Vielleicht tat es ihm sogar gut, einmal rauszukommen und die Lichter der Großstadt zu sehen. »Ich muss los, ein wichtiger Termin, tut mir leid. Telefonieren wir Ende der Woche noch einmal?«
   »Warum nicht.« Penny seufzte resigniert. »Melde dich, wenn du Zeit zum Plaudern hast.«
   »Ach, und Penny – ruf doch Mom an. Ich weiß, dass sie sich freuen würde, von dir zu hören.«
   »Mal sehen.« Es knackte in der Leitung.
   Mit einem komischen Gefühl im Bauch schnappte Sam seine Sachen und eilte über den Flur. Er spürte, dass Penny gern länger mit ihm gesprochen hätte, und fragte sich, ob sie wohl etwas auf dem Herzen hatte. Sollte es mit ihrem neuen Lover Dylan zu tun haben, diesem Finanzhai, den sie sich geangelt hatte? Ihren Erzählungen nach war ihm der Kerl von Anfang an unsympathisch gewesen, aber sie musste mit ihm leben. Sie und Abby. Es machte keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Penny war erwachsen. Sie war schon immer ihren eigenen Weg gegangen, hatte sich nichts vorschreiben lassen. Was einer der Gründe war, weshalb sie und ihre Mutter immer wieder aneinandergerieten.
   Aus der Küche wehte ihm ein verführerischer Duft nach frischen Blaubeermuffins entgegen. »Wir sehen uns morgen, Dee«, rief Sam, während er die schwere Eichenholztür aufzog. Mit einem leisen Klicken fiel sie hinter ihm ins Schloss. Die Gipfel der Blue Ridge Mountains hüllten sich in dunkle Wolkengebilde, Donnergrollen rollte in der Ferne. Sam hoffte, dass das Wetter halten würde. Er verspürte wenig Lust, in ein Gewitter zu geraten. Nicht selten brachten sie in den Sommern North Carolinas Überschwemmungen, orkanartige Sturmböen und schweren Hagel mit sich. Sam kletterte hinter das Steuer seines moosgrünen Land Rovers, warf die Aktentasche auf den Beifahrersitz und steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Gleichzeitig mit dem Motor sprang die Klimaanlage an. Innerhalb kürzester Zeit würde die stickige Luft im Innenraum des Wagens auf angenehme achtzehn Grad herunterkühlen.

*

Hannah setzte den Blinker und fuhr an den Straßenrand, wo sich das Gras an den Asphalt schmiegte. Nicht dass es in dieser gottverlassenen Gegend erforderlich gewesen wäre, einen Blinker zu setzen. Frustriert stellte sie den Motor ab. Seit über einer halben Stunde folgte sie der einsamen Landstraße, die sich von knorrigen Hickorybäumen gesäumt, durch sanft gewellte Felder zog. Hatte sie den Tankstellenbesitzer falsch verstanden oder die verkehrte Ausfahrt im Kreisel erwischt?
   Sie krampfte ihre Finger ums Lenkrad und ließ erschöpft den Kopf darauf sinken. Dank der defekten Klimaanlage klebte ihr das T-Shirt inzwischen unangenehm am Rücken. Hannah entfuhr ein tiefer Seufzer. Es half alles nichts. Sie musste weiter, wenn sie nicht in dieser Einöde bis in alle Ewigkeit versauern wollte. Sie blies eine Haarsträhne von der erhitzten Stirn und straffte ihren Rücken. Wie hatte ihre Großmutter immer so schön gesagt? Nur Mut, Liebes. Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter. Hannah drehte den Zündschlüssel und atmete auf, als der Toyota mit einem verlässlichen Tuckern seinen Motor anwarf. »Na also«, murmelte sie. »Wir lassen uns nicht unterkriegen.«

Eingebettet in liebliches Hügelland, umgeben von Weiden, Pferdekoppeln und Wäldern, schmiegte sich das idyllisch am Ufer eines kleinen Flusses gelegene Städtchen an die Ausläufer der Appalachen. Willow Creek verkündeten verschnörkelte weiße Letter auf dem grünen Ortsschild, das Hannah soeben passierte. Die Irrfahrt hatte ein Ende. Hannah bog in die Main Street ein und hatte sofort das Gefühl, in ein vergangenes Jahrhundert einzutauchen. Mit ihren historisch aussehenden Backsteingebäuden, den überdachten Veranden und farbigen Markisen, zahlreichen kleinen Läden, Boutiquen und Souvenirgeschäften wirkte die Straße, als wäre sie einem Bilderbuch entsprungen. Breite Gehwege, geschmückt mit schmiedeeisernen Sitzbänken, liebevoll bepflanzten Blumenkübeln und immergrünen Bäumchen, luden zum Bummeln ein. Vor nahezu jedem Haus flatterte das Sternenbanner. Zweifellos ein hübscher Ort.
   Hannah wischte sich mit dem Handrücken ein hinabrollendes Schweißtröpfchen von der Stirn. Während sie die Umgebung nach dem ersehnten Café absuchte, tastete sie nach der Box mit den Kleenextüchern auf dem Beifahrersitz. Weil ihre Finger mehrfach ins Leere griffen, warf Hannah einen Blick hinüber. Sie stellte fest, dass die Schachtel in den Fußraum gerutscht war, und bückte sich, um sie hochzuholen. Das Ganze konnte nur den Bruchteil einer Sekunde gedauert haben, doch als sie erneut auf die Straße sah, weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen. Sie nahm den Fuß vom Gas, trat auf die Bremse und riss mit aller Kraft das Steuer herum. Mit kreischenden Reifen schlitterte der Wagen über den Asphalt, bevor es hässlich krachte.

4. Kapitel

Schwungvoll öffnete Sylvia Cooper die Eingangstür vom Cottage Garden. Sie stellte den voll bepackten Weidenkorb auf den Boden, schüttelte den blonden Pagenkopf zurecht und nahm ihre Einkäufe mit der anderen Hand wieder auf.
   Die drückende Schwüle draußen war heute wieder einmal unerträglich, fand sie. Die dunklen Wolken über den Bergen sowie fernes Donnern ließen allerdings vermuten, dass die erhoffte Abkühlung bald in Gestalt eines Gewitters daherkommen würde. Vorsichtshalber hatte sie von zu Hause ihren Schirm mitgeschleppt, den sie jetzt an einen Haken an der Wandgarderobe hängte. Durch einen großzügigen Rundbogen trat sie ins Café. Sonnenlicht fiel durch die großen geteilten Fensterscheiben des quadratischen Raums, wo es sich auf dem beigefarbenen Linoleumboden widerspiegelte. An der Decke drehte sich träge ein Ventilator.
   Ein einsamer Gast in kariertem Holzfällerhemd und dunkelgrüner Arbeitslatzhose, der an einem der runden Kiefernholztische vor einer Karaffe Eistee saß, fächerte sich mit der Speisekarte Luft zu. Vor der Küche, die sich wie in einem Westernsaloon hinter einer halben Schwingtür verbarg, erstreckte sich eine lange Theke. Sie beherbergte neben der Registrierkasse den brandneuen und manchmal noch undurchschaubaren Kaffeeautomaten, mit dem Sylvia zuweilen auf Kriegsfuß stand. Dahinter stapelten sich in einem Wandregal Gläser, Tassen und Becher in allen erdenklichen Formen und Farben.
   Sylvia war seit der Eröffnung des Cottage Garden vor sechs Jahren ein fester Bestandteil des Cafés. Inzwischen konnte sie sich ihr Leben ohne die Arbeit hier nicht mehr vorstellen. Wenn sie zu ihrer Schicht antrat, passte ihre Nachbarin Mabel, eine wohlhabende, etwas schrullige, aber gutmütige Witwe, die ansonsten nichts anderes zu tun hatte, als die Tageszeitung nach dem neuesten Klatsch zu durchforsten und hübsche Stickereien anzufertigen, auf Sylvias drei Kinder auf.
   Das Geld, das Sylvia im Café verdiente, reichte gerade so, um über die Runden zu kommen. Als alleinstehende Mutter konnte sie jeden Cent gebrauchen. Um nichts in der Welt würde sie sich jedoch einen anderen, möglicherweise besser bezahlten Job suchen. Tayanita zahlte ihr das, was sie konnte, und Sylvia würde niemals eine fairere und bessere Chefin und Freundin finden. Sie betrachtete das Café als eine Art Zufluchtsort, als ihr zweites Zuhause. Hier konnte sie abschalten und einmal etwas anderes tun, als Windeln zu wickeln, Milchfläschchen aufzuwärmen oder brüllende Kinder zu besänftigen. Sie liebte den täglichen Plausch mit den Gästen, den Austausch von Klatsch und Tratsch. Viele der Cafébesucher waren Einheimische aus Willow Creek, die Sylvia seit ihrer Jugend kannte. Hin und wieder verirrten sich auch Touristen auf der Suche nach einer guten, einfachen Mahlzeit und einer Tasse starken Kaffee in das Städtchen, das sich mit dem hochtrabenden Beinamen Tor zu den Blue Ridge Mountains schmückte. Sylvia empfand eine tiefe Verbundenheit zu diesem Ort und seinen Bewohnern. Mit einem leisen Ächzen hievte sie den schweren Korb auf die Theke.
   »Tayanita?«
   »Komme!« Eine rundliche Frau Mitte vierzig spähte aus der Küche. Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht. »Sylvia. Da bist du ja.« Ihre bernsteinfarbenen Augen funkelten warm. Sie trocknete ihre Hände an der bunt bedruckten Baumwollschürze, die sie um ihre Taille gebunden trug. »Schon zurück? Das ging schnell.«
   »Es war nicht viel los bei Violet’s. Stell dir vor, sie gab sich sogar ausgesprochen wortkarg. Hat mich tatsächlich mit ihrem Geplapper verschont«, entgegnete Sylvia, biss sich jedoch sogleich auf die Unterlippe, denn eigentlich mochte sie Violet Hunter. Die Inhaberin des Krämerladens galt als Institution, sie kannte jeden in der kleinen Stadt und wusste stets mit den interessantesten Neuigkeiten aufzuwarten.
   Tayanita warf Sylvia einen Blick zu, der Belustigung und Tadel gleichermaßen ausdrückte, und begann im Einkaufskorb zu stöbern. Sie zog zwei in Papier eingeschlagene Baguettes heraus und legte sie auf die Theke. »Hast du alles bekommen?«
   »Alles«, bestätigte Sylvia. »Baguette, wie du siehst, grüne Tomaten, Wassermelonen, Süßkartoffeln, Äpfel und Pekannüsse.«
   Erneut forschte Tayanita im Korb, öffnete eine braune Papiertüte und nahm einen der rotbackigen Äpfel heraus. Sie schnupperte daran, polierte ihn an ihrer Schürze blank und biss hinein. »Hm … köstlich.« Sie schloss die Augen, während sie genüsslich kaute.
   »Tayanita, ich bitte dich!«
   »Was denn?« Tayanita zwinkerte ihrer Freundin zu. »Ab und an muss ich prüfen, ob die Qualität der Ware stimmt, die wir unseren Kunden anbieten.«
   »Ich brauche alle Äpfel. Und zwar ganz«, schalt Sylvia mit gespielter Strenge, obwohl sie gestehen musste, dass der frische süße Apfelduft auch sie lockte. »Ich habe vor, nachher Apfelmuffins zu backen.«
   »Die sind aber wirklich gut«, nuschelte Tayanita und hielt Sylvia das gute Stück entgegen. »Möchtest du kosten?«
   »Violet hat sie von Mack’s Farm bekommen.« Sylvia ignorierte das Angebot. »Die sind immer gut. Echte sonnenverwöhnte Carolina Äpfel.«
   »Wunderbar. Vielleicht sollten wir davon eine ganze Kiste bestellen.« Tayanita strich sich eine lange Strähne ihres nachtschwarzen Haares hinter das Ohr. »Dann wird es eben in den nächsten Tagen Apple Pie und Apfelcider geben.« Gut gelaunt ließ sie den Rest des angebissenen Apfels in ihre Schürzentasche wandern. »Für später«, erklärte sie. »Ich will noch schnell die Scones in den Ofen schieben und das Gemüse im Crockpot aufstellen. Bist du so lieb und hast ein Auge auf unseren Gast, bis ich hier fertig bin?«
   »Klar.« Sylvia blickte kurz zum Holzfällerhemdträger. »Sag mal«, wandte sie sich erneut an ihre Freundin, »wo hältst du Tsali, dieses schreckliche Ungetüm, versteckt? Normalerweise begrüßt mich ihre feuchte Schnauze in dem Moment, da ich zur Tür hereinschneie.«
   Tayanita lachte. »Schlief sie nicht in ihrem Körbchen im Flur? Vermutlich hat sie sich schmollend in den Laden hinter den Vorhang verzogen. Ich musste vorhin mit ihr schimpfen, weil sie mir den Schinken vom Tresen gemopst hatte. Ich sehe gleich mal nach ihr.«
   Sylvia schüttelte amüsiert den Kopf. Tsali brachte mit ihrem ungestümen Wesen immer wieder den Betrieb durcheinander. Trotzdem wollten die beiden Frauen die dunkle Hündin nicht mehr missen. Sylvia ging um die Theke herum und holte sich eine saubere Schürze aus einer Schublade. Sie hielt inne, zögerte kurz. »Übrigens – auf der Main Street hat’s vorhin gekracht.«
   Tayanita drehte sich noch einmal um. »Ach ja? Ich habe mich schon über das Hupkonzert gewundert. Was ist passiert?«
   »Es gab einen Auffahrunfall. Aber es geht ihm gut.«
   Tayanitas Miene erstarrte. »Von wem sprichst du? Wem geht es gut?«
   »Sam. Beruhige dich«, fügte Sylvia schnell hinzu, als sie einen Anflug von Panik in Tayanitas Augen aufflackern sah. »Er ist okay. Beide sind wohl unverletzt.«
   Tayanita erblasste sichtlich.
   »Ihm ist nichts geschehen«, versicherte Sylvia aufs Neue. »Ich habe ihn bei seinem Wagen stehen sehen. Er hat mir zugewunken und signalisiert, dass alles in Ordnung sei. Eine Frau ist bei ihm, so eine Schmale mit kurzem dunklem Haar. Hab ich noch nie hier gesehen. Wahrscheinlich warten sie gemeinsam auf die Polizei oder den Abschleppdienst.«
   »Ich sollte vielleicht rasch mal nachsehen …« Tayanita runzelte die Stirn.
   »Lass es sein. Es geht ihm wirklich gut, glaub mir.«
   »Ich werde heute Abend auf Green Acres vorbeischauen«, entschied Tayanita kurzerhand. »Nur um sicherzugehen.« Sie verstummte. Tayanita spielte damit nicht auf Sams körperlichen Zustand an, soviel war Sylvia klar. Die Frauen tauschten einen langen Blick.
   »Entschuldigung, Ma’am?« Der Mann mit dem Eistee hielt die leere Karaffe hoch und Sylvia deutete ihm an, dass sie gleich bei ihm sein würde.
   »Ich wünschte auch, Sam würde endlich einmal zur Ruhe kommen. Er hätte ein wenig Glück verdient, nicht wahr?«
   Tayanita legte eine Hand auf Sylvias Schulter. »Sam hat viel verloren. Aber wenn er endlich diese Mauer, die er um sich errichtet hat, einreißen würde, könnte er vielleicht wieder glücklich sein.«
   Sylvia nickte, während sie das Gesicht ihrer Freundin studierte. »Weißt du, was mich wundert?«
   »Hm?«
   »Dass Gloria nicht am Unfallort aufgetaucht ist. Normalerweise besitzt sie einen siebten Sinn dafür, wenn es darum geht, dem guten Sam beizustehen.« Sie kicherte leise. »Es hätte mich nicht erstaunt, unsere sexy Maklerin in Schwesterntracht und mit Erste-Hilfe-Köfferchen hinzueilen zu sehen.«
   Tayanita hob eine dunkle Augenbraue. »Du bist böse, Sylvia Cooper.« In ihren Augen funkelte die winzige Andeutung eines Lächelns. »Du solltest dich schämen.«
   »Später.« Sylvia zwinkerte ihr zu. »Jetzt werde ich mich erst einmal um den jungen Mann dort hinten kümmern.«

*

Mit wild hämmerndem Herzen verharrte Hannah hinter dem Steuer. Ein paar schaulustige Passanten blieben gaffend stehen, fingen an, zu tuscheln und mit den Fingern zu deuten. Begriffsstutzig starrte Hannah zurück. Dann traf sie die Erkenntnis wie ein Donnerschlag. Sie hatte einen Unfall gehabt. Wenige Sekunden zuvor war sie in das moosgrüne Heck eines Land Rovers gerauscht, der wie eine verdammte Fata Morgana scheinbar aus dem Nichts vor ihr aufgetaucht war. O mein Gott! Wie hatte das geschehen können? Sie löste ihre eiskalten Finger, die das Lenkrad noch immer krampfhaft umklammerten, und schnappte zitternd nach Luft. Sie schien unverletzt. Langsam fühlte sie Leben in ihre Glieder zurückkehren. Sie legte eine Hand auf ihre Brust, um ihren rasenden Puls zu beruhigen. »Blödmann!« Ihre zitternde Stimme klang wie die eines kleinen verängstigten Mädchens. Der andere Wagen musste abrupt gebremst haben. Sie hatte gar keine Chance gehabt zu reagieren. Dass sie einen Moment unaufmerksam gewesen war, als sie nach dem Kleenex gegriffen hatte, verdrängte sie.
   Im selben Augenblick, wie sich die Fahrertür des Land Rovers öffnete, zuckten am Horizont Blitze vom bleigrauen Himmel. Hannah fixierte den Mann, der mit geschmeidigen Bewegungen aus seinem Wagen stieg wie ein Cowboy vom Pferd. Sie registrierte lange Beine in engen Jeans. Blank geputzte Stiefel. Breite Schultern in einer Wildlederjacke. Aus der Gesäßtasche seiner Hose zog er ein Telefon und tippte mit flinken Fingern eine Nummer ein. Er klemmte sich das Gerät zwischen Wange und Schulter, während er auf Hannah zugelaufen kam. Sie kurbelte ihre Fensterscheibe herunter und legte sich im Geist ein paar Sätze zurecht, die sie ihm an den dunklen Schopf werfen wollte. Doch dazu kam es nicht, denn unvermittelt blieb er stehen.
   »Dan? Sam Parker hier. Hören Sie, ich hatte einen kleinen Unfall. Ich werde mich wahrscheinlich verspäten.« Er strich sich mit der freien Hand durchs Haar. »Es tut mir furchtbar leid. Natürlich bin ich nach wie vor interessiert. Ich …« Er brach ab, kickte mit der Stiefelspitze ein Steinchen über den Asphalt. »Das ist mir bekannt«, entgegnete er zerknirscht. »Hören Sie, Dan. Ich bitte Sie, noch zu warten. Ich bin wirklich interessiert.« Er schoss einen finsteren Blick in Hannahs Richtung. »In Ordnung. Nein, nichts Dramatisches. Ich werde gleich mit dem Kerl sprechen.«
   Hannah reckte das Kinn. Wen meinte er mit »Kerl«? Erneut erhellte ein greller Blitz den Himmel. Sekunden später krachte es ohrenbetäubend. Das tiefe Donnergrollen hallte in den Bergen nach.
   Hannah platzte die Hutschnur. Bestimmt würde es gleich anfangen, zu prasseln. Sie wollte weiter. Sie würde dem Typen, der nichts Wichtigeres zu tun hatte, als unaufhörlich in sein Telefon zu quasseln, ihre Handynummer samt Adresse in die Hand drücken, damit er ihr die Rechnung für die Reparatur schicken konnte, und dann so schnell wie möglich irgendwo einkehren. Entschlossen legte sie die Hand auf den Türgriff und kniff für einen winzigen Augenblick die Lider zusammen, um sich für die Begegnung zu wappnen.
   »Gut. Ich melde mich, sobald ich unterwegs bin.«
   Hannah riss erschrocken die Augen auf, weil die männliche Stimme plötzlich so nah schien. Da dieser Sam Parker sich an ihre Tür lehnte, hatte sie sein wohlgeformtes Hinterteil direkt vor der Nase.
   »Mister?« Hannah räusperte sich.
   »Hi Joe. Sam Parker hier. Es hat einen Zusammenstoß auf der Main gegeben. Schräg gegenüber von Violet’s. Wir könnten deine Hilfe brauchen. Genau.«
   Hannah rollte mit den Augen. Mit wem telefonierte dieser Mensch denn nun? Sie drückte den Griff hinunter, versuchte vergeblich, die Tür zu öffnen.
   »Okay, bis gleich. Danke.« Endlich klappte er das Telefon zusammen, drehte sich um und streckte seinen Kopf durchs Fenster. Hannahs empörter Blick begegnete einem Paar kühler grauer Augen. »Sie sind eine Frau.«
   Fast hätte sie laut aufgelacht. Einen Moment lang fehlten ihr die Worte. »Auch wenn ich Ihre feine Beobachtungsgabe bewundere«, sagte sie schließlich so würdevoll wie möglich, »wäre ich Ihnen dennoch sehr verbunden, wenn Sie mich jetzt endlich aussteigen ließen, damit wir die Sache hier regeln können. Ich habe es eilig.«
   »Ach.« Die grauen Augen musterten Hannah unverschämt. »Sie meinen also, diese Sache, wie Sie es nennen, lässt sich unbürokratisch und rasch regeln?« Er zog die Worte in seinem breiten Südstaatenakzent wie Kaugummi.
   »Vielleicht erklären Sie mir mal, warum Sie unvermittelt bremsen mussten?«, funkelte sie ihn an.
   Er hob eine Augenbraue. »Warum ich …« Durchdringendes Hupen von einem wartenden Wagen, vermischt mit rollendem Donnergrollen ließ ihn verstummen.
   Sie blickten beide gleichzeitig nach oben in einen inzwischen schwarzvioletten Himmel.
   »Hören Sie«, sagte Hannah, nachdem das Grollen verklungen war, »ich möchte wirklich schnell weiter.«
   »Sind Sie verletzt? Ist Ihnen etwas passiert?«
   Unwillig schüttelte sie den Kopf. »Ich bin in Ordnung. Aber Sie hätten besser aufpassen müssen. Wenn Sie nicht so plötzlich stehen geblieben wären, steckten wir jetzt nicht in diesem Schlamassel.«
   Er lachte auf. »Lady, Sie sind diejenige, die nicht aufgepasst hat. Es war eindeutig Ihre Schuld. Sehen Sie das Stoppschild gleich da hinten?«
   Ihr Blick folgte seinem ausgestreckten Arm.
   »Wenn ein solches Schild im Straßenverkehr auftaucht, bedeutet das gewöhnlich …«
   »Belehren Sie mich nicht«, fauchte sie ihn an.
   Feindselig taxierten sie einander. Hannahs Magen ließ ein Knurren hören, das jeden Wachhund neidisch hätte werden lassen.
   »Geht es Ihnen wirklich gut?« Die männliche Stimme klang plötzlich sehr sanft.
   »Das sehen Sie doch«, entgegnete sie unwirsch. Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, biss sie auf ihre Unterlippe. Vielleicht war es unklug, dem Mann die Krallen zu zeigen. Sie stieß einen Seufzer aus und holte tief Luft. »Ist es nötig, dass wir die Polizei – ich meine, vielleicht könnten wir das Ganze unter uns regeln?« Das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war, unangenehme Fragen zu beantworten, Protokolle zu unterschreiben … Sie hatte das Gefühl, jede Minute umzukippen, wenn sie nicht bald etwas Nahrhaftes in den Bauch bekäme. Zum Glück saß sie bereits. Hannah fühlte ein hysterisches Lachen aufsteigen. Das war alles ein bisschen viel an einem Tag.
   »Hören Sie, vergessen wir das Ganze einfach. Der Land Rover hat lediglich ein paar Kratzer abbekommen, das lässt sich relativ leicht beheben. Es ist nicht nötig, deswegen die Cops zu bemühen.«
   Hannah könnte schwören, dass das laute Donnern, das in diesem Augenblick durch die Straßen polterte, von dem Felsbrocken stammte, der ihr vom Herzen plumpste. »Ich möchte Ihnen jedoch nichts schuldig bleiben«, entgegnete sie von neuer Energie beflügelt und zog flink ihre Tasche vom Beifahrersitz. Sam gelang es gerade noch, mit einem Sprung zur Seite auszuweichen, als Hannah schwungvoll die Tür öffnete und auf die Straße trat. Rasch kritzelte sie ein paar Worte auf ein Stück Papier. »Hier ist meine Karte. Bitte rufen Sie mich unter dieser Nummer an, wenn Sie die Rechnung erhalten. Selbstverständlich ersetze ich Ihnen den Schaden.« Sie straffte ihren Rücken und versuchte ein zuvorkommendes Lächeln. »Wenn Sie jetzt so freundlich wären, mich weiterfahren zu lassen, damit jeder von uns endlich das tun kann, was er ursprünglich vorhatte, wäre ich Ihnen äußerst verbunden.« Entgegen ihrem Vorsatz, liebenswürdig zu erscheinen, hatte sich unversehens ein zynischer Unterton in ihre Stimme geschlichen. Wahrscheinlich forderte dieser Typ in Wildlederjacke und Cowboyboots es geradezu heraus.
   Er sah sie an, als hätte sie gerade verlangt, dass er mitten auf der Straße im Adamskostüm einen Stepptanz hinlegen sollte. »Lady, Ihr Auto ist ziemlich beschädigt. So können Sie nicht weiter.«
   »Wie bitte? Das ist doch Unsinn. Es ist nur ein kleiner Kratzer.« Mein Gott, dieser Kerl machte sie wahnsinnig. »Das lasse ich irgendwann reparieren.« Falls es sich bei der alten Kiste überhaupt noch lohnte, fügte sie in Gedanken hinzu.
   Mit ein paar schnellen Schritten umkreiste Sam den Toyota, um ihn zu inspizieren. »Der Schaden ist größer, als Sie glauben.«
   »Sie übertreiben.«
   »Vielleicht sollten Sie sich durchchecken lassen. Nur um sicherzugehen. Unser alter Doc Bailey …«
   »Das ist nicht nötig. Ich bin völlig in Ordnung. Ebenso mein Wagen. Ein paar Beulen und Kratzer. Keine große Sache.« Allmählich verspürte sie das dringende Bedürfnis, zu schreien. Ihr Blick streifte die Passanten, die das Schauspiel aus einigen Metern Entfernung beobachteten und sicherlich darauf hofften, dass noch etwas Spannendes passierte. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte Sam Parker herausfordernd an.
   »Ich weiß nicht, was Sie eingenommen haben«, entgegnete er, »aber Ihre Stoßstange hängt herunter, Kotflügel und Lichter auf der rechten Seite sind beschädigt. Lassen Sie Ihr Fahrzeug abschleppen und reparieren. Ein paar Meter weiter um die Ecke«, er deutete mit dem Kinn auf die andere Straßenseite, »ist ein nettes Café, wo Sie warten können. Sie haben vermutlich einen leichten Schock erlitten.«
   »Das lassen Sie mal meine Sorge sein.« Was für ein unverschämter, ungehobelter Mensch! Was sie eingenommen hatte? Am liebsten würde sie ihm hier und jetzt beibringen, was sie von ihm und seinem arroganten Auftreten hielt! Sie fing an, zu zittern. Vor Wut, Verzweiflung, Erschöpfung. »Lassen Sie mich einfach in Ruhe«, fuhr sie ihn an.
   Er legte sanft eine Hand auf ihre Schulter. »Joe’s Abschleppdienst müsste jeden Moment hier sein. Ich habe ihn bereits verständigt. Er wird den Schaden an Ihrem Wagen in seiner Werkstatt so rasch wie möglich beheben.«
   Kapierte dieser Mensch denn gar nichts? »Ich werde nicht auf Joe oder sonst irgendjemanden warten. Sie haben meine Nummer und können sich jederzeit mit mir in Verbindung setzen«, zischte sie. »So, und nun entschuldigen Sie mich!« Sie machte Anstalten einzusteigen.
   Sam hielt sie am Oberarm fest. »Meine Güte, sind Sie störrisch! Beruhigen Sie sich.«
   »Ich muss mich nicht beruhigen! Mir scheint, das trifft eher auf Sie zu. Ich möchte lediglich weiter – und das wollen andere anscheinend ebenso«, fügte sie hinzu, als wiederholt ungeduldiges Hupen ertönte.
   »Herrgott noch mal. Was ist Ihr Problem? Sind Sie so unflexibel?«
   »Wie bitte?«
   Er trat einen Schritt vor und warf einen Blick auf ihr Nummernschild. »Ohio«, murmelte er. »Das erklärt so einiges.«
   Ihr blieben die Worte im Hals stecken. Dieser Kerl war nicht nur arrogant, er war einfach unmöglich. Ganz ruhig, Hannah. Durchatmen. Sie würde ihm nicht den Gefallen tun und auf seine Beleidigung eingehen. Verstohlen taxierte sie ihren ramponierten Wagen. Okay, er sah übel aus, aber sie würde ihn in Charlotte reparieren lassen und bestimmt nicht hier in diesem gottverlassenen Kaff. Doch das musste sie dem Mann nicht unbedingt auf die Nase binden. Je schneller sie ihn loswurde, umso besser. Sie räusperte sich. »Wie lange – äh – wird es dauern, bis dieser Joe hier eintrifft?«
   In Sams Augen trat ein Funkeln. »Prima. Sie haben es also eingesehen.«
   »Wie lange?« Was sie eigentlich meinte, war, wie lange es dauern würde, bis er endlich verschwand.
   »Solange es eben dauert. Bei uns im Süden ticken die Uhren anders.«
   »Das brauchen Sie mir nicht zu erzählen. Schließlich bin ich in Charlotte aufgewachsen.«
   »Ach.« Er strich sich über das Kinn, wo sie die Andeutung eines Grübchens entdeckte. Warum fiel ihr in dieser Situation solch eine Nebensächlichkeit auf? »Sie wirken auf mich nicht gerade wie eine Südstaatenlady. Dafür mangelt es Ihnen an Eleganz und Würde. Von Geduld ganz zu schweigen.«
   Eingebildeter, selbstgefälliger Lackaffe! Dieser Mensch schaffte es wirklich, sie zur Weißglut zu bringen. In Hannahs Magen formte sich ein harter Knoten. »Was erlauben Sie sich? Wer, denken Sie, sind Sie?«
   Ein spöttisches Lächeln spielte um seine Mundwinkel. Sie erwartete eine Entschuldigung, doch offensichtlich dachte er nicht im Traum daran. »Ich sage lediglich, was ich denke. Und jetzt entschuldigen Sie mich, Ma’am. Ich fahre meinen Wagen an den Straßenrand, was Sie ebenfalls tun sollten, damit wir nicht weiterhin die Spur blockieren. Dann warten wir gemeinsam auf den Abschleppdienst.«
   Hannah öffnete ihren Mund, um zu protestieren, doch Sam Parker hatte ihr bereits den Rücken zugekehrt. So ein Mist! Sie wollte nicht, dass dieser ungehobelte Klotz mit ihr gemeinsam wartete. Verschwinden sollte er endlich, und zwar auf Nimmerwiedersehen! Stirnrunzelnd blickte sie ihm nach.
   Was nun? Sie beobachtete, wie er einer vorbeieilenden Frau mit blondem Pagenkopf zuwinkte, und fasste einen spontanen Entschluss. Als Sam sich hinter das Lenkrad seines Land Rovers schob und den Motor startete, schlüpfte sie flink zurück in ihren eigenen Wagen. Der Typ konnte warten, auf wen auch immer. Sie hatte andere Pläne. Er besaß ihre Karte, ihre Nummer. Er würde sein Geld bekommen. Wild entschlossen, diese unglückliche Episode so schnell wie möglich hinter sich zu lassen, steckte sie den Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn herum. Nichts passierte. Sie versuchte es erneut. »Komm schon. Komm, altes Mädchen, lass mich nicht im Stich.« Der Motor blieb still. Auch beim dritten und vierten Versuch. Nicht einmal ein Knattern oder leises Röcheln gab er von sich. Hannah stieß einen lauten Seufzer aus. Sie musste den Abschleppdienst wohl oder übel in Anspruch nehmen. Es ärgerte sie, dass der arrogante Kerl recht behalten würde. Aus den Augenwinkeln verfolgte sie, wie er seinen Wagen an den Straßenrand manövrierte. In diesem Moment erhellte ein gleißender Blitz den Himmel. Erste dicke Tropfen klatschten auf die Windschutzscheibe.

5. Kapitel

»Tsali, in deinen Korb, aber schnell!«
   Die Hündin wagte einen vorsichtigen Blick in das Gesicht ihres Frauchens, um zu sehen, ob
   Tayanita es ernst meinte. Anschließend gab sie ein empörtes Schnaufen von sich und zog ihre Nase von der Tischkante zurück. Sie trollte sich in den Flur, wo sie sich mit einem tiefen Seufzen in ihren Korb sinken ließ.
   »Unmögliches Tier. Du kannst das Mausen einfach nicht sein lassen, nicht wahr?« Tayanita blickte ihrer Gefährtin hinterher und konnte doch ein Lächeln nicht verbergen. Sie liebte Tsali, das war nicht zu leugnen, auch wenn der Hund, eine Mischung aus Labrador und Rhodesian Ridgeback, immer wieder versuchte, ihr das Essen streitig zu machen. Was nicht weiter verwunderlich war, überlegte Tayanita, während sie die andere Hälfte, die von ihrem Pancake übrig geblieben war, dick mit Ahornsirup bestrich. Sie hatte Tsali, die sie nach dem berühmten Helden der Cherokees benannt hatte, vor drei Jahren am Straßenrand aufgelesen. Das magere Tier kauerte im Schmutz zwischen leeren Getränkeflaschen und Abfall, sein Fell vollkommen verfilzt. Am rechten Hinterlauf klaffte eine hässliche Wunde. Henry Mason, der Tierarzt, zu dem Tayanita den Welpen sofort brachte, vermutete, dass er misshandelt und ausgesetzt worden war. Er schien nirgendwo registriert zu sein und verhielt sich Fremden gegenüber äußerst misstrauisch.
   Tayanita hatte das Tier – Henry schätzte es auf ungefähr zwei, drei Monate – mit zu sich nach Hause genommen und liebevoll aufgepäppelt. Viel Zeit und Geduld erforderte es, ein zartes Band des Vertrauens herzustellen. In den ersten Tagen musste Tayanita dem Winzling Nahrung einflößen, weil er zu schwach war, selbst zu fressen. Später gab es für den kleinen Hund kein Halten mehr, wenn Tayanita seinen Napf füllte. Ruckzuck hatte der Welpe sein Fressen verschlungen und anschließend mit hoffnungsvollen Augen zu ihr aufgesehen. Schließlich konnte man ja nie wissen, wann die nächste Mahlzeit anstand, oder? Tayanita war glücklich, dass heute nichts mehr an das jämmerliche Bündel erinnerte, das Tsali einst gewesen war. Das schwarze Fell glänzte ebenso wie die wachen, klugen Augen. Ihre Haltung war stolz, und Tayanita könnte schwören, dass es Momente gab, in denen Tsali lächelte. Die Hündin hing mit einer tiefen Liebe an ihr, folgte ihr wie ein Schatten. Tayanita legte Messer und Gabel beiseite und wischte sich mit der Papierserviette über den Mund, bevor sie ihren Kaffeebecher leerte. Ein Blick auf ihre zierliche Lederarmbanduhr sagte ihr, dass ihre Pause vorbei war. Sie stand auf und fing an, das Geschirr zusammenzustellen.
   »Lass nur, ich mach das schon.« Sylvia schob ein Tablett auf den Tisch. »Mir ist soeben Tsali mit scheelem Blick und verdächtig mit Sirup verschmierter Schnauze begegnet. Ich nehme an, sie weiß meine Pancakes ebenfalls zu schätzen?«
   »Du kennst sie doch«, erwiderte Tayanita mit einem Schmunzeln, wobei sie ihre langen Haare hinter die Ohren strich. »Unsere Tsali ist und bleibt ein Fresssack!« Die Frauen tauschten ein Lächeln. »Hast du im Café alles im Griff, Sylvia?«
   »Wie immer. Warum?«
   »Ich gehe hinüber in den Souvenirladen. Ich möchte gern die Kisten, die wir gestern Abend geliefert bekommen haben, auspacken.«

*

Ebenso schnell, wie er über die kleine Stadt hereingebrochen war, hörte der Platzregen auf. Wie von Geisterhand hatten sich die dunklen Wolken verzogen, das Donnergrollen war längst verstummt. Die drückende Schwüle war einer frischen Brise gewichen. Ein Schild über der Eingangstür eines mit Kletterranken bewachsenen Backsteinhauses zog Hannahs Aufmerksamkeit auf sich: Cottage Garden – Zauberhafte Geschenke und Café.
   Das musste das Café sein, von dem Sam Parker gesprochen hatte. Das zweistöckige Haus mit dem Flachdach wirkte einladend. Eingangstür und Fensterläden, in einem dunklen Flaschengrün gestrichen, boten einen schönen Kontrast zu dem hellen Backstein. Ein großzügiger Wintergarten schmiegte sich an die rechte Seite des Gebäudes. Als Hannah die Tür öffnete, erklangen die hellen Töne eines Windspiels. Kaum hatte sie den Flur betreten, schoss ein dunkler Schatten auf sie zu. Erschrocken wich sie zurück, doch da lagen bereits zwei schwere Pfoten auf ihren Schultern. Schwarze glänzende Augen fixierten sie eindringlich. O bitte, flehte Hannah still. Bitte tu mir nichts!
   »Tsali«, rief eine Frauenstimme energisch. »Aus!« Sofort ließ das Ungetüm von Hannah ab. »In deinen Korb, kleiner Racker.« Eine mollige Dame in einem fließenden, bunt bedruckten Rock und einer hellen Fransenbluse trat durch einen Glasperlenvorhang aus einem angrenzenden Raum.
   Kleiner Racker? Die Frau benötigte definitiv eine Brille, dachte Hannah, während ihre argwöhnischen Blicke zwischen ihr und dem Hund hin und her glitten. Himmel, was für ein Riesenvieh!
   »Entschuldigen Sie bitte. Tsali ist zuweilen etwas stürmisch.« Die Fremde streckte ihr eine Hand entgegen. »Herzlich willkommen im Cottage Garden. Ich bin Tayanita Taylor.«
   Der Händedruck der Frau war warm und fest. »Ich – ähm – das macht nichts«, entgegnete Hannah, obwohl ihr Herz noch immer wild pochte. »Dass der Hund mich so temperamentvoll begrüßt, meine ich.« Aus dem geflochtenen Korb, der am Flurende direkt neben dem Aufgang zu einer Treppe stand, ertönte zustimmendes Winseln, was den Frauen ein Schmunzeln entlockte. »Ich bin Hannah Mulligan.«
   »Möchten Sie sich in aller Ruhe im Souvenirgeschäft umsehen oder darf ich Ihnen ein paar Kostbarkeiten zeigen, Miss Mulligan?« Tayanita machte eine einladende Geste.
   Im Flur roch es verführerisch nach frisch gebrautem Kaffee, Apfelkuchen und Zimtwaffeln. Hannahs Magen gab prompt ein dumpfes Grollen von sich. »Danke, aber eigentlich wollte ich eine Kleinigkeit …« Sie hielt inne, als sie die mystischen Klänge bemerkte, und spähte hinüber in den Laden. »Darf ich?«
   »Aber sicher, gern.« Tayanita schob den Glasperlenvorhang beiseite, damit Hannah durchgehen konnte.
   Überwältigender Duft nach Sandelholz, Vanille, Rosenblättern und wildem Thymian erfüllte das Zimmer, das sie betraten. Ein deckenhohes Holzregal enthielt allerlei Krimskrams, Bücher, Töpfereien, Figürchen und geflochtene Korbwaren. In einer Glasvitrine sah Hannah Edelsteine, Silberschmuck und schillernde Perlenbänder auf dunklem Samt funkeln. Farbenfrohe Teppiche, Gemälde und Drucke schmückten die Wände. Von der Decke hingen mit bunten Federn und glänzenden Perlen besetzte Ornamente. Traumfänger, erinnerte sich Hannah. Sie wandte sich zu Tayanita um. »Was ist das für eine Musik?«
   »Die Rivercane Flöte.« Tayanita nickte. »Die meisten Menschen sind davon fasziniert.«
   Erstmals nahm Hannah bewusst das exotische Aussehen der Fremden wahr. Die amberfarbenen Augen, die hohen Wangenknochen und das schwarze schwere Haar, das den Rücken bis zur Taille hinunterfloss. Die Frau strahlte etwas Warmes und Mütterliches aus, das Hannah sofort anzog. »Sie haben hier viele ausgefallene Dinge.«
   »Das sind Qualla Kunstwerke.« Tayanitas silberne Armreife klirrten, als sie eine ausschweifende Handbewegung machte. »Ich bekomme sie von meinen Leuten oben in den Bergen.«
   Hannah berührte einen der Traumfänger.
   »Gefällt er Ihnen?«
   Behutsam strich Hannah durch die zarten bunten Bänder. »Er ist unglaublich schön.«
   »Ein Traumfänger.«
   Hannah nickte. »Ja, ich kenne sie. Solch ein außergewöhnliches Exemplar habe ich jedoch noch nie gesehen. Er ist wirklich bezaubernd.«
   Tayanita stellte sich auf die Zehenspitzen, um den Fänger vom Haken zu nehmen. Mit einem Lächeln hielt sie ihn Hannah entgegen. »Betrachten Sie ihn in Ruhe. Kennen Sie die Mythologie?«
   »Nicht genau.«
   »Traumfänger werden üblicherweise zwischen Bett und Fenster an der Decke befestigt, um die Träume nachts einzufangen. Die schlechten bleiben an den Knoten der Netze hängen und zerfallen, sobald das Morgenlicht auf sie trifft. Die guten hingegen schlüpfen durch die Löcher und gleiten an den Federn oder Bändern zu den Schlafenden hinab.«
   »Ein schöner Gedanke.« Vielleicht sollte sie dieses Schmuckstück mit nach Charlotte nehmen. Stoff für Albträume hatte sie immerhin mehr als genug.
   »Unsere Leute verstehen noch etwas von der alten indianischen Kunst.« Tayanitas angenehm warme Stimme holte Hannah aus ihren Gedanken.
   »Sie sind Indianerin?« Hannah gab ihr den Traumfänger zurück.
   »Geboren und aufgewachsen in Piney Grove im Qualla Boundary der Cherokees.« Nicht ohne Stolz hängte Tayanita den Fänger zurück an seinen Haken. Hannahs Blick blieb an ihren bernsteinfarbenen Augen haften. Als ob sie die unausgesprochene Frage geahnt hätte, lachte die Indianerin auf und entblößte dabei eine Reihe ebenmäßiger weißer Zähne. »Ich gebe es zu. Irgendwo unter meinen Vorfahren hält sich eine Weiße versteckt. Ich glaube mich erinnern zu können, dass mein indianischer Ururgroßvater sich meiner Ururgroßmutter väterlicherseits, einer hellhäutigen Südstaatenschönheit aus Louisiana, damals nicht hatte entziehen können.«
   Tayanitas Geständnis zauberte ein flüchtiges Lächeln auf Hannahs Gesicht. Auf einmal fühlte sie sich von all den Geschehnissen des Tages überwältigt. Ihr wurde seltsam leicht im Kopf, die Knie drohten nachzugeben. Ihr Magen, der seit Stunden keine feste Mahlzeit bekommen hatte, gab nochmals ein unüberhörbares Knurren von sich. »Ich würde gern etwas essen.« Schwankte sie oder bildete sie sich das nur ein?
   Tayanita hakte sie rasch unter. »Natürlich. Lassen Sie uns hinüber ins Café gehen. Kommen Sie.« Sie lotste Hannah aus dem Laden durch den Flur und einen Rundbogen hinüber ins Café, das durch den Wintergarten erweitert wurde.
   Ein junger Mann mit Cowboyhut unterzog Hannah im Vorbeigehen einer eingehenden Musterung. Sie war froh, dass Tayanita sie zu einem entfernten Fenstertisch brachte. Auf neugierige Blicke konnte sie im Augenblick gut und gern verzichten.
   »Bitte setzen Sie sich, Hannah.« Tayanita stützte sich auf einer Stuhllehne ab. »Wie wäre es mit einem schönen, feurigen Eintopf? Ich habe einen Bohnen-Maistopf mit Hackfleisch im Crockpot schmoren.«
   »Gern«, sagte Hannah. Ein warmer Eintopf schien ihr in diesem Moment der Himmel auf Erden zu sein. »Und eine Tasse Kaffee bitte, mit Milch und Zucker.«

Wenig später kehrte Tayanita mit einem Tablett und einem warmen Lächeln an ihren Tisch zurück. »So, hier kommt etwas, um Leib und Seele zu wärmen.« Die Suppe dampfte und duftete köstlich. Ebenso der Kaffee. »Lassen Sie es sich schmecken. Bestimmt werden Sie sich gleich besser fühlen.«
   »Dankeschön.« Hannah konnte es kaum erwarten, ein Stück von dem kross gebackenen, noch ofenwarmen Brot, das Tayanita dazugelegt hatte, in den Eintopf zu tunken. »Es riecht einfach wunderbar.« Sie bemerkte, wie Tayanita zögerte.
   »Darf ich mich einen Augenblick zu Ihnen setzen, Miss Mulligan?«
   »Bitte.« Mit einem Nicken lud sie Tayanita ein. Sie hätte lieber allein gegessen, aber die Frau war so freundlich, dass sie es nicht übers Herz brachte, ihr diese Bitte abzuschlagen. »Nennen Sie mich Hannah«, bat sie, während sie den Löffel in die Suppe tauchte. Früher oder später würde sie sowieso wieder ihren Mädchennamen McBride annehmen. Spätestens, wenn sie und Shane geschieden waren.
   Tayanita musterte sie freundlich. »Wo kommen Sie her, Hannah?«
   »Ohio.« Der Eintopf war ein Gedicht. Hannah wünschte, sie könnte solche leckeren Gerichte zaubern. Kochen zählte nicht gerade zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Viel lieber versorgte sie blutende Platzwunden oder legte Infusionen …
   »Ein langer Weg.«
   »Hm.« Langsam fühlte Hannah ihre Lebensgeister zurückkehren.
   »Ich hoffe, Sie halten mich nicht für unerträglich neugierig.« Tayanita schenkte ihr ein entschuldigendes Lächeln. »Sie interessieren mich, Hannah. Was hat Sie nach Willow Creek verschlagen?«
   Hannah griff nach ihrer Serviette, um sich die Mundwinkel abzutupfen. Sie lachte leise, aber es war ein freudloses Lachen. »Ich bin eher unfreiwillig hier.« Sie hoffte, dass es nicht unhöflich klang. »Eigentlich bin ich auf dem Weg nach Charlotte. Ich brauchte dringend eine Pause und habe mich auf die Suche nach einem Café gemacht.«
   »Und da sind Sie hier gelandet? Da haben Sie sich aber mächtig verfahren.«
   Hannah brach ein Stück von dem knusprigen Baguette ab, zupfte an dem luftigen Teig und seufzte. »Zu allem Überfluss bin ich auch noch in einen Unfall verwickelt worden. Ich muss wohl geträumt haben.«
   »Wo ist das passiert? Auf der Main Street um die Ecke?«
   Hannah nickte abwesend, während sie das Brot weiter zerpflückte. Sie dachte an den arroganten Mann mit den verwirrenden grauen Augen.
   »Dann sind Sie das also gewesen. Sind Sie in Ordnung? Und dem Besitzer des anderen Wagens – ihm ist nichts passiert?«
   Hannah hob den Kopf. Irgendetwas in der Stimme der anderen Frau – ein winziger Anflug von Sorge oder Aufregung – irritierte sie. »Es geht mir gut«, erwiderte sie. »Und dem anderen Fahrer ebenfalls. Es ist zum Glück nur ein Blechschaden entstanden.« Der allerdings ihren Wagen außer Gefecht gesetzt hatte. Mit einem Mal fühlte sie sich elend. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Rasch senkte sie die Lider.
   »Sind Sie sicher, dass es Ihnen an nichts fehlt? Wir haben hier in der Stadt einen sehr netten Arzt, Doc Bailey. Vielleicht sollten Sie sich untersuchen lassen.«
   »Das ist wirklich nicht nötig. Ich hatte nur einen schweren Tag«, entgegnete Hannah leise. Einen schrecklichen, furchtbaren Tag, den sie ihr Leben lang wohl nicht mehr vergessen würde. Sie versuchte ein Lächeln, was ziemlich misslang. »Dummerweise lässt mein Wagen mich jetzt auch noch im Stich. Er springt nicht mehr an und wurde deshalb zu Joe’s Werkstatt geschleppt.«
   Tayanita forschte in ihrem Gesicht. Dann erhob sie sich. »Ruhen Sie sich erst einmal aus. Genießen Sie Ihr Essen. Wenn Sie etwas brauchen, lassen Sie es mich wissen.« Im Weggehen berührte sie flüchtig Hannahs Schulter.
   Hannah blickte ihr hinterher. Wenn sie nicht grundsätzlich ein Problem damit hätte, sich Fremden gegenüber vorbehaltlos zu öffnen, hätte sie dieser Frau bestimmt ihr Herz ausgeschüttet. Die Indianerin besaß etwas Vertrauenerweckendes. Hannah fühlte sich in ihrer Gegenwart wohl. Während sie ihren Eintopf löffelte und am Kaffee nippte, genoss sie es, dem beruhigenden Klappern von Geschirr, das aus der Küche drang, zuzuhören. Langsam fiel etwas von der Anspannung der letzten Stunden von ihr ab.

6. Kapitel

Sam setzte leise fluchend den Blinker, um auf die Interstate sechsundzwanzig nach Osten zu wechseln. Wenn er ein wenig aufs Gaspedal drückte, würde er bald in Spartanburg sein. Wenn auch mit zweistündiger Verspätung. Er hoffte, dass sein Geschäftspartner Verständnis hatte. Sam würde sich mächtig ärgern, wenn der Termin platzen sollte, oder Dan ihm den Hengst letzten Endes doch nicht verkaufte. Solch ein reinrassiges Tier mit edlem Stammbaum eignete sich hervorragend für seine Zucht.
   Sams Gedanken schweiften ab zu der dunkelhaarigen jungen Frau, die ihm sein Heck ruiniert und die er aufgrund ihres burschikosen Äußeren zunächst für einen Kerl gehalten hatte. Wie konnte man sich als Frau derart verunstalten? Seine Mundwinkel verzogen sich nach unten. Das Haar trug sie kurz geschnitten und ohne jegliche Raffinesse frisiert, ihre weiblichen Kurven unter einem weiten karierten Hemd versteckt. Erst ein Blick in ihre seegrünen Augen, die von langen dichten Wimpern gesäumt waren, und einen zweiten auf ihren etwas zu breit geratenen, aber durchaus schön geschwungenen Mund, hatten keinen Zweifel daran gelassen, dass er es hier nicht mit einem Mann, sondern einer Frau zu tun hatte. Einer ziemlich störrischen wohlgemerkt. Sam war sich dessen bewusst, dass er sich ihr gegenüber nicht von seiner besten Seite präsentiert hatte. Aber diese Dame hatte ihn mit ihrer kratzbürstigen Art derart gereizt, dass er darauf nicht anders zu reagieren gewusst hatte als mit kühler Ironie.
   Sein Handy klingelte. Es war Gloria Turner. Willow Creeks derzeit ambitionierteste und deshalb auch erfolgreichste Maklerin. Sie hatte Maggie und ihm Green Acres vermittelt und eine deftige Provision dafür kassiert. Eine clevere Geschäftsfrau und dazu ohne Zweifel ein Hingucker. Genau der Typ, auf den die Männer flogen. Platinblond und schlank, mit einem gewinnenden Zahnpastalächeln und einem Körper zum Niederknien gesegnet. Maggie hatte sie nie leiden können, obwohl Gloria immer wieder versucht hatte, sich ihr freundschaftlich zu nähern. Hinter all dem Geglitzer und freundlichem Getue verbirgt sich eine Schlange, Sam, hatte sie immer wieder betont. Ich traue ihr nicht. Sam hatte gelacht und seine Frau damit geneckt, dass sie nur eifersüchtig sei. Auch wenn er Gloria durchaus attraktiv fand – er war schließlich nicht blind –, so hätte er jederzeit Maggies stillen Liebreiz der auffälligen Schönheit Gloria Turners vorgezogen. Sie war Verlockung und Sünde auf zwei endlos langen, ansehnlichen Beinen. Mancher Zeitgenosse hielt Gloria für oberflächlich. Sam ahnte jedoch, dass sich hinter dem spektakulären Äußeren eine verletzliche Seele verbarg.
   »Sam, ich hörte von dem Zwischenfall auf der Main Street.« Glorias gurrende Stimme riss ihn aus seinen Betrachtungen. »Ist dir etwas geschehen?« Besorgnis schwang in ihren Worten mit.
   Woher sie das nun wieder erfahren hatte? Sam klemmte sich sein Telefon zwischen Kinn und Schulter und stellte die Scheibenwischer ab, die quietschend über das inzwischen trockene Glas der Windschutzscheibe schrammten. Zum Glück hatte sich das Gewitter verzogen und der Regen aufgehört. »Natürlich ist mit mir alles okay«, erwiderte er eine Spur zu barsch. Manchmal ging es ihm fürchterlich auf die Nerven, wie rasend schnell sich Neuigkeiten in dem kleinen Städtchen verbreiteten. Mitunter kam es ihm vor, als würde er sein Leben hinter einer verdammten Glasscheibe verbringen.
   »Oh. Dann bitte ich vielmals um Entschuldigung.« Glorias Stimme kühlte merklich ab. »Ich war lediglich besorgt.«
   Postwendend beschlich Sam das schlechte Gewissen. »Nett von dir«, lenkte er ein. »Ich weiß es zu schätzen. Aber es ist nichts weiter passiert. Nur ein harmloser Blechschaden.«
   »Ah. Dann hatte Violet recht.«
   Violet also. Das hätte er sich denken können. Es gab nichts, was Violet Hunters scharfer Beobachtungsgabe entging. Sie sah und hörte einfach alles. Wer sich nach dem neuesten Klatsch und Tratsch sehnte, war in Violet‘s Krämerladen auf der Main Street bestens aufgehoben. Besonders hilfreich war natürlich die Tatsache, dass Violet durch das große Schaufenster ihres Ladens den perfekten Überblick behielt.
   »Ich dachte, ich frage trotzdem nach«, fuhr Gloria fort. »Nur um sicherzugehen.«
   »Danke. Du kannst jedoch völlig beruhigt sein. Mir wurde kein Haar gekrümmt. Und die Unfallverursacherin ist ebenfalls unverletzt. Es geht ihr gut.« Obwohl er sich nicht sicher war, was ihren Geisteszustand betraf, dachte Sam in einem Anflug von Zynismus. Er warf einen raschen Blick auf seine Rolex. »Hör zu, Gloria, ich habe es eilig. Wir sprechen ein anderes Mal, in Ordnung?«
   »Natürlich, mein Lieber. Übermorgen auf einen Kaffee im Cottage Garden?«
   »Ich will’s versuchen.« Sam passierte die Brücke, an der die Interstate den Asheville Highway kreuzte. Ausfahrt Inman. Noch rund zwanzig Minuten.
   »Wunderbar.« Gloria klang höchst zufrieden. »Ich sehe dich dann.«
   Er klappte das Handy zusammen und ließ es zurück in die Jackentasche gleiten, unsicher, ob er sich über Glorias Anteilnahme freuen oder ärgern sollte. Sie war aufmerksam und liebevoll, immer um sein Wohl bedacht. Oft tauchte sie überraschend mit einem selbst gebackenen Kuchen oder einem Auflauf vor seiner Tür auf, die er meistens heimlich entsorgte, denn sie war definitiv nicht die begnadetste Köchin. Regelmäßig rief sie an, um zu hören, was er so machte. Gelegentlich überredete sie ihn auf ein Schwätzchen und einen Kaffee im Cottage Garden, was er zu seinem eigenen Erstaunen genoss. Ihm war klar, dass sich Gloria Turner mehr von ihm erhoffte als hin und wieder ein nettes Gespräch bei einer Tasse Kaffee. Er mochte sie, ja. Sie war eine schöne, interessante Frau, eine kluge, amüsante Gesprächspartnerin. Zuweilen gelang es ihr sogar, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Vielleicht hatte sie in der Wahl ihrer Kleidung nicht immer ein glückliches Händchen – in Sams Augen dürfte es ruhig dezenter sein – aber darüber könnte er hinwegsehen. Mit Gloria an seiner Seite würde es sicherlich nie langweilig werden. Der alte Sam Parker wäre einem kleinen vergnüglichen Abenteuer nicht abgeneigt gewesen. Er war früher beileibe kein Kostverächter. Doch das war, bevor Maggie Cavendish in sein Leben trat. Er wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihn für alle anderen Frauen verdorben hatte. Maggie hätte entsetzt die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wüsste sie vom freundschaftlichen Umgang ihres Mannes mit Gloria Turner. Eine Beziehung mit Gloria wäre Sam wie ein Verrat an seiner toten Frau vorgekommen. Vielleicht war er aber einfach noch nicht bereit, sich auf jemanden einzulassen. Vielleicht würde er nie wieder dazu bereit sein. Vielleicht, dachte Sam grimmig, hatte er es nicht verdient, jemals wieder glücklich zu sein. Die Muskeln in seinem Kiefer arbeiteten, während er einen Gang herunterschaltete, um den dahinkriechenden U-Haul Van zu überholen, der ihn schon seit geraumer Zeit gehörig nervte.

*

»Hat es Ihnen geschmeckt? Kann ich Ihnen noch etwas bringen?« Tayanita blickte Hannah erwartungsvoll an.
   »Es war ausgezeichnet, aber ich bin wirklich satt.«
   »Schön. Das freut mich.« Tayanita schob das Tablett, das sie unter einen Arm geklemmt hielt, auf den Tisch und begann das Geschirr abzuräumen. »Was haben Sie jetzt vor?«
   Leise seufzend zuckte Hannah mit den Achseln. »Am liebsten würde ich sofort weiter. In der Werkstatt sagte man mir aber, dass es ein, zwei Tage dauern könnte, bis die Ersatzteile für die Reparatur meines Wagens eintreffen.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so schwierig sein soll, die passenden Teile zu beschaffen.«
   Tayanitas Lippen verzogen sich zu einem Schmunzeln. »Tja, die Uhren ticken hier langsamer. Da braucht man mitunter ein wenig Geduld.«
   Hatte sie etwas in der Art nicht schon aus einem anderen Mund gehört? Hannah faltete ihre Serviette zusammen. »Sagen Sie, Tayanita, gibt es im Ort ein Motel oder eine kleine Pension, die Sie mir empfehlen könnten?«
   »Warum bleiben Sie nicht hier?«
   »Hier?« Irritiert hob Hannah die Brauen.
   »Im ersten Stock steht ein Apartment leer. Es wäre schön, wenn dort wieder einmal jemand übernachtet. Wir müssten nur rasch durchlüften. Das Bett ist im Nu bezogen.« Tayanita nahm das Tablett auf. »Kommen Sie, tun Sie mir den Gefallen. Ich würde mich freuen. Falls es Ihnen nicht zusagt, können Sie sich morgen etwas anderes suchen.«
   Wenn sie annähme, würde es ihr zumindest die lästige Sucherei nach einer Übernachtungsmöglichkeit ersparen, überlegte Hannah. »Ich nehme das Angebot gern an«, erwiderte sie kurz entschlossen. Diese Frau mit den indianischen Wurzeln schien der Himmel geschickt zu haben.
   »Fein.« Über Tayanitas Gesicht glitt ein Ausdruck der Zufriedenheit. »Ich bringe das Geschirr in die Küche, dann zeige ich Ihnen die Wohnung.«

»Die Luft wird wahrscheinlich ein wenig abgestanden sein«, entschuldigte sich Tayanita mit einem Blick über die Schulter. »Ich hatte schon lange keine Übernachtungsgäste mehr.«
   »Wohnen Sie selbst ebenfalls im Haus?« Hannah schlängelte sich hinter Tayanita die engen Stiegen empor.
   »Nein. Mein Reich ist ein Wohnwagen, etwas außerhalb von Willow Creek. Ganz im Grünen, am Waldrand auf einem Hügel, von dem aus ich das ganze Land bis hin zu den Bergen überblicken kann. Ein herrliches Plätzchen.«
   Das passte zu ihr. Hannah war ein wenig mulmig zumute bei dem Gedanken, nachts die einzige Bewohnerin dieses Gebäudes zu sein. Oben angekommen atmete sie auf, als sie feststellte, dass vom Flur noch eine weitere Tür abging.
   Tayanita knipste ein Licht an und deutete auf eine der Türen, die im oberen Drittel mit einem farbigen Glaseinsatz verziert war. »Da wären wir.«
   »Wunderschön«, meinte Hannah. »Ich liebe Tiffanyglas.«
   »Ja, es ist bezaubernd, nicht wahr?« Tayanita zog einen Schlüsselbund aus ihrer Schürzentasche hervor.
   »Wer oder was versteckt sich hinter der Tür am anderen Ende des Flurs?«
   Tayanita lachte, während sie die Schlüssel sortierte. »Dahinter verbirgt sich nur eine unspektakuläre Rumpelkammer. Ein Speicher. Dort lagern wir alles, was wir nicht mehr, niemals oder vielleicht irgendwann doch noch einmal brauchen.«
   »Aha.« Hannah fiel in ihr Lachen ein, obwohl ihr ein weiterer Mitbewohner willkommener gewesen wäre.
   Tayanita hatte endlich den passenden Schlüssel gefunden. Sie öffnete und ließ Hannah in ein viereckiges Entree eintreten. Durch eine Glaskuppel an der Decke fiel helles Licht. Sie gab den Blick direkt in den Himmel frei. »Dieses Fenster hat der ehemalige Besitzer einbauen lassen. Er liebte das Tageslicht«, erklärte Tayanita. »Er war – ist«, verbesserte sie sich rasch, »ein Maler. Im Erdgeschoss, wo sich heute das Café und der Souvenirladen befinden, betrieb er seine Galerie.«
   »Warum ist er von hier fort? Das Gebäude scheint mir ideal für einen Künstler zu sein.«
   »Dem kann ich nur zustimmen. Das Haus besitzt etwas Besonderes. Es bietet alles, was sich ein kreativer Mensch wünschen kann. Licht, Platz, Atmosphäre und Rückzugsmöglichkeiten. Stauraum nicht zu vergessen«, fügte Tayanita schmunzelnd hinzu. »Was George allerdings betrifft«, sie zuckte mit einer Schulter, »er zog es vor, sein Glück in Tryon zu suchen. Dort, wo es früher oder später alle Künstler hinzieht.«
   George also. Der Gedanke an ihn schien die Cherokee zu berühren. Hannah glaubte, etwas in Tayanitas Augen aufflackern zu sehen. Die leise Andeutung von Sehnsucht. Oder war es Schmerz? Trauer? »Und Sie haben das Haus übernommen, als es frei wurde?«
   »Mir kam die Idee, ein Geschäft zu eröffnen, in dem ich die Sachen meiner Leute verkaufen könnte, und meine Mitarbeiterin Sylvia schlug vor, den Raum mit Wintergarten als Café zu nutzen.«
   »Warum wohnen Sie nicht hier?«
   Tayanita ließ den schweren Schlüsselbund zurück in ihre Schürzentasche gleiten. »Das habe ich tatsächlich. Für eine Weile.« Ein Schatten flog über ihr Gesicht, doch dann lächelte sie wieder. »Jetzt genieße ich es, draußen auf dem Land zu leben. Kommen Sie, Hannah. Ich zeige Ihnen den Rest der Wohnung.«
   Sie führte Hannah durch ein hellblau gefliestes, unspektakuläres Badezimmer, eine winzige Küche, ausgestattet mit einer Kochzeile, und einen hellen freundlichen Raum, der groß genug schien, um darin einen Tanztee zu veranstalten.
   Eine bequeme Sofaecke sowie ein blank gescheuerter Holztisch mit passenden Stühlen luden zum Sitzen ein. Ringsum an den Wänden waren Regale angebracht, die jede Menge Bücher enthielten. Orangefarbene Chenillevorhänge links und rechts der geteilten Fenster wiederholten die Farbe des dicken Baumwollteppichs, der zum Teil den glänzenden Parkettboden verdeckte. Hinter einem Vorhang aus bunt schimmernden Glasperlen verbarg sich ein weiterer Raum: das Schlafzimmer. Überschaubar, aber komplett mit Einbauschrank, französischem Bett aus weiß lackiertem Metall und einem Nachtschränkchen versehen. Jenseits des Fensters neben dem Bett streckte eine knorrige Eiche ihre grün beblätterten Äste aus.
   »Es ist sehr hübsch hier. Gemütlich.« Hannah drehte sich mit einem Lächeln zu Tayanita um. »Ich werde mich hier sicher wohlfühlen.«
   »Prima.« Tayanita schob eine Schranktür beiseite, um einen Stapel cremefarbene Frotteehandtücher sowie gestärkte Bettwäsche herauszuholen. »Ich nehme an, Sie haben keine Handtücher dabei?«
   »Nein. Aber bitte lassen Sie nur, ich mache das schon«, wandte Hannah ein und wollte Tayanita die Bettwäsche abnehmen.
   »Ist schon gut. Ich mache das gern.« Die Indianerin drückte ihr stattdessen die Handtücher in die Arme. »Würden Sie in einem Motel übernachten, wäre das Bett auch gemacht.« Mit geübten Handgriffen bezog sie flink Matratze und Bettdecke, stülpte einen geblümten Bezug über das Kopfkissen und schüttelte anschließend die Decken auf. Zufrieden betrachtete sie ihr Werk.
   »Danke. Ich bin wirklich froh, dass ich nicht mehr nach einer Bleibe suchen muss.« Hannah sehnte sich danach, in die weichen Laken zu sinken.
   »Ich lasse Sie jetzt allein«, sagte Tayanita. »Sicher sind Sie erschöpft und möchten sich gern ausruhen. Wenn Sie morgen in aller Frühe Geräusche hören sollten, wundern Sie sich nicht. Sylvia kommt so gegen sieben Uhr ins Café, um zu backen und zu kochen. Ich hoffe, das stört Sie nicht.«
   Hannah versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken. »Ich werde bestimmt wie ein Murmeltier schlafen. Danke.«
   »Wenn noch etwas sein sollte, finden Sie mich entweder im Café oder im Laden. Ach, und natürlich können Sie unsere Küche unten jederzeit mitbenutzen, Hannah. Ehrlich gesagt sind die Schränke in der kleinen Kochzeile hier fast leer. Scheuen Sie sich nicht, kommen Sie herunter und nehmen Sie Ihre Mahlzeiten bei uns ein.«
   »Das mache ich gern.« Hannah begleitete Tayanita zur Tür. Anschließend entkleidete sie sich im Schlafzimmer bis auf BH und Slip und schlüpfte zwischen die glatten, nach Lavendel duftenden Laken. Kaum hatte sie sich in die weiche Decke gekuschelt, war sie auch schon eingeschlafen.

*

Tayanita schloss behutsam die Tür hinter sich. In Gedanken weilte sie schon längst nicht mehr bei der jungen Frau mit den melancholischen grünen Augen, die heute Abend in dem Bett liegen würde, das sie einst mit George geteilt hatte. Ein wehmütiges Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie die Stufen hinabstieg. George McKenzie. Sie beschwor sein Bild herauf. Seine große schlanke Gestalt, die sehnigen Arme und seine braunen Augen, die sie immer an die Farbe von Hersheys Schokolade erinnerten. Seine langen, feingliedrigen Hände, die unglaubliche, wunderbare Kunstwerke schufen, und die unendlich zärtlich sein konnten. Sie erinnerte sich an seinen herben, warmen Duft. Schmerzliche Sehnsucht überwältigte sie.
   Als sie vor wenigen Augenblicken mit Hannah durch die Wohnung gegangen war, hatte sie seine Gegenwart so deutlich gespürt, als stünde er neben ihnen. Sie wusste, dass die Entscheidung, die sie getroffen hatten, zu jenem Zeitpunkt richtig gewesen war. Dennoch wünschte sie manchmal, die Dinge würden anders liegen. Doch so verhielt es sich nun einmal im Leben. Das, was man sich wünschte, wonach man sich sehnte, wurde einem leider nicht auf einem Silbertablett präsentiert. Vielmehr galt es, ständig Herausforderungen und Prüfungen zu bestehen, ungewöhnliche und manchmal schwierige Wege zu gehen. Wahrscheinlich, um irgendwann zu der Erkenntnis zu gelangen, dass Glück und Erfüllung nicht dort warteten, wo man sie vermutete, sondern ganz woanders …
   Zurück zu Hannah Mulligan. Tayanita konnte sehen, dass die junge Frau etwas quälte. Etwas Dunkles lastete auf ihren Schultern, das sie zu bewältigen versuchte. Hannah tat ihr leid, und sie wünschte, sie könnte ihr auf irgendeine Weise helfen. Für den Moment jedoch schien alles, was sie ihr anbieten konnte, ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit zu sein. Mitunter war dies allerdings nicht weniger wert als ein guter Rat oder eine liebevolle Geste.
   Unten am Treppenabsatz wartete Tsali schwanzwedelnd mit vorwurfsvollem Blick aus dunklen Augen. Tayanita legte sanft ihre Hand auf den seidigen Kopf des Hundes.
   »Du bist hungrig, nicht wahr? Ich habe in dem ganzen Trubel vergessen, mich um dein Essen zu kümmern.«
   Wie zur Bekräftigung stupste Tsali mit der Schnauze an ihre Hand.
   »Na komm. Lass uns mal sehen, was wir auftreiben können.«
   Tsali trottete mit Tayanita im Schlepptau in die Küche, wo sie sich erwartungsvoll vor dem Küchenschrank niederließ. Tayanita suchte eine Dose Hundefutter aus, öffnete sie und füllte das Fleisch in Tsalis sonnengelbe Keramikschüssel.
   »Hier, meine Gute.« Liebevoll tätschelte sie Tsalis Flanke, bevor sie den Napf auf den hellen Natursteinfliesen abstellte. »Ich frage mich, was unserem Gast da oben wohl zugestoßen sein mag. Was meinst du?«
   Tsali sah kurz zu ihrer Herrin auf, schüttelte unwillig den Kopf und wandte ihre Aufmerksamkeit dem Futter zu, das so verführerisch duftete.

7. Kapitel

Schweißgebadet und mit hämmerndem Herzen schreckte Hannah hoch. Sie hatte geträumt. Irgendetwas von wilden Wölfen, die sie zähnefletschend durch dichtes Waldgestrüpp gejagt hatten. Sie fuhr mit dem Handrücken über ihre klamme Stirn und schwang die nackten Beine über die Bettkante.
   Inzwischen war es dunkel im Zimmer, dunkel und stickig. Sie trat ans Fenster, um es hochzuschieben. Die hereinströmende kühle Luft prickelte auf ihrer nackten Haut. Zwischen den dunklen Blättern der Eiche glitzerten Sterne, und der Mond schwebte als runder, gelb leuchtender Ballon über der Bergkette der Appalachen. Während Hannah mit brennenden Augen in die Nacht starrte, überfiel sie schreckliche Einsamkeit. Voller Sehnsucht dachte sie an Ellie. Wie gern wäre sie jetzt bei ihr. Hoffentlich würde sie ihre Großmutter morgen erreichen. Sie konnte es nicht erwarten, die liebe Stimme zu hören. Ein Gefühl der Beklemmung beschlich sie, als ihre Gedanken zu Shane wanderten. Shane, vor dem sie sich plötzlich fürchtete. Daher wohl der Albtraum mit den Wölfen. Sie hatte Angst, dass er sie aufspürte. Dass er versuchen würde, sie zurückzuholen. Aber das war ausgeschlossen. Er konnte unmöglich wissen, dass es sie in dieses Nest verschlagen hatte. Sie war in Sicherheit. Eine Hand auf ihre Brust pressend, zwang sie sich, tief durchzuatmen. Nach einer Weile schloss sie das Fenster und schlüpfte wieder ins Bett.
   Sie erinnerte sich daran, wie sie Shane kennengelernt hatte. An jenem Tag saß sie in der Mittagspause in der Krankenhauscafeteria des Charlotte Memorial, wo sie als Schwester in der Notaufnahme arbeitete, vor einem Buch und knabberte gedankenverloren an ihrem Caesar Salad. Shane, der am Nachbartisch saß, hatte ihr zugezwinkert, was sie erröten und ihre Nase rasch wieder in die Buchseiten stecken ließ. Doch es wollte ihr nicht mehr gelingen, sich auf den Roman zu konzentrieren. Immer wieder wagte sie einen verstohlenen Blick in seine Richtung. Natürlich ertappte er sie dabei und es kam, wie es kommen musste. Mit einem amüsierten Schmunzeln erhob er sich. Du hast sicher nichts dagegen, wenn ich mich zu dir setze, hatte er gesagt. Ihr schlug das Herz bis zum Hals. Unverschämt gut sah er aus. Wenn er lächelte, tanzte auf seiner rechten Wange ein Grübchen. Seine blauen Augen blitzten sie herausfordernd an. Die leicht gewellten rotblonden Haare, die bis zu den Schultern reichten, seine abgetragene Lederjacke und die bunten Stoff- und Lederbänder um seine Handgelenke ließen ihn verwegen wirken. Ihr fiel auf, dass sein linker Fuß in einem frischen Gips steckte, der noch in jungfräulichem Weiß strahlte. Shanes witzige, freche Art und die charmante Lässigkeit schlugen sie vom ersten Moment an in seinen Bann. Dieser Kerl mit irischen Wurzeln, der so anders schien als die wohlerzogenen Männer, mit denen sie bisher ausgegangen war, brachte ihr geordnetes Leben gehörig durcheinander. Ursprünglich Schreiner, hatte er seinen Beruf an den Nagel gehängt, um mit seiner Rockband, den Twisted Souls, auf Tournee zu gehen. Die Gruppe hatte bislang nur auf den kleinen Bühnen Ohios gespielt und hoffte nun, auch außerhalb des Bundesstaats bekannt zu werden.
   An jenem Tag, als Shane Mulligan sich ungefragt zu ihr an den Tisch setzte und von ihrer Cola trank, fasste Hannah, die normalerweise jede Entscheidung gründlich überdachte und stets das Für und Wider sorgfältig abwägte, völlig untypisch einen spontanen Entschluss. Ihn wollte sie und keinen anderen. Mit einer Kollegin besuchte sie sein Konzert in der Tremont Music Hall, verliebte sich in seine Stimme und in ihn. Vier Wochen später packte sie ihr Hab und Gut, um ihm nach Marietta zu folgen, und brach ihrer Großmutter damit das Herz. Shane versprach Hannah all die Dinge, die sie sich wünschte. Ein schönes Heim, eine Familie. Eine sichere Zukunft. Die ersten Jahre führten sie ein glückliches Leben. Hannah fand rasch Arbeit. Zunächst als Aushilfe in einer Arztpraxis, dann bei Walgreens in der Apotheke. Shane ging regelmäßig mit seinen Jungs auf Tournee. Alles schien gut zu laufen. Doch irgendwann änderte sich Shanes Laune, er wurde missmutig, griff immer häufiger zur Flasche. Wenn Hannah ihn um etwas bat oder den Wunsch nach einem Kind äußerte, vertröstete er sie, murmelte etwas von momentanen Engpässen und Rückschlägen.
   Als es mit der Trinkerei schlimmer wurde, versuchte sie, seine Mutter Bernice auf ihre Seite zu ziehen. Doch die winkte nur lachend ab und murmelte, es sei lediglich eine Phase, die ihr Sohn durchmachte wie andere Männer auch. Hannah fand es zunehmend schwerer, ein vernünftiges Gespräch mit ihm zu führen. Er schien in seine eigene Welt abzudriften, zog sich mehr und mehr zurück. Abweisend wurde er, kalt und ungerecht. Fast jeden Nachmittag verschwand er wortlos und kehrte meist erst am frühen Morgen angetrunken zurück. Wenn sie sich auf den Weg zur Arbeit machte, schlief er auf dem Sofa im Wohnzimmer seinen Rausch aus. Langsam dämmerte ihr, dass sie so nicht weiterleben wollte, aber sie zögerte, ihn zu verlassen. Hatte sie nicht alles für diesen Mann aufgegeben? Alle Brücken hinter sich abgebrochen? Sich mit ihrer Großmutter überworfen? Dem Menschen, der sie mit offenen Armen bei sich aufgenommen hatte, als sie alles verlor. Sie schämte sich, wenn sie jetzt daran dachte. Wie konnte sie ihrer Großmutter nach all den Jahren des Schweigens ins Gesicht blicken? Ihr blieb jedoch keine andere Wahl. Wenn sie ihren inneren Frieden wiederfinden wollte, musste sie Ellie um Verzeihung bitten. Und hoffen, dass die alte Dame das Herz und die Größe besaß, ihrer Enkelin zu vergeben. Hannah griff nach ihrer Armbanduhr auf dem Nachttischchen. Noch ein paar Stunden, dann würde es hell werden und sie könnte Ellie anrufen.

*

Eliza Mitchell, eigentlich Eliza Mae Mitchell, geborene Dubois, summte vor sich hin, während sie den ausladenden Strohhut auf ihre sorgfältig zurechtgemachten Haare setzte. Sie war stolz auf ihre immer noch volle Haarpracht, auch wenn ihr ehemals goldblondes Haar mittlerweile silbergrau schimmerte. Jeden Morgen fasste sie die langen Strähnen zusammen und formte sie sorgfältig zu einem Dutt, den sie mit unzähligen kleinen Nadeln tief an ihrem Hinterkopf befestigte. Noch einmal presste sie die Lippen aufeinander, um den lachsfarbenen Lippenstift zu verteilen. Zufrieden nickte sie ihrem Spiegelbild zu. Ihre hellen Augen blickten wach und lebhaft aus dem herzförmigen Gesicht, dessen ehemalige Schönheit noch immer offensichtlich war. Nicht schlecht für eine alte Schachtel von fünfundsiebzig, dachte sie feixend.
   Erstaunlich, dass sie sich derart lebendig fühlte, war sie doch gestern den ganzen Tag mit ihren Freundinnen vom Bridge Club unterwegs gewesen. Eine der Damen, Agnes Carnegie, hatte ihren achtundsechzigsten Geburtstag – Meine Güte, achtundsechzig! Wie jung das in ihren Ohren klang! – gefeiert und die Gesellschaft auf ihr Anwesen nach Myers Park eingeladen. Im Garten hatten sie im Schatten mächtiger Weiden-Eichen wunderbare Stunden mit Essen, Spielen und kurzweiligem Geplauder verbracht. Eliza war erst kurz vor Mitternacht heimgekehrt, umso verwunderlicher schien es nun, dass sie keinerlei Müdigkeit verspürte. Gut gelaunt griff sie nach ihrer Handtasche sowie der großen Leinentasche mit den vorbereiteten Patchworkstücken, nahm den Schlüsselbund vom Haken und öffnete die Haustür. In diesem Moment klingelte das Telefon in der Küche. Eliza verharrte einen Augenblick, unschlüssig, ob sie das Gespräch entgegennehmen sollte. Sie beschloss, das Läuten zu ignorieren. Wer etwas Wichtiges zu vermelden hatte, würde es erneut versuchen. Wenn sie sich jetzt in ein Gespräch verwickeln lassen würde, käme sie zu spät zu ihrer Handarbeitsgruppe. Die Damen warteten heute besonders gespannt auf Eliza, denn letzte Woche hatte sie versprochen, sie in die Kunst des Quiltens einzuführen.
   Mit dem Quilten hatte sie begonnen, als ihre einzige Tochter und ihr Schwiegersohn tödlich verunglückten, und Eliza sich unvermittelt in der Rolle einer älteren Alleinerziehenden wiederfand. Was ziemlich beängstigend war. Das Erlernen des Nähens und die intensive Beschäftigung mit den bunten weichen Stoffen bewahrte sie davor, zu verzweifeln. Es half ihr, ihre Gedanken zu sortieren und in andere Bahnen zu lenken. Für einige Zeit ließ das Nähen sie sogar den furchtbaren Schmerz vergessen. Im Lauf der Jahre war aus der Beschäftigung, die zunächst nur als Ablenkung gedient hatte, eine lieb gewonnene Leidenschaft geworden. Inzwischen gab Eliza Kurse an der örtlichen Volkshochschule.
   Hannah hatte sich leider nie fürs Quilten interessiert. Das Kind konnte niemals stillsitzen und sich auf etwas konzentrieren, stets war es in Bewegung gewesen. Leise Wehmut zupfte an Elizas Herz, als sie die Tür hinter sich schloss. Sie vermisste Hannah. Sie fehlte ihr. Mehr als sie zugeben wollte. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich wünschte, sie würden einen Weg zurück zueinander finden. Eine Möglichkeit, wieder unbefangen miteinander umzugehen. Schon viel zu lang hatte sie ihre Enkelin nicht mehr gesehen oder von ihr gehört. Seitdem Hannah mit diesem grässlichen jungen Mann aus Ohio auf und davon gestürmt war, herrschte zwischen ihnen Funkstille. Nach wie vor war Eliza davon überzeugt, dass es ein Fehler gewesen war, dass Hannah ihre gut bezahlte und sichere Anstellung im Charlotte Memorial aufgegeben hatte, um mit Shane Mulligan in Marietta ein neues Leben zu beginnen. Ohio. Verächtlich schürzte Eliza die Lippen. Wer in aller Welt ging freiwillig zu den Yankees? Nichts und niemand hatte es jemals fertiggebracht, Eliza Mae Dubois, die einer Familie mit französischen Wurzeln in Charleston entstammte, aus ihrem geliebten Süden zu locken. Um nichts in der Welt hätte sie das gemächlich dahinplätschernde, wunderbare Leben des Südens aufgegeben. Nicht einmal für Peter Mitchell, ihre große und einzige Liebe, der Syracuse sein Zuhause nannte. Ihm hatte sie damals in der Universitätsbibliothek, wo sie an der Bücherausgabe aushalf, unmissverständlich klargemacht, dass es für sie niemals infrage käme, ihre Heimat zu verlassen, um in den kalten Norden zu ziehen. Peter hatte sich rettungslos in die zierliche energische Frau, die ganz genau wusste, was sie wollte, verliebt. Da er sich in den Kopf gesetzt hatte, sein Leben mit Eliza Mae und keiner anderen zu verbringen, blieb ihm daher nichts anderes übrig, als Syracuse, New York, den Rücken zu kehren.
   In Charlotte, wo er bis zu seinem allzu frühen Tod eine Tierarztpraxis betrieben hatte, kaufte er in der Dilworth Road für sich und seine junge Frau ein prachtvolles Anwesen. Fairview House. Es war das Haus, in dem Eliza Holly Jane aufgezogen hatte. Das Haus, in dem Holly und Matthew geheiratet hatten und wo Eliza heute noch lebte, auch wenn es für sie allein inzwischen viel zu groß schien. Hannah hatte anscheinend kein Problem damit gehabt, dies alles aufzugeben, stellte Eliza wieder einmal bedrückt fest. Sie hatte diesen Schritt, der so überraschend gekommen war, nie verstehen können. Hannah war doch glücklich mit ihr in Fairview gewesen. Oder nicht? Mit einem tiefen Seufzen schritt sie über den säuberlich gerechten Kiesweg zur Garage. Per Fernbedienung öffnete sie das Tor, schloss den Wagen auf und schlüpfte hinter das Steuer ihrer Limousine. Als sie den Schlüssel ins Zündschloss steckte, schüttelte sie die trüben Gedanken ab. Sie war kein Mensch, der viel grübelte. Sie packte die Dinge gern am Schopf. Und Dinge, die sie nicht ändern konnte, wurden akzeptiert. Die Sonne schien von einem ungetrübten Himmel, der sich an diesem Morgen wieder einmal in seinem schönsten Carolina-Blau präsentierte. Eliza legte den Rückwärtsgang ein. Sie freute sich auf ihre Handarbeitsgruppe.

*

Tayanita füllte den blauen Emaille-Teekessel mit Wasser und stellte ihn auf den Herd. Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, spähte sie durch das Küchenfenster ihres Wohnwagens nach draußen. Hinter den dunklen Hügeln färbte sich der Himmel blassgolden. Die ersten Sonnenstrahlen stahlen sich durch das Laub der Bäume und ließen Tau auf Gräsern und Blättern glitzern. Ein Bussard kreiste über den Wipfeln des Buchenwalds, der hinter der Weide lag, auf der Brickmans Rinder grasten. Tayanita betrachtete es als Glück, dieses Plätzchen Erde gefunden zu haben, und wieder einmal sandte sie ein stilles Dankesgebet an den alten Farmer, der sie unentgeltlich auf seinem Grund und Boden wohnen ließ. Tsali kam herbeigetrottet, rollte sich auf dem abgetretenen bunten Baumwollteppich zu ihren Füßen ein und grunzte zufrieden.
   Tayanita hatte ein schönes, ruhiges und erfülltes Leben, das sie so führen konnte, wie es ihr gefiel. Sie dachte an George, und ein sehnsüchtiges Prickeln stieg in ihr hoch. Einen flüchtigen Moment lang stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn er hier an ihrer Seite lebte. Ein schrilles hohes Pfeifen verscheuchte dieses Bild. Das Wasser kochte blubbernd. Tayanita nahm den Kessel von der Platte und brühte ihren Süßgrastee auf. Ihre Gedanken wanderten zu der jungen Frau, die in ihrem Apartment über dem Cottage Garden übernachtet hatte. Es kam ihr fast vor, als ob sich Hannah Mulligan auf der Flucht befände. Doch vor was, oder besser gesagt, vor wem? Ob sie Ärger mit der Polizei hatte? Das konnte sich Tayanita nicht vorstellen. Etwas Gehetztes lag in Hannahs Blick, sie wirkte nervös, aufgewühlt und traurig. Auch wenn sie sich bemühte, gefasst zu erscheinen, Tayanita war das unsichere Flackern in den schönen grünen Augen nicht verborgen geblieben. Sie ahnte, dass sich Hannah danach sehnte, sich ihr zu öffnen. Doch dafür kannten sie einander nicht lang genug. Hannah Mulligan schien nicht der Mensch zu sein, der Fremden auf Anhieb vertraute. Vielleicht würde sie das irgendwann tun – wenn sie länger in Willow Creek blieb. Tayanita fragte sich, warum Hannah in ihr Leben getreten war. Sie war überzeugt davon, dass alle Dinge magisch miteinander verwoben waren und nichts ohne Grund geschah. Während sie vorsichtig an ihrem heißen Getränk nippte, überlegte sie, was es mit Hannah Mulligan auf sich hatte und warum sie ihr über den Weg gelaufen war. Nun, sie würde es schon herausfinden.
   Die Sonne hatte die Landschaft bereits in sattes goldenes Licht getaucht, als Tayanita ihre Tasse leerte und ins Spülbecken stellte. »Wach auf, Tsali.« Sie bückte sich, um über den warmen Hundekopf zu streicheln. »Lass uns nach Willow Creek aufbrechen und im Café nach dem Rechten sehen.«
   Die dunkle Hündin öffnete ein Auge, blickte zu ihrer Herrin auf und gähnte jaulend. Unwillig schüttelte sie den Kopf.
   »Schlafmütze«, schalt Tayanita sie liebevoll. »Rappel dich auf. Du kannst deine Vierbeinerträume im Cottage Garden weiterspinnen.« An der Tür nahm sie ihre Strickjacke vom Haken, schnappte sich Schlüssel und Tasche. »Komm Tsali, lass uns gehen. Es ist ein herrlicher Tag!«

*

Frustriert klappte Hannah das Telefon zusammen und verstaute es in ihrer Hosentasche. Schon wieder hatte sie Ellie nicht erreichen können. Es war wie verhext. Wo steckte ihre Großmutter nur? Gut, dann würde sie eben erst frühstücken und es später noch einmal probieren, beschloss sie, die Tür ihres Apartments hinter sich zuziehend. Mit Erleichterung stellte sie fest, dass das furchterregende schwarze Ungeheuer diesmal nicht im Flur auf sie lauerte, und deshalb keine Gefahr bestand, von seiner nassen Schnauze abgeküsst zu werden. Tatsächlich schlief die Hündin friedlich zu Tayanitas Füßen an der Theke im Café, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Vorsichtshalber machte Hannah einen Bogen um das Tier. Schließlich wusste man ja nie. Sie hatte keine Erfahrung mit Hunden. Als Kind hatte sie sich sehnsüchtig einen Welpen gewünscht, aber Ellie behagte der Gedanke nicht, jeden Tag mehrmals mit dem Tier Gassi gehen zu müssen. Sie tröstete Hannah stattdessen mit einem Hamster – Mr. Barney. Dieser hatte leider irgendwann den Zaun seines Freigeheges im Garten durchbrochen und sich auf Wanderschaft begeben. Hannah sah ihn niemals wieder.
   »Guten Morgen«, begrüßte sie Tayanita.
   Die Cherokee sah von ihrer Zeitung auf. »Guten Morgen, Hannah. Haben Sie gut geschlafen?«
   »Danke. Wie ein Murmeltier.« Wenn man von den schrecklichen Albträumen mal absah. Hannah erwiderte das Lächeln.
   Tayanita musterte sie freundlich, und Hannah hatte das Gefühl, die Indianerin würde bis auf den Grund ihrer Seele blicken.
   »Ich werde mich mal setzen.« Etwas verlegen deutete sie mit dem Daumen zu einem Tisch am Fenster.
   »Machen Sie das. Sylvia wird sicher gleich bei Ihnen sein.« Tayanita nickte ihr aufmunternd zu, bevor sie sich erneut in ihre Lektüre vertiefte.
   Es roch herrlich nach Waffeln, knusprig gebratenem Schinken und frisch gebrühtem Kaffee. Hannah griff nach der Speisekarte.
   »Willkommen im Cottage Garden.« Kühle himmelblaue Augen fixierten sie durch eine schmale Brille. Sie gehörten zu einer Frau mit weizenblondem Pagenkopf. Ihr Lächeln war nicht warm und herzlich wie das von Tayanita Taylor, sondern eher zurückhaltend und geschäftsmäßig. »Ich bin Sylvia. Was darf ich Ihnen zum Frühstück bringen?« Flink hatte sie Stift und Block gezückt. Die Frau fackelte nicht lange.
   Etwas überrumpelt legte Hannah die Karte beiseite und bestellte kurzerhand Orangensaft, einen Kaffee und Toast. Sie hatte sowieso keinen großen Hunger. Während Sylvia mit ihrer Bestellung in die Küche zurückeilte, ließ Hannah ihren Blick durch den Raum schweifen. Tayanita hatte inzwischen Gesellschaft von einem Mann bekommen. Hannah sah einen breiten Rücken in einer Wildlederjacke und die obligatorischen Cowboystiefel. Diese Art der Schuhmode schien in Willow Creek sehr beliebt zu sein. Als Tayanita laut auflachte und ihren Arm vertraulich um die Taille des Fremden legte, riss sie sich vom Anblick der beiden los. Sie hatte das Gefühl, schon ewig nicht mehr herzhaft gelacht zu haben. Eine Weile beobachtete sie das Treiben auf der Straße. Dann arrangierte sie Zuckerdose und Salzstreuer, rückte den Serviettenständer zurecht und faltete ihre Serviette neu. Warum hatte es mit Shane und ihr so schrecklich enden müssen? Warum war es ihnen nicht gelungen, ihr Glück festzuhalten?
   »Sind Sie nun zufrieden?«
   Hannah zuckte zusammen. Um ein Haar hätte sie den Salzstreuer umgestoßen. Sie begegnete einem spöttischen Blick aus grauen Augen. Hitze stieg in ihre Wangen, als sie erkannte, dass es Sam Parker war, der sie von oben herab musterte. Eine Jacke lässig über die Schulter geworfen, die andere Hand in der Hosentasche vergraben, lächelte er milde. Mit einer Kinnbewegung deutete er auf die Gegenstände auf ihrem Tisch.
   »Ich finde, so kann es bleiben. Das hat was.« Es zuckte um seine Mundwinkel. »Sie scheinen ein Händchen fürs Dekorieren zu haben. Ich bin beeindruckt.«
   Hannah schluckte den patzigen Satz hinunter, der ihr auf der Zunge lag. Sie setzte eine betont gleichgültige Miene auf, auch wenn ihr Herz ungestüm gegen ihre Rippen klopfte. Selten war ihr ein derart unverschämter Mensch untergekommen. »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«, schoss sie kühl zurück.
   »Warum so abweisend? Ich wollte lediglich sehen, wie es Ihnen geht, und fragen, wann der Wagen fertig ist.«
   Eine reizende Art, Besorgnis zu zeigen. »Wieso interessiert Sie das? Schicken Sie mir Ihre Rechnung nach Charlotte an die Adresse, die ich Ihnen aufgeschrieben habe. Sie werden Ihr Geld bekommen.«
   »Es geht mir nicht ums Geld. Es ist reine Höflichkeit, wenn ich mich bei einer in Not geratenen Lady erkundige, wie sie zurechtkommt.«
   Er bezeichnete sich als höflich? Diesmal waren es Hannahs Lippen, die sich spöttisch verzogen. »Ach, nun bin ich also eine Lady? Welch ein Sinneswandel!«
   Sam Parker stützte sich mit einer Hand auf dem Tisch ab und kam ihr dabei so nah, dass sie die kleinen dunklen Pünktchen der Bartstoppeln auf seinen Wangen sehen konnte. Sein grauer Blick durchbohrte sie förmlich. »Wissen Sie was?« Die Muskeln in seinem Kiefer arbeiteten. »Ich denke, es geht Ihnen gut. Sie benötigen keine Hilfe. Und schon gar kein Mitgefühl.« Er richtete sich auf. »Und jetzt entschuldigen Sie mich. Auch wenn ich Ihr außergewöhnliches Talent zum Dekorieren bewundere und gern weiter mit Ihnen plaudern würde. Einige von uns müssen arbeiten.«
   Unter dem Tisch krallte Hannah die Fingernägel in den Stoff ihrer Jeans, während sie dem Kerl nachsah. Oh, sie würde zu gern ihre Hände um seinen Hals legen und zudrücken! Dieser Mann entfachte Gefühle in ihr, die sie noch nie zuvor so verspürt hatte. Er machte sie rasend. Hoffentlich würde sie diesen eingebildeten Fatzke nie wieder zu Gesicht bekommen.
   »Ihr Frühstück. Tut mir leid, dass es ein wenig gedauert hat, aber Sylvia drohten die Muffins im Ofen zu verbrennen, deshalb musste sie erst eine Rettungsaktion starten.« Tayanita erschien mit einem vollen Tablett an ihrem Tisch. Sie brachte Hannah das gewünschte Glas Orangensaft, in dem das Fruchtfleisch schwamm, eine Tasse Kaffee und einen Teller mit zart gebräunten Toastscheiben nebst einem Butterkringel in Form einer Rosenblüte. »Hätten Sie nicht doch Appetit auf etwas mehr? Kross gebackenen Schinken, Waffeln mit Sirup oder Rührei?«
   »Danke. Aber nein.« Hannah schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht besonders hungrig.« Sie griff nach dem Orangensaft, stellte ihn aber wieder ab. »Darf ich Sie etwas fragen?«
   »Natürlich.«
   »Dieser Mann, der gerade noch an meinem Tisch stand …«
   »Was ist mit ihm?« Tayanita schob sich das leere Tablett unter den Arm.
   »Kennen Sie ihn?«
   »Sam Parker. Sie müssten ihn doch ebenfalls kennen. Das ist der Mann, der mit Ihnen in den Unfall verwickelt war.« Tayanita blickte leicht irritiert auf Hannah herab.
   »Ich dachte, Sie könnten mir vielleicht sagen, was es mit diesem Herrn auf sich hat.« Noch bevor Hannah sich stoppen konnte, sprudelten die Worte aus ihr heraus. »Er ist einfach unmöglich. Arrogant und unverschämt.«
   »Ist er das, ja?« Tayanitas Augen funkelten belustigt auf. »Sam ist ein guter Freund von mir. Wir haben vorhin miteinander an der Theke geplaudert. Er trinkt bei uns jeden Tag seinen Kaffee.«
   Hannah traf es wie ein Blitzschlag. Natürlich. Warum war sie nicht gleich darauf gekommen? Sam Parker war der Mann, der vor wenigen Augenblicken noch mit Tayanita gelacht hatte. Die Wildlederjacke. Die Cowboyboots. Erneut fühlte sie, wie ihre Wangen erglühten. Meine Güte, da war sie ja schön ins Fettnäpfchen getreten! »Oh, Entschuldigung. Das tut mir leid.« Sie versuchte ein Lächeln. Warum tat sich kein tiefes Loch auf, in das sie unauffällig verschwinden könnte?
   Tayanita lachte. »Ich kenne Sam schon viele Jahre. Es ist möglich, dass er zuweilen ein wenig … abweisend wirkt.«
   Abweisend nannte sie das? Er musste ein ziemlich guter Freund sein, wenn Tayanita derart großherzig über sein Benehmen urteilte. Aber vielleicht verhielt sich der gute Mann auch nur ihr gegenüber so grässlich. Nur aus welchem Grund?
   »Sam besitzt eine Farm«, erzählte Tayanita freimütig weiter. »Ein paar Meilen weiter östlich. Vielleicht sollten Sie ihn einmal dort besuchen. Er züchtet …«
   Weiter kam sie nicht, denn Hannah sprang auf. »Hören Sie. Es tut mir wirklich leid. Ich wollte nichts Schlechtes über Ihren Freund sagen.«
   Tayanita beförderte sie mit sanftem Druck auf ihren Stuhl zurück. »Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Mir ist bewusst, dass es mit Sam manchmal nicht ganz einfach ist. Er meint es nicht so.« Einen winzigen Moment schien es, als wollte Tayanita noch etwas dazu sagen, dann aber wechselte sie das Thema. »Haben Sie schon Pläne für heute?«
   Hannah zuckte mit den Achseln. »Ich weiß es nicht. Zuerst werde ich bei der Werkstatt nachhören, wie es mit der Reparatur aussieht.« Außerdem brauchte sie Puder. Den hatte sie in der Eile nämlich zu Hause vergessen. Und eine neue Zahncreme. »Gibt es hier in der Nähe einen Supermarkt?«
   »Um die Ecke auf der Main Street finden Sie Violet’s. In ihrem Geschäft bekommen Sie fast alles, was das Herz begehrt. Wenn Sie mögen, zeige ich Ihnen später im Souvenirladen einige schöne Dinge.« Sie zwinkerte Hannah zu. »Aber jetzt lasse ich Sie in Ruhe frühstücken.«