1703
In den französischen Cevennen tobt der Kamisardenkrieg zwischen protestantischen Rebellen und der katholischen Übermacht. Inmitten einer Atmosphäre voller Hass und Misstrauen verliebt sich der katholische Offizier Rougier Hals über Kopf in die rebellische Protestantin Helene. Er rettet sie im letzten Moment vor dem Galgen, indem er sie zur Frau nimmt. Langsam kommen sie sich näher, doch nach dem Tod von Helenes heimlichen Ehemann, an dem Rougier nicht ganz unschuldig ist, rächen sich Helene und ihre Rebellengruppe durch einen blutigen Überfall. Rougier hält unbeirrt an seiner Liebe fest und versucht mit allen Mitteln, seine Frau an sich zu binden. Helene muss sich entscheiden. Gibt sie seinem Werben nach oder entschließt sie sich, für ihren Glauben mit den Rebellen unterzugehen?

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ISBN: 978-9963-52-585-0

Seiten: 346

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Brunhilde Witthaut

Brunhilde Witthaut
Brunhilde Witthaut lebt in Westfalen und arbeitet in einem Industriebau-Unternehmen. Erst spät kam sie zum Schreiben und begann mit historischen Romanen wie dem, der im Herbst 2014 bei bookshouse veröffentlicht wurde. Bald schon erweiterte sie ihre Genre und veröffentlicht unter Pseudonym Krimis für schwule Leser sowie Gay romance Werke. Auch im Bereich Jugendbuch ist sie tätig. Sie wird von der Agentur Beate Riess vertreten und hofft, dass sie weiterhin viele Geschichten aus ihrem Lieblingsland Frankreich schreiben kann. Natürlich reist sie gern, fährt Motorrad und wandert.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Südfrankreich, Anduze, 4. Juli 1703

»... dass Ihr Sohn Benedict Botrange … in Ausübung seiner Pflicht am ersten Juli 1703 … im Kampf gegen Aufständische sein Leben für König …«
   Maurice unterbrach sein Diktat. Der Name rief ein Bild wach, einen unschönen Kontrast aus Blut und Leichenblässe. Das war der Auvergnate mit den Pockennarben gewesen, ein stiller Mann, der ihm nie besonders aufgefallen war. Er räusperte sich und goss sich ein Glas Wein ein, um sich vor der abschließenden Nachricht dieses Briefes etwas Aufschub zu verschaffen. Die zitternde Gänsefeder tanzte auf dem Pergament, und sein Bursche schnaufte, während er den Worten seines Herrn zu folgen versuchte.
   Als sein Blick durch das Fenster auf die Straße fiel, vergaß er seine Arbeit und musterte mit willkommenem Interesse eine junge Frau, die vor den Hauswänden in die Sonne glitt, in den Schatten tauchte und sich offensichtlich dem Haus näherte. Die weiße Haube, die streng auf ihrem kastanienbraunen Haar befestigt war, blähte sich durch den Gegenwind ihrer energischen Schritte auf. Er konnte den Blick nicht von ihr lösen und lehnte sich weit aus dem Fenster. Mit gerötetem Gesicht stand sie vor der Tür. Nach kurzem Zögern hob sie die Hand und klopfte vehement. Dieser hübsche Anblick war trotz der zu erwartenden Un-ruhe wohl das Angenehmste, das ihm am heutigen Tag vor die Augen kommen würde.
   Er nickte seinem Burschen zu, der die Feder auf den Tisch warf, die schwere Holztür öffnete und nach den Wünschen der Besucherin fragte, während sich Maurice über die Tintenkleckse auf dem Papier ärgerte.
   »Ich muss Monsieur Rougier, den Hauptmann der königlichen Dragonerkompanie, sprechen, es ist wichtig.« Es musste in der Tat wichtig sein, denn sie wartete die Antwort des jungen Soldaten nicht ab, sondern schlüpfte unter seinem Arm hindurch in das Zimmer, bevor sich dieser rühren konnte. Mit ihr drang der Geruch von Pferdemist und Flieder in die Stube.
   Maurice verließ seinen Standort am Fenster und gab sich zu erkennen. Die Frau hielt inne und musterte die Stiche der silbernen Ziernähte, die seine dunkelgrüne Uniformjacke schmückten, ehe sie sich offenbar an den Grund ihres Kommens erinnerte. Ihre Augen funkelten, sie starrte ihn finster an. In dieses Schweigen platzte das Brummen einer dicken Fliege, die beim Öffnen der Tür Zuflucht im kühlen Zimmer gefunden hatte und nun, von der Helligkeit angezogen, am Fensterglas hin- und hertaumelte.
   »Ich komme von einer Freundin. Es geht ihr nicht gut. Es geht ihr überhaupt nicht gut«, eröffnete sie das Gespräch.
   »Das tut mir leid«, sagte er und betrachtete ihre glühenden Wangen.
   »Mir auch, mir tut sie verdammt leid. Zwei Eurer verdammten Männer haben sie heute Morgen vergewaltigt. Ihr könnt Euch Euer verdammtes Mitgefühl sparen.« Sie tippte mehrmals mit dem Zeigefinger auf seine Brust. Diese ungewohnte Frechheit amüsierte ihn und er linste auf ihren halbverhüllten Busen, der sich im Mieder hob und senkte. Ihr Kleid war einfach geschnitten, jedoch nicht wie üblich dunkel und schmucklos, sondern es lockte mit einer glänzenden, moosgrünen Farbe und einem bestickten Ausschnitt, der ein Zugeständnis an ihre Frische und Jugend war. Ein solch offenherziges Gewand, das in Nîmes oder Lyon unter Tausenden sicher nicht aufgefallen wäre, sah man nicht oft in der kleinen Provinzstadt Anduze.
   Wirklich hübsch, ihre Brust war weder zu klein noch zu groß. Seine Hände zuckten vor Verlangen, dieses samtige Fleisch zu umfassen. Um sich abzulenken, rieb er seine Fingerspitzen aneinander. Verwirrt drehte er sich um und blickte wieder auf die Straße hinaus, ohne den Frauen mit Körben an der Hüfte, die zum Markt eilten, und den Männern, die in Rückentragen Tonwaren transportierten, besondere Beachtung zu schenken.
   Er sollte Urlaub beantragen und eine Weile nach Crest zurückkehren. Diese frömmelnde Kleinstadt mit ihren verbohrten, rebellischen Einwohnern verdarb ihm dermaßen die Laune, dass er bereits die Anwesenheit einer Bittstellerin oder vielmehr ihrer Brüste nutzte, um auf andere Gedanken zu kommen. Er öffnete das Fenster und entließ die Fliege in die Hitze.
   »Eine recht nutzlose Anklage, meint Ihr nicht auch?« Er drehte sich wieder um. »Eurer Freundin wäre eher geholfen, wenn sie Eure Gesellschaft genießen könnte, anstatt sich bei mir über etwas zu beklagen, was nicht zu ändern ist.«
   Mit angewinkelten Armen reckte sie sich vor. »Wir haben hier Gesetze, und ich verlange von Euch, dass Ihr wenigstens den Anschein wahrt.« Ihre Lippen zitterten. Mit geballten Fäusten durchquerte sie das Zimmer, passierte das Buffet, umrundete einen Sessel, zog unwillkürlich ein Spitzendeckchen auf einem kleinen Tisch gerade, auf dem eine Flasche Wein und ein Glas standen, und stutzte erst, als sie ihn wieder erreicht hatte. Ihre Hände entspannten sich, und Maurice war halbwegs erleichtert, der drohenden Ohrfeige entgangen zu sein. »Ich wollte erst nicht glauben, dass es so schlimm ist, aber jetzt …« Ihre Anspan-nung verfiel, sie sank sichtlich niedergeschlagen auf einen Stuhl und strich sich mit einer anmutigen Geste ihre Locken aus der Stirn. »Warum lasst Ihr das zu? Was haben wir Euch getan?«
   »Warum müsst Ihr Euch widersetzen?«, entgegnete er spöttisch und beugte sich halb über sie, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Warum gebt Ihr nicht endlich Ruhe und haltet euch an den katholischen Glauben, so, wie der König es wünscht?« Seine Augen verweilten abermals an ihrem Dekolleté, das vom Schweiß leicht schimmerte.
   Sie rückte auf dem Stuhl umher. »Das würde Euch und Euresgleichen so passen. Wie kann der König uns einen Glauben aufzwingen, den wir nicht wollen? Gott allein sagt uns, welche Gebete wir zu sprechen haben. Da kann der König noch so viele Edikte widerrufen.«
   Der Blick aus ihren blitzenden braunen Augen lenkte ihn für einen Moment von ihren Worten ab, die einer Schmähung gegen den König gleichkamen. Doch allmählich verlor er den Spaß an diesem Besuch. Aufseufzend sah er sich nach seinem Burschen um, der Nägel kauend auf die Fortsetzung des Diktats wartete. Von der Straße ertönte das Geklappere der Pferdehufe. Seine Gedanken kehrten zurück zu den vor ihm liegenden Pflichten. Seitdem Ludwig XIV. vor siebzehn Jahren das Edikt von Nantes widerrufen hatte und seine Untergebenen unter den Mantel einer einheitlichen katholischen Kirche versammeln wollte, gab es nichts als Scherereien mit den sturen Hugenotten, die die südlichen Cevennen bewohnten und vor wenigen Monaten eine Rebellion vom Zaun gebrochen hatten, die ihresgleichen suchte.
   Er hatte diese Vergewaltigung natürlich nicht angeordnet. Der Umgang mit den hiesigen Protestanten und Konvertierten wurde von einer Besatzung an die nächste weitergegeben und hatte seit vielen Jahren ein grausames Eigenleben entwickelt. Eine Vergewaltigung war nun wirklich kein Drama. Darum waren sie doch hier, in diesen undurchdringlichen Bergen und Tälern, in denen sich überall Gruppen calvinistischer Aufständischer versteckten. Selbst dieser naiven Besucherin sollte klar sein, was man mit ihren daheim gebliebenen Familien anstellte. Die Schreie der Frauen zeigten eine höhere Wirkungskraft als ein heftiges Feuergefecht. Notzüchtigen, durchsuchen, auspeitschen, verhaften, das war ihr Auftrag. Eine wahrhaft gute und ehrenvolle Aufgabe für einen stolzen Dragoner.
   Er wunderte sich, dass sie überhaupt den Weg zu ihm gefunden hatte. Beschwerden dieser Art hörte er nicht oft. Die Menschen in dieser Stadt litten still und stumm, ballten die Fäuste, flüsterten und legten die Hand an das Messer, sobald er sich umdrehte. »Eure Freundin soll froh sein, dass es vorbei ist. Lasst den Dingen ihren Lauf und geht nach Hause.«
   »Ich bin zu Hause. Ich wohne hier und Ihr seid nichts weiter als ein Eindringling.« Sie erhob sich und marschierte zu seiner Verblüffung durch die gegenüberliegende Tür, die laut ins Schloss fiel.
   Irritiert starrte er das dunkle Holz an, riss die Tür auf und eilte im Flur ihrer schlanken Gestalt nach. Bevor sie den Küchenraum erreichen konnte, hielt er sie unsanft am Arm zurück, ungeachtet ihrer Versuche, seinem Griff zu entkommen. »Ihr habt versäumt, Euch vorzustellen.« Er spürte ihren Atem auf seiner Haut.
   »Das ist meine Tochter Hélène, mon capitaine.« Der Notar Jean Duval hatte offenbar das Ende der Auseinandersetzung mit angehört und war aus seinem kleinen Schreibzimmer herausgetreten. Trotz der sommerlichen Hitze trug er einen dunklen Rock und eine lockige Perücke, als würde er zu einem Mandanten aufbrechen wollen. Mit einem Wink wies er seine Tochter an, in ihre Kammer hinaufzusteigen. Erstaunt lockerte Maurice seine Hand, ihre Unterröcke rauschten, als sie die Treppe hochstieg.
   »Ich lasse mich nicht gern zum Narren halten, Duval.«
   »Sie macht sich doch nur Sorgen um ihre Freundin Eloise, die beim Waschen am Fluss vergewaltigt wurde.« Er schnaufte. Der Notar hatte natürlich gelauscht. »Ihr wisst, wie es hier zugeht, Monsieur.«
   Duval trat an ihn heran. »Ja, ich weiß das nur zu gut. Aber Hélène, sie war auf so etwas nicht vorbereitet, sie ist erst vor einem Tag wieder nach Hause gekommen. Und es handelt sich immerhin um eine Freundin seit Kindertagen. Nehmt es ihr nicht übel, Monsieur Rougier. Sie wird zur Vernunft kommen und Euch nicht mehr belästigen.«
   Es war nicht zu fassen. Die Angst um seine Tochter mit ihrer unbeherrschten Zunge ließ Duval wieder einmal willig wie ein Hund werden, was Maurice mit leisem Ekel erfüllte. Er lehnte sich an die Bruchsteinmauer und nickte. Wie so oft kam er nicht an den Kern seines unfreiwilligen Gastgebers heran, der Tag und Nacht in seinem Kämmerchen saß. Wie gern hätte er ihm eine Regung entlockt, ihn in eine Diskussion verwickelt, ihn zornig gesehen, egal was, doch der kleine, etwas gebeugte Notar, der sich nun wieder in sein Arbeitszimmer zurückzog, war weich wie Butter, die zu lange in der Sonne gestanden hatte und immer wieder von der Gabel rutschte.
   Aus der Küche drangen die Gerüche der Abendmahlzeit. Maurice blieb noch eine Weile stehen, um die Köchin sowie die Magd Nathalie und ihre heranwachsende Tochter dabei zu beobachten, wie sie mit entblößten Armen in der Hitze des Herdfeuers hin- und hereilten. Über dem gusseisernen Rost hing ein dampfender Topf, der Flammenschein tanzte auf der geschwärzten Wand. Der Deckel der dunklen Truhe, in der die wunderbaren weichen Ziegenmilchkäse, die Pélardons, aufbewahrt wurden, stand offen. Er legte Wert auf eine reichhaltige Kost für ihn, seinen Burschen und die Gäste, die manchmal bei ihm weilten. Nathalies halbwüchsige Tochter sah interessiert zu ihm hinaus.
   »Vergaff dich nicht in diesen Schurken«, schimpfte Nathalie mit gedämpfter Stimme. Sie langte an das Ohr ihres Kindes und zog sie wieder zum Feuer.
   Maurice kraulte nachdenklich seinen Kinnbart, strich sich über den Haarschopf, der ihm bis auf die Schultern fiel, und dachte wieder an die Brüste dieser hübschen, zornigen Frau. Die Treppe lag vor ihm. Die Luft war mild, selbst hier im sonst kühlen, steinigen Flur, und schien noch ihren Veilchenduft zu tragen. Die Kammer der schönen Jungfer war nicht weit. Niemand würde ihn anklagen. Als er auf die erste Treppenstufe trat, knarrte das Holz. Maurice lachte kurz auf, drehte sich um und kehrte kopfschüttelnd in sein Geschäftszimmer zurück. Sogar das Haus schien ihm zu misstrauen.

*

Hélène warf sich auf ihr Bett und sog den Lavendelduft des Kissens ein. Die Vergewaltigung ging ihr nicht aus dem Kopf. Ihre Heimkehr war mit diesem schrecklichen Ereignis zusammengefallen und nahm ihr jegliche Freude über ihr gemütliches Elternhaus, ihren freundlichen Vater, den blühenden Garten und das Wiedersehen mit ihrer Freundin. Alles hatte sich ins Gegenteil verdreht, und alles hatte sich in dumpfes Entsetzen verwandelt. Vor zwei Stunden hatte ihr Vater sie sanft aufgeklärt. In banger Erwartung war sie durch die Stadt zu Eloise geeilt, deren Flecken und Schrammen bald in ein tiefes Blau übergehen würden. Die Überraschung über Hélènes Besuch hatte Eloises Furcht für eine Weile verdrängt und gab ihr Zeit, Luft zu schöpfen und sich zu wappnen für den kurzen, stockenden Bericht über diesen Morgen, der ihr so schwerfiel, dass Hélène kaum einen Sinn in ihrem Gestammel hatte finden können.
   Hélène bereitete einen Tee aus Kamillenblüten zu und zog dann vorsichtig das Kleid und den Unterrock von Eloises Körper. Sie versuchte, die tiefen Kratzer auf der Brust zu ignorieren, während sie ihrer Freundin das geflickte Nachthemd anzog, um sie zu Bett zu bringen. Bevor sie die Wohnung verließ, sah sie noch nach dem kleinen Pierre, der mit offenem Mund tief und fest schlief. Nur hin und wieder war die ganze Familie vereint, denn Michel, Eloises Ehemann, lebte bei den Rebellen irgendwo in den Bergen und Tälern des Waldes von Saint-Jean-du-Gard. Hélène stieg die Holztreppe hinab ins Erdgeschoss, wo die Küche lag, die auch von einer weiteren Familie benutzt wurde, die in diesem heruntergekommenen Haus wohnte. Die Nachbarin versprach, am Abend nach Eloise zu sehen.
   Hélène war daraufhin über den Platz gelaufen, an der leeren Markthalle vorbei und hatte Passanten angerempelt. Vorzeitig gefallene Kastanien hatten unter ihren Füßen geknirscht. Sie war eingetaucht in den angenehmen Schatten der Bäume und wieder heraus, von einer Gasse in die nächste und schließlich vor die Tür ihres Vaterhauses gelangt, in dem der verhasste neue Bewohner seinen Geschäften nachging.
   Nun wälzte sie sich auf dem weichen Kissen herum. Was hatte ihr das Gespräch mit dem Hauptmann eigentlich eingebracht, abgesehen vom Abflauen ihrer Wut? Nur die Sorge ihres Vaters über die Bekanntschaft mit einem Offizier dieser Mörderbande, der sie nicht ernst nahm und ihr lieber in den Ausschnitt starrte, als vernünftige Antworten zu geben. Hélène wischte mit dem Kopfkissen die Tränen ab. Ihre Schuhe rutschten herunter und landeten auf dem Teppich. All die Gräueltaten kamen ihr in den Sinn, die die Soldaten des Königs straflos und ungehindert in den Dörfern und Städten der Cevennen verübten, um den Widerstand der Bevölkerung gegen die katholische Kirche zu brechen und diese dazu zu bewegen, die Rebellen nicht länger zu unterstützen. Zweifellos war der Aufstand gerecht und gottgefällig. Die Ältesten ihrer Kirche waren weise, und die Anführer der Rebellen waren fromme und tapfere Männer. Die Menschen, die sie unterstützten, wollten doch nichts mehr als wieder beten und ihre Tempel besuchen wie früher. Dass sie alle so schrecklich unter den Repressalien leiden mussten, hatte Hélène in ihrer Zeit in Bezier verdrängt.
   Dabei hatte sie sich auf ihre Heimkehr gefreut.
   Auf der Rückreise war die Kutsche aus der Stadt herausgerumpelt, hatte den Hérault bei Pézenas überquert und war dem Fluss eine Weile durch die duftende Garrigue-Landschaft gefolgt, aus der sich bereits im Norden die heimatlichen Berge erhoben. Ungeduldig hatte Hélène den Pic Saint-Loup zu ihrer Rechten betrachtet, dann tauchten die Häuser von Ganges auf und die Reisegesellschaft bog nach Osten ab, um am Rand der noch waldlosen Hügel nach Saint-Hippolythe zu gelangen. Hier roch sie zum ersten Mal den lang entbehrten Duft der Kiefern- und Tannenwälder, der Buchen und Eichen, die in voller Pracht die Hänge des Mont Aigoual und die Gardon-Täler der Südcevennen bedeckten.
   Als die Kalesche in die Wälder eintauchte, sah sie Rauchsäulen und leere Dörfer, zerstörte Gotteshäuser, protestantische wie katholische, einzelne verwüstete Gehöfte inmitten verbrannter Kastanien- und Maulbeerbaumhaine. Der Anblick der zwei Bäume, deren Äste so missbraucht worden waren, jagten ihr jedoch den größten Schreck ein: Eichen am Wegesrand, deren dicke Zweige den Henkern als Galgen dienten und an denen Menschen aufgeknüpft und steif im Wind gebaumelt hatten. Vier oder fünf arme Seelen zugleich.

Hélène schloss die Augen vor der Erinnerung, sie sah die schlaffen Füße der Gehenkten immer noch am Fenster vorbeiziehen. Hätte sie sich nur dem Rütteln der Kutsche hingegeben und die Fahrt verschlafen.

*

Jean wartete, bis die Tür nebenan geschlossen wurde. Dann setzte er seine Perücke ab und strich sich über die verschwitzten Haare. Er lauschte und schlich in den Flur hinaus. Aus der Stube drang die diktierende Stimme des Offiziers. Er seufzte. Seit drei Wochen war er nur noch ein besserer Dienstbote, der die Wünsche seines Herrn erfüllen musste. Ausgerechnet in seinem Haus hatte sich der Hauptmann der Dragoner-Kompanie des Régiment de la Fère eingenistet. Er besetzte den bequemen, großen Salon, den er als Geschäftszimmer benutzte, er nahm das elterliche Schlafzimmer im Obergeschoss in Anspruch und die Dachkammer, in der sein Bursche schlief. Nur die Küche und das kleine Zimmer hatte er ihnen für gemeinsame Stunden gelassen. Hélène und er scheuten jede angeregte Unterhaltung, jedes Lachen. Es war ihnen ohnehin nicht danach zumute, sie sprachen leise und vorsichtig, fühlten sich beobachtet und behindert durch die zahlreichen Boten, Soldaten und Zugführer, die tagsüber fröhlich oder fluchend in den Flur polterten, je nachdem, welche Botschaften sie zu überbringen hatten und welche Befehle sie erwarteten.
   Jean wurde nicht ganz schlau aus diesem jungen Offizier, der ihm meist freundlich seine Bitten vortrug. Die Kompanie fürchtete seine Peitsche, aber er war offensichtlich ein gerechter Anführer und wurde von ihnen geachtet; so viel hatte er aus den Gesprächen erlauschen können. Jean wusste nicht, ob von ihm Gefahr oder Gnade zu erwarten war, ein Zustand, der ihm sehr missfiel und ihn dazu anhielt, eine abwartende, unterwürfige Haltung einzunehmen.
   Jeans Magd brachte ihre Tochter seit dieser Zeit nur noch selten mit in die Küche. Er konnte es ihr nicht verdenken. Und Hélène war hier ebenfalls nicht gut aufgehoben.
   Er stieg die Treppe hinauf, klopfte und trat in ihr Zimmer, das nur zwei Türen vom Schlafzimmer des Hauptmannes entfernt lag. Hélène erhob sich vom Bett und lief ihm mit bloßen Füßen entgegen. Er hielt sie fest umarmt, sein Kind, sein Mädchen, das ihm nach dem Tod seiner Frau den Haushalt geführt hatte, bis sie so erwachsen geworden war, dass sie die Aufmerksamkeit der Männer auf sich gezogen hatte.
   Er betrachtete liebevoll ihr Antlitz. Ihre Nase war etwas zu vorwitzig, doch ihr Lächeln war stets breit und offen. Auch jetzt lagen ihre Gefühle in ihrem Gesicht, es drückte sichtbar aus, was in ihr vorging. Eine sinnliche und selbstbewusste Anziehung wohnte in ihr, sodass Jean besorgt bemerkt hatte, dass sich auf dem Marktplatz die Köpfe der Händler und Besucher nach ihr umdrehten. Solch eine Gabe Gottes war unschicklich und zudem gefährlich in diesen Zeiten.
   »Vater, macht Euch keine Sorgen.« Hélène sprach tröstend zu ihm, als er niedergeschlagen vor ihr stand. »Ich war so wütend und zornig, ich habe nicht daran gedacht, dass ich Euch Kummer bereiten könnte. Aber es ist ja alles gut gegangen.«
   »Hélène, als ich deine Stimme hörte, wie du mit ihm geschimpft hast, da bekam ich Angst. Du musst auf der Hut sein, dich verstellen, immer lächeln.«
   »Ich passe in Zukunft auf.«
   »Ich werde Tante Desirée fragen, ob sie dich für eine Weile bei sich aufnimmt. Du kannst nicht hierbleiben.«
   »Bedenkt doch, Vater, bei ihr bin ich auch nicht sicher, denn Soldaten gibt es überall, in Alès sogar noch mehr als hier.«
   »In Alès ist der Befehlsstab, dort geht es geordneter zu.« Seine feste Stimme sollte sie überzeugen.
   »Aber ich will nicht schon wieder fort.« Hélène sah auf ihre Füße. Er konnte förmlich spüren, was sie dachte. Seine Schwester Desirée war sehr fromm und zu streng, als dass sie den Besuch eines Mannes zugelassen hätte, und sei es auch nur Hélènes Verlobten. Er konnte verstehen, dass sie nicht heimgekehrt war, um weiterhin von ihm getrennt zu sein. Während sie aus dem Fenster sah, nagte sie an ihrer Lippe. Dann drehte sie sich wieder um.
   »Dann könnte ich vielleicht bei Jacques …«
   »Bei Jacques? Hélène, willst du dich dem Gerede der Leute aussetzen?«
   Hélène verdrehte die Augen. »Vater, dieser Offizier, er kann uns doch vor seinen Männern schützen. Das ist doch das Mindeste, um das wir ihn bitten können. Ein Wort von ihm, und wir sind sicher.«
   »Ein Wort von ihm, wenn du dich nicht gefügig zeigst, und wir landen im Kerker.«
   »Es ist aber doch einen Versuch wert.«
   Er wunderte sich über ihre Aussage. »Hélène, wie er dich angefasst hat. Er hat dir wehgetan, dich geringschätzig behandelt. Und du bist eine Versuchung wert, Kind. Er wird …« Wie konnte er ihr die Nachstellungen des Offiziers schonend beschreiben? »Er wird dir schöne Augen machen.«
   »Dagegen habe ich nichts.« Sie grinste.
   Jean fasste sie fest an den Armen. »Hélène. Was du da tust und was du da denkst, ist Sünde. Und du weißt wohl immer noch nicht, was hier geschieht.« Hélène fuhr zusammen. Jean erschrak über die Lautstärke, mit der er zu seiner Tochter gesprochen hatte. Für einen kurzen Moment verstummte auch die Stimme des Hauptmannes im Zimmer schräg unter ihnen.
   Jean schwieg. Hélène schien immer noch nicht zu verstehen. Sie unterschätzte leichtsinnig die Gefahr, in der sie alle schwebten, lachte in ihrem Unverständnis über seine Sorgen und Nöte. Bereits vor zwei Jahren hatte er sie einige Male im Stall des Nachbarn im Heu gefunden, halb nackt und stets mit einem anderen jungen Mann. Er gestand sich ein, dass er die feste Hand und das Vorbild einer Mutter nicht ersetzen konnte. Obwohl sie ihm stotternd und mit einem schuldbewussten Augenaufschlag erklärt hatte, dass sie keineswegs bereits ihre Jungfräulichkeit verloren hatte, hatte er es für angebracht gehalten, ihren Ruf zu schützen und sie einem Geschäftsfreund in Bézier anzuvertrauen, dessen Frau eine Kammerzofe gesucht hatte. Hatte Hélène denn am Beispiel von Eloise nichts dazugelernt?
   »Ach Kind.« Er schloss seine Tochter in die Arme.
   »Verzeiht mir, Vater. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.« Sie gab ihm einen liebevollen Kuss.
   Er würde alles daransetzen, ihr Kummer und Schmerz zu ersparen in dieser kurzen gemeinsamen Zeit, die ihnen noch verblieb. Sie sollte so glücklich wie eben möglich in ihre Ehe gehen.
   »Vater, es sind doch nur wenige Wochen. Und dann bin ich wieder von Euch getrennt. Bitte lasst mich hierbleiben.« Hatte sie seine Gedanken lesen können? Sie sah ihm in die Augen und ordnete die Falten seines Halstuches wie ein liebendes Weib. Bald würde sie ihrem Mann folgen, ins nahe Dorf Lézan, in ihr neues Leben. Er rang mit seinen Ängsten.
   »Also gut, du kannst bleiben. Und ich werde mit dem Hauptmann sprechen, sobald es geht.«
   Hélène küsste ihn auf die Wange. »Es wird alles gut, Ihr werdet sehen. Ich muss mich beeilen, Vater, bald ist Abend. Ich mache mich nun mit Nathalie auf den Weg zur Schneiderin.«
   Doch dann seufzte sie. Eloise hatte fast den gleichen Weg genommen und sie schien immer noch von ihrem Unglück betroffen zu sein. Sie stiegen gemeinsam ins Erdgeschoss hinab, wo er ihr nachsah, als sie sich in Begleitung der Magd auf den Weg machte, um die Schneiderin aufzusuchen. Sie mussten sich beeilen, bald war es Abend.

*

Anduze war eine lebhafte Stadt, zwar angeschlagen von den Einquartierungen der Truppen, aber von Hugenotten bewohnt, die am Widerstand festhielten und sich bei Bedarf tarnten und verstellten. Die Menschen, zum größten Teil konvertiert, doch im Herzen protestantisch geblieben, gingen ihren Geschäften nach, so gut sie es vermochten. In den engen Gassen wich Hélène den ratternden Karren der Holzhändler aus, die Brennholz und Kohle zu den Öfen der Töpfereien brachten. Sie stieg über die Kothaufen der Maulesel hinweg, die mit feuchtem Ton gefüllte Weidenkörbe trugen, um das braune Material seiner praktischen Verwendung zuzuführen. Hin und wieder sah Hélène Männer in den Werkstätten sitzen, gekrümmt über ihren Töpferscheiben. Unter den geschmeidigen Händen der Meister und Gesellen wuchsen Tonklumpen heran zu Krügen, Schüsseln und Töpfen, hauptsächlich aber zu Vasen und Übertöpfen, die gebrannt, glasiert, bemalt und lackiert ins ganze Land verschickt wurden. Doch ebenso oft hinterließen die gesplitterten Fensterscheiben und zerfallenen Balken der verwaisten Handwerksbetriebe eine Ahnung von Schmerz und Angst. Bereits vor Jahren hatten ihre Besitzer Hab und Gut zusammengepackt und waren im Dunkel der Nacht geflohen, nach England, Deutschland, Holland, Länder, die Protestanten freundlich aufnahmen.
   Sie überquerte die Brücke über den Gardon, der trotz des heißen Sommers kaum Wasser verloren hatte und seinen Weg zur Rhône nahm. Nathalie folgte ihr auf dem Fuß. Fische drängten sich an den Brückenpfeilern zusammen, um im Strom auf Beute zu warten. Da auf einer Seite des Übergangs die aufgespießten, von der Sonne verdorrten Köpfe einiger Rebellen befestigt waren, drückte Hélène sich an die Brüstung der anderen Seite, spürte das weiche Moos auf der Mauer und sah zu den schlanken Schatten hinunter, die sich durch graziöse Flossenschwünge fortbewegten. Das Wasser sprang über Stromschnellen und Kieseldämme, am Ufer leuchteten Blumenbüsche und wildes grünes Gestrüpp. Wie sehr liebte sie diesen Fluss, den Gefährten ihrer Kindheit. Und nun starrten tote Rebellenaugen ins Wasser. Hélène sprach ein lautloses Gebet für diese Männer, sie verkniff sich ein Seufzen, damit Nathalie ihre Sorge nicht bemerkte. Wo ihr Bruder Henri wohl steckte? Er hatte sich ebenso wie Michel der örtlichen Rebellengruppe angeschlossen und konnte überall sein, in einer der Tropfsteinhöhlen oder abgelegenen Scheunen verborgen. Vielleicht saß er gerade mit seinen Kameraden vor dem Feuer, rauchte seine Pfeife und schmiedete Pläne für den nächsten Überfall auf die Besatzer oder die katholischen Priester.
   Hélène betrachtete die Dächer. Wie ein Korken steckte das honigfarbene Anduze in einem Flaschenhals aus zwei kalkhellen Hängen, die sich steil zu beiden Seiten des Gardon erhoben. Hinter der Stadt zogen sich die waldigen Hügel in das Land hinein. Still, undurchdringlich und einsam bedeckten ausgedehnte Wälder die Kämme und Täler dieses Berglandes. Wer in diese Region hineinwollte, musste durch Anduze hindurch, und daher war der Ort ein Sammelpunkt für die Soldaten. Die ständige Einquartierung einer Schutztruppe wie die jetzige Kompanie des Hauptmann Rougier, war eine Sache, das Heranziehen von weiteren Truppen, die mit Mann und Maus, mit Eseln und Munitionskarren die Stadt durchquerten und kurz Quartier machten, bevor sie weiterzogen, war eine andere, denn jedes Mal herrschte Unruhe unter der Bevölkerung, und nur die Händler und Gastwirte rieben sich erfreut die Hände. Doch die Frauen trauten sich nur auf die Straße, wenn der Wald und die Berge die Regimenter auf ihrer Suche nach Rebellen wieder verschluckt hatten und eine drohende Stille über der Stadt lag, eine Stille, die am nächsten Tag schon wieder unterbrochen werden konnte.
   Sie erreichten das außerhalb des Stadtkerns liegende Viertel, in dem die Schneiderin wohnte. Diese war bereits seit ihrem letzten Besuch damit beschäftigt, das Brautkleid für die Hochzeitsfeier zu nähen und dazu noch Tischwäsche, Handtücher und Taschentücher zu umsäumen und das neue Monogramm einzusticken: HC, Hélène Castel.
   Hélène ging in eine schattige Gasse, schlug mit dem Türklopfer an, schob die Haustür auf und bat die Magd, zu warten.
   Im Atelier drängten sich die Tuchballen, Bänder und Garne, sodass die rundliche Inhaberin kaum zwischen all ihren Habseligkeiten zu erkennen war. Hélène betrachtete ihr Kleid, befühlte den kühlen Stoff und ließ ihn mit zärtlicher Vorfreude zwischen ihren Fingern zerfließen. Seide von Seidenraupen, die hier in den Cevennen auf ihren Gestellen lagen und sich an den Blättern der Maulbeerbäume dick und rund fraßen. Lange hatte sie ihren Lohn hierfür aufgespart, ihr Vater hatte einen Zuschuss versprochen, sodass dieses Kleid den ganzen Stolz der Garderobe der zukünftigen Madame Castel darstellte.
   »Madame Legrand, es ist wunderschön. Ich danke Euch sehr.«
   Ächzend erhob sich die Schneiderin von einem Stuhl und prüfte Hélènes Figur mit den Augen. »Na ja, ich denke, es wird in vier Wochen noch passen.« Sie klopfte auf Hélènes Bauch. Was hatte die Schneiderin damit gemeint? »Nichts für ungut, Kindchen. Es hätte ja sein können.«
   Da erst verstand Hélène und lachte laut auf. »Glaubt mir, es besteht kein Grund zur Sorge. Aber ich wusste nicht, dass Ihr auf solche Wünsche so frühzeitig Rücksicht nehmt.«
   »Ich habe schon so einiges erlebt, meine Liebe. Raffinierte Schnitte oder feste und straffe Mieder, die eingearbeitet werden mussten, um die Sache zu vertuschen. Dass das Kind nicht umkommt bei dieser Prozedur, ist mir stets ein Rätsel.« Sie ließ sich wieder auf ihrem Sitz nieder. »Wie gesagt, es hätte ja sein können, und dann hätte ich gern früh genug gewusst, was ich zu tun habe, bevor ich die Nacht vor der Hochzeit in der Nähstube verbringen muss. Dieses Kleid ist … Es ist etwas extravagant, meint Ihr nicht? Ihr werdet es nicht wieder anziehen können.« Madame Legrand stach ein weiteres Mal mit der Nadel durch den Saum eines dunklen Rocks.
   »Warum? Weil es hellblau ist? Und aus Seide?«
   »Eure Mutter würde sich im Grab herumdrehen.«
   Diese miesepetrigen Frauen. Hélène sehnte sich für einen Moment nach ihrer verständnisvollen, immer gut gelaunten und vor allem gut gekleideten Herrin zurück, in deren Dienst sie viel über Mode, Schnitte und Stoffe gelernt hatte. Die katholischen Frauen Béziers gaben nichts auf Strenge und Zucht und stellten ihre Kleidung gern in den Salons und auf den Straßen der Stadt zur Schau. Hélène war streng protestantisch erzogen worden, doch die Unbeschwertheit des Lebens als Kammerzofe wollte sie so lange wie möglich in ihr jetziges Leben hinüberretten. Allem Anschein nach sprach jedoch so viel gegen dieses Vorhaben, dass Hélène ein wenig mutlos von ihrer Schneiderin Abschied nahm.

*

Am Abend des nächsten Tages steckte das Pferd des Hauptmannes sein Maul in den Futtertrog und fraß knirschend den Hafer, den der Stallknecht eingefüllt hatte. Behutsam klopfte dieser den Hals des Tieres. Der Rappe zeigte manchmal sein Temperament, aber heute schien er ebenso unter der Hitze zu leiden wie die Menschen.
   Jacques verfolgte vom Heuboden das Tun des Knechtes, und Hélène kicherte neben ihm, als der Knecht den Stall verließ und seiner Wege ging. Ein Nachbar hatte seinen Stall dem Offizier zur Verfügung gestellt, sodass sie ein wenig Vorsicht walten lassen mussten, wenn er Hélène besuchte. Jacques zog sie zurück in seine Arme.
   »Nicht, Jacques, nicht schon wieder.« Zärtlich knabberte Hélène an seinem Ohr. Doch Jacques hoffte, dass sie genau das Gegenteil meinte. Er schob noch einmal ihren Unterrock zurück und umfasste ihr festes, kühles Hinterteil. Zwar kannte er auf den Märkten von Nîmes oder Alès das eine oder andere Mädchen, das er nicht als prüde und abweisend bezeichnen würde, doch Hélène war anders, nicht mit ihnen zu vergleichen. Sie verteilte die Gaben ihres Körpers wie aus dem Füllhorn einer Göttin, gnädig und lächelnd. Sie war die Weiblichkeit selbst, eine Verheißung für jeden Mann.
   Das Bündel Heu, das unter ihren Hüften gelegen hatte, war auseinandergerutscht. Schnell raffte er neues Heu zusammen, häufte es unter ihren Hintern an und wollte sich schon erwartungsvoll auf sie rollen. Doch Hélène drückte sich weg, lachte und wälzte sich mit ihm auf den staubigen Brettern herum. Sie küssten sich mit geschlossenen Augen dort, wo ihre Lippen nackte Haut fühlten und kamen knapp vor der Kante des Heubodens zum Liegen. Gräser rieselten herab und bedeckten die Kruppe des Pferdes.
   »Jacques, lass, wir haben nicht mehr viel Zeit.« Sie führte seinen Kopf an ihren Körper. Jacques stöhnte auf, er roch ihren Duft, vermischt mit dem Geruch von Stall, Leder und Heu. Eine unerklärliche Spannung lag auf ihm, trotz der Befriedigung, die ihn vor einer halben Stunde wie eine heiße Welle durchflutet hatte, bevor der Stallknecht ihr Stelldichein unterbrochen hatte und sie sich im Heu verbargen. Hatte es ihr auch gefallen? Hatte er sie befriedigt? Liebte sie ihn?
   Sie schien diese Fragen in seinen Augen zu lesen und antwortete mit einem liebevollen Blick. Ja, sie liebte ihn. Es hatte ihr gefallen. Hélène hielt seinen Kopf fest. »Ich habe diese blauen Augen und diesen Mund so vermisst.« Sie küsste ihn, schmiegte sich an ihn und streichelte ihn zärtlich. Ruhig lagen sie beisammen, sie strich über seine Brust hinauf zu seinem Kopf und spielte mit seinen langen, fast schwarzen Haaren.
   »Ich kann es kaum erwarten, Hélène. Noch gut vier Wochen, ich halte es nicht aus.«
   »Hast du denn immer noch nicht genug von mir?«
   »Es war die ganze Zeit so schrecklich einsam. Ich kann ohne dich einfach nicht sein.« Ernst und überzeugt waren seine Worte, frei von Galanterie oder Schmeichelei. Er meinte genau das, was er sagte. Ein Jahr war er ihr treu geblieben, hatte nicht eine Frau mehr angesehen, nachdem sie sich während eines Besuches ineinander verliebt hatten. Alle zwölf Wochen zog es ihn in die fremde Stadt, erst heimlich, dann mit der Erlaubnis ihres Vaters, der ihn bald zu einem Gespräch herangewinkt und ihn wohlwollend über seine Absichten befragt hatte. Und seitdem Hélène vor einem halben Jahr seinen Antrag mit einem schlichten Nicken und Lächeln angenommen hatte, war sein Glück vollkommen, denn sie schenkte sich ihm ohne Vorbehalte. Sie gehörte ihm ganz, mit Haut und Haar.
   Versonnen streichelte er ihre langen Locken, bevor sie die Strähnen zusammennahm und nachlässig unter ihrer Haube versteckte. Sie zurrte die Bänder des Mieders fest, rückte noch einmal ihren Busen gerade, schob seine Hände fort und knotete die Schleife.
   »Ach Hélène.« Stöhnend ließ er sich wieder in das Heubett fallen. Er wollte nicht an den nächsten Tag denken. Die Ernte hatte bereits begonnen, er hatte sich trotz seiner Müdigkeit abends vom Hof weggestohlen und den knapp einstündigen Weg nach Anduze auf seinem Ackergaul zurückgelegt, der nun in der Nähe auf einer Wiese stand und graste. Jacques setzte sich auf. Er musste Hélène über einen herben Rückschlag unterrichten, der seinen Hof getroffen hatte. Die Erntezeit würde nicht so lange wie üblich dauern.
   »Was hast du?« Hélène sah ihn mit großen Augen an.
   »Die Soldaten haben fast ein Viertel unserer in vollem Korn stehenden Felder abgebrannt. Das ist gerade eine Woche her.« Hélène wurde blass und griff nach seiner Hand. »Noch zwei Wochen oder drei, dann ist das Getreide unter Dach und Fach. Hoffentlich schaffen wir es, bevor sie wiederkommen. Und alles nur, weil Cavalier mit seinen Männern in Lézan übernachtet hat.« Er rückte an seine Verlobte heran, um sie Anteil haben zu lassen an einem Ereignis, das die arbeitsamen Tage unterbrochen hatte. »Ich habe ihn gesehen, Hélène, ich habe Jean Cavalier gegenübergestanden.« Sie setzte sich auf und lauschte sichtlich erstaunt seiner Erzählung. »Es waren ungefähr vierhundert Rebellen, davon fünfzig Reiter, eine beeindruckende Truppe. Sie sind in die Häuser des Dorfes gegangen, wo sie versorgt wurden. Zu dumm, dass unser Hof etwas abgelegen ist, ich hätte gern eine ganze Nacht lang ihre Geschichten gehört. Das gesamte Dorf war in Aufruhr, die Leute haben alles stehen und liegen lassen, um ihn zu sehen. Cavalier ist nicht sehr groß, er trug einen einfachen Waffenrock und sein Gesicht ist traurig, listig und stolz zugleich. Alle hören auf ihn und seine Unterführer Ravanel und Catinat begleiten ihn auf Schritt und Tritt, um seine Befehle auszuführen. Aber er ist sich nicht zu schade, auch der ärmsten Witwe zuzuhören, die sich über die Soldaten beklagt.« Er schwieg eine Weile. »Na ja, so ein Lager ist leider auffällig. Die Kirche von Lézan haben die Rebellen beim Abzug natürlich angezündet. Die Katholiken baten in Anduze um Schutz, aber es kam niemand. Da hat Marschall Montreval selbst von Alès aus tausend Männer geschickt. Einige von uns wurden verhaftet, das Dorf, die Nachbardörfer und die Umgebung wurden abgesucht. Deswegen sind die Felder nun hin.«
   Hélène schwieg und starrte auf ihre Beine. Sicher machte sie sich Sorgen über eine unbestimmbare Zukunft. »Du weißt von Eloise?« Noch immer sah sie ihn nicht an.
   Er nahm sie in den Arm, wiegte sie und küsste ihr Haar. »Ja.«
   »Bitte sag es niemandem, vor allem nicht Michel.«
   Doch er schüttelte den Kopf. »Warum nicht? Michel hat wohl als Einziger das Recht, alles zu wissen, oder?«
   Hélène seufzte. »Das verstehst du nicht, Jacques.«
   Er raufte zornig in einem Ballen Heu. »Wir geben nicht auf, wir werden kämpfen.«
   Hélène, die gerade dabei war, ihr Kleid über ihre Schultern zu werfen, sah ihn sichtlich erschrocken an. »Du meinst, du willst doch wieder zu den Rebellen gehen? Aber du hast mir versprochen …«
   »Ich habe gesagt, ich will es mir überlegen.«
   Sie schlug sich auf die Schenkel. »Ihr Männer, ihr könnt kämpfen. Aber wir Frauen, wir dürfen nur zusehen, wie man euch auf dem Rad hinrichtet.«
   »Na und? Wir alle sind in Gefahr, jederzeit, überall. Und was Michel angeht, er weiß es ohnehin schon.« Hélène zuckte zusammen. »Ich war gestern Abend in einem Lager im Wald. Die Nachricht hat blitzschnell die Runde gemacht. Wir mussten ihn festhalten, er hat getobt und geweint, er hat uns mit den Fäusten bearbeitet, als ob wir schuld wären.« Plötzlich wurde ihm bewusst, warum die Frauen Angst um seinen Freund hatten, und schnell nahm er seine Braut noch einmal in den Arm, küsste und drückte sie, als ob er sie niemals wieder loslassen wollte. »Hélène, mach dir keine Sorgen. Sag Eloise, die Männer passen auf ihn auf, damit er nichts Dummes anstellt. Und ich werde auf mich achten, das schwöre ich dir. Ich werde mich doch nicht in Gefahr begeben, denn ich weiß, dass du ängstlich bist. Aber ich muss helfen. Henri will das, Michel auch, so viele von uns wollen kämpfen, fast alle, die irgendetwas erlitten und verloren haben. Das weißt du doch.«
   Sie sah ihn an. »Hast du etwas von Henri gehört?«
   Er schüttelte den Kopf. »Gestern habe ich ihn nicht gesehen.«
   »Kannst du mich nicht zu ihm führen?«
   »Nein.«
   »Er ist mein Bruder, Jacques. Er ist jung und leichtsinnig. Ich möchte ihn zur Vernunft bringen. Bitte sag ihm wenigstens, dass er nach Hause kommen soll.«
   »Er ist seit über einem halben Jahr bei ihnen, Hélène. Er kann sich vor den hiesigen Papisten und Soldaten nicht blicken lassen. Er wird vielleicht erkannt werden.«
   Hélène stöhnte und barg ihren Kopf an seiner Schulter. Sie hielt ihren Bruder immer noch für einen störrischen Narren. Hélène hatte ihm berichtet, dass ihr Vater immer noch sehr unter dem Streit litt, mit dem sie sich getrennt hatten. Henri hatte alle vernünftigen Argumente mit Zitaten aus der Bibel pariert und seitdem das Haus seines Vaters nicht mehr betreten. Doch Henri gehörte nun zu den Rebellen. Er hatte das erreicht, wovon er selbst immer noch träumte.

*

Als sie sich an der Gartentür zärtlich voneinander verabschiedeten, war Hélène ungeachtet der gemeinsamen Zukunft trauriger als je zuvor.
   Sie durchquerte den Garten und zuckte zusammen, als die Katze ihr durch die Hintertür entgegensprang. Sie hoffte, dass ihr Vater nicht aus seinem Schlaf erwacht war. In der Küche zündete sie mit einem Span aus der noch glimmenden Herdstelle zwei Kerzen an. Die kupfernen Kessel und die blauweißen Steingutteller leuchteten im hin- und herspringenden Licht, die dicken Holzbalken an der Decke senkten sich drohend herab. Ob Jacques sicher heimkam? Ob es wirklich wahr war, dass die Straßen um Anduze von den Rebellen kontrolliert wurden und die Soldaten nur in großen Gruppen von mindestens zwanzig Mann unterwegs waren? So viele Soldaten zu Pferd waren von Weitem zu hören. Jacques würde aufpassen und sich in Acht nehmen, das hatte er ihr versprochen.
   Sie sah sich nach einem Stück Obst um, sie hatte Appetit auf eine Erfrischung. Doch Nathalie hielt alles in der Speisekammer verschlossen. Sie wandte sich dem Flur zu.
   Plötzlich füllte ein Schatten die Küchentür aus. Der Hauptmann stand im Türrahmen. Rougier trug keine Stiefel, seine nackten Füße stachen von den Bodendielen ab. Das Hemd war wohl wegen der Wärme bis weit auf die Brust geöffnet, die Ärmel halb aufgerollt. Er kam langsam auf sie zu. Sie hob den Kerzenständer hoch, um ihn anzusehen. Sein Blick war spöttisch, und er lächelte sarkastisch. Das Haar schimmerte, als er den Kopf schüttelte. »So spät, Mademoiselle? Ich hielt Euch fast für einen Einbrecher.«
   »Ich war bei einer Freundin.«
   »Bei Eloise?« Sie nickte und stellte den hölzernen Leuchter auf den Tisch zurück. »Das wundert mich, denn ich habe mich umgehört. Eloise ist heute Mittag mit dem Kind zu ihrer Mutter aufgebrochen. Sie wird erst morgen zurückkommen.«
   »Warum habt Ihr Euch erkundigt? Was wolltet Ihr dort?« Sie schob sich am Tisch entlang aus seiner Reichweite.
   »Schon vergessen? Ihr selbst habt die Anklage erhoben. Ich muss den Sachverhalt klären und Beschreibungen der Täter einholen. Ist das so abwegig?«
   Hélène schnaufte. »Ihr wolltet doch nur sichergehen, dass Eure Männer ganze Arbeit geleistet haben.«
   Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. »Glaubt, was Ihr wollt«, warf er ihr ärgerlich entgegen und wandte sich ab. Im Hinausgehen fragte er nochmals beiläufig nach Hélènes Verbleib.
   »Das geht Euch nichts an.« Sie nahm den Kerzenständer, um in ihr Zimmer hinaufzugehen. Sie dachte nicht daran, mehr über sich preiszugeben und über Jacques Besuch schon gar nicht. Es war ärgerlich genug, dass Rougier ihr aufgelauert hatte.
   Als sie die Treppe fast erreicht hatte, war er mit einem Schritt bei ihr und hielt sie mit einer Hand am Arm fest, so wie am vergangenen Tag. Mit der anderen berührte er ihre Schulter, fuhr am Dekolleté entlang. Hélène schrie auf und stieß unwillkürlich mit dem Leuchter zu. Kurz bevor dieser in seinem Gesicht Schaden anrichten konnte, bog Rougier den Kopf zur Seite. Er packte ihr Handgelenk, die Kerzen schwankten, das Wachs tropfte auf den Boden.
   »Schlaft gut, Mademoiselle«, flüsterte er und ließ los.
   Hélène umklammerte ihre flackernde Waffe und lief die Stufen hinauf. Sie spürte fast seinen Blick auf ihrem Rücken.
   Sie betrat ihre Kammer und drehte den Schlüssel zweimal im Schloss. Mit zitternden Händen kleidete sie sich aus und ging zu Bett.
   In der Nacht, als sie schlaflos in der schwülen Hitze lag, kam ihr ein Gedanke, dessen Durchführbarkeit sie unbedingt prüfen musste. Obwohl die Zudringlichkeit des Hauptmanns ihr bewusst machte, dass sie vielleicht doch bei Tante Desirée besser aufgehoben wäre, wollte sie es diesem verhassten Gast heimzahlen. Jacques unterstützte die Rebellen, doch sie selbst wollte nicht untätig zusehen. Auch sie war fähig, etwas zu tun. Rougier war ein Offizier, ein Mann, der viele Informationen bekam und verteilte. Ob sie daran nicht teilhaben konnte? Sicherlich bewahrte er im Salon wichtige Papiere auf, Befehle und Informationen, die den Rebellen nützlich sein und sie in die Lage versetzen würden, die Absichten der Soldaten zu vereiteln. Die Gelegenheit war einfach zu verführerisch, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen. Würde sie es allein schaffen? Als sie sich vor Augen führte, dass sie dem Offizier wirklich Schaden zufügen konnte, begann ihr Herz zu klopfen. Das Gespräch mit Jacques hatte ihr ein wenig Mut gegeben, die Rebellen zu unterstützen. Sie würde sich nicht ernsthaft in Gefahr bringen, schließlich wohnte sie hier, und Ausreden gab es genügend. Ob sie es wirklich wagen sollte? Noch lange wälzte sie sich unschlüssig hin und her.

*

Maurice streckte sich auf dem Bett aus. Seine Kleidung lag achtlos verstreut auf dem Teppich. Diese hübsche Frau wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen, ihre Stimme flirrte in seinen Ohren, er spürte ihre weiche Haut noch an seiner Hand. Sie reizte ihn, und seine Triebe hatten wieder einmal schneller reagiert als sein Verstand. Als er die Heugräser hinten an ihrem Rock gesehen hatte und die Locken, die aus ihrer Haube gerutscht waren, war ihm klar geworden, dass diese kleine Hexe mit einem Mann zusammen im Heu gewesen war. Es schien so, als ob er mal wieder eine Frau brauchte, und er nahm sich vor, bald das Bordell aufzusuchen, das er in Alès entdeckt hatte. Er rollte sich auf die Seite und beschloss, sich bei ihr zu entschuldigen. Sie hatte bereits einen zu schlechten Eindruck von ihm, auch wegen seiner Nachforschungen bezüglich Eloises Vergewaltigung. Dabei wollte er wirklich wissen, wer für die Tat verantwortlich war. Nicht, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Nicht für die Vergewaltigung an sich, dagegen konnte und wollte er nichts tun. Doch oft steigerten die Männer ihre Grausamkeiten beim nächsten Überfall, und er wollte die Scherereien und die Beantwortung der Anfragen vermeiden, die wegen einer getöteten Frau oder eines toten Mannes auf ihn zukämen. Seine Soldaten brauchten eine strenge Hand, denn der König wollte lebende und konvertierte Untertanen, keine toten Protestanten.
   
   In den nächsten Tagen würde es hoffentlich ruhig bleiben, vielleicht würde es ihm gelingen, Hélène hin und wieder in ein Gespräch zu verwickeln. Ihre Widerspenstigkeit war herausfordernd und amüsant.
   Das Mondlicht durchdrang die dicken Vorhänge, die Läden der Fenster standen offen. Die Emaillekanne auf dem Waschtisch glänzte im Licht der Kerze, und im metallischen Schimmer blitzten Bilder der heutigen Ereignisse auf.
   Der Großteil seiner Leute war gerade von ihren Aufträgen zurückgekommen, jeder Zug berichtete ihm etwas anderes, und trotzdem vernahm er immer das Gleiche. Erneut hatte er von den frechen Raubzügen der Rebellen, von ihrem schattenhaften Verschwinden in den Wäldern gehört. Und niemand in den Dörfern wollte etwas bemerkt haben. Seine Männer liefen vor eine Wand des Schweigens. Fünf seiner Rekruten hatte er vor wenigen Tagen bei einem Scharmützel in den Hügeln verloren. Ihm schauderte, als er sich die Stimmen der Rebellen in Erinnerung rief, die vor dem Kampf irgendeinen Psalm gebetet hatten. Seine Soldaten waren unruhig hin- und hergerückt, hatten sich gegenseitig angesehen. Dementsprechend hatten sie gekämpft, nein, es war kein Kampf gewesen, eher eine organisierte Flucht. Seine Kiefer pressten sich aufeinander. Diese verfluchten Kamisarden. Sie tauchten auf und verschwanden, man wurde ihrer nicht habhaft. Kaum jemand konnte die Gegner einschätzen, niemals war die Stärke dieser Banden die Gleiche. Sie teilten sich auf, verbündeten und mischten sich und trennten sich wieder. Sie zogen von Wald zu Wald, von Ort zu Ort, selten blieben sie länger als drei, vier Tage in ihren Verstecken. Die Besetzung einer freien katholischen Pfarrstelle war mittlerweile schwierig geworden, zu viele Priester waren von den protestantischen Mördern getötet worden, zu viele Kirchen waren niedergebrannt.
   Trotz der Hinterhalte und Heckenschützen, der Plünderungen wehrloser katholischer Häuser und Höfe und der Überfälle aus dem Hinterhalt, viele dieser Kämpfer waren tapfer. Einmal hatte er selbst gesehen, wie ein schwer verwundeter Rebell seinen Mitstreiter bat, ihm die Kehle durchzuschneiden. Maurice hatte schon viel auf den Schlachtfeldern erlebt, doch zum ersten Mal zwei Männer, die im Schlamm des Kampfplatzes gekniet und irgendetwas getan hatten, das er erst nach genauem Hinsehen als Flüstern, Küssen und Umarmen erkannt hatte, ehe er ein Messer gesehen hatte und dampfendes Blut auf die Erde gespritzt war, das ein Zeichen der Treue und ewigen Verschwiegenheit auf den Boden gemalt hatte. Erschüttert war er vom Pferd gesprungen, hatte vor dem sterbenden Mann gestanden, der noch seinen Speichel im Mund zu sammeln schien, um ihn anzuspucken, bevor der Tod seine Bewegungen hatte erstarren lassen. Dieser Hass hatte ihn noch mehr verwirrt als der Freundschaftsdienst des zweiten Rebellen, der ihn von Weitem beobachtet hatte, eine aufrechte Gestalt, verwachsen mit Bäumen und Blättern. Ein solches Bild war symptomatisch für diesen Krieg.
   Niemand dachte an Gnade, niemand kümmerte sich um Ehre, die Gegner kämpften hart und blutig. Überall Tote, jede Partei wollte sich übertreffen. Tote Frauen, Kinder, Alte, überall Verstümmlungen und Folterungen, eingesperrte und verbrannte Menschen, die Grausamkeiten auf beiden Seiten nahmen kein Ende. Diese Unerbittlichkeit bestürzte Maurice. Er fühlte sich hilflos und schwankte im inneren Kampf zwischen Befehl und Gewissen.
   Er stand auf, öffnete die Vorhänge und sah noch eine Weile in den mondbeschienenen Garten hinaus, der unter ihm lag. Die Zikaden sangen die ganze Nacht hindurch.

Kapitel 2

Einige Tage später lief Hélène gut gelaunt die Treppe hinab. Der Tag war vorüber, Jacques wollte sie besuchen kommen, ihr Vater war gerade bei einem Mandanten und sie überlegte, was sie zum Abendessen zubereiten würde. Doch als der Flur im Halbdunkel vor ihr lag, verlangsamte sie ihren Schritt. Am polierten Holz der Salontür prangten die fettigen Fingerabdrücke der heutigen Besucher, und die Idee, die ihr in jener Nacht gekommen war, geisterte wieder durch ihre Gedanken. Die Gelegenheit war günstig.
   Rougier war vor einer Weile zum Marquis von Anduze aufgebrochen, voraussichtlich würde er dort speisen. Sofort griff sie zu ihrem Gürtel und tastete nach dem Schlüssel für das kleine Arbeitszimmer ihres Vaters. Schnell schloss sie auf, schlüpfte hinein und ging zu einem Schrank, in dem weitere Schlüssel hingen. Mit dem Finger fuhr sie über die glänzenden Exemplare, bis sie den Schlüssel für den Salon fand. Als sie wieder im Flur stand, lauschte sie eine Weile, dann schloss sie die Tür zum Salon auf und schob ihren Kopf herein, bevor sie eintrat. Der Teppich, der von den zahlreichen Stiefelschritten bereits schäbig und dreckig war, verschluckte den Klang ihrer Absätze. Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihr, dass sich der Wachposten vor der Haustür die Beine vertrat und seine halbherzige Aufmerksamkeit der Straße widmete. Obwohl sie sich sicher glaubte, schlug ihr das Herz bis zum Hals. Hastig nahm sie ein Blatt nach dem nächsten von einem sauber geschichteten Stapel auf dem Schreibtisch, überflog im Dämmerlicht den Inhalt. Sie fand zunächst nichts Interessantes, nur Bestellungen von Material, Uniformen und Munition, verschiedene ermahnende Schreiben eines Generals, eine Quittung über eine Lieferung Waffen in die Niederlande, Rechnungen des Schneiders. Dann bemühte sie sich, den Turm wieder ordentlich herzustellen. Da bemerkte sie in einer halb geöffneten Schublade ein unhandliches Buch mit schwerem Einband, das ihre Neugier weckte. Als sie es heraushob und aufschlug, glitt eine Seite auf die Erde, doch sie las bereits die Daten von Taufen, Eheschließungen und Beerdigungen, dazu die Namen von protestantischen Gläubigen aus einer Nachbargemeinde. Ein Kirchenregister also, offensichtlich einem inhaftierten Priester abgenommen. Das Blatt leuchtete ihr vom Boden entgegen, sie hob es auf, hielt es dem Licht des Fensters zugewandt und entdeckte eine Liste mit vier Namen und Orten sowie dem Datum des übernächsten Tages. Über der Liste stand der Vermerk Dritter Zug.
   Hélène starrte das Blatt an, einige der Namen kannte sie flüchtig, es waren ausnahmslos protestantische Familien aufgelistet. Was sollte mit diesen Personen geschehen? Würde man sie übermorgen verhaften oder verhören? Sie warf einen nervösen Blick nach draußen, lauschte auf Pferdehufe, die sich näherten und dann langsam verhallten. Kurzerhand setzte sie sich, nahm sich einen leeren Bogen und schrieb mit einem Kohlestift, den sie der Schublade entnahm, die Namen und Adressen ab. Sie bemühte sich um eine ordentliche Schrift, doch aus dem hastigen Gekritzel würde niemand anderer als sie schlau werden. Ein Schauder lief durch ihren Körper, sie befürchtete jederzeit, Schritte hinter sich zu hören oder eine Hand zu spüren, die sie an der Schulter ergriff. Endlich ein letzter, vergleichender Blick auf das Original. Sie legte den Stift zurück, steckte das Blatt wieder in das Buch und verstaute alles so sorgfältig wie zuvor. Ihr eigenes Papier stopfte sie sich gefaltet in das Mieder, bevor sie hinausging und die Tür verschloss.
   In der Küche trank sie ein Glas Wein, um ihren trockenen Mund zu befeuchten. Das Abendessen geriet zur Nebensache, sie hatte Wichtigeres zu tun, und doch war sie ein wenig ratlos.
   Waren hier wirklich Menschen in Gefahr oder hatte die Auflistung eine andere Ursache? Aber was wollte ein Offizier sonst mit einer Aufstellung von Namen? Es gab nur erschreckende Möglichkeiten, keine harmlosen Erklärungen.
   Plötzlich hörte sie die Hintertür und die schleppenden Schritte ihres Vaters, der kurz darauf in die Küche hineinsah.
   »Vater«, rief sie und zog ihn auf die Bank herab.
   »Was ist geschehen, mein Kind?«
   »Kommt, schaut mal her«, flüsterte sie und holte das Schriftstück aus dem Mieder. »Eine Liste mit Namen, ich habe sie in seinem Zimmer gefunden und kopiert. Was haltet Ihr davon?«
   Ihr Vater öffnete überrascht den Mund, als er die Aufzählung las. »Hélène, komm mit.« Er erhob sich und ging in sein Arbeitszimmer. Hélène folgte ihm mit gemischten Gefühlen. »Was soll das?«, fragte ihr Vater, nachdem er die Tür geschlossen und verriegelt hatte. »Warum jagst du mir einen solchen Schrecken ein? Warum …« Er kontrollierte den Schlüsselschrank. »Warum entwendest du den Schlüssel und spionierst ihm nach?«
   Hélène, die sich bis zu diesem Moment sicher war, eine heroische Tat begangen zu haben, war perplex über diese Schelte. »Ich glaube, dass Rougier bei seinem Einzug bestimmt alle Schlüssel des Salons haben wollte, aber Ihr habt diesen einen zurückbehalten, nicht wahr?«
   Ihr Vater brummte vor sich hin und wischte durch die Luft. »Das ist etwas ganz anderes. Aber ich werde nicht zulassen, dass du Dummheiten machst.«
   »Ich kann helfen und ich will helfen. Diese Menschen sind gefährdet und wir könnten sie warnen.«
   »Schlag dir das aus dem Kopf, Hélène, niemals werden wir uns da einmischen.« Er schüttelte den Kopf. »Mein Sohn ein Rebell, mein Schwiegersohn ein Sympathisant und meine Tochter eine Spionin – das ist zu viel!«
   »Sollen wir uns in unserem eigenen Haus das Heft aus der Hand nehmen lassen, Vater? Hier haben wir eine Möglichkeit, uns zu rächen.«
   »Ich kenne dich nicht rachsüchtig. Woher hast du nur diese dumme Idee?«
   »Dumme Idee? Sollen wir denn immer nur Angst haben? Hast du denn keinen Stolz?«
   Er zuckte zusammen. »Du weißt, wann ich meinen Stolz verloren habe.«
   Hélène hielt sich an einem Stuhl fest, um nicht zu schwanken. Sie wusste, worauf er anspielte. Ihr Vater seufzte und ließ die Schultern hängen. Er tat ihr leid. Immer hatte ihr Vater versucht, seine Familie zu schützen. Er hatte sich still und unsichtbar gemacht, damals vor fünfzehn Jahren, als auf königlichen Befehl die zwangsweise Bekehrung aller Protestanten begonnen hatte, die bis zum heutigen Tage anhielt. Doch die Jesuiten fanden jeden von ihnen und in ihrem Gefolge kamen die Dragoner, die alle Familien in den Städten und Dörfern der Region oft belästigt hatten. Damals war sie noch ein Kind, doch sie hatte später ein Gespräch zwischen den Nachbarn belauscht. Ihr Vater hatte seine Lieben nicht mehr schützen können. Zwei Dragoner hatten ihrer Mutter die Kleider vom Leib geschnitten und nach der Vergewaltigung mit dem Dokument gewinkt, auf dem ihr Vater seine Konvertierung zum katholischen Glauben unterzeichnen sollte. Nur dann wäre seine Familie sicher, nur dann konnte er halbwegs unbehelligt weiterleben. Ihr Vater hatte seinen Übertritt wohl zitternd vor Angst bestätigt. Er musste sich wie ein Feigling gefühlt haben, als er mit ihr und Henri jeden Sonntag in der verhassten katholischen Kirche zu erscheinen hatte. Ihre Mutter hatte es abgelehnt, sie zu begleiten. Hélène erinnerte sich an die Angst in seinen Augen, als er die katholischen Schnüffler mit Ausreden von ihrem Fehlen abgelenkt hatte. Dann hatte er wieder die Geldbörse gezückt und die Strafe gezahlt, die auf das Fernbleiben von der Messe stand. Auch wenn Henri in die katholische Schule gehen musste, war es ihrem Vater immerhin gelungen, zu verhindern, dass sie das Schicksal vieler Mädchen teilte und für immer hinter Klostermauern verschwand. Und dafür war sie ihm dankbar.
   »Verzeiht mir, Vater, ich habe nicht daran gedacht.« Sie scharrte verlegen mit dem Fuß auf dem Teppich. Er legte ihr die Hand auf den Rücken. »Du bist jung und ungeduldig, aber du musst verstehen, dass wir ihnen unterlegen sind. Es würde mir das Herz brechen, wenn du entdeckt würdest, mein Kind.«
   »Und Ihr werdet nicht noch einmal überlegen, ob Ihr Eure Meinung nicht ändert?« Es fiel ihr schwer, weiterzureden, doch sie gab sich einen Ruck. »Wollt Ihr Euren Stolz nicht zurückhaben? Wollen wir Gott dieses Opfer nicht bringen?« Er lächelte traurig und schwieg. Hélène seufzte und küsste ihn mit aller Liebe, die sie fühlte. »Ich mache jetzt das Abendessen.«
   »Und die Liste?«
   »Die werde ich Jacques geben, wenn er gleich kommt.« Sie konnte einfach nicht anders, trotz ihrer Gedanken an die Vergangenheit. Ihr Vater nickte. Er sah erschöpft aus.

*

Die Nacht ging ihrem Ende entgegen. Im Tal sammelte sich das Wasser und versorgte einen schmalen Bach, der sich silbrig glänzend durch die Laubwälder zog und ein Murmeln über die Landschaft schickte, die aus herben Farben bestand. Aus den vereinzelten grauen Nebelbänken, die sich in das Dunkel schoben, tauchten zwei Männer auf. Jacques überquerte den Bachlauf auf Steinen und folgte seinem Führer einen Hang hinauf. Die kaum sichtbaren Schatten der Bäume und Felsbrocken, die unwirkliche Stille, die nur vom Schnaufen des Mannes vor ihm und dem Stapfen ihrer Füße unterbrochen wurde, versetzte ihn in erhöhte Alarmbereitschaft und er glaubte, hinter jedem Busch einen Soldaten zu erkennen. Als Jacques nach einer halben Stunde Aufstieg das leise Schnauben von Pferden hörte, zuckte er zusammen und fasste seinen Begleiter am Arm, doch dieser lachte nur und wies auf eine versteckte Umzäunung, in der drei Ackergäule zwischen den Bäumen Heu fraßen. Sie hielten vor einer hohen Felswand inne, in die sich, hinter dichten Sträuchern verborgen, eine kleine Höhle ungefähr zehn Meter tief in den Berg hineinzog. Heute würde er in das Hauptquartier gelangen, endlich. Jacques war nervös und stolz zugleich. »So einfach ging das?«, fragte er den Rebellen, der um sein verschmutztes Hemd einen Gürtel geschlungen hatte, in dem zwei Messer steckten. Zerrissene Hosen bedeckten seine Beine, doch das Leder der Schuhe war offenbar sorgsam instand gehalten.
   »Einfach? Du Naseweis, würdest du den Weg zurück finden?«
   Jacques überlegte und schüttelte verlegen den Kopf. »Nein, so auf Anhieb nicht, aber ich dachte, du würdest mehr Haken schlagen und öfter die Richtung wechseln. Und gibt es denn keine Wachen?«
   Der Führer legte die Hände vor den Mund und ahmte den Ruf eines Käuzchens nach, einmal, zweimal. Das Echo, das keines war, kam von zwei Seiten zurück. Jacques nickte anerkennend. »Dass du sie nicht bemerkt hast, ist ein gutes Zeichen. Aber sie haben uns gesehen, glaube mir und sie würden jeden Grünrock sehen und hören, der es wagt, auf den Berg zu steigen.«
   Sie sahen sich noch einmal um und betraten geduckt die niedrige Höhle. Der Kamisarde warf belaubte Zweige zur Seite und zog einen flachen Stein von einem Bodenloch weg. Eine Öffnung führte hinunter, der Zugang zu einer noch größeren Grotte, die wie ein Keller unter der Erdoberfläche lag. Er deutete hinein. »Runter mit dir. An den Vorsprüngen findest du Halt.« Er wartete, bis Jacques sich durch den Spalt gedrückt hatte. Dann folgte er, raffte nur die Büsche wieder zusammen und bedeckte den Eingang über sich. Jacques rutschte den feuchten Schacht hinab, seine Zehen klammerten sich an die kleinen Vorsprünge und erreichten schnell den Boden. Er ertastete einen abwärts geneigten Gang, dessen Boden mit Kieselsteinen bedeckt war. Die Dunkelheit nahm ihm kurz die Orientierung.
   Die Stimme seines Führers, der ihn an den Schultern in die richtige Richtung schob, hallte durch die Höhle. »Jetzt ist es nicht mehr weit.« Einige Meter stolperte Jacques so durch den Gang, bis undeutliches Gemurmel zu hören war. Nun wurde die steinerne Röhre breiter, er spürte einen Luftzug an seinem Gesicht und bemerkte in der Ferne ein schimmerndes Licht. Der Tunnel mündete in einer geräumigen Höhle. Ein Feuer und einige Fackeln erhellten die gelben Wände, der Rauch stieg in einen natürlichen Kamin, der sich weit hinauf ins Dunkle erstreckte. Um das wärmende Knistern herum saßen etwa zwanzig Männer in geflickten Umhängen und Jacken, barhäuptig oder die Hüte nachlässig in den Nacken gerückt, gegürtet mit Messern und gewappnet mit Beuteln voller Pfeifenkraut. Ein junger Mann sprang auf und ging auf sie zu. Erfreut schloss Jacques seine Arme um den hageren Henri und musterte dessen leuchtende Augen unter dem hellbraunen Schopf.
   »Jacques, Gott sei mit dir.«
   »Henri, Gott segne dich, wie geht es dir?« Er begrüßte seinen zukünftigen Schwager mit einem Wangenkuss.
   »Nicht schlecht.«
   Jacques sah sich staunend um. Henri führte ihn an die Feuerstelle. Der Boden der Höhle war mit Sägespänen bedeckt, einige niedrige Holzbetten und Strohmatratzen reihten sich entlang der Höhlenwände, die Männer saßen auf Felsbrocken und Holzstämmen. Zwischen abgeschlagenen Stalagmiten eingeklemmt steckte ein großes Brett, das als Tisch diente, in einer entfernten Ecke stapelten sich Munitions- und Pulverkisten, in einer anderen Nische standen Getreidesäcke, Wasserfässer, Töpfe und geschlossene Tonschüsseln. »Gemütlich.«
   »Ja, und schön kalt, nicht wahr?« Henri schmunzelte.
   »Ihr müsstet reihenweise krank werden.« Die Kühle war Jacques im ersten Moment angenehm erschienen. Doch nun begann er zu frieren, denn er trug nur ein leichtes Hemd über seiner dünnen Leinenhose, während Henri einen festen Rock trug und sein Halstuch umgelegt hatte.
   »Ach, man gewöhnt sich an alles.«
   »Er wird gleich kommen.« Louis, der Holzfäller, bot Jacques einen Krug Wein an. Augenblicklich war die Kälte vergessen. Eine dünne Schweißschicht sammelte sich in Jacques Händen. Er nahm den Krug entgegen. Louis sprach von ihrem Anführer André Nouvel, der unermüdlich auf der Suche war nach geeigneten Helfern, nach Männern, die sich nicht scheuten, ihre Seele im Namen Gottes mit Blut zu beflecken. Jacques hatte von Henri gehört, dass der Heilige Geist manchmal von André Besitz ergriff und ihm Visionen schenkte. Er war gespannt, ob er einmal ein solches Wunder miterleben würde. Doch als es in der Höhle weiterhin ruhig blieb und André nicht eintraf, begann Jacques, Henri von den Ereignissen daheim zu berichten.
   »Hör zu, Hélène hat eine Liste mit Namen gefunden, alles Gläubige, die, wie wir vermuten, verhört oder vielleicht verhaftet werden sollten. Ich habe mich mit Michel getroffen und bin zu ihnen geritten, um sie zu warnen.« Erwartungsvoll zwinkerte er. Sein Schwager bekam große Augen und fragte ihn nach allen Einzelheiten aus.
   Louis, sein Führer, lehnte an der Wand, sog an seiner Pfeife und schien ihnen zuzuhören. Dann räusperte er sich. »Jetzt seid ihr jungen Burschen noch begeistert. Na, wartet erst mal ab.«
   »Bei dir war es damals doch genauso, oder nicht?«, gab Henri zurück und zwinkerte.
   »Schon, aber André wird gleich kommen und dann wird er einen neuen Plan für uns haben. Also betet zu Gott um Schutz, anstatt hier zu prahlen.« Mit einem Span zündete er die erloschene Pfeife wieder an. Der Rauch umspielte seine Stirn und stieg zur Höhlendecke hinauf. Jacques sah dem Rauch nach und ließ seinen Blick wieder durch die Höhle schweifen. Hier war der Treffpunkt der Rebellen, ihr Versammlungsort, hier kamen die Männer aus den Dörfern zusammen, um zu beten und zu planen. Einige von ihnen lebten fast ständig hier, so wie André und Henri. Nun, im Sommer, schliefen sie meist auf Strohmatten an der Oberfläche, doch der Winter würde sie erneut hinab in die Grotte oder zurück in die Dörfer zwingen.
   Plötzlich verstärkten die Wände aufgeregtes Stimmengemurmel, die Kamisarden sprangen auf und machten einem großen, etwa dreißigjährigen Mann Platz, der mit weiteren Gefolgsleuten in ihre Mitte trat. Louis klopfte seine Pfeife aus, Jacques und Henri näherten sich der Truppe. Jacques blickte in ein ausdrucksvolles, etwas düsteres Gesicht, zum Leben erweckt von braunen, eigenwilligen Augen. André Nouvel setzte seinen abgetragenen Hut ab und strich sich die dunklen schulterlangen Haare aus der Stirn. Seine kraftvolle Stimme konnte die Müdigkeit nicht ganz verbergen, als er zu den Männern sprach. »Compahne, Freunde und Brüder, macht Euch bereit. Denkt an Eure Familien, an Eure Frauen und Kinder. Ich brauche Euch nichts von dem Leid zu erzählen, Ihr alle kennt es, Ihr alle tragt es gemeinsam.« Er ging auf und ab, seine Schritte hallten von den Wänden wider. Die Männer ließen sich ihre Gefühle nicht anmerken, nur hier und da senkte sich ein Kopf. »Doch Gott hat uns die Gelegenheit gegeben, zuzuschlagen. Hört her. Ich war in der Nacht in Monoblet. Ihr wisst, dass Louis’ Schwester ihre zwei Töchter in ein Kloster geben muss. Unser Spitzel hat erfahren, dass sich der Transport mit den Mädchen und weiteren zehn Gefangenen heute Mittag auf den Weg von Monoblet nach Mende macht.« André blickte zu Louis hinüber, der an der Höhlenwand lehnte. Tiefe Atemzüge hoben seine Brust und verrieten seine Erregung. »Ungefähr vierzig Soldaten begleiten den Marsch. Wir werden sie vor Lasalle abfangen.« Jacques sah wieder zu Louis hinüber. Dieser ließ seine Schultern sichtlich erleichtert sacken und reckte sich gleich darauf wieder, denn André wandte sich ihm zu. »Louis, du wirst jetzt losreiten und zwanzig oder mehr Männer aus den Dörfern sammeln. Wir treffen uns am Col du Mercou, heute Vormittag.« Louis nickte eifrig. Sein Gesicht spiegelte tiefe Dankbarkeit wider. »Weiterhin kommen mit: Bernard, Gerard, Larosse, Bonet, Salomon, Laporte …« Die genannten Rebellen nickten, einige sprangen auf, um ihre Bündel zu schnüren und die Waffen zu inspizieren. Henri senkte den Kopf und wirkte enttäuscht, denn seinen Namen hatte er nicht gehört. André sprach warnend weiter zu den Männern. »Wir müssen aufpassen. Im Moment sind die Regimenter aus Lasalle und Saint-Hippolythe damit beschäftigt, den Wald um Thoiras abzuholzen, auch anderswo werden die Bäume gefällt. Passt auf, wenn Ihr unterwegs seid. Bald wird der Herr uns die Möglichkeit geben, eine richtige Schlacht zu schlagen. Sobald ich etwas von Bruder Roland oder Bruder Cavalier höre, sage ich Euch Bescheid. Wer weiß, vielleicht können wir eines Tages unseren großen Erfolg vom Dezember wiederholen.«
   André schlang seine grobe Jacke enger um sich und sah sich um. »Wer ist der Neue?« Alle Augen richteten sich auf Jacques, der einige Schritte nach vorn machte und grüßte.
   »Jacques Castel ist mein Name.«
   André nickte. »Ich habe von dir und deiner kleinen Unternehmung gehört. Auf Michels Rat hin habe ich noch eine Gruppe ausgesandt. Sie sind tatsächlich auf einen Verhaftungstrupp aus Anduze gestoßen, aber diese Kerle werden sich nicht so schnell wieder in die Gegend wagen. Durch deine Kontakte warst du sehr nützlich und kannst es auch weiterhin sein.« Die sanfte Stimme schien weder zu Andrés kraftvollem Äußeren noch zu seiner vorherigen Ansprache zu passen.
   Jacques errötete vor Stolz und wünschte sich, dass Hélène dem Gespräch zuhören könnte. »Ich will mit euch kämpfen, André. Gib mir eine Aufgabe, ich werde sie meistern.«
   »Aber weißt du, worauf du dich einlässt?«
   Jacques wollte den Dämpfer nicht auf sich sitzen lassen. »Ich will nicht wissen, worauf ich mich einlasse, es interessiert mich nicht.«
   Andrés dunkle Augen ruhten auf ihm, sodass Jacques bald dazu überging, den Boden zu mustern, um dieser Prüfung auszuweichen. Da setzte sich der Rebell auf eine natürliche Steinbank und lud ihn mit einer Handbewegung ein, sich neben ihn zu setzen. Dann vertieften sich die beiden Männer in ein langes Gespräch, in dem Jacques langsam klar wurde, worauf er sich einließ, und es war nicht die Kühle des Steines unter ihm, die ihn nach und nach mit Frösteln überzog. Als André endlich die Unterhaltung schloss, in der Jacques genügend erfahren hatte, löste er sich aus seiner Erstarrung und stand auf, um Abschied zu nehmen.
   »Henri«, rief André. »Bring ihn fort. Und da heute Markttag in Anduze ist, wirst du ein kleines Prisenkommando führen.« Er lächelte den sichtlich erstaunten Henri an. »Nimm dir die restlichen Leute und sei vorsichtig.«
   Henri nickte stolz, während sich André auf seinen Strohsack fallen ließ, seine Stiefel von den Füßen riss und anordnete, ihn in zwei Stunden zu wecken.

»Was ist denn los?«, fragte Jacques, als sich die kleine Gruppe auf den Weg machte.
   »Mal sehen, ob die katholischen Händler uns noch etwas übrig gelassen haben.« Henri lachte hämisch.
   »Mon dieu, ihr raubt sie aus?«
   »Wir nehmen Spenden im Namen des Herrn.« Henri zwinkerte ihm zu. »Halte dich heute von der Landstraße fern.«
   Jacques nickte und gelangte unter dem Schutz der Rebellen durch den Wald auf die Straße, die von Saint-Jean-du-Gard nach Anduze führte.
   Kurz vor der Stadt, an der Brücke über die Salindrenque, verschwanden die Männer im Gebüsch. Jacques holte sein Pferd aus der Scheune, in der er es versteckt hatte, und ritt durch das Morgenrot heim.

*

Die Sonne war längst aufgegangen, und ihre Strahlen erwärmten allmählich die Hauswände. Maurice schwang sich aus seinem Bett, öffnete die Samtvorhänge und sah hinaus. Das Fenster war die ganze Nacht geöffnet gewesen, um die kühle Nachtluft ins Schlafzimmer zu lassen. Das Rauschen des Gardon war zu hören, die Straßen lagen noch leer unter ihm. Der warme Wind und das Tanzen der Blätter am Baum verliehen dem Morgen eine Klarheit und Jungfräulichkeit, die er genoss. Die Fensterläden der umliegenden Häuser wurden nach und nach geöffnet, er hörte das Klappern von Töpfen und das Singen von Frauen. Er beugte sich etwas vor und sah drei Wäscherinnen mit ihren Körben in Richtung Fluss verschwinden. Zwei kleine Eidechsen kletterten die gelbliche Steinwand herauf, um sich zu wärmen. Mit dem Fuß schob er den Nachttopf unter das Bett zurück, schlüpfte in seine helle Hose und ein sauberes Hemd. Er seufzte und nahm die Schere, stutzte die Barthaare und griff dann ohne Lust zu Seife und Rasiermesser, um seine Wangen abzuschaben.
   Bald vernahm er Schritte auf der Treppe. Als die Tür sich öffnete, warf er das Handtuch fort und erwartete die Magd mit seinem Frühstück. Überrascht erkannte er die seidene Haube von Hélène, die das Tablett mit Brot, Käse und einer Schale Haferbrei auf den Tisch stellte. Sie richtete das Geschirr. Er bemerkte, dass ihr Ausschnitt von einer groben Schürze bedeckt wurde, doch er blickte ihr gut gelaunt in die Augen. »Bonjour, Hélène.«
   »Bonjour, Monsieur Rougier.«
   »Wo ist denn Eure Magd?«
   Hélènes Stimme klang gleichgültig, doch er spürte ihre Unruhe. »Sie will nicht mehr so früh allein durch die Stadt gehen.«
   Maurice setzte sich an den gedeckten Tisch. »Habt Ihr nicht Lust, mir ein wenig Gesellschaft zu leisten?«
   »Ich glaube nicht, dass Ihr ein geeigneter Umgang seid.« Hélène zupfte am Kragen ihres Kleides. Sicher dach-te sie an jenen Abend, als er sie bedrängt hatte.
   »Und wenn ich Euch in aller Form um Verzeihung bitte für mein törichtes Verhalten?« Er stand wieder auf und ging auf sie zu, nahm das leere Tablett sanft aus ihrer Hand. Sie rührte sich nicht. »Bitte, Hélène. Ich habe nicht oft Gelegenheit, an etwas anderes zu denken als an Kampf und Krieg. Aber der Morgen ist zu schön, um ihn mit Grübeln zu verbringen. Nehmt Ihr meine Entschuldigung an?« Sie schien auf irgendein Anzeichen von Spott oder Hohn in seiner Stimme zu lauschen, doch dann nickte sie.
   »Ich vergebe Euch, wenn Ihr in der Lage seid, mich und meinen Vater vor Euren Soldaten zu schützen.«
   Erstaunt sah er sie an. Das war also der Grund für die gewährte Gnade. »Glaubt Ihr etwa, all meine Männer wären …«
   »Ja.« Sie senkte den Kopf.
   »Ja, gewiss. Niemand wird es wagen, Euch auch nur anzublicken. Ich werde gleich mit ihnen sprechen.« Ernst sah er in ihre Augen. »Reicht Euch das aus?«
   »Wie kann ich das wissen?« Ihre Mundwinkel zuckten schelmisch. »Was ist üblich in solchen Situationen? Haben Eure Hauswirtinnen und Mätressen einen Schutzbrief im Mieder stecken?«
   Er räusperte sich. »Bisher war so etwas nicht nötig.«
   »Warum? Weil Ihr keine Mätressen habt?« Nun sah sie ihn mit einem offenen Lächeln an. Seine Verlegenheit schien sie zu amüsieren, doch seine Stimmung schlug um in Verärgerung.
   »Richtig. Erstens, weil ich keine Zeit für Mätressen habe, und zweitens, weil ich zum ersten Mal in den Kampf ziehen muss gegen die Zivilbevölkerung, gegen die eigenen Landsleute. Glaubt Ihr etwa, dass es mir Spaß macht?«
   »Das muss ich doch glauben, oder nicht? Wenn Ihr ein Mann von Ehre wärt, würdet Ihr Eure abscheuliche Arbeit hier aufgeben.« Sie ließ ihre Blicke nun im Raum umherschweifen, wahrscheinlich fürchtete sie, dass ihre Bitte um Schutz nun wohl vergebens gewesen war.
   »Hier sind verdammte Rebellen am Werk, die unschuldige Priester und Katholiken töten. Wen soll ich also bekämpfen, wenn nicht die Kamisarden und ihre Helfer in der Bevölkerung? Soll ich auf Spatzen schießen?« Maurice sprang auf. Nun hatte er die Diskussion begonnen, und er würde sie zu Ende führen, um die Dinge in diesem Haus klarzustellen. Für einen Moment genoss er es, auf Widerstand zu stoßen. Sie war anders als ihr Vater.
   »O ja, so unschuldige Priester. Das sind doch alles Mistkerle, die für jede Verfehlung Geld aus uns herauspressen. Eure Rechtfertigung beruht auf einem absurden, grausamen, unchristlichen, königlichen Befehl.«
   Er stutzte, denn er hatte nicht jedes ihrer Worte verstanden, da sie in ihrem Eifer bei einigen Ausdrücken ins Langue d’Oc zurückgefallen war, der Sprache ihrer Heimat, die er nur ungenügend beherrschte. »Wenn ich recht gehört habe, war das gerade Majestätsbeleidigung. Allein dafür könnte ich Euch verhaften. Ihr seid eine sture Protestantin, auch wenn Ihr Euch unter den Schutz der Konvertierung begeben habt. Diese Heuchelei ist unerträglich.«
   »Unerträglich ist allein Euer Morden und Plündern. Dann verhaftet mich eben.« Hélène ballte die Fäuste.
   Maurice wandte sich ab. »Ich brauche Euch keinerlei Rechtfertigung für mein Verhalten zu geben.« Eine sachliche Auseinandersetzung war offenbar ohnehin nicht möglich. Sie standen sich natürlich als Feinde gegenüber, und doch fühlte er sich durch ihre Feindseligkeit verletzt.
   »Weil es keine Rechtfertigung gibt.«
   »Warum hatte ich nur gehofft, Ihr würdet mich nicht als Feind sehen?« Der Morgen hatte seine Unschuld verloren und warf ihn wieder hinein in diesen Sumpf aus Zweifel. Eine unbestimmbare Macht drängte ihn, vor ihren Augen um seine Ehre zu kämpfen. Er stand am Kamin und stützte sich am Sims ab.
   Nach einer Weile trat sie langsam zu ihm heran und biss sich auf die Lippen. Ob sie die Wogen glätten und ihn wieder gnädig stimmen wollte? Behutsam streckte Hélène die Hand aus und legte sie auf seinen Arm. Die beruhigende Kühle ihrer Haut drang durch den Stoff des Hemdes, sodass er plötzlich das sanfte Strömen von Leben spürte und das Heranziehen von leichten, nicht zu benennenden Empfindungen.
   Er senkte den Kopf. »Verzeiht mir. Es gibt genug Streit in dieser Sache. Es ist nicht an uns, diesen Konflikt zu lösen.«
   »Ich stimme Euch zu. Ihr kennt meine Position und ich kenne die Eure, dabei sollten wir es belassen.«
   Diese Frau konnte gleichermaßen streiten wie schlichten. Ob es dieses Geschick war oder ihr seltsamer, tröstender Blick, der seine Knie weich werden ließ? Er spannte jeden verfügbaren Muskel an, um sich seine Wehmut nicht anmerken zu lassen. Mit einem Lächeln quittierte sie seinen galanten Kuss auf ihre Fingerspitzen.
   »Wollt Ihr nun einen Schutzbrief, den Ihr mit Euch führen könnt?«
   Sie lachte auf. »Wenn Euer Wort etwas wert ist, Hauptmann Rougier, werde ich wohl geschützt sein.«
   »Niemand wird es wagen, Euch zu belästigen.« Er ließ zu, dass sie das Tablett wieder aufnahm und grüßend das Zimmer verließ. »Niemand«, sagte er zur geschlossenen Tür.

*

Hélène kehrte in die Küche zurück. Während sie das Geschirr abwusch, grübelte sie über die Zerrissenheit und den Zweifel ihres Gastes. Doch sie konnte und wollte ihm nicht trauen. Auch wenn er noch so sehr jammerte und schimpfte, er würde ohne Weiteres jeden Befehl ausführen, ohne Rücksicht auf die Menschen. Für ihn schienen alle Rebellen und Spione zu sein. Nachdenklich trocknete sie ihre Hände ab, nahm seufzend den Eimer, um Wasser vom Brunnen auf dem nahen Platz zu holen. Sie zwinkerte Nathalie zu, die gerade eingetroffen war, und verließ das Haus. Als auf der Straße alle Nachbarinnen begrüßt und alle Neuigkeiten ausgetauscht waren, hörte sie einen Trupp berittener Soldaten, der durch die Stadt sprengte. Die Passanten retteten sich in den Schutz der Hauswände und sahen den Reitern nach, die vor dem Haus des Notars anhielten. Hélène setzte ihren Weg fort. Wahrscheinlich Besuch für den Hauptmann. Sie beschleunigte ihre Schritte. Sie musste sich beeilen, denn Nathalie würde sich nicht in die Stube trauen, um Erfrischungen anzubieten.

Schon war ein Bursche vom Pferd gesprungen und hielt ehrerbietig das Zaumzeug des Schimmels fest, um seinem Besitzer das Absteigen zu erleichtern. General Auguste de Julien warf ihm den Zügel zu und schritt auf die Haustür zu, wo Hauptmann Rougier ihn empfing. Sie salutierten beide, die Miene des Hauptmanns war ausdruckslos und leer, als er nach dem Gruß Auguste ins Zimmer bat und einen Sessel sowie Wein und ein Mittagessen anbot.
   »Mein lieber Rougier, wie geht es Euch?« Auguste ließ sich in das Polster fallen und schleuderte seinen federgeschmückten Hut auf eine glänzende Kommode.
   »Ich habe keinen Grund zur Klage, mon général. Was führt Euch zu mir?«
   »Nur eine kleine Pause, macht Euch keine Mühe mit dem Essen.« Er zögerte und sog anerkennend den Duft des Bratens ein, der offenbar gerade angebraten wurde, blieb jedoch standhaft. »Nein, ich muss gleich weiter, wollte mich nur auf dem Laufenden halten. Die Sache steht nicht gut, Rougier. Könnt Ihr das bestätigen?«
   »Ja, General, alles wird schwieriger, auch wenn meine Männer ihr Möglichstes tun.«
   »Tun sie das, Hauptmann?« Auguste warf einen spöttischen Blick auf den Kompanieführer. »Tun sie das wirklich?«
   Dieser schwieg beleidigt. Er bemerkte durch das rückwärtige Fenster, dass sich seine Begleiter im Garten niedergelassen hatten und von einer Magd mit Wein versorgt wurden.
   »Habe ich etwas versäumt, mon général?«
   »Nur das Aufspüren von Rebellen, Rougier, das habt Ihr vor gut einer Woche versäumt, aber was ist das schon, so ein paar hundert Rebellen.«
   »Mon général, ich wurde viel zu spät benachrichtigt. Und hätte ich mit meinen vierzig gerade anwesenden Männern vierhundert Rebellen nachjagen sollen, die längst in den Wäldern verschwunden waren?«
   »Warum denn nicht? Jedes Opfer ist uns recht, wenn es uns Erfolg bringt, das solltet Ihr wissen.« Er erhob sich und trat auf seinen Hauptmann zu. »Eure Eingewöhnungszeit ist vorbei. Ich will Resultate sehen.« Rougier wandte den Kopf zur Decke. »Ich kenne all die widrigen Umstände. Ich weiß, dass die Männer Angst bekommen, sobald nur ein Köhler singend auf seinem Wagen über eine Lichtung kommt. Aber sollen wir uns den Schneid von diesen verfluchten Verbrechern abkaufen lassen? Dazu kommen diese sturköpfigen Menschen, die nicht ablassen können von ihren Messen. Geht Ihr auch mit ihnen entsprechend ins Gericht?« Rougier schwieg. »Nehmt Euch ein Beispiel an Eurem Kollegen, Monsieur de Parat, der mit seiner Kompanie auf dem Weg nach Saint-Sébastien eine geheime Messe ausgehoben hat, erst vorgestern.«
   »Ich töte keine harmlosen Bauern und fehlgeleitete Mädchen.«
   Auguste ließe sich eher die Hände abschlagen, als von der Verfolgung der Rebellen und ihrer Helfer abzulassen. Wenn Rougier nur bald dieses hinderliche, ungewohnte Mitleid ablegen würde. Dieser Hauptmann besaß ein Händchen für seine Gegner, einen Spürsinn, der ihm schon manchen Erfolg beschert hatte. Nur dieses Mal lief es schwer und umständlich an.
   »Habt Ihr inzwischen noch mehr Männer verloren?« Auguste gab sich Mühe, versöhnlich zu klingen wie ein Vater, dessen Strafpredigt beendet ist. Er wusste, dass Rougier nur eine kleine Kompanie anführte, die Verluste nicht so leicht verkraften würde.
   »Nur die bewussten fünf Soldaten und drei Pferde. Ich habe nun hundertfünf Soldaten zur Verfügung, davon achtzig Mann beritten und unter Waffen. Ich habe sie in fünf Züge eingeteilt, die die Gegend durchstreifen.«
   »Konntet Ihr Priester finden?«
   »Nur einen.«
   Die Tür knarrte und eine junge Frau betrat mit geröteten Wangen und einem Tablett das Zimmer, gekleidet in ein dunkelblaues Kleid, dessen Spitzen am Dekolleté leuchteten. Etwas atemlos, aber höflich knickste sie vor ihnen, stellte saubere Gläser und eine Weinflasche auf den kleinen Tisch und verließ das Zimmer. »Donner! Welch ein erfreulicher Anblick, ich beneide Euch, mein Freund.« Auguste grinste, als Rougier errötete. »Nun weiß ich, warum Ihr hier Quartier bezogen und die Einladung des Marquis ausgeschlagen habt. Eine Konvertierte?« Rougier wurde blass. »Wie ist ihr Name?«, fragte Auguste und leckte sich über die Lippen.
   »Hélène Duval. Ja, eine Konvertierte. Übrigens haben wir einen Priester gefasst und ihm die Kirchenbücher abnehmen können.«
   »Gut, gut.« Auguste ließ seine Augen nicht von der Tür, durch die Hélène verschwunden war. Schließlich nahm er seinen Hut in die Hand. »Ich hätte beinahe vergessen, zu fragen, ob Ihr eine Quittung der Armee über eine Waffenlieferung gefunden habt. Es wäre möglich, dass ich sie versehentlich einem Brief an Euch beigefügt habe.«
   Rougier nickte und kramte auf seinem Schreibtisch herum, während Auguste aus dem Fenster dem wiegenden Gang der jungen Frau nachsah, die sich zu einem Mann, offenbar ihrem Vater, in den Garten gesellte. Die Dienstmagd kehrte ins Haus zurück. Er kniff die Augen leicht zusammen - diese Person kam ihm recht bekannt vor. Als Rougier das Papier gefunden hatte, riss Auguste es ihm aus der Hand. »Ein Beweisstück gegen einen Schmuggler.« Mit diesen Worten steckte er das Dokument in seine Tasche. Seine Erklärung sollte beiläufig klingen, doch er war froh darüber, dass dieses Schriftstück nicht in falsche Hände geraten war. »Ihr seid ein umsichtiger Offizier.« Zum Abschied reichte Auguste Rougier die Hand. »Doch zeigt etwas mehr Härte, etwas mehr Einsatz. Lebt wohl indessen. Ich muss nach Alès. Marschall Montreval trifft bald dort ein, Ihr müsst wissen, seine Geliebte gibt dort ein Fest.« Er trat zur Hintertür hinaus, um seine Männer zu sammeln. Unterwegs versperrte er der Magd den Weg in die Küche. »Madame, seid Ihr nicht die Schwester des Monsieur Plontier?«
   Die Magd sah ihn nur mit einem kalten Blick an und drückte sich an ihm vorbei. Auguste grinste zufrieden.

*

Als Maurice an seinen Schreibtisch trat, öffnete er eine Schublade und holte das Kirchenregister des gefassten Priesters heraus. Ihm fiel die Quittung ein und er fragte sich, seit wann sich Waffenschmuggler von der Armee Quittungen ausstellen ließen. Er setzte sich und fuhr mit dem Finger über die noch nicht abgehakten Namen. Was seine Männer wohl bei den nächsten Vernehmungen herausbekommen würden? Gestern waren die Männer des dritten Zuges nicht nur unverrichteter Dinge heimgekommen, sondern sie waren angegriffen worden, was ihn immer noch ärgerte. Es gelang einfach nichts in den letzten Tagen. Mit schnellen Bewegungen schrieb er Namen auf ein leeres Blatt Papier und legte es in die Lade zurück. Etwas mehr Härte? Der Einsatz seines Kollegen hatte sechzehn tote Protestanten und ein totes blutjunges Mädchen hinterlassen, das die Gabe der Prophetie gehabt haben sollte. Er hasste diesen Krieg und konnte gut auf einen weiteren Besuch des Generals verzichten. Rasch klappte er das halb zerfledderte Buch zu, verstaute es und ging in den Flur hinaus, um im Garten nach dem Rechten zu sehen. Als er in den Türrahmen trat, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Die Soldaten und Jean Duval waren inzwischen verschwunden. In der hinteren Ecke des Gartens stand jedoch General Julien, der sich schwer gegen Hélène lehnte, sodass sie mit dem Rücken an die Wand des Hauses gedrückt wurde. Eine Hand lag auf ihrer Brust, mit der anderen hielt er einen ihrer Arme fest, seine Lippen schwebten kurz vor ihrem Gesicht. Eine Hitzewelle durchlief Maurice’ Körper, als Hélène ihren Kopf drehte und aufschrie. Sie hob ihre Hand zu einem Schlag. Maurice griff sich an den Gürtel, doch den Degen hatte er noch nicht angelegt. Zudem kam ihm der Gedanke, dass er wohl kaum ungestraft seinen Vorgesetzten würde angreifen können. Da schoss ihm eine Idee durch den Kopf. »Hélène! Hört auf zu poussieren und holt meinen Burschen herbei!«
   Sofort trat der General zurück und gab Hélène frei. Sichtlich erleichtert lief sie mit roten Wangen auf Maurice zu, während der General reglos eine Weile im Garten stehen blieb, bevor er sich umdrehte, Maurice einen ärgerlichen Blick zuwarf und auf die Straße eilte. Im Flur versperrte Hélène Maurice den Weg. »Ich habe nicht poussiert.«
   »Ich weiß.« Er legte die Hand auf ihren Arm.
   Sie war noch ganz außer Atem. »War das etwa der Schutz, um den ich Euch gebeten habe? Dieser Widerling, ich dachte schon, er würde mich an der Wand aufspießen, aber nicht mit seinem Degen.«
   Rougier senkte peinlich berührt seinen Blick, denn eine Frau, die so unbefangen und derb über solch unschickliche Dinge sprach, war ihm außerhalb des Bordells noch nicht begegnet. Er räusperte sich. »Es tut mir leid, Hélène, aber den General kann ich wohl kaum ermahnen, sittsam zu bleiben.«
   »Wie schade.« Sie riss sich von ihm los und ging in die Küche.

*

Am Col du Rédarès zwischen Monoblet und Lasalle warteten die Rebellen, die mit versammelten Kräften vom Col du Mercou herangezogen waren. Sie lauschten im Schutz der Bäume und vernahmen doch nichts weiter als den Wind, der brausend von den Bergen herabstürzte und die Äste der Bäume schüttelte. Louis kaute auf seiner kalten Pfeife. »Sie müssten schon längst hier sein, André.«
   »Sie werden schon noch kommen.«
   Louis ließ die Straße nicht aus den Augen. Zäh und bleiern vergingen die Minuten. »Und wenn sie schon vorbei sind? Wenn wir sie verpasst haben? Oder, wenn sie das Bergland meiden und über Durfort und Anduze ziehen?«
   »Sie müssen heute nur bis Lasalle, dort wollten sie übernachten und deshalb … Hört!« André hob seine Hand. Die geflüsterten Gespräche der Männer verstummten. Ein Eichelhäher gab warnende Rufe von sich, dann verstummte er. In diese Stille hinein hallten Huftritte durch den Wald. Louis steckte seine Pfeife in die Rocktasche und nahm erleichtert und nervös zugleich die Pistole zur Hand. Durch die Büsche hindurch erblickte er den Zug der Gefangenen, mittendrin die blauen Kleider seiner Nichten. André sah Louis eindringlich an, sodass dieser seine verbissenen Gesichtszüge entspannte und nickte. Dann schloss er kurz die Augen und bewegte die Lippen. Bei dieser Art von Hinterhalt wurde auf das laute gemeinsame Gebet verzichtet, daher schickte Louis seine Sorge und Angst um die Mädchen in einem lautlosen Stoßgebet zum Himmel.
   Die Kolonne war nun auf gleicher Höhe mit den Kamisarden. Drei Reiter vorn und zwei am Ende des Zuges eskortierten die Soldaten, die die Gefangenen in ihre Mitte genommen hatten.
   »Es sind sogar mehr als zehn Gefangene«, murmelte André. »Gott ist mit uns. Los jetzt.«
   Fünfzehn Rebellen sprangen auf die Soldaten zu, schossen im Laufen den überraschten Gegnern in die Brust oder versetzten ihnen einen Schlag mit dem Knüppel, um sich unmittelbar darauf auf die aufschreienden Gefangenen zu stürzen. »Los, auf die Erde, legt Euch hin«, rief einer der Rebellen. Die gefangenen Männer reagierten sofort und rissen die erstarrten Frauen und Kinder mit sich auf den Boden. Geduckt ließen sie den Kugelhagel der Rebellen über sich ergehen. Die Salve riss Lücken in die Reihen der Soldaten, die offenbar kaum wussten, wie sie sich zur Wehr setzen sollten. Die Kamisarden luden nicht nach, sondern sie hatten inzwischen Messer und Degen gezogen und hasteten auf die Feinde zu. Die Soldaten, die eine Pistole besaßen, rissen diese zwar schnell aus dem Gurt, doch ließen sie die Waffen fallen, weil die schreienden Männer wie ein Rudel Wölfe über sie herfielen, sodass sie zurückwichen und flohen. Ein Soldat riss eine junge Frau hoch, griff in ihre Haare, setzte ihr das Messer an den Hals, um sie als Schutz vor sich zu halten, doch die Frau packte seinen Arm, hielt ihn fest und stieß mit ihrem Kopf rückwärts auf seine Nase, sodass er laut aufschrie. Sekunden später durchbohrte ihn eine Klinge.
   Die Pferde stiegen, als man ihnen ins Zaumzeug griff, die Reiter sprangen ab und rannten mit ihren Kameraden um ihr Leben, ohne an Gegenwehr zu denken. Der Kampf war vorbei, ehe er richtig begonnen hatte. Drei Kamisarden erhielten im Handgemenge ungefährliche Messerstiche oder Streifschüsse.
   Louis hatte mit seinem Körper die beiden Mädchen geschützt und lag mit ihnen im Gras des Straßenrandes. Nun erhob er sich und nahm seine Nichten, die sicher kaum wussten, was geschehen war, in seine Arme. »Onkel Louis«, rief die Zwölfjährige, die ältere der Schwestern, und schmiegte sich an ihn. Er tätschelte ihre Wange, hielt das Mädchen dann prüfend vor sich: Sie lächelte, ihr Blick war unbefangen. Er schickte Gott ein Dankgebet. Die beiden würden unversehrt an Leib und Seele zu ihrer Mutter zurückkehren. Das jüngere Kind beobachtete indessen neugierig die Männer, die die Waffen der Toten einsammelten. André hievte einen liegenden, verletzten Soldaten, der abwehrend und flehend zugleich die Arme erhob, an die Seite. Louis wollte den Mädchen den Anblick des Todes ersparen und wandte sich mit ihnen ab.

*

André riss den Kopf des Soldaten an den Haaren zurück und stieß das Messer tief in die Kehle. Blut tropfte auf seine Ärmel. André atmete schluchzend auf und ließ den schlaff werdenden Körper zu Boden gleiten. »Gott, vergib mir, es ist dein Wille«, flüsterte er, bückte sich und wischte das Blut an seiner Klinge im Gras ab. Er schnitt die Fesseln des letzten Gefangenen durch, der sich sofort auf die Knie sinken ließ und ihm die Hand küsste.
   »Gott hat Euch gesandt, Bruder, ihm sei Lob und Dank.«
   »Brüder, Schwestern!« André kniete sich neben den Mann. Die Kamisarden beugten die Knie. André sah die Männer, Frauen und Kinder an. »Ewiger Gott, du hast uns Mut und Stärke verliehen, um deine Feinde zu zermalmen. Dank sei dir, o Mächtiger. Wir werden nicht ablassen, deinem Ruf zu folgen und deine Herrschaft auf Erden wieder allen sichtbar und zugänglich zu machen. Bis in den Tod werden wir für dich und deine getreuen Kinder kämpfen.«
   Er stand auf, betrachtete die betenden Frauen und Männer und lächelte Louis im Kreis seiner Familie an. »Wir müssen sie fortbringen.« André wies seine Kameraden an, die befreiten Gefangenen zu begleiten. Sie konnten nicht mehr heimkehren, da sie nun Flüchtige waren, denen die nächste Verhaftung drohte, doch es fanden sich immer Freunde und Verwandte, die ihnen Unterschlupf gewähren würden.
   Innerhalb weniger Augenblicke war der Col du Redares geräumt und lag leer und still unter den Schatten der sich im Wind wiegenden Äste.

*

Am Abend trat Leutnant Yves Longion in Maurice’ Zimmer und salutierte zackig. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und wartete, bis Maurice seinen Burschen, der Landkarten zusammenrollte und wegräumte, in den Feierabend schickte.
   »Yves, gut, dass du kommst. Ich habe etwas für dich.« Maurice hob die Weinflasche und schenkte seinem Leutnant ein.
   »Oh, ein Glas Wein oder noch etwas anderes?« Yves grinste breit, Maurice stieß ihm in die Rippen. Yves leerte das Glas mit einem Schluck. »Was gibt es?«
   »Wir sind knapp mit Kugeln und Pulver. Schick morgen einen Boten nach Alès, wenn ich die Anforderung geschrieben habe. Und ein Zug soll aufbrechen und die uns bekannten Spitzel aufsuchen. Sie müssen uns etwas über die Urheber des Massakers in Valsauve berichten. Begleite den Zug und schau, was du herausfindest.« Yves setzte sich auf einen Stuhl und putzte mit einem Taschentuch den Staub von seinen langen, bis über die Knie reichenden Stiefel. Maurice musterte unwillkürlich sein Paar, das trotz der Säuberung durch die Magd den Tag nicht unbeschadet überstanden hatte. »Und jetzt muss ich auch noch die Händler eskortieren lassen. Du weißt, dass eine Handvoll Rebellen einige Kaufleute vom Markt abgefangen haben.« Er schenkte seinem Leutnant nach.
   »Das ist unsere Aufgabe, Maurice. Oder willst du den Rebellen freie Hand lassen?«
   »Nein, Yves, aber Preistreiber und Schmarotzer, die sich das Geld der Ärmsten in die Taschen stecken. Sollen die doch selbst für ihren Schutz sorgen. Die Züge wechseln sich regelmäßig ab. Und die Eskorten nur bis nach Alès, Lasalle, Saint-Hippolythe und Saint-Jean du Gard, nicht mehr und nicht länger. Lass es auf dem Markt bekannt geben, mit den Zeiten des Abmarsches. Wir können nicht auf Verspätete warten.«
   »Hast du von der Befreiung der Gefangenen von Monoblet gehört?«
   Maurice nickte seufzend. »Mal sieht man zwei Wochen lang nichts von den Schurken, und dann kommt alles auf einmal.« Er nagte an seinen Lippen.
   »Glaubst du, es waren unsere Schurken?«
   »Egal, ob diese oder jene, sie allesamt machen uns das Leben schwer. Und noch etwas: Prügle den Männern ein, dass sie die Frauen in diesem Haushalt nicht antasten dürfen. Sie sind tabu, ganz und gar. Ich werde jeden eigenhändig erschießen, der es wagt, sie länger als nötig anzusehen.«
   Yves sah erschrocken aus. Maurice lächelte ihn an. »Außer dir vielleicht.«
   »Nicht länger als nötig, zu Befehl, mon capitaine.« Yves erhob sich, verzichtete auf das Salutieren und verließ gemeinsam mit einem Feldwebel und zwei weiteren Unteroffizieren, die zuständig für die täglichen Belange dieser kleinen Kompanie waren, das Haus.
   Maurice lächelte zufrieden.

Nur eine Weile später starrte er auf die abgeschabte Uniformjacke eines vierschrötigen Zugführers, die nach billigem Tabak und Schweiß roch. »Heraus mit der Sprache. Was war los, Sabatier? Warum habt ihr es nicht geschafft, ein paar Bauern zum Verhör zu bringen?«
   Der Mann blickte stur auf die Wand und schien die Rosen im Muster der beige-goldenen Tapete zu zählen. Sabatier schien zu ahnen, dass er sich nun gegen den Vorwurf der feigen Flucht verteidigen musste. »Mon capitaine, es waren so an die dreißig Kamisarden. Zum Glück waren wir weit genug von ihnen entfernt, als sie das Feuer eröffneten. Wir haben nur eine Kugel eingefangen, einen Streifschuss am Arm.«
   »Zum Glück?« Maurice konnte kaum fassen, was der Mann ihm da auftischte. »Ihr könnt von Glück reden, wenn ich Euch nicht nach Übersee schicke wegen Feigheit vor dem Feind. Schaut mich an, Sabatier. Wie viele waren es wirklich?«
   Sein Unteroffizier zuckte mit den Schultern und gestand zögerlich die Tatsache, dass sein Zug vor fünf Kamisarden davongelaufen war.

Als der Unteroffizier mit hängenden Schultern davongeschlichen war, hörte Maurice Hélènes leichte Schritte in der Küche und die Anweisungen, die sie der Magd gab, bevor sich diese auf den Heimweg machte. Seitdem er sie kannte, lauschte er ihr nach, sah ihr nach, lächelte ihr zu, wenn sie sich im engen Flur umeinander herumdrehten. Sie blieb höflich, unbestimmt, vage. Er konnte es ihr nicht verdenken, er musste voller Scham eingestehen, dass der Übergriff des Generals durchaus mit dem seinen an jenem Abend zu vergleichen war. Doch da gab es etwas an ihr, was ihn unwiderstehlich anzog, etwas, das ihn tagsüber mit Freude an die Rückkehr ins kühle Haus denken ließ. Verträumt und nachlässig räumte er den Tisch auf und verließ das Zimmer.
   Als er in den Flur trat, schlich dort ein junger Mann umher, der in die Küche spähte. Sofort sprang Maurice auf ihn zu, packte ihn am Kragen und drückte ihn fest an die raue Wand. Der Mann schrie auf und wehrte sich gegen seinen Griff.
   »Wer seid Ihr? Was schleicht ihr hier umher?«, rief Maurice. Da öffnete sich die Tür des Arbeitszimmers, und die verwunderten Gesichter von Duval und Hélène, die einen Putzlappen in der Hand hielt, erschienen im Türrahmen.
   »Was geht hier vor, Monsieur Rougier?«, fragte er freundlich. Maurice fuhr herum und ließ die Jacke des Fremden los. Die Duvals schienen nicht im Geringsten beunruhigt.
   »Gut, dass Ihr kommt, Monsieur Duval, ich habe einen Halunken aufgegriffen, der durch Eure Hintertür eintrat und in die Küche gelangen wollte. Wohl ein Verehrer der Tochter Eurer Magd.«
   Als Hélène dies hörte, lachte sie und drohte dem Burschen über die Schulter ihres Vaters hinweg mit dem Zeigefinger. Dessen Mund verzog sich zu einem herzlichen Grinsen. Maurice sah von einem zum anderen, verstand mit einem Mal den glücklichen Ausdruck des jungen Mannes und trat perplex einen Schritt zurück.
   »Wie auch immer.« Er ging in den Salon. »Duval«, rief er laut, worauf der Notar zu ihm kam.
   »Wer ist das?«
   »Das ist Jacques Castel, der Verlobte meiner Tochter.«
   Maurice starrte aus dem geöffneten Fenster, um eine seltsame Enttäuschung zu verbergen. Die hellen Vorhänge wehten ihm mit einem heißen Lufthauch entgegen.
   »So, bereits verlobt. Ist sie deswegen zu Euch zurückgekommen?«
   Duval nickte. »Ja, mon capitaine. Bald wird die Hochzeit sein.«
   »So, die Hochzeit.« Maurice gab ihm mit einem Nicken zu verstehen, dass er entlassen war. Als er allein war, setzte er sich stumm auf seinen Stuhl. Eine Hochzeit stand bevor, kein Wunder, dass sie sich so spröde und ablehnend gab. Keine Sekunde zweifelte er daran, dass diese Heirat durch eine protestantische Zeremonie zustande kommen würde, alles andere würde Hélènes Stolz widersprechen. Was lag diesen Menschen nur an einer Ehe, die von keiner einzigen Institution anerkannt wurde? Waren sie wirklich so verbohrt, so stur? Missmutig trat er gegen das Tischbein. Bohrender Neid pochte in seinen Schläfen, Neid auf diesen jungen, gut aussehenden Burschen mit dem selbstbewussten Ausdruck eines Mannes, der hier zu Hause war und der bald eine schöne Frau in sein Heim führen würde.
   Widerwillig musste er an sein eigenes Zuhause denken. Seine Heimat lag in den sanften Hügeln des Drôme in Sichtweite des Vercors-Gebirges, umgeben von Lavendelfeldern und Kastanienbäumen. Seine Gedanken schweiften ab. Vor einem Jahr war sein älterer Bruder, gegen dessen Ermahnungen und Besserwisserei er sich immer gewehrt und mit dem er sich oft gestritten hatte, der Schwindsucht zum Opfer gefallen, und diese Nachricht hatte ein Schuldgefühl hinterlassen. Seine Eltern waren bereits seit einiger Zeit tot und so war er von einem Tag auf den nächsten der Erbe des Landgutes geworden. Zur Beerdigung seines Bruders hatte er nicht heimkehren können. Er hatte die grauen Steinwände des Gutes lange Zeit nicht mehr gesehen und auch nur selten das Verlangen gespürt, sein Zuhause zu besuchen, sich mit den Pächtern auf den Feldern zu unterhalten und den kühlen Landwein in seinem Mund hin- und herzurollen. Als ob er sich weiterhin gegen seinen Bruder auflehnen wollte, der ihn auch nach seinem Tod noch zu bestrafen schien und ihm noch mehr Lasten aufbürdete, scheute er davor zurück, sich um seinen Besitz zu kümmern. Das recht einträgliche Gut nahe Crest hatte er kurzerhand einem Verwalter überlassen, der durch die Landbestellung und die Zahlungen der Pächter dafür sorgte, dass Maurice sich einen gewissen Wohlstand, ein angemessenes Reittier, Frauen, ordentliche Kleidung und Waffen von hoher Qualität leisten konnte. Mehr als zuvor fühlte er sich widerwillig an die Armee gebunden, sie hatte sein Gemüt gekühlt, hatte ihn in einen kaltblütigen Offizier verwandelt, der zynisch über seine eigenen Versuche spottete, Ehre und Ruhm zu erlangen. Dieser Zynismus hatte ihm Erfolge beschert und ihn bis in den Rang eines Hauptmannes gehoben.
   Doch jetzt sollte er Bauern und Weber jagen, die sich nur mit Mistgabeln und Knüppel bewaffneten. Und die einzige Person, die ihn amüsierte, interessierte, ja, sogar auf faszinierende Weise anzog, war verlobt und dazu auf der falschen Seite. Er streckte widerstrebend die Hand aus und ergriff die Feder, um kürzlich neu eingetroffene Soldaten mit besseren Uniformen ausstatten zu lassen.

*

Zur selben Zeit stand das Paar eng umschlungen im kleinen Arbeitszimmer. Sie streichelten sich und drückten sich eng aneinander. Der milde Duft ihrer Haare berauschte Jacques und das Rascheln ihres Kleides weckte den Wunsch, seine Liebste von ihnen befreit zu sehen.
   »Jetzt hat er dich kennengelernt«, hauchte Hélène in sein Ohr. Sie hörte sich ein wenig besorgt an.
   »Und er wird mich besser kennenlernen, wenn er nicht aufpasst. Ich war bei André.« Jacques lächelte.
   Sie zuckte zusammen. »Ja, das habt ihr gut gemacht. Der dritte Zug hat niemanden von der Liste gefunden, ich habe es gehört.«
   »Meine kleine Rebellin.« Er küsste sie auf den Mund. »Ich habe mit André gesprochen, er hat mich zum Spion ernannt. Ich werde ihm berichten, was in und um Anduze vorgeht. Truppenbewegungen, Truppenstärke, Gerüchte, Neuigkeiten, einfach alles.« Jacques bemerkte ihre Zurückhaltung und verschwieg ihr lieber, dass er sein Leben in Andrés Hand gelegt hatte. Der gelassenen Ausstrahlung des frommen Bauern konnte er nicht widerstehen. Er würde folgen, wenn dieser rief, seine Befehle bedingungslos befolgen, wenn er gebraucht wurde. André hatte noch viel vor, er sprach vom Ausrauben der Versorgungszüge, von Kisten voller Pulver und Pökelfleisch und von katholischen Priestern, die Lebensmittel und Waffen horteten. Jacques hatte während ihres Gespräches keine Angst verspürt, eher die Befürchtung, sich nicht bewähren und beweisen zu können. »Hör zu, Liebste. Ich habe Henri gesehen, er hat eingewilligt, an unserer Trauung teilzunehmen, aber nur, wenn du allein mit ihm sprichst.«
   Diese Nachricht schien Hélène so sehr zu erfreuen, dass sie offenbar ihre Sorgen vergaß. Die Wucht ihrer Umarmung drückte ihn an die Wand. Unablässig küsste sie sein Gesicht. »Danke Jacques, oh, ich freue mich so.«

Kapitel 3

Glück und Sorge wechselten sich ab in diesen letzten Wochen, die Hélène im Hause ihres Vaters verbrachte. Immer, wenn sie an Jacques Streifzügen durch die Straßen, Plätze und Schenken der Stadt dachte, sorgte sie sich und war unruhig. Es war einfacher für sie, Rougiers Büro zu durchsuchen, als ständig die Gefahr vor Augen zu haben, die Jacques auf sich nahm. Bei jedem marschierenden Schritt, der sich näherte, glaubte sie, ihn verhaftet und in Ketten zu sehen. Doch Jacques tauchte unbekümmert wieder bei ihr auf, ohne sein Tun mit einem Wort zu erwähnen.
   Innerhalb weniger Tage war so viel auf sie eingestürzt, dass sie dachte, eine gänzlich andere Frau geworden zu sein. Von ihrem unbeschwerten Leben als Kammermädchen war nichts übrig geblieben. Das Leid der Menschen drückte sie so nieder, dass sie die Neuigkeiten, die Nathalie vom Markt mitbrachte, nicht mehr hören wollte und ihr das Wort verbot.
   Nachdem sie ihren Vater erwischt hatte, wie er ihre Kammer nach dem Schlüssel durchsucht hatte, versteckte sie ihn in ihrem Mieder und trug ihn Tag und Nacht bei sich. Sie konnte nicht viel an Jacques weitergeben, denn die Schublade mit dem Kirchenregister war manchmal abgeschlossen, oder es war noch keine neue Liste geschrieben worden.
   Dann erschien ein fremder Besucher mit einer großen Tasche bei ihnen und blieb einen ganzen Abend bei ihrem Vater. Sie wunderte sich über das verschwörerische Gesicht ihres Vaters, der sie nach dem Abschied des Fremden in sein Arbeitszimmer rief. »Hélène, komm und schau.« Er zeigte auf die unteren Türen des schmalen Bücherschrankes.
   »Was ist denn da?« Sie öffnete die Schranktür und schob die Bücher hin und her.
   »Gut. Wenn du es nicht findest, dann werden es andere auch nicht finden.«
   Erstaunt hockte sie sich auf die Knie und sah zu, wie ihr Vater sich zu ihr herunterbeugte und einen an der hinteren Schrankwand verborgenen Riegel löste. Mit einem leisen Klicken schob er den unteren Regalboden zur Seite. Nun waren die Bodendielen zu sehen. Ihr Vater hob die nur lose liegenden Bohlen an und wies auf einige Bücher in festem Einband. »Vater!« Hélène schlug die Hände an die Wangen, dann strich sie über das glatte Leder. »Bibeln, so viele? Wollt Ihr sie verteilen?« Ehe er antworten konnte, winkte sie hastig in Richtung Schrank. »Macht wieder zu, schnell.«
   Er versteckte die Bibeln wieder und richtete sich auf. »Ja, ich werde sie an die Menschen weitergeben, deren Bibeln konfisziert wurden.« Vor lauter Überraschung fand Hélène keine Worte. Ihr Vater hatte den Mut gefunden, sich den strengen Verordnungen des Königs zu widersetzen.
   »Oh, Vater.« Sie drückte ihn so fest an sich, dass er pustete.
   Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Du hattest recht. Mutter hätte gewollt, dass ich mich wehre. Ich kann nicht immer nur nachgeben und es den Feinden leicht machen. Ich will es ihnen schwer machen.«
   »Ihr habt Euren Stolz wieder gefunden, nicht wahr?«
   Er nickte. »Bevor wir zu Bett gehen, werden wir beten.« Er holte seine eigene Heilige Schrift aus dem seit Langem dafür eingerichteten Versteck und schlug die Psalmen auf. Wie jeden Abend beteten sie eine Viertelstunde, nie länger, um Rougier keinen Anlass zum Misstrauen zu geben.

Auf diese Weise getröstet besuchten die Duvals fast jeden Sonntag den katholischen Gottesdienst. Es war gefährlich, zu oft der Messe fernzubleiben, denn es fehlte nicht an katholischen Spitzeln, die jedes Vergehen zur Anzeige brachten, sodass Geldbußen und Haftstrafen drohten. Hélène kam sich wie ein Feigling vor, doch sie wollte so kurz vor ihrer Hochzeit nicht Gefahr laufen, ertappt zu werden und unter Beobachtung zu stehen. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie es bald in Lézan etwas leichter haben würde, denn der dortige Pfarrer, dessen Kirche ohnehin noch Brandschäden aufwies, war ein gutmütiger, etwas nachlässiger Mann, der seine Konvertierten meist in Ruhe ließ. Unter dem fast unerträglich laut erscheinenden Geläut der Glocken betraten sie die dämmrige Kirche mit ihrem eigenartigen Geruch nach Weihrauch und Moder. Rauchige Kerzen schimmerten in den Gängen und Nischen und überzogen die Wände mit Ruß. Dort betete Hélène ihre eigenen Gebete und bat Gott um seinen Schutz für Jacques und Henri. Die jubelnden Gesänge, die goldenen Putten und der Klang der Glöckchen waren Spott und Hohn auf ihr unsicheres Leben. Natürlich entging ihr nicht, dass Hauptmann Rougier ebenfalls der Messe folgte und stets in geringer Entfernung schräg hinter ihr einen Platz fand. Sie war sicher, dass sein Blick auf ihr ruhte, und passte auf, der Liturgie mit scheinbarer Aufmerksamkeit zu folgen, auch wenn sie manchmal zu spät aus ihrer Versunkenheit auftauchte, sich zu spät von den Knien erhob und zu spät das Kreuzzeichen schlug. Als sie einmal zufällig gemeinsam durch das große Kirchentor hinaustraten, warf Hélène ihm einen solch bitteren Blick zu, dass er seinen Kopf abwandte.

*

Die Sonne brannte eine glühende Spur durch diese Sommerwochen. Während die Berge rund um den Mont Lozère und den Mont Aigoual regelmäßig mit kurzen Schauern bedacht wurden, litt das absteigende Bergland östlich dieser Gipfel unter einer ungewohnten, lang anhaltenden Hitze. Maurice schickte seine Männer in den frühen Morgenstunden los, schwitzte in seinem Zimmer und suchte manchmal Zuflucht in der kühlen Küche, wo er seine Briefe ohne die Hilfe seines Burschen fertigstellte.
   Hin und wieder begleitete Maurice seine Männer, sprach mit den Hinterbliebenen von Überfällen, die weinend ihre Toten auf dem Friedhof begruben, zog an den mit langen Terrassen aus Trockenmauern bedeckten Hängen entlang, um Verstecke aufzustöbern, besuchte die Kompanien der anderen Städte und nahm an fruchtlosen Gesprächen mit dortigen Offizieren teil. Dann empfing er den Pfarrer von Anduze, einen eifrigen Mann mit jovialem, aber unbeirrtem Ausdruck, der ihm stets einen Stapel Papiere mit Anklagen gegen Anduzer Bürger brachte, die gegen kirchliche Auflagen verstoßen hatten. Maurice reichte die Unterlagen an Longion weiter, der sich um den Vollzug der Haftbefehle kümmerte.
   Gelegentlich ritt er in Dörfer, in denen sich protestantische und katholische Bewohner mit Mistgabeln und Sensen bewaffnet gegenüberstanden und nur darauf warteten, dass ein falsches Wort das Pulverfass voller Hass entzündete. Er verhandelte nicht lange, ließ die aufgebrachten Menschen durch die Reihen von Pferdeleibern in ihre Häuser zurückdrängen und verhaftete die Aufwiegler beider Seiten.
   Maurice hatte auch die Pflicht, vornehme Damen aus den Landschlösschen, die sich auf vielen Kämmen der Hügel erhoben, sicher nach Anduze, Alès oder sogar Nîmes zu geleiten. Diese Aufgabe gefiel vor allem Leutnant Longion, der gern von seinem Pferd aus durch die Fenster der Kutschen mit den Insassinnen parlierte. Gern überließ Maurice ihm dieses Vergnügen, doch er konnte es sich nicht verkneifen, ihn diesbezüglich zu necken.
   »Pass auf, was du tust, Yves«, sagte er eines Tages, als er ihn zu einer besonders hübschen Schutzbefohlenen aussandte. »Mir hat man mal Schläger hinterhergeschickt.« Yves sah ihn sichtlich überrascht an. »Wer?«
   »Die Offiziere, denen ich die Frauen ausgespannt habe. Sie konnten sich ja kaum mit einem bürgerlichen Bauernburschen, der ich in ihren Augen bin, duellieren. Die Kerle haben mir auftragsgemäß und nachdrücklich die Lust aus dem Leib getrieben.« Er lachte, als er die ungläubigen Augen seines Freundes sah, doch dann schlug seine Stimmung um. Während Yves mit der Eskorte aufbrach, dachte Rougier nach. Aus den Abenteuern, in die er sich früher gestürzt hatte, war er mit Narben am Herzen und am Körper wieder herausgekommen. Ein dummer Narr, das war er gewesen, doch er war nicht sicher, ob er nicht jetzt ebenso dumm war, wenn er die Verehrung einer verlobten Protestantin nicht bald beenden würde. Seit vielen Tagen kamen ihm seine Annäherungsversuche und sein männliches Imponiergehabe seltsam falsch und fadenscheinig vor, weil eine wundervolle Empfindung in ihm aufstieg, wenn er Hélène sah. Dieses Gefühl verwirrte ihn und warf ihn aus der Bahn, die er doch so gut gepanzert und geschützt strengstens einhalten wollte. Immer wieder unterbrach er seine Schreibarbeiten, um ihren Schritten zu lauschen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit verwickelte er Hélène in kurze Gespräche, in denen sie teils höflich und amüsiert plauderte, teils aber kühl und unzugänglich reagierte. Es dauerte nicht lange, bis er im Flur auf sie wartete, nur um sie zu sehen und den Tag versöhnlich zu stimmen. Und wenn er ihre Stimme im Haus hörte, schloss er manchmal die Augen. Sie sang, wenn sie die Betten machte, wenn sie die Wäsche wusch und wenn sie im Zimmer des Notars saß und stickte. Zweimal hatte er wahrgenommen, dass sie sich wieder in der späten Nacht durch die Hintertür ins Haus geschlichen hatte, einmal hatte er gesehen, wie sie ihren Liebsten im Garten geküsst hatte, und er wusste, warum sie sang. Er hatte nichts damit zu tun, und diese Gewissheit machte ihn verrückt.
   Stärker als je zuvor spürte er, dass die Besuche im Bordell von Alès nicht ausreichten, um die seltsame Sehnsucht und die Unzufriedenheit zu vertreiben. Er war nicht genügend zerstreut und amüsiert worden. Was fehlte ihm nur, dass er Hélène umflatterte wie eine Motte die Kerze? Eine Kerze, ja, das war sie. Sie strahlte Wärme und Licht aus, samtig und weich. Er hätte gern seine Hand um die Flamme gelegt, um sie vor dem rauen Wind zu schützen. Dann trieb sein Stolz ihn wieder zornig um. Was sollte das alles? Sie war doch genauso stur und halsstarrig wie der Rest der Bevölkerung, die dort draußen hinter den schützenden Mauern darauf wartete, dass er mit seinen Leuten zum Teufel ging. Als er merkte, dass er im Begriff war, seine liebevollen Gefühle absichtlich schlecht zu reden, verpuffte sein Stolz und machte einer Trostlosigkeit und qualvollen Liebe Platz, die ihn seufzen ließ.

Als eines Tages die Sonne hinter den Bergen versank, verließ Maurice sein Schlafzimmer, um noch einmal Yves in seinem Quartier aufzusuchen. Als er leise die Tür schloss und sich der Treppe zuwandte, löste sich ein vergoldeter Knopf von seinem Hemd und fiel zu Boden. Er suchte mit den Augen die Holzdielen und den Teppich ab, bückte sich, kroch auf allen vieren herum, tastete nach dem verlorenen Stück. Als er durch die Stäbe des Treppengeländers blickte, bemerkte er im unteren Flur ein Paar Schuhe, Kniestrümpfe, Hosenbeine, die aus der Tür zu seiner Schreibstube traten und sich drehten. Er hörte das Schließen eines Schlüssels, die Beine entfernten sich. Danach knarrte die Tür von Duvals Arbeitszimmer. Maurice sah nachdenklich zu Boden, sah den Knopf vor sich liegen und steckte ihn unbewusst ein. Sein Herz klopfte.
   Leise stieg er die Treppe hinab, lauschte an der Tür des Notars und hörte das Flüstern zweier Stimmen.
   Wer war in seiner Stube gewesen?
   Er ging zur Hintertür hinaus und traf auf das knochige Pferd des jungen Castels, das angebunden am Gartenzaun stand. Er streichelte die Nüstern und ging wieder ins Haus zurück. Dort stieß er auf Hélène, die ihn sichtlich erschrocken anstarrte.
   »Guten Abend«, murmelte sie und eilte in den Garten. Misstrauisch ging Maurice die Treppe hinauf, betrat sein Schlafzimmer, schob das Fenster auf und lauschte unruhig.
   Es dauerte nicht lang, bis er Schritte hörte. Das Paar nahm Abschied.
   »Hast du gemerkt, dass er noch auf war? Auf einmal stand er unten, Jacques.« Jacques schien nicht zu antworten, denn Maurice vernahm nur das Geräusch eines Kusses. »Wirst du lange brauchen?«
   »Der Weg ist weit heute, Thoiras, Calviac und Sainte-Croix-de-Caderle. Aber ich werde es schon schaffen.«
   Maurice hörte jedes Wort, die Orte kamen ihm vage bekannt vor. Mit Spannung wartete er eine Pause ab, die nur durch leises Seufzen unterbrochen wurde. Der Abschiedskuss. Daraufhin ritt Jacques davon. Er rief sich die gehörten Ortschaften noch einmal in Erinnerung. Was ging hier vor sich? Warum kamen ihm die Ortsnamen so vertraut vor? Grübelnd stieg er in sein Büro hinab, wo ihm ein Gedanke kam. Er riss die Schublade seines Tisches auf und überflog die Liste, die er am Morgen zusammengestellt hatte. Es passte. Protestanten aus Thoiras, Calviac und Sainte-Croix, insgesamt sechs Namen. Jacques hatte sich offenbar Zugang zu seinem Büro verschafft und warnte nun die Menschen, die zum Verhör vorgesehen waren. Maurice ließ sich fassungslos am Schreibtisch nieder, schlug seine Hand vor die Stirn und knetete seine Nasenwurzel, um den pochenden Kopfschmerz zu vertreiben.
   Diese dummen Spione ließen sich auf ein gefährliches Spiel ein. Er fluchte ratlos, er war verwirrt, da sie ihn durch das Außerachtlassen einer simplen Vorsichtsmaßnahme nun zum Handeln zwangen. Er hatte genug gesehen, und das Gespräch der beiden Liebenden hatte alles bestätigt. Er durfte nicht untätig bleiben, musste jetzt reagieren. Duval, der wahrscheinlich einen Schlüssel hatte nachmachen lassen, verhaften, Jacques ebenso. Sie würden am Galgen enden. Und Hélène? Sie würde ihn für ein Ungeheuer halten und ihn anspucken. Er wischte plötzlich alle Papiere zur Seite und schlug mit der Faust auf die Platte des Schreibtisches. Es ging nicht anders. Spionage und Verrat konnte er nicht dulden. Sein Gewissen durfte ihn nicht beeinflussen – Zweifel oder Mitleid würden ihm nicht nutzen. Diese Dilettanten, diese blutigen Anfänger würden im Sog ihrer Taten untergehen. Er knallte die Schublade zu. Spione, Rebellen, da kam ihm eine Idee. Jacques stand offensichtlich mit den Kamisarden in Verbindung, wer sonst benötigte gestohlene Informationen? Warum sollte Maurice nicht ihn dazu benutzen, den Aufständischen eine Falle zu stellen? Es war zu früh, Jacques und Jean Duval zu verhören. Er würde ihnen diesen heutigen, kleinen Vorsprung gönnen. Maurice erhob sich und wanderte im Zimmer hin und her. Er überlegte fieberhaft, wie er vorgehen sollte, doch ein passender Plan wollte ihm nicht einfallen. Aber das würde ihm schon gelingen, er war nun am Zug und konnte sich in Ruhe um alles kümmern. Um Hélènes Willen war er insgeheim froh, dass er eine unmittelbare Festnahme aufschieben konnte. Jacques sollte sich sicher fühlen und ungestört die Menschen warnen. Die paar Bauern, die ihm deshalb durch die Netze gingen, störten ihn nicht.

In den nächsten Tagen, nachdem seine Männer ihm bestätigt hatten, dass die aufgelisteten Personen in Thoiras, Calviac und Sainte-Croix-de-Caderle nicht aufzufinden waren, vermied er Gespräche mit Hélène oder ihrem Vater. Er konnte Hélène nicht in die Augen sehen mit der Gewissheit im Hinterkopf, ihren Verlobten und ihren Vater zu benutzen, um die Rebellen und damit ihren Bruder zu besiegen. Und schließlich würde er früher oder später auch die Spione ihrer Strafe zuführen müssen. Abends nahm er das Kirchenregister mit in sein Schlafzimmer, jedoch nicht regelmäßig, um Jacques nicht misstrauisch zu machen. Wichtigen Schriftverkehr verbrannte er im Feuer oder brachte die Dokumente ohne Angabe von Gründen ins Quartier des erstaunten Yves. Unwichtige Nachrichten ließ er in der unverschlossenen Schublade liegen. Er zwang sich, hart zu bleiben, er durfte die Spione Jean Duval und Jacques Castel nicht schonen, auch wenn ihm der Gedanke, sich Hélène endgültig zum Feind zu machen, unerträglich war. Doch sie würde bald verheiratet sein und fortgehen, ihrer Stimme und dem Klang ihrer Schritte würde er ohnehin nie mehr nachlauschen können. Er fuhr sich durch das Haar und seufzte.

*

Rougiers immer blassere Haut und seine müden Augen waren Hélène nicht recht. Sie hatte keine Ahnung, warum er plötzlich so stumm war und nur noch kurze Worte brummte, doch das konnte schließlich viele Ursachen haben. Vielleicht ärgerten ihn die Rebellen zu sehr. Eigentlich wollte sie nicht gefällig erscheinen, doch ihr Mitleid wuchs, je mehr Tage vergingen. Eines Abends brachte sie ihm einen Apfel und einen Pfirsich, in Stücke geschnitten, in seine Schreibstube und stellte die Schale wortlos auf den Schreibtisch. Er musterte das Obst und dann sie. »Wofür?«
   »Eure Teller kommen fast immer gefüllt zurück. Ihr müsst doch etwas essen.«
   »Warum seid Ihr so besorgt um mich?«
   »Sehe ich besorgt aus?«
   Da begann er zu lachen. Sein Gesicht verwandelte sich in Leben und Farbe, seine Zähne blitzten. Er strich einige seiner welligen Haare hinter die Ohren und diese offenbar geübte Geste brachte sie plötzlich dazu, ihn genau zu betrachten. Bisher war er für sie nichts weiter als ein königlicher Besatzer, und sie merkte plötzlich, dass sie ihm unrecht tat, ihn auf diese Eigenschaft zu reduzieren. Prüfend und aufmerksam betrachtete sie ihn ohne Verlegenheit, während er verstummte und sich verschämt abwandte, als ob es ihm peinlich wäre, wie ein Insekt unter eine Lupe gelegt zu werden. Über seine Reaktion amüsiert, musste sie ihm ein gefälliges Äußeres zugestehen. Sein bärtiges Kinn und der hübsche Mund setzten einen Kontrast zu seinen grünen Augen. Die seidigen Spitzen seiner Hemdsärmel fielen auf langfingrige Hände und Hélène bemerkte, dass sogar seine Fingernägel sauber waren. Ein schöner, rätselhafter Mann, leider auf der falschen Seite. Hélène seufzte und hockte sich auf die Kante des Sessels. Doch wenn er sie für besorgt hielt, umso besser, denn Fürsorge und Spionage schlossen einander aus, sodass sie ungehindert weiter agieren konnte.
   Er machte sich über das Obst her. »Neulich in der Kirche, da habt Ihr besorgt ausgesehen. Ist es Euch so zuwider, Katholiken beim Beten zuzusehen?«
   »Ihr stellt Euch alles so einfach vor. Als ob es uns nicht schon genug belastet, Euch hier zu haben. Die Geschäfte gehen schlecht, wenn die Mandanten Angst haben, ihre Dokumente würden einem katholischen Offizier in die Hände fallen.«
   »Er soll aufpassen, was er tut, der katholische Notar. Zieht lieber keine Aufmerksamkeit auf Euch. Diese penetranten Jesuiten sind überall.«
   Hélène sah ihn verwundert an. »Es hilft ja doch alles nichts.«
   Rougier sah ihr in die Augen. »Dabei ist unser Glaube nicht falsch. Warum ist es so schlimm, wahrhaftig zu konvertieren? Ihr könntet mit den Priestern sprechen und von ihnen lernen.«
   »Unser Glaube ist so wie unser Land hier. Es ist schwer zu bestellen, die Ernte ist meist schlecht. Und doch nährt es uns, so wie Gott unsere Seele nährt. Gott ist streng, aber gerecht zu uns.«
   »Da hab Ihr Recht: Euer Gott ist streng und der Mensch ist nur ein Niemand. Ihr müsst von vornherein nur dulden und das ertragen, was Gott Euch gibt. Ich sehe keine Gnade und auch keine Fröhlichkeit.«
   »Das Leben ist nicht gnädig und fröhlich. Gott macht es uns nicht einfach und das ist es, was die anderen abschreckt. Ihr Katholiken haltet Euch an Ritualen fest, um es leichter zu haben. So macht Ihr das Göttliche irdisch, aber Gott ist nicht irdisch. Gott ist Gott und nur sein heiliges Wort zählt.«
   »Ach Hélène.« Er seufzte und strich mit der Hand über ihre, als sie sich zu ihm beugte, um die Schale zu holen. Sie schüttelte den Kopf und ging hinaus.

Die Hochzeit rückte näher. Hélène beschäftigte sich damit, sich immer wieder vor dem Spiegel in ihrem hellblauen Seidenkleid zu drehen und ihre Habseligkeiten und ihre Aussteuer, bestehend aus Geschirr, Töpfen, Besteck, Kleiderstoff und Tischwäsche, zusammenzupacken und auf einem Maultier nach Lézan schaffen zu lassen. Im Haus herrschte eine allgegenwärtige Unordnung. Nathalie wusch die letzten Kleider und Schürzen, spülte Hélènes neue Töpfe und Teller ab, verpackte alles und deponierte die Bündel im Flur, wo sich bereits Kisten und Körbe stapelten. Soldatenstiefel umkreisten die Türme aus Porzellan und Keramik, Warnrufe und leises Fluchen drangen bis zu Hélènes Schlafzimmer herauf, in dem sie ihre Bücher sortierte und nach unten brachte.
   Rougier trat aus seinem Büro und stolperte über einen Stapel Bettwäsche. Nathalie schnaufte zornig, weil die Laken nun wieder dreckig waren, dann warf sie einen misstrauischen Blick auf das im Garten stehende, schreiende Muli, denn ein junger Soldat hatte es am Schwanz gezogen.
   »Wie lange geht das noch so weiter?«, herrschte Rougier Nathalie an.
   Hélène schoss hinter den Sachen hervor. »Morgen seid Ihr mich los, Monsieur Rougier«, rief sie verärgert. Das fahle Tageslicht verstärkte die Blässe, die Rougier überzog. Leichenfahl stand er im Türrahmen, zog seine Augenbrauen zusammen, als ob er einen tiefen Schmerz spürte. »Rougier, ist Euch nicht gut?«
   »Mir geht es bestens, wenn ich nur bald wieder freien Durchgang habe.« Er verschwand in seinem Zimmer. Sie stand einen Moment reglos vor der verschlossenen Tür, legte ihr Ohr an das dicke Türblatt, ohne einen Laut zu hören. Nachdenklich nagte sie an ihren Fingernägeln, raffte all ihren Mut zusammen und klopfte an. Er riss die Tür auf, sodass sie erschrocken zusammenfuhr.
   »Monsieur Rougier, ich wollte Euch einladen zu meiner Hochzeit. Es gibt eine kleine Familienfeier in Lézan, nichts Besonderes, aber vielleicht möchtet Ihr dabei sein.«
   »Vielen Dank, Hélène, aber ich glaube, es wäre nicht angebracht, wenn ich komme. Man wird daran Anstoß nehmen. Ihr wisst, wie das ist.«
   Sie senkte den Kopf. »Meinem Vater und mir und Jacques würde das doch nichts ausmachen, wir kennen Euch ja.«
   »Und die Gäste aus dem Dorf kennen meine Leute. Nein, Hélène, das ist keine gute Idee. Aber ich freue mich, dass Ihr an mich gedacht habt. Wirklich.« Er küsste ihre Hand. »Ich wünsche Euch alles Gute, Hélène, eine glückliche Ehe und viele Kinder und …« Er brach ab, ließ ihre Hand los und wandte sich dem Fenster zu. Sie lächelte gerührt über die Zärtlichkeit seiner Worte. Leise schloss sie die Tür und fuhr mit dem Packen fort.

Als mit der hereinbrechenden Dunkelheit Ruhe eingekehrt war, huschte Hélène auf Zehenspitzen die Treppe hinunter. Ihr Vater stand im Flur und verstaute zwei Flaschen Wein in einer Tasche. Der Weg zur Messe war lang. Hélène hatte ihren weiten dunklen Umhang an und zog trotz der warmen Nachtluft die Kapuze über ihren Kopf. Ihr Vater trug ebenfalls einen Umhang, der seine Gestalt verbarg, sowie einen alten Hut. Gemeinsam eilten sie durch enge Gassen zum Stadtrand und warteten das Passieren der Patrouille ab. Als die harten Stiefelsohlen in der Nacht verklungen waren, kletterten sie über die zerstörte Stadtmauer und gelangten auf einen dicht bewachsenen Pfad, der am Fluss entlangführte, fast parallel zur Straße nach Saint-Jean-du-Gard. Die Stadt lag nun hinter ihnen. Immer wieder sahen sie sich um, blieben stehen und lauschten, doch nichts drang in die Stille der Nacht außer dem Geräusch ihrer Schritte und ihres Atmens.
   Der Mond war bereits aufgegangen und stieg über den Wipfeln der Bäume empor, die die Straße säumten. Der Gardon wies ihnen den Weg und strömte leise neben ihnen her. Nach einer Stunde schnellen Marsches, kurz vor Saint-Jean, überquerten sie den Fluss und folgten ihm am anderen Ufer, bis Hélènes Vater auf einen kaum sichtbaren Tierwechsel wies, der sich vom Ufer entfernte und sich durch Gebüsch und Wald einen Berg hinaufzog. Sie folgten diesem Pfad bis kurz vor den Gipfel des Mont Brion. Im Mondlicht erkannte sie weitere Gläubige, dunkel verhüllt wie sie selbst, die den Weg über Lasalle genommen hatten und nun gemeinsam mit ihnen weitergingen. Unter dem waldigen Gipfel des Berges lag eine grasbestandene Mulde, in der sich an die zweihundert Menschen versammelten. Brennende Fackeln umgaben diese Lichtung und warfen einen zuckenden Schein auf die Menschen und die Bäume, die um das Plateau standen. Kein Wort wurde gesprochen, ernst und schweigsam nickten sich Bekannte zu, während einige bewaffnete Rebellen Ausschau hielten und sorgsam die Ankommenden musterten.
   Plötzlich trat Jacques aus einer Gruppe Menschen heraus, schloss Hélène in seine Arme und blieb bei ihr stehen, ihre Hand fest in der seinen. Seine Haare fielen glatt auf seine Schultern, sie sah eine kleine Schramme von der Rasur an seinem Kinn. Sein dunkler Samtrock verwandelte ihn in einen großen, schlanken Prinzen. Heute war ihre Hochzeit. In einer Stunde würde sie Madame Castel sein, in drei weiteren Stunden wären sie in Lézan angekommen und würden verstohlen wie Diebe in ihr Ehebett steigen. Morgen würden ihr Bekannte und Nachbarn gratulieren, Wein trinken und das Festessen zu sich nehmen. Die Feier fiel absichtlich auf den Geburtstag ihres Schwiegervaters, damit keiner der wenigen Katholiken des Dorfes auf dumme Gedanken kommen würde. Sie würden es früh genug erfahren und hoffentlich den Mund halten. Wie sehr hasste Hélène diese Heimlichtuerei.
   Als die Menschen um sie herum sich niederknieten, erblickte Hélène den Prediger, einen frommen Mann, der die Schriften kannte und gut zu sprechen vermochte. Die protestantischen Priester waren seit langer Zeit im Kerker oder hingerichtet. Laut beteten die Gläubigen seine Psalmen mit, senkten andächtig den Kopf und lauschten seinen Worten.
   Als die Gesänge, die in diesem einsamen Bergland von keinem Feind gehört werden konnten, verstummt waren, wies der Prediger die Gläubigen an, sich auf den Boden zu setzen und begann mit seiner Predigt. Er sprach von ihrem Leiden, von den Qualen, die sie erdulden mussten, und forderte alle Anwesenden auf, standzuhalten und nicht zuzulassen, dass der Glaube für immer aus diesen Wäldern verschwand. »Wir haben schwere Kämpfe zu ertragen und zu überstehen, und doch darf uns niemals der Zweifel befallen, dass der Sieg Gottes uns sicher ist, trotz allen Leides, denn alle jetzigen und auch alle zukünftigen Kämpfe sind bereits jetzt von Gott als siegreich bestätigt worden. So möge sein Gesetz gelten. Wir gehorchen dem Wort des Herrn und stellen damit unter Beweis, dass er mit uns ist.« Er machte seinem Unmut über die katholische Kirche Luft, und Hélène sah viele Menschen, die bestätigend mit dem Kopf nickten und ihre Fäuste ballten. »Die Wahrheit hat es schwer auf Erden und nur wenigen wie uns ist es vergönnt, sie zu hören. Allen anderen ist die Wahrheit nicht verlockend genug, sie meiden sie und lachen und spotten über uns und unsere Beharrlichkeit. So merket Euch: Eine Welt, die verlogen ist, liebt die Lüge.«
   Hélène hatte erst drei Mal an einer geheimen Messe teilgenommen, doch diese würde sie niemals vergessen. Die Eindringlichkeit der Gebete und mehr noch die tiefe Frömmigkeit, die sie um sich herum sah, ließ sie zittern. Jacques schien ihre Anspannung zu spüren und strich über ihren Arm.
   Diese Stunde war für alle hier der einzige Trost für viele Tage und Wochen, es war die einzige Möglichkeit, sich unter vielen Gleichgesinnten frei zu äußern, Anteil zu nehmen am Schmerz und alles zu teilen. Sie wollte kostbar mit der Erinnerung an diese Messe umgehen und sie hüten wie einen Schatz. Seufzen und Weinen wurden laut, als der Prediger seine Ansprache beendete. Schließlich entließ er die Anwesenden. Nach und nach verließen die Gläubigen den Berg, nur einige von ihnen blieben, um nachzudenken oder um die Trauung mit anzusehen.
   Jacques, Hélène und ihr Vater traten vor den Prediger. Ihr Vater nahm ihre schweißfeuchten Hände und führte sie mit Jacques zusammen. Hélènes Atem ging schnell, immer wieder richtete sie ihren Blick auf Jacques. Sie fühlte seine Wärme. Der Prediger betete, unterwies das Paar in ihre kirchlichen Pflichten. Er befragte zuerst Jacques, dann Hélène, ob sie der Heirat zustimmen. Das laute Ja aus Jacques Mund rührte Hélène und sie räusperte sich, um dem ihrem eine ebensolche Überzeugung zu verleihen. In ihren Ohren klang ihre Stimme dünn und schwach und sie vergewisserte sich mit einem Blick, dass der Prediger sie verstanden hatte. Er zitierte einen Psalm und segnete das Ehepaar. In diesem Moment trat der Mond in voller Pracht hinter einer Wolke hervor. Jacques drückte Hélènes Hand, sie entspannte sich. Die Welt stand für einen kurzen Augenblick still, verharrte in silbrigem Glanz und tröstlicher Ruhe.
   Die Bewegung des Predigers, der zurücktrat und dem Brautvater gratulierte, brach den Zauber. Hélène und Jacques lösten sich aus ihrer Andacht und sahen sich an. Dann schob sich ihr Vater zwischen sie, umarmte seine Tochter und seinen Schwiegersohn. Die Eltern des Bräutigams waren nicht erschienen, da das Alter es ihnen verbot, den langen Marsch zum Mont Brion zurückzulegen. Doch Jacques’ Schwester, die aus Nîmes zu Besuch gekommen war, stand in der Nähe und putzte sich sichtlich gerührt die Nase. Ihr Vater wischte mit dem Ärmel seine Tränen fort, zog eine Weinflasche und zwei Tonbecher hervor. Der Prediger nahm erfreut einen Becher entgegen und leerte ihn. Während ihr Vater mit ihm in ein Gespräch vertieft war, trat das Paar einige Schritte zur Seite. Jacques schloss seine Arme um seine Frau, wiegte sie sanft und drehte sie, bis ihre Röcke flogen. Hélène lachte und zog, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, sein Gesicht an das ihre.
   »Hast du den Mond gesehen? Er strahlt so wundervoll.«
   »Der schönste Mond verblasst gegen dein Strahlen, Hélène, meine liebe Frau. Ich bin so glücklich.«
   Plötzlich trat Henri auf sie zu. Hélène riss ihn in ihre Arme und hielt ihn fest. Er machte sich langsam los, küsste sie und sah ihr tief in die Augen. »Ich wünsche euch beiden Gottes Segen.« Er klang ein wenig verlegen. Dann wandte er sich Jacques zu, umarmte ihn und küsste ihn auf die Wange. Hélène trat von einem Fuß auf den anderen, dann führte sie ihren Bruder in den Mondschatten der Bäume.
   »Henri, wie geht es dir?« Zärtlich strich sie über seine Haare.
   »Hélène, ich kann nicht glauben, dass du hier bist. Ich habe dich so vermisst.« Er gab ihr noch einen Kuss. »Du bist wunderschön.«
   »Und du bist so dünn. Habt ihr nicht genug zu essen?«
   Er lachte. »Hast du keine anderen Sorgen?«
   »Henri, kannst du nicht wieder nach Hause kommen, wenigstens hin und wieder? Vater würde sich so freuen.« Die kleine Notlüge würde sicher nicht schaden.
   »Um deinetwillen würde ich es tun, aber ich brauche noch etwas Zeit. Vater versteht meinen Kampf nicht, der doch Gottes Kampf ist.«
   »Henri, er bemüht sich doch, euren Streit wiedergutzumachen. Er hat viele Bibeln versteckt, um sie zu verteilen.«
   Henri zog die Achseln hoch. »Ich erkenne seine Mühe durchaus an. Je mehr Unterstützung wir haben, umso besser. Aber ich weiß, dass er dich überredet hat, in die papistische Messe zu gehen. Das stimmt doch, oder?«
   »Er brauchte mich nicht zu überreden. Tarnung ist wichtig.«
   »Nein Hélène, ganz oder gar nicht. Diese Heuchelei und Verstellung haben wir viele Jahre lang durchgemacht, ich will das nicht mehr.«
   »Henri, du bist manchmal so stur. Du vergisst, dass wir auf dem Papier alle Katholiken sind, du auch.«
   Er schüttelte sich, als verspürte er Abscheu gegen diese Vorstellung, dann gab er sich einen Ruck.
   »Wir müssen los. Hélène, leb wohl. Wenn du mich sehen willst, sag Jacques Bescheid.«
   Jacques hatte inzwischen die Gratulationen und derben Späße der Rebellen entgegengenommen. Gemeinsam löschten sie die letzten Fackeln. Henri wandte sich dem Pfad zu, streifte seinen Vater mit einem Blick und, als ob er noch etwas sagen wollte, hielt er inne und nickte ihm kurz zu. Dann verschwand er in den Wäldern. Ihr Vater löste sich aus seiner Starre, drückte dem Prediger ein Geldstück in die Hand und verabschiedete sich von ihm. Hélène ging einige Schritte voraus und suchte den Weg, der sie vom Berg herabführen würde.
   Am Rand der Lichtung stand ein Mann an einen Baum gelehnt. Er war groß und schlank, und Hélène erkannte trotz der ungewohnten Zivilkleidung sofort seine Gestalt. Der Schreck fuhr ihr in die Glieder, und sie sah sich schnell nach den Kamisarden um.
   Rougiers Augen waren dunkel und leblos, seine Lippen fest zusammengepresst. Er lächelte traurig. In diesen wenigen Sekunden ging ihr auf, dass er den Gläubigen nicht schaden wollte. Hélène ging durch das Halbdunkel auf Rougier zu. Sie stand vor ihm und wollte etwas sagen, als sie plötzlich seine Hände an ihrem Kopf spürte. Sie sah sein Gesicht vor dem ihrem und spürte den festen Kuss auf ihren Lippen. Sie zuckte zusammen. Der liebevolle Blick, die traurige Ergebenheit, mit der er sie ansah, deuteten ihr seine tiefen Gefühle an, sodass sich die Erinnerungen an sein Verhalten, an seine Worte, an sein Lächeln wie Mosaiksteine zu einem Bild zusammenfügten. Er war wirklich in sie verliebt, sie hatte es immer gewusst. Doch da dieser Abend ihr Abschied war, konnte sie ihm wegen des geraubten Kusses nicht böse sein.
   »Lebt wohl, Rougier«, flüsterte sie und kehrte schnell zum Pfad zurück.
   Jacques und ihr Vater näherten sich. Sie bemerkten den mit dem Schatten verwachsenen Mann offenbar nicht, und Hélène machte sie auch nicht auf ihn aufmerksam. Jacques streckte ihr seine Hand entgegen.

*

Maurice ging weiter in den Wald hinein, kauerte sich hinter einen großen Felsbrocken und wartete, bis die Rebellen auf dem Abstieg waren. Nachdem er eine Weile den harten Stein in seinem Rücken gespürt und den Kopf in seine Arme gelegt hatte, ließ er sich seitlich ins Laub fallen, schlang seinen Umhang um seinen zitternden Körper und starrte in den Mond, der durch die Tannen schien. Er wollte nicht in sein bequemes Bett, er wollte nichts anderes fühlen als Kälte, Leere und Schmerz. Irgendwann schlief er ein.

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