Pauline kann ihr Leben mit einem Satz beschreiben – Pleite auf ganzer Linie. Kein Job, vom Freund, dem sie einen Heiratsantrag machen wollte, betrogen und verlassen, und keine Idee für ihren nächsten Roman. Der soll heiter und amüsant sein, doch in diese Stimmung kann sich Pauline nicht hineinversetzen. Da kommt ihr der Anruf ihrer Schulfreundin Jule gerade recht. Jule bittet sie um Hilfe in ihrer beschaulichen Pension auf Amrum. An der See wird sie auf andere Gedanken kommen und hoffentlich pustet ihr der Wind endlich die dringend benötigte Geschichte ins Hirn. Sie lernt den attraktiven Paul kennen, der ausgerechnet sie um einen Tipp zum Thema Frauenromane bittet. Pauline findet Paul sehr sympathisch und fiebert weiteren Treffen entgegen. Dumm nur, dass Jule kein gutes Haar an ihm lässt. Warum hasst Jule Paul? Und was hat es mit den Gerüchten auf sich, die sich um Paul ranken? Alles nur Seemannsgarn? Als Pauline ausgerechnet den Menschen auf der Insel trifft, den sie am allerwenigsten erwartet hätte, ist das Gefühlschaos perfekt.

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Zeichen: 512.671

Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-52-507-2

Seiten: 309

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Rosita Hoppe

Rosita Hoppe
Rosita Hoppe lebt mit ihrer Famile in Niedersachsen. Ihre Leidenschaft gilt den Liebesromanen, in denen sich die Höhen und Tiefen des Lebens widerspiegeln. Turbulente, witzige, einfühlsame wie auch prickelnde Werke sind aus der Feder von Rosita Hoppe entstanden. Sie arbeitet als freie Autorin und hat verschiedene Romane, Kurzgeschichten und Anthologien veröffentlicht. Seit 2009 ist Rosita Hoppe Mitglied bei DeLiA, der Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1. Kapitel

»Ich geh dann.« Ralf nahm seine prall gefüllte Sporttasche und sah Pauline mit einem nicht deutbaren Blick an.
   Sie kannte diesen Blick. Ralf setzte ihn immer auf, wenn er etwas plante, von dem er wusste, dass es ihr nicht gefiel. So wie jetzt. Es gefiel Pauline ganz und gar nicht, was Ralf vorhatte. Aber sie hatte keine Kraft, ihn aufzuhalten. Nicht mehr.
   »Machs gut.«
   Pauline kniff die Augen zusammen und versuchte, an etwas Schönes zu denken. Eiscreme zum Beispiel. Sie liebte Eiscreme. Besonders Tiramisu und Stracciatella – mit großen Schokostücken.
   Die Wohnungstür klappte.
   Zart schmelzendes Vanilleeis in heißer Himbeersoße … Sie leckte sich über die Lippen.
   Es klingelte. Pauline reagierte nicht. Einen Augenblick später hörte sie das Klimpern eines Schlüsselbundes. Kurz darauf stand Ralf wieder im Wohnzimmer. Mit diesem Blick. Er legte etwas Silbernes auf den Tisch.
   »Der Schlüssel.« Er zuckte mit den Schultern. »Brauch ich ja nicht mehr.«
   … mit einem dicken Klecks Sahne …
   Als die Tür zum zweiten Mal ins Schloss fiel, kamen die Tränen. Pauline halfen die Visionen diverser Eiskreationen nicht mehr. Ralf war gegangen. Für immer. Er hatte sie verlassen. Dieser Schuft.
   Sie hatte von einer gemeinsamen Zukunft mit Ralf geträumt. Nein, nicht nur geträumt. Schon vor Monaten hatten sie darüber nachgedacht, ob Ralf es hinkriegen würde, wenn er seine Wohnung in Frankfurt aufgeben und ganz zu ihr ziehen würde. Doch er entschied sich, erst einmal alles beim Alten zu lassen. Als Pilot, der hauptsächlich von Frankfurt aus starten musste, war Hameln einfach zu weit vom Arbeitsplatz entfernt.
   Pauline erhob sich müde und schlurfte in Richtung Kühlschrank. Im Eisfach lag noch eine Packung Stracciatellaeis. Die brauchte sie – ganz dringend. Die Packung war halb leer. Hatte sich Ralf etwa daran vergriffen, bevor er seine Sachen gepackt hatte? Das hätte ihm ähnlichgesehen. Ihr auf diese Weise noch mal eins auszuwischen. Sie schlurfte zurück. Mit der Packung und einem Löffel ließ sie sich in die Sofaecke plumpsen.
   Dieser Schuft! Lecker. Dieser elende Mistkerl! Wie konnte er nur? Hach, Stracciatella … Gerade jetzt, wo sie sich entschlossen hatte, zu ihm nach Frankfurt zu ziehen. Ja. Genau das hatte sie vorgehabt. Noch einen Löffel voll … Sie wollte hier in Hameln ihre Zelte abbrechen. Seit Tagen schmiedete sie deswegen Pläne. An ihrem dritten Jahrestag, kommende Woche, hatte sie ihm einen Heiratsantrag machen wollen. Ganz romantisch. Die Packung war leer. Pauline warf die Eisverpackung und den Löffel auf den Tisch. Da lag auch Ralfs Schlüssel – Ralfs ehemaliger Schlüssel. Pauline biss sich auf die Lippen. Was jetzt? Jetzt hatte sie den Salat. Wie konnte sie nur so blöd sein? Blöder ging es wirklich nicht mehr, denn am Morgen, nach einer Auseinandersetzung mit dem Chef, der an ihrem Werbekonzept für eine Hamelner Firma kein gutes Haar gelassen hatte, hatte sie ihm ihre Kündigung an den Kopf geworfen. Sie wollte sowieso nach Frankfurt gehen, wieso nicht gleich kündigen, hatte sie in dem Moment gedacht. Tja, denken war manchmal nicht ihre Stärke.
   »Mist!« Pauline schimpfte vor sich hin. In dem Moment fiel ihr Blick auf Ralfs Foto, das auf der Kommode vor dem Fenster stand. Sie sprang auf, griff nach dem Bild, riss das Fenster auf und warf diesen elendigen Mistkerl in hohem Bogen hinaus. Es klirrte, als es unten ankam. Verstohlen lugte sie hinaus. Zum Glück hatte sie mit dieser Spontanaktion keinen Passanten getroffen.
   Da lag er, der Schuft, inmitten von Glasscherben. Geschah ihm ganz recht. Nicht nur, dass er sie so kurz vor ihrem Heiratsantrag verlassen hatte. Nein, er hatte die Frechheit besessen, ihr zu gestehen, dass er seit einiger Zeit eine Affäre mit einer Stewardess hatte. Tja, und er hatte sie geschwängert. Die Ärmste. Vermutlich würde er sie bald mit ihrem kommenden Nachwuchs sitzen lassen und zur nächsten Dame abschwirren.
   Wie hatte sie sich so von ihm täuschen lassen können? Energisch schloss Pauline das Fenster.

Am nächsten Morgen wachte Pauline mit rasenden Kopfschmerzen auf. Sie fühlte sich, als hätte sie die vergangene Nacht literweise Wodka oder ähnliches Zeug in sich hineingekippt. Hätte sie vielleicht tun sollen. Das Ergebnis wäre das Gleiche gewesen. Mit dem winzigen Unterschied, dass ihr der Alkohol vermutlich für ein paar Stunden Vergessen beschert hätte. Mit geschlossenen Augen blieb Pauline liegen. Bloß nicht bewegen, vielleicht würde es von allein besser werden. Mit einem nervtötenden Geräusch bimmelte der Wecker. An den hatte sie gar nicht gedacht. Nach einem Schlag auf die Austaste herrschte Ruhe. Die Erinnerung kam und mit ihr die Erkenntnis, dass nichts mehr so war, wie vierundzwanzig Stunden zuvor. Wie sollte es weitergehen? Kraftlos setzte sich Pauline auf und tappte ins Bad. Die Frau, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, kannte sie nicht. Die sah ja grauenvoll aus. Lange, wirr abstehende strohige Haare, dicke verquollene Augen … Sie zog die Schublade des kleinen Hängeschränkchens heraus und wühlte darin herum. Schließlich fand sie eine zerdrückte Packung mit Schmerztabletten. Zwei davon schluckte sie und spülte sie mit Leitungswasser hinunter. Sie ging unter die Dusche und drehte den Wasserhahn voll auf. Minutenlang ließ sie das Wasser auf ihren Körper prasseln. Doch das Wasser spülte weder ihren Kummer noch die Sorge wegen ihres Arbeitsplatzes fort.

Nach einer Tasse starken Kaffees arbeiteten ihre Gehirnzellen allmählich. Musste – durfte sie die Agentur eigentlich noch mal betreten? Oder würde man sie dort achtkantig hinauswerfen, nach dem, was sie gestern von sich gegeben hatte? Pauline hatte keine Ahnung. Wieso hatte sie sich dazu hinreißen lassen nach dem Rüffel, den ihr der Chef wegen eines missglückten Werbekonzepts erteilt hatte, ihren Job zu kündigen? Hinzu kam, dass sie die Kündigung wenige Tage vor Ablauf der Probezeit ausgesprochen hatte. Innerhalb der Probezeit konnten Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit sofortiger Wirkung kündigen. Echt blöd gelaufen. Sie war sich so sicher gewesen, dass sie sowieso bald zu Ralf ziehen würde – dass er mit Freuden ihren Antrag annehmen würde. Über die Konsequenzen ihrer gestrigen Aktion hatte sie nicht nachgedacht. Die waren nämlich, wie ihr erst jetzt bewusst wurde, dass sie kein Geld verdienen würde, außer dem Gehalt, das ihr noch für die geleistete Arbeit zustand. Arbeitslosengeld war für die ersten Wochen auch nicht zu erwarten. Tränen traten ihr in die Augen, als ihr die Tragweite ihres Handelns deutlich wurde. Sie musste schleunigst ihre Finanzen überprüfen und sich einen anderen Job suchen. Schuld an allem war natürlich Ralf. Ohne ihn wäre sie niemals auf die Idee gekommen, ihren Job hinzuschmeißen und ohne ihn würde sie sich nicht so verdammt schlecht fühlen und ständig heulen müssen.
   Um sich abzulenken, schaltete Pauline ihren Laptop ein. Später würde sie zum Arbeitsamt fahren müssen, aber zuerst mussten die verheulten Augen abschwellen. So konnte sie nicht unter die Leute gehen. Im E-Mail-Postfach fand Pauline eine Nachricht von Sigrid Mölder, ihrer Lektorin. Sie warte immer noch auf Exposé und Leseprobe, schrieb sie. Pauline seufzte. Ja, sie wartete auch. Auf eine Idee nämlich. Der nächste Roman sollte heiter und amüsant sein, forderte Paulines Lektorin. Doch Pauline hatte keinen blassen Schimmer, worüber sie schreiben sollte. Heiter und amüsant waren zwei Begriffe, die seit gestern in ihrem Leben nicht vorkamen, deren Bedeutung sie lediglich im Wörterbuch nachlesen konnte. Resigniert klappte Pauline den Laptop zu. Sie würde später auf die Mail antworten. Erst noch eine Tasse dieses schwarzen Gebräus, dann musste ein Plan her. Ein ganz neuer Lebensplan.

Als Pauline am Nachmittag ihre Wohnungstür aufschloss, konnte sie den unangenehmsten Punkt auf ihrer Liste der unerledigten Dinge abhaken. Der Gang zum Arbeitsamt lag hinter ihr und sie konnte nichts anderes tun, als die Bearbeitung seitens des zuständigen Mitarbeiters abzuwarten. Vermutlich musste sie mit einer Sperre von zwei Monaten bezüglich des Arbeitslosengeldes rechnen. Pauline hoffte, so schnell wie möglich einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Aber Werbeagenturen gab es in Hameln und Umgebung nicht gerade viele.
   Um sich zu beschäftigen, räumte Pauline auf und putzte die Küche. Doch die Arbeit lenkte sie nicht ab. Immer wieder überfiel sie ein Schluchzen, wenn sie an Ralf dachte. Sie hatte ihm blind vertraut, wenn er tagelang in der Weltgeschichte herumflog oder in seiner Wohnung in Frankfurt blieb, weil zu wenig Zeit für eine Fahrt nach Hameln war, bis sein nächster Flug ging. Wie hatte sie sich so in ihm täuschen können? Eis. Sie brauchte dringend ein Eis. Nach einem Blick in das Eisfach stellte Pauline fest, dass ihr Vorrat aufgebraucht war. Es musste Nachschub her. Nur eine große Portion ihrer Lieblingsspeise würde sie trösten können.
   Wenig später saß sie mit einer Familienpackung Schoko-Karamell-Eis, das durchzogen war von hauchdünnen, knackigen Schichten aus Vollmilchschokolade, am schmalen Küchentisch. Während sie Löffel für Löffel dieser Köstlichkeit in sich hineinschaufelte, öffnete sie ihren Laptop und antwortete auf die Mail ihrer Lektorin. Sie sei gerade dabei, erste Ideen zu Papier zu bringen, und würde das Exposé bald schicken, schrieb sie. Sie bekam Bauchschmerzen bei dieser Flunkerei. Na ja, vielleicht kamen die Bauchschmerzen auch von ihren Sorgen – oder von zu viel Eis.

Den Rest vom Schoko-Karamell-Eis hatte Pauline ins Eisfach gelegt und die Küche so gründlich geputzt, dass sie sogar vom Fußboden hätte essen können. Ermattet saß sie vor dem Fernseher und zappte durch die Programme, als das Telefon klingelte. Ralf? Wollte er sich entschuldigen? Ihr Herz klopfte plötzlich schneller. Es war jedoch nicht Ralf.
   »Hallo, Jule. Alles klar?« Pauline begrüßte ihre Freundin aus Schultagen und versuchte, etwas Fröhlichkeit in ihre Stimme zu legen.
   »Überhaupt nichts ist klar.« Jule stöhnte zum Herzerweichen. »Mir wächst alles über den Kopf. Ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll.«
   »Was ist passiert?«
   »In der nächsten Woche fangen in den ersten Bundesländern die Ferien an. Von da an bin ich ausgebucht.«
   »Ist doch bestens.«
   »Eigentlich schon, wenn ich nicht auf meine feste Kraft und eine Aushilfe verzichten müsste. Die Aushilfe musste ich feuern, mehrere Gäste haben sich über sie beschwert. Frau Sörens ist gestern gestürzt und hat sich ein Bein gebrochen. Sie fällt für mehrere Wochen aus. O Mann, Pauline. Gerade jetzt!«
   »Das hört sich übel an. Hast du schon nach Ersatz gesucht?«
   Jule seufzte. »Was glaubst du denn? Aber hier ist in Kürze der Teufel los. Da stellen etliche Vermieter und Wirte Aushilfskräfte ein. Ich bin mit meiner Suche verdammt spät dran.«
   »Das konntest du ja vorher nicht wissen.« Pauline versuchte, Jule aufzumuntern. Ihre Freundin hatte es wirklich nicht leicht. Vor zwei Jahren hatte sie bei einem Segelunfall ihren Mann verloren. Seitdem lag die Verantwortung für die kleine Pension, die die beiden aufgebaut hatten, allein auf ihren Schultern.
   »Ach Pauline, ich vermisse dich so. Wann kommst du mich endlich mal wieder besuchen?«
   »Ja, also …« Pauline beabsichtigte, Jule ihren eigenen Kummer zu verschweigen. Schließlich hatte die Freundin im Moment genug um die Ohren.
   »Du kannst gern Ralf mitbringen.«
   Musste Jule ausgerechnet damit anfangen? Nach einigen heftigen Schluchzern und Jules drängenden Nachfragen sprudelte es aus Pauline heraus.
   »O verdammt. Dieser Mistkerl«, schimpfte Jule.
   »Ich hab obendrein keinen Job mehr.« Pauline schniefte. »Und ich weiß nicht, worüber ich schreiben soll. Es ist einfach zum Heulen. Mein ganzes Leben liegt in Trümmern vor mir.«
   »Nun mal nicht so dramatisch. Heb dir das für deine Romane auf.«
   »Du hast gut reden.«
   »Mensch Pauline! Wieso kommst du nicht zu mir? Genau! Du brauchst Geld und ich eine Arbeitskraft. Das ist doch die ideale Kombination. Was sagst du?«
   Pauline zögerte. »Ja, also … ich weiß nicht, ob ich hier wegkann.«
   »Wieso nicht? Du bist doch ungebunden. In jeder Hinsicht.«
   »Danke, dass du mich daran erinnerst.«
   »Entschuldige. Aber es stimmt doch. Wir könnten endlich mal wieder endlos quatschen.«
   »Das hätte schon was.« Das musste Pauline zugeben. Sie vermisste die stundenlangen Gespräche von früher. Manchmal hatten sie die ganze Nacht geredet. »Ich muss erst einmal meine Finanzen überprüfen und sehen, ob ich mir die Fahrt überhaupt leisten kann.«
   »Die Fahrt bezahl ich natürlich. Schließlich kommst du, weil du bei mir arbeiten wirst.«
   »Nee, Jule. Das kann ich nicht annehmen.« Pauline nagte ratlos an ihrer Unterlippe.
   »Natürlich kannst du.«
   Konnte sie das wirklich? So einfach nach Amrum fahren und dort arbeiten? Das musste sie erst mit dem Arbeitsamt klären. Schön wäre es schon. Jule endlich wiederzusehen, Strandspaziergänge, Wind und Wellen und vor allen Dingen, von hier wegzukommen.
   »Ich sehe schrecklich aus …«
   »Dann geh zur Kosmetikerin oder zum Friseur. Tu dir was Gutes.«
   »Muss sparen.«
   »Papperlapapp. Sieh es als Investition in einen Neuanfang.«
   »Ich weiß nicht. Außerdem muss ich schreiben.«
   »Du würdest mich mit deinem Besuch wirklich retten. Ehrlich Pauline. Schreiben kannst du übrigens auch hier.«
   »Meinst du wirklich?«
   »Natürlich. Ich beute dich nicht aus, keine Angst. Du wirst genug Zeit für dich haben.«
   »Okay, Jule.« Pauline gab sich einen Ruck. »Danke für deinen tollen Vorschlag. Ich werde mit dem Arbeitsamt klären, ob es in der Hinsicht Probleme gibt. Wenn nicht, dann nehme ich dein Angebot an.«
   »Na siehst du. Geht doch. O Pauline, ich freu mich so auf dich. Wir werden eine tolle Zeit haben. Wirst schon sehen.«

2. Kapitel

Drei Tage später stand Pauline an der Reling der Fähre, die sie von Dagebüll nach Amrum brachte. Gut fünfeinhalb Stunden Bahnfahrt und fast eineinhalb Stunden auf dem Schiff lagen hinter ihr. Das Schiff hatte bereits die Nachbarinsel Föhr passiert, die rechts der Fahrrinne lag. Wenn Pauline nach links blickte, konnte sie am Horizont die kleinen Erhebungen der Halligen erkennen. Vor ihr kam die Silhouette ihres Ziels langsam näher. Die Fähre steuerte schon die Hafeneinfahrt von Wittdün an. Obwohl ein heftiger Wind wehte und die Sonne nur ab und an zwischen dicken weißgrauen Wolken hervorlugte, hatte Pauline die ganze Zeit an Deck verbracht. Tief sog sie die salzige Meeresluft ein. Herrlich, wie gut das tat. Es machte ihr nichts aus, wenn ihr der Nordseewind um die Nase wehte und die Frisur zerzauste. Unwillkürlich griff sie sich an den Kopf und stutzte. Sie hatte Jules Rat befolgt und sich eine neue Frisur gegönnt. Nicht einen Moment hatte sie den langen Strähnen nachgeweint, die sich mit jedem »Schnipp« mehr und mehr auf den Boden rund um den Friseurstuhl häuften. Mit jedem Schnitt, mit jeder fallenden Strähne fiel ein Stück Vergangenheit – ein Stück Ralf – von ihr ab. Das hatte sie jedenfalls in diesem Augenblick geglaubt. Leider hielt dieses Gefühl nicht lange an. Zwar hatte die Friseurin ihr einen flotten Kurzhaarschnitt verpasst, mit dem sich Pauline jünger und rundum erneuert fühlte, aber der Kummer über Ralfs Verrat nagte schon bald nach Verlassen des Friseurgeschäfts erneut an ihrem Herzen.
   Ein Ruck und ein Poltern verrieten Pauline, dass die Fähre gerade anlegte. Ob Jule am Hafen stand und auf sie wartete? Suchend ließ Pauline ihren Blick über die Menschen schweifen, die entweder auf Ankömmlinge warteten oder darauf, an Bord gehen zu dürfen. In mehreren Reihen standen etliche Autos auf der Hafenanlage. Ob die alle einen Platz auf diesem Fährschiff finden würden? Aber erst einmal mussten die ankommenden Passagiere und Pkws von Bord. Pauline bedauerte, dass auf Amrum Autoverkehr erlaubt war. Sie war schon einmal während der Sommersaison auf Urlaub hier gewesen und hatte die vielen Pkws als störend und luftverschmutzend empfunden. Ach ja, als Jules Mann gestorben war, war sie zu Jan-Eriks Beerdigung ebenfalls hier gewesen.
   Jule stand abseits vom Menschenpulk. Pauline erkannte sie sofort an ihrem leuchtend orangeroten Haarschopf, naturrot wohlgemerkt. Pauline winkte ihr mit beiden Armen zu. Zögernd hob Jule ihren Arm, so, als hätte sie Pauline nicht richtig gesehen oder erkannt. Hatte sie vielleicht auch nicht. Pauline schmunzelte. Die würde Augen machen, wenn sie sich gleich gegenüberstehen würden. Pauline freute sich auf das Wiedersehen mit ihrer besten Freundin und schon jetzt stand für sie fest, dass ihre Entscheidung, Jule in der Pension zu helfen, die vermutlich beste war, die sie in den vergangenen Monaten getroffen hatte.
   Wenig später schob sich Pauline, ihren dicken übergroßen Koffer hinter sich herziehend und mit einer prall gefüllten Tasche über der Schulter, mit all den anderen Passagieren von Bord. Die kleinen Rollen ihres Trolleys klackerten mit denen anderer Gepäckstücke um die Wette. Zielstrebig steuerte sie auf Jule zu. Sie sah, wie sich Jules Gesicht erhellte und die Freundin mit ausgebreiteten Armen auf sie zustürmte.
   »Da bist du ja endlich!« Sie lagen sich in den Armen. Freudentränen flossen bei ihnen beiden, schließlich hatten sie sich zwei Jahre nicht mehr gesehen. Jule grinste und strubbelte durch Paulines Haare. »Sind die schon länger so kurz? Ich hätte dich fast nicht erkannt. Ähm … jedenfalls von Weitem nicht.«
   Pauline hakte sich bei Jule ein. »Ich hab mir deinen Ratschlag zu Herzen genommen und mir trotz meiner mageren Finanzen einen Friseurtermin gegönnt. Ich bin echt froh darüber.«
   »Komm, wir sollten los. Ich habe vorn an der Straße geparkt, damit wir schneller verschwinden können, bevor sich die anderen Ankömmlinge auf den Weg machen.«

Kurz darauf hievten sie Paulines Koffer und Tasche in Jules betagtes Gefährt und nahmen im Wagen Platz. Während der Fahrt gen Norddorf informierte Jule Pauline darüber, welche Aufgaben sie in der Pension übernehmen sollte. Paulines Arbeit bestand hauptsächlich in der Reinigung der Zimmer. »Oder hast du damit ein Problem?«, fragte Jule. »Wir könnten auch tauschen. Ich sorge für Sauberkeit und Ordnung und du machst den Bürokram.«
   »Nee, schon in Ordnung. In deine Büroarbeit will ich lieber nicht reinpfuschen.« Pauline genoss die Fahrt über die Insel und die Tatsache, neben Jule zu sitzen. Süddorf hatten sie bereits passiert und näherten sich ihrem Lieblingsdorf Nebel. Wann sie wohl Zeit für einen Besuch dieses zauberhaften Friesendorfes finden würde? So bald wohl nicht. Schließlich war sie hier, um zu arbeiten. Zum einen in Jules Pension, zum anderen an einem neuen Manuskript. Den Gedanken daran schob Pauline weit von sich und hörte viel lieber Jule zu, die allerlei Tratsch von der Insel zum Besten gab. Eine Viertelstunde später bog Jule von der Landstraße in den Dünemwai ein. Nach wenigen Grundstücken erreichten sie die Pension Jule. Das reetgedeckte Häuschen aus rotem Backstein lag ruhig am Ende der Straße auf der linken Seite. Eine Findlingsmauer begrenzte das Grundstück zur Straße hin. Im Vorgarten blühten üppig die verschiedensten Stauden. Neben dem Haus befand sich ein Parkplatz, auf dem Jule ihren Wagen abstellte. Sie drehte sich zu Pauline um und lachte sie an. »Willkommen im Haus Jule. Danke, dass du mir aus der Patsche hilfst.«
   Pauline zuckte nur mit den Schultern. »Ich hab sowieso gerade nicht viel vor.« Mit Schwung öffnete sie die Beifahrertür, stieg aus dem Wagen und streckte sich. »Endlich angekommen.« Sie sah sich um. »O Jule, ich hatte gar nicht mehr in Erinnerung, wie schön du es hier hast.«
   Jule hatte inzwischen Paulines Gepäck aus dem Kofferraum gezerrt. »Komm, ich zeig dir dein Zimmer. Sicher möchtest du dich frisch machen. Ich brüh uns derweil einen Kaffee auf. Mit dem setzen wir uns später in den Wintergarten.«
   »Du hast einen Wintergarten? Davon hast du mir gar nichts erzählt.« Pauline staunte nicht schlecht. Jule schien auch ohne ihren Jan-Erik alles im Griff zu haben.
   »Davon erzähl ich dir später.« Jule hakte sich bei Pauline ein und zog mit der anderen Hand den Trolley hinter sich her. Gemeinsam betraten sie Jules Heim.
   Pauline bezog ein kleines Zimmer im obersten Geschoss, das Jule als Privatbereich nutzte. »Ich hätte dir gern eines meiner Gästezimmer gegeben. Die sind größer«, sagte Jule entschuldigend. »Aber die sind in nächster Zeit belegt.«
   »Ich bin ja auch nicht zum Urlaub hier. Außerdem ist es hier sehr gemütlich.« Sie trat an das kleine Erkerfenster, öffnete es weit und beugte sich hinaus. »Der Ausblick auf Norddorf ist auch nicht zu verachten.« Sie drehte sich wieder um, eilte zu Jule und umarmte sie. »Ach Jule, ich kann gar nicht sagen, wie schön ich es finde, bei dir zu sein.«
   »Dann lass es.« Jule löste sich lachend aus Paulines Umarmung. »Beeil dich lieber. Ich setz inzwischen den Kaffee auf. Dann machen wir es uns ein Stündchen gemütlich.«

Zwanzig Minuten später hatte Pauline geduscht und sich umgezogen. Ausgepackt hatte sie ebenfalls schon. Sie machte sich auf die Suche nach Jule. Da die Freundin in der oberen Etage nicht zu finden war, eilte Pauline die Treppe hinunter und zielstrebig auf den Aufenthaltsraum zu, der morgens als Frühstücksraum genutzt wurde. Den Wintergarten vermutete sie dahinter. Sie hatte recht, wie sie feststellte. Die Tür, durch die man früher auf die Terrasse gelangte, führte nun in den Wintergarten. Neugierig trat Pauline näher.
   »Da bist du ja«, rief Jule, die Tassen auf einen kleinen runden Glastisch stellte. Eine Thermoskanne stand auch schon bereit.
   Beeindruckt sah sich Pauline um. Jeweils vier Korbsessel, bestückt mit gemusterten Kissen, umrahmten kleine Glastische. Etliche Grünpflanzen standen an der Hauswand und vor der Glasfront, durch die man in den Garten blicken konnte. Überall hatte Jule hübsche Dekoartikel verteilt. Auf den Tischen standen frische Blumensträuße. Um die Vasen herum hatte sie hauchdünnen orangefarbenen Organzastoff drapiert.
   »Schön sieht es hier aus. Richtig gemütlich.« Pauline setzte sich in einen der Sessel. »Erzähl mal, seit wann es dieses Plätzchen gibt.«
   »Gleich. Erst muss ich noch den Rest holen.« Jule eilte hinaus und kam wenig später mit einem Tablett zurück. Sie grinste. »Ich kenn dich Leckermäulchen doch. Du lechzt bestimmt schon seit Stunden nach deiner Lieblingsspeise.« Mit den Worten stellte Jule das Tablett ab und Pauline entdeckte zwei großzügig gefüllte Schälchen mit Eis und einer dicken Haube Sahne, dekoriert mit Schokoraspeln.
   Pauline lachte laut auf. »Du kennst mich.« Sie griff nach der Schale, die ihr Jule reichte, und löffelte sogleich. »Mmh, Himbeere und Schoko. Himmlisch.« Sie seufzte genießerisch.
   Mit einem Schmunzeln setzte sich auch Jule. Sie zwinkerte Pauline zu und nahm sich das andere Schälchen. »Alles Berechnung. Man muss seine Angestellten hegen und pflegen, sage ich immer.«
   »Scherzkeks«, murmelte Pauline mit vollem Mund.
   »Wahrheit.«
   Es tat so gut, bei Jule zu sein. Erst jetzt wurde Pauline bewusst, wie sehr sie die kleinen Neckereien zwischen ihnen vermisst hatte. Eine Weile schwiegen die beiden und genossen das Eis und das Beisammensein.
   »Jan-Erik wollte unbedingt einen Wintergarten bauen.« Jule nahm das Gespräch auf. »Davon träumte er, seit wir die Pension eröffnet hatten. Er hatte die Zeichnung angefertigt und Angebote verschiedener Firmen eingeholt.« Jule seufzte tief. »Leider kam er nicht mehr dazu, seine Pläne zu verwirklichen.«
   Pauline spürte, wie schwer es Jule fiel, über dieses Thema zu sprechen, und bedauerte, davon angefangen zu haben. Wieso hatte Jule nie am Telefon von diesen Plänen gesprochen?
   »Ich wollte – ich musste Jan-Eriks Traum verwirklichen.« Eindringlich sah Jule zu Pauline. »Verstehst du das?«
   Pauline beugte sich zu Jule hinüber und tätschelte deren Arm. »Natürlich verstehe ich das.«
   Jule wandte ihren Blick von Pauline ab und sah hinaus in den Garten. Nein, sie blickte eher in die Ferne, fand Pauline. Irgendwohin, ganz weit weg. Vielleicht dorthin, wo sie Jan-Erik vermutete.
   »Die Finanzierung ist mir nicht leichtgefallen. Damals, bei der Beerdigung habe ich ihm aber geschworen, dass ich ihm seinen Traum erfüllen werde. Da konnte ich doch nicht einfach aufgeben, oder? Nur, weil nicht so viel Geld in die Kasse kam, wie ich mir erhofft hatte …«
   »Warum hast du mir nie etwas davon erzählt?«
   Jule zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht. Vielleicht wollte ich dich damit nicht belasten. Hab mir über die Gründe nie Gedanken gemacht.«
   Pauline konnte Jules Haltung nicht fassen. »Wozu sind wir gute Freundinnen, wenn wir uns unsere Probleme und Sorgen nicht anvertrauen?«
   Jule war über Paulines Tonfall sichtlich erschrocken. »Bitte schimpf nicht mit mir. Das hatte keinen besonderen Grund. Ich stand ziemlich neben mir, als ich so plötzlich alles allein managen musste. Der Sörens, der Mann meiner erkrankten Mitarbeiterin, übernahm die Verhandlungen mit den Firmen. Er ist handwerklich sehr begabt, im Gegensatz zu mir. Ich war sehr froh darüber, dass er mir in der Zeit zur Seite stand, und bin es noch heute. Alle paar Tage ruft er an oder kommt vorbei und fragt nach, ob es etwas auszubessern gibt. Du wirst ihn sicher noch kennenlernen. Er taucht bestimmt in den nächsten Tagen hier auf. Er ist Rentner und ich schätze, ihm ist ziemlich langweilig. Jetzt, wo seine Frau im Krankenhaus liegt, glaubt er sicherlich, dass hier noch mehr zu tun ist. Dabei hatte ich ihm erzählt, dass meine beste Freundin einspringt, solange seine Frau krankgeschrieben ist.«
   Obwohl Pauline versuchte, sich in Jule hineinzuversetzen, und darüber nachdachte, wie sie sich in einer solchen Situation verhalten hätte, verletzte sie Jules Vorgehensweise. Dabei wusste sie, wie schlimm es für Jule gewesen war, als Jan-Erik so plötzlich tot war. Reagierte sie selbst so empfindlich, weil in ihrem Leben momentan alles drunter und drüber ging? Irgendwie befand sie sich gerade in einer ähnlichen Ausnahmesituation wie Jule damals. Ihr Leben war ebenfalls gerade Knall auf Fall zusammengebrochen. Allerdings weilte Ralf noch unter den Lebenden – irgendwie. Für sie war er jedenfalls gestorben. Für immer und ewig. Wenn sich dieser Mistkerl bloß nicht immer in ihre Gedanken schleichen würde. Warum tat er das? Es schien ihm eine geradezu diebische Freude zu bereiten. Pauline verfluchte ihn und wünschte ihn dahin, wo der Pfeffer wächst, und sie wünschte ihm, dass er irgendwann in seinem Leben die gleichen Qualen durchlitt, die er ihr zugefügt hatte.
   »Pauline?«
   »Ähm … was?« Pauline schrak aus ihren Gedanken auf.
   »Alles in Ordnung? Ich hatte den Eindruck, dass du mit deinen Gedanken weit weg warst.«
   »War ich auch. In meinem Kopf herrscht gerade ein ziemliches Durcheinander.« Sie rümpfte die Nase. »Du kennst den Grund. Mir fiel auf, dass in unser beider Leben von einer auf die andere Sekunde alles zusammengebrochen ist – wenn es bei dir auch bedeutend schlimmer war.« Pauline nahm einen Schluck von dem Kaffee, den Jule ihr, ohne dass sie es bemerkt hatte, eingeschenkt haben musste. »Ich brauche vermutlich noch einige Zeit, bis ich das Thema Ralf innerlich abgearbeitet habe. Mal ehrlich, wie konnte ich auch noch so dämlich sein und meinen Job hinschmeißen?«
   »Ja, das war wirklich selten dämlich.« Jule nahm die Thermoskanne und schenkte ihnen beiden Kaffee nach. »Warst du noch mal bei deinem Chef?«
   Pauline schüttelte den Kopf. »Nee, das wäre mir zu peinlich gewesen. Es war schon schlimm genug, dass ich dem Typ vom Arbeitsamt erklären musste, wieso ich das gemacht habe. Ich hab auch noch angefangen zu heulen.«
   »Ach du Schande. Wie geht’s weiter?«
   »Erst einmal bearbeiten sie die Akte. Dann bekomme ich Bescheid, ab wann ich Arbeitslosengeld zu erwarten habe. Vermutlich bekomme ich zwei Monate nichts, hat er gesagt. So was Blödes aber auch.« Pauline atmete tief durch. »Ich habe übrigens angegeben, dass ich eine Zeit lang hier wohne und sie die Post hierher schicken sollen. Jobangebote bekomme ich natürlich auch. Allerdings muss ich auch selbst auf Arbeitssuche gehen. Aber das ist kein Problem. Meinen Laptop habe ich sowieso dabei.«
   »Hoffentlich finden die nicht so schnell eine neue Stelle für dich«, sagte Jule und schlug sich gleich darauf mit der Hand vor die Stirn. »Ich meine, damit ich dich nicht so schnell wieder ziehen lassen muss.«
   Pauline grinste. »Ich hab’s schon richtig verstanden. Du willst, dass ich die Saison über hier schufte und du dir nicht noch eine andere Aushilfskraft suchen musst.«
   »Genau!« Jule grinste ebenfalls. »Du hast mich durchschaut. Aber mal ehrlich. Das wäre doch wirklich blöd, wenn du gleich wieder wegmüsstest.«
   »Ja, stimmt. Ich habe mich schon darauf eingestellt, für längere Zeit hierzubleiben. Zu Hause würde mir sowieso die Decke auf den Kopf fallen. Hier lerne ich neue Leute kennen, und verdiene ein bisschen Geld. Vielleicht kommt mir hier auch eine Idee für meinen neuen Roman. Meine Lektorin drängelt schon.«
   »Das wird schon. Magst du noch Kaffee?«
   Pauline schüttelte den Kopf. »Viel lieber würde ich mit dir einen Spaziergang durch den Ort oder zum Strand machen.«
   »Das ist eine gute Idee. Sieh dich um, erneuere deine Eindrücke von der Insel. Aber ich muss passen. Hab noch dringende Büroarbeiten zu erledigen.«
   »Schade. Kannst du das nicht verschieben?«
   Jule zuckte mit den Schultern, stand auf und räumte das Geschirr auf das Tablett. »Leider nicht. Weil ich Frau Sörens Arbeit mit übernehmen musste, habe ich den Bürokram bis zu deiner Ankunft aufgeschoben. Ich muss ran, bevor sich noch mehr anhäuft. Wir holen den Spaziergang nach, versprochen.«
   »Ich nehme dich beim Wort.« Pauline streckte ihre Glieder und erhob sich ebenfalls. »Sehen wir uns später noch?«
   »Na klar, wir essen natürlich zusammen.« Gemeinsam verließen die Freundinnen den Wintergarten. Jule verschwand mit dem Tablett in der Küche.
   Pauline holte ihre Windjacke und die Sonnenbrille aus ihrem Zimmer. Kurz darauf verließ sie das Haus. Vor dem Grundstück blieb sie stehen, unschlüssig, welchen Weg sie einschlagen sollte. Zum Strand! Der Ort konnte warten, entschied sie. Gleich am Ende des Dünemwai begann einer der Wege, die durch die Dünen hinunter zum weiten Strand führten. Pauline fühlte sich, als würde der Strand sie wie ein Magnet anziehen. Sie schob ihre Sonnenbrille auf die Nase, fuhr sich durch die Haare und hielt überrascht inne. Mit einem Mal war die Erinnerung an die vergangenen Tage wieder real und damit auch der Schmerz. Sie hätte wissen müssen, dass sie mit einem Haarschnitt und einem Ortswechsel nicht automatisch alles vergessen würde. Pauline kniff ihre Augen zusammen, atmete tief durch und versuchte mit all ihrer Kraft, die Gedanken an Ralf beiseitezuschieben. Das war jedoch nicht so einfach. Immer wieder schlich sich Ralf in ihre Gedanken. Wann würde das endlich aufhören?
   Sie konzentrierte sich auf die Umgebung, auf die Dünen aus feinstem Sand, übersät mit Büscheln von Strandhafer. Dieses Naturwunder hatte sie schon bei ihrem ersten Amrumbesuch bestaunt. Auf einmal war sie voller Vorfreude auf den unendlichen Strand und beeilte sich, ihr Ziel zu erreichen. Die Spaziergänger und Radfahrer, die sie auf dem Weg traf, nahm sie kaum wahr. Sie passierte das Schwimmbad und die Strandhalle und erreichte einen Bohlenweg, an dessen Ende eine Treppe zum Strand hinunterführte. Diesen Strandzugang kannte Pauline nicht, er war vermutlich erst nach ihrem vergangenen Aufenthalt gebaut worden. Damals führte ein einfacher Pfad auf den Strand. Auch an die Strandbar, an der sie eben vorbeigegangen war, konnte sie sich nicht erinnern.
   Am Ende des Bohlenweges blieb Pauline stehen und schob die Sonnenbrille auf die Stirn. Endlich! Sie ließ den Blick über den in der Sonne gleißenden Sand streifen. Möwen zogen ihre Kreise über dem Strand oder stritten sich mit Austernfischern um appetitliche Happen. Wie bunte Farbkleckse nahm Pauline Strandkörbe, andere Strandbesucher und im Sand buddelnde Kinder wahr. Zwischen Himmel und Strand glitzerte die Nordsee. Segelboote kreuzten am Horizont. Eine Aussicht wie auf Postkarten und viel schöner, als sie es in Erinnerung hatte. Hastig zog sie Schuhe und Strümpfe von den Füßen und krempelte sich die Jeans bis zu den Knien hoch. Sie eilte die Stufen hinunter und stand endlich im Sand. Sie wackelte mit den Zehen und spürte dieses leichte Kitzeln, wenn Sand zwischen den Zehen emporquillt. Hach, das hatte sie vermisst. Nach einem tiefen Atemzug schnappte sich Pauline die Strümpfe und stopfte sie in die Schuhe. Die Schnürbänder knotete sie an der Gürtelschlaufe ihrer Hose fest und rannte laut lachend und mit ausgebreiteten Armen dem Meer entgegen. Erst, als sie bis zu den Waden im Wasser stand, blieb sie stehen. Huch, war das kalt. Dennoch planschte sie mit den Füßen gut gelaunt im Wasser umher. Jules Vorschlag war eindeutig das Beste, was ihr in vergangener Zeit passiert war und Pauline war froh, dass sie sich hatte überreden lassen, hierher zu kommen. Es war einfach traumhaft hier. Langsam watete sie durch die leichte Brandung und allmählich gewöhnten sich ihre Füße an die Wassertemperatur. Ab und an hob sie eine besonders schöne Muschel auf und legte sie in die Schuhe. Es dauerte nicht lange, da quollen die Schuhe fast über mit Herz- und Miesmuscheln. Sogar eine Austernschale hatte sie gefunden. Halt! Schon am ersten Tag war sie prompt ihrer Sammelleidenschaft verfallen. Wenn sie so weitermachte, würde sie für ihre Heimreise ein zusätzliches Gepäckstück für gesammeltes Strandgut einplanen müssen.
   Ein paar Hundert Meter weiter ließ sie sich im Sand nieder. Kaum zu glauben, dass sie heute erst angekommen war. Die Anreise schien ewig her zu sein. Dazu der Wetterumschwung. Während es auf der Fähre noch reichlich kühl gewesen war und die Sonne nur ab und an zwischen den Wolken hervorgelugt hatte, hatte sich der Nachmittag zu einem herrlichen Sonnentag entwickelt. Pauline zog die Windjacke aus, breitete sie auf dem Sand aus und legte sich darauf. Sie schloss die Augen und genoss die warmen Sonnenstrahlen. Nach einer Weile spürte sie, wie ihre Haut heißer wurde und ihr fiel ein, dass sie keine Sonnencreme benutzt hatte. Daran würde sie in Zukunft denken müssen. Um die Haut nicht unnötig zu strapazieren, entschied sich Pauline schweren Herzens, zurückzugehen. Aber sie würde jeden Tag, wenigstens für einen kurzen Moment, den Strand aufsuchen, nahm sie sich vor. Vor der Strandhalle setzte sie sich auf eine Bank. Die Muscheln füllte Pauline vorsichtig in die Socken, rieb sich den Sand von den Füßen und schlüpfte barfuß in die Schuhe. Der Spaziergang hatte ihr gutgetan und sie fühlte sich fast wie im Urlaub. Was sich in den nächsten Tagen allerdings ändern würde, wie sie vermutete. Denn schließlich war sie nicht zum Faulenzen hergekommen.
   Spontan entschied sich Pauline für einen kurzen Bummel durch den Ort. Ein Eis wäre genau das Richtige. Während sie den Strunwai entlang der Ortsmitte zustrebte, kam auch die Erinnerung an ihre vorherigen Aufenthalte zurück. Sie passierte das Kurmittelhaus und die Kurheime, erste Geschäfte und Lokalitäten. Durch die Geschäfte wollte sie ein anderes Mal schlendern und hielt nur am nächstgelegenen Eiscafé an. Genüsslich die Eiskugeln schleckend machte sie sich auf den Weg zu Jule. Die würde sicher schon warten.

3. Kapitel

Pauline wachte am frühen Morgen vom Gekreisch der Möwen auf. Erst halb sechs, stellte sie nach einem Blick auf ihren Wecker fest. Sie konnte also durchaus noch ein paar Minuten liegen bleiben. Jule hatte gesagt, dass sie beim Frühstück vorbereiten nicht helfen brauchte, da an diesem Morgen nur ein Ehepaar im Hause wäre. Allerdings würde sich das in den nächsten Tagen ändern, wenn die Pension für einige Wochen voll belegt war. Pauline lauschte dem Lärm der Möwen. Da kam ihr eine Idee. Eine supergute Idee. Sie stand auf und öffnete beide Fensterflügel ganz weit. Kühle Luft wehte ihr entgegen. Aber das machte nichts. Schnell putzte sie ihre Zähne, zog sich eine Sporthose und ein Sweatshirt an und schlüpfte in Socken und Sportschuhe. Eine Runde zu joggen vor dem Frühstück, das wäre doch mal ein sportlicher Start in den Tag, der außerdem ihrer Figur guttun würde. Bevor sie das Haus verließ, warf sie noch einen Blick in die Küche. Niemand zu sehen. Auch gut. Die Gäste standen vermutlich nicht so früh auf.
   Erstaunt registrierte Pauline, dass sie nicht die Einzige war, die so früh schon ihre Runde drehte. Mit einem mürrischem »Moin« grüßte ein älterer Mann, der ihr schweißüberströmt auf dem Dünenweg entgegenkam. Fröhlich erwiderte Pauline den Gruß. Sie konnte sich nicht erklären, weshalb sie um diese Uhrzeit, zu der sie sich sonst noch einmal umdrehte und eine Runde weiterschlief, so blendender Laune war. Ob es an der Luftveränderung lag?
   Eine halbe Stunde später schleppte sich Pauline verschwitzt und nach Luft schnappend in die Küche und schreckte damit Jule auf, die gerade Kaffeepulver in die Maschine häufte.
   »Huch, hast du mich erschreckt! Wer hat dich denn so früh aus dem Bett geschmissen?« Jule musterte Pauline und zog mit erstauntem Blick eine Augenbraue empor. »Du joggst?«
   »Kann ich … was trinken?« Pauline japste immer noch. »Ein Wasser vielleicht?«
   »Klar, nimm dir ein Glas aus dem Schrank über der Spüle. Das Mineralwasser steht neben dem Kühlschrank.«
   Erst, nachdem sie zwei Gläser auf ex geleert hatte, konnte Pauline Jule Rede und Antwort stehen. »Es war das erste Mal seit Jahren, dass ich meine Sportschuhe ihrer ursprünglichen Bestimmung zugeführt habe.« Sie verzog das Gesicht und wischte sich mit einem Zipfel ihres Ärmels den Schweiß von der Stirn. »Weiß auch nicht, wie ich dieser wahnwitzigen Idee verfallen konnte. Ich hasse Sport.«
   Jule lachte. »So kenne ich dich. Ich hab mir grad schon Sorgen gemacht.«
   »Ich werde meinen inneren Schweinehund überwinden und regelmäßig joggen gehen. Hab ich mir fest vorgenommen.«
   »Wart mal bis morgen. Wenn der Muskelkater kommt, überlegst du es dir bestimmt noch mal.« Jules Gesicht drückte Zweifel aus.
   Pauline stellte ihr Glas ins Spülbecken. »Ich tu es! Wirst schon sehen. Ich geh mal fix duschen.«
   »Tu das. Hast du dir verdient.«
   Jules Lachen klang noch in Paulines Ohren, als sie sich schon die Hälfte der Treppe empor geschleppt hatte. Schon jetzt taten die Beine so weh, als würden schwere Gewichte an ihnen hängen. Vielleicht hatte sie es ein bisschen übertrieben. Aber es hatte so viel Spaß gemacht über den Dünenweg zu traben, dass sie gar nicht über mögliche Konsequenzen nachgedacht hatte.
   Bis zum Mittag hatte Pauline das einzige belegte Gästezimmer ausgiebig und mehr als gründlich geputzt und den Rest des Tages frei. Den wollte sie für ihre andere Arbeit nutzen. So weit die Theorie. Sie saß in ihrem Zimmer vor dem Laptop und hatte immerhin schon einen Ordner mit dem Namen »Neuer Roman« angelegt und entschieden, dass Amrum der Haupthandlungsort sein sollte. Die Insel erschien ihr perfekt für einen Liebesroman. Damit endete ihre Kreativität auch schon. Pauline seufzte. Warum fiel es ihr dieses Mal so verdammt schwer, sich eine gute Geschichte auszudenken? Nach einigen Minuten, in denen sie den Bildschirm ihres Laptops angestarrt hatte, fuhr sie ihn herunter. Es hatte keinen Zweck, hier sitzen zu bleiben. Sie musste einen anderen Weg finden. Vielleicht sollte sie in den Ort gehen, sich irgendwo hinsetzen und die Leute beobachten. Ja, das war eine gute Idee. Pauline schnappte sich ihre Handtasche und die Jacke, die an einem Garderobenhaken neben der Tür hing, und verließ ihr Zimmer. Ganz behutsam schlich sie die Treppe hinunter. Der blöde Muskelkater machte sich jetzt schon bemerkbar.

Bloß gut, dass Jule nicht sehen konnte, wie sie die Strecke bis zur Ortsmitte entlang schlich. Sie hätte sich bestimmt darüber lustig gemacht. Unterwegs kam Pauline die Idee, sich einen Reiseführer von Amrum zu kaufen. Den konnte sie nutzen, wenn sie wieder in Hameln war und die Orte des Geschehens nicht mal eben persönlich aufsuchen konnte. Wenig später betrat Pauline die Norddorfer Buchhandlung und spürte sofort wieder dieses sonderbare Gefühl, das sie immer überkam, wenn sich unzählige Bücher um sie herum stapelten. Bücher zogen sie magisch an und sie liebte es, stundenlang in Bibliotheken und Buchhandlungen zu stöbern. Einen Inselführer hatte Pauline schnell gefunden. Bevor sie zur Kasse ging, schlenderte sie von einem Buchregal zum nächsten und sah sich um. Vor dem Regal mit Frauenunterhaltungsromanen blieb sie besonders lange stehen und studierte sämtliche Titel. Ob es hier auch Bücher von Lynn Berger gab? Tatsächlich, da standen sie. Paulines Herz flatterte plötzlich aufgeregt.
   Sie bemerkte flüchtig eine Bewegung links neben sich. »Entschuldigung. Darf ich Sie kurz stören?«, hörte sie im gleichen Augenblick eine männliche Stimme. Sie blickte sich um. Der Mann neben ihr machte einen ziemlich hilflosen Eindruck.
   »Ja, bitte?« Meine Güte, sah der gut aus. Groß, schlank, braun gebrannt, blonde Lockenmähne. Irgendwie verkörperte er das Image eines Surfers, fand Pauline.
   »Ähm … ich suche einen Frauenroman. Nicht für mich …«, er zwinkerte Pauline zu, »… sondern für eine junge Dame, Mitte zwanzig.«
   »Aha.« Für seine Frau oder Freundin vermutlich. Wieso waren die süßesten Typen eigentlich entweder gebunden oder schwul? Na ja, egal. Sie hatte sowieso die Nase voll von Männern.
   »Ich habe keine Ahnung, was ich nehmen soll«, sagte er entschuldigend.
   »Liest die Dame eher moderne Romane oder historische? Vielleicht was Leidenschaftliches?«
   Der Blondgelockte zuckte wieder hilflos mit den Schultern. »Wenn ich das wüsste.«
   Na, vielleicht hätte er mal in das Bücherregal besagter Dame sehen sollen. Sollte sie ihm vielleicht … Nee, doch … Das wäre die Chance. Nach kurzem Zögern ergriff Pauline die Gelegenheit. »Nächte voller Leidenschaft und Chris und die Liebe von Lynn Berger kann ich Ihnen sehr empfehlen.«
   »Kennen Sie die?«
   »Ja. Ich kenne sie in- und auswendig.« Pauline versuchte, ihre Aufregung zu verbergen. Was gar nicht so einfach war, denn das Herz hämmerte in ihrer Brust und ihre Wangen brannten. Sicherlich hatte sie wieder diese hektischen roten Flecke am Hals, wie immer, wenn sie aufgeregt war. Aber das konnte sie nicht ändern. Wann hatte man schon die Gelegenheit, die eigenen Bücher zu empfehlen, ohne dass die Person gegenüber ahnte, vor der Autorin höchstpersönlich zu stehen. Pauline zog beide Romane aus dem Regal und hielt sie ihrem Gegenüber hin.
   Er griff sich die Bücher, warf einen Blick auf die Klappentexte und nickte Pauline zu. »Danke für Ihren Tipp. Ich nehme beide.«
   »Gute Wahl.« Na, wenn das kein erfolgreicher Tag war. Verwundert sah Pauline dem Mann nach, der mit ihren Büchern der Kasse zustrebte. Von dort aus winkte er ihr noch einmal mit einem strahlenden Lächeln zu. Pauline musste ein paar Mal tief durchatmen, bevor ihr Puls wieder in einem normalen Rhythmus pochte. Erst dann war sie in der Lage, sich auf das Bücherangebot vor ihr zu konzentrieren.

Eine halbe Stunde später verließ Pauline, bepackt mit drei Frauenromanen, dem Amrumführer und einem neuen Notizbuch, die Buchhandlung. In das Notizbuch würde sie hoffentlich bald neue Schreibideen eintragen können, denn genau dafür hatte sie es gekauft. Das konnte sie, im Gegensatz zum Laptop, immer und überall bequem bei sich tragen, damit sie ihre Einfälle sofort aufschreiben konnte. So, erst mal einen Cappuccino. Den hatte sie sich redlich verdient. Pauline betrat das nächstgelegene Café und suchte sich einen Platz am Fenster. Von hier aus konnte sie die vorbeiflanierenden Menschen, aber auch diejenigen, die drinnen an den Tischen saßen, hervorragend beobachten und vielleicht gleich das Notizbuch einweihen. Sie kramte in ihrer Tasche nach dem Kugelschreiber und legte ihn sorgsam neben den Bücherstapel auf den Tisch. Sie wartete. Auf eine Idee, darauf, dass ein interessanter Mensch in ihr Blickfeld geriet. Doch es schienen nur unscheinbare Menschen unterwegs zu sein. Die passten einfach nicht in so einen amüsanten Roman, wie ihre Lektorin ihn haben wollte. Oder doch? Wenn doch bloß nicht diese gähnende Leere in ihrem Kopf wäre. Es war zum Verzweifeln. Plötzlich stutzte Pauline. Das war doch … Ja richtig. Der Typ aus der Buchhandlung blieb draußen vor dem Café an einem der Tische stehen und begrüßte einen älteren Herrn. In der Papiertüte mit dem Schriftzug der Norddorfer Buchhandlung, die er in der Hand hielt, befanden sich sicherlich ihre Bücher. Er setzte sich dem anderen Herrn gegenüber, legte die Tüte – vorsichtig bitte! – auf den Stuhl neben sich und winkte der Bedienung zu, die zwei Tische weiter kassierte.
   »Darf’s noch was sein?«
   Pauline hatte gar nicht bemerkt, dass eine Kellnerin an ihren Tisch getreten war. »Noch ’n Cappu, bitte.« Sie wandte ihren Blick wieder nach draußen. Inzwischen schienen die beiden Männer in ein intensives Gespräch versunken zu sein. Zu gern würde sie mithören. Nicht, dass sie neugierig war. Keinesfalls. Aber es interessierte sie brennend, was der Mann, der dem Surferimage alle Ehre machte, zu erzählen hatte. Ob sie sich nach draußen an den frei gewordenen Nachbartisch setzen sollte? Lieber nicht, das wäre vermutlich zu auffällig. Pauline nagte an ihrer Unterlippe. Konnte der ein Kandidat für ihr Manuskript sein? Pauline beobachtete ihn weiter und schlürfte ihren Cappuccino. Schade, dass sie nicht Lippenlesen konnte. Denn die meiste Zeit redete er. Der alte Herr warf nur ab und zu ein paar Worte ein. Warum hatte sie in der Buchhandlung nicht auf seine Augenfarbe geachtet? Zu dumm. Sicherlich waren sie blau – himmelblau! Voll das Surferklischeeblau. Pauline seufzte und zog das rote Notizbuch mit den weißen Punkten zu sich heran. Fast ehrfurchtsvoll öffnete sie es und schrieb in schwungvoller Schrift Amrumroman auf die erste Seite. Darunter Charaktere. Welchen Namen ihm seine Eltern wohl gegeben hatten? Ein ausgefallener, englischer Name würde gut zu seinem Aussehen passen. Sie stützte die Arme auf dem Tisch ab, ihr Kinn in die Hände und versank in ihren Betrachtungen. Auf einmal registrierte sie, dass der Blondschopf seinen Blick in ihre Richtung lenkte und einen Moment verharrte. Ob er bemerkt hatte, dass sie ihn seit geraumer Zeit anstarrte? Rasch beugte sie sich über ihr Notizbuch und tat so, als würde sie etwas aufschreiben. Als sie nach einiger Zeit ihren Kopf hob, war er verschwunden – der alte Herr ebenfalls. Enttäuscht klappte Pauline ihre Kladde zu und rief der Bedienung zu, dass sie zahlen wolle.
   Als sie aus der Tür stürmte, um wenigstens noch einen letzten Zipfel von ihm zu erhaschen, prallte sie voller Wucht gegen die Brust eines Menschen, der eben im Begriff war, das Café zu betreten.
   »Ups, sorry«, murmelte Pauline und rieb sich ihre Nase. Die hatte beim Aufprall am meisten gelitten. Sie blickte auf – in zwei surferklischeeblaue Augen. Hach … leider war ihr Gegenüber nicht der Mann, den sie am liebsten vor sich gehabt hätte. Dieser hier trug ein Kleinkind auf dem Arm, wie sie enttäuscht feststellte. Außerdem hatte er eine Glatze und sah bei Weitem nicht so gut aus.
   »Haben Sie sich wehgetan?«
   »Nö, geht schon.« Pauline drückte sich an dem Mann vorbei und stürmte nach draußen. Sie sah rechts und links die Straße entlang. Nichts. Der Surfertyp war verschwunden. Wäre ja auch zu schön gewesen. Vermutlich würde sie ihm sowieso nie wieder begegnen. Außerdem gab es da diese Frau, für die er die Bücher gekauft hatte, rief sie sich ins Gedächtnis.

»Ist ja krass.« Jule schien beeindruckt, als Pauline von ihrem Besuch in der Buchhandlung erzählte. Die beiden standen in der Küche, wo Jule gerade verschiedene Blumen in eine Vase arrangierte. Sie blickte auf. »Vielleicht sollten wir ein bisschen die Werbetrommel für deine Bücher rühren.«
   »Es wundert mich, dass sie dort meine Romane anbieten.«
   »Das hast du mir zu verdanken. Ich kenne den Inhaber ganz gut. Er war ein Freund von Jan-Erik.« Jules verschmitztes Grinsen verschwand und machte einem traurigen Ausdruck Platz. Noch immer schien sie nicht über Jan-Eriks Tod hinweg zu sein. Pauline legte ihre Hand auf Jules Arm. »Tut mir leid, wenn ich gewusst hätte …«
   »Papperlapapp.« Jule wischte sich mit einer fahrigen Bewegung übers Gesicht und nahm eine rosafarbene Dahlie. »Jedenfalls habe ich ihm vor einiger Zeit deine Bücher empfohlen und gebeten, er möge ein paar Exemplare ordern.«
   »Jule, du bist ein Schatz. Du kurbelst auch noch meinen Buchumsatz an.«
   »Da du’s gerade ansprichst. Wir könnten noch einiges mehr in die Wege leiten.«
   »Was denn?«
   »Willst du nicht mal eine Lesung veranstalten? In der Hochsaison sind bestimmt eine Menge interessierte Frauen auf der Insel.«
   »So was habe ich noch nie gemacht. Ich weiß gar nicht, ob ich das kann.« Bei dem Gedanken, vor Publikum aufzutreten, wurde Pauline ganz mulmig.
   »Mit ein bisschen Übung geht das schon. Soll ich mal meine Kontakte spielen lassen?«
   »Du Jule, sei mir nicht böse. Natürlich bin ich dir sehr dankbar, aber das geht mir viel zu schnell. Ich muss erst mal in Ruhe darüber nachdenken.«
   »Denk dran, dass du nicht ewig hier sein wirst.«
   Pauline nickte nur. »Wann kommen eigentlich neue Gäste?« Sie versuchte, dem Gespräch eine neue Richtung zu geben.
   »Übermorgen. Morgen hast du frei. Das Ehepaar musste heute überstürzt abreisen.«
   »Oh, das ist aber schade. Wie regelst du das eigentlich, wenn so kurzfristige Buchungsänderungen vorkommen?«
   »In dem Fall habe ich ein Auge zugedrückt. Die Herrschaften haben eine Todesnachricht aus der Verwandtschaft bekommen. Ansonsten stelle ich achtzig Prozent des Übernachtungspreises in Rechnung, wenn ich das Zimmer nicht anderweitig vermieten kann.«
   »Kommt das häufiger vor?«
   »Nein, zum Glück nicht. Einige Gäste fangen an zu feilschen und das kann ich überhaupt nicht leiden.« Jule rollte mit den Augen. Sie stellte die Vase mit dem hübschen Strauß auf den Küchentisch. »Hast du Hunger?«
   »Ein bisschen.«
   »Wir könnten in den Ort gehen und uns mal verwöhnen lassen.«
   Pauline stöhnte auf. »Nee. Ich geh keinen Schritt mehr.«
   Jule lachte. »Oh, ich vergaß. Ich mach uns ein paar Schnittchen. In Ordnung?«
   »Klar, ich helfe dir.« Pauline humpelte zum Kühlschrank. Kurze Zeit später ließen es sich die beiden Frauen am Küchentisch schmecken und schmiedeten Pläne für den nächsten Tag.
   »Hast du Lust auf eine Radtour?«, fragte Jule, während sie eine Scheibe Graubrot mit Butter bestrich. »Es soll morgen trocken bleiben, hab ich im Radio gehört.«
   »Mmh«, machte Pauline mit vollem Mund und schluckte. »Das ist eine hervorragende Idee. Hast du ein Rad für mich, oder muss ich mir eins im Ort ausleihen?«
   »Es stehen ein paar im Schuppen neben der Garage. Die können meine Gäste benutzen.«
   »Hervorragend. Ich probiere sie nachher gleich mal aus. Wohin willst du?«
   »Wie wäre es mit einer Tour nach Nebel?« Jule lächelte Pauline an. »Ich weiß doch, dass dir der Ort von allen am besten gefällt.«
   »Stimmt. Ich liebe dieses Flair, und wenn du nicht hier wohnen würdest, würde ich garantiert nur dort Urlaub machen.«
   »Allerdings hättest du es weiter zum Strand.«
   »Ich hätte kein Problem damit, jeden Tag durch das Kiefernwäldchen zum Strand zu radeln. Täte meiner Figur ganz gut.« Pauline lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und legte ihre Hände auf den Bauch. »Hab schon wieder viel zu viel gegessen. Du solltest mich nicht so verwöhnen.«
   »Ich muss doch gut für meine Angestellte sorgen.« Jule zwinkerte Pauline zu.
   »Bisher hatte ich bei dir eher ein laues Arbeitsleben.«
   »Warte ab, das ändert sich sehr bald.«
   »So schlimm wird es schon nicht werden.«
   Das Klingeln des Telefons unterbrach die Freundinnen. Jule erhob sich und eilte ins Büro. Währenddessen räumte Pauline den Tisch ab und spülte auch gleich das Geschirr.
   »Wir kriegen Gäste. Heut Abend noch«, rief Jule vom Flur her. »Sie kommen mit der letzten Fähre an.«
   »Wann ist das?«
   »Um zweiundzwanzig Uhr.« Jule kam in die Küche, nahm ein Geschirrtuch und trocknete die Teile ab, die Pauline eben abgewaschen hatte.
   »So spät? Dann noch die Fahrt hierher. Das heißt für dich ja fast Nachtschicht.«
   Jule zuckte mit den Schultern. »Das Los der Vermieter. Die meisten Urlauber kommen nachmittags an, allerdings sind die Fähren im Sommer schnell ausgebucht. Außerdem wechseln die Ankunftszeiten je nach Tide. Wer sich kurzfristig entscheidet, muss halt nehmen, was übrig bleibt.«
   »Musst du noch was vorbereiten?«
   Jule nickte. »Ich gebe ihnen Zimmer drei, das ist das größte. Es kommt ein Paar mit einem Kleinkind an. Wir müssen ein Kinderbett aufstellen und die Betten beziehen.«
   Gemeinsam bauten sie das Kinderbett auf. Während Jule bunt gemusterte Bettwäsche auf die Bettdecke zog, kümmerte sich Pauline um die Elternbetten.
   »Ich zieh immer erst auf, wenn ich weiß, dass ich Gäste bekomme«, erklärte Jule. »Sonst staubt alles voll, bevor die Betten benutzt werden.«
   »Apropos vollstauben.« Pauline malte ein Smiley auf die Platte des Nachtschranks, das deutlich sichtbar war. »Ich hol einen Lappen und wisch überall noch mal drüber.«
   Nach getaner Arbeit machten sie es sich im Wintergarten gemütlich. Im Hintergrund lief leise Musik. Pauline ließ sich eine Weißweinschorle schmecken und Jule begnügte sich mit einem Mineralwasser. Zum ersten Mal hatte Pauline einen Hauch von Jules Alltag erlebt und erkannte, dass Jule in der Hochsaison wohl eher selten einen geregelten Achtstundenarbeitstag hatte.

Pauline hatte sich bald von Jule verabschiedet und war auf ihr Zimmer gegangen. Mit dem Notizbuch machte sie es sich auf ihrem Bett gemütlich. Sofort schob sich das Bild eines Mannes mit blonden Locken vor ihr inneres Auge. Alles, was Pauline an ihm auffiel, notierte sie. Anschließend führte sie in Gedanken ein Interview mit ihm. Sie staunte, was sie dabei alles über ihn herausbekam. Natürlich notierte sie jede noch so winzige Information. Als Pauline später ihre Aufzeichnungen beiseitelegte und sich unter ihre Bettdecke kuschelte, grübelte sie darüber nach, welche humorvolle Geschichte sie um ihn herum weben sollte. Bei der Überlegung, wie sie die weibliche Hauptrolle besetzen sollte, sah sie sich in Gedanken selbst.

Die neuen Urlauber lernte Pauline am nächsten Morgen kennen. Ein junges Paar, Mitte zwanzig, wie Pauline schätzte. Beide waren an den Augenbrauen und Lippen gepierct und sehr leger gekleidet. Sie wirkten ein bisschen ungepflegt. Irgendwie passten sie gar nicht in eine beschauliche Pension an der Nordsee, Pauline hätte sie eher in einer Jugendherberge oder auf einem Campingplatz vermutet. Aber so kann man sich täuschen. Ihre kleine Tochter saß in einem Hochstuhl, kaute mit Hingabe an einem Stück Brötchen und sah Pauline mit großen dunklen Kulleraugen an. Wirklich goldig, die Kleine.
   Die junge Frau reichte Pauline die Hand. »Das ist unsere kleine Lilli und wir sind Andy und Sarah Busch.«
   »Hallo und herzlich willkommen.«
   »Sie sind kein Gast?«
   »Ich bin eine Freundin des Hauses und helfe im Moment ein wenig aus.« Pauline nickte den jungen Leuten noch einmal zu und machte sich auf den Weg in die Küche. »Morgen Jule!« Ihre Freundin kam ihr im Flur mit einer Karaffe Orangensaft entgegen.
   »Hallo, Pauline. Alles klar? Was macht der Muskelkater?«
   »Alles klar. Der Muskelkater fühlt sich in meinen Beinen recht wohl.« Pauline zwinkerte Jule zu.
   »Na dann.« Jule verschwand kichernd im Frühstücksraum und Pauline betrat die Küche. Dort stand für sie schon alles für ein ausgiebiges Frühstück bereit. Jule war echt ein Schatz, aber es war unangenehm, so verwöhnt zu werden. Sie würden darüber reden müssen.
   Jule kam erst in die Küche zurück, als Pauline fast fertig war mit frühstücken. »Echt süß, die Kleine. Ich könnte sie die ganze Zeit knuddeln.« Sie schenkte sich Kaffee ein und setzte sich zu Pauline an den Tisch. »Ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll.«
   »Nix mit Fahrradtour?«
   »Leider nicht.« Sie zuckte mit den Schultern. »Es kommen heute noch Gäste an. Sie haben kurzfristig über den Reservierungsdienst in Wittdün gebucht. Sorry Süße.« Jule wirkte zerknirscht.
   »Ist doch super. Die Einnahmen kannst du sicher gut gebrauchen.« Pauline biss in ihr Marmeladenbrötchen. »Verschieben wir unseren Ausflug«, murmelte sie mit vollem Mund.
   »Fahr du ruhig. Du hast dich doch bestimmt schon darauf gefreut. Ich komme ein anderes Mal mit.«
   »Okay, aber erst, wenn die Zimmer fertig sind.« Pauline schob den letzten Happen vom Brötchen in den Mund und stand auf. »Ich fang schon mal an. Welches Zimmer soll ich herrichten?«
   »Die Eins. Danke Pauline. Ich komme nach, wenn ich im Frühstücksraum abgeräumt habe.«

4. Kapitel

»Es ist wirklich okay, wenn ich dich allein lasse?«, fragte Pauline zum wiederholten Mal und schwang sich auf eines der Leihfahrrä-
   der, die Jule aus dem Schuppen geschoben hatte. Sie drehte eine Proberunde auf dem Parkplatz und hielt vor Jule an.
   Jule nickte und tätschelte Paulines Arm. »Natürlich. Mach dir einen schönen Tag.«
   Nachdem sie den Sattel tiefer gestellt hatte, hängte sich Pauline ihre Tasche über die Schulter. »Bis nachher. Wenn es brenzlig wird, kannst du mich übers Handy erreichen. Ich komm dann sofort zurück.«
   »Nun fahr schon. Ich komme klar.«
   Nach den ersten Metern drehte sich Pauline noch einmal um und winkte. »Ich bin bald zurück. Versprochen!« Sie atmete tief durch und freute sich darauf, durch die Straßen von Nebel zu spazieren, die Windmühle und die Kirche zu sehen. Später würde sie es sich in einem der Cafés ausruhen. Pauline genoss die Fahrt auf dem Radweg, der am Kiefernwäldchen hinter den Dünen entlangführte, und nach einer Viertelstunde kam sie in Nebel an. Sie radelte über den Strunwai bis zur Windmühle, wo das Heimatmuseum untergebracht war. Sie zückte ihren Fotoapparat und machte ein Erinnerungsfoto. Ins Museum ging sie nicht, es zog sie weiter zum Öömrang Hüs, für sie das interessanteste Gebäude der Insel. Schon bei ihrem ersten Amrumaufenthalt hatte sie gemeinsam mit Jule und Jan-Erik dieses historische Friesenhaus bewundert. Wenn sie sich recht erinnerte, standen Küche und Wohnstube zur Besichtigung offen. Ach ja, da gab es auch noch eine Stube, die früher nur zu besonderen Anlässen benutzt wurde. Die musste sie sich unbedingt noch einmal ansehen. Am Eingang stellte Pauline fest, dass das Haus nur nachmittags geöffnet war. Also würde sie später noch einmal zurückkommen müssen. Sie ließ ihr Rad hier stehen und schloss es ab. Zu Fuß würde sie die besondere Atmosphäre des Ortes mit seinen blumengeschmückten Friesenhäusern viel besser aufnehmen können.
   Pauline fand es noch genauso schön, wie sie es in Erinnerung hatte. Zuerst steuerte sie einen kleinen Laden an, der eine Vielzahl an hübschen Accessoires und allerlei Kleinigkeiten anbot. Stundenlang konnte sie in solchen Geschäften stöbern und schon oft hatte sie ein Heidengeld für schöne, aber eigentlich unnütze Dinge ausgegeben. Tatsächlich musste sie sich auch dieses Mal zusammenreißen, um nicht schon das Geld auszugeben, das sie erst noch bei Jule verdienen musste. Aber bevor sie wieder nach Hause fuhr, würde sie sich hier ein Andenken aussuchen. Vielleicht, nein, ganz bestimmt, würde sie ein Dankeschöngeschenk für Jule kaufen. Bevor sie ihrem Vorsatz untreu wurde, verließ Pauline das Geschäft. Was nun? Zur Kirche und über den alten Friedhof spazieren? Oder sich in eines der gemütlichen Lokale setzen? Noch während sie grübelte, sah sie einige Meter entfernt einen blonden Lockenkopf. War das etwa …? Er war es und er kam in ihre Richtung. Er schien Pauline auch erkannt zu haben, denn seine Miene hellte sich auf, als er näher kam und er lächelte sie an. Paulines Herz pochte plötzlich heftiger. Sollte sie warten, ob er sie ansprach, oder sollte sie ihn ansprechen? Die Entscheidung wurde ihr abgenommen.
   »Hallo. Schön, Sie wiederzusehen.« Er reichte Pauline die Hand.
   Graublau. Seine Augen sind graublau, bemerkte Pauline in dem Augenblick, als sie seine Hand ergriff. »Guten Tag. Schöner Tag heute, nicht? Was machen Sie denn hier?« Ach du Schande, was für einen Blödsinn man manchmal von sich gibt.
   »Vielen Dank noch mal für Ihren Büchertipp. Sie haben mich damit aus einer blöden Situation gerettet.«
   Ach ja, er hatte ja eine Frau. So was Doofes aber auch. Paulines Laune sank. »Ah ja?«
   »Ich hätte vermutlich noch bis Ladenschluss vor dem Regal gestanden und nicht gewusst, was ich kaufen soll. Dank Ihrer Hilfe konnte ich die Bücher noch am gleichen Tag zu meiner Schwester schicken.«
   »Ihre Schwester?«
   »Ja, meine Schwester hat heute Geburtstag und ich brauchte unbedingt ein Geschenk, das ich ohne Weiteres per Post verschicken konnte.«
   Pauline fiel ein Stein vom Herzen und fast wäre sie ihrem Gegenüber vor Freude um den Hals gefallen. Die Bücher waren für seine Schwester, jubelte sie im Innern. Aber halt! Das hieß noch lange nicht, dass er ungebunden war. Das Leben war aber auch kompliziert.
   »Darf ich Sie zum Dank in ein Café einladen?« Er strahlte Pauline an.
   »Ähm, ja, also … ich weiß nicht.« Ihr schoss die Hitze ins Gesicht.
   »Wartet jemand auf Sie? Ihr Mann vielleicht?«
   Pauline schüttelte den Kopf. »Es wartet niemand. Ich bin allein hier.« Allein, weil mich ein Idiot betrogen hat, fügte sie in Gedanken hinzu. Sie gab sich einen Ruck. Warum nicht? Selbst, wenn er eine Frau hatte, konnte sie sich von ihm einladen lassen. Da war doch nichts dabei. »Geht auch ein Eis?«
   Er lachte. »Na klar. Nichts dagegen. Ich bin übrigens Paul.«
   Pauline stutzte, prustete los und lachte, bis ihr die Tränen über die Wangen kullerten. Paul! Das war doch wohl ein Witz.
   Paul starrte sie irritiert an. »Was ist?«
   »Sie … Sie heißen wirklich Paul?«
   »Ja. Was ist so lächerlich daran?«
   »Pauline. Ich heiße Pauline.« Pauline kicherte immer noch.
   »Ernsthaft?« Paul stimmte in ihr Lachen ein. »Wenn das kein Grund ist. Darauf müssen wir anstoßen. Wir könnten da drüben hingehen.« Er zeigte über die Straße auf ein Reetdachhaus mit kleinem Garten davor. Rosencafé stand in schwungvoller Schrift über dem Eingang. Über einem Holzzaun rankten sich rote und gelbe Rosenbüsche. Das sah sehr romantisch aus. »Da gibt es auch leckeres Eis.«
   Das war natürlich ein Grund mehr, auf Pauls Einladung einzugehen, wenn auch nicht der Hauptgrund. Der war nämlich, dass er ihr Herz zum Rasen brachte, wenn er sie so anlächelte.
   Paul fasste unter Paulines Arm und führte sie hinüber in den Rosengarten. Kleine Holztische und Klappstühle mit bunten Sitzkissen luden zum Verweilen ein. Auf jedem Tisch stand eine Vase mit einer roten und einer gelben Rose. Die stammten sicherlich von den Büschen, die den Zaun überwucherten. Sie nahmen am hinteren Tisch Platz.
   »Es ist sehr nett hier.«
   »Ich bin gern hier«, sagte Paul. »Ich mag dieses familiäre Ambiente. Außerdem backen sie den Kuchen selbst.« Mit erhobener Hand winkte er die Bedienung heran.
   »Das ist natürlich ein Grund.« Pauline zog die Eiskarte heran. Sie entschied sich für einen großen Früchtebecher mit Sahne. Paul bestellte einen Pott Kaffee und ein Stück Brombeersahnetorte.
   Er legte seine Arme auf dem Tisch ab und neigte seinen Kopf in Paulines Richtung. »Es freut mich, dass wir uns getroffen haben.«
   Pauline überlegte, ob sie zugeben sollte, dass sie sich ebenso freute. Da trat die Bedienung schon mit dem Eis an ihren Tisch und so nickte Pauline nur.
   »Essen Sie, bevor es schmilzt.« Paul wartete noch auf Kaffee und Kuchen.
   Das ließ sich Pauline nicht zweimal sagen. Es war schon eine gefühlte Ewigkeit her, seit sie am Ankunftstag ein Eis gegessen hatte. Es gab für sie in diesem Moment nichts Schöneres, als hier neben diesem Mann zu sitzen, den sie kaum kannte, und ihr Eis zu genießen.
   Paul bekam seinen Kaffee und ein großes Stück Torte, garniert mit zwei dicken Brombeeren.
   »Sieht sehr lecker aus«, sagte Pauline.
   »Sieht nicht nur so aus.« Er pikste mit der kleinen Gabel in die Spitze der Torte.
   Zu Paulines Erstaunen hielt er ihr den ersten Happen hin. Pauline konnte nicht widerstehen und beugte sich mit leicht geöffnetem Mund dem Leckerbissen entgegen. Sie schloss die Augen, als sie die süße, cremige Masse auf der Zunge spürte. Es kam noch ein wenig die leichte Säure der Brombeere durch. »Mmh … herrlich.«
   »Finde ich auch«, murmelte Paul mit belegter Stimme.
   Pauline öffnete die Augen. Den unergründlichen und leicht irritierten Gesichtsausdruck von Paul vermochte sie nicht wirklich zu deuten. Aber in ihrem Bauch flatterte es plötzlich ganz doll. Was geschah hier gerade? Paul probierte die Torte. Ganz langsam, ohne den Blick von ihr zu wenden, ließ er seine Lippen über die Kuchengabel gleiten. Fast so, als wollte er auskosten, dass Pauline sie zuvor mit ihren Lippen berührt hatte. Diese Version überkam jedenfalls Pauline. Einen winzigen Moment noch blickten sie sich an.
   »Alles in Ordnung?«, fragte in dem Moment die junge Frau, die sie bedient hatte. Einen unpassenderen Augenblick hätte sie nicht erwischen können. Pauline fühlte sich unsanft in die Wirklichkeit zurückgeholt. Paul schien ebenso zu denken, denn er warf der Frau einen verärgerten Blick zu. Pauline lehnte sich zurück und konzentrierte sich wieder auf ihren Eisbecher. Zwischenzeitlich hatte ihre Lieblingsspeise eine leicht flüssige Konsistenz angenommen. Aber egal. Es schmeckte trotzdem. Sie schwiegen, während sie aßen, warfen sich nur ab und an verstohlene Blicke zu. Pauline überlegte fieberhaft, was sie Unverfängliches sagen konnte. Doch blöderweise fiel ihr überhaupt nichts ein.
   »Wir müssen noch auf unsere tollen Namen anstoßen.« Paul holte sie abrupt aus ihren Überlegungen zurück, als er plötzlich mit dem Stuhl zurückrückte und sich erhob. »Ich hol uns rasch was.«
   Pauline blickte ihm nach, bis er im Café verschwand. Sie konnte noch immer nicht fassen, was da eben zwischen ihnen passiert war.
   Kurze Zeit später kam er mit zwei gefüllten Sektgläsern zurück. Eines reichte er ihr, bevor er sich setzte. »Das einzig richtige Getränk zum Anstoßen«, sagte er mit einem Lächeln.
   Pauline warf einen Blick auf die aufsteigenden Perlen im Glas. »Nicht, dass ich nachher vom Fahrrad falle.« Sie blickte auf. Paul hielt ihr sein Glas entgegen. Mit einem leichten Klingen stießen sie an.
   »Auf uns und auf unsere besonderen Vornamen.« Paul zwinkerte. »Ich heiße Paul – und du?«
   Pauline konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. »Hallo, Paul, schön, dich kennenzulernen. Ich bin Pauline.«
   »Hallo, Pauline.« Ehe sich Pauline versah, beugte sich Paul vor und hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen. »Ich freue mich auch«, murmelte er, lehnte er sich zurück, schlug lässig ein Bein über das andere und nahm einen ersten Schluck aus seinem Glas.
   Das Blut kochte in ihren Adern, so kam es Pauline jedenfalls vor. Das Herz hämmerte, als wollte es aus ihrer Brust springen. Die Gefühle, die Paul gerade in ihr auslöste, verwirrten Pauline. Schließlich kannte sie ihn kaum. Eigentlich gar nicht. Obwohl sie ihn schon von der ersten Begegnung an attraktiv gefunden hatte. Nervös drehte sie das Sektglas in ihrer Hand, nahm einen Schluck und drehte es weiter. Sie spürte Pauls Blick, der auf ihr ruhte und der sie völlig durcheinanderbrachte.
   »Bist du schon länger auf der Insel?«, fragte Paul nach einer Weile. »Von hier scheinst du nicht zu stammen.«
   »Wie kommst du darauf?«
   »Du sprichst reines Hochdeutsch.«
   »Ich besuche eine Freundin und bin zum dritten Mal hier. Ganz besonders mag ich Nebel. Hach, diese Reetdachhäuser sind einfach hinreißend. Der Ort hat ein ganz besonderes Flair. Trotz der Touristen. Ich hab nirgendwo einen schöneren Strand gesehen. Ich liebe diese Unendlichkeit, die der Kniepsand ausstrahlt. Außerdem wandere ich gern über die Bohlenwege durch die Dünen.«
   Paul lachte. »Deine Begeisterung für die Insel kann ich dir an der Nasenspitze ansehen. Du solltest in die Werbung gehen oder dich von der Touristeninformation anstellen lassen.« Er beugte sich interessiert vor. »Oder bist du in der Werbebranche?«
   »Ähm, nee.« Stimmte ja auch. Was gewesen ist, zählt nicht mehr.
   »Wie lange wirst du bleiben?«
   Pauline zuckte mit den Schultern. »Das weiß ich noch nicht. Es hängt von gewissen Dingen ab.« Glücklicherweise fragte Paul nicht weiter. Er trank sein Glas leer und Pauline ebenfalls. Sie seufzte leise. »Ich muss dann auch weiter. Meine Freundin wartet sicher schon. Ich habe versprochen, bald zurück zu sein.«
   »Schade. Ich wäre gern noch ein bisschen länger mit dir hier geblieben.« Pauls Gesicht drückte Enttäuschung aus.
   »Vielleicht … vielleicht laufen wir uns noch einmal über den Weg. Ich komme bestimmt bald wieder nach Nebel.« Pauline erhob sich, Paul ebenfalls. »Ich werde hier auf dich warten«, versprach er. »Jeden Tag.«
   Pauline wagte nicht, ihn zu fragen, ob er das ernst meinte. Wenn das Schicksal es wollte, würde es dafür sorgen, dass sie sich wieder über den Weg liefen. Wo auch immer das sein würde. »Vielen Dank für die Einladung, das Eis, den Sekt …«
   »Den Kuss?«
   »Ja. Auch den.« Meine Güte, war der direkt. Ehe sich Pauline versah, zog Paul sie in seine Arme. Der intensive Blick aus seinen graublauen Augen bescherte ihr eine Gänsehaut. Sie entdeckte ein paar winzige grüne Punkte in seiner Iris. Welch ungewöhnliche Kombination. Schon spürte sie Pauls Lippen auf ihren. Die Berührung war kurz und fest, und viel zu schnell vorüber.
   »Für den danke ich dir«, raunte Paul an ihrem Ohr und ließ sie so plötzlich los, dass sie beinahe ins Schwanken geraten wäre. Er wandte sich von ihr ab und winkte die Bedienung heran. »Zahlen bitte«, rief er. Kurze Zeit später hatte er die Rechnung beglichen.
   »Wo steht dein Fahrrad?«, fragte Paul, als sie auf der Straße standen.
   »Gleich in der Nähe. Also dann. Machs gut, Paul.«
   »Machs gut, Pauline. Wir sehen uns.« Er zwinkerte ihr zu. »Ganz bestimmt.« Er schob die Hände in die Taschen seiner Jeans und schlenderte davon. Pauline blickte ihm nachdenklich hinterher. Würden sie sich noch einmal über den Weg laufen? War sein Versprechen, täglich im Café auf sie zu warten, ernst gemeint? Vermutlich nicht. Sie wusste nichts über ihn, außer dass er eine Schwester hatte, die Liebesromane las. Er hatte ihr nicht einmal erzählt, ob und wie lange er auf Urlaub hier war. Vermutlich würde er ihre Begegnung in die Kategorie »flüchtige Urlaubsbekanntschaft« stecken. Was war mit ihr? Worunter würde sie dieses kurze, intensive Intermezzo ablegen? Darüber sollte sie besser mit ein bisschen Abstand – vielleicht am Abend im Bett – nachdenken. Inzwischen war Paul nicht mehr zu sehen. Dummerweise war sie so in Gedanken versunken gewesen, dass sie gar nicht darauf geachtet hatte, wohin er verschwunden war.
   Pauline gab sich einen Ruck und machte sich auf den Weg zum Öömrang Hüs. Die Besichtigung des Hauses ließ sie sausen, ihre Gedanken kreisten immer noch um Paul. Sie schwang sich auf ihren Drahtesel. Für ihren Rückweg nach Norddorf schlug sie einen anderen Weg ein. Erst außerhalb des Ortes bemerkte sie, wo der Weg sie entlangführte. Sie bremste scharf ab, als sie das Areal rechter Hand erkannte, und kam ein wenig ins Schlingern. Rasch stieg sie vom Rad und stellte es an einem Baum ab. Auch wenn sie den ganzen Tag nicht daran gedacht hatte, gab es für sie nur einen Weg. Nach wenigen Minuten hatte sie die gesuchte Stelle gefunden.
   »Hallo, Jan-Erik.« Ein einfaches Holzkreuz nur mit dem Namen und ohne Daten zeigte Besuchern, wer hier begraben war. Auf dem Grab blühten die verschiedensten Blumen, die sicher Jule auf liebevolle Weise gepflanzt hatte. Eine Weile blieb sie stehen und dachte an die wenigen Augenblicke, die sie vor Jahren zu dritt verbracht hatten. So richtig hatte sie Jan-Erik damals nicht kennenlernen können, er war viel beschäftigt gewesen. Nun war es zu spät. Im Stillen versprach Pauline, beim nächsten Besuch einen Blumenstrauß mitzubringen. Sie wandte sich ab und eilte zum Ausgang.
   Während sie zurück nach Norddorf radelte, hatte Pauline wieder Pauls Antlitz vor dem inneren Auge. Sein Lächeln, beim Essen der Torte und wie er sich über sie beugte. Plötzlich riss sie das wilde Hupen eines Autos aus ihren Gedanken. Bremsen quietschten. Erschrocken starrte Pauline auf das schwarze Auto, das kurz vor ihr zum Stehen kam. Der Fahrer fuchtelte wild mit den Armen. Mit klopfendem Herzen stieg sie vom Rad. Mannomann, das war knapp gewesen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie, ohne nach rechts und links zu sehen, auf die Hauptstraße gefahren war. Ihre Knie schlotterten, als sie das Rad auf den gegenüberliegenden Bürgersteig schob.
   »Sind Sie lebensmüde?«, rief der Fahrer aus dem geöffneten Seitenfenster.
   »Entschuldigung! Ich war in Gedanken.«
   »Das habe ich gemerkt. In Zukunft sollten Sie die Augen offen halten!« Kopfschüttelnd fuhr er weiter.
   Das wäre wirklich besser. Pauline atmete tief durch. Sie hatte gerade verdammt viel Glück gehabt.

Als Pauline ihr Fahrrad ausrollen ließ, herrschte vor der Pension reges Treiben. Jule dirigierte gerade einen grünen Kleinwagen in eine enge Parklücke. Ein älterer Herr schleppte zwei Reisetaschen in Richtung Haustür. Aus dem Haus kamen Sarah mit Lilly auf dem Arm und Andy, der einen Buggy schob. Pauline winkte ihnen zu, stieg vom Rad und schob es eilig zum Schuppen. Anschließend gesellte sie sich zu Jule. Die junge Familie spazierte inzwischen die Straße in Richtung Ortskern entlang.
   »Hallo, Jule.«
   »Da bist du ja schon wieder. War’s schön?«
   Pauline nickte. Zu mehr blieb keine Zeit, denn der Herr, der eben die Taschen ins Haus getragen hatte, tauchte neben ihnen auf. »Haben Sie uns das gewünschte Zimmer fertig gemacht?«
   »Natürlich, Herr Krämer.« Jule lächelte ihren Gast an. »Das Gleiche wie im vergangenen Jahr.«
   »Dann ist es ja gut.« Er wandte sich seiner Partnerin zu, die sich eben durch den schmalen Türspalt zwängte. »Trude, pass auf, dass du die Tür nicht ans Nachbarauto rammst. Wieso parkst du ausgerechnet in so einer schmalen Lücke?«
   Trude quittierte die Bemerkungen lediglich mit einem Augenrollen und kam schnellen Schrittes auf Pauline und Jule zu. »Frau Petersen, schön, wieder bei Ihnen zu sein. Sie haben ja keine Ahnung, wie lange ich schon nach der Seeluft lechze.«
   »Herzlich willkommen, Frau Liebig. Hatten Sie eine gute Reise?«
   »Ging so.« Sie beugte sich zu Jule und warf einen raschen Seitenblick auf ihren Partner, der gerade eine Kühltasche aus dem Fond seines Wagens hob. »Seine Kommentare über die Fahrweise anderer Verkehrsteilnehmer gehen mir ziemlich auf den Geist«, raunte sie. »Aber ich kann ihm das einfach nicht abgewöhnen.« Sie streckte sich und zuckte mit den Schultern. »Herbert, komm jetzt! Ich will endlich auf das Zimmer.«
   Pauline sah dem Paar kopfschüttelnd nach. »Ich dachte, die beiden seien ein altes Ehepaar, so, wie sie miteinander reden.«
   Jule lachte. »Ich kenne sie nicht anders. Frau Liebig erzählte mir im vorigen Jahr, dass sie bald Silberhochzeit feiern könnten, wenn sie verheiratet wären. Die beiden sind übrigens schon zum fünften Mal hier. Eigentlich sind sie ganz nett und ich bin froh, Stammgäste zu haben.«
   Jule hakte sich bei Pauline ein und sie folgten dem resoluten Paar ins Haus. »Ich hatte schon die Befürchtung, dass die beiden dir Ärger bereiten könnten.«
   »Glaub ich nicht. Bisher hatten wir ein gutes Verhältnis und sie haben noch nie gemeckert.«
   »Hach, das beruhigt mich. Ich hoffe, dass es so bleibt.«
   »Hast du Durst? Oder lieber ein Eis?«
   Pauline grinste. »Beides.«
   »Dann komm.«
   Nachdem Jule die Neuankömmlinge versorgt hatte, machten es sich die Frauen am Küchentisch gemütlich. Pauline füllte zwei Glasschälchen mit je einer Kugel Vanille- und Walnusseis. »Eigentlich hatte ich schon eins«, gestand sie.
   Jule lachte erneut. »Was dich aber nicht abhält.«
   »Nö. Außerdem bin ich vorhin eingeladen worden. Na ja, eigentlich zu Kaffee und Kuchen. Aber ich hab gefragt, ob es auch ein Eis sein darf.«
   Jule riss die Augen auf. »Im Ernst?«
   Pauline berichtete von ihrer Begegnung mit Paul, wobei sie Jule das Gefühlschaos verschwieg, das Paul in ihr auslöste.
   »Find ich ja nett von ihm. Du hast wohl mächtig Eindruck auf ihn gemacht.«
   »Er wollte sich nur bedanken, weil ich ihm aus der Patsche geholfen habe.«
   »Und? Werdet ihr euch wiedersehen?« Jule knuffte Pauline in die Seite. »Vielleicht findest du hier eine neue Liebe.«
   »Du spinnst wohl. Ich hab den letzten Kerl noch nicht verdaut.« Pauline starrte konzentriert auf ihren Eisbecher. Sie spürte, wie ihre Wangen brannten. Sollte sie Jule gestehen, wie sehr ihr Paul gefiel? Aber was hätte das für einen Sinn? Vermutlich würde sie ihn nie wiedersehen. Egal, sie konnte es nicht für sich behalten. Sie hob den Kopf und sah Jule an. »Ich fand ihn nett. Sehr nett sogar. Außerdem sieht er gut aus.«
   »Aha. Wusste ich es doch.« Jule grinste. »Mir kannst du nichts vormachen. Ich hab es dir an deiner Nasenspitze angesehen. Erzähl, wie er aussieht. Groß, schlank, sportlich …?«
   Ein Klopfen am Küchenfenster unterbrach die Frauen. Pauline sah einen mit einer Schiffermütze bedeckten Kopf hinter der Scheibe.
   Jule erhob sich und ging zum Fenster. »Das ist Herr Sörens. Der meint bestimmt, er müsse mal wieder nach dem Rechten sehen.« Sie öffnete einen Fensterflügel. »Moin, Herr Sörens.«
   »Moin, men Deern.« Der Besucher tippte sich an die Mütze. »Was zu tun? Ich könnte den Rasen mähen.«
   »Es eilt nicht. Wie geht es Ihrer Frau?«
   »Hat noch Schmerzen. Aber rumkommandieren kann se schon wieder.«
   Jule lachte. »Bestellen Sie ihr einen schönen Gruß. Ich komme sie bald besuchen.«
   Erst jetzt schien Herr Sörens Pauline wahrgenommen zu haben. »Besuch?«
   »Kommen Sie rum. Ich stelle Ihnen meine Freundin vor. Ich hab auch ’nen Lütten für Sie.« Jule schloss das Fenster. Aus dem Kühlschrank holte sie eine Flasche mit einer gelbgoldenen Flüssigkeit und stellte sie auf den Tisch.
   Aquavit las Pauline. Brrr, grässlich. So was würde sie nie runterkriegen. Hinter ihr hörte sie eine Tür zuschlagen. Kurz darauf kam ein Mann, sie schätzte ihn auf mindestens siebzig Jahre, in die Küche gepoltert. Pauline stand auf und streckte dem Besucher die Hand entgegen. »Guten Tag. Ich bin Pauline Weber.«
   »Moin. Sörens, Hinrich.« Er tippte sich wieder an seine Mütze.
   »Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Jule erzählte, dass Sie ihr oft helfen.«
   Sörens nickte und schielte an Pauline vorbei in Richtung Jule, die eben einen Aquavit in ein langstieliges Schnapsglas schenkte. Pauline verkniff sich ein Grinsen.
   »Prost, Herr Sörens. Schön, dass Sie vorbeigekommen sind.«
   Sörens griff sich das Glas und setzte es an die Lippen. »Na denn, prost«, murmelte er und ließ die goldgelbe Flüssigkeit in seinen Rachen laufen. Er verzog nicht mal sein Gesicht, wie Pauline staunend feststellte.
   Jule zwinkerte. »Noch einen?«
   »Nee, lass mal, Deern. Erst die Arbeit.« Sörens tippte sich wieder an die Mütze. Das schien eine Marotte von ihm zu sein. Er machte kehrt, nickte Pauline zum Abschied zu und stiefelte aus der Küche.
   »Ist der immer so durstig?«
   »So ’n Lütter muss meistens sein. Das scheint seinen Motor in Gang zu bringen. Der Mann ist ganz in Ordnung.« Jule blickte aus dem Fenster. »Wenn ich ihn nicht gehabt hätte … was ist da schon ein Schnaps?«
   Pauline stellte die beiden Eisschälchen zusammen und ging damit zur Spüle. Unter fließendem Wasser spülte sie das Geschirr sofort ab. »Ich war bei Jan-Erik«, sagte sie und nahm das Geschirrtuch.
   »Danke, dass du daran gedacht hast.« Jule kam näher und drückte Paulines Arm. In ihrem Gesicht spiegelten sich Dankbarkeit und Trauer gleichzeitig.
   »Nächstes Mal nehme ich Blumen mit.«

5. Kapitel

Die erste Woche war um. Obwohl die Pension inzwischen voll belegt war, konnte sich Pauline täglich Zeit für sich nehmen. Die nutzte sie für Spaziergänge, die sie meistens durch die Dünen zum Strand führten. Sie war ein zweites Mal joggen gewesen und hatte sich fest vorgenommen, ihre sportliche Aktivität beizubehalten. Es tat ihr gut und sie war stolz auf ihre Leistung, obwohl sie hinterher total ausgelaugt war.
   Die Arbeit machte ihr Spaß, obwohl sie hauptsächlich aus Putzen und Aufräumen bestand. Wenn nur nicht das schlechte Gewissen ihrer Lektorin gegenüber gewesen wäre. Bislang hatte Pauline vermieden, sich bei Frau Mölder zu melden. Was hätte sie denn sagen können – außer, dass sie immer noch keinen blassen Schimmer hatte, was für eine Geschichte sie schreiben könnte? Trotz der vielen neuen Eindrücke, die sie in den vergangenen Tagen gesammelt hatte, blieb es in ihrem Kopf gähnend leer. Taugte sie nicht mehr zur Autorin? Sollte sie das Schreiben aufgeben? Nein, das würde sie nicht tun. Sicher lag die Flaute nur an den Ereignissen, die so plötzlich auf sie eingestürmt waren. Auch Jules tröstende und aufmunternde Worte konnten den Schalter hinter Paulines Stirn nicht umlegen. Die wenigen Notizen in dem roten Buch mit den weißen Tupfen brachten sie auch nicht weiter. Es war zum Verrücktwerden.
   Vielleicht würde es helfen, einen langen, wirklich langen Marsch über den Kniepsand zu machen. Vielleicht würde der Wind ihre Gehirnwindungen durchpusten.

Nach dem Mittagessen setzte sich Pauline in den Linienbus, der nach Wittdün fuhr. Jule hatte ihr für den Nachmittag freigegeben, weil keine neuen Gäste erwartet wurden. Sie selbst nahm einen Termin bei ihrem Steuerberater wahr und wollte anschließend kurz Frau Sörens besuchen. Für eventuelle Buchungsanfragen nutzte sie eine Anrufweiterleitung auf ihr Handy und hatte vorsichtshalber für die Hausgäste eine Notiz an der Pinnwand im Hausflur hinterlassen.
   Schon nach zehn Minuten Fahrzeit stieg Pauline an der Haltestelle Leuchtturm aus. Rot-weiß gestreift und stolz ragte der Leuchtturm in den Himmel und lockte sie regelrecht an. Mehrere Touristen umrundeten das Amrumer Wahrzeichen oder blickten mit Ferngläsern auf das weite Meer hinaus.
   Der Wind blies stärker und zerrte an Paulines Jacke und an ihren Haaren, je näher sie dem Leuchtturm kam. Bald stand er vor ihr: vierundsechzig Meter hoch, einschließlich der Düne, auf der er stand, und im Jahre 1875 in Betrieb genommen. Das las Pauline auf dem Hinweisschild. Ebenso erfuhr sie, dass man den Leuchtturm nur vormittags besteigen konnte. In puncto Besichtigungen hatte sie wirklich Pech. Sie hielt ihre Hand über die Augen und blickte rechts und links über den endlos erscheinenden Kniepsand. Die See war noch mindestens eineinhalb Kilometer von ihrem Standpunkt entfernt, schätzte sie. Vielleicht sogar mehr. Aber das machte nichts, sie würde trotzdem bis ganz nach vorn an die Brandung wandern und weiter bis nach Wittdün. Von dort aus würde sie den Bus zurück nach Norddorf nehmen.
   Pauline zückte ihren Fotoapparat und knipste den Leuchtturm, die Dünen, den Strand, das ferne Wasser. Einfach alles, was sie von ihrem Aussichtspunkt aus vor die Linse bekam. Schließlich schob sie den Apparat in ihre Umhängetasche zurück und trank einen Schluck Apfelschorle aus der mitgenommenen Flasche. So, es konnte losgehen. Tief atmete sie die herrlich salzhaltige Seeluft ein und zog den Reißverschluss ihrer Windjacke zu. Fröhlich marschierte sie die Dünen hinab. Sie sank fast bis zu den Knöcheln in den Sand ein. Unten, am Fuß der Großdüne, war es relativ windstill, die anderen Dünen umher schützen Pauline. Doch sobald sie den Dünengürtel hinter sich ließ, blies ein heftiger Wind, der den losen Sand vor sich her in Richtung Wittdün trieb. Pauline setzte die Sonnenbrille auf, um ihre Augen vor umherfliegenden Sandkörnern zu schützen. Sie stapfte quer über den Kniepsand in Richtung Meer, wo die Wellen weiße Schaumkronen trugen und mächtig an Land rollten. Sie liebte dieses Bild, es bedeutete für sie so etwas wie Ungestümtheit und Freiheit. Je näher sie dem Wasser kam, umso heftiger zerrte der Wind an ihr. Sie zog die Kapuze über die Ohren, beugte sich nach vorn und kämpfte sich weiter voran. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so stürmisch sein würde. Aber egal, sie würde nicht aufgeben und wandte sich ein bisschen nach links, um auf ihrem Weg zum Wasser schon ein bisschen die Richtung nach Wittdün einzuschlagen. Ab und an bückte sie sich, hob eine Muschel auf und steckte sie in ihre Jackentasche. Sie keuchte vor Anstrengung, als sie endlich vor der stürmischen See stand. Schwer und laut tosend rollten graublaue Wellen an den Strand. Durch die getönten Brillengläser wirkten sie bedrohlich, fand Pauline. Sie schob die Brille auf die Stirn. Immer noch bedrohlich. Nicht nur die Wellen, sondern auch der Himmel. Blauschwarze Wolken hatten sich aufgetürmt. Wegen der Sonnenbrille und ihrer vornübergebeugten Haltung hatte sie das gar nicht bemerkt. Pauline fuhr zusammen, als plötzlich ein Blitz vom Himmel zuckte. Auweia! Sie hätte auf den Wetterbericht achten sollen. Hoffentlich näherte sich das Gewitter nicht so schnell. In welche Richtung wäre sie am schnellsten in Sicherheit? Eindeutig Wittdün. Die Häuserzeile der Promenade konnte sie deutlich erkennen, aber es würde trotzdem noch eine Weile dauern, bis sie den Ort erreichte. Erste Regentropfen fielen. Pauline zurrte die Kapuze enger und begann zu laufen. Sie musste so schnell wie möglich fort vom aufkommenden Gewitter. Wieder blitzte es aus dem blauschwarz verfärbten Wolkenturm. Trotz der lauten Brandung hörte sie den Donner grollen. So schnell sie konnte, rannte sie über den Strand. Doch an manchen Stellen sank sie knöcheltief ein und kam nur schwer vorwärts. Die Häuserzeile schien nicht näher zu kommen. Was sie noch mehr ängstigte, war die Tatsache, dass sie keinen Menschen entdeckte. Sie schien der einzige Mensch weit und breit zu sein, der sich bei diesem Wetter am Strand herumtrieb. Verdammt! Der Regen wurde stärker und peitschte gegen ihren Rücken. Nach einer Weile war die Jeans durchnässt und klebte an ihren Beinen. Die Jacke hielt auch nicht das, was der Verkäufer ihr versprochen hatte und nach kurzer Zeit spürte Pauline die Nässe auf ihrer Haut. Sie zitterte vor Kälte – und vor Angst. Wie lange würde es noch dauern, bis sie ein schützendes Dach erreichte? Noch ein paar Hundert Meter schätzte sie, dann hatte sie es geschafft. Doch ihre Beine waren schwer wie Blei. Den Blick auf den Boden gerichtet stolperte Pauline vorwärts.

Als sie nach einiger Zeit den Kopf hob, sah sie eine Person, die ihr entgegen kam. Noch so ein Wahnsinniger.
   »Sind Sie verrückt geworden, bei dem Wetter am Strand herumzulaufen?«, rief die Gestalt, noch bevor sie Pauline erreichte, gegen den Sturm an.
   »Es kam so plötzlich.« Pauline versuchte zu erklären, froh, einen Menschen getroffen zu haben.
   »Verdammte Touristen. Nichts als Ärger hat man mit denen!«
   Warum musste er derart schimpfen? Pauline konnte von dem Mann außer einer schmalen Nase und einem energischen Kinn nichts erkennen, denn er trug die Kapuze seiner gelben Öljacke tief ins Gesicht gezogen.
   »Kommen Sie! Ich bringe Sie in Sicherheit.« Er griff nach Paulines Hand und zog sie hinter sich her. »Wir müssen uns beeilen.«
   Mühsam versuchte Pauline, mit ihrem Retter Schritt zu halten, was gar nicht so einfach war, denn er war ein ganzes Stück größer als sie. Während sie hinter ihm herstolperte, starrte sie auf seine gelbe Rückseite. Mit so einer Jacke wäre sie sicherlich nicht so durchnässt, schoss ihr durch den Kopf. Aber nein, die hatte sie ja so unmodisch gefunden. Das hatte sie nun davon. Es donnerte wieder und Pauline zuckte zusammen. Hoffentlich waren sie bald in Sicherheit. Endlich hatten sie den Aufgang zur Promenade erreicht.
   »Hier entlang! Ich wohne in der Nähe.« Der Mann zog Pauline die Promenade entlang. Kurz darauf blieb er stehen und zeigte auf ein kleines, geducktes Haus mit großen Panoramafenstern. »Hier ist es. Kommen Sie schnell rein.«

Pauline fiel ein Stein vom Herzen, als sie nach Atem ringend endlich im Trockenen stand. »Danke.« Sie japste und lehnte sich erschöpft gegen die Haustür.
   Ihr Retter schnaubte nur und begutachtete sie von oben bis unten. »Ziehen Sie das besser aus.«
   »Wie bitte?« Pauline starrte ihn entgeistert an.
   »Wollen Sie etwa eine saftige Erkältung riskieren? Ich gebe Ihnen ein paar Sachen von mir. Werden zwar nicht passen, sind aber wenigstens trocken.« Er drehte sich um und verschwand im Nebenzimmer. Auf dem Boden hinterließ er eine nasse Spur, die von der Haustür bis in das Zimmer reichte, in dem er eben verschwunden war.
   Pauline wusste, dass er recht hatte. Sie zitterte vor Kälte und wäre froh, endlich aus dem klatschnassen Zeug herauszukommen. Wenn es bloß nicht so unheimlich wäre, dass er immer noch seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. Hatte er etwas zu verbergen? Pauline hörte eine Schranktür knarren. Zeit, zu verschwinden! Lieber wollte sie in einem anderen Hauseingang Schutz suchen. Vorsichtig drückte sie die Türklinke nach unten und zog die Tür einen Spalt auf. Gerade zuckte ein Blitz vom Himmel, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donnerschlag. Ängstlich ließ Pauline die Tür wieder ins Schloss fallen.
   »Wo wollen Sie denn hin?« In dem Moment hörte sie die Stimme des Hausbewohners hinter sich. Zitternd drehte sich Pauline um und starrte ihr Gegenüber ungläubig an. »Paul? Du?« Erst jetzt, wo er sich seiner triefenden Regenjacke entledigt hatte, erkannte sie ihn. Paul stand mit einem Stapel Kleidung vor ihr und machte ein ziemlich dummes Gesicht. Sie konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, während sie mit eiskalten Fingern versuchte, den Knoten des Kapuzenbandes zu lösen.
   »Pauline! Ich glaub es nicht!« Paul ließ den Stapel Klamotten fallen und war in zwei Schritten bei ihr. »Warte, ich helfe dir.« Kopfschüttelnd löste er den Knoten und schob ihr die Kapuze vom Kopf. »Was machst du nur für Sachen?«, murmelte er und zog sie an sich.
   Pauline war nicht fähig zu antworten. In dem Moment, als Paul sie an sich zog, lösten sich Ängste und Anspannung. Tränen der Erleichterung drängten sich in ihre Augen und sie hatte nicht die Kraft, sie zurückzuhalten. Ein heftiges Schluchzen übermannte sie.
   »Pst, ist schon gut. Ich bin ja hier.« Paul strich ihr beruhigend über den Rücken.
   Es wirkte. Nach einer Weile hatte sie sich so weit beruhigt, dass sie den Kopf heben konnte. »Moment, ich muss mal die Nase putzen.« In den Jackentaschen wühlte sie nach einem Taschentuch. Sie fand zwar ein Papiertuch zwischen den Muscheln, das aber sandig und nass war. Energisch zurrte sie den Reißverschluss ihrer Umhängetasche auf. Die Tasche schien dem Wetter getrotzt zu haben, wie sie erleichtert feststellte. Die Packung Taschentücher war trocken, der Fotoapparat ebenso. Die Tasche landete auf dem Boden, nachdem sich Pauline die Nase geputzt hatte. Die Jacke ließ sie ebenfalls fallen und blickte Paul an. »Danke. Du hast mich gerettet.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste Paul auf den Mund. »Ich hatte fürchterliche Angst«, murmelte sie an seinen Lippen. »Wieso warst du eigentlich am Strand?«
   Paul hob seine Augenbrauen und zog sie Millisekunden später drohend zusammen. Pauline interpretierte seine Mimik als eine Mischung aus Überraschung und Ärger.
   »Es war eine verdammt blöde Idee, heute Nachmittag so einen Ausflug zu unternehmen.« Er schimpfte auch schon los. »Hast du denn keinen Wetterbericht gehört?«
   »Nö.«
   »Das hätte böse enden können. Gewitter an der See sollte man nicht unterschätzen.«
   Pauline wusste, dass Paul recht hatte. Sie atmete tief durch. »Ich weiß. Wenn ich vorher Radio gehört hätte, wäre ich bestimmt nicht aufgebrochen. Aber als ich los bin, schien die Sonne. Ich hatte mich so sehr auf die Strandwanderung gefreut.«
   Pauls Blick wanderte von ihrem Gesicht an ihrem Körper entlang. »Du bist völlig durchnässt«, murmelte er. »Du musst unbedingt aus deinen Sachen raus, und zwar schnell.« Er bückte sich, sammelte die Kleidungsstücke ein und drückte sie ihr in die Hand. Mit dem Kopf wies er den Flur entlang. »Da hinten rechts ist das Bad. Du kannst auch duschen.«
   Als Pauline zögerte, schob Paul sie in Richtung Badezimmer. »Nun mach schon, bevor du dir eine saftige Erkältung holst.«
   Schnell schlüpfte Pauline ins Bad und schloss ab. Sie war so froh, dass Paul sie aufgesammelt hatte. Allerdings hatte er ihr nicht verraten, warum er am Strand gewesen war – wo es doch bei Gewitter angeblich so gefährlich war. Pauline zitterte. Sie fror erbärmlich. In Windeseile zog sie sich die nassen Sachen vom Körper und legte sie auf dem Waschbecken ab. Dabei fiel ihr Blick auf ihr Spiegelbild. Schwarze Spuren von verlaufener Wimperntusche unter ihren Augen und auf den Wangen ließen sie aussehen, als wäre sie einem Horrorfilm entsprungen. So hatte sie vor Paul gestanden. Wie peinlich. Mit dem Handrücken wischte sie sich übers Gesicht, aber es nützte nichts. Da würde nur ordentlich Seife helfen. Sie wandte sich ab und ging unter die Dusche. Minutenlang ließ sie das Wasser, so heiß sie es ertragen konnte, über Kopf und Körper rieseln. Doch warm wurde ihr davon nicht. Vermutlich war die Erkältung schon im Anmarsch. Das hatte sie nun davon.
   Pauline beeilte sich. Nach dem Abtrocknen schlang sie sich ein Handtuch um die nassen Haare. Der Jogginganzug, den ihr Paul in die Hand gedrückt hatte, war viel zu groß. Die Ärmel musste sie umkrempeln und den Gürtel aus ihrer Jeans um den Hosenbund binden, damit ihr die Hose nicht über den Hintern rutschte. Aber die Sachen waren warm und vor allen Dingen trocken. Die nassen Teile legte sie zusammen. Vielleicht hatte Paul eine Plastiktüte übrig. Als sie aus dem Bad trat, kam Paul gerade mit zwei dampfenden Tassen aus einem der vorderen Zimmer.
   »Komm ins Wohnzimmer. Ich hab uns einen Tee aufgebrüht.« Er hielt ihr eine Tasse entgegen.
   Dankend nahm ihm Pauline die Tasse aus der Hand. Eine heiße Wolke aus undefinierbaren Gerüchen stieg ihr in die Nase. »Was ist das für ein Tee?«
   »Geheimrezept meiner Großmutter. Keine Ahnung, was da alles drin ist. Sehr gesund.«
   Schmeckte vermutlich grässlich. Sie folgte Paul in einen Raum, der von einer riesigen Fensterfront dominiert wurde. An den Seitenwänden rechts und links des Fensters standen Regale, vollgestopft mit Büchern. Paul schien ein Bücherfreund zu sein. Das gefiel ihr. Eine Sitzecke aus grobem, schwarz-weiß meliertem Stoff lud zum Verweilen ein. Vor der Fensterfront stand ein altmodischer blaurot karierter Ohrensessel. Er passte so gar nicht zur übrigen Einrichtung, war aber dennoch ein schöner Platz zum Lesen oder Faulenzen. Auf dem kleinen dunklen Tisch mit geschnörkelten Beinen lag ein Fernglas.
   »Trink, bevor der Tee kalt wird. Dann schmeckt er nämlich nicht mehr.« Paul holte sie aus ihren Betrachtungen in die Gegenwart zurück.
   Vorsichtig trank Pauline einen Schluck. Gar nicht mal übel. Sie staunte und nahm noch einen Schluck. Im Nu war die Tasse leer und Pauline stellte sie auf dem Tisch ab.
   »Geht es dir besser?«
   »Danke, es geht schon wieder. Allerdings ist mir immer noch kalt.«
   »Das können wir ändern.« Paul beugte sich über die Lehne des Sofas und beförderte eine kuschlig aussehende Decke zutage. Die legte er Pauline über die Schultern. »Wird gleich besser.«
   Pauline hielt die Decke vor ihrem Brustkorb zusammen. Pauls Fürsorge rührte sie. »Danke.«
   »Setz dich doch, ich hole noch einen Tee.« Er wies lächelnd in Richtung Couch, nahm Paulines Tasse und schlenderte aus dem Zimmer.
   Pauline entschied sich für den Sessel am Fenster. Immer noch regnete es stark und ab und an zuckten Blitze aus dunkelgrauen Wolken, worauf bedrohliches Donnergrollen folgte. Aber hier bei Paul fühlte sie sich sicher und geborgen. Von ihrem gemütlichen Platz am Fenster aus konnte sie das Geschehen am Himmel beobachten, ohne sich fürchten zu müssen.
   Paul stutzte, als er zurückkam. Dann glitt ein Lächeln über sein Gesicht. »Du hast dir meinen Lieblingsplatz ausgesucht.«
   Rasch sprang Pauline auf. »Oh, das wusste ich nicht.«
   »Ist in Ordnung, bleib sitzen. Hauptsache, du hast es bequem.« Er stellte Paulines Teetasse auf den kleinen Beistelltisch und blieb neben dem Sessel stehen. »Ich sehe oft hinaus aufs Meer«, gestand er. »Dabei habe ich dich, beziehungsweise eine verrückte Person, die sich am Strand herumtrieb, durchs Fernglas entdeckt. Diese Unvernunft hat mich wütend gemacht, aber ich musste einfach helfen. Schließlich konnte ich nicht zusehen und abwarten, ob es diesem Menschen gelingen würde, heil in den Ort zu kommen.« Schon wieder umwölkte sich Pauls Stirn, schon wieder schien er sich über ihre Unvernunft zu ärgern.
   »Ich hab dir schon erklärt …« Sie brach ab. »Entschuldige«, murmelte sie. »Ich wollte niemanden, besonders nicht dich, diesem Wetter aussetzen.«
   »Ist ja nichts passiert.« Seine Gesichtszüge glätteten sich. »Außerdem war es eine gelungene Überraschung, als du unter der Kapuze hervorkamst.«
   »Wirklich?«
   »Mmh.«
   Pauline konnte Pauls Blick nicht deuten, aber ihr Herz raste plötzlich. Sie war ebenso überrascht gewesen, als er vor ihr gestanden hatte. Das war Schicksal. Eindeutig. Fast wie in einem Liebesroman … ähm … diese Szene musste sie sich merken. Unbedingt. Paul sah sie immer noch so komisch an. Wenn sie doch bloß hinter seine Stirn blicken könnte. Seine Gedanken lesen. Er beugte sich zu ihr herab und stützte sich auf den Sessellehnen ab. Himmel, seine graublauen Augen konnten einen ganz schön aus der Fassung bringen. Sie nagte an ihrer Unterlippe. Würde er sie küssen?
   »Du hast mich versetzt«, murmelte Paul. »Ich habe jeden Tag im Rosencafé auf dich gewartet.«
   »Wirklich?« Pauline konnte es nicht fassen. »Ähm, ich dachte, das sei nur so dahingesagt gewesen.«
   »Ich sage niemals etwas nur so dahin.«
   Pauls Augen verdunkelten sich. War er verärgert? Mehrmals hatte Pauline in den vergangenen Tagen überlegt, ob sie auf gut Glück nach Nebel fahren sollte. Doch die Blöße, stundenlang vergeblich im Café auf ihn zu warten, hatte sie sich nicht geben wollen. »Wenn ich das geahnt hätte …«
   »Halt den Mund«, flüsterte Paul. Mit dem Zeigefinger hob er ihr Kinn an. Erwartungsvoll schloss Pauline die Augen. Schon spürte sie seine Lippen auf ihren. Sie schmeckten nach Kräutertee und ein bisschen auch nach Meer. Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken, er zog sie vom Sessel und zu sich heran. Er hielt sie fest an seinen Brustkorb gedrückt. Sein Kuss wurde fordernder, seine Zungenspitze begehrte Einlass, glitt über ihre Lippen, über ihre Zahnreihe, und tänzelte schließlich mit ihrer um die Wette. Seine Hände glitten über ihren Rücken und eine wohlige Wärme erfüllte Pauline. Staunend registrierte sie seinen heftigen Herzschlag. Dann konnte Pauline nicht mehr denken. Die Gefühle, die Paul in ihr auslöste, zogen sie vollkommen in den Bann.

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