1889
Bevor sich Levke in ihrem neuen Zuhause im Havelland einleben kann, wird sie Witwe. Albträume quälen sie. Wieso glaubt sie, dieses fremde Dorf zu kennen? Als sich unlösbare Todesfälle häufen, sucht Levke nach Antworten. Ist Jack the Ripper für das Morden verantwortlich? Welches Geheimnis birgt die Kräuterfrau Jordis? Und was hat es mit dem Quilt der verlorenen Seelen auf sich? Das größte Rätsel aber gibt ihr der attraktive Seemann mit den violetten Augen auf: Silas Böttcher, der plötzlich wieder in Bützer lebt. Hoffentlich begeht Levke keinen folgenschweren Fehler, indem sie ihm vertraut, denn etwas an ihm geht ihr tief unter die Haut. "Eine fesselnde, emotionale Geschichte - wie ein kraftvolles Gemälde aus einer vergangenen Zeit." Iny Lorentz

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ISBN: 978-9963-52-488-4

Seiten: 469

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Britta Orlowski

Britta Orlowski
Britta Orlowski wurde im Jahr 1966 geboren – eine Schnapszahl, ich weiß, meine Eltern hätten gleich stutzig werden sollen. Stattdessen zogen sie mich mit viel Liebe, Wärme und schönen Geschichten auf. Sie nahmen meine zahlreichen kreativen Experimente gelassen hin und nährten meine ohnehin uferlose Fantasie noch mit zauberhaften Erzählungen über Spielzeug, welches zum Leben erwacht, sobald ich des abends eingeschlafen sei. So wuchs ich also in meiner Geburtsstadt Rathenow auf, absolvierte die zehnklassige polytechnische Oberschule und erlernte den Beruf der stomatologischen Schwester in der Kreispoliklinik. Ich angelte mir einen netten Mann, dem ich sage und schreibe im taufrischen Alter von fünf Jahren zum ersten Mal begegnete und ihn sogleich aus tiefstem Herzen verabscheute. Zum Glück änderte ich später meine Meinung - wir heirateten und gründeten eine Familie. Ihm verdanke ich meine lieben Söhne, die überhaupt die schönsten Babys der Welt waren. Im Erziehungsurlaub wurde mir rasch langweilig. Beim Aufräumen stieß ich auf die Manuskripte aus meiner jugendlichen Sturm- und Drangzeit. Ich begann erneut, Geschichten zu schreiben - nur so für mich. Wenige Jahre später infizierte ich mich mit dem Patchworkvirus und hänge seitdem an der Nadel. Doch auch das Schreiben ließ mich nicht mehr los. Nach einigen Überlegungen kam ich zu dem Schluss, dass es bestimmt einen Weg gibt, beide Hobbies zu verbinden. So entstand mein erster Roman „Rückkehr nach St. Elwine“. Da mir der Abschied von meinen Hauptfiguren am Ende so schwer fiel, war die Idee geboren, daraus mehr zu machen. Eine lockere Serie mit in sich abgeschlossenen Geschichten, die stets am gleichen Ort, dem fiktiven Küstenstädtchen in der Chesapeake Bay, spielen. Nach langem Suchen habe ich ein begeisterungsfähiges Verlagsteam gefunden.

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Leseprobe

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Prolog
Bützer 1877

Nebel waberte wie Rauch über der Havel. Lena verließ den Lastkahn an der Hand ihrer Mutter über die Laderampe der Ziegelei.
   »Ich kann schon zählen«, sagte sie.
   »Und wie alt ist mein Lenchen jetzt?«, fragte Mama und lachte.
   Sie nahm ihre Finger zu Hilfe. »Eins, zwei, drei, vier, fünf.«
   »Richtig.«
   Etwas war anders an diesem Morgen. Das halbe Dorf schien auf den Beinen zu sein. Die Männer durchkämmten die Schilfgürtel und hoben jeden Kahn an, der am Ufer vertäut lag. Sie suchten nach jemandem, es bestand kein Zweifel.
   »Die Annemie ist weg«, rief Meta ihnen zu.
   Mama blieb abrupt stehen und verkniff sorgenvoll das Gesicht.
   Fast wäre Lena über ihre eigenen Füße gestolpert. Sie verstand zwar nicht alles, was ringsum geschah, aber sie spürte etwas Unheilvolles, das sie nicht in Worte fassen konnte. Wie ein kaltes Tuch legte sich Angst um sie.
   Mama zog sie weiter.
   »Da hat der Deibel seine Hand im Spiel.«
   »Sucht weiter!«
   »Wir müssen sie finden.«
   Die unterschiedlichsten Gesprächsfetzen drangen zu ihnen vor. Lena blickte Mama an.
   »Komm, beeil dich, mein Lenchen!«
   In der Küche hinter der Backstube brannte kein Licht. Annemie begrüßte sie nicht wie sonst im Laden. Mama kaufte ein paar Weizenbrötchen, weil Lena sie so gern aß. Beim Hinausgehen trafen sie auf die Frau des Ziegeleibesitzers.
   »Haben Sie schon gehört? Die Annemie …« Den Namen sprach sie nur flüsternd aus und bekreuzigte sich dabei.
   Mama nickte. Dann wagte sie einen Blick hinter das Haus. Vom Bäcker fehlte jede Spur. Wahrscheinlich befand er sich unter den Männern der Suchtrupps. Sie erspähten die Bäckersfrau auf der Bank sitzend und von ihren Töchtern umringt.
   Mama ging auf sie zu, Lena trippelte hinterher. Alle fünf Mädchen traten einen Schritt beiseite und ließen sie durch.
   Bis die Bäckersfrau Mama erkannte, dauerte es eine Weile. »Frieda, ach Gott, dich hatte ich ja ganz vergessen. Da kommst du den weiten Weg aus Holland …«
   »Nicht schlimm, gar nicht schlimm.« Mama umarmte die Bäckerin.
   Lena sah, dass Mama erschrak.
   Annemies Mutter hatte rot geränderte Augen, aschfahle Haut und blau gefrorene Lippen. Ein wollenes Tuch schützte sie nur unzureichend an dem kühlen Novembermorgen. Sofort begann Mama, der Frau über Arme und Schultern zu reiben. »Wie lange sitzt ihr schon hier draußen?«
   Niemand antwortete ihr.
   »Kommt, lasst uns reingehen. Ich koche eine warme Milchsuppe, die wird euch allen guttun.«
   Im Hausflur entdeckte Lena den siebenjährigen Thure. Er hatte ein kleines Kätzchen auf seinem Schoß. Sie trat zu ihm und strich vorsichtig über das weiche Fell.
   Niemand achtete weiter auf sie beide. Thure schlüpfte in seine Filzstiefel und stand bereits an der Tür.
   »Wir haben noch mehr Kätzchen. Willst du sie sehen?«
   Und ob sie das wollte. Sie folgte ihm in den Stall.
   Der blonde Junge ließ ihr allerdings nicht annähernd genug Zeit. Er hatte es eilig, hinunter zum Ufer der Havel zu kommen, um sich den großen Lastkahn ihres Papas anzusehen.
   »Ist kein bisschen anders als beim letzten Mal«, maulte sie, als Thure sie aus dem Stall zog.
   »Das verstehst du nicht. Du bist ein kleines Mädchen. Die holländischen Kähne sind die schönsten.«
   Inzwischen hatte sich der Nebel gelichtet. Einzig in den Büschen fanden sich noch einige Fetzen. Lena entdeckte mehrere kleine Angelkähne auf der Havel. Sie beobachtete, wie die Männer lange Stangen durch das Wasser zogen. Da die Loren aus der Ziegelei über die Rampe rumpelten, konnte sie nicht verstehen, was sie einander zuriefen.
   Plötzlich wurden sie und Thure am Schlafittchen gepackt. »Wie oft muss ich euch das noch sagen? Hier ist kein Spielplatz. Viel zu gefährlich. Wo ist deine Mutter?«
   Lena deutete in Richtung der Bäckerei.
   »Ab nach oben mit euch!« Papa zeigte sich unerbittlich.
   Sie hatte es ja gewusst und Thure war schuld.
   Stunden später war der Kahn beladen und Papa saß in der Dorfschenke, zusammen mit den Männern, die eine Pause eingelegt hatten.
   Die kleinen Kähne auf der Havel waren verschwunden. Nur am Ufer, in Richtung Eichqueder, sah sie in der Ferne noch einzelne Gestalten auf und ab gehen.
   Sogleich schien Thure eine neue Chance zu wittern, um näher an den großen Lastkahn heranzukommen. »Versuchen wir es noch mal. Es ist keiner da.«
   Sie sollten besser auf Papa hören, aber Thure zog sie bereits hinter sich her. Lenas Holzpantinen klapperten über die Rampe.
   »Du bist zu laut«, schimpfte er.
   Sie blieb stehen und schmollte. Um sie herum war plötzlich nur noch Stille. Wind kam auf und zerrte an ihrem Kleid. Sie spürte, wie im Nacken der lose Zipfel ihres Kopftuches hin und her flatterte. Das Säuseln der hohen Pappeln kündete von nahendem Unheil. »Wat is dat?«, flüsterte sie angstvoll. Vor Aufregung hatte sie vergessen, deutsch zu sprechen.
   Thure zuckte lediglich mit den Schultern.
   Lena linste vorsichtig nach links und rechts. Niemand war da und doch wähnte sie sich beobachtet. Im Schilf entdeckte sie einen Knüppel und hob ihn auf. Damit würde sie sich notfalls verteidigen können. Sie spähte noch einmal nach allen Seiten. Selbst von den Männern in Richtung Eichqueder war nichts mehr zu sehen.
   »Kann ich mal auf das Schiff?« Thures Frage durchbrach die gespenstische Atmosphäre.
   Erleichtert nickte sie. Auf dem Kahn waren sie in Sicherheit. Gerade, als sie sich anschickte, an Bord zu gehen, hielt Thure sie zurück.
   »Du nicht. Ich gehe allein. Pass auf, dass niemand kommt. Sobald sich jemand nähert, pfeifst du, verstanden?«
   »Ich kann nicht pfeifen.«
   Der Junge seufzte schwer. »Dann fang an zu singen. Das wirst du doch wohl können, oder?«
   Beleidigt steckte sie ihm die Zunge raus.
   Wieder setzte eine heftige Windböe ein. Lena wandte ihr Gesicht ab. Als sie sich umdrehte, war Thure verschwunden. Unschlüssig trippelte sie auf der Laderampe herum.
   Wo blieb Mama nur so lange? Sie legte den Kopf tief in den Nacken und sah nach oben. Die Pappeln waren beängstigend hoch. Sie wirkten bedrohlich, wie die bösen Riesen aus dem Märchen. Lena atmete erschrocken ein. Sie packte den Knüppel fester. In den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung wahr. Oder halt. Bewegte sich nur die Luft? Sie ging ein paar Schritte rückwärts, bis sie gegen etwas Massiges stieß. Ein kleiner Schrei löste sich aus ihrer Kehle, als sie die Weide in ihrem Rücken spürte. »Nur ein Baum, du Dummerchen«, hätte Mama jetzt gesagt. Sie richtete sich auf, entschlossen, keine Angst mehr zu haben. Ihre Holzpantinen klapperten über die Rampe. Das Geräusch riss jäh ab, als sie das Gras betrat und dabei den Stock hin und her schwang. Sie ging vor bis ans Ufer.
   Vorsichtig, um nicht auszurutschen, setzte sie einen Fuß vor den anderen. Wie sie es von den Männern auf der Havel gesehen hatte, stak sie den Knüppel ins seichte Wasser und traf auf einen Widerstand. Sie zog so heftig an dem Stecken, dass ihre Arme schmerzten. Dann sah sie es: blondes, schmutziges Haar. Darunter ein fahles, aufgedunsenes Gesicht.
   »Annemie«, flüsterte sie.
   Ihr Herz raste und sie begann zu schreien.
   Sie wurde von hinten gepackt, strampelte und schlug um sich. Von einem Augenblick zum anderen berührten ihre Füße wieder den Boden. Da sie nicht darauf vorbereitet war, fiel sie hin.
   Für den Bruchteil einer Sekunde erhaschte sie einen Blick in weit aufgerissene Augen. Wie ein Blitzschlag kam ihr die Farbe violett in den Sinn. Dann war sie frei und allein und ganz verloren. Erneut begann sie zu schreien.

1.
Maistöcke

Bützer 1889
(Zwölf Jahre später)

Das Kapitänshaus, ein Gebäude aus roten Ziegeln, lag nur ein paar Meter vom Havelufer entfernt. Direkt gegenüber befand sich die Dorfschenke – ebenfalls mit Blick auf den Fluss, dem die Straße ihren Namen verdankte.
   »Das gehört dir?« Levke warf ihrem Mann einen staunenden Blick zu.
   »Uns – nun gehört es uns beiden.«
   »Wunderschön«, flüsterte sie. Wie zum Beweis, dass sie nicht träumte, kniff sie sich in die Wange.
   Ihr Mann ließ sein tiefes, dröhnendes Lachen hören. Dieses Lachens wegen war sie in Amsterdam überhaupt erst auf ihn aufmerksam geworden. Das alles lag erst wenige Monate zurück und kam ihr doch vor, als wäre es in einem anderen Leben gewesen. Wie sollte es auch nicht?
   Kurz nach ihrem sechsten Geburtstag war ihr Vater an Wundbrand gestorben, nur zwei Wochen, nachdem er sich die Hand verletzt hatte. Ihre Mutter sah sich gezwungen, den Lastkahn zu verkaufen. Einige Jahre konnten sie bescheiden von dem Erlös leben, doch dann zog sich ihre Mutter eine Lungenentzündung zu, von der sie sich nie mehr erholt hatte. Nach ihrem Tod gab man Levke zu einem Vormund. Ihr Onkel begrüßte sie recht freundlich, doch dies war das erste und gleichzeitig letzte Mal, dass sie ihn so erlebte. Fortan musste sie den Haushalt führen, ihrer launischen Tante zur Hand gehen und auf deren schreiende Bälger achtgeben. Da war sie gerade mal zwölf Jahre alt. »Lena, was hat sich deine Mutter nur dabei gedacht, dir den Namen einer Sünderin zu geben«, hatte er noch am selben Tag gesagt. »Maria Magdalena war ein liederliches Frauenzimmer. Von jetzt an nennen wir dich bei deinem zweiten Vornamen. Hast du das verstanden, Levke?«
   »Ja, Onkel.«
   Die Arbeit, die sie zu verrichten hatte, war schwer. Bei geringfügigen Vergehen setzte es Prügel. Beim Onkel besonders beliebt, waren Hiebe mit dem Stock. Levke lernte schnell, was erlaubt und was Unrecht war, sie blieb stets auf der Hut. Aber sie hatte ein Dach über dem Kopf und man gab ihr zu essen. Dennoch hielt sich ihre Dankbarkeit in Grenzen, bedingt durch die Willkür ihrer Tante Lisbeth. Onkel Ruben hielt sich immerhin an Regeln – wenn dies auch seine eigenen waren.
   Seine Frau blieb mit ihren Launen unberechenbar. Mal schmeichelnd sanft, mal aggressiv tobend, es fiel Levke schwer, sich darauf einzustellen.
   Das Ehepaar betrieb ein Wirtshaus in unmittelbarer Nähe zum Hafen. Genau dort – im Schankraum – hatte Levke das schallende Lachen des blonden Hünen zum ersten Mal vernommen. Als sie sich umwandte, sah sie in ein Gesicht, in das die Zeit bereits ihre Spuren gegraben hatte. In den hellblauen Augen allerdings blitzte der Schalk.
   »Was stehst du da und starrst unsere Gäste an?« Tante Lisbeth packte Levkes Ohr und zog daran, bis ihr Tränen in die Augen schossen.
   Der Humor in den hellblauen Augen des Kapitäns verwan-delte sich zu Eis. »Sie soll mir ein Bier bringen«, polterte er.
   »Ein Bier, kommt sofort.« Ihre Tante wischte sich die Hände an der schmutzigen Schürze ab. Sie zapfte das Bier und brachte es persönlich an den Tisch des Mannes. Der griff sich den Krug und stellte sich dabei so ungeschickt an, dass sich der Gerstensaft über den Rock ihrer Tante ergoss. Rasch wandte sich Levke ab, bevor ihr schadenfrohes Grinsen sie noch verraten konnte.
   »Ach herrje – die Gicht …« Sein Gesichtsausdruck strafte die Worte Lügen. Ihm tat das Missgeschick kein bisschen leid.
   »Kein Problem, der Herr«, zischte ihre Tante mit verkniffenem Gesichtsausdruck.
   Am nächsten Morgen, nach dem Einkauf auf dem Markt, traf Levke ihn in einer der engen Gassen wieder.
   Er erkannte sie sofort, grüßte freundlich und nahm ihr ohne ein Wort den schweren Korb ab.
   War es da ein Wunder, dass sie sich in ihn verliebte? Es störte sie nicht, dass er mehr als doppelt so alt war wie sie. Von den jungen, draufgängerischen Burschen hielt sie ohnehin nicht viel.
   Als sie sich das nächste Mal begegneten, lag Levke im Dreck und versuchte, den Schlägen ihrer Tante auszuweichen. Sie war mit dem Korb frisch gewaschener Wäsche ausgeglitten.
   Der Kapitän half ihr auf die Beine. Rasch zog sie die wollenen Strümpfe hoch und richtete ihre Röcke.
   »Gnädige Frau, das Mädchen wurde geschubst. Ich habe es genau gesehen. Übrigens wartet der Kutscher der Brauerei vor dem Haus«, wandte sich der Kapitän an Tante Lisbeth.
   »Jesus und Maria, warum kommt immer alles zur gleichen Zeit?«
   »Warum tun Sie das?«, wollte Levke wissen, nachdem ihre Tante verschwunden war.
   Der Kapitän sah sie nur fragend an.
   »Sie wissen genauso gut wie ich, dass mich niemand geschubst hat.«
   »Könnte doch sein, dass es sie versöhnlicher stimmt, wenn sie weiß, dass es nicht deine Schuld ist.«
   Levke stieß ein Schnauben aus. »Die Umstände kümmern sie wenig.«
   »Ist der alte Drache mit dir verwandt?«
   Jetzt musste Levke lachen. Sie nickte. »Möchte wissen, warum sie sich so aufregt. Schließlich bin ich es, die immer die Wäsche wäscht. Jetzt muss ich noch mal ran.«
   »Ich könnte dir zur Hand gehen.«
   »Besser nicht. Gibt bloß wieder böses Blut.«
   »Wie heißt du, Mädchen?«
   Sie nannte ihm ihren Namen.
   »Ich bin Jochen Krömer. Eigentlich Joachim – aber meine Freunde nennen mich Jochen.«
   »He, Sie da!« Tante Lisbeth näherte sich mit hochrotem Gesicht.
   »Spuckt der Drache Feuer oder sieht sie immer so aus?« »Oje.« Levke sank der Mut.
   »Von wegen, der Brauereikutscher ist da. Was fällt Ihnen ein? Ihre Sorte kenne ich – Kapitän hin oder her. Sie stellen meiner Nichte nach, und ehe man sich’s versieht, muss ein weiteres Maul durchgefüttert werden.«
   »Ihres sollte man stopfen.« Jochen sah Levke seelenruhig an.
   Sie errötete.
   Fünf Wochen später war sie mit Jochen Krömer verheiratet. Zu diesem Zeitpunkt war er seit zwei Tagen Kapitän ade.
   Mit einem der Handelsschiffe reisten sie über die Nordsee nach Deutschland. In Hamburg gingen sie von Bord und fuhren mit der Eisenbahn nach Berlin. Über das Wochenende waren sie Gäste eines ehemaligen Admirals der Handelsmarine. Von Berlin aus ging es weiter nach Rathenow. Dort erwartete sie eine Droschke. Sie rumpelten über Land, schließlich bog das Gefährt in die Havelstraße ein, die rechts und links mit herrlichen Lindenbäumen gesäumt war.
   »Da sind wir.«
   Nein, sie träumte nicht. Während Jochen das Gepäck hineintrug, betrat sie den Hof zu ihrem neuen Zuhause. Zur Straße hin war das Anwesen durch eine rote Klinkermauer geschützt. Der Sims – glasierte, schräg gestellte Steine – glänzte moosgrün in der Sonne. Die gemauerten Pfeiler bildeten einen Turm, der mit einem Dach aus denselben glasierten Steinen versehen war. Links wurde das Grundstück durch die Havel begrenzt. Etwa in der Mitte der Mauer lag ein kunstvoll gearbeitetes Eingangsportal. Unweit des rechten Hausgiebels befand sich das Nachbarhaus. Hinter dem Hof lag eine Wiese in frischem Grün, auf der drei Kühe grasten. Levke lächelte.
   »Das Frühjahr ist die schönste Jahreszeit. Herzlich willkommen.« Eine Frau in einem schlichten grauen Kleid stellte sich ihr als die Hausangestellte vor. »Niemals ist das Gras von einem saftigeren Grün als jetzt.«
   »Stimmt. Und wie zauberhaft sich die Blüten des Löwenzahns davon absetzen«, murmelte Levke mehr zu sich.
   »Meine Großmutter nannte sie immer Maistöcke. Ich tue es auch.«
   »Klingt viel schöner als Löwenzahn«, gab Levke zu.
   »Kommen Sie, ich habe eine Erfrischung zubereitet. Die Reise war sicher anstrengend.«
   Ihr hatte sie wenig ausgemacht, aber Jochen schien erschöpft zu sein.
   In den folgenden Tagen tat er nicht viel mehr, als vom Bett in den Hof zu gehen, und sich im Schatten des Fliederbusches auszustrecken.
   Während ihr Mann ruhte, machte sich Levke mit dem Haushalt vertraut.
   Am späten Nachmittag spazierten sie oft gemeinsam durch das Dorf. Zu diesem Zweck hakte sich Levke bei Jochen unter. Sie genoss es, Seite an Seite mit ihm den entgegenkommenden Leuten einen Gruß zu entrichten. Das Örtchen gefiel ihr auf Anhieb. Sowohl die Havelstraße mit den Schatten spendenden Lindenbäumen als auch die kleine Gasse, in die sie bogen, erkor sie zu ihren Lieblingsrouten. Dennoch führten ihre Wege sie auch zum Berg, an dessen Fuß sich ein Birkenwäldchen befand. Oder zur Mühle aus gelbem Backstein am Uferweg. Schlugen sie von der Schenke aus die Richtung zur Mühle ein, erreichten sie zunächst die Ziegelei mit ihrem großen Schornstein.
   Seltsam, dass Levke das Gefühl, schon einmal dort gewesen zu sein, einfach nicht abschütteln konnte. Beim Betreten der Bäckerei Schrammer, die sich im Mühlenhof befand, erging es ihr ähnlich. Frau hinter der Ladentheke begrüßte sie freundlich. Längst hatte sich herumgesprochen, dass der Kapitän heimgekehrt war und seinen Lebensabend im Ort verbringen wollte – gemeinsam mit seiner hübschen, jungen Frau.
   Levke erstand ein Brot und frische Hefe und machte sich wieder auf den Nachhauseweg. Gerade rumpelte ein Pferdegespann heran. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie der Bäcker und der Kutscher Mehlsäcke abluden.
   Jochens Zustand hatte sich kaum gebessert. Levke hätte ihn gern zu einem Arzt geschickt, doch davon wollte er nichts wissen. Schließlich konnte sie ihn zu einem Kompromiss überreden. Die Kräuterfrau der Gegend sollte helfen.
   Die Haushälterin Adelheid, genannt Heidi, hielt große Stücke auf sie und suchte sie auf. In Levkes Vorstellung war die Kräuterkundige steinalt mit schlohweißem Haar, knotigen Fingern und einem Buckel. Am nächsten Morgen erschien eine Frau auf dem Hof. Sie war weder jung noch alt und hatte ihr krauses, kastanienbraunes Haar zu einem langen Zopf geflochten. Ihr Gesicht war so unglaublich schön, dass Levke schwor, nie ein hübscheres gesehen zu haben. Die zarten Sommersprossen auf der sonnengebräunten Haut unterstrichen diese Wirkung noch.
   »Man nennt mich Jordis. Für einige bin ich die Kräuterfrau, für die anderen eine Hexe«, sagte sie und lachte.
   Jemand, der so schön war, konnte gewiss keine Hexe sein. In den graugrünen Augen lagen Wärme und Güte, das erkannte Levke auf Anhieb. Sie zeigte der Frau den Weg zum Schlafzimmer, wo Jochen noch immer im Bett lag. Jordis machte sich rasch ein Bild über seinen Zustand. Sie empfahl eine Fastenkur, regelmäßige Darmreinigungen und Ruhen mit einem kalten Leberwickel. Mit Heidi besprach sie den Speiseplan, der hauptsächlich aus verschiedenen Tees, pürierten Gemüsesuppen und Getreidebrei bestand.
   Tatsächlich schien es Jochen besser zu gehen. Trotzdem fand Levke ihn eines Nachmittags auf der Bank unter dem Fliederbusch und wähnte ihn schlafend. Als er später immer noch nicht reagierte, begriff sie, dass sie längst zur Witwe geworden war.

2.
An der Kudix Laake

Jochen hatte ihr das Kapitänshaus, den Grund und Boden sowie Wertpapiere, ein Bankkonto und etwas Barschaft hinterlassen. Sie war, stellte sie es klug an, gut versorgt. Doch gegen Levkes Kummer half das wenig. Jetzt erst begriff sie, dass ihre Ehe nie vollzogen worden war.
   Ob das auch an Jochens seltsamer Erkrankung gelegen hatte? Sie wusste es nicht zu sagen. Er hatte ihr jedenfalls nie beigelegen. Was auch immer das genau bedeutete. Natürlich wusste sie, dass etwas im Ehebett geschah – wohl auch außerhalb, doch nähere Erkenntnisse besaß sie nicht.
   Bestimmt hatte Jochen auf See bestattet werden wollen. Aber, bei Gott, sie brauchte es, sein Grab zu pflegen und entschloss sich daher zu einem Begräbnis. Heidi und Jordis kümmerten sich rührend um sie und halfen ihr über die ersten schweren Tage hinweg.
   Die Havelstraße ging in die Waldstraße über, in der sich der Dorffriedhof befand. Vor einundzwanzig Jahren – 1868, hatte man den Friedhof in die Dorfmitte verlegt, berichtete ihr Adelheid. Nachdem die Zahl der Dorfbewohner stetig anstieg, mittlerweile waren es über vierhundert Seelen, die hier lebten, reichte der Platz um die alte Kirche herum für die Gräber nicht mehr aus.
   Levke suchte täglich den Friedhof auf. Häufig traf sie dort einen blonden jungen Mann, was sie ungewöhnlich fand. Meist waren es Frauen, die liebevoll der Angehörigen gedachten.
   Er stand am Grab einer jungen Frau. Annemarie Schrammer. Wie sich herausstellte, war er der jetzige Bäckermeister und der Bruder der Verstorbenen. »Thure Schrammer«, stellte er sich ihr vor. »Das mit Ihrem Mann tut mir sehr leid. Sollten Sie Hilfe brauchen, ich bin gern bereit, …«
   »Danke«, murmelte Levke und war einigermaßen verwirrt, dass sie den Rest des Satzes nicht mehr mitbekam. Der Klang seines Namens und etwas im Gesicht dieses Mannes kamen ihr vage bekannt vor.
   Wenige Tage später befand Levke, dass sie eigentlich keine Haushaltshilfe mehr brauchte. Sie war bestens vertraut mit derlei Arbeiten und hatte längst gelernt, auch die Tiere auf dem Hof zu versorgen. Doch Heidis Anwesenheit hatte etwas Tröstliches.

*

Thure irrte sich nicht. Der Mann, der langsam über den Uferweg zur Mühle ging, war Silas Böttcher, der einzige Sohn der Müllersleute. Sein plötzliches Verschwinden damals hatte für ausreichend Gesprächsstoff im Dorf gesorgt. Wie lange war das jetzt her? Zwölf Jahre, genauso lange lag Annemie nun schon unter der Erde. Es versetzte ihm noch immer einen Stich, wenn er an seine einst so lebenslustige, liebenswerte älteste Schwester dachte.
   Die Müllerin war sehr krank. Bestimmt war ihr Sohn hier, um sich von seiner Mutter zu verabschieden. Ganz so, wie es sich gehörte.
   Thure betrat die Küche, wo der Mittagstisch bereits gedeckt war. Er richtete ein paar Worte an seine Mutter, erwartete jedoch keine Antwort. Seit Annemies Tod hatte sie nie mehr etwas gesagt. Ihr grenzenloser Schmerz würde sie wohl niemals loslassen, dachte er kummervoll. Es war die Tragödie der gesamten Familie. Am schlimmsten jedoch fand er die Tatsache, dass niemand mehr über seine Schwester sprach. Gerade so, als hätte es sie nie gegeben. Früher, als er noch ein Junge gewesen war, hatte er versucht, sich darüber hinwegzusetzen, aber als er das blanke Entsetzen der anderen wahrnahm, hatte er es nicht mehr über sich gebracht. Es war nicht recht, ihnen wehzutun. Also passte er sich an, gehorchte und nahm genau den Weg, den seine Eltern für ihn bestimmt hatten. Er wurde Bäcker und führte den Familienbetrieb weiter. So, wie bereits zuvor sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater es getan hatten.

Am nächsten Tag war das ganze Dorf in Aufruhr.
   Im Schuppen hinter dem kasernenartigen Gebäude, in dem die Arbeiter der Ziegelei wohnten, hatte man eine Frauenleiche gefunden – mit aufgeschlitzter Kehle. Der Ehemann der Toten hatte in seinem Schock nach Jordis geschickt. Er hegte wohl die verzweifelte Hoffnung, dass eine Kräutertinktur und ein paar Zaubersprüche seine Frau wieder zum Leben erwecken würden. In Wahrheit war er ein Trinker und viel zu besoffen, um zu begreifen, was wirklich geschehen war. Jordis hatte schließlich den Arzt geholt, der alles Weitere veranlasste.
   Zwei Polizeibeamte aus Rathenow befragten die Leute. Niemand hatte etwas Verdächtiges beobachtet oder konnte sich vorstellen, wer der armen Frau dies angetan hatte. Vorerst kamen die Ermittlungen nicht weiter.
   Aber im Dorf ging die Angst um. Man sperrte am Abend die Türen ab. Heidi warnte Levke, sich nicht immer so ganz allein hinauszuwagen. Schließlich wisse man nie. Levke schlug alle Warnungen in den Wind.

*

Levke wollte den Ort besser kennenlernen. Es störte sie nicht, dass niemand sie begleitete – im Gegenteil. Noch immer wusste sie nicht, wo Jordis wohnte. Sie wollte sie besuchen und nach einem Beruhigungstee fragen. Seit einigen Tagen schlief sie schlecht und wurde von bösen Träumen heimgesucht. Bestimmt wusste die Kräuterfrau Rat.
   Sie verließ die Waldstraße und bog ab, um über die Wiesen zu laufen. Mit einer kleinen List war es ihr gelungen, aus Heidi den Weg zur Kudix Laake herauszubekommen. Die Kudix Laake war ein kleiner Pfad, gerade mal fußbreit, der vor dem Moor endete – direkt mit der Kate. Vor dem Häuschen befand sich ein Garten, in dem Jordis Gemüse und Kräuter anbaute. Er war an drei Seiten von einer Totholzhecke umgeben. Die Pforte markierte ein Apfelbaum, dem gegenüber ein Wildrosenstrauch stand.
   Levke schlüpfte zwischen beiden hindurch und ging auf das grün gestrichene Häuschen zu.
   »Schönen Tag, was führt dich zu mir? Ich hoffe, du bist nicht krank«, wurde sie freundlich begrüßt.
   »Nein, nur neugierig«, gab Levke zu. »Ich habe dir etwas mitgebracht.« Sie reichte der Kräuterfrau ein kleines Bündel, das sie mit einer Schleife versehen hatte. »Ein Dankeschön für die Mühe, die du dir in der letzten Zeit mit mir gemacht hast.«
   »Die Adelheid hat mir bereits Milch und Eier gegeben.«
   »Ich weiß. Das hier ist ein persönliches Geschenk«, meinte Levke plötzlich schüchtern.
   »Darf ich dir etwas anbieten? Ein Glas Waldmeisterlimonade vielleicht? Es ist sehr warm heute.«
   Levke folgte Jordis ins Innere der Kate, wo es angenehm nach Kräutern und Seife roch. Auf dem großen Tisch stand ein Tonkrug, der mit einem Leinentuch abgedeckt war.
   Jordis schenkte ihnen ein und löste das Schleifenband. »Wie hübsch, was ist das?« Sie wendete ihr Geschenk von der Vorder- auf die Rückseite.
   »Topflappen, ich habe sie selbst genäht«, verkündete Levke.
   »Natürlich, da hätte ich auch selbst drauf kommen können. Wie nennt man diese Handarbeitstechnik?«
   Levke war sichtlich stolz auf sich. »Patchwork und Quilting, ich habe es von einer ehemaligen Sklavin aus den Kolonien gelernt. Sie war Dienstmädchen im Nachbarhaus in Amsterdam, wo ich herstamme. Man verwendet für Kissen, Decken oder Wandbehänge alte Stoffreste, verbindet diese mit einer Naht, unterfüttert alles und heftet die Rücklage mit den anderen Schichten zusammen. Hinterher werden alle Teile nach einem Muster gesteppt.«
   »Hast du mehr solcher Näharbeiten?«
   Levke nickte. »Eine ganze Truhe voll. Du kannst dir gern alles anschauen. Komm einfach vorbei.«
   »Das werde ich.« Sie nahm einen weiteren Schluck Limonade. »Ich möchte ein paar Kräuter sammeln. Hast du Lust, mich zu begleiten?«
   Jordis trug einen Korb mit sich und blieb immer wieder stehen, um Hirtentäschel, Huflattich und Spitzwegerich hineinzugeben. Sie hatten einen weiten Bogen um das Dorf geschlagen. »Ich muss heute noch einige Tinkturen ansetzen. Findest du allein nach Bützer? Folge einfach diesem Pfad, dann gelangst du zur Havel. Orientiere dich am Schornstein der Ziegelei«, erklärte Jordis und warf ihren Zopf auf den Rücken.
   Wieder einmal kam Levke nicht umhin, zu bemerken, wie schön die Kräuterfrau war. Ein Wunder, dass sie mutterseelenallein an der Kudix Laake lebte.
   Jordis kastanienbraunes Haar leuchtete in der Sonne kupferrot.
   Levke war blond, was ihr irgendwie langweilig erschien.
   Jordis sah sie fragend an.
   »Entschuldige, was hast du gesagt?« Levke bückte sich, weil sie ein vierblättriges Kleeblatt entdeckt hatte.
   »Brauchst keine Angst zu haben – du bist nicht in Gefahr.«
   »Ich weiß, dass Klee nicht giftig ist«, merkte Levke an, doch als sie wieder aufsah, war Jordis verschwunden. Merkwürdig. Jetzt erst fiel ihr auf, dass sie vergessen hatte, nach einem Beruhigungstee zu fragen. Nicht so wichtig – Träume kamen und gingen.
   Levke marschierte los. Es war sehr warm. Sie hätte besser einen Strohhut aufgesetzt. Nicht, dass sie sich noch einen Hitzestich holte.
   Endlich sah sie das Wasser der Havel in der Sonne glitzern. Wie schön es hier war. Obwohl es sie wieder traurig machte, dachte sie voller Dankbarkeit an Jochen.
    Das Wasser war zu verlockend. Sie sah sich um – weit und breit keine Menschenseele. Eine gute Gelegenheit für eine Abkühlung.
   Levke schlüpfte aus ihren Holzpantinen. Sie hob ihr Kleid an, löste die Strümpfe und rollte sie hinunter. Ihre Zehen bewegend genoss sie das Gefühl feuchten Sandes unter ihren nackten Fußsohlen. Rasch verknotete sie die Säume von Kleid und Unterrock und watete in das kühle Nass. Man hört es fast zischen, lachte sie in sich hinein. Übermütig platschte sie mit den Füßen. Hoffentlich gab es hier keine Krebse. Rasch hielt sie inne, um auf die Wasseroberfläche zu starren und nach verräterischen Scheren Ausschau zu halten.
   Als sie wieder aufsah, fuhr ihr der Schreck in alle Glieder. Im Wasser stand ein Mann, mit den Zähnen hielt er ein Messer fest und er war nackt.

3.
Verdacht

Levke war vollkommen vom Schilf eingeschlossen. Niemand würde sie hier entdecken.
   Sie sollte schreien, aber der Hilferuf klemmte in ihrer Kehle fest.
   Das Wasser reichte dem Mann bis zu den Hüften. Er rührte sich nicht von der Stelle. Auch Levke stand wie erstarrt. Es schien unmöglich, auch nur einen Muskel zu bewegen. An Weglaufen war nicht zu denken. Wohin sollte sie auch rennen? Er hätte sie rasch eingeholt. »Zurück! Gehen Sie zurück – dorthin, wo Sie hergekommen sind«, verlangte sie energischer, als sie gedacht hätte.
   Seine Hand packte den Griff des Messers. »Das würde ich sehr gern, aber allmählich ist mir kalt.« Er verzog keine Miene.
   Sprach so ein Mann, der einer Frau die Kehle aufschlitzen wollte? Levke wagte es, ihn genauer zu betrachten. Der Wind spielte mit seinen dunklen, welligen Haaren. Er hatte ein wirklich hübsches Gesicht, auch wenn er sich seit mindestens zwei Tagen nicht mehr rasiert hatte. Seine Augen waren von einer Farbe, wie sie sie nie zuvor gesehen hatte. Für einen Mann war sein Mund fein geschnitten. Jetzt erst bemerkte sie, dass seine Lippen bläulich schimmerten. Sie registrierte seine harten Brustwarzen und kam zu dem Schluss, dass er tatsächlich fror. »Oh«, war alles, was ihr einfiel. Ende Mai war das Wasser der Havel noch sehr kalt, auch wenn sie im Augenblick nicht das geringste Gefühl für Temperaturen aufbringen konnte. Trotzdem brannten ihre Wangen – vor Hitze. »Kommen Sie lieber raus, bevor Sie sich noch eine Lungenentzündung holen. Damit ist wirklich nicht zu spaßen«, gab sie zu bedenken.
   »Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Auch das würde ich gern, aber …«
   »Sie sind nackt«, sprach Levke ihren Gedanken aus.
   »Splitterfaser«, meinte er trocken. Um seine Mundwinkel zuckte es. Er trat einen Schritt auf sie zu, sodass das Wasser seine Lenden nur noch notdürftig bedeckte.
   Levke entfuhr ein Laut, der Entsetzen und Verzückung gleichermaßen hätte bedeuten können. Rasch drehte sie sich um, schnappte sich Strümpfe und Holzpantinen und rannte so schnell sie konnte durch das Gras. Mühelos fand sie den Weg und hastete dem Schornstein der Ziegelei entgegen. Hin und wieder drehte sie sich um. Der Mann folgte ihr nicht.

*

Thure stand am Fenster und warf einen Blick auf den Innenhof der Mühle. Silas Böttcher schlenderte vorbei. Er trug keine Schuhe. Von Arbeit schien er nicht viel zu halten. Ein Wunder, dass der alte Böttcher noch nicht tobte – bei seinem aufbrausenden Temperament. Soviel Thure wusste, wollte der Müller immer noch, dass Silas die Mühle übernahm, doch der machte nicht die geringsten Anstalten. Der Himmel mochte wissen, womit er sich in den letzten Jahren seinen Lebensunterhalt verdient hatte. Schenkte man der alten Meta Glauben, war Silas mit einem geschulterten Seesack aus der Kutsche gestiegen. »Wenn man vom Teufel spricht«, murmelte Thure, als Meta auf die Mühle zuschlurfte.

*

Silas saß auf der Bank und rieb sich den Sand von den nackten Sohlen. Im Schatten zu seinen Füßen lag der Kurzhaardackel Seppl. Die Schnauze hatte der Hund auf seine Vorderpfoten gebettet und beobachtete das Geschehen interessiert. Der weiße Fleck auf seiner Stirn erinnerte entfernt an ein Dreieck und verlieh dem Tier einen intelligenten Gesichtsausdruck.
   »Silas, dien Hund hett Menschenverstand, glaubs nur.«
   Er nickte, enthielt sich aber jeden Kommentars.
   »Wie ist es dir in der Zwischenzeit ergangen? Lange her, dass du der armen Annemie, Gott hab sie selig, hinterhergestiegen bist. Bist verheiratet?«
   Meta ließ wirklich noch immer nichts anbrennen. Über ein Detail jedes einzelnen Dorfbewohners im Unklaren zu sein, ging ihr anscheinend gegen den Strich. Den Teufel würde er tun und ihr Dinge über sich auf die Nase binden. Das alte Klatschweib sollte ihn in Ruhe lassen.
   »Silas!«
   Selten war er dankbarer, dass sein Vater nach ihm rief. »Bring dem Thure ein paar Säcke Mehl rüber. Weizen, Roggen, Dinkel und Schrot.«
   »Ich komme.« Er erhob sich.
   »Wenn’s geht, heute noch.«
   Schon als junge Männer hatten der Bäckermeister Schrammer und sein Vater beschlossen, eng zusammenzuarbeiten. Silas’ Großvater hatte wirtschaftliche Schwierigkeiten, und als Vater die Mühle erbte, sah es übel aus. Das Anwesen, bestehend aus der Mühle, einem großen, zweigeschossigen Wohnhaus mit Blick auf die Havel und einem weiteren zweigeschossigen Bau, war kaum mehr zu halten. Die Häuser waren L-förmig angeordnet und aus gelben Klinkern hochgezogen worden. Vater hatte die Idee, den Bäckermeister auf den Hof zu holen. Im Erdgeschoss des Wohnhauses richteten sie die Bäckerei ein. Gleich nebenan eine Gesindeküche, in der man oft zusammensaß. Darüber zog der Bäckermeister mit seiner jungen, schwangeren Frau ein. Auf der anderen Seite des Hauses lebte Silas’ Familie. Das Gesinde und die Lagerräume waren im zweiten, dem separaten Gebäude, untergebracht. Oft schmiedeten die Männer bei einem Schnäpschen gemeinsam Pläne und es war längst beschlossene Sache gewesen, dass Annemie, die Erstgeborene der Bäckersfamilie, und Silas heiraten würden. Immerhin der sicherste Weg, beide Familien noch inniger miteinander zu verbinden. Aber alles war anders gekommen.
   Mürrisch zerrte sein Vater an einem Sack.
   »Lass mich das machen, Vater.« Silas packte zu und warf sich den Sack fast mühelos über die Schulter.

*

Thure, der noch immer am Fenster stand, sah Silas kommen. Eilig öffnete er die Tür zur Backstube und wies mit dem Zeigefinger den Weg. »Dort entlang.«
   »Hab’s nicht vergessen.« Silas setzte den Sack ab.
   »Warst du angeln?« Immerhin hatte Thure gesehen, dass Silas mit der Rute in der Hand den Hof betreten hatte.
   »Nein, nur spazieren.«
   »Aber …« Thure brach ab und öffnete stattdessen den Sack, als wollte er die Qualität des Mehls prüfen. Beinahe hätte er preisgegeben, dass er den Müllersohn beobachtet hatte.
   Kurz verhakten sich ihre Blicke miteinander.
   »Die Angel lag im Schilf, wahrscheinlich hat sich der Haken verfangen. Wie auch immer, in der Sehne hatte sich ein Schwan verheddert. War nicht leicht, ihn zu befreien.«
   »Die Viecher können ziemlich garstig werden.« Thure nickte. »Ich sag den Kindern meiner Schwestern, dass sie besser auf ihr Zeug achtgeben sollen. Hinten am Eichqueder?«
   »Noch ein ganzes Stück weiter.«
   »Himmeldonnerwetter, diese Bengel treiben sich überall rum.«
   »Warst du anders?« Silas sah ihn spöttisch an.
   Thure überging das. »Bist du vom Land aus rangekommen? Sollte mich wundern.«
   »War unfreiwillig baden.«
   »Dachte ich mir. Wie kalt ist das Wasser?«
   Statt zu antworten, deutete Silas eine höchstens fünf Zentimeter breite Spanne zwischen Daumen und Zeigefinger an.
   Jetzt war es Thure, der spöttisch auflachte. »Die Meta kann einem ganz schön den Nerv töten«, fuhr er schließlich fort.
   Silas’ Blick verfinsterte sich. »Halt dich aus meinem Leben raus!« Er drehte sich um und verließ die Bäckerei.
   Plötzlich stand die alte Klatschbase im Raum. Wie lange mochte sie sich unbemerkt in die Ecke gedrückt haben?
   »Der hat eine Art an sich.« Sie schüttelte missbilligend den Kopf. »Denkt vielleicht, er ist was Besseres, der Silas Böttcher. Mach dir nichts draus, Thure. Wer so spricht, der hat was zu verbergen. Ist ein Teufelskerl, der Silas. Mit dem nimmt es noch mal ein böses Ende, glaub mir.«
   Für seinen Geschmack war Meta zu garstig, zumal sie wie auf Bestellung über jeden etwas Schlechtes zu sagen wusste. In einem Punkt musste er der Alten aber recht geben. Auch er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass Silas etwas zu verbergen hatte. Er würde es herausbekommen, koste es, was es wolle.

*

Jordis war es gelungen, Karl Felder auf seinem Weg von der Ziegelei nach Hause abzufangen. Dafür hatte sie ihm hinter einem der Büsche regelrecht auflauern müssen, doch ungewöhnliche Situationen erforderten eben manchmal besondere Maßnahmen.
   Das Gesicht des Mannes war ausgezehrt. Er blickte sie aus trüben Augen an. Immerhin war er halbwegs nüchtern. Karl trank stets erst nach Feierabend.
   »Jesus, Maria und Josef, musst du mich so erschrecken?« Er deutete eine Bekreuzigung an.
   Sie log nicht gern, daher tat sie gar nicht erst so, als täte es ihr leid. »Wie kommst du zurecht?«
   Karl glotzte nur.
   »Deine Frau ist gerade mal vier Tage tot und schon lässt du die Kinder allein.«
   »Wir brauchen jeden Pfennig«, verteidigte sich der Mann, dessen Frau man mit aufgeschlitzter Kehle gefunden hatte.
   »Ja, vor allem, wenn man das meiste Geld versäuft.«
   »Was fällt dir ein?« Wütend sah Karl sie an.
   Es machte ihr nicht das Geringste aus. »Hast du deiner Frau geholfen?«
   »Wobei?«
   »Genau das ist die Frage.«
   Karl blieb kurz stehen. Einen Lidschlag lang konnte sie ihm direkt in die Augen sehen, dann huschte sein Blick davon. Doch Jordis hatte darin gelesen, was sie wissen wollte. »Du hättest sie zu mir schicken sollen.«
   »Damit du sie gegen mich aufwiegeln kannst, du Hexe.«
   Es war sinnlos. Der Kerl hatte längst sein bisschen Verstand versoffen. »Dafür sorgst du ganz allein.« Diesen Satz hatte sie sich nicht verkneifen können. Bevor sie ihn stehen ließ, reichte sie ihm ein Glas Akazienhonig und ein Tuch, in das sie Salbeibonbons gewickelt hatte. »Gib das deinen Kindern, hörst du? Ich bete für deine Frau.«
   »Mach das lieber für deine eigene Seele, Weib.«
   Für die Geschenke bedankte er sich nicht.

4.
Quilts

Jordis lief zum Kapitänshaus. Sie wollte sich von Levke die Handarbeitstechnik zeigen lassen, die diese aus Holland mitgebracht hatte. Zu diesem Zweck trug sie in ihrem Korb Nähzeug und verschlissene Blusen. Auch Heidi und Thures älteste Schwester Babsi wollten sich die Unterweisung nicht entgehen lassen. Babsi, die in der Bäckerei ihres Bruders verkaufte, hatte nur vom Hörensagen durch Heidi von den Quilts der Kapitänswitwe erfahren. Sie war stets freundlich und offen, auch den Zugezogenen gegenüber, und hatte Levke einfach danach gefragt.
   Jordis setzte sich mit den Frauen auf das Sofa. Sie nippte an dem angenehm süßen Kräutertee.
   Levke klappte den Deckel der Truhe hoch und zog den ersten Quilt heraus. »Dies ist mein Lehrstück, ein sogenannter Sampler, der aus den unterschiedlichsten Musterblöcken besteht.«
   Jordis und die anderen bestaunten den Quilt und fuhren mit den Fingern die gesteppten Nähte nach.
   »Das ist ja außerordentlich. Und wie die Farben wirken.« Babsi blieb der Mund offen stehen.
   Der nächste Quilt war wild aus den unterschiedlichsten Stoffresten zusammengesetzt worden. Die Vorgabe eines festen Musters war beim besten Willen nicht zu erkennen. Auffällig an diesem Stück war, dass man sämtliche Nähte mit einer Vielzahl von Zierstichen bestickt hatte. »Wie geht das bloß?«, rief Jordis aus.
   »Das Herstellen eines Quilts ist nicht nur reines Handwerk, um zweckmäßige Decken zu nähen«, erklärte Levke. »Hier fließt alles mit ein, was eine Quilterin fühlt, erlebt, empfindet. Ist sie verliebt und glücklich, wählt sie andere Farben, als wenn sie traurig wäre.« Levke bückte sich, um einen weiteren Quilt aus der Truhe zu ziehen.
   Hier hatte sie auf ungebleichter Baumwolle Motive im Stil eines Baltimore-Albums appliziert. Jordis betrachtete fasziniert die bunten Vögel, Lilien, einen Korb voller Blumen, ein Füllhorn mit Erntedankgaben, Herzen, Granatäpfel und einen Kranz aus Trichterwinden. »Es sieht aus wie aufgeklebt.« Sie berührte die grünen Blätter der Blumenmotive.
   »Kleine Stiche, ein Faden in der Farbe des zu applizierenden Teils und eine bestimmte Art, die Nadel einzustechen, sind das ganze Geheimnis. Jeder kann das lernen«, erklärte Levke eifrig. »Es wäre eine herrliche Aufgabe für mich, falls wir uns zu einer regelmäßigen Quiltrunde einfänden.«

5.
Tagebuch

Thure entwich ein Keuchen, als er den schweren Korb vor sich abstellte. Die Stiege zum Dachboden war so schmal, dass er die Wand mit der Schulter streifte, als er sich vorbeugte, um die Tür zu öffnen. Sie schwang leise quietschend auf.
   Er schnappte sich erneut den Korb mit den ausrangierten Laken, die seine Mutter dennoch aufbewahren wollte, wischte ein Spinnennetz beiseite und kniff die Augen zusammen, bis er sich an das schummrige Licht gewöhnt hatte. Langsam schweifte sein Blick umher auf der Suche nach einer freien Stelle zwischen all dem Gerümpel.
   Aus unerfindlichem Grund verspürte er eine gewisse Unruhe, bis ihm auffiel, was ihn so aus der Fassung brachte.
   Da lagen Annemies Kleider und Schürzen auf einem Stapel, ein Sommerhut, zwei Paar Schuhe, daneben eine kleine Truhe, die er noch kannte. Sie enthielt ihre Aussteuer. Offenbar hatte Mutter nicht gewollt, dass die Sachen auf seine Schwestern verteilt wurden.
   Thure wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht und versuchte, nicht nur Staub und Schweiß, sondern auch die trüben Gedanken wegzuwischen. Er war schon lange nicht mehr hier oben gewesen, es musste Jahre her sein. An Annemies erstem Todestag? Ein paar Wochen später, als sie achtzehn Jahre alt geworden wäre, noch einmal. Er war zu diesem Zeitpunkt knapp neun gewesen. Sein Blick fiel noch einmal auf die Truhe. Er kniete sich hin und hob den Deckel. Obenauf lag ein Umschlagtuch aus edlem Material. Es musste sich um ein Geschenk handeln. Thure zog es beiseite. Er sah Wollstrümpfe und bestickte Taschentücher, Nachthemden, Unterröcke, Strumpfgürtel … Gott, er konnte unmöglich in der Unterwäsche seiner toten Schwester herumwühlen. Hastig zog er seine Finger fort, als hätte er sich verbrannt. Er ordnete alles, so gut es ging, zog das Umschlagtuch glatt und schloss den Deckel. Der Schrank hatte früher in Annemies Kammer gestanden. Als einzige der Mädchen hatte sie ein eigenes Zimmer gehabt. Das, in dem er jetzt wohnte. Irgendwann in den vergangenen Jahren hatte er darauf bestanden, die Kammer zu beziehen. Er liebte all seine Schwestern, aber mit Annemie verband ihn etwas Besonderes, sogar über den Tod hinaus. Dort, in ihrem ehemaligen Zimmer, fühlte er sich ihr am nächsten. Manchmal glaubte er, sie stände hinter ihm. Nicht, dass sie etwas sagte, es war eher so, als bewegte sich die Luft im Raum. Anfangs, als er dieses Phänomen das erste Mal wahrnahm, hatte er sich hastig umgewandt, um einen Blick auf ihren Geist zu erhaschen. Natürlich Blödsinn, es war ihm nie gelungen. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, reglos zu verharren, wollte er diesen kostbaren Moment hinauszögern. »Ich hab dich sehr, sehr lieb, Annemie«, flüsterte er dann. Manchmal erhielt er Antwort, indem es im Gebälk laut knackte. Oder zumindest bildete er sich ein, dass sie so ihre Scherze mit ihm trieb. Es passte zu ihr.
   Der Schrank auf dem Dachboden verfügte über ein Schubfach, das Thure aufzog. Hier lag der übliche Krimskrams. Von der Hutnadel über eine Brosche, Handschuhe, ein Paar holländische Holzpantinen bis hin zu gesammelten Schätzen aus der Kindheit war alles dabei. Zu diesen gehörten ein Stein mit einem Loch, Muscheln, getrocknete Blüten roten Klees, ein Jahrmarktlos, ein leuchtendes Bonbon und diverses Stanniolpapier – sorgfältig geglättet, ein Pfennigstück und eine dunkle Locke. Wem mochte die wohl gehört haben? Sie wurde in einem eigenen Briefkuvert aufbewahrt. Als er die Lade wieder zuschieben wollte, ließ sie sich nicht schließen. Er drehte die Holzpantinen um und las flüchtig: von Levke. Doch diese hatten sich nicht verklemmt. Thure ging nochmals in die Knie und versuchte es erneut. Nichts zu machen. Er zog das Schubfach ganz heraus, stellte es auf den Boden und fuhr mit den Händen in den verbliebenen Hohlraum des Schranks. Seine Finger ertasteten an der Rückwand einen rechteckigen Gegenstand. Er zog ihn heraus und staunte nicht schlecht. Zum Vorschein kam ein in Leinen gebundenes Tagebuch. Annemies Tagebuch. Er schluckte vor Aufregung.
   Jetzt erst bemerkte er, dass aus dem hinteren Teil des Schubfaches ein Stück herausgesägt worden war. Also hatte sich seine Schwester extra ein Versteck geschaffen. Wer ihr wohl dabei geholfen hatte? Ein Geheimfach war typisch für Annemie. Im Geiste hörte er ihr fröhliches Gelächter, als machte sie sich geradewegs lustig über ihn. Wenn ihr ein solches Versteck so ungemein wichtig war, standen wohl auch einige Heimlichkeiten in dem Buch. Er hatte Skrupel, es zu öffnen, doch seine Neugier überwog.
   Wenn du dieses Tagebuch unbefugt liest, soll dich sofort der Schlag treffen!, stand in schön geschwungenen Lettern auf dem ersten Blatt.
   Er verzog den Mund zu einem Grinsen. »Nun, ich hoffe, das meinst du nicht ernst.«
   O doch, das gilt besonders für dich, Thure Schrammer – du verflixter Lausebengel.
   Vor Schreck fiel ihm das Tagebuch aus den Händen. Sie konnte doch unmöglich wissen, dass … Quatsch, beruhigte er sich selbst. Wie Geschwister es taten, hatten sich auch sie beide gegenseitig geneckt. Annemie musste ebenfalls eine besondere Zuneigung zu ihm gehabt haben. Da war er sich ganz sicher. Einerseits könnte es daran liegen, dass er das jüngste Kind, andererseits aber auch, weil er der einzige Junge in der Familie war. Wie auch immer, sie beide standen sich einfach am nächsten. Eine logische Erklärung aber gab es dafür nicht. Rasch hob er das Tagebuch auf, pustete den Staub ab und fuhr nochmals mit den Fingern darüber. Er klappte eine x-beliebige Seite auf.
   Ich habe mich verliebt! Annemie hatte sogar ein Bildchen mit einem Herz aus Stiefmütterchen und Vergissmeinnicht hineingeklebt. Es ist ein ganz und gar herrliches Gefühl und doch auch schrecklich zugleich. Ich zähle die Augenblicke, in denen wir uns begegnen. Das ist spannend, denn er weiß nichts davon. Doch es macht mir auch Angst. Was, wenn ich ihm davon erzähle und er mich nicht mag? Unsinn – natürlich findet er mich nett. Das merkt man schließlich. Polly meint, er ist interessant. Was soll man bittschön darunter verstehen? Besser, ich halte mich zurück, sonst schnappt sie ihn mir noch vor der Nase weg. Ob es mir gelingen wird, eine Locke von ihm zu bekommen? Dann trüge ich ihn immer bei mir. Ich finde eine Lösung, verlass dich drauf, liebes Tagebuch.
   Thure stellte sich vor, wie seine Schwester energisch den letzten Punkt hineingesetzt und dabei mit der Zunge geschnalzt hatte. Die folgenden Seiten waren in ähnlichem Stil gehalten – Backfischschwärmereien der übelsten Sorte. Aber er sah es Annemie nach. Thure schlug die letzte Seite auf – sie war leer. Er blätterte zurück. Das Tagebuch endete am 7. November 1877. Zwei Tage vor ihrem Tod. Er schloss das Buch und ließ es erneut irgendwo aufklappen. Der Eintrag vom 12. Juli 1877 begann mit einem Backrezept.

Apfelbisquitkuchen:

Teig: 2 Eier, 125 g Zucker, ½ Saft einer halben Zitrone, 125 g Weizenmehl, 6 g Backpulver
Füllung: 375 g – 500 g Äpfel
Eigelb mit Schneebesen schaumig schlagen, nach und nach 2/3 des Zuckers dazugeben – schlagen, bis eine cremeartige Masse entstanden ist, dann Zitrone dazugeben. Das Eiweiß zu Schnee schlagen – zum Schluss den restlichen Zucker dazugeben. Den Schnee auf die Crememasse geben, Mehl und Backpulver darübersieben – vorsichtig unterziehen, die Hälfte des Teiges in die Form geben, die Äpfel auf dem Teig verteilen, den Rest des Teiges darübergeben.

Hiermit füge ich wieder ein Rezept zu meiner Sammlung hinzu. Vielleicht sollte ich ein extra Büchlein dafür anlegen. Besser noch nicht, die Gefahr ist zu groß, dass Papa es finden könnte. Eines Tages werde ich ihm natürlich von meinem Plan erzählen müssen. Bis jetzt weiß nur Silas davon und der ist zum Glück verschwiegen. Leider aber noch nicht vollends überzeugt. Doch darüber mache ich mir eigentlich keine Sorgen. Oh, wenn ich meine Augen schließe, sehe ich es direkt vor mir: Caféhaus und Konditorei. Na gut, vielleicht sollte ich mir einen spezielleren Namen einfallen lassen. Dafür ist ja noch genügend Zeit. Es wird in Rathenow sein, jawoll. Nicht in Berlin, dort ist die Konkurrenz viel zu groß. Silas würde Berlin den Vorzug geben. Je weiter weg von Bützer, desto besser. Ach, ich kann ihn ja verstehen. Neuerdings faselt er immer von Rache oder heimzahlen. Doch, was soll das bringen? Ich glaube, ich muss ein bisschen auf ihn aufpassen.
   Thure verzog nachdenklich das Gesicht. Annemie hatte die Bäckerei übernehmen sollen. Wenn er sich recht erinnerte, stand sie mit Feuereifer in der Backstube, um Vater zur Hand zu gehen. Wie es schien, hatte sie eigene Pläne gehabt. Davon erfuhr er zum ersten Mal. Ob sie noch Gelegenheit gehabt hatte, mit den Eltern zu reden? War es etwa zu einem Streit gekommen? So sehr er sich auch anstrengte, eine Erinnerung ließ sich nicht heraufbeschwören. Alles, was er wusste, war, dass die Tür zur guten Stube zuknallte und Annemie nach draußen rannte. Sie wurde rasch von der Dunkelheit verschluckt und kam nie mehr zurück. Redeten seine Eltern deshalb nicht mehr über sie? Weil sie fortgewollt hatte? Selbst wenn, war das für seine Schwester doch noch lange kein Grund, sich das Leben zu nehmen. Sie hatte nur so vor Lebenslust gestrotzt und besaß genug Durchsetzungsvermögen, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Warum also den Freitod wählen? Es passte nicht zu ihr, es passte ganz und gar nicht zusammen.
   28. August 1877 – ich bin todunglücklich. Er hat mir gesagt, er liebt mich – aber nicht auf die Art, wie es mir vorschwebt. Wie kann er einfach alles wegwerfen? Ich weiß weder ein noch aus.
   Die folgenden Worte konnte Thure nicht mehr recht entziffern. Einzelne Buchstaben waren verschwommen. Er nahm an, dass Annemie geweint hatte und Tränen auf das Papier getropft waren. Sein Blick glitt zum nächsten Absatz.
   Ich kann ihm für seine Ehrlichkeit nicht mal richtig böse sein. Vielleicht fällt mir noch etwas ein. Weibliche List nennt Polly das. Überhaupt macht sie in letzter Zeit so viele Andeutungen. Ich glaube, sie hat ES getan! Ist sie jetzt ein liederliches Frauenzimmer? Meta hat es mir hinter vorgehaltener Hand gesagt.
   15. September 1877 – Etwas Schreckliches ist passiert. In meiner Not bin ich zu Jordis gekrochen. Sie sagt, meine Verletzungen werden heilen. Doch ich habe Angst. Er beobachtet mich. Was, wenn es wieder geschieht? Soll ich es meinen Eltern sagen? Werden sie mir überhaupt Glauben schenken, nach allem, was in letzter Zeit geschehen ist? Papa schwört doch so auf die gute Nachbarschaft. Nie hätte ich gedacht, dass …
   »Thure!« Seine Schwester hatte die offene Tür zum Dachboden entdeckt.
   »Ich bin gleich unten.«
   »Hier ist ein Brief für dich, hätte ich fast vergessen.«
   Rasch legte er das Tagebuch in die Schublade. Er würde später noch einmal heraufgehen und es an sein Versteck legen. Ein Satz manifestierte sich in seinen Eingeweiden: Ich habe Angst. Wovor, Annemie, hast du dich so gefürchtet?

6.
Albträume

Levke mühte sich mit der schweren Milchkanne. Carl Bolle aus Berlin kaufte für seine Meierei Milch aus dem Umland auf. Wie Heidi erzählt hatte, bot er sie von einem Verkaufswagen aus den Städtern an. Ihr Neffe arbeitete als Milchjunge bei ihm. Er ging von Haus zu Haus und machte mit einer großen Bimmel auf sich aufmerksam. »Du könntest deine Milch dem Bolle zum Probieren schicken. Vielleicht nimmt er sie ja. Immerhin schmeckt sie vorzüglich. Kein Vergleich mit der Ziegenmilch, die mir Meta unlängst anbot. Pfui Teufel«, hatte Heidi gemeint, und obwohl Levke den Vorschlag begrüßt hatte, schimpfte sie nun innerlich vor sich hin.
   Wieder schleppte sie die Kanne einige Meter voran. Es war noch ein gutes Stück bis zu dem Bauern, der bereits einen Vertrag mit Bolle geschlossen hatte. Umso hoffnungsvoller richtete sie ihren Blick auf den Einspänner, der ihr entgegenkam.
   »Entschuldigen Sie bitte«, rief sie dem Kutscher zu. »Fahren Sie zufällig in Richtung des Mahlow-Hofes in der kleinen Gasse?«
   »Ich komme dran vorbei.«
   »Darf ich mitfahren? Oder würden Sie wenigstens die Kanne dort abstellen? Sie ist recht schwer.«
   Der Mann sprang vom Kutschbock.
   »Danke schön«, beeilte sich Levke zu sagen, als er ihr die Kanne abnahm und mit Leichtigkeit auf der Ladefläche abstellte. Als sie aufsah, schaute sie in ungewöhnliche Augen: violett. Aus der Nähe betrachtet waren sie tatsächlich weder dunkelblau noch braun, sondern violett, worüber sie erschrak. Es war der Kerl, der ihr schon einmal einen gehörigen Schreck eingejagt hatte. Dabei schien er harmlos zu sein – kein Grund, in Panik zu geraten, befahl sie ihrem stolpernden Herzen.
   »Keine Bange, ich habe das Messer nicht bei mir.«
   Jetzt erst begriff sie, dass sie ihn anstarrte. Bevor sie protestieren konnte, hatte er sie an der Taille gepackt und auf den Kutschbock gehoben.
   »Immerhin sind Sie heute angezogen.« Hatte sie den Satz wirklich laut ausgesprochen?
   Sein kurzes Auflachen war ihr Bestätigung genug. Schon brannten ihre Wangen vor Hitze.
   »Das war also Ihre größte Sorge? Dann haben Sie momentan nichts zu befürchten.«
   Besser, sie gab ihm darauf keine Antwort.
   Er nahm die Zügel zur Hand, schnalzte mit der Zunge und das Pferd setzte sich in Bewegung. Die Leute grüßten ihn, also war er wohl aus dem Dorf oder sie kannten ihn zumindest. Er schenkte ihnen keine große Aufmerksamkeit, wechselte außer dem Gruß mit niemandem ein Wort. Dennoch machte er auf Levke nicht den Eindruck, als hätte er es besonders eilig.

*

Levke spazierte am Havelufer entlang, es war bitterkalt. Mama hatte ihr den langen Schal umgebunden. Sie hörte einen Jungen lachen, dann war er verschwunden. Auch Mama konnte sie nirgends entdecken. Es war unheimlich, die großen Bäume machten ihr Angst. Unter dem Steg war es dunkel. Sie konnte kaum etwas erkennen. Dann war da ein Gesicht, so bleich, so tot, umrahmt von blonden Haaren. Sie wollte weglaufen, kam aber nicht von der Stelle. Jemand packte sie und hielt sie fest. Wollte er ihr das Gleiche antun wie dem toten Mädchen? Mit aller Macht versuchte sie, sich zu befreien. Trat um sich, kratzte, bis es ihr gelang. Sie schrie um Hilfe. Kurz schaute sie in einen Abgrund – in violette Augen voller Kummer und Schmerz.

Sie schrie noch immer, als Adelheid ins Zimmer stürmte.
   »Jeminee, was ist los?« Eilig griff sie nach Levkes Händen. »Ich bin da, keine Angst.«
   Schweißgebadet setzte sich Levke auf.
   Heidi wiegte sie wie ein Kind in den Armen, bis alles Zittern von ihr abfiel.
   In der Frühe mussten die Kühe gemolken werden. Anschließend suchte sie im Hühnerstall die Eier zusammen. Heidi wollte nach dem Frühstück buttern, in einem Tuch ruhte der Quark für einen Kuchen und gerade hämmerte jemand an die Haustür. Was für ein Morgen. Die Frau des Kammmachers bot ihre Waren feil. Sie hatte sich einen Bauchladen umgeschnallt und lächelte Levke freundlich und fast zahnlos an. Firma Grothe Kammmacher, seit 1848 stand auf der hochgeklappten Rückwand des Bauchladens.
   »Wir führen Holzkämme, Hornkämme und Bürsten, gnä’ Frau.« Ihre Aussprache war recht feucht, was wahrscheinlich auf die fehlenden Zähne zurückzuführen war.
   Levke trat einen Schritt zurück. Dennoch betrachtete sie die Auslage. Einer der Kämme hatte es ihr angetan.
   »Gnä’ Frau haben einen vorzüglichen Geschmack. Dieses Stück ist aus dem Holz der Elsbeere entstanden. Es ist feinporig und hart – also von besonders guter Qualität.«
   Herrje, dass es so viele Zischlaute gab. Levke hatte das Gefühl, dass es besser war, in Deckung zu gehen.
   Die Frau fuhr unbeirrt fort. »Sehen Sie die Farbe – so facettenreich und häufig auch geflammt.«
   Nun ja, Levke kaufte den wirklich schönen Kamm.
   »Und wie wäre es noch mit einer Bürste aus Wildschweinborsten?«
   »Vielleicht das nächste Mal, danke.«
   In der folgenden Nacht fielen wieder garstige Träume über sie her. Levke konnte sich keinen Reim darauf machen. Sicher würde Jordis Abhilfe schaffen können. Nach ihrem Gang zum Friedhof lief sie zur Kate an der Kudix Laake. Auf der Wiese blökten die Schafe und begrüßten sie auf diese Weise. Jordis hob den Kopf. Sie war dabei, gebundene Kräutersträuße unter dem Dachvorsprung zum Trocknen aufzuhängen.
   Levke ließ ihren Blick schweifen. »Schon wieder Hirtentäschel. Wofür ist der?«
   »Davon kann man nie genug haben«, antwortete Jordis.
   »Und was ist das in der Holzkiste dort?«
   »Berberitze.«
   »Was heilt man damit?«, fragte Levke.
   »Bist du hergekommen, um mich das zu fragen?« Jordis forschender Blick blieb an Levkes Gesicht hängen.
   Langsam schüttelte sie den Kopf. »Eigentlich nicht.«
   »Sondern?«
   »Ich träume schlecht.«
   »Was heißt das?«
   »Nun, ich wache schreiend auf und weiß nur, dass ich mich zu Tode fürchte.«
   Jordis zog die Stirn kraus. »Seit wann hast du diese Träume?«
   »Ich kann mich nicht entsinnen. Es fing wohl nach Jochens Tod an.«
   »Nicht früher?«
   »Nein, auf keinen Fall.«
   »Wovor hast du Angst, Levke?«
   Statt einer Antwort zuckte sie mit den Schultern. Tränen schossen ihr plötzlich in die Augen. Hastig wischte sie darüber.
   »Ist es, weil man die arme Maria Felder so zugerichtet hat? In dem Fall kann ich dich beruhigen.«
   Levke war einigermaßen verwirrt. »Weißt du etwas darüber?«
   »Wie sollte ich.«
   »Nun, weil du eben …« Levke suchte nach den geeigneten Worten.
   »Du bist nicht in Gefahr.« Jordis zwinkerte ihr liebenswert zu.
   »Wer dann?«
   »Niemand natürlich.«
   Levke schnitt Schnur von einer Rolle und reichte Jordis das Stück, die einen weiteren Strauß damit band.
   »Ich habe eine Teemischung für dich. Sie besteht aus Melisseblättern, Baldrianwurzel, Wermutkraut und Lavendelblüten. Übergieße sie mit heißem Wasser und lass alles eine Viertelstunde ziehen – zugedeckt. Dann seihst du es ab. Trink am besten täglich drei bis fünf Tassen davon.«
   Levke nickte und bedankte sich. Sie fühlte sich erleichtert. Bald konnten ihr die Träume nichts mehr anhaben. »Hast du schon mal davon gehört, dass einen Augen in den Bann ziehen?«, fragte sie leise.
   Jordis betrachtete sie weiterhin abschätzend. Fast so, als prüfte sie, ob sie den Verstand verlöre.
   »Entschuldige bitte«, sagte Levke hastig.
   »Nein, rede weiter. Was hat das mit den Augen auf sich?«
   »Es ist die Farbe.«
   »Die …«
   »Violett.«
   »Silas Böttcher.« Jordis zog jede einzelne Silbe in die Länge.
   »Kennst du den Mann?«
   »Ja.«
   »Schon immer?«, hakte Levke nach.
   »Er war lange fort.«
   »Warum?«
   »Woher weiß ich, was die Menschen umtreibt.«

7.
Johannisnacht

In Bützer feierte man die Sommersonnenwende wie vielerorts mit einem großen Feuer. Man traf sich auf dem Mühlenhof, wo fleißige Hände bereits Reisig und Holz aufgeschichtet hatten. Es war die Nacht vom dreiundzwanzigsten auf den vierundzwanzigsten Juni.
   Levke begleitete Heidi und entdeckte viele bekannte Gesichter. Alle schienen bester Laune zu sein. Die Kinder sangen und flitzten herum.
   »Vor dem Johannistag man Gerst und Hafer nicht loben mag. Wenn die Johanniswürmer glänzen, darfst du richten deine Sensen.«
   Babsi begrüßte sie stürmisch. »Levke, schön, dass du da bist. Ach, da fällt mir ein, ich wollte schon längst so einen Musterblock genäht haben. Aber dann …«

*

Thure zuckte bei dem Ausruf seiner Schwester zusammen. Levke! Wo war er nur schon mal darüber gestolpert? Immerhin war der Name nicht gerade verbreitet.
   Der alte Müller reichte ihm ein Gläschen Selbstgebrannten, den er sofort hinunterkippte. Thure spürte den stechenden Blick seiner Mutter im Rücken. Er wandte sich um und sah, dass er richtig lag. Wie immer sprach sie kein Wort. Dennoch war sie beunruhigt, er las es in ihrem Gesicht. Böttcher füllte ihm das Glas erneut, schlug ihm auf die Schulter und dröhnte mit rollendem R: »Trink, min Jung! Die Nächte werden wieder kürzer. Was kann man in den dunklen Stunden nicht alles treiben?« Er beugte sich tiefer zu ihm, sodass Thure der alkoholträchtige Atem entgegenschlug. »In Rathenow gibt es ein Etablissement mit ganz entzückenden Damen. Genau das Richtige für Grünschnäbel wie dich. Sag mir einfach Bescheid, wenn’s dich danach gelüstet! Ich nehme dich unter meine Fittiche.«
   »Ja, nun …«
   »Keine Sorge, die Kosten übernehme ich für das erste Mal. Wird langsam Zeit, oder nicht?« Er lachte, bis ihm die Tränen kamen.
   Das Feuer brannte jetzt lichterloh. Manchmal hasste Thure es, in einem Dorf zu leben, in dem jeder jeden viel zu gut kannte. Doch wie schon Annemie, die ihre Geheimnisse in ein Tagebuch geschrieben und sie so bewahrt hatte, war es auch ihm gelungen, Dinge über sich zu verbergen. Seine sexuellen Erlebnisse gingen schließlich niemanden etwas an. Der alte Böttcher irrte in seiner Annahme, Thure wäre unerfahren und müsse erst noch richtig angelernt werden. Er lachte in sich hinein. Sollte der Müller doch denken, was er wollte. Er, Thure Schrammer, gehörte zu der Sorte Mann, die genoss und schwieg. Und war das nicht auch viel ehrenhafter, als den Prahlhans zu geben? Obwohl es Thure schüttelte, kippte er den nächsten Wacholderschnaps hinunter. Was für ein Fusel. Ob der Böttcher Silas auch zu einer Hure geschleppt hatte, damit er zu einem Mann gemacht wurde? Gut möglich. Silas – schon war er wieder bei dem Grund, weshalb er heute seinen Frust im Alkohol ertränken wollte. Thure war erneut auf dem Dachboden gewesen. Etwas schien anders zu sein, hatte er sogleich bei sich gedacht. Aber noch immer vermochte er nicht zu sagen, was genau das war.

20. September 1877 – Egal, was passiert ist – ich werde es durchziehen. Habe ein neues Rezept – Jordis hat es mir gegeben. Es stammt von ihrer Großmutter.

Kartoffelkuchen

1 Pfund Kartoffeln, ¾ Pfund Zucker, ¾ Pfund Weizenmehl, 2 TL Natron, ½ Pfund Kartoffelmehl, 1 Ei, 1 EL Butter

Die Kartoffeln am Abend zuvor kochen und kurz vor dem Gebrauch reiben. Den Teig so fest kneten, dass man ihn gut ausrollen kann, dann mit Marmelade einstreichen und zusammenrollen.

Meine körperlichen Wunden heilen – so, wie Jordis es vorausgesagt hat. Dennoch geht es mir schlecht. Ich muss fort. Es ist schwer zu ertragen, Silas jeden Tag zu sehen und ihm in die Augen zu schauen. Ich schäme mich so. Mutter wird es als Schande bezeichnen, von Papa ganz zu schweigen. Und erst all die Leute im Dorf. Niemand wird mir glauben, dass ich all das nicht gewollt habe. Nur Jordis natürlich. Ich staune, wie weise sie ist, dabei ist sie noch recht jung für eine Kräuterfrau. Sie zu verlassen wird mir sehr schwerfallen. Aber es muss sein. Silas – er ist der Einzige, der mir wirklich helfen könnte. Nie hätte ich gedacht, dass er mich einmal so im Stich lassen würde.
   Seine Schwester könnte also noch leben, kam Thure zu dem Schluss. Hätte Silas auch nur einen Finger gerührt. Entschlossener denn je würde er der Sache auf den Grund gehen.
   Er beobachtete das Treiben auf dem Hof. Für den Bruchteil einer Sekunde erfasste ihn das Gefühl, nicht zu all den Leuten hier zu gehören. Zurück blieb unterdrückte Wut. Die Kinder sangen immer noch ihre Lieder und Meta schlurfte zu Silas hinüber, der sich mit der Kräuterfrau unterhielt – sieh an. Thure schob sich langsam näher.
   »Da ist Levke, die Witwe des Kapitäns«, erklärte Jordis und machte eine Andeutung in deren Richtung.
   »Die kleine Holländerin.«
   »Dann seid ihr euch bereits begegnet?«
   »Sie lief mir flüchtig über den Weg. Immerhin ist das hier ein Dorf.«
   »Alter Zyniker.«
   Silas seufzte leise.
   »Lass sie in Ruhe«, bat Jordis.
   »Was soll das heißen?«
   »Sie hat viel durchgemacht und ist dennoch recht unerfahren, fast ein wenig naiv. Irgendwie erinnert sie mich an ein anderes junges Ding.«
   »Du meinst dich.«
   »Ganz recht – warst schon immer ein schlauer Bursche, Silas Böttcher.«
   »Ich nehme das mal als Kompliment.«
   »So ist es auch gemeint.« Jordis starrte eine ganze Weile düster vor sich hin.
   »Ei der Daus, der stattliche Silas. Hast du denn auch dran gedacht? Bis Johanni nicht vergessen, sieben Wochen Spargel essen.« Meta sah zu ihm auf.
   »Etwas anderes käme mir gar nicht in den Sinn«, konterte er.
   Thure kicherte, wohl wissend, dass die Alte darauf anspielte, dass Spargel angeblich die Manneskraft steigern sollte. Hoffentlich fiel ihr kein passender Spruch zu Staudensellerie ein.
   »Mach dir mal darüber keine Sorgen, Meta.«
   Die alte Frau schnaubte. »Recht so, Silas, du hast den Teufel im Leib.«
   Jordis warf ihm einen amüsierten Blick zu.
   »Fällst du mir jetzt in den Rücken?«, blaffte er.
   »Wo werd ich?«
   »Die Jägersfrau sucht dich, Meta. Hat wohl etwas Wildbret für dich.« Thure baute sich vor Silas auf, nachdem er die alte Klatschbase fortgeschickt hatte. »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«
   »Hast du getrunken?«, fragt Jordis.
   »Ist das ein Verbrechen?« Er wandte sich sogleich wieder Silas zu. »Was hast du Annemie damals getan?
   Silas’ Gleichgültigkeit brachte Thure erst recht auf.
   »Tu gefälligst nicht so, als könntest du dich nicht an meine Schwester erinnern.« Thures Stimme wurde lauter, die ersten Leute drehten sich zu ihnen um.
   Silas starrte stur geradeaus.
   »Antworte mir!«
   »Wie alt warst du damals? Sechs oder sieben?«, brachte Silas schließlich hervor, ohne seinen Mund zu bewegen.
   Thure nickte.
   »Du weißt ja nicht, wovon du sprichst. Und jetzt geh und lass mich in Ruhe!«
   »Vor zwölf Jahren gelang es dir, dich davonzustehlen. Aber ich bin dir auf den Fersen. Man könnte sagen, dass Annemie mit mir redet.«
   Ringsum waren alle Gespräche verstummt. Die Menschen starrten sie an.
   »Und sollte ich herausfinden, dass du sie verletzt hast, dann gnade dir Gott.« Es gab keinen Zweifel, dass jeder auf dem Mühlenhof Thures Worte gehört hatte.
   »Wenn du mir in die Quere kommst, wird dir das leidtun.« Silas war dicht an ihn herangetreten und sprach seine Drohung so leise aus, dass nur Thure ihn verstehen konnte.
   Vater stand plötzlich neben ihnen und zog Thure mit sich. »Was geht hier vor? Ich will Frieden auf dem Hof.«
   »Natürlich, wie immer«, murmelte Jordis.

*


Levke hatte wie die anderen Thures Ausbruch beobachtet. Sie sah seinem Vater und ihm hinterher.
   »Hast du jetzt das zweite Gesicht?«, versuchte Silas, die Bemerkung der Kräuterfrau ins Lächerliche zu ziehen.
   »Die Leute behaupten das schon lange.« Jordis klang gleichmütig.
   Gemurmel wurde laut, die Umstehenden wandten ihre Blicke alle in eine Richtung. Levke beobachtete eine Frau mit schlohweißem Haar, nur mit einem Nachthemd bekleidet, die wie ein Geist über den Hof zu schweben schien. Sie summte eine Melodie, es klang wie ein Kinderlied.
   »Silas«, brüllte jemand mit grober Stimme und zerriss die unheimliche Stille. »Geh und bring deine Mutter zurück in ihr Bett!« Ein vierschrötiger Mann, der alte Müller, wie Adelheid erklärte, trat vor und winkte seinen Sohn herbei. Die Geste ähnelte eher einer Drohung mit der Faust. Kein Wunder, dass Silas sofort gehorchte. Mit wenigen Schritten war er bei ihr, hob die zerbrechliche Frau auf die Arme, sorgsam darauf bedacht, dass der Wind ihr nicht das Nachthemd aufbauschte.
   An diesem Abend ward er nicht mehr gesehen. Die Müllerin starb noch in derselben Nacht.
   Als Levke, untergehakt bei Heidi, über den Uferweg nach Hause schlenderte, leuchteten ihnen Glühwürmchen – die Johanniswürmchen – den Weg. Der Gesang der Kinder hatte sich in ihrem Kopf festgesetzt.
   »Wenn die Johanniswürmer glänzen, darfst du richten deine Sensen.«
   Sensen – echote es nach. Sensenmann. Kalt lief es ihr dabei über den Rücken.

8.
Verhaftet

Bereits am übernächsten Tag ging das Gerücht um, Silas sei verhaftet worden. Die alte Meta wollte beobachtet haben, wie er mit den Kriminalen in
   einer Kutsche davonfuhr. Jordis füllte ihre Tinkturen in Flaschen, die sie sorgfältig beschriftete. Anschließend füllte sie einen Korb mit getrockneten Kräutersträußen, einen weiteren mit Seifenstücken, die sie kürzlich gesiedet hatte. Sie dufteten angenehm. So etwas mochten die Frauen in der Stadt, hatte ihr der Apotheker Schultze in der Rathenower Steinstraße versichert, als sie ihm letzten Monat ein Probestück vorgelegt hatte. Sie durfte ihm bei ihrem nächsten Besuch eine kleine Auswahl liefern. Auch wenn sie sich sehr freute, jedes Mal ein bisschen mehr Geld zu verdienen, war der Weg in die Stadt lang und beschwerlich. Doch sie wollte sich nicht beklagen und öffnete gut gelaunt die Tür ihrer Kate.
   »Allein dieses Lächelns wegen hat sich der Fußmarsch gelohnt.«
   Jordis fuhr herum. »Guten Morgen, Doktor Arnscheidt.« Sie sah Maximilian keineswegs freundlich an.
   »Ich hoffe doch sehr, dass der Grund für diesen plötzlichen Stimmungswechsel nicht ich bin.«
   Dass er so vergnügt klang, ärgerte sie erst recht. »Wer sonst?«
   »Ich muss schon sagen, diese Tatsache betrübt mich.«
   »Lass das vornehme Getue! Du musst verrückt sein, hierherzukommen.«
   »Man wird doch wohl einen Spaziergang machen dürfen.«
   »Zu mir und um diese Tageszeit?«
   »Zum Moor.«
   »Wer soll dir das glauben? Weißt du überhaupt, dass du alles aufs Spiel setzt?«
   »Lass das meine Sorge sein, Jordis!« Er zwang sie, seinem Blick nicht auszuweichen.
   »Das Gerede der Leute kann dich deine Stellung kosten.«
   »Niemand hat mich gesehen.«
   »Woher willst du das wissen? Die alte Meta hat ihre Augen überall.«
   »Wer nimmt die Frau schon ernst? Außerdem, seit wann schert dich der Dorftratsch?«
   »Es geht hier nicht um mich.«
   »Das ehrt dich, Jordis.«
   Eine Weile sagten sie nichts. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er seine Tasche dabeihatte. Sie hob den Kopf und musterte ihn genauer. Er sah müde aus, erschöpft, aber gut gelaunt. »Harte Nacht?«
   »Sehr – eine Steißlage.«
   Sie nickte.
   »Möchtest du mich nicht hereinbitten und mir einen Tee anbieten?«
   »Auf keinen Fall!«
   »Jordis.« Er sagte es leise und so bittend, dass sie nicht anders konnte.
   »Na schön, den Tee kannst du haben. Aber setz dich hier auf die Bank!«
   »Herrgott noch mal, wie kann man nur so stur sein.« Dennoch kam er ihrer Bitte nach.
   »Nur zu deinem Besten.«
   Er stieß ein resigniertes Lachen aus. »Wie wäre es am Sonntag nach der Kirche mit einem Mittagessen bei mir?«
   »Der Mann hat wirklich keine Skrupel.«
   »Ich bin es einfach leid, dich nur im Dunkeln zu treffen. Ist denn das so schwer zu begreifen?«
   »Das führt doch zu nichts.«
   »Weil du es nicht zulässt.«
   »Ganz recht.«
   »Jordis.« Er war aufgestanden und legte ihr die Hände auf die Schultern.
   Hastig trat sie einen Schritt zurück und sah sich um. »Bedräng mich nicht! Ich … kann …«
   Er griff bereits wieder nach seiner Tasche.
   Sie war sich darüber im Klaren, dass ihre Worte ihn verletzt hatten. Flüchtig berührte sie seinen Arm. »So, wie es ist, ist es schön.«
   »Wie du willst.«
   Sie beobachtete eine Weile seine kleiner werdende Gestalt und schlug schließlich die entgegengesetzte Richtung ein.

*

Levke freute sich. Thure Schrammer wollte sich in Rathenow den Neubau an der Dampfmahlmühle am Havelthor anschauen und hatte sie gefragt, ob sie mit ihm in die Stadt fahren wolle.
   Sie war so aufgeregt, dass sie nicht wartete, bis er mit seiner Kutsche vor dem Kapitänshaus hielt, sondern ihm stattdessen über den Uferweg entgegenging.
   »Sagen Sie bloß, ich bin zu spät?«, rief Thure ihr zu, als sie den Mühlenhof betrat.
   Sofort traf Levke der Blick einer älteren Frau, die auf der Bank saß. Schüchtern blieb sie stehen.
   »Darf ich bekannt machen? Meine Mutter.«
   Noch während er sprach, gab Levke Frau Schrammer die Hand und deutete aus alter Gewohnheit einen Knicks an, was der Bäckersfrau ein Zucken der Mundwinkel entlockte. Ihre Augen blickten sie freundlich an.
   »Levke Krömer«, beendete Thure die Vorstellung. »Meine Mutter spricht nicht«, fügte er hinzu.
   »Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte Levke und lächelte.
   Frau Schrammer hielt noch immer »Die Gartenlaube« in der Hand, ein illustriertes Familienblatt. Zu gern hätte Levke selbst einmal in einer solchen Zeitschrift geblättert.
   »Ich wäre so weit«, unterbrach Thure ihre Gedanken.
   »Natürlich.« Sie trat an die Kutsche, und ehe sie sich versah, legte er seine Hände um ihre Taille und hob sie hoch.
   Kurz bevor sie davonfuhren, sprang ein schlaksiger, hoch aufgeschossener Junge aus dem Haus. »Onkel Thure, nimmst du mich mit?«
   »Na schön. Ich hoffe, du hast dein Ränzlein gepackt und bist fertig.«
   »Jawohl.«
   Thure konnte sich beim Anblick seines Neffen ein Lächeln nicht verkneifen.
   Der Junge stand mit stolzgeschwellter Brust und geradem Rücken da und deutete an Levke gewandt eine Verbeugung an. Hans hatte eine der heiß begehrten Stellen im Berliner Ullstein Verlag bekommen. Zunächst musste er sich zwar als Zeitungsjunge verdingen, doch er ließ keinen Zweifel daran, dass er sich bis nach ganz oben arbeiten würde. Der alte Schrammer zog den Jungen hin und wieder auf, warum er denn als Schreiberling seine Brötchen verdienen wolle, doch insgeheim war er stolz auf seinen Enkel. Schließlich konnten nicht alle in der Familienbäckerei unterkommen. Die Jugend sollte sich ruhig etwas Wind um die Nase wehen lassen.
   Die Kutsche rumpelte den Uferweg zurück. Auf den Wiesen, die sie rechts liegen ließen, waren Männer dabei, mit der Sense das Gras zu mähen. Sie winkten Thure zu, der lächelnd ihren Gruß erwiderte.
   Hans nahm Levke mit seinem Geplauder in Beschlag. Er berichtete, wie ihm die Leute am 15. Mai zur Eröffnung der Pariser Weltausstellung und Einweihung des Eiffelturms die Zeitung förmlich aus den Händen gerissen hatten. Überhaupt könne man Rathenow nicht mit Berlin vergleichen. Dort gebe es so viel zu sehen. Immer sei etwas los in der Hauptstadt, besonders, wenn in den wenigen Wochen im Sommer der Kaiser im Schloss residiere. Mit eigenen Augen habe er bereits eine Parade bestaunen können. Die blitzenden Uniformen und die herrlichen Pferde.
   »Was du nicht sagst«, meinte Levke. »Da sind doch Menschen über Menschen, oder?«
   »Tausende. Aber es gibt auch welche, die teilen die Begeisterung nicht. Die Fuhrunternehmer ärgern sich darüber, dass so viele Straßen abgesperrt werden. Doch ich frage Sie: Wie soll so eine Parade mit den großen Kutschen denn sonst vonstattengehen?« Er schüttelte mit ernstem Gesicht den Kopf.
   Levke musste lachen.
   »Jetzt gib mal für fünf Minuten Ruhe«, forderte Thure seinen Neffen auf. »Die Dame ist mein Gast.«
   »Lassen Sie ihn doch. Er langweilt mich überhaupt nicht, im Gegenteil.«
   Die Augen des Jungen strahlten sie an. Er berichtete, dass er in einem kleinen Zimmer im dritten Hinterhof wohne, ihn das aber nicht störe, da er die meiste Zeit des Tages in den Straßen Zeitungen verteile. Er habe eine feste Tour und kenne sich dort mittlerweile bestens aus. Oftmals begegne er den Holzfrauen, die den Herrschaften Brennholz ins Haus liefern. Mit einem Milchjungen, der bei Carl Bolle auf der Gehaltsliste stehe, habe er sich bereits angefreundet. An den Sonntagen führen sie hin und wieder für zehn Pfennig mit der Bahn hinaus ins Grüne. Er kenne einige sehr schöne Biergärten.
   »Dass mir keine Klagen kommen!« Thure erhob scherzhaft den Zeigefinger.
   »Wo denkst du hin?«, antwortete der Junge schlagfertig.
   Kaum waren sie aus dem Dorf hinaus, entdeckte Levke Jordis, die mit Körben und einem Rucksack bepackt war. »Wo willst du denn hin?«
   »Zum Apotheker nach Rathenow. Ich habe die Droschke verpasst.«
   »Ach, Herr Schrammer, bitte. Wir können sie doch mitnehmen, oder nicht?«, bat Levke.
   »Natürlich.« Thure zog bereits am Zügel. »Brrr.« Er sprang vom Bock und lud die Körbe auf die Ladefläche, während Jordis behände hinaufkletterte.
   »Ich setze mich zu dir nach hinten, dann können wir uns unterhalten«, rief Levke.

*

Die junge Holländerin klang begeistert. So hatte sich Thure den Ausflug mit der hübschen Blonden nicht vorgestellt. Als Hans hoch erfreut den Platz mit ihr tauschte und auf den Kutschbock kletterte, sank seine Laune noch weiter.
   Der Junge redete ohne Punkt und Komma über sein Berliner Leben. Es war nicht so, dass sich Thure nicht dafür interessierte – im Gegenteil. Doch er hatte gehofft, Levke näher kennenzulernen. Sie war eine der hübschesten Frauen, die in Bützer wohnten – und sie war Witwe. Nach einer angemessenen Trauerzeit wäre er nicht abgeneigt, ihr den Hof zu machen. Nach wie vor kam ihm etwas an ihr seltsam bekannt vor. Ihm war aufgefallen, wie eindringlich seine Mutter die Holländerin angeschaut hatte. Nur zu gern hätte er mit seiner Mutter darüber gesprochen. Aber sie würde ihm nicht antworten. Teufel auch. Ausgerechnet Jordis fuhr ihm jetzt in die Parade. Mit Hans wäre er noch fertig geworden. Immerhin musste er der Kräuterfrau zugutehalten, dass sie Annemie damals sehr geholfen hatte, auch wenn er sie schlecht darüber befragen konnte. Nicht, dass noch jemand dahinterkam, dass er das Tagebuch seiner Schwester gefunden hatte. Wie stellte er es nur an, mehr in dieser Sache in Erfahrung zu bringen, ohne dass er zu viel preisgab? Wie auch immer. Für seinen Geschmack verstand sich Jordis viel zu gut mit Silas Böttcher.
   »Ho!« Er schnalzte mit der Zunge und das Pferd setzte sich in Bewegung.
   »Danke dir, Thure«, rief Jordis ihm zu.
   Er murmelte etwas von Selbstverständlichkeit. »Was von Silas Böttcher gehört?«, fragte er und ärgerte sich im gleichen Moment über sich selbst. Doch die Worte waren heraus und ließen sich nicht mehr zurücknehmen.
   »Sollte ich?«
   Er zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Ist verhaftet worden, heißt es.«
   »Kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.«
   Glaub ich gern, überlegte Thure. Würde mich nicht wundern, wenn sich Silas und Jordis mit ihrem feurigen roten Haar des Nachts ein Stelldichein gaben. Etwas in Silas’ Blick ließ Frauenherzen offenbar höher schlagen. Sogar seine sonst so selbstbewusste Schwester Annemie war ihm auf den Leim gegangen und hatte einen hohen Preis dafür zahlen müssen. Er tat sicher gut daran, sich jetzt nicht weiter in diese trüben Gedanken zu versteigen. Besser, er setzte alle Hoffnung in den Nachmittag. Dann tätigte Jordis längst ihre Geschäfte mit dem Apotheker, Hans hätte er am Rathenower Bahnhof abgesetzt und er konnte Belangloses mit Levke Krömer austauschen. Sie vielleicht in ein Caféhaus einladen.
   Während Jordis ihr einige Fragen zu ihrer neu entdeckten Handarbeitstechnik stellte, kamen sie an weiteren Wiesen und Feldern vorbei. Die Natur bestimmte den Tagesablauf der Menschen auf dem Lande und diese nutzten das gute Wetter, um mit der Sense zu mähen, Zäune zu reparieren oder auf den Feldern zugange zu sein. Während der kurzen Unterbrechungen wurde gegessen oder die Sense mit einem Stein geschärft.
   Thure war restlos begeistert vom neuen Maschinen- und Kesselhaus der Havelmühle. Erst recht von der Errichtung eines Dampfschornsteins von sechsunddreißig Meter Höhe. Eine solche Mühle erbrachte eine gänzlich andere Leistung als die in Bützer, aber der alte Böttcher wollte von Verbesserungen nichts hören. Thure konnte ja verstehen, dass der Mann müde war von der ewigen schweren Arbeit. Silas müsste sich endlich an seine Pflicht erinnern und die Mühle übernehmen. Andererseits hatte Thure ihn bis jetzt nicht vermisst. Einfach würde es nicht werden, wenn sie beide auf dem Hof das Sagen hätten. Doch so, wie es jetzt lief, konnte es auch nicht mehr allzu lange weitergehen.
   »Sieh an, der Bäcker interessiert sich für die Mühle.«
   Thures Kopf schoss hoch. Vor ihm stand Silas Böttcher, wohlbehalten und bestens aufgelegt. Er ärgerte sich, dass er ihn nicht rechtzeitig entdeckt hatte und jetzt von seiner Anwesenheit überrumpelt wurde. Sein Bemühen, sich die Überraschung nicht anmerken zu lassen, scheiterte kläglich. »Du hier?« Die Frage krönte sein Versagen.
   »Wo sollte ich denn deiner Meinung nach sein?«
   Bevor Thure zu einer passenden Antwort anheben konnte, wandte sich Silas an Levke. »Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit, Frau Krömer! Es ist immer wieder ein Vergnügen, Sie zu treffen.«
   Hastig reichte Levke ihm die Hand. Sie errötete.
   »Eine so charmante Begleitung hätte ich dir gar nicht zugetraut«, richtete Silas das Wort wieder an Thure.
   »Man tut, was man kann«, brachte er knurrend heraus.
   Silas stieß ein erheitertes Lachen aus. »Du bist der Einladung des Rathenower Mühlenbesitzers also gefolgt.«
   »Natürlich. Fortschritt sollte jeden Mann interessieren.«
   »Das sehe ich genau so. Schön, zur Abwechslung mal einer Meinung mit dir zu sein. Heute gibt es Freibier. Wir sollten uns eins genehmigen. Oder hast du keinen Durst?«
   »Sehr gern.«
   Sie schlenderten zum Bierwagen. Silas deutete auf einen frei gewordenen Tisch. »Fassbrause für die Dame?«
   »Ach ja, danke schön.«
   »Kommt sofort.«
   Silas und Thure kehrten mit Biergläsern zurück, ein Kellner brachte Levke ihre Brause.
   »Unser Freund Thure langweilt Sie hoffentlich nicht mit den technischen Errungenschaften?«, fragte Silas an Levke gewandt.

*

»Keineswegs. Ich bin froh, mal in die Stadt zu kommen. Da ist es egal, dass … nun …«
   Silas lachte bei ihrem Eingeständnis. In seinen Augen blitzte der Schalk.
   Levke blickte hastig in Richtung des Bierwagens. Der Mann irritierte sie zusehends und es lag nicht allein an seinen violetten Iris. Besser, sie nahm gleich noch einen kräftigen Schluck, um ihre trockene Kehle zu spülen. War er bereits wieder aus der Gendarmerie entlassen worden? Dann hatte er gottlob nichts mit dem Tod der armen Maria Felder zu tun. Über diese Tatsache war sie sehr erleichtert und eben jene Erleichterung verwunderte sie. Aber nein, es kam schließlich daher, dass sie niemandem etwas Schlechtes wünschte. »Ich bin wirklich froh, dass Sie nicht im Gefängnis gelandet sind«, sprach sie den Gedanken aus.
   Silas verschluckte sich fast am Bier.
   Thure klopfte ihm jovial auf den Rücken.
   »Danke, das reicht!«, blaffte Silas nach dem dritten Mal.
   »Nimm es ihr nicht übel. Die Leute tratschen, du wärst verhaftet worden.«
   »Aha.«
   »Genauer gesagt – Meta.«
   »Sie ist wohl langsam nicht mehr ganz richtig im Kopf«, empörte sich Silas.
   »Wer weiß? Sie will gesehen haben, wie du zu den Rathenower Polizisten in die Kutsche gestiegen bist.«
   »Ihre Augen sind demnach noch in Ordnung. Die Beamten waren lediglich so freundlich, mich mitzunehmen.«
   »Das ist gut. Es heißt ja neuerdings allerorten im Kaiserreich auch: dein Freund und Helfer«, meinte Thure trocken.
   Am Nachmittag spazierte Levke mit Thure durch die Straßen. Silas hatte sich mit dem Hinweis auf wichtige Geschäfte von ihnen verabschiedet. In der Bahnhofstraße hatte man mit dem Bau der Zietenhusarenkasernen begonnen. Es handelte sich um einen einfach gegliederten Ziegelbau, der wohl erst im folgenden Jahr fertiggestellt sein würde. Thure lud sie ins Café Smolinsky in der Berliner Straße ein und spendierte ihr Milchkaffee und ein Törtchen. Zunächst betrachtete er das Gebäck fast liebevoll, dann begann er, ihr von Annemie, seiner ältesten Schwester zu erzählen. Auch, dass man sie fand, unter der Laderampe an der Ziegelei. Siebzehnjährig, mit blau gefrorenen Lippen und einem grauweißen Gesicht, das längst erloschen war. Levke stellten sich die Nackenhaare auf. Ihr war, als wäre sie dabei gewesen.

9.
Nächtliches Treiben

Zwei Tage waren seit dem Ausflug nach Rathenow vergangen, doch in Bützer war Silas immer noch nicht aufgetaucht. Was mochte er vorhaben? Welchen wichtigen Geschäften ging er wohl nach? Was hatte er Annemie getan? Oder warum ihr seine Hilfe verweigert? Noch war es niemandem aufgefallen, dass Thure seine Zeit recht oft auf dem Dachboden verbrachte, um im Tagebuch seiner Schwester nach Anhaltspunkten zu suchen, die ihn bei seiner Aufklärungsarbeit voranbringen konnten. Doch es war zum Haareraufen. Es gab nichts Konkretes, womit er Silas festnageln konnte. Im Eintrag vom 01. August 1877 stand: Liebes Tagebuch, heute habe ich Polly rundheraus gefragt. Ich dachte nicht, dass sie mir antworten würde. Aber ihre roten Wangen sprachen sowieso Bände. Sie hat es getan! Lügen wäre ganz und gar zwecklos gewesen. Ich wollte nicht unschicklich erscheinen, hätte aber zu gern Näheres erfahren. Sie gab lediglich an, dass sie nicht verstehe, warum alle Welt so ein »Geheimnis« daraus mache. Polly fand’s eher ernüchternd. Schöne Freundin ist das! Nun bin ich genauso schlau wie vorher. Am Nachmittag, beim Kirschenpflücken, habe ich Silas eine Andeutung gemacht. Er ist der Einzige, bei dem ich das Gefühl habe, dass er mich versteht.
   »Halt dich von der besser fern«, hatte er gebrummt.
   »Komm schon, du musst doch etwas darüber wissen. Ich kann sonst niemanden fragen.« Er bekam tatsächlich rote Ohren. Dann rutschte ihm der Eimer mit den Kirschen ab. »Das hast du nun von deiner Fragerei«, rief er schlecht gelaunt.
   Ich wollte ihn nicht weiter ärgern und habe daher beflissen die Früchte wieder eingesammelt.
   Thure beschloss, das Tagebuch in seinem Zimmer zu verstecken. Dann konnte er jeden Abend vor dem Einschlafen darin lesen.
   Eine Tatsache irritierte ihn: Das gewebte Bändchen, das der Buchbinder als Lesezeichen eingearbeitet hatte, hatte Thure stets zwischen Buchdeckel und der ersten Seite belassen. Heute klemmte es jedoch mitten im Buch, genauer gesagt bei der Seite, die mit dem 05. Mai 1877 datiert war. Bereits des Öfteren war es ihm so vorgekommen, als ob er nicht der Einzige war, der in Annemies Aufzeichnungen blätterte. Gerade deswegen hatte er bewusst darauf geachtet, das Bändchen stets vorn zu belassen. Jetzt hatte er einen Beweis für seinen Verdacht. Das warf allerdings die nächste Frage auf: Wer war derjenige? Er würde ihm das Handwerk legen.
   Thure ging wie meistens frühzeitig zu Bett. Schließlich war die Nacht für ihn um drei Uhr morgens längst vorbei. Zu diesem Zeitpunkt hatte er in der Backstube zu stehen. Er schlief auf der Stelle ein.
   Geräusche weckten ihn – nichts Auffälliges. Es war vielmehr so, als wenn jemand vorsichtige Schritte setzte, um bewusst leise zu sein. Und das war ungewöhnlich.
   Schlagartig war Thure hellwach und lauschte angestrengt. Kamen die Schritte etwa vom Dachboden?
   Die Luft flimmerte neben seinem Kopf. »Annemie?« Hatte er ihren Namen ausgesprochen oder lediglich gedacht? Dieses eine Wort hallte zwischen den Wänden wider. Es kam ihm unnatürlich laut vor. Er lauschte den Schwingungen nach – für den Augenblick war alles mucksmäuschenstill.
   Thure zündete ein Streichholz an und schaute auf seine Taschenuhr. Die Zeiger standen auf der zwölf – Mitternacht. Sein Daumen wurde brenzlig warm, rasch schlug er das Zündholz aus.
   Da waren sie wieder, diese … Schritte? Er erhob sich und sah angestrengt aus dem Fenster. Draußen herrschte stockfinstere Nacht. Die Havel lag wie ein schwarzes Band vor ihm. Um diese Zeit hob sie sich kaum vom Himmel ab.
   Gerade, als sich Thure wieder ausstrecken wollte, waren die Schritte erneut zu hören. Auf der Treppe. Er war jetzt ganz sicher, dass es sich um Schritte handelte. Vernahm sogar ein leichtes Knarren der Stufe. Bestimmt war es die fünfte von oben. Die hatte er sich als Jugendlicher besonders eingeprägt, wenn er sich zu seinen Abenteuern aufgemacht hatte. Dass ihm das ausgerechnet jetzt wieder einfiel …
   Es schlich jemand im Haus herum.
   Mit zwei großen Schritten hatte er seine Kammer durchquert. Als er die Tür aufriss, lief jemand eilig die Treppe hinunter. »Halt, hiergeblieben!«, rief er, ohne sich darum zu scheren, ob die anderen Bewohner des Hauses von seinem Gebrüll geweckt wurden. Der vermeintliche Dieb jedenfalls war aufgeschreckt worden. Versehentlich stieß Thure an die große Bodenvase, die scheppernd zu Bruch ging. Er rannte weiter, fluchend, da eine der Scherben ihm in die große Zehe gefahren war. Der Schnitt schien tief zu sein, er spürte, wie das Blut lief. Ein beherzter Griff an den Handlauf konnte gerade noch verhindern, dass er in seinem eigenen Blut auf den Stufen ausglitt.
   Babsis Mann Wolfgang erschien im Türrahmen seines Schlafzimmers. Er trug, genau wie Thure, ein gestreiftes Nachthemd. »Was zum Kuckuck ist hier los?«, donnerte er.
   »Das wüsste ich auch gern, Schwager«, rief Thure ihm zu und hastete weiter. Ohne sich darum zu scheren, dass er barfuß war, rannte er in den Hof. Dort sah er sich nach allen Seiten um und blieb schließlich stehen. Unschlüssig, in welche Richtung sich der Eindringling davongemacht hatte, spitzte er die Ohren. In den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr. Sein Kopf schoss herum und blieb an der Bank hängen, auf der er erst jetzt eine Gestalt ausmachte. Da saß Silas, lässig seine langen Beine ausgestreckt, neben sich den Dackel Seppl und starrte in den wolkenlosen Himmel hinauf.
   »Was sollte das?«, herrschte Thure ihn an.
   »Du meinst den Tumult in eurem Haus?«
   »Mach keine Spielchen!«
   Silas hielt ihm seine Handflächen als Zeichen des Ergebens entgegen.
   »Seit wann bist du überhaupt wieder hier?«, fragte Thure unumwunden.
   »Ich wusste nicht, dass ich mich bei dir anmelden muss.«
   »Treib’s nicht zu weit, Böttcher!«
   »Mag sein, dass du schlafwandelst oder wie lässt sich dein lächerlicher Aufzug erklären? Ich für meinen Teil bin am Nachmittag nach Bützer gekommen, war noch in der Schenke unten an der Havel und genieße gerade die Ruhe der Nacht. Jedenfalls bis vor Kurzem.«
   Thure kam sich lächerlich vor und sah an sich hinunter. Er drückte seinen Rücken kerzengerade durch, um wenigstens noch ein bisschen würdevoll zu erscheinen. »Ich … äh …« er räusperte sich. »Ich hätte schwören können, dass jemand im Haus war. Als ich ihm auf den Fersen war, ist er rausgerannt.«
   »Außer dir hat keine Menschenseele eure Schwelle übertreten. Das wäre mir aufgefallen. Außerdem hätte Seppl angeschlagen.«
   Das stimmte, überlegte Thure. Aber er konnte sich nicht geirrt haben. Hatte er Traum und Wirklichkeit vermischt? Er war doch nicht geisteskrank. Ein schrecklicher Gedanke, der ihn schaudern ließ.
   »Da also niemand meine Hilfe braucht, gehe ich jetzt schlafen. Das solltest du auch tun. Wenn ich mich recht erinnere, beginnt deine Arbeit zu unseliger Stunde. Übrigens habe ich mit Helmut Meier das Wirtshaus verlassen. Kannst dich gern bei ihm erkundigen.« Silas erhob sich und schlenderte davon.
   Das werde ich, davon geh aus, dachte Thure.

10.
Sensenmann

Silas hatte in Rathenow seine gesamte mitgeführte Barschaft ausgegeben und war am Vorabend direkt im Gasthaus eingekehrt. Nachdem er die Fähre in Milow verlassen hatte, war er zu Fuß nach Bützer gelaufen und deshalb rechtschaffen durstig. Zu spät erinnerte er sich an seine leere Geldbörse. Zwar hätte er beim Wirt anschreiben lassen können, doch Helmut Meier kam ihm zuvor und bezahlte die Zeche.

*

Jetzt, am Morgen darauf, frisch rasiert und mit einem guten Frühstück im Bauch, wollte er seine Schulden begleichen.
   »Guten Morgen, Silas«, rief ihm Rosel, Meiers Schwiegertochter zu. Sie schleppte zwei Wassereimer über den Hof.
   Er nahm ihr die Last ab. »Wohin?«
   Sie schritt in ihren Holzpantinen rasch voraus.
   »Ich wollte zum Helmut«, sagte Silas.
   »Den hab ich heute noch nicht zu Gesicht bekommen. Ist bestimmt schon in aller Herrgottsfrühe in seiner Werkstatt verschwunden. Seit die Schwiegermutter tot ist, hält er sich den lieben langen Tag dort auf. Oder hebt einen über den Durst, verstehst?«
   »Schon.« Bevor er das Haus betrat, trat er sich die Füße ab und stellte die Wassereimer in der Küche ab.
   »Danke schön.« Sie strahlte ihn an. »Das habe ich nicht sehr oft. Da frage ich mich, warum du noch keine Frau hast, so galant, wie du bist.« Sie errötete und schlug sich mit der flachen Hand vor den Mund.
   Silas winkte ab und wandte sich zum Gehen.
   Das Tor zur Werkstatt quietschte, als Silas es öffnete. Der süßliche, ekelerregende Geruch von Blut schlug ihm entgegen. Sein Herz schlug schneller. Wie in Trance wandte er den Kopf und wusste, was er vorfinden würde.
   Helmut lag in einer riesigen Lache bäuchlings auf dem Boden, gleich neben dem Amboss und dem Hammer zum Dengeln. Silas’ Bauch verkrampfte sich. Was hatte er nur getan? Der Raum begann vor seinen Augen zu tanzen und der Inhalt seines Magens schlingerte bedrohlich. Er trat gegen die Tür, hastete nach draußen und ging in die Knie. Dann übergab er sich.
   Die Haustür öffnete sich und Rosel lugte heraus. »Jesus, Maria und Josef.« Sie bekreuzigte sich hastig.
   »Bleib, wo du bist!« Silas streckte seinen linken Arm aus, um sie auf Abstand zu halten.
   »Was ist passiert?«
   »Wo ist dein Mann?«
   »In der Ziegelei – arbeiten. Was ist denn nur passiert?« »Geh und hol ihn. Sofort! Und sag dem Doktor Bescheid. Mach schnell!«
   »Dem Doktor? O Gott, o Gott!« Rosel rannte los.
   Mühsam kam Silas wieder auf die Beine. Er zwang sich, noch einmal die Werkstatt zu betreten. Seine Augen prägten sich jedes Detail der schaurigen Szene ein, während sein Gehirn alles sofort vergessen wollte. Keinen Meter von der Tür entfernt lag ein gepunktetes, grünes Tuch am Boden. Es war schmutzig, wahrscheinlich war er vorhin darauf getreten. Als er sich danach bückte, durchzuckte ihn die Erkenntnis wie ein Blitz: Dieses Tuch kannte er, er hatte es Annemie zu ihrem sechzehnten Geburtstag geschenkt. Silas ahnte, wem es jetzt gehörte, hob es auf und stopfte es in seine Hosentasche.
   »Hallo«, rief jemand vom Hoftor aus.
   Doktor Arnscheidt, das ging aber schnell. »Hier«, meldete sich Silas.
   »Ich war gerade auf dem Weg, als ich Rosel traf. Die Gute ist völlig außer sich. Aus ihrem Gestammel wurde ich nicht ganz schlau. Guter Gott«, entfuhr es dem Arzt, als er Helmut Meier entdeckte. »Was ist passiert?«, wollte er wissen. »Ist er gestürzt?«
   Oder jemand hat ihn gestoßen, stellte Silas nüchtern fest. »Ich weiß es nicht.«
   »Wer hat ihn gefunden?«
   »Ich.«
   »Haben Sie etwas angerührt?«
   »Nein.«
   »Sehr gut.« Der Arzt sah auf den ersten Blick, dass hier jede Hilfe zu spät kam. »Da ist nichts mehr zu machen.«
   »Nein.«
   »Ich muss die Polizeiwache in Rathenow benachrichtigen.«

*

Thure holte die letzten Brote aus dem Ofen. Es ging ihm nicht gut. Seine Zehe pochte und außerdem fehlte ihm der Nachtschlaf. Nach dem Gespräch mit Silas hatte er nicht mehr zur Ruhe kommen können. Wenn er nur wüsste, wer sich im Haus zu schaffen gemacht hatte. Für ihn stand fest, dass er sich den Eindringling keineswegs eingebildet hatte. Das wäre ja noch schöner. Vielleicht war die Person ja kein Dieb und er tat ihr Unrecht. Möglicherweise wollte sie zu nachtschlafender Zeit nur ein wenig herumschnüffeln. Oder hatte nach etwas gesucht. Nach dem Tagebuch? Unsinn, es wusste niemand davon, doch dann fiel ihm ein, dass er den Beweis für mindestens einen Mitwisser selbst entdeckt hatte. War das Tagebuch eines Backfisches einen nächtlichen Einbruch wert? Mitnichten. Er stellte sich die Frage, warum er es neuerdings systematisch durchging. Nur jemand, der nach der gleichen Antwort suchte, interessierte sich dafür. Jemand, der mit der ganzen Sache etwas zu tun hatte? Mit Annemies Tod, der in seinen Augen kein Freitod gewesen sein konnte.
   Praktisch jeder im Dorf hätte das Haus betreten können. Niemand sperrte seine Türen ab. Aber als er den Eindringling verfolgt hatte, war dieser plötzlich spurlos verschwunden. Thure rief sich erneut die Szene ins Gedächtnis, wie bereits unzählige Male zuvor an diesem Vormittag. Er stutzte: Was, wenn sich der Missetäter gar nicht weit fortbewegt hatte? Wenn er seelenruhig auf der Hofbank gesessen und ihn zum Narren gehalten hatte? Silas Böttcher, dieser Bastard, wurde allmählich zu seiner Plage. Bis er hier aufgetaucht war, hatten sie auf dem Hof ein ruhiges Leben geführt. Das war jetzt unwiederbringlich vorbei, ahnte Thure. Silas könnte im Haus gewesen sein. Er kannte sich hier aus, gehörte fast zur Familie. Kein Wunder, dass Seppl nicht Laut gegeben hatte, war es doch sein Herrchen, der ihm den Wanst streichelte.
   »Pass doch auf, Thure! Was ist nur heute mit dir los?« Babsi hatte mit einem beherzten Sprung zur Seite gerade noch verhindern können, dass Thure ihr den beladenen Brotschieber vor den Kopf schlug.
   Thure stammelte eine hastige Entschuldigung.
   »Du siehst müde aus. Geh, iss etwas und leg dich hin! Wir schaffen den Rest schon.«
   Geistesabwesend tätschelte er seiner Schwester die Schulter.
   »Was für ein Tag«, seufzte er, als er die Gesindeküche betrat.
   Wie meistens um diese Tageszeit saß seine Mutter dort. Sie sprang bei seinem Eintreten auf und stellte einen Teller aus schwerem Steingut nebst einem Löffel vor ihn auf den Tisch.
   »Danke dir.« Er hob den Kopf.
   Ihre Augen sahen ihn gütig an.
   »Wie geht es dir, Mutter?«
   Sie nickte und lächelte.
   »Dir fehlt Tante Lorchen, was?«
   Von Kindheit an nannten die Schrammer-Kinder die Müllersleute Tante und Onkel, obwohl es keinerlei verwandtschaftliche Verhältnisse gab. Jetzt, wo Eleonore Böttcher nicht mehr lebte, hatte seine Mutter ihre innigste Vertraute verloren. Früher hatten beide Frauen all ihre Sorgen und Nöte miteinander geteilt. Nach Annemies Tod hatte Lore in Martha Schrammer stets eine gute Zuhörerin. Sie hatten einen gemeinsamen Weg der Kommunikation gefunden, auch wenn eine von ihnen vor Kummer die Sprache verloren hatte.

*

Silas nahm erst jetzt wahr, dass sein Hemd mit Erbrochenem verschmutzt war. Angewidert verzog er das Gesicht. Er streifte es über den Kopf, ging zur Schwengelpumpe und versuchte, das Kleidungsstück notdürftig auszuwaschen. Hauptsache, der unangenehme Geruch wurde fortgespült. Er sah sich um – hier konnte er nichts mehr tun. Bis die Polizeibeamten eintrafen, würde noch Zeit vergehen. Daher beschloss er, sich auf den Weg nach Hause zu machen. Das nasse Hemd rollte er zusammen und behielt es in der Hand. Mit raschen Schritten lief er die Havelstraße hinunter. Levke, die junge Holländerin, die sich gerade mit Adelheid vor ihrem Tor unterhielt, starrte ihn mit offenem Mund an. Wahrscheinlich lag es an seinem nackten Oberkörper, mutmaßte Silas und ging nach einem kurzen Gruß weiter. In Höhe der Gastwirtschaft folgte er der Biegung, die den Übergang in den Uferweg anzeigte.

*

Thure dachte daran, wie interessiert seine Mutter Levke Krömer betrachtet hatte. Gern hätte er mit ihr über die hübsche junge Frau gesprochen. Einmal mehr bedauerte er, dass über die Lippen seiner Mutter kein Sterbenswort kommen würde. Er versuchte es dennoch. »Mutter, als ich dir letztens die Witwe des Kapitäns vorgestellt habe, ist dir da etwas an ihr aufgefallen?« Er beobachtete ihr Gesicht.
   Sie hob die Schultern.
   »Nun, ich meine, kommt sie dir irgendwie bekannt vor? Kennst du sie vielleicht von … früher?«
   Nachdenklich zog seine Mutter die Stirn kraus.
   »Mir ist sonderbar zumute. Manchmal, wenn ich sie ansehe, ist mir …, als wäre ich ihr bereits begegnet, vor langer Zeit. In früher Kindheit?« Es war das erste Mal, dass er diesen Gedanken aussprach.
   Thure hatte jetzt die volle Aufmerksamkeit seiner Mutter. Ihre Blicke schienen ineinander verhakt, keiner rührte sich. Er würde dem standhalten und so oder so eine Antwort von ihr einfordern. Thure war entschlossener denn je. Als sie die Lider senkte, traf ihn eine tiefe Enttäuschung. Plötzlich jedoch nickte seine Mutter. Zunächst zaghaft, dann, nachdem er gefragt hatte: »Bist du sicher?«, wiederholte sie das Nicken, bestimmt diesmal. Verblüfft starrte er sie an.
   Da betrat Silas den Mühlenhof. Babsi, die den Tisch für die Kinder decken wollte, stierte aus dem Fenster. Thure ärgerte sich über ihren interessierten Gesichtsausdruck und räusperte sich.
   »Davon verstehst du nichts«, schnappte Babsi.
   »Möchte wissen, was Wolfgang davon hält«, beharrte Thure auf seinem Standpunkt.
   »Wölfchen weiß, was er an mir hat.«
   »Sorg bloß dafür, dass das so bleibt.«
   »Mhm.«
   Ihre Mutter schlug kurz und fest mit einem Löffel auf den Tisch. Sie duldete keinerlei Streiterei in ihrer Gegenwart.
   »Entschuldigung«, antworteten Babsi und Thure wie aus einem Munde. Damit war das Thema erledigt.
   Eine Stunde später wussten alle auf dem Mühlenhof, welch grausames Ende Helmut Meier gefunden hatte.
   »Ein schrecklicher Unfall«, meinten einige.
   »Ob jemand nachgeholfen hat?«, mutmaßten andere.
   Am gefasstesten nahm Mutter die Nachricht auf, befand Thure. Natürlich, eine Frau, die ihr Kind verloren hatte, konnte so leicht nichts mehr schrecken.
   Er ging noch einmal in die Backstube, um die Sauerteigproben für die Nacht vorzubereiten. Inzwischen hinkte er mehr, als er ging. Um diese Zeit gehörte ihm die Backstube ganz allein.
   »Es hat dir keine Ruhe gelassen, was?«
   Beim Klang der schneidenden Stimme fuhr Thure der Schreck in alle Glieder. Auf seiner Stirn bildeten sich Schweißperlen. Ob er zu fiebern begann? Das hatte ihm gerade noch gefehlt.
   Silas baute sich vor ihm auf.
   Thure täuschte mehr Arbeit vor, als er momentan hatte. Da er nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war, wich er einer Konfrontation mit dem Nachbarssohn besser aus. Als er Silas weiterhin ignorierte, zog dieser ganz langsam ein grünes Tuch mit Punkten aus seiner Hosentasche. Thure erkannte die kräftige Farbe nur in den Augenwinkeln, die Erkenntnis genügte jedoch, dass er seinen Kopf herumriss. Als hätte Silas ihn geschlagen, trat er einen Schritt zurück. »Wo hast du das her?«, krächzte er. Ihm wurde die Kehle zu eng.
   »Es erstaunt mich, dass ich deinen Erinnerungen auf die Sprünge helfen muss. Als ich in deinem Alter war, wusste ich genau, was ich tat.« Silas machte keinen Hehl aus seiner Anschuldigung. »Du wolltest Helmut zur Rede stellen – meinetwegen, nehme ich an.«
   »Er … er war bereits tot, als ich ihn fand«, sagte Thure immer leiser werdend.
   Silas verschränkte seine Arme vor der Brust. »Warum sollte ich dir das glauben?«

11.
Verlaufen

In Thure kochte eiskalte Wut hoch. Ohne zu überlegen, ging er auf Silas los und packte dessen Hemdaufschläge. »Was willst du damit sagen?«, zischte er.
   Silas drehte lässig den Kopf. »Lass mich los!« Es kam mehr einem Knurren gleich als einem Befehl.
   Als Thure seinen Griff lockerte, verzog sich Silas’ Mund zu einem arroganten Lächeln. »Du weißt offenbar doch noch, was gut für dich ist.«
   Am liebsten hätte Thure ihm eine schallende Ohrfeige verpasst, beherrschte sich aber im letzten Moment.
   »So ist’s recht«, sagte Silas, als hätte er Thures Gedanken erraten. »Ich habe dir einen Vorschlag zu machen.«
   »Jetzt bin ich aber gespannt.«
   Silas hob die Augenbrauen. »Wir haben also doch etwas gemeinsam.« Er lächelte beinahe. »Als ich so alt war wie du, war ich ebenso sarkastisch.«
   »Wir ähneln uns nicht im Geringsten.«
   »Das hättest du vielleicht gern, Thure Schrammer.«
   »Komm zum Punkt!«
   »Wie du wünschst. Du behältst deine fadenscheinigen Verdächtigungen, ich hätte deiner Schwester etwas angetan, in Zukunft für dich.«
   »Dein schlechtes Gewissen lässt ja nicht einmal zu, dass du ihren Namen aussprichst. Sie heißt Annemie. Du hast doch angeblich keine Gedächtnislücken«, wies Thure ihn zurecht.
   Silas ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. »Im Gegenzug erwähne ich der Polizei gegenüber nichts von dem grünen Halstuch.«
   Dass Thure sich heute Morgen in aller Herrgottsfrühe zu Helmut aufgemacht hatte, um Silas’ Aussage der Nacht zuvor zu überprüfen, ließ er unausgesprochen. Thure wusste auch so, dass er sich zunächst geschlagen geben musste. Es gab keinen einzigen Zeugen, der bestätigen konnte, dass Helmut bereits tot gewesen war, als er ihn gefunden hatte. Daraus konnte ihm die Polizei rasch einen Strick drehen.
   Sie hörten beide gleichzeitig ein Geräusch, dass sie herumfahren ließ.
   »Ist da wer?«
   Sie lauschten, doch es blieb alles ruhig. Als Silas nachsehen wollte, schob sich ein Kätzchen durch den Türspalt.
   Thure atmete auf. »Du bringst uns noch in Teufels Küche, Böttcher.«
   »Ich denke, du hast nichts zu verbergen.« Silas bückte sich nach der Katze, griff ihr ins Genick und hob sie hoch. »Du hast hier nichts zu suchen.« Er bettete das Tier sanft in seine Armbeuge. »Auf Wiedersehen, Thure.«
   »Warte!«, hielt er Silas zurück.
   »Ist nicht alles gesagt?«
   »Mag sein.« Thure zwang sich, Silas tief in die Augen zu schauen. »Das Tuch … ich möchte es zurück.« Zur Bekräftigung streckte er die Hand aus.
   Silas stieß ein heiseres Lachen aus. »Und ich will sichergehen, dass du dich an unsere kleine Vereinbarung hältst. Du bekommst es wieder – zu gegebener Zeit.« Damit wandte er sich um und ging.

*

In der Backstube war es eher finster, sodass Silas ob des gleißenden Sonnenlichts auf dem Mühlenhof blinzelte. Irgendwie bewunderte er den Bäckerburschen, den noch immer eine unerschütterliche Liebe mit seiner Schwester verband.
   Auf der Hofbank saß Martha Schrammer und sah zu ihm herüber. Flüchtig winkte er ihr zu. Sie nickte. Meta, die neben ihr saß, erhob sich. Bevor sie sich davonmachte, warf sie ihm einen durchdringenden Blick zu. Um das Gefühl der plötzlichen Unbehaglichkeit abzuschütteln, stellte Silas das Kätzchen auf seine Pfoten und gab ihm einen liebevollen Stups. Von Meta war nichts mehr zu sehen. Für ihr Alter war sie noch verblüffend flink auf den Beinen. Im Rücken spürte er, dass Thure ihn beobachtete. Ihm fiel auf, dass er Annemies Namen in der Gegenwartsform genannt hatte. »Sie heißt Annemie!« Was hatte das zu bedeuten? War Thure ein wenig verwirrt? Wenn Silas die Geschicke der Mühle in die Hand nehmen wollte, würde er mit Schrammer auskommen müssen. Im Grunde hatte er nichts gegen den Burschen, kannte ihn ja kaum. Als er damals Hals über Kopf aus dem Dorf fortgegangen war, war er noch eine Rotznase gewesen. Das jüngste Geschwisterkind von Annemie. Die Erinnerung an sie war plötzlich so klar, dass es ihm einen Stich versetzte. Sie war so voller Fröhlichkeit, Tatendrang und Selbstbewusstsein gewesen. Ihr Lachen hatte alle angesteckt – sie bedeutete Leben. Und war doch schon so lange tot. Konnte es sein, dass ihr Bruder sie immer noch schmerzhaft vermisste? Etwas in Thures Blick, als er nach dem grünen Tuch verlangte, hatte eine Stelle in Silas’ Innerem berührt. Er hoffte, dass es ihm gelungen war, sich nichts anmerken zu lassen. Warum konnte man nicht einfach alles Störende, alle schlechten Gedanken abschütteln und von vorn beginnen? Weil es einfach nicht funktionierte, gab er sich bereits selbst die Antwort. Die Polizei würde bald im Dorf eintreffen. Besser, wenn er dann einen klaren Kopf hatte. Er beschloss, schwimmen zu gehen, sich von der Havel, die es seit vielen tausend Jahren gab, tragen zu lassen. Silas kannte eine Stelle, an der er absolut ungestört sein würde.
   Er lief an der Ziegelei vorbei, deren Rampe er links liegen ließ. Vorbei an der Schenke zu seiner Rechten. Er überquerte die Havelstraße und huschte uferwärts an der Mauer entlang, die das Kapitänshaus umgab. Genau genommen befand er sich hier an der Kose, einem Nebenarm der Havel. Trauerweiden und Schwarz-Erlen, deren weibliche Kätzchen zu Zapfen verholzten, verbargen ihn vor fremden Blicken. Silas schlüpfte aus seinen Schuhen und streifte seine Kleider ab. Dann watete er ins Wasser.

Die Polizeibeamten hatten zunächst sämtliche Bewohner der Havelstraße befragt, bevor sie auf dem Mühlenhof eintrafen.
   »Doktor Arnscheidt hat ausgesagt, dass Sie die Leiche gefunden und nach dem Arzt geschickt haben.«
   »Ja.« Silas berichtete von seinem Erlebnis.
   Von Thure war weit und breit nichts zu sehen an diesem Abend. Die Polizisten hatten ihre Ermittlungen noch nicht abgeschlossen und beschlossen ob der fortgeschrittenen Stunde, im Dorf zu übernachten. Sie nahmen sich ein Zimmer im Gasthaus, Ecke Havelstraße und der Chaussee nach Milow.

*

Thure quälten wilde Fieberträume, seine Zehe pochte und mit zitternden Händen trank er hastig das Glas Wasser leer, das jemand vorsorglich auf seinen Nachttisch gestellt hatte. Ausgerechnet jetzt hatte er sich eine böse Entzündung zugezogen. Ihm war heiß, er versuchte, die Decke fortzustrampeln, was eine neue Schmerzwelle durch seinen Zeh jagte. Er musste dringend seine Blase entleeren. Auch hier hatte seine Mutter wieder einmal weise Voraussicht bewiesen. Unter seinem Bett stand der Nachttopf. Hastig zerrte er ihn hervor. Die kleine Kammer schien sich um ihn zu drehen. Thure zog sich am Bettpfosten hoch, hob sein Nachthemd an und zielte in den Topf. Seine Erleichterung war groß, erst recht, als er sich auf der Liegestatt wieder ausstrecken konnte. Er fühlte sich so matt, als hätte er mehrere Tage lang ohne eine Unterbrechung Brot gebacken.
   Am nächsten Morgen war er kaum ansprechbar.
   Babsi trat an sein Bett und strich ihm das Haar aus der Stirn. »Ich schicke nach dem Doktor. Vater wird das Kommando in der Backstube übernehmen. Nur keine Sorge, er hat es nicht verlernt.«
   Im Laufe des Vormittags hörte Thure, wie der Arzt auf seinem Einspänner vorfuhr. Als dieser an Mutters Seite die Kammer betrat, schüttelte Thure ein erneuter Fieberkrampf. Das Haar klebte ihm am Kopf.
   Der Arzt entfernte zunächst den von Blut und Eiter verschmutzten Verband. »Warum haben Sie mich nicht früher gerufen?«
   Ratlos zuckte Martha mit den Schultern. Die Sorge um Thure stand ihr ins Gesicht geschrieben.
   »Ist er gestern noch herumgelaufen und hat gearbeitet?«
   Mutter nickte.
   »Also gut, ich werde tun, was ich kann. Ich werde schneiden müssen – besser, Sie verlassen jetzt den Raum. Gottlob wird er wenig spüren, da er kaum bei sich ist. Er braucht jeden Tag einen frischen Verband. Ich schaue morgen wieder vorbei.«
   Mutter nickte erneut, ging zur Tür und schloss sie hinter sich.

*

Auf dem Treppenabsatz blieb Martha stehen und lauschte.
   »Wir möchten Thure Schrammer sprechen.«
   Es waren die Polizeibeamten, die bereits am gestrigen Abend auf dem Hof gewesen waren. Was wollten die von ihrem Sohn?
   »Er ist sehr krank, der Arzt untersucht ihn gerade«, versuchte Dorothea zu erklären. »Er hat starkes Fieber. Ich fürchte, Sie sind umsonst gekommen.«
   »Dann warten wir, bis wir den Arzt gehört haben.«
   Natürlich, die Männer wollten Dorotheas Aussage bestätigt wissen. Die Polizei suchte immer noch nach Hinweisen, um Helmut Meiers tragischen Tod aufzuklären. Was sollte Thure damit zu schaffen haben? Hatte er nicht gestern von früh an in der Backstube gestanden? Martha war beunruhigt.

*

Adelheid war nun doch aus Levkes Diensten ausgeschieden. Sie hatten in den letzten Wochen das Thema gemieden, wollte doch keine die andere verletzen. Letztlich aber gab es nicht genug zu tun im Haushalt des Kapitäns und außerdem wollte Levke sparsam mit ihren finanziellen Mitteln umgehen. Ein Leben in Armut war ihr verhasst. Der Zufall kam ihr zu Hilfe. In Adelheids entfernter Verwandtschaft in Milow war eine junge Frau mit Zwillingen niedergekommen und die Wöchnerin benötigte unbedingt Hilfe. Dennoch versprach Heidi, zum gemeinsamen Nähen vorbeizuschauen. Darüber freute sich Levke sehr.
   Sie sammelte im Hühnerstall die letzten Eier ein. Während ihre Nachbarn schimpften, dass ihr Federvieh wegen der anhaltenden Hitze schlecht lege, war Levke mit ihrer Ausbeute zufrieden. Thure hatte angeboten, ihr Eier für die Bäckerei abzukaufen. Heute wollte sie ihm welche bringen. Hoffentlich traf sie im Mühlenhof nicht auf Silas Böttcher. Schlimm genug, dass er gestern Vormittag halb nackt durch das Dorf spaziert war, offensichtlich kannte er auch noch ihre heimliche Badestelle hinter ihrem Garten. Sie hatte eigens eine kleine Pforte im Zaun, durch die sie, vor fremden Blicken von der Straße geschützt, hindurchschlüpfen konnte. Eines der Bretter in der Pforte wies ein daumengroßes Astloch auf. Levke hatte beim Unkraut hacken das Platschen des Wassers gehört und den wunderschönen Schwan vermutet, der sich dort hin und wieder blicken ließ. Um einen Blick über den Zaun zu werfen, war sie nicht groß genug. Daher linste sie durch das Astloch und fuhr hastig zurück. »Donder en bliksem!« Silas Böttcher streifte sich die Hosen von den Hüften und zeigte ihr sein nacktes Hinterteil.
   Levke blies empört die Wangen auf, bis ihr einfiel, dass sie diejenige war, die ihn heimlich beobachtete. Schließlich konnte er nicht wissen, dass hinter dem Zaun soeben eine anständige Frau kompromittiert wurde. Was bewegte diesen Mann nur ständig dazu, sich die Kleider vom Leib zu reißen? Er könnte wenigstens die Unterhose anbehalten – aber nein. Vielleicht hatte sie sich geirrt oder das sich auf der Havel spiegelnde Sonnenlicht spielte ihr lediglich eine Täuschung vor. Sie wollte sich unbedingt vergewissern, scheute sich aber gleichzeitig davor. Dann wagte sie es doch. Mit angehaltenem Atem schob sie langsam ihr Auge vor das Guckloch. Es fehlte jede Spur von Silas Böttcher. Levke trat näher und hob den Blick, bis sie ihn entdeckte. Er war brusttief im Wasser versunken und sah geradewegs in ihre Augen. Hastig drehte sie sich um und rannte davon. An ihrem Haus angekommen, atmete sie heftig ein und aus. Sie stieg aus den Holzpantinen und lief barfüßig ins Haus. Ihre Kehle war plötzlich wie ausgedörrt. Levke leerte ein Glas Holundersaft in einem Zug und hielt sich das kühle Glas an die Wangen. »Saperlot«, stieß sie leise hervor. Der Mann brachte sie so durcheinander, dass sie wieder ins Holländische verfiel. »Stomme kerel.« Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie einen nackten Mann gesehen und dieser war nicht ihr Ehemann. Niemand durfte davon erfahren. Endlich beruhigte sich ihr Atem wieder. Dennoch hatte Levke es tunlichst vermieden, Jochens Fotografie, die über dem Küchentisch hing, wie sonst zuzulächeln.
   Noch heute Morgen fühlte sie sich schuldig. Besser, sie brachte sofort die Eier zu Thure und erkundigte sich anschließend auf dem Mahlow-Hof, ob der Herr Bolle aus Berlin ihre Milch aufkaufen wolle oder nicht. Nach ihrem Dafürhalten ließ die Antwort bereits viel zu lange auf sich warten. Energisch ergriff sie den Korb und marschierte los.
   In der Bäckerei begrüßte Babsi sie freundlich. »Guten Morgen, Levke. Was darf es denn sein?«
   Als die Tür zur Backstube geöffnet wurde und der alte Schrammer ein Brett mit duftenden Broten hereintrug, erhaschte sie einen kurzen Blick auf Silas Böttcher, der einen schweren Sack schleppte. Höchstens eine Sekunde traf ihr Blick auf den seiner violetten Augen. Das genügte, und schon fand sie keine Worte mehr. Bildete sie es sich ein oder verzog sich sein Mund zu einem anmaßenden Lächeln? Ein schöner Mund, fürwahr. Sie erschrak bei diesem Gedanken und drehte sich auf der Stelle um. Schon wieder stieg ihr Hitze in die Wangen. Wie konnte der Mann es wagen … ja, was eigentlich? Nein, er wusste nichts, beschloss sie. Er konnte gar nichts wissen. Vom Wasser aus war das kleine Astloch nicht zu erkennen.
   »Geht es dir nicht gut?«
   »Was?« Levke hob den Kopf. »Entschuldige, es ist nur …«
   »Ich weiß schon. Die Sache mit Helmut Meier setzt uns allen ziemlich zu, nicht wahr?«
   Ihr fiel nichts Besseres ein, daher nickte sie.
   Babsi zeigte auf Levkes vollen Korb. »Was hast du denn Schönes mitgebracht?«
   Endlich wusste sie wieder, warum sie hergekommen war und erklärte es.
   »Warte einen Moment. Bei uns geht heute alles ein wenig durcheinander. Thure ist krank und liegt im Bett. Normalerweise kümmert er sich persönlich um den Ankauf. Oder Dorothea, aber sie kann ich gerade nicht finden.« Als Babsi die Tür zur Backstube aufzog, um nach ihrer Schwester zu suchen, wandte sich Levke ab und begrüßte stattdessen zwei neue Kundinnen. So lief sie wenigstens nicht Gefahr, noch einmal Silas Böttchers ansichtig zu werden.
   »Dorothea«, rief Babsi in den angrenzenden Raum hinein.
   »Sie ist nicht hier«, antwortete ihr Vater.
   Seufzend wischte sich Babsi die Hände an ihrer Schürze ab, bedeutete Levke, noch etwas Geduld zu haben und bediente derweil die Kundschaft. »Weiß der Himmel, wo sie wieder steckt«, sagte sie schließlich, als sie wieder allein im Laden standen. »Schau mal auf den Hof hinaus und wende dich an meine Mutter. Sie wird dir weiterhelfen.«
   Die Türglocke schellte erneut und so blieb Levke nichts anderes übrig, als den Ratschlag ihrer Freundin zu befolgen. Zögernd sah sie sich nach allen Seiten um. Den Hof zu betreten war genau das, was sie tunlichst hatte vermeiden wollen.
   Unschlüssig, weil niemand zu sehen war, der ihr weiterhelfen konnte, setzte sich Levke auf die Bank. Sollte sie vielleicht ein anderes Mal wiederkommen? Thure war also krank. Sie hoffte, dass es ihm bald besser ging.
   Frau Schrammer näherte sich ihr. Bestimmt hatte sie sie vom Fenster aus erspäht.
   Levke stand auf und grüßte höflich. »Ich habe Eier zu verkaufen. Es ist mit Herrn Thure abgesprochen. Es geht ihm doch nicht allzu schlecht?«
   Die Ältere sah besorgt aus. War er ernsthaft krank? Das täte Levke sehr leid. Frau Schrammer streckte indes die Hand nach dem Korb aus und bedeutete ihr, zu warten. Sie verschwand wieder im Haus, dafür erschien Dorothea. Sie kippte einen Eimer Wasser aus, wrang den Lappen kräftig und hing ihn zum Trocknen über die Lehne der Bank. Endlich konnte sich Levke genauer nach Thures Zustand erkundigen.
   »Tja, eigentlich hat er sich nur mit einer Scherbe in den Fuß geschnitten. Aber dann bekam er Fieber und eine böse Entzündung.«
   Levke erschrak, war doch ihr Vater an Wundbrand gestorben, ohne dass jemand es hätte verhindern können.
   »Der Doktor war bereits da.«
   Der hatte ihrem Vater damals auch nicht helfen können, erinnerte sich Levke.
   »Offensichtlich denken Sie dasselbe wie ich«, sagte Dorothea nach einem Blick in Levkes Gesicht. »Ich schwöre auf Jordis’ Kräutermedizin. Sie hat schon so manch einem das Leben gerettet. Aber wir sind alle so sehr in den Bäckereibetrieb eingebunden und der Weg ist recht weit.«
   »Ich kann helfen«, bot Levke an.
   »Ich weiß nicht recht«, antwortete Dorothea zweifelnd.
   »Wirklich, das macht mir nichts aus.«
   »Wollen Sie ganz allein zur Kudix Laake raus?«
   Levke nickte.
   »Ich frage Mutter.«
   Frau Schrammer schrieb einige Zeilen, faltete das Blatt und reichte es Levke zusammen mit dem Korb und dem Geld für die Eier.
   »Thure bekommt die nötige Medizin, Sie können sich auf mich verlassen.« Levke knickste, als sie sich verabschiedete.

*

Die Luft wurde immer unerträglicher an diesem stickigen Nachmittag. Innerhalb von Minuten schlug das Wetter um. Am Himmel zogen dunkle Wolken auf und schon begann es, einem Sturzbach gleich, zu regnen.
   Silas schloss die Fenster im Haus und blickte auf den Hof hinunter. Babsi raffte die Wäsche von der Leine. Zu allem Unglück wurde der Korb von einer Windböe erfasst und fiel um. Er konnte sie förmlich schimpfen hören. Dorothea eilte ihrer Schwester zu Hilfe und anschließend lief sie erneut über den Hof. Wohin wollte sie bei diesem scheußlichen Wetter? Silas stieg die Stufen hinab und sah sich nach Seppl um. Der Hund fürchtete sich bei Gewitter und gerade eben hob ein mächtiges Donnergrollen an. Er öffnete die Haustür einen Spaltbreit und stieß einen Pfiff aus. Wie auf Kommando schoss der Dackel herbei und schmiegte sich ängstlich an Silas’ Beine. »Jetzt bist du sicher. Komm herein!« Es schien fast, als lächelte der Hund ihm dankbar zu. In diesem Punkt musste er der alten Meta recht geben. »Schon gut, sei brav, ja?«, murmelte Silas und streichelte sanft das kurze Fell.
   Der Regen trommelte gegen die Fensterscheiben, als wollte er sie entzweischlagen. Das war kein gewöhnliches Gewitter, sondern ein richtiges Unwetter. Seppl begann erneut zu zittern. Um den ängstlichen Dackel abzulenken, suchte Silas in der Küche nach einem Leckerbissen und reichte ihm einen Zipfel der Leberwurst. Plötzlich pochte es an der Haustür. Benutzte etwa jemand beide Fäuste, um sich Gehör zu verschaffen? »Ich komme ja.«
   Bevor Silas die Tür erreichte, wurde sie aufgestoßen. Eine tropfnasse Dorothea stand ihm gegenüber. Sie war vollkommen außer Atem und rang nach Worten.
   Der Radau hatte seinen Vater aufgeschreckt. »Was ist hier los?«, verlangte er zu wissen.
   »Entschuldige, Onkel Herbert«, japste Dorothea.
   Ein Blitz erhellte den Flur und der darauffolgende Donnerschlag ließ das ganze Haus erbeben.
   Dorothea entfuhr ein spitzer Schrei und der kleine Hund fiepte jämmerlich.
   Sein Vater schob ihn mit dem Fuß beiseite. »Man versteht ja kaum sein eigenes Wort«, schimpfte er.
   Silas verzog das Gesicht und nahm den Hund hoch.
   »Bitte …«, hob Dorothea erneut an.
   »Reiß dich mal zusammen, Mädchen!«, grummelte Vater.
   Sie nickte artig und versuchte es nochmals. »Du musst uns helfen, Silas.«
   »Wobei?«
   »Thure geht es sehr schlecht.«
   Was sollte er da tun?
   »Mutter hat große Angst, dass er die Nacht nicht überlebt. Das Fieber will nicht sinken. Sie verabreicht ihm bereits seit einer Stunde Wadenwickel.«
   Nach wie vor war ihm schleierhaft, was sie von ihm wollte.
   »Levke hat versprochen, Tinkturen und Kräuter von Jordis zu holen. Sie wollte längst zurück sein. In ihrem Haus ist sie nicht, ich war gerade dort, um nachzusehen.« Dorothea klammerte sich kurz an Silas, als es wieder einen schrecklichen Donnerschlag tat.
   Sie hatte offensichtlich große Angst vor einem Gewitter und war dennoch zum Kapitänshaus gelaufen, um Medizin für ihren Bruder zu holen. Der Zusammenhalt der Schrammer-Geschwister imponierte ihm nicht zum ersten Mal. Er war stets ein Einzelkind gewesen und fragte sich erneut, wie anders es sich anfühlen musste, jemanden hinter sich zu wissen, der den gleichen Vater und die gleiche Mutter hatte.
   »Silas, bitte, du musst sie suchen! Bestimmt ist sie in das Unwetter geraten und hat sich verlaufen. Nicht auszudenken, stieße ihr unseretwegen etwas zu.«
   Dorothea sah ihn so flehend an, dass es ihm Unbehagen bereitete. Er kannte diesen Blick. Genauso hatte damals ihre Schwester ausgesehen, als sie ihn gebeten hatte, …
   Er wollte nicht an den Kummer in Annemies Augen erinnert werden. Jetzt nicht und überhaupt zu keinem Zeitpunkt.
   »Mein Vater schläft bereits, er hat den ganzen Tag für Thure in der Backstube gestanden. Und Wolfgang und mein Georg sind in der Ziegelei arbeiten. Es gibt niemanden sonst, der …«
   … dazu in der Lage ist, hatte sich einst auch Annemie ausgedrückt.
   Er versuchte, die quälenden Gedanken abzuschütteln, indem er die Augen schloss.
   »Silas …«
   »Schon gut, ich mach’s ja.« Natürlich, wie könnte er auch ablehnen? Ein zweites Mal würde er diesen Fehler bei einem Schrammer-Mädchen nicht begehen.
   Noch während sich Dorothea lautstark bedankte, entzog er ihr seine Hand, die sie getätschelt hatte, und stapfte die Stufen zu seinem Zimmer hinauf.
   Levke hatte sich verlaufen – sie war doch wohl nicht ins Moor geraten? Die Gänsehaut, die über seinen Rücken glitt, beschwor ein Bild vor seinem geistigen Auge herauf: schmutziges, blondes Haar – voller Schlamm.

12.
Vergebens

Silas holte den langen Ölmantel aus dem Schrank und zog ihn über. Dann rannte er nach unten, fuhr in die Gummistiefel, setzte einen Hut auf und beschloss, das Pferd zu nehmen. Es wäre Wahnsinn, sich zu Fuß auf den Weg zu machen. Eilig sattelte er den Fuchswallach, stieg auf und presste dem Tier die Knie in die Flanken. Gehorsam setzte es sich in Bewegung. Es regnete so stark, dass er kaum etwas sehen konnte. Er trieb das Pferd zum Galopp an, ungeachtet dessen, dass ihm bei diesem Tempo erst recht die harten, prasselnden Tropfen ins Gesicht schnitten. Als ihm Wasser den Rücken hinunterlief, klappte er fluchend den Mantelkragen hoch und schob sich den Hut tiefer ins Gesicht. Sicherheitshalber sprang er in Höhe des Kapitänshauses aus dem Sattel, um sich zu vergewissern, dass Levke nicht inzwischen heimgekehrt war. Im Hausflur schrie er sich fast die Seele aus dem Leib, so laut rief er ihren Namen. Es antwortete niemand. Er überwand den Widerwillen, sich abermals auf das Pferd zu setzen und tiefer in das Gewitter hineinzureiten. Nur mit größter Mühe gelang es ihm, sich auf das Gelände zu konzentrieren. Seine Gedanken waren in Aufruhr. Was tat er hier eigentlich? Nicht jetzt im Augenblick, das lag immerhin auf der Hand – sondern, überhaupt? Warum war er immer noch in Bützer, obwohl er den Ort doch so schnell wie möglich wieder verlassen wollte? Seine Mutter war längst beerdigt und dies bereits seit Wochen. Der Gedanke an sie versetzte ihm einen Stich. Er hatte sie geliebt und wusste, wie sehr sie sein Fortgehen damals verletzt hatte. Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er jederzeit wieder genauso handeln würde. Diesen Schritt in seinem Leben bereute er keinesfalls. Das hatte auch seine Mutter gewusst und trotzdem tat es ihm leid. Er wollte nicht hier sein, nicht all das tun, was er in letzter Zeit getan hatte und doch … Silas konnte nicht anders. Irgendetwas hielt ihn in Bützer fest. Er wusste noch nicht, was es war, beschloss aber, abzuwarten und es herauszufinden. Wenn er Gewissheit hatte, konnte er immer noch wieder auf einem Schiff anheuern und die Einsamkeit auf hoher See suchen. Silas zog am Zügel, das Pferd verlangsamte sein Tempo. Er wischte sich über die Augen und versuchte zwischen den Bäumen, von denen er wusste, dass sie da waren, etwas zu erspähen. Es war sinnlos, daher ritt er weiter. Nirgends sah er ein Licht brennen, sodass ihm klar war, dass er sämtliche Häuser längst hinter sich gelassen haben musste. Es donnerte abermals ohrenbetäubend. Der Wallach unter ihm begann zu tänzeln. Silas beugte sich vor und tätschelte ihm den Hals. Seine beruhigenden Worte schluckte der Wind. Das Pferd zuckte mit den Ohren, drehte sich und begann zu steigen. Silas drückte sich mit der Brust tief an den Hals des Tieres und zog an den Zügeln. Der Wallach gehorchte gottlob und verfiel wieder in Galopp.
   Um sich von dem Unwetter, der Nässe und der Kälte abzulenken, versuchte Silas, sich Levkes Gesicht vorzustellen. Sie war hübsch, aber blutjung. Zu jung für ihn. Er schalt sich einen Narren bei diesem Gedanken. Schließlich war er nicht auf der Suche nach einer Frau, obwohl ihm sein Vater ständig damit in den Ohren lag. Er sollte heiraten, eine Familie gründen und die Mühle übernehmen. Das entsprach leider nicht dem, was Silas wollte. Er liebte eher das Abenteuer. Levke Krömer wäre allemal ein solches Abenteuer wert, aber mit ihr würde er sich wahrscheinlich nur Ärger einhandeln. Hübsche Frauen machten meistens Ärger. Ungebunden lebte es sich leichter. Er wollte nicht die Verantwortung für einen anderen übernehmen. Damit war er bisher gut gefahren und so mochte er es beibehalten. Dennoch war sie sehr, sehr hübsch und neugierig, auch wenn sie selbst dies vielleicht nicht zugeben würde. Silas hielt nicht viel von Glücksspielen, aber er würde wetten, sie habe ihm gestern zugesehen, als er sich hinter ihrem Anwesen ausgezogen hatte und schwimmen gegangen war. Das nächste Mal würde er sich einen Spaß draus machen und das Loch in ihrer Pforte mit einem Korken zustopfen. Da die Sonne schräg am Himmel gestanden hatte, hatte er erst vom Wasser aus den Lichteinfall sehen können. Und auch, wie sich die kleine Öffnung kurz darauf verdunkelte. Demnach hatte er sich die Worte in seinem Rücken, als er aus den Hosenbeinen gestiegen war, doch nicht eingebildet. Er hatte nicht verstanden, was sie gesagt hatte. Ob sie ihre Muttersprache benutzt hatte? Wenn er sich recht erinnerte, hatten die Laute danach geklungen. So, wie er sie bei den holländischen Seeleuten gehört hatte.
   Der Boden unter den Hufen des Pferdes gab merklich nach. War er bereits vom Pfad abgekommen und ins Moor geraten? Normalerweise kannte er die Gegend wie seine Westentasche, doch heute kam erschwerend hinzu, dass er kaum die Hand vor Augen erkennen konnte. Silas hatte keinesfalls vor, sich vom Moor verschlucken zu lassen. War da hinten ein Schatten? »Levke«, rief er. Außer dem Tosen des Windes hörte er nichts. Aber dort bewegte sich doch etwas? Angestrengt versuchte er, sein Ziel anzuvisieren. Nein, er irrte sich nicht. Das Pferd wieherte ängstlich, als ein greller Blitz aufzuckte. Silas ließ sich vom Sattel gleiten und achtete darauf, die Zügel nicht zu verlieren. Schon versank er bis zu den Knöcheln. Er stieß einen Fluch aus und spürte, wie ihn eine mächtige Kraft abwärts zog.

*

Thure schwitzte, es war beinahe unerträglich heiß. Natürlich, es ist Sommer, antwortete eine Stimme in seinem Unterbewusstsein – dennoch. Und erst dieser Weg, so steil, so weit, unendlich weit. Wohin führte er nur?
   Er schmeckte etwas abgrundtief Bitteres auf der Zunge. Musste er sich übergeben?
   »Ach, Junge, schlucken, schlucken musst du«, klagte jemand sehr bekümmert. Mutter?
   Es ging nicht, er spuckte alles aus. Widerliches Zeugs.
   Thure war dankbar, dass jemand ihm das Gesicht abwischte. Der Lappen war kühl und … ach, er wollte mehr davon. Wieso lief er überhaupt diesen Weg entlang und dann noch in seinem Nachthemd, das eher hinderlich war, weil er kleinere Schritte machen musste? Dieses gleißende Licht tat seinen Augen weh. Mit der Hand versuchte er, es abzuschotten. Plötzlich nahm er eine Bewegung mitten im hellen Licht wahr. Er kniff die Augen zusammen und sah es jetzt viel deutlicher. Natürlich, es winkte ihm jemand zu.
   Gott, aber diese Hitze machte ihm zu schaffen.
   Da war es wieder, dieses Winken und jetzt hörte er auch eine Stimme. Sie sang seinen Namen. »Thure …«
   Wer war dieses Mädchen? Nur noch ein paar Meter, dann hatte er es erreicht. Und ganz plötzlich hatte er es auch erkannt. Annemie. Sein Herzschlag begann vor Freude zu trommeln. Er sah ihr Lächeln, überhaupt sah sie aus, als hätte sie ihn erwartet. Nein, sie hatte sich nicht verändert. Höchstens das Strahlen in ihren Augen war noch stärker geworden. Es spielte auch keine Rolle. Sie war wieder bei ihm und das allein zählte. Mit einem Mal fiel auch die Hitze von ihm ab. Um ihn herum fühlte sich alles wunderbar an, unglaublich leicht. Wann hatte er sich das letzte Mal so wohl gefühlt? Noch niemals, begriff er und lächelte seine Schwester an. »Annemie.«
   »Ja, kleiner Bruder.«
   Nun ja, inzwischen überragte er sie um Haupteslänge. Es sei ihr gegönnt, ihn ein wenig zu foppen, beschloss er vor Wiedersehensfreude.
   »Kannst du mir sagen, warum, Annemie?« Diese Frage brannte schon viel zu lange auf seiner Seele.
   Seine Schwester verzog wie eine strenge Lehrerin das Gesicht.
   »Warum antwortest du mir nicht?«
   »Was ändert es denn?«
   »Nun, alles.« Er klang wie ein trotziges Kind.
   »Das stimmt nicht. Was geschehen ist, ist geschehen.«
   »Aber ich glaube nicht, dass du den Freitod gewählt hast. Sag mir, dass ich recht habe, Annemie!«
   Sie sah ein wenig tadelnd aus. »Darum geht es nicht im Leben.«
   »Das weiß ich selbst«, schnappte er missmutig.
   »Schau in mein Tagebuch! Dort findest du die Antworten.«
   »Das habe ich bereits getan«, beschwerte er sich.
   »Wie immer – viel zu ungeduldig, der Bengel.«
   »Na, hör mal. Ich bin inzwischen erwachsen geworden – ohne dich.« Thure konnte nicht verhindern, dass er anklagend klang.
   »Das stimmt nicht«, sagte sie ein zweites Mal.
   Er hob den Kopf und wollte protestieren.
   »Du weißt, dass ich da war«, erklärte sie sanft. »Immer. Ich habe dich keine Sekunde lang aus den Augen gelassen. Wer hielt dich, während du schliefst? Wer trug dich, während du in der Havel schwammst? Wer wies dir den Weg, wenn du nicht wusstest, wohin? Wer hielt dich zurück, als Gefahr drohte? Ich war immer da, Thure. Das, was uns verbindet, kann niemand trennen. Nicht die Zeit, nicht der Tod, nicht die Ewigkeit …«
   Thure nahm ihre Hand und hauchte sachte einen Kuss darauf. »Du hast mir so gefehlt, Annemie.«
   »Ich weiß, kleiner Bruder. Ich weiß.«
   »Thure, komm zurück!«, hörte er Babsi und Dorothea rufen. Jetzt griffen sie sogar nach ihm.
   Er versuchte, die Berührungen abzuschütteln. Warum konnten sie ihn nicht in Frieden lassen? Das war, weiß Gott, lästig. Für geschwisterliche Streitereien hatte er nun wirklich keine Zeit. »Ich gehe mit dir, Annemie.« Thure war fest entschlossen.
   »Das geht nicht.«
   »Aber du hast mich doch gerufen.«
   »Schon – weil du es brauchtest.«
   »Das hast du genau richtig erkannt.«
   Sie lächelte so hinreißend, dass er alles andere vergaß. Zart berührte ihre Hand seine Wange. »Mein Lieber, es liegen noch so viele Aufgaben vor dir.«
   »Ich gehe nur mit dir.«
   »Dummerchen. Vergiss nicht, was ich dir zu erklären versucht habe.«
   »Aber …« Er wurde jäh gestoppt, weil sie ihm ihren Finger auf die Lippen legte.
   Thure hörte Babsi und Dorothea weinen. Was hatten die beiden denn heute nur andauernd?
   »Lass sie nicht im Stich!«, bat Annemie.
   »Ach, aber du durftest das, he?«
   »Du kennst die Wahrheit. Sorg dafür, dass alle es erfahren!«
   »Aber …«
   »Thure, mir zuliebe, ja?« Sie entzog ihm ihre Hand. Quälend langsam entglitt … sie … ihm.
   Der Schmerz und die Hitze kehrten zurück.

*

»Lauf, so lauf schon!«, rief Silas dem Pferd zu. Es gehorchte und zog ihn mit sich. Nur ein paar Schritte und er spürte wieder festen Boden unter den Füßen. Erleichtert stieß er den Atem aus. Wenn Levke hier hineingeraten war, rechnete er ihr keine allzu großen Chancen aus. Er musste sie finden, er musste einfach. Vorwärts, schau dich um, ruf ihren Namen, befahl er sich. Als ein weiterer Blitz alles taghell erleuchtete, erkannte er, dass die vermeintlich winkende Gestalt ein Busch war. Und auch, dass er sich nur wenige Meter entfernt vom Pfad zur Kudix Laake befand. Silas schritt voran, die Bäume in seinem Rücken wurden kleiner, er war auf dem rechten Weg. Und richtig, es dauerte nicht lange, bis er der Kate ansichtig wurde. Der große Apfelbaum hatte den Blick auf das hell erleuchtete Fenster versperrt.
   Er zog das Pferd in den Unterstand, band es fest und pochte an die Tür.
   Der Riegel wurde zurückgeschoben und Jordis rote Mähne erschien. »Silas? Bei diesem Wetter, du musst verrückt sein. Du bist doch nicht etwa zu Fuß?«
   »Nein.«
   »Bring dein Pferd in den Stall, reib es ab und dann komm rein! Ich mache dir einen Kräutertee.«
   Mit einem Rums schloss sie ihm die Tür vor der Nase. Unschlüssig, ob er ihre Worte befolgen oder seine Suche besser wieder fortsetzen sollte, trat er von einem Fuß auf den anderen. Wieder donnerte es, sein Pferd wieherte angstvoll und so entschied er, das arme Tier ins Trockene zu schaffen.
   Drinnen war es behaglich und duftete angenehm. Wasser tropfte von seiner Hutkrempe, er nahm ihn ab und klopfte ihn aus. Sofort zog sich Silas Stiefel und Mantel aus.
   Als er den Kopf hob, saß neben Jordis die hübsche, junge Holländerin. Die Frauen schnatterten in bester Eintracht und machten ihn wütend.
   »Du bist hier?«, blaffte er und starrte Levke finster an.
   »Wo sollte sie, bittschön, sonst sein?«, antwortete Jordis an ihrer statt.
   »Im Moor, im Wald, verirrt – was weiß denn ich. Die Schrammer-Frauen haben mich in heller Panik losgeschickt, sie zu suchen. Thure braucht Medizin, es geht ihm sehr schlecht und sie«, er wies mit dem Finger auf Levke, »hatte versprochen, sie zu bringen.«
   »Hab schon von Thure gehört und alles Nötige der Rosel Meier mitgegeben. Sie wird’s längst abgegeben haben.«
   Jetzt fiel ihm ein, dass er auf seinem Ritt zum Kapitänshaus der Rosel begegnet war. Demnach hätte er sich den ganzen Weg sparen können.
   »Levke wäre genau ins Unwetter geraten, daher habe ich sie überredet, zu bleiben«, erklärte Jordis in aller Logik.
   »Ach, für alle anderen kam dieser Sturm überraschend, aber du wusstest natürlich davon«, brummte er missmutig.
   »Natürlich, die Tiere waren sehr unruhig, seit dem Mittag schon.«
   Er wusste, dass sie recht hatte, und schwieg vorerst, noch immer verärgert.
   Jordis reichte ihm ein Handtuch, mit dem er sich über das Gesicht und das Haar fuhr.
   »Ich dachte, sie liegt da draußen, hilflos, ihr wäre etwas zugestoßen.« Er konnte noch immer nicht fassen, dass Levke hier in aller Seelenruhe saß und süßen Pfefferminztee trank.
   »Soll sie sich jetzt dafür entschuldigen, dass es ihr gut geht und sie wohlauf ist?« Jordis Spott traf ihn empfindlich.
   »Ähm.« Silas schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht, nein.«
   Als sich Levkes Mundwinkel zu einem Lächeln verzogen, kam er sich wie ein Depp vor und wandte den Kopf.
   Er hatte sich also vergeblich auf die Suche gemacht und den edlen Retter gespielt. An diesem Gedanken würde er noch eine Weile herumkauen, gestand er sich ein.

13.
Die Bürgschaft

»Du wirst dir eine Lungenentzündung holen, wenn du das nasse Zeug nicht ausziehst«, mahnte Jordis. »Es wird die ganze Nacht
   durchregnen, also sei kein Dummkopf und bleib hier.«
   Er stieß einen verächtlichen Laut aus.
   »Ist zur Abwechslung schön, mal nicht allein zu sein.« Sie warf ihm eine Hose, ein Hemd und Socken zu. Er fragte nicht, wem die Sachen gehörten. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass er Jordis’ Ratschläge besser befolgte. Selbst dann, wenn er sich zunächst dagegen sträubte. Hier übernachten, gut und schön, aber viel Platz gab es nicht. Und sie waren immerhin zu dritt.
   Der Raum war unterteilt in einen Küchenbereich, einen Arbeitsbereich mit einem großen Tisch, allerlei Gerätschaften und einem Regal sowie den Schlafbereich, der durch einen Vorhang abgetrennt wurde. Es sah alles noch genauso aus wie damals. Als er Annemie besucht hatte …
   Nicht daran denken! Er schob die Erinnerungen weg wie sauer gewordene Ziegenmilch und schloss sekundenlang die Augen. Jordis ging an ihm vorbei und berührte flüchtig seinen Arm. Er zuckte zusammen.
   Silas spürte, dass Levke ihn beobachtete. Und richtig, stellte er fest, als er die Lider öffnete.

*

In Levkes Wangen brannte Hitze. Dieser unmögliche Kerl sah sie mit seinen violetten Augen so intensiv an, dass sie es nicht schaffte, sich von diesem Blick zu lösen. Wie unhöflich er ihr gegenüber gewesen war. Er hatte sie geduzt. Bildete er sich vielleicht ein, sie hätte es nicht bemerkt?
   »Silas, willst du weiterhin alles volltropfen?« Wenigstens Jordis schien sich zu amüsieren.
   Aber wo sollte Böttcher die Kleider wechseln? Er rührte sich nicht von der Stelle, sah sie stattdessen immer noch an. Levke beschlich die Ahnung, dass er genau wusste, dass sie ihn gestern nackt gesehen hatte. O Gott.
   Jordis schalt ihn wie eine Mutter. »Zieh dich endlich aus, Silas Böttcher!«
   Ja!, dachte Levke und erschrak über diesen Gedanken, sodass sie sich hastig über ihre Teetasse beugte und sich hustend verschluckte. Er hob eine Augenbraue, schwieg aber ansonsten. Gut. Immerhin. Jordis wies mit schräg gelegtem Kopf zum Vorhang. Er verstand die Geste und verschwand dahinter.
   Levke nahm wieder Jordis’ Näharbeit zur Hand, einen Quiltblock mit einer Blumenapplikation, und studierte diesen gewissenhaft. Es half jedoch wenig, sich davon abzulenken, dass sich dieser … dieser beunruhigende Mann gerade auszog. In diesem Raum!
   Sie sah förmlich vor sich, wie er sein Hemd aus der Hose zog, es über den Kopf streifte, dann die Schnalle seines Gürtels löste. Sie hörte das leise, metallische Klicken, als er die Hose aufknöpfte.
   Vor Aufregung schob sich Levke einen Finger in den Mund und begann daran zu knabbern.
   »Möchtest du noch einen Tee?«
   Irritiert sah sie Jordis an, die ihre Tasse hochgehoben hatte. »Ja, sehr gern. Danke.«
   Bestimmt hatte er sich bereits Socken und Hose ausgezogen. Er war schließlich schnell, wie sie wusste. Die Unterwäsche würde folgen. Levke blies die Wangen auf und stieß die Luft aus.
   »Alles in Ordnung?«, wollte Jordis wissen.
   »O ja.«
   »Sind die Stiche zu fest angezogen? Was meinst du?«
   »Nein. Sie sind genau so, wie sie sein müssen. Wirklich, sehr schön.«
   Silas trat vor den Vorhang, zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und gesellte sich zu ihnen.
   Jordis hatte bereits eine dampfende Teetasse vor den bisher leeren Platz gestellt. »Hast Du Hunger?«, wollte sie wissen.
   »Nein.« Das Knurren seines Magens verriet ihn.
   »Wie ehedem«, murmelte Jordis nur, ging zum Herd und füllte einen Teller Fleischbrühe auf. »Lass es dir schmecken!«
   Während Silas die heiße Suppe löffelte, setzte sich Jordis wieder zu ihnen.
   »Wo waren wir stehen geblieben?«, wandte sie sich an Levke.
   »Bei deiner Applikation?« Levke wedelte kurz mit dem bunten Block in ihrer Hand.
   »Nein, zuvor. Jetzt fällt es mir wieder ein: Was ist mit deinem Vertrag bei Milch Bolle geworden?«
   »Auf dem Mahlow-Hof lag für mich ein Brief mit einem Siegel vom Berliner Unternehmen. Darin teilte man mir mit, man sei hoch erfreut über mein Interesse an einer Geschäftsbeziehung. Zwar sei die Milch meiner Kühe von vorzüglicher Qualität, man sehe sich jedoch aufgrund meiner Minderjährigkeit außerstande, einen Vertrag mit mir abzuschließen. Zudem sei ich verwitwet und ohne männlichen Schutz, den die Gesetzgebung in jedem Falle vorschreibt. Ich benötige das Einverständnis eines männlichen Vormunds, Familienmitgliedes oder jemanden, der die Bürgschaft für mich übernimmt.« Levke zog ein zerknirschtes Gesicht. Einmal mehr wurde ihr bewusst, dass es keinen einzigen Familienangehörigen für sie gab. Außer, sie ginge nach Amsterdam zurück zu Onkel Ruben und Tante Lisbeth. Dies wollte sie jedoch keinesfalls. Schon gar nicht, wenn sie ihre Erbschaft bedachte – alles, was Jochen ihr hinterlassen hatte, könnten sich die beiden unter den Nagel reißen. Das Gesetz war auf der Seite ihres Vormundes, also Onkel Rubens. Zumindest, bis Levke einundzwanzig Jahre alt wurde. Sie konnte sich genau vorstellen, wie Onkel Ruben vorgehen würde. Zunächst würde er das Kapitänshaus verkaufen und in bare Münze umsetzen, um den Erlös zu verprassen. Sie war jetzt siebzehn und in vier Jahren wäre von ihrem Erbe kein einziger Taler mehr übrig. Nein, zurückgehen schied von vornherein aus. Aber es musste doch einen Weg geben, um einen Vertrag abzuschließen. »Vielleicht könnte ich Thure bitten. Er ist ein angesehener Bäckermeister und …«, sprach sie ihren Gedanken laut aus.
   »Tut mir leid, wenn ich diese Hoffnung zerstören muss«, mischte sich Silas jetzt in das Gespräch ein. »Aber so weit ich weiß, ist Thure neunzehn. Er kommt demnach nicht infrage.«
   Levke verzog enttäuscht ihr Gesicht. Thure hätte ihr bestimmt geholfen. Sofort sorgte sie sich wieder um seinen Gesundheitszustand. Wenn nur die Medizin half, die Jordis für ihn zusammengestellt hatte, lieber Gott.
   »Hm«, räusperte sich die Kräuterfrau.
   Im Licht der Kerzen sah ihr Haar eher braun als rot aus. Ein hübscher Kupferton, befand Levke und betrachtete den dicken Zopf, der Jordis wie meistens seitlich über der Schulter hing.
   Jordis heftete ihren Blick auf Silas. »Du könntest doch diese Bürgschaft übernehmen.«
   Er hob den Kopf.
   »Du bist dreißig, demnach volljährig, der Betreiber unserer Mühle, also ein erfolgreicher Unternehmer und …« Sie machte eine bedeutungsvolle Pause. »Du bist ein Mann.«
   Eindeutig, wusste Levke und bezog sich ganz auf Jordis letztes Wort.
   »Ich weiß noch gar nicht, ob ich in Bützer bleibe«, hob er an.

*

»Was spielt es für eine Rolle? Ist der Vertrag erst einmal unterschrieben, kräht kein Hahn mehr danach«, sagte Jordis.
   Zweifelsohne hatte sie mit ihrer Logik wieder einmal recht, stimmte Silas ihr im Stillen zu. Sein Blick wanderte zu Levke, die ihn so hoffnungsvoll anstarrte, dass es ihn unangenehm berührte. Er hasste das – wieder dieser Annemie-Blick. Rasch wich er ihr aus, nur um auf Jordis’ herausforderndes Gesicht zu treffen. Hatten sich denn alle Frauen gegen ihn verschworen, zum Kuckuck?
   Erst die Schrammer-Schwestern und jetzt diese beiden Exemplare der holden Weiblichkeit.
   »Ich verstehe nicht, was du dagegen haben könntest, ein gestandenes Mannsbild wie du«, warf Jordis ein.
   Silas unterdrückte einen Fluch. Sie packte ihn bei den Hörnern, indem sie sich auf seinen männlichen Stolz berief. Obwohl er sie durchschaute, sah er sich außerstande, ihr diesen Wunsch abzuschlagen.
   Als sich ihr Mund zu einem wissenden Lächeln verzog, begriff er, dass sie seinen Entschluss längst von seinem Gesicht abgelesen hatte. Verärgert schnaubte er.
   Dafür entschädigte ihn Levke, die freudestrahlend seine Hand ergriff. »Danke schön, vielen, vielen Dank. Ich mache es wieder gut, ganz bestimmt, Herr Böttcher.«

*

Vergessen war sein ungehobeltes Benehmen von vorhin. Jeder hatte mal einen schlechten Moment. Levke verzieh Silas großherzig. Er hatte starke, kräftig zupackende Hände. Die Schwielen verrieten, dass er in den letzten Jahren schwer gearbeitet haben musste. Als ihr klar wurde, was sie tat, ließ sie seine Hand los und beugte sich verlegen über Jordis’ Nähkorb. »Der ist aber hübsch«, murmelte sie beinahe unverständlich, während sie seinen Inhalt geradezu hingerissen betrachtete. Verschiedene bunte Garne, Zwirn, Schere, Stecknadeln, ein Maßband, Schneiderkreide sowie ein Nadelkissen.

*

Silas gab sich geschlagen. »Nichts zu danken, Frau Krömer.«
   Er war satt, es war warm und behaglich in der Kate, während draußen noch immer der Sturm tobte und an den Fensterläden zerrte. War es da ein Wunder, dass sein Kopf immer schwerer wurde und er schließlich noch auf dem Stuhl sitzend einnickte? Das ruhige Gemurmel der Frauen lullte ihn ein, alle Last fiel von seinen Schultern und er konnte die Augen nicht mehr offen halten.
   Er hörte ein raschelndes Schleifen, das Knistern von Stroh. Jemand strich sanft über seine Wange. »Silas, leg dich hin«, flüsterte Jordis. Er zuckte zusammen, kämpfte darum, sie anzusehen und legte seinen Kopf in den Nacken. Jordis wiederholte ihre Aufforderung, griff nach seinen Händen und zog ihn hoch. Murrend folgte er ihr, ließ sich sanft auf die Bettstatt drücken, zudecken und schlief sofort ein.

*

Jetzt, wo er ruhig atmete, war sein Gesicht entspannt, beobachtete Levke. Jeder bittere Zug um seine Mundwinkel war verschwunden. Oder hatte sie sich diesen nur eingebildet? Sein dunkles Haar bildete einen starken Kontrast zu dem weißen Leinenbezug des Kissens. Ein seltsamer Mann, dieser Silas Böttcher. Er war so ganz anders als ihr Jochen und dennoch … nein, halt, schalt sie sich im Stillen. Es lag nur daran, dass sie ihren Mann so sehr vermisste und sich nach einer Umarmung sehnte. Immerhin hatte sie ihn geliebt, sogar sehr oder … oder … etwa nicht?

14.
Totgesagt

Jordis nannte ein großes Bett ihr eigen, in dem Jordis und Levke bequem Platz hatten.
   »Schlaf gut«, hörte Levke ihre Freundin flüstern.
   »Ja. Du auch.« Sie gähnte und machte es sich gemütlich.
   Obwohl Jordis den Vorhang zugezogen hatte, war sich Levke der Anwesenheit von Silas Böttcher voll bewusst. Etwas störte sie daran, dass er mit ihr im selben Raum schlief. Wenn sie sich Mühe gab, konnte sie sogar seinen Atem hören. Het Kuiken!, schalt sie sich. Der Tag war lang, sie sollte endlich zur Ruhe kommen. Meistens half es, wenn sie die Ereignisse Revue passieren ließ. Sie schickte ein Gebet an Gott, er möge Thure wieder gesund machen und gähnte. Endlich wurden ihre Arme und Beine schwer, sie dämmerte ein.

*

Silas stand an der Havel, verborgen hinter einem Gebüsch und beobachtete das kleine Mädchen. Sie schrie plötzlich und das Blut gefror ihm in den Adern. Er ahnte längst, warum sie schrie, lauter und lauter. Nur kurz streifte sein Blick das Ufer, bevor er das Kind packte, wieder losließ und fortrannte. Er wusste nicht, wohin – nur fort. Fort von hier. Äste schlugen ihm ins Gesicht, er glitt aus, fing sich wieder, stolperte erneut – über einen menschlichen Körper. Der lag bäuchlings in einer Blutlache, wie er noch keine gesehen hatte. Hinten am Horizont sah er sie: Annemie. Sie winkte ihm mit ihrem getupften grünen Tuch zu. Ihre Lippen formten Worte, die er nicht zu verstehen vermochte. Hab keine Angst? Forderte sie ihn allen Ernstes dazu auf! Egal – er musste weg, wollte weg. Wenn sein Vater erst davon erfuhr, würde es Schläge geben. Mutter würde wieder weinen – seinetwegen. Das wollte er nicht mehr. Damit musste Schluss sein – ein für alle Mal. Er lief weiter, rannte und keuchte, seine Lungen brannten, in der Seite verspürte er ein Stechen. Hetzten sie etwa die Hunde hinter ihm her? Bloß das nicht! Lauf, lauf schneller! Er spürte seine Beine kaum noch, Tränen liefen ihm über das Gesicht – vor Kälte, vor Kummer? Plötzlich war er im Moor. Wie konnte das geschehen? Er hatte nicht aufgepasst, o Gott, und nun hatte er sich verirrt. Das Moor griff nach ihm, wollte ihn verschlucken und nicht mehr freigeben. Die Brust wurde ihm immer enger, er wollte atmen, atmen, atmen …

Keuchend fuhr Silas auf. Er brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, wo er sich befand. Der vertraute Duft nach getrockneten Kräutern beruhigte seine flatternden Nerven. Es war nur ein Traum gewesen – ein dummer Traum, das hatte nichts zu sagen. Merkwürdig war nur, dass er überhaupt geträumt hatte. Schließlich träumte er nie. Oder lag das nur daran, dass er stets erst ins Bett kroch, wenn die halbe Nacht längst um war? Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und legte sich wieder zurück in die Kissen. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Am liebsten würde er aufstehen, sein Pferd holen und nach Hause reiten. Aber dann weckte er womöglich die friedlich schlummernden Frauen. Außerdem tat sein Hintern weh, immerhin war es lange her, dass er das letzte Mal auf einem Pferd gesessen hatte. Er war das Reiten einfach nicht mehr gewöhnt. Jetzt rächten sich seine Muskeln dafür. Wie gern war er früher auf Friedjolf über Feldwege und Wiesen geflogen. Sehr zum Ärger seines alten Herrn. Es machte wenig Sinn, in Erinnerungen zu schwelgen. Also zwang er sich, an andere Dinge zu denken. Regnete es eigentlich noch? Er spitzte die Ohren, das Trommeln gegen die Fensterläden hörte er nicht mehr. Trotzdem vernahm er ein sanftes Plätschern. Bis zum Morgen hatte der Regen vielleicht zur Gänze aufgehört – mit etwas Glück kam er trocken zu Hause an.

*

Als Levke erwachte, bereute sie sofort, gestern so viel von dem wohlschmeckenden Tee getrunken zu haben. Ihre Blase schrie förmlich nach Erlösung. Sie öffnete die Augen, hob den Kopf und versuchte, im Schummerlicht zu erkennen, wo Jordis den Nachteimer hingestellt hatte. Hastig schlug sie die Decke zurück, schlich auf leisen Sohlen zum Eimer, hob den Unterrock an, in dem sie geschlafen hatte, und setzte sich. In ihren Ohren plätscherte es so laut, als würde das Geräusch von den Wänden der kleinen Kate widerhallen. Herrje! Sie versuchte, sich zurückzuhalten, aber es gelang ihr nur unzureichend. Mit so wenigen Bewegungen wie möglich legte sie sich zurück ins Bett. Wieder empfand sie die Anwesenheit des Mannes als unangenehm. Atmete er nicht mehr so gleichmäßig und ruhig wie noch vor Stunden? War er etwa wach? Bei diesem Gedanken beschleunigte sich ihr Puls.

*

Sobald sich die Frauen hinter dem Vorhang regten, stand Silas auf und verließ die Hütte. Er wollte sie bei ihrer Morgentoilette nicht stören. Stattdessen suchte er den Abort hinter dem Häuschen auf.
   Die Sonne schien, die Wiese lag geradezu malerisch vor ihm, als hätte es das Zwischenspiel mit Regen und Sturm gestern nicht gegeben. Silas streckte sich, noch ganz in den Anblick der saftigen Wiesen vertieft und zog sich das Hemd aus. Er wusch sich an der Regentonne und ließ sich von der Wärme der Sonnenstrahlen trocknen. Irgendwann am frühen Morgen musste er noch mal eingenickt sein. Nun war er später dran, als er beabsichtigt hatte. Dabei gab es in der Mühle für ihn genug zu tun. Das roch nach Ärger mit seinem alten Herrn. Unpünktlichkeit konnte Vater auf den Tod nicht ausstehen. Zugegeben, in dieser Hinsicht und mit der Verantwortung gegenüber den Arbeitern konnte Silas ihn ja verstehen. Er musste sich beeilen. Rasch zog er sein Hemd wieder an, ließ es jedoch nachlässig über der Hose hängen und stapfte in den Stall, um sein Pferd zu satteln.
   »Hast es wohl sehr eilig?«
   Er hatte nicht mitbekommen, dass Jordis hinter ihn getreten war. »Du weißt doch, wie mein Vater ist.«
   »Das schon. Dennoch hatte ich gehofft, du würdest Levke nicht zu Fuß ins Dorf laufen lassen, sondern auf deinem Pferd mitnehmen.«
   Genervt sah er sie an.
   »Habe ich zu viel gesagt?«
   »Nein, schon gut. Die Leute werden sich das Maul zerreißen, wenn ich sie erst zu Pferd mitnehme und dann auch noch ihre Bürgschaft antrete.«
   Jordis stieß ein fröhliches Lachen aus. »Ich dachte, du pfeifst längst auf das Geschwätz deiner Mitmenschen. Oder willst du mir weismachen, dass es dir um den guten Ruf der jungen Holländerin geht?«
   Silas sah sie finster an.
   »Lass uns frühstücken und wenn ihr beide ins Dorf reitet, werden alle denken, du hast sie aus einer Gefahr gerettet. Immerhin bist du doch nur deswegen aufgebrochen, nicht wahr?«
   Eigentlich mochte er intelligente Frauen, eigentlich …
   Jordis ergriff seine Hand und zog ihn mit sich aus dem Stall. Als sie sich nach ihm umschaute und den Ausdruck auf seinem Gesicht sah, begann sie zu lachen. »Im Grunde bist du ein Schatz.« Ohne Vorwarnung hauchte sie ihm einen Kuss auf die Wange.
   Er verdrehte die Augen, was ihr Gelächter erst recht anstachelte.

*

Levke hatte die beiden vom Fenster aus beobachtet. Nicht zum ersten Mal fiel ihr auf, wie vertraut sie miteinander umgingen. Sie kannten sich seit Jahren, waren befreundet, das war bestimmt schön. So ein harmloses Küsschen hatte nichts zu sagen – nein. Aber was störte sie dann daran? Onnozel!
   Das Frühstück verlief schweigsam.
   Silas hatte seine Sachen zu einem Bündel zusammengerollt und schritt zur Tür. Levke verabschiedete sich von Jordis, während er das Pferd sattelte. Dann fackelte er nicht lange, packte sie an den Hüften, hob sie hoch und stieg hinter ihr in den Sattel. Seine Miene war so abweisend, dass sie stocksteif saß und um jeden Preis verhindern wollte, dass sich ihre Körper berührten. Bereits nach wenigen Metern schmerzte ihr Rücken.
   »Ich beiße nicht«, warf er schließlich ein.
   Als aus einem Gehöft ein kläffender Spitz schoss, scheute der Wallach und begann zu steigen. Levke kreischte. Silas legte seine Arme um sie und versuchte gleichzeitig, das Tier zu beruhigen. Zunächst tänzelte es, schien abwartend, aber Silas schaffte es, die Oberhand zu gewinnen. Zitternd sank Levke gegen seine Brust. Er roch nach Leder, Kräutern und Seife und ein ganz klein wenig nach Stall.
   »Alles in Ordnung?«, wollte er wissen.
   Sie nickte schweigend.
   »Haben Sie sich wehgetan?«
   Bildete sie es sich nur ein oder klang er tatsächlich besorgt? »Welnee.«
   »Was?«
   »Nein.«
   Erst jetzt kam ihr der Gedanke, dass niemand ihre Kühe gestern Abend gemolken hatte – oje. Plötzlich befand Levke, dass Eile vonnöten war.
   Sie begegneten Rosel, die gerade den Meierschen Hof in Richtung Havel verließ. »Guten Tag, Silas.« Als sie Levke erkannte, blieb sie wie angewurzelt stehen und riss die Augen auf. »Jesses.«
   »Lassen Sie mich runter«, zischte Levke angesichts des Entsetzens auf dem Gesicht ihrer Nachbarin. »Zo!«
   »Ich verstehe nicht«, raunte Silas.
   »Sofort!«
   »Ist ja gut.«
   Seine helfende Hand ignorierend, ließ sich Levke vom Pferderücken gleiten und landete wieder auf ihren Füßen. Bevor sie noch etwas sagen konnte, ritt Silas davon. Ihr war die Situation peinlich und so spielte sie die Empörte. »Ungehobelter Kerl«, rief sie ihm nach, wenn auch nicht allzu laut.
   »Ungehobelt? Der Silas? Kann ich mir gar nicht vorstellen.« Rosel schaute verwirrt drein.
   »Hm.« Das konnte schließlich alles bedeuten und daher wiederholte Levke es nochmals. »Hm.«
   »Ich habe mir erlaubt, gestern Abend Ihre Kühe zu melken. War gerade auf dem Weg zu ihnen, um nachzuschauen.«
   »Das ist aber nett«, bedankte sich Levke ehrlich erfreut. »Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen.«
   »Habe ich gern gemacht. Ich wusste ja, dass Sie unmöglich bei diesem Wetter wieder nach Hause kommen konnten.«
   »Dankeschön. Dann darf ich Sie aber mal zu einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen einladen, ja?«
   »Sehr gern. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie außergewöhnliche Decken nähen. Ob ich mir die vielleicht bei Gelegenheit anschauen dürfte?«
   »Natürlich, sehr gern.« Levke strahlte.
   Sie schritten nebeneinander her.
   »Sagen Sie, Frau Meier, stimmt es, dass die Milch im Euter der Kühe sauer wird bei Gewitter? Erst recht, wenn sie nicht gemolken werden.«
   Rosel kicherte. »Wer hat Ihnen denn diese Weisheit erzählt?«
   »Dann ist es also nicht wahr?«
   Rosel schüttelte den Kopf und lachte. »Nein.«
   Levke seufzte. »Ich komme aus Amsterdam, einer sehr großen Stadt und muss über Kühe wohl noch allerhand lernen.«
   »Das glaube ich auch.« Rosel grinste immer noch schief.
   »Ich dachte, weil Meta …«
   »Die hat Sie wohl an der Nase herumgeführt. Macht sich gern einen Spaß daraus.« Tadelnd schüttelte sie den Kopf.
   Mittlerweile hatten sie das Kapitänshaus erreicht. »Ich muss jetzt weiter, mein Mann hat seine Stullen liegen gelassen, ich will sie ihm in die Ziegelei bringen.«
   »Ach, da fällt mir ein«, hielt Levke sie zurück. »Haben Sie etwas von Thure Schrammer gehört? Wie geht es ihm?«
   Jetzt verzog Rosel trübsinnig das Gesicht.
   Levke bekam es plötzlich mit der Angst zu tun.
   »Ich sag’s ja immer. Ein Unglück kommt selten allein. Erst mein Schwiegervater und nun … Es wird gemunkelt, er hätte die Nacht nicht überlebt.« Rosel bekreuzigte sich.
   Levke schlug sich die Hand vor den Mund. Nein, nicht Thure, bitte nicht!, schrie sie in Gedanken. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen.

15.
Der gute Ton


»Mock, mock, mock, Silas, dien Vodder tobt!«, rief Meta ihm, kaum war er auf dem Mühlenhof eingetroffen, zu.
   Konnte die Alte sich nicht einmal ausnahmslos um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern? »He, du da!«, sagte er zu einem der Schrammer-Enkel. »Versorg mein Pferd, gib ihm Hafer und Wasser und reib es ordentlich ab.« Silas drückte dem Knirps ein paar Pfennige in die Hand.
   »Danke, Herr Böttcher.« Er strahlte ihn durch eine Zahnlücke an.
   »Kann ich mich auf dich verlassen?«
   »Aber ja.« Schon flitzte der Bengel los.
   »Silas!«, hörte er seinen Vater brüllen. »Wo bleibt der verflixte Kerl?«
   Es war offensichtlich, dass es seinen Vater nicht zu interessieren schien, ob er das Unwetter heil überstanden hatte. Rasch öffnete er die Haustür, warf Hut und Ölmantel in den Flur und lief mit großen Schritten auf die Mühle zu.
   Einer der Angestellten sah ihn kommen. »Gott sei Dank. Es dreht sich kein Rad – wir haben eine Havarie.«
   Und das in der Haupterntezeit, kein Wunder, dass sein Vater wütend war. Wenn er nur nicht so zum Jähzorn neigen würde. Der Tag schien zu werden, wie er angefangen hatte – nämlich schlecht. Er fügte sich in sein Schicksal und ging weiter.

*

Als Erstes lief Levke in den Stall, um ihre Kühe zu melken. Die armen Tiere hatten pralle, schwere Euter und gaben Unmutslaute von sich. Während sie sämtliche Verrichtungen ausführte, liefen ihr Tränen über die Wangen. Noch immer konnte sie Thures Tod nicht fassen. Sie schleppte die schwere Kanne in den kühlen Keller, brachte die Kühe auf die Wiese, die sich ihrem Hof anschloss, und besah sich die Schäden, die der Sturmwind angerichtet hatte. Mit Rechen und Besen rückte sie ihnen zu Leibe. Statt einer warmen Mahlzeit schmierte sie sich zum Mittag ein Schmalzbrot und kostete eine ihrer eingelegten Gurken. Das Rezept stammte von Heidi.
   Der Postbote bimmelte und brachte ihr ein Päckchen. Sie hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass sie sich bei einer Verlagsgesellschaft ein Buch bestellt hatte. Das Inserat stammte aus einer Zeitung, die sie während ihres Ausflugs mit Thure nach Rathenow erstanden hatte. Herrje, wieder dachte sie an den schmucken, blonden Bäcker und schniefte. Sie klemmte sich das Päckchen unter den Arm und ging damit zu der Bank unter dem Fliederbusch – auf der Jochen gestorben war. Levke zog ihr Taschentuch hervor, schnäuzte sich die Nase, vergoss weitere Tränen und riss schließlich das Packpapier ein.
   Der gute Ton – Handbuch der feinen Lebensart und guten Sitten – nach den neuesten Anstandsregeln bearbeitet von Emma Kallman, Berlin W. – Globus Verlag, las sie. Mit diesem Buch hatte sie sich ein wenig bilden wollen, um sich für die Vertragsunterzeichnung mit Carl Andreas Julius Bolle, dem Gründer der Provincial Meierei C. Bolle, zu wappnen. Wie blauäugig sie doch gewesen war. Verwitwet und erst siebzehnjährig hatte sie praktisch überhaupt keine Rechte. Wohl oder übel würde nun auch noch ausgerechnet Silas Böttcher über sie bestimmen dürfen. Nun gut, sie konnte es sich immer noch anders überlegen. Fest stand allerdings, dass sie nicht tatenlos zusehen wollte, wie ihre Erbschaft immer kleiner wurde. Kurzerhand entschied sie sich gegen ihren ersten Impuls, das Buch zurückzuschicken und beschloss stattdessen, daraus zu lernen. Wer weiß, vielleicht war ihr Wissen eines Tages von Nutzen, um sich selbstständig ihre Existenz zu sichern. Zunächst blieb ihr jedoch nichts anderes übrig, als die Bürgschaft von Silas Böttcher anzunehmen. Es waren noch ganze vier Jahre bis zu ihrer Volljährigkeit, herrje.
   Wie richtig ihr Entschluss war, zeigte sich am Abend in ihrem Schlafzimmer. Dort waren die dunklen Dielen nass, demnach hatte es hineingeregnet. Sie brauchte dringend Geld für eine Reparatur des Daches und wollte sie nicht nur auf Jochens Hinterlassenschaft zurückgreifen, musste sie sich etwas anderes einfallen lassen. So einfach war das.
   Sollte sie abwarten, bis sich Silas Böttcher wieder bei ihr meldete? War es unschicklich, von sich aus zu ihm zu gehen? Dann müsste sie den Mühlenhof betreten und würde der armen Babsi oder den anderen Mitgliedern der Familie Schrammer begegnen. Nein, dies konnte sie heute keinesfalls. Sie fühlte sich schrecklich allein und weinte sich in den Schlaf.
   Wieder träumte sie von der mit aufgeschlitzter Kehle gefundenen Maria Felder, von der klaffenden Wunde am Hals von Helmut Meier und von einem Mann, der ihr nackt aus der Havel entgegentrat – mit einem Messer zwischen den Zähnen. Der Mann war Silas Böttcher, sie schrie und schreckte aus dem Schlaf.
   Levke tappte barfüßig ans Fenster. Die Nacht war sternenklar, sie blinzelte in den Himmel. Der Anblick der Sterne faszinierte sie von jeher. Sollte Silas tatsächlich verantwortlich für den Tod zweier Menschen sein? Machte sie womöglich einen Fehler, indem sie ihm als Bürgen vertraute?

16.
Kaffeeklatsch

Levkes Gedanken drehten sich auch am nächsten Tag stets im Kreis. Sie war durcheinander und unschlüssig, was sie tun sollte. Am besten, sie brühte einen Krug Tee mit Jordis’ bewährter Rezeptur aus Melisseblättern, Baldrianwurzel, Wermutkraut und Lavendelblüten auf und genehmigte sich über den Tag verteilt regelmäßig eine Tasse.
   Dann buk sie einen Pflaumenkuchen mit Zimtbutterstreuseln und stellte ihn zum Abkühlen in den Schatten. Sie flitzte die Havelstraße entlang und betrat ein paar Häuser weiter den Meier-Hof. Rosel hing gerade Wäsche auf.
   »Ich habe gebacken, kommen Sie heute Nachmittag?«, lud sie ihre Nachbarin wie versprochen ein.
   Diese bejahte und schon lief Levke zurück. Obwohl noch genügend Zeit war, legte sie ihre genähten Kissen auf die Bank und deckte den Tisch im Garten. Sie war aufgeregt, heute einen Gast zu haben. Dann lief sie zu den Blumenbeeten und schnitt Dahlien, Malven, Löwenmäulchen, Ringelblumen, Zinnien, Cosmea und Goldrute und arrangierte sie hübsch in einem Tonkrug. Schließlich setzte sie sich und nahm ihr neu erworbenes Buch zur Hand. Sie las die Kapitel »Die Gastgeber« und »Einladungen. Gesellschaften«. Im Ersteren traf sie auf folgende Sätze: Einer Hausfrau muss während den Stunden eines Festes jeder ihrer Gäste gleich wert und lieb sein. Sie darf sich nicht einem Gast, der ihr besonders lieb ist, widmen, sondern sie muss sich mit allen beschäftigen, an jeden ein paar anmutige Worte zu richten wissen und der Allgemeinunterhaltung ein möglichst heiteres Kolorit zu geben verstehen. Nun, überlegte Levke lächelnd, das dürfte nicht allzu schwer sein, da sie es ja nur mit einem Gast zu tun hatte. Für das Mittagessen hatte sie eine kalte Fruchtsuppe vorbereitet, die sie in sich hineinlöffelte, als es hinter ihrer Pforte, die zum Havelufer führte, verdächtig plätscherte. Sofort stieg Hitze in ihre Wangen. Silas Böttcher sollte lieber arbeiten, statt mitten am Tag ein Bad zu nehmen. Um sich von dem Drang, durch das Astloch zu schauen, abzulenken, lief sie ins Haus und holte ihren Nähkorb nach draußen. Was sie jetzt brauchte, war eine angemessene Beschäftigung. Sie nahm den Quiltblock, der einen Freundschaftsstern darstellte, zur Hand, um die letzten Stiche zu nähen. Wieder hörte sie es plätschern. Sie stand auf. Ohne es richtig zu merken, war sie bereits an der Pforte und schielte mit einem Auge hindurch. Sie starrte auf das schneeweiße Gefieder eines Schwanes. War sie jetzt etwa enttäuscht?
   Sie vergaß den Gedanken, als eins, zwei, drei kleine graue Schwäne in ihr Blickfeld schwammen, deren Gefieder wie zarte Wölkchen anmuteten. Levke stieß einen Laut des Entzückens aus.

*

Silas musste erneut nach Rathenow und Jordis, die ihm heute Morgen auf dem Mühlenhof begegnet war, hatte ihn gebeten, bei der Gelegenheit etwas bei Levke abzugeben. Gern tat er ihr den Gefallen und betrat das Anwesen des Kapitäns. Er bemerkte die nette kleine Kaffeetafel im Innenhof, die hübschen, bunten Kissen auf der Bank und den Blumenstrauß, der mitten auf dem Tisch stand. Von der Hausherrin fehlte jede Spur. Mit den Augen suchte er das Gelände ab, bis ein liebevolles Seufzen erklang und er in diese Richtung schaute. Er entdeckte sie an der Pforte stehend und hindurchspähend. Sieh an! Also doch, er hatte ja gleich den Verdacht, dass sie hin und wieder ein Auge voll nahm. Warum auch nicht, schließlich lebte sie mutterseelenallein.
   Er trat näher und räusperte sich.
   Levke erschrak und fuhr herum. »Sie schon wieder?«, entfuhr es ihr.
   »Störe ich?«
   »Natürlich nicht. Ich habe nur … da ist … eine Schwanenfamilie … zu niedlich.«
   »Verstehe. Jordis bat mich, dies bei Ihnen abzugeben.« Er reichte ihr ein kleines Bündel.

*

Bevor sich Levke bedanken konnte, wünschte Silas ihr einen schönen Tag und ging. Sie hatte nicht einmal die Möglichkeit, sich wegen der Bürgschaft zu erkundigen. Oder zu erfragen, wie die Schrammers ihren schrecklichen Verlust verkrafteten. Anscheinend hatte er es eilig. Sie brachte besser den Schwänen ein paar Brotreste, dann brauchte sie nicht länger über Silas Böttcher nachzudenken.
   Kaum hatte sie den Riegel aufgeschoben und die Pforte geöffnet, kam der Schwan zielgerichtet auf sie zu und ging fauchend zum Angriff über. Levke bekam es mit der Angst zu tun, warf die Brotbrocken in hohem Bogen in die Havel und schrie auf. »Geh weg! Gij beest.« Sie stand wie erstarrt und war unfähig, sich zu bewegen.
   Plötzlich trat eine knüppelschwingende Rosel zu ihr. »Weg mit euch, kusch!« Sie zerrte an Levkes Ärmel und zog sie mit sich in den Hof hinein. »Ich sag’s ja: Undank ist der Welten Lohn. Dieses kampfwütige Viech.«
   Sie warfen sich gleichzeitig gegen das Tor und Levke schob den Riegel zu. Hastig atmend lehnte sie sich dagegen, noch immer zitterten ihr die Knie.
   »So ein Höckerschwan ist nicht ohne. Der kann seinen Gegner schon mal töten. Gut, vielleicht keinen Menschen, aber trotzdem …«
   »Danke«, brachte Levke keuchend hervor.
   »Ich dachte, du setzt dich gegen einen Meuchelmörder zur Wehr. Bei deinem Schrei fiel mir sofort die arme Maria Felder ein. Glücklicherweise hat nur der Schwan sein Revier verteidigt. Der ist so giftig wegen der Brut.«
   Es störte Levke nicht im Geringsten, dass Rosel fortan beim Du blieb.
   »Wenn ich nur wüsste, wer Maria umgebracht hat. Die Leute sagen, einer von den Schiffern, die täglich zur Ziegelei fahren. Sonst müsste es ja Spuren oder irgendwelche Hinweise geben. Aber ich bin mir da nicht so sicher.«
   »Wie unheimlich«, murmelte Levke.
   »Das sage ich ja.«
   »Danke«, wiederholte Levke.
   »Schon gut. Ich kann doch nicht zulassen, dass dir etwas zustößt.«
   Levkes Mund verzog sich zu einem Lächeln, sie bat Rosel, auf der Gartenbank Platz zu nehmen und eilte in ihre Küche. Kurz darauf kam sie mit der hübschen blauen, viereckigen Kaffeemühle wieder, setzte sich neben Rosel, klemmte die Mühle zwischen die Knie und begann an der kleinen Kurbel zu drehen. »Frisch gemahlen schmeckt er am besten.«
   »Das hat die Annemie auch immer gesagt. Sie hat ja von einem eigenen Caféhaus geträumt«, berichtete Rosel.
   »Das wusste ich gar nicht.«
   »War so schade um das Mädel.« Rosel seufzte.
   »Die arme Familie Schrammer und jetzt auch noch Thure.« Levke traten Tränen in die Augen.
   »Da habe ich wohl etwas falsch verstanden«, hob Rosel an. »Dem Thure geht es langsam besser. Aber aufstehen darf er noch nicht.«
   »Was?« Levke zog das Wort in die Länge. »Das gibt es ja nicht. God zij Dank! Seinetwegen habe ich mir bereits die Augen ausgeweint.«
   »Oje. Hast dich in ihn verliebt?«
   »Wo denkst du hin?«, murmelte sie verlegen. Und war sich gar nicht mal so sicher, dass es nicht stimmte.
   Freudestrahlend rannte sie in die Küche, brühte den Kaffee auf und kam mit einer weißen Kanne, unter deren Tülle ein Schwämmchen mittels Gummiband befestigt war, zurück. Mit einem Mal ging ihr auf, dass sie sich schon lange nicht mehr so glücklich gefühlt hatte wie gerade. Das waren gute Nachrichten – hervorragende, außerordentliche, ach was: fantastische Neuigkeiten, trällerte sie innerlich.
   Rosel schmeckte der Kuchen, sie genoss den Kaffee und bewunderte die Quilts. Sie war voll des Lobes ob Levkes Talent. Dann zog sie ihren mitgebrachten Korb herbei und zeigte ihre Stickarbeiten. »Meine heimliche Leidenschaft«, gestand sie.
   »Wunderschön.« Levke meinte es ehrlich und fuhr mit dem Finger die filigranen Buchstaben eines Mustertuches nach.
   »Am liebsten verwende ich blaues Garn auf weißem Leinen.«
   Levke nickte zur Bestätigung. »Meine Mutter hat ebenfalls gern gestickt«, erinnerte sie sich.
   »Aha, sehr gut.«
   »Da fällt mir ein, ich müsste noch einige Mustervorlagen haben.«
   »Das wäre famos. Mit holländischen Motiven: Windmühlen, Holzschuhen oder Frauen mit diesen spitzen Hauben?«
   »Genau.« Levke lachte.
   Rosel klatschte in die Hände. »Da kommt mir eine Idee: Könnte man Stickereien nicht zu einem Quilt zusammennähen, anschließend unterfüttern und die einzelnen Blöcke dann quilten?«
   Rosel hatte demnach genau zugehört, als Levke ihr die Arbeitsweise erklärt hatte.
   »Aber ja! Warum bin ich nie selbst darauf gekommen?«, rief Levke aus.
   »Ich würde fortan gern an eurem Nähkränzchen teilnehmen, wenn ich darf.«
   »Selbstverständlich.«
   Eine Amsel saß auf der das Kapitänshaus umgebenden Klinkermauer und trällerte ein fröhliches Liedchen. Ob sie wohl darüber sang, dass der Sommer bald vorüber war? Am Morgen hatten die ersten Altweiberfäden davon gekündet. Levke liebte den Sommer, die Wärme der Sonne, die blühenden Blumen überall. Meistens stimmte sie die Aussicht auf den Herbst traurig. Heute war ihr das egal, denn Thure war am Leben.
   Sie holte geschwind einen Karton aus dem Schlafzimmer und öffnete den Deckel. Darin bewahrte sie Erinnerungsstücke an ihre geliebte Mutter auf.
   Rosel freute sich beim Anblick der Stickmustervorlagen. Unter ihnen befand sich auch ein Alphabet, das sie noch nicht ihr eigen nannte.
   »Ich muss dir von Fritzi, der Tochter des Schusters erzählen. Habe unlängst neue Holzpantinen abgeholt, die werden auch immer teurer, wir sind jetzt schon bei fünfundzwanzig Pfennigen. Da lief mir die Fritzi über den Weg und erzählte mir, dass sie im September heiraten wird. Ist eine richtig feine Dame geworden, wenn ich bedenke, was die für ein Wildfang war. Wie dem auch sei, sie fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, ihre Aussteuer anzuschauen. Oh, was für herrliche Wäsche das Mädel hat. Beinkleider und Hemden mit Spitzen, Nachthemden, Nachthauben, Leibchen, Unterröcke, Mieder, gerüschte Schürzen. Bettwäsche, Tischwäsche, Kissenbezüge, Geschirrhandtücher, Handtücher und Taschentücher. Da bleibt kein Wunsch offen. Eine solche Pracht habe ich noch nie mit eigenen Augen gesehen. Sie ist halt das einzige Kind. Aber wenn du mich fragst, steckt jemand anderes dahinter. So herrliche Sachen kann man sich nicht leisten, wenn man wie Fritzi in Berlin Billetts und Ansichtskarten verkauft.« Rosel hob die rechte Hand an ihre Wange und flüsterte, wenn auch recht laut: »Sie ist ja ein Bankert. Der Herr Ziegeleibesitzer war so frei, du verstehst …« Sie hüstelte gekünstelt.
   Levke hob die Augenbrauen.
   »Der Mann war sich offenbar nicht zu schade und hat sich die Aussteuer seines Töchterleins etwas kosten lassen. Es würde mich interessieren, was der Schuster dabei denkt. Die Fritzi hat jedenfalls unverschämtes Glück gehabt. Lernt in Berlin einen angesehenen Kaufmann kennen, der sie prompt heiraten tut und sogar mit ihr zurück aufs Land zieht. Habe gehört, er will einen Kohlenhandel in Milow betreiben.«
   Immerhin stimmte nicht alles, was der Rosel Meier so zu Ohren kam, wusste Levke jetzt und war sehr, sehr froh darüber.

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