Savannah hat zwei große Leidenschaften: ihren Job als Computerexpertin und ihre beiden Katzen. Eines Nachts, als sie wieder einmal über ihrer Arbeit die Zeit vergisst, wird sie auf dem Heimweg Zeugin eines Mordes. Mithilfe des Undercover Cops Mac gelingt ihr in letzter Sekunde die Flucht. Sie muss untertauchen und das ausgerechnet bei Mac, der darüber wenig begeistert ist. Schon bald kommen sich die beiden näher. Ihr Glück währt allerdings nicht lange. Savannah wird in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen, um sie vor dem gefürchteten Gangsterboss Taipan zu schützen. Riskiert Mac zu viel, um den Taipan zur Strecke zu bringen? Und erhält ihre Liebe eine zweite Chance?

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Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-52-500-3

Seiten: 261

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Doris Winter

Doris Winter  lebt und arbeitet in Wien. Sie schreibt, was sie gern liest: Geschichten, in denen Liebe und Spannung nicht zu kurz kommen. Mit ihrem Debütroman „Romanze Undercover“ hat sie gemeinsam mit ihrer Co-Autorin Julia Martin die bookshouse-Ausschreibung „Cover sucht Autorin“ gewonnen. Prickelnde erotische Liebesromane veröffentlicht Doris Winter unter dem Pseudonym Jenna Fields.

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Julia Martin

Julia Martin ist das Pseudonym einer Wiener Autorin, deren Kurzgeschichten bereits in mehreren Anthologien veröffentlicht wurden. „Herzklopfen Undercover“ ist nach „Romanze Undercover“ ihr zweiter Roman mit Co-Autorin Doris Winter.                                                                                             

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog


Die Typen warteten bereits am Treffpunkt. Kopetzky im dunklen Anzug, garantiert maßgeschneidert, seine Gorillas in Lederjacken, die Halbautomatik gut sichtbar im Schulterhalfter verstaut.
   Kopetzky warf einen Blick auf seine Uhr. »Zwei Minuten zu spät. Ich schätze es nicht, wenn man mich warten lässt.«
   Chris blieb ganz cool. »Diese Wartezeit hat sich gelohnt, da können Sie sicher sein.« Er öffnete gelassen die Botentasche, die er um die Schulter geschlungen hatte, und holte den Gegenstand heraus.
   Einer der Bodyguards, der bullige Blonde, klopfte mit den Fingern auf seinen Schenkel. Der andere, nicht weniger bullig, stand ausdruckslos daneben. Offensichtlich war er an Aufträge wie diesen gewöhnt.
   Kopetzky ließ Chris nicht aus den Augen, während dieser vorsichtig das weiche Filztuch auseinanderschlug.
   »Jetzt möchte ich den Rest vom Geld sehen. Bar wie vereinbart«, sagte Chris.
   »Sie misstrauen mir doch nicht etwa?« Kopetzkys Stimme war kultiviert und geschliffen, mit einem Oberschicht-Akzent, der eine Spur zu aufgesetzt klang.
   Chris’ Antwort war ein einziges Rauschen.
   Mac starrte auf sein iPhone, das bloß knisterte und krachte. Viel besser als verkabelt, hatten sie im Büro gesagt. Sicherer als jede Wanze. Glasklare Aufnahmen, zur Freude jedes Staatsanwalts. Nur dass die dämliche App im entscheidenden Moment versagen würde, hatten sie ihm nicht gesagt. Immerhin hatte er die Übergabe gut im Blick. Obwohl er dazu auf der Ladefläche eines adaptierten Ford Transit Connect kauerte und durch das Rückfenster blicken musste.
   Kopetzky gab seinen Bodyguards ein Zeichen. Der Nervöse zog einen schmalen Aktenkoffer hinter sich hervor, ließ die Schnallen aufschnappen und hielt ihn aufgeklappt in Chris’ Richtung.
   Der sagte etwas, was Mac leider nicht verstehen konnte, und Kopetzky nickte. Chris griff in den Koffer, hob ein Geldbündel heraus, blätterte es prüfend durch, legte es wieder hinein und machte das Gleiche mit einem anderen. Mit zufriedenem Ausdruck trat er zurück.
   Eine Mischung aus Anspannung und leisem Triumph-gefühl stieg in Mac hoch. Gleich war es so weit. Gleich würde ihnen die Bande ins Netz gehen. Nach jahrelanger Recherche und Bespitzelung würden sie den Taipan dingfest machen. Zwar nur wegen Hehlerei, aber auch Al Capone hatten sie letztlich nur wegen Steuerhinterziehung drangekriegt.
   Chris befreite den eiförmigen Gegenstand zur Gänze von seiner Umhüllung. Sogar im kalten, harten Garagenlicht glänzte das Gold.
   Der Koffer klappte wieder zu. Chris griff danach, der Bodyguard krallte sich im Gegenzug das Ei.
   Das Rauschen brach ab und Mac konnte Kopetzkys Stimme wieder hören, so klar und deutlich, als stünde er vor ihm. »Das Ei ist ein echtes kleines Kunstwerk. So mühsam gefälscht.«
   Ein alarmierendes Kribbeln kroch über Macs Haut.
   Der Entsperrungshahn einer Pistole klickte.
   Macs Finger schnellten zu seinem eigenen Halfter und seiner Glock.
   Zu spät.
   Kopetzky drückte ab. Wie ein Echo wurde der Pistolenknall von Macs iPhone verstärkt.
   Die Kugel durchschlug Chris’ Stirn. Wie eine Mario-nette, deren Schnüre durchtrennt wurden, sackte sein Partner zu Boden. Der Koffer fiel ihm aus der Hand, prallte auf den Boden und sprang auf.
   Macs Hand krampfte sich um seine Waffe. Kopetzky stand halb hinter einer Säule verborgen. Sein Glück, vorerst. Er befand sich außerhalb von Macs Schusslinie. Dafür hätte es schon einen Scharfschützen gebraucht.
   Es war ein Fehler, keinen angefordert zu haben.
   Noch einmal feuerte Kopetzky und noch einmal. Schon hatte sich eine Lache aus Blut und Knochensplittern unter Chris’ Kopf ausgebreitet.
   Wie betäubt starrte Mac auf seinen Freund und Partner. Er musste zu ihm, auch wenn sein Verstand ihm sagte, dass er nichts mehr für ihn tun konnte. Seine Hand legte sich auf den Türgriff.
   »Darum nennt man mich den Taipan«, sagte Kopetzky und verstaute seine Waffe wieder. »Mein Angriff ist tödlich und unerwartet.«
   Plötzlich brach ein schrilles, anschwellendes Heulen los.
   Der Taipan schnellte herum. Die Bodyguards folgten, Pistolen im Anschlag. Das Geräusch gellte schmerzhaft in Macs Ohren. Wie eine Sirene.
   Durch die Frontscheibe konnte er sehen, wie jemand auf die Ausfahrt der Garage zurannte.
   Lange Haare flatterten.
   Eine Frau.
   Was hatte eine Zivilistin hier zu suchen?
   Da fiel der nächste Schuss. Ganz klar, die Killer wollten keine Zeugen.
   Seine Waffe nutzte ihm jetzt gar nichts. Zu groß war die Gefahr eines Querschlägers, der eine Zivilperson treffen konnte.
   Er hechtete nach vorn, startete den Wagen, legte den Rückwärtsgang ein und trat aufs Gas.

Kapitel 1

Savannah rieb sich erschöpft die Schläfen. Es war zum Verrücktwerden. Seit Stunden analysierte sie Codes, zerlegte, interpretierte und dokumentierte sie, doch der Erfolg wollte sich nicht einstellen. Im Gegenteil, der Trojaner versteckte sich immer noch hinter vermeintlich harmlosen Codes und machte sich lustig über sie. Mechanisch griff sie nach ihrer Tasse, machte einen Schluck und stellte sie sogleich wieder ab. Ekelhaft. Kalter Kaffee war ekelhaft. Munterer fühlte sie sich dadurch auch nicht, obwohl sie sicher an die sieben, acht Tassen konsumiert hatte. Sie sah auf die Uhr. Kurz vor zwei Uhr nachts. Muffin und Princess blickten sie von ihrer Tasse aus an, als wollten sie sagen: Wo bleibst du denn?
   »Ihr habt ja recht«, sagte Savannah und fuhr mit dem Zeigefinger die Konturen ihrer Katzen nach. »Ich sollte mich wirklich auf den Weg machen.«

Savannah verzichtete darauf, das Licht im Treppenhaus einzuschalten. Das bläuliche Notlicht reichte ihr völlig, sie hätte den Weg von ihrem Büro hinunter auf das Parkdeck im Schlaf gefunden.
   Seit drei Monaten arbeitete sie bei Trojan Horse, einer jungen Antivirus-Firma. Es war ihr erster Job, sah man von den Jobs während ihres Studiums ab, und er war perfekt. Sie konnte ihrer Leidenschaft nachgehen, sich durch Codes zu hacken, auf den Spuren eingeschleuster Trojaner, die ganze Netzwerke lahmlegen konnten. Wenn sie ihnen auf die Spur kam, wurde sie von einer Euphorie erfasst, die sie sogar dazu brachte, ihren Schlaf zu vergessen. Wenn sie den Trojaner entlarvt hatte, fühlte sie sich, als hätte sie die Welt gerettet. Sie war gut in ihrem Job, richtig gut, und sie verstand sich blendend mit ihren Kollegen, die, wie es nicht anders in dieser Branche zu erwarten war, durch die Bank männlich waren.
   Ihr Auto parkte neben der Stiege. Savannah ging am Heck ihres Wagens vorbei, als sie Stimmen hörte. Sie hielt inne. Wer in aller Welt hielt sich um diese Zeit noch in der Garage auf? Das Haus wurde gerade einer Renovierung unterzogen und außer den Mitarbeitern von Trojan Horse arbeitete zurzeit niemand in dem Bürogebäude. Vermutlich gab es einen guten Grund, warum sich noch jemand auf dem Parkdeck befand. Dennoch war ihr ein wenig mulmig zumute. Vorsichtig riskierte sie einen Blick vorbei an den Säulen.
   Vier Männer standen im hintersten Winkel der Garage, drei davon mit dem Rücken zu ihr. Savannah spürte augenblicklich, dass etwas nicht stimmte.
   Im nächsten Moment fiel ein Schuss. Savannah zuckte zusammen. Unbewusst fuhr sie sich mit einer Hand an den Mund.
   Ein Mann taumelte, stürzte zu Boden.
   Großer Gott! Sie hatte gerade gesehen, wie ein Mensch ermordet wurde! Einfach kaltblütig erschossen!
   Weg. Sie musste hier weg! Bevor noch einer auf die Idee kam, sich umzudrehen.
   Da fielen zwei weitere Schüsse.
   Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Mit zittrigen Händen hielt sie den Autoschlüssel fest, damit er am Karabiner nicht klimperte. Lautlos schlich sie zur Fahrertür, heilfroh, dass sie wie üblich Sneakers mit Gummisohlen trug. Gleich hatte sie es geschafft. Plötzlich spürte sie einen Widerstand an ihrer Tasche. Noch während sie daran zog, wusste sie, dass dies ein Fehler war: Ihr Alarmgerät hatte sich verhakt und wurde durch das Zerren ausgelöst. Gellend schrie es los.
   O nein!
   Die Killer drehten sich um. Der Autoschlüssel glitt ihr aus der Hand. Sie rannte los. Ließ die Tasche mit dem heulenden Alarmgerät fallen und lief um ihr Leben.
   Etwas pfiff haarscharf an ihrem Ohr vorbei. Die Killer schossen auf sie! O Gott, o Gott, o Gott! Es waren fast fünfzig Meter bis zum Ausgang.

Nur noch wenige Meter, dann hatte sie die Kurve erreicht. Savannah rannte so schnell wie noch nie, sie wusste nicht, woher sie die Kraft nahm, sie war einfach da, und sie sprintete in die Kurve, wo sie zumindest kurze Zeit vor Schüssen sicher war. Sie konnte den Ausgang schon sehen, die rettende Straße, da schnitt ihr ein Lieferwagen den Weg ab. Mit quietschenden Reifen blieb er vor ihr stehen. Eine Autotür flog auf.
   »Schnell! Steigen Sie ein! Ich bin Polizist.«
   Savannah zögerte nur kurz. Welche Wahl hatte sie schon? Wenn er zu den Gangstern gehörte, hatte sie ohnehin keine Chance. Sie sprang in den Wagen, und noch ehe sie die Tür geschlossen hatte, brauste er los.
   »Hier ist Mac, ich brauche Unterstützung«, sagte der Mann in seine Freisprechanlage. »Übergabe gescheitert. Kopetzky wusste Bescheid. Melde einen 10-34 in der Garage. Schickt einen Krankenwagen. Chris wurde angeschossen, Kopfschuss, vermutlich letal. Ich habe am Tatort eine Zivilistin aufgegriffen, sie befindet sich bei mir im Wagen. Kopetzky und seine Leute verfolgen uns.«
   Savannah blickte in den Seitenspiegel. Tatsächlich, aus der Garage schossen zwei Scheinwerfer. Soweit sie das erkennen konnte, handelte es sich um einen sportlichen Wagen. Einen, der ein Lieferauto in Kürze eingeholt haben würde.
   »… habe verstanden. Versuche, sie abzuhängen, und mache mich auf den Weg in die Zentrale. Wäre super, wenn ihr euch mit dem Back-up beeilt. Bevor es hier richtig brenzlig wird.«
   Ihr Blick fiel auf seine Hände, die das Lenkrad umfassten. Es waren kräftige, gepflegte Hände, weder zu feingliedrig noch zu grob. Eine sportliche Uhr mit cognacfarbenem Lederband umschloss sein linkes Handgelenk. An seinen Unterarmen konnte Savannah deutlich Muskeln erkennen, die sich mit jeder Bewegung unter seiner gebräunten Haut abzeichneten.
   War sie noch bei Sinnen? Sie war auf der Flucht vor Killern, die vor wenigen Minuten einen Menschen eiskalt ermordet hatten, und sie sinnierte über muskulöse Arme? Sie richtete sich auf und warf wieder einen Blick in den Seitenspiegel. Der Abstand zwischen ihnen und den Scheinwerfern hatte deutlich zugenommen. Genau genommen waren sie kaum mehr zu erkennen. Als sie über die Queensboro Bridge rasten, hörte sie schon von Weitem das Heulen der Sirenen. Vier Einsatzwagen zischten mit rot-weiß blinkenden Lichtern an ihnen vorbei. Die Scheinwerfer des Verfolgerwagens waren längst nicht mehr auszumachen.
   Savannah atmete erleichtert auf. Hier, in Manhattan, wo auch nachts der Verkehr nie zum Erliegen kam, waren sie praktisch in Sicherheit.
   »Was haben Sie sich dabei gedacht, das Alarmgerät einzuschalten?«, fragte Mac plötzlich.
   »Ich habe es nicht eingeschaltet, es ging von allein an.«
   Er schenkte ihr einen Blick von der Seite, der eindeutig war – einen Fehler machen und nicht zugeben wollen.
   »Nicht ganz von allein«, fügte Savannah an. »Das Alarmgerät hing an der Tasche und der Tankdeckel stand ein Stück offen. Ich bin daran hängen geblieben. Als ich am Auto vorbei zur Fahrertür gegangen bin.«
   »Sie wollten ins Auto einsteigen? Ist Ihnen entgangen, dass nur wenige Meter weiter ein Mensch erschossen wurde?«
   »Natürlich nicht. Ich wollte weg. Raus aus der Garage.«
   »Sie hätten sich ruhig verhalten sollen. Warten, bis die Gangster weg sind und dann das Weite suchen. Glauben Sie ernsthaft, Sie wären denen entkommen?«
   Savannah verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Handeln war nicht umsichtig gewesen, das wusste sie inzwischen selbst, aber konnte man ihr wirklich einen Vorwurf machen? Ein Mensch war vor ihren Augen umgebracht worden. Da war es doch mehr als verständlich, dass sie nicht wohlüberlegt und besonnen agiert hatte.
   »Was haben Sie eigentlich mitten in der Nacht in der Garage zu suchen gehabt?«, fragte Mac.
   »Ich habe gearbeitet und wollte nach Hause fahren.«
   »Um zwei Uhr nachts?« Er warf ihr einen kurzen Seitenblick zu.
   »Ich arbeite für eine Firma, die Antivirus Software entwickelt. Ich war so vertieft in mein Projekt gewesen, dass ich die Zeit völlig vergessen hatte.«
   Es entstand eine Gesprächspause. Der Wagen bog in eine kaum befahrene und für den öffentlichen Verkehr ganz offensichtlich gesperrte Seitenstraße.
   »Wo fahren wir hin?«, wollte sie wissen.
   »Wir sind schon da. One Police Plaza.«

Man hatte sie bereits erwartet. Sie wurde in ein Zimmer gesetzt und mit Kaffee versorgt, während Mac in einem Büro verschwand.
   Savannah sah sich um. Befand sie sich etwa in einem Verhörraum? Konnte man sie von außen beobachten? Egal, Hauptsache sie konnte bald nach Hause. Muffin und Princess hatten sicher schon Riesenhunger. Wenn sie nur Susan, ihre Nachbarin, anrufen könnte. Susan würde in ihre Wohnung hinübergehen, den Zweitschlüssel hatte sie ja, und die Katzen versorgen. Aber dazu hätte Savannah ihr Handy benötigt und das war in ihrer Tasche, und ihre Tasche war in der Garage.

*

Mac blickte durch den venezianischen Spiegel in das Innere des Raumes. Eine Zeugin machte eine ohnehin schwierige Situation noch komplizierter. Sie würden jemanden zu ihrem Schutz abstellen müssen. Gut, dass sie nicht im Entferntesten ahnte, welche Gefahr von dem Taipan und seinen Leuten ausging.
   Sie saß auf dem harten Plastikstuhl, die langen Beine überschlagen, die Lider halb geschlossen und schien ihren Gedanken nachzuhängen. Ihre Haare fielen in weichen Wellen von ihren Schultern, ihr hübsches Gesicht war ungeschminkt. Trotz der leichten Augenringe, die ihre Müdigkeit verrieten, besaß sie eine natürliche Schönheit, wie er sie nur selten gesehen hatte. Die fein geschwungene Nase, die perfekten Wangenknochen, der einladende Schmollmund. Im Auto hatte er ihre Schönheit gar nicht registriert. Was daran lag, dass er zu diesem Zeitpunkt wahrlich andere Sorgen hatte. Es war alles andere als einfach gewesen, die Gangster so rasch abzuhängen. Wenigstens das hatte er richtig gemacht.
   Sein Blick wanderte tiefer. Unter ihrem sportlichen T-Shirt zeichneten sich feste Brüste ab. Tief durchatmen, Mac. So ein Mädchen gehörte auf das Cover eines Hochglanzmagazins und nicht in einen kargen Vernehmungsraum des New York Police Departments.

*

Die Tür ging auf und Mac trat ein. »Wir brauchen Ihre Personalien.«
   »Meine … Das wird schwierig.«
   Mac sah sie mit demselben Blick an wie im Auto. Es war offensichtlich, dass er nicht allzu viel von ihr hielt.
   »Wieso ist das schwierig? Sie besitzen doch sicher einen Führerschein.«
   »Natürlich. Aber bei meiner Flucht habe ich meine Tasche in der Garage zurückgelassen.«
   »Sie haben was?«
   »Was hätte ich denn tun sollen? Sorgfältig das Alarmgerät von der Tasche abklippen? Es hatte sich total verhakt.«
   Mac griff sich an die Stirn. »Das darf doch alles nicht wahr sein! Warten Sie hier.«
   Savannah sah ihm verärgert nach, als er die Tür hinter sich schloss. Arroganter Besserwisser. Was hielt er ihr als Nächstes vor? Dass sie keine Waffe bei sich trug und die Killer einen nach dem anderen erledigt hatte?
   Wenig später kam Mac in Begleitung zurück.
   »Ich bin Lieutenant Baker.« Der andere Mann reichte ihr die Hand. Er war um einiges älter als Mac, wahrscheinlich sein Vorgesetzter.
   »Savannah Johnson.«
   »Mein Team ist bereits am Ort des Verbrechens. Bis die Spurensicherung Ihre Tasche gefunden hat, wäre es für Sie sicherer, wenn Sie bei jemandem bleiben könnten. Sie haben doch sicher Verwandte oder Freunde in der Stadt.«
   Sie hatte natürlich Freunde und Verwandte, aber nicht in New York. Sie wohnte erst seit Kurzem hier, und bis auf ihre Arbeitskollegen hatte sie noch niemanden kennengelernt. Was auch daran lag, dass sie viel arbeitete, sogar an den Wochenenden. In ihrer spärlichen Freizeit beschäftigte sie sich mit ihren Katzen oder chillte auf dem Sofa.
   Der Lieutenant deutete ihr Schweigen richtig. »Vielleicht können Sie vorübergehend bei Mac bleiben, Ms. Johnson. Dort sind Sie wenigstens sicher. Das ist doch in Ordnung, Mac?«
   Savannah und Mac starrten Baker an.
   »Fein, dann haben wir das geklärt. Mac, du kannst nach Hause. Ruh dich mal aus, wir sehen uns morgen wieder.« Baker warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. »Oder besser heute.« Damit verließ er den Raum und ließ Savannah und Mac allein zurück.
   Savannah konnte es immer noch nicht glauben. Sie sollte bei diesem Besserwisser bleiben? Für wie lange denn? Und wer würde ihre Katzen versorgen?
   »Sie haben es gehört, Ms. Johnson. Sie sollen zu mir.«
   Er ging zur Tür. Savannah zögerte.
   »Was ist?« Er drehte sich zu ihr um.
   »Ich muss nach Hause. Unbedingt. Meine Katzen haben sicher kein Futter mehr und …«
   »Darum kümmern wir uns später.«
   »Aber …«
   »Hören Sie, ich bin müde und brauche dringend eine Dusche. Kommen Sie mit oder wollen Sie lieber hier bleiben?«
   So sehr es ihr missfiel, zu Mac zu gehen, auf der Polizeistation wollte sie auch nicht bleiben. Sie folgte ihm in die Polizeigarage, wo Mac eine blaue Corvette Stingray ansteuerte. Ein Angeberwagen, na, das passte ja. Savannah stieg ein, und als sie sich zurücklehnte, nahm sie beinahe eine liegende Position ein. Sie versuchte, den Sitz nach vorn zu bringen, fand aber den Hebel nicht.
   »Ich hoffe, Sie haben es auch bequem«, sagte Mac, als würde er nicht bemerken, dass sie mit dem Sitz kämpfte.
   »Total«, gab Savannah zurück, »es könnte mir nicht besser gehen.«

Mac wohnte in Midtown, gleich gegenüber vom Central Park. Wohnungen in Manhattan, noch dazu in dieser Lage, waren teuer. Savannah wusste das, hatte sie doch selbst vor wenigen Monaten eine Bleibe gesucht. Sie hatte sich gerade mal Brooklyn leisten können. Für Manhattan hätte sie das Vielfache verdienen müssen. Wie hoch war so ein Polizistengehalt eigentlich?
   Der Portier grüßte Mac mit »Mr. McLeod«. McLeod wie der Highlander in diesem alten Film aus den Achtzigerjahren – »Es kann nur einen geben?« Savannah konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Wie er wohl mit Vornamen hieß? Mac war schließlich kein Name, sondern bestenfalls eine Abkürzung.
   »Ich war auf Besuch nicht eingestellt«, sagte Mac, als er sein Apartment aufsperrte.
   Savannah trat ein und staunte nicht schlecht. So viel Geschmack hätte sie ihm nicht zugetraut. Die ausladende, taupefarbene Ledercouch passte perfekt zu den dunklen Dielen und den weiß gebeizten Möbeln. Mit der Ziegelwand und dem halbrunden verglasten Kamin konnte sich diese Wohnung für »House Beautiful« bewerben und würde vermutlich auch genommen werden. Allerdings erst, nachdem die Putzfrau eine Sonderschicht eingelegt hatte.
   »Wie gesagt, ich war nicht vorbereitet«, sagte Mac nochmals, klaubte ein paar Kleidungsstücke zusammen und warf sie kurzerhand in ein anderes Zimmer. Die leeren Bierflaschen auf der Bar schob er in das hinterste Eck der zum Wohnzimmer hin offenen Küche, die sich schick in glänzendem Schwarz präsentierte.
   Savannah achtete nicht auf herumliegende Wäsche-stücke oder leere Bierflaschen. Sie selbst hatte fast immer Jeans und Shirts in ihrer Wohnung verstreut, von vereinsamten Single-Socken, herumliegendem Katzenspielzeug und Zeitschriften aller Art ganz zu schweigen. Etwas anderes hatte ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
   »Wow«, sagte sie, als sie durch das riesige Fenster blickte. Vor ihr breitete sich das nächtliche Manhattan mit seinem atemberaubenden Lichtermeer aus. Savannah war so entzückt, dass sie für ein paar Momente die vergangenen Stunden vergaß. »Wow. Das ist umwerfend. Wie können Sie sich als Polizist nur so ein Apartment leisten?« Kaum gesagt, hätte sie sich auf die Zunge beißen können. Noch taktloser ging es ja kaum. »Entschuldigung, ich hab mich bloß gewundert …« Sie merkte, dass sie dabei war, sich in einen Wirbel zu reden, und verstummte.
   »Erzähl ich Ihnen ein anderes Mal. Wenn ich nicht ganz so müde bin. Wollen Sie zuerst duschen?«
   Savannah nickte und ging ins Bad, wo sie beinahe über den Wäschestapel gestolpert wäre, den Mac zuvor dort hingeworfen hatte.

Als sie sich abtrocknete, fiel ihr ein, dass sie nichts zum Anziehen hatte. In die getragenen Sachen wollte sie frisch geduscht nicht schlüpfen. Sie öffnete die Badezimmertür einen Spalt und steckte den Kopf heraus. »Mr. McLeod?«, rief sie. Keine Antwort. »Mr. McLeod?«, rief sie etwas lauter.
   »Was ist?«
   Er stand plötzlich vor ihr. Savannah zog das umgewickelte Handtuch enger. »Hätten Sie vielleicht ein altes Shirt für mich? Oder irgendetwas anderes, das ich anziehen kann?«

*

»Laufen Sie doch einfach nackt herum. Das steht Ihnen sicher«, hätte er am liebsten gesagt. »Mal sehen«, sagte er stattdessen und ging ins Schlafzimmer, wo er nicht das älteste, aber eines seiner kürzesten Shirts hervorkramte. Wahrscheinlich ging es ihr gerade über den Po. Er konnte sich noch dazu aufraffen, ihr einen Gästebademantel anzubieten. Den hatte er von seiner Mutter bekommen, mit den Worten »Ein guter Gastgeber bietet seinen Gästen immer einen Gästebademantel an. Du hast doch manchmal Gäste, oder?«
   Ja, hatte er, aber für gewöhnlich blieben diese nicht über Nacht. Nicht, wenn er es verhindern konnte.
   Savannah war sichtlich erfreut über das Mikrofaserding, auch wenn es ihr mindestens drei Nummern zu groß war.
   »Mr. McLeod?«, sprach sie ihn an, als er schließlich auch aus dem Bad kam. Nicht nackt wie sonst, sondern in einem schwarzen Bademantel. Er hatte fast vergessen, dass er auch so ein Exemplar sein eigen nennen konnte.
   »Mr. McLeod …«
   »Mac.«
   »Mac, ich weiß, Sie sind müde, aber es wäre wirklich, wirklich wichtig, dass ich nach meinen Katzen sehe. Sie haben sicher kein Futter mehr und …«
   »Ich habe doch gesagt, ich kümmere mich darum«, sagte Mac nicht gerade freundlich.
   »Wann denn? Tiere müssen essen, genau wie wir. Die können nicht einfach eine Woche lang ohne Nahrung und Wasser auskommen. Wenn es sein muss, rufe ich ein Taxi und fahre im Bademantel zu meiner Wohnung.«
   »Wie wollen Sie das Taxi bezahlen? In Naturalien?«
   Er war zu weit gegangen. Savannahs empörtem Gesichtsausdruck nach fand sie das auch.
   »Hören Sie, ich … das kam sicher anders rüber, als es gemeint war. Ich bin zum Umfallen müde. Mein Partner wurde erschossen. Ich möchte einfach nur schlafen.«
   Savannah nickte, was Mac als »Okay« deutete.
   »Mac?«, setzte sie nochmals an.
   »Ja?«, antwortete er gequält.
   »Mac, ich brauche etwas anzuziehen. Ich würde ja online bestellen, aber das dauert mindestens zwei, drei Tage, wenn nicht länger.«
   »Online bestellen? Sie werden auf keinen Fall online bestellen und es hierher liefern lassen. Dann können Sie Ihren Aufenthaltsort ebenso gut in der New York Times veröffentlichen.«
   Er ließ sich auf sein Sofa fallen, das er notdürftig zu einem Bett umfunktioniert hatte, und legte den Kopf in den Nacken. »Ich werde morgen …«, er sah auf die Uhr, »… heute Sachen für Sie besorgen. Sie schreiben mir auf, was Sie brauchen und ich besorge es. Aber jetzt lassen Sie mich bitte, bitte schlafen. Das Schlafzimmer ist übrigens hinter der Tür dort. Das Bett ist frisch bezogen.« Das entsprach der Wahrheit, auch wenn es reiner Zufall war. Als er heute Morgen aufgewacht war, nicht ahnend, dass er ein paar Stunden später in einer WG leben würde, war ihm ein Aroma in die Nase gestiegen, welches das Gegenteil von frisch und sauber war.
   Sie nickte wieder, wünschte eine gute Nacht und verschwand.

Kapitel 2

Beim Aufwachen knurrte Savannah der Magen. Wie Princess und Muffin bestimmt auch. Sie war fest entschlossen, in den nächsten Stunden nach den beiden zu sehen. Wenn es sein musste, auch im XXL-Bademantel.
   Sachte öffnete sie die Tür und schlich auf Zehenspitzen in die Küche. In der Spüle stapelte sich das Geschirr und die Bierflaschen verströmten einen unangenehmen Geruch. Savannah wollte sich gerade ein Glas aus der Vitrine nehmen, als sie ein dumpfes Geräusch vernahm, gefolgt von einem unschönen Fluchen. Es war Mac, der von der glatten Ledercouch gefallen war.
   »Guten Morgen«, sagte Savannah, »ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt.«
   Mac brummte etwas in sich hinein, das nicht wie »Guten Morgen« klang.
   Savannah ignorierte es. »Mac, haben Sie etwas Tee? Oder Milch? Ich bin am Verdursten.«
   Mac stand auf und schleppte sich in die Küche. Er sah alles andere als ausgeruht aus. Wie oft er wohl in der Nacht von dem Sofa gerutscht war?
   »Oder Wasser?«
   »Hier.« Mac drehte den Wasserhahn auf. Savannah wollte nicht zimperlich wirken, aber das New Yorker Wasser war nicht gerade für seine Trinkqualität bekannt.
   »Bedienen Sie sich aus dem Kühlschrank. Und dann schreiben Sie mir eine Liste, was Sie alles benötigen.«
   Sie griff in eine der Manteltaschen und holte einen Zettel hervor. »Hier.«
   Mac nahm die Liste wortlos entgegen.
   Kurz darauf verließ er das Haus, um wenige Minuten darauf mit dampfendem Kaffee, Croissants und Milch zurückzukommen. Savannah war nicht wenig überrascht. »Danke, Mac. Das ist aber nett von Ihnen. Bitte notieren Sie, was Sie alles für mich ausgeben.«
   »Sind Polizeispesen.« Er verschwand sogleich wieder.
   Als Savannah in das frische Croissant biss, packte sie das schlechte Gewissen. Ihre armen Lieblinge mussten schon am Verhungern sein. Muffin hatte zwar einiges an Reserven, aber Princess war zart und schlank. Da war nicht viel, von dem sie lange zehren konnte. Hoffentlich kehrte Mac bald mit Kleidung für sie zurück.

*

Bei einem Caffè Latte studierte Mac Savannahs Liste. Halbwegs vertraut war er bloß mit Slips und BHs. Jeans, Shirts und Socken hatte er noch nie für eine Frau gekauft. Er nahm einen Schluck Kaffee und sah von der Liste auf, als sein Blick auf ein riesiges Plakat auf der Hauswand gegenüber fiel. Drei sexy Models posierten in zarter Unterwäsche für Victoria’s Secret, eine hübscher als die andere. Savannah würde die alle in den Schatten stellen. Mit ihrem bildschönen Gesicht, ihrem seidigen Haar, den ewig langen Beinen. Auf jeden Fall wusste er, wo er hinmusste.

Schon nach wenigen Minuten fühlte sich Mac heillos überfordert. Als er in der Hochzeitsabteilung mit dem Motto »Sexy ever after« landete, wusste er, dass er Hilfe brauchte. Sie kam in Form einer freundlichen Verkäuferin.
   »Wann ist denn der große Tag?« Sie hielt ihn für einen Bräutigam.
   Nie, wenn es nach ihm ging. Dazu gab es viel zu viele tolle Mädchen. Obwohl Savannahs Gesicht das einzige war, das ihm ständig in den Sinn kam.
   »Ich suche BHs und Slips für eine … Bekannte.«
   »Verstehe …« Die freundliche Verkäuferin, auf deren Schild »Amy« stand, tippte sich auf den Mund. »Ein bestimmter Anlass?«
   »Mord.«
   Die Verkäuferin sah in verwirrt an.
   »Das war ein Scherz«, sagte Mac rasch. »Ich suche … hier ist eine Aufstellung.« Er zeigte ihr den Zettel.
   »Sehr fein. Fangen wir bei den Slips an. Was bevorzugt denn Ihre Freundin? Strings oder Panties? Baumwolle, Seide oder Kunstfaser?«
   Ehe er wusste, was er antworten sollte, präsentierte sie ihm verschiedene Modelle. Mac griff zu einem Stringtanga.
   »Das könnte ihr gefallen. Ich nehme sieben Stück.«
   Einen Punkt der Liste konnte er abhaken. Das ging ja flott. Er folgte Amy zu den BHs.
   »Mit oder ohne Bügel?«
   »Hm?«
   Amys Lächeln wurde noch eine Spur einfühlender, als sie ihm beide Varianten – BHs mit und ohne eingearbeitetem Bügel – auf der Verkaufstheke präsentierte.
   »Der Bügel hebt die Brust«, erklärte sie hilfreich und Mac wollte schon erfreut zustimmen, als sie fortsetzte. »Die Variante ohne ist allerdings bequemer.«
   Er nahm also von jeder Variante eine.
   Während Amy in der Kleiderabteilung die Liste abarbeitete, nahm Mac auf einem weichen Sofa Platz. Es dauerte keine zwei Minuten und er war eingeschlummert. So richtig wach wurde er erst wieder bei der Kasse, als er mit seiner Kreditkarte 1245,60 Dollar bezahlte.

*

Savannah war nicht wenig verblüfft, als Mac mit zwei pinkfarbenen Tüten von Victoria’s Secret durch die Tür spazierte.
   »Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Mac. Was bin ich Ihnen schuldig?«
   »Sind Polizeispesen.«
   »Sind Sie sicher?« Sie zog einen schwarzen Stringtanga aus der Tasche. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, sich so etwas Unbequemes zu kaufen. Sie packte weiter aus. BHs mit und ohne Bügel. Sehr wohlüberlegt für einen Mann wie Mac. Jeans, Tops und Jacke sahen super aus, Dinge, die sie selbst auch für sich kaufen würde.
   Savannah ging ins Schlafzimmer und probierte die Sachen gleich an. Passten wie angegossen. Macs künftige Frau konnte sich über einen einfühlsamen Shoppingpartner mit gutem Geschmack freuen.
   Als sie Mac zeigen wollte, wie perfekt die neuen Sa-chen passten, hatte dieser das Apartment bereits verlassen. Dafür fand sie am Couchtisch ein Prepaidhandy, auf dem ein Post-it klebte. »Meine Nummer ist unter 1 gespeichert, Mac.«
   Er hatte wirklich an alles gedacht.
   Jetzt bräuchte sie nur noch etwas Geld. Sie hatte keinen einzigen Cent bei sich. Als sie ein Glas in die Spüle stellte, bemerkte sie ein paar Münzen und Dollarscheine, die zwischen den Gläsern mit Pastasoße herumlagen. Erst zögerte sie, doch sie steckte das Geld ein. Es war ja nur geborgt, nicht geklaut, und sie konnte ja schlecht zu Fuß nach Brooklyn gehen.
   Sie steckte noch das Handy an den Strom, um es aufzuladen, und machte sich auf den Weg.

*

Mac konnte es an ihren Gesichtern sehen. Sie wussten es alle. Frazer klopfte ihm beim Vorübergehen auf die Schulter. »Tut mir leid, Mac«, murmelte er. Die meisten starrten nur. Jemand hatte ihm gut meinend eine Tasse Kaffee auf den Schreibtisch gestellt. Das musste vor einer Weile geschehen sein, denn der Kaffee war eiskalt.
   Mac fuhr den Computer hoch und starrte auf den Bildschirm. Er konnte den Einsatzbericht nicht schreiben, nicht jetzt. Nicht, dass er eine Sekunde der vergangenen Nacht vergessen hätte. Wie ein Film hatten sich diese Bilder in sein Gedächtnis eingeprägt.
   Wenn er den Blick vom Bildschirm löste, sah er auf Chris’ Schreibtisch, dort drüben neben dem Fenster. Die kleine Pflanze ließ die Blätter hängen, aber das tat sie immer, da Chris regelmäßig vergaß, sie zu gießen. Auf der Tischkante balancierte ein Foto seiner Freundin Carrie. Seit Ewigkeiten waren die beiden zusammen gewesen.
   Er sollte Carrie anrufen. Irgendjemand hatte bestimmt mit ihr gesprochen, aber sie hatte mehr verdient als einen anonymen Anruf aus der Zentrale.
   Später.
   Er tippte das Datum in den Computer und nahm geistesabwesend einen Schluck Kaffee. Auch noch gezuckert.
   Mac schob den Stuhl mit einem Ruck zurück, stand auf und machte sich auf den Weg zum Wasserspender.
   Dort füllte Danville den kleinen Becher in Zeitlupe, obwohl er sah, dass Mac wartete. »Schlimm, das mit Chris«, sagte er. »Aber einen Undercovereinsatz ohne größeres Team durchzuführen, ganz ohne Verstärkung, die im Notfall eingreifen kann, noch dazu, wo es dabei um den Taipan geht, war schon ein gehöriges Risiko. Wer hat denn das genehmigt?«
   Mac schwieg.
   »Chris hätte es doch besser wissen müssen. Er hatte schließlich Erfahrung.« Worin deutlich mitschwang, dass er Mac für unerfahren hielt. Danville hatte zwanzig Jahre im Drogendezernat gearbeitet, bevor er zum Detective ernannt wurde. Dass sich jemand mit siebenundzwanzig in dieser Position wiederfand, war für ihn nur schwer zu fassen.
   »Übrigens, der Lieutenant hat nach dir gefragt«, sagte Danville, bevor er zurück auf seinen Platz schlenderte.
   Lieutenant Baker verfügte über den Luxus eines eigenen Büros. So konnte Mac wenigstens die Tür hinter sich schließen, als er eintrat.
   »Du siehst müde aus, Mac«, sagte Baker zur Begrüßung.
   Kein Wunder, hatte er doch die ganze Nacht keine Minute Schlaf gefunden. Was daran lag, dass er ständig an Chris denken musste. Wenn er ehrlich war, auch daran, dass Savannah Johnson nebenan in seinem Bett gelegen hatte, mit nichts auf der Haut als einem dünnen T-Shirt.
   Aber das war ein anderes Kapitel.
   »Ich habe mit Dr. Young gesprochen«, holte ihn Baker in die Gegenwart zurück. »Du solltest mit ihr einen Termin vereinbaren.«
   Dr. Young war die Polizeipsychologin.
   »Das wird nicht notwendig sein.«
   Baker schüttelte den Kopf. »Gestern wurde dein Partner vor deinen Augen erschossen. Ich halte das sehr wohl für notwendig.«
   »Damit werde ich allein fertig.«
   Baker zog die Brauen hoch. »Außerdem hatte ich heute Vormittag einen Anruf vom FBI. Dort war man – und das ist milde ausgedrückt – ausgesprochen verärgert, weil die gestrige Aktion nicht mit den Bundesbehörden koordiniert war.«
   »Wir hatten grünes Licht.«
   »Ihr hattet grünes Licht – unter der Voraussetzung, dass alle Auflagen eingehalten und die nötigen Vorsichts-maßnahmen getroffen werden. Mir ist bewusst, dass Chris es nicht abwarten konnte, den Taipan aus dem Verkehr zu ziehen, aber das Risiko war einfach zu groß.«
   Sie waren so nahe dran gewesen.
   Aber auch, wenn alles schief gelaufen war, wenn Mac alles dafür gegeben hätte, die Zeit zurückzudrehen, der Taipan war über kurz oder lang geliefert. Er hatte Chris ermordet, dafür wanderte er hinter Gitter.
   »Er hat ein Alibi.« Baker zerschmetterte diese Vorstellung. »Senator Brown schwört, dass er mit Bruno Kopetzky zu Abend gegessen hat. Danach haben sie noch ein paar Drinks genossen, es scheint ein langer Abend gewesen zu sein.«
   Macs Hände verkrampften sich unter dem Tisch. »Aber das ist eine Lüge. Ich habe den Taipan gesehen und …«
   »Ich weiß, dass es eine Lüge ist, und meine Stimme bekommt der Senator bei der nächsten Wahl sicher nicht. Aber du hast den Taipan nur von hinten gesehen. Sein Anwalt wird deine Aussage entsprechend zerpflücken, und wie wir wissen, kann sich der Taipan einen Spitzenanwalt leisten. Chris’ Handy ist verschwunden und unsere einzige echte Zeugin schwebt in höchster Gefahr. Die Jungs von der Spurensicherung haben ihre Handtasche nicht am Tatort gefunden. Wir können also davon ausgehen, dass der Taipan sie hat.«
   Damit kannte er Savannah Johnsons Namen und ihre Adresse. Es sah so aus, als würde Mac seine Wohnung noch eine Weile teilen müssen.
   »Ich werde versuchen, sie im Zeugenschutzprogramm unterzubringen«, sagte Baker. »Bis dahin solltest du gut auf sie aufpassen.«
   »Ich habe keine Zeit, den Babysitter zu spielen, ich muss …«
   »Vor allem musst du etwas Abstand gewinnen. Du mischst bei diesem Fall nicht mehr mit. Nimm dir eine Auszeit. Geh nach Hause, Mac, und ruh dich aus. Du siehst schrecklich aus.« Baker stand auf. Für ihn war das Gespräch beendet.
   »Bin ich suspendiert?«
   »Sagen wir lieber, du nimmst ein paar Tage Urlaub. Ich denke, du kannst sie brauchen. Vergiss nicht, Dr. Young anzurufen.«
   Den Teufel würde er.
   Er brauchte keinen Seelenklempner. Er hatte alles im Griff.
   »Hoppla! Aufpassen, Mac.« Frazer war dem Zusammenstoß mit ihm haarscharf ausgewichen, aber nur, weil er einen scharfen Haken geschlagen hatte. »Das Gespräch mit Baker ist wohl nicht sehr gut verlaufen?«
   Statt einer Antwort ging Mac weiter, zurück zu seinem Schreibtisch, wo er die Jacke vom Stuhl zog.
   »Extraurlaub bekommen, Mac?« Waterford feixte.
   Während Mac zum Lift marschierte, stellte er sich vor, wie er ihm einen krachenden Kinnhaken verpasste.

*

Die Fahrt von Manhattan nach Brooklyn kam Savannah heute besonders lange vor. Je näher sie Brooklyn kam, desto weniger Menschen befanden sich im Waggon. Auf-merksam musterte sie jeden Fahrgast, bereit aufzuspringen und die Notbremse zu ziehen, wenn es sein musste.
   Auf dem Weg von der U-Bahn zu ihrer Wohnung fühlte sie sich nicht besser. Sie kämpfte gegen das Bedürfnis an, sich immer wieder umzusehen und über die Schulter zu blicken, um zu überprüfen, ob ihr jemand folgte. Vielleicht hätte sie doch auf Mac warten sollen. Mit ihm an ihrer Seite würde sie sich sicherer fühlen.
   Endlich. Sie hatte ihr Haus erreicht. Sie musste sich auch gar nicht den Kopf zerbrechen, wie sie hineinkam, denn Mrs. Green aus dem zweiten Stock verließ gerade das Haus und hielt ihr freundlich die Tür auf.
   »Danke, Mrs. Green. Einen schönen Tag«, sagte Savannah noch und verschwand schnell im Haus.
   Sie entschied sich gegen den Lift und für die Treppe und betete, dass Susan zu Hause war. Es war Samstagmittag, um diese Zeit kochte sie gern oder kam gerade vom Einkaufen zurück.
   Susan war nicht zu Hause. Savannah läutete mehrmals, doch nichts rührte sich. Sie ging weiter zu ihrer eigenen Wohnung. Es war eigentlich unmöglich, die Tür war sicher abgeschlossen. Dennoch legte Savannah ihre Hand auf den Türknauf und drehte ihn vorsichtig nach rechts.
   Die Tür öffnete sich.
   Savannahs Herz schlug wie verrückt. Am liebsten wäre sie auf der Stelle gegangen, weggerannt, aber ihre Katzen befanden sich in der Wohnung. Vorsichtig und möglichst lautlos betrat sie ihr Vorzimmer. Kaum hatte sie einen Fuß hineingesetzt, kamen ihr Muffin und Princess freundlich und mit hoch aufgestelltem Schwanz entgegen und schnurrten sie an. Muffin rieb sein Köpfchen an ihren Hosenbeinen, Princess umrundete sie. Beide wirkten ganz entspannt, was eigentlich nur möglich war, wenn sich keine fremde Person in der Wohnung befand. Princess verkroch sich bei Fremden fürs Erste immer unter dem Bett, bis ihre Neugier sie überwältigte und sie den Besucher beschnuppern musste.
   »Susan?«, rief Savannah, »Susan, sind Sie da?«
   Das wäre eine Erklärung, warum die Tür nicht versperrt war. Sie erhielt keine Antwort.
   Savannah ging ins Wohnzimmer. Wie versteinert blieb sie stehen. Vor ihr, im Durchgang zur Küche, lag Susan reglos am Boden, ein Einschussloch in der Stirn. Um ihren Kopf hatte sich eine Blutlache gebildet.
   Savannah stieß einen Schrei aus und fuhr sich mit der Hand an den Mund. Ihre Beine drohten nachzugeben, sie lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, ließ sich daran heruntergleiten und blieb mit angezogenen Beinen sitzen. Ihr Herz pochte so laut, dass sie es hören konnte.
   Susan!
   Sie musste hier weg. Die Katzen in ihre Boxen packen und verschwinden.
   Sie hörte, wie sich der Aufzug in Bewegung setzte. Sie lauschte. Er hielt in der vierten Etage. In ihrer Etage. Die Aufzugstür öffnete sich. Schritte. Ihre Wohnung befand sich am Ende des Ganges. Die Schritte ließen Wohnung für Wohnung hinter sich. Kamen immer näher.
   Savannah griff nach Princess, die einen Laut des Unmuts ob der unsanften Behandlung von sich gab, und nach Muffin, der sich das problemlos gefallen ließ, und stürmte mit beiden ins Bad.
   »Princess, nein«, flüsterte sie erschrocken, doch da hatte sich Princess schon befreit und lief ins Wohnzimmer zurück.
   Sie hörte, wie sich der Türgriff der Wohnungstür bewegte. Die Tür wurde geöffnet. Savannah hielt den Atem an. Ihr Puls raste. Wieder Schritte. Der Eindringling war im Wohnzimmer. Er blieb stehen.
   Hoffentlich sah er nicht ins Bad.
   Hoffentlich war Princess unter dem Bett.
   Hoffentlich hatte sie einen Schutzengel, der über sie wachte.
   Sie wollte nicht sterben. Sie hatte Angst davor. Angst, erschossen zu werden. Wie der Polizist in der Garage. Wie Susan.
   Savannah zitterte am ganzen Körper. Sie hielt Muffin fest, um sich zu beruhigen. Ängstlich lugte sie durch den Spalt der Badezimmertür ins Wohnzimmer. Der Eindringling war weitergegangen, sie konnte ihn nicht sehen. Das Geräusch von Lamellen. Er hatte die Jalousie heruntergelassen. Durch ein Fenster schien keine Sonne mehr. Dann das andere.
   Im Wohnzimmer war es nun beinahe finster.
   Schritte.
   Die Person näherte sich dem Bad, blieb wieder stehen. Im Halbdunkel erkannte sie nur unscharf eine Silhouette. Groß und kräftig. Ein Mann. Er stand mit dem Rücken zu ihr, vor der toten Susan.
   Intuitiv griff Savannah nach dem Föhn. Etwas Wirksameres hatte sie nicht.
   Jetzt oder nie.
   Sie machte einen Satz aus dem Bad und schmetterte den Föhn auf den Hinterkopf des Einbrechers. Der stöhnte kurz auf. Im nächsten Augenblick packte jemand ihre Handgelenke und sie wurde an die Wand gepresst.
   »Kein Wort!«
   Die Stimme kam ihr irgendwie bekannt vor. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie den Mann an.
   War das … Mac?
   »Savannah? Sind Sie das?«
   Savannah nickte. Mac schien genau so überrascht wie sie. Er ließ sie los und machte einen Schritt zurück.
   »Was in aller Welt tun Sie hier?«, fragte er, in seiner Stimme jede Menge Ärger.
   »Die Frage ist doch eher, was Sie hier tun«, antwortete Savannah.
   »Was wohl. Ich hole Ihre dämlichen Katzen. Wie ausgemacht.«
   »Mit behandschuhten Händen? Wie ein Einbrecher? Halten Sie mich für blöd?«
   »Ehrlich gesagt: Ja. Haben Sie den Verstand verloren, hierher zu kommen? Die Gangster haben Ihre Handtasche und damit Ihre Adresse. Sie könnten tot sein!«
   »Erklären Sie mir lieber, warum Sie alles verdunkelt haben.«
   »Haben Sie zufällig die Leiche in Ihrem Wohnzimmer bemerkt?«
   Savannah antwortete nicht. Sie vermied es, in Susans Richtung zu sehen.
   »Jemand wurde erschossen«, redete Mac weiter. »Durch das Küchenfenster. Überall liegen Scherben. Ich habe alles abgedunkelt, damit man nicht von außen in die Wohnung sehen kann. Als Sicherheitsvorkehrung.«
   Das ergab Sinn. Savannah kam sich ziemlich dämlich vor. Mac musste sie für eine komplette Idiotin halten.
   »Kennen Sie die Tote?«, fragte er sie.
   »Ja. Es ist Susan. Susan Hobbes. Meine Nachbarin.«
   Mac schwieg einen Moment, bevor er weitersprach. »Sammeln Sie Ihre Katzen ein und alles, was Sie sonst unbedingt benötigen. So bald werden Sie Ihre Wohnung nicht mehr betreten.«
   »Wurde … wurde Susan an meiner Stelle umgebracht? Dachten die, Susan wäre ich?«, fragte Savannah leise, beinahe flüsternd.
   Susan hatte langes Haar, genau wie sie. Nur eine Nuance dunkler. Sie war groß und schlank. Genau wie sie.
   Mac antwortete nicht.
   Savannah konnte die Tränen kaum unterdrücken. Es war zu viel. Es war einfach zu viel.
   »Schnell, Savannah. Wir haben nicht ewig Zeit. Ich packe Ihr Zeug in mein Auto. Anschließend gehen Sie zu einem Ihrer Nachbarn und rufen die Polizei.«

»Sagen Sie niemandem, dass Sie bei mir wohnen. Auch nicht, dass ich hier war«, hatte ihr Mac eingeschärft, bevor er losgefahren war. »Die können eins und eins zusammenzählen.«
   Savannah fühlte sich verunsichert. Wenn sie der Polizei nicht vertrauen konnte, wem sonst?
   Außerdem fuhr sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Streifenwagen mit. Selbst wenn sie nur als Zeugin vernommen werden sollte, es war merkwürdig, auf der Rückbank eines Polizeiwagens zu sitzen. Wenigstens verzichteten die Polizisten auf Sirene und Signallicht.
   Als sie die Polizei gerufen und den Mord gemeldet hatte, hatte das Ehepaar Evans mit offenem Mund neben ihr gestanden. Die beiden schienen es gar nicht fassen zu können, dass in dem Haus, in dem sie seit Jahrzehnten lebten, eine so schreckliche Gewalttat geschehen war. Wahrscheinlich würden sie sich von nun an in diesem Haus nicht mehr sicher fühlen. Niemand würde das.
   Als sie das Hauptquartier der New Yorker Polizei betrat, zum zweiten Mal innerhalb so kurzer Zeit, fragte sie sich, weshalb diese furchtbaren Dinge ihr passieren mussten. Hätte sie in jener Nacht nicht so lange gearbeitet, wäre sie nicht Zeugin eines Verbrechens geworden. Hätte sie sich versteckt, anstatt loszurennen, hätten die Verbrecher sie wahrscheinlich nicht entdeckt. Hätte, hätte, hätte …
   Das Bild von Susan, die in ihrem eigenen Blut lag, wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen. Die Scharfschützen hatten Susan für sie gehalten, als sie die tödlichen Schüsse abfeuerten. Susan hatte, ohne es zu wissen, ihr Leben für sie geopfert. Dabei hatte sie doch bloß nach Princess und Muffin sehen wollen, die wahrscheinlich vor Hunger lautstark miaut hatten. Für diese freundliche Geste hatte sie mit ihrem Leben bezahlt.
   Savannah kauerte sich in den Sessel. Sie fror ganz schrecklich.
   Hätte sie Susan doch nur irgendwie warnen können. Ihr sagen, dass sie in großer Gefahr schwebte. Aber hätte sie Susan kontaktiert, hätte sie sie vermutlich genau um den Gefallen gebeten, der ihr zum Verhängnis geworden war: die Katzen zu versorgen. Im Nachhinein war Savannah heilfroh, dass sie keine Möglichkeit gefunden hatte, Susan anzurufen. Sie hätte es sich nie verzeihen können, hätte sie Susan in den Tod geschickt. Ein weiteres Szenario schoss ihr durch den Kopf. Was, wenn sie nicht auf Mac gehört hätte? Wenn sie ihn so lange gequält hätte, bis er sie, total entnervt, in ihre Wohnung gebracht hätte? Zu einem Zeitpunkt, wo der Scharfschütze bereits seine Position eingenommen hatte?
   »Ist Ihnen kalt?« Eine Polizistin holte eine Decke und einen Becher mit heißem Tee hervor, was Savannah dankbar annahm. Der Raum, in den man sie schließlich führte, war freundlicher, als der beim letzten Mal. Man gab ihr Zeit, ihre Geschichte zu erzählen. Savannah zitterte die ganze Zeit über. Das Zittern wurde schlimmer, als sie das Protokoll entgegennahm, um es gegenzulesen und zu unterschreiben. Dies alles war so furchtbar, so wahrhaft schrecklich. Sie wollte nur noch nach Hause und sich verkriechen, wobei sie bei »zu Hause« an Macs Wohnung dachte. Dort fühlte sie sich sicher. Sie stand auf, sie wollte gehen.
   »Einen Moment noch, ich bin gleich wieder zurück«, sagte der vernehmende Beamte, der sich als Detective Frazer vorgestellt hatte. Bestimmt war er in der Schule wegen seiner roten Haare und Sommersprossen gehänselt worden.
   Savannah blieb also im Raum zurück. Hoffentlich war sie hier bald fertig. Sie sehnte sich nach Frieden und Geborgenheit. Daheim würde sie sich Princess und Muffin schnappen und ganz fest an sich drücken. Wenn die beiden schnurrend neben ihr lagen, sich mit ihrem weichen Fell an sie schmiegten, würde es ihr gleich viel besser gehen.
   Frazer kehrte mit einem Stapel Fotos zurück, die aussahen, als wären sie gerade ausgedruckt worden.
   »Wir haben noch eine Bitte, Ms. Johnson. Diesmal geht es um den Vorfall von Freitagnacht. Sehen Sie sich bitte diese Bilder an und sagen Sie mir, ob Sie jemanden darauf erkennen.«
   Alle Fotos zeigten Männer mittleren Alters. Savannah wollte gar nicht wissen, was jeder Einzelne von ihnen auf dem Kerbholz hatte.
   Die meisten wirkten ganz normal, unauffällig. Würde sie ihnen auf der Straße begegnen, würde sie sich nichts dabei denken. Bei einem Foto hielt sie inne. Es zeigte einen Mann um die fünfzig oder ein wenig älter. Er hatte ein ausgesprochen markantes Gesicht mit tief liegenden, eng stehenden Augen sowie einer hohen Stirn. Der Haaransatz wich an den Ecken bereits zurück, seine Nase war gerade und am Ende abgerundet. Dieses Gesicht hätte sie jederzeit wiedererkannt. Sie tippte mit dem Zeigefinger auf das Bild. »Der hier. Er hat in der Garage den Mann erschossen.«
   »Sind Sie sicher?«, fragte Frazer.
   Savannah nickte. »Ja, absolut.«
   Die kalten Augen des Mannes starrten ihr von dem Foto entgegen. Er war der Mörder, ohne jeden Zweifel.

*

Der Motor von Macs Corvette schnurrte wie ein Kätzchen. Im Gegensatz zu den Vierbeinern, die Mac schon beim Verstauen in seinem Sportwagen Kopfzerbrechen bereitet hatten. Der dicke beige Kater, der Mac unweigerlich an Garfield erinnerte, hatte sich in seiner Box zusammengeringelt und ließ die Autofahrt auf dem Beifahrersitz stoisch über sich ergehen.
   Anders die kleine Weiße, deren Transportbox er mit Mühe und Not auf der hinteren Ablagefläche untergebracht hatte. Klägliches Fiepen drang aus der Box, seit Mac losgefahren war. Mit zarter, feiner Stimme beklagte sie sich die ganze Fahrt über von Brooklyn bis Manhattan.
   Mac war erleichtert, als er auf seinem Garagenplatz einparkte und den Motor abstellte. Er hob die Boxen aus dem Wagen. Die eine wackelte, als Princess darin herumstieg, die andere hatte auf einer Seite Übergewicht und hing hinten, wo Muffin lag, tief nach unten. Was gab Savannah diesem Tier bloß zu essen? Etwa Muffins? Hieß er deswegen so?
   In seiner Wohnung angekommen, versicherte er sich, dass die Haustür geschlossen war, bevor er die Boxen öffnete.
   Er wartete. Nichts geschah. Eine lange Minute später trottete Muffin heraus und inspizierte Macs Wohnung. Er schnüffelte an Macs achtlos hingeworfenen Schuhen, an dem Sportrucksack, an Türen und Kästen, lief, Schnauze am Boden, in das Wohnzimmer und setzte dort den Rundgang fort.
   Princess blieb in ihrer Box. »Miezekatze?« Intuitiv sprach Mac höher, wie mit einem Kind. »Princess! Kleine Princess.« Die Antwort war ein leises Jammern.
   Vielleicht sollte er ihr Zeit geben. Er ging in die Küche und füllte zwei flache Schüsseln mit Wasser. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie Princess ihre Box verließ und vorsichtig, einen Fuß vor den anderen setzend, an ihm vorbei ins Wohnzimmer stolzierte. Als er dieselbe Richtung einschlug, beschleunigte sie in den fünften Gang und flitzte flach wie eine Flunder unter den Fernsehtisch.
   Offenbar war Princess wenig von ihm angetan. Das konnte ja heiter werden.
   Mac nahm die Fernbedienung und wollte sich auf der Couch niederlassen, wo es sich schon der dicke Kater gemütlich gemacht hatte. Irgendwie schafften sie es, gemeinsam dort zu sitzen, als hätten sie nie etwas anderes getan.
   Savannahs Katzen hatte er sicher nach Hause gebracht. Er würde froh sein, wenn er auch Savannah wieder hier bei sich in Sicherheit wusste.

Sein Wunsch erfüllte sich erst Stunden später. Die Vernehmung hatte sicher Frazer durchgeführt, ihm fiel immer noch etwas ein.
   Die Katzen begrüßten Savannah freudig bei der Tür und rieben sich an ihren Beinen. Princess stellte sich wie ein Erdmännchen auf und tapste mit ihren Vorderpfoten auf Savannahs Knie. Muffin schnurrte, als hätte jemand seinen Motor angeworfen. Irgendwie süß, aber Mac verstieß den Gedanken sogleich wieder. Das waren Katzen. Die machten Schmutz, zerkratzten Sofas und ruinierten Vorhänge. Das war gar nicht süß. Vor allem nicht, wenn man eine italienische Designerbank besaß.
   Eigentlich wollte er Savannah noch fragen, wie die Vernehmung gelaufen war, aber er war so müde, dass er nur mit Mühe die Augen offen halten konnte. Wie in Trance taumelte er nach dem Duschen zum Sofa, ließ sich darauf fallen und zog die Decke hoch. Er hatte die Augen kaum geschlossen, da war er auch schon eingeschlafen. Wenn auch nur für gefühlte fünf Minuten. Er wachte augenblicklich auf, als er, Ellenbogen voran, auf dem Dielenboden landete. Genau wie die Nacht zuvor. Nicht bloß, dass er von der Ledercouch geglitten wäre, nein, gleich das gesamte Bettzeug mit ihm.
   Viel zu müde, um sich noch einmal ordentlich das Bett zu richten, verfrachtete er alles – Laken, Kissen, Decke – auf die Couch, kroch in den Knäuel hinein und versuchte einmal mehr, Schlaf zu finden. Er schloss die Augen, er schlummerte. Für vielleicht zehn Minuten. Diesmal merkte er schon, wie er ins Rutschen geriet, langsam wie in Zeitlupe, aber es war zu spät, um es noch aufzuhalten.
   Er stopfte das Laken fest in die Ritzen der Couch, strich es glatt und legte sich vorsichtig darauf. Das musste halten.

Savannah kam aus dem Schlafzimmer mit nur seinem T-Shirt auf ihrer Haut und ging mit geschmeidigen Schritten an ihm vorbei. Macs Müdigkeit war wie weggeblasen. Sein Blick folgte jeder ihrer Bewegungen, während sie aufreizend zur Küche spazierte. Sie öffnete den Kühlschrank, nahm eine Wasserflasche heraus, schubste die Tür zu und lehnte sich dagegen. Sie trank in so gierigen Schlucken, dass ihr das Wasser über das Kinn lief, ihren Hals hinab, auf das T-Shirt. Mac starrte auf die rosigen Spitzen, die sich durch das durchscheinende Shirt drückten. Savannah lächelte, wandte ihm den Rücken zu und ließ den feuchten Stoff an sich hinunter gleiten. Mac stockte der Atem. Ihr kleiner Apfelpo war perfekt. Ihr ganzer Körper war perfekt. Langsam, beinahe in Zeitlupe, drehte sie sich wieder um und schleuderte das T-Shirt mit einem Fuß in seine Richtung. Schwer und feucht landete es auf seinen Waden. Er hatte gar nicht geahnt, wie schwer so ein T-Shirt war.
   Seine Nase kribbelte.
   Etwas balancierte auf seinen Beinen, trampelte gemächlich über seinen Schritt nach oben.
   Mac stöhnte.
   Auf seine Brust drückte plötzlich ein Gewicht. Wie ein Stein. Ein warmer Stein, der in eine dicke, flauschige Decke gewickelt war und ihn an der Nase kitzelte.
   Mac bekam keine Luft.
   Er fuhr hoch und musste lautstark niesen. Noch während er sich aufsetzte, plumpste etwas schwer zu Boden und miaute gekränkt. Zwei runde kupferfarbene Augen sahen zu ihm hoch und blickten ihn vorwurfsvoll an.
   »Muffin, was machst du denn?« Es war Savannah, die in den Bademantel gewickelt aus dem Schlafzimmer kam. Sie hob den riesigen Kater auf, als wäre er das leichteste Kätzchen der Welt.
   »Tut mir leid, Mac. Ich nehme Muffin besser zu mir hinein.«
   Die Tür fiel wieder hinter ihr zu.
   Hoffentlich war das launische Tier auch dort. Wenn er noch einmal von etwas geweckt wurde, was vier Beine hatte, konnte er für nichts mehr garantieren.

Kapitel 3

Savannah hatte tief und fest geschlafen, die Katzen zu ihren Füßen gekuschelt, und es war schon später Vormittag, als sie das Wohnzimmer betrat. Mac hatte das Bettzeug zur Seite geschoben, lümmelte auf der Couch und sah den Sportkanal.
   »Ausgeschlafen?«, fragte er zur Begrüßung.
   »Ja, danke. Guten Morgen. Arbeiten Sie heute nicht?« Dann fiel ihr ein, dass es Sonntag sein musste.
   Sie ging in die Küche. Die Bierflaschen waren verschwunden, die Spüle war leer. Dafür brummte der Geschirrspüler.
   »Nein. Weder heute noch in nächster Zeit«, antwortete Mac. »Sie haben mich von dem Fall abgezogen, weil ich angeblich persönlich involviert bin.« Er betonte »persönlich involviert« auf eine Art und Weise, die keinen Zweifel darüber aufkommen ließ, wie lächerlich er das fand. »Sie wollen außerdem die Umstände abklären, wie es zu dem Scheitern des Einsatzes kam. Bis dahin habe ich Urlaub. Klasse, was?«
   »Das tut mir leid für Sie, Mac.«
   Das tat es wirklich. Sie konnte nicht sagen, warum, sie wusste nichts über seine Arbeit, aber sie hielt ihn für einen guten Polizisten. Hätte ihr Alarmgerät nicht losgeheult, dann …
   »Das muss es nicht. Sie trifft ja keine Schuld.«
   Savannah war überrascht. Sie hätte wetten können, dass er sie für den misslungenen Einsatz verantwortlich machte.
   »Im Kühlschrank ist frische Milch und in der Brotdose Gebäck. Bedienen Sie sich.«
   Savannah öffnete den Kühlschrank. Tatsächlich – Milch, normale und fettreduzierte. Auch Butter, normal und fettarm. Marmelade, drei Sorten. In der Brotdose fand sie allerlei Gebäck. Sie schmunzelte. Mac war nicht nur aufmerksam und dachte mit, er war auch fürsorglich. Eine Eigenschaft, die sie ihm nicht zugetraut hätte.
   Als sie frühstückte, bereitete Mac mit seiner italienischen Kaffeemaschine einen Kaffee und setzte sich zu ihr.
   »Was halten Sie nachher von einem Ausflug in den Central Park?«
   Ganz viel. In all den Wochen, in denen sie schon in New York lebte, war sie noch nie im Central Park gewesen, obwohl sie es sich so oft vorgenommen hatte. Der kleine Ausflug war eine willkommene Abwechslung. Endlich konnte sie wieder raus, an die frische Luft. Noch dazu, wo sich New York von seiner schönsten Seite präsentierte. Die Temperatur war weit über zwanzig Grad geklettert und die Sonne strahlte.
   Sie beobachtete Mac, wie er ein Croissant durchschnitt, mit Butter und Marmelade bestrich und herzhaft hineinbiss. Eine Haarsträhne fiel ihm dabei in die Stirn und irritierte ihn. Er strich sie aus dem Gesicht und nahm einen Schluck Kaffee. Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass ein perfekter schwarzer Wimpernkranz seine Augen umgab. Seine Augenfarbe konnte sie nicht genau ausmachen, obwohl sie ihm gegenübersaß. Es war ein Mix aus blau und grau mit einem Hauch grün. Wie ein See. Savannah fand den Gedanken super kitschig. Aber es stimmte, seine Augen erinnerten an einen See. Während sie an ihrem Kaffee nippte, musterte sie ihn verstohlen. Maskulines, aber nicht zu hartes Kinn, schön geschwungene Lippen, umwerfende Grübchen, wenn ein seltenes Lächeln seine Lippen umspielte, und ein wirklich gutes Profil. Sicher kam er bei Mädchen mit seiner selbstbewussten Art und diesem Aussehen ungemein gut an. Seltsamerweise fand sie diesen Gedanken irritierend.
   Als er zu ihr blickte, spürte sie, wie sie errötete. Zum Glück kam Muffin um die Ecke gebogen und lenkte die Aufmerksamkeit auf sich. Gierig starrte er auf das Croissant in Macs Hand. »Vergiss es«, sagte Mac und biss ab.
   Savannah konnte nicht widerstehen, ein Stückchen Butter unter den Tisch zu schmuggeln. Hingebungsvoll leckte Muffin es von ihrem Finger.
   Princess sprang auf die Bar, wo sie eine Sphinxhaltung einnahm und Mac misstrauisch beäugte.
   Es war wirklich lieb von Mac, auch ihre Katzen bei sich aufzunehmen. Seit sie bei ihm wohnte, hatte er sich noch kein einziges Mal über etwas beschwert. Nicht einmal über die Katzentoiletten in seinem Designerbad. Stattdessen hatte er ihr wie selbstverständlich sein Bett überlassen und versorgte sie mit Croissants, dampfendem Kaffee und Kleidung. Sicher würde er es vehement abstreiten, aber er war wirklich nett. Hinter dieser harten Schale verbarg sich ein Mann, den man, sobald man ihn auch nur ein bisschen besser kannte, gern haben musste.

Pferdekutschen säumten den Eingang zum Central Park und warteten auf Kunden. Ein Händchen haltendes Pärchen machte sich gerade daran, eine zu besteigen. Sie wirkten so unbeschwert verliebt, dass Savannah nicht anders konnte, als sie zu beneiden. Es musste wunderbar sein, mit seinem Freund eine romantische Kutschfahrt zu machen, frei von Sorgen und Ängsten. Sie warf einen Seitenblick auf Mac, der schweigend neben ihr herging. Wie es sich wohl anfühlte, seine Hand zu halten? Die Vorstellung trieb ihr die Wärme in die Wangen. Verlegen steckte sie die rechte Hand in die Tasche ihrer Jeans.
   Über ihnen blühten Kirschbäume in rosafarben und weiß. Sattes, helles Grün, wohin man sah. Ein Radfahrer fuhr klingelnd an ihnen vorüber und eine Reihe von Joggern hatte sich entschlossen, das wunderbare Früh-lingswetter zu nutzen. Es war viel zu lange her, seit sie selbst zum letzten Mal gelaufen war.
   Fast eine Woche.
   »Wir biegen hier ab.« Mac lenkte sie nach links. Seine Hand auf ihrer Schulter fühlte sich warm an und ein kleiner angenehmer Schauer rieselte ihren Rücken hinunter. Sie ließen die mit tollenden Kindern und frisch verliebten Pärchen bevölkerte Liegewiese links liegen und folgten dem schmalen Pfad. Der betörende Duft von Flieder stieg ihr schon von Weitem in die Nase. Mac führte sie an der Blütenpracht und an einem Kiosk, wo sich die Parkbesucher in einer langen Schlange um kalte Getränke anstellten, vorbei, bis zu einer Picknickbank, die einsam inmitten eines Stücks Rasen stand.
   »Schön hier«, sagte Savannah.
   »Mmh«, war seine Antwort.
   Er wirkte nicht so, als würde er den herrlichen Tag genießen. Die Sorgenfalte auf seiner Stirn verriet, dass er mit den Gedanken woanders war. Nicht hier im Central Park. Nicht bei ihr.
   Sie nahmen Platz und Savannah genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Sie wollte gar nicht an morgen denken oder die nächsten Tage, aber immer wieder machten ihr vernünftige Gedanken einen Strich durch die Rechnung. Unter anderem ihr Job. Ein paar Tage würde sie von zu Hause arbeiten können. Aber was dann?
   »Sagen Sie mir nun, wie sich ein Polizist eine so schöne Wohnung in solch einer Gegend leisten kann?« Sie blinzelte ihn an. »So eine Wohnung muss doch ein Vermögen wert sein.«
   »Ist sie auch.« Es entstand eine kurze Pause, ehe er weitersprach. »Meine Eltern haben sie gekauft. Sie sind …«, Mac schien nach dem richtigen Wort zu suchen, »wohlhabend. Wenn sie ihr Geld nicht in Immobilien anlegen, geben sie es für Kunstgegenstände aus. Ihre Sammlung ist einigermaßen beeindruckend. Sicher fragen Sie sich, warum ich bei diesem Hintergrund Polizist geworden bin.«
   Savannah nickte und lächelte ihn aufmunternd an. Ja, das würde sie tatsächlich interessieren. Überhaupt wollte sie mehr über ihn hören. Sie wusste praktisch nichts über den Mann, der sie aufgenommen hatte.
   »Ursprünglich habe ich Kunstgeschichte studiert«, sagte Mac, »und das Studium abgebrochen, als ich zur Polizei wechselte. Meine Eltern haben das lange nicht verstanden.«

Wenn er ehrlich war, kam sein Vater noch immer nicht klar mit dieser Entscheidung.
   »Mein Kunststudium ist auch der Grund, warum ich auf diesen Fall angesetzt wurde.« Er erklärte ihr die Zusammenhänge. Allerdings fand er es nicht einfach, bei der Sache zu bleiben. Savannah hatte ihr perfektes Puppengesicht in Richtung Sonne gewandt, und ließ ihre Haut von den Sonnenstrahlen streicheln. Als sie die Augen wieder öffnete …
   Mac hätte versinken können in diesem Blau. Kobaltblau. Intensiv und strahlend, wie er es noch nie zuvor bei jemandem gesehen hatte.
   In ihrem braunen Haar hatten sich ein paar rosa Blüten verfangen. Es juckte ihn geradezu in den Fingern, sie davon zu befreien. Seine Finger in ihrem glänzenden, seidigen Haar zu versenken.
   »Sie hätten in keinen brisanteren Fall stolpern können.« Er versuchte, die Angst, die in Savannahs Augen aufblitzte, fürs Erste zu ignorieren. Sie musste wissen, worum es hier ging. Auf keinen Fall durfte sie die Gefahr unterschätzen, in der sie sich befand. Aber dies war ihr sicher spätestens seit Susans Ermordung bewusst geworden. Darüber hinaus benötigte er ihre Hilfe.
   »Wir arbeiten seit Monaten daran, den Taipan auffliegen zu lassen. Einen Gangsterboss, der einen gefährlichen Verbrecherring aufgebaut hat, mit Verbindungen in höchste Kreise. Was es auch so schwierig macht, ihn dranzukriegen. Seine Spezialität ist illegaler Kunsthandel. Unter anderem. Außerdem Diebstahl, Mord und Erpressung. Sogar das FBI und Interpol sind eingeschaltet. Da der Taipan vor allem in New York seine Geschäfte abwickelt, sind wir auch im NYPD an ihm interessiert. Vor Kurzem hat sich uns eine einmalige Chance eröffnet.« Er hob den Blick, nachdem er die längste Zeit Savannahs feste Brüste angestarrt hatte, die die Schrift auf dem engen T-Shirt ausdehnten. Schwarz schimmerte die Spitze des BHs durch den hellen Shirtstoff. »Ich nehme an, der Name Fabergé sagt Ihnen etwas?«
   Sie nickte. »Das sind doch diese berühmten russischen Eier aus Gold und Juwelen, die der Zar anfertigen ließ.«
   »Genau. Jedes einzelne davon ist Millionen wert. Fabergé hat zweiundfünfzig gefertigt. Die meisten befinden sich heute in Museen, einige auch in den Händen privater Sammler, vor allem hier in den Staaten. Aber einige dieser Raritäten gelten seit Jahrzehnten als verschollen. Darunter das Necessaire-Ei. Zuletzt wurde es 1952 von einem Antiquitätenhändler in London an einen unbekannten Sammler verkauft. Es existiert nur eine verschwommene Schwarz-Weiß-Fotografie, auf der es kaum zu erkennen ist. Niemand weiß, wie es genau aussieht oder wo es sich befindet.«

*

Savannah drehte den Kopf zu Mac. Gerade rechtzeitig, um zu bemerken, dass er seinen Blick, wenn auch unauffällig, umherschweifen ließ. Er war Polizist mit Haut und Haaren. So wie sie Softwareentwicklerin. Sie beide lebten für ihren Job.
   Das Plätzchen war gut gewählt. Nur aus der Ferne konnte sie das Geplauder beim Kiosk hören und ein einsamer Jogger zog seine Runden über den Rasen.
   Mac sprach erst weiter, als sich der Jogger wieder entfernt hatte. »Zu Neujahr gab es einen Hauseinbruch in einer Villa in Cornwall. Großbritannien«, fügte er hinzu, als hätte sie das nicht gewusst. »Der alte Herr, der zurückgezogen, fast wie ein Einsiedler gelebt hatte, wurde dabei brutal erschlagen. Absolut niemand hatte auch nur geahnt, welche Kunstschätze er in seinem Haus angehäuft hatte. Nicht einmal seine Versicherung konnte den Wert genau beziffern und längst nicht alles war versichert. In Unterweltkreisen kam sehr rasch das Gerücht auf, eines der verschwundenen Fabergé-Eier, das sogenannte Necessaire-Ei, könnte sich unter der Beute befinden. Beweise gab es keine und der Einbrecher wurde bald gefasst, auch wenn seine Festnahme bisher nicht an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Das Diebesgut, das größtenteils noch in seinem Besitz war, ging an die Erben des Toten, die ebenfalls anonym bleiben wollen. Wir haben uns größte Mühe gegeben, das Gerücht vom gestohlenen Fabergé-Ei aufrechtzuerhalten und einen Beamten als illegal agierenden Kunstdealer einzuschleusen. Wir hatten darüber hinaus eine perfekte Imitation von einem Top-Juwelier, die das NYPD ein Vermögen gekostet hat.«
   Perfekte Imitation? Savannah fragte sich, ob der Juwelier das echte Ei je zu Gesicht bekommen hatte. Aber es erübrigte sich, Mac danach zu fragen. So etwas würde er ihr nicht verraten.
   »Rein theoretisch hätte nichts schief gehen dürfen.« Macs Stimme nahm einen bitteren Ton an. »Aber der Taipan hatte schon bei der Übergabe gewusst, dass es sich bei dem Ei um eine Fälschung handelte. Dafür gibt es nur eine einzige Erklärung. Es gibt einen Maulwurf, irgendwo im NYPD.« Er blickte ihr in die Augen. »Ich muss ihn finden. Er hat meinen Partner auf dem Gewissen. In weiterer Konsequenz auch Susan. Ihm verdanken Sie, dass Killer hinter Ihnen her sind.«
   Savannah schluckte.
   »Wenn der Maulwurf dem Taipan steckt, dass Sie noch am Leben sind, wird dieser nichts unversucht lassen, Sie zu töten.«
   Savannah sah ihn erschrocken an. So weit hatte sie noch gar nicht gedacht.
   »Sie können mir helfen, Savannah. Sie sind doch so ein Computergenie. Können Sie sich in den Polizeiserver hacken und herausfinden, wer zuletzt Zugriff auf die Akte Taipan hatte?«
   Damit hatte sie nicht gerechnet. Mac bat sie, etwas Illegales zu tun. Etwas, für das sie ins Gefängnis gehen konnte.
   »Ich denke, das wäre zu schaffen«, sagte sie vorsichtig. Das war weder eine Zu- noch eine Absage. Aber es verschaffte ihr Zeit, darüber nachzudenken.

*

»Sie wollen doch bestimmt Ihr altes Leben zurück?« Mac wusste, dass er zu unfairen Mitteln griff. Doch er musste sie für seinen Plan gewinnen. Eine andere Möglichkeit sah er nicht. Schon gar nicht jetzt, wo er zwangsbeurlaubt war. Er konnte sehen, wie sie mit sich rang. Sich vermutlich fragte, ob das nicht eine große Dummheit war.
   Er überlegte, ob er ihr von dem Zeugenschutzprogramm erzählen sollte, in das sie sein Vorgesetzter aufnehmen lassen wollte. Doch er tat es nicht. Obwohl er ihr diese Information schuldete, behielt er sie für sich. »Je schneller wir den Taipan fassen«, sagte er stattdessen, »desto schneller haben Sie auch Ihren Job zurück. Desto schneller zieht wieder Normalität in Ihr Leben ein.«
   Er wusste, dass er sie unglaublich unter Druck setzte, aber eine bessere Idee hatte er nicht. So absurd sich das für ihn selbst anhörte, sie war der rettende Strohhalm. Eine Chance, die nicht vertan werden durfte. Hoffentlich war Savannah so gut, wie er annahm. Er wollte diese Informationen unbedingt. Er musste wissen, wer Chris an den Taipan verraten hatte.

*

Savannah schwieg lange. Ihr Gefühl sagte ihr, dass Mac sie nur um etwas bat, wenn er keine andere Option hatte. Was er sagte, leuchtete ihr ein. Die Geschichte klang plausibel, auch wenn sie sich wie eine James-Bond-Nummer anhörte.
   Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass er ihr etwas verschwieg, aber sie konnte sich ebenso gut irren. Sie musste sich entscheiden. Vertraute sie ihm oder vertraute sie ihm nicht? »In Ordnung«, sagte sie schließlich, »ich helfe Ihnen.«

»Wenn wir in der Zentrale sind, bleiben Sie bei mir und machen nichts auf eigene Faust. Tun Sie nur, was ich Ihnen sage.«
   »Das haben Sie mir auf dem Weg hierher schon mehrfach mitgeteilt«, sagte Savannah.
   Mac schwieg. Er selbst wäre auch nicht begeistert, würde man ihm dauernd dasselbe erzählen. Immerhin schienen sie Glück zu haben. Es war Sonntag und eine ruhige Nacht. Gänge und Großraumbüro waren wie ausgestorben, aber es bestand jederzeit die Gefahr, dass es einen Kollegen nachts hierher verschlug.
   »Hier hinein.« Er hielt Savannah eine Tür auf. Ihr Blick wanderte zu dem Schild neben der Tür. Sie zögerte. »Lieutenant Baker ist Ihr Vorgesetzter, nicht wahr?«
   »Ja.«
   »Warum weihen Sie ihn nicht einfach ein? Sie vertrauen ihm doch.«
   Sie fragte eindeutig zu viel. Das war das Problem mit intelligenten Menschen. Sie dachten mit.
   »Das mache ich noch. Nachher. Wenn ich nicht mehr zwangsbeurlaubt bin.«
   Savannah trat ein. Man konnte ihr den Kampf, den sie mit sich selbst führte, regelrecht vom Gesicht ablesen, als sie sich hinter Bakers Schreibtisch setzte.
   Sie lauschten, wie der Computer surrend hochfuhr. Mac setzte an, etwas zu sagen, doch sie deutete ihm, ruhig zu sein. Sie musste sich konzentrieren. Mac verstand, setzte sich neben sie und wartete.

*

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   Savannah schüttelte über das simple Kennwort den Kopf. So eine Nachlässigkeit bei derart heiklen Daten! Manche Leute machten es Hackern wirklich einfach.
   Während sie damit beschäftigt war, sich in den Server zu hängen, ging Mac unruhig auf und ab. Es war das erste Mal, dass er Nervosität zeigte. Irgendwie verständlich, auch für ihn stand Etliches auf dem Spiel. Wäre die Angelegenheit nicht so ernst, hätte es ihr ein Lächeln entlockt. »Ich bin drin, Mac«, verkündete sie schließlich und fühlte ein kleines bisschen Stolz in ihrer Brust aufkeimen.
   Sie drehte sich zu ihm. Wenn sie sich nicht ganz täuschte, hatte er sie soeben mit einem bewundernden Blick bedacht.

Savannah summte unter der Dusche, was sie schon seit Tagen nicht mehr getan hatte. Sie hatte das Gefühl, etwas bewirkt zu haben, etwas, das für einen wichtigen Kriminalfall von Bedeutung war. Vielleicht war sie zu euphorisch und naiv, aber solange sie Vorsicht walten ließ, war das immer noch besser, als frustriert herumzusitzen und Trübsal zu blasen. Oder vor Angst zu vergehen.
   Als sie die Dusche verließ, machte sich Princess gerade mit Begeisterung daran, Macs Bett auseinanderzunehmen. Sie hatte sich auf ihre Hinterpfoten aufgerichtet, ihre kleinen, spitzen Krallen ins Laken geschlagen und zog daran, bis alles drohte herunterzurutschen. Mac stand gerade in der Küche und öffnete eine Flasche Wein. Als er sich umdrehte, hatte Princess es geschafft. Macs Bett lag am Boden.
   »Schon gut, Savannah. Ich richte es, wenn ich schlafen gehe«, sagte Mac und reichte ihr ein Glas. »Vielen Dank für heute Abend. Sie waren großartig.«
   »Danke«, erwiderte Savannah. Sie nahm einen Schluck und merkte, dass ihre Wangen glühten. Sie ahnte, dass das nicht nur am Alkohol lag.
   Mac nahm Kissen und Laken und warf alles auf das Sofa. Sofort kam Muffin angetrabt und fing an, sein Kinn daran zu reiben.
   »Was macht er da?«, fragte Mac.
   »Ich glaube, er markiert Ihr Bett, indem er seine Duft-note darauf verteilt.«
   »Er … was?«
   Mac stellte den Wein ab und wollte die Sachen woanders platzieren, was gar nicht so einfach war, weil sich Muffin darauf ausgebreitet hatte.
   »Hören Sie, Mac«, setzte Savannah an und brach wieder ab.
   »Mac«, sie startete einen zweiten Anlauf, »Sie müssen nicht auf der Ledercouch schlafen. Es ist Ihre Wohnung und … Was ich sagen möchte, ist, dass Sie gern das halbe Bett haben können. Wenn Sie möchten, natürlich.«
   Savannah war nicht sicher, ob der Vorschlag eine wirklich gute Idee war, aber zusehen, wie Mac jeden Morgen unausgeruht und mit Schatten unter den Augen den Tag begann, wollte sie auch nicht länger.
   Mac lächelte und Grübchen bildeten sich auf seinen Wangen. »Nehme ich gern an«, erwiderte er und zog wieder in sein Schlafzimmer ein.

Während Mac in null Komma nichts eingeschlafen war, lag Savannah wach. Es war seltsam, neben Mac zu liegen, ihn atmen zu hören. Sachte drehte sie sich um, darauf bedacht, ihn nur ja nicht aufzuwecken, und betrachtete den schlafenden Mac. Seine Decke war ein Stück nach unten gerutscht und gab seinen muskulösen Oberkörper frei. Das Mondlicht fiel sanft durch das Schlafzimmerfenster und Savannah konnte mühelos jeden seiner Muskeln erkennen. Sein rechter Arm lag seitlich neben ihm, der linke auf seinem Körper. Savannah betrachtete seine Arme und fragte sich, wie es sich wohl anfühlte, von ihnen gehalten zu werden. Den Kopf auf seine Brust zu legen und diese Arme auf der nackten Haut zu spüren.
   Mac bewegte sich im Schlaf und Savannah drehte sich sofort auf die andere Seite. Über den Gedanken an Macs kräftige Arme schlief sie schließlich ein.

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