Wenn du herausfindest, dass die Liebe deines Lebens ein Killer ist, würdest du ihm vertrauen? Für Constanze von Richtstetten ist es nicht gerade leicht, mit einem brutalen Waffenhändler verheiratet zu sein. Vor allem dann nicht, als die junge Frau ihren Mann nach einer erneuten Misshandlung anzeigt und in die Anonymität des Zeugenschutzprogramms abtaucht. Drei Jahre später begegnet ihr der attraktive und überaus charmante Daniel Lander. Obwohl Constanze alles daransetzt, ihn nicht zu nahe an sich heranzulassen, verliebt sie sich in ihn. Endlich glaubt sie, ihre furchtbare Vergangenheit hinter sich lassen zu können. Da findet sie heraus, dass ihr Exmann einen Killer auf sie angesetzt hat. Und der ist ihr bereits näher, als sie ahnt ...

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ISBN: 978-9963-724-08-6

Seiten: 480

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Alexandra Stefanie Höll

Alexandra Stefanie Höll
Alexandra Stefanie Höll wurde 1975 in Bühl/Baden geboren. Nach dem Abitur am technischen Gymnasium folgte das Studium an der Fachhochschule für Finanzen in Ludwigsburg, das sie 1998 als Dipl. Finanzwirtin beendete. Seit 1999 ist sie in der Finanzverwaltung tätig. Sie wohnt mit ihrem langjährigen Lebensgefährten und vier streichelsüchtigen Fischen in Baden-Württemberg. Schon als Teenager verschlang sie einen Roman nach dem anderen und war praktisch ständig mit Büchern unterm Arm anzutreffen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. 2006 begann sie, quasi von einem Moment zum nächsten, mit dem Schreiben. Wenn sie eine Idee für ein Buch hat, tippt sie einfach drauflos. Oft startet sie nicht nur mitten in der Nacht mit dem Schreiben, sondern auch mitten in der Handlung und springt dann wild in den Kapiteln hin und her. In ihren Augen lebt ein Roman von dem Gefühl, hautnah dabei zu sein und vollkommen in die Welt darin abtauchen zu können. Ihre Geschichten bewegen sich im Bereich Liebesroman, gewürzt mit einem Hauch Abenteuer und Spannung. Ihre bisher veröffentlichten Romane „Wie weit du auch gehst …“ (April 2013, bookshouse-Verlag), „Wo immer du bist, Darling …“ (November 2013, bookshouse-Verlag) und „Wie Flammen auf Eis ...“ (Juni 2014, bookshouse-Verlag) und „Allein mit dem Feind“ (November 2015, LYX-Verlag) erreichten alle die Top Einhundert der aktuellen Kindle-Bestseller. Derzeit arbeitet sie an ihrem sechsten Roman.

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Leseprobe

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1.
Gescheiterte Träume


»Autsch!« Constanze schnappte nach Luft. Vorsichtig betastete sie die schmerzende Stelle. Der blaue Fleck lief quer über ihre linke Schläfe und hob
   sich im Spiegel deutlich von ihrer hellen Haut ab. Die Prellung tat nicht nur entsetzlich weh, sie sah auch dementsprechend übel aus. So konnte sie das nicht lassen. Nicht heute Abend.
   Mit zitternden Händen griff sie nach dem Make-up-Fläschchen und schraubte den massiven Deckel ab. In weniger als einer Stunde begann die Galaveranstaltung der »Children for Future«-Stiftung, bei der sie später in den 43. Geburtstag ihres Mannes hineinfeiern wollten. Sie hatte nicht mehr viel Zeit. Michael würde in einer halben Stunde aus dem Club kommen, bis dahin musste sie fertig sein. Ihr Mann saß im Vorstand der Stiftung und sie hatte an seiner Seite strahlend zu lächeln.
   Michael von Richtstetten war sehr stolz auf sie, dennoch tat er durch Fitness und regelmäßige Kosmetikerbesuche alles dafür, damit man ihnen die achtzehn Jahre Altersunterschied nicht auffällig ansah.
   Constanzes Blick in den Spiegel blieb an dem edlen Dolce-Gabbana-Abendkleid hängen, das schräg hinter ihr auf einem Bügel an der Halterung der gigantischen Schrankwand auf seinen Einsatz wartete. Die Spiegelbeleuchtung ließ den raffiniert geschnittenen dunkelgrünen Satinstoff geheimnisvoll glänzen. Sie seufzte. Am liebsten hätte sie das Kleid wieder in den Schrank gehängt, Jeans und Rolli angezogen und einen gemütlichen Abend zu Hause verbracht, doch ihre Anwesenheit auf der Gala war unvermeidlich. Genauso wie ihr perfektes Aussehen. Genauso wie alles, was Michael anordnete. Constanze verzog die Mundwinkel. Ihr Mann, der einflussreiche, allseits beliebte Lebemann, das angesehene Mitglied der High Society von Baden-Baden. Freundlich, immer einen passenden Satz auf den Lippen, stets zuvorkommend gegenüber seinen Geschäftspartnern – und stets brutal zu seiner Frau. Sobald die Öffentlichkeit hinter den schalldichten Türen der Villa zurückblieb, verwandelte sich Mr. Perfekt in ein brutales Schwein.
   Sachte tupfend verteilte sie Make-up über der blau verfärbten Stelle ihres Gesichts. Der Fleck wurde zu einem Schatten und verschwand schließlich. Allein der Gedanke an den Grund, weshalb sie überhaupt stark deckendes Make-up besaß, ließ ihr übel werden. Noch schlimmer wurde es, wenn sie sich vor Augen hielt, dass sie schon nahezu fünf Jahre durch eine Hölle ging, die sich Ehe nannte. Für das Leben an Michaels Seite gab es keine treffendere Bezeichnung – selbst nicht für jemanden, der eine derart bescheidene Vergangenheit hatte wie sie.
   Als Constanze vor zweieinhalb Jahren Eliah zur Welt gebracht hatte, hegte sie die naive Hoffnung, die krankhafte Eifersucht ihres Mannes damit ein wenig besänftigen zu können. Sie hatte sich geirrt. Nicht das Geringste hatte sich geändert.
   Doch. Sie schluckte. Eine Sache … Er schlug sie mittlerweile nicht mehr gelegentlich, er schlug sie ständig. Aus jedem unerfindlichen Grund, mochte er noch so absurd sein. Aus Banalitäten heraus, deren Verfehlungen sich nur ihm allein erschlossen. Als Constanze die Leere ihrer Augen im Spiegel auffiel, ließ sie die Hände sinken. Wo war das leuchtende Tiefbraun geblieben? Wann war sie dermaßen abgestumpft?
   Nicht einmal in ihren elendsten Kindertagen im Waisenhaus hatten ihre Augen jenen lebhaften Glanz verloren. Wie viel Zeit blieb ihr noch? Wie viel konnte sie noch einstecken, bis sie endgültig an dieser Ehe zerbrach? Schon seit geraumer Zeit fragte das eine immer lauter werdende Stimme in ihrem Kopf. Sie war nicht mehr allein, sie musste an Eliah denken. Was, wenn Michael ihm in seiner unkontrollierten Wut ebenfalls Gewalt antat?
   Diese Möglichkeit jagte ihr furchtbare Angst ein. Es war schlimm genug, dass ihr Sohn von Geburt an ein leicht deformiertes Bein hatte. Doch die Art, wie Michael mit Eliah umsprang … All dieser Hass. Lieber Gott, Eliah war doch ein Baby. Constanzes Herz krampfte sich zusammen. Niemals würde sie zulassen, dass ihrem Sohn Leid geschah. Sie setzte alles daran, Michaels Aufmerksamkeit möglichst von ihm fernzuhalten. Leider war das nicht immer einfach, vor allem nicht, wenn Eliah nachts weinte. Obwohl sie dann sofort aus dem Bett schlüpfte, um ihn zu beruhigen, konnte sie meistens nicht verhindern, dass Michael ebenfalls wach wurde. Das zog eine von zwei Konsequenzen nach sich: Entweder, er wurde wütend, was sie unverzüglich körperlich zu spüren bekam, oder er kam auf die Idee, mit ihr zu schlafen. Letzteres war noch grauenhafter.
   Ihre kindlich romantische Vorstellung der Intimität zwischen Mann und Frau war der brutalen Realität dieser Ehe zum Opfer gefallen. Michael geilte sich geradezu an ihrer Angst, an ihrem Schmerz auf. Je gröber er ihr seinen Willen aufzwang, desto mehr steigerte sich sein Vergnügen. Bei ihr verhielt es sich dagegen immer gleich. Nicht ein einziges Mal spürte sie dabei etwas anderes als den schieren Wunsch, alles möge rasch vorüber sein.
   Die anfängliche Euphorie, dass ein Mann wie er sich für eine junge, mittellose Waise wie sie entschieden hatte, war bald der bitteren Erkenntnis gewichen, dass er genau aus diesem Grund so mit ihr umspringen konnte. Sie hatte keine einflussreiche Familie, zu der sie flüchten, niemanden, dem sie sich anvertrauen oder den sie um Hilfe bitten konnte. Sie war allein. Wahrscheinlich hatte es deshalb so lang gedauert, bis sie die schmerzvolle Entwicklung ihres Lebens wirklich begriffen hatte. Dabei war sie die ganze Zeit vor ihren Augen gewesen. Bereits auf ihrer Hochzeitsreise nach Bora Bora hatte Michael sie wegen eines zerbrochenen Tellers geschlagen. Eigentlich hätte ihr das schon ein Alarmsignal sein müssen. Doch damals hatte sie den Vorfall noch als Ausrutscher abgetan … Gott, war sie naiv gewesen.
   Constanze zuckte zusammen, als die Tür in der Eingangshalle lautstark ins Schloss fiel. Sie hatte sich durch ihre Grübelei gnadenlos verzettelt.
   Gehetzt sprang sie auf, riss das Satinkleid vom Bügel und schlängelte sich hinein. Ihr Blick glitt prüfend über ihr Spiegelbild. Auch wenn das Dekolleté viel zu tief ausgeschnitten war, musste sie doch einräumen, dass das Kleid wie für sie gemacht schien. Es umschmeichelte ihre Figur, wobei die dunkelgrüne Farbe einen reizvollen Kontrast zu ihrem Teint bot.
   Sie war gerade dabei, den Reißverschluss nach oben zu zerren, als Michael das Zimmer betrat. Allein sein massiger Körper jagte ihr inzwischen Angst ein. Das und sein Gesicht. Wenn er sich fern von den Blitzlichtern der Kameras, unbeobachtet von der Öffentlichkeit wähnte, verlor seine Miene das gönnerhafte Lächeln und zeigte die ungeschminkte Rohheit seines Charakters. Dann wirkten die wasserblauen Augen noch toter als sonst, fast wie bei einem Hai. Die kurz gestutzten blonden Haare und das feiste Kinn rundeten den aalglatten Eindruck perfekt ab.
   »Du bist spät dran«, teilte er barsch mit und trat hinter sie. Bevor sie reagieren konnte, wischte er ihre Finger zur Seite und schloss ohne größere Sorgfalt das Kleid. Als er beide Hände auf ihre nackten Schultern legte, verkrampfte sie sich, wohl wissend, dass jederzeit ein Schlag folgen konnte. Im Moment jedoch liebkoste er nur ihre Haut, dann rutschte seine Hand scheinbar zufällig ihren Nacken hinauf.
   »Hatte ich nicht befohlen, dass du deine Haare offen tragen sollst?«, erkundigte er sich beiläufig, doch der Griff um ihr Genick verstärkte sich.
   »Ich …«, Constanze räusperte sich. »Ich dachte, die Hochsteckfrisur passt besser zum Kleid.« Sie flüsterte fast, aus Sorge, ein zu laut gesprochenes Wort könnte seinen Zorn heraufbeschwören und unabsehbare Folgen haben. Ängstlich sah sie im Spiegel zu ihm auf. Welcher Teufel hatte sie nur geritten, seine Anweisung zu missachten?
   Michaels Finger wanderten scheinbar spielerisch weiter nach oben und bohrten sich rücksichtslos in die kunstvolle Frisur. »Wenn ich dir sage, die Haare bleiben offen«, ermahnte er sie in einem Ton, den man gegenüber einem ungezogenen Kind anschlug, »dann bleiben sie auch offen, hast du mich verstanden?« Noch bevor er zu Ende gesprochen hatte, riss er ihren Kopf nach hinten.
   Constanze schossen Tränen in die Augen. Der unerträgliche Zug auf ihre Kopfhaut ließ erst nach, als die Haarnadeln mit metallischem Klingen auf den Steinboden regneten. Völlig ohne Halt ergoss sich ihr Haar bis zur Taille.
   Befriedigt von seinem Zerstörungswerk striegelte Michael über die Strähnen. Dass seine grobschlächtigen Finger darin seltsam deplatziert wirkten, schien ihn nicht zu kümmern. »So gefällst du mir schon besser.« Er nahm seine Hand weg. »Jeder Mann soll sehen, wie schön meine Frau ist.« Er beugte sich vor und saugte mit feuchten Lippen an ihrem Hals.
   Constanze unterdrückte ihren Ekel, dennoch schüttelte es sie leicht. Eine Reaktion, die Michael für Erregung hielt, aber sie würde ihn über seinen Irrtum nicht aufklären.
   Als ihr sein Blick im Spiegel begegnete, zwang sie sich zu einem Lächeln. Und wenn ihr das Gesicht zerbrach, sie würde sich nicht anmerken lassen, wie verstört sie war. Wenigstens diesen Triumph wollte sie ihm nicht gönnen. Hastig senkte sie den Kopf.
   Er richtete sich auf und grinste spöttisch. Wie immer entging ihm nichts. »Wegen der albernen Frisur musst du doch nicht gleich heulen«, tadelte er mild. »Sei froh, dass mein Geschmack so wenig Aufwand erfordert.« Er pflückte ein Kosmetiktuch aus der Box und hielt es ihr hin. »Und jetzt wisch dir die Augen, bevor das Make-up noch verläuft. Du bist ohnehin spät dran und ich habe keine Lust, noch länger zu warten.«
   Constanze schluckte krampfhaft, ehe sie das Tuch entgegennahm und sich die Augenwinkel abtupfte.
   Als sie wenig später an Michaels Arm in den festlich geschmückten Ballsaal schwebte, ließ nichts mehr auf die demütigende Szene im Ankleidezimmer schließen. Ihr Lächeln, bis zum Erbrechen perfektioniert, strahlte heller als ein Sonnenaufgang. Keiner der umstehenden Gäste ahnte, welche Fassade dieses gehaltlose Lippenverziehen in Wahrheit war.
   Michael führte sie am Ellbogen, während er mit großer Geste die Gratulationen zum Erfolg der Stiftung entgegennahm. Nur Constanze wusste, dass die wohltätige Organisation genauso unecht war wie ihr inszeniert glückliches Eheleben. Hinter den gestifteten Beträgen verbargen sich gut getarnt Gelder für Waffengeschäfte, die ihr Mann unter dem Schutzmantel seines Bekanntheitsgrades tätigte. Niemand außer ihr kannte den wahren Grund seines feudalen Reichtums. Michael hatte in den letzten Jahren Millionen mit diesem schmutzigen Handel verdient. Dagegen nahmen sich die sechsstelligen Einnahmen aus seinem legal betriebenen Immobiliengeschäft wie Peanuts aus.
   Die Idee mit der Stiftung war sein neuester Clou. Waffengelder quasi steuerfrei. Auch heute Abend waren einige der mächtigen Kunden anwesend. Neue Geschäfte warteten auf ihren Abschluss. Wie zur Bestätigung bemerkte Constanze einen grauhaarigen Russen, der direkt auf sie zusteuerte. Eigentlich wirkte dieser Mann wie der Inbegriff eines netten Onkels, doch der harmlose Eindruck täuschte.
   Sie kannte ihn aus früheren Treffen. Ohne mit der Wimper zu zucken, hatte er seine halbe Familie ausradiert – nur der Konkurrenz wegen. Sentimentalität konnte der Russe sich nicht leisten, denn genau wie Michael gehörte er dem erlesenen Kreis der Waffenhändler an. Er stellte das wichtigste Bindeglied zum Handel in den Nahen Osten dar.
   »Der Deal läuft in zwei Wochen«, eröffnete ihr Ehemann ohne Vorgeplänkel die Konversation.
   »Sachmarov wittern gutes Geschäft.« Der Russe zündete sich eine Zigarre an. »Er langsam wird zu – wie sagt man – Problem?«
   Michael furchte die Stirn. »Ein Bauer, der seinen Platz in der Rangordnung vergisst?«
   Der Russe nickte langsam. »Lieferant behaupten, er noch hätten andere Angebot.«
   »Es wird sich zeigen, ob Sachmarov wirklich dumm genug ist, sich mit uns anzulegen«, erwiderte Michael in gelangweiltem Tonfall und nickte dabei der Frau des Bürgermeisters freundlich zu. »Wenn er Ihnen noch einmal dazwischenfunkt, muss ich ihm wohl mal den Magier vorbeischicken.« Beide Männer lachten gemein.
   Constanze durchlief ein kaltes Kribbeln. Der Magier. Was das hieß, konnte sie sich denken. Dieser Sachmarov würde Besuch vom Tod höchstpersönlich bekommen. Sie war lang genug Michaels Frau, um zu wissen, wer der Magier war. Ein Killer, ein Todesengel. Unsichtbarer und anonymer als ein Schatten. Es war erschreckend, wie gleichgültig in Michaels Kreisen über Mord gesprochen wurde.
   »Herr von Richtstetten. Bitte entschulden Sie die Störung.«
   Constanze blickte auf. Andrea Kressfeld, Michaels Sekretärin, trat vorsichtig in die kleine Runde. Wie immer, wenn sie ihren Chef ansah, glomm ein anbetungsvoller Funke in ihren Augen.
   »Was gibt’s denn, Frau Kressfeld?« Er blickte die junge Frau ungeduldig an.
   »Herr Maurer lässt ausrichten, dass sich Ihre Ansprache um einige Minuten verzögert. Es gab Schwierigkeiten mit der Tontechnik.«
   »Sagen Sie ihm, er soll mir noch mal Bescheid geben, wenn er seinen Job richtig gemacht hat.«
   »Natürlich. Sofort.« Bei Michaels herrischer Miene schlich die Blondine eingeschüchtert davon.
   Als ihr Mann sich wieder seinem Gesprächspartner zuwandte, nutzte Constanze die Gelegenheit, die Toilette aufzusuchen. Dort angekommen betrachtete sie ihr maskenhaftes Gesicht. Der blaue Fleck blieb unsichtbar. Sie hatte gelernt, sich so professionell zu schminken, als ginge es um die Oskarverleihung. Sorgfältig puderte sie einige glänzende Stellen und fuhr sich durch die Haare, dann machte sie sich auf den Rückweg, ehe ihr Mann an der Dauer ihrer Abwesenheit Kritik üben konnte. Vor etwa einem Jahr hatte Constanze schmerzhaft lernen müssen, dass Michael eine zu ausgedehnte Toilettenpause für eine heimliche Affäre hielt. Damals hatte er ihr vor Wut den Arm gebrochen. Seitdem achtete sie penibel darauf, nicht länger als zehn Minuten aus eigenem Antrieb von seiner Seite zu weichen.
   Sie bahnte sich lächelnd einen Weg durch die Gästeschar, doch kurz bevor sie ihren Mann erreichte, kreuzte ein junger Araber ihren Weg. Er lächelte sie an, unaufdringlich, und doch las sie sein gut verborgenes Interesse hinter den kaffeebraunen Augen. Sie wollte sich rasch an ihm vorbeidrücken, denn Michael beobachtete sie ohne Zweifel mit Adleraugen.
   »Wir sind uns, glaube ich, noch nicht vorgestellt worden.« Er deutete eine Verbeugung an. »Mein Name ist Prinz Jamal Tahir Benfur.«
   »Constanze von Richtstetten. Ich bin erfreut, Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen, Prinz Benfur.«
   Seine dunklen Brauen zogen sich überrascht zusammen. »Richtstetten? Sie sind mit dem Gastgeber verwandt? Ich wusste nicht, dass er solch eine hübsche Tochter hat.«
   Sie sah ihn bestürzt an. Gott sei Dank hatte Michael das nicht gehört. Er wäre bei diesen Worten direkt aus der Haut gefahren. »Ich bin seine Frau, Prinz Benfur«, erwiderte sie freundlich, entzog ihm aber zielstrebig ihre Hand.
   »Wenn sie meine Frau wären, Gnädigste, würde ich Sie niemals aus den Augen lassen.« Der Blick, den er ihr zuwarf, ließ keinen Zweifel am Ernst seiner Worte.
   »Sie schmeicheln mir, Prinz Benfur«, murmelte sie versteinert.
   »Das ist keine Schmeichelei.« Prinz Benfur lachte erheitert und betrachtete anerkennend ihre Figur.
   Langsam erweckte ihr Gespräch die Aufmerksamkeit der umstehenden Gäste. Constanze warf einen Blick in Michaels Richtung. Ihre Hoffnung, das kleine Intermezzo wäre ihm vielleicht entgangen, wurde enttäuscht. Er kam bereits auf sie zu. Nonchalant lächelnd.
   Nur Constanze erkannte die Wut, die für Außenstehende unsichtbar hinter der strahlend weiß gebleichten Mauer seiner Zähne lauerte.
   »Schatz, würdest du mir den jungen Mann vorstellen?«, fragte er leichthin, packte sie aber unmissverständlich hart am Arm.
   Constanze drehte sich zu Prinz Benfur, der Michael und sie aufmerksam betrachtete. »Michael, dieser Herr ist Prinz Jamal Tahir Benfur …« Ehe sie weitersprechen konnte, ergriff ihr Mann bereits in einstudierter Geste die Hand des Arabers.
   »Nett, Sie kennenzulernen. Erinnere ich mich recht, dass Ihr Vater und ich in Geschäftsverhandlungen stehen?«
   Constanze sah Michael an, dass er verwirrt war, auch wenn dies kein Außenstehender wahrnehmen würde. Sie spürte es förmlich hinter seiner Stirn brodeln. Ein heißer Schauder durchlief sie. Normalerweise kannte Michael jeden der Anwesenden auf Zusammenkünften und wer neu dabei war, über den hatte er binnen Minuten Informationen eingeholt.
   Prinz Benfur ließ das gleiche weltmännische Lächeln sehen. »Schon möglich. Aber ich vertrete meine eigenen Geschäfte.«
   Michaels Wangenmuskeln spannten sich kaum merklich an. »Dann werden wir sicher Gelegenheit bekommen, uns an einen Tisch zu setzen.«
   »Gewiss.«
   Die Männer tauschten noch einige belanglose Sätze, dann wandte sich Michael anderen Gästen zu und zog Constanze mit. Sie entspannte sich etwas, dennoch machte sie sich nichts vor. Ihr cholerischer Ehemann würde keinesfalls vergessen, was er vor wenigen Minuten beobachtet hatte.
   Den restlichen Abend über saß ihr ein ungutes Gefühl im Nacken. Immer wieder überlegte sie, was sie später sagen konnte, um dem drohenden Eklat zu entgehen. Ihr wollte nichts einfallen. Es gab schlichtweg nichts, was Michael glauben geschweige denn besänftigen würde.
   Sie behielt recht. Als sie wenige Stunden später auf dem Weg nach Hause in der Limousine saßen, behandelte ihr Mann sie mit jener ausgesuchten Höflichkeit, die einzig für den Chauffeur bestimmt war. Kaum hatte sich das Hauspersonal für die Nacht verabschiedet, fiel die aufgesetzte Freundlichkeit von ihm ab. Er fixierte sie aus schmalen Augen, den Mund zu einem Strich verkniffen.
   »Ich werde mal schnell nach Eliah sehen«, versuchte Constanze, das Unvermeidliche hinauszuschieben und wandte sich hastig in Richtung des nebenan liegenden Kinderzimmers. Tapfer das Kinn erhoben, betete sie darum, unbehelligt an ihrem Mann vorbeigehen zu können.
   Sie hatte kein Glück. Noch ehe sie drei Schritte weit gekommen war, packte Michael sie an den Haaren und wickelte sich die Strähnen mit einer raschen Drehung um das Handgelenk. Constanze gab einen Schmerzenslaut von sich, als sie abrupt gestoppt wurde.
   Michael kümmerte sich nicht darum. »Moment noch, Täubchen«, zischte er. »Du und ich, wir haben eine Kleinigkeit zu bereden.«
   »Bitte, Michael, nicht so laut, du weckst Eliah.«
   »Das ist mir scheißegal«, brüllte er. »Der Junge soll ruhig mitbekommen, was für eine liederliche Schlampe seine Mutter ist.« Er riss sie so nahe an sich, dass Constanze beide Hände gegen seine Brust stemmen musste, um nicht gegen ihn zu krachen. Gnadenlos zog er an ihren Haaren, bis ihr Kopf so weit hinten lag, dass sie zu ihm aufsah.
   »Der Araber hat dich angemacht, was? Du bist ja förmlich in ihn hineingekrochen.« Er schüttelte sie ruckartig. »Was läuft da mit ihm? Hättest ihn wohl gern zwischen deinen Beinen, was?«
   Sie schnappte nach Luft. »N… nein. Nein!« Hilflos klammerte sie die Hände ineinander. »Es ist nicht so, wie du denkst. Ich kenne ihn doch überhaupt nicht.« Obwohl sie wusste, dass Erklärungen die Sache nur verschlimmerten, konnte sie die ungerechten Anschuldigungen nicht einfach unkommentiert lassen.
   »Du lügst! Ich habe gesehen, wie du ihn angeschmachtet hast«, tobte Michael. Speicheltropfen regneten auf ihr Gesicht.
   All ihre Sinne waren wie gelähmt. Selbst wenn sie es geschafft hätte, etwas zu sagen, wäre das Ergebnis das Gleiche gewesen. Genau, wie sie befürchtet hatte, gab es nichts auf Erden, das seine Wut zu beschwichtigen vermochte. Nichts. Rein gar nichts.
   Michael packte sie am Kinn. Neue blaue Flecken entstanden. »Soll ich dich daran erinnern, dass du meine Frau bist? Meine Frau, kapiert?« Unvermittelt ließ er ihr Gesicht los und wühlte sich unter den Saum ihres Kleides.
   Constanze erwachte aus ihrer Lähmung, aufgerüttelt von der Angst, was das zu bedeuten hatte.
   Michaels Finger schraubten sich klauenartig in ihre Oberschenkel. »Du gehörst mir. Wenn du das vergisst, bringe ich dich um. Hast du verstanden? Egal wo du dich verkriechst, ich finde dich und breche dir jeden Knochen im Leib.«
   Aus dem Nebenzimmer drang weinerliches Jammern. Eliah war aufgewacht – gerade rechtzeitig, um Michaels schlechte Laune noch mehr anzuheizen.
   »Verfluchtes Krüppelbalg!« Er stieß Constanze unwirsch beiseite und stapfte auf das Kinderzimmer zu.
   Constanze hatte nur noch einen Gedanken. Sie musste verhindern, dass Michael den Kleinen erreichte. Sie musste ihr Kind schützen. Ohne an die Folgen zu denken, sprang sie ihrem Mann in den Weg und umklammerte seinen Arm. »Nein, nicht! Bitte, tu ihm nicht weh. Er ist doch noch so klein.«
   Michael wischte sie beiseite wie ein lästiges Insekt. »Du kommst später dran, jetzt kümmere ich mich erst mal darum, dass aus diesem Waschlappen ein echter Mann wird.«
   Sie gab nicht auf. Mit einem schrillen Geräusch warf sie sich gegen seinen Rücken. »Nein! Lass ihn in Ruhe. Du furchtbares Monster!« Sie trommelte auf seinen Nacken ein, bis er stehen blieb. Freuen konnte sie sich über diesen Erfolg nicht, denn Michael packte ihre Schulter und riss sie nach vorn.
   »Elendes Dreckstück!« Ohne Vorwarnung schlug er ihr mit dem Handrücken quer übers Gesicht. Die Wucht des Hiebes schleuderte sie wie eine Lumpenpuppe durch den Raum.
   Ehe sie sich fangen konnte, krachte sie gegen den niedrigen Marmortisch. Obwohl Michaels Schlag sie halb ohnmächtig hatte werden lassen, war der Schmerz fürchterlich. Einen Herzschlag lang glaubte sie, ihre Beine müssten an der harten Kante brechen, dann sackte sie haltlos zusammen und riss eine Mingvase mit sich. Das dünne Porzellan fiel mit ihr zu Boden und zersprang in tausend Teile. Geistesgegenwärtig streckte Constanze beide Arme aus, damit sie nicht mit dem Gesicht voran in den Scherben landete. Die messerscharfen Bruchstücke zerschnitten ihre Handgelenke. Constanze wurde sterbensschlecht. Benommen blieb sie liegen, während sie Eliahs Weinen nur noch durch einen Nebel aus Schmerz wahrnahm.
   Bevor sie die Chance hatte, in seine Richtung zu kriechen, zerrte Michael sie wieder auf die Beine. Er schien seinen Sohn ausgeblendet zu haben, all seine Wut konzentrierte sich auf sie. Mit grotesk verzerrter Miene schlug er ihr erneut ins Gesicht, dann stieß er sie aufs Bett.
   Ihr wurde schwarz vor Augen. Sie schmeckte Blut, spürte es an ihren Fingern und Handgelenken. Ihre Unterarme brannten, als sie die Laken streiften. Der Gedanke an die Scherben, die in den Wunden stecken mussten, drehte ihr den Magen um. Unverzüglich warf sie sich herum und versuchte, vom Bett zu kriechen. Vergebens. Michaels schwerer Körper nagelte sie fest, bevor sie auch nur in die Nähe der Bettkante kam. Constanze schluchzte. Sie schaffte keinen Millimeter mehr, erst recht nicht, nachdem Michael auch noch ihre Hüften packte und ordinär gegen seine presste.
   »Ich werde dir zeigen, was es heißt, einen richtigen Mann im Bett zu haben.« Sein Tonfall ließ ihr das Blut in den Adern stocken.
   Sie hatte gedacht, den Zenit seiner Wut bereits überstanden zu haben. Sie hatte sich getäuscht. Er war noch lange nicht mit ihr fertig.
   In blinder Raserei griff er unter ihr Kleid und zerfetzte den Stoff mit einem Ruck. Constanze schrie und strampelte. Selbst als sie begriff, dass der Anblick ihrer nackten Beine ihn nur noch mehr anstachelte, konnte sie nicht aufhören. Panik beherrschte all ihre Sinne und ließ sie wie ein gefangenes Tier handeln. Michael scherte das wenig. Er riss ihr das Höschen vom Körper und zwang mit dem Knie ihre Beine auseinander.
   »Nein!« Constanze brachte nur noch ein heiseres Krächzen zustande. »Bitte nicht.« Ekel und Widerwille überschwemmten sie mächtiger als je zuvor. Sie wollte nur noch weg. Weg von Michael, weg von seinen brutalen Übergriffen, weg von dem sich anbahnenden Albtraum.
   Als sie ihre Gegenwehr nicht aufgab, packte Michael sie am Hals und drückte zu, bis sie würgend nach Luft rang.
   Ihre Fingernägel gruben sich in sein Fleisch, aber statt von ihr abzulassen, drückte er nur noch härter zu. Angespornt von ihrem Todeskampf ließ er seiner Gier freien Lauf. Er leckte ihr über die Wange, öffnete seine Hose und stieß rücksichtslos in sie.
   Constanze krümmte sich. Mit letzter Kraft versuchte sie, seinem Körper auszuweichen. Es half nichts. Michael war nicht zu beirren. Immer wieder rammte er sich stöhnend in sie. Irgendwann gab sie auf, lag halb tot unter ihm. Regungslos, verkrochen in ihr Innerstes, an einem fernen Ort, an dem es nichts mehr gab außer Leere.
   Erst als sich Michael wenige Minuten später keuchend von ihr hinunterrollte, gelang es ihr, wieder genügend Luft zu bekommen. Verkrampft blieb sie liegen. Sie fühlte sich wie in zwei Teile zerrissen. Jeder Zentimeter ihres Körpers pochte vor Schmerz. Der Drang, sich all die Qual von der Seele zu schreien, war beinahe übermächtig, steigerte sich mit jedem Herzschlag. Trotzdem blieb sie stumm liegen.
   Sie presste die Lippen aufeinander und wartete. Selbst als sie spürte, dass ihr Hals nach Michaels schraubstockartigem Griff anzuschwellen begann, regte sie sich nicht. Eisern beherrscht wartete sie, bis Michael eingeschlafen war.
   Genau zwanzig Mal zählte sie sein Schnarchen mit, dann kroch sie zur Bettkante. Haltlos wie ein nasser Lappen rutschte sie hinab und traf mit einem Klatschen auf dem Steinboden auf. Erschrocken hielt sie inne und betete, ihr ungeschickter Fall möge unbemerkt bleiben. Die Augen geschlossen, das schmerzende Gesicht gegen den kühlen Stein gepresst, harrte sie aus. Ihr Atem wehte rau über die blank polierte Fläche, während sie wartete und wartete. Minutenlang. Erst als sie sich sicher war, dass aus dem Bett über ihr keine Reaktion kam, kämpfte sie sich auf die Füße. Mit zusammengebissenen Zähnen schaffte sie es auf die Knie. Ihr Körper zitterte so stark, dass sie den Bettpfosten zu Hilfe nehmen musste, um aufstehen zu können. Als sie die feuchte Spur sah, die ihre Finger auf dem geschliffenen Holz hinterließen, wäre sie fast wieder hingefallen. Sie blutete immer noch. Auch das taube Gefühl an ihren Handgelenken machte deutlich, wie dringend die Schnitte versorgt werden mussten. Aber es gab etwas, was Vorrang hatte. Schwankend taumelte sie ins Nebenzimmer und trat an das Kinderbett.
   Tränen rollten über ihre Wangen und brannten in den Kratzern auf ihrem Gesicht, als sie ihren Sohn betrachtete. Irgendwann während ihres Martyriums musste er vor Erschöpfung eingeschlafen sein. Er atmete tief und gleichmäßig. Gott sei Dank!
   Einige Augenblicke wachte sie bei ihm, dann raffte sie mit flatternden Händen den Rest des Abendkleides zusammen und wankte in Richtung Bad. Sie wollte sich nicht ausmalen, was Michael ihrem Sohn angetan hätte, wäre sie nicht dazwischengegangen.
   Langsam tastete sich Constanze an der Wand entlang. Das Bad hätte genauso gut auf einem anderen Planeten liegen können, so weit entfernt schien es. Zum ersten Mal würdigte sie das Terrarium mit den beiden Skorpionen keines Blickes. Achtete sie sonst sorgfältig darauf, den tödlich giftigen Tieren nicht zu nahe zu kommen, war ihr das im Augenblick vollkommen egal. Es blieb ihr ohnehin nichts anderes übrig, wollte sie weiterhin an der stützenden Wand bleiben. Sie drehte den Kopf, um die schwarzen Spinnentiere nicht ansehen zu müssen, und arbeitete sich Schritt für Schritt voran.
   Nach einer schier endlos dauernden Strecke erreichte sie das Waschbecken. Ein Blick in den Spiegel ließ sie aufschluchzen. Nicht nur ihr Hals, sondern die ganze linke Gesichtshälfte war geschwollen und begann sich bereits blau zu verfärben. Fahrig befeuchtete Constanze einen Waschlappen. Sie schaffte es kaum, über ihre verbluteten Arme zu reiben, so schockiert war sie von dem Anblick. Trotzdem hatte sie noch Glück gehabt. Wenigstens befanden sich keine Scherben mehr in den Wunden. Sie wusch das Frotteetuch mit kaltem Wasser aus und drückte es sacht an die Wange. Die Berührung ließ sie zusammenzucken. Einige Zeit stand sie mit geschlossenen Augen da und wartete, bis der Schmerz nachließ.
   Michael hatte ihr schon vieles angetan. Sie hatte unzählige Nächte wie diese verbracht, und doch bargen die vergangenen Stunden einen neuen Schrecken: Zum ersten Mal hatte er offen Eliah bedroht. Constanze schluckte. Niemals hätte sie gedacht, dass er sich gegen sein Kind, sein eigen Fleisch und Blut wenden würde. Sie hatte sich wie so oft geirrt. Er konnte, und er würde – sollte sie nicht da sein, um es zu verhindern. Und das würde sie. Egal was geschah. Ihr Leben hätte keinen Sinn mehr, wenn Eliah etwas zustieß.
   Blinzelnd sah sie auf ihre Arme. Immer noch tropfte Blut aus einem tiefen Schnitt knapp oberhalb des rechten Handgelenks in das Waschbecken. Rot auf schneeweißem Porzellan. Ein plakatives Mahnmal. Wie lange konnte sie das noch durchhalten?
   Michael hatte schon oft gedroht, sie zu töten, sollte sie jemals auf die Idee kommen, ihn zu verlassen. Doch im Grunde war es ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis er sie bei einem seiner brutalen Angriffe umbrachte. Sie hatte nichts zu verlieren. Eliah schon.
   Constanze hob den Kopf und blickte in den Spiegel. Es war höchste Zeit, ihren lang gehegten Plan in die Tat umzusetzen. Sie würde mit Eliah fliehen. So schnell wie möglich. Sofort. Heute Nacht noch.
   Kaum hatte sie die Entscheidung gefällt, wischte sie energisch die Tränen ab und öffnete den Medizinschrank. Nachdem sie die klaffende Wunde am Handgelenk notdürftig verarztet hatte, schlich sie zum Ankleidezimmer. Penibel darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen, öffnete sie die Tür. Erfahrungsgemäß schlief Michael nach dem Sex wie ein Murmeltier, aber sie wollte kein Risiko eingehen. Sie schnappte sich eine Sporttasche und griff mit zitternden Händen an die Türen der riesigen Schrankwand. Zum ersten Mal kam ihr Michaels Sinn für teure Einrichtung wirklich zunutze, denn die Schrankfronten liefen ohne die geringste Erschütterung geräuschlos auf. Sie stopfte das Nötigste an Kleidung für Eliah und sich in die Tasche, schälte sich aus den Resten des Abendkleides und ließ es zu Boden fallen.
   In Jeans und Pulli zu schlüpfen tat so weh, dass ihr vor Schmerz wieder Tränen übers Gesicht rannen. Vorsichtig zog sie die Ärmel über ihre bandagierten Handgelenke und atmete tief durch, bis die Übelkeit in ihrem Magen etwas nachließ, dann eilte sie zurück und betrat leise das Kinderzimmer.
   Nun begann der heikelste Teil ihrer Flucht. Sie musste Eliah aus dem Bett nehmen, ohne ihn aufzuwecken. Die Aktion verlangte Nerven wie Drahtseile. Sie hatte ihn schon fast im Arm, da hörte sie durch die offene Zimmertür, wie sich Michael grunzend auf die Seite warf. Ihr blieb vor Schreck fast das Herz stehen. Sie drehte den Kopf und fixierte das Ehebett. Nichts geschah. Michael schlief weiter.
   Constanze drückte Eliah behutsam an sich und durchquerte das Zimmer. An der Tasche angekommen, ging sie leicht in die Knie und fädelte den Gurt über ihren Arm. Eine neue Schmerzwelle raste durch ihren Körper, trotzdem blieb sie nicht stehen. Sie durfte keine Zeit verschenken. Mit angehaltenem Atem öffnete sie die breite Flügeltür, die das Schlafzimmer vom Gang trennte, und schlüpfte hinaus.
   Es kam ihr wie Stunden vor, bis sie das obere Stockwerk verlassen und die Treppe hinter sich gebracht hatte. Das Haus lag dunkel und schweigend da, nichts rührte sich. Auch nicht, als sie ins Büro schlich. Es gab etwas, das sie unbedingt mit sich nehmen musste. Papiere, die den wahren Inhalt von Michaels Stiftung bewiesen. Da Constanze aufgrund ihrer Ordnung und schnellen Auffassungsgabe die Buchhaltung für seine Geschäfte mitbetreute, wusste sie genau, wo sich die wichtigsten Unterlagen befanden. Ihr Finger bebten so stark, dass sie den Sicherheitscode zweimal eingeben musste, ehe der hinter der Holztäfelung eingelassene Tresor aufsprang.
   Sie klemmte sich die wichtigste Mappe unter den freien Arm. Sobald sie wieder in der Halle stand, stopfte sie die Unterlagen in die Reisetasche, fischte den Autoschlüssel ihres Minis aus dem Fach und verschwand samt Eliah durch den Dienstboteneingang. Nicht eine Sekunde lang erwog sie, den schwarzen CLK zu nehmen, den ihr Mann ihr zum ersten Hochzeitstag geschenkt hatte. Der Wagen erinnerte sie zu sehr an Michael. Groß und protzig.
   Lautlos trat sie in die sternenklare Nacht hinaus. Ihr Wagen stand etwas abseits vom Haupthaus auf seinem Stellplatz. Im Stillen dankte sie dafür, dass sie das Fahrzeug am Nachmittag nicht in die Hausgarage gefahren hatte.
   Sie schnallte Eliah in seinen Kindersitz, was ihn unruhig werden ließ, und strich über seine weiche Wange. Er blinzelte, schlief aber weiter. Als sie die Tasche neben ihn hievte, blitzte der Verband unter den Ärmeln des Pullover hervor und machte ihr wieder bewusst, was in dieser Nacht alles geschehen war. Sie unterdrückte ein Schluchzen. Was sie tat, war das einzig Richtige, auch wenn es bedeutete, ihr gesamtes Leben hinter sich zu lassen.
   Mit klopfendem Herzen startete sie den Motor und bangte vor im Haus aufflammendem Lichtern. Hastig betätigte sie den Knopf für das elektrische Hoftor, dann fuhr sie, so ruhig es ihre Nerven zuließen, die lange Auffahrt entlang, den Blick stetig zwischen Rückspiegel und Eliah wechselnd. Erst als sie mehrere Hundert Meter von der Villa entfernt war, gab sie Gas. Den gefährlichsten Teil ihrer Flucht hatte sie hinter sich, doch nicht einmal dieses Wissen vermochte ihre verkrampften Muskeln zu lockern.

Die diensthabende Polizistin musterte Constanze entgeistert, als sie mit Eliah auf dem Arm um drei Uhr nachts die Wache betrat.
   »Was um Himmels willen ist mit Ihnen passiert?« Die Beamtin kam um die Trennwand herum und musterte betroffen ihr Gesicht. »Sind Sie überfallen worden? Hat man Sie angegriffen?«
   Obwohl Letzteres gewissermaßen zutraf, schüttelte Constanze den Kopf. »Nein, ich …« Schock und Blutverlust forderten ihren Tribut und ließen ihre Stimme versagen.
   Die Polizistin reagierte sofort und drückte sie auf den nächsten Stuhl. Inzwischen war ein Kollege aus dem Nebenraum eingetroffen und legte Constanze eine Decke um die Schultern.
   Sie drückte Eliah fest an sich und holte tief Luft. »Ich bin Constanze von Richtstetten, die Frau von Michael von Richtstetten.« Ihre Stimme klang erstaunlich fest. Sie schluckte und räusperte sich, während die Beamten einen bedeutungsvollen Blick tauschten. Der Name war fast genauso bekannt wie Baden-Badens römische Thermen. »Ich möchte meinen Mann anzeigen.« Sie schluckte. »Wegen Körperverletzung und illegalen Waffenhandels. Ich habe Unterlagen bei mir, die das beweisen werden, und bitte im Gegenzug um Aufnahme in das Zeugenschutzprogramm.«
   Constanze kam in den seltenen Genuss zu sehen, wie zwei erfahrenen Polizisten gleichzeitig das Kinn hinunterklappte.

2.
Der Besuch des Magiers


3 Jahre später


Giovanni Lombardi betrat den Aufzug seiner Penthouse-Wohnung. Das ihm gehörende Gebäude lag in einer der vornehmsten Gegenden Hamburgs, direkt an der Alster.
   Während er auf die Taste für die neunte Etage hämmerte, betrachtete er sich in der verspiegelten Wandfläche. Er fuhr sich glättend über die Haare und lockerte mit rohem Griff seine Krawatte. Wenn Paolo weiterhin derart schlechte Ware lieferte, musste er sich bald nach einem anderen Schlepper umsehen. Die kasachischen Mädchen der letzten Übergabe waren allesamt krank gewesen und einige davon auch noch so hässlich, dass er sie beim besten Willen nicht einsetzen konnte. Seine Kunden wollten Klasse, keine Bauernmägde.
   Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich mit dezentem Klingeln und gaben den Blick auf sein Wohnzimmer frei. Giovanni schaltete das Licht per Sprachkennung ein, schälte seinen Mantel von den Schultern und fuhr sich durchs Haar. Wenigstens einen lukrativen Erfolg konnte er heute verbuchen – wenn schon der Rest schieflief. Das besserte seine Laune minimal. Er dachte an die Viertelmillion, die ein Kunde für die Beschaffung einer vierzehnjährigen Thailänderin geboten hatte. Kein schlechtes Geschäft. Er würde Tran Phuc Bescheid geben, eine zu besorgen. Deutlich beschwingter wandte er sich in Richtung Barschrank.
   Als sein Blick den Ledersessel vor der Glasfront des Raumes streifte, blieb er abrupt stehen.
   Ein Mann saß darin. Unbewegt, ein Fußgelenk locker aufs andere Knie gelegt, blickte er Giovanni an. Ganz in Schwarz gekleidet verschmolz er fast mit dem dunklen Leder, was erklärte, weshalb Giovanni ihn nicht eher bemerkt hatte. Er verkniff den Mund. Verdammt noch mal, was machte dieser Typ in seinem Penthouse?
   Er hätte seinen Ferrari darauf verwettet, dass er den Besucher nie zuvor gesehen hatte. Trotzdem wirkte der Mann vollkommen entspannt, gerade so, als wäre er hier zu Hause und nicht Giovanni. Einzig die matt schimmernde Waffe, die mit der Gelassenheit jahrelanger Erfahrung in seiner Hand lag, störte das legere Bild. Die gegensätzliche Wirkung war regelrecht unheimlich.
   »Wie zur Hölle sind Sie hier hereingekommen?« Giovannis Stimme klang weit weniger barsch, als er sich gewünscht hätte. Irgendwie war ihm die Sache nicht geheuer. Er wusste zwar nicht, wer der Fremde war, aber eines wusste er genau: Der Kerl war ein Profi. Die schlaksige Körperhaltung täuschte keine Sekunde über die Schnelligkeit hinweg, die der drahtige, junge Mann zweifellos besaß.
   Der Killer reagierte auf die geschockte Frage wenig beeindruckt. Lediglich seine Mundwinkel hoben sich süffisant. Ein Lächeln, das die silbergrauen Augen des hageren Gesichts nicht einmal annähernd erreichte.
   Giovanni prickelte plötzlich ein ungewohntes Gefühl im Nacken. Angst. Tatsächlich, er hatte Angst. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so etwas wie Angst verspürt hatte. In den langen Jahren seiner Geschäfte im Mädchenhandel waren ihm schon viele Widersacher begegnet. So viele, dass er irgendwann aufgehört hatte, zu zählen. Er hatte sie alle über die Klinge springen lassen. Einen nach dem anderen. Keiner konnte ihm das Wasser reichen, keiner war schneller, rücksichtsloser oder gerissener als er. Keiner – bis jetzt. Der Mann im Sessel hatte augenscheinlich das Zeug, dieser Erfolgsgeschichte ein Ende zu bereiten. Er strahlte eine emotionslose Ruhe aus, die selbst einem Giovanni Lombardi bisher noch nie untergekommen war. Was das hieß, lag auf der Hand. Es gab keinen Zweifel, weshalb der Fremde in seinem Wohnzimmer saß. Sicher nicht, um mit ihm über das Wetter zu plaudern …
   Giovanni hatte geahnt, dass sein polnischer Intimfeind Rasnik ihm einen Killer auf den Hals hetzen würde und die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Er hatte keine Kosten und Mühen gescheut, die ausgefeilteste Technik an Alarm und Überwachungsgeräten einbauen zu lassen – völlig vergebens, wie sein nächtlicher Besucher demonstrativ bewies.
   Giovanni presste die Lippen zusammen. In seine Privatsphäre einzudringen war bisher noch keinem gelungen – und es würde normalerweise auch keinem gelingen, höchstens vielleicht diesem Schattentypen, diesem Magier. Der Killer war bekannt dafür, in jedes Gebäude, in jedes Versteck vordringen zu können. Seine Zielperson hätte sich im Untergeschoss der Area 51 verstecken können, das Ergebnis wäre dasselbe gewesen.
   Giovanni stutzte, als ihm plötzlich klar wurde, dass er gerade auf die einzig logische Erklärung gestoßen war, weshalb dieser Mann unbehelligt in seiner Wohnung saß. Er war der Magier. Kalter Schweiß brach ihm aus. Nur zu gut begriff er, was das zu bedeuten hatte. Er stand seinem leibhaftigen Tod gegenüber. Falls nicht irgendein absurdes Wunder geschah, würde er sterben. Dem Magier entkam man nicht.
   Es gab niemanden in den einschlägigen Kreisen, der nicht schon einmal von dem geheimnisvollen Killer gehört hatte, genauso wie es niemanden gab, der wusste, wer er war oder wie er aussah, zumindest niemanden, der noch lange genug gelebt hatte, um diese Information weiterzugeben. Keine der Zielpersonen, die auf der Liste dieses Mannes standen, hatte überlebt. Giovanni wusste das deshalb so genau, weil er selbst den Magier vor einigen Jahren anonym mit drei Aufträgen kontaktiert hatte. Damals war er beeindruckt gewesen, von der Präzision dieses Mannes. Jetzt saß der Killer in seinem Wohnzimmer und Giovanni war der Auftrag. Makabrer ging es fast nicht. Wäre die Situation nicht so fatal ernst, hätte er darüber gelacht.
   Fassungslos musterte er den jungen Mann. Eigentlich hatte er sich den Magier immer ganz anders vorgestellt. Viel älter und nicht so smart. Er schätzte seinen Gegner auf Anfang dreißig. Der schlanke, durchtrainierte Körper zeugte von Kraft und Disziplin. Zerzauste schwarze Haare, kombiniert mit dem zugegeben äußerst attraktiven Gesicht, verliehen ihm fast eine jungenhafte Ausstrahlung … wären da nicht diese grauen Polaraugen. Mit Abstand das Kälteste, was Giovanni je gesehen hatte. Es gab keinerlei Zweifel. Der junge Modeltyp würde ihn ohne mit der Wimper zu zucken abknallen.
   Fieberhaft überlegte er, wie er Zeit gewinnen konnte. Giovanni schluckte, trotzdem brachte er nur ein trockenes Krächzen zustande. »Wer hat Sie geschickt? Es war Rasnik, oder?«
   Sein Gegenüber hob eine schwarze Augenbraue, machte aber immer noch keine Anstalten, zu antworten.
   »Was er Ihnen auch bezahlt hat – ich verdopple den Betrag.«
   »Das spielt keine Rolle«, erwiderte der Magier sanft, fast freundlich. Er drehte mit einer ruhigen Bewegung die Hand und drückte ab.

*


Giovanni Lombardi traf auf dem teuren Aubussonteppich auf, noch ehe er den zu einem unausgestoßenen Schrei aufgerissenen Mund wieder geschlossen hatte.
   Silas stand auf und betrachtete den Mädchenhändler.
   Wieder eine Kakerlake weniger. Wie er es hasste, mit welchem Prunk sich Menschen wie Giovanni Lombardi umgaben, bezahlt von dem Blutgeld, das ihnen ihre schmutzigen Geschäfte einbrachten. Er bückte sich und fischte Lombardis Schlüsselbund aus dessen Hosentasche.
   Silas konnte nicht gerade behaupten, dass es ihm etwas ausmachte, solche Typen aus dem Weg zu räumen. Je weniger es von der Sorte gab, desto besser. Er steckte die Waffe ins Halfter an seiner Wade zurück und ließ den Stoff der Hose darüberfallen. Ohne Lombardi weiter zu beachten, sah er auf seine Armbanduhr, dann ging er lautlos in Richtung Flur – und zwar so, dass die Überwachungskameras der Wohnung ihn nicht erfassen konnten. Giovannis Männer würden sich die Haare raufen, wenn sie dahinterkamen, dass auf den Bändern nur unbrauchbare Einstellungen des Eingangsbereichs zu sehen waren. Er hatte ein wenig an der Anlagensteuerung herumgespielt und jetzt zeigten die Hightech-Linsen eine gestochen scharfe Aufnahme des teuren Blumenbouquets neben der Garderobe. Er entsicherte die Alarmanlage und öffnete die Fahrstuhltüren, um den Schlüssel hineinzustecken, sodass der Aufzug ungehindert genutzt werden konnte. Zwangsläufig würden Lombardis Männer nie darauf kommen, wer ihren Chef aus dem Verkehr gezogen hatte und wie.
   Silas durchquerte erneut den Wohnraum und öffnete grinsend die Balkontür. Er schlüpfte hindurch, bevor er sie sorgfältig wieder einrasten ließ.
   Lauer Sommerwind begrüßte ihn und zerzauste seine Haare. Hamburgs Lichter glitzerten in der klaren Nacht wie ein millionenschweres Diamantcollier, aber er beachtete die fantastische Aussicht kaum. Stattdessen streifte er die dünnen Gummihandschuhe ab und verstaute sie ebenfalls im Halfter. Ruhig trat er an das massive Steingeländer, krempelte sein Hemd über den Handgelenken zurück und legte die Finger auf den angenehm warmen Stein. Die letzten Maitage hatten einen Hauch des nahenden Sommers mit sich gebracht und das kalte Gestein aufgeheizt.
   Ein schneller Blick über die Brüstung bestätigte ihm, was er bereits wusste. Die Party im Appartement unter ihm war inzwischen in vollem Gange und wie erwartet befand sich niemand auf dem hinteren Seitenbalkon, der von der Fensterfront des Partyraumes aus nicht einzusehen war.
   Behände schwang er sich am Rand des Balkons über das Geländer und balancierte über die schmale Brüstung an der Hauswand entlang. Er musste knapp sechs Meter zurücklegen, bis er an deren Ende angelangt war. Dass ihn nur ein winziger Schritt vom Sturz in die Tiefe trennte, kümmerte ihn wenig. Der Tod war ohnehin sein ständiger Begleiter, er hatte keine Angst vor dem Sterben. Wahrscheinlich lag darin auch der Grund, warum er in seinem Job so effektiv arbeitete. Angst war wie Kaugummi. Ließ man sie erst an sich heran, blieb sie an einem haften und führte dazu, dass man Dinge tat, die man später garantiert bereuen würde – vorausgesetzt, es blieb überhaupt noch Zeit dafür. Meistens starben Vertreter seiner Branche ziemlich schnell.
   Er ging federnd in die Hocke, lockerte kurz die Hände, dann fasste er mit festem Griff an die vorstehende Kante der Fassade und ließ sich langsam hinabgleiten. Die Muskeln seiner Arme spannten sich an, als er sein gesamtes Gewicht an den Absatz hängte. Er hangelte sich nach links, bis er über dem Balkon angelangt war, und sah wieder nach unten. Noch immer ließ sich keine Menschenseele blicken, nur Musiklärm dröhnte dumpf hämmernd zu ihm herauf.
   Silas holte Luft, löste seine Hände und ließ sich die drei Meter nach unten fallen. Er rollte sich ab und verharrte in geduckter Haltung. Ein kurzer Blick nach oben ließ ihn eine Grimasse schneiden. Runter ging’s doch immer wesentlich schneller als rauf.
   Er kippte eine der antiken Tonvasen, die als Dekoration herumstanden, und brachte ein Päckchen zum Vorschein. Silas richtete sich auf, befreite das sauber gefaltete Kleidungsstück aus der wasserdichten Plastikhülle, schüttelte es aus und schlüpfte hinein. Er bewegte die Schultern, bis das sandfarbene Sakko korrekt saß, dann pflügte er sich mit beiden Händen durch die Haare. Ein knapper Handgriff an der Schiebetür, schon stand er im dunklen Arbeitszimmer des Gastgebers. Unbekümmert durchquerte er den klimatisierten Raum und trat an die edle Mahagonitür. Er gab sich keine Mühe, leise zu sein. Selbst wenn er eine der Vitrinen umgestoßen hätte, wäre das Klirren noch locker im Geräuschpegel von nebenan untergegangen.
   Schwungvoll öffnete er die Tür und trat mit frechem Selbstverständnis in den dezent beleuchteten Gang. Er hatte Glück. Niemand war zu sehen, als er lässigen Schrittes in Richtung Toilette steuerte. Zwei ältere Männer kamen heraus und hielten ihm die Tür auf. Silas nickte ihnen zu, ehe er den Raum betrat. Ein kurzer Blick in den Spiegel überzeugte ihn, dass er haargenau so aussah wie vor seinem kleinen Ausflug. Kein Steinstaub, keine Kratzer, kein Blut. Alles saß perfekt.
   Niemandem würde auffallen, dass einer der fast achtzig Gäste für dreiundzwanzig Minuten verschwunden war. Genauso wenig wie jemand bemerkt hatte, dass Silas ohne Einladung auf der Party erschienen war.
   Zufrieden lächelnd wusch er sich die Hände und spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht. Bis die eingeschmuggelten Bandschleifen in den Überwachungsgeräten des Party-Appartements abliefen, würden noch über zwei Stunden vergehen. Zu diesem Zeitpunkt war er längst verschwunden und den Aufzeichnungen der Kameras zufolge auch nie da gewesen. Nicht einmal dem gewissenhaftesten Wachmann würde auffallen, dass sich auf den Überwachungsbildschirmen noch einmal die gestrige Party abspulte. Schon toll, was man mit technischen Tricks alles machen konnte. Ungezwungen mischte sich Silas wieder unter die Gäste.
   Es dauerte nicht lang, bis sich eine hübsche Blondine bei ihm einhängte.
   »Aber hallo. Sie habe ich ja noch gar nicht gesehen«, säuselte sie mit verführerischem Tonfall und anerkennendem Blick, dabei lehnte sie sich ungeniert gegen ihn.
   Silas ließ seine Zähne aufblitzen. »Ich hatte einen dringenden Anruf. Aber wenn ich gewusst hätte, dass Sie auf mich warten, wäre ich nicht drangegangen«, schmeichelte er.
   Als er mit einem heißen Blick belohnt wurde, seufzte er innerlich. Er musste noch mindestens eine Stunde lang bleiben, damit sein Aufbruch von der Party nicht in zeitlichen Zusammenhang mit den Ereignissen in der Penthouse-Wohnung gebracht werden konnte. Um Lombardi machte er sich keine Sorgen. Dessen Männer würden vor morgen früh nicht versuchen, ihn zu erreichen.
   Eine Stunde, dachte er. Bis dahin musste er die Lady an seinem Arm charmant wieder losgeworden sein. Als ihr Begleiter die Party zu verlassen, wäre zwar die perfekte Tarnung gewesen, aber er hatte keine Lust auf ein sexuelles Intermezzo. Außerdem hatte er das untrügliche Gefühl, dass die Blondine mehr wollte als einen belanglosen One-Night-Stand. Was anderes war bei ihm leider nicht drin. Auf etwas Längerfristiges ließ er sich generell nicht ein. Beziehungen passten weder zu ihm noch zu dem Leben, das er führte. Deshalb ging er jeder möglichen emotionalen Verwicklung bereits im Ansatz aus dem Weg.
   Er beugte den Kopf tiefer und hörte der jungen Frau aufmerksam zu, jedoch nicht, ohne gleichzeitig die Umgebung im Blickfeld zu behalten. Während sie ihm etwas ins Ohr flüsterte, spürte er, wie sich ihre Hand vertraulich auf seinen Bauch stahl. Als sie wenig später auch noch eine Hand in seinem Nacken platzierte, entschied er, dass es jetzt angebracht war, schleunigst das Weite zu suchen.
   Doch so einfach war das nicht. Was er auch tat, es wollte ihm einfach nicht gelingen, geschickt ein Gesprächsende zu finden. Dummerweise hatte die Blondine einen echten Narren an ihm gefressen und ließ sich partout nicht abschütteln.
   Als Silas beim besten Willen keine elegante Lösung mehr einfiel, zog er das letzte Register. Er stoppte sanft ihre wandernde Hand und bedachte sie mit einem schmelzenden Lächeln. »Tut mir leid, Darling, aber ich muss jetzt wirklich gehen. Mein Freund Maurice wartet sicher schon auf mich und er ist immer entsetzlich eifersüchtig, wenn ich mich verspäte.« Zufrieden registrierte er, wie die Blondine zusammenzuckte. Diese Masche hatte eine hundertprozentige Erfolgsquote, so viel stand fest.
   Zögernd nahm sie ihre Finger von ihm. »Schade. Hätte ich mir eigentlich denken können, dass ein gut aussehender Kerl wie du nicht mehr zu haben ist«, sagte sie mit bedauerndem Blick. Um es nicht wie eine Flucht aussehen zu lassen, trank sie noch ihr Glas leer, dann verabschiedete sie sich und ließ ihn stehen.
   Silas blickte ihr schmunzelnd hinterher. Das wäre geschafft. Ohne Eile bewegte er sich durch die Gästeschar in Richtung Aufzug, wechselte zwar ab und an ein paar Worte, ließ sich jedoch nirgends mehr länger aufhalten. Dort angekommen schlüpfte er in seinen Mantel und blickte sich um. Unauffällig hängte er sich an eine Gruppe Gäste, die ebenfalls gerade aufbrach, und verließ mit ihnen das Appartement.
   Wenig später trat er auf die dunkle Straße. Bis zu seinem Hotel waren es kaum zwei Kilometer, deshalb ging er zu Fuß. Je weniger Menschen ihn sahen, desto besser. Ohne die Hand aus der Manteltasche zu nehmen, tippte er eine Tastenkombination in sein Handy. Es vibrierte zweimal kurz, dann verstummte es.
   Zufrieden schaltete er es aus. Auf seiner E-Mail-Adresse war eine neue Nachricht eingegangen. Das bedeutete, er hatte einen neuen Auftrag. Sein letzter. Danach würde er sich endgültig zur Ruhe setzen. Er hatte in den vergangenen fünfzehn Jahren eine ansehnliche Summe Geld nach Chile geschafft, davon konnte er gut leben.
   Silas hatte sich geschworen, aufzuhören, sobald er finanziell unabhängig war. Je länger man in dem Geschäft blieb, desto höher wurde das Risiko, dass etwas durchsickerte. Anonymität war sein höchstes Gut und gehörte zu seinem Grundprinzip. Mehrmals hatten diverse Ganoven versucht, herauszufinden, wer er war. Vergeblich. Sein Ruf kam nicht von ungefähr.
   Dann wollen wir mal sehen, was Neues reingekommen ist, dachte er und wechselte auf die andere Straßenseite.
   Da Internetcafés quasi sein Büro darstellten, wusste er immer, wo das nächste zu finden war. Selbst um diese Uhrzeit waren die Treffpunkte gut besucht, sodass er nicht auffallen würde.
   Eine Viertelstunde später saß er vor einem Computer. Seine Finger tanzten über die Tasten, als er den Sicherheitscode der Adresse eingab. Ohne die Nachricht zu öffnen, speicherte er sie auf den USB-Speicher, der sich gut getarnt in einem breiten Silberring befand, den Silas ständig an der linken Hand trug. So hatte er sämtliche Daten des aktuellen Auftrags bei sich, ohne dass jemand etwas davon ahnte. Außerdem ließ sich das Speichermedium im Notfall leicht verstecken. Was das anging, war er genauso vorsichtig wie bei seinem E-Mail Account. Er hielt nichts von Spuren im Netz, die man leicht zurückverfolgen konnte. Seine Daten holte er immer von einer anderen Stelle ab, so wusste keiner, wo er zu finden war.
   Er löschte den Posteingang und meldete sich ab.
   Nicht einmal fünf Minuten später befand er sich wieder auf dem Weg zum Hotel. Dort angekommen startete er seinen autonomen Laptop und steckte den Massenspeicher ein. Beinahe sofort erschienen die Auftragsdaten auf dem Bildschirm. Als er den Inhalt überflog, runzelte er die Stirn. Es kam nicht oft vor, dass sein Ziel eine Frau war. Das weibliche Geschlecht bewegte sich eher selten in den Abgründen der Kreise, mit denen er zu tun hatte. Neugierig las er den Steckbrief. Diese hier schien nicht ohne zu sein, gehörte zu einem berüchtigten Waffenschmugglerring. Nicht schlecht für ihr Alter.
   Sie war erst neunundzwanzig, gerade mal drei Jahre jünger als er. Er klickte weiter. Offensichtlich war die Lady untergetaucht, was die Sache anspruchsvoller machte. Der Auftraggeber bot eine Million Euro Kopfgeld. Priorität: höchste Stufe. Er rieb sich übers Kinn. Da hatte es jemand ziemlich eilig.
   Er öffnete den Anhang und beugte sich vor, als das Foto erschien. Sie sah nicht mal übel aus, war mit ihren mokkafarbenen Augen und Haaren sogar recht hübsch. Was für eine Verschwendung.
   Silas hätte Wetten darauf abgeschlossen, dass ihr Mann hinter dem Auftrag stand. Der war in diesem Metier nicht gerade ein unbeschriebenes Blatt. Er lehnte sich zurück und las noch einmal den Namen seines neuen Auftrags: Constanze von Richtstetten.

3.
Ein »goldenes Händchen«?


Constanze schloss den Reißverschluss ihrer Weste und eilte die Treppe zum Lager hinab. So sehr sie die Arbeit in ihrem kleinen Buchladen auch liebte, das Klima darin umfasste die ganze Bandbreite Europas.
   War es jetzt im Juli oben im Verkaufsraum drückend heiß wie in einer Sauna, konnte man im Lager trotzdem problemlos Eiswürfel herstellen. Die alten Kellerräume des Gebäudes schienen die Kälte regelrecht zu konservieren. Was in den Sommermonaten recht angenehm war, artete im Winter zu einer Zitterpartie aus, weil es Constanze selbst zwei Jahre nach Übernahme des Buchladens nicht gelingen wollte, die marode Heizung ordentlich zum Laufen zu bringen.
   Kopfschüttelnd kehrte sie dem Teil den Rücken, schnappte sich die Holzleiter und erklomm die Sprossen an einer hohen Regalwand.
   »Hab ich’s mir doch gedacht«, murmelte sie und griff nach einem dicken Buch. Sie rollte die Leiter in die Ecke zurück und kehrte ins Erdgeschoss zurück. Das Gesicht der betagten Kundin begann zu strahlen, als Constanze ihr den Band gab.
   »Ja, das ist es.« Plötzlich unsicher geworden, blickte die alte Dame sie an. »Glauben Sie, dass es meiner Schwester gefallen wird? Gehört habe ich ja schon viel davon, aber selbst gelesen habe ich es noch nicht.«
   Constanze lächelte ihre Kundin an. »Sie haben die richtige Auswahl getroffen, da bin ich mir sicher. Als ich das Buch gelesen habe, konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen.«
   »Auf Ihren Rat ist immer Verlass, ich kenne niemanden, der sich mit Büchern so gut auskennt wie Sie. Ich nehme es.«
   Constanze lächelte. »Soll ich es als Geschenk einpacken?«
   »Das wäre nett.«
   Während Constanze sich nach dem Geschenkpapier bückte, erklang die Türklingel.
   »Entschuldigung.«
   »Ja?«
   »Ich … äh … wollte nur fragen, ob wir wieder Plakate für das Schulfest bei Ihnen aufhängen dürfen«, stammelte ein junger Bursche.
   »Kein Problem. Warum klebst du es nicht an die Tür, da fällt es am meisten auf«, schlug Constanze vor.
   »Ja. Sofort … toll. Bis dann.« Schon war er wieder draußen.
   Die ältere Dame schüttelte das weiße Dauerwellenhaupt. »Also die jungen Leute haben nur Feiern und Unsinn im Kopf.«
   »Ach, sie werden noch schnell genug erwachsen«, erwiderte Constanze beinahe sehnsüchtig in Gedanken an ihre eigene, farblose Jugend. Sie steckte das sorgfältig verpackte Buch in eine Papiertüte und begleitete die Kundin zur Tür. Als sie beim Öffnen ein Schwall heißer Luft traf, blies Constanze sich einige Strähnen aus dem Gesicht. Irgendwie schafften ihre Haare es immer wieder, dem strengen Nackenknoten zu entfliehen. Vor allem bei dieser Hitze. Wenn es nicht bald kühler wurde, würde sie voraussichtlich in ihre Elemente zerfließen.
   Sie marschierte zur Theke zurück und fächelte sich mit der Liste der Neuerscheinungen Luft zu, während sie begann, die unterbrochene Bücherbestellung zu vervollständigen.
   »Sabine, ich bin dann mal hinten im Büro, falls du mich suchst«, erklang die helle Stimme ihrer Angestellten Beate aus Richtung des kleinen Raums.
   »Ist gut«, antwortete Constanze, ohne aufzusehen. In den vergangenen drei Jahren hatte sie sich so sehr an ihren neuen Namen gewöhnt, dass sie fast schon im Schlaf darauf reagierte. Anfangs war es ihr noch oft passiert, dass sie sich überhaupt nicht angesprochen gefühlt hatte. Ein wenig seltsam, wenn man den eigenen Namen nicht erkannte. Gottlob ließen sich die Großstadtmenschen in Köln anscheinend durch nichts aus der Fassung bringen. Anonymität gehörte hier zum Alltag und so hatte sich niemand über ihr komisches Verhalten gewundert. Stattdessen hatte Constanze schnell herausgefunden, dass es offenbar sogar als hip galt, nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben. Schmunzelnd schüttelte sie den Kopf und dachte an ihren Sohn. Nur Eliah war es nicht schwergefallen, sich an ihren neuen Namen zu gewöhnen.
   Manchmal kam ihr die Zeit vor ihrem Eintritt in das Zeugenschutzprogramm wie ein ferner Traum vor. Oder besser gesagt wie ein ferner Albtraum. Ohne zu lügen, konnte sie behaupten, dass sich ihr Leben in jeder Hinsicht gebessert hatte. Nicht nur ihres, sondern auch Eliahs. Ihr anfänglich schüchterner und schreckhafter Sohn war mittlerweile ein ganz normaler Junge. Sogar das von seiner Behinderung herrührende Hinken hatte sich erheblich gebessert.
   Dafür war sie von Herzen dankbar. Sie war für vieles dankbar. Dafür, dass sie finanziell unabhängig war, oder für die Tatsache, dass sie ohne Angst nach Hause gehen konnte. Nie mehr befürchten musste, mit einer unbedachten Aussage oder Handlung die Wut eines Mannes heraufzubeschwören. Sie lebte allein. Sie wollte es so. Die seelischen Narben saßen tief und würden wahrscheinlich nie ganz verschwinden.
   Selbst heute noch konnte sie sich nicht vorstellen, jemals wieder eine Beziehung einzugehen, geschweige denn, körperliche Nähe zuzulassen. Allein der Gedanke verursachte ihr immer noch Übelkeit. Die furchtbaren Erlebnisse mit Michael waren in ihrem Gedächtnis eingebrannt, hatten Misstrauen und Angst gesät, die sich nicht überwinden ließen.
   Das war auch der Grund, warum Constanze jegliche Annäherungsversuche von Männern bereits im Keim erstickte. Zu ihrem Leidwesen hatte das allerdings bei Roland Becker, ihrem aufdringlichen Nachbarn, nicht gefruchtet, denn er machte ihr trotzdem hartnäckig den Hof. Es fiel ihr immer schwerer, ihn höflich zurückzuweisen. Wie sagte man einem Mann, der sich als guter Freund ausgab, dass er unerwünscht war – und das möglichst, ohne ihn zu verärgern? Eine gute Nachbarschaft war eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein ruhiges Leben. Obwohl das nicht hieß, dass sie nicht weiterhin versuchen konnte, sich höflich zurückzuziehen. Einen beleidigten Gockel wollte sie möglichst lange nicht riskieren – und erst recht nicht irgendwelches Getuschel, das er aus verletztem Stolz vielleicht provozieren würde.
   Nur ihre Freunde Susanne und Frank Schütz kannten den wahren Hintergrund ihres Lebens. Aber im Gegensatz zu ihrem Nachbarn handelte es sich bei den beiden um Menschen, denen sie uneingeschränktes Vertrauen entgegenbrachte. Das Paar war etwa in ihrem Alter und wohnte nur wenige Kilometer entfernt.
   Susanne arbeitete als Lektorin in einem der Verlage, mit denen Constanze über ihren Buchhandel in Verbindung stand. Sie waren sich bei einer Buchbesprechung über den Weg gelaufen und hatten sich auf Anhieb gemocht. Weil Eliah in den beiden Söhnen von Frank und Susanne gleichzeitig seine besten Spielkameraden gefunden hatte, trafen sie sich regelmäßig und oft. Die vier waren für Constanze aus ihrer kleinen Familie nicht mehr wegzudenken.
   Obwohl Frank als Detektiv seine Brötchen verdiente und folglich schon einiges gesehen und gehört hatte, war das Paar schockiert gewesen, als sich Constanze vor knapp zwei Jahren ein Herz gefasst und ihre Geschichte erzählt hatte.
   Susanne hatte sie daraufhin in die Arme geschlossen, während ihr Mann derart fantasievoll über Michael geflucht hatte, dass Constanze bei den Gedanken daran sogar heute noch lächeln musste. Nie hätte sie erwartet, einmal solch liebe Freunde zu finden. Nur bei ihnen fühlte sie sich ungezwungen und konnte sie selbst sein.
   Beates Stimme riss sie aus ihrer Erinnerung. »Sabine, da ist ein Anruf für dich. Ein Herr Becker.«
   Sie verdrehte die Augen. Wenn man vom Teufel sprach …
   Gespannt, was sich Roland nun schon wieder ausgedacht hatte, um sich ihre Gesellschaft zu sichern, steuerte sie auf das Büro zu. Beate empfing sie mit einem mitfühlenden Blick. Roland war bereits des Öfteren in der Buchhandlung aufgetaucht, daher war sie über das Dilemma weitgehend im Bilde.
   »Sabine Anger«, meldete sie sich mit neutraler Stimme.
   »Hallo Sabine, hier ist Roland.« Er klang wie immer aufgeregt und atemlos.
   »Hallo, was gibt’s denn?« Sie wunderte sich, wie freundlich ihr die Worte trotz ihres Unmuts über die Lippen kamen, wahrscheinlich noch Reste aus der jahrelangen Übung mit Michael.
   »Ich wollte dich nur fragen, wann du heute Abend zu Hause bist. Ich habe vorhin ein Päckchen für dich angenommen und das würde ich gern vorbeibringen.«
   Constanze konnte sich lebhaft vorstellen, wie er dem armen Briefträger auf der Suche nach einer günstigen Gelegenheit das Päckchen förmlich aus den Händen gerissen haben musste. Wäre ihre Abneigung gegen jedwede Art von männlichem Interesse nicht so tief verwurzelt, hätte sie seiner Beharrlichkeit vielleicht sogar Bewunderung gezollt. Anbetracht ihrer Erfahrung mit Michael hingegen bestärkte sie Rolands im Grunde unsensibles Verhalten nur noch darin, sich nie wieder auf einen Mann einzulassen. Ihre Meinung und ihre Wünsche waren ihm genauso egal wie ihre Privatsphäre. Er wollte sie haben und sie hatte seufzend dahinzuschmelzen. Nein danke, nicht mit ihr. Nie mehr!
   Wenigstens war er bisher noch nicht der Idee verfallen, sie vertraulich zu berühren oder ihr anderweitig zu nahe zu treten. Sie war überzeugt, dass ihr Nachbar in diesem Fall ziemlich staunen würde, zu welchem Widerstand sie fähig war. Schon einmal hatte ein Mann erlebt, wie vulkanartig die über Jahre sorgsam kontrollierte Panik aus ihr hinausbrechen konnte. Der Ahnungslose war ein verkleideter Faschingsclown gewesen, der sie ohne Vorwarnung von hinten gepackt hatte. Constanze war damals zu Tode erschrocken und hatte sich verzweifelt gewehrt. So schnell war sie noch nie losgelassen worden. Dem Mann hatte der Vorfall mindestens ebenso leidgetan, wie er ihr peinlich gewesen war. Seit diesem Tag stand sie auf den Faschingsumzügen, die Eliah so sehr liebte, vorsorglich immer mit dem Rücken zur Wand.
   »Ich muss Eliah noch abholen und einkaufen. So gegen zwanzig Uhr müssten wir da sein.«
   »Super. Dann bis heute Abend.«
   Sie legte den Hörer auf und runzelte schicksalsergeben die Stirn. Jetzt hatte sie Roland schon wieder an sich kleben.
   »Du musst ihm einfach härter entgegentreten«, bemerkte Beate, als könnte sie Gedanken lesen. »Solange du ihm nicht klipp und klar die Meinung geigst, wird er dich nie in Ruhe lassen.«
   Mit einem inbrünstigen Schnauben setzte sich Constanze auf den Rand des Schreibtischs. »Ich kann schon nicht mehr zählen, wie oft ich das bereits versucht habe. Er will es einfach nicht begreifen.« Constanze griff nach einer Keksdose. »Ich verstehe das alles sowieso nicht. Warum hat er es ausgerechnet auf mich abgesehen? In Köln gibt es weiß Gott genug alleinstehende Frauen, die danach lechzen, einen Mann zu finden.«
   »Du bist halt was Besonderes. Deine schüchterne Art weckt in jedem Typen den urmännlichen Beschützerinstinkt.«
   An einem Schokoladenkeks knabbernd beäugte Constance ihre Angestellte, die ihren Blick zum Anlass nahm, weiterzusprechen.
   »Ich weiß zwar nicht, was genau du bisher mit Männern durchgemacht hast, du musst es mir auch nicht sagen, wenn du nicht willst, aber ich kenne dich jetzt seit zwei Jahren. Du bist nicht ein einziges Mal ausgegangen oder hast dich mit irgendwelchen Typen verabredet. Denkst du nicht, es ist an der Zeit, über Was-auch-immer-dir-passiert-Ist hinwegzukommen und einen Neuanfang zu wagen? Ich garantiere dir, dein Traummann spaziert irgendwo da draußen herum. Du musst ihm nur die Chance geben, dich zu finden.«
   Constanze verschränkte die Arme vor der Brust. »Du hast nicht zufällig von Susanne den Auftrag erhalten, mich unter die Haube zu bringen? Du klingst nämlich verdächtig nach ihr.«
   Beate begegnete ihrem fragenden Blick arglos und zuckte leichthin mit den Schultern. »Dafür brauche ich keinen Auftrag. Wenn wir Mädels im gleichen Team spielen, dann liegt das offensichtlich daran, dass wir recht haben. Wir wünschen uns halt beide, dass du glücklich wirst.«
   Constanze warf flehend die freie Hand in die Luft. »Aber ich bin doch glücklich. Wo steht bitte geschrieben, dass man zum Glücklichsein unbedingt einen Mann braucht? So ein ausgemachter Quatsch.«
   Beate, von ihrem Ausbruch gänzlich unbeeindruckt, grinste sie tiefgründig an. »Also wenn du das wirklich glaubst, dann hat du Mr. Right definitiv noch nicht getroffen.«
   Darauf wusste Constanze nichts zu sagen. Sie wusste nur, dass sie bereits einen Mr. Wrong geheiratet hatte und das war ihr Lektion genug gewesen.
   Die Türglocke schellte. Constanze stellte die Keksdose ab und sprang auf, erleichtert, weiteren Eingriffen in ihr Privatleben entfliehen zu können.
   Als hätten die Kunden sich untereinander abgesprochen, stürmten sie aneinandergereiht wie eine Perlenkette in den Buchladen und gaben sich bis Geschäftsschluss quasi die Klinke in die Hand. Beate und sie kamen nicht mehr dazu, Luft zu holen, geschweige denn, eine kleine Pause zu machen.
   Erschöpft, aber zufrieden, verabschiedete Constanze Stunden später ihre Mitarbeiterin und schloss hinter ihr ab. Dann setzte sie sich wie jeden Abend an die Kasse und erledigte mit geübter Routine den Tagesabschluss. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Das Geschäft warf mittlerweile anständige Gewinne ab.
   Als sie den Laden mit einem Teil des Geldes aus der Scheidungsabfindung gekauft hatte, war sie anfangs noch am Grübeln gewesen, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Zwar hatte sie bereits als Kind Bücher über alles geliebt, sie als Zuflucht vor der oft harten Realität des Waisenhauses gesehen, aber das allein reichte für den Erfolg einer Buchhandlung bei Weitem nicht aus. Letztlich war es die Mischung aus Trotz und Sich-etwas-beweisen-Wollen gewesen, die ihr das nötige Durchhaltevermögen für die nervenaufreibende Aufbauphase gegeben hatte. Michael hatte es nie versäumt, ihr klarzumachen, wie verloren und hilflos sie ohne ihn wäre. Auch wenn er ihren Sinn für Organisation und Finanzen in geschäftlichen Dingen gern genutzt hatte, hatte er sie doch für schwach und unsicher gehalten.
   Es war ein Schock für sie gewesen, feststellen zu müssen, dass seine wenig schmeichelhafte Einschätzung irgendwann zu ihrem Selbstbild avanciert war. Diese bittere Erkenntnis war es letztlich gewesen, die Constanze dazu bewogen hatte, direkt und ohne lange nachzudenken, ins kalte Wasser zu springen.
   Heute war sie froh darüber. Inzwischen hatte sich gezeigt, dass sie sehr wohl in der Lage war, allein zurechtzukommen. Und das nicht einmal schlecht.
   Das Wissen darum, mit dem Einkommen aus dem Buchhandel Eliahs und ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, machte Constanze stolz. Zumindest was das anging, war es ihr gelungen, sich aus dem Sumpf des Selbstzweifels, in den Michael sie gestoßen hatte, wieder hinauszustrampeln.
   Ihre Gedanken wanderten zu dem Gespräch mit Beate zurück. In puncto Partnerschaft und Sexualität war ihr ein ähnlicher Befreiungsschlag leider nicht gelungen. Diesbezüglich konnte sie mit keinen Erfolgen aufwarten. Na, und wenn schon? Sie hatte nicht das Bedürfnis, etwas Derartiges versuchen zu müssen, auch wenn Beate anscheinend anderer Meinung war. Wenn ihre Angestellte nur einen blassen Schimmer hätte, welche Hölle Constanze in ihrer Ehe hatte durchmachen müssen, würde sie sicher von ihren gut gemeinten Ratschlägen ablassen. Leider war es ihr unmöglich, Beate davon zu erzählen. So gern sie sie auch mochte, keinesfalls würde sie ihre Tarnung aufs Spiel setzen.
   Constanze überschlug die Zahlen der Tagesumsätze und unterstrich die Summe schwungvoll. Die Abrechnung stimmte. Zufrieden lächelnd schloss sie die Kasse und steckte die Aufzeichnungen in die Tasche. Jetzt musste sie die Ergebnisse später nur noch in ihren Computer zu Hause übertragen.
   Ihr Blick umfasste die kleine Buchhandlung, während sie aufstand. Das, was sie Beate gegenüber gesagt hatte, entsprach der Wahrheit. Sie war glücklich. Ihres Erachtens ging es allein um die Sichtweise, unter welchen Voraussetzungen man so etwas wie Glück empfinden konnte.
   Weil sie ohne Familie und Geborgenheit aufgewachsen war, rangierten diese Dinge an oberster Stelle ihrer Wunschliste. Erst seit sie mit Eliah in Köln lebte, hatte sie so etwas wie ein normales Leben erfahren dürfen. Auch Susanne und Frank trugen wesentlich dazu bei. Sie waren das erste Paar, das genauso glücklich war, wie es den äußeren Anschein hatte. Nichts war gespielt. Wenn Susanne und Frank ihre seltenen Meinungsverschiedenheiten austrugen, so taten sie das in Liebe und ohne den anderen in irgendeiner Form zu verletzen, selbst wenn manchmal sprichwörtlich die Fetzen flogen. Die Zeit mit den beiden taten Eliah und ihr unendlich gut.
   Nein, an ihrem Leben gab es nichts auszusetzen. Sie hatte alles, was sie sich nach ihrer Trennung von Michael jemals erhofft hatte. Sie verstaute den Taschenrechner und sah auf die Uhr. Höchste Zeit Eliah abzuholen.
   Eilig machte sich auf den Weg zu ihrem Wagen. Der PS-starke Mini vom Tag ihrer Flucht war einem VW-Polo älteren Baujahrs gewichen. Weil sie nichts aus ihrem alten Leben hatte mitnehmen dürfen und wollen, hatte sie sich von allem getrennt, was sie in irgendeiner Weise daran erinnerte.
   Als sie wenig später vor der Kindertagesstätte anhielt, hüpfte Eliah gerade aus dem Gebäude. Constanze stieg aus, ging in die Knie und schloss ihren Sohn in die Arme. »Hallo Spätzchen, hattest du einen schönen Tag?«
   Eliah nickte eifrig. »Frau Berent meint, dass wir nächste Woche Knetmasse mitbringen dürfen. Bitte Mama, können wir jetzt gleich welche kaufen?«
   Constanze verwuschelte ihm lächelnd die blonden Haare. »Heute nicht, Eliah. Wir müssen noch zum Supermarkt, und dann ist es zu spät, um noch in die Innenstadt zu fahren. Lass uns das morgen Nachmittag besorgen, wenn ich freihabe, einverstanden?«
   Eliah schob enttäuscht die Unterlippe vor, nickte dann aber. »Aber morgen gehen wir, ja?«
   Constanze rieb über einen Farbfleck an seinem schmalen Arm. »Versprochen.«

Als sie kurz vor zwanzig Uhr endlich auf die Stellfläche vor ihrem Haus einbogen, machte ihr ein Blick zur Haustür klar, dass ihr keine Sekunde Erholung vergönnt war. Wie befürchtet wartete Roland bereits mit einem Päckchen unter dem Arm. Constanze zwang sich zu einem Lächeln, wofür Beate und Susanne sie höchstwahrscheinlich kräftig in den Hintern getreten hätten. Es lag ihr einfach nicht, sich unhöflich zu benehmen, auch wenn es in Rolands Fall dringend geboten schien.
   Mit Eliah an der einen, dem Einkaufskorb an der anderen Hand, ging sie die Stufen hinauf.
   Roland trat zur Seite. »Hallo Sabine. Ihr kommt aber spät.«
   »Heute war irgendwie alles auf den Beinen«, rechtfertigte sie sich automatisch, obwohl sie mehr als pünktlich eingetroffen waren. Noch ein Überbleibsel aus früheren Zeiten. »Danke, dass du meine Post angenommen hast.«
   Ehe Constanze die Chance hatte, nach dem Päckchen zu greifen, nutzte Roland die Gelegenheit und trat vor ihr ins Haus. Leicht verärgert folgte sie ihm. Beate hatte recht, sie musste dringend die Notbremse ziehen.
   
   Roland ließ das Päckchen aufs Sofa fallen und machte einen Bogen um Mr. Pepper, der gemütlich ausgestreckt auf die Rückkehr seiner Futterquelle wartete. Der große, schwarz gefleckte Kater verstand es um einiges besser als sein Frauchen, sein Revier gegen ungebetene Besucher zu verteidigen – notfalls auch unter Einsatz seiner Krallen. Constanze musste ein Schmunzeln unterdrücken, als das Tier bei Rolands Anblick sofort die Ohren anlegte und angriffslustig zu fauchen begann. Deutlicher konnte Mr. Pepper nicht demonstrieren, wie unerfreut er über die Anwesenheit des Nachbarn war.
   Vor einigen Wochen hatte das Drama zwischen Mann und Tier seinen vorläufigen Höhepunkt gefunden, als der Kater seine Krallen in Rolands Hand geschlagen hatte, weil er sich zu dicht neben Constanze gesetzt hatte. Constanze hatte es nicht sonderlich eilig gehabt, Mr. Pepper von ihrem Nachbarn zu pflücken. Sie konnte sich keinen besseren Beschützer vorstellen als ihren Mini-Tiger.
   Roland hatte das Drama offensichtlich auch noch nicht vergessen, denn er musterte das Tier mit abschätzendem Blick und rollte hastig das hochgekrempelte Hemd wieder über seine Unterarme. Zu Constanzes Überraschung trat er trotzdem einen Schritt in ihre Richtung.
   »Ich wollte dir nur sagen, dass ich zur Buchvorstellung nächste Woche auch komme. Meine Redaktion möchte einen Artikel im Lokalteil darüber bringen«, eröffnete er in einem Tonfall, als hätte sie ihn darum gebeten. »Ich könnte quasi als dein Begleiter mitgehen. Natürlich nur, wenn du willst«, fügte er schnell hinzu, als er Constanzes abwehrenden Gesichtsausdruck bemerkte.
   »Roland, ich …«
   »Du musst jetzt noch nicht antworten. Überleg’s dir, ja?« Hastig eilte er zur Tür. »Ich melde mich nächste Woche.«
   Constanze folgte ihm. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, lockerte sie die verkrampften Schultern. Im Umgang mit Männern musste sie noch viel lernen. Darin hatte sie kein besonders glückliches Händchen.
   Seufzend setzte sie sich neben Mr. Pepper aufs Sofa und streichelte ihm über das seidige Fell. Irgendwie musste sie endlich den Spagat schaffen, Roland ihr Desinteresse an einer Beziehung zu vermitteln, ohne ihn brüsk vor den Kopf zu stoßen. Vielleicht würde er sich mit ihrer Freundschaft zufriedengeben, auch wenn sie darauf im Grunde genauso wenig scharf war. Am liebsten hätte sie ihn komplett aus ihrem Umfeld gestrichen, aber das war nicht so einfach, weil sie praktisch Tür an Tür wohnten. Sie war einfach nicht bereit, schon wieder eines Mannes wegen die Koffer zu packen und ihr sorgsam aufgebautes, neues Leben hinter sich zu lassen. Constanze musste sich eine andere Lösung einfallen lassen.
   »Hast du vielleicht eine Idee?«, fragte sie den Kater, der es sich auf ihrem Schoß bequem gemacht hatte.
   Mr. Pepper öffnete zwar ein Auge, aber außer einem Schnurren bekam sie keine Antwort.
   Constanze seufzte. Im nächsten Leben werde ich eine Katze, schwor sie sich.

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